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Wanderer zwischen drei Ewigkeiten

TERRA - Utopische Romane


Band 137

von CLARK DALTON


3 TERRA
Wanderer zwischen drei Ewigkeiten 4

I. Teil schon hundert Raumsprünge liegen hinter mir, aber


noch niemals war ich so skeptisch wie dieses Mal.
Das Raumschiff stand kurz vor der letzten Transiti- Woran mag das liegen?“
on. Günter winkte ab.
Wie immer erfüllten in solchen Augenblicken span- „Purer Aberglaube, Captain, mehr nicht. Wir haben
nende Erwartung und verhaltene Erregung die Mann- eine lange Reise hinter uns und statteten den einzel-
schaft, denn es gab keine hundertprozentige Garantie nen Stützpunkten der Raumflotte einen Besuch ab. Sie
für das Gelingen eines Raumsprunges. Oft schon war kamen mit vielen Menschen zusammen und alle wa-
eins der interstellaren Schiffe auf die. Reise gegan- ren froh, wieder mal ein neues Gesicht zu sehen. Es
gen und niemals zurückgekehrt. Natürlich, allzu häu- wurde viel erzählt, und man erwähnte immer wieder
fig kam das nicht vor, aber es passierte eben doch. das Thema, das Sie nun so beunruhigt. In alten Zeiten
Kommandant Maxwell verbarg seine Nervosität verschwanden auch die Segelschiffe, die die Ozeane
nicht. der Erde überquerten, und niemals wieder hörte man
„Was meinen Sie, Günter, ob es klappen wird?“ von ihnen. Wurde deshalb die Seefahrt aufgegeben?
Der Erste Offizier der FORTUNA, ein noch junger Na also, es konnte eben jedem passieren. Und genau-
Mann mit glattem, dunklem Haar, zuckte die Achseln. so ist es heute mit den Raumschiffen. Lediglich wis-
sen wir, daß diese Schiffe während des Raumsprunges
„Warum nicht, Captain? Bisher hat die FORTUNA
verschwanden. Und genauso gut wissen wir auch, daß
alle Raumsprünge ausgezeichnet durchgeführt, und
200 Lichtjahre eine verdammte Strecke sind, wenn
die Anlage versagte nicht ein einziges Mal. Ich wüß-
man auf ihr ein Schiff suchen wollte. Vielleicht versagt
te nicht, warum es ausgerechnet diesmal, wo die Erde
der Antrieb während des Sprunges, und dann hängt
direkt vor uns liegt, nicht klappen sollte.“
man wohl irgendwo in der Mitte und kriecht mit ein-
Der Kommandant sah ihn schräg von der Seite an, facher Lichtgeschwindigkeit seinem Ziel zu, das man
als wolle er sich davon überzeugen, daß Günter auch nie erreichen kann. In einem solchen Fall würde dann
das sagte, was er wirklich glaubte. auch wohl die Zeitdilatation wirksam, die beim ein-
„Nun, das dürfte ein wenig übertrieben sein. Im- fachen Sprung neutralisiert wird. Na, nun rechnen Sie
merhin beträgt die Entfernung bis zum Sonnensystem sich einmal selbst aus, wann und wo ein solches Schiff
noch genau 150 Lichtjahre. Man hätte Sie vor noch wohl auftauchen soll. Ich glaube fast, in der Hölle.”
hundert Jahren gelyncht, wenn Sie das als einen Kat- Das war eine lange Rede für Günter. Er machte ei-
zensprung bezeichnet hätten.“ ne unbestimmte Geste mit der Hand und setzte sieh
Günter grinste schwach. erschöpft in einen Sessel, die dicht vor der gewalti-
„So ändern sich die Zeiten — Gott sei Dank! Heu- gen Sichtkuppel standen. Mit interessierten Blicken
te sind wir in der glücklichen Lage, innerhalb weniger betrachtete er die fremdartigen Sternkonstellationen,
Sekunden Strecken von 200 Lichtjahren zurückzule- die in keiner Weise an das erinnerten, was er von der
gen. Anders scheint es unvorstellbar.“ Erde her gewohnt war.
Maxwell grinste zurück. Maxwell seufzte.
Wenn diese Sprünge eben gut verlaufen. Aber „Ich sehe, auch Sie haben sich bereits Gedanken
manchmal mache ich mir doch Gedanken darüber, was darüber gemacht. Obwohl ich der Oberzeugung bin,
wohl mit den Schiffen geschehen ist, die während ei- den Zeitpunkt für ein derartiges Gespräch schlecht ge-
nes solchen Sprunges abhanden kamen. Sie sind ein- wählt zu haben, komme ich nicht davon los. Sie mei-
fach verschollen und tauchen niemals wieder auf. Das nen also, die verschwundenen Schiffe befänden sich
scheint mir eins der großen Geheimnisse unserer Zeit überall im All und flögen nun mit der einfachen Licht-
zu sein. Man sollte versuchen, es zu lösen.“ geschwindigkeit, der Höchstgeschwindigkeit im ein-
„Danke, ich verzichte!“ wehrte Günter entsetzt ab, fachen Raum, auf die Erde zu? Nun, dann sind sie so
als habe man ihm den Vorschlag gemacht, sich als gut wie verloren.“
Versuchskaninchen zur Verfügung zu stellen. „Viel- Günter riß sich von dem Anblick des Weltalls los.
leicht kehrt eins der verschollenen Schiffe einmal zu- Ein wenig geistesabwesend begegnete er dem Blick
rück und die Mannschaft berichtet, wo sie inzwischen des Kommandanten.
gewesen ist. Dann wüßten wir Bescheid.“ „Das sind sie allerdings! Wenigstens bei diesen Ent-
Der Kommandant des irdischen Überwachungs- fernungen. Sicher, sie werden die Erde vielleicht er-
kreuzers warf einen schnellen Blick auf die selbst- reichen, aber nicht mehr die gleiche Erde, die sie ver-
leuchtende Instrumententafel, die eine ganze Wand ließen. Wenn uns z. B. ein solches Malheur passieren
der Zentrale ausfüllte. Scheinbar beruhigte ihn das Er- würde, 150 Lichtjahre von der Erde entfernt, würden
gebnis seiner Kontrolle ungemein, denn er wandte sich wir diese in einem oder zwei Jahren erreichen. Aber
aufatmend wieder an seinen Ersten Offizier. inzwischen wären fast 150 Jahre vergangen. Was mei-
„Wir haben noch einige Minuten Zeit, Günter. nen Sie, was meine Braut dazu sagen würde?“
Wirklich, ich begreife mich selbst nicht. Mindestens Maxwell ging nicht weiter auf diese Bemerkung
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ein, da er weder eine Braut besaß noch verheiratet war. Maxwell überzeugte sich, daß keines der Bordnach-
Ihn interessierte etwas ganz anderes. richtengeräte eingeschaltet war, ehe er nickte.
„Das käme einer Zeitreise gleich, mein lieber Gün- „In gewissem Sinne schon“, gab er zu. „Aber unter
ter, einer Reise in die Zukunft. Nur schade, daß man einer richtigen Zeitreise verstehe ich etwas ganz ande-
dann niemals mehr zurückkehren kann.“ res. So wie man es in den Videobüchern erleben kann
Zu seiner Überraschung faltete Günter seine Hände und...“
zusammen und betrachtete ihn forschend, während er „Wird eines Tages möglich sein“, fiel der Erste Of-
langsam sagte: fizier ein und warf einen besorgten Blick auf die Uhr.
„Ich möchte nicht behaupten, daß eine solche Rück- „Es wird Zeit, die Mannschaft auf den Sprung vorzu-
kehr völlig ausgeschlossen ist. Wenn das eine möglich bereiten, Captain.“
ist, muß das andere es auch sein. Die einzige Frage
scheint mir: wie ist sie möglich...?“ *
„In dem Augenblick, da Raumfahrt in Zeitreise
übergeht, mache ich nicht mehr mit. Das ist ja gera- Der Zeiger erreichte die errechnete Sekunde, und
dezu utopisch!“ durch das Schiff ging so etwas wie ein leichter Ruck.
Günter lächelte fein. Draußen verschwanden programmgemäß die Sterne,
„Das behauptete man vor gut hundert [Jahren auch und es wurde lichtlos. Es gab keine Worte, diese voll-
noch von der Raumfahrt an sich, Captain“, erinnerte kommene Abwesenheit jeglichen Lichtes zu beschrei-
er sanft. Aber der Kommandant wehrte wütend ab: ben, denn ,dunkel’ heißt noch lange nicht ohne Licht.
„Raumfahrt ist etwas vollkommen Selbstverständli- Die absolute Schwärze dauerte nur wenige Augen-
ches, und jedes Kind weiß heute, wie so etwas funk- blicke, dann wurde es wieder hell. Und zwar so hell,
tioniert! Aber Zeitreise? Na, daran kann ich nichts daß Maxwell und Günter geblendet die Augen schlie-
Selbstverständliches finden — beim besten Willen ßen mußten.
nicht!“ Natürlich war es nur der Kontrast, der den normalen
„Das liegt weniger an der Zeitreise, als an Ihrer gan- Weltenraum so strahlend erscheinen ließ. In Wirklich-
zen Einstellung, Captain. Auch das ist eben relativ. Als keit war es nicht viel heller als zuvor, als sie sich noch
man mit Holzkarren durch Dörfer und über Lehmstra- 150 Lichtjahre entfernt in einem anderen Teil der Ga-
ßen rumpelte, schien so etwas wie ein Auto mehr als laxis befanden.
eine utopische Vision. Dann gab es das Auto und es Doch, ein wenig heller war es schon.
wurde zur Selbstverständlichkeit. Mit der Erfindung
Denn dicht vor dem Schiff stand ein großer, heller
der atomaren Speicherbatterie verschwand sogar der
Stern. Seine Färbung und die automatisch hergestell-
flüssige Treibstoff, und das Benzinauto wurde muse-
te Spektrodefinition bezeichneten das Gestirn als die
umsreif. Zu dieser Zeit starteten bereits die ersten Ra-
heimatliche Sonne.
keten zu den Planeten, und schon wurde der utopische
Traum der Raumfahrt selbstverständlich. Lieber Him- Maxwell stieß einen Seufzer aus und sagte in das
mel, warum sollte es nicht die Zeitreise auch einmal Mikrofon:
werden, wo sie doch schon halbe Wirklichkeit ist?“ „Transition beendet. Der normale Dienst wird wie-
Maxwell ging um den Sessel herum und ließ sich der aufgenommen. Wir verlangsamen die Flugge-
hineinfallen. schwindigkeit ab sofort ständig. Vorbereiten zur Lan-
„So, ist sie das?“ machte er müde. „Nicht, daß ich dung.“
wüßte!“ Mit einem schnellen Griff schaltete er die Bord-
Günters Gesichtsausdruck wurde dozierend. sprechanlage ab. Die Bildschirme waren nicht in An-
„Haben Sie die erste Expedition zum Alpha Cen- spruch genommen worden. Mit einem schwachen Lä-
tauri vergessen, lieber Maxwell?“ fragte er strafend. cheln wandte er sich an Günter.
„Die Terra flog mit annähernder Lichtgeschwindig- „Na, sehen Sie? Man soll doch nichts auf Gefühle
keit, damals eine Sensation. Nach zwölf Jahren kehrte geben, sondern sich auf nüchterne Tatsachen verlas-
sie wieder zurück. Und es war genau eingetroffen, was sen. Ich muß ehrlich zugeben, dieses eine Mal wirk-
die Wissenschaftler prophezeit hatten: Laut Borduhr lich Angst gehabt zu haben. Gott sei Dank war diese
war die Terra genau 6 Jahre und zwei Monate unter- Angst unbegründet.“
wegs gewesen.“ Günter blieb im Sessel sitzen, löste sich aber aus
Maxwell rutschte unruhig hin und her. seiner verkrampften Haltung. Mit neugierigen Blicken
„Na und?“ machte er knurrig. „Was hat denn das studierte er die noch weit entfernte Sonne, die jedoch
mit einer Zeitreise zu tun?“ als Stern bereits ziemlich nahe stand. ,Schon wieder
„Das ist doch einfach, Captain. Die Leute sind prak- relativ’, dachte er und lächelte zufrieden. Was eigent-
tisch sechs Jahre in der Zukunft gereist, denn sie leb- lich war nicht relativ?
ten sechs Jahre in deren zwölf. Sehen Sie das nicht „Zu unserem Glück war sie es“, entgegnete er auf
ein?“ Maxwells Bemerkung. „Aber wenn ich ehrlich sein
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muß, so kann ich mich auch jetzt noch nicht eines Günter grinste vor sich hin. Er konnte sich das
merkwürdigen Gefühls erwehren. Ich meine immer erlauben, denn er befand sich außer Reichweite des
noch, es stünden uns Schwierigkeiten bevor. Dabei ha- Fernsehauges, das die Zentrale in geringem Umfang
ben wir unser Ziel, wie beabsichtigt, erreicht.“ in den Maschinenraum projizierte. Ausgerechnet das
Maxwell stand auf und machte einige Schritte in der mußte der Kommandant sagen, der sich seit Stunden
Zentrale hin und her, dabei prüfende Blicke auf die In- mit seinen Gefühlen auseinandersetzte.
strumente werfend. „Sie haben recht“, gab Grudat jetzt zu. „Aber es ist
„Sie reden Unsinn, Günter, völligen Unsinn! Was ja nicht nur das Gefühl, das bei meiner Feststellung
kann denn nun noch schief gehen? Aber wenn ich ehr- eine Rolle spielt. Als die Transition im Gange war,
lich sein soll...“, er sah sich forschend um, als erwäge passierte nichts. Aber als wir materialisierten, schloß
er einen unsichtbaren Lauscher, „... so muß ich zuge- der Generator kurz. Das habe ich niemals zuvor erlebt.
ben, nicht vollkommen beruhigt zu sein. Aber natür- Außerdem noch etwas: für eine Sekunde ungefähr floß
lich“, wiederholte er dann entschlossen, „ist es Un- der Strom in umgekehrter Richtung.“
sinn, sich jetzt noch unnötige Gedanken zu machen. Maxwell warf Günter einen hilfesuchenden Blick
Wir sind am Ziel und damit basta!“ zu.
„Was soll denn das nun wieder heißen?“
Er trat wieder zur Bordanlage und schaltete die Ver-
erkundigte er sich streng dienstlich. „Der Strom floß
bindung ein. Es dauerte einige Sekunden, ehe einer
rückwärts...?“
der Schirme aufleuchtete und ein Gesicht darauf er-
schien. Es besaß harte und markante Züge, in denen Grudats sonst so energisches Gesicht war nicht wie-
Unnachgiebigkeit und Entschlossenheit zu lesen war, derzuerkennen.
aber auch Pflichtbewußtsein und Aufrichtigkeit. Was „Nun, er floß umgekehrt — wenigstens registrier-
immer dieser Mann auch sagte, es würde die Wahrheit ten es die Skalen. Aber ehe ich es begreifen konnte,
sein, die nackte und schonungslose Wahrheit. war alles wieder normal. Ich frage mich nur, wie das
geschehen konnte.“
Maxwell nickte leicht.
„Hat es noch jemand außer Ihnen bemerkt?“
„Alles gut überstanden, Grudat?“ „Nein, denn ich bin der einzige hier unten, der sei-
„Keine Klagen, Captain“, gab der Mann zurück, der nen Sessel direkt neben den Antriebsaggregaten hat.
für Antrieb und indirekt damit für die Navigation ver- Niemand sonst kann die Instrumente während der
antwortlich war. „Die Bremsstrahler traten bereits in Transition beobachten.“
Tätigkeit.“ „Dann ist es gut“, sagte Maxwell erleichtert und er-
„Gut, dann sorgen Sie dafür, daß wir in zwei Ta- öffnete ihm überraschenderweise: „Sagen Sie keinem
gen die Nullgeschwindigkeit erreichen, solange näm- Menschen etwas von diesem Unsinn, Grudat! Man
lich dauert es bei der Verlangsamung, bis wir in das hält Sie für verrückt.“
System eingedrungen sind. Noch Fragen?“ Grudat nickte verdutzt, ehe sein Bild vom Schirm
Grudat zögerte. verschwand.
Maxwell bemerkte es und fragte: Die Neutralisatoren schluckten den ungeheuren An-
druck, der bei der negativen Beschleunigung des Ab-
„Nun, was ist? Reden Sie schon, Mann!“
bremsens entstand. Deutlich machten sich die umge-
Wie gesagt, Grudat war ein ehrlicher Mensch. Nie- kehrten Effekte wie zu Beginn ihrer Reise bemerkbar.
mals hätte er eine Lüge aussprechen können. Die Sonne stand nicht in Zielrichtung, sondern ein
„Ich meine, die Transition sei nicht ganz ord- wenig rechts daneben, weil die FORTUNA beabsich-
nungsgemäß verlaufen, Captain. Eine Unregelmäßig- tigte, in Form einer Spirale in das System einzudrin-
keit machte sich bemerkbar. Wenn ich ehrlich sein gen. Aber sie war nicht gelb, wie sie es bei geringe-
soll, so wundere ich mich, daß wir überhaupt anlang- rer Geschwindigkeit des Schiffes gewesen wäre, son-
ten.“ dern dunkelviolett. Der fixive Zielstern hingegen blieb
Maxwell wurde um eine Nuance blasser als ge- vorerst unsichtbar, denn seine Lichtwellen überstie-
wöhnlich. gen das Aufnahmevermögen des menschlichen Auges.
„Was wollen Sie damit sagen, Grudat? Schließlich Dadurch entstand ein schwarzer Fleck in Bugrichtung,
stehen wir zwei Tage vor dem Sonnensystem. Was soll genau abgezirkelt und allmählich kleiner werdend, je
da nicht planmäßig verlaufen sein?“ schneller die Geschwindigkeit der FORTUNA absank.
Bei absoluter Lichtgeschwindigkeit wurde das Univer-
Grudat suchte sichtlich nach einer Antwort. Ein we- sum dunkel.
nig verlegen gab er schließlich zu:
Fast sichtbar begann nun auch die Sonne die Far-
„Ich weiß es selbst nicht, aber irgendein Gefühl be zu verändern. In diesem Blickwinkel würde sie erst
warnte mich...“ bei einer bestimmten Schiffsgeschwindigkeit ihre na-
„Nun fangen Sie auch noch mit Gefühlen an!“ riß türliche Farbausstrahlung zurückerhalten. Dieser Ef-
Maxwell der Geduldsfaden. „Ein vernünftiger Mensch fekt diente zur genauen Messung der absoluten Eigen-
sollte überhaupt nichts auf Gefühle geben!“ bewegung von Raumschiffen.
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Günter begab sich in den Gravitationslift und ließ Sonnenlichts blieben Kontinente und Meere trotz der
sich zur Kanzel des Observatoriums bringen. Hier ziemlichen Vergrößerung unsichtbar.
herrschte nur ein einziger Mann: Hendra, der Astro- „Die Erde“, bestätigte Hendra nun auch, „daran be-
nom. steht kein Zweifel. Beim Barte meiner Großmutter, sie
Der Wissenschaftler mochte etwa 40 Jahre alt sein, ist in den letzten Minuten sichtlich größer geworden.
besaß einen Kranz grauer Haare und dazu die we- Hoffentlich bremsen die Kameraden vom Maschinen-
nig passende Angewohnheit, immer wieder neue Flü- raum rechtzeitig ab.“
che zu erfinden. Niemand nahm ihm das übel, denn Günter mußte lächeln.
im Grunde seines Herzens blieb Hendra immer der
„Keine Sorge, Hendra, die Notbremsen wurden
freundliche, stets hilfsbereite Kamerad, ob Vorgesetz-
schon gezogen. Aber immerhin erfreuen wir uns noch
ter oder nicht.
mehr als der halben Lichtgeschwindigkeit. — Sagen
Auch jetzt sah er lächelnd auf, als Günter die Kup- Sie, was ist das für ein Stern dicht neben der Erde?“
pel betrat.
Hendra sah einen Augenblick zu Günter hinüber,
„Nanu, was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches, ehe er sich näher gegen den Bildschirm beugte und
Günter?“ versuchte, das vom Ersten Offizier programmwidrig
Der Erste Offizier ließ die Tür zugleiten. entdeckte Objekt zu finden. Da die Projektion nicht so
„Ich möchte mich mal ein wenig umsehen — wenn deutlich war, dauerte es zehn Sekunden, bis er es fand.
Sie gestatten“, erklärte er freundlich, ohne seine wah- Die Reaktion darauf konnte nur als überraschend
ren Absichten zu verraten, die ihm im Grunde genom- bezeichnet werden. Zuerst kamen einige unbeschreib-
men selbst noch unklar waren. „Die Geschwindigkeit liche Flüche, dann unverständliches Gemurmel und
sinkt, und es lassen sich vielleicht interessante Beob- das kurze Aufsummen des Elektronenrechners, und
achtungen anstellen.“ schließlich sagte er verdutzt:
„Die Geschwindigkeit hätte wenig damit zu tun“, „Das ist doch wohl nicht möglich!“
bemerkte Hendra sachlich. „Wie Sie wissen, benutze
Günter sah ein, daß so keine Auskunft zu erlangen
ich Transformationsfilter, die mir auch bei Lichtge-
war.
schwindigkeit ein ungestörtes Beobachten gestatten.
Ich darf also annehmen, daß Sie nur deswegen jetzt „Nun erklären Sie mir, bitte, einmal der Reihe nach,
zu mir kommen, weil Sie nach Abschluß der letzten was Sie feststellten, Hendra. Und was soll nicht mög-
Transition dienstfrei sind.“ lich sein?“
„Logisch durchdacht“, lobte Günter grinsend, um Der aufgeregte Wissenschaftler eilte auf Günter zu
sogleich wieder ernst zu werden. „Haben Sie etwas und zog ihn resolut aus seinem Beobachtungssitz, um
Außergewöhnliches nach der Transition bemerkt?“ sich selbst darin niederzulassen. Auf den Protest des
Hendra stutzte. Ersten Offiziers hin winkte er nur ungeduldig ab und
„Bei allen Venusfröschen — wie meinen Sie das?“ meinte:
„Ist die Erde bereits sichtbar und gestatten Sie mir „Seien Sie ruhig, Sie neunmal geschwänzter Was-
einen Blick durch das Spezialteleskop?“ serfall! Warten Sie doch ab! Ehe ich nicht sicher bin,
kann ich doch nichts sagen. Wenn sich meine Vermu-
„Warum nicht, zum Hyperspace! Wenn es Ihnen
tung bestätigt, haben wir eine verdammt harte Nuß zu
Freude macht. Die Erde ist schon recht deutlich zu er-
knacken — falls sie sich knacken läßt.“
kennen, wenn auch nur als halbe Scheibe. Wir nähern
uns ja vertikal dem System.“ Günter zog sich kopfschüttelnd bis zu dem Bild-
Günter zögerte nun nicht mehr. Geschickt nahm er schirm zurück und gab sich mit den vertauschten Rol-
auf dem Sitz hinter dem Instrument Platz und wartete, len zufrieden. Tatsächlich, auf dem Schirm erschi-
bis Hendra die notwendigen Einstellungen unter un- en die Widergabe nur undeutlich; Einzelheiten waren
ablässigem Murmeln vorgenommen hatte. Was er sag- kaum zu erkennen. Aber trotzdem stand der kleine
te, konnte der Erste Offizier nicht verstehen, aber si- Stern unmißverständlich dicht neben der Erde.
cherlich waren es keine Segenswünsche, wenngleich Eine der winzigen Raumstationen konnte es nicht
Hendra es damit kaum ernst meinte. sein, dazu war die Entfernung noch zu groß.
Dann trat er zurück und forderte Günter auf, durch Aber was sonst?
das Okular zu blicken. Gleichzeitig projizierte eine Günter blickte ungeduldig zu Hendra, der versun-
elektronische Anlage das gleiche Bild, das sich dem ken hinter dem gewaltigen Instrument saß und unhör-
Beschauer bot, auf einen an der Wand angebrachten bare Flüche murmelte. Zwischendurch kamen einige
Schirm. Somit konnten mehrere Personen gleichzeitig Zahlen, dann Berechnungen und endlich ein Seufzer.
astronomische Beobachtungen vornehmen. „Wir sind beide verrückt“, stellte der Astronom
Das direkte Bild war klarer und deutlicher. plötzlich ganz überraschend fest und kletterte von dem
Günter erkannte in der Mitte des Blickfeldes die Beobachtungssitz. „Eigentlich bisher nur ich. Aber
schmale Sichel der Erde. Daß es die Erde war, wuß- wenn ich Ihnen sage, was der kleine Lichtpunkt neben
te er nur von Hendra, denn wegen des einfallenden der Erde bedeutet, werden Sie es auch. Wetten?“
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Günter verspürte dazu wenig Lust. „Dort drüben ist der Schalter“, murmelte der Astro-
„Nun reden Sie schon, Hendra!“ wurde er regel- nom, schon wieder in seine Beobachtungen vertieft.
recht wütend. „Ich habe keine Zeit.“
„Na gut, Günter. Aber setzen Sie sich erst in den Günter warf ihm einen unwilligen Blick zu, ehe
Sessel dort. Und halten Sie sich fest. Der Stern neben er zur Bildschirmanlage schritt und die Verbindung
der Erde ist nämlich kein Stern, sondern ein Mond, der aktivierte. Sofort erschien das fragende Gesicht des
die Strahlen der Sonne reflektiert und somit leuchtet. Kommandanten. Die Frage wurde noch deutlicher, als
Ja, damit wäre es heraus: die Erde hat wieder einen Maxwell seinen Ersten Offizier im Observatorium er-
Mond!“ kannte.
Günter sprang auf. „Nanu? Was tun Sie dort? Ich wähnte Sie im Ma-
„Die Erde hat einen Mond? Wieso soll die Erde schinenraum...“
in den vergangenen drei oder vier Monaten plötzlich „Ich hielt es für zweckmäßig, auch hier nach dem
einen Mond eingefangen haben?“ Rechten zu sehen, Captain, denn bei Grudat war alles
„Das Wie ist weniger wichtig als das Woher“, in Ordnung. Und ich glaube, es war schon richtig, daß
machte ihn Hendra aufmerksam. „Aber was auch im- ich Hendra besuchte. Wir haben soeben eine unglaub-
mer geschehen sein mag, das Auftauchen eines Mon- liche Feststellung machen können.“
des muß fürchterliche Katastrophen auf der Erdober- Auf Maxwells Gesicht erschien so etwas wie Neu-
fläche ausgelöst haben. Hoffentlich — hoffentlich exi- gier.
stiert die Menschheit noch.“ „Und das wäre?“ schnappte er kurz angebunden.
Günter entsann sich noch der Katastrophenberich- „Die Erde hat einen Mond!“ eröffnete ihm Günter.
te aus den Geschichtsbüchern. Damals, vor mehr als
hundert Jahren, war das genaue Gegenteil von dem *
geschehen, was nun eingetreten war. Damals hatte die
Erde ihren einzigen Mond verloren. Man vermutete, In der Zentrale erwartete Maxwell Günter ungedul-
daß eine außerirdische Macht ihre Hand im Spiel ge- dig. Pausenlos durchmaß er den Raum mit schnel-
habt hatte und vielleicht mit dem Verschwinden des len, nervösen Schritten und blieb ruckartig stehen, als
Mondes eine Machtprobe demonstrieren wollte. In- Günter eintrat.
stinktiv hatten sich damals die Nationen der Erde zu- „Nun? Eine Idee?“
sammengeschlossen, um dem unsichtbaren Gegner ei-
Der Erste Offizier schüttelte den Kopf.
ne Macht gegenüberstellen zu können. In wenigen
Monaten wurde die Weltregierung Wirklichkeit, die „Es hat wenig Sinn, sich nutzlos den Kopf zu zer-
Raumfahrt vorangetrieben und die schrecklichen Waf- brechen. Warten wir doch erst einmal ab, bis wir die
fen des atomaren Zeitalters an neutralen Orten zur Ver- Erde erreichen. Vielleicht klärt sich dann alles ganz
teidigung einer geeinten Erde gelagert. harmlos auf.“
Der Gegner aus dem All jedoch kam nie, die Erde „Harmlos? Daß die Erde plötzlich einen Mond be-
anzugreifen. Zwar wurde die Entwicklung ungeahnt sitzt, finden Sie harmlos? Na, hören Sie mal...“
vorangetrieben, und bald durcheilten die Schiffe der „Das wollte ich nicht damit sagen, Captain. Ich
Erde die nahe Umgebung des Universums, aber nie- meinte nur, es sei doch witzlos, Vermutungen anzu-
mals begegnete man dem gesuchten Feind. Es war, als stellen, ehe wir keine näheren Informationen erhalten
habe er sich mit dem Raub des Erdmondes begnügt. können.“
Die Weltregierung blieb, und das sagenhafte golde- „Wozu haben wir das Elektronengehirn und den In-
ne Zeitalter brach an. Der Lebensstandard stieg und formationsspieler in der FORTUNA? Fragen wir bei-
mit ihm die Macht der Erde. Ein Planet nach dem an- des.“
deren wurde entdeckt und Stationen auf ihm errich- „Morgen“, schüttelte Günter den Kopf. „Um aus
tet, Stationen, die eine Annäherung des unbekannten einem elektronischen Gehirn etwas herauszubekom-
Feindes sichten und melden sollten. men, muß man auch etwas hineinstecken. Und wir ha-
Es entstand das terranische Imperium. ben absolut nichts, was wir hineinstecken könnten, nur
Aber die Erde besaß seit mehr als hundert Jahren eben die astronomische Tatsache. Damit kann auch
keinen Mond mehr. Robby nichts anfangen.“
Daher Hendras Fassungslosigkeit. Er als Astronom Maxwell wollte etwas sagen, schwieg aber dann.
mußte das Ungewöhnliche eines solchen Ereignisses Nach einer Weile erst nickte er langsam.
viel deutlicher erkennen als Günter. Ein derartiges Na- „Nun gut, Günter, ich gebe zu, daß Sie recht haben
turgeschehen war genauso selten wie die Entstehung mögen. Warten wir also bis morgen. Aber eines kann
der neuen Welt. ich Ihnen schon jetzt sagen: ich werde nicht eher auf
„Wir müssen sofort Maxwell benachrichtigen“, er- der Erde landen, bis ich nicht sicher bin, daß sie noch
innerte sich der Erste Offizier seiner Pflicht. „Stellen von den Menschen beherrscht ist.“
Sie die Verbindung zur Zentrale her.“ „Aber Hendra meinte doch...“
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„Ach, lassen Sie mich mit diesem phantasielosen Der Astronom räusperte sich.
Wissenschaftler in Ruhe! Warum sollten die Fremden „Ich muß Ihnen eine Eröffnung machen, Komman-
den Mond nicht zurückbringen können, wenn sie ihn dant“, begann er mit belegter Stimme und man merkte,
auch stahlen? Vielleicht haben sie die Invasion mit wie schwer ihm das Sprechen fiel. Günter nickte ihm
Hilfe des präparierten Mondes durchgeführt — was aufmunternd zu, und der Wissenschaftler fuhr fort:
wissen wir denn davon? Und weil ich das nicht für „Der damals verschwundene und jetzt wieder aufge-
ausgeschlossen halte, landen wir vorerst nicht. Selbst tauchte Mond sind miteinander identisch — Sie selbst
Radiomeldungen können gefälscht sein.“ haben das bemerkt. Jedes Kind würde das gleiche fest-
Günter nickte zustimmend. stellen, wenn es die alten Aufnahmen mit der Ober-
„Zwar schließe ich mich nicht Ihrer Meinung an, flächenstruktur, wie sie sich uns darbietet, vergleichen
aber ich halte sie nicht für ausgefallen. Im Übrigen könnte. Nun taucht eine Frage auf: wo war der Mond
freue ich mich trotzdem ein wenig auf den Mond. In hundert Jahre lang?“
den alten Büchern liest man soviel über ihn. Seine Auffordernd blickte er Maxwell an.
Strahlen sollen nachts einen günstigen Einfluß auf die Der Kommandant gab den Blick zurück und schüt-
Liebenden ausgeübt haben.“ telte dann den Kopf.
Maswell verzog das Gesicht. „Wie soll ich das wissen, Hendra? Er verschwand,
„So ein Unsinn! Das waren doch nichts anderes als wanderte vielleicht ein Jahrhundert durch den Raum
reflektierte Sonnenstrahlen, wie können die anders be- und kehrte im Verlauf der vergangenen vier Monate
einflussen als die Sonne selber? Glauben Sie nur nicht zur Erde zurück.“
alles, was Sie lesen oder sehen.“ „Kehrte einfach zurück?“ staunte Hendra über die
Günter wandte sieh zum Gehen. kühne Theorie des Kommandanten. „Nein, ich finde,
„Sehen? Ich habe den Mond der Erde gesehen, also die Erklärung wäre zu einfach.“
ist er vorhanden, Daran ist nicht zu rütteln. Und mor- „Aber sie wäre schön“, schlug Maxwell vor.
gen werden wir auch wissen, warum er vorhanden ist! Der Astronom schüttelte entschieden den Kopf.
Hoffentlich wird es keine allzu böse Überraschung...“ „Ich fürchte, die Erklärung lautet anders, Captain.
„Eben!“ machte Maxwell düster und machte sich an Um sie zu finden, benötigte ich neben konzentrierter
der Bordsprechanlage zu schaffen. Beobachtung am Instrument auch eine gehörige Porti-
Günter verließ die Zentrale und begab sich in seine on Phantasie. Gott sei Dank besitze ich die...“
Kabine. „Ihre Flüche lassen nicht darauf schließen“, warf
Maxwell ein.
Zu seinem Erstaunen blickte ihm, am kleinen Tisch
sitzend, der Astronom Hendra entgegen. Der Wissen- „Phantasie!“ wiederholte Hendra mit Nachdruck.
schaftler hatte ihn offensichtlich erwartet. „Und Sie werden wahrscheinlich einige Stärkungsta-
bletten vertragen können, wenn Sie erfahren haben,
Günter schloß die Tür.
was sich zugetragen hat. Günter, bestätigen Sie Ihrem
„Hendra? Sie hier?“ wunderte er sich. Kommandanten bitte, daß Sie meine Beobachtungen
Der Astronom nickte und erhob sich. und Feststellungen inzwischen mit der elektronischen
„Ich habe Ihnen eine Eröffnung zu machen, die un- Rechenmaschine nachgeprüft haben und zum gleichen
ter uns bleiben muß“, begann er. „Ich fürchte, Sie wer- Schluß gelangten.“
den sich erst einmal setzen müssen...“ Maxwell sah überrascht auf seinen Offizier. Der.
blieb stumm, nickte aber bedeutungsvoll. Der Kom-
* mandant stutzte. Sollte es sich tatsächlich um ein ern-
stes Problem handeln? Bis vor wenigen Minuten hatte
Am anderen Tage Schiffszeit hatte sich FORTUNA er die Tatsache, daß der Mond wieder aufgetaucht war,
so weit der Erde genähert, daß der Mond mit bloßem einfach als gegeben betrachtet, ohne sich um die even-
Auge sichtbar geworden war. tuellen Konsequenzen des Ereignisses zu kümmern.
Maxwell in der Zentrale starrte finster auf den nur Von denen würde man ohnehin früh genug erfahren.
halb von der Sonne angestrahlten Globus, der in seiner „Nun?“ machte Maxwell und blickte wieder auf
erstarrten Lebensfeindlichkeit alles andere als freund- Hendra.
lich wirkte. Maxwell entsann sich noch sehr gut der Der Astronom schaute nachdenklich durch die Kup-
fotografischen Aufnahmen, die vom alten Mond der pel der Zentrale auf den größer werdenden Mond.
Erde existierten. Demnach war der jetzt um die Er- Deutlich erkannte man bereits die einzelnen Krater
de kreisende Trabant mit dem vor hundert Jahren ver- und die scharfen Zacken gen Himmel strebender Ge-
schwundenen Mond identisch. birgszüge.
Daran bestand kein Zweifel mehr. „Ich habe gestern mit Grudat gesprochen und mir
Günter und Hendra sahen sich mit einem kurzen die Sache mit dem Kurzschluß erzählen lassen. Der
Blick des Einverständnisses an, als Maxwell das mit rückwärtsfließende Strom gab mir die letzte Gewiß-
Nachdruck feststellte. heit zu dem Schluß, auf den ich zwangsläufig kam, als
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ich die Identität der beiden Monde feststellen mußte. als hundert Jahre zurückgeworfen. Ich glaube, Cap-
Von unserer Warte aus gesehen ist folgendes gesche- tain, wir haben jetzt wenigstens das Rätsel der wäh-
hen: vor hundert Jahren verschwand der Mond und wir rend der Transitionen verschwundenen Schiffe gelöst:
kannten ihn niemals. Vor vier Monaten verließen wir sie befinden sich entweder in der Vergangenheit oder
die Erde, und nun, da wir zurückkehren, besitzt diese in der Zukunft. Kein Wunder, wenn wir ihnen niemals
wieder einen Mond — und zwar den gleichen, den sie mehr begegneten.“
vor hundert Jahren verlor. Er müßte also in den letzten „Das ist ja — Irrsinn!“ stieß Maxwell hervor.
vier Monaten zurückgekehrt sein. Unwahrscheinlich, Günter nickte bestätigend.
dachte ich mir.
„Das ist es, oder aber wenigstens dicht dabei. Als
Und wahrhaftig, die Antwort sieht ganz anders aus. mir Hendra die Wahrheit berichtete, hätte mich fast
Ist Ihnen nicht aufgefallen, Kommandant, daß wir der Schlag bei der Erkenntnis getroffen, nun vielleicht
ungestört in das System eindringen konnten? Haben mein eigener Urahn zu werden.“
Sie eine einzige künstliche Späherstation entdecken „Wie meinen Sie das?“ ließ sich Maxwell willig ab-
können? Warum empfängt der Funker keine verständ- lenken.
lichen Signale?“
„Na stellen Sie sich vor, wir landen auf der Erde...“
„Vielleicht doch eine Invasion! Etwas viel Schreck- Hendra wiegte den Kopf hin und her.
licheres ist geschehen, Maxwell. Jener Mond dort, den
„Es wäre theoretisch absolut nicht unmöglich“, sag-
Sie so greifbar nahe vor sich sehen, ist niemals zurück-
te er zögernd. „Aber es darf niemals zu Zeitparadoxen
gekehrt, weil er niemals verschwunden war.“
kommen. Wir würden das Gesicht der Erde — und der
Maxwell sah verständnislos von einem zum ande- Zukunft verändern.“
ren. Günter, der das Geheimnis ja bereits kannte, nick-
Maxwell zeigte auf den grünen Globus der Erde.
te langsam, schwieg aber noch immer. Wahrschein-
lich hatte er das Ereignis noch nicht richtig verarbeiten „Es ist also wahr — das mit der Vergangenheit? Sie
können. wollen mir keinen Bären aufbinden — oder Sie irren
sich nicht?“
Hendra wies mit der rechten Hand auf den Mond
und die daneben schwebende Erde. „Es bestehen keine Zweifel, daß wir uns in der Ver-
gangenheit befinden, und zwar mindestens um hundert
„Wo bleibt der Anruf der Raumflotte, wo die Wet-
Jahre. Dort steht der Mond — und er ist noch nicht
terstationen und Meldesatelliten? Wo sind die Über-
verschwunden. Wer weiß, in welche Epoche der irdi-
wachungsschiffe der Flotte? Wo — wo ist der Mensch
schen Geschichte wir geraten sind.“
des terranischen Imperiums, Maxwell?“
Maxwell seufzte.
Der Kommandant starrte mit beginnender Ver-
zweiflung auf seinen Astronomen, um dann seinem „Und wenn es so ist — wie kehren wir in unsere
Ersten Offizier einen hilfesuchenden Blick zuzuwer- Zeit zurück?“
fen. Hendra und Günter sahen sich an. Dann meinte der
Dieser bequemte sich endlich dazu, in die quälende Wissenschaftler:
Debatte einzugreifen. „Das weiß ich nicht, Kommandant. Vielleicht kann
uns da der Mann eine Antwort geben, der uns in die
„Hendra“, sagte er scharf, „machen Sie es kurz!“
Vergangenheit brachte: Grudat! Wir werden ihn fra-
Der Astronom nickte erstaunt. gen müssen.“
“Wie Sie wünschen. Bei Ihnen hat doch wohl gera- „Er weiß es noch nicht?“
de diese kurze Erklärung einen Schock hervorgerufen.
„Nein. Ich hielt es für besser, Ihnen die Aufklä-
Ich wollte Maxwell nur allmählich vorbereiten. Also
rung der Mannschaft zu überlassen. Nur Günter weih-
gut, Kommandant, manchen wir’s kurz.
te ich ein, weil er mit Robby den Vorgang mathema-
Der Mond dort verschwand nie, aber es ist sehr tisch nachweisen sollte. Und das tat er.“
wahrscheinlich, daß er eines Tages verschwinden
„Also gut“, sagte Maxwell und stellte die Verbin-
wird. Die FORTUNA ist nämlich durch einen noch zu
dung mit dem Maschinenraum her. „Sprechen wir erst
klärenden Faktor mehr als hundert Jahre in die Ver-
einmal mit Grudat.“
gangenheit geschleudert worden — bei der Transiti-
on. Die genaue Jahreszahl wird sich feststellen lassen,
*
sobald wir erste Auskünfte erhalten. Und...“
„In die Vergangenheit?“ schnappte Maxwell nach Die Mannschaft nahm die Eröffnung ihres Kom-
Luft. „Was sagen Sie da, Hendra?“ mandanten mit ungewöhnlicher Gelassenheit hin.
Der Astronom nickte. In einer Höhe von mehr als 50 000 km umkreiste die
„Ohne Zweifel ging etwas bei der Transition schief. FORTUNA in einer stabilen Bahn die Erde und war-
Zwar gelang der Raumsprung wie berechnet, aber tete ab. Die Gefahr einer Entdeckung bestand nicht,
gleichzeitig machten wir auch alle einen Sprung durch denn zur Zeit, da die Erde einen Mond besessen hatte,
die vierte Dimension und wurden um jedenfalls mehr befand sich die Raumfahrt in ihrem Anfangsstadium.
11 TERRA

