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Zielstern Centauri

(Originaltitel: ADDRESS : CENTAURI)


Aus dem Amerikanischen von Lothar Heinecke

Band 145

von F. L. WALLACE
3 TERRA

Wir diskutieren ...

Die Seite für unsere TERRA Leser

Liebe TERRA-Freunde!

In der letzten Woche hatten wir Ihnen bereits etwas über die Herkunft unseres heutigen TERRA-
Romans ZIELSTERN CENTAURI berichtet. Heute wollen wir kurz zur Idee dieses Romans Stel-
lung nehmen, die wir für eine der originellsten SF-Ideen überhaupt halten. Das Thema selbst —
der erste Flug zu den Sternen — ist bereits von vielen Autoren behandelt worden, doch niemals in
der Form, die F. L. Wallace sich ausgedacht hat!
Oder würden Sie erwarten, daß eine Gruppe von Katastrophenopfern — menschliche Ruinen, die
von der fortgeschrittenen medizinischen Wissenschaft nur durch technische Hilfsmittel am Leben
gehalten werden können und deren Aussehen so schrecklich ist, daß sie abseits der menschlichen
Gemeinschaft und unter ständiger ärztlicher Aufsicht auf einem kleinen Asteroiden leben müssen
— sich allen Ernstes erbietet, im Dienste der Menschheit zu den Sternen zu fliegen?
Nein, niemand kann dies erwarten, auch wenn die unglücklichen Krüppel trotz ihrer mannigfalti-
gen Handikaps Vorzüge besitzen, die sie zu idealen Raumfahrern machen.
Wie vorauszusehen war, fällt die Entscheidung der Behörden negativ aus, und als
auch ein Appell an die Weltöffentlichkeit nichts fruchtet, beschließen die menschlichen Ruinen,
ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und starten mit ihrem Asteroiden in das System des
Zentauren...
TODESKOMMANDO SOLAR von Kurt Mahr, TERRA-Band 146, hat dagegen nur unser hei-
matliches Sonnensystem zum Schauplatz. Doch auch interplanetarische Räume sind weit genug,
um einem SF-Autor genügend Spielraum zu bieten.
In Band 139 hatten wir Ihnen, liebe TERRA-Freunde, etwas voreilig angekündigt, daß wir wohl
in diesem Band mit den ersten Resultaten des Bildteiles von TERRA LACHT aufwarten würden.
Leider müssen Sie, wie sich jetzt herausstellt, noch bis zum Erscheinen des Bandes 151 darauf
warten. Es bittet Sie bis dahin um Geduld

Ihre
TERRA-REDAKTION
Günter M. Schelwokat
Zielstern Centauri 4
5 TERRA

1. Kapitel Docchi stand auf. Sein Gesicht strahlte immer noch


in farblosem Licht.
Doktor Cameron blickte starr auf die Platte seines
Schreibtisches. „Ihr Antrag wurde dem Medizinischen Doktor Cameron schaute ihn jetzt zum erstenmal di-
Rat übergeben“, sagte er. „Ich versichere Ihnen, daß rekt an. „Ich rate Ihnen, sich vorläufig zu bescheiden.
er eingehend geprüft wurde, bevor er an den Solaraus- Haben Sie Geduld, warten Sie ab. Sie werden über-
schuß weitergeleitet wurde.“ rascht sein, wie oft man doch noch bekommt, was man
will.”
Docchi beugte sich vor. Sein Gesicht leuchtete er-
wartungsvoll. „Sie werden überrascht sein, auf welche Weise wir
Der Arzt hielt die Augen weiterhin abgewandt. Der bekommen, was wir wollen.“ Docchi drehte sich um
Anblick des Mannes brachte ihn immer wieder aus der und ging zur Tür, die sich automatisch vor ihm öffnete
Fassung. Jemand wie er hatte kein Recht, am Leben und hinter ihm wieder schloß.
zu sein. In den Tiefen der Ozeane fand man ähnli- Cameron saß eine Weile still hinter seinem Schreib-
che Kreaturen, oder an einem warmen Sommerabend. tisch. Es bereitete ihm kein Vergnügen, hilflosen Män-
Aber ein Mensch... nern und Frauen den Rest ihrer kärglichen Hoffnung
„Ich fürchte, Sie kennen die Antwort. Im Augen- zu nehmen. Gerade ihre Hilflosigkeit machte den Um-
blick ein glattes Nein.“ gang mit ihnen so schwierig.
Docchi sank in seinen Stuhl zurück. „Das also ist Er griff nach dem Telekom. „Medizinrat Thornton,
die Antwort.“ bitte“, sagte er zu der Vermittlung. „Ich warte.“
„Es tut mir leid.“
Der Asteroid besaß einen mittleren Durchmesser
Seine Lippen verzogen sich müde. „Es war zu er-
von vierzig Kilometern und war auf den Karten als
warten, nicht wahr?“
Handikap-Hafen verzeichnet. Das Kreuz daneben be-
„Es ist nicht so hoffnungslos, wie Sie vielleicht den- deutete, daß außer in Notfällen kein Unbefugter hier
ken. Entschlüsse kann man revidieren. Es wäre nicht landen durfte. Diejenigen, die ihn bewohnten, gaben
das erste Mal.“ gerne zu, daß sie gehandikapt waren, aber ein siche-
„O ja“, sagte Docchi. „Und inzwischen warten wir. rer Hafen war er für sie nicht. Sie gebrauchten andere
Wir haben ja soviel Zeit. Jahrhunderte.“ Sein Gesicht Ausdrücke, von denen keiner an das Wort Zufluchts-
loderte. Er hatte die Kontrolle darüber verloren, ohne stätte erinnerte.
sich dessen bewußt zu sein. Sein Körper enthielt Sub-
stanzen, die ein normaler Mensch nicht besaß. Direkt Der Asteroid war natürlich ein Krankenhaus, oder
unter seiner Haut hatten sich gewisse Zellen verändert. besser ein Genesungsheim, nur daß die Patienten dar-
Und immer wenn er aufgeregt war oder sonst unter in bis zu ihrem Lebensende ausharren mußten.
einer. nervösen Anspannung stand, zeigte sich das — Die Robot-Vermittlung unterbrach seine Gedanken.
durch Licht. Sein Metabolismus war nah verwandt mit „Medizinrat Thornton ist am Apparat.“
dem eines Glühwürmchens. Das Bild eines älteren Mannes erschien auf dem
„Warum aber?“ bohrte Docchi weiter. „Wir sind Sichtschirm. „Ich bin unterwegs zu den Jupitermon-
keine Dummköpfe, Sie wissen das am besten. Warum den. Die nächste halbe Stunde werde ich noch direkt
hat man uns abgelehnt?“ zu erreichen sein. Gut, daß Sie angerufen haben. Ha-
Das war eine Frage, die sich nicht zufriedenstellend ben Sie schon die Antwort des Solarausschusses?“
beantworten ließ. Cameron nahm seine Zuflucht zu ei-
„Heute morgen bekommen. Ich habe gerade Docchi
ner Gegenfrage. „Glauben Sie, daß Sie angenommen
darüber informiert.“
würden? Oder Nona, Jordan oder Anti?“
Docchi bewegte sich unbehaglich. Seine Arme „Schnelle Arbeit. Meine Anerkennung. Wie hat
schlenkerten nutzlos. „Vielleicht nicht. Aber wir sind Docchi es aufgenommen?“
fast tausend. Aus dieser Zahl sollte man wenigstens „Er war wütend. Und er machte eine komische Be-
eine qualifizierte Mannschaft zusammenstellen kön- merkung, bevor er ging. Er sagte, ich würde überrascht
nen.“ sein, auf welche Weise sie bekommen würden, was sie
„Möglich. Ich will das nicht abstreiten. Die mei- wollten.“
sten von Ihnen sind Biokompensatoren. Eine Tatsache, „Sie rechnen also mit Schwierigkeiten? Haben Sie
die zu Ihren Gunsten spricht. Aber Sie müssen sich deshalb angerufen?“
klarmachen, daß es eine Menge Dinge gibt, die ge-
gen Sie sprechen.“ Cameron versuchte, seiner Stimme „Ich bin mir nicht ganz klar. Was meinen Sie?“
einen knappen dienstlichen Anstrich zu geben. „Sie „Sie sind schließlich an Ort und Stelle, Doktor, Sie
verschwenden Ihre Zeit, wenn Sie mit mir darüber dis- müssen es am besten wissen. Allerdings glaube ich
kutieren wollen. Ich habe Sie nur von der Entschei- nicht, daß sie sofort etwas unternehmen werden. Was
dung in Kenntnis zu setzen. Ich bin dafür nicht ver- können sie auch machen. Einzeln genommen sind sie
antwortlich, und ich kann auch nichts weiter für Sie alle hilflos, und zusammen besitzen sie nicht einmal
tun.“ die Teile für ein Dutzend gesunder Körper.“
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„Ich gebe Ihnen da recht“, sagte Dr. Cameron. nicht, denn die ganzen Schultermuskeln waren zer-
„Trotzdem habe ich ein ungutes Gefühl. Keinem un- fleischt. Die künstlichen Arme, mit denen man ihn
serer Patienten hat es jemals auf dem Asteroiden ge- ausgestattet hatte, waren deshalb bloße Schmuckge-
fallen, und das gilt für den Zeitraum vieler Jahre.“ genstände.
„Niemand schätzt das Krankenhaus, es sei denn, er Und dann die Kaltlicht-Flüssigkeit. Sie war halb-
ist krank.“ Das war einer von Thorntons Lieblingsaus- organisch, und das war vermutlich der Grund, warum
sprüchen. er noch am Leben war, als man ihn endlich fand. Sie
„Ich weiß. Aber das ist es ja gerade. Unsere Leute hatte ihn konserviert, teilweise sein Blut ersetzt, das
hier sind nicht mehr krank. Trotzdem können sie nicht ganze Körpergewebe durchtränkt. Und diese Assimi-
weg. Was mich beunruhigt, das ist, daß es noch nie lation ließ sich nicht mehr rückgängig machen. Das
soviel offene Unzufriedenheit gegeben hat wie gerade Leben war zäher als vielen Leuten bewußt war. Aber
jetzt.“ manchmal war es auch pervers.
„Dann wissen Sie ja Bescheid“, sagte Thornton und
„Ich hoffe, ich brauche Sie nicht darauf hinzuwei-
schüttelte dabei vielsagend den Kopf. „Die Würde un-
sen, daß jemand diese Unzufriedenheit schüren muß.
seres Standes läßt es nicht zu, daß wir eine solche Zur-
Versuchen Sie herauszufinden, wer, und halten Sie die
schaustellung erlauben. Zweifellos würde er in dem
Augen offen.“
von Ihnen erwähnten Programm Erfolg haben. Bei sei-
„Ich habe es schon herausgefunden. Unser selbstge- nen Kollegen wäre er akzeptiert. Aber können Sie sich
wähltes Freizeitkomitee: Docchi, Nona, Anti und Jor- das tödliche Schweigen vorstellen, das ihn begrüßen
dan. Eine geschickte Tarnung. Ich möchte, daß Sie mir würde, sobald er die Gesellschaft normaler Menschen
erlauben, die Gruppe aufzusplittern.“ sucht?“
„Neue Ideen sind mir immer willkommen.“ „Ja, das sehe ich ein“, sagte Carmeron, obwohl er
„Ich möchte mit den aussichtsreichsten Fällen an- es nicht tat. Er würde einen langen Kampf geben, bis
fangen“, erklärte Cameron. „Docchi, zum Beispiel. er Thornton auf seiner Seite hätte.
Wenn er seine künstlichen Arme trägt, sieht er völlig „Lassen wir also Docchi einstweilen“, fuhr er fort.
normal aus, abgesehen von dem Lichteffekt natürlich. „Aber es gibt noch eine andere Möglichkeit, und die
Heilbar ist dieses Leiden zwar nicht, aber wir können ist vielleicht noch vielversprechender.“
es in einen positiven Faktor verwandeln.“ Thornton unterbrach ihn. „Nona?“
Auf dem Gesicht des Medizinrats malte sich Zwei- „Ja. Ich bin mir nicht sicher, ob sie wirklich hierher
fel ab. gehört.“
„Jeder unserer jungen Ärzte glaubt das gleiche“, er-
„Und zwar denke ich an das Mutantentheater”, fuhr
widerte der Medizinrat belustigt.
Cameron eilig fort. „Das populärste Programm im
ganzen Sonnensystem: Telepathen, Teleporteure, Feu- „Ich habe schon daran gedacht, den allgemeinen
ermacher und so weiter. Natürlich alles Schwindel. Anweisungen eine spezielle Notiz beizufügen. Unge-
fähr in dem Sinne, daß jeder neue Leiter der schönen
Aber Docchi könnte man zu einem wirklichen Idiotin so weit wie möglich aus dem Wege gehen soll.“
Star machen. Der Todesstrahlen-Mann, beispielswei-
“Ist sie wirklich so dumm?“ meinte Cameron stör-
se. Das wäre für ihn eine Chance, wieder Mitglied
risch. „Ich habe den Eindruck, sie ist es nicht.“
der menschlichen Gesellschaft zu werden, und ich bin
„Sehr geschickt mit ihren Händen“, stimmte der an-
überzeugt, daß er nichts Eiligeres zu tun hätte, als sie
dere Mann zu. „Aber verwechseln Sie nicht Handfer-
zu ergreifen.“
tigkeit mit Intelligenz. Was das betrifft, so fehlt es ihr
„Nicht ausgeschlossen“, überlegte der Medizinrat. von vornherein an der nötigen Gehirnsubstanz.“
„Auf jeden Fall ein kluger Gedanke. Ich fürchte nur „Sie ist zweifellos nicht normal. Sie kann weder re-
eins. Wie wird es die Öffentlichkeit aufnehmen? Ken- den noch hören und wird das auch nie können. Der
nen Sie Docchis Krankengeschichte?“ Kehlkopf ist verkümmert, und obwohl wir ihn ersetzen
„Ja, ich bin mit ihr vertraut.“ Der Mann war unge- könnten, würde das nichts nützen. Wir müßten die ge-
wöhnlich, selbst für einen Ort, wo man sich auf unge- samte Struktur des Gehirns verändern, und eine solche
wöhnliche Fälle spezialisiert hatte. Docchi war elek- Aufgabe liegt momentan noch außerhalb des Bereichs
trotechnischer Ingenieur gewesen, bis er eines Tages unserer Möglichkeiten.“
Opfer eines besonders gräßlichen Unfalls wurde. Er „Ich dachte eher an die Verschiedenartigkeit ihres
war in eine Maschine geraten, die ihn erst schwer ver- Nervensystems.“
stümmelte und dann in einen Tank mit konzentrierter „Eine uns überlegene Mutation, wollen Sie das da-
Kaltlichtflüssigkeit geworfen hatte. Geraume Zeit ver- mit andeuten? Vergessen Sie das. Ihr Gebrechen ist
ging, bis man ihn dort entdeckte. eine einfache Anomalie, ähnlich den früher so häufi-
Es war noch Leben in dem Körper. Das Lebens- gen Wolfsrachen. Einen Wolfsrachen können wir ope-
flämmchen flackerte zwar, aber es erlosch nicht. Bei- rativ beseitigen, aber bei Nonas Leiden versagen un-
de Arme waren verloren, sein Brustkorb eingedrückt. sere Künste.“ Der Medizinrat warf einen verstohlenen
Die Rippen konnten ersetzt werden, die Arme jedoch Blick auf den Chronometer neben sich.
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Cameron bemerkte den Blick und fuhr hastig fort. Ganzen, in der Maske von Menschen. Zäh hingen sie
„Ich frage mich, ob wir die ganze Zeit nicht versucht an dieser Illusion. Schuld an allem war die Medizin,
haben, sie zu zwingen, sich uns anzupassen. Sie kann besonders die fortgeschrittene Chirurgie. Die Techni-
möglicherweise intelligent sein, ohne dabei zu verste- ken waren zu gut oder nicht gut genug, je nachdem,
hen, was wir sagen, oder lesen und schreiben zu kön- von welchem Standpunkt aus man es betrachtete —
nen.“ dem des Arztes oder dem des Patienten.
„Wie meinen Sie das?“ erkundigte sich Thornton. Zu gut, indem ein auch noch so schrecklich ver-
„Das wichtigste Werkzeug der Menschen ist die Spra- stümmelter Mensch, vorausgesetzt, er war noch am
che.“ Thornton machte eine nachdenkliche Pause und Leben, wenn man ihn fand, am Leben erhalten werden
sagte dann: „Es sei denn, Sie denken an Telepathie konnte. Nicht gut genug, weil ein gewisser Prozent-
oder ähnliches.“ satz dieser Unfallopfer nicht völlig wiederhergestellt
„Daran habe ich allerdings gedacht“, gab Cameron werden konnte. Die Wunder der Heilkunst waren un-
zu. „Mit einem anderen Menschen der gleichen Art vollkommen.
könnte sie sich vielleicht verständigen, auf eine ande- Es gab nicht viele Menschen, die in die Katego-
re Weise als wir es tun. Jedenfalls würde ich gern ein rie dieser Unglücklichen fielen, aber obwohl die Ein-
paar Versuche in dieser Richtung unternehmen.“ zelheiten sich in jedem Fall unterschieden, so waren
„Gut. Meine Genehmigung dazu haben Sie. Verges- doch die Endergebnisse unweigerlich immer diesel-
sen Sie jedoch nicht, daß Sie nicht der erste sind, der ben. Krankheiten gab es nicht mehr. Jedermann war
diesen Verdacht hegt.“ gesund — außer jenen Menschen, die bei
„Ich weiß. Es steht in ihrer Krankengeschichte. Al- einem Unfall so schwere Verletzungen davongetra-
lerdings glaube ich, ich konnte der erste sein, dem es gen hatten, daß es auch mit Hilfe aller chirurgischen
gelingt, das zu beweisen.“ Finessen nicht mehr möglich war, sie zurück in die
„Ihr Enthusiasmus freut mich. Übersehen Sie aber wohlgestaltete Schablone zu pressen, die so charakte-
bitte darüber nicht unser Hauptanliegen. Selbst wenn ristisch war für die Gesamtbevölkerung der Erde. Die-
sie eine Telepathin ist, würde ihr das ein normales Le- se wenigen schickte man nach Handikap-Hafen.
ben ermöglichen?“ Froh waren sie darüber nicht. Wem paßt es schon,
“Cameron hatte die richtige Antwort parat, aber sein Leben auf einem einsamen Asteroiden beschlie-
Thornton erwartete vermutlich eine andere. „Viel- ßen zu müssen? Trotzdem wollten sie auch nicht zur
leicht haben Sie recht. Sie müßte hierbleiben, so oder Erde zurück. Ein Krüppel ist sensibel, und sie waren
so.“ sich absolut klar darüber, wie sehr sie auffallen wür-
„Richtig. Natürlich würde es Ihre Arbeit erleich- den zwischen all den wohlgestalteten Männern und
tern, wenn Sie die vier auseinanderbringen könnten, Frauen, die die Planeten des Sonnensystems bevölker-
aber auf diese Weise geht das nicht. Sie müssen wohl ten. Nein, die Bewohner von Handikap-Hafen wollten
oder übel nach einem anderen Ausweg suchen. Wenn nicht zurück.
Sie Hilfe...” Was sie wollten, war etwas Lächerliches. Sie hatten
Das Bild auf dem Sichtschirm blieb, doch die Stim- es untereinander eingehend besprochen und ihre Wün-
me ging in einem Geprassel atmosphärischer Störun- sche schließlich in einer Bittschrift niedergelegt. Sie
gen unter. Die Robotvermittlung schaltete sich ein. hatten darin um Raumschiffe gebeten, um darin die
„Das Schiff nähert sich der äußersten Reichweite für erste lange Reise nach Alpha und Proxima Centauri
eine Direktsendung. Wenn Sie die Unterhaltung wei- zu unternehmen. Die Raumfahrt war immer noch auf
terführen wollen, muß sie über die nächste Hauptstati- das Sonnensystem beschränkt, und für normale Men-
on geleitet werden. Im Augenblick ist das der Mars.“ schen gab es keine Möglichkeit, selbst zu den Nach-
Es war lästig, auf jede Antwort mehrere Minuten barsternen zu gelangen. Die Versehrten glaubten, die-
warten zu müssen. Abgesehen davon, hatte es den An- se Schranke durchbrechen zu können. Einige von ih-
schein, als ob Thornton ihm nicht helfen konnte oder nen würden losfliegen, der Rest zurückbleiben müs-
wollte. Thornton war in den Status quo verliebt, ei- sen, aber doch in dem Bewußtsein, einen wertvollen
ne Änderung dieses Zustandes war nicht nach seinem Beitrag zu jenem gefährlichen Unternehmen geleistet
Geschmack. zu haben.
„Wir sind fertig“, sagte Cameron. Es war eine besonders unkontrollierbare Form des
Das Telekom schaltete sich mit einem Knacken aus, Selbstbetrugs. Sie waren die Menschen ohne eigenes
und Cameron lehnte sich in seinen Stuhl zurück. Er Gesicht, Menschen, die ihr Herz nicht in der Brust,
dachte nach. sondern in einer Maschine trugen, Menschen mit zu
In gewisser Hinsicht fühlte er Mitleid mit den ar- wenig Gliedern — oder zu vielen. Die Zahl der Arten
men Krüppeln, die seiner Sorge anvertraut waren. Kei- ihrer Gebrechen war endlos. Jeder von ihnen war ein
ner der Bewohner von Handikap-Hafen war ein voll- einmaliger Fall.
wertiger Mensch. Es waren halbe oder viertel Männer Gerade diese Tatsache aber bildete das Abschluß-
und Frauen, Flickwerk, Bruchstücke eines ehemaligen stück in dem Circulus vitiosus. Denn die Versehrten
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waren geeignet. Unter all den Milliarden Bürgern des „Ich war in den letzten Tagen ziemlich beschäftigt“,
Sonnensystems waren sie es, die allein fähig waren, begann der Arzt. „Ich hoffe, Sie verübeln es mir des-
die lange Reise zu unternehmen und zurückzukehren. halb nicht, daß ich erst jetzt dazu komme, mich mit
Doch gab es bestimmte Faktoren, die eine solche Lö- Ihrer Arbeit ein wenig näher zu befassen.“
sung ausschlössen. „Aber absolut nicht“, beruhigte ihn Vogel. „Die jun-
gen Ärzte kommen und gehen. Ich bleibe hier, weil es
2. Kapitel bequemer ist, als sich immer wieder von neuem nach
einem anderen Job umzusehen.“
Docchi saß neben dem Teich. Er hätte es begrüßt,
wenn er hätte vergessen können, wo er sich befand. „Das kann ich verstehen. Sie kennen sich sicherlich
Auf den ersten Blick erinnerte seine Umgebung an ei- hier schon sehr gut aus. Manchmal denke ich, daß Sie
ne ländliche Szene auf der Erde, nur war der Horizont auch meine Arbeit noch nebenbei mit erledigen könn-
zu nahe, der Himmel zu flach und niedrig und von ei- ten.“
ner zu gleichmäßigen Helle. Er spürte die Dunkelheit, „Ich interessiere mich nicht die Spur für Medi-
die dahinter lauerte. zin, und ich habe auch keine Lust, sie zu studieren“,
Ein kränkelnder Baum spendete kärglichen Schat- brummte Vogel. „Ich mache meine Arbeit, und damit
ten. Kleine Wellen leckten gurgelnd gegen die Ufer. hat sich’s. Ich kümmere mich sonst um niemand hier.“
Doch keine einzige Pflanze milderte seine Nacktheit, Cameron glaubte ihm das gern. „Ein paar Dinge
und kein einziger Fisch schwamm in der Flüssigkeit. sind mir aufgefallen“, sagte er. „Deshalb habe ich Sie
Sie sah aus wie Wasser, war aber keines — der Teich auch hergebeten. Gewöhnlich halten wir hier nur hal-
enthielt Säure. Eine massige Gestalt trieb darin, nur be Erdschwerkraft aufrecht. Das stimmt doch?“
Kopf und unförmige Schultern ragten über die Ober- Der Ingenieur nickte zustimmend.
fläche. In den Archiven des Krankenhauses wurde sie
als Frau geführt. „Es ist mir allerdings nicht ganz klar, warum wir das
tun. Möglich, daß es für die schwache Konstitution un-
„Sie haben abgelehnt, Anti“, sagte Docchi bitter.
serer Kranken besser ist. Oder sind dafür wirtschaftli-
„Was hattest du denn erwartet?“ che Gründe maßgebend? Wenn Sie mir das einmal —
„Jedenfalls nicht das. Ohne Angabe von Gründen.“ ohne allzu technisch zu werden — erklären könnten?
„Du kennst diese Leute noch nicht. Warte ab, bis du Ich möchte soviel wie möglich über Handikap-Hafen
solange hier bist wie ich.“ erfahren.“
„Abwarten, das hat mir auch Cameron geraten. Was Vogel taute sichtlich auf. „Das liegt an den Schwer-
sollen wir machen? Eine neue Bittschrift abfassen?“ kraftmaschinen selbst. Theoretisch können wir haben,
„Memorandum Nummer zehn? Sei nicht naiv. Sie so viel wir wollen. Praktisch müssen wir das nehmen,
werden sich nicht einmal die Mühe machen, sie zu le- was gerade vorhanden ist — jede Menge, von einem
sen.“ Viertel bis zu voller Erdschwerkraft.“
Docchi rutschte ein wenig näher. „Dann meinst du „Wie, haben Sie darüber keine Kontrolle?“ Es schi-
also, wir sollten mit unserem Plan beginnen? Gut. Ich en unbegreiflich, daß sie so dem Zufall ausgesetzt wa-
werde Jordan holen. Ich brauche Arme.“ ren.
Er stand auf. Anti rief ihm nach: „Wir sehen uns, „In gewissem Sinne haben wir das schon“, grinste
wenn du zum fernen Centaurus startest.“ der Ingenieur. „Wir können die Maschinen an- oder
„Nein, früher noch, Anti. Viel früher.“ In dem Däm- ausschalten. Die Ausstoßstärke schwankt, da kann
merlicht zeigte sich jetzt über ihm das zarte Spinnen- man eben nichts machen. Die Maschinen wurden spe-
gewebe der Träger, die die durchsichtige Kuppel stütz- ziell für den Asteroiden entwickelt. Möglich, daß es
ten. Die langsame kontrollierte Rotation des Asteroi- den Konstrukteuren noch nicht gelungen ist, alle Kin-
den würde jetzt diese Seite in Nacht tauchen. In die- derkrankheiten zu beseitigen.“
ser Entfernung war die Sonne nur noch ein kleines
„Hm, ich verstehe. Soviel ich weiß, haben wir drei
Scheibchen, aber auch so bildete sie noch eine Brücke
getrennte Generatoren, nicht wahr? Davon läuft einer
zu der vertrauten und doch so fernen Erde. Bald je-
jeweils eine Dreiviertelstunde, während die anderen
doch würde sie sich in einer größeren Nacht verlieren.
abgeschaltet sind. Wenn der eine sich ausschaltet, be-
* ginnt der nächste zu arbeiten und so weiter. Und zwar
sollte dieses Umschalten synchron verlaufen, was es
Cameron lehnte sich zurück und betrachtete nach- in der Praxis allerdings nicht zu tun scheint. Vor ei-
denklich den Schwerkraftingenieur Vogel. Der Inge- ner Weile hatte man das Gefühl, als ob man plötzlich
nieur konnte ihm von Nutzen sein, wenn auch jedem, schwerer würde. Ich habe es deutlich gespürt. Was war
der, wie Vogel, freiwillig eine so lange Zeit auf dem da los?“
Asteroiden ausgehalten hatte, etwas Zweifelhaftes an- „Gar nichts war los“, meinte der Ingenieur gleich-
haften mußte. Das sollte nicht heißen, daß Cameron gültig. „Es entstehen nicht nur Schwankungen, wenn
ihm mißtraute. Der Mann schien nur etwas sonderbar. ein Generator läuft, sondern auch, wenn sich einer
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ausschalten sollte, es aber nicht sofort tut — die an- sagte: „Also lassen wir einmal die Schwerkraftanlagen
dere Maschine aber bereits arbeitet. Das ist alles.“ beiseite. Als nächstes: Wie steht es mit Handwaffen?“
„Nun ja“, erwiderte Cameron, „verstehen Sie mich „Strahlern?“
nicht falsch. Ich möchte keineswegs Ihre Kenntnisse „Alles, was als Waffe dienen könnte, ob es nun Ihrer
anzweifeln. Ich möchte mich nur vergewissern, um si- Ansicht nach gestohlen werden kann oder nicht.“
cherzugehen, daß ich nichts übersehe. Ich denke näm-
„Nichts ist davon da. Nicht einmal ein Messer.“ Vo-
lich an die Möglichkeit von Sabotage.“
gel kratzte sich den Kopf. „Eines gibt es allerdings,
„Ausgeschlossen. Es müßte jemand sein, der hier das gefährlich werden könnte. Ich weiß nur nicht, ob
lebt, und“ — der Ingenieur verzog sein Gesicht zu ei- man es als Waffe bezeichnen könnte.“
nem breiten Grinsen — „dem wäre es bestimmt nicht
Cameron spitzte die Ohren. „Wenn es gefährlich
angenehm, wenn die Schwerkraft plötzlich auf 9 G
ist, wird jemand darauf kommen, wie er es anwenden
hinaufschnellen würde, was ohne weiteres passieren
kann. Was ist es?“
könnte, wenn ein Unbefugter sich an den Maschinen
zu schaffen macht. Ich glaube, er würde es sich zwei- „Der Asteroid selbst. Physisch kann niemand an ir-
mal überlegen und die Finger davon lassen. Aber es gendeinen Teil des Schwerkraftsystems heran. Aber
gibt bessere Gründe für diese Schwankungen. Wissen ich habe mich oft gefragt, ob man nicht vielleicht dem
Sie, wie so eine Schwerkraftanlage sich zusammen- Elektronenrechner einen bestimmten Impuls eingeben
setzt?“ könnte. Wer das zustande bringt, kann die Richtung
des Feldes abändern.“ Vogels Stimme hatte einen ern-
„Nicht im einzelnen.“
sten Unterton. „Er könnte Handikap-Hafen hinsteu-
„Habe ich mir gedacht. Lassen Sie es sich erklä- ern, wohin er möchte. Zur Erde, zum Beispiel. Drei-
ren.“ Der Ingenieur begann seine Beschreibung, wobei ßig Meilen Durchmesser geben einen ansehnlichen
er ein Obermaß technischer Fachausdrücke benutzte, Brocken ab.“
denen Cameron nur mühsam einen Sinn abgewinnen
Das war etwas, wonach Cameron Ausschau gehal-
konnte.
ten hatte. „Würde das wirklich gehen?“
Jede Schwerkraftmaschine, so erläuterte Vogel, be-
Vogel grinste. „Ich dachte mir, daß Ihnen das einen
stand eigentlich aus drei Teilen. Zuerst einmal die
Schrecken einjagen würde. Es ging mir zuerst auch so.
Kraftquelle, die von unterschiedlicher Beschaffenheit
Ich bin deshalb der Sache auf den Grund gegangen.
sein konnte, solange sie nur genügend Energie hergab.
Es geht nicht. Der Asteroid ist zu groß. Ringsum gibt
Die Energieversorgung von Handikap-Hafen erfolgte
es eine Menge Überwachungszentralen. Auf den Ju-
im vorliegenden Falle durch einen Atommeiler, der
pitermonden, dem Mars, der Erde, der Venus. Wenn
tief im Innern des Asteroiden verankert war und an
irgendein Gravitationsrechner Kapriolen schlägt, wird
den man praktisch nur herankommen konnte, indem
er durch einen Störimpuls zur Ordnung gerufen. Wenn
man den ganzen Asteroiden in seine Bestandteile zer-
das nicht hilft, wird die Anlage außer Betrieb gesetzt,
legte.
bis die Störung behoben ist.“
Teil zwei der Anlage waren die Gravitationsspu-
Camerons Gedanken beschäftigten sich schon mit
len, die die Schwerkraft erzeugten und lenkten. Ei-
anderen Dingen. Vogel schien ein geschwätziger Typ
ne solche Spule war ein unkompliziertes Gebilde und
und würde, wenn dazu ermuntert, die ganze Nacht so
fast unbegrenzt haltbar. Man konnte sie zerstören, aber
weitererzählen. Leider hatte er kein Gefühl dafür, ob
nicht irgendwie abändern, wenn man wollte, daß wei-
etwas wichtig war oder nicht. „Sie haben mir wirklich
terhin ein Feld erzeugt werden sollte.
sehr geholfen“, sagte der Arzt und erhob sich. „Wir
Der dritte Teil war die Kontrolleinheit, das eigent- werden uns bald wieder einmal zusammensetzen müs-
liche Herz der Schwerkrafterzeugungsanlage. Sie er- sen.“
rechnete und regulierte das Verhältnis zwischen der
Er wartete, bis der Ingenieur den Raum verlassen
Kraft, die durch die Spulen lief und dem erzeugten
hatte, und schaltete das Telekom ein. „Ich möchte den
Feld, sodaß die Schwerkraft immer die gleiche blieb.
Piloten in der Landekuppel.“
Die Kontrolleinheit war somit nichts anderes als ein
Elektronenrechner, einer der besten, der je konstruiert Die Antwort des Roboters war beunruhigend. „Ich
wurde, äußerst genau und unglaublich schnell. bekomme keine Antwort. Ich werde zurückrufen, so-
bald ich Verbindung habe.“
„Ich hoffe, Sie verstehen jetzt, daß Sie sich wegen
einer Sabotage keine Kopfschmerzen zu machen brau- „Dann wird er in der Hauptkuppel sein. Ich muß ihn
chen. Niemand hier wird sich an so eine verzwick- unbedingt sprechen.“
te Konstruktion heranwagen. Ganz abgesehen davon, Nach einigen Minuten völliger Stille kam die er-
daß er dazu eine Menge Werkzeuge benötigen würde, staunliche Antwort: „Es ist nicht bekannt, daß er die
die ich — befänden sie sich auf dem Asteroiden — Rakete verlassen hat.“
unweigerlich finden würde.“ „Was! Dann schickt sofort einige Roboter zur Lan-
Cameron war davon nicht so ganz überzeugt. Er dekuppel. Durchsucht das ganze Gebiet. Ich erwarte
verfolgte trotzdem das Thema nicht weiter, sondern schnellstens Bericht.“
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* „Ich sah, wie die Lichter in der Kuppel ausgingen.


