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Menschheit im Aufbruch

1. Teil
Band 141

von LAN WRIGHT


3 TERRA

Wir diskutieren ...

Die Seite für unsere TERRA Leser

Liebe TERRA-Freunde!

Am 8. Juli 2223 Erdzeit, drei Jahre nach der Entdeckung des Sternenantriebs, landet die erste
interstellare Expedition der Menschheit auf dem fünften Planeten des Sirius.
Wohl ahnten die Menschen bereits, daß sie nicht allein im Weltraum waren, daß es im Universum
noch andere Intelligenzen geben mochte — aber die Möglichkeit, ein Empfangskomitee bei der
Landung vorzufinden, hatten sie schwerlich in ihre Kalkulation einbezogen. Noch weniger hat-
ten sie damit gerechnet, Vertretern des galaktischen Imperiums der Rihnaner zu begegnen, das
in seiner gegenwärtigen Form seit mehr als einer Million Jahre existiert. Doch der große Schock
für die Menschen kam, als sie erfuhren, daß die Rihnaner unter Androhung der Vernichtung die
bedingungslose Unterwerfung der Erde verlangten...
Das ist etwa in kurzen Worten das, worauf der in anglo-amerikanischen SF-Kreisen sehr bekann-
te Lan Wright beim Verfassen von MENSCHHEIT IM AUFBRUCH (WHO SPEAKS OF CON-
QUEST?) seine gewaltige Space Opera aufgebaut hat. Wegen des großen Umfangs erscheint dieser
Roman als Doppelband, der als TERRA-Band 141 und 142 in dieser Woche gleichzeitig in den
Zeitschriftenhandel kommt.
Und nun, liebe TERRA-Freunde, zur Hauptsache, den Textwitzen, die die Jury im Rahmen unseres
letzten Preisausschreibens TERRA LACHT als die besten ausgewählt hat. Insgesamt sind es vier,
von denen wir Ihnen hier zwei kurze präsentieren wollen, die von Karl Poser, Stuttgart, und Peter
Ant, Düsseldorf, entwickelt wurden, während Sie die anderen beiden, die bereits Story-Format
besitzen, in Band 142 und 143 an gleicher Stelle finden werden.
Hans ist erwiesenermaßen der faulste und bequemste Schüler seiner Klasse. Eines Tages fragt ihn
der Lehrer: „Was willst du eigentlich werden?“ „Gepäckträger, Herr Lehrer“, antwortet Hans nach
kurzem Überlegen. Der Lehrer, dem Hänschens Trägheit natürlich bekannt ist, meint verwundert:
„Ja, aber das ist doch eine ziemlich anstrengende Tätigkeit!“ „Denken Sie, Herr Lehrer“, frohlockt
der Junge. „Ich gehe natürlich auf die Mondstation, wo die Schwerkraft nur den sechsten Teil der
irdischen beträgt!“
Fritzchen liest gerade einen SF-Roman, während der Vater in seine Zeitung vertieft ist. „Du, Vati“,
ruft Fritzchen plötzlich, „wo liegt eigentlich der Alpha Centauri?“ Der Vater blickt unwillig von
seiner Lektüre auf. „Woher soll ich das wissen? Pass’ nächstens besser auf deine Sachen auf!“
Ha! Ha!

Ihre
TERRA-REDAKTION
Günter M. Schelwokat
Menschheit im Aufbruch 4
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1. Kapitel und werde keine Silbe reden, bevor ich von ihm die
Erlaubnis dazu bekomme.“
Am 8. Juni 2223 Sonnendatumszeit landete die er-
Drummond sah Brady überrascht an.
ste interstellare Expedition der Erde unter Führung
von Kommandant Stephan Brady, Vereinigte Irdische Nach einer Minute nickte er. „Ich verlasse mich auf
Raumflotte, auf dem fünften Planeten des Sirius und Ihr Urteil, Brady. Ich werde dafür sorgen, daß Sie ein
fand bei ihrer Ankunft ein Empfangskomitee vor. Sonderflugzeug nach Peace River bringt. Der Präsi-
dent verbringt dort augenblicklich seinen Urlaub.”
Der Flug fand drei Jahre nach der Entdeckung des
interstellaren Antriebs statt. Was auch immer die Ex-
pedition bei ihrer Landung zu finden hoffte, ein Emp- *
fangskomitee war eine Möglichkeit, die man nicht in
Betracht gezogen hatte. Hugo Bannermann, siebzehnter Präsident des Welt-
Genau vier Monate nach ihrer Landung auf Sirius senats, hieß Brady willkommen.
V, etwa 25 000 Meilen von der Erde entfernt, schnell- „Ich habe die erste Seite Ihres Berichtes gelesen“,
ten die fünf Schiffe der Expedition aus dem interstel- sagte er, „und habe daher nach Ihnen geschickt. Ich
laren Antrieb und vollendeten den Rest der Reise mit weiß, daß Sie da draußen eine andere Rasse vorgefun-
flammenden Raketendüsen. Noch hatte sie ihr mäch- den haben. Ich habe diese Nachricht für die Öffent-
tiger Nachfolger, der stellare Antrieb, nicht außer Ge- lichkeit freigegeben. Aber das ist alles, was ich gesagt
brauch gesetzt. Drei Stunden später landeten sie auf habe. Was ich von Ihnen will, Brady, ist Ihre eigene
dem Raumhafen von White Sands. Geschichte, mit Ihren Gefühlen und persönlichen Ein-
Zehn Minuten nach Landung seines Raumschiffes drücken.“
war Kommandant Brady im Büro von General Drum- Brady lehnte sich in seinem Sitz zurück. „Glauben
mond, dem Hauptsicherheitsoffizier der Kommission Sie, Sir, daß es klug war, soviel bekanntzugeben, ohne
zur interstellaren Forschung. den Rest des Berichtes gelesen zu haben?“
Brady war ein untersetzter Mann von Durch- Bannermann klopfte seine Pfeife auf dem schweren
schnittsgröße. Lange Abwesenheit von normalem Chromascher aus, der seinen Tisch zierte.
Sonnenlicht verlieh seinem sonst stark gebräunten Ge- „Die ganze Welt weiß, daß Sie wieder da sind,
sicht eine fahle Blässe. Es war jene Blässe, die zum Er- Kommandant“, gab er zu bedenken. „Wenn nicht bald
kennungsmerkmal der Raumfahrer werden sollte, ei- etwas Offizielles verlautet, werden allerlei Gerüchte
ne Blässe, die selbst eine Behandlung mit Höhenson- kursieren. Die Leute werden wissen wollen, weshalb
ne nicht beseitigen konnte. Sein Haar war dunkel und die Nachricht unterdrückt wurde, Sie werden der Re-
lockig, aber nicht mehr so dunkel wie bei Antritt sei- gierung kommerzielle Ausbeutung, politische Schur-
ner Mission. Müde Schatten lagen unter seinen Augen. kerei und andere Verbrechen vorwerfen. Ich habe ver-
All das nahm Drummond mit einem Blick in sich sucht, sie zu beruhigen. Als offizielle Erklärung des
auf, als er Brady die Hand drückte. Dann meinte er Präsidentschaftsnachrichtenbüros wird man es entge-
verlegen: „Ich bin froh, daß Sie wieder da sind, Kom- gennehmen. Ich habe ihnen gesagt, daß wir dabei sind,
mandant.“ den Rest des gewonnenen Wissens zu verarbeiten, be-
Brady antwortete lächelnd: „Sie meinen wohl, Sie vor ein vollständiges Bulletin über die Expedition er-
sind überrascht, uns wieder hier zu sehen.“ scheint.“
Drummond wies mit der Hand auf einen nahen Sitz „Ich bitte um Vergebung, Sir“, sagte Brady errö-
und ließ sich erst selber nieder, bevor er antwortete. tend, „ich hatte keine Ahnung, daß es so war.“
„Offen gestanden, ja, denn ich habe nicht angenom-
„Wie könnten Sie auch! Sie sind ein Raumfahrer
men, daß die erste Expedition Erfolg haben würde.
und kein Politiker“, lächelte Bannermann. „Na, fahren
Schließlich ist das selten der Fall. Zwölfmal versuch-
Sie fort, und erzählen Sie mir alles.“
ten wir vergeblich den Mars zu erreichen und sieb-
zehnmal die Venus.“ Brady beugte sich vor. „Da draußen ist nicht nur ei-
ne Rasse, Sir, es sind Hunderte“, sagte er ruhig.
„Ich nehme an, die Wahrscheinlichkeitsquoten wa-
ren gegen uns“, gab Brady zu, „aber darüber haben Bannermanns Lächeln verschwand. „Diese Tatsa-
wir uns nicht den Kopf zerbrochen. Nun, wir haben es che haben Sie ganz schön für sich behalten, Brady“,
geschafft, und das ist die Hauptsache.“ bemerkte er.
„Ist das wirklich die Hauptsache?“ meinte Drum- Der Kommandant nickte. „Außer den Offizieren
mond. „Ich will wissen, was da draußen los ist. Die und dem wissenschaftlichen Stab weiß es niemand,
ganze Welt will das wissen. Das ist allein die Haupt- Sir. Eine Rasse konnte ich nicht verheimlichen, aber
sache.“ über hundert!“ Er schüttelte den Kopf. „Ich habe nicht
Brady schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, Sir“, sagte gewagt, vor meinem offiziellen Bericht etwas davon in
er, „aber Sie und die ganze Welt werden warten müs- die Öffentlichkeit gelangen zu lassen.“
sen. Ich habe bereits einen privaten Bericht im Spe- Bannermann nickte und schöpfte tief Luft. „Nun“,
zialkode an den Präsidenten des Weltsenats geschickt meinte er dann, „was kommt noch?“
Menschheit im Aufbruch 6

„Nach allem, was wir in Erfahrung bringen konn- sich aus Rihnanern aus allen Himmelsrichtungen der
ten, gibt es nur eine Rasse, die wichtig ist“, fuhr Brady Milchstraße zusammen. Fast alle Ämter sind vererb-
fort. „Sie werden Rihnaner genannt. Sie beherrschen bar.“
die ganze Milchstraße. Alle anderen Rassen sind ih- Bannermann holte tief Luft. „Die Politik scheint
nen Untertan.“ sich überall an die gleichen Spielregeln zu halten,
Bannermanns Gesicht wurde lang. „Haben Sie noch nicht wahr? Es ist beinahe die gleiche Technik, wie
mehr auf Lager?“ erkundigte er sich. sie von den Russen angewandt wurde. Vereinige und
Brady lächelte flüchtig. „Ich kann Ihnen versichern, herrsche, selbst wenn die Völker nicht vereinigt wer-
daß es noch eine Menge gibt“, erwiderte er. „Die Tat- den wollen. Dennoch müssen sie sehr gewitzt sein, um
sachen, so kurz wie möglich, sind folgende: Die Ras- es im Rahmen eines ganzen Universums anwenden zu
se, mit der wir unmittelbar in Berührung kamen, sind können.“
die Centauraner. Sie gehören auch zu den Untertanen. „Das ist noch lange nicht alles“, warf Brady ein.
Wir haben aber während der ganzen elf Wochen, die „Die wahre Genialität in der Struktur dieser neuen Re-
wir bei ihnen verbrachten, keinen einzigen Rihnaner gierungsform erweist sich in der Handhabung der Ver-
gesehen.“ lagerung, die eintreten muß, wenn sich eine solche Ka-
„Wollen Sie damit sagen, daß die Centauraner ih- tastrophe ereignet, die einem Reich, ausgedehnt wie
re eigenen Raumschiffe, ihre eigenen Waffen haben, das ihre, gefährlich werden kann.
und daß kein Rihnaner das Kommando führt oder sie Selbstverständlich hatten die Rihnaner die absolute
kontrolliert?“ Herrschaft, während ihr eigenes System noch existier-
te. Sie hatten eine zentrale Basis für ihre Operation ge-
„Das stimmt. Aber damit Sie das Ganze verstehen,
gen alle feindlichen Eingriffe. Mit dem Verschwinden
fange ich am besten von vorne an“, sagte Brady.
dieser Basis gab es nichts mehr, was ihnen als sicherer
„Das rihnanische galaktische Imperium besteht in Zufluchtsort dienen konnte, und außer der Übernahme
seiner gegenwärtigen Form seit nahezu einer Million eines ganzen Systems schien es keinen Ausweg zu ge-
Jahren...“ ben. Daß sie das nicht versuchen, lag unserer Meinung
Bannermanns Augenbrauen fuhren jäh in die Höhe, nach daran, weil ihnen nicht genug Zeit zur Organisa-
aber er sagte nichts. tion blieb. Ein solcher Plan braucht seine Zeit, und sie
„Der Hauptabschnitt ihrer Geschichte beginnt vor mußten schnell handeln.
etwa 600 000 Jahren. Damals zerstörte eine kosmische Es scheint, ihre Wissenschaft befindet sich, allge-
Katastrophe ihr Heimatsystem. „Es waren drei Plane- mein gesprochen, in völligem Gegensatz zu der jeder
ten der Formalhaut-Gruppe. Ihre Sonne verwandelte anderen Rasse in der Milchstraße. Ihre Prinzipien, so
sich plötzlich in einen weißen Zwerg. Trotz ihrer wis- wurde uns von den Centauranern gesagt, sind für die
senschaftlichen Fortschritte hatten sie keine genügen- anderen Rassen derart unbrauchbar, daß, als Ergebnis
de Kenntnis von der drohenden Gefahr, um ihre Wel- dieser beiden Faktoren, ihre Genialität bei der Erfin-
ten zu evakuieren. Der größte Teil der Rasse wurde dung äußerst vernichtender Waffen unerreichbar ist.
zusammen mit den drei Planeten vernichtet, auf denen Sehr früh in ihrer Laufbahn entdeckten die Rihnaner,
sie lebten. Bis zu dieser Zeit hatten sie die Milchstra- daß keine der anderen Rassen ihre Waffen nachahmen
ße völlig unter ihrer Herrschaft. Später hat der Rest der konnte, selbst wenn man ihnen ein Exemplar als An-
Rasse außerhalb des Systems offenbar sehr schnell ge- fertigungsmuster gab. Ja, bedienen konnten die ande-
handelt, denn sogar die Katastrophe lockerte die Zü- ren Rassen die Waffen, aber sie herstellen, reparieren
gel nicht, mit denen sie die Milchstraße lenkten. Mit oder gar nachahmen, das konnten sie nicht.“
einer nahezu unglaublichen Genialität begannen sie Bannermann beugte sich ungläubig über den Tisch.
die Dinge umzugruppieren. Sie bauten auf, was wir „Meinen Sie das im Ernst?“
heute vorgefunden haben: ein Weltreich ohne Zen- Brady nickte. ’ „Aber wenn das so ist...“
trum, in dem eine staatenlose Rasse Meister ist. Sie „Löst sich unsere Hoffnung auf die Eroberung ei-
bildeten einen zentralen, galaktischen Regierungsrat. nes interstellaren Weltreiches in Nichts auf“, endete
Nach dem, was wir erfahren haben, ist das eine Kör- Brady. „Das mag sein, wie es will, aber lassen Sie
perschaft, die sich aus einem Vertreter pro Mitglied- mich zum Ende kommen. Die Rihnaner kamen zu dem
staat zusammensetzt, mit einem gewählten Rihnaner Schluß, daß es verzweifelter Mittel bedarf, um eine
als Vorsitzenden. Etwa einmal jährlich kommen sie verzweifelte Situation zu retten. Ihr Einfall war, je-
zusammen.“ dem Mitgliedsstaat des Weltreiches die gleiche An-
„Da ich selber Präsident bin, riecht mir das übel in zahl Waffen aller Gattungen zu geben. Zugleich mit
der Nase“, bemerkte Bannermann kurz. „Wer wählt den Waffen erhielten alle die gleiche Gebrauchsanwei-
den Präsidenten?“ sung zur Verteidigung. Man sollte denken, das wäre
Brady grinste. „Da liegt der Hund begraben, Sir. ein ganz närrisches Unternehmen gewesen. Nun, so et-
Der Zentrale Galaktische Rat ist dem großen Rat der was Ähnliches dachten die anderen Rassen auch, und
rihnanischen Hierarchie verantwortlich, und die Hier- eine Zeitlang geschah nichts. Jede wartete darauf, daß
archie ernennt den Präsidenten. Der große Rat setzt die andere mit dem Angriff begann. Es dauerte auch
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nicht lange, und zwei kleinere Staaten, die eine end- bei mir abliefern wollten“, sagte er. „Es blieb Ihnen
lose Beschwerdeliste gegeneinander aufwiesen, ver- nichts anderes übrig, als Drummond die Auskunft zu
suchten, sich mit ihrem neuen ,Spielzeug’ gegenseitig verweigern.“
die Schädel zu spalten. Zwei Jahre, heißt es, habe der Er erhob sich und ging zum Fenster.
Krieg gedauert. Am Ende dieser Periode war kein ein-
Etwa fünf Minuten lang stand Bannermann, ohne
ziges Leben geopfert und keinerlei Sachschaden ange-
sich zu rühren. Dann wandte er sich ab und ging lang-
richtet worden. Aber bei dem Versuch, den Gegner zu
sam zu seinem Sitz zurück.
überflügeln, hatte sich jeder der beiden Kämpfenden
wirtschaftlich ruiniert. Die Rihnaner saßen die ganze „Entweder treten wir dem “Weltreich bei, oder
Zeit über da und rührten sich nicht. Schließlich artete aber...“ bemerkte er. „So ist es doch, nicht wahr?“
der ganze Krieg in eine komische Oper aus, und un- „Ja, Sir“, nickte Brady.
ter dem Gelächter des übrigen Weltreiches verlief die
„Letzten Endes dreht sich alles nur darum, daß uns
Sache im Sande. Von der Zeit an war der Krieg tot —
nur sehr wenig Zeit zum Handeln bleibt“, stellte er
oder nahezu.“
fest. „Wir können ihre Bedingungen nicht annehmen.
Bannermann brummte, als Brady geendet hatte. Die Und wenn wir mit der Zeit rechnen, bis wir mit ih-
Bedeutung von Bradys angehängten Worten „oder na- rem technischen Stand gleichstehen, können Hunderte
hezu“ war ihm nicht entgangen. von Jahren vergehen. Bis dahin aber wird unser ganzes
„Nach alledem befürchte ich, daß Sie noch eine Sonnensystem von Händlern, Touristen, Diplomaten
Bombe haben, die Sie mir in den Schoß werfen wol- und Spionen überrannt sein. Wir hätten keine Chance,
len“, sagte er. „Also, schießen Sie los!“ etwas geheimzuhalten.“
„Das trifft leider zu“, gab Brady zurück. „Es ist die Der Präsident sank gegen die Lehne und starrte
Antwort auf die Frage, warum wir noch nie zuvor von nach der Zimmerdecke. Brady fuhr unruhig auf sei-
dem galaktischen Reich gehört haben? Die Antwort nem Stuhl hin und her. Während der Rückreise waren
ist, kurz: Bis in jüngster Zeit hatten wir noch nicht seine Gedanken den gleichen Weg wie die des Prä-
den nötigen Standard erreicht, um das aktive Interes- sidenten gegangen. Er versuchte, zunächst zögernd,
se der Rihnaner an uns zu wecken. Über unsere Exi- den Gedankenstrom Bannermanns zu unterbrechen.
stenz wußten sie freilich Bescheid. Das besorgten die Er brachte aber nur ein „Sir“ heraus.
Explosionen der Atombomben in den vierziger Jahren „Ich nehme an“, kommentierte Bannermann, „Sie
des 20. Jahrhunderts. Auf diese Art erfuhren sie von wollen mir sagen, daß Sie die Lösung gefunden ha-
den meisten der kommenden Rassen. Früher oder spä- ben...“
ter erreichen sie alle einmal den Punkt, wo sie sich
„Nein, Sir, es ist nur ein Gedanke“, gab Brady zu-
entweder in die Ewigkeit sprengen oder weiter ent-
rück.
wickeln, wie das bei uns der Fall war, und das Sta-
dium interstellarer Reisen erreichen. Im ersten Falle Bannermann richtete sich auf. „Nun, das ist mehr,
wäre es schade, aber niemand machte sich weiter Ge- als ich aufzuweisen habe“, meinte er. „Reden Sie.“
danken darüber. Im letzten Falle erweckte die betref- „In der nächsten Zeit muß unser Hauptaugenmerk
fende Rasse genug Interesse, um die Aufnahme in das darauf gerichtet sein, ein paar Muster rihnanischer
Weltreich zu rechtfertigen.“ Waffen in unseren Besitz zu bringen“, sagte Brady.
„Falls die Aufnahme erwünscht ist“, warf Banner- „Wir können nichts unternehmen, bevor wir nicht eine
mann ein. Gelegenheit bekommen, herauszufinden, warum die
„Das ist der Kernpunkt“, sagte Brady. „Offenbar ist Rihnaner unbezwingbar erscheinen. Vielleicht finden
es bei vielen “Rassen der Fall, daß sie nicht Mitglied wir heraus, wie die Dinger arbeiten. An der Art ger-
werden wollen. Sie bleiben lieber draußen, um zu ver- nessen, wie wir das Problem des stellaren Antriebs
suchen, sich selbst ein Weltreich zu erobern. Nur, es ist gefunden haben, gebe ich uns mindestens eine 50:50
nichts mehr da, woraus sich ein Weltreich erobern lie- Chance. Der nächste Punkt ist, daß wir uns diese Waf-
ße, das der Rihnaner ausgenommen. Zu diesem Zeit- fen besorgen müssen, ohne den Verdacht der anderen
punkt hebt der Krieg sein schreckliches Haupt in der zu erwecken, denn wenn die Rihnaner wissen, was wir
Galaxis. Aber es ist kein Krieg, es ist ein völlig ein- im Schilde führen — na...“ Brady ließ den Satz unbe-
seitiges Gemetzel. Jede Waffe, die von den Rihnanern endet und lehnte sich zurück.
erfunden wird, richtet sich gegen die Neuankömmlin- Bannermann nickte zustimmend. „Es hat gewiß kei-
ge, um ihnen zu beweisen, wie sehr sie sich auf dem nen Zweck, anzugreifen, bevor wir nicht wissen, mit
Holzweg befinden.“ welchen Waffen wir es tun sollen. Ich nehme an, Sie
Nach einer grimmigen Pause fuhr er fort: „Ich haben bereits eine Vorstellung davon, wie alles be-
könnte noch bemerken, daß es in der Galaxis keine werkstelligt werden kann?“
unabhängigen Rassen gibt.“ „Ja, Sir“, gab Brady zurück.
Bannermann entspannte sich und putzte seine Na-
se. „Ich verstehe jetzt, warum Sie Ihren Bericht nur 2. Kapitel
Menschheit im Aufbruch 8