Es wurden einige Fragen gestellt und beantwortet, „Wenn uns nur ein einziger Mensch bei der Lan-
dann erhob sich Grudat, um einige Erklärungen ab- dung bemerkt, und er erzählt das später seinen Zeitge-
zugeben. Sein Gesicht zeigte einige harte Linien, die nossen, wird ihm niemand glauben“, verteidigte Hen-
zuvor nicht dagewesen waren. Finster blickten seine dra seinen Standpunkt. „Aber er könnte uns Aufschluß
Augen unter den buschigen Augenbrauen hervor. darüber geben, in welcher Zeit wir uns befinden. Oh-
„Wenn sich der gleiche Vorgang, der unseren ne dieses Wissen wird es nie eine Rückkehr für uns
Sprung in die Vergangenheit bewirkte, rückläufig re- geben.“
konstruieren ließe, bestünde die Möglichkeit, wieder Die Männer nickten beifällig und murmelten zu-
in die Zukunft zu gelangen. Das ist theoretisch mög- stimmend.
lich. Jedoch gehören dazu die Kenntnisse einiger Da-
Maxwell sah Günter an. Der erhob sich.
ten, die wir im Augenblick nicht besitzen. Ehe das
nicht der Fall ist, scheint mir jeder Versuch nutzlos zu „Die Situation scheint mir nicht so hoffnungslos,
sein. Ich muß z. B. bis auf die Minute genau wissen, wie es im ersten Augenblick den Anschein hatte“, be-
um welche Zeit wir gewissermaßen ,hinterherleben’. gann er sachlich. „Jeder Vorgang läßt sich rückgängig
Ohne Kenntnis dieser Differenz tappen wir im dun- machen, so auch dieser. Wir besitzen technische Hilfs-
keln.“ mittel und ein hervorragendes Wissen. Wir werden die
„Wäre das nicht leicht zu erfahren“, meldete sich Ursachen des Zeitsprunges herausfinden — und dann
einer der Vermessungsingenieure, der nur als Passa- einen zweiten, diesmal in die Zukunft, vollbringen.
gier an Bord der FORTUNA reiste und seinen Urlaub Ich muß Hendra zustimmen: wenn unsere Funkgerä-
auf der Erde verbringen wollte. „Die Radiomeldungen te für die primitiven Sendungen der jetzigen Erdbe-
sollten Aufschluß über das Datum geben.“ wohner zu kompliziert gebaut sind, müssen wir die
Der Funker Webbs sprang auf. Menschen selbst fragen. Aber — Grudat — genügt das
Wissen um die Zeit, um in die Zukunft — also unsere
„Das ist es ja eben!“ rief er wütend. „Mit meinen
Gegenwart — zurückzukehren?“
Geräten erwische ich nicht einen einzigen vernünfti-
gen Laut. Sicher, die Skalen registrieren den Empfang Der Chef des Maschinenraumes nickte.
von schwachen Energiewellen, die nur von der Erde „Ich glaube es schon. Aber ich warne vor allzu
kommen können. Aber unsere Empfänger sind nicht großem Optimismus. Alles ist nur ein Experiment, ein
geeicht, die ersten Anfänge der Radiotechnik über- Versuch. Wenn er nicht gelingt, sind wir dazu verur-
haupt aufzunehmen und in Ton zu verwandeln. Wenn teilt, in dieser Epoche zu bleiben. Ich glaube fast, un-
die Menschen dieser Zeit noch keine Raumfahrt be- ser Fall ist eine Ausnahme, und alle anderen verschol-
sitzen — und das scheint doch offensichtlich —, so lenen Schiffe gelangten in die ferne Zukunft. Wir hät-
werden sie auch nicht die interplanetare Funkwelle ten sonst bestimmt hin und wieder von ihnen gehört.“
eingeführt haben. Jedenfalls sind ihre Funkzeichen zu „Na gut“, nickte Maxwell. „Landen wir. Wann?“
schwach, um bei uns auch nur einen Ton hervorzuru-
„Sobald wir einen Platz gefunden haben — mor-
fen.“
gen!“
Webbs setzte sich wieder hin. Für einen Augenblick
herrschte betretenes Schweigen, dann sagte der Inge-
nieur: *
„Warum nicht einfach landen und nach dem Datum
fragen?“ Die Expedition schlug ihr Lager unweit der letzten
Maxwell wehrte entsetzt ab. Er hatte sich bereits Wasserfälle auf und beschloß, erst am folgenden Mor-
vollkommen mit der ungewöhnlichen Situation abge- gen weiter bis zu dem Plateau vorzudringen.
funden, wie es schien. Monatelang hatte es gedauert, bis Prosessor Holz-
„Das geht auf keinen Fall! Stellen Sie sich vor, was mann und seine Leute die fieberverseuchte Amazona-
das bedeuten würde! Wir kämen ja aus der Zukunft sebene hinter sich gebracht und den Fuß der Anden
gewissermaßen — wer würde uns das glauben? Man erreicht hatten. Sie hatten Gebiete berührt, die noch
hielte uns vielleicht für Raumfahrer von einem ande- niemals eines weißen Mannes Fuß betreten, geschwei-
ren Stern. Außerdem ist mir kein Fall in der Geschich- ge denn wieder verlassen hatte. Doch nun, nach al-
te der Menschheit bekannt, daß ein fremdes Raum- len Mühen und Strapazen, war es endlich soweit: Die
schiff auf der Erde landete. Und davon hätten wir si- Grenze des ewigen Dschungels war erreicht, das Fie-
cher erfahren, wenn es je geschehen wäre. Also wer- ber blieb zurück, und von jenseits des Wasserfalles her
den wir auch nicht landen!“ wehte eine frische, kühle Luft zu ihrem Lager herab.
Hendra lächelte flüchtig. Es war eine mühselige Arbeit gewesen, das leichte
„Wenigstens nicht offiziell“, nickte er zufrieden. Plastikboot bei den zuletzt immer öfter vorkommen-
Sie sahen ihn alle an. Dann knurrte Maxwell: den Wasserfällen die natürlichen Stufen zum Uferrand
„Ausgerechnet Sie müssen das sagen! Waren nicht emporzutragen, die Lebensmittel und anderen Vorrä-
Sie es, der vor der Gefährlichkeit der Zeitparadoxe te nachzuholen und sich der gelegentlichen Angriffe
warnte? Na also!“ heimtückischer Blasrohrschützen zu erwehren.
Wanderer zwischen drei Ewigkeiten 12

Aber nun hatten sie es endlich geschafft! sich unsicher fühlen, denn der Wald ist stark gelichtet,
Die indianischen Begleiter lagerten ein wenig ab- er wuchert nicht mehr so üppig.“
seits vom Feuer, nur Holzmann, sein Assistent Dil- Dillinger stocherte im Feuer herum.
linger und die Tochter des Professors, Waltraud Holz- „Ich gehe schlafen, Boß. Mein Zelt lockt mich —
mann, wärmten ihre Hände an den züngelnden Flam- außerdem bin ich tatsächlich müde. Morgen werden
men. wir weitersehen. Gute Nacht! Gute Nacht, Wally!“
„Merkwürdig, wie kühl es geworden ist“, wunderte „Gute Nacht, Fred! Schlafen Sie gut!“
sich Dillinger zum wiederholten Male. „Den ganzen Er erhob sich und kroch in sein winziges Einmann-
Tag schwitzt man wie ein Affe, und jetzt, am Abend, zelt. Wally schlief zusammen mit ihrem Vater in einem
erfriert man fast.” etwas größeren Zelt, während die Indianer nachts um
„Das kommt uns nur so vor“, belehne ihn Holzmann das Lagerfeuer hocken blieben, Wache hielten und ab-
geduldig. „In Wirklichkeit sind es immer noch zwan- wechselnd schliefen.
zig Grad Wärme. Aber zugegeben, die Luft ist frischer Holzmann zeigte in Richtung des Wasserfalles,
als unten in der sumpfigen Ebene des Amazonas. Die- dann flußaufwärts.
ser Nebenfluß kommt aus dem Gebirge und sein Was- „Das war der letzte. Von nun an geht es leichter.
ser ist noch kalt. Sein Lauf ist zu schnell und zu kurz, Morgen erreichen wir das Plateau, das Mair ausfindig
um schon richtig gewärmt zu sein.“ machte, Morgen werden wir wissen, ob es jemals so
Das Mädchen nickte zustimmend. etwas wie weiße Indianer gegeben hat.“
„So ist es. Aber ich bin froh, daß wir den Dschungel Wally gähnte.
hinter uns haben — und die Indianer. Ich glaube, die „Ich bin müde. Lassen wir die weißen Indianer bis
haben noch niemals einen Weißen vorher gesehen.“ morgen?“ Holzmann lächelte, „Einverstanden. Es soll
„Da kannst du recht haben, Wally. Es sind noch mich wundern, wenn wir morgen nicht einige Überra-
nicht viele Expeditionen so weit vorgedrungen wie schungen erleben.“
wir, wenigstens nicht mit unseren primitiven Mitteln, Er wußte nicht, wie recht er damit hatte...
Aber ich wollte es ja auch mit dem Boot allein schaf-
fen, wie in alten Zeiten, Mit dem Flugzeug kann jeder *
das Amagonasgebiet überqueren, aber nicht mit dem
Kanu. Ich glaube, wir sind ziemlich pünktlich, und Holzmann saß vorn im Bug des Bootes und betrach-
wenn Mair mit dem Flugzeug kommt, wird er uns mit tete die ständig wechselnde Landschaft mit neugieri-
einer reichen, wissenschaftlichen Ausbeute vorfinden. gen Forscherblicken. Besonders den einzeln stehen-
Wir haben fast noch zwei Wochen Zeit,“ den Felsen galt seine Aufmerksamkeit und man sah
ihm an, daß er gern bei jeder Gelegenheit angehalten
„Wir hätten eigentlich doch einen Sender mitneh- hätte, um das Gestein einer näheren Untersuchung un-
men sollen“, gab Dillinger zu bedenken. „Stellen Sie terziehen zu können. Aber man wollte ja weiterkom-
sich vor, es wäre uns etwas zugestoßen, Niemand hätte men, um in der kurzen noch verbleibenden Zeit bis
davon erfahren und niemand hätte uns geholfen.“ zum Eintreffen des Flugzeuges lohnendere Objektive
„Unnötiger Ballast!“ lehnte Holzmann ab, „Außer- in Augenschein zu nehmen.
dem hätte es nicht der Tradition entsprochen, unter Es wurde Mittag und man legte eine kurze Rast ein.
deren Gesichtspunkten meine Expedition stattfinden Die Sonne brannte vom Himmel, und selbst das Schat-
sollte. Nicht einmal Filmgerät haben wir dabei, nur tensegel konnte die unerträgliche Hitze nicht herab-
einen alten Fotoapparat. Das einzige, was wir von der mindern. So suchte man Schutz unter den schattigen
Zivilisation nicht missen wollten, waren die Waffen, Zweigen eines dicht am Ufer stehenden Baumes.
die Konserven und das praktische und leichte Plastik-
Die beiden Eingeborenenkanus befanden sich im
boot. Doch warum die Sorgen jetzt, Dillinger? Haben
Schlepptau. Bei der ruhigen Strömung war der Motor
wir denn nicht alles hinter uns?“
des Plastikbootes stark genug, auch sie mitzuziehen
Der Assistent nickte lächelnd. und somit den Indianern das anstrengende Rudern zu
„Gott sei Dank, Boß! Aber wir haben unsere Fieber- ersparen.
tabletten und Schnellfeuerpistolen recht gut gebrau- „Wir fahren noch zehn oder zwanzig Meilen, dann
chen können. Ohne beides — ich weiß nicht, ob wir machen wir Schluß für heute“, gab der Professor be-
da hier säßen.“ kannt. „Dort vorn in der Ebene erhebt sich eine hohe
„Wir hatten uns zu wehren“, sagte Holzmann. „Es Felseninsel. Ich möchte sie besichtigen.“
waren Wilde, die uns als Eindringlinge betrachteten. Dillinger beobachtete den fast quadratischen
Da sie uns töten wollten, mußten wir ihnen zuvorkom- Brocken durch den Feldstecher. Wuchtig und heraus-
men. Ich mach’ mir da nicht viel Vorwürfe. Das hört fordernd lag er da, als beherrsche er das ganze Gebiet
sich hart an, ist es aber nicht. Doch nun sind wir vor bis zu den nahen Anden, deren schneebedeckte Gipfel
ihnen sicher, denn sie verlassen ihre Niederungen und am Horizont förmlich in der Luft zu schweben schie-
den Schutz des Urwaldes nicht. Hier oben würden sie nen. Er war kahl und verriet einen schweren Aufstieg,
13 TERRA

doch seine Oberfläche, vielleicht zweihundert Meter Eine Stunde vor Beginn der Dämmerung erreich-
über der Ebene, war mit Wald bedeckt. ten sie heil und gesund nach verhältnismäßig leichtem
„Was hoffen Sie dort zu finden?“ fragte der Assi- Aufstieg das Plateau.
stent. Der Blick auf die Ebene, bis hinab zu den Niederun-
Einen Augenblick zögerte Holzmann, dann sagte er. gen des Amazonas, war überwältigend. Ein leichtes
„Wenn es hier jemals ein höher entwickeltes Volk Flimmern verriet noch die Hitze, die über dem Lande
gegeben hat, so auf einer dieser merkwürdigen Fel- lagerte, und der Dunst über dem Dschungel des Ama-
seninseln. Das war für sie der beste und natürlichste zonas ließ die fiebergeschwängerte Luft ahnen. Hier
Schutz gegen ihre Feinde. Und jene Insel dort scheint oben dagegen wehte ein kühler und frischer Wind.
mir die größte zu sein, der wir bisher begegneten. Dicht am steil abfallenden Rand des Plateaus be-
Mein Entschluß steht fest: ich möchte sie besichti- gann bereits der Wald, nicht so dicht wie am Amazo-
gen!“ nas, aber dichter als drunten in der Ebene. Natürliche
Wally betrachtete die Felseninsel durch den Feld- Wildpfade führten in ihn hinein und forderten zu ei-
stecher. Ihre Augen leuchteten. nem Spaziergang auf.
„Ich scheue die Anstrengung nicht, da hinaufzuklet- „Gehen wir gleich los?“ wollte Dillinger wissen.
tern“, sagte sie begeistert. „Wer weiß, was wir alles Der Professor sah sich suchend um. „Wir müssen
entdecken werden...“ diese Stelle wiederfinden, und ich halte es nicht für
„Urwald — was denn sonst?“ wunderte sich Dillin- ratsam, daß wir uns trennen. Wir können irgendwo im
ger. „Ich bin schon recht froh, wenn wir keinem India- Wald übernachten und morgen zurückkehren. Dort der
ner begegnen.“ Doppelbaum kann als Erkennungszeichen dienen, er
„Aber das, was sie hinterließen, interessiert uns ist unverkennbar. Mit Hilfe des Kompasses dürfte es
doch“, warf Wally ein. „Vater ist Forscher, das ver- leicht sein. Also — worauf warten wir noch?“
gessen Sie wohl?“ Der Marsch war leichter als vermutet. Nur gerin-
Dillinger mochte einsehen, daß er einen Fehler be- ges Unterholz erschwerte das Weiterkommen, der Bo-
ging. Also beschwichtigte er schnell: den war trocken und nur hier und da mußten sie einen
schmalen Bach überqueren.
„So habe ich’s nicht gemeint, Wally. Natürlich bin
ich mit von der Partie, wenn wir das Bergelchen be- Allmählich wurde es dämmerig und in wenigen Mi-
steigen. Nehmen wir die Indios mit?“ nuten würde es dunkel sein. Da sich jedoch der Wald
„Nein, das ist nicht notwendig. Die sollen das Boot zu lichten begann, beschloß man, noch einige hundert
bewachen“, erklärte der Professor. „Wenn wir uns un- Meter weiter zu gehen, um so vielleicht eine freie Stel-
sere Waffen mitnehmen, besteht kaum eine Gefahr. Ich le für das Lagerfeuer zu finden.
glaube nicht, daß wir Menschen begegnen werden, ob- Sie erreichten den Waldrand und somit eine große
wohl doch hier das Klima erträglich scheint.“ Lichtung.
Nach drei Stunden eintöniger Flußfahrt erreichte Eine Lichtung mitten auf der Felseninsel, wie ge-
man einen Bach, der aus der Inselrichtung kam und schaffen, ein Lager einzurichten. Dillinger atmete er-
in den größeren Fluß mündete. Man fuhr ihn einige leichtert auf, „Ein idealer Platz, Professor. Wir sollten
Kilometer hinauf, dann wurde das Wasser zu seicht. nicht weitergehen.“
In einer kleinen Bucht ging man vor Anker und er- Aber Holzmann gab keine Antwort. Lauschend
richtete das Lager. stand er da, den Kopf leicht geneigt. Auf seiner Stirn
Dillinger äußerte Zweifel. bildete sich eine steile Falte.
„Ist es für die Landexpedition nicht bereits zu spät? „Hören Sie nichts?“ fragte er dann, immer noch lau-
Der Fluß des Tafelberges liegt gut zwei Kilometer ent- schend.
fernt, wir würden also in einer halben Stunde dort an- Dillinger betrachtete ihn aufmerksam und strengte
kommen. Aber der Aufstieg scheint schwierig zu sein. dann seine Ohren an. Jetzt vernahm er es auch.
Heute schaffen wir das nicht mehr vor Dunkelwerden, Irgendwo in der Luft war ein feines Summen, kaum
wenigstens dann nicht, wenn wir den Rückweg einbe- zu hören und sehr fern. Aber es war da, so regelmäßig
ziehen.“ und so monoton, daß es ihm zuerst gar nicht aufge-
„Wir werden oben übernachten“, entschied der Pro- fallen war. Wally schien es jetzt auch zu hören, denn
fessor, den ein heiliger Eifer gepackt hatte. „Dann ha- reglos stand sie da, auf die Lichtung hinausblickend.
ben wir morgen den ganzen Tag zur Verfügung, das Inzwischen war es vollständig dunkel geworden,
Plateau zu erforschen. Würden wir erst morgen auf- und alle drei Menschen zuckten erschrocken zusam-
brechen, bliebe uns nur der halbe.“ men, als plötzlich ein Licht vor ihnen aufflammte. Es
Dillinger fügte sich schweigend. mochte fünfhundert Meter entfernt sein, mitten auf der
Eine Viertelstunde später marschierten sie los. Lichtung. Auf keinen Fall sahen sie den Schein eines
Lagerfeuers, sondern das Licht war zweifellos elektri-
* schen Ursprungs. Es strahlte wie eine kleine Sonne,
Wanderer zwischen drei Ewigkeiten 14