Die Eingangsschleuse stand offen, und deshalb trat ich
Docchi wartete vor dem Eingang zur Landekuppel. ein. Ich dachte, ich könnte vielleicht helfen.“
Er stand ein wenig zurück zwischen den Büschen, „Das Licht ist allerdings weg. Sogar die Notanla-
die vergeblich versuchten, die Illusionen einer irdi- ge.“ Der Pilot kam näher. In der Hand hielt er einen
schen Landschaft aufrechtzuerhalten, vergeblich zum Strahler. „Danke, aber helfen können Sie da wohl
Teil allerdings auch deshalb, weil einige davon nicht nicht. Besser, Sie verschwinden wieder. Es verstößt
von der Erde, sondern von Mars und Venus stammten. gegen die Vorschriften, wenn Patienten sich in der
Immerhin trugen sie bei zur Sauerstoffversorgung des Landekuppel herumtreiben. Könnten möglicherweise
Asteroiden. eine Rakete stehlen oder sonst etwas.“
„Gute Arbeit“, kommentierte er halblaut, als plötz- „Wie ist es passiert? Ein Meteoreinschlag?“
lich alle Lichter in der Landekuppel erloschen. „Ich Der Pilot knurrte vor sich hin. „Hätte ich gehört.“
habe gewußt, daß Nona es schaffen würde.“ „Und Sie haben nichts gehört?“ „Aber auch nicht
„Ein mechanisches Genie“, stimmte Jordan ihm zu. das leiseste Geräusch.“ Der Pilot trat noch einen
„Aber wir wollen keine Zeit verlieren. Gehen wir.“ Schritt näher und streckte seinen Kopf vor, um etwas
zu erkennen. „Jetzt machen Sie aber, daß Sie fortkom-
Docchin schaute sich prüfend um und betrat dann
men. Sie haben hier nichts verloren.“
kühn den Gang, der die Hauptkuppel mit der dane-
„Aber ich möchte noch nicht gehen“, sagte Docchi.
benliegenden viel kleineren Landekuppel verband. In,
„Ich fürchte mich nicht vor dem Dunkel. Sie etwa?
dem bewohnten Teil des Asteroiden war es normaler-
Kann ich nicht ein bißchen Sonnenschein in Ihr Leben
weise niemals ganz dunkel; ein schwaches Dämmer-
bringen?“
licht wurde als heilsamer für den Schlaf der Versehr-
„Man erwartet von mir, daß ich ein solches blö-
ten betrachtet als finstere Nacht. In der Landekuppel
des Geschwätz zur Meldung bringe, und ich will ver-
jedoch herrschte das tiefe Dunkel des interstellaren
dammt sein, wenn ich das nicht tue. Los, verschwin-
Raums.
den Sie jetzt, bevor ich Sie hinausbefördere.“
Vor der Schleuse am hinteren Ende des Ganges „Jetzt bin ich beleidigt“, sagte Docchi vorwurfsvoll
blieb Docchi stehen. „Hoffen wir, daß es Nona gelun- und machte einen schnellen Schritt nach rückwärts.
gen ist, das Ding aus dem Stromkreis zu nehmen.“
„Sagen Sie jetzt ja nicht, ich hätte Sie nicht ge-
„Sie schien doch verstanden zu haben, oder? Also warnt“, rief der Pilot mit Groll in der Stimme und
versuchen wir es.“ Jordan zog sich etwas nach vorn stürzte ihm nach. Er packte Docchi am Arm, aber was
und streckte die Hand aus. Das schwere Schott glitt er unter seinen Fingern spürte, war nicht der kümmer-
langsam in die Wand zurück. Der Weg war frei. „Das liche leblose Ersatz, sondern ein lebendiger Arm, und
Unglück mit dir ist, daß du zu wenig Vertrauen hast, dessen Muskeln waren den seinen mehr als gewach-
zu dir selber und zu den Fähigkeiten eines Genies.“ sen. Doch zuerst war es nur die Überraschung, die ihn
Docchi gab keine Antwort. Er lauschte Geräusche, aufschreien ließ.
die aus der Richtung vor ihm angespannt und versuch- Docchi ging in die Knie, und die dunkle Gestalt auf
te die schwachen kamen, zu interpretieren. seinem Rücken schnellte sich nach vorn über seinen
„Da, ich höre ihn“, flüsterte Jordan. „Gehen wir Kopf. Der Pilot verlor seinen Stand und stürzte zu Bo-
noch ein Stück weiter, bevor er uns entdeckt.“ den.
Docchi tappte vorsichtig weiter. Er bemühte sich „Jordan“, sagte er gurgelnd.
dabei, sein Gesicht zum Leuchten zu bringen. Er war „Ja, ich“, erwiderte Jordan. Er schlang einen sei-
nervös, und das beeinträchtigte eine genaue Kontrolle. ner muskulösen Arme dem Piloten um die Kehle und
Er konnte nicht sagen, ob die Helligkeit gerade richtig drückte zu. Mit der anderen Hand suchte er den Strah-
war — so, daß man ihn zwar bemerken würde, aber ler, den zu gebrauchen der Mann keine Gelegenheit
Einzelheiten seiner Erscheinung nicht zu unterschei- mehr gehabt hatte. Mühelos entriß er ihm die Waffe
den waren. Er hätte sich gern bei Jordan vergewissert, und schlug ihm den Kolben über den Schädel, bis der
aber Jordan würde ihn auch nicht aufklären können. Pilot bewußtlos zusammensackte.
Docchi stand, unfähig zu helfen, daneben. Gele-
Die Schritte kamen näher. Jemand fluchte vor sich
gentlich brachte er einen Fußtritt an, aber es ging alles
hin, lautstark, aber mit beschränktem Wortschatz.
sehr schnell vor sich, und er hatte keine Arme.
Docchi ließ sein Gesicht einmal kurz aufleuchten und
verdunkelte es dann wieder. Doch Jordan brauchte keine Hilfe. „Es werde
Licht“, sagte er, als er fertig war, und der Lichtschein
Die Schritte hielten an. „Docchi?“ um Docchis Kopf wurde stärker.
„Nein. Nur eine einsame elektrische Birne auf ih- Jordan balancierte sich mit seinen Händen. Er hat-
rem Abendspaziergang.“ te einen starken Nacken und muskulöse Arme und
Das Lachen des Raumschiffpiloten klang nicht sehr Schultern. Sein Körper war unterhalb der Brust zu En-
freundlich. „Dachte ich es mir doch. Was machen Sie de. Eine Metallkapsel enthielt seine Verdauungsorga-
hier?“ ne.
11 TERRA