In der schwarzen Tiefe des Felsenkessels auf Triton, „Nichts da, Chance“, brummte Brady. „Es ist eine
dem größeren von Neptuns beiden Monden, lagen die eiskalte Gewißheit. Lassen Sie sich von niemandem
drei Schiffe versteckt. eines anderen belehren. Wenn wir dieses Ding drehen
Stephan Brady war voll Zuversicht, daß ihr Versteck wollen, müssen wir Selbstvertrauen haben, andernfalls
an einem Ort lag, wo sie kein Detektor erreichen konn- sind wir verloren, bevor wir angefangen haben.“
te, so eng waren sie gegen die Masse des öden Mon- Kaum hatte er geendet, da summte das Interkom.
des gepreßt. Er befand sich im Hauptsteuerraum des Brady neigte sich vor und legte den Schalthebel um.
Flaggschiffes seiner kleinen Schwadron und wartete „Detektorstation ruft Kommandant Brady.”
schon seit drei Tagen, daß das Schiff der Centauraner, „In Ordnung, Detektor, hier Brady“, gab er zurück,
welches die Gesandten dieser Rasse zum Sonnensy- und seine Augen blickten triumphierend zu Murphy.
stem bringen sollte, an ihnen vorbeiflog. „Drei Schiffe im Anflug aus Richtung Orbit Plu-
Zerstreut kritzelte er auf einem Blatt Papier, wäh- to. Reichweite zwei Millionen plus. Beide führenden
rend seine Gedanken noch einmal über die hundert Schiffe identifiziert, drittes unbekannten Ursprungs
Einzelheiten des Unternehmens schweiften. Er sah und von erheblicher Größe...“
von seiner Malerei auf, als die Kabinentür zurückge- „Erhalten“, schnappte Brady und schaltete um.
stoßen wurde und die hohe, blonde Erscheinung seines „Das sind sie ganz bestimmt und genau auf die Minu-
Adjutanten Leutnant Murphy sichtbar wurde. te mit dem größten Kreuzer, den sie finden konnten.“
„Sind sie schon irgendwo zu sehen, Murphy?“ Die Er lachte und griff nach einem anderen Schalthebel.
Frage war rein theoretisch. „Plan?“ fragte er, „hier Brady. Geben Sie mir Entfer-
nung und Lage des Signalschiffes im Verhältnis zu den
Der Leutnant schüttelte den Kopf. „Nein, Sir, keine
eben gemeldeten Schiffen.”
Spur. Ich halte die Energiezufuhr des Detektors so tief
wie möglich, falls es ihnen doch möglich sein sollte, Nach einer kurzen Pause meldete sich der Lautspre-
uns zu entdecken.“ cher erneut: „Signalschiff zwei Millionen minus, eins
drei zwei Grad grün, mit Neigung zu sieben. Ungefäh-
Brady nickte abwesend. „Gut — wenn sie nur end- re Entfernung von Gruppe dreihunderttausend.“
lich kommen wollten, damit wir die Angelegenheit
„Bericht, wenn Signalschiff achtern Gruppe in Ent-
hinter uns bringen, bevor ich meine Nerven verliere
fernung einhunderttausend“, befahl Brady und schal-
und alles abblase.“
tete ab, als die Bestätigung erfolgt war.
Murphy glitt lässig auf einen Sitz. „In etwa zwei Minuten“, sagte er zu Murphy.
„Na, wenn sie sich an ihren Fahrplan halten, müßten „Ich hoffe, Franklin weiß, was er zu tun hat“, mein-
sie in der nächsten Stunde auftauchen.“ te Murphy düster.
Er zog ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche und „Er weiß, wo das Signalschiff ist“, gab Brady zu-
bot es Brady an, der sich mit einem gemurmelten rück. „Alles, was jetzt zu tun ist, nahe genug heranzu-
„Danke“ bediente. steuern und dafür zu sorgen, daß die centauranischen
„Sind Sie sicher, Sir, daß sie die Art von Schiffen Detektoren gestört werden. Ist der Köder vorbereitet?“
senden werden, die wir brauchen?“ fragte Murphy. „Wartet auf Befehl, Sir.“
Ein grimmiges Lächeln zog über Bradys Züge. „Ich „Das Interkom meldet sich wieder. Signalschiff in
nehme eine kleine Wette an, daß sie es tun. — Sie Position, Sir.“
müssen sich einmal in ihre Lage versetzen. Sie sind „Feuer!“ rief Brady. Im Plankontrollraum drückte
der Gesandte der mächtigen Rasse, welche die Milch- der verantwortliche Offizier auf den Hebel. Das Si-
straße beherrscht. Sie werden nun mit der gebühren- gnalschiff explodierte, glühte kurz in der Schwärze
den Ehrfurcht und demütigen Verehrung eingeladen, des Raumes auf und war verschwunden.
eine rückständige Rasse von lauter Niemanden zu be- Nur mit halbem Ohr lauschte Brady dem Leutnant,
suchen, welche drei unbedeutende Planeten bewoh- der „Signalschiff, Feuer!“ meldete.
nen, die sich um eine kleine Sonne in einer entlegenen Er überlegte, ob die Centauraner weiterfahren wür-
Ecke der Galaxis drehen. Was würden Sie tun? Ihre den? Zogen sie etwa die Sicherheit vor und kehrten
ältesten Kleider anlegen und die ältesten Raumschif- um? Er wandte sich an Murphy und nickte. „Schicken
fe, die Sie finden können, für diesen Besuch hervor- Sie den Köder vor, Murphy“, sagte er. „Wir wissen
kramen? O nein, mein Lieber! Sie werden Ihre besten nicht, wie lange es dauern wird, bevor die centaurani-
Gewänder anlegen, Ihre fähigsten Offiziere auswählen sche Eskorte zurückkommt, um nachzusehen — falls
und sie auf Ihre am besten bewaffneten Kreuzer set- sie überhaupt zurückkommt.“
zen. Sie werden sich anschicken, den größtmöglichen Murphy lächelte zuversichtlich. „Sie werden schon
Eindruck zu schinden.“ kommen. Selbst ein Blinder könnte ein Signalschiff
Murphy schüttelte den Kopf und sagte zweifelnd: dieser Größe und in der Entfernung nicht verfehlen.“
„Nun, ich hoffe, Sir, sie halten sich genau daran, und „Seien Sie nicht zu sicher. Wenn Sie es vermissen,
alles klappt, dann haben wir vielleicht doch noch eine werden Sie uns später, wenn ihr Gesandtschaftsschiff
Chance.“ verschwunden ist, niemals glauben. Das ist das A und
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O des Planes. Wir müssen ein Alibi haben, bevor der Schiffe der Centauraner am Treffpunkt die Rückkehr
Kreuzer verschwindet.“ der Gesandtschaft erwarten.
Murphy nickte. „Ich werde das Schiff fortschaffen.“ Brady seufzte. Sein Gesicht wandte sich backbord.
Fünf Minuten später hörte Brady das Gebrüll Abgesehen von den wenigen trüben Lichtern, welche
der startenden Raketen und beobachtete durch die die Position des anderen Schiffes markierten, war es
Sichtscheiben des Kontrollraumes, wie eines der bei- pechschwarz draußen.
den anderen Schiffe auf golden flammenden Düsen in Als schließlich der Plan zur Hand genommen wur-
die Nachtschwärze des Himmels stieg. Wenn Franklin, de, schien alles so lächerlich einfach. Einmal da-
der den Befehl über die beiden irdischen Begleitschif- mit begonnen, hatte auch der Präsident seine Be-
fe führte, seine Aufgabe richtig löste, mußte das plötz- wunderung ausgesprochen. Die sachgemäße Art, in
liche Erscheinen des Schiffes von Triton völlig unbe- der Brady diese Angelegenheit leitete, verlangte sei-
obachtet vor sich gehen. Er seufzte und drückte im ne Anerkennung. Es gab so viele logische und äußerst
Geist die Daumen. Die nächsten Stunden würden über wahrscheinliche Möglichkeiten, wie der Plan schei-
Erfolg oder Scheitern seiner Mission entscheiden... tern konnte. Jeder einzelne Fehler war genauso lo-
Er schaute noch immer durch die Scheiben, als gisch, wie der geplante Verlauf, der zum endgülti-
Murphy etwa eine Minute später zurückkam. gen Erfolg führen sollte. Vielleicht erschraken die Ge-
sandten, wenn sie die Explosion des Signalschiffes
„Köder abgesandt, Sir!“
bemerkten und kehrten um? Das Hindernis war nun
„Ich habe Augen im Kopf“, knurrte Brady. Dann überwunden. Würde die Explosion den fünf anderen
bedauerte er seinen Ausbruch. „Tut mir leid, Murphy. Schiffen der Centauraner etwa entgehen? Oder wenn
Ich bin nervös. Ich denke, ich ziehe mich lieber für das nicht der Fall war, ignorierten sie die Explosion?
eine Stunde zurück. Rufen Sie mich, wenn der Köder Das Schiff der Gesandten konnte beschließen, nach
zurückkommt.“ der Explosion Verbindung mit den centaurischen Ge-
„Jawohl, Sir!“ leitschiffen aufzunehmen. In diesem Fall lief der Kö-
Völlig angezogen legte sich Brady in seine Koje. Er der Gefahr, wenn er das Märchen von dem örtlichen
durchdachte noch einmal die Ausführung des Planes, Phänomen, „Donnerschlag“ genannt, vom Stapel ließ,
den er vor sechs Monaten dem Präsidenten unterbrei- das für die Zerstörung verantwortlich sein sollte.
tet hatte. Obwohl der Zweifel stark in seinem Herzen lebte,
Zuerst hatte sein Einfall höhnisches Gelächter aus- lachte Brady leise. Das war das beste Stück des Strei-
gelöst. Bannermann selbst hatte es als die Machen- ches. Er stellte sich Faulkner vom Köder vor, wie er
schaft eines Schulknaben bezeichnet, zu leicht zu allen Ernstes erklärte, das Sonnensystem besitze ein
durchschauen, nur geeignet, einen anderen Schulbu- seltsames Phänomen in Gestalt eines mobilen Kraft-
ben hinters Licht zu führen. Aber langsam, nach und feldes. Dieses, zwar nicht sehr groß bilde jedoch ei-
nach, hatte er seine einzelnen Beweggründe ins Feld ne potentielle Gefahr für jedes nicht völlig isolierte
geführt, bis die ganze Struktur seines Entwurfes ange- Schiff, das mit ihm in Kontakt kam. Da die Leute
nommen wurde. Die Politico-Psychologen teilten sei- von der Erde nicht wissen konnten, daß dieses Phä-
ne Ansicht über den Schiffstyp, welchen die Centau- nomen auf ihr eigenes System beschränkt war, hatten
raner in Erwiderung der unterwürfigen Einladung der sie angenommen, die Schiffe der Centauraner seien
Erdregierung, sich das Sonnensystem anzusehen, ver- ebenfalls isoliert. Das sei aber nicht der Fall gewe-
wenden würden. sen, und daher sei, als sie mit dem „Donnerschlag“
Andere Beurteilungen wurden von Generalen, Ad- in Berührung kamen, das Schiff der Centauraner und
miralen und Politikern eingeholt, und alle stimmten eines der Erdschiffe durch die eintretende Explosion
der Grundforderung zu, daß erst Muster der rihnani- zerstört worden. Der Köder, von vornherein präpariert,
schen Waffen beschafft werden mußten. Aber keiner wie ein Schiff nach der berichteten Explosion ausse-
von ihnen machte einen Vorschlag zur Verbesserung hen mußte, war der konkrete Beweis, daß eine Kata-
von Bradys Plan. Es dauerte über zwei Monate, bis strophe stattgefunden hatte.
endlich der Präsident zustimmte. Er gab Brady freie Es war alles so kindlich einfach, und gerade diese
Hand, alle ihm nötig erscheinenden Vorkehrungen zu Einfachheit bot die Chance eines Erfolges.
treffen. Bradys Augen kehrten sich wieder der grauen
Wie erwartet, nahmen die Centauraner das Ange- Decke zu. Dieser Erfolg war nur ein Schritt auf dem
bot an, ihre Vertreter zu einem Besuch des Sonnen- Wege zu größeren und erheblicheren Schwierigkeiten.
systems zu entsenden. Es wurde vereinbart, daß eine Würde es ihnen gelingen, das Geheimnis der Waffen
Eskorte von zwei irdischen Schiffen zu einem festge- der Rihnaner zu lüften? Würde es ihnen möglich sein,
setzten Punkt außerhalb des Orbits von Pluto kommen diese Waffen noch zu verbessern? Wenn das nicht ge-
sollte, um sie zur Erde zu geleiten. Das eigene Geleit lingen sollte, gab es keinerlei Hoffnung auf Eroberung
der Centauraner, sechs Schiffe, würde sich zu den bei- für die menschliche Rasse mehr.
den Erdschiffen gesellen. Während das größte Schiff Während ihm diese Überlegung durch den Kopf
die Gesandten zur Erde trug, sollten die fünf anderen ging, fragte sich Brady, ob sie den richtigen Weg ein-
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geschlagen hatten. Für die Menschheit schien der Weg großen centaurischen Kreuzers. Unterzeichnen Sie mit
zur Freiheit an einer harten, schlachtenreichen Straße meinem Namen, und senden Sie es im Kode auf der
zu liegen. War ihnen am Anfang ein Erfolg beschie- Sperrwelle.“
den, würden lange und schreckliche Kriege das Er- Murphy nickte und verschwand eiligst.
gebnis ihrer Bemühungen sein. Logisch gesehen war
Sechs Stunden später, sie wollten gerade zur Erde
das einzig mögliche Ergebnis ihrer Anstrengungen ei-
aufbrechen, brachte Murphy, dessen Gesicht vor Auf-
ne galaktische Kriegsführung. Die galaktische Kriegs-
regung glühte, Brady eine Botschaft, die er ihm wort-
führung konnte aber mit der Vernichtung der mensch-
los überreichte.
lichen Rasse enden. War die Freiheit diesen Preis
wert? Er versuchte, sich das Sonnensystem als win- Brady nahm sie entgegen und riß mit bebenden Fin-
ziges Rad im Getriebe der vielen tausend anderen un- gern das Papier auf. Eine einzige Zeile besagte: „Alle
terworfenen Rassen vorzustellen, aber es gelang ihm erwischt. Glückwünsche. Bannermann.“
nicht. Darin konnte die Bestimmung des Menschen Ein langer Seufzer der Erleichterung entfuhr ihm,
nicht liegen. Und wieviel fremde Rassen hatten das und sein gerötetes Gesicht wandte sich seinem Adju-
gleiche gedacht? In einer Million von Jahren mochten tanten zu. „Sie braudien gar nicht so vergnügt drein-
sich viele erheben und in den geschäftigen Myriaden zuschauen, Murphy“, schalt er in einem Ton, der seine
von Lebewesen verlorengehen, die in Millionen von Worte Lügen strafte. „Das ist für uns erst der Anfang.
Systemen über die ganze Milchstraße verstreut lebten. Wir haben da vielleicht etwas begonnen, was wir nie-
Zwölftausend Millionen Menschen riefen sie nun alle mals zu Ende führen können.“
in die Schranken.
Plötzlich fiel ihm die Geschichte von David und Go- 3. Kapitel
liath ein, aber da zog ihm der Schlaf bereits die Lider
herab. Zum zweitenmal in weniger als einem Jahr brach-
Drei Stunden schlief er fest, dann klopfte Murphy te Kommandant Brady seine Schwadron im Triumph
an die Kabinentür und weckte ihn. zum Raumhafen von White Sand zurück. In seinem
Augenblicklich war er hellwach, und noch bevor Büro schüttelte ihm diesmal der grinsende General
Murphy seine Meldung machte, wußte er, was dieser Drummond warm die Hand.
sagen würde: „Köder kommt zurück, Sir!“ „Ich weiß“, sagte Brady, bevor Drummond etwas
Bevor das Schiff behutsam seine alte Position im sagen konnte, „Sie haben uns nicht zurückerwartet.“
Talkessel wieder einnahm, war er bereits im Kontroll-
Drummond lachte. „Es wird bei Ihnen langsam zur
raum und wartete mit wachsender Ungeduld auf die
Gewohnheit, Kapitän.“
Ankunft Faulkners, des Kommandanten.
Der pausbäckige Leutnant mit dem roten Gesicht Das Lächeln schwand von Bradys Zügen. „Kapi-
sprang förmlich in den Raum. Seine Augen leuchte- tän?“ fragte er.
ten, und sein ganzes Gesicht sprach von Erfolg, bevor Drummond nickte. „Herzlichen Glückwunsch! Die
er noch den Mund aufgetan hatte. Beförderung kam heute morgen direkt aus dem Büro
„Sie sind uns auf den Leim gekrochen, Sir“, keuchte des Präsidenten. Der Leutnant, den Sie bei sich haben,
er aufgeregt. „Wir trafen sie kaum eine Stunde von der rutscht auch nach oben. Wie ist doch der Name?“
Stelle entfernt, wo das Signalschiff auseinanderflog. „Murphy.“
Wären wir zehn Minuten später daran gewesen, unse- „Ja, stimmt.“
re Richtung hätte bestimmt ihren Verdacht erregt, be-
Brady grinste mit unverhülltem Vergnügen. Er
sonders bei den Frontaldetektoren. Ich habe ihnen die
machte sich keine Illusion darüber, daß er normaler-
ganze Geschichte erzählt und ließ sie das Schiff un-
weise sehr lange auf seinen nächsten Stern hätte war-
tersuchen. Sie waren zuerst ganz verrückt, aber dann
ten müssen. Nur der erfolgreichen Vollendung seiner
beruhigten sie sich doch und halfen uns bei der Re-
Mission verdankte er die schnelle Beförderung.
paratur. Ich meldete, ich müßte zur Erde zurück, um
meinen Bericht zu mächen, und meinte, sie würden „Sagen Sie, Sir, wie ging alles vor sich?“ wollte er
doch ohne Zweifel ihrer eigenen Regierung von dem wissen.
Vorfall Kenntnis geben.“ „Sie kamen herein wie die Lämmer zu der Schlacht-
„Und sie gingen?“ bank“, erwiderte Drummond. „Ein Komitee empfing
„Wie die Lämmer, Sir“, gab Faulkner zurück. „Ich sie, das sie beruhigte. Es blieb ihnen gerade noch Zeit
denke, sie waren viel zu aufgeregt, um einen klaren genug, herauszufinden, was jener geheimnisvolle Blitz
Gedanken zu fassen. Ehrlich gesagt, ich habe niemals zu bedeuten hatte, den sie nicht weit vom Neptun aus
jemand in so einer Panik gesehen. Die Geschichte beobachtet hatten. Wissen Sie zufällig etwas davon?“
wurde geglaubt, daran besteht kein Zweifel.“ Drummond blinzelte Brady fragend zu.
Brady lächelte triumphierend und wandte sich an „Nichts, Sir, aber auch gar nichts“, gab Brady un-
Murphy. „Schicken Sie sofort dem Präsidenten folgen- schuldsvoll zur Antwort, bevor ihn ein Lachanfall
de Botschaft: ,Plan erfolgreich. Vorbereitet Empfang packte, dem sich der General anschloß.
11 TERRA

„Nun“, fuhr Drummond nach einer Weile fort, „sie „Das nehme ich auch nicht an“, stimmte Banner-
hatten gerade noch Zeit genug, die Antwort zu finden, mann zu, „nicht einen Augenblick. Aber der schlimm-
bevor wir den ganzen Saal mit Gas füllten. Natürlich ste Teil liegt hinter uns, und nun werde ich einen an-
wurde dabei auch unser eigenes Empfangskomitee au- deren Nagel in den Pfahl unseres Erfolges schlagen.“
ßer Gefecht gesetzt. Denen machte das aber nichts aus, Interessiert blickte Brady zu ihm hinüber.
denn sie waren ja darauf vorbereitet.“ „Bevor die Brüder genug Zeit haben, sich Gedan-
Brady lehnte sich in seinen Stuhl. „Wo sind sie ken zu machen, werde ich ihnen meine Anteilnähme
jetzt?“ wollte er wissen. zu dem Verlust ihres Schiffes, seiner Passagiere und
„Sie liegen, von allen Waffen, und was ihnen sonst Mannschaft aussprechen und zur gleichen Zeit diplo-
noch nützlich werden konnte, entblößt, in einer un- matisch den Hinweis geben, daß wir, als Folge des Un-
durchdringlichen Festung auf einer entlegenen Insel falls, einen ebenfalls nicht geringen Schaden erlitten
inmitten eines der großen Ozeane auf einem der drei haben. Wir werden sie im gleichen Atemzuge bitten,
bewohnten Planeten des Sonnensystems“, lautete die eine andere gesandtschaftliche Mission zu entsenden.
Antwort Drummonds. Ich werde sagen, daß wir selber vorher ihre Schiffe ge-
Brady hob fragend die Brauen. gen die Möglichkeit einer Wiederholung der jüngsten
Katastrophe isolieren werden.“
„Das ist alles, was Sie erfahren werden, Kapitän“,
sagte Drummond. „Es ist der Befehl des Präsidenten. Brady lächelte beifällig. „Ich denke, das ist sehr
Je weniger Leute darüber Bescheid wissen, desto bes- schlau, Sir. Da bleibt ihnen nicht viel Zeit, Luft zu
ser. Es ist eine Vorsichtsmaßnahme, falls die Geleit- schnappen. Was geschieht aber, wenn die nächste La-
mannschaft Argwohn geschöpft haben sollte und ein dung kommt, falls sie kommt.“
paar Spione auftauchen, die überall ein wenig umher- „Oh, sie werden schon kommen“, versicherte ihm
schnüffeln, um zu erfahren, was wirklich passiert ist. Bannermann. „Und wenn sie da sind, werden sie von
Das Schiff ist auch gut aufgehoben. Die Hälfte der uns mit Hochachtung und Herzlichkeit behandelt. Sie
Wissenschaftler unseres Systems arbeitet bereits dar- werden aber nichts erfahren, sondern werden nur das
an.“ sehen, was wir ihnen zeigen wollen. Wir werden dafür
sorgen, daß sie mit der Überzeugung nach Hause ge-
Brady nickte. „Ja, ich glaube, so ist es am besten.
hen, mit ihrem Besuch offensichtlich Eindruck auf uns
Von jetzt an können wir nicht vorsichtig genug sein.“
gemacht zu haben. Gleichzeitig aber werden wir ab-
„Oh, was ich noch sagen wollte“, unterbrach ihn solut sichergehen, daß sie nicht auf den Gedanken der
Drummond. „Sie sind für die Dauer der Krise zum Möglichkeit unseres Beitritts zum rihnanischen Welt-
Sanderberater des Präsidenten ernannt worden. Sie reich kommen. Wenn wir keine feindlichen Unterneh-
sollen ihm so rasch wie möglich in Peace River Be- mungen starten, denke ich nicht, daß sie uns innerhalb
richt erstatten und Ihre Schwadron unter den Befehl von drei Jahren stören. Mit den Hilfsquellen, die uns
Murphys stellen.“ zur Verfügung stehen, können wir in drei Jahren sehr
Brady nickte. „Ich werde mich sofort nach Peace viel tun.“
River begeben, Sir“, sagte er. „Man darf den Präsiden- „Die Frage ist nur, ob wir genug tun können“, warf
ten nicht warten lassen.“ Brady zweifelnd ein.
„Wenigstens diesen nicht“, stimmte ihm Drum- „Wir müssen es“, antwortete Bannermann mit fester
mond bei, erhob sich und drückte ihm die Hand. „Er Stimme.
ist einer von den seltenen Vögeln, die daran glauben,
daß man nichts auf morgen verschieben soll, was heu- *
te getan werden kann.“
Brady lachte. „Auf Wiedersehen, Sir!“ Wie Bannermann vorausgesagt hatte, wurde die
Als er zwei Stunden später in Peace River ankam, zweite Einladung mit der gleichen Bereitwilligkeit
war Bannermann sehr darauf bedacht, ihn sofort zu wie die erste aufgenommen. Die große centaurani-
sprechen. sche Delegation kam und wurde mit aller gebühren-
den Hochachtung und feierlichem Zeremoniell emp-
„Ich bin froh, daß Sie wieder da sind, Kapitän“,
fangen. Ihr Besuch dauerte zwei Monate. Während
begrüßte er Brady. „Sie haben da draußen ein feines
dieser Zeit lernten sie das Leben und die Entwicklung
Stück Arbeit geleistet.“
der drei Planeten kennen und konnten nach Wunsch
Brady grinste errötend. „Wir hatten eine Menge forschen. Sie taten alles, was sie wollten, und es war
Glück, Sir.” sehr zweifelhaft, daß sie selber auch nur die gering-
„So eine Arbeit braucht eine gehörige Portion von ste Ahnung davon hatten, daß jede ihrer Bewegungen
Glück“, beharrte Bannermann. „Sie braucht aber auch sorgfältigst überwacht und in solche Bahnen gelenkt
sehr viel Mut. Das Wichtigste ist, daß wir jetzt einen wurde, welche ihren offensichtlich stark beeindruck-
Anfang haben.“ ten Gastgebern genehm war.
„Ich glaube nicht, daß wir das Gröbste bereits hinter Die Berichte, die sie während ihres Aufenthaltes
uns haben, Sir“, warf Brady schüchtern ein. sammelten, mußten enorm sein, denn sie notierten,
Menschheit im Aufbruch 12

filmten, prüften, schrieben und hielten auf hunderter- Es dauerte eine geraume Weile, bevor der Präsident
lei Art alles fest, womit sie in Berührung kamen. wieder sprach. Dann sagte er: „Brady, ich möchte, daß
Bannermann bemerkte eines Tages trübselig zu Sie zu Hartmann gehen und mit ihm reden. Sie können
Brady: „Das Einzige, was wir ihnen vorauszuhaben eine Woche bei ihm verbringen und sich dabei umse-
scheinen, ist der elektronische Cerebro-Translator, den hen. Dann erstatten Sie mir einen Augenzeugenbericht
Lindemann entwickelt hat. Bei diesem sind sie wirk- mit Ihren persönlichen Eindrücken.“
lich am Rätseln.“ Brady holte tief Luft. „Und wo liegt das Projekt?“
„Ich höre, der Fortschritt an dem eroberten Schiff „In Sibirien“, antwortet Bannermann.
ist größer, als wir für möglich gehalten haben“, tastete
Brady fuhr zusammen. „Ich hätte mir schon denken
sich Brady vorsichtig heran. Er hatte in Wirklichkeit
können, daß es eine unwirtliche Gegend sein würde.“
nicht”
dergleichen gehört, aber er ahnte, daß Bannermann „Oh, das ist nicht so schlimm“, meinte Banner-
hierüber Bescheid wußte. Er hoffte, sein versuchs- mann. „In fünf Stunden direkten Fluges können Sie
weises „Auf-den-Busch-Klopfen“ würde ihm nicht als dort sein. Ich habe mir sagen lassen, die Unterkünfte
aufdringliche Neugierde angekreidet werden. seien, mit meinem bescheidenen Heim verglichen, mit
Bannermann nickte nur. „Letzte Woche habe ich palastähnlichem Komfort ausgestattet. Alles ist unter-
von Hartmann einen langen Bericht erhalten. Er be- irdisch, sogar das Laboratorium.“
ginnt seinen Bericht mit der Ansicht, diese anderen Brady grinste. „Ich nehme an, ich werde es eine
Rassen müßten Idioten sein, wenn sie die Probleme Woche lang ertragen können, Sir. Morgen früh fahre
der rihnanischen Technik nicht lösen könnten.“ ich gleich ab.“
Bradys Augen funkelten aufmerksam. „Bedeutet
das etwa...?“ *
„Es bedeutet“, unterbrach ihn Bannermann, „daß
Hartmann keinen Grund findet, warum wir nicht in- Bradys Flugzeug startete am nächsten Morgen um
nerhalb von zwölf Monaten jedes Geheimnis auf die- acht Uhr. Gegen ein Uhr am Nachmittag hatten sie das
sem Schiff gelöst haben sollten und hier und da noch Ziel inmitten der trostlosen Weite der sibirischen Tun-
Verbesserungen fänden.“ dra erreicht.
Brady pfiff. „Das ist besser, als wir jemals zu hoffen Die Rollbahn war rauh und kaum besser als die Ebe-
wagten.“ ne rings umher. Brady fluchte leise. Der Ruck, mit
„Es ist zehnmal besser, als ich es mir je hätte träu- dem die Räder der Maschine den Boden berührten,
men lassen“, gab der Präsident zu. „Es ist in der Tat so eine ausgefahrene Spur fanden und wie närrisch dar-
gut, daß ich es nicht glaube.“ über holperten, hatte ihn gehörig zusammengestaucht.
„Ist Hartmann nicht zuverlässig?“ „Natürlich ist Dann standen sie. Es war außer einer winzigen Gruppe
er zuverlässig. Wenn er aber mit so einer kategori- primitiver Gebäude nichts zu sehen.
schen Behauptung hervortritt, nachdem man uns das Als sie aus dem Flugzeug stiegen, kam ihnen ein
genaue Gegenteil glaubenmachen wollte“ — Banner- kleines Auto entgegengeholpert, und Ryan, der Pilot,
mann schüttelte den Kopf —, „nein, ich glaube es ein- stellte ihm den Fahrer vor. Es war ein großer, jugendli-
fach nicht. Bei dieser Sache stinkt etwas. Wenn wir cher Athlet mit kurz geschorenem Haar und einer ge-
diese Waffen analysieren können, warum dann nicht brochenen Nase.
auch eine der anderen Rassen der Milchstraße? Mit „Kapitän Brady — Ben Wilson.“
anderen Worten heißt das: War der Kreuzer mit Waf-
„Hallo, Kapitän“, grinste Wilson. „Ich bin der Chef-
fen bestückt, die wir erwarteten, oder handelt es sich
assistent von Hartmann. Er bat mich, Sie zu empfan-
nur um eine Attrappe?“
gen.“
Brady biß sich auf die Lippen und nickte verständ-
nisvoll. „Ich weiß, was Sie meinen, Sir.“ Die Neuig- Brady nickte und murmelte eine konventionelle Be-
keit über den großen Fortschritt, der in so verhältnis- grüßung. Er versuchte, seine Überraschung darüber zu
mäßig kurzer Zeit gemacht worden war, überraschte verbergen, daß Hartmahn so einen Grobian zum Assi-
ihn. Er hätte sich sehr über eine kleine Entdeckung stenten hatte. Er fand, daß „Leibwächter“ wohl eine
gefreut, die gelungen war. Wenn man ihm aber sagte, passendere Bezeichnung gewesen wäre.
binnen eines Jahres sei der ganze Vorrat an Geheim- Sie kletterten in den Wagen, und während Wilson
nissen in dem gigantischen Schiff der Centauraner ein sie zu den Gebäuden fuhr, hielt er einen belehrenden
offenes Buch, dann war das ein zu dicker Brocken! Vortrag.
Er teilte Bannermanns Ansicht, daß da irgend etwas „Dieser Platz“, begann er, „ist über den Laboratori-
falsch sein mußte. en und Arbeitsstätten errichtet. Die Gebäude, die Sie
„Was sagt Hartmann noch?“ fragte er. da drüben sehen, sind für die Lüftungs- und Aufzugs-
Bannermann zuckte die Schultern. „Nichts. Das war schächte bestimmt. Ich glaube, wenn man Ihnen dies
sein erster informatorischer Bericht. Nur wünschte nicht sagt, würden Sie nie erraten, was sich unter Ihren
ich, er wäre nicht ganz so informatorisch.“ Füßen befindet.“
13 TERRA

Brady lächelte. „Sie haben jedenfalls einen Ort am Wilson lachte lauthals. „Unglücklicherweise war
Ende der Welt gewählt“, kommentierte er. das nicht so einfach. Sehen Sie, wir mußten die gan-
„Wir mußten das“, kam die Antwort, „und selbst ze Rollbahn bis zu einer Tiefe von dreißig Fuß aus-
hier haben wir Schwierigkeiten mit einigen Journali- schachten. Dann mußten zehn Fuß Stahl und Eisen-
sten, die über die eine oder andere Information gestol- beton entfernt werden. Wir bugsierten das Schiff mit
pert sind. Vor etwa einem Monat hatten wir einen Bur- eigener Kraft hinunter und füllten dann alles wieder
schen hier, den wir nicht abschütteln konnten.“ auf.“
Brady pfiff leise. „Das war eine schöne Leistung“,
„Was geschah?“ meinte er.
Wilson lachte. „Das Letzte, was ich von ihm hör- „Das dürfen Sie getrost sagen. Es bedeutet, daß wir
te, war, daß er zur Venus eingeschifft wurde. Es war in Nullkommanichts lernen mußten, wie das Gefährt
natürlich ein Versehen. Ich glaube, er hat große Mühe, geflogen wird, um es schnell zur Seite zu schaffen.“
seine Heimreise zu ermöglichen. Wenn es ihm schließ- Zu dritt betraten sie den Aufzug. Wilson schloß die
lich doch noch gelingt, nehmen wir an, daß er die Din- Tür, bevor er den „Ab“-Knopf drückte, und schon wa-
ge in einem anderen Licht betrachten wird.“ ren sie auf dem Wege zur unterirdischen Basis.
Brady fühlte sich unangenehm berührt. Er hatte Brady schätzte, daß mindestens hundertfünfzig Fuß
nicht gewußt, daß sich die Behörden bei Leuten, die nach unten gefahren waren. ehe der Aufzug anhielt
lästig geworden waren, solch verbrecherischer Maß- und sie in einen. hellerleuchteten Gang mit stähler-
nahmen wie Entführung bedienten. nen Wänden traten. Sie folgten Wilson den Korridor
entlang, der schließlich in einen größeren Gang ein-
Das Thema wechselnd, fragte er: „Wie kommen Sie
mündete. Dort waren in regelmäßigen Abständen Tü-
mit dem Schiff vorwärts?“
ren eingelassen.
Wilson zuckte die Schultern. „Soweit ganz gut, aber Die Tür, vor der sie hielten, trug die Aufschrift: Pro-
wir wissen nie, wann wir an einem bestimmten Punkt fessor J. Hartmann. Wilson machte sich nicht einmal
ankommen werden. Die meisten Arbeiten befinden die Mühe anzuklopfen. Ein Mangel an Disziplin, der
sich noch im Vorbereitungsstadium, und selbst mit Brady nicht wenig erstaunte. Er ging geradewegs hin-
dem Stab, der uns zur Verfügung steht, ist es ein lang- ein und hielt die Tür für Brady offen.
sames Vorwärtskommen. Sehen Sie, in jedem Zweig Hartmann saß hinter einem gewaltigen Tisch, der
der Wissenschaften, Atomtheorie, Metallurgie, Elek- mit einem Haufen von Papier und Gerätschaften be-
tronik und so weiter, haben wir noch einmal von vorn deckt war. Hartmann war klein von Statur, mit einem
anfangen müssen. Es ist im Grunde genommen das Paar blitzender Augen, die in einem hageren, ausge-
gleiche, aber diese Rihnaner scheinen einen unter- mergelten Gesicht unter einer Bürste weißer Haare sa-
schiedlichen Blick für die Dinge zu haben. Vielleicht ßen.
hatten sie auch einen besseren Anfang, der sie auf „Kapitän Brady, Professor“, sagte Wilson.
anderen Wegen ans Ziel führte. Es wird besser sein, „Aha, ausgezeichnet!“ Hartmann sprang hinter sei-
wenn Ihnen Professor Hartmann darüber erzählt.“ nem Tisch hoch und wechselte einen kräftigen Hände-
Der Wagen hielt vor einem der kleineren Gebäude, druck mit Brady. „Der Präsident teilte mir heute mor-
und Wilson führte sie hinein. Es war ein Schuppen gen mit, Sie seien unterwegs.“
aus Baumstämmen, nach Art der kanadischen Holz- „Mein Pilot, Leutnant Ryan“, stellte Brady vor. „Er
häuser, und spärlich möbliert. Ein Ofen, ein Tisch und hat mich hierhergebracht.“
drei hölzerne Stühle waren das ganze Mobiliar. Der „Ach ja, natürlich!“ Hartmann reichte Ryan kurz
rückwärtige Teil war mit einem groben, braunen La- die Hand. „Wilson wird Ihnen Ihre Unterkunft zeigen,
ken verhängt. Wilson zog es zur Seite und enthüllte Herr Ryan...“
eine Tür. Er öffnete sie, und sie gingen hindurch. Zu „Leutnant“, verbesserte ihn Brady sanft.
seiner nicht geringen Überraschung fand Brady, daß „Ach so, ja — Leutnant!“ Hartmann schoß einen
der Raum den Eingang zu einem modernen Fahrstuhl bösen Blick auf Brady, der so tat, als sehe er woan-
bildete. ders hin. „Wilson wird für Ihre Behaglichkeit sorgen,
„Das ist der Aufzug für den Stab“, erklärte Wil- während ich mit Kapitän Brady spreche.“
son. „Im Notfall trägt er achtzehn Personen. Es gibt „Wird erledigt, Doktor!” Wilson führte den Piloten
aber noch zehn andere. Außerdem haben wir noch hinaus, und Hanmann bot Brady einen Stuhl an.
acht Aufzüge, um größere Ausrüstungsgegenstände „Ein prächtiger Jüngling, dieser Wilson“, meinte
und sperrige Güter zu befördern.“ Brady, indem er sich behaglich niederließ.
„Das Schiff ist da unten?“ fragte Brady. Hartmann zeigte ein dünnes Lächeln. „Trotz seines
athletischen Äußeren ist er überaus intelligent. Auf
„Na klar.“ dem Gebiet der elektronischen Theorie ist er der größ-
Brady schluckte. „Können Sie mir verraten, wie Sie te Experte der Welt, und Sie wissen, was für ein riesi-
es da bloß hinbekommen haben? Sagen Sie bloß nicht ges Gebiet das ist.“
in einem der Aufzüge!“ Gebührend beeindruckt, hob Brady die Brauen.
Menschheit im Aufbruch 14