wurde dann aber schwächer und leuchtete nur noch hinein schwebte ein fast kreisförmiges Objekt, senk-
gedämpft, als wolle man verhüten, daß es zu sehr nach te sich langsam herab und landete dicht neben dem
oben fiel. Das Summen hörte aber nicht auf. schwarzen Gebäude.
Atemlos warteten die drei, aber nichts weiter gesch- Holzmann traute seinen Augen nicht, als er bemerk-
ah. te, daß der runde Gegenstand die Erde nicht berührte,
„Wir sollten näher herangehen, vielleicht entdecken sondern einen halben Meter über ihr reglos verharrte.
wir etwas ganz Außergewöhnliches. Glauben Sie, Pro- Und als ein Mann gebückt hervortrat, mit einer ein-
fessor, daß heute noch Reste einer verschollenen Zivi- fachen Handbewegung das runde Ding ganz zur Er-
lisation hier existieren können? Man sagt doch, die At- de niedergehen ließ und seinen Kollegen begrüßte, der
lanter hätten bereits Fluggeräte besessen. Warum nicht vor einem komplizierten Gebilde stand und Skalen be-
auch Maschinen?“ trachtete, glaubte Holzmann die Wahrheit erkannt zu
„Ihre Vermutung ist ungeheuerlich“, gab Holzmann haben.
flüsternd zurück, „aber nach dem, was wir nun sehen Unendlich vorsichtig wandte er den Kopf nach hin-
und hören, nicht mehr ganz von der Hand zu weisen. ten und hauchte ergriffen:
Gehen wir näher heran, das Licht weist uns den Weg. „Besuch aus dem Weltraum, Dillinger! Es ist eine
Aber vorsichtig, und nicht mehr sprechen. Wally, du fliegende Untertasse! Wer hätte das geglaubt...?“
bleibst in der Mitte, Dillinger deckt uns den Rücken.“
Dillinger war viel zu realistisch eingestellt, um
Sie setzten sich in Bewegung, langsam und zö-
Holzmanns Vermutung gleich als Tatsache zu akzep-
gernd, und doch von einem inneren Drang getrieben,
tieren.
der allen wahren Forschern zu eigen ist, ganz gleich,
ob eine Gefahr droht oder nicht. „Unsinn, Professor! Bestimmt Versuche einer Re-
Das Gras reichte bis zur Brust, aber es war nicht so gierungsstelle, die geheimgehalten werden sollen. Ich
dicht, um ein ernsthaftes Hindernis zu bilden. Holz- bekomme allmählich Bedenken, ob wir uns zeigen
mann trat einen Pfad, und die anderen folgten ihm im sollen. Man kann uns für Spione halten. Ziehen wir
Gänsemarsch. uns zurück, so lange es noch Zeit ist.“
Das Licht und das Summen schien näher zu kom- „Zurückziehen? Ohne Gewißheit erhalten zu ha-
men. ben?“
Plötzlich blieb Holzmann stehen und wartete, bis „Die Gewißheit, auf ewig in einem Gefängnis sit-
die Nachfolgenden gegen ihn prallten. zen zu müssen, würde Ihnen auch nicht viel nützen“,
„Pst!“ machte er warnend und legte die Finger auf gab der Assistent zurück. „Ich schlage vor, wir ma-
die Lippen, obgleich niemand das zu sehen vermoch- chen, daß wir hier fortkommen, und zwar so schnell
te. „Da vorn!“ wie eben möglich!“
Obwohl seine Worte nur ein Hauch waren, wurden Noch zögerte Holzmann.
sie verstanden. Der Lichtschimmer war wie ein Zaun, so scharf ab-
Atemlos und schweigend standen sie alle reglos da gegrenzt durchschnitt er die Dunkelheit der Nacht.
in der Nacht und versuchten, die Dunkelheit vor sich Vielleicht war es ein Zaun...!?
zu durchdringen. Natürlich, man sah das glockenför-
Er war nur noch wenige Meter entfernt. Ob man
mige Licht, aber mehr auch nicht.
nicht wenigstens versuchen sollte, ihn zu erreichen?
Oder doch...?
Schon wollte er weiterkriechen, um die letzten Me-
Ja, die Augen gewöhnten sich daran, Gegenstän-
ter bis zur Lichtgrenze zurückzulegen, da begann der
de zu erfassen, die hinter der Lichtglocke lagen. Und
Mann, der mit der Fliegenden Untertasse gekommen
zweifelsohne befand sich dort ein langgestrecktes, ab-
war, zu sprechen.
gerundetes Gebäude. Es schimmerte nicht etwa im
Glanz des Lichtes, sondern schien im Gegenteil alle Zum grenzenlosen Erstaunen Holzmanns sprach
Helligkeit in sich aufzusaugen. Dadurch sah es aus, als der Mann Englisch, wenn auch mit einem unverkenn-
sei das Gebilde vollkommen schwarz, noch schwärzer baren Akzent. Wahrscheinlich hatte er lange im Aus-
als der ohnehin dünke Hintergrund. land gelebt.
Wie Schatten bewegten sich einige Menschen hin „Hallo, Grudat, was muß ich sehen? Sie haben bald
und her. das Ergebnis? Wie lange dauert es denn noch?“
Der Professor sackte ein wenig zusammen und „Keine Ahnung“, gab der Wächter des Metallblocks
machte mit den Händen Zeichen nach hinten. zurück. „Das Ergebnis kann heute, aber auch erst
Vorsichtig und auf allen vieren kriechend schlichen in vier Wochen vorliegen. Ich habe Schwierigkeiten,
sie weiter, das heller werdende Licht als Richtungs- weil mir unsere Anlage zu kompliziert erscheint, eine
weiser benutzend. Allmählich konnte man — wenn verhältnismäßig einfache Sache zu bewältigen. Es ist
man sich aufrichtete — Einzelheiten erkennen. genauso wie mit den Radiosendungen, die wir nicht
Über ihren Köpfen war plötzlich ein feines Rau- aufnehmen können.“
schen, dann ein helles Summen. In den Lichtschein „Was würden Sie benötigen?“
15 TERRA

„Ein normales, einfaches Elektronengehirn, wie es Die FORTUNA hatte auf dem einsamen Plateau ge-
heute jederzeit und überall gebräuchlich ist. Wenn Sie nau den Platz gefunden, den sie zur Landung benötig-
etwas Derartiges besorgen könnten, Günter, wäre uns te. Die Lichtung besaß einen Durchmesser von fast ei-
geholfen.“ nem Kilometer, so daß das Schiff genügend Platz hatte
„Das begreife ich noch nicht, Grudat.“ und sogar waagerecht landen konnte. Nun lag es schon
einige Tage in dem hohen Gras im Schütze des Urwal-
„Ich gebe zu, daß es paradox scheint, aber es ist des, der nur von tropischen Pflanzen und einigen Tier-
nun einmal Tatsache. Zur Bestimmung des Zeitstro- arten belebt war. Menschen gab es hier oben nicht.
mes genügt normalerweise der Anzapfer — den ha-
Grudat hatte mit Hilfe des Schwerkraftkranes Rob-
ben wir. Zur Umrechnung jedoch ist Robby zu kom-
by aus dem Schiff geholt und draußen aufgebaut. Der
pliziert, verstehen Sie das? Robby ist gewohnt, mit
ständig wirksam bleibende Energieschirm lag wie ei-
ganz anderen Zahlen zu jonglieren. Hinzu kommt, daß
ne Glocke über dem Schiff und dem Landeplatz, so
er mit tatsächlichen Gegebenheiten rechnet, aber nicht
daß niemand unbemerkt eine Annäherung versuchen
mit relativen Begriffen, die nichts als vage Vorstellun-
konnte.
gen für ihn sind. Er kann nun einmal eine hypotheti-
Günter hatte von Maxwell die Aufgabe erhalten,
sche Annahme nicht in nüchternen Zahlen ausdrücken
die Erde und ihre Bewohner mit Hilfe des Beibootes
— wenn Sie mich da verstehen.“
regelmäßig zu beobachten, damit jede Überraschung
Der andere nickte. ausgeschlossen blieb. Der Hauptgrund für die Beob-
„Ja, jetzt glaube ich zu verstehen, was Sie meinen. achtung jedoch war, die geschichtlichen Kenntnisse
Aber Sie werden doch nicht behaupten wollen, daß ein aus eigener Erfahrung aufzufrischen. Später, wenn sie
einfaches Gehirn von heute, längst nicht so entwickelt in ihre Gegenwart zurückgekehrt waren, würde ihr Be-
wie die uns bekannten und geläufigen Geräte, diese für richt die Sensation des Jahrhunderts werden. Schließ-
Robby unlösbare Aufgabe bewältigen wird.“ lich war es bisher noch niemandem gelungen, nach ei-
nem mißlungenen Raumsprung zurückzukehren, aber
„Natürlich behaupte ich das! Allerdings nur mit Hil-
alle Anzeichen wiesen darauf hin, daß mehr als ein-
fe einer Kombinationsverbindung mit einigen Teilen
mal in die Vergangenheit geworfene Schiffe die Erde
Robbys.“
aufgesucht und überflogen hatten. Blieb nur die Fra-
Der Mann aus der Fliegenden Untertasse nickte ge zu klären: was hatten sie dann getan? Wo befanden
noch einmal vor sich hin, dann wandte er sich zum Ge- sie sich jetzt, wenn ihnen die Rückkehr versagt geblie-
hen. In der dunklen Wand des langen Gebäudes öffne- ben war? Wo befanden sie sich? In der Vergangenheit,
te sich eine Tür, helles Licht erstrahlte für Sekunden, in der Gegenwart? In der Zukunft? Oder gar in einem
dann war er verschwunden. anderen Raum?
Zurück blieb nur der Fremde an der Maschine. Günter dachte über diese Fragen nach, als er in die
Holzmann lag reglos und überdachte das Gehörte. FORTUNA kletterte, um dem Kommandanten Bericht
Was tat man hier in dieser Einsamkeit? Den Zeitstrom zu erstatten. Er kam in die Zentrale und blieb erstaunt
bestimmen? Was war denn nun das wieder für ein Un- an der Schwelle zu dem Kuppelraum stehen.
sinn? Maxwell stand in gespannter Haltung vor dem Bild-
schirm und beobachtete das, was vor ihm aufging.
Unwillig kroch Holzmann weiter und erreichte die Schweigend trat Günter hinzu und erschrak.
Lichtgrenze. Er packte seine Waffe fester und schob
Der Bildschirm war mit einer Kreiselkamera ver-
sich weiter vor.
bunden, die unentwegt im Kreise herumschwang und
Im gleichen Augenblick geschah es. alle Geschehnisse aufzeichnete, die sich rings um das
Sein Kopf stieß gegen ein unsichtbares Hindernis, Schiff in einem bestimmten Abstand abspielten. Ge-
das genau dort vorhanden sein mußte, wo die Gren- nau den Rand zwischen Energieschirm und Außen-
ze zwischen Dunkel und Licht verlief. Gleichzeitig welt tastete sie ab, langsam und abwartend. Eine elek-
verstärkte sich das immer gegenwärtige Summen und tronische Einrichtung sorgte dafür, daß bei der ge-
wurde zu einem infernalischen Heulen, 8as fast kör- ringsten Bewegung innerhalb des eingestellten Sek-
perlich wehe tat. tors verharrte.
Das war nun geschehen.
Holzmann fühlte eine merkwürdige Starre, die sich
auf seinen ganzen Körper erstreckte und ihn derart Dort hinter dem schwach schimmernden Energie-
lahmte, daß er keine Bewegung mehr machen konn- vorhang lauerte ein Mann. Deutlich war sein Gesicht
te. Er wußte nur noch, daß er in sich zusammensackte, zu erkennen, das ihn als Europäer oder Amerikaner
und daß Wally sich mit einem Aufschrei über ihn warf, identifizierte, auf keinen Fall aber als Eingeborenen.
als wollte sie ihn schützen. Dicht hinter ihm wurden zwei weitere Gestalten sicht-
bar, ein noch junges Mädchen und ein Mann.
Dann wurde es schwarz um ihn. Alle drei lagen dicht vor der Grenze des Lichtes und
es schien, als stritten sie sich. Dann schob sich der er-
* ste Mann weiter vor, dem Licht entgegen.
Wanderer zwischen drei Ewigkeiten 16

Maxwell griff seitwärts zu dem Hebel und verschob „Es ist mein Vater“, sagte das Mädchen, und beim
diesen um einige Zentimeter. Klang ihrer Stimme wäre Günter fast zusammenge-
„Sie scheinen nicht gerade feindlich eingestellt zu zuckt. Wie bekannt sie ihm vorkam — aber das war ja
sein, nur eben neugierig. Es hat wenig Sinn, sie durch Unsinn!
den Schirm zu töten. Die jetzige Kapazität wird sie be- Der andere Mann hatte seine Waffe sinken lassen.
täuben, sobald sie den Schirm berühren. Dann müssen
„Energiesperre?“ dachte er laut über das nach, was
wir sehen, was wir mit ihnen anfangen.“
Günter gesagt hatte. „Ist dies hier ein Laboratorium?“
Günter betrachtete das Mädchen mit besonderem
„Man kann es so nennen“, zögerte Günter um
Interesse. Sie war hübsch und jung und anziehend. Ihr
Sekunden. Dann gab er mit der Hand ein Zeichen
Gesichtsausdruck verriet Mut und Ausdauer, aber er
nach hinten. Sofort sank die schimmernde Lichtkup-
konnte sich vorstellen, daß es auch zärtlich und lie-
pel in sich zusammen, und zwischen ihm und den drei
bevoll sein konnte. Ob der eine Mann zu ihr gehörte?
fremden Menschen befand sich kein Hindernis mehr.
Dem Alter nach konnte es sein, denn der vordere der
„Kommen Sie, ich helfe Ihnen. Und Sie, junger Mann:
beiden Männer schien zu alt.
keine Dummheiten mit Ihrem veralteten Schießknüp-
Und dann geschah es. pel. Solche Dinger benutzte man im Mittelalter.“
Der ältere berührte mit der Stirn den Energieschirm
Dillinger betrachtete zweifelnd sein modernes Ge-
und wurde durch den erfolgenden Schlag regelrecht
wehr.
zurückgeworfen und betäubt. Das Mädchen warf sich
über den Körper des ihrer Meinung nach Toten und Eine Viertelstunde später richtete sich Professor
verriet somit eine enge, menschliche Bindung. Holzmann seufzend auf und betrachtete die ihn Um-
Vielleicht der Vater? stehenden mit verständnislosen Blicken, dann erst ent-
sann er sich dessen, was vorgefallen war. Ein Leuchten
Günter wandte sich an Maxwell.
ging über seine Züge.
„Wir müssen zu ihnen gehen, damit sie erfahren,
„Großartig, Ihre Energiewand! Ich bin glatt davor-
daß der Mann nicht tot, sondern nur in eine todesähnli-
gelaufen. Aber wer rechnet denn auch mit so etwas.
che Starre gefallen ist. Bei der Gegenbehandlung kann
Sie experimentieren hier im Auftrag der Regierung?
er in wenigen Minuten wieder wohlauf sein. Ich werde
Nun, ich will nicht neugierig sein, aber dürfen Sie mir
gehen.“
verraten, im Auftrag welcher Regierung?“
Er beeilte sich. So schnell er konnte, eilte er durch
den Gang, vorbei an einigen Mitgliedern der Besat- Günter blickte Maxwell an, der hinzugekommen
zung, die neugierig aus ihren Kabinen schauten. Mit war.
einem Satz befand er sich im Freien und blieb einen Der Kommandant räusperte sich.
Augenblick bei Grudat stehen. „Leider ist das geheim, daher verzeihen Sie mir,
„Wir haben Besuch“, sagte er. wenn ich Ihnen keine Auskunft geben kann. Eben-
„Schon bemerkt“, gab Grudat zurück. „Scheinbar so muß ich jede Auskunft über die Art unserer For-
aber keine Ahnung, was ein Energieschirm ist. Wol- schungsarbeit verweigern. Sie können froh sein, wenn
len Sie hin?“ wir Sie in die Zivilisation zurückbringen. Was tun Sie
Günter gab keine Antwort. Er tat einige Schritte auf überhaupt hier?“
die Grenze des Energieschirmes zu und blieb dann Holzmann betrachtete Maxwell, als habe er einen
dicht vor der Gruppe stehen. Mit Unbehagen sah er, seltenen Käfer vor sich, was in gewisser Hinsicht auch
wie der am weitesten hinten liegende Mann eine alt- stimmte. Dann meinte er:
modisch wirkende Waffe gegen ihn richtete und sagte: „Wir sind Forscher, mein Herr. Meine Speziali-
„Kommen Sie nicht näher! Was soll das Theater? tät sind versunkene Kulturen und besonders Zivili-
Sie haben den Professor niedergeschossen.“ sationen. Ich hatte schon gehofft, wenn ich ehrlich
Günter schüttelte den Kopf und protestierte: sein darf, hier auf der Felseninsel Reste einer einst-
„Unsinn! Er lief gegen eine Energiesperre, das ist mals hervorragenden Zivilisation zu finden. Leider
alles. Er ist nur betäubt und kommt gleich wieder zu entpuppte sich nun meine Entdeckung als eine gehei-
sich.“ me Forschungsstation einer mysteriösen Regierung.
Das Mädchen hob den Kopf und sah ihn an. Aus Und die Welt weiß nichts davon?“
ihren Augen strahlte etwas Undefinierbares, von dem Maxwell schüttelte den Kopf.
Günter nicht zu sagen vermochte, was es war. Erstes „Sie darf es auch nicht wissen. Wir werden Sie erst
flackerndes Hoffen war ebenfalls in ihnen, und das dann wieder freilassen können, wenn unsere Arbeiten
freute Günter besonders. hier beendet sind.“
„Haben Sie keine Angst, bitte. Ich glaube, es war Holzmann sah von seiner Tochter zu Dillinger.
alles nur ein Mißverständnis. Kommen Sie, helfen Sie
mir, Ihren Professor zum — zum Haus zu bringen. Er „Was meinen Sie dazu?“
benötigt ärztliche Hilfe.“ Der Assistent nickte.
17 TERRA

„Was bleibt uns anderes übrig? Regierungen sind „Ich werde es versuchen. Mit Hilfe des Strahlers
immer stärker als ihre Bürger. Wenn wir in die Zivi- wird es mir gelingen, jede Tür zu öffnen. Außerdem
lisation zurückkehren, werden wir die Öffentlichkeit nehme ich den kleinen Handneutralisator mit, der das
schon entsprechend unterrichten.“ Gehirn gewichtlos macht. Im Boot ist Platz genug.
„Das steht Ihnen selbstverständlich frei“, entgegne- Aber es wäre vielleicht besser, ich würde zunächst ein-
te Maxwell zur maßlosen Überraschung des Forscher- mal auskundschaften, wo so ein Ding steht.“
teams. Damit hatte niemand gerechnet, am allerwenig- „Sie meinen, sich ganz unauffällig unter die Bewoh-
sten Dillinger selbst. ner mischen und spionieren?“ erkundigte sich Max-
well erschrocken. „Wenn Sie nun erwischt werden?“
* Günter lächelte.
„Kaum. Ich werde als Beauftragter einer großen
Maxwell, Grudat und Günter waren zu einer Be- Firma reisen und versuchen, den Häusern elektroni-
sprechung zusammengekommen. sche Gehirne anzubieten. Wo eins vorhanden ist, wird
Grudat eröffnete die Sitzung. man mich abwimmeln. Und da werden wir es dann
später auch holen, wenn die Lage günstig ist. Meine
„Es genügt ein kleines Elektronengehirn, wie es in
hübsche Sekretärin wird das ihre dazu tun, daß man
großen Bankhäusern früher üblich war — eh — heute
mich höflich behandelt.“
üblich ist. Freiwillig wird man es uns kaum geben, al-
so müssen wir eins stehlen. Meinen bisherigen Überle- „Sekretärin?“ schnappte Grudat nach Luft. Seine
gungen nach kann der rückwärtige Verlauf des Prozes- Augen waren kugelrund vor Erstaunen.
ses, durch den wir in die Vergangenheit geworfen wur- „Nun, Miß Holzmann, meine ich. Wenn sie mir
den, nur während des kurzen Augenblicks erfolgt sein, hilft, verspreche ich ihr den sicheren Rücktransport in
in dem wir uns entmaterialisierten. Falls dieser Prozeß die Zivilisation. Sie haben den Vater, Maxwell, also
bei unserer Rückkehr normal verläuft, überwinden wir wird sie uns schon den Gefallen tun.“
zwar den Raum, nicht aber die Zeit. Wir würden al- „Weibergeschichten!“ knurrte Maxwell zweifelnd.
so vielleicht 200 Lichtjahre entfernt aus der Transiti- „Man sollte die Finger von den Frauen lassen, die brin-
on herauskommen, aber in der jetzigen Gegenwart. Es gen nur Unheil!“
geht also auch darum, diesen Prozeß wieder unnormal „Vielleicht sind die Frauen von der Vergangenheit
verlaufen zu lassen, allerdings im umgekehrten Sinne besser als unsere heutige Generation“, vermutete Gün-
wie zuvor.“ ter lächelnd. „Keine Sorge, ich werde mir schon die
„Und Sie glauben, daß wir es schaffen?“ fragte Finger nicht verbrennen.“
Günter. „Na gut, versuchen Sie es!“ stimmte Maxwell zu.
Grudat nickte heftig. „Morgen!“ versprach Günter. „Erst muß ich mit
„Selbstverständlich, denn es ist mir gelungen, die dem Mädchen reden.“ Und das tat er.
Ursache des Fehlers festzustellen. Eine Umpolung ge-
nügt, und er wiederholt sich — allerdings, wie schon *
gesagt, im umgekehrten Sinne. So genau wird sich al-
lerdings die Zeitspanne nicht berechnen lassen und es Das kleine Labor der FORTUNA hatte ihnen ausge-
kann geschehen, daß wir zwei oder drei Jahre später zeichnete Pässe und Ausweispapiere besorgt. Damit
herauskommen. Aber das wäre immer noch besser, als versehen drangen sie am anderen Vormittag bis zum
zwei oder drei früher. Es wäre mir peinlich, mir selbst Sekretariat einer angesehenen Bank vor.
zu begegnen. Wie sollte ich das meinem anderen Ich, Der Geschäftsführer erkundigte sich nach ihrem
das noch nichts davon weiß, erklären?“ Anliegen.
Maxwell grinste schwach. Er schien sich vorzustel- „Bedaure“, teilte er ihnen dann höflich mit, „aber
len, wie Grudat I dem Grudat II den Sachverhalt aus- wir besitzen ein ausgezeichnetes Gerät der Eastern
einanderzusetzen versuchte. Dann meinte er: Electric, mit dem wir vollauf zufrieden sind. Es be-
„Das primitive Elektronengehirn ist also die Lösung findet sich oben in der Rechenzentrale.“
unseres Problems? Eine Schande, daß uns Robby nicht Günter konnte es kaum fassen, daß in gewissem
helfen kann.“ Sinne seine Aufgabe bereits erledigt war.
„Er ist zu vollkommen!“ beendete Grudat die De- „Dürfte ich sie sehen?“ fragte er den eleganten
batte kurz und schmerzlos. „Also: wie kommen wir an Herrn, der so aussah, als wolle er gleich zu einem
so ein kleines Gehirn, das uns die Angaben errechnen diplomatischen Empfang gehen. „Sie müssen meine
kann? Der Zeitstromanzapfer arbeitet, aber Robby rea- Neugierde verstehen, aber es würde mich interessie-
giert nicht. Das kleine Gehirn würde uns das Ergebnis ren zu erfahren, um welches Modell und Baujahr es
bringen können.“ sich handelt. Sie ersehen aus meinen Papieren, daß ich
Sie hingen einige Minuten ihren Gedanken nach, Fachmann bin.“
dann sagte Günter sachlich: Der andere zögerte.
Wanderer zwischen drei Ewigkeiten 18

„Sie sehen aber doch, daß wir keinen Bedarf ha- dann erzähle ich Ihnen alles. Also: was möchten Sie
ben...“ am liebsten?“
„Nein, ich habe nicht mehr die Absicht, Ihnen einen Sie betrachtete nachdenklich die Auslagen eines
elektronischen Rechner zu verkaufen. Aber — sehen Geschäftes für Sportartikel und den irrsinnigen Ver-
Sie — diese Geräte sind für mich nicht nur Beruf, kehr auf der Straße.
sondern auch Hobby. Außerdem soll statistisch fest- „Wenn ich ehrlich sein soll: mich treibt nur die Neu-
gestellt werden, welche Gehirne sich augenblicklich gierde dazu, Ihnen nachzugeben. Aber bilden Sie sich
auf dem Markt, und welche sich in Betrieb befinden. nicht ein...“
Meist handelt es sich doch um ältere Typen.“ „Schon gut, Wally. Also: was stellen wir an?“
„Oh, da irren Sie, Herr — Herr Günter. Unser Mo-
dell ist das neueste, was es zur Zeit auf dem Markt *
gibt.“ Er sah Günters zweifelndes Gesicht und fühlte
sich an der Ehre gepackt. „Kommen Sie, ich werde es Das Unternehmen gelang, und bereits am anderen
Ihnen zeigen. Es ist leicht, nimmt wenig Platz ein und Tage begannen die Experimente. Günter hatte wenig
ist praktisch vollkommen. Kommen Sie, ich führe Sie. damit zu tun, und da Maxwell darauf verzichtet hat-
Es ist allerdings im obersten Stockwerk.“ te, ihn tatsächlich einzusperren, traf er sich heimlich
jenseits der Lichtung mit Wally.
Günter fand das äußerst günstig. Er nickte Wally zu
Währenddessen zapfte Grudat den Zeitstrom an und
und folgte dem Geschäftsführer zum Lift.
ließ die Werte durch das gestohlene Robotgehirn lau-
Er konnte nicht umhin, wenige Minuten später das fen. Dieses reagierte prompt und lieferte die exakten
fast zierlich wirkende Elektronengehirn gebührend zu Ergebnisse. Im Verlauf weniger Stunden konnte Gru-
bewundern. Daraus also, so dachte er flüchtig, hatte dat die genaue kosmische Zeit ermitteln und den Bord-
sich später einmal Robby entwickelt?“ Wirklich er- chronometer entsprechend einstellen. Nun besaß er
staunlich! auch die Grundlagen zu weiteren Berechnungen, de-
Mehr als das Gehirn betrachtete er seine Umge- ren Ergebnis die Stärke des Stromstoßes angab, der bei
bung, und er stellte fest, daß es ein leichtes sein würde, der umgekehrten Transition benötigt wurde, um die
nachts auf dem Dach des Wolkenkratzers zu landen, gewünschte Zeitdifferenz zu überspringen. Bei dieser
hier einzubrechen und das Ding zu stehlen. In einer Aufgabe wiederum wurde Robby benötigt.
halben Stunde konnte alles erledigt sein, vielleicht so- Gegen Mittag begab sich Grudat zum Kommandan-
gar schneller. Eine Alarmanlage gab es wohl kaum, da ten und erstattete Bericht. Hendra und Webbs befan-
die Gelder in den Gewölben unter der Erde lagerten den sich ebenfalls in der Zentrale, lediglich Günter
— wenn überhaupt. fehlte.
Er dankte dem Bankangestellten herzlich, gönnte „Er poussiert mit der Kleinen — Amor spickte ihn
ihm einen aufmunternden Blick von Wally und ver- mit Pfeilen“, vermutete Hendra nicht ganz unberech-
abschiedete sich dann freundlich. tigt. Maxwell nickte grimmig.
Auf der Straße angekommen, hakte er sich bei Wal- „Wenn er zurückkommt, verpasse ich ihm Kabinen-
ly ein. arrest. Bringt das Mädchen durcheinander, zerstört ei-
„So, damit hätten wir einen ganzen freien Tag vor ne Liebe und läßt sie dann einfach sitzen. Er kann doch
uns, Miß Holzmann — was fangen wir damit an?“ nicht hier bleiben! Also, Gudrat, was ist?“
Wally machte sich mit einem Ruck von seinem Arm „Alles klar. Nur möchte ich einen Test vorschlagen,
los. bevor wir endgültig starten. Ich möchte die geringste
„Wieso frei? Ich denke, wir wollen noch andere Menge an Energie durch den Transitor jagen — oh-
Bankhäuser aufsuchen?“ ne jedoch den Raumsektor zu aktivieren. So würde le-
„Nein, dieses eine genügt vollauf.“ Er zog einen diglich eine Zeitveränderung bemerkbar werden. Die
Stadtplan aus der Tasche, den er eben noch an ei- Dosierung der Energie muß so geregelt werden, daß
nem Kiosk gekauft hatte — selbst das Herstellen von es sich höchstens um eine Verschiebung weniger Mi-
Falschgeld war nach entsprechender Vorlage kein Pro- nuten in die Zukunft handelt. Unsere neu eingestellten
blem für Grudat gewesen — und bezeichnete das Uhren werden uns Aufschluß geben. Wir werden eine
Bankgebäude. „Das Haus ist leicht wiederzufinden — von ihnen außerhalb des Schiffes lassen, um die Dif-
auch in der Nacht.“ ferenz festzustellen. Denn die Uhren, die den Sprung
mitmachen, reagieren nicht. Sie zeigen vielleicht eine
Wally schüttelte den Kopf.
Sekunde an, während in Wirklichkeit auf der unbetei-
„Ich verstehe überhaupt nichts mehr. Wollen Sie ligten Uhr zwei Minuten vergangen sind. Ich benöti-
vielleicht dort einbrechen? Vielleicht das Elektronen- ge die genaue Kenntnis der erfolgenden Differenz, um
gehirn entwenden?“ den großen Sprung von 118 Jahren möglichst exakt
Günter grinste. durchzuführen.“
„Wenn Sie jetzt sehr brav sind und mir die Freu- Maxwell warf Hendra und Webbs einen schnellen
de machen, einen netten Tag mit Ihnen zu verleben, Blick zu.
19 TERRA