„Tot?“ Docchi warf einen Blick auf den Piloten. als mit ihren Händen. Ihre Geschicklichkeit im Um-
Jordan ließ sich vornüber kippen und lauschte nach gang mit Maschinen, die sie unmöglich von früher her
dem Herzschlag. „Nein“, sagte er. „Mir fiel gerade kennen konnte, war manchmal fast unheimlich.
noch rechtzeitig ein, daß wir es uns ja nicht leisten Nun, er mußte sehen, ob es nicht auch noch eine
können, jemand umzubringen.“ andere Möglichkeit gab, in das Schiff einzudringen,
„Gut. Vergiß das aber auch nicht.“ Docchi unter- außer durch die Schleusen. Vorsichtig stieg er in den
drückte einen Ausruf, als sich etwas um sein Bein Landestollen hinunter, in dem das Schiff ruhte, Die
wickelte. Er machte einen Satz und konnte sich los- Wände waren glatt und schimmerten glasig-grün, ein
reißen. Versteck boten sie nicht. Er lehnte sich gegen die un-
terste Heckdüse und überlegte. Cameron würde ver-
„Reparaturroboter“, sagte Jordan und schaute sich
mutlich als erstes durch seine Roboter das Schiff ab-
um. „Es scheint von ihnen zu wimmeln.“
riegeln lassen. Es hatte also keinen Sinn, sich solange
„Cameron scheint also schon zu wissen, daß in der irgendwo in der Landekuppel zu verbergen, bis Nona
Landekuppel etwas nicht stimmt. Besser, du steigst kam und eine der Schleusen für ihn öffnete, weil es
wieder auf. Wir müssen uns beeilen.“ bis dahin unmöglich geworden sein würde, durch den
„Nein, du bist erschöpft“, sagte Jordan. Mit schnel- Absperrgürtel hindurch zum Schiff zu gelangen. Auf
len Fingern löste er das Gurtwerk, das ihn auf Docchis welche Weise aber konnte man noch in das Schiff ein-
Rücken gehalten hatte. „Bleib unten“, zischte er, als brechen?
Docchi Anstalten machte, aufzustehen. „Hör mal!“ Sekunden vergingen, bis ihm aufging, daß die Dü-
Sie lauschten. „Allzweck-Roboter“, sagte Docchi. sen einen Weg ins Innere boten. Am rückwärtigen En-
„Ja. Möchte wissen, hinter was sie her sind. Du de einer jeden Düse lag die Verbrennungskammer, und
wirst dich beeilen müssen, um noch rechtzeitig zum die trennende Wand bildete ein bewegliches Schott.
Schiff durchzukommen.“ Das Schiff lag schon seit Monaten hier aufgedockt,
„Und wenn ich dort bin, was kann ich dann ma- und es war nicht unwahrscheinlich, daß die Kam-
chen? Allein gar nichts. Du mußt mit, ich brauche Hil- mern, einer besseren Reinigung wegen, offenstanden.
fe.“ Die Düsenöffnungen waren jedenfalls groß genug,
„Mit meinem Gewicht auf dem Rücken schaffst du um einen schmalschultrigen Mann durchzulassen, erst
es nicht“, sagte Jordan. „Wenn du einmal dort bist, recht also einen, der keine Arme mehr besaß.
wirst du schon eine Möglichkeit finden. Los, lauf end- Es war trotzdem nicht leicht. Er steckte seinen Kopf
lich.“ Ungeduldig zog er sich zu einer der Tragsäulen. in die dunkle Röhre, beugte sich soweit hinein wie nur
möglich und stieß sich mit den Füßen ab. Sich win-
„Und du, was machst du? Es hat keinen Zweck, sich
dend und rutschend arbeitete er sich tiefer in die Düse
dahinter zu verstecken.“
hinein. Der Fortschritt, den er machte, ließ sich jedoch
Ein greller Lichtstrahl schnitt durch die Dunkelheit, nur in Zentimetern ausdrücken. Die Ausstoßgase hat-
strich suchend umher und enthüllte dabei die Träger ten die runden Wände zu öliger Glätte geschmolzen,
und Säulen der Tragkonstruktion. und seine Füße fanden nur mühsam Halt.
„Nicht dahinter, sondern darauf. Ohne Beine ist das Als er mit dem ganzen Körper drin war, verschnauf-
der richtige Platz für mich.“ Er packte das Gitter mit te er einen Augenblick. Einer der Allzweck-Roboter
seinen kräftigen Fäusten und hangelte sich behende betrat lärmend den Landungsstollen. Suchend tapste
nach oben. die Maschine umher und blieb dann stehen. Anschei-
„Sei vorsichtig!“ rief Docchi ihm nach. nend hatte sie Anweisung, den Stollen zu bewachen.
„Keine Angst, und nun lauf schön endlich!“ Die Das war schlimm. Der Rückweg war ihm jetzt end-
Stimme kam nicht länger mehr direkt von oben. Jor- gültig versperrt. Docchi zog die Knie an und stieß sich
dan entfernte sich über die Verbindungsträger zwi- von neuem vorwärts. Als er einmal innehielt, um aus-
schen den einzelnen Tragsäulen. Eingeweihte fanden zuruhen, hörte er von draußen eine lärmende Stimme.
dort oben einen Weg, den niemand vom Boden aus Das Metall leitete alle Geräusche deutlich weiter. Die
vermutete. Das galt erst recht für die Roboter. Stimme schrie etwas, dann kam das charakteristische
Docchi war beruhigt. Er fing an zu laufen, und es Prasseln eines Strahls, der auf Metall traf. Ein klirren-
gelang ihm, die ihn verfolgenden Roboter abzuschüt- des Geräusch folgte.
teln. „Fangt ihn!“ schrie Cameron. „Dort oben ist er.“
Doch auch so blieb ihm nicht viel Zeit sich umzu- Jordan war also in der Nähe. Cameron würde schon
sehen, als er endlich das Schiff erreicht hatte. Auf den noch herausfinden, daß er nicht so einfach zu fangen
ersten Blick schien die Lage aussichtslos. Alle Schleu- sein würde.
sen waren geschlossen. Nona hatte entweder die In- Etwas war interessant. Die Roboter erhielten ihre
struktion nicht völlig verstanden oder sie nicht ausfüh- Anweisungen nicht über Funk, sondern direkt. Das
ren können. Vermutlich traf das erste zu. Schließlich würde seinen Plan erleichtern.
war es ihr gelungen, alle anderen Stromkreise zu un- Docchi kroch weiter. Der Durchmesser der Düse
terbrechen, und das mit keinen anderen Werkzeugen verengte sich jetzt, und ein Vorwärtskommen wurde
Zielstern Centauri 12

immer schwieriger. Nun, er hatte das erwartet. Jeden- Passagierschleuse. Mit einem Fußtritt legte er den He-
falls war es ein gutes Zeichen, daß die Luft immer bel um, der sie öffnete, und die Landebrücke schwang
noch verhältnismäßig frisch war. Das Schott zur Ver- hinunter. Kühn stellte er sich in den Eingang und
brennungskammer mußte also offenstehen. schaute nach draußen. Die ganze Landekuppel war
Wieder rutschte er aus, aber er achtete nicht wei- jetzt hell erleuchtet, jede Einzelheit deutlich erkenn-
ter darauf. Zentimeter um Zentimeter arbeitete er sich bar.
weiter. Das Blut hämmerte gegen seine Schläfen, und „In Ordnung, Jordan, du kannst herunterkommen!“
dann war er am Ende der Düse angelangt — und rief er.
schaute in das Innere des Schiffes. Jordan hing über ihm an einem der Träger, hangelte
Sehnsüchtig starrte er zu der wenige Zentimeter sich jetzt an ihm entlang, bis er zu einem Stützpfeiler
vor ihm liegenden Verschlußkappe der Brennkammer. kam, und ließ sich hinuntergleiten. Unbeholfen zog er
Wenn er Hände gehabt hätte, dann hätte er sich jetzt sich über den Boden und die Landebrücke hinauf.
herausziehen können. Hätte er allerdings welche ge-
„Na, Monster“, grinste er. „Wie hast du es ge-
habt, dann wäre er nicht bis hierher gekommen. Er
schafft?“
schloß die Augen und ruhte sich einen Augenblick
aus. Dann gab er sich einen Ruck und schlängelte sich „Selber Monster. Ich bin durch eine der Düsen ge-
weiter. Sein Rücken schmerzte vor Anstrengung. Er krochen.“
war jetzt fast durch. Nur seine Beine staken noch im „Ich habe dich hineinklettern sehen, war mir aber
Rohr. Er gab sich einen kräftigen Stoß und landete auf nicht sicher, daß du es schaffen würdest. Selbst als das
dem Fußboden. Schiff sich dann bewegte, war ich mir noch nicht si-
Regungslos lag er da, bis er wieder klar denken und cher. Auf welche Weise bist du denn Cameron losge-
atmen konnte, rollte sich dann herum, zog die Knie an worden?“
und kam torkelnd auf die Füße. Dann folgte er dem „Ärzte sind meistens technisch nicht sehr bewan-
Laufgang entlang zum Kontrollraum. Das Schiff ge- dert. Er vergaß, daß die Notlandung eines Raumschiffs
hörte jetzt ihm, aber er wollte es gar nicht für sich al- alle anderen mündlich gegebenen Anweisungen un-
lein. Außerdem hätte er es auch gar nicht selbst bedie- gültig macht. Deshalb hob ich das Schiff ein paar Zen-
nen können. timeter. Roboter sind nicht allzu schlau, aber auch
Sorgfältig studierte er das Armaturenbrett. Es war wenn sie es wären, wäre das egal gewesen. Solan-
schon lange her, seit er zum letzten Male ein Schiff ge das Schiff sich in der Luft befand und ich meine
gesteuert hatte. Eine lange Zeit und zwei Arme. Als Landung ankündigte, mußten sie mir gehorchen. Sei-
er die Anordnung der Instrumente verstanden zu ha- ne Schuld, daß er sich keine Gegenmaßnahmen ein-
ben glaubte, bückte er sich und drückte mit dem Kinn fallen ließ, bevor die Roboter ihn packten und aus der
gegen eine der Skalenscheiben. Mühsam und unbehol- Kuppel brachten, was sie mit allen Menschen, die sich
fen rotierte er den Kopf und drehte den Knopf bis zu bei einer Notlandung in der Nähe befinden, tun müs-
der gewünschten Einstellung. Dann nahm er auf dem sen. Sie hätten auch dich mitgenommen, wenn sie an
Pilotensitz Platz und schlug mit dem Fuß einen Hebel dich herangekommen wären.“
hinunter. Das Schiff schaukelte — und hob sich einige „Na, da habe ich ja Glück gehabt“, sagte. Jordan.
Zentimeter. „Ich möchte nicht anhören, was Cameron jetzt zu sa-
Er war überzeugt, daß Cameron es nicht bemerken gen hat. Außerdem fühle ich mich hier im Schiff viel
würde. Der Arzt würde viel zu beschäftigt sein, Jor- wohler. Es gehört jetzt uns. Doch was ist mit den an-
dan einzufangen. Doch auch wenn er es bemerkt hätte, deren? Wie kriegen wir sie her?“
blieben ihm nur dreißig Sekunden, um Docchi einen
„Für Anti ist Sorge getragen. Allzweck-Roboter
Strich durch die Rechnung zu machen. Wie die Dinge
sind nicht konstruiert, um Fragen zu stellen, und für
lagen, schien ihr Plan zu gelingen.
sie gehört Anti und ihr Tank zu dem Material, das
„Rakete landet“, rief Docchi in das Mikrofon. „Ge-
bei einer Notlandung gebraucht wird. Sie werden sie
fahr einer Notlandung Ich wiederhole. Gefahr einer
schon anbringen. Und Nona sollte bei Anti warten.“
Notlandung!“
Docchis Stirn umwölkte sich. „Ich hoffe jedenfalls,
Technisch gesehen flog das Schiff, wenn auch nur
wir haben uns deutlich genug ausgedrückt.“
sehr niedrig, und die Frequenz, die er benutzte, stellte
sicher, daß sein Notruf gehört und beachtet würde. „Was ist, wenn sie uns nicht verstanden hat?“
„Alle Allzweck-Roboter zur Hilfeleistung. Dieser „Ich glaube schon, daß sie es hat“, sagte Docchi.
Notruf hebt alle bisherigen Anweisungen auf. Folgen- „Inzwischen machst du am besten das Schiff start-
de Gerätschaften werden für den Fall einer Bruchlan- klar.“
dung zusätzlich benötigt.“ Nachdem er aufgezählt hat- Jordan entfernte sich in Richtung des Kontroll-
te, welche Materialien das waren, lehnte er sich grin- raums. Docchi blieb in der Schleuse stehen. Er mußte
send in seinen Sessel zurück und wartete. nicht lange warten. Er hörte die Roboter zurückkom-
Nach einigen Minuten knipste er mit einem Knie men, und gleich darauf sah er sie, wie sie den unge-
die Außenbordlichter an, stand auf und begab sich zur heuren Tank Antis heranschleppten. An seinen Seiten
13 TERRA

hingen noch zum Teil Stücke der aus dem Boden ge- „Anti!“ rief Docchi.
rissenen Rohre. Das Becken war aber dicht und tropfte „Hier bin ich.“
nicht. Fünf Allzweck-Roboter zogen und schoben es „Bist du verletzt?“
auf das Schiff zu, blind gegen den Mann, der aufge-
„Keine Spur“, kam die wohlgelaunte Antwort. Ihre
löst neben ihnen herlief und sie durch Rufe und Schlä-
überschüssigen Fleischmassen gaben eine gute Polste-
ge zur Umkehr bewegen wollte.
rung ab, deshalb war das auch nicht weiter erstaun-
„Jordan, laß die Laderampe herunter!“ rief Docchi
lich. Viel wichtiger war die Frage, was nun mit ihr
in den Korridor.
geschehen sollte. Sie befand sich jetzt zwar an Bord,
Er schaute wieder nach draußen. Cameron war ein aber weitere Vorbereitungen hatte sie noch nicht tref-
Idiot. Er hätte in der Hauptkuppel bleiben sollen. Dort fen können.
war er sicher. Von ihrem Vorhaben konnte er sie doch
„Worauf wartet ihr beiden Langweiler denn?“ An-
nicht mehr abhalten.
ti platschte ungeduldig in ihrem Säurebad. „Holt mich
Plötzlich wurden die Roboter unruhig. Vogel mußte heraus. Ich habe lange genug in dieser widerwärtigen
etwas bemerkt haben, und versuchte jetzt über Radio- Suppe aushalten müssen.“
funk die Roboter abzuordnen. Die Zeit drängte. Doc-
„Wir überlegen gerade, wie wir das am besten be-
chi trieb durch eindringliche Worte die Roboter zur
werkstelligen können.“
Eile an. Einer von ihnen stürzte. Die restlichen ver-
mochten den Tank nur noch mit Mühe zu halten. Dann „Überlaßt mir das Denken, und macht ihr euch an
gelang es. Er rollte polternd über die Rampe ins Inne- die Arbeit. Ich habe mir schon eine Methode einfal-
re. len lassen. Schließlich weiß ich über mich selbst am
besten Bescheid.“
Docchi schloß die Luftschleuse. „In Ordnung!“ rief
er Jordan zu. „Anti ist drin. Wir können starten.“ „Du bist die Expertin. Also sage, was wir tun sol-
Jordan bediente die Schaltung, und das Schiff ruck- len.“
te vor und zurück, bevor es immer schneller werdend „Gut. Paßt auf. Alles, was ich brauche, ist — kei-
nach oben schoß. „Cameron war in der Nähe“, berich- ne Schwerkraft. Das übrige besorge ich dann allein.
tete ihm Docchi. „Wenn ihm etwas passiert ist, war es Ich habe Muskeln, mehr als ihr glaubt. Ich kann ge-
seine eigene Schuld. Er hatte Zeit genug, sich in Si- hen, solange meine Knochen nicht unter dem Gewicht
cherheit zu bringen. Aber ich möchte nur wissen, wo zerbrechen.“
Nona geblieben ist. Sie hätte doch zusammen mit Anti Wenig Schwerkraft war für Docchi nicht angenehm,
kommen sollen.“ gar keine war viel schlimmer, beinahe eine Katastro-
Zufällig warf er einen Blick in das Achterschiff. An phe. Ohne Arme war er hilflos. Die Aussicht darauf,
einer Kabinentür blinkte ein kleines Lämpchen. Sie frei in der Luft zu schweben, ohne sich irgendwo fest-
hatten einen Passagier. halten zu können, war erschreckend. Er schluckte und
versuchte, seine Angst zu unterdrücken. Anti mußte
3. Kapitel geholfen werden. Er mußte sich mit dem schwerelosen
Zustand eben so gut es ging abzufinden versuchen.
Docchi eilte schon den Gang entlang, gefolgt von Jordan hatte sich schon an die Arbeit gemacht. Er
Jordan, der sich bei der geringen Schwerkraft leich- pumpte die Säure aus Antis Tank in einen Ersatzbe-
ter bewegen konnte. Er holte Docchi ein und hielt ihn hälter. In dem Augenblick, als das Becken geleert war,
fest. stellten sie die Schwerkraft auf Null.
„Das kann nur Nona sein. Weiß der Teufel, wie sie Anti erhob sich.
hereingekommen ist. Wahrscheinlich hat sie auf uns
Die ganze Zeit über, während der er Anti gekannt
gewartet, hat sich in der Kabine versteckt und ist da-
hatte, hatte Docchi nie mehr von ihr gesehen, als
bei eingeschlafen. Nach all der Mühe, die sie mit uns
ein von einem bläulichen Säureteich umrahmtes Ge-
gehabt hat, kann ich es ihr nicht verdenken. Sie muß
sicht. An einigen notwendigen Stellen hatte man zeit-
müde gewesen sein. Lassen wir sie einstweilen liegen
weilig das Fleisch weggeschnitten. Der Rest mußte
und schauen wir zuerst nach Ami.“
ständig von der ätzenden Flüssigkeit umspült werden,
Der Laderaum des Schiffs war geräumig. Der Tank
die das wildwuchernde Gewebe ihres Körpers genau-
hatte bequem darin Platz. Der Transport hatte seinem
so schnell zerstörte, wie es nachwuchs. Beinahe so
Aussehen übel mitgespielt. Er war verbeult und ver-
schnell, jedenfalls.
schrammt, aber er war widerstandsfähig und machte
den Eindruck, als könne er noch Generationen über- Docchi war auf den Anblick, der sich ihm bot, nicht
dauern. Bei dem Schiff dagegen konnte man schon vorbereitet gewesen und blickte unwillkürlich zur Sei-
Bedenken haben. Die der Rampe gegenüberliegende te.
Wand war offensichtlich von dem Tank gerammt wor- „Schaut nur ruhig her. Jetzt könnt ihr sehen, wie ein
den und war stark verbogen. Das Lagergerüst war be- richtiges Monster aussieht“, japste Anti.
schädigt. Oberall lagen Werkzeuge und Geräte ver- Nun, nach einiger Zeit konnte man sich wohl auch
streut. an diesen Anblick gewöhnen.
Zielstern Centauri 14