„Das war einer der Gründe, warum ich ihn zu mei- sich für ein Stündchen hingelegt. Wie. steht es mit Ih-
nem Assistenten machte“, fuhr Hartmann fort. „Au- nen, Kapitän?“
ßerdem ist er beim Stab hier sehr beliebt. Er besitzt die „Nein, danke, ich bin nicht im geringsten müde“,
glückliche Gabe, leicht Freundschaft zu schließen.“ antwortete Brady. „Falls es Ihnen nichts ausmacht,
„Oh, ich bin nicht hier, um die Qualitäten von Herrn möchte ich mich gern ein wenig mit Ihnen unterhal-
Wilson zu untersuchen“, unterbrach ihn Brady. „Tatsa- ten, bevor ich morgen früh meine Besichtigungstour
che ist, daß der Präsident ein wenig über Ihren Bericht antrete.“
verblüfft war. Er hatte nicht so viel in dieser kurzen „Ich bin gern bereit. Wir werden in meine Wohnung
Zeit erwartet. Deshalb hat er mich beauftragt, persön- gehen, dort sind wir ungestört.“
lich Umschau zu halten.“
Zornig blitzten die grünen Augen in seine Richtung. *
„Ich dachte, mein Bericht sei vollkommen klar.“
Hartmann bekundete offenbar wenig Respekt vor Wilsons Wohnung, wie er sie so vielversprechend
den geistigen Gaben des Präsidenten, und Brady rück- bezeichnet hatte, bestand aus einem kleinen zellenar-
te unbehaglich auf seinem Stuhl umher, als er erwider- tigen Raum, gerade groß genug, um ein Bett, einen
te: „Oh, der Bericht war klar genug, Professor. Nur in Tisch, zwei Sessel und ein Büchergestell zu fassen.
Anbetracht dessen, was wir über die Waffen der Rih- Die spartanische Einfachheit wurde durch einen persi-
naner wissen, hatte der Präsident das Gefühl, als sei schen Teppich, zwei Landschaften vom Mars und ei-
der Bericht ein wenig optimistisch.“ nem Stück venusianischer Keramik gemildert.
Hartmann schüttelte verärgert den Kopf. „Ich war Wilson bot seinem Gast zu trinken an, und Brady
der Meinung, der Präsident sei hinlänglich über mei- akzeptierte freudig.
ne Urteilsfähigkeit informiert, um zu wissen, daß ich Nach einem Schluck meinte er: „Hartmann sah
mich weder unnötigem Pessimismus noch lächerli- nicht so aus, als ob er mir viel erzählen wollte. Er
chem Optimismus hingebe. Mein Bericht war ledig- meinte, Sie wüßten über alles Bescheid. Ich möchte
lich eine Darlegung der reinen Tatsachen, wie sie sich gern in groben Zügen erfahren, was wirklich hier vor
uns boten, nachdem wir unsere vorläufige Sichtung sich geht, ehe ich mich selbst umsehe.“
abgeschlossen hatten.“ „Ich fürchte, Sie haben ihn nicht gerade in einer sei-
Brady riß sich zusammen. Er versuchte, der Wich- ner besten Stimmungen angetroffen“, stimmte Wilson
tigkeit seiner Stellung als persönlicher Berater des zu. „Aber er ist der einzige Mann auf dieser Welt, der
Präsidenten Ausdruck zu geben. „Jedenfalls wünscht dieses Projekt zum Erfolg führen kann. Seine organi-
der Präsident, daß ich mich persönlich umsehe, damit satorischen Fähigkeiten sind nahezu ebenso phänome-
ich mir eine eigene Meinung bilden kann, bevor ich nal wie seine Kenntnisse der Kernphysik.“
ihm in einer Woche meinen Bericht vorlege.“ „Oh, ich zweifle keineswegs an seinen Fähigkei-
Hartmann zuckte die Schultern. „Ich werde veran- ten“, warf Brady ein. „Der Präsident hätte ihn be-
lassen, daß Wilson Sie durch die Laboratorien führt“, stimmt nicht in diese Stellung berufen, beständen ir-
sagte er. „Er weiß alles Notwendige. Im Zweifelsfalle gendwelche Bedenken. Aber sein Bericht, nun, das ist
kann er den betreffenden Mitarbeiter fragen.“ Er nahm eine ganz andere Sache. Haben Sie ihn gelesen, bevor
den Hörer von seinem Telefon und wählte eine Num- er abgesandt wurde?“
mer. „Hallo, Wilson? Oh, schicken Sie doch jemand, „Gewiß, ich habe ja beim Entwurf geholfen.”
der Kapitän Brady zu seiner Unterkunft führt. Gut! „Und was denken Sie darüber? Trifft er zu?“
Und wollen Sie ihn persönlich auf seinem Inspekti-
„Ja, Ich verbürge mich für jedes einzelne Wort.“
onsrundgang begleiten? Ja, das ist richtig. Er wird eine
Woche bei uns verbringen.“ Er legte den Hörer zurück Brady steckte sich eine Zigarette an.
und wandte sich Brady zu. „Sie wissen genausogut wie ich“, sagte er, „was uns
„Professor Wilson kommt selbst herüber.“ die Centauraner während unseres ersten Treffens auf
Sirius V über die Macht der rihnanischen Waffen be-
Brady erhob sich und sagte: „Ich danke Ihnen, Pro-
richtet haben. Die ganze Zeit über haben wir, was sie
fessor. Ich werde versuchen, Ihnen nicht im Weg zu
um sagten, als Maßstab genommen. Wir waren vor-
sein.“
sichtig. Kein einziges, vermeidbares Risiko haben wir,
„Guten Tag, Kapitän“, gab Hartmann ein wenig
angesichts der um im Falle des Mißlingens drohen-
herzlicher zurück. „Ich hoffe, Sie sehen genug, um den
den Vernichtung, auf uns genommen. Und nun, nach
Präsidenten nach Ihrer Rückkehr zufriedenzustellen.“
alledem, sagt ihr Wissenschaftler uns, daß alle ande-
„Ich bin überzeugt davon, Professor“, lächelte Bra- ren Rassen der Milchstraße Narren sein müßten, wenn
dy. sie diese Waffen nicht enträtseln könnten. In drei Mo-
Die Tür ging auf, und Wilson kam vergnügt grin- naten schon seid ihr auf dem besten Weg, alle Ge-
send herein. heimnisse zu entschleiern, die im Schiff der Centau-
„Ich habe Ryan gut untergebracht“, meldete er. raner verborgen liegen. Und das alles nur so...“ Bra-
„Anscheinend hat ihn der Flug ermüdet, denn er hat dy schnappte mit den Fingern. „Was würden Sie wohl
15 TERRA

denken, wenn Sie in unseren Schuhen steckten? Als sich vor einer Aufgabe scheute, erst recht nicht, wenn
wir Ihren Bericht erhielten, wußten wir nicht, was wir sie so wichtig war wie diese. Er stocherte umher und
tun sollten.“ prüfte alle Gesichtspunkte der Arbeiten, die in den un-
Wilson nickte. „Ja. Ich verstehe Ihren Standpunkt. geheuren, unterirdischen Anlagen unternommen wur-
Natürlich waren wir uns über all dies nicht im kla- den. Am Ende wußte er beinah genausoviel über die
ren, als wir unseren Rapport entwarfen. Wir dachten Vorgänge wie Wilson, sein ständiger Führer. Wohin er
nur, Sie würden über unsere Botschaft froh sein. Ich auch gehen mochte, was er auch tat, Wilson war im-
kann Ihnen jedoch versichern, daß jedes Wort korrekt mer da, um ihm alles zu erklären.
ist und jede Einzelheit sorgfältig überprüft wurde, be- Am dritten Tage seines Besuches erhielt er ein
vor wir sie in den endgültigen Bericht aufnahmen. Ich konkretes Beispiel dafür, welche Fortschritte gemacht
will nicht sagen, daß unsere Arbeit leicht ist, denn das wurden. Er verbrachte den Tag in der Gesellschaft
ist nicht wahr. Wir stehen einer neuen Technik gegen- Wilsons und der hübschen, blonden Radiologin Shir-
über, von deren Existenz wir uns nicht träumen ließen. ley Grant. Mit einsilbigen Worten hatte sie ihm die
Gewiß, wir stoßen auf Probleme, aber keines davon Schwierigkeiten geschildert, denen sie bei der Unter-
kann uns schachmatt setzen. Das Ganze hat uns bisher suchung eines Richtgerätes für Ferngeschosse begeg-
eine Menge harter Arbeit gekostet. Einige von uns ha- net war, das in Verbindung mit der Hauptbestückung
ben ihre gesamten Vorstellungen von der Physik und des Kreuzers arbeitete.
der atomaren Struktur revidieren müssen, aber dies al- „Sehen Sie“, sagte sie erklärend, „wir wissen, daß
les in stetem Fortschritt. Im Verhältnis zu den bereits dieses Richtgerät die atomaren Hauptbatterien richtet
erzielten Ergebnissen müßte das Schiff in einem Jahr und abfeuert. Wir können aber nicht weiter, weil es
für uns ein offenes Buch sein. Und wenn wir nicht ein auf riesige Entfernungen hin arbeitet. Unsere Schät-
paar von den Geräten, die wir gefunden haben, verbes- zungen belaufen sich auf mindestens hunderttausend
sern können, will ich nicht Ben Wilson heißen.“ Meilen Reichweite und mehr. Aber es ist ein Haken
Brady schöpfte tief Luft und schüttelte verwirrt den dabei. Wenn zwei Schiffe, die sich bekämpfen, mit na-
Kopf. „Ich kann es nicht begreifen“, sagte er. „Wenn hezu Lichtgeschwindigkeit fliegen, wie kann dann ein
das, was Sie sagen, stimmt, und ich zweifle keinen Au- solcher Detektor arbeiten? Bis er geortet, verfolgt und
genblick an der Ernsthaftigkeit Ihrer Worte, dann ha- die Position des Gegners geschätzt, die Waffen gerich-
ben wir nicht das geringste erreicht, als wir das centau- tet und abgefeuert hat, wie weit hat sich dann sein Ziel
rische Schiff kaperten. Der Kreuzer enthielt also keine bereits entfernt?“
wertvollen Geheimnisse und erst recht nicht die un- Brady nickte. „Ich verstehe. Tut das Richtgerät all
besiegbaren Waffen, von denen uns berichtet wurde. das und trifft es dann noch ins Ziel?“
Wenn es anders wäre, würde es nicht so leicht sein.“ „Das muß es schon“, gab das Mädchen zur Ant-
„Jetzt hören Sie mir mal zu, Kapitän“, unterbrach wort, „sonst hätte es keine Existenzberechtigung. „Wir
ihn Wilson. „Ein so wertvolles Schiff hat keiner von glauben jedenfalls, daß wir der Lösung sehr nahe sind.
uns Wissenschaftlern seit Jahrhunderten gesehen. Es Wenn Sie Glück haben, erleben Sie sie noch vor Ihrer
hätte uns unter Garantie mindestens weitere zweihun- Abreise.“
dert Jahre gekostet, bevor wir auch nur die Hälfte der Brady lächelte über ihre offensichtliche Begeiste-
Geräte erfunden hätten, die sich in dem Schiff befan- rung. „Ich hoffe es“, gab er zur Antwort.
den. Aber mit den Mustern sind wir zu neunundsech- Beim Abendessen in der Kantine sah er die Radio-
zig Prozent bereits auf dem Weg dorthin. Alles, was login wieder.
wir brauchen, ist Zeit, um nachzuholen und unsere Ge- „Na, da habe ich ja recht behalten“, begrüßte sie
dankengänge anzugleichen.“ Brady und seinen Begleiter. „Wenn Sie heimgehen,
„Wohin gehen wir aber von hier aus?“ werden Sie eine kleine Nachricht für den Präsidenten
haben.“
„Immer auf dem geraden Weg“, gab Wilson zurück.
„Wollen Sie damit sagen, daß Sie das Problem des
„Vertrauen Sie doch darauf, daß auch wir ein wenig
Fernrichtgerätes gelöst haben?“ fragte Wilson eifrig.
Gehirn haben. Sie können an Ihren Unternehmen ge-
nauso weiterarbeiten, als wenn Ihre Pläne bereits er- Sie nickte. Ihre blauen Augen strahlten sehr ver-
füllt wären.“ gnügt. „Ja, John und ich sind vor einer Stunde damit
fertig geworden, sonst wäre ich jetzt nicht hier.“
„Wenn wir uns aber irren, wird die gesamte
Mit steigendem Interesse neigte sich Brady vor.
menschliche Rasse vom Universum verschwinden.“
„Erzählen Sie uns davon.“
„Ich werde Sie jetzt zu Ihrer Unterkunft bringen“, „Es ist jetzt, wo wir wissen, wie es gemacht wird,
wechselte Wilson jäh das Thema. „Sie haben eine Wo- lächerlich einfach“, antwortete sie. „Wissen Sie im
che Zeit, sich umzusehen. Warten Sie so lange, viel- einzelnen über das Subraumradio Bescheid?“
leicht ändern Sie dann Ihre Meinung.“ „Natürlich“, bejahte Brady mit einem Kopfnicken.
Brady nickte. „Hoffentlich haben Sie recht.“ „Ohne das Subraumradio wären wir mit dem Raum-
Der nächste Tag sah den Anfang einer harten, müh- antrieb längst wieder zu Hause, bevor die von uns ge-
seligen Woche, denn Brady war nicht der Mann, der sandten Nachrichten einträfen.“
Menschheit im Aufbruch 16

„Die Rihnaner haben auch ein Subraumradio, aber Zeit ebenso gut wie am Anfang. Einen großen Teil da-
auf andere Art. Sie haben normale Ferndetektorwellen von verbrachte er in dem ungeheuren Hangar, in dem
auf ein Trägerband montiert, welches der Subraum- sich, das centaurische Schiff befand. Einen ganzen Tag
wellenlänge angepaßt ist. Die Wirkung ist augenblick- brachte er im Innern des Kreuzers zu, denn er wußte,
lich. Durch die Welle, die den Feuerstoß trägt, verfol- wenn alles gelang, würde er aller Wahrscheinlichkeit
gen und schätzen sie. Selbst bei Lichtgeschwindigkeit nach so ein Schiff unter seinem Kommando haben.
dauert es von Schiff zu Schiff bei einer Reichweite von In der Nacht vor der Abreise kam Wilson in Bradys
etwa fünf Millionen Meilen nicht einmal den million- Unterkunft.
sten Teil einer Sekunde. Der millionste Teil einer Se-
„Wie wird Ihr Bericht lauten, Kapitän?“ fragte er
kunde stellt weniger als eine Meile Abweichung zwi-
und schloß die Tür hinter sich.
schen dem wirklichen Augenblick des Erfassens und
Feuerns dar. Die Abweichung nach Abfeuerung der Brady schaute ihn eine Weile an, während er sei-
Waffe ist in der anderen Richtung gleich, das macht et- ne Antwort überlegte. Schließlich sagte er: „Nicht gut,
wa 0,89 von einer Meile aus. Für beide Abweichungen aber auch nicht schlecht.“
gerechnet, ergibt theoretisch immer noch eine Abwei- „Sie meinen, nicht so gut wie der Bericht, den wir
chung von 0,4. Mit der Bestückung, welche der Kreu- abschickten, aber auch nicht so schlecht, wie Sie er-
zer hat, bedeutet 0,4 pro Meile die Mitte einer tödli- wartet hatten?“
chen Falle.“ Brady lächelte. „Ja. Das trifft den Nagel auf den
Sie lehnte sich zurück und sah sie triumphierend an. Kopf.“
Brady seufzte tief auf. Er wandte sich zu Wilson und „Würde es Ihre Einstellung irgendwie ändern“, be-
fragte: „Verstehen Sie das?“ merkte Wilson, „wenn ich Ihnen mitteilte, das Pro-
Der Wissenschaftler lachte. „Aber natürlich, Kapi- blem der Bestückung sei vor einer Stunde gelöst wor-
tän. Es ist wirklich nur ein kleines Problem, aber es den?“
zeigt Ihnen, was bei uns los ist.“
Brady erstarrte auf seinem Sitz. „Wäre es denn die
„Kleines Problem! Da hört sich doch alles auf!“ Das
Wahrheit, was Sie mir da mitteilen würden?“ gab er
Lächeln schwand aus Shirleys Gesicht. Zornig blickte
grimmig zurück.
sie zu Wilson. „Nachdem ich mir drei saure Wochen
lang das Herz aus der Brust geschuftet habe, tun Sie Wilson nickte. „Ich habe es gerade erfahren. Ich
es als kleines Problem ab.“ dachte, Sie interessieren sich dafür.“
Wilson errötete und beeilte sich, den Schaden wie- Erst nach einer geraumen Pause sprach Brady wie-
der wettzumachen. „Ich habe es nicht so gemeint, der. Er schaute auf den Berg von Papier, der seine No-
Shirley. Ich meinte doch nur im Vergleich mit dem tizen barg. Es war die Grundlage seines Berichtes, den
Problem der tatsächlichen Bestückung, und da müs- er am kommenden Abend dem Präsidenten erstatten
sen wir doch noch immer herausbekommen, wie sie wollte. Langsam hob er die Notizen auf und zerriß sie.
funktioniert, nicht wahr?“ Er schaute zu Wilson auf und lächelte. „Sie hätten mir
Brady sah ihn ziemlich überrascht an. eine erhebliche Menge Arbeit erspart, wenn Sie vor
„Wollen Sie damit etwa sagen, daß Sie zwar das ein paar Stunden zu mir gekommen wären.“
Fernrichtgerät bedienen, die Bestückung aber nicht
nachbauen können?“ 4. Kapitel
„Stimmt“, nickte Wilson beinah feierlich. „Wir ar-
beiten noch daran, genauso, wie wir schon zwei Mo- Die silbernen Schiffskörper blinkten im Schein der
nate lang daran gearbeitet haben. Oh, wir wissen ge- Nachmittagssonne, als sie in geschlossener Formation
nau, was geschieht, wenn Sie den Knopf ,A’ drücken. über den wolkenlosen blauen Himmel flogen. Stephen
Wir können auch den Wirkungsgrad feststellen. Wir Brady beobachtete sie, nachdem er vor dem Wohnsitz
haben sogar genügend herausgefunden, so daß Shirley des Präsidenten seinem Auto entstiegen war.
und ihr Assistent an dem Fernrichtgerät arbeiten konn- Er behielt die Schiffe im Auge, bis sie hinter dem
ten, aber abgesehen davon“ — er schüttelte den Kopf Horizont verschwunden waren, und blieb eine Wei-
— „nichts.“ le stehen, tief erstaunt über den offensichtlichen Frie-
In der Nacht, während Brady in seinem Bett lag, den, der in diesem prächtigen Sommer des Jahres 2228
dachte er noch einmal über den Vorfall mit dem Fern- herrschte. Für die meisten Menschen waren die in Er-
richtgerät nach. Gut, es war ein Beweis dafür, daß scheinung tretenden schwerbestückten Schlachtflotten
Fortschritte gemacht wurden. Es war richtig, daß der der letzten vier Jahre lediglich eine logische Erwei-
erzielte Fortschritt alle Erwartungen übertraf, jedoch terung der Entdeckung des Raumantriebes. Es schi-
war es noch nicht so weit, wie es hätte sein müssen, en nur ein selbstverständliches Glied in der Kette der
um binnen weniger Jahre den technischen Stand der wissenschaftlichen Entdeckungen, nachdem der inter-
Rihnaner zu erreichen. stellare Antrieb das Tor geöffnet hatte, durch das die
Er teilte Wilson während der letzten Tage seines Menschheit letztlich zu den Sternen geführt werden
Aufenthaltes diese Zweifel nicht mit. Er nutzte seine würde.
17 TERRA

Über die anstrengenden Monate in jenem giganti- geleistet. Wir verfügen über eine Gesamtsumme von
schen Werk unter der sibirischen Steppe erfuhr der neunhundert schweren Linienkreuzern, voll bemannt
Mann auf der Straße nicht das geringste. Er erfuhr und bestens geschult. ’ Dazu kommen noch zweitau-
nichts von der Schufterei, mit der ganze Scharen von send kleinere Schiffe vom Zerstörer bis zu den Drei-
Wissenschaftlern und Technikern sich der Aufgabe mannmoskitos. Die Gesamtproduktion der drei Plane-
widmeten, alle Geheimnisse des erbeuteten centauri- ten wird sich bis Jahresende noch um sechsundneun-
schen Kreuzers zu entschleiern. zig weitere schwere Kreuzer und dreihundert leichtere
Die Monate der Anstrengung begannen allmählich Schiffe steigern. Wir werden jedoch nur vollausgebil-
Früchte zu tragen, aber die Welt erfuhr nie, was sich dete Mannschaften für die Hälfte der Schiffe haben.
vorher zugetragen hatte. Mit beinah apathischem Des- In zwölf Monaten wird der Unterschied wahrschein-
interesse wurden die periodisch von offizieller Seite lich siebzig Prozent betragen.“
erfolgenden Ankündigungen über neue Waffen auf- Brady klappte das kleine Notizbuch zu, in dem er
genommen. Einzelner Widerhall kam nur von weni- während seines Berichtes geblättert hatte. „Das ist das
gen Leuten, die mit heftigem Aufbegehren die gigan- Gesamtbild, Sir. Die Einzelheiten und weniger wichti-
tischen Summen mißbilligten, welche regelmäßig im ge Angaben werden in meinem offiziellen Bericht ent-
Budget der drei Planeten für das Projekt gefordert halten sein.“
wurden. Bannermann nickte und lehnte sich in seinem Ses-
Nach und nach wurde die Flotte aufgebaut. Keines sel zurück.
der riesigen Schiffe durfte den Orbit der Erde oder je- „Sie brauchen sich darum keine Sorgen zu machen,
nes Planeten verlassen, auf dem es gebaut worden war. Brady“ — seine Stimme klang sanft und unbewegt —
Es wurde eine ständige Patrouille von Schiffen älte- „soviel Zeit haben wir nicht mehr.“
ren Typs unterhalten, um sicher zu sein, daß sich kei-
Brady zuckte zusammen und runzelte die Stirn.
ne centauranischen Schiffe unangemeldet dem System
näherten. „Sie haben also eine neue Note von den Centaura-
nern erhalten, Sir?“
Endlich, nach vier Jahren voller Anspannung, konn-
ten sie behaupten, sie seien gerüstet. Brady seufzte Bannermann nickte. „Ja. Vor drei Tagen. Es ist ein
und wandte sich dem Haupteingang der Ferienresi- Ultimatum. Sie sind müde geworden, Ausflüchte zu
denz des Präsidenten zu. Er hegte aufrichtige Zweifel hören, wenn sie sich an uns wandten. Mein Verdacht
an der Vollständigkeit ihrer Ausrüstung. geht dahin, daß die Rihnaner sie unter Druck gesetzt
Der Sekretär des Präsidenten begrüßte ihn im Vor- haben!“
zimmer und unterbrach seinen Gedankenstrom. „Warum machen die sich nur so viele Sorgen um
„Er wird Sie sofort empfangen, Kapitän Brady. Er uns? Wir haben nichts getan, was ihnen schaden könn-
hat mir aufgetragen, Sie gleich nach Ihrer Ankunft zu te.“
ihm zu schicken.“ „Kein Staat und kein Imperium kann den freien
Brady lächelte und nickte abwesend mit dem Kopf, Wettbewerb neben sich dulden, ganz gleich, wie klein
während er sich anschickte, die Privatgemächer Ban- und unbedeutend dieser Wettbewerb auch sein mag.
nermanns zu betreten. Das ist die Lehre aus unseren Geschichtsbüchern. Ich
vermute, daß sich der galaktische Plan der Dinge von
Der Präsident saß in einem Sessel vor dem großen
solchen fundamentalen Prinzipien nicht unterscheidet.
Gartenfenster und rauchte seine Pfeife. Bei Bradys
Eintritt erhob er sich sofort und drückte ihm die Hand. Wie auch immer, wir haben ungefähr acht Wochen,
„Ich bin froh, daß Sie wieder da sind, Brady.“ in denen wir entscheiden können, was wir tun, wel-
chen Weg wir einschlagen werden. Die Alternativen
„Danke sehr, Sir!“
sind: Eintritt ins Imperium oder Krieg.“
Brady ließ sich gegenüber dem Präsidenten in den
„Und Sie haben Ihre Entscheidung schon getrof-
Sessel nieder, den ihm dieser angewiesen hatte. Nach-
fen?“
dem er behaglich saß, sagte Bannermann: „Lassen Sie
mich erst hören, welche Nachricht Sie bringen.“ „Ja“, antwortete Bannermann, „wir werden die Po-
litik weiter verfolgen, welche wir zu Beginn verfolgt
„Nun, Sir, auf den ersten Blick sieht es nicht zu
haben. Ich besitze die Zustimmung der Oberbefehls-
schlecht aus. Wenn man aber weiß, was wir wahr-
haber der Streitkräfte in diesem Sinne. Sie kamen
scheinlich vor uns haben, dann sieht es auch nicht
ebenfalls mit mir überein, daß wir dieses Wagnis auf
zu gut aus. Der Bau von Schiffen und Waffen erfolgt
uns nehmen müssen, obwohl es für die menschliche
auf Venus und Mars genau nach Plan: Der Mangel
Rasse katastrophal, ja tödlich sein kann. Lassen wir
an Technikern wird sich jedoch bald unangenehm be-
diese Gelegenheit verstreichen, bietet sich uns viel-
merkbar machen. Die Versuche auf Mars mit der neu-
leicht nie mehr eine andere.“
en Art von Strahlengittern und Strahlenwaffen zei-
gen, daß sie entschieden allem überlegen sind, was „Ich stimme zu, Sir“, gab Brady zurück.
wir auf dem erbeuteten Kreuzer gefunden haben. Hart- „Ich dachte mir schon, daß Sie das tun würden.
mann und seine Jungen haben da ganz große Arbeit Ich habe heute morgen einen Befehl unterschrieben,
Menschheit im Aufbruch 18

der die vereinigten Flotten der drei Planeten in voller ein? Wir sind nicht in der Lage, einen reinen Verteidi-
Kriegsstärke unter den Befehl von Großadmiral Rich- gungskrieg gegen eine Übermacht zu führen, wie sie
mond stellt. Erst kurz vor Ablauf der gestellten Frist wahrscheinlich gegen uns eingesetzt werden würde.
werden wir den Centauranern die Antwort zustellen. Wir müssen so rasch wie möglich zum Angriff über-
Wenn wir sie absenden, wird sie so abgefaßt sein, daß gehen, oder wir werden nichts erreichen.“
keinerlei Zweifel daran besteht, daß wir die Absicht Brady nickte zustimmend. „Ich denke nicht, daß
haben, einen Kurs außerhalb des Bereiches des rihna- die Centauraner, wenn sie gegen uns vorgehen, mit
nischen Imperiums einzuschlagen.“ Schwierigkeiten rechnen werden“, sagte er überle-
Brady rückte unbehaglich auf seinem Sitz herum. gend. „Schließlich haben sie keinen Grund, ihr Un-
„Halten Sie mich bitte nicht für egoistisch, Sir“, be- ternehmen als etwas anderes zu betrachten als eine
gann er, „aber darf ich fragen, welches meine persön- gewöhnliche Zähmungsexpedition. Gelingt es uns, ih-
liche Aufgabe ist?“ nen frühzeitig einen erheblichen Schlag zu versetzen,
„Ich dachte schon, daß Sie danach fragen würden.“ dann könnte sie das aus dem Gleichgewicht werfen.
Bannermann lächelte flüchtig. „Ich weiß, Sie möch- Wir hätten dann Gelegenheit, ihnen mehr Schaden zu-
ten gern ein Raumkommando übernehmen, aber, ehr- zufügen, als wenn sie unsere Gegenwehr erwarteten.
lich gesagt, ich ziehe es vor, Sie hier bei mir zu behal- Bisher hatten wir Erfolg, in Zukunft aber müssen wir
ten. Falls der Krieg kommen sollte — und ich zweifle sehr viel Glück haben.“
nicht, daß er kommen wird, werde ich um mich herum „Wir müssen uns auf unser Glück verlassen“, sagte
Männer wie Sie brauchen. Ich kann nicht zugeben, daß Bannermann und neigte sich vor. Er schlug mit sei-
Sie in einem Schlachtkreuzer an der Front Kopf und ner rechten Faust in. die linke Hand, um seinen Wor-
Kragen riskieren.” ten Nachdruck zu geben. „Wenn wir sie zuerst schla-
„Ich verstehe.“ Brady empfand eine brennende Ent- gen können...“ Seine Spannung lockerte sich. Er lehn-
täuschung. Mit einem Male war es ihm bewußt, daß te sich zurück und ließ den Satz unbeendet. Brady war
seine ganze Hoffnung auf die Möglichkeit gerichtet ebenfalls von dem ungeheuren Vorteil überzeugt, der
war, einen von den neuen Kreuzern kommandieren zu sich aus dem Überraschungsmoment ergeben mußte.
dürfen. Im gleichen Augenblick war ihm jedoch klar, Unter den Verhältnissen, denen sie sich gegenübersa-
daß Bannermann recht hatte. Er wußte zuviel, um ei- hen, war das Überraschungsmoment vielleicht der ein-
nem solch gefährlichen Dienst geopfert zu werden. zige entscheidende Faktor.
Seine Enttäuschung mußte sich auf seinem Gesicht „Eine Woche vor Ablauf der Frist wird die Antwort
gespiegelt haben, denn Bannermann lächelte. den Centauranern zugeschickt“, führte der Präsident
„Ihre Zeit wird auch noch kommen, Kapitän“, ver- etwas nüchterner fort. „Zu diesem Zeitpunkt werden
sprach er ihm. „Ist uns auch nur ein wenig Erfolg bei die Flotten bereits in Position sein. Ehe die Centau-
unseren Anfangsoperationen beschieden, wird die Ge- raner den nächsten Zug tun, können wir nichts wei-
schwindigkeit, mit der wir unseren Vorteil ausnutzen, ter unternehmen. Ich rechne nur mit einer feindseligen
lebensnotwendig sein. Ihr Rat und Ihre Erfahrungen Antwort.“
sind dann von unschätzbarem Wert. Schließlich“ — „Das müssen wir annehmen, Sir!“ Brady erhob sich.
er blinzelte ihm zu — „wissen Sie mehr von diesen „Wenn ich Ihre Erlaubnis habe, möchte ich gehen. Ich
Fremdlingen als irgendein anderer.“ muß eine Kopie meines schriftlichen Berichtes dem
Brady lächelte über das versteckte Lob. „Wie lauten Direktorat der Streitkräfte unterbreiten.“
die Operationspläne, Sir?“ wechselte er das Thema. Bannermann erhob sich gleichfalls und nickte. „Ich
Bannermann blickte auf seine Fingerspitzen. will Sie nicht zurückhalten, Brady“, sagte er. „Nächste
Dann sagte er: „Die Flotte wird in drei Gruppen Woche werde ich nach Lake Success zurückkehren.
aufgeteilt sein. Die erste Gruppe ist zum Schütze des Ich möchte, daß Sie mich dorthin begleiten. Erholen
Mars auf Phobos und Deimos stationiert. Die dritte Sie sich in der Zwischenzeit ein wenig. Sie haben das
und kleinste Gruppe hält sich auf Uranus verborgen, nötig, denke ich. Es wird lange dauern, bis Sie wieder
einmal als Reserve, falls wir sie brauchen, und schließ- in Urlaub gehen können.“
lich, um jeden centauranischen Rückzug abzuschnei- Sie tauschten einen Händedruck, und Brady ging.
den.“ Im Vorraum händigte er dem Sekretär seinen Bericht
„Die Oberbefehlshaber scheinen ziemlich optimi- aus und trat in die frische Luft und den Sonnenschein
stisch.“ hinaus.
„Sie können sich keine anderen Gefühle erlauben“,
wies Bannermann hin. „In unserer Lage können wir es 5. Kapitel
nicht wagen, vorsichtig zu sein. Wir müssen von An-
fang an die Initiative ergreifen und sie uns nicht mehr Zehn Tage nachdem die Regierung die Antwort der
entreißen lassen. Gewiß, wir könnten uns ruhig hin- Erde auf ihre Note erhalten hatte, näherte sich die
setzen und versuchen, die drei Planeten zu verteidi- centauranische Schlachtflotte der Bahn des Pluto. Die
gen. Was aber bringt uns das auf die Dauer gesehen Eile, mit der sie ihre Flotte in Marsch setzten, war
19 TERRA