„Wir werden also jetzt eine Reise in die Zukunft treffen und schritten, eng umschlungen, zum Lager-
vornehmen?“ erkundigte er sich. platz der beiden ,Expeditionen’ zurück.
„In gewissem Sinne, ja!“ bestätigte Grudat mit Schon von weitem hörten sie die Rufe des Profes-
Nachdruck. Hendra sah sich suchend um. „Was ist mit sors und Dillingers. Unentwegt forderten die beiden
Günter? Wenn er sich außerhalb des Schiffes befindet, Wally auf, sich zu melden. Man schien in großer Sorge
macht, er den Zeitsprung nicht mit.“ um sie zu sein. Dann aber rief man auch nach Günter.
„Um so besser, dann haben wir in ihm eine Kon- Er hielt Wally bei der Hand und begann zu laufen.
trolle, die die Angaben der Uhr bestätigt — falls er „Es muß etwas geschehen sein, Wally. Nur wegen
es überhaupt bemerkt. Denn vor Dunkelwerden wird uns machen die nicht einen solchen Spektakel.“
er kaum von seinem Abenteuer zurückkehren.“ Max- „Da kennst du aber Vater schlecht!“ entgegnete das
well gab Grudat einen Wink. „Gut, bereiten Sie den Mädchen keuchend. „Der macht sich die größten Sor-
Versuch vor. Geben Sie dann Bescheid, wir möchten gen, wenn ich abends mal zehn Minuten später als
im Maschinenraum sein. Acht Augen sehen mehr als angekündigt nach Hause komme. Und heute war ich
zwei. Was ist mit Ihren Leuten?“ „Sind alle an Bord.“ schließlich programmwidrig den ganzen Tag weg —
„Niemand soll das Schiff verlassen. Ich will inzwi- dazu, mit einem fremden Mann.“
schen versuchen, Günter zu finden.“ Er lachte.
Natürlich fand er ihn nicht. Fast wären sie gegen Dillinger gerannt, der ihnen
entgegenkam. Günter machte sich darauf gefaßt, mit
Dillinger gab nur mürrisch Auskunft. Man sah ihm
Vorwürfen empfangen zu werden und beschloß, dem
an, daß er die verdammte Regierungsstation für sein
Burschen dann gleich das Fell zu versohlen. Aber wie
Mißgeschick verantwortlich machte. Professor Holz-
erstaunt war er, als Dillinger mit keinem Wort sei-
mann stöberte irgendwo auf der Insel herum und such-
ne Erbitterung gegen ihn verriet, sondern nur atemlos
te weitere Überreste verlassener Dörfer.
hervorstieß:
Ja, und Miß Holzmann hatte allen Grund, sich nicht „Was ist mit Ihren Leuten los, Günter? Sagen Sie
sehen zu lassen, ebenso wie Günter. jetzt endlich, woran Sie experimentieren.“
Die beiden waren quer durch den lichten Wald Günter verspürte ernstes Unbehagen. Was war ge-
gewandert, Arm in Arm, und suchten nach einem schehen?
Versteck, in dem sie niemand überraschen konnte. „Sie müssen schon etwas deutlicher werden, Dillin-
Das Mädchen fühlte eine unbegreifliche Zuneigung zu ger. Sie wissen genau, daß es sich um geheime Regie-
dem ihr gestern noch Fremden, und wenn er auch sein rungsaufträge handelt.“
Versprechen, ihr alles zu erzählen, nicht gehalten hat- Der Professor kam hinzu. Bewegt schloß er sein
te, so verzieh sie ihm das. Sie hatte auch jedes Inter- Töchterchen in die Arme und bedachte Günter mit ei-
esse daran verloren, ihn auszuhorchen, wie Dillinger nem vorwurfsvollen Blick. Dann sagte er:
und ihr Vater ihr das aufgetragen hatten. Und für alles „Ich bin froh, daß wenigstens Sie noch da sind. Zu-
dieses gab es nur eine einfache Erklärung: sie liebte erst glaubte ich, es handele sich um Lichtspiegelun-
Fred Günter mit der ganzen Kraft ihrer ersten, wirkli- gen, aber dann konnte ich doch feststellen, daß ich
chen Liebe. mich nicht täuschte.“
Sie erreichten den Rand der Insel und schauten lan- Günter riß der Geduldsfaden. Er schob Dillinger
ge Minuten schweigend hinab auf die weite Ebene, die einfach zur Seite und eilte die wenigen Schritte bis
sich bis zum Horizont dehnte. Die Fieberdünste des zum Lagerplatz vor.
Amazonas lagerten wie Nebel über der grünen Hölle, Als er am hohen Grase stand und den ausgetretenen
aber weit genug entfernt, um keine Gefahr zu bedeu- Pfad voranlief, suchte er nach dem Anzeichen eines
ten. Hier oben war die Luft frisch und rein. außergewöhnlichen Ereignisses. Aber vergeblich. Es
Ein zugewachsener Pfad führte in die Tiefe, und sie war alles, wie es immer war.
gingen ihn ein kurzes Stück. Hier würde sie niemand Lediglich als er näher kam und die hohen Gräser
vermuten. Sie fanden eine kleine Plattform, mit Gras nicht mehr seine Sicht behinderten, stockte er plötz-
und Moos bewachsen, auf der sie sich niederließen. lich.
Mit dem Rücken lehnten sie gegen die Felswand. Der Platz, an dem die FORTUNA gelegen hatte,
Günter nahm Wally in die Arme und küßte sie. Sie war leer.
drängte sich an ihn und erwiderte seinen Kuß. Sie Das Raumschiff war verschwunden...
sprachen nicht viel, und die Zeit verging für sie wie
im Fluge. *
Die Sonne erreichte ihren höchsten Punkt und be- Mit einem Schlag erkannte er, was der Professor ge-
gann zu sinken. meint hatte.
Günter erschrak, als er den plötzlichen Einbruch der Als Günter gegen vier Uhr noch nicht zurück war,
Nacht bemerkte. Fast überhastet brachen sie auf, ver- entschloß sich Maxwell, den Versuch ohne ihn durch-
sprachen, sich am anderen Tage gleich hier wieder zu zuführen. Grudat hatte alles soweit vorbereitet, und
Wanderer zwischen drei Ewigkeiten 20

die Männer versammelten sich im Maschinenraum. Sekunden — eingeschlossen der Vorbereitungen. Tat-
Die Mannschaft wurde instruiert und angewiesen, sich sächliche Transitionszeit knapp zwei Sekunden. Ge-
in ihren Kabinen aufzuhalten. hen wir.“
Grudat zeigte auf das Gehäuse des Transitors. Maxwell ergriff die Initiative und schritt voran. Als
„Wenn das in der Praxis geschieht, was ich theo- sie auf dem Gang waren, öffnete sich eine Tür und
retisch ausgearbeitet habe, kehren wir mit einer gut einer der Mannschaft, ein Navigator, erkundigte sich
funktionierenden Zeitmaschine in unsere Gegenwart höflich, ob alles vorüber sei und man Spazierengehen
zurück. Aber ich bin — ehrlich gesagt — viel zu skep- könne. Maxwell vertröstete ihn auf zehn Minuten.
tisch, um an einen restlosen Erfolg zu glauben. Sicher, Dann wurde die Schleuse, die man vorsichtigerwei-
wir werden den Sprung in die Zukunft jetzt vollbrin- se geschlossen hatte, geöffnet und man verließ das
gen, auch wenn es nur um Minuten geht, aber ich weiß Schiff.
nicht, ob wir ihn nun auch wieder rückwärts machen Im ersten Augenblick schien alles unverändert.
können.“ Dann aber erschraken die Männer, als sie die Ein-
„Das verstehe ich nicht“, meckerte Webbs, der Fun- zelheiten erkannten, und wie ein Schleier legte sich
ker. „Was in der einen Richtung möglich ist, muß auch das erste Dämmern der unfaßlichen Wahrheit auf ihr
in der anderen möglich sein. Sonst wären wir ja gar Gehirn.
nicht auf den Gedanken gekommen, nach dem Rutsch Die Zelte der Holzmann-Expedition waren ver-
in die Vergangenheit nun den in die Zukunft zu versu- schwunden. Kein Anzeichen wies überhaupt darauf
chen.“ hin, daß hier jemals Zelte gestanden hatten. Alles war
„Die Antwort liegt in der nur teilweise geklärten mit dichtem Gras bedeckt, und als Grudat hinzutrat
Struktur des kosmischen Zeitstroms, der für alle Uni- und mit dem Fuß an der Lagerstelle herumstocherte,
versen Gültigkeit zu haben scheint. Es würde zu weit förderte er einige Konservendosen zutage — verbeult
führen, wollte ich Ihnen das erklären. Kurz gesagt: der und total verrostet, als hätten sie jahrelang im Freien
Sprung in die Vergangenheit ist vorerst reiner Zufall gelegen, und nicht erst seit gestern.
ohne vorherige Berechnung, der in die Zukunft jedoch Das Elektronengehirn stand unverändert. Aller-
kann nach genauer Vorherberechnung folgen. Ist das dings entdeckten sie es erst nach langem Suchen, denn
soweit klar?“ es war über und über mit Schlingpflanzen bedeckt und
Webbs nickte, aber man sah ihm an, daß es keines- fast zugewachsen. Aber es stand noch da, ein Zeichen,
falls so klar zu sein schien. Ebenfalls Maxwell und daß niemand es je gefunden hatte.
Hendra bestätigten ihren ehrlichen Versuch, das Un- Einige der Bäume waren inzwischen erheblich ge-
begreifliche zu begreifen. Grudat nickte befriedigt. wachsen und größer geworden, ebenso schien der
„Na, dann können wir ja. Draußen vor dem Schiff Rand, des Waldes näher gekommen zu sein und damit
befindet sich die Kalenderuhr. Das kleine Robotgehirn die Lichtung kleiner.
ebenfalls. Wir können es übrigens dem Bankhaus wie- Maxwell stöhnte, bevor er Grudat fragte:
der zurückbringen, denn ich benötige es nicht mehr. „Minuten, Grudat? Ich frage Sie, wieviel Jahre sind
Und soweit ich orientiert bin, sind Holzmann und Dil- vergangen, seit wir vor zehn Minuten mit dem Versuch
linger in den Wald gegangen, wahrscheinlich um unser begannen? Es müssen Jahre sein, mindestens zehn!“
Liebespaar zu suchen. Wie ich Günter kenne, werden Der Ingenieur nickte zögernd.
sie da wenig Glück haben.“ „Zweifellos unterschätze ich die Leistungsfähigkeit
Er beugte sich zu dem Transitor hinab und vollführ- des Transitors als Zeitmaschine. Was mag mit Günter
te einige blitzschnelle Handgriffe, die auf jahrelange geschehen sein?“
Übung schließen ließen. Dann sah er auf. Jetzt erst schien sich Maxwell an seinen Ersten Of-
„Sie werden nichts spüren — hoffe ich. Eine Raum- fizier zu erinnern.
veränderung geht nicht vor sich. Und physisch werden „Günter? Bei allen Raumgeistern, er muß um Jahre
wir nicht einmal älter.“ gealtert sein — aber ich sehe ihn nicht.“
Er betätigte einen Schalter, schien auf irgend etwas Hendra schüttelte den Kopf und bedachte seinen
zu lauschen und nickte befriedigt, als er die sich be- Kommandanten mit einem vorwurfsvollen Blick.
wegenden Zeilen der Lichtskala bemerkte. Auf einem „Es ist kaum zu erwarten, Captain, daß Günter sich
kleinen Bildschirm entstand ein Diagramm. hierher stellt, um zehn oder zwanzig Jahre auf uns zu
Dann schaltete Grudat den Transitor aus und die warten. Denn soviel Zeit ist bestimmt vergangen. Wir
Energiezufuhr ab. Langsam richtete er sich auf. werden es mit Hilfe des Robby-Säuglings herausfin-
„Ja, das wäre alles. Ich hoffe, Sie sind nicht zu sehr den — falls das Ding noch funktioniert.“
enttäuscht. Und jetzt wollen wir mal nachsehen, wie- Jetzt erst bemerkten sie die Hütte.
viel Zeit inzwischen draußen vor dem Schiff verstri- Webbs, der ewig Neugierige, entdeckte sie unter ei-
chen ist. Bei uns in der FORTUNA waren es genau“ ner kleinen Baumgruppe, die vor zehn Minuten noch
— er blickte auf die Uhr — „eine Minute und zehn nicht vorhanden war. Grudat hielt ihn zurück.
21 TERRA

„Seien Sie vorsichtig, Webbs. Bedenken Sie, daß kommt, um nach uns zu schauen? Er kann doch gar
wir praktisch aus dem Nichts, aus der Zeit nämlich, nicht wissen, was geschehen ist.“ „Sie unterschätzen
aufgetaucht sind. Wir wissen nicht, wer sich da häus- Günter, lieber Grudat“, entgegnete Hendra mit leich-
lich niedergelassen hat, aber es könnte sein, daß er tem Vorwurf. „Ich glaube, er hat sehr genau begrif-
sich zu Tode erschreckt, wenn er das Schiff hier lie- fen, daß für uns Sekunden, für ihn aber Jahre verge-
gen sieht. Immerhin müssen wir nachsehen.“ hen können. Als er zurückkam und den leeren Platz
Sie näherten sich vorsichtig der einfachen Behau- sah — vor einer Viertelstunde, vor zehn oder zwanzig
sung und stellten fest, daß die Tür zwar geschlossen, Jahren, was weiß ich? — erriet er sofort, was gesche-
aber nicht verschlossen war. Sie ließ sich leicht öffnen. hen war. Und nun muß er natürlich warten, bis wir das
Das Innere der Hütte bestand aus einem großen Zeitfeld wieder verlassen und sozusagen materialisie-
Raum mit Schlafnische und Küche, einem großen ren. Da er aber jetzt nicht hier ist und nur in Abständen
Tisch am Fenster, das zur Lichtung und damit zur zu kommen scheint, glaube ich Grund zu der Annah-
FORTUNA führte, einigen Schränken und anderen, me zu haben, daß schon eine schöne Zeit verstrichen
lebenswichtigen Gegenständen, auf die auch ein Ein- ist, seit wir hier verschwanden. Hole den Teufel alle
siedler nicht verzichten mochte. Zeitreisen!“
Wo aber war dieser Einsiedler? Und — wer war er? Maxwell runzelte die Stirn.
Webbs starrte mit einiger Überraschung auf das Ge-
„Wir werden es erfahren!“ knurrte er wütend, ohne
rät, welches auf dem Tisch stand. Es erinnerte an einen
zu wissen, warum er so unwillig war.
Koffer, war jedoch zu klobig dazu. Vorsichtig trat er
näher und hob den Deckel ab. Webbs kehrte zurück und begann mit seinen Vorbe-
Ein Tonbandgerät. Dabei ein Brief, etwas vergilbt, reitungen. Niemand der Männer dachte daran, die Um-
aber deutlich konnte man noch die Adressierung lesen: gebung der Hütte zu untersuchen oder sich gar wei-
„An Maxwell, Kommandant der FORTUNA!“ ter umzusehen, jeder war viel zu gespannt darauf, was
Webbs reichte Maxwell den Brief und man sah sei- Günter ihnen zu sagen hatte. Sie alle erhofften sich
nem Gesicht deutlich an, daß er allmählich begann, an viel von dieser Nachricht, zumindest eine Aufklärung
Gespenster zu glauben. darüber, wieviel Zeit inzwischen verstrichen war. Be-
Maxwell erging es kaum anders. sonders Grudat war daran interessiert, denn mit Hil-
fe von Robby ließ sich dann leicht errechnen, wie-
„Von Günter?“ vermutete er und wußte, daß ihm
viel Energie wirklich benötigt wurde, um eine gewis-
wohl in dieser Zeit niemand anders einen Brief schrei-
se Strecke innerhalb des Zeitstroms zu schwimmen —
ben konnte.
wenn man es einmal so ausdrücken durfte.
„öffnen Sie ihn!“ forderte Grudat den Captain erregt
auf. „Vielleicht erfahren wir etwas!“ Endlich war Webbs soweit.
„Aber wenn...“, begann Maxwell, schwieg dann je- Das Band lief an, und schon ertönte Günters ver-
doch und riß den Umschlag auf. Heraus kam ein wei- traute Stimme. Es war, als befände er sich mitten unter
ßer Bogen, auf dem nur wenige Worte standen. Neu- ihnen...
gierig beugten sich alle vier Männer herab, um es
gleichzeitig lesen zu können: „Ihr Freunde — wenn ihr meine Stimme vernehmt,
„Webbs soll das Tonband einschalten und den Ent- ist euer kurzes Zeitexperiment beendet. Vorausgesetzt,
zerrer X 13 dazwischenhalten. Beste Grüße, Fred ihr hört meine Stimme überhaupt! Jedes Jahr komme
Günter.“ Das war alles! ich vier oder fünfmal zu dieser Hütte und überzeuge
mich davon, daß die FORTUNA noch nicht aus dem
Maxwell ließ den Brief sinken. „Was bedeutet das
Zeitfeld zurückgekehrt ist. Und jedesmal muß ich ei-
mit dem Verzerrer?“ fragte er Webbs.
nige Dinge auf dem Band ändern, Dinge, die inzwi-
Der Funker hatte sich von seinem Schrecken erholt.
schen durch die Ereignisse einfach überholt wurden.
„Der Text auf dem Band wurde mit dreizehnfacher Ich lasse dieses Band hier abhörbereit in der Hütte,
Geschwindigkeit aufgenommen, ich muß also umspu- damit ihr wißt, daß ich noch lebe und auf euch war-
len und dabei normalisieren. Das geschieht einfach, te. Wir befinden uns jetzt im Jahre 1970, und das ist
indem ich den Entzerrer dazwischenschalte. Es ist der 7. Mai. Ende Juli werde ich erneut kommen und
schwer, das einem Laien zu erklären. Warten Sie hier, das Band ändern. Ich wage nicht zu hoffen, daß die
ich hole den Entzerrer und eine Batterie.“ Weg war er. FORTUNA inzwischen eintrifft...
Maxwell schaute hinter ihm her und verdaute die
Tatsache, daß ihn sein Untergebener als ,Laien’ be- Vor 18 Jahren jetzt, versuchte Grudat, einen Zeit-
zeichnet hatte. Das war doch...! sprung von wenigen Minuten vorzunehmen. Bis heute
Aber schließlich hatte Webbs ja nicht gerade un- kehrte die FORTUNA nicht zurück. Bis heute, sage
recht. ich, denn heute kehrte sie zurück, denn sonst würdet
ihr ja dieses Band nicht hören können.
Grudat sah sich in der Hütte um. „Er scheint noch
vor kurzem hier gewesen zu sein, darauf lassen eini- Als ich vor 18 Jahren den Landeplatz verlassen vor-
ge Tatsachen schließen. Ob er regelmäßig nach hier fand, erriet ich leicht die Zusammenhänge. Ich wußte,
Wanderer zwischen drei Ewigkeiten 22

daß nur Sekunden für die Insassen der FORTUNA ver- ich gelangte zu der Überzeugung, daß außer der FOR-
gehen würden, für mich vielleicht Tage, Wochen oder TUNA auch noch andere Schiffe unserer Zeit in diese
gar Jahre. Es wurden fast zwei Jahrzehnte. Vergangenheit, in der ich mich befand, geraten sein
Wally Holzmann und ich verlobten uns an jenem mußten.
Tage, da die FORTUNA verschwand. Dillinger erwies Und dann, vor vier Jahren nun, starb Wally an den
sich als anständig genug, mir die Sache nicht nach- Folgen eines Verkehrsunfalls. Ausgerechnet ein altes
zutragen. Gemeinsam warteten wir zehn Tage, dann Benzinmodell mußte sie überfahren und töten. Mein
stiegen wir in die Ebene, wo Holzmann ein Flugzeug Sohn Max und ich waren untröstlich, aber auch die
erwartete. Mein Flugboot ließ ich hier auf der Insel, Kunst der Ärzte vermochten nicht, ihr zu helfen.
um es später zu holen. Ebenso ließ ich den kleinen Von nun an war ich einsam und allein. Max studier-
Robby hier, damit Ihr Berechnungen anstellen könnt, te und sah mich nur selten. Wir hatten uns gern, aber
wenn Ihr zurückkehrt. stets stand so etwas wie ein Geheimnis zwischen uns.
Mit meinen Papieren tauchte ich in der “ Welt un- Es war, als ahne er etwas, wagte aber nicht, mich nach
ter und wurde Fred Günter, der Vertreter einer grö- der Wahrheit zu fragen. Vielleicht hatte Wally einmal
ßeren Firma. Wally und ich heirateten und wir zogen geplaudert.
nach Deutschland. Während Dillinger nichts von mei- Ich besaß viel Zeit und verbrachte ganze Monate auf
ner wahren Geschichte erfuhr, klärte ich Holzmann der Insel. Diese Hütte wurde meine Heimat, und die
auf. Aber er glaubte mir nicht. Er meinte, es sei nur Pfade, auf denen ich mit Wally gewandelt war, mei-
ein Trick, die wahre Arbeit einer ihm unbekannten Re- ne Kirche. Ich vermißte sie sehr und wußte, ich würde
gierung zu verschleiern. Auch Wally blieb skeptisch niemals mehr einen Menschen so lieben können.
und riet mir, zu niemandem darüber zu sprechen. Und Mein Leben hatte keinen Inhalt mehr, nur noch den,
so blieb mein Geheimnis gewahrt, obwohl ich es zwei meinem Sohn eine gesicherte Zukunft zu geben —
Menschen mitgeteilt hatte. und auf die FORTUNA zu warten. Heute bin ich acht-
Einige Jahre später starb Holzmann, und Dillinger zehn Jahre gealtert und vielleicht erkennt ihr mich
verschwand ganz aus meinem Leben. Wie ich hörte, nicht mehr wieder. Aber Sie, Captain Maxwell, wer-
kam er bei einer Expedition in Asien ums Leben. Nun den einen so leidgeprüften Mann wie mich auch nicht
wußte nur noch Wally von meiner Herkunft — und sie mehr bestrafen können. Ich habe meine 18 Jahre in der
zeigte mit keiner Silbe, daß sie mir glaubte. Vergangenheit abgesessen, ohne daß Sie eine Sekunde
versäumten. Nun also warte ich. Vielleicht werde ich
Ich fuhr kurze Zeit später nach Amerika, charterte bald ganz in die Hütte übersiedeln und für immer hier
ein Flugzeug und suchte diese Felseninsel auf. Aber bleiben. Zu bieten hat mir diese Welt ohnehin nichts,
noch war die FORTUNA nicht zurückgekehrt. Ich die — der Geschichte nach — bald in ein neues Sta-
entließ den erstaunten Piloten und kehrte im Schüt- dium treten wird. Es ist zu schade, daß ich mich nicht
ze der Nacht mit dem Beiboot nach Deutschland zu- mehr so genau der Einzelheiten erinnere, sonst wür-
rück. Da wir in einer bewaldeten Gegend recht ein- de ich mir den Spaß machen, einige Dinge öffentlich
sam wohnten, bereitete es keine Schwierigkeiten, das vorauszusagen. So aber kann ich sie zumindest beob-
Boot heimlich unterzubringen, zu starten und zu lan- achten.
den. Von nun an begleitete mich Wally auf meinen re-
Und nun habe ich eine Bitte, Kommandant: warten
gelmäßigen Flügen nach hier. Wir bauten mit unseren
Sie mit der FORTUNA, bis ich nach dort komme. Ver-
eigenen Händen diese Hütte und verbrachten herrli-
lassen Sie nicht ohne mich diese Insel — und diese
che Wochen und Monate. Hier lebten wir in der Er-
Zeit. Berechnen Sie das Datum und warten Sie. Es ge-
innerung an den Beginn unserer Liebe, die nichts von
nügt aber auch, wenn Sie sich mit Ihrem Schiff, der
ihrem ursprünglichen Reiz eingebüßt hatte.
Menschheit zeigen. Ich werde davon hören und wis-
Knapp ein Jahr nach unserer Hochzeit wurde uns sen, daß die FORTUNA zurückkehrte. Ohne Abschied
ein Sohn geboren, der demnach heute bereits sieb- werde ich meinen Sohn verlassen und kommen, denn
zehn Jahre alt ist. Er heißt Max Günter, nach meinem alles andere würde die Zukunft ändern müssen.
Freund Maxwell benannt. Ich hoffe, damit sein zor- Ende Juli also ist der nächste Termin. Dann komme
niges Gemüt zu beruhigen, denn ich vergaß niemals, ich im August wieder und bleibe für immer. Ein Ton-
daß für ihn nur Sekunden vergingen und seine Wut auf band werde ich dann nicht mehr nötig haben, denn ich
mich noch frisch sein muß. warte selbst auf euch, solange, bis die Frist des Zeitex-
Die Jahre vergingen und ich verdiente genügend periments meine natürliche Lebensspanne übertrifft.
Geld, außerdem hatte uns Holzmann einiges hinter- Ich hoffe nicht, daß dieses Ereignis jemals wahr
lassen. Das Auftauchen meines Flugbootes blieb nicht wird.“
immer unbemerkt, und man sprach sehr häufig von
Fliegenden Untertassen, die man für alles mögliche *
hielt, aber niemals für eine Erfindung der Zukunft, rein
zufällig in die Vergangenheit geraten. Doch auch wenn Das Tonband lief aus, nachdem Günters Stimme
ich zu Hause weile, tauchten die Meldungen auf und verstummte.
23 TERRA