„Wie lange kannst du ohne die Säure auskommen?“ Docchi lächelte. „Soviel ich weiß, nein. Höchstens,
stammelte Docchi. daß man es seit vielen Jahren schon nicht mehr benutzt
„Überhaupt nicht. Ich trage sie deshalb mit mir her- hat.“
um. Wenn du nicht so unaufmerksam wärest wie die „Wenn man es nicht benutzt, warum entfernt man
meisten Männer, hättest du das schon bemerkt.“ es dann nicht? Ich verstehe nicht, wieso man überflüs-
„Es sieht fast aus wie eine Robe“, meinte Docchi siges Zeug an Bord läßt.“
vorsichtig, nachdem er sie einen Augenblick schwei- „Das ist eine etwas sonderbare Geschichte“, ent-
gend betrachtet hatte. gegnete Docchi. „Das Instrument ist nicht nutzlos, es
wird nur nicht benutzt. An sich ist es die Anzeige-
„Genau. Eine chirurgische Robe. Das einzige, was
vorrichtung für den Gravitationsantrieb, von dem man
ich außer meinem Namen mein Eigentum nennen
sich seinerzeit sehr viel versprach. Man hat ihn nicht
kann. Bestimmt das einzige Kleidungsstück im gan-
entfernt, weil er in außergewöhnlichen Notfällen viel-
zen Sonnensystem, das mir paßt. Na egal. Wenn du
leicht doch noch einmal von Nutzen sein könnte.“
übrigens genauer hinsiehst, wirst du merken, daß es
nicht aus Stoff, sondern aus einer schwammartigen „Aber das zusätzliche Gewicht...“
Substanz besteht. Darin läßt sich genug Säure spei- „Ist nicht vorhanden. Der Gravitationsantrieb wird
chern für sechsunddreißig Stunden.“ durch denselben Generator gespeist, der auch die
Sie schob sich auf den Durchgang zu. Für die mei- Schwerkraft für die Passagiere erzeugt. Merkwürdig,
sten Leute wäre er geräumig genug gewesen. Nicht so daß Nona sich damit befaßt. Ich bin überzeugt, daß
für Anti. Sie konnte sich gerade noch seitwärts hin- sie niemals in ihrem Leben in einem Kontrollraum ge-
durchquetschen. wesen ist, und doch ist sie direkt darauf zugegangen.
Vielleicht ahnt sie, was es ist.“
* Was für ein Mensch war sie nur! Mit fast kindlicher
Neugier starrte sie versunken auf die Schalttafel. Es
war seltsam, daß jemand, der nie eine Ausbildung in
Sie fanden Nona vor dem Armaturenbrett stehen, technischen Dingen genossen hatte, so viel Geschick-
als sie zurückkamen. Ihre Aufmerksamkeit galt einem lichkeit und Kenntnisse auf diesem Gebiet besaß wie
Instrument, das sich etwas entfernt von den anderen sie. Die Art ihrer Gedankengänge war trotz einge-
befand. Etwas daran schien sie zu stören. Sie hatte Ma- hender und umfangreicher psychologischer Tests, de-
gnetschuhe angezogen, und Docchi beeilte sich, es ihr nen man sie unterworfen hatte, nie erkannt worden.
nachzutun. Die Ärzte bezweifelten, daß sie überhaupt fähig war,
Anti blieb vor ihr stehen. „Schaut sie euch doch an. zu denken. Sie reagierte stets anders als gewöhnliche
Wenn ich nicht genau wüßte, daß es ihr nicht besser Menschen. Ihre Eltern waren beide gesund und nor-
geht als uns, ja, daß sie sogar von Geburt an unheilbar mal gewesen. Viele ihrer Vorfahren waren qualifizierte
krank ist, würde es einem nicht schwerfallen, sie zu Techniker und Mechaniker gewesen.
hassen. Sie wirkt direkt ekelhaft normal.“ Docchi hörte plötzlich ein Geräusch. Er lauschte.
Das stimmte natürlich nur zum Teil. Die Operati- Auch die anderen zwei waren aufmerksam geworden.
onstechniken der Chirurgen, die Körper auseinander- Anti quetschte sich durch den Korridoreingang und
nehmen und sie mit maschinenhafter Präzision wie- verschwand. Docchi und Jordan folgten ihr, bis sie
der zusammenzusetzen vermochten, hatte gutes Aus- plötzlich stehenblieb.
sehen zu einer Alltagserscheinung gemacht. Verküm- „Ein Roboter! Er kommt von der anderen Seite.
merte, schwabbelige Muskeln, verfärbte Haut und Fal- Schnell, versucht ihm in den Rücken zu fallen. Ich hal-
ten gab es nicht mehr. Selbst die Alten erschienen jung te ihn solange auf.“
und attraktiv bis zu ihrem Tod, und auch noch da- Sie füllte den gesamten Gang aus, sodaß man un-
nach. Deformierte Glieder, verunstaltete Körper, un- möglich an ihr vorbeikonnte. Als Jordan mit einem
ansehnliches Haar, Glatzen — das alles konnte besei- Strahler aus der anderen Richtung kam, versuchte der
tigt werden. Jedermann war eine stattliche, ja schöne Roboter, sie wegzuschieben. Seine metallenen Arme
Erscheinung. Ohne jegliche Ausnahme. Oder jeden- kämpften verzweifelt gegen die ungeheuren Fleisch-
falls sprach man von diesen nicht öffentlich. massen Antis an. Jordan konnte nicht schießen, weil
Die Versehrten gehörten natürlich nicht dazu. Auch er befürchten mußte, auch Anti zu verletzen.
Nona nicht. Sie konnte keineswegs als normal be- „Schwerkraft!“ rief Anti. „So viel wie möglich.“ Ihr
zeichnet werden. Im Gegenteil, sie war ein Sonderfall. Plan war offensichtlich. Docchi eilte zum Schaltbrett,
Keiner zum Ausflicken wie die anderen Kranken und als er plötzlich niedergeworfen wurde. Gravitations-
Verunglückten. Genau genommen war sie vom Durch- wellen! Seine Glieder wurden schmerzhaft gegen den
schnitt ebenso weit entfernt wie Anti — nur in entge- Fußboden gepreßt, seine Ohren dröhnten, und er fühl-
gengesetzter Richtung. te das ganze Schiff beben. Noch ganz benommen kam
„Was starrt sie da so an?“ fragte Anti. „Ist mit den ihm die Erkenntnis, daß ein künstliches Schwerefeld
Instrumenten etwas nicht in Ordnung?“ von dieser Größe noch niemals erzielt worden war.
15 TERRA

Es verging so schnell, wie es gekommen war. Cameron starrte auf die Waffe und zuckte die Ach-
Schmerzend weiteten sich seine Lungen, während er seln. „Ich vergebe mir wohl nichts, wenn ich das ver-
sich mühsam aufraffte. spreche. In höchstens einem Tage wird man euch so-
Anti hatte unter der künstlichen Schwere nicht so wieso festgenommen haben.“
gelitten, wie er erwartet hatte. Sie bewegte sich schon „Das lassen Sie unsere Sorge sein“, antwortete ihm
wieder und kam torkelnd auf die Beine, als er zu ihr Docchi, und dann zu den anderen gewandt: „Wir neh-
trat. men die reguläre Route. Ich glaube, so sind unsere
„Uff!“ stöhnte sie und betrachtete befriedigt den Chancen am größten. Man wird bestimmt nicht ver-
reglos, vor ihr liegenden Körper des Roboters. muten, daß wir in Richtung Erde fliegen. Der Mars
„Bist du verletzt?“ erkundigte sich Docchi besorgt. scheint logischer, oder einer der Jupitermonde. Ich bin
Sie tastete die Seiten ihres Körpers ab. überzeugt, keiner weiß, was wir wirklich vorhaben.“
„Nicht die Spur, wie es scheint“, erwiderte sie end- „Ich bin dagegen“, äußerte Jordan Bedenken. „Sie
lich. „So fühlt sich das also an, wenn ich mit meinem werden uns festsetzen, bevor wir auch nur den Schim-
Gewicht herumspiele. Ich habe mich gottlob im rich- mer einer Chance haben.“
tigen Moment fallen lassen. Ich muß schon sagen, du
„Wir unterscheiden uns durch nichts von einer nor-
hast das Stichwort gut abgepaßt.“
malen Rakete auf der Erde-Mars-Route. Wir haben ein
„Ich hatte damit nichts zu tun“, sagte Docchi. „Es
Schiffsregister an Bord. Das nehmen wir zu Hilfe. Wir
muß Nona gewesen sein. Sie war die einzige, die zu
suchen uns daraus ein Schiff aus, das unserer Klasse
dem Zeitpunkt mit nichts anderem beschäftigt war. Sie
entspricht, und geben uns dafür aus, falls wir ange-
muß irgendwie gespürt haben, was du wolltest, und
funkt werden. Es ist zu viel Verkehr in dieser Gegend.
hat gehandelt. Ich begreife nur nicht, wo sie die viele
Zwischen all den Schiffen, die hier den Raum unsicher
Schwerkraft herbekommen hat.“
machen, fallen wir nicht weiter auf.“
„Du kannst sie ja später fragen“, unterbrach ihn An-
ti ungeduldig. „Vorerst ist wichtig, im Schiff nach dem „Warum diese ganzen Überlegungen“, sagte Anti
Rechten zu sehen. Wenn wir in dem Tempo weiterflie- ungeduldig. „Wenn wir erst, einmal in Nähe der Er-
gen, kommen wir nie an. Liegen wir außerdem über- de sind, brauchen wir nicht mehr viel Zeit.“
haupt auf dem Kurs?“ Docchis Gesicht sah eingefallen und müde aus.
„Denkt lieber an den Robot“, mischte sich jetzt Jor- „Das dachte ich auch. Aber inzwischen hat Vogel be-
dan ins Gespräch. „Woher bekam er seinen Befehl? stimmt die Raumpolizei alarmiert, und deren Schiffe
Von Vogel jedenfalls nicht. Die Metallhülle des Schif- werden sich auf uns stürzen, sobald wir erst einmal zu
fes wirkt als Abschirmung. Jemand muß sich außer senden anfangen.“
uns noch an Bord befinden. Ich schätze — Came- „Na und? Das haben wir doch erwartet?“
ron. Erinnert euch daran, als Antis Tank verladen wur-
de. Cameron muß den Robotern gefolgt sein. Und „Nicht unbedingt, Anti. Es ist ein Unterschied zwi-
nicht nur der Roboter, den wir eben unschädlich ge- schen einer Routine-Kontrolle und einer intensiven
macht haben, sondern auch Cameron muß sich herein- Suche.“
geschlichen haben.“ Er zog seine Waffe. „Also noch „Die Raumpolizei will uns also fangen? Trotzdem
eine Treibjagd. Nichts wird mir mehr Vergnügen be- sehe ich nicht ein, warum das etwas ändert.“
reiten, als auf einen so neuen normalen jungen Arzt „Schau, Anti, wir hatten vor, den Medizinischen Rat
zu zielen.“ zu übergehen und unseren Fall dem Solar-Ausschuß
Docchi warf ihm einen zweifelnden Blick zu. „Mei- direkt vorzulegen. Wenn sie uns aber so dringend fest-
netwegen nimm den Strahler mit. Aber benutze ihn nehmen wollen, wie das Radio vorgibt, werden sie
nur im äußersten Notfall. Wir dürfen über dem al- nicht im geringsten mit uns sympathisieren. Ganz und
len unser eigentliches Ziel nicht vergessen. Vermutlich gar nicht.
wirst du ihn sowieso nicht benötigen. Cameron befin-
det sich in unserer Gewalt und wird bereit sein, sich Und wenn der Solar-Ausschuß uns nicht unterstützt,
zu ergeben.“ werden wir nie wieder auch nur eine einzige Chance
haben. Nach dem jetzigen Vorfall wird der Asteroid
Er sollte recht behalten.
von Wachposten überschwemmt sein. Sie werden uns
4. Kapitel noch beim Schlafen beobachten.“
„Nun“, sagte Anti. „Hatten wir etwa nicht auch an
Der Arzt schien sich über seine Lage weiter keine diesen Fall gedacht? Laß uns den letzten Schritt jetzt
Sorgen zu machen. „Jetzt habt ihr das Schiff und mich vorwegnehmen.“
dazu. Wie lange glaubt ihr, werdet ihr es halten kön-
nen?“ Docchi hob den Kopf. „Wir sollen uns an die letzt-
Docchi musterte ihn gedankenvoll. „Ich erwarte von mögliche Stelle wenden? Der Solar-Ausschuß wird es
Ihnen keine Hilfe, aber Ihr Wort, daß sie uns von nun uns sehr übelnehmen.“
an in keiner Weise hinderlich sein werden.“ „Natürlich, aber sie können nichts dagegen tun.“
Zielstern Centauri 16

„Sei nicht zu sicher. Er kann uns abschießen lassen. Zum ersten Male schien sich Cameron jetzt zu ver-
Mit der Entführung des Schiffes sind wir automatisch gegenwärtigen, was sie vorhatten. „Wartet“, sagte er
zu Verbrechern geworden.“ hastig. „Ihr macht einen Fehler. Ihr müßt mir zuhö-
„Ich weiß, aber sie werden vorsichtig sein, beson- ren.“
ders nachdem wir Kontakt aufgenommen haben. Wie „Wir müssen dies und wir müssen das“, fuhr Jordan
würde es aussehen, wenn wir vor den Augen von Mil- ihn an. „Ich habe es jetzt allmählich satt. Können Sie
liarden Zuschauern in Stücke geschossen würden?“ nicht begreifen, daß wir hier befehlen?“
„Sehr scharfsinnig“, sagte Docchi. „Nun gut, sie, „Das ist richtig“, stimmte Docchi zu. „Jordan, gib
werden nichts dergleichen unternehmen. Dann schla- acht, daß der Doktor nicht auf dem Bildschirm er-
ge ich vor, wir machen uns jetzt fertig.“ scheint oder uns unterbricht. Wir sind zu weit gekom-
Anti betrachtete ihn. kritisch. „Vielleicht sollten wir men, um uns jetzt noch von ihm beeinflussen zu las-
dich etwas herrichten.“ sen.“
„Mit falschen Armen und Kosmetika? Nein, sie „Gut. Beim ersten Ton, den er von sich gibt, schmel-
werden uns so hinnehmen müssen, wie wir sind — ze ich ihm die Zähne aus dem Mund.“ Jordan hielt den
häßlich und abstoßend.“ Strahler so auf Cameron gerichtet, daß er außerhalb
„Das ist eine noch bessere Idee — Mitleid er- des Sichtfeldes des Bildschirms lag.
wecken!“ Der Arzt wollte auffahren, aber die Waffe war, wenn
„Nicht Mitleid — sondern Wirklichkeit. Es bedeu- auch klein — so doch sehr real. Und Jordan war be-
tet zu viel für uns. Ich möchte nicht, daß sie uns reit, sie zu gebrauchen. Dies war der einzige Grund
als gutaussehende, wenn auch unglückliche Mitbürger für sein Schweigen, dies und die Tatsache, daß sie so-
akzeptieren und, nachdem sie entdeckt haben, was wir wieso bald ihre Lektion erhalten würden.
wirklich sind, ihre Meinung wieder ändern.“ Er be-
„Fertig?“ fragte Docchi.
trachtete das Tele-Kom. Sie näherten sich der Erde,
die nicht mehr nur ein Lichtpunkt war, sondern eine „Schalte ein. Es ist so weit. Ich habe alles einge-
ganz deutlich wahrnehmbare Scheibe. Er konnte die stellt. Jetzt ist nichts mehr zu ändern. Sie müssen uns
Umrisse der Ozeane erkennen, Landformen und die anhören.“
Schatten der Gebirge, die weiten Flächen der Prärien Die Rakete glitt aus ihrer Flugbahn. Sie fiel tiefer,
und Ebenen; er stellte sich die Menschen darauf vor. direkt auf die Erde zu. Tiefer und immer tiefer; der
Das war die Heimat — gewesen. vertraute Planet wurde sehr groß.
Jordan kam herein. „Wir werden verfolgt.“ „Bürger des Solarsystems, Bewohner der Erde“, be-
„Holen sie uns ein?“ gann Docchi. „Dies ist eine Sonderübertragung. Wir
„Wahrscheinlich. Bei dieser Bruchkiste hier.“ benutzen die Notwelle, denn für uns ist dies eine Not-
„Mach, was du willst“, sagte Docchi ungeduldig. lage. Ich sagte wir, und Sie möchten wissen, wer wir
„Wie schnell kannst du in den Sendebereich kom- sind. Schauen Sie uns an. Versehrte — das ist alles,
men?“ was wir sein können.
Jordan runzelte die Stirn. „Ich dachte wicht, daß wir Wir wissen — wir sind nicht hübsch. Aber es gibt
das für diesmal geplant hatten. Es sollte der allerletzte wichtigere Dinge. Bildung und Beitrag zum Fort-
Ausweg sein.“ schritt, zum Beispiel. Und obgleich es Ihnen auch un-
„Ich habe es mit Anti durchgesprochen. Dies ist un- wahrscheinlich vorkommen mag, gibt es Dinge, zu de-
sere letzte Chance. Wenn du irgendwelche Einwände nen wir beitragen können — wenn man es uns erlaubt.
hast, so mußt du sie jetzt erwähnen.“ Aber abgeschlossen auf einem kleinen Asteroiden
„Ich habe mir die Polizeinachrichten angehört“, werden wir dieser Rechte beraubt. In Enttäuschung
sagte Jordan nachdenklich. „Nein, ich habe nichts da- und Langeweile vegetieren wir dahin, am Leben ge-
gegen — nicht, wenn uns ein schwerer Kreuzer an den halten, ob wir wollen oder nicht. Und doch können
Fersen hängt!“ wir Ihnen helfen — so wie auch Sie uns geholfen ha-
ben — wenn wir nur dürfen. Sie können noch nicht zu
* den Sternen fliegen, aber wir. Und folglich werden Sie
durch das, was Sie von uns erfahren werden, auch bald
Sie versammelten sich im Kontrollraum. ,Ich möch- dazu befähigt sein.
te die Aufmerksamkeit nicht speziell auf mich lenken. Sie haben auf Ihre Experten gehört, die behaupten,
Auch nicht auf Nona, obgleich sie ganz annehmbar es wäre unmöglich; Raketen wären zu langsam, und
ist. Einer Welt mit perfekten und schönen Menschen die Mannschaft würde am Alter sterben, bevor sie zu-
mögen wir seltsam vorkommen, aber sie müssen uns rückkäme. Das ist richtig. Wir Versehrten sind eine
sehen, wie wir sind!“ Ausnahme. Gewöhnliche Menschen würden sterben
„Als Beispiele“, sagte Anti. — wir nicht. Der Medizinische Rat weiß über alles
„Ja, im gewissen Sinne sind wir das. Es hängt eine Bescheid — er kennt unsere Veranlagung — und doch
Menge davon ab, ob sie uns als solche anerkennen.“ verweigert er uns, was wir uns sehnlichst wünschen.“
17 TERRA