von den schweren Vorwürfen ausgelöst worden, wel- sechshundert schwere Kreuzer, wurde zum Mars ge-
che sie vom zentralen galaktischen Rat wegen der sandt. Der Rest flog der Erde entgegen.
falschen Behandlung der ganzen Angelegenheit hatte Sie passierten etwa hunderttausend Meilen entfernt
einstecken müssen. den einzigen Satelliten der Erde. Da sie den Mond oh-
Mit aller nur möglichen Eile wurde die Hauptflot- ne Schwierigkeit passiert hatten, ließ ihre Aufmerk-
te zur Entgeltung der unverschämten Haltung ihren samkeit nach, die sie bis dahin ihrer Sicherheit gewid-
Freundschaftsbezeugungen gegenüber in Marsch ge- met hatten. Sie sahen die dreihundert irdischen Schif-
setzt. Der Kommandant der Flotte hatte den Befehl zu fe, welche aus der Deckung des Satelliten herausbra-
schädigen, aber nicht zu zerstören, zu ’ verkrüppeln, chen und über sie herfielen, erst, als es zu spät war.
aber nicht zu töten. Sein Befehl lautete, soviel Scha- Bevor sie wußten, was geschehen war, war die hin-
den anzurichten, wie er nur konnte, ohne die Rasse der tere Reihe der Flottenformation, sechzehn Schiffe,
Emporkömmlinge, welche die drei Planeten von Sol vernichtet.
bewohnten, auszulöschen. In der blinden Zuversicht,
welche von völliger Unwissenheit erzeugt wurde, nä- Ganz abgesehen von der demoralisierenden Wir-
herte er sich mit seinen Schiffen dem ihm angegebe- kung, welches das plötzliche und unerwartete Erschei-
nen Ziel, ohne den geringsten Versuch einer Erkun- nen einer solchen Flotte auf sie hatte, verwandelte sich
dung zu machen, ob nicht in den Verstecken des Son- ihr Schrecken in Entsetzen, als sie mit ihren eigenen
nensystems eine Gefahr auf sie lauerte. Die Schiffe Augen sehen mußten, daß ihre Verteidigungsmittel ge-
waren sorgfältig gegen die geheimnisvollen Donner- gen die irdischen Angriffe nutzlos waren.
schläge isoliert, die vor einigen Jahren das Schiff ihrer Die irdische Streitmacht griff in drei Reihen zu je
Gesandtschaft zerstört haben sollten. Gläubig hatten hundert Schiffen an. Jedes fuhr wie eine Lanze ge-
sie die elektrischen Leitungen kopiert, welche von den radenwegs durch die Schlachtreihen ihrer Widersa-
irdischen Technikern an dem zweiten Gesandtschafts- cher. Das Aufblitzen der Atomstrahlenwerfer glühte
schiff angebracht worden waren. Ihr eigener techni- wie Wetterleuchten über den Leibern der centaurani-
scher Stab wertete es als ein Zeichen wissenschaft- schen Schiffe. Sie schoben die Strahlengitter zur Seite,
licher Rückständigkeit der Erdbewohner, daß sie in als seien sie Spinnweben. Schiff auf Schiff verlösch-
der Lage waren, das Leitungssystem nachzubauen. Es te im Strom grell ausbrechender Flammen, von denen
kam ihnen gar nicht in den Sinn, daß die Einfachheit Angreifer wie Angegriffene gleichermaßen geblendet
in direktem Verhältnis zu seiner Wertlosigkeit stehen wurden.
konnte. Zwanzig Minuten lang regierte das Chaos, als
Die Flotte kam in voller Stärke, ohne Jäger und mit Schiffe und Mannschaften in einem phantastischen
keiner anderen Vorbereitung gegen einen Angriff, als Kaleidoskop von Flammen und Metall durch den
dem Schutz des Strahlengitters. Dieses Schutzes be- Raum wirbelten. Die irdische Flotte behielt ihre ur-
dienten sie sich mehr aus Gewohnheit als aus Sorge sprüngliche Formation von drei Gruppen bei. In re-
um ihre Sicherheit. gelmäßigen, paradeähnlichen Bewegungen schlängel-
Die Nachricht von ihrer Ankunft wurde der Er- te und wand sie sich durch die Reihen der centaura-
de durch automatische Detektorstationen übermittelt, nischen Schiffe. Die Centauraner aber zerstreuten sich
welche auf den Satelliten des Pluto und Saturn lagen. in verwundbare Gruppen, kaum noch wissend, wohin
Es waren Stationen, die ihre Aufgabe mit Genauigkeit sie sich wandten, wo Freund und wo Feind war.
erfüllten, ehe sie unter dem zerstörenden Beschüß der Nach zwanzig Minuten war alles vorbei. Nach den
Kreuzer verschwanden, die zu diesem Zweck von der Verlusten, welche die Centauraner erlitten hatten, ließ
Hauptflotte abgesandt wurden. sich keine Flotte mehr zu einer wirklichen Formation
Der Kommandant gab seiner Überraschung über die sammeln. Die Erdschiffe kurvten wie wild durch die
fortschrittliche Beobachtungsmethode Ausdruck, wel- demoralisierten Gruppen des Gegners, denn sie hat-
che die Erdbewohner entwickelt hatten. Er vertraute ten ihre eigene Unverwundbarkeit erkannt. Nur sech-
jedoch so sehr auf die Mittel, die ihm zur Verfügung zehn Schiffe gingen verloren, und das nur durch Un-
standen, daß er dies nicht als eine Warnung ansah, fall, als sie mit centauranischen Schiffen zusammen-
die Planeten, die seine Beute werden sollten, könn- stießen. Von dreitausend Schiffen, die der Feind ihnen
ten ihm mehr als einen schwachen Widerstand entge- entgegengeschickt hatte, vermochten nur vierhundert-
gensetzen. Selbst wenn er das vorausgeschaut hätte, sechzig die Stätte der Schlacht fliehend zu verlassen.
wäre er nicht ausreichend auf die Raumschlacht erster Sie gerieten in den Hinterhalt der auf Uranus liegen-
Ordnung vorbereitet gewesen, in die sich seine Flotte den Flotte und wurden vernichtet.
schon bald verwickelt sah. Siebenundvierzig Schiffe landeten auf dem Mond
Erde und Venus befanden sich nahe am Punkt ih- und ergaben sich der Besatzung der Mondstation.
rer größten Annäherung. Die Centauraner taten ge- Hundertundsieben ergaben sich auf der Erde. Von den
nau das, was die irdischen Taktiker erwartet hatten. sechshundert, die zum Mars geflogen waren, blieben
Sie beschlossen, zuerst mit der Erde abzurechnen und nur zweiunddreißig übrig und mußten kapitulieren. Es
sich dann der Venus zuzuwenden. Ein Teil der Flotte, war die erste und letzte Schlacht innerhalb des Son-
Menschheit im Aufbruch 20

nensystems. Sie war in genau zwanzig Minuten zu En- Leuchten, durch welches die Sterne nicht beeinträch-
de. tigt wurden. Es war zu schwach für Meteore, es war
zu unregelmäßig.
* Eine lange Minute beobachtete er, während ande-
re, welche die Nachricht gehört hatten, hinzukamen,
Es war Nacht in Lake Success. Es war eine helle sich um ihn drängten und wissen wollten, was er se-
Mondnacht, in der die Sterne wie winzige Lämpchen hen konnte. Schließlich hob er den Kopf, stand auf
an einem riesigen Weihnachtsbaum glühten. Es war und wies den Beobachter auf seinen Platz zurück. Er
die Nacht der Schlacht, und alle im Hauptquartier des schaute auf den Kreis ängstlicher Männer um ihn her-
Präsidenten wußten es, denn bereits seit Stunden lie- um.
fen die Meldungen über die Annäherung der centaura- Er nickte. „Es sieht so aus, als bräche da draußen
nischen Flotte ein. die Hölle lös. Etwa eine Viertelmillion Meilen weit
Seit etwa zwölf Stunden hatte Brady den Hauptor- muß eine Schlacht im Gange sein. Das ist sicher die
ganisationsraum nicht mehr verlassen. In grimmiger Mondflotte.
Intensität hatten er und einige Gruppen von Offizieren Die Centauraner waren also auf die Minute genau.“
beobachtet, wie auf dem Detektorbord die weißen Bir- Gemurmelte Ausrufe folgten seinem Bericht, aber
nen, eine nach der anderen, aufgeleuchtet und ausge- er achtete nicht darauf.
gangen waren. Jedes Erlöschen bedeutete die Zerstö- „Ich werde dem Präsidenten Bericht erstatten. Soll-
rung einer weiteren Detektorstation. Abgesehen von te es Schwierigkeiten geben, werden wir im Verlaufe
diesen winzigen automatischen Stationen hatten sie einer Stunde davon erfahren. Falls ich bis dahin nicht
kein Mittel, von den Vorgängen draußen zu erfahren. zurück sein sollte, schicken Sie sofort Nachricht nach
Die drei Flotten hatten strikte Anweisung, weder mit oben, wenn sich etwas ereignet.“
der Erde noch untereinander in Funkverbindung zu Er zwängte sich durch die Menge und verließ den
treten, bis sie entweder erfolgreich oder besiegt wa- Raum. Der Fahrstuhl brachte ihn in die Räume des
ren. Präsidenten. Die Wache an der Tür ließ ihn ohne Zö-
Als das letzte Licht auf dem Mond erlosch, ging ein gern passieren.
Seufzen durch den Raum. Bradys Gesicht war starr „Es geht ihm genau wie uns, Kapitän. Er kann nicht
und angespannt, als er nach der Uhr sah. Es war ein schlafen.“
Uhr dreißig am Morgen. Binnen zwölf Stunden wür- Brady grinste müde. Er konnte sich gut vorstellen,
de einer der beiden kämpfenden Parteien Erfolg, der daß der Präsident keinen Schlaf fand.
anderen Niederlage beschieden sein.
Er zündete sich eine Zigarette an und ließ sich ver- *
drießlich nieder. Um ihn herum gingen viele schwei-
gend ihrer Arbeit nach oder saßen rauchend, finger- Bannermann stand am Fenster und sah auf die My-
drehend oder ziellos auf einem Papier kritzelnd da. riaden von Lichtern der unten liegenden Stadt. Eine
Nahezu keinerlei Unterhaltung wurde geführt, abgese- kleine Lampe auf dem Tisch erleuchtete den Raum.
hen von einsilbigem Flüstern und gelegentlichen Aus- Als Brady eintrat, wandte er sich um und sagte: „Hal-
drücken des Unmuts. lo, Brady! Was ist los? Hält Sie Ihr Gewissen wach?“
„Und Sie, Sir?“ gab Brady mit einem Lächeln zu-
Der Stummelberg im Aschenbecher neben dem Sitz
rück.
Bradys wuchs stetig. Minute um Minute und Stunde
um Stunde stieg die Spannung. Es war drei Uhr fünf- Bannermann lachte. „Nehmen Sie Platz. In meinem
undvierzig, als ein Beobachter am Elektronenteleskop Fall wäre ich keineswegs überrascht“, gab er zur Ant-
Blitze in der Nähe des Mondes meldete. wort. „Das Gewissen war schon immer meine schwa-
che Seite, sonst hätte ich wohl kaum Präsident werden
Brady erhob sich und ging zu dem Instrument hin-
können.“ Er ließ sich auf einen Sessel fallen. „Nun,
über.
ich nehme an, Sie haben Nachrichten für mich, sonst
„Lassen Sie mich sehen“, befahl er. wären Sie wohl nicht so früh hierhergekommen.“
Der Mann glitt zur Seite und räumte ihm seinen Be- „Ja, Sir, es scheint, daß etwa eine Viertelmillion
obachtungsposten ein. Meilen weit draußen eine Schlacht im Gange ist. Wir
„Ich habe es genau auf die größte Gruppe gerichtet, können es im Elektronenteleskop entdecken, aber Ein-
Sir“, sagte er. „Wir können keine stärkere Vergröße- zelheiten lassen sich nicht erkennen. Ich dachte, Sie
rung bekommen.“ wollten darüber informiert werden.“
Brady mußte einen Augenblick warten, bis sich sei- Bannermann nickte. „Wie lange, nehmen Sie an,
ne Augen an die Schwärze des Weltraums gewöhnt wird es dauern, bevor wir etwas Endgültiges erfah-
hatten, die ihm das Okular des Teleskops bot. Wie der ren?“
Beobachter gesagt hatte, konnte er jedoch nach einer Brady zuckte die Schultern. „Schwer zu sagen.
Weile eine Serie von regelmäßigen Blitzen durch die Vielleicht eine Stunde, vielleicht zwölf. Es kommt al-
Dunkelheit des Raumes leuchten sehen. Es war ein les darauf an.“
21 TERRA

„Wie gut unsere Jungen sind, nicht wahr?“ den Kopf — „das ist eine ganz andere Sache. Wenn
„Ja.“ wir die Centauraner schlagen, bin ich der Ansicht, daß
„Und wie gut unsere Waffen sind.“ wir ein Abkommen mit den Rihnanern treffen müß-
ten.“
„Ja, Sir, das noch mehr als alles andere“, stimmte
Brady zu. „Wenn unsere Waffen nicht gut genug sind, „Interessensphären?“ unterbrach ihn Bannermann.
wird es wenig bedeuten, daß unsere Jungen gut sind. „Ja, so etwas Ähnliches.“
Es wird überhaupt nichts ausmachen.“
„Ich denke, nein. Solche Abkommen funktionieren
Bannermann lehnte sich zurück und wandte sich niemals. Wir haben unsere eigene Geschichte, die uns
so weit um, bis er aus dem Fenster sehen konnte. Er das lehrt. Ich glaube, das Universum wird zu klein
winkte hinweisend mit der Hand und sagte: „Schau- werden, um uns und die Rihnaner zu beherbergen,
en Sie einmal nach draußen, Brady. Ich frage mich, ob ganz genauso, wie die Erde zu klein wurde, um die
Sie auch sehen, was ich sehe?“ alten Nationalreiche zu beherbergen. Der Schwächere
Bradys Augen folgten seinem Blick. Die Lichter der wurde an die Wand gedrückt. Auch in diesem Falle,
Stadt warfen einen trüben, gelblichen Schein gegen nehme ich an, wird der Schwächere an die Wand ge-
die Fensterscheiben. Selbst in diesem Schein konnte er drückt werden.“
am ebenholzfarbenen Himmel die Sterne schimmern
Jäh unterbrach er seine Rede, als das Telefon auf
und blinken sehen. Es war zwei Stunden vor Sonnen-
seinem Tisch zu läuten begann. Brady erhob sich, ging
aufgang.
zum Tisch und betätigte den Schalter, der das Mikro-
„Ja, Sir, es ist eine wunderbare Nacht“, erwiderte er. fon des Interkom aktivierte.
„Nein, Kapitän, das meine ich nicht.“ Bannermann
schüttelte den Kopf. „Zwei Stunden lang habe ich aus „Büro des Präsidenten. Hier Brady.“ „Kapitän Bra-
diesem Fenster gesehen und auf Sie und Ihre Nach- dy, hier Operationen.“ Die Stimme war hastig und er-
richt gewartet. Ich habe da draußen die Sterne flackern regt. „Bericht von der Mondstation, Sir. Er lautet: ,Von
sehen, einige hell, einige schwach. Für jeden, den ich Admiral Befehlshaber Erdflotte Nummer Eins an Prä-
sehe, gibt es Tausende, die ich nicht sehen kann. sident. Feindkräfte fast völlig zerstört. Überlebende
fliehen Richtung Uranus. Unbekannte Anzahl zur Ka-
Da draußen ist das größte Imperium des Univer-
pitulation auf Mond gelandet. Irdische Verluste sech-
sums, das größte, weil es nämlich das Universum ist.
zehn Schiffe, Feindverluste über zweitausend. Ende.“
Seit Tausenden von Jahren haben die Menschen davon
gewußt und geträumt. Sie haben ihren Ehrgeiz darum Bradys Gesicht hatte vor Erregung alle Farbe verlo-
gesponnen, Geschichten davon erzählt, und Jahrhun- ren. „Bericht erhalten“, gab er durch. „Ich lasse diese
derte lang nur mit dem einen Ziel im Auge gearbei- Verbindung für weitere Meldungen offen. Geben Sie
tet, es zu erobern. Wir sind die Glücklichen, welche sofort nach Einlaufen weiter.“
den Höhepunkt dieses Ringens erleben, das nur dar- Er wandte sich zu Bannermann um, der noch immer
um geht, diese Träume Wirklichkeit werden zu las- seinen Blick durch das Fenster in die Ferne schwei-
sen. Und heute nacht sterben einige von uns bei die- fen ließ. Gerade als sich der Präsident ihm langsam
sem Versuch. Nicht etwa, weil wir ihn gewollt haben, zuwandte, läutete das Telefon erneut kurz auf, und
sondern weil uns der Kampf aufgezwungen wurde. die gleiche Stimme meldete: „Bericht von Mondstati-
Wir sind unserem Schicksal tausend Jahre vor der on. Er lautet: ,Von Kommandant Mondstation an Prä-
Zeit begegnet, einfach darum, weil uns andere nicht in sident. Sechsunddreißig Schiffe Feindklassifizierung
Ruhe lassen wollten. Heute nacht sterben wir, oder die zur Kapitulation gelandet, weitere kommen noch. Be-
menschliche Rasse wird heute nacht zur größten Ein- richt von Erdflotte Nummer Zwei, ausgestrahlt von
zelmacht, welche die Milchstraße je gekannt hat. Ich Phobos, lautet: Über vierhundert Feindschiffe in fünf-
habe mich gefragt, ob wir reif dafür sind, ob wir stark zehn Minuten zerstört. Weiterer Bericht folgt. Ende.“
genug sind, alles zu halten. Denn wenn wir nicht stark Mit brennenden Augen stand Brady am Tisch. Sein
genug sind, selbst wenn es uns gelingt, die Rihnaner Körper bebte förmlich vor Erregung. Bannermann saß
und ihre Verbündeten gehörig zu verprügeln, wird die ruhig ’ und schweigend in seinem Sessel. Seine Augen
Milchstraße wieder in die unzivilisierte Barbarei zu- leuchteten im Schein der Tischlampe.
rückfallen, und wir werden das zerstört haben, was sie
so lange Zeit zusammengehalten hat.“ „Schauen Sie nicht so vergnügt drein, Kapitän, denn
jetzt fangen unsere Schwierigkeiten erst an“, bemerkte
Brady wurde es unbehaglich. Alles, was Banner-
er mit einem Lächeln.
mann sagte, konnte wahr sein, denn die Kraft der drei
Planeten war nahezu mikroskopisch, wenn man sie „Aber wir haben die erste Hürde genommen, Sir.“
mit der Stärke des rihnanischen Imperiums verglich. Erregung schwang in Bradys Stimme. „Wir haben die
„Ich denke nicht, daß ich mir darüber den Kopf zer- erste Schlacht gewonnen, und das ist entscheidend.“
brechen würde, Sir. Wir haben einen langen Weg vor . „Die Briten haben bewiesen, daß das nicht
uns, bis wir dieses Stadium erreichen. Die Centauraner stimmt“, sagte Bannermann unerschütterlich. „Sie ha-
sind eine Gefahr, aber die Rihnaner“ — er schüttelte ben immer die letzte Schlacht gewonnen. Dadurch
Menschheit im Aufbruch 22

wurden sie auch zur Großmacht.“ Er schüttelte lang- Über die Art der Heimkehr wurden keinerlei Spekula-
sam den Kopf. „Nein, jetzt können wir erst richtig an- tionen angestellt, denn selbst den trübseligsten Hirnen
fangen, uns Sorgen zu machen. Hätten wir verloren, der Centuraner war das unvorstellbar, daß sie anders
dann wären wir all unserer Sorgen ledig gewesen.“ als siegreich und nur in dem gleichen Zustand wie bei
Unter dem ernüchternden Einfluß der Worte des der Abreise heimkehren würde.
Präsidenten beruhigte sich Brady. Eines Tages kam ein einsames Schiff langsam auf
„Bedaure, Sir. Ich habe mich ein wenig aufgeregt. den Raumhafen zu. In einer langen Kurve kam es aus
Sie tun so, als hätten Sie dieses Ergebnis erwartet.“ dem Weltraum und landete mit mathematischer Prä-
zision an der Hauptlandungsrampe des Feldes. Als
Bannermann lächelte trocken und füllte gemütlich
es sich näherte, wurde zuerst nicht viel Notiz von
seine Pfeife.
seinem seltsamen Gebaren genommen. Die wenigen
„Das habe ich“, antwortete er und deutete mit der Leute des Bodenpersonals, die es sahen, glaubten ein
Hand nach dem Fenster. „Es stand alles da draußen in interplanetarisches Passagierschiff mit Motorschaden
den Sternen geschrieben.“ vor sich zu haben. Als es das Feld zum ersten Male
Das Tischtelefon schlug an. umkreiste, bemerkte jemand, daß es, vorsichtig ausge-
„Meldung von Kommandant Mondstation an Prä- drückt, in einem erbärmlichen Zustand war. Die hin-
sident: ,Feindflaggschiff mit sechs weiteren Schiffen teren Steuerflügel waren weg, was die Schwankun-
kapituliert. Er3flotte kehrt zur Basis zurück und erwar- gen erklärte. Die Nase war teilweise abgesprengt und
tet weitere Befehle. Marsflotte meldet sieben Schiffe verlieh dem Schiff ein stumpfes, häßliches Aussehen.
als eigenen Verlust. Bisher einunddreißig Feindschiffe Drei große Löcher waren im Rumpf, die von schwe-
kapituliert. Ende.“ ren Explosionen herzurühren schienen. Einmal ent-
Brady wandte sich ab. „Bis auf das Geschrei ist al- deckt, erregten solche Einzelheiten im Kontrollraum
les vorüber.“ des Feldes mehr als ein apathisches Interesse. Wäh-
rend die Einzelheiten ohne optische Hilfsmittel leicht
Bannermann zog gedankenverloren an seiner Pfeife
wahrgenommen werden konnten, blieb die Identität
und runzelte die Stirn. „Ich weiß nicht“, sagte er.
des Schiffes unklar, bis ein Fernglas darauf gerichtet
„Was wissen Sie nicht, Sir?“ wurde.
„Ach, nur ein Einfall.“ Er richtete sich plötzlich auf In Sekundenschnelle fegte äußerste Bestürzung und
und sah Brady an. „Lassen Sie das feindliche Flagg- Panik durch die Gebäude des Raumhafens, denn mit
schiff zur Erde bringen, Brady. Ich denke, wir werden den Gläsern war der Name des Schiffes deutlich zu le-
es gut gebrauchen können.“ sen. Es war die Lyra Comet, und die Lyra Comet war
das Flaggschiff der Flotte, die gegen das Sonnensy-
6. Kapitel stem ausgesandt worden war. Die Tatsache, daß das
Flaggschiff zurückgekommen war, wirbelte die be-
Meron, die Hauptstadt des centauranischen Sy- stürzten Offiziere durcheinander, die hastig den Him-
stems, lag auf dem vierten Planeten des Sterns Ortan, mel nach Anzeichen der heimkehrenden Flotte ab-
alias Alpha Centaurus. Selbst nach irdischen Maßstä- suchten. Das Entsetzen schwoll, als die Detektoren
ben gemessen war es eine Riesenstadt, deren Umfang tiefer und tiefer in den Raum drangen und — nichts
sich über ein Gebiet von einigen zweihundert Quadrat- fanden. Die Lyra Comet war das einzige Schiff im
meilen erstreckte. Umkreis von Millionen Meilen.
Der ungeheuer große Weltraumhafen, der gleich- Der Ortskommandant brauchte weniger Zeit, das
zeitig das militärische Zentrum des centauranischen Feld zu erreichen, als der Bericht darüber. Durch den
Systems war, lag ungefähr zwanzig Meilen von Me- unterirdischen Tunnel eilte er aus der Stadt und kam
ron entfernt. Mit der Stadt war er durch einen großen gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie das havarierte
unterirdischen Tunnel verbunden, durch den sich nur Schiff sicher zu Boden gebracht wurde.
der offizielle Verkehr bewegte. Die Centauraner wa- Die Landerampe wurde eilends zum Schiff ge-
ren überaus stolz auf die Eindrucksgebiete, regelmä- bracht. Während die Centauraner auf das Erscheinen
ßige Masse von Gebäuden, welche das Verwaltungs- der Mannschaft warteten, schwang das Eingangstor
zentrum des Systems bildeten. Der gigantische Raum- langsam auf, bis ein drei Fuß weiter Raum offenstand.
hafen war für sie ebenfalls ein stolzer Besitz, denn er Durch diese Öffnung wurde dann von unbekannter
konnte bequem die ganze centauranische Flotte von Hand ein runder Metallbehälter nach draußen gewor-
über dreitausend Schiffen aufnehmen. fen und fiel vor einer Gruppe bestürzter und verblüff-
Vom Raumhafen in Meron aus war die centurani- ter Offiziere zu Boden. Das Eingangsport schwang
sche Flotte gegen das Sonnensystem entsandt wor- wieder zu.
den, und die Centauraner hatten sich im Glanz des Mit beträchtlicher Verwirrung sah die Gruppe am
eindrucksvollen Bildes der Abreise gesonnt. In offi- Fuß der Rampe den Behälter. Für das centauranische
ziellen Kreisen wurde nur selten darüber gesprochen, Hirn war das Außergewöhnliche etwas, das man mei-
daß die Flotte in wenigen Wochen heimkehren würde. den sollte. Ihre Neugierde erstreckte sich nicht auf
23 TERRA

die unbekannte und mögliche Gefahr. Jeder von ihnen Die Anwesenden starrten einander wortlos an, denn in
wartete besorgt darauf, daß einer der anderen den In- keinem Wörterbuch gab es Ausdrücke, die ihre Gefüh-
halt prüfen würde. Es war ein wütender Kommandant, le in diesem Augenblick beschreiben konnten.
der ihnen durch den Lautsprecher befahl, den Inhalt
Der erste Schock war die Ankunft des Schiffes in
des Behälters sofort zu ihm zu bringen. Es war aber
seinem stark beschädigten Zustand. Die Erkenntnis —
auch ein vorsichtiger Kommandant, denn er befahl,
nach den vorgelegten Beweisen mußten sie es zugeben
erst nachzusehen, was in dem Behälter sei, bevor sie
—, daß ihre Hauptflotte zerstört war, war der zwei-
sich dem Hauptkontrollraum näherten.
te Schock. Der dritte Schlag jedoch, daß sie diejeni-
Widerwillig griff einer aus der Gruppe nach dem gen waren, die zur Kapitulation aufgefordert wurden,
Behälter und zog an dem Deckel, der plötzlich nach- war zu viel. Unter der Wucht dieser Tatsachen dreh-
gab. Im Behälter war ein einziges Blatt von organi- te sich der Verstand im Kreise. Kaum war von ihnen
scher Substanz, das mit sorgfältig gemalten centaura- eine Tatsache begriffen worden, trat eine andere neue
nischen Buchstaben beschrieben war. Es richtete sich zutage. Mehr als einer von ihnen fragte sich, was denn
an die Regierung und das Volk des centauranischen mit den unbesiegbaren rihnanischen Waffen gesche-
Systems. Als er von dem Inhalt des Blattes Kenntnis hen war. Das mögliche Ausmaß ihres Verderbens, dem
genommen hatte, eilte er hastig zum Kontrollraum, um sie erlegen waren, schien kein Ende zu nehmen.
das Dokument seinem Vorgesetzten auszuhändigen.
Kaum hatte er den Raum betreten, da riß ihm der Der erste Laut, der die Stille unterbrach, war ein un-
Kommandant auch schon das Schriftstück aus der deutliches Lallen und Murmeln des Kommandanten.
Hand. Während er las, wurden deutlich die Anzeichen Schließlich ließen sich die ersten zusammenhängen-
wachsenden Unglaubens, Entsetzens und schließlich den Worte vernehmen: „Sprengt das Schiff!“ Gleich
sinnloser Wut sichtbar. Die ihn bewegenden Gefühle darauf fuhr er fort und gab genaue Anweisungen:
waren deutlich in seinen Zügen zu lesen. Nachdem er „Schaltet die Atomstrahler an und räumt sie aus dem.
das Dokument überflogen hatte, las er es ihnen laut Wege. Los, los, vorwärts, steh: nicht so herum! Tut et-
vor. was!“
„Hört euch das an“, donnerte er. „Dieses Schiff, von Er erhob sich von seinem Sitz, und diese Bewegung
dem wir annahmen, daß es das Flaggschiff jener Flotte brachte sofort Leben in seinen Adjutanten. Er eilte
war, die gegen das Sonnensystem geschickt wurde, ist zur Sprechanlage, und mit einer Stimme, die an Pa-
das einzige überlebende der Flotte. Es ist jetzt mit Of- nik grenzte, rief er: „Atombatterie Zwei und Drei —
fizieren und Mannschaften der Vereinigten Irdischen sprengt das Schiff vom Platz. Ja, Befehl des Komman-
Raumflotte besetzt, die uns folgendes mitteilen: danten.“
,Wir kommen in einer Mission des Friedens und Die Aufmerksamkeit aller Anwesenden im Kon-
haben nicht die Absicht, Feindseligkeiten zu begin- trollraum wandte sich nun dem Schiff zu. Was sie sa-
nen, wenn uns diese nicht aufgezwungen werden. Wir hen, gab ihnen einen neuen, wenn auch diesmal ge-
kommen als offizielle Botschafter des Solaren Impe- ringeren Schock. Während das Verlesen der Botschaft
riums, um die centauranischen Streitmächte zur Ka- ihre Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hatte,
pitulation aufzufordern. Von der centauranischen Re- strahlte das Schiff einen hellen, goldenen Glanz aus,
gierung verlangen wir die Erklärung, daß ihre Streit- welcher den ganzen Rumpf in ein schimmerndes Licht
kräfte den Mächten des Solaren Imperiums völlig un- hüllte. Es waren nur Sekunden, in denen sie das Phä-
terlegen sind. Mit der Forderung dieser Anerkennung nomen beobachten konnten, bevor der blaue Blitz der
wünschen wir darzulegen, daß alle besiegten Gebie- Atomstrahler aufflammte. Im Bruchteil einer Sekunde
te, die an kriegerischen Handlungen gegen uns teilge- erleuchtete er das Feld. Der blaue Schein des Strah-
nommen haben, von nun an als untergeordnete Gebie- lenkegels hatte den Zwischenraum zum Schiff über-
te dem Solaren Imperium einverleibt werden. Sie ha- wunden — und mit einem betäubenden Knall, der alle
ben Tribut zu entrichten und müssen sich ihrer neuen Gebäude in meilenweitem Umkreis erzittern ließ und
Stellung gemäß verhalten. alle Fenster im Kontrollraum zerstörte, detonierten die
Wenn sich diese Gebiete im Laufe der Zeit als beiden Batterien.
den Wünschen und Zielen des Sonnenreiches willfäh-
rig und getreu erweisen, werden sie den Status eines Der Kommandant war der erste, der sich zitternd
selbstregierenden Staates innerhalb des Imperiums er- vom Boden erhob. Drei andere lagen stöhnend da,
halten. Wir haben den Wunsch, Ihrer Regierung ei- wo sie der Druck der Explosion hingeschleudert hat-
ne Delegation zu senden, um die formale Kapitula- te. Zwei hatten Schnittwunden von den Scherben der
tion entgegenzunehmen. Wir verlangen ein Zeichen, Fenster, der dritte war beim Fall gegen ein Möbelstück
daß dieser Delegation Geleitsicherheit garantiert wird, gestoßen und lag betäubt da.
denn sie sind die beglaubigten Abgesandten des Sola- Mit bemerkenswerter Schnelligkeit wurde der
ren Imperiums.’“ Kommandant wieder Herr seiner Sinne. Er hatte nur
Völlig erstauntes, ja, tödliches Schweigen herrschte eine einzige Erklärung, die seinem Geist einleuchtend
im ganzen Raum, als der Kommandant geendet hatte. schien.
Menschheit im Aufbruch 24