Schweigend starrten die Männer auf das Gerät, bis So schnell er konnte, begab er sich dann zu der einsa-
Maxwell sich räusperte. men Hütte, wo er Günter erwartete.
„Also sind achtzehn Jahre vergangen. Günter lebt, Die FORTUNA lag irgendwo im Dunkel, man
das ist ein Lichtblick. Und jetzt haben wir ein Datum, konnte sie nicht sehen. Heimlich freute sich Maxwell
das zwischen dem 7. Mai und Ende Juli liegt, Grudat, auf den Schreck, den Günter wohl bekommen mußte,
wie lange wird es dauern, bis wir das Datum errechnet wenn er so plötzlich angesprochen wurde. Aber we-
haben?“ nigstens eine kleine Strafe gönnte er ihm doch.
Der Ingenieur lächelt hintergründig. Rein psychologisch gesehen war das verständlich,
„Das kommt darauf an, wann der nächste Nachrich- denn für ihn war ja die Zeitspanne der Trennung nur
tendienst durchgegeben wird. Günter hat vergessen zu kurz gewesen, und wenn er auch von dem gewaltigen
erwähnen, daß er ein Koffergerät besitzt. Dort drüben Unterschied wußte, so konnte er die 18 Jahre doch im-
steht es. Stellen wir es an und warten wir. Eine Be- mer nur subjektiv betrachten und bewerten.
stätigung durch Anzapfen des Zeitstromes kann dann Maxwell ließ Günter an sich vorbei und gab ihm
immer noch erfolgen. Hauptsache ist, wir wissen etwa, somit Gelegenheit, die Hütte zuerst zu betreten. Licht
wie lange wir auf Günter zu warten haben.“ flammte auf, dann wurde der erstaunte Ausruf Günters
Sie hatten Glück. Das Radio funktionierte, und es hörbar.
zeigte sich, daß die erste Monatshälfte des Juli gerade Er hatte die Anwesenheit von Menschen bemerkt.
vergangen war. Das Datum lautete: 16. Juli 1970. Das Tonband stand an einer anderen Stelle, das Fen-
„Nun, vierzehn Tage Zeit haben wir schon, da ist ster war geöffnet und...
es gar nicht nötig, die FORTUNA unnütz in Gefahr In die nachfolgende Stille klang Maxwells Stimme:
zu bringen. Bleiben wir eben noch zwei Wochen hier. „Na, endlich vom Spaziergang zurück?“
Nur schade, daß wir nicht wenigstens mit dem zweiten
Günter schnellte herum, als habe ihn eine Natter ge-
Beiboot einige Flüge unternehmen können.“
stochen. Mit aufgerissenen Augen starrte er Maxwell
Maxwell fragte Grudat erstaunt: an, der in den Bereich des Lichtes trat.
„Warum denn nicht?“ „Maxwell! Endlich!“
„Weil es mir zu gefährlich erscheint. Sie haben doch Das war alles, und in diesem Aufschrei lag das gan-
eben alle die Nachrichten gehört? Nun, dann wissen ze Warten zweier Jahrzehnte. Aber Maxwell konnte
Sie auch, welche Fortschritte in den vergangenen acht- nicht sofort antworten. Er hatte sich wahrscheinlich
zehn Jahren gemacht wurden. Es gibt bereits Raumsta- keine Gedanken darüber gemacht, wie sehr 18 Jahre
tionen und bemannte Raumraketen, wenn auch nur in einen Menschen verändern konnten.
beschränktem Umfange und mit geringen Geschwin-
digkeiten und Aktionsradius. Immerhin bedeuten sie Günter trug einen kräftigen Vollbart und besaß ei-
eine Gefahr. Günter wird die Verhältnisse kennen, er ne stark gebräunte Haut. Älter war er geworden, sehr
ist gewissermaßen mit ihrer Entwicklung gealtert. Wir viel älter. Aber aus seinen Augen leuchtete die alte Le-
aber wissen nur, daß man uns sofort entdecken kann. bensfreude und Zuversicht, und jetzt verrieten sie so-
Aber wir wissen nicht, welche Waffen inzwischen ent- gar Glück. Er streckte Maxwell die Hände entgegen
wickelt wurden.“ und eilte auf ihn zu.
Maxwell nickte langsam. „Maxwell — alter Freund! Daß ich Sie noch ein-
mal wiedersehen darf! Fast habe ich nicht mehr daran
„Das klingt sehr logisch, Grudat. Also warten wir.
geglaubt und vermutet, Sie wären für immer mit der
Es wird uns kaum etwas anderes übrigbleiben, wenn
FORTUNA im Abgrund der Zeit verschwunden. Wie
wir Günter nicht zurücklassen wollen. Und davon
geht es den anderen?“
kann keine Rede sein.“
Der Kommandant hatte seine Erschütterung über-
Sie verließen die Hütte und kehrten zur FORTUNA
wunden.
zurück.
„Gut, allen gut. Man erwartet Sie, Günter. Mein
* Lieber, Sie sind alt geworden...“
Günters Gesicht verdüsterte sich.
Pünktlich am 30. Juli 1970 landete die Flugscheibe „Das ist eigentlich das einzige, was mich schmerz-
auf der Lichtung. Es war Nacht, und die FORTUNA lich berührt. Sie alle wurden nur um Minuten, Tage
lag in völliger Dunkelheit. oder Wochen älter — ich weiß nicht, wie lange Sie
Aber der Wachhabende hatte die Annäherung der hier auf mich warten — aber ich lebte 18 Jahre. Ich
Scheibe bemerkt. habe versuchte, es rein philosophisch zu erfassen, aber
Da es sich nur um Günter handeln konnte, wur- es ist mir nicht gelungen. Ich war in Ihrem Alter, und
de kein Alarm gegeben, aber Maxwell weckte man heute könnte ich leicht Ihr Vater sein. — Gelang das
wunschgemäß. Experiment?“
Der Kommandant schreckte aus seinem Schlummer „Im Grunde ja. Wir können es jetzt wiederholen,
hoch, fuhr dann in die Uniform und eilte zur Schleuse. um gleich einen Sprung von hundert Jahren zu tun.
Wanderer zwischen drei Ewigkeiten 24

Dann befinden wir uns wieder in unserer Gegenwart, Der Nachmittag verging und der Abend sank herab.
und all dies hier bleibt zurück wie ein Traum. Aber Schnell wurde es dunkel. Und dann erfolgte der
wenigstens wissen wir, wo alle jene Schiffe blieben, Start der FORTUNA.
die während der Transition verschwanden. In der Ver-
Leicht und sicher erhob sich das gewaltige Schiff
gangenheit! Und nicht eines von ihnen kehrte zurück.
auf seinen unsichtbaren Kraftfeldern und strebte laut-
Wir werden die ersten sein!“
los in das sternenübersäte Halbdunkel der irdischen
„Vielleicht gibt es welche, die nicht zurückkehren Nacht. Schnell sank die Erdkugel unter ihm hinweg,
wollten“, sagte Günter flach. rundete sich vollends und wurde zu einer leuchtenden
Maxwell sah ihn forschend an. Sichel.
„Glauben Sie?“ In der Zentrale überwachten Maxwell und Hendra
Der Erste Offizier nickte langsam. den Bildschirm, während Günter zum letzten Male
„Für einen Menschen der Zukunft hat die Vergan- versuchte, Nachrichten von der Erde mit seinem Kof-
genheit ihre Reize, ganz abgesehen von den materi- ferradio aufzufangen. Es gelang, allerdings waren die
ellen. Einige harmlose Tips von mir haben Erfinder Worte kaum verständlich und nur sehr leise, von Se-
auf die tollsten Ideen gebracht. Wenn ich mir über- kunde zu Sekunde schwächer werdend.
lege, welches Leben ich zu führen vermöchte, wenn Und fast zur gleichen Zeit erlebten die drei Männer
ich meine Tips selbst auswerten würde...! Glauben Sie ihre große Überraschung.
mir, Maxwell, wenn ich nicht so an der FORTUNA Hendra stieß plötzlich einen erstaunten Ruf aus und
hinge, und wenn Wally nicht gestorben wäre, ich wür- zeigte auf den Schirm.
de es mir noch überlegen, ob ich mit Ihnen zurück-
kehrte.“ „Da — eine Rakete! Sie verfolgt uns!“ Während
Maxwell sprachlos das unglaubliche Geschehen ver-
Maxwell schüttelte den Kopf.
folgte, sah Günter auf und nahm den Gegenstand nä-
„Sie müßten, Günter. Es wäre Ihre Pflicht!“ her in Augenschein, der durch das Dunkel des Alls
„Ja, das wäre es wohl, Captain. Können wir jetzt hinter ihnen herraste.
zu den anderen gehen? Ich habe mich so lange darauf Tatsächlich! Durch die Sonnenstrahlen hell ange-
gefreut, sie wiederzusehen.“ leuchtet folgte ihnen mit fast gleicher Geschwindig-
Es wurde eine lange Nacht. keit ein langer, schlanker Torpedo. Es konnte kein
Zweifel daran bestehen, daß er die Absicht besaß, sie
* einzuholen.
Wie zur Bestätigung ertönte in die entstandene Stil-
Die Berechnungen waren abgeschlossen worden.
le hinein die Stimme eines Sprechers aus dem kleinen
„Wir benötigen die 5,78 fache Energiemenge wie Radio, das nach wie vor noch empfing:
beim ersten Versuch“, erklärte Grudat mit einiger
Überzeugung. „Dann würden wir etwa 2070 bis 2071 „... wurde das unbekannte Raumschiff vom Über-
eintreffen, und zwar noch innerhalb des Sonnensy- wachungsdienst gesichtet und angerufen. Es gab keine
stems, da wir ja die Bewegung der Galaxis mitma- Antwort, darum erfolgte der Angriff. Das mit Atom-
chen. Ein weiteres Zurückfallen in die Vergangen- sprengstoff versehene Projekt verfolgt den flüchten-
heit ist unmöglich, da dies meines Wissens nur wäh- den Feind und wird ihn unfehlbar treffen, und zwar auf
rend einer Transition bei Lichtgeschwindigkeit erfol- Grund der Radarsteuerungsanlage. Selbst dann, wenn
gen kann. Aber auch nicht mehr lange, denn ich ha- die Geschwindigkeit im Augenblick noch zu gering
be den Fehler gefunden.“ Et machte eine Pause. „Da- sein sollte, besteht für das flüchtige Schiff kaum ei-
mit wäre die fast perfekte Zeitmaschine erfunden, aber ne Möglichkeit, aus dem Sonnensystem herauszukom-
man wird sie nie bewußt verwenden, denn sonst hätten men, ohne nicht weiter verfolgt zu werden...“
wir Hinweise gefunden. Eigentlich schade.“ Maxwell „Das ist natürlich Unsinn“, mischte sich Maxwell
starrte gedankenvoll in den Himmel. ein. „Solange reicht bei denen ja der Treibstoff nicht
„Das verstehe ich nicht“, gab er zu und sah dann aus.“
Grudat an: „Wann?“ setzte er hinzu. „Propaganda!“ winkte Günter ab. „Hören wir wei-
Der Ingenieur zuckte die Achseln. „Es ist alles be- ter. Lange dauert es ohnehin nicht mehr, und wir kön-
reit, Captain. Ich würde vorschlagen, die Dunkelheit nen nicht weiter empfangen. Es ist schon jetzt leise
abzuwarten, um unnötiges Aufsehen zu vermeiden. geworden.“
Die Zeit-Transition erfolgt dann etwa eine halbe Mil- „... handelt es sich zweifellos um ein Schiff nicht
lion Kilometer von der Erde entfernt, verbunden mit irdischer Herkunft. Die sogenannten Fliegenden Un-
einem Raumsprung, um ein plötzliches Auftauchen tertassen könnten sich somit als Vorboten und Kund-
inmitten der Überwachungskreuzer zu umgehen. Es schafter erweisen, die lediglich das Terrain sondierten.
handelt sich natürlich um einen kleinen Raumsprung, Zweifellos steht ebenfalls fest, daß der Fremde nicht
vielleicht ein oder zwei Lichtstunden. Die gesamte mit der Absicht kam, freundschaftliche Verbindungen
Restenergie benötige ich für den Zeitsprung.“ mit der Erde aufzunehmen, denn sonst hätte er unsere
25 TERRA

Funksprüche verstanden und beantwortet. Allerdings Grudat ging nicht weiter darauf ein.
ist eine feindliche Absicht vorerst nicht nachzuwei- Die Minuten tropften dahin.
sen, obwohl sie mit Recht vermutet wird. Herr Pro-
Inzwischen flog die FORTUNA weiter und näherte
fessor Rotenburg wird Ihnen nun einen Vortrag über
sich dem Mond.
die Möglichkeiten intelligenten Lebens inner- und au-
ßerhalb unseres Sonnensystems halten. Wir schalten Günter versäumte die Gelegenheit nicht, den Tra-
zu diesem Zweck auf den Europäischen Rundfunk um banten der Erde einer genauen Beobachtung zu unter-
und bitten um eine kleine Pause.“ ziehen. Vom Liegesitz aus war das kein Problem, denn
der Schirm befand sich vorn in der Kanzel und konnte
Atemlos warteten sie, aber der Empfänger schwieg.
gut übersehen werden.
Die Entfernung war zu groß geworden. Aber sie hatten
genug gehört. Die zerklüftete Oberfläche des Mondes erregte sei-
Maxwell hatte ganz große Augen, als er feststellte: ne besondere Aufmerksamkeit.
„Also uns halten sie für den Feind aus dem Welt- Während des Erkaltens vor vielen Jahrmillionen
raum! Ausgerechnet uns!“ mußten diese seltsamen Krater entstanden sein, deren
Günter sah sehr nachdenklich aus und fing einen charakteristische Form noch heute das Angesicht des
ähnlichen Blick in Hendras Augen auf. Aber noch Trabanten formten. Er hatte selbst die erste Fernseh-
wagte er es nicht, seiner heimlichen Vermutung Aus- übertragung vom Mond miterlebt und konnte sich nun
druck zu geben. Sie schien ihm zu phantastisch. davon überzeugen, daß die Robotrakete mit der einge-
bauten Kamera kein falsches Bild übermittelt hatte.
Grudat rief. Als sein Gesicht auf dem Bordbild-
schirm erschien, zeigte es Neugierde. Immer näher kam der Mond und füllte bald den gan-
„Ich habe die Sache mit der Vernichtungsrakete ge- zen Schirm aus.
hört“, sagte er. „Wir müssen sie loswerden, bevor wir Grudat meldete sich.
die Transition ausführen. Sie folgt uns bis zum Aste- „Noch eine Minute, Captain! Ist alles bereit?“
roidengürtel, wo wir ja zu materialisieren gedenken. „Die Mannschaft ist gewarnt. Sprechverbindung
Ich glaube, wir vernichten sie vorher.“ bleibt zu allen Räumen, damit Ihr Zählen gehört wird.
„Vielleicht haben Sie recht“, sagte der fast würdig Wie steht es mit Ihnen, Grudat? Glauben Sie an den
anmutende Günter, seinen Bart streichend. „Mit Hil- Erfolg?“
fe unseres Strahlers dürfte es kein Problem darstel- „Zu hundert Prozent, Kommandant! Es kann nichts
len, das gefährliche Geschoß ins Jenseits zu befördern. schiefgehen — vielleicht irren wir uns um ein paar Ta-
Und schaden tun wir damit niemandem.“ ge oder Monate, aber das sollte keine Rolle spielen.
Langsam nickte Maxwell. Die Hauptsache ist, wir gelangen zurück.“
„Also gut, entledigen wir uns des unangenehmen Für einige lange Sekunden herrschte Schweigen.
Begleiters, damit wir endlich die Transition vorneh-
men können. Ich kann es kaum noch erwarten, um Günter starrte auf den Mond und dachte daran, daß
hundert Jahre zu altern.“ er in einer Minute relativ um hundert Jahre älter sein
würde.
Er gab den entsprechenden Befehl an die Waffen-
zentrale. „Zehn — neun — acht — sieben —...“
Es dauerte einige Sekunden, bis der Befehl ausge- Grudat begann zu zählen.
führt wurde. Günter entsann sich, daß man auf der Erde auch
Aus dem Heck der FORTUNA schoß ein blaßgrü- zählte, wenn man die Versuchsraketen in den Himmel
ner Strahl, tastete sich durch die Lichtlosigkeit des jagte. Dieses Zählen besaß etwas Magisches und ver-
Alls vor und erfaßte die heranstürmende Rakete. Die riet zu Beginn weder Erfolg noch Mißerfolg. Aber die
Materie löste sich sofort auf, nicht aber, ohne zuvor geheimnisvolle Spannung, die ihm zu eigen war, ließ
eine Zusammenführung der atomaren Sprengstoffe zu sich nicht verleugnen. Es war ein Zauberspruch, ein
bewirken. Gebet darum, daß es gelingen möge. Vielleicht war es
Es stand eine künstliche, hell strahlende Sonne, die das Gebet der Wissenschaftler, die an den endgültigen
das Licht der weit entfernten, echten Sonne entschie- Erfolg ihrer Versuche glaubten.
den übertraf. Für einige Sekunden stand die flammen- „... sechs — fünf — vier —...“
de Hölle im Nichts, dann erlosch sie abrupt, da der Noch näher war der Mond gekommen, und die
grüne Strahl der FORTUNA nicht nur Materie, son- FORTUNA schien dicht über seine Oberfläche dahin-
dern auch Energie nach ihrer totalen Umwandlung in zugleiten. Günter betrachtete sie eine Zehntelsekunde
einen anderen Raum beförderte. Vielleicht auch eine lang, als ihm plötzlich ein Gedanke kam, ein wahn-
andere Zeit — das stand nach den Ergebnissen der sinniger, irrsinniger Gedanke. Er erschreckte ihn so
FORTUNA nun nicht mehr so fest. sehr, daß er nicht vermochte, den Mund zu öffnen um
Maxwell atmete auf. zu schreien. Grudat sollte mit der Transition warten,
„Das wäre geschafft. Nun bin ich gespannt, ob man dachte er mit der Geschwindigkeit eines Blitzes. Er
auf der Erde glaubt, uns vernichtet zu haben.“ durfte sie auf keinen Fall jetzt vornehmen!
Wanderer zwischen drei Ewigkeiten 26

Aber sein Mund blieb stumm, und Grudat zählte Die Erde war nicht vorhanden.
weiter: Verstört blickte Maxwell auf Grudat und Hendra.
„... — drei — zwei — eins —...“ „Was ist geschehen? Haben Sie eine Ahnung?“
Noch eine einzige Sekunde bis zur Ewigkeit, dach- Grudat nickte schwer.
te Günter völlig unbewußt und bemerkte den Schweiß
„Ich glaube, wir sollten Günter fragen. Er war der
auf seiner Stirn. Die Tropfen drangen in seine buschi-
erste von uns, der die Wahrheit erkannte. Daß ich nicht
gen Brauen und rannen ihm in den Bart.
gleich darauf gekommen bin! Es ist unfaßbar!“
Mit ausdruckslosem Gesicht starrte er auf das Ab-
Maxwell und Hendra blickten auf Günter.
bild des Mondes.
Günter zeigte auf den Bildschirm.
Grudat aber zählte unbeirrt zu Ende:
„Jetzt!“ „Sehen Sie, meine Herren, was dort geschieht! Der
Mond ist regelrecht auseinandergesprungen und hat
Diesmal war der Ruck unverkennbar, der durch
sich in einen Haufen davonstrebender Asteroiden ver-
den Leib des gigantischen Schiffes ging. Aber er war
wandelt. Wenn Sie genauer hinsehen, werden Sie er-
längst nicht so schlimm, wie der Ingenieur ihn be-
kennen, daß bereits andere Kleinstplaneten dort vor-
fürchtet haben mochte. Maxwell stieß einen erleich-
handen sind — wir befinden uns also zweifellos im
terten Seufzer aus und begann sich loszuschnallen.
Asteroidengürtel unseres Sonnensystems. Der Raum-
Hendra hätte das vielleicht auch getan, wenn er sprung also wäre gelungen.“ Er schwieg einen Au-
nicht zufällig zu Günter hinüber geblickt hätte. genblick und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Günter lag reglos in seinem Sitz und starrte auf den „Was den Zeitsprung angeht, so glückte auch er. Zwar
Bildschirm. Hendra folgte diesem Blick und hielt in weiß ich nicht genau, ob die geplante Zeit eingehal-
seinen Bewegungen inne. Auch Grudat im Maschi- ten wurde, aber jedenfalls beweist das Wegrücken der
nenraum wurde aufmerksam — und stieß einen Fluch Erde schon mal, daß wir uns an einem anderen Ort be-
aus. finden.“
Jetzt erst schien Maxwell zu merken, daß etwas „Als kleinen Stern sollten wir die Erde von hier aus
nicht stimmte. beobachten können“, bestätigte Grudat und sah Hen-
Und er wußte auch sogleich, was das war. dra auffordernd an. „Was jedoch den Zeitsprung an-
„Da — der Mond!“ stieß er hervor. „Grudat, es hat geht, so bin ich nicht sicher, ob er glückte.“
nicht geklappt. Verdammt, diesmal hat es nicht ge- Günter zwang ein Lächeln auf seine Züge.
klappt!“ „Sie werden gleich sehen, daß er glückte, Grudat.
Grudat sagte vom Bildschirm: Überlegen Sie nur einmal! Nehmen wir nur einmal an,
„Ich würde das Experiment sofort noch einmal wie- er glückte, wie sähe die Konsequenz aus? Versetzen
derholen, wenn ich wüßte, daß...“ Sie sich in die Lage eines Erdbewohners von 1970 —
Er kam nicht weiter. und Sie haben die Antwort.“
Sie alle vier betrachteten den Mond, wenn auch Grudat starrte Günter an, dann nickte er eifrig.
vielleicht Günter am intensivsten — oder gar viel- „Jawohl, Sie haben es!“ sagte er überzeugt. „Der
leicht geistesabwesend? Jedenfalls zeigte die ohnehin Mond...“
rissige Oberfläche einige allmählich auftretende Ver- „Wir sind es, die den Mond gestohlen haben!“ been-
änderungen. Gewaltige Risse entstanden und began- dete Günter den Satz in etwas anderer Form. „Wir ha-
nen, den ganzen Globus, soweit er nicht im Dunkel ben den Mond mitgenommen, als wir den Zeitsprung
der sonnenabgewandten Seite lag, zu durchziehen. Es machten. Hätte er in der Gegenwart von 1970 nur
war, als beginne sich der Mond zu teilen. als Raumsprung stattgefunden, so wären die Überre-
Grudat schrie auf. ste des Mondes zumindest in den vergangenen hun-
„Die Struktur! Wir haben die Struktur des Mondes dert Jahren — also bis 2070 — gefunden worden und
beeinflußt und er wird auseinanderbrechen. Wie ist das wir wüßten davon. Da jedoch das Hinzukommen neu-
nur möglich...?“ er Asteroiden bis 2070 nicht verzeichnet worden ist,
Maxwell sah Grudat hilflos an. glückte unser Zeitsprung und wir befinden uns sogar
„Was reden Sie da für einen Unsinn?“ erkundigte noch in der Zukunft. Wieviel diese Zeitdifferenz be-
er sich dann ganz ruhig, als gelte es, einen besonders trägt, vermag ich nicht zu sagen.“
schwierigen Fall zu behandeln. „Unser Zeitsprung hat „Wir werden es bald wissen“, erklärte Grudat nüch-
genauso wenig geklappt wie unser Raumsprung, Wir tern. „Wenn ich nicht irre, sind bereits einige Raum-
befinden uns immer noch an der gleichen Stelle. Le- kreuzer der Flotte nach hier unterwegs, um das plötz-
diglich der Mond...“ liche Auftauchen neuer Himmelskörper zu untersu-
„So?“ machte Günter und begann, sich einfach los- chen.“
zuschnallen. „Meinen Sie? Dann versuchen Sie doch Der Mond war inzwischen völlig auseinandergebro-
einmal, die Erde zu finden. Wenn ich nicht irre, sollte chen, und die einzelnen Teile strebten widerwillig da-
sie links vom Mond stehen.“ von, als wollten sie sich nur ungern voneinander lösen.
27 TERRA

Die Anziehungskraft der fernen Sonne und die eigene „Konnten Sie das heutige Datum feststellen,
Geschwindigkeit zwang sie in eine Bahn um das Zen- Webbs?“
tralgestirn, die der der Asteroiden nicht unähnlich war. Der Funker verneinte.
„Zurück können wir nicht mehr — wenigstens nicht „Die Verbindung ist hergestellt. Als ich die FOR-
aus eigenem Wollen“, knurrte Grudat erbittert. „Wenn TUNA meldete, sagte man mir, der Admiral wolle
wir nun hundert oder tausend Jahre in der Zukunft ge- Maxwell sprechen. Wir sollen die Geheimwelle benut-
landet sind — ich weiß nicht...“ zen.“
„Es wird nicht so sein“, tröstete ihn Günter. „Viel- „Schalten Sie um!“ befahl Maxwell hastig.
leicht sind es nur einige Jahre, vielleicht nur Wochen
Der Admiral? Das bedeutete stets Unannehmlich-
nach dem Datum an dem wir unseren unfreiwilligen
keiten. Besonders dann, wenn er ein Gespräch auf der
Sprung in die Vergangenheit unternahmen. Die er-
Geheimwelle führen wollte. Diese Welle wurde vom
ste Begegnung wird es zeigen. Maxwell, lassen Sie
Hauptquartier aus gelenkt und konnte von keinem an-
Webbs die Funkgeräte einschalten. Vielleicht hilft uns
deren abgehört werden. Der Zerhacker war vollkom-
das ein wenig weiter.“
men und einmalig.
Webbs erhielt den entsprechenden Befehl.
Das grimmige Gesicht des Admirals erschien auf
Dann sprach Maxwell, und seine Stimme war sin- dem kleinen Spezialbildschirm. In seinen Augen war
nend und sehr nachdenklich. so etwas wie Erstaunen und Bewunderung, aber auch
“Was ist denn nun mit der gefürchteten und ge- totales Wissen.
priesenen Zeitparadoxe? Wir leben im Jahr 2070 — Maxwell grüßte militärisch und sagte: „Vom Sektor
um bei der alten Bezeichnung zu bleiben und damit XB 867 lt. Auftrag zurück. An Bord der FORTUNA
die Übersicht zu erleichtern. Wir wissen, daß vor 100 alles wohl. Sie wünschten einen Bericht auf der Ge-
Jahren der Mond verschwand. Nun kehren wir durch heimwelle, Sir?“
Zufall in die Vergangenheit zurück und verursachen
Der Admiral betrachtete Maxwell eine ganze Weile,
durch unseren Versuch, in die Gegenwart zurückzu-
ehe ein flüchtiges Lächeln über seine sonst so strengen
gelangen, das Verschwinden des Mondes. Was wäre
Züge huschte.
denn nun geschehen, hätte uns nicht das Mißgeschick
betroffen, in die Vergangenheit zu rutschen?“ „Landen Sie beim Hauptquartier, Kommandant.
Und nehmen Sie keine Verbindung mit anderen Schif-
Die Zuhörer schwiegen. Keiner wußte die Antwort.
fen auf. Kein Wort von Ihren Erlebnissen! Haben Sie
Maxwell fuhr fort:
übrigens eine Ahnung, um wieviel Sie sich verspätet
„Das wäre das erste Problem. Nun das zweite: zu haben, Maxwell?“
unserer Zeit galt der Mond als verschwunden. Nun, da
Der Kommandant der FORTUNA schüttelte den
wir zurück sind, wissen wir, daß er plötzlich in un-
Kopf.
serem System auftauchen wird und zweifellos auch
entdeckt wird, wenn auch nur als zerbrochenes Gan- „Nein, nicht, Sir. Unsere Uhren sind — sind nicht
zes. Damit ist erwiesen, daß wir etwas verursachen, in Ordnung, Sir, es ist da etwas geschehen, Sir, das ich
das noch gar nicht geschehen ist. Auf der anderen Sei- Ihnen erklären möchte...“
te geschah alles im Zeitraum einer einzigen Sekunde. „Nun, was meinen Sie, warum ich Sie zu mir be-
Bei allen Geistern, wer kann mir weiterhelfen...?“ stelle? Damit Sie Ihre Uhren stellen können: es ist der
Günter erhob sich und zeigte auf den Bildschirm. 29. Mai 119. Sie haben sich somit um ganze fünf Jahre
verspätet.“
„Wer soll Ihnen weiterhelfen, Captain? Ich könnte
es vielleicht, vielleicht könnte ich Ihnen präzisere Ant- Nach der alten Zeitrechnung also 2075 — nicht
worten geben, als es mir jetzt möglich ist. Aber dazu übel. Es hätte schlimmer ausgehen können.
benötigte ich die genaue Angabe des augenblicklichen „Sind wir den Überwachungsschiffen gemeldet,
Datums — in kosmischer Zeit. Unsere Borduhren zei- Sir?“ erkundigte sich Maxwell. „Nicht, daß Mißver-
gen an, daß wir die Erde vor Wenigen Stunden verlie- ständnisse auftreten.“
ßen. Sie gehen alle falsch.“ „Alles geregelt, Kommandant. Oder glauben Sie, es
In diesem Augenblick meldete sich Webbs, der wäre das erste Mal, daß so etwas passiert? Also: lan-
Funker. den Sie unverzüglich.“
„Sir, ich habe einen guten Empfang. Es ist, als sei Das Bild verblaßte und erlosch.
nichts geschehen. Lediglich herrscht ein wenig Aufre- Maxwell starrte fassungslos auf den leeren Schirm.
gung wegen eines geplatzten Kometen oder Asteroi-
„Also doch! Sie wissen Bescheid! Wir sind nicht die
den, der von den Observatorien des Mars beobachtet
ersten, die zurückkehren. Aber warum hat man es uns
worden ist. So genau habe ich es nicht verstanden.
niemals gesagt?“
Man entsendet bereits eine wissenschaftliche Expe-
dition, um die neuen Himmelskörper einer Untersu- Günter grinste schwach.
chung zu unterziehen.“ „Wir werden es bald wissen!“
Wanderer zwischen drei Ewigkeiten 28