In einer Ecke des Kontrollraums schickte sich Ca- Hafen. Unser Name dafür ist: Schrotthaufen, und wir
meron an, zu protestieren. Jordan blickte ihn scharf an, sind der Schrott. Können Sie sich vorstellen, wie wir
unmißverständlich die Waffe auf ihn gerichtet. Came- uns fühlen?
ron unterließ es. Ich weiß nicht, wie Sie den Medizinischen Rat dazu
„Biokompensation“, fuhr Docchi fort, als wäre bringen können, uns eine Expedition zu den Sternen
nichts gewesen. „Lassen Sie mich erklären, was es organisieren und durchführen zu lassen. Wir haben
heißt, falls die Informationen darüber nicht an die Öf- immer wieder Anträge gestellt, und haben uns jedes-
fentlichkeit gelangt sind. Die Prinzipien der Biokom- mal mit einem Nein bescheiden müssen. Jetzt, nach-
pensation galten lange Zeit hindurch nur als Mutma- dem wir Sie unterrichtet haben, liegt es bei Ihnen. Un-
ßungen. Erst seit neuestem ist die medizinische Tech- sere Zukunft als Menschen steht auf dem Spiel. Ma-
nik so weit fortgeschritten, sie erforschen zu können. chen Sie es mit Ihrem Gewissen ab. Wenn Sie schlafen
Jede Zelle und jeder Organismus neigt dazu, individu- gehen, denken Sie an uns draußen auf dem Schrott-
ell und selbständig zu überleben. Wird eine Zelle ver- platz.“
letzt, so kämpft sie um Weiterbestehen, je nach Grö- Er schaltete ab und setzte sich. Sein Gesicht war
ße des Schadens. Wenn sie kann, heilt sie die Wunde grau, seine Augen brannten.
und lebt im gegenwärtigen Zustand weiter. Anderfalls
Er starrte zum Bildschirm. Die Schiffe waren unge-
pflanzt sie sich fast augenblicklich fort. Sie können das
mütlich nahe und hatten an Zahl zugenommen.
feststellen, wenn Sie vergessen, Ihren Rasen zu begie-
ßen, und Sie werden sehen, wie schnell er anfängt, Sa- „Versuche zu entkommen“, sagte er zu Jordan.
men zu tragen. „Geh nah an die Erde heran und benutze deren
Schwerkraft für einen schnellen Abflug. Wir dürfen
Menschen sind keine Pflanzen, werden Sie sagen.
uns nicht fangen lassen, bevor die Leute Gelegenheit
Und doch stimmen die organischen Eigenschaften
hatten, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen.“
überein. Wir Versehrten sind Menschen, die fast un-
glaublich verstümmelt und deformiert worden sind. „Jetzt, nachdem Sie fertig sind, möchte ich mit Ih-
Die medizinischen Wissenschaften haben sich unse- nen reden“, sagte Cameron mit belegter Stimme.
rer Körper angenommen. Jeder weiß, daß man gegen „Später“, entgegnete Docchi. „Ich lege mich jetzt
gewisse Krankheiten immun ist, wenn man sie ein- schlafen. Jordan, weck’ mich, falls irgend etwas pas-
mal durchgemacht hat. Das hat nicht nur mit dem siert.“
Blut etwas zu tun. Für uns wurde Blut gespendet, so Nona lehnte gegen das Schaltbrett. Sie schien auf
lange wir es brauchten. Maschinen besorgten unsere etwas zu lauschen, was die anderen nicht hören konn-
Atmung. Herz und Nieren wurden ersetzt, glänzen- ten, sie, für die Geräusche sonst nichts bedeuteten.
de Produkte, die mit minuziöser Genauigkeit arbeiten, Während Docchi schlief, ging die Jagd weiter. Lan-
Nerven- und Muskelsysteme regeneriert — und unse- ge nachdem sie die Erde hinter sich gelassen hatten,
re Körper stellten sich darauf ein. Wenn sie es nicht kam er wieder in den Kontrollraum.
getan hätten, stände keiner von uns heute hier. Der
„Ich habe darüber nachgedacht“, sagte Cameron,
Kampf war so außerordentlich, daß wir jetzt, da wir
als Docchi eintrat. „Es war eine schöne Rede.“
ihn gewonnen haben, praktisch immun sind gegen —
den Tod.“ „Ja?“ Docchi sah zum Bildschirm. Der Anblick, der
sich ihm bot, war nicht gerade ermutigend. Der Arzt
Schweiß rann ihm das Gesicht hinunter. Er sehnte
stand auf der Türschwelle.
sich nach Händen, um ihn wegzuwischen.
„Die meisten Verunglückten sind beinahe unsterb- „Ich kann es euch ja ruhig sagen“, begann er zö-
lich. Nicht völlig natürlich — wir sterben vielleicht in gernd. „Ich versuchte, euch von der Übertragung ab-
400 oder 500 Jahren. In der Zwischenzeit aber besteht zuhalten, sobald ich erkannte, worauf ihr aus wart. Ihr
kein Grund dafür, daß wir nicht für Sie als Entdecker wolltet nicht hören.“
in den Weltraum ziehen. Raketen sind langsam. Sie Er kam in den Raum. Nona kauerte mit ausdrucks-
würden sterben, bevor Sie von Alpha Centauri zurück- losem Gesicht in einem Sessel. Anti war gegangen, um
kämen. Wir nicht — Zeit bedeutet uns nichts! ihre Säurerobe neu aufzufüllen. „Wissen Sie, warum
Vielleicht werden, nachdem wir uns auf den Weg der Medizinische Rat Ihre Gesuche abgelehnt hat?“
gemacht haben, bessere und schnellere Raumschiffe „Sicher“, sagte Docchi.
konstruiert. Das macht uns nichts aus. Zumindest wer- „Der durchschnittliche Metabolismus von Versehr-
den wir versucht haben, Ihnen auf die bestmöglichste ten ist vom Normalen weiter entfernt als der von We-
Art nützlich zu sein, und das wird uns befriedigen.“ sen auf dem Meeresgrund. Dazu kommt die enorme
Docchi lächelte vor Anstrengung — aber im glei- Dauer der Lebenszeit. Das hätten Sie ihnen nicht sa-
chen Augenblick fühlte er, daß dies ein Fehler war, gen sollen. Verstehen Sie nicht, wie sie euch darum
den er nicht wiedergutmachen konnte. Sogar ihm hassen werden? Jedenfalls fangen Sie jetzt vielleicht
selbst erschien es mehr wie eine Grimasse. allmählich an, die Gesichtspunkte des Medizinischen
„Sie wissen, wo man uns festhält — um nicht zu sa- Rates zu verstehen.“
gen, eingesperrt hält. Wir nennen es nicht Handikap- „Kommen Sie zur Sache.“
Zielstern Centauri 18

„Verdammt noch mal, ich bin dabei“, sagte Came- aber um so stärker und unmißverständlich. Es bestand
ron schwitzend. „Zur Centauri-Gruppe gehören meh- kein Zweifel: die Versehrten waren zu bedauern, aber
rere Planeten. Wie viele, weiß man noch nicht ge- es war gut für sie gesorgt. Es war nicht nötig, aus dem
nau. Was wir durch die Kosmologie erfahren, läßt uns Leiden einen Profit zu schlagen; die Zeit der Mon-
ziemlich definitiv vermuten, daß es dort Lebewesen stershows war vorbei und würde nie wiederkehren.
gibt, die wahrscheinlich technisch nicht weit hinter Allmählich verdichtete sich die Meinung und wur-
uns liegen. Wer immer dort hinkommt, wird uns ge- de offener ausgesprochen. Jeder sah sich um, und da
genüber einer fremden Rasse zu repräsentieren haben. er beim anderen keine Scham bemerkte, erhob er seine
Wie sie aussehen, ist nicht wichtig, das ist ihre eigene Stimme mehr und mehr, um seine letzten Zweifel zu
Angelegenheit. Aber unsere Botschafter müssen ein überbrücken.
gewisses Minimum an äußeren Qualitäten aufweisen. „Dreh’ ab“, sagte Docchi schließlich. „Was nun?“
Das ist eine ernsthafte Angelegenheit, die für unsere fragte Jordan. „Warum wollt ihr dagegen ankämp-
Nachkommen von Bedeutung sein wird. Verdammt — fen?“ Camerons Stimme war eindringlich. „Kehrt auf
seht ihr denn nicht ein, daß unsere Repräsentanten we- den Asteroiden zurück! Man wird eure Tat vergessen.“
nigstens wie Menschen aussehen müssen?“
„Wir nicht“, sagte Docchi matt. „Aber es scheint
„Sie erzählen uns da nichts Neues. Wir wissen, wie uns keine andere Wahl zu bleiben.
Sie fühlen.“ Jordan war voll Widerwillen. Es wäre wahrscheinlich besser gewesen, wir wären
„Ihr täuscht euch“, sagte Cameron. „Ihr. täuscht über den Medizinischen Rat vorgegangen. Wir hatten
euch ganz gewaltig. Ich spreche nicht von meinem ihn falsch eingeschätzt.“
Standpunkt aus. Ich bin Arzt. Der Medizinische Rat „Wir wußten das, wollten euch aber bei dem irri-
besteht aus Ärzten. Wir pflanzen euch Beine, Arme gen Glauben lassen“, erwiderte der Arzt. „Es gab euch
und Augen auf oder erzeugen sie neu. Unsere Hand- Hoffnung und das Gefühl, nicht allein zu sein. Wir
werkszeuge sind Blut, Knochen und Eingeweide. Wir ahnten nicht, daß eure Gefühle euch so weit gehen las-
wissen sehr wohl, wie der Mensch von innen aussieht. sen würden.“
Wir sind uns voll bewußt, wie wenig den normalen
„Wir haben etwas erreicht. Warum sollten wir es
Menschen vom Kranken trennt.
aufgeben? Jordan, setze dich mit den Schiffen hinter
Versteht ihr immer noch nicht, was ich meine? Sie, uns in Verbindung. Sage ihnen, daß wir Cameron an
die Bewohner der Erde, sind vollkommen. Alle sind Bord haben. Spiele ihn als einen der ihren aus. Grund-
sie es. Fast zu vollkommen. Sie können kleine Fehler sätzlich ist er nicht schlecht. Er ist nicht so sehr gegen
nicht ertragen. Zur Erforschung von Hautreinigungs- und wie die anderen.“ Anti kam herein: „Was ist los?“
mitteln wird mehr Geld ausgegeben, als zum Unterhalt „Jordan wird es dir sagen. Ich möchte nachdenken.“
des gesamten Asteroiden. Mit Fältchen und Pickeln Um sich zu konzentrieren, schloß er die Augen. Die
kommen sie zu uns gelaufen. Gesundheit ist ihr Ab- Rakete schlingerte leicht, aber da die Fluggeräusche
gott, ihr Götze, den sie anbeten. Ihr denkt vielleicht, die gleichen blieben, fiel es ihm nicht weiter auf. Klei-
die Leute, an die ihr euch gewandt habt, fühlen Mit- ne Unregelmäßigkeiten in der Bewegung kamen häu-
leid? Was sie fühlen, ist etwas ganz anderes.“ fig vor. Man gewöhnte sich daran. Als er seine Gedan-
„Worauf wollen Sie hinaus?“ fragte Docchi leise. ken geordnet hatte, blickte er auf.
„Nur dies: Wenn es nach dem Medizinischen Rat „Wenn wir genügend Brennstoff und Verpflegung
ginge, wäret ihr schon lange unterwegs nach Centauri. hätten, wäre ich dafür, sofort direkten Kurs auf Al-
Es geht aber nicht nach ihm. Die Entscheidung wurde pha oder Proxima Centauri zu nehmen. Vielleicht so-
nicht von uns gefällt. Tatsache ist, daß sie direkt vom gar auf Sirius. Entfernungen spielen keine Rolle, da
Solar-Ausschuß ausging. Und der Solar-Ausschuß Ist es uns gleich ist, ob wir zurückkommen oder nicht.“
sehr sensibel; er handelt nie gegen die öffentliche Mei- Er schien sich nicht viel Hoffnung zu machen. „Aber
nung.“ wir brauchen Brennstoff. Wenn wir die Verfolger ab-
Docchi wandte sich ab, erfüllt mit Ekel. „Ich hätte hängen, könnten wir uns verstecken, bis wir ihn uns
nicht gedacht, daß Sie den Mut hätten, uns so etwas irgendwo stehlen können.“
ins Gesicht zu sagen.“ „Ich wollte es nicht, aber ihr „Und was machen wir mit dem Doktor?“ fragte Jor-
müßt die Wahrheit erfahren.“ Cameron fühlte sich un- dan.
gemütlich. „Ihr seid nicht zu weit von der Erde ent- „Wir werden einen unbewachten Asteroiden anlau-
fernt. Hört euch die Reaktionen auf eure Übertragung fen und ihn dort absetzen.“
an. Dann werdet ihr sehen, was los ist.“ „Ja“, sagte Jordan niedergeschlagen. „Eine gute
Jordan blickte zu Docchi, der unmerklich nickte. Idee. Die Frage ist nur, wie wir unserer persönlichen
„Das können wir tun. Es ist vorbei. Wie es jetzt auch Eskorte entgehen. Sie zögerten, als sie hörten, daß Ca-
sein mag, ändern können wir doch nichts mehr.“ meron an Bord ist, fielen aber nicht zurück. Sieh es dir
Jordan ging Welle auf Welle durch. Es war über- an!“
all das gleiche. Ob Privatleute oder offizielle Vertre- Er schaute selbst und blinzelte ungläubig, aber der
ter, Männer oder Frauen, die Entrüstung war versteckt, Bildschirm konnte nur zeigen, was zu sehen war.
19 TERRA

„Sie sind weg!“ Seine Stimme überschlug sich vor hohen Intelligenz-Quotienten, aber auch die Schwie-
Erregung. rigkeit, ihre Umgebung zu verstehen. Der Unterschied
Fast ungläubig war Docchi neben ihm. „Nein, die liegt darin, daß sie jedoch Gelegenheit hatte, mit Men-
folgen uns noch, liegen aber sehr weit zurück.“ Sogar schen zusammenzuleben und von ihnen zu lernen. Wie
während er hinsah, wurden die verfolgenden Schiffe groß ihr Wissen ist, hat man noch nicht feststellen kön-
merklich kleiner. nen.“
„Wie hoch ist unsere relative Geschwindigkeit?“ Er „Gut“, sagte Jordan zweifelnd, „ich verstehe. Aber
untersuchte die Skalen, klopfte daran herum, aber sie was tut sie?“
blieben gleich. Wenn der Bildschirm es nicht bestätigt „Bei zwei Menschen würde man es Telepathie nen-
hätte, würde er glauben, daß die Nadel klemmt oder nen. Die eine Intelligenz ist elektronischer, die an-
die Instrumente total unzuverlässig wären. dere organischer Natur. Du kannst dir deine eigenen
Es gab keine Erklärung — wenn nicht... Docchi Gedanken darüber machen — für mich ist die einzi-
überprüfte die Instrumente noch einmal. „Wir benutz- ge vernünftige Erklärung ein besonderes Sinneswahr-
ten den Gravitationsantrieb“, sagte er plötzlich. nehmungsvermögen. Es ist lachhaft, aber das einzig
„Unsinn“, widersprach Anti. „Ich fühle kein Ge- Wahrscheinliche.“
wicht.“ Jordan lächelte. „Für mich ist es verständlich. Die
„Ist auch gar nicht möglich“, antwortete Docchi. Kraft war schon immer vorhanden, aber man wußte sie
„Der Antrieb wurde eingebaut, um das Schiff voran- nicht auszuwerten. Sie hätte in keine besseren Hände
zutreiben. Als er sich für diesen Zweck als unbefriedi- fallen können. Wir können sie benutzen — oder viel-
gend erwies, wurde er umgewandelt, weil das billiger mehr Nona kann es. Wir haben die Möglichkeit, über-
war, als ihn wieder auszubauen. all hinzufliegen. Ich will einmal unsere jetzige Positi-
Der Unterschied zwischen Fahrtgravitation und ge- on feststellen.“
wöhnlicher ist gering, aber wichtig. Ein gewöhnli- Er machte sich an den Apparaten zu schaffen. Plötz-
ches Feld, das nicht gelenkt wird, regelt die Gewichts- lich zuckte er zusammen, lehnte sich nochmals vor,
verhältnisse im Inneren. Das dient dem Komfort der wie um sich zu vergewissern. Schließlich schaltete er
Passagiere. Ein gelenktes Feld außerhalb des Schiffes den Bildschirm auf und deutete müde hinein.
dient der Fortbewegung. Man kann das eine oder das
In der Mitte erschien eine winzige Welt, das Bruch-
andere benutzen, nicht beide.“
stück eines lang gestorbenen Planeten. Das Ende ihrer
„Aber ich habe es nicht eingestellt“, bemerkte Jor-
Reise war leicht erkennbar.
dan erstaunt. „Es würde nur wenige Sekunden arbei-
ten, wenn ich es getan hätte. Das haben alle Untersu- Es ist Handikap-Hafen. „Aber warum fliegen wir
chungen ergeben.“ dorthin?“ fragte Anti. Erstaunt blickte sie zu Docchi.
Docchi starrte grübelnd auf Nona. Sie saß zusam- „Wir gehen nicht freiwillig“, sagte er mit aus-
mengekauert da. Er berührte ihre Schulter. Sie öffnete drucksloser Stimme. „Dorthin will uns der Medizi-
die Augen, sah ihn aber nicht an. Die vorher so nutz- nische Rat locken. Wir haben nicht mit der Über-
lose Nadel am Schaltbrett stieg und fiel. wachungsautomatik gerechnet. Die Gravitationsfahrt
„Was ist mit dem armen Ding los?“ fragte Anti. „Sie wurde auf einigen Zentralstationen bemerkt. Sie ha-
zittert.“ ben Nona die Kontrolle abgenommen. Sie scheint es
„Laß sie“, sagte Docchi. „Laßt sie in Ruhe, wenn noch nicht bemerkt zu haben. Sie kann nichts dafür.“
ihr nicht auf den Asteroiden zurückwollt.“ Niemand Nona schaute auf und lächelte. Sie hatte das Recht,
bewegte sich. Niemand sprach. Minuten verstrichen. glücklich zu sein. Bis jetzt war sie so einsam gewe-
Das alte Schiff quietschte, und krachte — und lief den sen, wie nur sehr wenige Menschen. Jetzt war der er-
schnellsten Raketen des Systems davon. ste Kontakt geschaffen, und war er auch nicht ganz
„Ich glaube, ich kann es erklären“, meinte Docchi erfolgreich gewesen, so war es doch ein Vorausahnen
schließlich stirnrunzelnd, denn so ganz sicher war er und Hoffen auf bessere Tage. Sie wußte nicht, daß sie,
sich nicht. „Ein Teil des Schwerkraftgenerators — im genau wie die Rechenmaschine, eine Gefangene war.
gewissen Sinne der Schlüssel — ist eine elektronische Jäh wandte er sich ab. Sie hatten nun nichts mehr
Rechenmaschine, die fähig ist, alle Kalkulationen an- zu tun als zu warten. Das Schiff wurde automatisch
zustellen und die richtige Proportion der Kraft für ge- gelenkt und würde ohne ihr Zutun sicher landen. Das
steuerte und freie Gravitation unaufhörlich zu regeln. einzige, was er tun konnte, war, zu versuchen, Nona so
Mit anderen Worten, eine komplizierte mechanische lange wie möglich zu beschützen. Der Rat würde bald
Intelligenz. Aber auch eine verkannte Intelligenz, die anfangen, in sie zu dringen, sie zu untersuchen und
nicht verstand, warum sie unaufhörlich eine schwieri- zu testen. Er hoffte, sie fanden schnell heraus, was sie
ge und sinnlose Routinearbeit verfolgen sollte — und wissen wollten — das war für sie das Beste.
deshalb weigerte sie sich, es zu tun. Währenddessen saß sie teilnahmslos und unberührt
So ähnlich ist es mit Nona. Sie ist taub, kann we- von dem, was um sie herum vorging — ruhig und lä-
der sprechen, noch sich auf irgendeine andere Art ver- chelnd. Sie wußte nicht, daß ihre Ruhe erschüttert wer-
ständlich machen. Wie die Maschine hat sie einen sehr den konnte.
Zielstern Centauri 20