„Die Narren“, murmelte er, „haben wahrschein- Falle können sie ausweichen, aber bei einem Dutzend
lich vergessen, ihre Verteidigungsanlage einzuschal- drehen sie sich im Kreise.“
ten, und diese Unholde haben unsere eigenen Waffen „Wenn Sie es sagen“, meinte Murphy und seufzte.
gegen uns gerichtet. Bringen Sie Eins und Vier in Ak-
„Nicht ich. Die Psychologen haben sich das ausge-
tion.“
dacht.“
Mit bebender, unsicherer Stimme schrie der Adju-
Inzwischen war es draußen still geworden. Wie Bra-
tant den Befehl in die Sprechanlage. Ungläubig und
dy ganz richtig vermutete, hatte der Platzkommandant
starr sahen sie, wie Eins und Vier das Schicksal von
seine Hilfsmittel aufgebraucht.
Zwei und Drei teilten.
„In Kürze“, sagte Brady prophetisch, „werden sie
Der Kommandant selbst erteilte den Befehl zum
ihre noch verfügbaren Kreuzer herbeirufen, damit die
Einsatz des Diffusionsstrahlers. Panik ergriff ihn, als
uns den Garaus machen. Wenn sie erledigt sind, wer-
auch der Diffusionsstrahler den Weg der Atomstrahler
den wir unsere Anzüge anlegen und zu ihnen hinaus-
ging. Der Raumhafen war inzwischen fast völlig zer-
gehen.“
stört. Als weitere Detonationen in willkürlichen Ab-
ständen folgten, breitete sich die Panik auch in der
Stadt aus. Der einzige im Umkreis von dreißig Meilen *
nicht in Mitleidenschaft gezogene Gegenstand schi-
en das seltsam glühende Schiff an der Landerampe zu Es dauerte etwas länger, als Brady ursprünglich
sein. angenommen hatte, hauptsächlich deshalb, weil der
Kommandant zu erschüttert war, um einen zusammen-
Kapitän Brady und seine achthundert Mann star-
hängenden Bericht über die Ereignisse auf dem Platz
ke Besatzung sahen grimmig vom Innern des Schiffes
geben zu können. Aber der beträchtliche Schaden, der
auf das Schauspiel draußen, als der Feuerwerfer dem
über den Televiewer beobachtet werden konnte, über-
Diffusionsstrahler und der neutronische Desintegrator
zeugte die centauranische Regierung. Sie sandte ein
dem Feuerwerfer folgten.
Aufklärungsschiff über den Platz. Nach der Meldung
„Ich kann beim besten Willen nicht verstehen, des Schiffes rief sie alle verfügbaren Kriegsschiffe des
warum wir dies mitmachen müssen“, bemerkte Kom- Planeten herbei und organisierte eine Expedition, wel-
mandant Murphy, sein Adjutant. che alle Fehler der örtlichen Verteidigung wettmachen
„Das ist Psychologie“, gab Brady zurück. „Haltet sollte.
sie in Ungewißheit. Laßt sie raten. Es ist alles ganz Mit stetig wachsender Bestürzung und Entsetzen
genau ausgearbeitet worden.“ sah der Große Rat der centauranischen Regierung, wie
„Ich begreife es immer noch nicht.“ Schiff auf Schiff zum Angriff niedertauchte und in ei-
„Bannermann sah bereits die Schwierigkeiten, be- ner dröhnenden Explosion verschwand. Der Geistes-
vor irgend jemand daran dachte“, sagte Brady. „Wie zustand der Ratsmitglieder durchlief die gleichen Sta-
wollten wir, wenn wir sie erst einmal besiegt haben, dien wie zuvor der des Ortskommandanten und sei-
das centauranische Reich in Besitz nehmen, ohne daß nes Stabes, als sie sich Ereignissen gegenübersahen,
die Rihnaner davon erfahren? Er wußte, daß wir nicht die völlig außerhalb ihrer Erfahrung lagen. Sie hatten
einfach vier- oder fünfhundert Schlachtkreuzer senden nichts, womit sie kämpfen konnten. Betäubt sahen sie
konnten. Bevor sie auch nur auf zehn Lichtjahre her- zu, wie vierzehnmal Angriffe auf das Schiff mit der ir-
angekommen wären, würde man sie entdeckt haben. dischen Besatzung gemacht wurden, und vierzehnmal
Also schickten wir nur ein Schiff, und wir nahmen ei- rannten ihre Schiffe ins Verderben.
nes ihrer eigenen Schiffe, dann fiel es ihnen nicht auf. Die Überlebenden gaben auf und kehrten zurück,
Das hat sich nun alles erfüllt.“ während sich ein schreckengepeitschter Rat zusam-
„Ich bin noch immer der Ansicht, es wäre besser ge- menkauerte, um herauszufinden, was von ihnen falsch
wesen, wir wären mit allen verfügbaren Schiffen her- gemacht worden war. Das gelang ihnen natürlich
eingesprengt und hätten uns des Systems bemächtigt, nicht. Selbst der Kommandant der angreifenden Flotte
bevor sie etwas dagegen tun konnten“, beharrte Mur- war ahnungslos. Er hatte die ganze Aktion aus näch-
phy. ster Nähe, das heißt, ohne mit der Gefahrenzone in Be-
Brady lachte. „Das ist die Methode des Ochsen vor rührung zu kommen, beobachtet. Alle Schiffe hatten
dem Scheunentor. Erstens wissen sie ja nicht, was mit ihre Verteidigungsanlage eingeschaltet. Jedes hatte ei-
ihrer Flotte geschehen ist, zweitens können sie sich ne andere Art des Angriffs gewählt. Für das Versagen
nicht vorstellen, wie wir in den Besitz ihres Flagg- gab es keine Erklärung.
schiffes gekommen sind, drittens ist bisher noch nie- Nach dem Rückzug der übriggebliebenen centaura-
mals etwas mit ihren Waffen schiefgegangen, viertens, nischen Schiffe herrschte völlige Ruhe um das Gebiet
und das ist das wichtigste, standen sie noch nie in ih- des Raumhafens, obgleich Brady in den Trümmern der
rem Leben einer derartigen Situation gegenüber. Sie Gebäude Gestalten wahrnehmen konnte. Er wartete ei-
sind wie Mäuse, die sich plötzlich einem Dutzend gut ne Stunde, dann senkte er das Strahlengitter. Ein ande-
funktionierender Mausefallen gegenübersehen. Einer rer Behälter wurde hinausgeworfen, der die Forderung
25 TERRA

nach einer sofortigen Audienz bei der Regierung ent- Tödliches Schweigen folgte dieser Ankündigung,
hielt. Der Behälter fiel ein gutes Stück außerhalb des denn jedes Ratsmitglied hatte insgeheim gehofft, die
Umkreises nieder, den der goldene Glanz einnahm. Nachricht von ihrer traurigen Lage hätte ihre näheren
Es handelte sich um einen Strahlenvorhang, der von Nachbarn erreicht. Jeder von ihnen hatte darauf ver-
einer weit größeren Leistungsfähigkeit war als alles, traut, daß es gelungen war, einen Hilferuf zu senden.
was den Centauranern bekannt war. Das Strahlengitter Diese Hoffnung war jetzt gescheitert. Bei ihrem Tref-
wurde erneut eingeschaltet, und sie machten sich auf fen mit den Erdbewohnern hatten sie nun kein günsti-
eine neue Wartezeit gefaßt. ges Argument ins Feld zu führen.
Murphy verlieh seinen Zweifeln Ausdruck, daß
Der Präsident winkte dem wartenden Boten zu.
nach den Ereignissen der letzten Stunden noch jemand
genug Mut habe, die Botschaft abzuholen. „Bringe die Erdbewohner zu uns“, befahl er.
„Sie werden kommen“, versprach Brady grimmig.
Brady und Murphy, begleitet von sechs Wissen-
„Wenn nicht, zerstören wir eins von den Häusern auf
schaftlern, Ökonomen und Psycho-Politikern, schrit-
der anderen Seite des Feldes. Dann werden sie schon
ten mit einem Selbstvertrauen durch die Halle, das
merken, was los ist.“
selbst die niedergeschlagensten Ratsmitglieder in Er-
* staunen setzte. Wohl hatten sie erwartet, daß die Erd-
bewohner zuversichtlich eintreten würden, aber sie
Das Erscheinen des zweiten Behälters war vom waren nicht vorbereitet auf das selbstbewußte Auftre-
Kontrollturm aus beobachtet worden. Es dauerte je- ten, mit dem die Delegation die Kontrolle der Situation
doch geraume Zeit, bis der noch immer benommene an sich riß.
Kommandant jemand finden konnte, der ihn abholte.
Der Untergebene, der es schließlich auf sich nahm, Es war, wie Brady zu Murphy vor dem Verlassen
trippelte eilends hinaus und in den Schutz des Tur- des Schiffes gesagt hatte: „Nach der Meinung der Psy-
mes zurück, als erwarte er jeden Augenblick, getötet chologen müßten die Centauraner zum erstenmal in
zu werden. ihrem Leben an einem Minderwertigkeitskomplex lei-
Die Botschaft wurde an die Regierung weiterge- den. Wenn wir aber sicher und arrogant auftreten, wer-
geben. Sie setzte den letzten Stein in die Mauer der den wir nur zu befehlen brauchen, und sie werden uns
Verzweiflung, die von den Erdbewohnern seit ihrer alles geben, was wir von ihnen verlangen.“
Ankunft vor kaum sechs Stunden aufgerichtet wor- „Ich war der Ansicht, die Rihnaner hätten bei ihnen
den war. Die Regierung des centauranischen Reiches schon längst einen Komplex ausgelöst“, meinte Mur-
erfaßte die Situation mit nüchterner Klarheit, denn phy.
was sie auch immer sein mochte, unrealistisch war
sie nicht. Die Ereignisse der letzten Stunden hatten „Dieses eine Mal“, sagte Brady zu ihm, „hat mir
sie mehr erschüttert, als sie eingestehen wollte, und Bannermann befohlen, dem Rat seiner Experten zu
zwar so sehr, daß sich der Präsident des Rates veran- folgen und nicht zu sehr nach meinem eigenen Ent-
laßt sah, die ersten hochverräterischen Bemerkungen schluß zu handeln. Schließlich hat er diesen Plan ent-
zu äußern, die seit einer halben Million von Jahren ge- worfen, und wir müssen dafür sorgen, daß er genauso
gen die rihnanischen Oberherren fielen. verläuft, wie er es wünscht.“
„Bah!“ sagte er, „Waffen und Verteidigung werden Obwohl ihnen die Psychologen versichert hatten,
vom Imperium geliefert, und sie vermögen nicht, uns die Centauraner seien zu sehr erschüttert, um ihnen
vor einem einzigen Schiff zu schützen! Allmächtig, Widerstand entgegenzusetzen, hatte Brady befohlen,
ha! Unbesiegbar, Quatsch! Wenn ich mich nicht sehr daß die Delegation bei der Landung die Schutzanzüge
täusche, haben die Rihnaner diesmal ihresgleichen ge- tragen sollte. Sie mochten sperrig und lästig sein, aber
troffen. Gewähren wir diese Audienz, welche die Erd- sie würden ihren Träger vor jeder bekannten Art der
bewohner fordern, können wir bald die Seiten wech- atomaren Strahlung schützen. Hätten die Centauraner
seln.“ gewußt, daß diese Anzüge unmittelbares Ergebnis der
„Haben Sie keine anderen Vorschläge?“ wollte ein Anwendung der rhinanischen Verteidigung gegen die
Mitglied des Rates wissen. neutronische Novabombe waren, es hätte ihre Lösung
„Haben Sie welche?“ gab der Präsident zurück, und vom Imperium erheblich beschleunigt. Aber sie wuß-
als ihm tiefe Stille antwortete, fuhr er fort: „Natürlich ten es nicht. Die Auskunft darüber, wie die Erde in
nicht. Es gibt keinen Ausweg. Wir müssen diese Un- den Besitz ihrer überlegenen Waffen gekommen war,
terredung gewähren und können nur hoffen, daß uns wurde ihnen so lange wie möglich vorenthalten. Das
vielleicht von irgendeinem anderen Teil des Imperi- war ein Faktor, den die Psychologen übersehen hat-
ums Hilfe gesandt wird.“ ten, und auch Brady erkannte ihn zu diesem Zeitpunkt
„Ich fürchte, das ist nicht möglich“, warf ein ande- noch nicht. Erst später sollte vieles klar werden.
rer ein. „Ich habe bereits versucht, mit unseren Nach-
barn Verbindung aufzunehmen, aber dieses Schiff hat
alle Wellenlängen der Subraumbänder blockiert.“ *
Menschheit im Aufbruch 26

So imposant wie möglich hatte sich der Rat um die den überwältigenden Autorität zu beugen. Wir wissen,
Rednertribüne am anderen Ende der Halle verteilt. Es daß der Feldzug, den die Centauraner gegen das Son-
geschah in der Hoffnung, einen Vorteil zu gewinnen, nensystem unternahmen, auf Befehl der rihnanischen
indem sie ihre Besucher in Verwunderung setzten. Oberherrn erfolgte. Wir sind der Ansicht, daß die völ-
Sie waren daher völlig unvorbereitet auf das äußerst lige Zerstörung der centauranischen Flotte eine aus-
selbstbewußte Auftreten der kleinen Gruppe von acht reichende Sühne für diesen ungerechtfertigten Angriff
Männern. Jeder war in einen stumpfen grauen Anzug ist.“ — Bei diesem schmerzhaften Schlag wand der
gehüllt und von einem seltsam goldenen Schein um- Präsident sich förmlich. — „Wir bieten den Centaura-
strahlt, ähnlich demjenigen, welcher sich gleich nach nern die Hand der Freundschaft und laden sie ein, dem
ihrer Ankunft um das Schiff gelegt hatte. Rasch und freien und vereinigten Imperium des Sonnensystems
entschlossen traten sie ein. Sie brachten die großen als gleichberechtigte Mitarbeiter beizutreten.“ — Der
Einzelteile eines Apparates mit sich und begannen, ihn Präsident lächelte höhnisch in sich hinein. — „Wird
in der Mitte des Raumes vor der Rednertribüne aufzu- dieses Angebot abgelehnt, setzt ihr eure unfreundli-
bauen. Den verstörten Mitgliedern des Rates schenk- che Verbundenheit mit den Rihnanern fort, können wir
ten sie nicht die geringste Aufmerksamkeit. Diese hat- euch nur das gleiche Schicksal versprechen, das ihnen
ten zumindest eine bescheidene Ehrfurchtsbezeigung zuteil werden wird, wenn der Tag ihrer endgültigen
erwartet und nicht einmal in ihren kühnsten Träumen Niederlage gekommen ist.“
in Erwägung gezogen, daß man sie völlig ignorieren Brady setzte sich unvermittelt auf seinen Platz. Ein
könnte. Das Ergebnis war für den Rat katastrophal. Sie kurzer Blick auf den Präsidenten zeigte, wie unglück-
fühlten bereits vor Beginn der Konferenz, daß sie eine lich dieser und seine Amtsbrüder waren. Brady selbst
Schlacht verloren hatten. fühlte sich nicht wenig beschämt über die feierliche
Unter anderen Umständen hätte der Präsident ein und lächerliche bombastische Botschaft, die er ver-
derart freches Benehmen nicht ohne entsprechende kündet hatte. Ihm klang sie wie die Forderungen jenes
Strafe geduldet. Tatsache war, daß ihn der bombasti- Burschen in den Ohren, der in dem dunklen Zeitalter
sche Einzug der Erdbewohner so sehr erstaunt hatte, der Erdgeschichte aufgestanden war. Wie war nur sein
daß er keinen klaren Gedanken fassen konnte. Bis er Name? Hilton? Nein — Hitlan? So ähnlich lautete er.
sich besonnen hatte, war der Apparat bereits aufge- Aber der Meinung der Psychologen nach war es ge-
stellt. Die Gruppe beschaffte sich acht Sitzgelegenhei- nau das, was erforderlich war, um den Centauranern
ten und stellte sie im Halbkreis um den Apparat her- ihre eigene Lage aufzuzeigen. Er zuckte die Schultern
um, mit Blickrichtung auf die Rednertribüne. und wartete auf die Entgegnung des Centauraners.
Brady verlor keine Zeit und begann die Diskussion. Es dauerte eine geraume Weile, bis der Präsident
Er nahm ein Mikrophon, verband den Ora-Cerebro- sprach. Dann fragte er: „Woher wißt ihr, daß die
Translator und teilte dem Rat kurz mit, der Apparat sei Rihnaner nicht euch und euer ganzes System zerstö-
dazu bestimmt, Leuten verschiedener Rassen die Un- ren werden für das, was ihr ihrem Imperium angetan
terhaltung ohne Schwierigkeiten zu ermöglichen, ob- habt?“
wohl keiner Kenntnis von des anderen Sprache hat. Er Brady antwortete voller Zuversicht: „Weil sie dazu
händigte dem Präsidenten eins der Mikrophone aus, nicht fähig sind.“
damit, wie er sagte, die Unterhaltung nicht zu einsei- „Warum meinen Sie, daß sie dazu nicht fähig sind?“
tig wäre. „Haben sie eine eigene Flotte?“ gab Brady zurück.
Nachdem er die Verbindung hergestellt hatte, ver- „Haben sie Kampfschiffe, die nur mit Rihnanern be-
las Brady eine Erklärung, die für diese Gelegenheit mannt sind? Natürlich nicht. Der einzige Kampf, den
sorgfältig von den Psycho-Politikern aufgesetzt wor- sie jemals führten, ist nur durch die Mitglieder ih-
den war. Obgleich sie sich im allgemeinen an die Aus- res Imperiums ausgefochten worden. Die schmutzigen
führungen der beiden ersten Botschaften hielt, war sie Arbeiten haben sie stets solch unaufgeklärten Stroh-
dazu bestimmt, das Augenmerk der Centauraner auf männern wie Ihnen und Ihrer Rasse überlassen.“
ihre — verglichen mit dem Sonnensystem — unheil- Man darf getrost annehmen, daß das Wort „Stroh-
volle Lage zu richten. Brady las: mann“ noch nie zuvor auf den Präsidenten angewandt
„Wir sind als die beglaubigten Vertreter des Son- worden war. Es ist ebenso zweifelhaft, ob er es über-
nensystems hierhergekommen, um unsere Freund- haupt verstanden haben würde, aber die Maschine gab
schaft und Zusammenarbeit anzubieten.“ — Der Prä- ihm eine vollkommene, wortgetreue Übersetzung, bei
sident atmete etwas erleichtert auf. — „Durch unsere der er sich auf seinem Stuhl krümmte.
Beobachtungen wissen wir, daß ihr unwillige Werk- Brady fuhr fort: „Wir brauchen nur euch und die
zeuge des allmächtigen und tyrannischen Imperiums anderen Rassen zu besiegen, aus denen sich das Impe-
der Rihnaner gewesen seid. Das ist ein Fehler, den rium zusammensetzt. Ohne sie sind die Rihnaner hilf-
wir euch nicht nachtragen können!“ — Der Präsident los. Die ganze Milchstraße werden wir zu unserer Ver-
krümmte sich. — „Wir sind uns auch klar darüber, fügung haben, und zwar zu unserer alleinigen Verfü-
daß eine Rasse in eurer Lage keinen anderen Aus- gung, wenn sich nicht andere Rassen zu einer Zusam-
weg hatte, als sich der von den Rihnanern ausgehen- menarbeit mit uns bereit finden.“
27 TERRA

Der letzte Teil der Antwort wurde gleichsam als Ne- „Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß so eine
bensache hinzugefügt, aber seine Bedeutung erkannte intelligente Rasse wie die Ihre bereits alle Pläne für
der Präsident. die gegebenen Eventualitäten ausgearbeitet hat.“
Seit langer Zeit hatte sich gewiß niemand mehr Ge- Brady nickte und sagte grimmig: „Sogar, wenn es
danken über die Struktur des rihnanischen Imperiums erforderlich sein sollte, bis zur Zerstörung dieses Pla-
gemacht, so sehr hatten sich seine Mitglieder an die neten.“
Überlegenheit der Rihnaner gewöhnt. Bradys Worte Schreckenslaute entfuhren den Mitgliedern des Ra-
waren etwas Neues, etwas, das Wurzeln schlug und tes, und der Präsident verlor fast die Fassung. Eilig
mit erstaunlicher Schnelligkeit wuchs. Sie erweckten versicherte er: „Natürlich werden wir die Sache gründ-
etwas, das im Imperium bisher unbekannt gewesen lich erwägen.“
war; nämlich Rachegefühle, gemischt mit dem Gedan-
ken an eine Meuterei, an die schon zuvor der Präsident „Das ist nicht genug“, sagte Brady. „Die Nach-
gedacht hatte. Zusammen waren das zwei mächtige richt von dem, was geschehen ist, kann jeden Augen-
Verbündete, und die nächsten Worte des Präsidenten blick zur Milchstraße gelangen, und wenn die Rihna-
kündeten Brady und seiner Delegation, daß sie die er- ner versuchen, unseren ersten Sieg wieder wettzuma-
ste Runde gewonnen hatten. chen, werdet ihr die ersten sein, die darunter zu leiden
haben. Geben Sie erst einmal der Hauptflotte der Erde
„Wenn wir dem solaren Imperium beitreten“, sagte
die Erlaubnis, Ihr System zu besetzen, dann garantie-
der Präsident, „wird dieses uns dann gegen alle even-
ren wir Ihnen unseren Schutz. Wir werden Sie aber
tuellen Vergeltungsmaßnahmen der Rihnaner schüt-
erst beschützen, wenn Sie Ihre volle Zustimmung zu
zen?“
den vorbereiteten Artikeln geben und sie unterzeich-
Brady holte tief Luft: „Wenn Sie sich zu uns gesel- nen. Ich muß Sie gleichfalls warnen, daß wir wahr-
len, brauchen Sie die Rihnaner nicht zu fürchten. Wir scheinlich bei unserem ersten Zusammenstoß mit den
werden euch in jedem Falle schützen, was sie auch ge- Rihnanern gezwungen sein werden, dieses System als
gen euch unternehmen mögen.“ Schlachtfeld zu benutzen. Was das bedeutet, wissen
Der Präsident nickte. Die Kürze der Verhandlung Sie selbst.“ „Und wenn wir beschließen, zu unseren
machte ihn sehr unglücklich. Er hatte gehofft, es wür- Freunden, den Rihnanern, zu halten?“
de ihnen gelingen, günstigere Bedingungen herauszu-
„Dann werden Sie als Feind behandelt.
schlagen. Die Art jedoch, wie die Erdbewohner die
Dinge schnell der Entscheidung zutrieben, bot ihm Die erste Aktion unserer Flotte wird die Zerstörung
keinerlei Möglichkeit, die Diskussion zu verlängern. dieses Planeten sein, damit er nicht von den Rihnanern
Er erkannte, daß man ihn und den Rat rasch und hoff- als Operationsbasis gegen uns benutzt werden kann.“
nungslos überlistet hatte. Der Präsident wußte, daß er geschlagen war. Er
„Bevor wir unsere Antwort geben, möchten wir blickte auf den Halbkreis seiner Amtsbrüder, die ge-
noch einige Fragen stellen“, sagte er schließlich. Bra- nauso unglücklich dreinsahen wie er. Jeder von ihnen
dy willigte ein. überließ die letzte Entscheidung ihm. Er erkannte, daß
„Warum haben Sie nur ein Schiff gegen uns ent- sie mit einer solchen Entscheidung nichts zu tun ha-
sandt?“ ben wollten. Was er auch immer entscheiden mochte,
sie würden es mit Erleichterung als vollendete Tatsa-
„Es war nur ein Schiff notwendig. Wir wollten un-
che entgegennehmen.
gestört landen. Daher haben wir eines Ihrer eigenen
von uns erbeuteten Schiffe genommen. Einmal gelan- „Wir stimmen natürlich zu“, sagte er. „Ohne Vorbe-
det, konnten wir dann getrost mit Ihnen in Verbin- halte?“
dung treten. Hätten wir eines unserer eigenen Schiffe „Ach so — nun, hm — ja!“ Die letzte Bestätigung
genommen, hätte es sich nicht Ihren Grenzen nähern erfolgte explosiv, als er gewahrte, daß Brady eine dro-
können, ohne daß eine Warnung über seine Ankunft hende Bewegung machte.
geradenwegs in die Milchstraße hinausgegangen wäre.
Bevor wir richtig begonnen hätten, hätten wir die gan- *
ze Milchstraße gegen uns gehabt. Wir wollten Ärger
vermeiden, es wäre sinnlos, einen totalen Krieg her-
aufzubeschwören, da er noch nicht nötig ist.” Mit Hilfe des Translators nahm die Unterzeichnung
der Artikel wenig Zeit in Anspruch. Nachdem sie be-
„Und nun, da Sie Verbindung mit uns aufgenom-
endet war, sagte Brady: „Ich werde sofort alle Maß-
men haben, hoffen Sie, auf die gleiche Art mit anderen
nahmen für den Schutz dieses Teiles des solaren Im-
Systemen anzuknüpfen?“
periums treffen. Erlassen Sie die nötigen Befehle, da-
Brady schüttelte den Kopf. „Wenn Sie unsere Ver- mit unsere Flotte Ihr System besetzen kann. Wir wer-
bündeten werden und unsere Flotte im Besitz dieses den für alles weitere Sorge tragen. Für die Befehls-
Teiles der Milchstraße ist, haben wir andere Pläne.“ ausgabe können Sie einen geschlossenen Wellenkreis
„Welche?“ erkundigte sich der Präsident naiv. benutzen. Wir werden einen Inspektor stellen, damit
“ „Das hängt ganz von Ihrer Antwort ab.” gewährleistet ist, daß die Rihnaner nichts erfahren.“
Menschheit im Aufbruch 28

Der Präsident nickte. Es blieb ihm nichts anderes ihrer Klugheit würden sich die Rihnaner bei den kom-
übrig, als zuzustimmen. „Es wird getan werden“, ant- menden Begegnungen entschieden im Nachteil befin-
wortete er. „Dürfen wir erfahren, wann wir Waffen er- den.
halten werden?“ Jeder Mann an Bord der Erdschiffe hatte bei der er-
Brady sah ihn neugierig an. „Es liegt nicht in der sten Raumschlacht die Feuertaufe erhalten, und alle
Absicht des solaren Imperiums, die gleichen Fehler waren von dem einen Wunsch beseelt zu sehen, wie
wie die Rihnaner zu machen“, gab er steif zurück. sich das Reich der Menschheit zwischen den Sternen
„Wir haben die Absicht zu herrschen. Wir kennen die ausbreitete.
Grenzen der Rassen innerhalb der Milchstraße, aber Die Nachricht von dem Abfall der Centauraner
wir wissen auch, daß die Rihnaner diese Grenze nicht mußte die benachbarten Gebiete der Milchstraße er-
haben. Potentiellen Verrätern werden wir keine Waf- reicht haben. Binnen weniger Tage, sicherlich aber bis
fen liefern.“ zu dem Zeitpunkt, an dem die irdische Flotte inner-
„Aber als Ihre Verbündete...“ halb des centauranischen Systems verteilt war, mußten
„... werden Sie keine Gelegenheit haben, irgendei- die Rihnaner etwas tun. Aber der erwartete Gegenan-
nes unserer Geheimnisse den Rihnanern zu verraten“, griff kam nicht. An der Grenze war alles ruhig. Es war
schnappte Brady. in der Tat viel zu ruhig, denn die besorgten Wäch-
Der Präsident machte eine kläglich-flehende Geste: ter konnten nicht einmal ein Aufklärungsschiff ent-
„Aber wir sind doch eure Waffenkameraden, eure Brü- decken. Die Tage dehnten sich zu einer Woche, dann
der...“ zu zwei und schließlich zu drei Wochen.
„Es gibt gewisse biologische und physiologische Der Befehlshaber der vereinigten Erdflotte hielt ver-
Unterschiede zwischen uns, die das verneinen“, gab schiedene Lagebesprechungen ab, von denen die letz-
Brady ironisch zurück. „Soweit uns bekannt ist, sind te genauso ergebnislos verlief wie die vorhergegange-
wir die einzige Rasse in der Milchstraße, die bestimm- nen. Auch die Psychologen waren diesmal verblüfft.
te Merkmale aufweist. Das ist Ihnen aber bereits be- Jeder Tag, den die Rihnaner verstreichen ließen, fe-
kannt.“ stigte die irdische Stellung mehr und mehr: Immer
„Das stimmt“, sagte der Präsident. „Und eure Waf- neue Verstärkungen trafen vom Sonnensystem ein.
fen sind stärker als die ihren.“ Das Beweismaterial deutete darauf hin, daß, wenn die
Rihnaner ihre Kämpfe nicht selbst führten, sie wenig-
Brady grinste, sagte aber nichts. Selbst jetzt hatte er
stens eine elementare Vorstellung vom Wert der Zeit
nicht die Absicht, ihnen zu verraten, daß die irdischen
hatten. Zeit also war etwas, das die irdische Flotte
Waffen nur Verbesserungen der rihnanischen Waffen
brauchte und die Rihnaner schlecht zu verschenken
waren, Er winkte seinen Gefährten zu, und sie bauten
hatten.
den Translator ab. Damit war der Präsident nicht mehr
in der Lage, weitere Fragen zu stellen, doch wußte er Brady befragte inzwischen den centauranischen
insgeheim zu gut, daß keine einzige Frage etwas an Präsidenten und die Ratsmitglieder über die Gründe,
ihrer unglückseligen Lage ändern würde. die ihre vormaligen Meister veranlaßten, weder ein
feindliches noch versöhnliches Zeichen zu geben. Von
Die Erdbewohner verschwanden ebenso rasch, wie
allen erhielt er die gleiche Antwort, denn sie wußten
sie gekommen waren.
es, nicht und konnten es auch nicht vermuten.
7. Kapitel Seit ihrer Kapitulation war ihr Eifer, den Erdbewoh-
nern so viel wie möglich zu helfen, beinahe pathetisch.
Innerhalb von vier Tagen Erdzeit war die Beset- Offenbar hatte sie die Stärke der Erdflotte überrascht,
zung des centauranischen Systems durch die irdische denn sie war zwar kleiner, aber augenscheinlich mäch-
Flotte beendet. Entlang der Grenze, welche die Cen- tiger als ihre eigene verhängnisvolle Armada. Sie wa-
tauraner von der übrigen Milchstraße trennte, waren ren bemüht, sich als Verbündete des neuen Regimes
automatische Detektoreinheiten errichtet worden, und zu erweisen.
viele kleine Kreuzer hielten Wache, denn das irdische Was die Centauraner betraf, so waren sie sich eben-
Hauptquartier vertrat die Ansicht, daß jeder Gegenan- so im unklaren über die Rihnaner wie Brady selbst. Sie
griff aus dieser Richtung kommen würde. gaben sich keine Mühe, es zu verbergen. Zuerst hatten
Die Erfahrung, die die Erdschiffe und ihre Mann- sie die Vergeltung befürchtet. Später, als sie sahen, daß
schaften bei ihrer ersten Raumschlacht in der Nähe die Erdflotte ihnen ein gewisses Maß von Schutz ge-
des Mondes gewonnen hatten, war von unschätzba- währte, wich die Furcht
rem Wert. Der Kriegsstab, der jetzt auf Meron saß, war der Erleichterung. Ein Monat war verstrichen. Die
einstimmig der Meinung, daß die wenigen Auseinan- Erleichterung machte allgemeinem Kopfzerbrechen
dersetzungen innerhalb des rihnanischen Imperiums, und einer Art Panikstimmung Platz. Sie waren über-
die in langen Zeitabständen erfolgten, zu einer Rück- zeugt, daß das Nichterscheinen der Rihnaner darin be-
bildung aller strategischen Fähigkeiten geführt haben gründet lag, daß sie von dem wirkungslosen Gebrauch
müßten, über die die Rihnaner einst verfügten. Trotz ihrer Waffen gegen die Eindringlinge gehört hatten
29 TERRA