An Beobachtungsstationen vorbei, die ihre Ankunft „Holen Sie Grudat, Webbs und Hendra. Unterrich-
wie etwas ganz Normales registrierten und weitermel- ten Sie die Mannschaft entsprechend. Keiner verläßt
deten, gelangten sie in den Sperrgürtel der Erde. Nie- das Schiff“
mals wäre es einem nicht angemeldeten Schiff ge- Günter salutierte und kletterte die Metallleiter nach
lungen, diesen stark bewachten Gürtel unbemerkt zu oben, um dann in der offen gebliebenen Luke zu ver-
durchqueren. Wie anders war das heutige Bild gegen- schwinden. Fünf Minuten später kam er zurück, ge-
über dem, wie es die Besatzung der FORTUNA von folgt von Grudat, Hendra und Webbs.
ihrem Abenteuer her kannte. In großer Höhe umkrei-
Schweigend erwarteten sie der Admiral und Max-
sten bemannte Stationen den Mutterplaneten, bewaff-
well. Ebenso schweigend erfolgte die knappe Begrü-
net mit den neuesten Mitteln der totalen Vernichtung.
ßung, dann sagte der Admiral:
Aber diese Mittel beunruhigten heute nicht mehr einen
einzigen Menschen auf der Erde, im Gegenteil, sie ga- „Sie fahren jetzt mit mir zum Hauptquartier, wo uns
ben ihm die Gewißheit, niemals vom Angriff eines eine Kommission bereits erwartet. Es ist eine Kom-
noch unbekannten Feindes aus den Tiefen des Alls mission, die seit etwa dreißig Jahren existiert, von der
überrascht werden zu können. Seit mehr als hundert aber kein gewöhnlicher Sterblicher Kenntnis besitzt.
Jahren war die Menschheit auf einen solchen Angriff Was in ihrem Beisein besprochen wird, dringt niemals
gefaßt, aber er war niemals erfolgt. Allein die Vorbe- an die Öffentlichkeit. Es ist die geheimste Institution,
reitungen dieser fast interplanetarischen Abwehr hatte die jemals auf der Erde existierte. Aber auch die glück-
die Nationen zusammengeschweißt und eine einzige lichste — doch das werden Sie noch selbst bemerken.“
aus ihnen gemacht. Eine Aufteilung war unmöglich. Maxwell wagte es nicht, eine Frage zu stellen.
Grün und lebend kam die Erde in Sicht, ein locken- Schweigsam kletterte er in den geräumigen Wagen,
der und wunderbar schöner Globus, die Heimat des gefolgt von seinen vier Freunden. Die Worte des Ad-
Menschen. mirals beruhigten ihn, wenn er sich auch eines unguten
Irgendwie erschien er Maxwell, Hendra und Gün- Gefühls nicht erwehren konnte.
ter anders als zuvor — vor mehr als hundert Jahren — Günter dagegen sah ziemlich klar. Als der automa-
aber es war doch zweifellos die gleiche Erde. Günter tisch gesteuerte Wagen anfuhr und er sicher war, daß
versuchte noch einmal das Wunder zu begreifen, die- ihn niemand außer seinen Kameraden und dem Admi-
se gleiche Erde vor wenigen Stunden erst verlassen zu ral zu hören vermochte, fragte er:
haben. „Wie heißt diese Kommission, Sir? Oder bekam sie
Und in Wirklichkeit hatten sie eigentlich nur fünf keine Bezeichnung?“
Jahre versäumt!
Der Admiral wandte sich um, sah Günter wohlwol-
Es war zum Verrücktwerden! lend lächelnd an und erwiderte:
Sie passierten die letzten und niedrigsten Stationen „Natürlich besitzt sie eine Bezeichnung, aber selbst
und glitten hinein in die dichtere Atmosphäre. Das diese ist der Öffentlichkeit unbekannt. Die Deckbe-
Hauptquartier der Raumflotte lag irgendwo in Nord- zeichnung auf dem Dienstwagen lautet: SKFX —
amerika, erst in drei Jahren würde es wieder nach dem das heißt in verständlichen Worten nichts anderes als
ehemaligen Rußland verlegt. Der Admiral würde für „Sonder-Kommission Faktor X“. Das X steht für den
zehn Jahre ein Asiate sein. Begriff Zeit. Also nennen sich die Angehörigen dieser
Ohne Zwischenfall landete die FORTUNA. Kommission selbst Mitglieder der Zeit-Kommission.“
Ein Kreiselturboauto kam herangefahren und der Günter nickte langsam und nur wenig überrascht.
Admiral stieg aus, noch ehe jemand anders sich dem
gelandeten Schiff nähern konnte. Geduldig wartete er, „Also Zeitkommission! Man weiß also Bescheid?“
bis sich die Schleuse öffnete und Maxwell mit seinem „Man kennt die Resultate, mehr nicht. Warum es ge-
Ersten Offizier die FORTUNA verließ. schieht, ist nach wie vor ein Geheimnis. Jeder Bericht,
Militärisch meldeten sich die beiden bei dem Ad- der bei der Kommission eingeht, bringt einen neuen,
miral. winzigen Fingerzeig. Einmal wird es soweit sein, daß
Dessen Gesicht blieb ausdruckslos, als er sie be- wir willkürlich in der Zeit zu reisen vermögen, aber
grüßte. heute ist es mehr oder minder noch Zufall.“
„Sie haben Glück gehabt. Maxwell. Bisher gelang „Ich würde es nicht als einen Zufall bezeichnen, Sir.
es nur wenigen Schiffen, den Weg zurückzufinden. Wenn die Ergebnisse ungenau sind, so liegt das le-
Wollen Sie die Offiziere diglich an der Unvollkommenheit der Instrumente —
herausbitten? Die Mannschaft selbst bleibt an Bord, bzw. an ihrer zu großen Vollkommenheit. Das ist rela-
bis ich weitere Befehle erlasse. Betrachten Sie das, bit- tiv wie die Zeit, Sir.“
te, lediglich als eine Vorsichtsmaßnahme zu Ihrem ei- Zu seiner Überraschung nickte der Admiral:
genen Schutz, nicht etwa als eine Inhaftierung. Dazu „Sie haben recht. Grudat. Aber da ist noch ein wei-
dürfte wohl kaum ein Grund vorhanden sein.“ terer Faktor, der berücksichtigt werden muß. Man ver-
Maxwell wandte sich an Günter: sucht nämlich, unsere Experimente mit der Zeit, die
29 TERRA

der Zufall geboren hat, zu beeinflussen und zu verhin- wenn ihr Fachgebiet an die Reihe kommt.“ Maxwell
dern. Diese Beeinflussung aber und das dürfte wohl wollte sich erheben, aber ein Wink des Admirals be-
neu für alle sein, stammt nicht aus der Gegenwart, son- deutete ihm, daß er sitzen bleiben könne. Ein wenig
dern sie kommt aus der Zukunft.“ stockend begann er dann zu erzählen und vergaß da-
Das Schweigen in der Kabine war vollkommen. bei auch nicht zu erwähnen, daß ihm das spurlose Ver-
schwinden mancher Raumschiffe während der Tran-
* sitionen viel zu denken gegeben hatte. Er berichtete
von dem gelungenen Raumsprung und der unfaßba-
Als die fünf Offiziere der FORTUNA den Sitzungs- ren Feststellung, daß die Erde plötzlich einen Mond
raum betraten, strömte ihnen die Atmosphäre des Ge- zu haben schien. Dann übernahm Hendra und schil-
heimnisvollen fast fühlbar entgegen, gleichzeitig aber derte seine Methode, mit der er den Fall in die Ver-
auch die Gewißheit, Antwort auf viele noch ungelöste gangenheit beweisen konnte. Grudat sprach über sei-
Fragen zu erhalten. ne Beobachtungen während der Transition und seine
Der Admiral saß am Kopf des hufeisenförmigen Ti- damals angestellten Vermutungen, auf denen schließ-
sches, also in der Mitte des äußeren Bogens. Ihm zur lich die gelungene Rückkehr fußte. Günter übernahm
Rechten erkannte Günter den Leiter des solaren Ge- es, sein fast 18 Jahre dauerndes Leben auf der Erde
heimdienstes, gut um fünf Jahre gealtert. Er kannte ihn zu schildern und betonte somit die Tatsache, daß prak-
flüchtig und wunderte sich im ersten Augenblick über tisch nicht nur zwei, sondern sogar drei verschiede-
den fassungslosen Blick, der ihm zugeworfen wurde. ne Zeitebenen existieren, wenn auch vielleicht nicht
Aber dann entsann er sich der Tatsache, daß er schließ- gleichzeitig.
lich sogar um 18 Jahre gealtert war. Maxwell beendete den Bericht mit dem gelungenen
Links vom Admiral hatte der größte lebende Wis- Start und der Transition. Mit gespannten Gesichtern
senschaftler Platz genommen, der Italiener Mensorio. verfolgte die Kommission den Bericht, und man warf
Sein Spezialgebiet war die Erforschung des Phäno- sich merkwürdige Blicke zu, als Maxwell versuchte,
mens Zeit. Er war also wohl hier am rechten Platz. die ungewollte Mitnahme des Mondes zu erklären.
Die anderen Herren kannte Günter nicht. Anwesend 3 „Der Zeitteleporter!“ murmelte Mensorio mit fast
waren ohne ihn und seine vier Freunde insgesamt 12 andächtiger Stimme von sich hin: „Meine Herren von
Personen. der FORTUNA! Sie haben etwas Gewaltiges entdeckt
Sie nahmen auf der anderen Seite des Tisches, der und es wird für Sie künftig nur noch ein einziges Ge-
Kommission gegenüber, Platz. Der Admiral eröffnete setz geben: zu vergessen, was Sie entdeckten!“
die Sitzung. Grudat lauschte den Worten des Wissenschaftlers
„Meine verehrten Kollegen, Major Maxwell und nach.
Offiziere der FORTUNA! Lassen Sie mich zuerst da- „Zeitteleporter?“ murmelte er und erbleichte. „Was
für danken, daß Sie mit Ihrer Rückkehr einen Teil der meinen Sie damit?“
von uns erarbeiteten Theorien insofern bestätigten, als
Sie den verschwundenen Erdmond mitbrachten. Zwar Der Gelehrte sah ihn scharf an.
wissen wir noch nicht, wieso und warum Sie das ta- „Sie werden vergessen, wie Sie es anstellten, ja? Es
ten, ob freiwillig oder nicht, aber allein die Tatsache kann nur ein Zufall gewesen sein, eine richtige Dosie-
genügt um festzustellen, daß es wirklich so etwas wie rung der Energie, zusammenhängend mit der Anzahl
eine Zeitparadoxe gibt, so paradox sich das auch an- der zu überspringenden Jahre, wieder kombiniert mit
hören mag. Diese Erkenntnis sollte uns erschrecken, der Entfernung zum Objekt in dem Augenblick der
denn sie birgt ungeheure Gefahren für unsere Exi- Transition. Es bleibt zu hoffen, daß es niemals mehr
stenz. Aber Sie werden noch sehen — und ich meine gelingt, denn stellen Sie sich die Folgen vor: hätte die
speziell die Herren der FORTUNA — daß dem glück- FORTUNA im Raum über unserer heutigen Erde ge-
licherweise nicht so ist.“ standen, so könnte damit unsere ganze Welt in die Zu-
Der Admiral blickte Maxwell an. kunft geworfen werden. Es würden im gleichen Raum
zwei verschiedene Erden existieren — nicht auszuden-
„Bevor wir weitere Einzelheiten mit Ihnen durch-
ken. Wir wissen noch nicht mal, ob das nicht gesche-
sprechen, darf ich Sie bitten, der Reihe nach von Ihren
hen ist, als Sie den Mond stahlen — aber nein, das ist
Erlebnissen und Erfahrungen zu berichten. Dabei ist
auch wieder nicht möglich... meine Herren! Es hat kei-
besonders wichtig: möglicht genaue Einzelheiten be-
nen Sinn, zu versuchen, logisch darüber nachzuden-
treffs der Daten, die Methode der Rückkehr und die
ken, man wird glatt verrückt. Also lassen wir es.“
Sache mit dem Mond. Sprechen Sie offen über Ihre
Vermutungen, so phantastisch sie auch anmuten. Sie Der Admiral ergriff das Wort.
brauchen keine Sorge zu haben, daß wir Ihnen nicht „Ihre Erfahrungen werden bei der Arbeit der Kom-
glauben, denn wir wissen, daß die endgültige Wahr- mission erleichternd wirken. Ich danke Ihnen für Ihre
heit viel phantastischer ist als jede noch so irrsinni- Ausführungen und darf Sie nun bitten, Ihrerseits Fra-
ge Vermutung. Maxwell, beginnen Sie. Und die an- gen zu stellen. Soweit es die Geheimhaltung zuläßt,
deren Herren bitte ich, jeweils dann einzuspringen, geben wir gern Auskunft.“
Wanderer zwischen drei Ewigkeiten 30

Günter hatte lange genug auf diesen Augenblick ge- strahlwaffe machte den einfachsten Funker zum Herr-
wartet. scher über einen ganzen Kontinent. Die großen Zau-
„Wie vielen Schiffen gelang bisher außer uns die berer des Orients — wir fanden heraus, daß einer von
Rückkehr aus einer mißlungenen Transition, und wur- ihnen zur verschollenen SIRIUS gehörte. Ein winziger
den sie alle ursprünglich in die Vergangenheit ge- Materieumwandler, im Anfangsstadium, verhalf ihm
schleudert?“ zu der magischen Macht über ein gewaltiges Reich.
Als er starb, lieferte er den Stoff zu vielen Erzählun-
Der Admiral nickte dem Chef des Geheimdienstes
gen, die noch heute bekannt sind.
auffordernd zu.
Und doch geschah niemals etwas, das eine totale
„Die genaue Zahl ist geheim und darf Ihnen nicht
Strukturveränderung der einmal vorhandenen Zeitli-
gesagt werden. Soweit wir wissen, erfolgten alle un-
nie bewirkte. Hier und da stellten sich gewisse Folge-
gewollten Zeitsprünge in die Vergangenheit, lediglich
erscheinungen und die Bildung einer Nebenlinie ein,
die geplanten und peinlich vorbereiteten gingen in die
aber die darin existierenden Personen und Fakten er-
Zukunft, — zurück in die Gegenwart, — wie auch be-
loschen plötzlich wieder. Es kam niemals dazu, daß
absichtigt.“
sich neben unserer Existenzebene eine zweite oder gar
„Was geschah mit den Schiffen, von denen man nie- dritte aufbaute.
mals mehr etwas hörte?“
Doch zu Ihrer Frage die Antwort: die verschollenen
Der Geheimdienstler nickte Mensorio zu. Der über- Schiffe kehrten niemals zurück, denn sie versanken in
nahm diese Erklärung: den Meeren, verrotteten als Zauberdrachen oder Rie-
„Es gelang der betreffenden Mannschaft einfach senmeteore in den Gebirgen oder Urwäldern der Erde.
nicht, die Methode der Rückkehr zu finden. Ganz ab- Ihre Besatzungen starben, als sie ihr natürliches Leben
gesehen davon war es sehr oft auch technisch nicht zu Ende gelebt hatten — meist als hervorragende Per-
möglich. Stellen Sie sich vor, Sie wären irgendwann sönlichkeiten. Wenigen nur gelang bisher die Rück-
im Mittelalter — oder noch früher — gelandet. Wie kehr. Zu diesen wenigen, meine Herren, gehören Sie.”
hätten Sie den Zeitstrom anzapfen und auswerten wol- Grudat wartete auf seine Gelegenheit.
len? Natürlich liegt es auch an der Intelligenz der
„Warum hörte man niemals von diesen Dingen? Ich
Mannschaft, einen Ausweg zu finden. Diejenigen, die
kann mir denken, daß bestimmt schon mal jemand den
ihn nicht fanden, verblieben in der Vergangenheit. Na-
Mund auf. gemacht hat, ob er es nun mit Absicht tat
türlich steht es ihnen frei, Verbindung zu den Men-
oder nicht. Es scheint mir unmöglich, ein Leben lang
schen ihrer Gegenwart aufzunehmen, ganz gleich wie
über ein solches Abenteuer schweigen zu können.“
weit diese auch hinter der unseren liegen mag, aber
die Vernunft wird sie schon davon abhalten, die Wahr- Der Chef des Geheimdienstes lächelte kalt.
heit zu sagen. Soweit wir die Geschichtsberichte ken- „Wenn Sie diesen Raum verlassen, haben Sie Ihr
nen, wird immer wieder vom Auftauchen dieser un- Abenteuer vergessen. Es wäre zuviel verlangt, von
freiwilligen Zeitreisenden berichtet, aber nicht einmal allen Beteiligten einschließlich der Mannschaft, ein
wird der Vermutung Ausdruck gegeben, es könne sich Schweigen bis zum Grabe zu verlangen. Eine harm-
um solche handeln. Alle haben sie also geschwiegen. lose Prozedur, lediglich eine Injektion. Sie verwischt
Einige gaben sich für Raumfahrer aus, besonders in alles Geschehen, das nicht in der gegenwärtigen Zei-
Zusammenhang mit den Fliegenden Untertassen zwi- tebene stattfand. Alles andere bleibt unverändert, und
schen 1945 und 1968, die nichts anderes waren als nur bösartige Zungen würden diese Maßnahme als Ge-
die Beiboote unserer verschollenen Schiffe. Natürlich hirnwäsche bezeichnen. Einer von Ihnen wird Mit-
wurde damit einige harmlose Verwirrung gestiftet, die glied der Zeit-Kommission, wie üblich.“
aber ohne Folgen blieb. Grudat gab keine Antwort. Er war blaß geworden.
Das Auftauchen unserer Leute läßt sich zurückver- Günter aber sagte:
folgen bis in die grauesten Vorzeiten der Mensch-
„Und wie sollen wir das vergessen, was hier in die-
heit. Wir glauben heute mit ziemlicher Gewißheit, daß
sem Raum besprochen wurde? Meines Erachtens nach
die im Zeitmeer gestrandeten Raumfahrer trotz aller
befinden wir uns in der Gegenwart...“
Zurückhaltung maßgeblich an der Entwicklung der
menschlichen Rasse beteiligt sind. Religionen wurden „Das glauben Sie!“ entgegnete Mensorio kurz.
durch Zeitreisende gegründet, große Propheten mit ih- „Sonst noch Fragen? Wir beantworten sie gern, ob-
ren exakten Voraussagen — was sollen sie anders ge- wohl Sie nicht viel davon haben werden.“
wesen sein als jene Männer, hinter deren Namen auf „Auf der Fahrt vom Schiff nach hier machten Sie ei-
unserer Liste der Vermerk ,Während Transition ver- ne Bemerkung, Admiral“, sagte Günter lauernd. „Sie
schollen’ steht? Sie fanden nicht zurück und versuch- meinten, es stünde mit Sicherheit fest, daß gewisse Er-
ten, sich der unglaublichen Umgebung anzupassen, in eignisse gelenkt würden — und zwar aus der Zukunft.
die sie das Schicksal geworfen hatte. Die einen wur- Was können Sie uns darüber sagen? Und meine zwei-
den Götter und lieferten den Stoff zu unzähligen Hel- te Frage: Gibt es eine Erklärung überhaupt, wie die
densagen. Allein der Besitz einer harmlosen Hand- Zeitsprünge bei der Transition entstehen?“
31 TERRA

Der Admiral nickte und sah einen der anwesenden ein fahles Grau. Langsam nur schlich sich das Verste-
Herren auffordernd an. Der erwiderte das Nicken und hen durch die Windungen seines Gehirns und drang
begann, langsam zu sprechen: bis zum eigentlichen Zentrum vor.
„Die zweite Frage möchte ich zuerst beantworten. Sein Blick ging zu Grudat, dann zu Maxwell. In sei-
Bei der normalen Transition geschieht eine Telepor- nen Augen flackterte es wie ein heiliges Feuer, als er
tation der betreffenden Materie, wobei der Zeitfaktor den Admiral fest anblickte und sagte:
durch Neutralisation ausgeschaltet wird. Würde das „Warum wollen Sie keine Gewißheit? Sie können
nicht geschehen, erfolgte nicht nur ein Versetzen im die Gewißheit haben. Wozu nennen Sie sich Zeit-
Raum, sondern auch in der Zeit, und zwar immer nach Kommission, wenn Sie sich nur mit der Vergangen-
rückwärts, also in die Vergangenheit. Bisher ließ sich heit befassen? Grudat, unser Ingenieur, hat uns aus
ein solches Ereignis nicht vermeiden, jedoch läßt uns der Vergangenheit zurückgeholt. Er weiß, wie er es
die Entwicklung eines automatischen Umpolers, der gemacht hat und er kann es jederzeit wieder machen.
das Schiff in der gleichen Sekunde, da es hundert Jah- Herr Admiral, ich mache Ihnen einen Vorschlag: die
re in die Vergangenheit rutscht, auch wieder hundert FORTUNA fliegt in den Raum zu einer Transition, die
Jahre in die Zukunft holt, hoffen, bald einen wirkli- sie weder räumlich versetzen noch in die Vergangen-
chen Neutralisator gefunden zu haben. Bis dahin muß heit stürzen läßt. Die FORTUNA wird ihren Weg in
mit weiteren Verlusten gerechnet werden. Niemand je- die Zukunft suchen. Wir werden mit jener Rasse zu-
doch darf von dieser Möglichkeit, von dieser Gefahr, sammentreffen, die unsere Geschichte machte, die un-
auch nur das geringste ahnen. sere Götter schuf und in deren Hand unser Schicksal
Doch nun zu Ihrer zweiten Frage: darauf kann ich liegt. Stimmen Sie zu, Herr Admiral, und wir werden
keine so ausführliche Antwort geben, weil ich sie Ihnen einen Menschen bringen, der in hundert, tau-
selbst nicht weiß. Es gibt Ereignisse, die unzweifel- send oder zehntausend Jahren erst geboren wird!“,
haft darauf schließen lassen, daß wir aus der Zukunft Atemlos starrten die Anwesenden auf Günter, der
überwacht werden. Wir müssen uns da auf Vermutun- durch seinen Bart noch älter wirkte, als er in Wirklich-
gen stützen, die unbeweisbar bleiben. Was wir Ihnen keit war. Selbst dem Admiral verschlug es den Atem.
sagen können, ist nichts als Vermutung, In ferner Zu- Nur Mensorio lächelte kalt. Er nickte langsam und
kunft existiert eine Rasse, die jegliche Manipulation sagte:
der Zeit beherrscht. Sie weiß natürlich, daß wir — „Ein Vorschlag, der zu überlegen wäre. Er rettet Sie
für sie dunkle Vergangenheit — durch Zufall ebenfalls aber nicht davor, die Erinnerung zu verlieren, die wir
auf das Geheimnis der Zeitreise gestoßen sind und so- im gegebenen Fall natürlich wieder wecken werden.
mit in die Lage versetzt werden, gewisse Ereignisse Ich glaube, Admiral, wir beenden die Sitzung. Und
der weiteren Vergangenheit zu beeinflussen und damit Ihnen, meine Herren Offiziere von der FORTUNA,
die Struktur der Gegenwart und Zukunft zu verändern. möchte ich noch sagen: wir sehen uns wieder, hier in
Wir haben den Verdacht, daß die Zeitmeister der Zu- diesem Raum. Und dann werden Sie vor dem größten
kunft aus diesem Grunde heraus versuchen, ohne di- Abenteuer der Menschheit stehen: Sie werden weit in
rekte Berührung die Handlungsweise unserer Zeitrei- die Zukunft vordringen und unseren Gott aufsuchen.“
senden so zu beeinflussen, daß ihre Taten die jetzige
Dumpfes Schweigen senkte sich auf sie alle herab.
Zukunft nicht verändern. Geschähe das in einschnei-
dender Form, könnte diese zukünftige Rasse einfach
hinweggewischt werden. II. Teil
Die FORTUNA allerdings brachte es fertig, hart
Zwei Jahre vergingen und nichts änderte sich.
und entscheidend in die Geschichte einzugreifen: sie
stahl der Erde den Mond, ein Ereignis, das vor mehr Die FORTUNA machte ihren Dienst in der Raum-
als hundert Jahren gewaltige Folgen verzeichnete, de- flotte und besuchte in regelmäßigen Abständen die
nen wir unsere Existenz als raumfahrende Rasse ver- weit entfernten Stützpunkte des sich stetig ausbreiten-
danken. Die Welt einigte sich, weil sie an einen An- den Imperiums, dessen zentral gelegener Mittelpunkt
griff aus dem Raum glaubte und gründete das heuti- die Erde war.
ge terranische Imperium, der Hyperdrive wurde ent- Immer noch verschwanden während der Transition
wickelt, weil man dem vermeintlichen Angreifer nicht die Schiffe und tauchten niemals wieder auf; und im-
unterlegen sein wollte. Kurz: das rein zufällige Ereig- mer noch war niemand in der Lage, dieses Phänomen
nis des ’Monddiebstahls’ bewirkt erst unsere Existenz zu erklären.
— und wahrscheinlich auch die Existenz der zukünf- Der älteste an Bord der FORTUNA war Günter,
tigen Rasse, jener Rasse nämlich, die das Geheimnis wenn er sich auch aufgrund der medizinischen Voll-
der Zeit vollkommen besitzt. Und aus diesem Grunde kommenheit dieses Tatbestandes nicht bewußt war,
ließen sie es zu, daß die FORTUNA zurückkehrte — die Erinnerung an das, was einst geschehen, war weg-
und zwar mit Mond.“ gewischt.
Günter starrte den Sprecher fassungslos an. Nur der Funker Webbs, als Mitglied der Zeit-
Schweiß perlte auf seiner Stirn und seine Haut zeigte Kommission, besaß sein Erinnerungsvermögen, aber
Wanderer zwischen drei Ewigkeiten 32

er schwieg. Denn er wußte nur zu genau, welches Ein Sessel war unbesetzt.
Schicksal ihm drohte, wenn er sein Schweigen brach. Ohne dazu aufgefordert zu werden, schritt nun
Dann, eines Tages, war es soweit. Webbs auf diesen freien Platz zu und setzte sich hin-
Die FORTUNA kehrte von einem längeren Flug zu- ein, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres auf die-
rück und landete wohlbehalten. Die Mannschaft berei- ser Welt.
tete sich auf den wohlverdienten Kurzurlaub vor. Vier weitere Sessel standen an der Innenseite des
Noch während die Luke aufschwang, näherte sich halbkreisförmigen Tisches. Auf sie zeigte nun der Ad-
vom Verwaltungsgebäude her ein Turboauto. miral.
Es hielt dicht neben den Teleskopstützen. Ein Mann „Nehmen Sie Platz, meine Herren.“
in Uniform stieg aus. Maxwell folgte der Aufforderung zögernd, Webbs
Während die Herzen von vier Männern zwar etwas dabei fragend und vorwurfsvoll anblickend. Günter
unruhiger als gewöhnlich schlugen und sie sich Ge- schüttelte nur den Kopf, ehe er sich setzte.
danken darüber machten, was wohl den Admiral ver- Grudat und Hendra waren sehr nachdenklich, gaben
anlassen mochte, höchstpersönlich zu ihrem Empfang aber keinen Kommentar.
zu erscheinen, schien sich in Webbs alles verkrampfen
Der Admiral nickte einem der Anwesenden zu.
zu wollen. Zum Glück hatte er zwei volle Minuten Zeit
gehabt, sich auf das Zusammensein mit seinen Gefähr- „Sind die Injektionen vorbereitet?“ Und als der An-
ten vorzubereiten. So gab er sich den Anschein völli- gesprochene nickte und sich erhob: „Dann walten Sie
ger Harmlosigkeit und schritt dann gemächlich hinter Ihres Amtes, Doc.“
den anderen her. Maxwell kannte den Mann flüchtig. Er war einer der
Nacheinander erreichten sie den Erdboden, eine Ärzte des Hauptquartiers. Mit gewisser Unruhe beob-
glatte, konkrete Fläche widerstandsfähigen Kunststof- achtete er, wie dieser aus einem Kasten, der vor ihm
fes. auf dem Tisch stand, ein elektronisches Injektionsge-
Der Admiral trat ihnen entgegen und streckte seine rät zog und damit, nachdem er sich umständlich erho-
Hand aus. ben hatte, auf sie zukam.
„Willkommen, Kommandant Maxwell. Willkom- „Sie erhalten nun eine Injektion, die den mentalen
men, meine Herren. Ich darf Sie bitten, mir ins Haupt- Block neutralisiert, der vor zwei Jahren plaziert wur-
quartier zu folgen. Die Mannschaft bleibt an Bord, bis de. Ihr Erinnerungsvermögen wird zurückkehren. Darf
gegenteiliger Befehl erfolgt.“ ich bitten, Kommandant...?“
Maxwell konnte nur nicken. Maxwell fühlte, wie seine Haare sich sträubten.
Günter dagegen machte aus seinem Herzen keine „Block?“ knurrte er ärgerlich. „Was für eine Erin-
Mördergrube. nerung?“
„Darf man erfahren, Admiral, was der Grund zu Der Arzt lächelte.
dieser außergewöhnlichen Maßnahme ist? Die Mann- „Sie werden schon sehen, Captain. Seien Sie unbe-
schaft hat ihren Urlaub verdient, und die normal ver- sorgt, die Prozedur ist vollkommen harmlos. Sie er-
laufenen Routinebesuche während unseres Fluges las- hielten vor zwei Jahren eine Injektion, die Ihnen die
sen das Ungewöhnliche des Empfanges zumindest Erinnerung an das Vergangene raubte. Wenn ich Ih-
merkwürdig erscheinen.“ nen jetzt sagen würde, daß Sie einmal mit der FOR-
Der Admiral warf Maxwell einen beruhigenden TUNA während der Transition verschwanden und erst
Blick zu, als dieser Günter unterbrechen wollte. Er lä- fünf Jahre später zurückkehrten, somit also eine Zeit-
chelte ruhig. reise unternahmen, werden Sie mich wahrscheinlich
„Sie dürfen natürlich fragen, Günter. Aber die Ant- für verrückt halten. Nun, um das zu vermeiden, er-
wort erhalten Sie erst im Hauptquartier. Es besteht je- halten Sie jetzt Ihr verlorengegangenes Gedächtnis zu-
doch kein Grund zur Beunruhigung. Darf ich Sie nun rück.“
bitten, mir zu folgen?“ Maxwell erhob sich halb betäubt von dem Gehör-
Er machte eine einladende Bewegung zum Auto ten.
hin. Hilfesuchend schaute er in die Gesichter der Ver-
Erst als sie den kleinen Sitzungssaal betraten, war sammelten, aber er konnte nichts anderes erblicken als
es Günter, als tauche vor seinem Auge eine verwischte natürliche Zustimmung. Nicht einmal gespannte Auf-
Erinnerung auf, so als habe er dies alles schon einmal merksamkeit war in den harmlosen Zügen zu lesen,
erlebt. eine Tatsache, die Maxwell gleichwohl beruhigte wie
Der Hufeisentisch war unverkennbar. auch nervös machte.
Daran saßen elf Männer. Jetzt nahm auch der Ad- Webbs nickte ihm zu.
miral Platz, am Kopf des Tisches. Neben ihm saßen „Nun machen Sie schon, Captain. Es ist wirklich
der Chef des Solaren Geheimdienstes und der große nichts dabei. Ich bin der einzige, der seit damals seine
Wissenschaftler Mensorio. Erinnerung behielt.“
33 TERRA