5. Kapitel *

In genauer Abstimmung auf ihre Geschwindigkeit


Auf dem Bildschirm in Camerons Büro wartete Me-
öffnete sich die äußere Wand der Kuppel und schloß
dizinrat Thornton ungeduldig.
sich hinter ihnen, bevor sich die innere Wand öffnete
und zuschnappte, um sie — wie eine Falle — aufzu- „Wir werden in zwei Stunden ankommen“, begann
nehmen. Jordan neutralisierte das Kontrollsystem und er sofort. „Wir — das sind hochstehende Regierungs-
ließ die Hände sinken. Sie glitten über den Landungs- beamte, Wissenschaftler und einige unserer führenden
steg und hielten. Daheim! Industriellen. Ihre Zeit ist wertvoll, deshalb lassen Sie
Nona war die einzige, die unberührt schien. Doc- uns jetzt die Sache mit der Schwerkraft regeln.“
chi hatte seit Stunden nicht mehr gesprochen. Anti Er erblickte den Kommandanten. „General Judd,
schwamm wieder in ihrem Säurebecken. Das Gravita- dies ist ein technisches Gespräch. Ich glaube nicht,
tionsfeld des Asteroiden, in das sie nun zurückgekehrt daß es Sie interessiert.“ „Gut. Ich werde draußen war-
waren, machte es notwendig. Jordan drückte mecha- ten.“ Thornton schwieg, bis sich die Tür geschlossen
nisch einen Hebel, Passagier- und Laderampe rollten hatte.
heraus. „Setzen Sie sich, Docchi“, sagte er mit unerwarte-
„Laßt uns gehen!“ sagte Cameron. „Ich denke, daß ter Besorgnis. „Ich kann Sie verstehen. Das Ziel Ih-
draußen ein Empfangskomitee wartet.“ rer Wünsche so greifbar nahe und dann die Rückkehr
Sogar er war erstaunt, was sie erwartete. Die kleine nach hier! Ich fühle mit Ihnen, aber da es nun einmal
Raketenkuppel beherbergte mehr Schiffe, als sonst in nicht mehr zu ändern ist, können wir vielleicht etwas
einem ganzen Jahr landeten. Bewaffnete Posten stan- anderes für Sie tun.“ Er machte eine kurze Pause. „Ich
den nicht nur auf beiden Seiten der Laderampe, son- möchte Ihnen nichts vormachen. Medizinisch ist Ih-
dern so weit man sehen konnte. Es war fast amüsant zu nen wohl nicht mehr viel zu helfen, so wie die Din-
bemerken, für wie gefährlich die Behörden sie hielten. ge jetzt stehen. Aber wir bieten Ihnen ein angenehmes
Am Ende der Rampe war ein großes Visifon auf- Leben: Freunde, Arbeit, was Sie wollen — wenn Sie
gestellt. Vom Bildschirm blickte Medizinrat Thornton mit uns zusammenarbeiten.“
— in Überlebensgröße — auf sie herab. „Natürlich“, antwortete Docchi und erhob sich. „Es
„Gute Arbeit, Dr. Cameron“, sagte er anerkennend, klingt verlockend. Ich möchte aber zuerst darüber
als sie das Schiff verlassen hatten. „Ich werde Sie spä- nachdenken.“
ter noch persönlich dazu beglückwünschen. Jetzt sor- „Halt“, mischte sich Cameron ein. Er trat direkt vor
gen Sie dafür, daß die Leute wieder an ihre gewohn- den Schirm. „Ich glaube, Sie mißverstehen Docchis
ten Plätze kommen. Nur Docchi bringen Sie mit in Ihr Beitrag —.“
Büro. Ich muß sofort mit ihm sprechen. Beeilen Sie
„Unterbrechen Sie nicht“, fuhr Thornton ihn an.
sich. Wichtige Persönlichkeiten warten auf eine Un-
„Ich möchte sein Einverständnis sofort. Es wird sehr
terredung.“
gut wirken, wenn wir all den berühmten Leuten zei-
Das Bild erlosch. gen können, wie gut wir mit unseren Patienten aus-
„Sie haben gehört, was er sagte, Dr. Cameron.“ Der kommen. Nun, Docchi, wie weit können Sie die Ein-
Offizier an seiner Seite war höflich, vielleicht weil dies zelheiten der Fahrt zu Papier gebracht haben, bis wir
die drei großen Sterne auf seiner Uniform noch unter- landen?“
strich.
„Nichts kann er“, schrie Cameron. „Ich versuche es
„Ich habe es gehört“, antwortete Cameron irritiert.
Ihnen doch zu erklären — er weiß nichts —.“
„Ich möchte Ihnen nichts befehlen, aber da ich hier
Chef bin, möchte ich Sie bitten, diesem Mädchen eine „Vorsicht“, rief Thornton — zu spät.
Wache zu geben. Lassen Sie sie nicht aus den Augen, Docchi trat heftig zu. Cameron fiel hin und bekam
General.“ einen weiteren Tritt auf den Hinterkopf.
„Sind Sie so sicher, daß Sie hier zu befehlen haben? Docchi stürzte durch die Tür. Draußen lehnte der
Ich habe das Gefühl, daß ich hier im Augenblick mehr Kommandant an der Wand, Docchi sprang an ihm vor-
zu sagen habe. Mein Auftrag lautet, Sie zu vertreten, bei und rannte weiter.
bis ich abberufen werde. Und das ist noch nicht ge- Judd wollte ihm nacheilen, als er aus dem Büro ge-
schehen.“ Er schaute sich um und winkte einem seiner dämpfte Rufe hörte. Er lief hinein.
Leute. „Leutnant, lassen Sie den kleinen Burschen —
Jordan, glaube ich — hinüber zur Hauptkuppel schaf- Thornton starrte ihn vom Bildschirm an. „Wie ich
fen. Sie selbst begleiten die hübsche Person hier in ih- sehe, haben Sie ihn sich durch die Lappen gehen las-
re Wohnung. Kommen Sie ihr nicht zu nahe, außer sie sen. Bringen Sie den Doktor zur Besinnung.“
ermutigt Sie dazu.“ Er lächelte Cameron zu. „Kann ich Nach einigen Minuten schlug Cameron die Augen
sonst noch etwas für Sie tun, Herr Kamerad?“ auf.
„Danke, General“, entgegnete dieser kühl. „Sie sind „Wer weiß etwas über die Fahrtgravitation, Doktor,
dafür verantwortlich, daß nichts schiefgeht.“ wenn nicht Docchi?“
21 TERRA

„Die letzte Person, an die Sie denken würden. Das Der Asteroid verließ seine Bahn, auf der er schon
kleine, taube, dumme Mädchen, die es nicht wert war, so lange gewandert war, und startete zu den Sternen.
psychologisch untersucht zu werden.“ Die Versammlung wirkte phantastisch. Alle waren
„Nona?“ fragte Thornton ungläubig. „Genau“, be- erschienen. Klein und groß, gehend oder kriechend,
stätigte Cameron und berichtete Einzelheiten. auf eigenen oder geborgten Beinen, mit Armen und
„Ich verstehe. Mit dieser Möglichkeit haben wir Gesichtern oder ohne — kamen sie herbei. Die Nach-
nicht gerechnet“, sagte der Medizinrat ernst. „Nicht richt hatte sich schnell verbreitet. Jeder wollte dabei
die mechanischen Fähigkeiten eines Ingenieurs, son- sein.
dern der seltsame telepathische Sinn eines Mädchens. „Es kann Stunden, aber auch Tage dauern, bis wir
Das ändert alles.“ sicher sind“, sagte Docchi. „Es liegt an uns, Nona so
„Es dürfte nicht so schwierig herauszufinden sein.“ viel Zeit zu verschaffen, wie sie benötigt.“
Der Arzt rieb die Beule am Hinterkopf. „Allerdings
„Wo versteckt ’sie sich?“ fragte eine Stimme aus der
kann sie uns nicht sagen, wie sie es getan hat. Wir
Menge.
müssen es durch Experimente erfahren; das schließt
alle Gefahren aus, da die Überwachungszentrale die „Ich weiß es nicht. Und wenn — würde ich es auch
Fahrt ja kontrollieren kann.“ nicht sagen. Es wäre zu gefährlich. Im Augenblick ha-
Thornton lachte auf. „Der Überwachungsdienst ist ben wir nichts anderes zu tun, als die Wachen daran
so gut wie nichts wert. Wir haben zu hindern, Nona zu finden. Kämpfen hat keinen Sinn.
Wir besitzen keine Waffen, und außerdem sind sie in
es ausprobiert. Eine Mikrosekunde lang glaubten
der Oberzahl. Ich habe einen anderen Plan: Wir müs-
wir, er hätte übernommen, wie er es bei anderen
sen ihre Suche systematisch erschweren. Wie — das
Einheiten tut — aber der Schwerkraftgenerator ent-
überlasse ich eurer eigenen Phantasie. Zerstört, zum
schlüpfte wieder. Wir dachten, es wäre Docchi gelun-
Beispiel, die Licht- und Ventilationsanlagen, sie wer-
gen, den Kontrollkreis zu unterbrechen.“
den gezwungen sein, sie zu reparieren. Begebt euch in
„Docchi hat mit der ganzen Sache nichts zu tun. Gefahr, und sie werden euch helfen müssen. Je mehr
Aber warum ist Nona nur zurückgekommen? Sie muß- wir sie anderweitig beschäftigen, um so weniger Leute
te ja nicht.“ haben sie für die Suche zur Verfügung.“
„Wir fanden eine Erklärung für Docchi. Es war
„Und ich“, rief eine Frau von weiter hinten. „Was
das einzig Vernünftige, was er in diesem Falle hätte
kann ich tun?“
tun können: sich uns stellen und Profit aus der Sache
schlagen.“ Der Medizinrat schüttelte den Kopf. „Aber „Du wirst eine anstrengende Zeit durchzustehen ha-
warum Nona es tat, kann ich mir nicht erklären.“ ben“, versprach Docchi. „Wo ist Jeriann?“
„Glauben Sie...“, begann Cameron und wünschte Jeriann drängte sich nach vorn. Er betrachtete sie
im selben Moment, er hätte geschwiegen. genauer. Nie zuvor hatte er sie aus dieser Nähe gese-
„Ja, bei Gott, das denke ich.“ Thornton schlug mit hen. Es schien fast unglaublich, daß sie zu ihnen ge-
der Faust auf den Tisch. „Docchi kennt den Grund. hörte. „Jeriann“, sagte Docchi zu den anderen, „ist ei-
Er ist erst hier im Zimmer daraufgekommen. Sobald ne normale, hübsche Frau — äußerlich. Aber sie hat
er erkannte, was los war, lief er davon.“ Panik durch- kein Verdauungssystem. Die Höchstzeit, in der sie oh-
fuhr ihn, aber er beherrschte sich. „Sie hätte das Schiff ne Nahrung und Flüssigkeit auskommt, beträgt zehn
überall hin lenken können, wo immer sie wollte. Wir Stunden. Deshalb ist sie hier bei uns. Ich denke nun
hatten kein Mittel, sie daran zu hindern. Und da sie an folgendes: es gibt bestimmt Kosmetiker unter euch,
jetzt hier ist — ganz freiwillig — ist klar, was sie will die Jeriann so herrichten können, daß sie wie Nona
— den Asteroiden. aussieht. Wenn die Wachen sie gefunden haben — was
Verstehen Sie mich, General? Schwerkraftgenerato- bestimmt einige Zeit dauern wird —, werden sie die
ren unterscheiden sich durch nichts voneinander, au- Suche bestimmt abblasen, bis sie herausfinden, daß sie
ßer durch Größe und Kraft. Was sie auf dem Schiff die Falsche erwischt haben. Allerdings werden sie da-
tat, kann sie genauso gut hier tun!“ nach weitaus intensiver und auch rücksichtsloser vor-
gehen. Dann brauche ich noch ungefähr 50 weitere
„Keine Sorge“, beruhigte ihn der erstaunte Offizier. Freiwillige, die als Nona aufgemacht werden. Es ist
„Ich werde sie schon kriegen — sie und Docchi.“ gleich, wie sie aussehen; alle äußeren Mängel können
„Es ist mir gleich, wie Sie es anfangen, aber neh- mit Plastik ersetzt werden. Wer von euch also etwa
men Sie das Mädchen fest. Sofort!“ ihre Größe besitzt, gehen kann und wenigstens einen
Arm hat, möge vortreten.“ Unentschlossen blickten
* sich die Frauen gegenseitig an. „Denkt daran, wofür
ihr es tut“, drängte Docchi. „Ihr werdet es sicher nicht
Es war zu spät dafür. Die große Kuppel erzitterte leicht haben. Einige werden Verletzungen davontra-
und schwankte; die kleine Welt vibrierte, ächzte und gen! Aber dies alles wird die Suche durcheinander-
stöhnte. bringen und verzögern.“
Zielstern Centauri 22

Nach und nach versammelten sich diejenigen, die in er überlegte und überlegte und kam zu keinem Ent-
Frage kamen, um die Kosmetiker. Docchi überwach- schluß.
te kritisch die Umwandlungen, hier und da Ratschläge Die Sonne stand hoch über der Kuppel. Sonne? Sie
erteilend. ähnelte fast einem sehr hellen Stern, der keine Schat-
„Und vergeßt nie, ganz gleich, was man mit euch ten warf. Die Lichter der Kuppel waren heller; sie
macht, daß Nona weder hören noch sprechen kann. flackerten und erloschen in fast regelmäßigen Abstän-
Schreit nicht um Hilfe, wenn sie euch verletzen. Wir den immer wieder.
können nicht helfen. Versteckt euch an schwierigen Ein Soldat trat hinter einer Gefangenen ein und
Stellen. Laßt euch eine nach der anderen finden. Ihr grüßte nachlässig. „Ich glaube, ich habe sie.“
werdet selbst nach der Art ihrer Reaktion entscheiden Cameron betrachtete das Mädchen. „Ich glaube
müssen, wann der richtige Zeitpunkt ist. Wir können nicht. Und außerdem scheinen Sie unnötig hart mit ihr
uns bei dem Tumult untereinander nicht verständigen. umgegangen zu sein.“
Jede Wache, die eine von euch zur Untersuchung ab- Der Mann grinste mit unschuldiger Miene. „Befehl,
führt, ist eine weniger, die nach Nona sucht. Sie müs- Doktor.“
sen sie sehr bald finden oder aber den Asteroiden ver- „Wessen Befehl?“
lassen.“
„Ihr eigener. Sie sagten, sie könne keinen Ton von
Eine der Frauen blickte ihn fragend an: „Warum sich geben. Es war die einfachste Art, es herauszube-
verlassen?“ kommen. Sie sprach kein Sterbenswort.“
„Die Sonne wird kleiner.“ Er dachte, er hätte es al- Cameron wandte sich zum General, merkte aber,
len erklärt. Wahrscheinlich war sie später gekommen. daß er von ihm keine Hilfe zu erwarten hatte. Judd
Mit Befriedigung wiederholte er: „Handikap-Hafen starrte unberührt vor sich hin. Der Arzt ergriff das
verläßt das Sonnensystem.“ Skalpell und stieß es wütend in den Schenkel des Mäd-
Bald war ,Nona’ an 50 verschiedenen Stellen ver- chens. Sie schaute ihn mit Tränen in den Augen an,
steckt. bewegte sich aber nicht.
Und an noch einer. „Plastik — wie jeder Narr feststellen kann.“ Sein
Ärger wuchs. „Laß sie frei!“
* Der Soldat grüßte steif und verließ hinter dem Mäd-
chen den Raum.
Die Neptunbahn lag weiter hinter ihnen, und der „Ich habe ein Anliegen an Sie“, sagte Docchi.
Asteroid beschleunigte immer weiter. Die Gravitation „Selbstverständlich“, lachte der General zynisch.
nahm an Intensität zu. Jede Bewegung kostete Mühe „Wir sind geneigt, Ihnen alles zu geben, was Sie wün-
und Anstrengung. Die Suche ging nur sehr langsam schen. Wenn es nicht verfügbar ist, senden wir natür-
voran. Stunden vergingen — und ein ganzer Tag. Die lich Leute aus, um es zu besorgen.“
Schwerkraftgeneratoren arbeiteten weiter, und es schi- Docchi grinste über das ganze Gesicht. „Sie wer-
en, als würden sie nie aufhören. den uns nun bald verlassen — sehr bald und ohne No-
„Haben Sie sich alles gut überlegt? Sie wissen, na. Lassen Sie ein paar Schiffe hier. Sie brauchen sie
Sie tragen die Verantwortung“, sagte Docchi ironisch. nicht alle. Aber wir werden sie benötigen, wenn wir
„Sie entfernen sich mit uns von der Sonne. Sie müs- ein anderes System erreichen.“
sen fertig werden, bevor Sie uns verlassen. Wenn Sie Der General wollte antworten, aber der Zorn ver-
zu lange warten, wird es Ihnen nicht mehr gelingen, schlug ihm die Sprache.
die Erde zu erreichen.“ „Sagen Sie nichts, was Sie bereuen könnten“, er-
Der General versuchte, ihn zu ignorieren, aber sei- mahnte Docchi ihn. „Was werden Sie berichten, wenn
ne Kiefer knirschten. „Wenn wir doch nur diese ver- Sie nach Hause kommen? Können Sie Ihren Vorge-
dammte Fahrt stoppen könnten. Und wenn ich mir vor- setzten sagen, daß Sie alles in bester Ordnung verlie-
stelle, daß du weißt, wo Nona ist...“ ßen und abflogen, als noch immer Zeit war, die Suche
fortzusetzen? Oder wäre es nicht günstiger, ihnen zu
Docchi versteifte sich. „Wollen Sie mich noch ein-
erzählen, daß Sie bis zur letztmöglichen Minute blie-
mal ausfragen?“
ben — so lange, daß Ihre Leute schnellstens abtrans-
„Lassen Sie das, General“, mischte sich Cameron portiert und einige Schiffe hinterlassen werden muß-
unwillig ein. „In solchen Fällen stoßen wir nur auf ten? Denken Sie gut darüber nach. Ich spreche in Ih-
größeren Widerstand.“ rem eigenen Interesse.“
Sein Gesicht verdüsterte sich, als er fortfuhr. „Was Außer sich vor Wut, verließ der General das Zim-
er im Augenblick erreichen will, ist klar. Unsere Moral mer, langsam gefolgt von Cameron. Docchi atmete auf
ist bereits erfolgreich erschüttert. Ich kann mir nicht bei dem Gedanken an den nahen Sieg — er achtete
vorstellen, wie wir weiterkommen sollen.“ Er wünsch- nicht darauf, wohin die beiden gingen.
te, der Medizinrat wäre gelandet, um die Dinge mit
ihm zu besprechen. Er brauchte neue Anweisungen — *
23 TERRA