und nun eiligst dabei waren, neue und gewaltigere Zer- *


störungsmittel zu erfinden, Waffen, gegen die es kei-
nerlei Verteidigungsmittel geben würde.
Bradys Schiff war ein kleiner centauranischer Auf-
*
klärer für interstellare Fahrten. Er hatte eine Besat-
Sherman, der Admiral der Flotte, verbrachte man- zung von siebenundfünfzig Mann plus einem Dutzend
che Stunde zusammen mit Brady in seiner Privatkabi- Centauraner als Tarnung. Mit der leider erforderli-
ne an Bord des Flaggschiffes. Diese Stunden wurden chen Hartherzigkeit hatte Brady jedem der Centaura-
immer enttäuschender, denn es gab nur Vermutungen ner versichert, ihre Familien hafteten für ihr Verhal-
und keine Gewißheit, nach der sie sich bei ihren Ope- ten während der Reise. Falls das Schiff nicht zurück-
rationen richten konnten. Gewiß, die Zeit arbeitete für kehren sollte, würden diese dafür verantwortlich ge-
sie, aber der Admiral wies bei verschiedenen Gelegen- macht, mochte es nun ihr Verschulden sein oder nicht.
heiten darauf hin, daß die Zeit ein zwei schneidiges Die Familien würden jedenfalls darunter zu leiden ha-
Schwert war, denn sie konnte für die Rihnaner eben- ben. Es war grausam, aber es war die einzige Mög-
so zum Vorteil werden, wie sie es gegenwärtig für die lichkeit, sich einigermaßen vor Dolchstößen in den
Erde war. Rücken zu sichern. Drei Tage lang nahm das winzi-
Bei einer der Konferenzen schlug Brady vor, ein ge Schiff seinen Weg entlang den Grenzen des centau-
kleines Aufklärungsschiff zu nehmen und zu versu- ranischen Systems. Hier und da tauchte es in das rih-
chen herauszufinden, was draußen vorging. nanische Territorium ein, vermied aber sorgsam, sich
einem bestimmten planetarischen System zu nähern.
„Wir könnten einen umgebauten centauranischen
Seinen Weisungen gemäß versuchte Brady, die Haupt-
Kreuzer nehmen. Zu unserer Erdbesatzung nehmen
routen der stellaren Schiffahrt zwischen den verschie-
wir als Tarnung noch ein paar Centauraner mit“,
denen Systemen zu finden, in der Hoffnung, daß es
schlug er vor. „Schließlich, Sir, haben wir nicht viel zu
ihm gelang, ein versprengtes Handels- oder Passagier-
verlieren. Im ungünstigsten Falle sind es eine Hand-
schiff anzuhalten. Es war eine beachtliche navigato-
voll Leute, während wir auf der anderen Seite viel-
rische Leistung, daß es den irdischen Besatzungsmit-
leicht wichtige Informationen sammeln können.“
gliedern gelang, ihre Position gegenüber dem centau-
Sherman nickte zustimmend. „Jedenfalls kann es,
ranischen System ständig festzustellen. Zwar hatten
wie Sie schon sagten, keinen Schaden anrichten. Wir
sie den Rat und die Führung der Centauraner, aber bei
unternehmen wenigstens etwas, statt nur darauf zu
der Wahl, wohin sie sich an dem nahezu grenzenlo-
warten, daß etwas geschieht.“ Er sah Brady fragend
sen Rand des rihnanischen Imperiums begeben woll-
an. „Ich denke, es wäre gut, wenn Sie das Schiff kom-
ten, war ihr eigenes Urteil maßgebend.
mandieren, Brady. Wie steht es?“
Brady lächelte offensichtlich vergnügt. „Ist das ein Brady richtete sich mit seinen Handlungen nach der
Befehl, Sir?“ Annahme, daß die Rihnaner und ihre Verbündeten we-
Sherman nickte. „Ich überlasse es Ihnen, alle An- nigstens einige Einzelheiten über den Abfall der Cen-
ordnungen zu treffen, die Sie für nötig erachten. Ris- tauraner vom Reich gehört haben mußten. Daher war
kieren Sie aber nichts unnötig. Bleiben Sie, der Sicher- es logisch, anzunehmen, daß die Rihnaner jenen Teil
heit wegen, bitte nicht länger als eine Woche fort.“ der Milchstraße, der an das centauranische System
„Soll ich irgend etwas von unserer Ausrüstung an stieß, von Schiffen freihalten würden. Dies schien sich
dem Schiff anbringen lassen, Sir?“ bei ihrer Fahrt zu bestätigen. Brady sah sich gezwun-
„Zum Teufel, nein!“ sagte Sherman. „Die Rihnaner gen, tiefer in das feindliche Territorium einzudringen
würden liebend gern die Hand auf einige unserer Ge- als ihm lieb war. Der Sicherheit wegen versuchte er,
räte legen, und dazu will ich ihnen auch kein einziges stellare Konzentrationen zu meiden, die offenbar ih-
Quentchen Gelegenheit geben. Sollten Sie in Schwie- rer Mission gefährlich werden konnten. Begegneten
rigkeiten geraten, müssen Sie um Ihr Leben laufen und sie einem Schiff, war es besser, wenn es in einer ver-
sich selbst aus der Schlinge ziehen. Derartige Risiken hältnismäßig wenig besuchten Gegend der Galaxis ge-
kann ich nicht auf mich nehmen.“ schah. Wurde ihre Identität zufällig entdeckt, hätten
„Jawohl, Sir.“ Brady stand auf. „Noch etwas, Sir?“ sie eine bessere Chance, in den Sicherheitsgürtel der
irdischen Verteidigung zurückzuschlüpfen, bevor das
Sherman schüttelte den Kopf. „Nein, morgen wer-
feindliche Schiff um Hilfe rief und sie erledigt wur-
den meine Befehle für Sie bereitliegen. Ich nehme an,
den.
bis dahin haben Sie das Schiff klar?“
„Aber gewiß. Da es keine Umbauten gibt, brauchen Am vierten Tage befand sich Brady zwei volle Flug-
wir nur die Mannschaft an Bord zu bringen. Kann ich tage vom centauranischen System entfernt, viel tiefer
Murphy als Zweiten Offizier bekommen, Sir?“ im rihnanischen Territorium, als er beabsichtigt hat-
„Ich möchte gern wissen, was Sie beide ohne ein- te. Daher wandte er sein Schiff auf einer schrägen
ander anfangen würden“, lachte Sherman. „Ich werde Bahn nach Ortan zurück. Brady lag während der drit-
meinen Befehl in diesem Sinne abfassen, Kapitän.“ ten Wache in seiner Koje. Er schlief nicht, denn seine
Menschheit im Aufbruch 30

kreuz und quer laufenden Gedanken ließen sein Hirn laufen, damit Sie die Übersetzung bekommen. In Ord-
nicht zur Ruhe kommen. Er war über das Ausbleiben nung?“
des Erfolges bestürzt, der ihm sonst immer beschieden Murphy nickte. „Meinen Sie nicht, Sir, es wäre klü-
war. Trotz der wortgetreuen Ausführung seiner Befeh- ger, einen ändern zu schicken?“ fragte Murphy hoff-
le würde sein Versagen beim Sichern von Informatio- nungsvoll.
nen höheren Orts ungnädig aufgenommen werden.
„Zum Beispiel Sie?“
Jetzt, da er Zeit hatte, darüber nachzudenken, ver-
„Nun...”
stand er, wie einfallsarm Sherman gewesen sein muß-
te, wenn er dem ersten verrückten Plan, der ihm vorge- Brady schüttelte den Kopf. „Nein. Das ist eine Ar-
legt wurde, seine Zustimmung erteilte. Verrückt war er beit, die ich selber erledigen werde. Außerdem möchte
bestimmt, das wußte Brady nun. Die Chance, daß sie ich mir gern das Schiff ansehen.“
einem ändern Schiff begegneten, war ziemlich gering. Resigniert verzog Murphy den Mund. „Ich werde
Die Chance, daß sie gar einem rihnanischen Schiff be- alles vorbereiten, Sir, wenn Sie solange hier überneh-
gegnen und erfahren würden, was vorging, war noch men wollen.“
viel geringer, und doch standen die Dinge im irdischen „Weitermachen“, sagte Brady und wandte seine
Stab so, daß sie gewillt waren, nach dem Strohhalm, Aufmerksamkeit zur Scheibe mit dem roten Punkt, der
den er ihnen bot, zu greifen. Wenn er versagte... Trübe immer größer wurde.
starrte er durch den Port der Kabine auf das sich lang- Eine Minute später kam der Nachrichtenoffizier und
sam bewegende Bild des Himmels, wo fremde, verän- meldete, daß das Signal zum Beidrehen, welches die
derliche Konstellationen an seinem Blick vorüberzo- Centauraner gesandt hatten, bestätigt worden sei. Das
gen. andere Schiff sei bereit, Nachrichten und, wenn mög-
Durch das Gewirr seiner Gedanken mußte sich das lich, auch einige Vorräte auszutauschen.
Summen des Alarmsignals einen Weg zum Gehör er- „Vorräte?“ wiederholte Brady fragend.
kämpfen. Selbst als er in automatischer Hast nach sei-
„Jawohl, Sir. Es scheint eine Gewohnheit hier drau-
ner Jacke griff, fragte er sich, ob er den tiefen Summ-
ßen zu sein, daß, wenn sich in der Milchstraße zwei
laut wirklich gehört hatte. Zwei Sekunden später er-
Schiffe der verschiedenen Rassen treffen, sie anhalten
tönte er erneut, und bevor er zu Ende war, hatte Bra-
und Gegenstände austauschen. Wenigstens haben mir
dy die Kabine verlassen und war auf dem Wege zum
das die Centauraner erzählt. Oft hat ein Schiff Sachen
Kontrollraum. Murphy war auf Wache. Er wandte sich
an Bord, die für die anderen sehr kostbar sind, und
rasch um, als Brady ein.trat, und wies wortlos auf die
umgekehrt. Daher tauschen sie untereinander, und je-
weiße Scheibe des Subraumdetektors. Ein roter Fleck
der ist zufrieden. Ich habe mir die Freiheit genommen,
flackerte genau in der Mitte, ein Fleck, der nicht da
ihnen zu sagen, sie könnten ein paar Sachen fertig-
sein würde, wenn sich nicht ein anderes Schiff in De-
machen, Sir“, schloß der Nachrichtenoffizier halb ent-
tektornähe befunden hätte.
schuldigend.
„Wie weit?“ fragte Brady.
„Na ja, wenn man in Rom ist, muß man wie der Rö-
„Fünf Millionen, beinahe geradeaus und auf glei-
mer tun“, zitierte Brady. „Gut, aber sorgen Sie dafür,
chem Kurs. Es fährt aber langsamer als wir, daher
daß sie nicht zuviel mitnehmen, und sehen Sie nach,
werden wir es bald eingeholt haben“, gab Murphy zur
ob auch nichts von der Erde dabei ist.“
Antwort.
Zehn Minuten später trieben beide Schiffe in etwa
Bradys Zunge fuhr über die vor Erwartung ausge-
einer Meile Abstand bei gleicher Geschwindigkeit und
trockneten Lippen.
Richtung. Brady befahl der Enterparty, sich bei dem
„Haben Sie schon Signal gegeben?“ fragte er. kleinen Rettungsboot einzufinden und auf ihn zu war-
Murphy nickte. „Ja, ich ließ von den Centauranern ten. Bevor er Murphy verließ, befahl er ihm, nichts Tö-
das Standardsignal für Beidrehen geben. Sie sagen, richtes in seiner Abwesenheit zu tun.
wir würden schon mit ihnen reden können.“
„Ich hoffe es. Machen Sie eine Enterparty fertig, so- 8. Kapitel
bald wir aus dem Subraum herausschalten. Ich möch-
te nicht, daß sie uns eine Party herüberschicken, wenn Das Rettungsboot glitt leicht aus seiner Bucht in
ich es vermeiden kann.“ dem größeren Schiff und kreuzte mit seinen fünf Pas-
„Sollten wir nicht besser einen von unseren Leuten sagieren langsam durch den Raum, der es von dem an-
mitschicken, um die Centauraner im Auge zu behal- deren Schiff trennte.
ten, Sir?“ fragte Murphy. Traurig schüttelte Murphy den Kopf, als das Ret-
„Ja, ich gehe selbst“, antwortete Brady grimmig. tungsboot von dem Aufklärer abstieß. Er sah, wie sich
Sein Grinsen wurde noch breiter, als er Murphys Ent- das winzige Schiff langsam auf den fremden Kreuzer
täuschung gewahrte. „Ich werde einen tragbaren Sen- zubewegte, und indem er seinen Lauf verfolgte, fühl-
der am Handgelenk mitnehmen, damit alle Gespräche te er sich alles andere als glücklich. Ganz abgesehen
übertragen werden können. Lassen Sie ein Bandgerät von seinem eigenen Wunsch, die Enterparty selbst zu
31 TERRA

führen, fand er, daß es eine schlechte Taktik von Bra- „Das stimmt“, fügte ein anderer hinzu. „Seht doch
dy war, dieses Risiko persönlich auf sich zu nehmen. nur einmal auf diese Sternenkarte. Alle unerforschten
Solche Wagnisse waren gewöhnlich das Vorrecht des Gebiete liegen weit am Rande der Milchstraße. Keins
Adjutanten oder der jüngeren Offiziere. von ihnen könnte genug Schaden anrichten, um zu Be-
Murphy seufzte schwer. Herumsitzen und warten, sorgnissen Anlaß zu geben. Sie müssen erst die äuße-
bis etwas geschah, war das Letzte, wonach ihm der ren Regionen durchdringen. Versucht es eines von ih-
Sinn stand. Sein Temperament verlangte in solch ei- nen, werden sie nicht weit kommen. Sobald die Nach-
ner Situation nach Taten. Mit Brady aber war es eben- richt Tekron erreicht, und wenn das geschieht...“ Mur-
so, was wahrscheinlich auch der Grund war, daß er phy glaubte zunächst, die Unterbrechung käme daher,
beschlossen hatte, selbst zu gehen. weil der Sprecher mit dem, was er sagen wollte, zu En-
Er verließ den Kontrollraum und ging zur Kabine de war. Dann erkannte er mit plötzlichem Schrecken,
des Funkers, wo der Translator bereits für die kom- daß die Übertragung unterbrochen worden war. Flu-
mende Übertragung aufgebaut war. chend erhob er sich von der Couch und ging hinüber
„Das Rettungsboot legt an“, bemerkte er zum Fun- zum Funker, der fieberhaft seine Geräte überprüfte.
ker. „Die Übermittlung müßte jeden Augenblick be- „Zum Teufel, was ist los?“ fragte er wütend.
ginnen.“ Der Mann schüttelte den Kopf. „An unserem En-
Kaum hatte er geendet, da gab es auch schon de ist alles in Ordnung, Sir. Der Sender ist entweder
Störungsgeräusche aus dem Lautsprecher neben dem abgestellt oder gestört. Nicht einmal eine Trägerwelle
Translator. kommt durch.“
„Gerade eingeschaltet“, sagte der Funker. „Schal- Plötzlich summte die Sprechanlage, und eine lau-
ten Sie das Bandgerät ein“, befahl Murphy und setzte te, hysterische Stimme schrie: „Kommandant Murphy,
sich auf die Plastikcouch, welche an einer der Wände hier Kontrolle. Das Schiff ist weg, Sir. Es ist ver-
stand. schwunden.“
Er war nicht sehr optimistisch, was den Ausgang
Murphys Gesicht erbleichte, als er zum Port der
des Abenteuers betraf, denn er wußte, es war ein
Funkkabine sprang. Wo zuvor die silberne Bleistift-
Glücksfall, daß sie dem Schiff überhaupt begegnet wa-
form des fremden Schiffes gestanden hatte, befand
ren. Ohne große Aufmerksamkeit vernahm er die Be-
sich nun — nichts. Seine Augen starrten wild und
grüßung und war nur schwach interessiert, zu erfah-
ungläubig auf die Myriaden Sterne, suchten nach
ren, daß es sich bei dem Schiff um einen Frachter von
der Spur eines verschwundenen Schiffes und fanden
Lyra handelte, der eine gemischte Ladung trug, kürz-
nichts. Erneut fluchend stürmte er aus der Kabine
lich einen Planeten im System Antares verlassen hatte
und rannte völlig außer sich den Korridor entlang, die
und nun auf dem Weg zu einem anderen in der Gegend
Treppe hinauf zum Kontrollraum.
des Skorpions war.
Er gähnte bei der Übertragung des Gesprächs zwi- Als er durch die Tür stürzte, erblickte er das besorg-
schen den vier Centauranern und der lyranischen Be- te Gesicht von Barton, dem Dritten Offizier.
satzung und knirschte enttäuscht mit den Zähnen, „Es ist einfach verschwunden, Sir“, stammelte er.
während sie Geschenke wechselten. Von Brady hör- „Unsinn! Was ist auf der Suchscheibe?“ krächzte
te er nichts. Die Minuten dehnten sich zu einer halb- Murphy heiser.
en Stunde. Inzwischen näherte sich seine innere Span- „Nichts, Sir“, meldete der Beobachter und wandte
nung dem Siedepunkt. Der wachsende Berg Zigaret- sein weißes Antlitz zu Murphy. „Nirgendwo ist eine
tenstummel in dem Aschenbecher an seiner Seite legte Spur. Sie sind einfach verschwunden.“
schweigend Zeugnis von seinem Gemütszustand ab.
Murphys Gesicht glühte zornig. Mit dünnen Lip-
Plötzlich wandte sich das Gespräch wichtigeren
pen griff er nach dem Suchknopf unter der Scheibe. Er
Dingen zu. Einer der Lyraner sagte: „Wir haben ge-
drehte ihn vor und zurück, blind nach irgendeiner Spur
hört, daß es auf der ändern Seite des centauranischen
suchend, die ihm verriet, daß sich ein Schiff in Detek-
Systems Schwierigkeiten gegeben hat. Was ist vorge-
tornähe befand. Aber es war nichts da. Eine Million
fallen?“
von Meilen im Umkreis war leerer Weltraum.
Metallisch kam die Stimme eines Centauraners
durch den Lautsprecher, als er antwortete: „Eine klei- Er wandte sich an Barton: „Was ist geschehen?“
nere Rasse versuchte, ihr eigenes Reich zu errichten, fragte er atemlos, und seine Nerven waren aufs äußer-
wurde uns gesagt, aber wir sind schon seit mehreren ste gespannt.
Monaten nicht mehr auf Ortan gewesen und wissen Barton zuckte hilflos die Schultern. „Ich weiß es
daher keine Einzelheiten.“ nicht, Sir“, antwortete er. „Einen Augenblick konn-
„Eines Tages werden wir mit einem dieser Außen- te ich das Schiff klar und deutlich durch das Port an
seiter Schwierigkeiten haben“, sagte einer der Lyraner. Steuerbord sehen, und dann — war es nicht mehr da“,
„Unsinn“, warf ein anderer ein. „Was kann ein win- endete er.
ziges System gegen die Macht des Imperiums ausrich- Murphy wandte sich an den Beobachter vor der
ten?“ Scheibe. „Was ist mit Ihnen los? Ist Ihr Gerät kaputt?“
Menschheit im Aufbruch 32

„Nein, Sir“, bestritt der Mann lebhaft. „Wie der unerwünschten Beweis seiner Verlegenheit zu verber-
Leutnant sagte, war das Schiff noch als roter Punkt gen.
auf der Scheibe sichtbar, und im nächsten Augenblick Sherman saß still da. Außer dem einen explosiven
war es weg.“ und ungläubigen Ausruf, den er am Anfang ausge-
Murphy trat an das Hauptkontrollbrett. Er schaltete stoßen, hatte er während Murphys Bericht weder ge-
den Antrieb auf „Vorwärts“ und bewegte den Kreuzer sprochen noch sich gerührt. Je länger sein Schweigen
langsam auf den Fleck zu, an dem das fremde Schiff währte, desto ungemütlicher wurde es Murphy.
zuletzt gesehen worden war. Er kreuzte an der Stel- Um die Spannung zu mildern, fuhr er auf seinem
le herum und prüfte dabei ständig die Instrumente. Es Sitz hin und her. Das Knarren des Plastikbezuges schi-
war aber nichts zu finden. Wie Barton gesagt hatte, en überlaut durch das einfache möblierte Büro zu
war das Schiff verschwunden, als ob es nie existiert schallen.
hätte.
Sherman zog tief die Luft durch die Nase. „Ich
Während die Minuten verrannen, wandelte sich wünschte, Kommandant“, sagte er sanft, „Sie hätten
Murphys Wut und Unglaube langsam in Bestürzung, den Ruf, ein allzu eifriger Anhänger des Alkohols zu
als er sich der Tatsache bewußt wurde, daß mit dem sein.“
Schiff auch Brady verschwunden war. Er ließ den
Aufklärungskreuzer ständig größere Kreise ziehen. Murphys Kopf schnellte hoch. Er starrte den Admi-
Schließlich konnte sich sein gequältes Hirn dem Ein- ral erstaunt an.
druck nicht mehr verschließen, daß er, wo er auch im- „Sir?“
mer suchen mochte, nichts finden würde. Shermans Lächeln verzerrte sich. „Wenn das näm-
Die ganze Angelegenheit war für ihn phantastisch lich so wäre, könnte ich diese ganze Geschichte als
und unglaubwürdig. Wäre das Schiff explodiert, wäre einen Anfall von Delirium tremens ad acta. legen. So
es plötzlich gestartet, er hätte diese Tatsache so gleich- aber“ — er zuckte hilflos die Schultern. „Ich befinde
mütig wie möglich hingenommen und sein Verhalten mich in einer Lage, in der ich mich nicht mehr zu-
danach gerichtet, aber dies... rechtfinde. Wo soll ich hinsteuern? Ich weiß es nicht,
Drei Stunden dauerte es, bis er sich seine Nieder- und das ist eine sehr böse Sache für den Admiral einer
lage eingestand und den Befehl gab, das Schiff nach Weltraumflotte.“
Ortan zurückzubringen. Er ließ Barton im Kontroll- Murphy war erleichtert. Wenn das die Meinung
raum auf Wache und ging in seine Kabine, um seine Shermans war, würde man ihm wohl kaum Vorwür-
Gedanken zu sammeln. Er befahl dem Dritten Offizier fe über die Art machen, wie er sich in dieser Angele-
und dem Beobachter an der Scheibe, einen schriftli- genheit verhalten hatte. Aber das plötzliche Gefühl der
chen Bericht über den Vorfall anzufertigen und füg- Erleichterung war nur momentan, denn es verschwand
te diesem seinen eigenen Rapport bei. Er untersuch- augenblicklich, wie es gekommen war, als er sich mit
te das Bandgerät und fand keinen Trost, daß es voll- Schrecken daran erinnerte, daß Brady weg war.
kommen in Ordnung war. Ein Fehler, durch welchen Sherman saß noch eine Weile nachdenklich und
die Übertragung jäh abgeschnitten worden war, ließ still, bevor er sich erhob.
sich nicht finden. Seine persönlichen Gedanken unter- „Ich werde dem Oberbefehlshaber einen Bericht
lagen einem Aufruhr der Gefühle, denn er hatte sich senden“, kündigte er an, „und ihn um wissenschaft-
nie ein Schiff denken können, in dem er etwas anderes liche Beratung bitten.“
als Bradys Adjutant war. Wild fluchte er in der Stille
seiner Kabine, wenn er daran dachte, daß von Rechts „Selbst wenn wir sie bekommen, wird sie uns nüt-
wegen er es hätte sein müssen, der die Fahrt zum an- zen, Sir?“ fragte Murphy.
deren Schiff unternahm. „Können Sie etwas anderes vorschlagen?“ entgeg-
Genau sieben Tage, nachdem es sie verlassen hat- nete der Admiral. „Außer dem Augenzeugenbericht
te, passierte sein Schiff die Front des Sicherheitsgür- haben wir nichts, woran wir uns halten könnten. Wir
tels. Er fand jedoch keine Freude daran, daß er nun wissen nur, was Sie und Ihre Besatzung sahen. Das hat
endlich selbst ein Schiff kommandierte. Seine Befeh- für uns keinen Wert, denn die Flotte hat keine Wis-
le und Reaktionen waren rein automatisch, während senschaftler, die in der Lage wären, diese Angaben
er das Schiff auf dem Raumhafen von Meron landete. auszuwerten. Einem Wissenschaftler kann Ihre Ge-
Schweren Herzens machte er sich dann auf den Weg, schichte eine Menge sagen. Es ist klar, was auch im-
Admiral Sherman von dem Zwischenfall zu berichten. mer mit Brady geschehen sein mag, das Verschwinden
des Schiffes ist auf den Gebrauch eines rihnanischen
„Das ist alles, Sir.“ Murphy legte die Blätter mit
Geräts oder einer Waffe, von der wir nichts wissen,
seinem Bericht auf sein Knie und wartete, bis Sher-
zurückzuführen.“
man sprach. Er war sich der Unzulänglichkeit des Be-
richts bewußt, in dem das übernatürliche Verschwin- Murphy nickte, als er Shermans rascher Erklärung
den des Schiffes beschrieben wurde. Mit dem Gefühl folgte. „Und wenn das der Fall ist?“
der Schuld fühlte er, wie eine verräterische Röte sein Sherman nickte. „Wo ein Geheimnis ist, da können
Gesicht überzog. Rasch senkte er den Kopf, um diesen noch andere und gefährlichere sein.“ Er lächelte. „Wer
33 TERRA

weiß, vielleicht ziehen wir sogar Professor Hartmann größer, denn das Schiff gehörte einer anderen Klasse
damit an.“ als sein kleiner Aufklärer an, aber er wußte, daß es
Murphy nickte. „Kapitän Brady hat mir eine ganze für ihn wenig gab, das er noch nicht kannte. Er ließ
Menge von ihm erzählt. Er war einmal eine Woche in sich auf einem der angebotenen Sitze nieder und ver-
seinem sibirischen Laboratorium.“ suchte, der Unterhaltung zu folgen, die zwischen sei-
„Wenn er denkt, daß die Sache es wert ist, wird er nen vier Begleitern und den drei Besatzungsmitglie-
kommen“, stimmte Sherman zu. „Oder er wird zumin- derri im Gange war. Einer von ihnen war sichtlich ein
dest einen seiner Chefassistenten schicken.“ höherer Offizier, und aus der Hochachtung, mit der er
behandelt wurde, ersah Brady, daß es der Kapitän war.
Er setzte sich wieder an seinen Tisch. „Für den Au-
genblick ist das alles, Kommandant. Ich werde die Er sah sehr bald, daß die Unterhaltung für ihn kaum
Nachricht sofort absenden. In der Zwischenzeit ist die von Interesse sein würde, denn sie fand in Wortfetzen
Bewegungsfreiheit von Ihnen und Ihrer Mannschaft verschiedener Sprachen statt, mit viel Gebärden und
auf das unmittelbare Gebiet des Flottenhauptquartiers Zeichen als Brücke der Verständigung, als beobachte
beschränkt. Es ist nur eine Vorsichtsmaßnahme. Wir man Bewohner von Mars und Venus, die sich bei ihrer
wollen nicht, daß noch mehr Leute auf geheimnisvol- Unterhaltung der Erdsprache bedienten.
le Weise verschwinden.“ Die Unterhaltung währte etwa eine halbe Stunde.
Dann folgte der Austausch von Geschenken. Danach
9. Kapitel fingen sie wieder an, sich zu unterhalten.

Brady freute sich, als er bemerkte, daß er in sei- Resigniert machte sich Brady auf eine längere Sit-
nem Schutzanzug nicht von den vier Centauranern zu zung gefaßt und flehte insgeheim, daß Murphy alles
unterscheiden war. Wenn er sich während der Unter- auf das Band bekam. Er fragte sich, ob wohl irgend
redung im Hintergründe hielt, wußte er, daß er kei- etwas von Bedeutung in der Unterhaltung sein moch-
ne Schwierigkeiten haben würde, der Aufmerksam- te, und seine Hoffnungen stiegen beträchtlich, als sich
keit zu entgehen. Die engsitzende Kappe, die er un- alle einer Sternkarte zuwandten und einer der Fremd-
ter seinem transparenten Raumhelm trug, bedeckte al- linge eine lange, bis ins einzelne gehende Erklärung
le Merkmale seines Kopfes, das Gesicht ausgenom- abgab, der die Centauraner ernsthaft und aufmerksam
men. Von geringen Unterschieden in Farbe und Kno- lauschten.
chenbau abgesehen, gab es wenig, was verriet, daß er Durch den Port konnte Brady den schlanken, glim-
der Herkunft nach etwas anderes als ein Centauraner menden Bleistiftrumpf des Aufklärers sehen, der sich
war. Mitglieder einer anderen Rasse, die alle fünf an- von der sternenübersäten Schwärze des Raumes ab-
sahen, würden wahrscheinlich keinen Unterschied fin- hob. Die Anspannung, die sich seit der Abreise von
den. Das Rettungsboot stieß längsseits an das fremde Ortan auf seinen Magen gelegt hatte, hatte sich ge-
Schiff an. Während Brady sich erhob, um den ändern löst. Was nun auch noch geschehen mochte, sie wür-
zu folgen, betätigte er, bevor er die Luftschleuse be- den wenigstens etwas für ihre Mühe vorzuweisen ha-
trat, den Schalter des winzigen uhrähnlichen Senders, ben. Sherman konnte nicht mehr sagen, sie hätten es
der sich an seinem Handgelenk befand. Der Sender ar- nicht versucht. Er wußte es zwar nicht, aber vielleicht
beitete auf einem Ultrakurzwellenband. Brady nahm hielt Murphy Informationen von unschätzbarem Wert
nicht an, daß jemand auf dem fremden Schiff die Sen- für die irdischen Kräfte fest.
dung auffangen würde. Er wandte sich zum Port zurück, und sein Magen
In der Luftschleuse wurden sie von zwei anderen drehte sich ihm im Leibe. Das Aufklärungsschiff war
Wesen begrüßt, und Brady bemerkte mit einiger Er- nicht da, die Sterne waren nicht da. Wo noch vor ei-
leichterung, daß es sich um einen Typ handelt, der von ner Sekunde das strahlende Licht der Milchstraße in
den Centauranern völlig verschieden war. Es war ei- seiner ganzen Herrlichkeit gewesen war, war nun —
ne dunkle, untersetzte Rasse, eine Rasse, die sich, wie nichts. Nichts als pechschwarze Finsternis. Er saß er-
Brady annahm, unter einer heißen Sonne und dem Ein- starrt auf seinem Sitz. Er wagte sich nicht zu rüh-
fluß einer stärkeren Schwerkraft als die der Erde ent- ren, während sein Hirn zu erfassen suchte, was ge-
wickelt hatte. Er wußte, daß er recht hatte, als er durch schehen war. Durch die Bestürzung, die ihn umfan-
die Luftschleuse den Rumpf des Schiffes betrat und er gen hielt, nahm er wahr, daß die Unterhaltung rings
ein stärkeres Licht und einen erheblichen Anstieg der um ihn her verstummt war und nun ein äußerst töd-
Temperatur wahrnahm. liches Schweigen herrschte. Langsam drehte er den
Im allgemeinen war das Schiff nach den gleichen Kopf seinen vier Begleitern zu. Steif saßen sie auf ih-
Konstruktionsplänen gebaut, wie die der Centauraner, ren Sitzen. Ein Blick in ihre Gesichter verriet, daß et-
und trotz des geringen Unterschieds in Licht und Tem- was schiefgegangen war, daß sie entdeckt worden wa-
peratur erkannte Brady die rihnanische Entwicklung ren. Die drei Fremdlinge hatten sich zur Tür zurück-
darin. Selbst der Kontrollraum, zu dem sie geführt gezogen und blieben dort, den Eingang versperrend,
wurden, war in gleicher Weise eingerichtet wie der, stehen. Sie blickten die Centauraner mit kalter, arg-
den er vor kurzem verlassen hatte. Gewiß, dieser war wöhnischer Aufmerksamkeit an.
Menschheit im Aufbruch 34