Ohne Antwort und fast automatisch, ohne es zu wis- sie wurden vor einigen Tagen abgeschlossen. Wir er-
sen, streckte Maxwell dem Arzt seinen Arm entgegen, warteten Ihre planmäßige Rückkehr, um Sie mit dem
der den Ärmel ein wenig hochstreifte und das Instru- Ergebnis dieser Vorbereitungen bekannt zu machen.
ment ansetzte. Doch darüber wird Ihnen Mensorio berichten.“
„Die Wirkung tritt in etwa einer Minute ein“, sagte Er setzte sich ebenso ruckartig, wie er sich auch er-
er dabei und aktivierte die Einspritzung. „So — fertig. hoben hatte und versank in das übliche Schweigen.
Der Nächste, bitte.“ Mensorio blieb sitzen, als er zu sprechen begann:
Die Rückkehr der Erinnerung wirkte sich seltsam „Ich wußte bereits viel über die Phänomene der
aus. Zeit, ehe Sie damals mit der FORTUNA aus unse-
Günter schien es, als habe er diesen Raum nie- rer eigenen Vergangenheit zurückkehrten. Auch die
mals verlassen, sondern sei eben erst mit der FORTU- Erfahrungen der anderen Besatzungen, die ähnliche
NA aus der Vergangenheit zurückgekommen. Wie ein Schicksale erlebten, halfen uns bei den Ermittlungen.
Blitzschlag kam die Erkenntnis über ihn. Ich muß jedoch zugeben, daß besonders die Hinwei-
Mit einemmal war alles wieder da — und fast er- se, die wir durch Grudat erhielten, dazu beitrugen, den
staunt griff er mit der rechten Hand zu der Stelle, an Stand unserer Forschungen erheblich weiter voranzu-
der sein Bart gesessen hatte. treiben. Ich darf Ihnen verraten, daß wir heute endlich
soweit sind, ein Schiff willkürlich in die Zukunft zu
„Die — Zeit-Kommission!“ stieß er hervor.
schicken, von der Gegenwart aus.“
Maxwell, Grudat und Hendra schwiegen. Sie wuß-
Mensorio wartete, bis das erregte Geflüster abbrach.
ten plötzlich sehr genau, was ihnen bevorstand.
Offensichtlich waren auch die übrigen Mitglieder der
Der Flug in die Zukunft! Kommission von dieser erstaunlichen Tatsache nicht
Der Admiral nickte dem Chef des Geheimdienstes unterrichtet.
unmerklich zu. Der hagere, schweigsame Mann erhob „Das ist natürlich nur eine Theorie“, schränkte er
sich ruckartig. Seine kalten Augen glitten über die er- dann ein, ohne jedoch die Größe der Entdeckung da-
wartungsvollen Gesichter der Zuhörer, dann begann mit einzuschränken. „Ein Umbau in der FORTUNA
er zu sprechen, und seine Stimme war so schneidend, wird das Raumschiff zu einer flugfähigen Zeitmaschi-
daß den fünf Leuten der FORTUNA ein Schauder den ne umgestalten. Das Ausmaß der erfolgten Zeitsprün-
Rücken herabrann, obwohl sie nichts zu befürchten ge allerdings läßt sich nicht voraussagen. Sie werden
hatten. da auf Ihr Glück angewiesen sein. Über die Einzelhei-
„Jene Rasse in ferner Zukunft ist in den vergange- ten der technischen Vorgänge und über Ihren Auftrag
nen zwei Jahren aktiv geworden. Unsere Beobachtun- selbst werde ich noch eingehend mit Grudat konfe-
gen jedoch lassen darauf schließen, daß sie unsere Be- rieren. Der Einbau meiner Maschinerie beginnt noch
mühungen nicht radikal sabotieren. Das bringt uns auf heute. Die Mannschaft darf das Schiff nicht verlassen.
die Vermutung, daß wir mit unserer Pionierarbeit ih- Der Start erfolgt wahrscheinlich bereits übermorgen.
nen erst die Beherrschung der Zeit ermöglichen. Wenn Das wäre alles!“
wir also heute diese Versuche aufgeben würden, wäre Die letzten Sätze kamen wie Schläge, Markant und
es dieser zukünftigen Rasse niemals möglich, Zeitrei- hart.
sen in die Vergangenheit zu unternehmen. Wir würden
Die Entscheidung war gefallen.
also ihren Einfluß nicht mehr spüren. Natürlich könn-
te man diese Inaktivität der Tatsache zuschreiben, daß Maxwell starrte den Admiral an.
sie es nun nicht mehr nötig hätten, unser Tun zu be- „Es ist also Tatsache geworden, was wir damals nur
einflussen. Wir alle jedoch sind davon überzeugt, daß als eine eventuelle Möglichkeit hinstellten?“ brach er
jene Rasse der Zukunft niemals zu uns zurückkehren schließlich das Schweigen. „Wir sollen in die Zukunft
könnte, würden wir nicht für sie die Anfänge einer reisen...“
Entwicklung vorbereiten, die ihnen später die Beherr- Günter begann plötzlich krampfhaft zu lachen.
schung der Zeit erlaubt.“ Sein ganzer Körper schüttelte sich, während sein
Der Chef des Geheimdienstes machte eine winzige Gesicht rot anlief. Er keuchte, als habe er Mühe, Luft
Pause, ehe er fortfuhr, dabei Webbs anblickend. zu bekommen. Sie alle schwiegen und betrachteten
„Wir machten Sie zum Mitglied der Zeit- Günter, als sei dieser von der Decke herab mitten un-
Kommission, weil Ihre Eigenschaften uns die Ga- ter sie gefallen. Niemand hatte eine Ahnung, was es
rantie gaben, daß Sie schweigen würden. Außerdem ausgerechnet jetzt zu lachen gab.
konnten Sie als Funker ständig mit uns in Verbindung Endlich erholte sich der Erste Offizier. Noch ei-
treten, falls sich unvorhergesehene Dinge ereigneten, nige Male schnappte er erschöpft nach Luft, ehe er
was jedoch nicht der Fall war. überhaupt die erwartungsvollen Gesichter seiner Mit-
Von dieser Sekunde an, meine Herren, betrachten menschen bemerkte.
Sie sich bitte alle ohne Ausnahme als Mitglied dieser Mit einem Schlage wurde er ernst. Todernst sogar.
Kommission, von deren Existenz die Welt nichts ah- Er beugte sich vor und sah dem Admiral starr ins
nen darf. Unsere Vorbereitungen dauerten zwei Jahre, Gesicht.
Wanderer zwischen drei Ewigkeiten 34

„Ich entsinne mich genau an das, was damals vor Im ganzen Schiff herrschte eine knisternde Hoch-
zwei Jahren geschah. Oder vor hundert und mehr Jah- spannung, die sich im Falle eines Mißlingens furcht-
ren — ist das nicht gleich? Ich weiß nun, daß ich mein bar entladen würde. Zwar hatte man die gesamte
eigener Urahn bin. Ich selbst bin mein Vorfahre. Oh- Mannschaft von dem bevorstehenden Wagnis infor-
ne mich — könnte ich nicht existieren! Versuchen Sie, miert, ihr aber nicht die Erinnerung an das zurückge-
daraus schlau zu werden, meine Herren. Und Sie wun- geben, was damals vor zwei Jahren geschah. Es han-
dern sich nun, wenn ich lache, als habe ich den Ver- delte sich eben um den Versuch einer ersten Reise in
stand verloren? Ist das nicht ganz logisch? Ich stelle die Zukunft, und nicht um mehr.
mir nur vor, was geschehen wird, wenn ich in tausend Nicht um mehr!
oder zehntausend Jahren wieder einmal heirate und Günter in der Zentrale lachte kurz auf, als er daran
Kinder zeuge. Ich stelle mir die Frage, wer nun zuerst dachte.
da war? Mein Urgroßvater, ich, oder gar meine Nach-
kommen? Und hinzu kommt eine andere Frage, die Als er Hendras fragenden Blick sah, nickte er ihm
Mensorio interessieren dürfte: Alle diese weit ausein- zu.
anderliegenden Ereignisse geschehen fast gleichzeitig. „Wer weiß, was uns noch bevorsteht, Hendra. Viel-
Läßt das nicht jene irrsinnige Vermutung zu, daß der leicht geraten wir so weit in die Zukunft — mit einem
Zeitstrom kein eigentlicher Strom ist, sondern daß die einzigen Sprung — daß es einfach kein zurück mehr
Zeit aus übereinandergelagerten Daseinsleben besteht, gibt. Vielleicht aber auch passiert überhaupt nichts
aus verschiedenen Zeitdimensionen, die sich des öf- und wir verharren da, wo wir jetzt sind, in der Gegen-
teren berühren und somit ineinander verschwimmen? wart nämlich.“
Ich glaube, wir kämen dem ganzen Problem näher, „Oder aber“, mischte sich Maxwell mit gezwunge-
wenn wir die Zeit einmal von diesem Standpunkt aus ner Lässigkeit in das Gespräch ein, „wir landen in der
betrachteten. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Vergangenheit, vielleicht bei den Höhlenmenschen.
— das sind alles nur gewisse Punkte dieser im zeitlo- Die würden aber staunen!“
sen Nichts schwebenden Ebenen, die von uns durch- „Wir auch!“ gab Günter trocken zurück.
laufen werden. Es sind nichts als relative Begriffe, von
Das Schiff befand sich am Rande des Sonnensy-
uns aus gemessen und betrachtet. Da, wo wir gerade
stems, bereits jenseits der Plutobahn, Hendra mani-
sind, ist für uns Gegenwart. Unter uns befindet sich
pulierte am Bildschirm und versuchte den winzigen
die Vergangenheit, über uns die Zukunft.“
Stern in das haarfeine Fadenkreuz zu bekommen. Aber
Der Admiral schaute ein wenig verwirrt zu Menso- es würde sinnlos sein. Nur ein fast unglaublicher Zu-
rio hinüber. fall würde die Erde in zehn, zwanzig oder zweitausend
Der Wissenschaftler gab den Blick zurück und nick- Jahren genau an dieser Stelle des Raumes stehen las-
te Günter zu. sen. Anders das ganze Sonnensystem.
„Sie gelangten zu der gleichen Überzeugung wie Schon jener erste Versuch damals hatte bewiesen,
ich. Soweit ich es bisher übersehen kann, sind sie nicht daß ein 50 ausgedehntes System wie das der Son-
unrichtig. Die ganze Wahrheit hoffe ich von den Zu- ne seine räumliche Situation innerhalb der Zeitebe-
künftigen zu erfahren.“ nen nicht veränderte. Wahrscheinlich war die Erklä-
„Sie werden sich weigern, uns die volle Wahrheit rung dafür recht einfach: die Materie stand gewisser-
zu enthüllen“, vermutete Günter, „Sie gefährden sich maßen senkrecht zu den Zeitdimensionen und befand
selbst.“ sich somit in allen diesen am identischen Ort.
Mensorio schüttelte den Kopf. Nun stand die Erde in der Mitte des Schirmes.
„Das glaube ich nicht. Sie werden und müssen es Günter ließ sich im Sessel des Co-Piloten nieder
tun — wenn sie überhaupt jemals existieren wollen!“ und warf einen letzten Blick auf die Instrumententa-
Niemand konnte darauf etwas entgegnen. fel.
* „Wann?“ fragte er Maxwell.
Der Kommandant entgegnete prompt:
Als die FORTUNA den Transitionspunkt erreichte, „In genau vier Minuten und dreißig Sekunden! Die
zeigte die automatische Uhr das Datum an. FORTUNA steht unbeweglich im Raum — auf die
Es war heute der 18. Juni 121! Sonne bezogen.“
Im Maschinenraum weilte Webbs bei Grudat. Die Gleichzeitig rief er in den Maschinenraum:
Funkverbindung zur Erde war abgebrochen worden „Hallo, Grudat! Webbs! Alles bereit?“
und für die Zeit-Kommission hatte das Experiment be-
reits begonnen. Die beiden Männer hatten mit Menso- Die Bestätigung kam sofort.
rio den Umbau des Transitors vorgenommen und die Der Funker, der Webbs vertrat, saß auf seinem Po-
Neueinrichtungen installiert. Eine willkürlich geeich- sten und schaltete die Geräte auf Empfang.
te Skala sollte nach dem ersten Versuch die Größe der Die übrige Mannschaft wartete. Schweigend und
einzelnen Sprünge feststellen. atemlos.
35 TERRA

Noch dreißig Sekunden bis zum Zeitsprung. eigenen Verbände den freien Raum zwischen Galaxis
Günter hatte die Augen geschlossen und achte- und Andromedanebel scharf überwachen. Morgen, am
te nicht mehr auf Hendra und Maxwell, die jetzt 19. Juni 621, erfolgt eine Wiederholungssendung des
ebenfalls Platz nahmen. Niemand ahnte, wie sich der Nullzeitradios mit einem letzten Versuch, eine fried-
Sprung auswirken würde, wenn die FORTUNA re- liche Lösung des seit dreißig Jahren tobenden Kon-
gungslos im Räume stand. fliktes herbeizuführen. — Von einem Vorposten am
Der Erste Offizier versuchte, sich noch einmal die Rande des Andromedanebels erhalten wir soeben die
übereinandergelagerten Existenzebenen vorzustellen Nachricht, daß weitere Feindverbände mit dem Ziel
und gab diesen Versuch dann als aussichtslos auf. Die Galaxis im Hyperraum verschwanden. Damit wird die
kommende Transition — so stellte er sich die ganze Hoffnung schwächer, die man auf den morgigen Ver-
Sache plastisch vor — würde nicht wie die bisherigen such setzen kann.“
waagrecht erfolgen, sondern senkrecht. Der Lautsprecher schwieg. Der Funker schaltete ab.
Waagrecht bedeutete Raum und entsprechende Ver- Maxwell sah zum Bordschirm und genau in das
änderung. erregte Gesicht von Grudat, der mit überschlagender
Senkrechte Bewegung hingegen Zeit und eine ent- Stimme rief:
sprechende Veränderung in ihr. „Fünfhundert Jahre! Eine Sekunde Transition be-
Das war doch alles sehr einfach und einleuchtend, deutet fünfhundert Jahre! Es ist unvorstellbar! Wir ha-
solange man nicht versuchte, weiter darüber nachzu- ben es geschafft!“
denken. Günter raffte sich auf.
Noch fünfzehn Sekunden. „Sie haben noch die gleiche Sprache wie wir, sie
Unten — oder hinten — im Maschinenraum leg- hat sich nicht geändert. Aber sie müssen sich in einem
te Grudat seine Rechte auf den Hebel. Die eigentli- Krieg befinden, in einem intergalaktischen Krieg. Man
che Transition würde vorsichtshalber nur eine Sekun- ist also doch auf fremde Intelligenzen gestoßen.“
de dauern. Das Ergebnis versprach Anhaltspunkte für „Oder sie stießen auf uns!“ verbesserte Maxwell.
spätere Zeitmaße. „Jedenfalls ist Krieg! Es wird besser sein, sie ent-
Maxwell dachte gar nichts. Er hielt das für das Ver- decken uns nicht. Es wundert mich ohnehin, daß das
nünftigste. nicht schon längst geschehen ist. Haben Sie übrigens
das mit dem Nullzeitradio gehört? Was soll das bedeu-
Noch fünf Sekunden! Noch vier, drei zwei...
ten?“
Günter öffnete wieder seine Augen.
Webbs schaltete sich ein. Er schob Grudat ein we-
Bewußt wollte er den Augenblick erleben, da er nig zur Seite, um in der Zentrale gesehen zu werden.
wieder einmal um einige Jahre altern würde — ohne
„Wenn sie mit Hilfe dieser Einrichtung Verbindung
allerdings wirklich zu altern. Denn er würde die Zeit-
zum anderthalb Millionen Lichtjahre entfernten An-
differenz nicht leben, sondern überspringen.
dromedanebel aufnehmen können und auch sofortige
Eins — und jetzt! Antworten oder Informationen erhalten, so bedeutet
Es war geschehen! das die Entdeckung der überlichtschnellen Radiowel-
Der Funker in seiner Kabine erschrak, als die über- le. Mit anderen Worten: diese Wellen des Nullzeitradi-
schrillen Worte aus dem Lautsprecher drangen. Mit os eilen so schnell durch den Raum, daß kein Zeitver-
einer schnellen Bewegung dämpfte er die Stärke und lust mehr entsteht. Meiner Meinung nach weniger eine
konnte nun das Gesagte deutlich verstehen. Gleichzei- Sache der eigentlichen Radiotechnik, sondern bereits
tig schaltete er durch zur Zentrale, damit man auch das erste positive Abzeichen einer wahren Zeitbeherr-
dort am Empfang teilhaben konnte. schung.“
Günter hatte während der einen Sekunde der Tran- „Wie meinen Sie das?“ wollte Maxwell wissen.
sition den Weltraum beobachtet, aber außer der tota- Günter half Webbs.
len Dunkelheit war ihm nichts aufgefallen. Sogar der „Ähnlich wie bei unseren Transitionen. Zwar be-
Stern in der Mitte des Bildschirms war nur um weni- nötigt die ausgesandte Radiowelle genau die gleiche
ge Millimeter verrückt — ein Zeichen dafür, daß der Zeit wie früher, denn sie wird kaum schneller gewor-
Zeitsprung nur wenige Tage überbrückt hatte, oder auf den sein, aber der Verlauf der Reisezeit wird kontrol-
den Tag genau beliebig viele Jahre vergangen waren. liert und neutralisiert. Es vergehen anderthalb Millio-
Die Umschaltung des Funkers unterbrach die Ge- nen Jahre, bis diese Welle am Ziel anlangt. In dem
dankengänge Günters. Auch Maxwell und Hendra gleichen Augenblick, da solches geschieht, wird sie
schraken zusammen, als die fremde Stimme in der am Zielort durch einen Zeitfunkempfänger anderthalb
Zentrale sagte: Millionen Jahre zurücktransformiert, womit der Effekt
„... erfolgte vorgestern. Ein neuer Angriff ist vorerst hervorgerufen wird, den wir soeben erlebten: die Wel-
kaum zu erwarten, da die Verluste des Feindes zu hoch le kommt dort im gleichen Augenblick an, da sie den
sind. Die Reste der Flotte haben sich bis zum Rand Sender hier im Sonnensystem verläßt — oder sogar
der eigenen Galaxis zurückgezogen, obwohl unsere etwas früher.“
Wanderer zwischen drei Ewigkeiten 36

Webbs Gesicht war ein einziges Fragezeichen. Die Erde stand am Rande des Bildschirmes. Die
„... etwas früher...?“ stammelte er fassungslos. „Wie Zeitsprünge erfolgten also tatsächlich fast genau in
das?“ Günter grinste. Jahresabständen.
„Nur eine Spekulation von mir, die natürlich dane- Günter starrte mit fiebernden Augen hinaus in die
bengehen kann. Aber stellen Sie sich nur vor — falls Weite und suchte nach weiteren Anzeichen einer Ver-
überhaupt das Nullzeitradio auf dem eben erwähnten änderung. Doch wenn die verwandelte Farbtönung der
Prinzip beruht — der im Andromedanebel stationier- Sonne nicht genügt hätte, ihn von dem gelungenen
te Zeitfunktransformator arbeitet nicht haargenau. An- Zeitsprung zu überzeugen, so würde ein anderes Er-
statt die empfangene Welle um anderthalb Millionen eignis ihn dazu gebracht haben.
Jahre zurückwerfen, tut er es um anderthalb Millionen Die Verbindung zum Funkraum bestand nach wie
Jahre und zwei Tage. Nun, wie sähe das in der Praxis vor.
aus?“ Aus dem Lautsprecher kam die überstarke Stimme
Maxwell stieß ein ärgerliches Grunzen hervor. eines Mannes. Die Sprache war identisch mit der so-
laren Universalsprache des 2. Jahrhunderts der neu-
„Das ist ja Wahnsinn! Lassen Sie diese Spekulatio-
en Zeitrechnung. Ein winzig aneckender Akzent fiel
nen, die nichts einbringen und uns nur von unserem
kaum ins Gewicht.
eigenen Ziel entfernen.
„Willkommen im Galaktischen Reich!“ sagte die
Was nun? Nehmen wir Verbindung auf, oder?“
eiskalte und herrisch klingende Stimme. „Die Zeit-
Grudat auf dem Schirm schüttelte den Kopf. meister grüßen euch!“ Günter sah, wie Maxwell bleich
„Wir gehen weiter. Ich glaube kaum, daß wir hier wurde. Auch Hendra bewahrte nur mit Mühe sei-
die Rasse finden, die wir suchen.“ Maxwell nickte. ne Fassung, während Grudat im Maschinenraum am
„Also gut: fünf Sekunden!“ Günter zog hörbar die Transitor zu hantieren begann. Wollte er den Ver-
Luft ein. „Das bedeutet 2500 Jahre in die Zukunft, such einer Flucht aus dieser Zeit machen? Die Stim-
3000 Jahre von unserer eigenen Zeit entfernt!“ me sprach weiter: „Wir haben euch erwartet, Freunde
Grudat machte sich am Transitor zu schaffen und aus der Vergangenheit. Sobald wir eine Atemluftzone
sah über die Schulter zurück in die Zentrale, als er sag- geschaffen haben, öffnet die Luke. Wir möchten mit
te: euch reden. In zehn Minuten etwa.“
Maxwell wußte nicht, ob eine Antwort gehört wer-
„Vielleicht sind 3000 Jahre noch zu wenig. Die
den konnte. So begnügte er sich damit, Grudat die An-
Leutchen mögen aus einer Zeit stammen, die 10 000
weisungen zu geben:
Jahre oder mehr in der Zukunft liegt. Aber — versu-
chen wir es.“ „Stellen Sie eine Rück-Transition bereit, Grudat.
Aber ich glaube, wir sind angelangt. Die Zeitmeister
Der Erfolg war negativ. Im Funkgerät rührte sich
— das müssen sie sein. Bald werden wir mehr wis-
nichts, abgesehen von unverständlichen Zeichen in ra-
sen. Und — sie haben uns erwartet? Wie ist das nur
send schneller Folge. Wahrscheinlich eine Art Code.
möglich?“
Es konnten jedoch genauso gut die Bildträger einer
ebenfalls überschnellen optischen Nachrichtenüber- Günter lachte kurz und höhnisch auf.
mittlung sein. Maxwell winkte Grudat zu. „Nehmen „Sagt Ihnen das denn nicht schon die Bezeichnung
Sie zehn Sekunden!“ Günter spürte das Würgen im ,Zeitmeister’? Sie wußten natürlich, daß wir auftau-
Hals, als er an die 5000 Jahre dachte, die in den we- chen. Sie wußten es schon vor 8000 Jahren, wenn man
nigen Sekunden vergehen würden. Waren sie nicht zu es so betrachtet. Ich bin nur gespannt, was sie von uns
vermessen, derart tief in die Geheimnisse der Natur wollen.“
eindringen zu wollen? Aber dann schüttelte er alle Be- „Was mag die Atemzone bedeuten?“ erkundig-
denken blitzschnell von sich ab. te sich Hendra fast schüchtern. Aus seiner Stimme
Unsinn! Jene Unbekannten aus der Zukunft taten es sprach eine gewisse Hochachtung vor den Unbekann-
auch; was sollte sie daran “indem, es ihnen gleich zu ten. „Ob es etwas mit den Raumschiffen da vorn zu
tun, wenn sie dazu in der Lage waren? Hätte der All- tun hat?“
wissende ihnen die Geheimnisse der Natur in die Hän- Raumschiffe?
de gegeben, wenn er es nicht so gewollt hätte? Günter und Maxwell ruckten wie auf Kommando
Grudat meldete die Beendigung der Einstellung. zusammen und starrten hinaus in den Raum. Bisher
Maxwell nickte ihm zu. „Worauf warten Sie? Tran- hatten sie nichts von einem Schiff bemerkt, doch nun
sition...!“ Zehn Sekunden lang wurde es dunkel um sahen sie es.
die FORTUNA, dann tauchte das Universum wieder Nicht eins, sondern acht bis neun kugelförmige Ge-
auf. In weiter Ferne erstrahlte die Sonne in einem et- bilde kamen in geradem Kurs auf sie zu und schlössen
was rötlich scheinenden Glanz — unzweifelhaft war sie symmetrisch ein. Die FORTUNA befand sich ge-
sie gealtert. Aber — konnten 8000 Jahre so viel aus- nau in der Mitte des so entstehenden dreidimensiona-
machen? len Etwas.
37 TERRA