Der General und seine Leute waren abgeflogen. Die dann? Zwischen hier und Alpha Centauri konnte sich
Sonne war jetzt nur noch ein Stern und unterschied jede beliebige interstellare Masse befinden, die groß
sich kaum mehr von den vielen anderen. Der Asteroid genug war, den Asteroiden zu zertrümmern. Vorsichts-
selbst schien sich verändert zu haben, er schien geräu- maßnahmen waren angeraten.
miger als zuvor und nicht mehr so trüb. Der Grund Plötzlich hielt Jordan an und deutete auf den Boden
dafür war leicht zu erklären — eine kleine Welt hat- vor sich. Die Gestalt, die dort lag, war eine der vie-
te sich gebildet, ein winziges, in sich abgeschlossenes len Nonas, die ihre Maske noch nicht wieder entfernt
System. hatte. Die Kosmetiker hatten gute Arbeit geleistet, und
„Ich denke, wir schaffen es“, sagte Docchi. „Wir es war schwierig, sie zu identifizieren. Sie lag in einer
haben Energie, und der Sauerstoff läßt sich ergänzen. unbequemen Stellung, und es war zu erkennen, daß sie
Zwar werden wir Nährpflanzen anbauen oder Nah- nicht freiwillig hier war.
rungsmittel herstellen müssen, aber schließlich wurde Jordan kletterte vom Roboter und schüttelte sie.
der Ort daraufhin eingerichtet. Es ist eine Menge Ar- „Sie braucht ärztliche Hilfe“, sagte er. Das Mädchen
beit, alles wieder in Ordnung zu bringen — aber wir bewegte sich leicht, ihre Lider zuckten, und sie flü-
wollten ja schon immer mal etwas zu tun haben, was sterte etwas.
außerhalb der Routine liegt.“
„Frag sie nach ihrem Namen“, riet Docchi. Aber das
Sie saßen neben Antis Tank, der wieder auf seinem
war unmöglich, sie war in eine neue Ohnmacht gefal-
alten Platz stand.
len.
„Wir werden darüber nachdenken, wie wir Anti das
„Sie sagte nichts außer einem Wort“, antwortete
Leben im Becken ersparen können“, sagte Jordan.
Jordan hilflos. „Nahrung. Sonst nichts.“
„Wenn Nona zurückkommt, ist es vielleicht möglich,
einen Platz ohne Schwerkraft herzustellen, um es für Nahrung! Docchi kniete nieder, um seine Vermu-
Anti etwas bequemer zu machen.“ “Ich kann warten“, tungen zu bestätigen. Es war Jeriann, die erste der No-
warf Anti ein. „Ich bin darin geübt.“ nas.
Und da war Nona! Frisch und ausgeruht kam sie Er konnte sich ausrechnen, was geschehen war.
auf die drei zu. Woher wußte sie, daß sie in Sicher- Nachdem Cameron herausgefunden hatte, wer sie war,
heit war? Sie mußte sich ganz in der Nähe versteckt hatte er sie einsperren und versorgen lassen. Als die
gehalten haben, um die Soldaten abfliegen zu sehen. Sache weiter und weiter ging, war es ihr gelungen,
„Wo warst du?“ fragte Docchi, ohne eine Antwort zu entfliehen und sich vor den Wachen zu verstecken.
zu erwarten. Sie lächelte — und einen Augenblick Aber sie hatte zu lange gewartet. Auf ihrem Weg zum
lang glaubte Docchi, sie habe ihn verstanden. Hospital war sie zusammengeklappt. Ihre zehn Stun-
„Wir müssen einen festen Plan machen, wenn wir den waren um, und sie war nahe am Verhungern.
die ganze Arbeit bewältigen wollen“, sagte Jordan. Sie brachten sie zur Klinik. In der Apotheke hatte
„Ich bin dafür, daß wir uns am besten gleich auf den jemand sämtliche Arzneien aus den Fächern gezerrt.
Weg machen.“ In hoffnungslosem Durcheinander lagen sie auf dem
Docchi mußte ihm recht geben. Er folgte Jordan, Boden verstreut. Sie waren nur mit einigen Zeichen
der sich von einem kleinen Spezialroboter davontra- versehen, die Docchi aber nichts sagten.
gen ließ. Verzweifelt starrten sie auf die mutwillige Zerstö-
Wohin er sah, war alles durcheinander — in wilder rung im Raum.
Unordnung, obgleich nicht allzuviel zerstört schien. „Es ist unmöglich, hier das Richtige auszuwählen“,
Aber es gab noch mehr Schwierigkeiten. Der Astero- sagte Jordan hoffnungslos. „Wir müssen jemand aus-
id war für eine derartige Expedition nicht ausgerüstet, findig machen, der die Medikamente kennt.“
und sie mußten sich jetzt alles Notwendige selbst zu- „Dazu haben wir keine Zeit. Jede Minute ist kost-
sammenbasteln. Einige Nahrungsmittel waren regel- bar“, erwiderte Docchi ungeduldig. Er begann, alle
mäßig geliefert worden — sie mußten durch ande- Absorptionskapseln herauszusuchen. Für Jeriann wa-
re Stoffe ersetzt werden. Bequemlichkeit und Luxus ren die Tabletten Nahrung. Sie konnte weder essen
konnten sie entbehren, denn sie besaßen jetzt Freiheit! noch trinken. Daher mußte sie mehrmals täglich auf
Die Freiheit zu tun, was sie wollten. medizinischem Wege ernährt werden. Absorptions-
Docchi hatte Mühe, Jordan zu folgen. Der ganze kapseln waren die einzige Möglichkeit.
Platz lag wie ausgestorben. Jeder schlief.
Sie sahen fast aus wie gewöhnliche Tabletten, abge-
„Das muß sich ändern“, sagte Docchi. sehen von der einen Seite, die sich so weich anfühlte
„Wir sind schon so lange als Invaliden behandelt wie menschliches Fleisch. Und — richtig angewandt
worden, daß wir fast selbst daran glauben. Wir werden — wurden sie zu solchem. Außerdem war an einer
uns in zwei Gruppen teilen. Von nun an muß immer je- Seite ein dünner Film angebracht. Wenn dieser abge-
mand wachen — arbeiten und wachen.“ trennt und die freigegebene Oberfläche fest auf den
Das war notwendig. Leerer Raum — aber wie leer? Körper gepreßt wurde, konnte die Kapsel nur operativ
Das Gebiet nahe der Sonne war bekannt. Was kam wieder beseitigt werden.
Zielstern Centauri 24

Sie legten alle ausgewählten Tabletten nebeneinan- nie eingefunden hatten. Es war ein gutes Zeichen, daß
der und betteten Jeriann so, daß sie sie sehen konnte, sie kamen und Anteil nahmen. Früher hatten sie nur
wenn sie aufwachte. selten ihre Häuser verlassen. Docchi ließ sich im Hin-
Dann brachten sie das Mädchen durch Schläge zur tergrund nieder.
Besinnung. Jordan forderte Ruhe. „Hat jemand eine Frage?“
„Welche?“ fragte Jordan, als ihre Augen sich Weiter vorn erhob sich ein Mann. Docchi erinnerte
zuckend öffneten, und ergriff die, auf die sie zu zei- sich, ihn vor Monaten getroffen zu haben, Jack oder
gen schien. Jed Webber hieß er.
„Diese?“ Ihre Augen fielen zu. Sie konnte nicht Jed war ein ruhiger Bursche mit blassen blauen Au-
mehr antworten. gen und fast farblosem blondem Haar. Docchi hatte
Es war nicht sicher, ob sie Erfolg haben würden. ihn nie etwas sagen hören, aber jetzt sprach er, sei-
Aber so gering die Chance war, sie mußte wahrgenom- ne Hemmungen überwindend. „Ja“, sagte er. „Ich will
men werden. wissen, wohin wir fliegen.“
Jordan setzte die Kapsel vorschriftsmäßig auf Jeri- Jordan antwortete ihm. „Das steht hier nicht zur De-
anns Bein an. Gebannt starrten sie auf den Vorgang. batte. Auch ist die Frage nicht wichtig.“
Die Kapsel grub sich fest in das Fleisch ein und paßte „Ich denke doch“, warf Webber ein. Seine Bewe-
sich so an, daß man sie schon nicht mehr deutlich er- gungen waren ungleichmäßig, sein Körper in der Mit-
kennen konnte. Sie hatte sich verwandelt und war nun te geteilt. Abgesehen vom Kopf war er halb Mensch,
ein lebender Teil von Jerianns Körper. halb Maschine. Im Gegensatz zu anderen konnte er
Sie war gerettet! sich recht gut bewegen, da er je einen Arm und ein
Bein hatte, an die sich der künstliche Teil anschließen
* ließ. Nur der grausame Vergleich mit dem Normalen
hatte ihn bis jetzt daran gehindert, seine Fähigkeiten
Befriedigt sah Docchi sich im Zimmer um. Die Ein- praktisch zu verwerten. „Ihr wißt nicht, wohin wir flie-
ordnung der Medikamente ging ganz gut voran. Eins gen“, rief er mit lauter Stimme. „Wir bewegen uns und
nach dem anderen waren die Präparate identifiziert wissen, nicht, wohin.“
und der Bestand aufgenommen worden. Es war nicht Docchi stand auf. „Ich kann die Frage beantworten.
ganz so schlimm, wie er zuerst geglaubt hatte; es war Sie muß beantwortet werden. Wir fliegen nach Cen-
fast alles da, was sie brauchten. tauri, entweder Alpha oder Proxima, was von beiden
Sorgfältig verschloß er die Tür und verließ die günstiger ist. Oder wolltest du woanders hin?“ Die
Klinik, um nach Jeriann zu schauen. Wie jeder auf Antwort ging in beiläufigem Gemurmel unter. Webber
Handikap-Hafen, bewohnte sie ihr eigenes kleines wartete hartnäckig, bis es wieder ruhig war. Er zeigte
Häuschen, dessen Einrichtung ihren Zustand weitge- auf Nona: „Ich nehme an, du hast sie gefragt.“
hend berücksichtigte.
Nona lächelte träumerisch.
Das Mädchen hatte sich schon wieder erholt. Sie
„Nein; Das wäre ein schlechter Witz, und wir haben
dankte ihm warm für die Rettung.
kein Interesse, uns über uns selbst lustigzumachen. Du
„Gehst du mit mir zur Klinik?“ fragte sie ihn da- hast vergessen, daß wir ein Teleskop besitzen.“
nach.
„Aber ein kleines, das aus Liebhaberei gebastelt
„Nein. Ich habe hier in der Nähe zu tun.“
wurde.“
Sie legte die Arme um ihn und küßte ihn hastig, aber
„Das stimmt. Aber es ist immerhin besser als das
innig. Ihre Lippen waren kühl und trocken — und sehr
von Galilei.“ Docchi hoffte, Webber würde nicht dar-
weich. Lächelnd öffnete sie die Tür. „Bis später“, sag-
auf hinweisen, daß Galilei mit seinem Instrument ja
te sie verabschiedend. Sie sah ihm nicht nach. Er war
nicht eine Reise quer durch den Raum verfolgen woll-
froh, denn er hätte ihr nicht zuwinken können.
te.
Die Umgebung hatte sich verändert. Das Leben auf
Aber der Mann schien befriedigt. Trotzdem müß-
dem Asteroiden war anders ohne normale Menschen,
te man sich ihn merken, er schien kritisch denken zu
durch die man ständig zu verheerenden Vergleichen
können.
gezwungen wurde. Man würde beginnen, sich gesund
und vernünftig zu bewegen. Jerianns Kuß hatte ihm Weiter entfernt stand eine Frau. Jordan nickte ihr
wohlgetan. Es war der erste Beweis von Freiheit. zu.
Aber die nächste Aufgabe war, diese Freiheit zu „Ich wurde überhaupt nicht gefragt“, sagte sie her-
wahren, ohne sie zu mißbrauchen. Er blickte sorgen- ausfordernd. „Ich mag das alles nicht. Ich will zu-
voll, als er daran dachte, wieviel Arbeit zu leisten war. rück.“
Er kam spät zur Versammlung. Außer denen, die „Das hättest du den Wachen sagen sollen, solange
nicht kommen konnten, waren schon alle Bekannten sie hier waren. Sie hätten dich sicher gern mitgenom-
anwesend. Und zusätzlich noch viele, die sich sonst men.“ Jordan grinste.
25 TERRA

„Ich bin nicht die einzige.“ Sie ließ nicht locker. sprechen, wenn sie das Planungskomitee meinen —
„Viele denken so wie ich, sie wollen es nur nicht zu- was zum Teufel ist unser Plan?“
geben. Wer möchte schon Jahre und abermals Jahre Unzählige kleine Ziele mußten erreicht werden, bis
weiterfliegen, ohne jemals das Ziel zu erreichen?“ sie sich als befriedigend etabliert betrachten konnten,
„Schau dir die Sterne an“, mischte sich jetzt Webber und in einem gewissen Ausmaß war Docchi fähig, sie
ein; er, der sonst nie etwas gesagt hatte. aufzuzählen. Aber den endgültigen Plan konnte er nur
„Ich will die Sterne nicht sehen“, erwiderte sie hef- fühlen. Er kannte ihn auch nicht.
tig. „Ich will nichts als die Sonne — unsere Sonne. Sie
war so lange gut genug für alle Menschen, und ich will 7. Kapitel
auch nichts anderes.“
„Das sagst du, weil du keine Ahnung hast“, sagte Docchi hatte das Verwaltungsbüro in der Klinik ein-
Webber mit Überzeugung. „Die Sterne vor uns sind gerichtet. Hier arbeitete er gerade, als sich die Tür öff-
viel heller. Weißt du, was das heißt?“ nete und Jordan und Webber jemand hereinschleppten
— mit verschmutzten Kleidern — unrasiert.
Docchi nickte anerkennend, sie hatten in Webber
einen guten Astronomen gefunden. Cameron!
Dieser fuhr fort: „Wir nähern uns der Lichtge- „Du scheinst jetzt den Laden hier zu organisieren“,
schwindigkeit. Es dauert nur wenige Jahre, bis wir am sagte er zu Docchi, „Ich möchte gern mit dir spre-
Ziel sind.“ chen.“
Die Frau starrte ihn an und wußte nichts zu erwi- Docchi antwortete ihm nicht direkt. „Wo wurde er
dern. Sie war nicht überzeugt, setzte sich aber hin, um gefunden, Webber?“
ihre Verwirrung zu verbergen. Um sie herum began- „Er war draußen am Fluß. Wir untersuchten gerade,
nen die Leute miteinander zu flüstern. Sie hatte lange was von den Wachen alles zerstört wurde, als wir im
genug am Rande des Systems gelebt, um zu verstehen, Gebüsch eine Bewegung sahen. Dann entdeckten wir
was interstellare Entfernungen bedeuten und wie sehr ihn.“
ihre Reise von der Geschwindigkeit abhing. „Hat er Schwierigkeiten gemacht?“
Jordan verschaffte sich durch Klopfen Gehör. „Ich Webber hob die Schultern. „Er schien nicht gerade
habe versucht, euch zur Sache zu bringen, aber es ist sehr erbaut über unser Erscheinen, aber wo hätte er
mir nicht gelungen. Deshalb müßt ihr jetzt ohne Dis- sich verstecken sollen?“.
kussion wählen.“ „Das ist deine Auffassung“, meldete sich jetzt Ca-
Die Wahl fand statt. Docchi nahm nicht daran teil, meron. „Die Wahrheit ist, daß ich ganz sicher sein
da er nicht wußte, worum es ging. wollte, nicht mit dem General zurückgeschickt zu wer-
Als die Zählung vorüber war, rief Jordan laut: „An- den. Deshalb ließ ich mir Zeit. Es hatte keinen Zweck,
trag stattgegeben. Das ist alles. Die Sitzung ist aufge- mit zur Erde zu fliegen. Meine Karriere ist nicht ge-
hoben.“ rade ruiniert, aber ihr könnt euch die Schwierigkeiten
vorstellen, die man mir gemacht hätte. Außerdem soll
Docchi wurde von der Menge mit weggezogen. Er
ein Arzt sich immer der dringendsten Fälle annehmen
wartete, bis sich alle etwas verlaufen hatten, und ging
— und die sind hier.“
dann zu Jordan hinüber.
Docchi war skeptisch. Er konnte sich für das Hier-
„Das hätten wir geschafft“, sagte dieser glücklich.
sein Camerons auch andere Motive vorstellen. Aber
„Was denn überhaupt? Alles, was ich gehört habe, das würde sich noch früh genug herausstellen. Im Au-
waren Klagen. Mir scheint, es gibt eine Menge wich- genblick konnte man ihn tatsächlich sehr gut gebrau-
tiger Dinge zu besprechen.“ chen. Er schickte ihn ins Laboratorium und beauftrag-
„Mir scheint, wir haben alles geklärt. Wenn du te Jeriann, ein Auge auf ihn zu halten.
rechtzeitig hier gewesen wärst, hättest du das kapiert“,
sagte Jordan, noch immer grinsend. „Hier! Darum *
wurde gewählt. Es war Jerianns Idee.“
Den Kopf vorbeugend, las Docchi, was auf dem Nona hatte sich unter der Kuppel in einem der zer-
Blatt vor Jordan stand. Es war eine Art Beschlußfas- klüfteten Felsräume eine Werkstatt eingerichtet. Sie
sung. Erst beim zweiten Lesen erfaßte er den Sinn. bastelte an Robotern, baute Apparaturen und machte
„Der Lohn ist nicht hoch“, bemerkte Jordan. „Über- Experimente mit ihnen, aus denen die anderen nicht
leben, wenn wir unsere Arbeit gut machen, anderer- recht klug wurden.
seits müssen wir ebenso weitervegetieren wie bisher.“ Anfangs war das Leben für sie nur eine tiefe Stil-
Er nahm den Zettel und las: „Da wir durch Bedin- le gewesen, die nie von einem Geräusch unterbrochen
gungen und Bestimmung aneinandergebunden sind — wurde. Dunkelheit und Licht lösten einander in unre-
klingt das nicht hübsch? gelmäßigen Intervallen ab, aber nie drang in die Welt,
— und einen gemeinsamen Plan verfolgen...“, Jor- in der sie lebte, ein Ton oder Unterhaltung.
dan blickte auf. „Da du derjenige bist, von dem sie Sie vermißte dies alles nicht.
Zielstern Centauri 26