Während er sie ansah, öffnete sich hinter ihnen die ringste Änderung in seiner Haltung sagte er ruhig und
Tür. Bei dem Geräusch traten sie zurück, um ein We- schnell: „Verschwinden Sie schleunigst, Murphy, das
sen eintreten zu lassen. ist eine Falle. Sofort weg von hier! Das ist mein Be-
Er vernahm ein jähes, erstauntes Murmeln der vier fehl!“
Centauraner, das ebenso schnell erstarb, wie es begon- Im Hintergrund seines Hirns ertönte ein kleines
nen hatte. Das Wesen trat in den hellerleuchteten Kon- fremdes Kichern. Er sah, daß sich die Lippen des Rih-
trollraum. Es war groß. Brady schätzte es auf minde- naners auf eine Weise verzogen hatten, die auf Belu-
stens sieben Fuß. Es bewegte sich mit einer seltsam stigung schließen ließ.
fließenden Grazie, der kein Erdenmensch von gleicher „Ihr Freund kann Sie nicht hören, Mann von der Er-
Größe hätte nacheifern können. Sein Kopf war das de. Noch kann er dieses Schiff sehen.“
am meisten hervorstechende Merkmal seiner Erschei- Ein Seufzer entrang sich Brady. Er sagte: „Das ist
nung, denn er war groß, rund und völlig unbehaart, ein netter Trick. Können Sie mir vielleicht verraten,
erweckte aber keineswegs den Eindruck einer Miß- wie das gemacht wird?“
bildung. Das Wesen hätte mißgestaltet gewirkt, dach-
In seinem Gehirn sprang die Antwort auf: „Ihre ge-
te Brady, wenn es nicht groß, riesenköpfig und völ-
sprochenen Worte haben für mich keinen Sinn, Mann
lig kahl wäre. Er hatte große Augen und einen großen
von der Erde. Ich kann nur verstehen, was in Ihrem
Mund. Die hochgewölbte Stirn verschwand in einem
Hirn geschrieben steht. Nun zu unserem Verschwin-
gerundeten Schädel mit flachen, ovalen Anhängseln
den. Als ich erkannte, daß dieses Treffen von Ihrer
auf beiden Seiten, die Ohren sein konnten.
Seite aus eine Falle war, um Informationen zu erhal-
Das Wesen sah sie alle der Reihe nach an. Dann ten, ließ ich unsere eigene Falle zuschnappen. Be-
sprach es mit einer hohen, weichen Stimme in einer vor ich Ihre Gedanken aufgenommen hatte, wußte ich
Sprache, die Brady sofort als centauranisch erkannte. nicht, daß wir solch einen hohen Gast an Bord hatten.“
Während es die Worte sprach, die Brady nicht verste-
Brady verneigte sich ironisch. „Mit anderen Wor-
hen konnte, rührte ein fremdes Summen sich in seinem
ten, dieses Schiff war ebenfalls eine Falle.“
Hirn, durch das der Gedanke blitzte: „Einer von euch
ist ein Erdbewohner.“ „Ich nehme an, Ihre Mission war die gleiche wie
bei uns, nämlich herauszufinden, was mit dem centau-
Bradys Magen drehte sich bei diesem neuen Schock
ranischen System los war. Wir waren auf der Heimrei-
nochmals um. Sein Gehirn war wie betäubt. Die vier
se, als wir Ihr Schiff entdeckten. Ich denke, Sie hatten
Centauraner standen auf dem gleichen Fleck, als sei-
eine ähnliche Mission, aber wir hatten mehr Glück.
en sie angewachsen, offenkundig nicht gewillt, irgend
Ich fürchte, Ihre Kameraden werden mit leeren Hän-
etwas zu tun oder zu sagen. Die Richtung der Blicke
den heimkehren.“
dieses Wesens war jedoch Beweis genug, denn die Au-
gen schweiften über die fünf Gestalten und blieben an Brady saß regungslos da. Der Rihnaner hatte offen-
Brady hängen. Brady erwiderte den Blick mit soviel bar keine Ahnung, daß die ganze Unterhaltung zwi-
Zuversicht, wie er nur aufbringen konnte. Seine Ge- schen der fremden Besatzung und den Centauranern
danken schössen wild hin und her. An einen springen- zu Murphy gesendet und dort vom Band aus übersetzt
den Punkt aber konnten sie sich festklammern — er worden war.
war entdeckt. Nun mußte er es mit Bluff versuchen. „Nun gut, vielleicht nicht ganz mit leeren Händen“,
Wie und womit, das wußte er nicht,. denn eine Stim- summte der Gedanke in seinem Hirn. Aber ich be-
me sagte ihm, daß dies ein Rihnaner und aller Bluff zweifle, daß sie sehr viel aus Ihren Aufnahmen erfah-
sinnlos war. ren werden.“
Während ihm das durch den Sinn ging, fühlte er Brady verwünschte sich selbst. Nur langsam wur-
das fremde Summen in seinem Hirn, und der Gedan- de ihm die Tatsache bewußt, daß die Rihnaner zu ih-
ke sprang in ihm auf: „Ja, ich bin ein Rihnaner, of- ren anderen Errungenschaften auch noch die Telepa-
fensichtlich der erste, dem Sie begegnen.“ Das Wesen thie zählen durften. Verzweifelt fragte er sich, wie er
sprach in einer fremden Sprache mit den drei Besat- diesen ungeheuren Vorteil ausgleichen könnte. Plötz-
zungsmitgliedern und wandte sich dann zu den Cen- lich kam ihm ein Einfall.
tauranern. Alle verließen langsam den Raum und lie- „Wenn Sie sich mit mir durch mein Gehirn unter-
ßen Brady mit seinem fremden Gastgeber allein. halten können, warum sind Sie nicht mit den anderen
Der Rihnaner näherte sich und nahm den anderen in gleicher Weise verfahren?“ und er wies auf die Tür,
Sitz ein, den er zuvor seiner hohen, schlanken Gestalt durch die sich alle entfernt hatten.
anpaßte. Starr und vorsichtig blieb Brady, wo er war. „Es war eine große Überraschung, als ich im Innern
Jetzt, da der Höhepunkt vorüber, war sein Hirn wie- des Schiffes unbekannte Gedankenströme entdeckte“,
der eiskalt, seine Gedanken kristallklar und sein gan- kam die Antwort. „Wir hatten immer angenommen,
zes Denken darauf eingerichtet, jede Gelegenheit zum daß wir, die rihnanische Rasse, die einzige wäre, die
Handeln, die sich ihm bieten mochte, zu ergreifen. Auf für diese Art der Entwicklung das rechte Gehirn hatte.
einmal fiel ihm der Sender ein, der noch immer an sei- Mit den anderen können wir nicht reden, weil sie nicht
nem Handgelenk saß. Ohne Zittern und ohne die ge- die gleiche Art von Gehirn haben, die Ihre und meine
35 TERRA

Rasse so entwickelt, wie es bei der unseren geschah. Ding übersehen hatten, als sie das centaurische Schiff
Die anderen Rassen stehen so tief unter Ihnen, wie Sie auseinandernahmen. Sie hatten alles andere entdeckt,
unter mir stehen, und trotzdem sind Sie mehr meines- warum, wenn es vorhanden war, nicht auch dies?
gleichen, als es die anderen jemals sein werden, denn Auf diese Frage wurde ihm keine Antwort zuteil.
ohne die Hilfe der Rihnaner sind sie unfähig, sich wei- Der Rihnaner erhob sich von seinem Sitz und ging auf
terzuentwickeln.“ die Tür zu.
„Sie meinen, Sie können sie erobern, versklaven „Wenn Sie mir folgen wollen, werde ich Ihnen ei-
und nach Ihrem Willen mit ihnen verfahren, aber mit ne Kabine zeigen, wo Sie es bequem haben, bis wir
uns können Sie das nicht, nicht wahr?“ fragte Brady. die Basis erreicht haben“, drang der Gedanke in Bra-
„Sagen wir lieber, wir haben es noch nicht getan“, dys Hirn. Ohne Antwort erhob sich Brady und folg-
kam die belustigte Antwort. „Ich gebe zu, daß Sie den te der hohen Gestalt aus dem Kontrollraum. Schwe-
ändern weit überlegen sind, aber Sie haben noch einen ren Herzens war er sich bewußt, daß er im Augen-
langen Weg zu gehen, bevor Sie beginnen, sich dem blick nichts tun konnte. Die Falle, die er und Murphy
Stand unserer Zivilisation zu nähern. Ich fürchte nur, aufgestellt hatte, war nach der verkehrten Seite zuge-
Sie werden nicht lange genug leben, um die Reise zu schnappt. Murphy mochte sicher einige Informationen
vollenden.“ erhalten haben, aber, wie der Rihnaner sagte, war es
Brady ignorierte die Drohung und fragte: „Wie ha- zweifelhaft, ob sie von Wert sein würden. Die Rih-
ben Sie es angestellt, um die Sterne und mein Schiff naner hingegen hatten etwas sehr Konkretes für ihre
verschwinden zu lassen?“ Mühen aufzuweisen — ihn selbst. Unter diesen Um-
Wieder ließ sich das fremde Kichern in seinem Hirn ständen hatte er. keine Illusion darüber, was er ihnen
vernehmen. „Wenn Sie die Frage umdrehen, werden verraten konnte. Sie waren in der Lage, ihn bis aufs
Sie der Wahrheit näher sein. Den Leuten auf Ihrem letzte auszupressen und dann wegzuwerfen.
Schiff wird es so vorgekommen sein, als seien wir die-
Bei Verhandlungen mit Rihnanern hatte er nicht mit
jenigen, die verschwunden sind. In einem Augenblick
Telepathie gerechnet, und wenn man alle Dinge er-
sehen sie uns noch, auf ihren Detektorscheiben und
wog, hatte seine erste Begegnung mit einem Mitglied
mit den eigenen Augen, im nächsten aber sind wir ver-
der Superrasse auf eine Weise stattgefunden, die nicht
schwunden. Sie können lange suchen, sie werden uns
nur für ihn, sondern auch für die irdische Sache allge-
nie finden.“
mein nachteilig war.
„Ein hübscher Trick. Und wie wird’s gemacht?“
Er folgte dem Rihnaner den hellerleuchteten Me-
„Ich bezweifle, Mann von der Erde, daß Sie es tech-
tallkorridor entlang, vorüber an einer Gruppe dunkler,
nisch verstehen, aber ganz kurz ist es so: Durch ein
glotzender Fremdlinge, deren Blick ihn mit Scheu mu-
besonders starkes Kraftfeld können wir das Schiff und
sterten, während er der hohen, graziösen Gestalt folg-
alles, was darin ist, völlig aus dem normalen Raum
te.
herausnehmen. Solange das Feld besteht, sind wir un-
sichtbar. Die erforderliche Kraft ist jedoch so groß, Vor einer Metalltür hielten sie an. Der Rihnaner
daß wir bei Aufrechterhaltung des Feldes gezwungen stieß sie auf, wies ihn hinein, und der Gedanke tauch-
sind, an einem Fleck zu bleiben, da uns nicht genü- te in ihm auf: Hier werden Sie es bequem haben. Ich
gend Energie bleibt, um auch noch die Maschinen zu werde Ihnen Speisen und Getränke bringen lassen. Ich
treiben. Das ist ein Problem, an dem unsere Wissen- weiß nicht, wie lange wir hier sein werden, aber Sie
schaftler arbeiten. Wir werden also eine Zeitlang blei- werden die Sterne wieder erblicken können, wenn wir
ben, wo wir sind, bis sich Ihr Schiff entfernt hat. Dann in den normalen Raum zurückgekehrt sind. Wenn Sie
kehren wir in den normalen Raum und zur Basis zu- irgendwelche Wünsche haben, denken Sie daran, und
rück.“ wenn es möglich ist, werde ich sie Ihnen erfüllen.“
„Das ist ein Trick, den Sie den Centauranern nie ge- Brady trat ein, und die Tür schloß sich hinter ihm.
zeigt haben“, bemerkte Brady. Er befand sich in einer Kabine, die. derjenigen etwas
Das fremde Gelächter hallte erneut durch sein Ge- ähnelte, die er auf dem Kreuzer bewohnt hatte. Sie
hirn, als der Rihnaner sagte: „Im Gegenteil. Jedes war spärlich möbliert und enthielt zwei Stühle, einen
Schiff, welches die Centauraner besitzen, ist mit die- großen Tisch und eine Koje. Alles war in einem etwas
ser Vorrichtung versehen, aber sie wissen nicht, daß fremden Stil gehalten. Die grauen Schotten erinnerten
sie vorhanden ist. Kein Schiff kann sie benutzen, wenn ihn an die stahlgraue Wand des winzigen interplane-
sich nicht ein Rihnaner an Bord befindet, denn es wird tarischen Schiffes, welches sein erstes Kommando ge-
normalerweise nicht gebraucht. Sie sollten sich ge- wesen war. Das alles lag so weit zurück, daß es ihm
schmeichelt fühlen, daß Sie wichtig genug sind, um es wie ein Leben lang vorkam.
Ihretwegen zu benutzen. Ich glaube, es ist seit vielen Er schaute durch den kleinen, viereckigen Port.
hundert Jahren nicht mehr gebraucht worden.“ Draußen war es stockfinster. Kein Stern war zu se-
Brady nahm die Auskunft entgegen, während in hen. Dort irgendwo, nahm er an, suchte Murphy, such-
ihm die verständliche Frage auftauchte, wie es mög- te nach einem Schiff, das plötzlich und auf unerklärli-
lich war, daß die irdischen Wissenschaftler solch ein che Weise vor seinen Augen verschwunden war. Bald
Menschheit im Aufbruch 36

aber würde er aufgeben und heimeilen, um von dem „Mit der Zeit werden Sie es lernen.“ „Wie lange
unglaublichen Ereignis zu berichten, das sich zugetra- dauert es noch, bevor wir dort ankommen, wohin wir
gen hatte. reisen?“
Bradys letzter Gedanke galt der Frage, was Sher- Der Rihnaner überlegte eine Weile, dann antworte-
man nun wohl tun würde? Dann glitt sein überbelaste- te er: „Ungefähr fünfzehn von Ihren Erdentagen. Ich
tes Hirn in einen unruhigen Schlaf. hoffe, Sie werden sich nicht auf der Reise langweilen.
Es gibt ein paar Unterhaltungen und Beschäftigungen
10. Kapitel auf diesem Schiff, die Sie interessieren werden, aber
ich würde Ihnen nicht empfehlen, sie zu versuchen.“
Brady erwachte aus einem schweren, von Träumen Brady lächelte, während er dachte: „Essen ist das
unterbrochenen Schlaf. einzige, wofür ich im Augenblick Interesse habe.“
Als seine Erinnerung zurückkehrte, erfüllte ihn Ver- „Ihre Nahrung kommt gleich.“ Der Rihnaner drehte
zweiflung. Er wandte seinen Kopf. Vor dem Port der sich um und verließ die Kabine.
Kabine glitzerte eine strahlende Sternenkette im Feld
Nachdem er gegangen war, wurde sich Brady mit
seiner Blicke. Er erkannte, daß das Schiff, während er
Bestürzung bewußt, daß der einzige Laut, der während
geschlafen hatte, den Schutz der Unsichtbarkeit ver-
der ganzen Unterhaltung gefallen war, seine unachtsa-
lassen und seine Heimreise angetreten hatte. Mit der
me Antwort auf die Frage des Rihnaners nach seinem
Besinnung kam das Wissen, daß Murphy die Szene
Appetit gewesen war. Und es schauderte ihn, als er an
des Verschwindens verlassen haben mußte und nun
die völlige Fremdheit der Begegnung dachte.
zum Bericht zu Admiral Sherman unterwegs war.
Brady seufzte und versuchte, sich auf den Rand der *
Koje zu setzen. Die Bewegung steigerte die Übelkeit
in seinem Magen. Er verspürte einen dumpfen, klop-
Die Schätzung, die der Rihnaner über die Länge der
fenden Schmerz im Hinterkopf, einen Schmerz, der
Reise gemacht hatte, war genau, denn Brady schlief
ihm bei jedem Herzschlag wie eine Lanze durch den
vierzehnmal, bevor ihm die Bewegung der Sterne und
Körper fuhr. Heftig rieb er die Fingerspitzen über die
Konstellationen durch den Port seiner Kabine verrie-
Augen und versuchte, das Unbehagen zu vertreiben,
ten, daß sich die Geschwindigkeit des Schiffes von der
aber es war vergeblich.
stellaren auf die interplanetarische Fahrt herabgemin-
Er dachte, daß sein Unbehagen durch Hunger und dert hatte.
Durst verursacht sei, und fragte sich, wie lange es
Bis zu diesem Augenblick hatte er über seine Ge-
wohl dauern würde, bis jemand zu ihm kam, um nach
fangenschaft nur Zorn und Enttäuschung gefühlt. Mit
seinen Bedürfnissen zu fragen. Sein Blick schweifte
dem Bewußtsein aber, daß er sich dem Ziel seiner Rei-
durch die Kabine. Sie war spärlich möbliert. Abgese-
se näherte, kam Besorgnis über das Schicksal, das sei-
hen von der Koje, dem Tisch und den beiden Stüh-
ner wartete. Ihm war klar, daß er zuviel wußte, und
len, war der einzige Gegenstand, der eventuell noch
daß sein schlimmster Feind seine eigenen Gedanken
als Möbel bezeichnet werden konnte, eine seltsame,
waren. Gegen sie führte er einen ständigen Kampf, um
schrankähnliche Vorrichtung in einer der Ecken. Ob
jede Information zurückzuhalten, die für seine Wärter
es aber ein fremdartiges Waschbecken, oder ein Trink-
von Wichtigkeit sein konnte. Er nahm an, daß er mög-
brunnen war, konnte er nicht feststellen.
licherweise unter der ständigen Bewachung des frem-
Bevor er seine Gedanken noch weiterspinnen konn- den Hirns stehen konnte.
te, klapperte der Griff seiner Kabinentür, und die hohe
Die Anspannung war nicht zu schlimm, selbst nicht
Gestalt des Rihnaners trat herein.
in den langen Stunden des Wachseins, wenn er nichts
Brady stand auf, unsicher, was er tun oder sagen hatte, um seinen Geist zu beschäftigen. Er ersann Ge-
sollte. Die Entscheidung darüber wurde ihm abge- dichte, sang alle Lieder, die er sich ins Gedächtnis ru-
nommen, als der Gedanke in sein Hirn drang: „Ihre fen konnte, und ging schließlich jeden einzelnen Film
Gedanken sagten mir, daß Sie erwacht sind, Mann von durch, den er in seinem Leben gesehen hatte. Dieser
der Erde, und daß Ihr Appetit befriedigt werden muß.“ Zeitvertreib diente nicht nur dazu, andere gefährliche-
Brady nickte. „Ich nehme an, eine Mahlzeit wäre re Gedanken zu vermeiden, er half ihm auch die lan-
angebracht.“ gen Stunden seiner Gefangenschaft mit Gleichmut zu
Der Rihnaner machte eine kurze Geste. „Wie ich Ih- verbringen.
nen schon zuvor sagte, hat Ihr gesprochenes Wort für Trotz allem war ihm bewußt, daß er nur den Zeit-
mich keine Bedeutung. Sie brauchen nur zu denken, punkt hinausschob. Eines Tages würde er ja doch vor
und ich verstehe Sie.“ eine Gruppe Rihnaner gestellt, von denen jeder ver-
Brady fluchte leise vor sich hin, aber ein fremder suchen würde, ihm jeden Funken Wissens, das in sei-
Hauch von Humor im Hintergrund seines Hirns brach- nem Hirn verschlossen lag, zu rauben. Es war letzten
te ihn rasch wieder zu sich. Er dachte: „Man muß sich Endes nur eine Frage der Zeit. Trotzdem würde er Wi-
erst daran gewöhnen.“ derstand leisten, solange er noch die Kraft hatte.
37 TERRA

Der Planet, dem sie zusteuerten, drehte sich um genen genauso unterschied, wie die schwarzen Urein-
einen bläulichen Stern, der größer als die Sonne war. wohner der Venus von der Menschheit.
Während sich das Schiff zur Landung anschickte, sah Im Raum befand sich ein Rihnaner. Es gab mehrere
Brady, daß die Tagseite einen violetten Schein auf- kurze Begrüßungen, bevor sie ihn zu einer anderen Tür
wies, der sich völlig von dem Schein der irdischen führten und eintreten hießen. Während er ging, sagte
Sonne unterschied. der summende Gedankenstrom seines ursprünglichen
Als Brady hinter seinem rihnanischen Wächter aus Wärters: „Sie werden für eine Weile hierbleiben. Sie
dem Schiff trat, bemerkte er die stärkere Schwerkraft, können alles bekommen, was Sie wollen. Sie brauchen
die er zuerst auf dem Schiff gespürt hatte, nun auch auf nur daran zu denken, und es wird Ihnen gebracht wer-
dem Planeten. Sie wirkte nicht lästig, aber reichte aus, den. Wir kommen bald zurück.“ Dann entfernte sich
um ihm die Flucht unmöglich zu machen, falls sich die Gruppe, und die Tür wurde hinter ihm verschlos-
dazu jemals eine Gelegenheit bieten sollte. Er lächel- sen.
te zynisch bei dem Gedanken, daß selbst seine inner-
sten Absichten ein offenes Geheimnis für die hohen, *
kahlen Meister der Milchstraße waren. Der Rihnaner
Sie kamen zurück, als er gerade aus dem ersten
ließ sich jedoch nicht anmerken, ob er Bradys Ab-
Schlaf in dem seltsam eingerichteten Raum erwach-
sicht, jede Gelegenheit zur Flucht zu benutzen, wahr-
te. Wie zuvor waren es drei von ihnen, aber Brady
genommen hatte. Brady sorgte sich ein wenig wegen
vermochte nicht zu sagen, ob es die gleichen drei wa-
des blauen Lichtes. Es hatte eine fremde Eigenschaft,
ren, die ihn verlassen hatten. Er wußte noch nicht ein-
die etwas niederdrückend wirkte. Er zitterte ein wenig
mal, ob sein erster Wärter unter ihnen war. Während
unter dem Einfluß dieses seltsam Unheilvollen.
er sie anblickte, dachte er daran, daß es genauso war,
Vom Schiff wurde er über die metallene Breite des als versuchte man daheim auf der Erde einen Neger
Landefeldes zu einem großen vierrädrigen Gefährt ge- oder einen Chinesen vom ändern zu unterscheiden.
bracht, das vor einem der riesigen Gebäude wartete, Er fühlte das nun bereits vertraute Prickeln der
die das Feld säumten. Zwei andere Rihnaner warteten fremden Gedanken, als sich einer von ihnen an ihn
auf sie, und alle vier stiegen ein. Er saß mit seinem wandte: „Wir fühlten Sie erwachen. Wir wollten vor-
Wärter im Fond, die anderen stiegen vorn ein. her Ihre Ruhe nicht stören.“
Von der Strecke, die sie zurücklegten, sah Brady Brady versuchte, seine Gedanken inhaltlos zu hal-
nichts, denn nachdem sich die Türen geschlossen hat- ten, aber er wußte, daß eine ironische Färbung in sei-
ten, war der hintere Teil des Wagens abgetrennt. Das ner Antwort lag, als er „Danke sehr“ dachte.
Licht, in dem er seinen Wärter und das glatte, frem- „Wir haben den Auftrag, uns von Ihnen die Infor-
de Innere des Wagens sehen konnte, war künstlich. mationen zu verschaffen, die Sie über Stärke, Vertei-
Mochte er auch noch so sehr danach suchen, er konnte lung und künftigen Pläne der Kräfte haben mögen,
die Lichtquelle nicht entdecken.Während der ganzen welche in das centauranische System eingedrungen
Fahrt war er auf seine Gedanken bedacht, damit ihm sind.“ Der Gedankenstrom wirkte einschläfernd und
kein Versehen unterlief. Etwas erheitert fragte er sich, schien seinen Geist mit hypnotischer Kraft zu durch-
welchen Eindruck er wohl bei seinen Wärtern hinter- dringen. Es bedurfte einiger Anstrengung, um sich zu-
ließ, während er im Geiste endlos die Karten eines sammenzureißen.
Spieles mischte. „Sie wissen darüber Bescheid?“ „Wir wußten es seit
Endlich hielten sie. Alles, was er sah, war ein einiger Zeit, aber wie Ihre eigene Rasse zögerten auch
großer Hof, umgeben von hohen, bläulichen Gebäu- wir zu handeln, bevor wir mehr Informationen über
den. Dann wurde er durch die Tür in eines der Häu- den Gegner hatten.“
ser geführt. Die Rihnaner brachten ihn in einen brei- Brady hielt sein Gehirn von Gedanken leer. Von
ten, hohen Korridor. Mit dem Aufzug ging es dann jetzt an sollte Schweigen der Gedanken und des Mun-
mehrere Stockwerke hoch. Fast jeder Schritt führte sie des die beste Politik sein, die er verfolgte. Es entstand
an anderen Rihnanern vorbei. Kurze Wortfetzen der eine lange Pause, in der Brady das seltsame frem-
Begrüßung zwischen ihnen und seinen Wärtern glit- de Prickeln seinen Geist durchdringen fühlte. Es wa-
ten durch Bradys Hirn. Es war eine Belastung, an die ren keine zusammenhängenden Gedanken oder Vor-
er sich noch nicht gewöhnt hatte, denn das Summen stellungen, nur eine fragende Berührung, neugierig
fremder Gedanken war ein ebenso störendes wie kör- und von nebelartiger Gestalt. Verzweifelt zitierte er
perlich unbehagliches Gefühl. ein paar Verse vom Walroß und dem Zimmermann
Schließlich hielten sie vor einer Tür. Diese tat aus Alice im Wunderland, aber er blieb in der Mitte
sich sofort von innen auf. Der Blick fiel in einen stecken und hastete weiter mit Sätzen einer Ballade,
großen Raum. Möbel und Einrichtung waren nicht für die er im Weltraumseminar gelernt hatte.
menschliche Bewohner bestimmt. Die bizarre Art der Die Berührung endete ebenso rasch, wie sie begon-
Einrichtung rief Brady erneut scharf ins Gedächtnis nen, und als er die drei Rihnaner argwöhnisch an-
zurück, daß hier eine Rasse war, die sich von seiner ei- schaute, hatte er seine Gedanken ausgeschaltet.
Menschheit im Aufbruch 38

„Wir haben nicht erwartet, daß Sie völlig bereitwil- Die Spannung ließ nach, und er bemerkte, daß sich
lig zur Zusammenarbeit mit uns sein würden, Kapitän die drei Rihnaner mit ihren großen leuchtenden Augen
Brady.“ Der Gebrauch seines Namens schockierte ihn ansähen. Aus ihrem Gesichtsausdruck konnte er nicht
nahezu unerträglich, denn er hatte bewußt vermieden, entnehmen, was die Blicke bedeuten sollten, und kein
ihn zu erwähnen. Ein sanftes, fremdes Kichern erklang Gedanke erreichte ihn, der ihm Aufschluß darüber ge-
in seinem Hirn, als seine Besucher von dem Schock geben hätte, was sie nun dachten.
Kenntnis nahmen. Dankbar nahm er die Pause wahr, um sein Gehirn
„Sehen Sie nun, wie leicht es für uns ist, Informa- ein wenig ausruhen zu lassen, und streckte seinen Kör-
tionen zu erhalten? Für eine Weile mögen Sie Wider- per. Er war völlig unvorbereitet auf die blendende, läh-
stand leisten, wir werden aber trotzdem erfahren, was mende Flamme der Gedanken, die ihn mit unkontrol-
wir wissen wollen. Wir sind zu dritt, und ich glaube lierter Wut überfiel. Sie kam jäh und scharf wie ein
nicht, daß Sie fähig sein werden, den vereinten An- Dolchstoß* und versuchte, mit roher Gewalt seine gei-
strengungen von uns lange zu widerstehen.“ stige Wachsamkeit zu durchbrechen. Seine Welt lös-
te sich in eine hämmernde, gnadenlose Flut von Fra-
Im tiefsten Innern gab Brady dem Rihnaner recht,
gen und Antworten, Vorstellungen und Bildern auf,
aber er fuhr hartnäckig mit seinen sinnlosen Rezitatio-
daß er in diesem Wirbel nicht mehr erkennen konn-
nen fort. Einen Augenblick war vollkommene Ruhe,
te, welches seine eigenen und welches die Gedanken
als der Gedankenstrom des Rihnaners endete. Wäh-
der Rihnaner waren. Er schloß die Augen, vergrub sei-
rend er sich ungewiß nach der Ursache der Pause frag-
nen Kopf in die Hände und kämpfte verzweifelt, diese
te, begann er bei sich selbst zu denken: ,Sie dürfen
teuflische Kakophonie auszuschließen, die seine Seele
nie erfahren, daß unsere Waffen’ — mit hysterischem
in Fetzen glühendweißer Panik zu zerreißen schien.
Entsetzen erstickte er den Gedanken, während ihm der
Schweiß ausbrach. Der Anflug eines jäh erlöschen- Er versuchte jeden Gedankenflitter in seinem Hirn
den, fremden Kribbelns warnte ihn, daß dieser Gedan- der Negation der Farben zu unterwerfen. Jeden Win-
ke von einem der Rihnaner in der Hoffnung, er würde kel seines Hirns überflutete er mit der bewußtlosen
ihn selbst unbewußt zu Ende denken, in seinem Hirn Schwärze des Weltraums. Unter der Anstrengung ver-
gestartet worden war. Grimmig bewegte er seine Kinn- drehten sich seine Augen in ihren Höhlen. Die tasten-
lade, und erneut begann er das Walroß und den Zim- den Dolche zögerten, und er spürte ihren Rückzug,
mermann zu rezitieren, indem er sich Mühe gab, jene als die Wildheit seiner eigenen Bemühungen sie traf.
Verse ins Gedächtnis zurückzurufen, die er vergessen Aber der Sieg war kurzlebig, denn das Tasten kam er-
hatte. neut, schrie durch sein Hirn, daß sich seine Lippen
zu einem lautlosen Schrei öffneten. Sein Gehirn fühl-
Erneut verspürte er die sanfte innere Berührung, das te sich an, als werde es zerrissen, und die schwarze
fremde Prickeln der Gedanken, das sich windend und Schranke, die er geschlossen zu halten suchte, zer-
spähend bemühte, jene Wissensfäden zu erhäschen, bröckelte unter dem Druck des fortwährenden An-
die er selbst so hartnäckig zu verteidigen suchte. Er griffs. Etwas in seinem Hirn schien nachzugeben, als
wischte sich den Schweiß von der Stirn und starrte die selbst errichtete Dunkelheit zurückwich. Seine zer-
unerschütterlich auf die leere Wand hinter den Rih- marterten Gedanken ließ er in der düsteren Erkenntnis
nanern, die im Halbkreis um ihn saßen. Das Walroß fahren, daß er nicht länger standhalten konnte. Er ließ
verließ ihn zu rasch, und das Alphabet, vorwärts und sie fahren und griff hysterisch nach dem ersten, ur-
rückwärts aufgesagt, erwies sich nicht als große Hilfe. anfänglichen Gedanken, der ihm kam. Ein wahnsinni-
Plötzlich erfaßte ihn Verzweiflung. Er fühlte, daß er ger Aufruhr von Farben, unzivilisiert und scheußlich,
diese Art von Kampf nicht lange durchstehen konnte. nahm von seinem Hirn Besitz, ein sich drehendes Ka-
Bald würde die Anspannung ihre Spuren hinterlassen, leidoskop, welches auf die peinigenden Berührungen
und seine eigene geistige Erschöpfung würde die Ur- mit irrsinniger, unzivilisierter Gewalt losschlug, wäh-
sache sein, daß seine Anstrengungen scheitern muß- rend sein ganzer Körper bebte und seine Muskeln sich
ten. Während die Verzweiflung stetig anstieg, fragte unter den Mühen des Kampfes spannten.
er sich, ob es sich wirklich lohnen mochte, diese An- Der Anfall verging ebenso schnell, wie er gekom-
strengungen zu machen. Im besten Falle bedeutete es men war. Die gegnerische Offensive brach zusammen,
ein paar Stunden, bevor er geistig vollkommen zusam- zog sich zurück, verschwand, und Bradys Gehirn fiel
mengebrochen war. Für Sherman und die Flotte wür- in eine halb bewußtlose Betäubung, durch die sich
den diese Stunden wenig Wert haben. Selbst mit... eine seltsame Reihe von dumpfen Schlägen drängen
Er riß sich heftig zusammen. Eine eiskalte Welle der mußte, um in seinem Gehirn registriert zu werden.
Furcht klärte sein Gehirn, als er erfaßte, daß diese Ver- Bleich und erschüttert saß er lange Minuten reglos,
zweiflung nicht seine eigene war und die ihn bewegen- bis die Spannung von ihm wich und die Reaktion ihn
den Gedanken durch äußeren Einfluß suggeriert wor- krank und müde zurückließ. Sein Kopf schmerzte, wie
den waren. Er verspürte eine ungeheure Erleichterung er noch nie in seinem Leben geschmerzt hatte. Seine
darüber, daß er die Falle rechtzeitig erkannt hatte. Er ganze Schädeldecke fühlte sich an, als wolle sie der
lächelte und dachte: ,Netter Versuch, ihr Burschen!’ Druck jeden Augenblick in die Luft sprengen. Sogar in
39 TERRA