Niemand rührte sich in der Zentrale, als sich die ohne Unregelmäßigkeiten — war durchaus mensch-
plötzliche Verfärbung des um die FORTUNA befindli- lich und anziehend. Es wirkte sympathisch und ver-
chen Raumes bemerkbar machte. Feine, weiße Schlei- trauenerweckend. In den dunklen Augen stand so et-
er strömten aus den Schiffen und eilten auf die FOR- was wie Mitgefühl und Bewunderung, wirklich eine
TUNA zu, als würden sie von ihr angezogen. Gleich- seltsame Mischung, die nicht zu vereinbaren war.
zeitig dehnten sie sich aber auch aus und wurden in „Nochmals willkommen!“ sagte er, und die Män-
Höhe der fremden Schiffe wie von einer unsichtbaren ner der FORTUNA erkannten sofort die Stimme jenes
Wand zurückgeworfen. Mannes wieder, der über Funk zu ihnen gesprochen
Die atembare Zone!? hatte. „Darf ich zu Ihnen ins Schiff kommen?“
Atemluft, gehalten von einer Energiesperre? Maxwell riß sich zusammen.
„Willkommen! Ich — wir begreifen das alles
Ja, das mußte es sein! nicht...“
Günter stockte der Atem, als er die Lösung erkann- Der Fremde lächelte.
te. Die Technik dieser Menschen 8000 Jahre später „Sie werden bald verstehen, Captain Maxwell. Und
mußte gigantische Ausmaße erreicht haben. Mitten im Sie ebenfalls, Günter und Hendra. Natürlich können
Vakuum des Raumes schufen sie eine künstliche Welt. wir auch hier draußen bleiben und uns auf der Hülle
Das Licht der fernen Sonne brach sich in der glas- Ihres Schiffes niederlassen. Die Atemluft in der Ener-
klaren Kugel unsichtbaren Gases, welches nur darum gieblase reicht für mehrere Tage und kann jederzeit
bemerkbar wurde, weil auch die Sterne verschoben erneuert werden. Kommen Sie. Ich liebe die frische
schienen. Die geringe Abweichung der Lichtstrahlen Luft.“
bewirkte somit ein Sichtbarwerden der vorhandenen Er trat hinaus ins Nichts und begann, vorsichtig auf
Luft. der Hülle der FORTUNA voranzuschreiten, als sei er
Eins der Kugelschiffe löste sich vorsichtig aus dem eine Fliege. Die Gravitation des Schiffes bewahrte ihn
Sperrkreis und näherte sich der FORTUNA. Gleich- davor, abgetrieben zu werden.
zeitig ertönte wieder die Stimme aus dem Lautspre- Grudat war aus dem Maschinenraum in die Luft-
cher: schleuse gekommen. Webbs folgte ihm. Beide starr-
„Wir sind soweit. Sie können die Luke gefahrlos ten mit offenem Mund auf das frei vor ihnen liegende
öffnen. Wollen Sie herauskommen, oder wünschen Universum.
Sie, daß wir Sie in Ihrem Schiff aufsuchen? Geben Sie Maxwell warf ihnen einen warnenden Blick zu, ehe
uns die Antwort nach öffnen der Luke.“ er dem Fremden folgte. Er hatte dabei eine gehörige
Portion Angst zu überwinden, denn zum erstenmal in
Man konnte sie also nicht überhören!
seinem Leben betrat er den Weltraum ohne Schutz-
Irgendwie beruhigte Günter das. Das Gefühl, jedes anzug. In tiefen Zügen probierte er die köstlich reine
seiner Worte — womöglich sogar jeder Gedanke — Luft. Die Temperatur war angenehm.
könne von den Unbekannten belauscht werden, hatte ,Oben’ auf dem Rücken der FORTUNA wartete der
ihn stark erregt. Fremde. Er saß am Absatz der Steuerdüsen und sah
Maxwell schluckte. ihnen interessiert entgegen.
„Gehen wir“, sagte er. Mehr nicht. Zwei Minuten später begann die merkwürdigste
Unterredung, die jemals in der menschlichen Ge-
Sie zögerten, bevor sie die Außenluke öffneten. Ob-
schichte stattgefunden hatte. Sie alle waren nichts als
wohl sie es erwarteten, berührte es sie doch recht
Menschen, aber der Abgrund von 8000 Jahren trennte
merkwürdig, als kein Druckausgleich stattfand. Drau-
sie.
ßen war die Unendlichkeit des Raumes, das gewaltige
Nichts — und doch wurden sie nicht aus dem Schiff „Sie wurden erwartet“, begann der Fremde, „und
hinein in das Vakuum gerissen. Draußen war Luft, gu- wir wußten, daß Sie kommen würden. Zuerst einmal
te und reine Luft. danke ich Ihnen im Namen der galaktischen Regie-
rung für Ihren Mut, die Schlucht zu überbrücken, die
Maxwell trat vor bis zur Schwelle und winkte hin- uns durch Raum und Zeit trennte. Ebenfalls gebührt
über zu dem wartenden Schiff. Dort öffnete sich im der vor 8000 Jahren gegründeten Zeit-Kommission
Kugelleib eine runde Luke, und ein Mann trat hinaus unser Lob und unsere Anerkennung, wenn sie auch
ins Nichts. knapp hundert Jahre bestand,“
Auf seinem Rücken flammte etwas grell und für Se- Günter sah Maxwells verwundertes Gesicht und eil-
kunden auf, dann segelte er über den Abgrund zu ih- te ihm zu Hilfe:
nen herüber. Kurz vor der FORTUNA flammte es er- „Wie sollen wir das verstehen? Warum existiert die-
neut auf, und sanft wie eine Feder landete der Fremde se Kommission nur hundert Jahre?“
direkt in der offenen Luke, dicht neben Maxwell, der „Die Experimente mit der Zeit mißlangen — we-
unwillkürlich zur Seite wich. nigstens in den Augen der in ihrer Zeit verbleibenden
Per Unbekannte trug eine schwarze Uniform mit sil- Kommission. Dann, um 220 etwa, wurde sie endgültig
bernen Rangabzeichen. Sein Gesicht, glattrasiert und aufgelöst.“
Wanderer zwischen drei Ewigkeiten 38

Webbs wäre aufgesprungen, wenn er nicht an die Jahre 600 etwa begann, war lange zu Ende. Er hatte
fehlende Schwerkraft gedacht hätte. Die leiseste Be- mehr als 4000 Jahre gedauert. Die Galaktische Regie-
wegung hätte ihn davonschweben lassen. rung wurde errichtet.
„Mißlang? Wieso mißlang unser Versuch? Wir sind Jene fünf Männer starben, noch bevor sie das Rät-
doch hier bei Ihnen angelangt, oder etwa nicht?“ sel der Zeit endgültig lüften konnten, aber ihre Ar-
„Schon, aber Sie werden niemals in Ihre Zeit zu- beit wurde zum Grundstein unserer heutigen Zivilisa-
rückkehren!“ tion. Die perfekte Zeitmaschine wurde entwickelt —
Wie ein eisiger Hauch strich es über sie hinweg. In jedoch existiert nur ein einziges Exemplar davon. Und
Raum und Zeit verschollen... sie befindet sich in den Händen der Zeit-Kommission,
„Es gelang uns bereits schon einmal, in unsere eige- deren Vertreter ich bin. Mit ihr erfolgten die notwendi-
ne Zeit zurückzukehren!“ rief Grudat hastig und zor- gen Korrekturen der Vergangenheit. Um nur ein Bei-
nig. „Es würde uns auch diesmal gelingen.“ spiel zu nennen: mit ihrer Hilfe holten wir Sie damals
aus dem Urwald am Amazonas in Ihre Gegenwart zu-
„Leider nicht, Grudat!“ sagte der Fremde. „Damit
rück und sorgten auch dafür, daß der Erdmond mit-
Sie auch in dieser Hinsicht orientiert sind: ich bin
kam. Denn sein Verschwinden erst bewirkte den Zu-
der Chef der vor 800 Jahren neu gegründeten Zeit-
sammenschluß der Menschheit bis zum heutigen Tag.“
Komission, der Nachfolgeorganisation Ihrer Vereini-
gung. Denn vor 800 Jahren begann die eigentliche Er schwieg.
Entwicklung der Zeitbeherrschung durch den Men- Sie hatten schweigsam und voller Ahnungen zuge-
schen. Und Sie, meine Herren, sind die Urheber die- hört, aber niemand wagte es, die entscheidende Frage
ser Entwicklung. Daher schätzen wir uns besonders zu stellen.
glücklich, Sie bei uns begrüßen zu dürfen.“ Günter betrachtete den Fremden nachdenklich.
Günter wirbelte der Verstand im Kopf umher, als Dann stutzte er.
sei er in ein Zyklotron geraten. Er verstand überhaupt Der Fremde kam ihm bekannt vor.
nichts mehr.
Wo hatte er das Gesicht nur schon gesehen?
„Vor 800 Jahren — vor 8000 Jahren — Zeit-
Seine Gedanken wurden durch Grudat unterbro-
Kommission — reden Sie doch endlich so, daß wir be-
chen, der fragte:
greifen! Was haben wir mit alledem zu tun? Wir sind
durch die Zeit gekommen, um von Ihnen Aufklärung „Sie sagten wir würden nicht mehr in unsere Zeit
darüber zu fordern, warum Sie sich in unsere Ange- zurückkehren? Warum nicht?“
legenheiten mischen. Das haben Sie doch getan, oder Wieder lächelte der Fremde, doch diesmal nicht
nicht?“ mehr kalt, sondern mit einer merkwürdigen Herzlich-
Der Fremde nickte und lächelte kalt, aber doch nicht keit. Er sagte:
unfreundlich. „Sagte ich nicht schon eben, daß Sie es niemals
„Allerdings. Wir mußten eine Zeitparadoxe verhü- ganz verstehen werden? Sie werden sterben, ohne das
ten, da diese uns unweigerlich ausgelöscht hätte. Ein Rätsel ganz gelöst zu haben, aber Ihre Nachkommen
anderer Wahrscheinlichkeitsstrom wäre Wirklichkeit haben mehr Glück. Sie werden das Geheimnis lüften,
geworden, statt der von uns gewünschten. Es ist zu das die Natur und der Allwissende über das Phänomen
kompliziert, Ihnen das verständlich machen zu wol- Zeit gelegt haben. Sie sind aber reif dazu, denn wären
len. Sie werden ganz von allein dahinterkommen — sie es nicht gewesen, gäbe es heute mehr denn nur eine
besonders Sie, Günter. Zeitmaschine.“
Doch lassen Sie mich Ihnen wenigstens das Wich- „Mit der Sie Korrekturen ausführen!“ warf Gün-
tigste zum Verständnis berichten, damit Sie wissen, ter mit bitterem Vorwurf ein. „Sie machen sich zum
welches Ihre Mission sein wird. Gott!“
Vor 800 Jahren tauchten aus dem Nichts fünf Men- Der Fremde schüttelte den Kopf und zeigte hinaus
schen auf und begannen, mit der Zeit zu experimentie- in die unermeßliche Weite des Universums, hinüber zu
ren. Merkwürdigerweise zielten ihre Versuche darauf den winzigen Schleiern der fernen Galaxen, die deut-
hin, in die Vergangenheit zu reisen; für die Zukunft lich durch die feine Lufthülle der Energieblase schim-
zeigten sie wenig Interesse. Ihre Arbeit wurde schließ- merten.
lich von Erfolg gekrönt, als sie die erste funktionieren- „Niemand kann sich zum Gott machen, solange
de stationäre Zeitmaschine konstruierten. Allerdings Gott lebt“, sagte er feierlich. Sie damals glaubten an
gelangten sie damit nicht in die Vergangenheit, son- Gott, mehr nicht. Wir aber —“ und in seine Stim-
dern nur in die nahe Zukunft und wieder zurück in ihre me trat bange Ehrfurcht und stolze Verehrung — „wir
Gegenwart. Immerhin — es war ein Anfang. aber wissen, daß es einen Gott gibt. Es dauerte mehr
Von nun an begann eine intensive Entwicklung in als 9000 Jahre, bis der Mensch dieses absolute Wissen
dieser Richtung. Die ersten gewaltigen Probleme der erhielt. Und Gott billigt unser Tun, meine Freunde.
galaktischen Besiedlung durch den Menschen waren Denn wisset, daß auch Gott in unserer Wahrschein-
gelöst. Der Krieg mit dem Andromedanebel, der im lichkeitsebene existiert. Er ist unsterblich, aber eine
39 TERRA

Änderung der Linie könnte auch ihn wegwischen — „Das ist doch nicht möglich! Diese unbegreifliche
wegwischen aus unserer Daseinsdimension! Er würde Zeitspanne kann niemals...“
ewig leben, aber nicht mehr bei uns. Er ist der Anfang „Sind 800 Jahre viel, wenn man die Möglichkeit be-
und das Ende — niemals prägte der Mensch einen sitzt, in die Zukunft zu reisen?”
Satz, der wahrer gewesen wäre. Gott ist der Anfang Günter erstarrte.
gewesen, und eines Tages wird er auch das Ende für
uns sein. Dann nämlich, wenn wir ihn erreicht haben.“ Der Fremde hatte 800 Jahre gesagt, nicht 8000...“
„Gott erreichen...?“ hauchte Günter, nicht begrei- Sollte...?
fend, was der Fremde damit meinte. „Der Mensch will Er begriff und erschrak.
Gott erreichen?“ Leichenblaß hockte er da auf der schimmernden
„Sucht er ihn denn nicht schon immer, solange er Hülle der FORTUNA und begann, die Zusammenhän-
auf der Erde weilt? Was tut der Mensch denn anders, ge zu sehen, zu denen der Fremde ihnen Schlüssel sein
als danach zu forschen, ob es diesen Gott gibt? Und wollte. Um ihn herum lauerte die Unendlichkeit und
wenn er an ihn glaubt, beginnt er mit dem Versuch schien darauf zu warten, daß er sich in sie hineinstür-
zu wissen. Und dieses Wissen treibt ihn voran, wenn zen würde.
er es erlangt hat. Alles andere in der Zeit des Nur- Und was dann?
Glaubens war nichts als ein zögerndes Tasten in Rich- Würde dann auch die heute existierende Zeitma-
tung auf Gott zu. Seit der Mensch absolut weiß, stürmt schine erfunden werden? Oder würde alles jetzt Beste-
er mit Riesenschritten Gott entgegen. Und Gott sieht hende wie ein Spuk verschwinden, als habe es niemals
zu. Schweigsam und abwartend. existiert?
Wir forschen die Zukunft ab. In 5000 Jahren steht Und Gott...?
die Grenze zum Nichts.
Günter schauderte zusammen.
Es gibt kein.Später’ als das Jahr 12321!“
Ihm blieb keine Frage mehr.
Diese Zahl stand wie eine Drohung im Universum.
Das Ende der Welt? *
„Nein“, sagte der Fremde, als habe er ihre Gedan-
ken erraten. „Nicht das Ende der Welt, sondern ein Bewegungslos hing die FORTUNA im Raum.
neuer Beginn. Im Jahre 12321 haben wir Gott gefun- Die fremden Kugelschiffe waren längst verschwun-
den — endgültig gefunden.“ den und hatten sie allein gelassen. Auch der Fremde,
„Und warum das Nichts?“ flüsterte Günter. der Max Günter hieß, war gegangen. Lautlos war er
„Weil Gott das Nichts ist — und das Nichts ist Gott. hinübergeschwebt zur offenen Luke seines Schiffes,
Das Nichts aber, wenigstens das sollt ihr erkennen, ist hatte noch einmal zu ihnen gewinkt und war dann ver-
das Gewaltigste, was jemals geschaffen wurde. Es gibt schwunden.
nichts Gewaltigeres als das Nichts — und darum wur- Die Energieblase löste sich auf und die darin einge-
de das Nichts Gott.“ sperrte Luft verpuffte ins Vakuum, keine Spuren zu-
Erneut senkte sich Schweigen auf sie herab. rücklassend.
Dann beugte sich Hendra, der Mann mit den schärf- Die FORTUNA blieb allein zurück.
sten Augen, ein wenig vor und sah dem Fremden auf- Im Maschinenraum stellte Grudat den Transitor auf
merksam ins Gesicht. Rücksprung.
„Ich kenne Sie“, sagte er. „Wer sind Sie?” Dieses Mal umgepolt auf 16 Sekunden, also 8000
Günters Puls begann schneller zu schlagen. Auch Jahre.
Hendra hatte diesen Mann erkannt, diesen Mann, der
In der Zeit zurück.
8000 Jahre nach seiner Zeit lebte.
,Von Gott weg!“ dachte Günter und erblaßte.
„Ich bin ein Mensch — ein sehr weitläufiger Nach-
komme von Ihnen. Genügt Ihnen das?“ Dieser Fremde mit seinen Reden von Gott!
„Eigentlich nicht“, beharrte Hendra störrisch auf ei- Und doch, diese Ähnlichkeit mit ihm, Günter! Nicht
ner genaueren Auskunft. „Sie sehen Fred Günter ähn- alles konnte gelogen sein, was er sagte. Nein, Günter
lich.“ wußte, daß der Fremde die Wahrheit gesprochen hat-
te, so merkwürdig und unglaublich sie auch klingen
Ja, das war es! Der Fremde sah ihm selbst ähn-
mochte.
lich! Daß er nicht gleich darauf gekommen war. Gün-
ter schalt sich einen Narren. Grudat meldete den Vollzug der Einstellung.
„So, tue ich das? Das mag daran liegen, daß ich Maxwell begann zu zahlen.
ebenfalls Günter heiße. Allerdings Max Günter. Al- Für 16 lange Sekunden blieb es dunkel draußen im
te Tradition, wissen Sie.. “Tradition! Über 8000 Jahre All, dann erschienen die Sterne wieder. Auch die Son-
hinweg. Günter schwindelte, als er diese Tatsache ur- ne. Sie hatte nur wenig von ihrer rötlichen Färbung
plötzlich erfaßte. verloren.
Wanderer zwischen drei Ewigkeiten 40

Hendra zeigte mit zusammengekniffenen Lippen verschollen, weil ich ein nettes Mädchen finde und
auf sie. heirate, Kinder bekomme, unter denen sich der Va-
Wir haben es nicht geschafft! Es sind noch keine ter jenes Fremden befinden wird — dieser Fremde al-
1000 Jahre vergangen. Nicht zu reden von 8000...“ so schilderte den Beginn der Epoche der sogenannten
„Vielleicht nur 800...?“ machte Günter, ohne Er- Zeitmeister. Wir, Maxwell, sind dieser Beginn! Das
staunen dabei zu empfinden. haben Sie doch verstanden?“
„Noch mal versuchen!“ befahl Maxwell. In seiner Maxwell nickte stumm. Hendra starrte Günter ein-
Stimme schrillte der heranschleichende Wahnsinn. fach nur an. Auf dem Bildschirm war Grudats Gesicht,
Grudat folgte dem Befehl. neben ihm Webbs.
Es wurde überhaupt nicht mehr dunkel. „Wir müssen alles vermeiden, was eine Paradoxe
hervorrufen könnte — sagte uns das nicht schon der
Der Transitor setzte aus.
Admiral? Na also? Wir sind aus unserer ursprüngli-
Sie waren erneut im Meer der Zeit gestrandet. chen Gegenwart verschwunden, weil die Zeit für die
Und Günter wußte mit Gewißheit, daß ihr Sprung große Entdeckung noch nicht reif war. Jetzt, 7200 Jah-
genau 800 Jahre in die Vergangenheit geführt hatte. re später, tauchen wir wieder auf, mit Erkenntnissen
Exakt gesehen in das Jahr 7321. und Wissen aus der Zukunft belastet. Wir gelangen auf
7200 Jahre in die Zukunft, wenn man es anders her- den Platz, auf den wir hingehören. Niemand, der heute
um betrachtete. — und ich meine heute! — lebt, darf jemals erfahren,
Und genau in diesem Augenblick stellte der Tran- wer wir sind. Vielleicht sind wir Raumfahrer, die vor
sitor seine Tätigkeit ein, um sie niemals mehr wieder vielen Jahrzehnten von der Erde starteten und sich im
aufzunehmen. Raum verirrten. Vielleicht versagte der Neutralisator
beim Raumsprung, daher der Zeitverlust. Alte Sache
Maxwell begriff überraschend schnell.
mit der Dilation, mehr nicht. Vielleicht waren wir auch
Er gab den Befehl, die Erde anzufliegen und auf ihr hundert Jahre weg, während für uns nur wenige Mona-
zu landen. te vergingen. Das wäre immerhin eine Erklärung. Die
Wahrheit jedenfalls, und das merken Sie sich bitte alle,
* darf niemals bekannt werden!“
Noch außerhalb der Jupiterbahn wurden sie ange- „Und die Mannschaft?“ wagte Maxwell die lebens-
halten. wichtige Frage. „Sie wird niemals dicht halten und
Unsinn reden.“
Unsichtbare Energiefinger griffen nach der FOR-
TUNA, drosselten ihre Geschwindigkeit und hielten Günter zuckte die Achseln.
sie fest wie gierige Krallen. Der Überwachungsdienst „Die Mannschaft! Die Tatsache, nicht mehr ihre al-
des terranischen Imperiums funktionierte ausgezeich- te Heimat wiederzufinden, hat ihren Geist verwirrt.
net. Nicht eine lächerliche Bakterie konnte unbemerkt Wer wird ihr schon glauben? Da, sehen Sie! Die er-
in das Sonnensystem eindringen. Der Überwachungs- sten Schiffe nähern sich aus Richtung Jupiter. Jetzt ist
dienst würde sie entdecken. es soweit. Denkt euch ein Märchen aus, Freunde. Aber
Maxwell drohte zu verzweifeln. „Es ist zum — da- — es muß ein gutes Märchen werden...“
bei hätte ich diesem Herrn von der zukünftigen Zeit- Und es wurde ein gutes Märchen.
Kommission, der uns so kurz abfertigte, gern einen Günter sah von dem Buch auf, als Maxwell eintrat.
Streich gespielt. Davon aber abgesehen — seine Vor-
aussage stimmt nicht. Oder stimmt sein Geschichts- Der ehemalige Kommandant der FORTUNA lä-
buch etwa nicht? Wenn wir schon jene fünf Männer chelte ihm zu und zeigte aus dem Fenster hinaus auf
sind, die im Jahre 7321 wie aus dem Nichts auftau- die Kuppeln der Stadt.
chen, sollten wir eigentlich auch unbemerkt zur Erde „Der Auftrag ist genehmigt. Wir erhalten ab mor-
gelangen. Davon kann doch keine Rede sein. Sie stop- gen die notwendigen Mittel, mit unseren Versuchen zu
pen uns, werden uns ausfragen. Sie werden...“ beginnen. Auf Regierungskosten wird eine Anstalt er-
Günter fand die Zeit gekommen, sich einzumi- richtet, die zu unserer Verfügung steht. Das Märchen
schen. von unserem Zeitsprung — das nur deshalb ein Mär-
chen ist, weil wir ihnen zu wenig erzählten — hat ge-
„Jetzt hören Sie einmal sehr gut zu, Maxwell. Sie
wirkt. Man wurde neugierig. Wir — hören Sie, Günter
sind der Kommandant, das ist richtig. Aber Sie sind
— wir sollen versuchen, eine Zeitmaschine zu bauen!“
der Kommandant der FORTUNA, nicht aber der Kom-
mandant der Zeitexpedition. Das sollte immer derje- „Ich habe es nicht anders erwartet“, bekannte Gün-
nige sein, der am schnellsten begreift. Im Augenblick ter ohne eine Spur von Erstaunen. „Damit beginnt heu-
bin ich das. Eigentlich bin ich es seit 800 Jahren — te die Geschichte jener Entwicklung, deren Ende wir
zurückgerechnet, wenn man will. Jener Fremde, ei- bereits kennen. In 800 Jahren haben wir die Zeitmei-
ner meiner Nachkommen — vielleicht unternehme ich ster — und in weiteren 5000 Jahren das Ende.“
einst eine Reise in die nahe Zukunft und bleibe dort Maxwell machte eine unwillige Bewegung.
41 TERRA

„Glauben Sie doch das nicht, Günter. Ich habe mich Situation! Ja, es schien fast, als blicke er in einen un-
zwar an Ihre Ratschläge bisher gehalten, aber nur des- merklich verzerrenden Spiegel. Der Max Günter der
wegen, um keine Schwierigkeiten zu bekommen. Man Zukunft war älter.
hätte uns die Wahrheit niemals geglaubt. Aber ich „Sie werden morgen offiziell die Zeit-Kommission
bin auf der anderen Seite davon überzeugt, daß jener ins Leben rufen, Günter, und Sie werden der Leiter
Fremde gelogen hat. Wir werden mit Hilfe von Gru- dieser Kommission sein. Damit beginnt die Geschich-
dat die Zeitmaschine noch einmal erfinden, wie wir te der Zeitmeister, die Geschichte einer grandiosen Pa-
sie bereits erfunden haben, und in die Vergangenheit radoxe, die nur deshalb nicht paradox ist, weil sie so
zurückkehren. Sie werden sehen.“ unglaublich paradox ist.“
Günter lächelte. Wieder eine kurze Pause.
„Die Geschichte in 800 Jahren berichtet davon, daß Die schwarze Uniform damals — oder später, in Zu-
die fünf Begründer der Zeit-Kommission krampfhaft kunft — hatte ihm gut gestanden, dachte Günter flüch-
versuchten, in die Vergangenheit zu gelangen. Aber tig. Erst jetzt bemerkte er den breiten Metallreifen um
sie berichtet auch weiter, daß ihnen nur die Reise in den Leib des Zeitreisenden. Die Finger der rechten
die nahe Zukunft gelang, und die Rückkehr in ihre ei- Hand lagen auf winzigen Knöpfen.
gene Gegenwart. Die aber ist das Heute für uns, Max- „Leben Sie wohl, Fred Günter. Und verzeihen Sie
well! Merken Sie denn immer noch nicht, daß wir un- mir meine einzige Lüge. Ich mußte sie aussprechen,
abänderlich diese fünf Männer sind? Niemals werden um Ihnen nicht den Verstand zu rauben, bevor Sie Ih-
wir einen anderen Weg gehen können als den, den sie ren Weg vor sich sahen. Jetzt haben Sie Zeit, darüber
gelebt haben, damals vor 800 Jahren. Die Geschichte nachzudenken. Und wenn Sie die Antwort gefunden
sagt es, jene Geschichte, die in 800 Jahren geschrieben haben, haben Sie gleichzeitig das Rätsel der Zeit ge-
wird...“ löst.“
Günter starrte ihn an.
Maxwell sah hinab auf die Kuppeln und Flachdä-
„Welche Lüge meinen Sie?“
cher der großen Stadt. In seinen Augen war plötzlich
Sein Herz krampfte sich zusammen, als er in die
ein Leuchten. Es hatte ein ganz klein wenig mit Hoff-
so vertrauten Züge des Zeitreisenden blickte. In ihnen
nung zu tun Doch dieses Hoffen war nicht in die Ver-
war jetzt etwas, das ihn merkwürdig berührte, ja, fast
gangenheit gerichtet, sondern in die Zukunft.
erschreckte.
Grudat kam, sie abzuholen. Der Regent wollte sie Das waren doch die Augen von... „Nenne mich ,du’,
sehen. Der Gravitationslift brachte sie hinab zur Platt- Fred. Und denke darüber nach, wieso wir uns begeg-
form der nächsten Schwebestraße, per Gleiter erwar- nen konnten. Ich habe keinen Vater, denn mein Va-
tete sie. Webbs und Hendra standen auf dem brei- ter ist die Zeit. Nur einmal in der Geschichte jeden
ten Band, das wie ein Balkon aus dem Gebäude her- Universums geschieht es, daß ein Mensch gleichzei-
ausragte. Die Transportgleiter bewegten sich auf den tig in zwei verschiedenen Dimensionen lebt und sich
Energieebenen ihrer Frequenz von Haltepunkt zu Hal- selbst begegnet. Du wirst es eines Tages verstehen,
tepunkt, ohne die Gefahr eines eventuellen Zusam- Fred. Dann nämlich, wenn du deine erste Reise in die
menstoßes. Zukunft antrittst. Wir werden uns dann zum erstenmal
Die fünf Männer begrüßten sich und begannen, auf begegnen. Bis dahin — lebe wohl, Fred...“ Er drückte
den Gleiter zuzuschreiten. Einige Passanten sahen ih- den Knopf am Gürtel ein.
nen neugierig nach. Jeder kannte ihr Schicksal, und Eine Sekunde später war er verschwunden.
auch das der unglücklichen Besatzung, die man vor- Maxwell starrte auf den leeren Fleck und wischte
erst isoliert hatte. sich über die Augen. Dann beendete er entschlossen
Maxwell wollte gerade den letzten Schritt tun, um seinen begonnenen Schritt und sank in die Andruck-
den Gleiter zu besteigen, da löste sich ein Mann aus polster des Gleiters.
der nahen Gruppe der unbeteiligten Zuschauer und „Sagen Sie, Günter, was meinte er mit der Lüge, un-
kam auf sie zu. ser Zeitreisender? Er hat einmal gelogen, bekannte er.
Günter gerann das Blut in den Adern, als er ihn er- Mir kommt es so vor, als habe er niemals etwas ande-
kannte. res getan als nur gelogen.“
Sie hatten alle Platz genommen, und das Gefährt
Zwar trug er die jetzt übliche Kleidung, aber das setzte sich in Bewegung.
Gesicht war unverkennbar.
„Er hat niemals gelogen, bis auf einmal“, schüttelte
„Sie haben richtig gehandelt“, sagte er, mehr zu Günter ernst den Kopf. Grudat beugte sich vor. „Und
Günter als zu den anderen gewandt. „Ich kann Ihnen wann war das?“ fragte er gespannt.
nun auch den Rest sagen.“ Sie sahen Fred Günter alle erwartungsvoll an, und
Er machte eine winzige Pause, in der Günter Gele- die Enttäuschung ließ sie in die Polster zurücksinken,
genheit hatte, das Gesicht genauer zu studieren. Die als dieser fast gleichmütig sagte:
Ähnlichkeit mit seinem eigenen schien ihm viel mar- „Damals, als wir auf der FORTUNA saßen und ihm
kanter zu sein als damals — welch ein Begriff in dieser zum ersten Male begegneten. Er trug eine schwarze
Wanderer zwischen drei Ewigkeiten 42

Uniform und behauptete, Max Günter zu heißen und Günter allen Ernstes, ob er jetzt in dieser gleichen Se-
einer meiner Nachkommen zu sein. Damit wollte er kunde auch noch in einer schwarzen Uniform durch
die Ähnlichkeit zwischen uns erklären. Und er hat ge- die Zeit reisen oder mit Wally Holzmann über die
logen.“ Dschungelpfade einer Felseninsel in der Amazona-
„So?“ machte Maxwell verständnislos. „Dann heißt sebene des 20. Jahrhunderts streifen konnte.
er womöglich gar nicht Günter?“
Und noch während die Erkenntnis der Wahrheit wie
„Doch, Günter heißt er schon, aber nicht Max. Sein
ein glühendes Schwert in seine Seele drang, wußte
Vorname ist Fred.“
er plötzlich, warum es in 5800 Jahren den Menschen
Die vier Männer starrten ihn an. Niemand sprach, nicht mehr geben würde.
bis Webbs plötzlich in ein hysterisches Gelächter aus-
brach. Der Mensch hatte Gott erreicht — und Gott war das
Während sie aus dem Gleiter stiegen, wunderte sich Nichts...

ENDE

„TERRA“ - Utopische Romane Science Fiction - erscheint wöchentlich im Moewig-Verlag München 2, Türken-
straße 24 Postscheckkonto München 13968 - Erhältlich bei allen Zeltschriftenhandlungen. Preis je Heft 60 Pfen-
nig Gesamtherstellung: Buchdruckerei A. Reiff & Cie.. Offenburg (Baden) — Für die Herausgabe und Ausliefe-
rung In Österreich verantwortlich: Farago & Co.. Baden bei Wien.

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vom 1. Mal 1959 gültig

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