diesem Zustand erregten die dumpfen Schläge, die er Bleibt noch die Annahme, daß das Schiff eine Ausrü-
vernommen hatte, eine vage Neugier in ihm. Schmerz- stung besaß, die für sein Verschwinden verantwortlich
haft öffnete er die Augen, um herauszufinden, was ihre ist, und ’ von der wir noch nichts wissen.“
Ursache war. Vor ihm auf dem Boden lagen die Kör- „Nun, wir verlassen uns auf Sie“, sagte Sherman.
per der drei Rihnaner, die bewußtlos aus ihren Sitzen „Wir haben kein kompetentes Gehirn in der Flotte, das
gefallen waren. Er hatte keine Zeit mehr, das Rätsel etwas tun könnte. Darum haben wir ja auch Hartmann
dieser seltsamen Situation zu lösen, denn infolge des angefordert.“
Kräfteverbrauchs in den letzten Minuten sank er be-
Wilson grunzte. „Ein Flottenkommando wie die-
wußtlos auf sein Lager.
ses sollte seine eigene wissenschaftliche Abteilung ha-
ben.“
11. Kapitel
„Wir fangen an, das einzusehen.“
Die dringende Anforderung Admiral Shermans Einen Augenblick saß Wilson tief in Gedanken ver-
nach wissenschaftlicher Hilfe wurde von Präsident sunken. Dann wandte er sich Murphy zu und fragte:
Bannermann genehmigt. Der Präsident war nicht we- „In Ihrem Bericht, Kommandant, stellten Sie fest, daß
nig verstört über die Nachricht von dem Schicksal, es keinerlei Anzeichen einer Energieauslösung gab.“
welches Brady befallen hatte, denn er schätzte dessen „Das stimmt“, antwortete Murphy. „Keiner unse-
große Erfahrung bei der Behandlung fremder Rassen rer Detektoren schlug aus. Einen Augenblick war das
sehr hoch ein. Schiff da, im nächsten — nun, es war, als ob es nie
Privat war Bannermann über Sherman verärgert, existiert hätte. Nichts auf der Radarscheibe und nichts
gleichgültig aus welchen Motiven er zu der Entschei- bei den Energiedetektoren war festzustellen. Es hätte
dung gekommen sein mochte, Brady eine Mission zu etwas da sein müssen, wenn sie gestartet wären. Et-
übertragen, die dessen Sicherheit gefährden und ihm was merkwürdig war die Haltung der Centauraner, die
unter Umständen das Leben kosten konnte. Der Prä- wir an Bord hatten. Sie schienen starr vor Angst. Be-
sident wußte aber auch, daß er nicht in der Lage war, stimmt hatten sie noch nie zuvor so etwas gesehen.
an jener Augenblicksentscheidung Kritik zu üben. In Das bestärkte uns in dem Glauben, daß es sich um ei-
der Vergangenheit hatte sich die Tüchtigkeit Shermans ne neue Erfindung handelt.“
ebenso erwiesen wie die Bradys. Professor Hartmann, Wilson nickte. Seine Stirn furchte sich. „Keine
nach dessen Diensten Sherman besonders gefragt hat- Energieauslösung, das läßt vermuten, daß das Schiff
te, stand nicht zur Verfügung. Seine Forschungsarbei- niemals startete, daß es also den Ort nicht verlassen
ten waren gegenwärtig zu wichtig, als daß man ihn hat.“
hätte entbehren können. Hartmann beschwerte sich, Murphy blickte bestürzt. „Ich verstehe nicht.“
als der Präsident vorschlug, daß sein Chefassistent
Wilson grinste und erhob sich. „Ich auch nicht, aber
Ben Wilson an seiner Stelle gehen sollte. Bannermann
ich will es erst einmal überschlafen.“ Er wandte sich
war hart geblieben. Trotz aller Beschwerden Hart-
an Sherman. „Sagen Sie, Admiral, meinen Sie, Sie
manns erließ er die nötigen Befehle.
könnten ein Schiff besorgen, das nahezu so ist wie das
Zusammen mit zwei Assistenten landete Wilson ge- verschwundene?“
nau zwei Wochen nach Murphys Heimkehr auf Me-
„Das ist bereits geschehen, Professor.“
ron. Seine Ankunft wurde von Admiral Sherman nicht
allzu begeistert begrüßt, denn er war geneigt, ihn als „Stimmt“, nickte Murphy. „Fast zehn Tage lang ha-
zweitrangigen Ersatz für Hartmann zu betrachten. be ich damit zugebracht, die centauranischen Schiffs-
werften zu durchstreifen. Ich habe ein Schiff gefun-
Wilsons Kämpferstatur überragte alle in Shermans
den, das allen äußeren Merkmalen nach beinah das
Büro, als er mit dem Chefkommandanten und dann
verschwundene sein könnte.“
mit Murphy einen Händedruck wechselte.
„Fein“, lächelte Wilson. „Morgen früh fangen wir
„Tut mir leid, was Brady zugestoßen ist, Admiral“,
an.“
sagte er. „Sie hätten kaum einen besseren Mann ver-
lieren können.“ „Mein Sekretär wird Ihnen Ihr Quartier zeigen“,
sagte Sherman zu ihm.
Sherman bekundete seine Zustimmung mit einem
Kopfnicken und bot Wilson einen Platz an. „Wie gut „Danke, Admiral. Auf Wiedersehen.“
er war, fangen wir gerade erst an zu begreifen. Wir Als sich die Tür hinter seiner mächtigen Gestalt ge-
hoffen, daß Sie etwas tun können, um ihn zurückzu- schlossen hatte, warf Sherman einen fragenden Blick
bekommen.“ zu Murphy hinüber. „Das entspricht nicht den Vor-
Wilson verzog den Mund. „Ich habe die Berichte stellungen, die ich mir von einem Wissenschaftler ge-
während des Fluges von der Erde nach hier studiert, macht habe, Kommandant.“
und, offen gesagt, ich sehe nicht, was ich tun kann. „Meinen auch nicht“, grinste Murphy. „Aber Brady
Außer den Augenzeugenberichten Ihrer Leute haben hielt sehr viel von ihm, und ich weiß, daß Hartmann
wir keine Tatsachen, an die wir uns halten könnten. ihn sehr hoch schätzt, Sir.“
Menschheit im Aufbruch 40

„Na, das sollte wohl als Empfehlung genügen. Ich „Nun schließlich“, Murphy winkte verzweifelt mit
muß aber doch sagen, daß er eher wie ein Schwer- der Hand — „muß es so gewesen sein. Als sich Brady
gewichtler der Flotte als wie ein Wissenschaftler aus- zu ihnen an Bord begab, erkannten sie, daß er von der
sieht.“ Erde kam.“
„Warum haben sie es nicht im ersten Augenblick
* erkannt?“ fragte Wilson.
Keine Antwort.
Wilson verlor am nächsten Tage keine Zeit. Sehr „Meine Meinung ist“, fuhr Wilson fort, „es befan-
früh schon fand er sich in Shermans Büro ein und for- den sich einige Rihnaner an Bord jenes Schiffes, das
derte ein paar Dutzend elektronischer Techniker an, aber, abgesehen davon, genau das war, was es sein
die ihm und seinen beiden Assistenten helfen sollten. sollte, nämlich ein Frachter aus der Lyragruppe. Er
Seine Forderungen wurden bereitwilligst erfüllt, und diente ebenso als Pfadfinder wie Ihr Schiff. Die Tat-
Wilson stürzte sich auf seine Aufgabe. sache, daß die Rihnaner keine eigenen Schiffe haben,
Sherman und Murphy waren zunächst der Meinung, ist uns bekannt. Sie benutzten die Fahrzeuge der ande-
er benötigte das Fahrzeug nur, um es zu inspizieren, ren Rassen, wenn sie welche benötigten, genauso wie
um festzustellen, um was für eine Art von Schiff es auch Sie es getan haben.“
sich bei dem verschwundenen handelte. Schon nach „Und?“ fragte Sherman.
den ersten Stunden wurde es offenbar, daß dies nicht „Wir wissen auch“, fuhr Wilson unbeirrt fort, „daß
der Fall war. Murphy war nicht wenig erstaunt, als die Schiffe einer Rasse, abgesehen von geringfügigen
er zur Mittagszeit im Kasino erfuhr, daß Wilson dem Einzelheiten, ziemlich genauso sein müssen wie die
Schiff die Eingeweide Stück für Stück aus dem Leib einer anderen Rasse, da schließlich alle nach rihnani-
riß. Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr sorgte schem Vorbild gebaut wurden. Ich denke, daß dieses
er sich. Was für ein Spiel, um alles in der Welt, mochte Schiff“ — er trat ein paarmal mit dem Fuß auf den
Wilson spielen? Er konnte doch bestimmt nicht erwar- Boden — „wahrscheinlich ein genaues Duplikat von
ten, etwas in dem Schiff zu finden. Er machte nichts dem ist, das Ihnen draußen begegnete. Wenn das der
anderes, als was er schon vor Jahren in seinem Labo- Fall ist, dann sollte es den Apparat enthalten, der für
ratorium auf der Erde gemacht hatte. Nun verschwen- das Verschwinden verantwortlich war.“
dete er seine Zeit. „Er hätte ebenso gut auf dem anderen Schiff ange-
Im Laufe des Nachmittags äußerte er seine Gedan- bracht werden können, als die Rihnaner beschlossen,
ken Sherman gegenüber, und der Admiral stimmte zu. es zu gebrauchen“, sagte Murphy.
„Ich hätte gedacht, daß es jetzt der Arbeiten im La- „Das kann sein“, stimmte Wilson zu, „ist aber sehr
bor bedarf, und sehe wenig Sinn darin, ein Schiff aus- unwahrscheinlich. Schließlich haben die Rihnaner seit
einanderzureißen. Ich denke, wir gehen hinunter und Tausenden von Jahren gewußt, daß keine andere Rasse
sehen uns das einmal an.“ sich irgendeiner ihrer Waffen bemächtigen kann, denn
sie mußten erst im Gebrauch ihrer Waffen belehrt wer-
Sie fanden Wilson im Hauptkontrollraum des cen-
den. Warum hätten sie sich den Kopf über etwas zer-
tauranischen Kreuzers. Sein Gesicht und seine Hän-
brechen sollen, von dem sie nicht wußten, daß es exi-
de waren ölverschmiert. Er sang mit tiefem Baß, ab-
stierte?“
scheulich falsch, eine Ballade.
Sherman gestikulierte wütend. „Das alles wissen
„Heda, Admiral! Heda, Murphy!“ grüßte er sie.
wir. Warum sollte es aber so sein?“
„Sie kommen wohl, um nachzusehen, wie weit wir
sind, hm? Ist noch ein bißchen früh, wissen Sie.“ „Fragen Sie mich nicht“, zuckte Wilson die Schul-
tern, „es ist aber so. Jedenfalls sehe ich es so. Was auch
„Ich glaube nicht, Professor“, gab Sherman zurück. immer der Apparat sein mag, er ist wahrscheinlich in
„Wir haben uns sogar in der Tat gefragt, warum Sie allen Schiffen ähnlichen Typs eingebaut, unabhängig
hier Ihre Zeit verschwenden. Schließlich“, fügte er von einzelnen Rassen. Alles, was ich tun brauche, ist,
mit einem versöhnlicheren Lächeln hinzu, „ist es nicht ihn zu finden. Und jetzt, wenn Sie mich entschuldigen
wahrscheinlich, daß Sie etwas finden werden.“ wollen.“ Er grinste sie an.
„Meinen Sie?“ Wilson beäugte das Paar. „Warum „Jaja, natürlich.“ Shermans Gesicht überflog eine
nicht?“ leichte Röte. „Kommen Sie zu mir, wenn Sie etwas
„Nun, das ist klar“, warf Murphy ein. brauchen.“
„Was es auch immer gewesen sein mag,. das die „Werde ich tun.“
Rihnaner für ihr Verschwinden gebraucht haben, ich Als sie das Schiff verlassen hatten, sah Sherman
glaube kaum, daß Sie es hier finden werden. Ich sa- Murphy mit hilfloser Entrüstung an. „Und was nun?“
ge Ihnen, die Centauraner waren ebenso erstaunt wie fragte er.
wir.“ jetzt war die Reihe zu erröten an Murphy. „Ich neh-
„Sie nehmen an, das Schiff war mit Rihnanern be- me an, er weiß, was er tut, Sir.“
mannt?“ „Ich hoffe es“, knurrte Sherman.
41 TERRA

* „Hm, ja! Ich nehme es an.“ „Was ist es?“


„Kommen Sie nach dem Essen zu dem Schiff hin-
Langsam und ergebnislos verstrichen zwei Tage.
unter, und ich werde es Ihnen und dem Admiral zei-
Murphy bekam Wilson nur bei den Mahlzeiten in der
gen. Ich habe ihn schon vor dem Essen angerufen.“
Offiziersmesse zu sehen, wenn der Wissenschaftler in
„Was ist es?“ beharrte Murphy. „Vielleicht nichts“,
ölverdrecktem Arbeitsanzug, meist fröhlich pfeifend
gab Wilson unerschütterlich zurück. „Andererseits
und immer überwältigend guter Laune, zum Essen
aber...“ Er blinzelte erneut. „Na ja. Kommen Sie, und
kam. Am ersten Morgen beim Frühstück hatte Mur-
sehen Sie es sich selber an. Sagen wir um zwei Uhr.“
phy seinen Blick eingefangen und ihn mit Interesse
Dann weigerte er sich, noch irgend etwas über die
gefragt: „Schon Glück gehabt?“ Worauf Wilson grin-
Sache zu reden, so sehr ihn Murphy auch darum bat.
send geantwortet hatte: „Nein, noch nicht.“
Seitdem hatte Murphy ihn nicht mehr zu fragen *
brauchen. Sobald Wilson die Messe betreten und ihn
erspäht hatte, winkte er ihm fröhlich mit seiner Gabel Um ein Uhr war Murphy mit dem Essen fertig. Er
oder seinem Löffel zu und rief: „Nein, noch nicht.“ hatte es aufgegeben, noch etwas aus Wilson heraus-
Das geschah mit einer so guten Laune, daß sie bei zubekommen. Er ließ Wilson zurück, nachdem er ihm
Murphy Übelkeit erregte. versprochen hatte, um zwei Uhr beim Schiff zu sein.
Trotzdem brachte es Murphy nicht über sich, den Viertel vor zwei begab er sich zu Shermans Büro
großen, breitschultrigen Wissenschaftler zu verachten. und fand den Admiral gerade, als dieser den Raum
Sein Verhalten glich zu sehr dem eines riesenhaften verlassen wollte.
Schulbuben, daß es in eigenartiger Weise mit seiner
„Glauben Sie, er hat etwas gefunden, Sir?“ fragte
wissenschaftlichen Anschauungsart im Widerspruch
er.
zu stehen schien. Manchmal fragte sich Murphy, ob
Wilson wirklich so glänzend war, wie es sein Ruf ver- „Das möchte ich ihm doch geraten haben“, gab
hieß. Aber er wußte, daß diese Fragen sinnlos waren. Sherman grimmig zurück.
Es war am Nachmittag des dritten Tages, da Wilson „Hat er keine Andeutung gemacht?“
mit der Untersuchung des Schiffes begonnen hatte. „Gar nichts. Er sagte nur, ich sollte um zwei Uhr
Wie gewöhnlich kam der Wissenschaftler pfeifend in beim Schiff sein, wenn ich sehen wollte, wie die Büch-
die Messe. Der Anzug war noch verdreckter als sonst. se der Pandora geöffnet wird. Es ist wohl besser, wir
Murphy war gereizt und meinte, daß er ein erneutes: gehen jetzt, Murphy.“
„Nein, noch nicht“, nicht mehr ertragen könne. Daher Sie fanden Wilson wiederum pfeifend und ölver-
fuhr er mit seiner Mahlzeit fort, als sei ihm die Anwe- schmiert im Hauptkontrollraum des Kreuzers. Er be-
senheit des Wissenschaftlers an der Theke der Messe grüßte sie fröhlich und führte sie zu dem großen Ar-
entgangen. maturenbrett hinüber, welches mit seinen Skalen und
Nachdem er sein Essen entgegengenommen hatte, Hebeln, Scheiben und Beobachtungsgeräten das Hirn
verließ Wilson die Theke. Zu Murphys Überraschung des Fahrzeuges war. Seine beiden Assistenten arbeite-
und innerlichen Widerwillen überquerte er den Raum ten sorgfältig und ohne Eile. Als sich die drei Männer
und ließ sich ihm gegenüber am Tisch nieder. näherten, wichen sie zur Seite.
„Heda, Murphy!“ rief er fröhlich. „Wissen Sie, was das ist?“ fragte Wilson. Ein Hauch
„Heda, selber“, gab Murphy zurück und setzte sei- von Ungeduld überflog Shermans Züge. „Natürlich.
ne Mahlzeit fort, während er innerlich erwog, warum Es ist das Hauptarmaturenbrett“, antwortete er.
Wilson wohl seine Gesellschaft suchen mochte. „Nein, nein,“, sagte Wilson. „Ich meine den Teil da-
Wilson machte keinen Versuch, ihn darüber aufzu- von, den ich mit einem weißen Kreidestrich markiert
klären. Herzhaft rieb er sich die Hände und bemerkte: habe.“
„Ihr Burschen kriegt hier ein ausgezeichnetes Futter.“ Sherman und Murphy blickten beide zu der Stel-
Interesselos zuckte Murphy die Schultern und le, auf die er hingewiesen hatte, und Murphy erwi-
meinte: „Es könnte besser sein.“ derte: „Nun, natürlich. Es ist die Kontrollskala für die
Mit allen Anzeichen eines vortrefflichen Appetits Schutzstrahlung des Schiffes.“
stürzte sich Wilson auf sein Essen. Nach ein paar gie- „Ein kluger Junge“, lächelte Wilson. „Nun also, se-
rig verschlungenen Happen wedelte er seine Gabel vor hen Sie sich das Ganze ein wenig genauer an, und tei-
Murphys Nase hin und her und fragte mit dem Flü- len Sie mir dann mit, was Ihnen besonders auffällt.“
sterton eines Verschwörers: „Haben Sie schon etwas Sherman schaute Wilson unsicher an. Offensicht-
bemerkt?“ lich überlegte er, ob der Wissenschaftler ihnen viel-
Murphy blinzelte ebenfalls. „Ich habe heute kein leicht einen Streich spielen wollte. Murphy hegte ähn-
,Nein, noch nicht’ zu Ihnen gesagt.“ liche Gedanken. Sie schauten auf die mit Kreide abge-
Einen Augenblick lang starrte Murphy vor sich hin, zirkelte Stelle. Murphy suchte intensiv. Ähnliche Kon-
bis ihm die Bedeutung dieser Worte aufging. „Sie mei- trollbretter hatte er auf Dutzenden der verschieden-
nen, Sie haben etwas gefunden?“ sten Schiffe gesehen. Die Hebel, Schalter, Skalen und
Menschheit im Aufbruch 42

Scheiben waren alle genauso, wie er es bei anderen drehte ihn langsam herum. „Tatsache ist, daß wir uns
Schiffen kannte, und alles schien vollkommen in Ord- auch darüber gewundert haben“, fuhr er fort. „Darum
nung zu sein. Dicht neben ihm runzelte auch Sherman haben wir den Stift entfernt, der verhinderte, daß der
die Stirn, als seine Blicke über das Brett wanderten. Knopf zu weit gedreht wird. Nun werden wir sehen,
Nach einer Minute etwa wandte sich der Admiral ab was passiert, wenn die Nadel die ganze Skala entlang-
und schüttelte den Kopf. „Also gut, ich gebe mich ge- gleitet.“
schlagen“, sagte er zu Wilson. „Was gibt es hier Ko- Er hielt nicht ein, als die Nadel die rote Linie auf der
misches zu sehen?“ Skala erreicht hatte, sondern fuhr fort, alle verfügbare
„Wie steht es mit Ihnen, Murphy?“ fragte Wilson. Kraft in die Projektoren der Schutzstrahlung zu leiten.
„Es ist genau wie jedes andere Brett, das ich bisher „Natürlich“, meinte er sanften Tones, „könnte dies das
gesehen habe.“ ganze Schiff in ein besseres Jenseits befördern.“
„Stimmt genau. Es ist wie jedes andere Brett, wie Sherman und Murphy beobachteten angespannt.
jede andere Kontrollscheibe, die Sie jemals hier oder Keiner von beiden wagte zu sprechen. Das Summen
in irgendeinem anderen Schiff gesehen haben. Trotz der Generatoren stieg im Tonfall, während die Nadel
der Tatsache, daß Sie und ein paar hunderttausend an- langsam um die Skala schwang, bis sie endlich am
dere Leute diese Bretter bei zahllosen Gelegenheiten entgegengesetzten Ende stehenblieb. Wilson ließ die
zuvor gesehen haben, haben weder Sie noch die än- Hand heruntersinken und betrachtete nachdenklich die
dern etwas Seltsames daran bemerkt.“ Skala. Dann wandte er sich um und schaute aus dem
„O Himmel, Mann!“ sagte Sherman, „machen Sie Port.
weiter. Was ist verkehrt? Sie scheinen ja alles darüber „Draußen scheint es ein wenig dunkel geworden zu
zu wissen.“ sein“, teilte er ihnen mit.
Wilson grinste und trat näher an das Brett heran. Sherman fluchte und ging, von Murphy dicht ge-
Dann wies er auf eine Skala in der Mitte. „Sehen Sie folgt, auf einen anderen Port zu. Wie Wilson gesagt
doch nur auf die Skala“, sagte er. „Nun, also...?“ hatte, war es draußen vor dem Schiff pechschwarz.
Murphy runzelte die Stirn. „Es ist die Kontrollska- Selbst die Lichter im Kontrollraum warfen keinen
la, die anzeigt, wieviel Energie den Leitungen für die Schatten. Ihre Strahlen vermochten nicht, in die sty-
Schutzstrahlung zugeführt wird. Ist der rote Strich auf gischen Tiefen zu dringen.
der Skala erreicht, dann erhält die Leitung die höchst- „Wenn ich raten sollte“, bemerkte Wilson lässig,
zulässige Energiemenge. Der Schalter darunter ist für „so würde ich sagen, daß unser Schiff jetzt von drau-
die Kontrolle der Energiezufuhr.“ ßen völlig unsichtbar ist.“
„Stimmt“, unterbrach Wilson. „Dieser rote Strich „So wurde das also gemacht!“ knurrte Sherman.
befindet sich ungefähr im ersten Drittel der Skala. Die- „Unter diesem Deckmantel konnten sie sich davon-
se Skala ist die einzige auf dem Brett, die solch eine schleichen, und wir hätten nie mehr etwas erfahren.“
Markierung enthält. Ich nehme an, es ist bei den än- „Nein, das glaube ich nicht“, antwortete Wilson.
dern Schiffen das gleiche?“ „Wie Sie soeben sagten, bedarf es ungefähr fünfund-
„Natürlich“, gab Sherman zurück. „Kommt Ihnen neunzig Prozent der auf dem Schiff verfügbaren Ener-
das nicht merkwürdig vor?“ gie, um das Feld aufrechtzuerhalten. Einmal einge-
Murphy rührte sich verlegen, aber weder er noch schaltet, können sie sich keinen Fingerbreit bewegen.
Sherman gaben eine Antwort. Ich nehme an, sie sind genau da geblieben, wo sie wa-
„Was denken Sie, würde wohl geschehen, wenn ren, und haben ein paar Stunden gewartet, bis Murphy
man an die Nadel auf dieser Skala geradenwegs bis fort war.. Dann sind sie wieder aus ihrem Versteck her-
zum Ende der restlichen Zwei Drittel ausschlagen las- ausgekrochen und nach Hause geschwirrt.“
sen würde?“ Murphy wandte sich zu ihm um. „Sie meinen, wenn
Murphy lachte. „Das ist einfach. Sie würden die ich geblieben wäre...?“
Energie sämtlicher Quellen auf diesem Schiff verpul- Wilson nickte. „Sie wären wahrscheinlich direkt
vern, aber sie könnten es nicht, denn der Schalter hat unter Ihrer Nase wieder zum Vorschein gekommen.“
nicht genügend Spielraum, um das zuzulassen.“ Murphy fluchte. Wilson wandte sich um und be-
Wilson nickte. „Ja, das habe ich bemerkt. Aber gann, die Nadel wieder in ihre normale Position zu-
wenn Sie, wie Sie bereits sagten, auf diese Weise alle rückzudrehen.
Energie sinnlos verpulvern wollten, warum dann die „Halt!“ rief Sherman. „Angenommen, jemand ist an
Skala überhaupt erst so einrichten?“ die Stelle gewandert, an welcher wir wieder zum Vor-
Sherman runzelte die Stirn. „Ja, in der Tat“, sagte er schein kommen werden?“
mehr zu sich selbst. „Warum nicht eine Standardskala „Keine Angst“, sagte Wilson. „Ich habe um das
benutzen?“ Schiff herum einen Bezirk abgesteckt und jedermann
„Seltsam, nicht wahr“, bemerkte Wilson geschwät- verwarnt, was auch immer geschehen mag, diesen Be-
zig. Während er sprach, langte er nach dem Knopf und zirk zu betreten.“
43 TERRA

Er drehte schneller an dem Knopf, und plötzlich „Immer eins nach dem ändern“, grinste Wilson.
flutete von draußen wieder das Tageslicht herein, als „Ich werde jedenfalls daran arbeiten.“ Er stand auf und
das Schiff sichtbar wurde. Mit wachsender Erheite- streckte sich. „Und nun zurück ans Werk, zurück an
rung beobachteten Sherman und Murphy die bestürz- die Aufgabe, all denen dort draußen zu erklären, daß
ten Grimassen und Gebärden der draußen versammel- das, was sie gesehen haben, in Wirklichkeit nur eine
ten Menschen und Centauraner. optische Täuschung war.“
„Sie scheinen verstört zu sein“, bemerkte Wilson, „Wenn Sie etwas brauchen, Professor...“ begann
der hinter sie getreten war. Sherman.
„... werde ich mich an Sie wenden“, gab Wilson
„Ja. Ich denke, wir werden in meinem Büro darüber
freundlich zurück.
sprechen“, antwortete Sherman.
Er verschwand durch die Tür, und Sherman wand-
Nach den ungestümen Fragen der Neugierigen, te sich Murphy zu, der gedankenschwer neben seinem
durch die sie sich erst einen Weg bahnen mußten, war Tisch saß. „Nun, das war das, Kommandant. Beinahe
Shermans Büro ein Hafen des Friedens. Murphy war hätten wir beide uns zu größeren Narren gemacht, als
froh, als er die Tür hinter dem Lärm draußen schließen wir in Wirklichkeit sind.“
konnte. Jeder, der nahe genug war, um sich vernehm- Murphy grinste abwesend. „Jetzt, wo das erledigt
bar zu machen, hatte wissen wollen, was geschehen ist, Sir, mache ich mir Sorgen um Kapitän Brady.“
war.
„Was ist mit ihm?“ Das Lächeln in den Augen des
„Nun“, meinte Sherman, als sie sich niedergelas- Admirals erlosch, als er diese Frage stellte.
sen hatten, „Sie müssen wohl noch andere Gedanken Murphy rutschte verlegen hin und her. „Er könnte
darüber haben, Wilson?“ „Ein paar“, gab der Wissen- auf jeden Fall für uns sehr wichtig sein, sowohl hier
schaftler zu, „obwohl ich im Augenblick eher dazu ge- als auch in den Händen der Rihnaner. Ich frage mich,
neigt wäre, alle unsere Geistesgrößen auf der Erde von ob er nicht wichtig genug ist, daß wir versuchen, ihn
hier zur Hölle zu schicken, weil sie das nicht vorher herauszubekommen.“
entdeckt haben. Als sie erst einmal hinter das Geheim- „Keine persönlichen Gefühle?“
nis der Schutzstrahlen gekommen waren, haben sie „Natürlich ein paar“, gab Murphy zu. „Aber es wä-
sich nicht mehr die Mühe gemacht, weiterzusuchen. re nicht gut für uns, wenn es ihnen gelänge, zuviel von
Ich nehme an, ich kann ihnen daraus keinen Vorwurf Brady über uns zu erfahren.“
machen, denn ich hätte mir selbst auch nichts weiter „Zugegeben. Aber ich fühle mich nicht berechtigt,
dabei gedacht, es sei denn, ich hätte nach irgend et- Schiffe und Männer für eine Mission zu riskieren, die
was Außergewöhnlichem gesucht. Meine Meinung ist, eine gute Chance des Mißlingens hat. Außerdem wis-
die Leitungen für die Schutzstrahlungen haben einen sen wir nicht, wo er ist.“
Doppeleffekt. Bei geringer Energiezufuhr sind sie nur
„Wir haben aber eine Ahnung“, sagte Murphy zu
für die Schutzhülle da, aber bei Maximaleinstellung
ihm. „Kurz bevor das Schiff verschwand, Sir, sagte
vollbringen die Energiekreise so etwas Ähnliches wie
ein Mitglied der Besatzung, sie führen nach Tekron.
eine Krümmung des Raumes. Sie nehmen alles, was
Es könnte eine Falle gewesen sein. Andererseits aber,
im Innern des Feldes liegt, direkt aus dem normalen
wenn sie zu diesem Zeitpunkt noch keinen Verdacht
Raum heraus.“
gegen uns hatten, könnte es zutreffen.“
„Ich verstehe immer noch nicht, warum das nicht Sherman nickte. „Ich müßte Ihnen aber ein voll-
vorher entdeckt wurde“, erklärte Sherman. bewaffnetes Schiff mitgeben, damit Sie lebend her-
„Es war zu einfach. Die wissenschaftliche Neugier auskommen, wenn es Ihnen gelingt, Brady zu finden.
war befriedigt, als sie herausgefunden hatte, was ge- Wenn das Schiff in ihre Macht fällt...“
schieht, wenn die Nadel den roten Strich erreicht.“ „Wenn sie von Brady bereits Auskünfte erhalten ha-
Sherman saß ruhig da. Seine Hände spielten lässig ben, spielt es keine Rolle, wenn nicht, könnten wir
mit dem Brieföffner, der vor ihm auf dem Tisch lag. Vorkehrungen treffen, daß das Schiff detoniert, wenn
Dann holte er schließlich tief Luft und sagte: „So, nun uns Gefangenschaft droht.“
wissen wir, was es ist und wie es gemacht wird. Was „Sie haben sich schon gründlich mit der Angelegen-
aber hilft uns das?“ heit befaßt, Kommandant“, sagte Sherman vorwurfs-
voll. „Was haben Sie noch beschlossen?“
„Eine Menge, möchte ich sagen“, gab Wilson zu-
Murphy errötete. „Nun, Sir, einige Centauraner, die
rück. „Im Augenblick ist ein Schiff, welches das Feld
bereits in Tekron waren, haben mir einen Stadtplan ge-
benutzt, an die Stelle gebunden, da es nicht genug
geben, der den Raumhafen zeigt. Etwa eine Viertel-
Energie übrig hat. Angenommen aber, es wäre in der
meile davon liegt ein Gebäude, in dem sich das rihna-
Lage, sich zu bewegen?“
nische Hauptquartier befindet. Ist Brady auf dem Pla-
„Teufel“ — Shermans Augen leuchteten — „das neten, nehme ich an, daß er sich dort befindet. Wir
wäre etwas!“ könnten einen getarnten Handelskreuzer nehmen. Wir
„Das Schiff könnte aber nicht sehen, wohin es nähern uns langsam, um keinen Argwohn zu erregen,
fährt“, warf Murphy zweifelnd ein. und wenn wir erst gelandet sind...“
Menschheit im Aufbruch 44

„... werden Sie das rihnanische Hauptquartier im ner zu bluffen.


Sturm nehmen und Brady befreien.“ Sherman nickte
Sherman starrte an die Decke. War Brady gezwun-
und lehnte sich tiefer in seinen Sessel. Es war schwer, gen worden, Informationen zu geben, dann bedeute-
eine Entscheidung zu treffen. So sehr er auch die Dien- te der Verlust des Schiffes nur ein weiteres Ärgernis.
ste Bradys schätzen mochte, war er sich doch der Din- Hatte er sich aber einen Weg geblufft, war es wert, et-
ge bewußt, die auf dem Spiel standen, wenn das Un- was zu wagen, denn vielleicht konnte er seinerseits bei
ternehmen mißlang. Brady war seit langer Zeit gefan-
den Rihnanern Informationen gesammelt haben.
gen, lange genug, daß sie ihm alle wichtigen Informa-
tionen, die er besaß, aus dem Gehirn gesogen haben Rasch faßte er seinen Entschluß und wandte sich
konnten. Gott allein mochte wissen, welch teuflische Murphy zu. „Lassen Sie mir bis morgen früh neun Uhr
Methoden er über sich ergehen lassen mußte. Anderer- Ihre Pläne über das Unternehmen zukommen, Kom-
seits konnte es ihm eventuell gelungen sein, den Geg- mandant.“

ENDE des Ersten Teils

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