Aber nach und nach bekam sie immer mehr Kon- wäre, hatte sich herumgesprochen. Vogel, der Inge-
takt mit Maschinen. Sie fühlte sich ihnen verbunden, nieur, hatte die Nachricht wahrscheinlich weitergege-
sie verstand ihre Bedeutung, ihre Aufgaben, ihre Ver- ben. Sicher wäre sowieso einmal jemand auf die Idee
schiedenartigkeiten. Sie fühlte sich wohl bei ihnen. gekommen, aber er hatte ihnen Wochen geschenkt.
Und dann war noch eine Veränderung in ihr vorge- Und eine einzige Woche war von unschätzbarer Wich-
gangen. tigkeit — Planeten konnten verloren oder gewonnen
Manchmal kam Cameron, um ihr bei ihrer Arbeit werden.
zuzuschauen, und sie fühlte, daß sie besser und schnel- Cameron schwieg, als sie weitergingen. Dann be-
ler arbeiten konnte, wenn er in ihrer Nähe war. Sie merkte er nachdenklich: „Das ist ein Schiff, und wir
konnte sich nicht erklären, was mit ihr geschah, wenn wissen nicht genau, wo. Wir wollen uns nicht ängsti-
er sie berührte. Vor ihm hatten andere versucht, sich gen, bis wir herausfinden, wohin es will.“
ihr zu nähern; sie hatte sich nichts daraus gemacht Docchi antwortete nicht. Daß der Bildraster, den
oder es war ihr höchstens unangenehm gewesen. Aber Nona gebaut hatte, ein Schiff zwischen den Sternen
mit Cameron war es etwas ganz anderes. Sie hatte ge- ausfindig machen konnte, wäre früher von ungeheu-
glaubt, es bedeutete etwas, eine Maschine zu berühren rer Tragweite gewesen. Nur waren die Entfernungen
und daher zu wissen, wie sie war. Aber ihm ganz na- in letzter Zeit geschrumpft. Ein Schiff lag nicht weit
he zu sein, ihn zu fühlen, ihn zu verstehen — ja, sich hinter ihnen. Und es war nicht auf einer Vergnügungs-
selbst zu fühlen... fahrt!
Es verwirrte sie, denn es ging ihr jedesmal so, wenn Am Aufgang zur Klinik trennten sie sich. Cameron
er zu ihr kam — aber sie wehrte sich nicht dagegen.. wollte Jeriann holen. Docchi ging m sein Büro, von
Nona hatte einen Bildschirm aufgebaut, der an mehre- wo aus er Jordan zu erreichen versuchte. Aber er hatte
re Maschinen angeschlossen war, und stellte ihn gera- keinen Erfolg.
de ein, als Cameron zu ihr trat. Er legte seine Arme um Schließlich gab er es auf. Jordan hatte seine eige-
sie. Sein Blick streifte über das Bild, das verschwom- nen Ideen über die Wichtigkeit verschiedener Dinge
men aufflackerte. Als es klarer wurde, erkannte er zu- — und seit kurzem befaßte er sich mit irgendwelchen
erst einen Schatten — ein Schiff. Seine Arme sanken geheimnisvollen Unternehmen, die zu verraten er sich
herab. Bildete er sich nur ein, daß es größer wurde? weigerte. Er hatte sogar versucht, abzustreiten, daß er
Seine Kehle war trocken. Das letzte, was er zu sehen überhaupt mit neuen Entwicklungen beschäftigt war.
wünschte, war ein Schiff. Cameron stürzte davon, um Docchi bekam schließlich mit Webber Verbindung. Zu
die anderen zu informieren. einem solchen Zeitpunkt war jede Hilfe gut. Webber
war zwar kein Ersatz für Jordan, aber immerhin etwas.
* Am liebsten hätte er jetzt Anti bei sich gehabt, aber sie
konnte ihr Gefängnis, das Becken, nicht verlassen.
„Und Sie sind sicher, daß es eins der Solar-Schiffe
Docchi setzte sich, um auf Webber zu warten. Er
ist?“ fragte Docchi. „Nicht etwa von einer fremden
hatte gehofft, daß die Verfolgung noch nicht so bald
Macht?“
beginnen würde. Aber sie würden schon Mittel und
Diese Möglichkeit hatte Cameron noch nicht in Be- Wege finden, das Schiff wieder abzuschütteln — das
tracht gezogen. Er hielt sich das Bild noch einmal war nicht die größte Bedrohung.
vor Augen, bevor er antwortete. „Ich kenne mich mit
Schiffen nicht so genau aus, aber ich glaube, es gehört *
der Solar-Regierung, außer, die Fremden benutzen un-
sere Sprache. Es stand ein Name auf der Außenwand. Stimmen waren im Gang zu hören, als Docchi und
Ich konnte ihn nur zum Teil entziffern. Er hörte mit Webber sich ihrem Ziel näherten.
toria auf.“
„Ich verstehe nicht, wo er so lange bleibt“, brummte
„Die Viktoria also“, sagte Docchi. „Das größte sei- Jordan. „Vielleicht warten wir besser nicht auf ihn.“
ner Art. Sie wurde einst für den interstellaren Dienst
„Er hat dich gesucht“, sagte Jeriann. Ihre Stimme
gebaut, bevor sich die Gravitationsfahrt als Fiasko her-
war in der Stille, die hier herrschte, weithin hörbar.
ausstellte. Jetzt weiß ich, wie sie es getan haben. Da
die Schiffe sowieso im Raumhafen lagen, brauchte sie „Auf ein paar Minuten kommt es ja nicht an. Gut,
nur klar gemacht und eine Informationsanlage in den daß wir dich noch gefunden haben. Es hätte dir leid
Elektronenrechner eingebaut werden. Vielleicht wur- getan.“ Das war Cameron.
de damit schon angefangen, während wir uns noch im „Wieso? Ich war doch gerade unterwegs hierher, als
Sonnensystem befanden und Nona noch gesucht wur- ihr euch die Kehle nach mir ausgeschrien habt.“
de.“ „Hast du es schon einmal gesehen, seitdem es fertig
Es war eine Ironie des Schicksals, daß ihre eigenen ist?“ fragte Jeriann. „Cameron meinte, du hieltest dich
Entdeckungen nun gegen sie selbst ausgespielt wur- öfter hier auf.“
den. Docchi hatte es ihnen sogar gesagt. Seine gedan- „Wenn das der Fall wäre, hätte ich es euch schon ge-
kenlose Bemerkung, daß die Fahrt ohne Nona möglich sagt. Der Bildraster war noch nicht fertig, als ich das
27 TERRA

letzte Mal hier war. Ich nahm an, daß Nona ihn uns waren sie im Innern und starrten aus einem Bildschirm
zeigen würde, wenn sie soweit wäre.“ in ein Zimmer.
Der Tunnel machte eine starke Biegung, und ob- Jordan runzelte die Augenbrauen. „Sie haben unse-
gleich sie Jordans Stimme hören konnten, waren sei- ren Antrieb nachgeahmt, und ich nehme an, daß sie
ne Worte jetzt undeutlich. Dann vernahmen sie nichts jetzt auch bereits das Prinzip von Nonas Bildraster
mehr, bis der Gang in der Halle endete. entdeckt haben und anwenden.“
Sie warfen einen Blick in die Runde, bevor die an- „Das glaube ich nicht. Sie haben gewöhnliche Vi-
deren sie bemerkten. Die Maschinen wurden von ei- sifone mit sehr kurzer Wellenlänge. Aber es besteht
nem Haufen Leitungen fast verdeckt. Nona hatte den kein Grund, warum nicht zwei gänzlich verschiedene
Raster vervollständigt. Einige Bestandteile waren zu Systeme aneinandergeschlossen werden können.“ Je
erkennen, aber die Anordnung erschien außergewöhn- mehr Docchi darüber nachdachte, um so logischer er-
lich fremdartig. schien ihm diese dahingesagte Bemerkung. Sie schau-
„Hier seid ihr ja“, sagte Jeriann an Dochts Seite. Er ten in einen leeren Raum. Nichts rührte sich. Unge-
hatte gar nicht bemerkt, daß sie jetzt neben ihm stand. duldig fingerte Nona an den Leitungen. Die Szene lös-
Gerade vorher hatte sie noch mit Jordan diskutiert. te sich auf, veränderte sich, verschwamm, und als sie
Nona stellte ein paar Anschlüsse her. Sie stand dicht wieder klarer wurde, befanden sie sich woanders —
neben dem Arzt. „Wir wissen alle, worum es sich han- ein anderer Bildschirm, ein anderer Raum. Ein breit-
delt und können gleich anfangen“, sagte Docchi. „Ca- schultriger Mann lag halb über einem Tisch, brummte
meron, würden Sie Nona bitten, das Bild einzuschal- vor sich hin und kratzte sich am Kopf. Er unterzeich-
ten?“ nete mehrere Papiere, eines zerknüllte er, nachdem er
„Meine Verständigungsmöglichkeiten sind reich- seinen Namen wieder durchgestrichen hatte. Die rest-
lich primitiver Art“, entgegnete der Arzt lächelnd. lichen Papiere warf er eilig in einen Schlitz. Als er
„Trotzdem —“ weiter kam er nicht. Nona bewegte sich umwandte, erkannten sie ihn. General Judd. Er
sich nicht, aber der Schirm leuchtete auf. griff hastig nach einem Schalter, zog die Hand aber
sofort zurück und sagte ironisch: „Sieh einer an. Die
Zuerst ein Schatten, ein unbestimmter Nebel, sehr
Waisenkinder sind zurückgekehrt, Hand in Hand.“ Er
weit entfernt. Das Bild rückte näher, und der Nebel
grinste überlegen. „Oder sollte ich vielleicht lieber sa-
löste sich auf — ein Schiff! Ringsherum herrschte
gen, Arm in Arm, Cameron?“
Dunkelheit. Trotzdem war das Schiff selbst nicht dun-
kel. Das Licht, das aus den Bullaugen kam, konnte es Docchi bemerkte, daß der General Cameron nicht
nicht sein — der Rumpf war nicht imstande, es zu mit Doktor betitelt hatte. Was den Medizinischen
reflektieren. Aber Radar war eine Erklärung — Gra- Rat betraf, so war Cameron wahrscheinlich kein Arzt
vitationsradar. Die Impulse verließen den Asteroiden, mehr. Das war der endgültige Beweis, auf wessen Sei-
durchquerten den Raum bis zu dem entfernten Objekt te Cameron stand.
und fielen zurück — in so gut wie gar keine Zeit. „Das ist ja eine ganz neue Linie“, fuhr der General
„Es ist ein Militärschiff“, sagte Jordan. „Das größte fort. „Cameron mit Nona und unser rebellischer Inge-
überhaupt.“ nieur mit Jeriann.“
Das Schiff ruckte ein wenig, oder vielleicht ver-
schärfte sich der Raster. Der Name wurde erkennbar. *
„Viktoria“, wiederholte Webber, als er es entziffern
konnte. „Sie sind etwas voreilig, bis jetzt haben sie Docchis Gesicht leuchtete auf, aber er bezwang
noch nicht gewonnen.“ sich. „Wir sind nicht zurückgekehrt, General. Wir
dachten nur, es tut uns nicht weh, mit Ihnen zu spre-
Docchi wünschte, zustimmen zu dürfen. Er könnte
chen, falls es Ihnen nichts ausmacht.“
aber vielleicht Unrecht haben. Er drängte seine Ge-
danken weit von sich, damit sie seine Entscheidung „Ich habe nie etwas gegen eine kleine Plauderei,
nicht beeinflussen konnten. Docchi. Ich bin stets bereit, zu hören, was andere zu
sagen haben, wenn es etwas Vernünftiges ist.“
„Wie weit wir wohl entfernt sind?“ fragte Jordan.
„Wir sollten die Reichweite des Bildschirms kennen.“ Der General fühlte sich stark genug, um beleidigend
Es war nicht genug, zu sehen, daß ein Schiff hinter werden zu können. Er hatte fast recht.
ihnen her war. Sie mußten wissen, wo es sich befand. „Zu allererst möchten wir wissen, was Sie vorha-
Alle schauten auf Nona. Sie stand dicht neben Came- ben.“
ron und schien zu fühlen, was man von ihr verlangte. „Unsere Bedingungen haben sich nicht im gering-
Sie ging zum Schirm und änderte die Anschlüsse der sten geändert. Kehrt um.“ Judd grinste breit mit wölfi-
Leitungen. schem Gesichtsausdruck. „Wir bestehen nicht darauf,
Das Schiff zitterte, verschwand für Sekunden, und daß ihr in die alte Bahn zurückgleitet. Es könnte sogar
als es wieder zum Vorschein kam, näherte es sich sehr besser sein, wenn ihr näher an die Erde herankommt.“
schnell der sichtbaren Oberfläche des Rasters. Näher Wo der Medizinische Rat sie fortwährend beobach-
und näher — sie berührten den Rumpf — und dann ten lassen konnte! Und wo sie für immer von der Erde
Zielstern Centauri 28

aus zu sehen wären — aber nie dazu gehörten. „Na- „Es hat lange gedauert, bis Sie das festgestellt ha-
türlich lehnen wir ab“, sagte Docchi. „Andererseits ben, General. Wir sind nämlich gar nicht so nahe bei
wollen wir aber gar nicht alle Verbindungen abbre- Ihnen.“
chen. Einige von uns möchten vielleicht aus dem einen Judd schob den Kiefer vor und zog am Schalter.
oder anderen Grund zurück — Heimweh hauptsäch-
„Wie wir das machen?“ höhnte Docchi. „Das ist un-
lich. Wenn Sie wollen, können wir die Vorbereitungen
ser Geheimnis.“
treffen, um sie auf Ihr Schiff zu überführen.“
Aber der General antwortete nicht mehr, und er
„Aha, Ärger“, erwiderte der General ernst und ver- würde die Information, die Docchi gern von ihm hät-
suchte, seine Freude zu verbergen. „Und ich glaube te, auch nicht herausgehen. Nona hatte die Verbindung
auch, ich weiß, wo der Haken liegt. Übrigens — wir abgebrochen.
sind voll ausgerüstet für jeden Notfall — für uns und
auch für euch. Der Medizinische Rat hat für alles Vor- Webber atmete schwer, als das Bild verlosch. „Kann
sorge getragen.“ mir jemand sagen, warum der General so höflich ist?
Warum will er nicht landen, ohne uns zu fragen?“
Docchi dachte an die vielen Mitbewohner von
„Er hat keine andere Wahl“, antwortete Docchi.
Handikap-Hafen, die Medikamente dringend notwen-
„Der Asteroid ist viel größer als sein Schiff, und fast
dig hatten, aber er biß die Zähne zusammen. „Ich habe
so schnell.“
noch nicht geprüft, wie viele zu Ihnen kommen wol-
len. Ich werde nachsehen, ob es sich lohnt.“ Webber blickte verlegen um sich. „Ich hatte ganz
vergessen, daß wir uns ja bewegen.“
„Geben Sie sich keine Mühe“, sagte Judd. „Falls Sie
nicht richtig zugehört haben: Ich habe nicht behauptet, „Ja. Außerdem könnten wir sein Schiff zertrüm-
daß wir eine gemütliche kleine Gruppe von Altruisten mern, was uns nichts schaden würde, es sei denn, es
sind, die nach nichts anderem verlangen, als euch die stößt gegen die Kuppel. Aber die nimmt nur einen
Verantwortung abzunehmen. Ich habe einige Biome- winzigen Teil der Oberfläche ein. Was kann er sonst
diziner an Bord. Ihr werdet sie kennenlernen, wenn unternehmen? Nahe herankommen und Männer in
wir unsere Truppe landen, um sicherzugehen, daß ihr Raumanzügen ausschicken? Dann nehmen wir einfach
umkehrt. Mein Befehl ist eindeutig: Alle oder keinen.“ anderen Kurs, und er muß sie wieder auflesen. Wenn
er es nicht anders will, lotsen wir ihn durch die halbe
„Sie kennen unsere Antwort“, entgegnete Docchi. Galaxis hinter uns her.“
„Keinen, natürlich.“ Das war typisch für die Einstel-
lung gegenüber den Versehrten. Sie beruhigten ihr Ge- „Er kann also tatsächlich nicht landen“, wiederhol-
wissen, indem sie das Schiff mit allen erdenklichen te Webber. „Warum bin ich eigentlich nicht von selbst
Medikamenten vollstopften — die sie dann denen, darauf gekommen?“
die sie brauchten, verweigerten, falls sie die Bedin- „Weil einer allein nicht alles wissen kann“, antwor-
gung nicht erfüllten und alle zurückkämen. „Danke, tete Jeriann. „Wenn Nona auf sich allein angewiesen
wir kommen ganz gut ohne Ihre Hilfe aus“, fuhr er wäre, dann säßen wir jetzt noch immer im Sonnensy-
fort. „Und noch etwas, General Judd, Versuchen Sie stem. Und das gilt für jeden, für Jordan, für Anti und
nicht, ohne unser Einvernehmen zu landen.“ auch Docchi. Nur gemeinsam kommen wir weiter.“
„Sie halten uns also noch immer für dumm“, sagte Bis jetzt vielleicht — aber das konnte sich ändern.
Judd leutselig. „Wir haben nicht die Absicht zu lan- Judds Sorglosigkeit beunruhigte Docchi. Er hatte nicht
den, bevor ihr einwilligt. Früher oder später werdet ihr damit gerechnet, mit den Versehrten so schnell Verbin-
das schon.“ dung aufnehmen zu können, aber als der Fall eintrat,
hatte er sich nicht sehr erstaunt gezeigt. Er wußte, was
„Das glaube ich kaum. Wir haben uns schon vor
er zu tun hatte, denn er hatte seine Befehle. Er war
langer Zeit entschieden.“
kein schneller Denker, der improvisieren konnte. Sei-
Der General zuckte die Achseln. „Wie ihr wollt. ne Spezialität war das Ausführen von Befehlen.
Denkt daran. Wir sind nicht nachtragend, wir wollen Aber — wenn Judd zuerst auch nicht aus der Fas-
euch auch nicht bestrafen. Aber wir bestehen darauf, sung geriet, so änderte sich das doch gewaltig, nach-
daß ihr krank und hilflos seid. Ihr werdet zurückkom- dem er festgestellt hatte, daß sie sich nicht der ge-
men und euch der zuständigen ärztlichen Betreuung bräuchlichen Funkmittel bedienten. Docchi hätte ei-
unterstellen.“ Amüsiert blickte er zu Cameron. ne Menge dafür gegeben, die Karte des Generals zu
„Sie handeln nicht gerade so, als seien wir hilfsbe- sehen. Er hatte versucht, den Offizier zu übertölpeln;
dürftig“, warf Jeriann ein. leider ohne Erfolg. Der General wußte die Entfernung
„Gefährlich krank“, erwiderte der General. „Habt zwischen Schiff und Asteroiden, doch er hatte sich
ihr jemals etwas über Hysterie gehört, bei der der nicht verraten.
Patient gegen sich selbst geschützt werden muß.“ Er Webber ging neugierig zum Bildraster und starr-
nahm eine Karte vom Tisch, untersuchte sie gründlich te die Leitungen an. „Die Funkexperten des Generals
und sah dann bestürzt auf. „Was geht hier vor? Wieso werden eine Zeitlang Überstunden machen müssen“,
könnt ihr über diese Entfernung sprechen?“ bemerkte er.
29 TERRA

„Für den Rest der Reise, schätze ich. Sie werden hinüber. Sie hielt ihn in der Hand und bewunderte —
darauf kommen, daß der Raster eine Gravitationsein- den Gürtel und ihre Hand. „Seit ein paar Tagen kann
richtung ist, aber das allein wird ihnen nichts nutzen.“ ich ganz sicher feststellen, wo meine Finger sich ein-
Dies war ein weiterer Faktor gegen sie selbst. Funk- mal befanden.“
verbindung auf praktisch unbegrenzte Entfernung — „Natürlich. Du machst Fortschritte. Und es wird
solch einen Preis gab man nicht so schnell auf. noch besser werden.“
Eigentlich wollten sie nur Nona. Sie hatte ihnen Anti betrachtete den Gürtel eingehend.
indirekt die Gravitationsfahrt zurückgegeben — und „Gemeißelte Glieder. Einfach, aber eindrucksvoll.“
jetzt dies hier. Natürlich würde man annehmen, daß
Jordan errötete. „Ich mußte es mit der Hand ma-
noch mehr zu holen wäre — und das mit Recht!
chen.“
Docchi wünschte, Anti könnte hier sein, um ihnen
Ratschläge zu geben. Er blickte „Er ist sehr hübsch“, erklärte Anti. „Du hast ei-
ne ausgeprägte künstlerische Begabung.“ Vorsichtig
sich nach Jordan um, aber der war schon fort. Ca-
tauchte sie ihn in die Säure, und als nichts geschah,
meron stand mit Nona still in einer Ecke und sprach
legte sie ihn an. „Da“, sagte sie triumphierend. „Das
leise zu ihr — und sie lächelte. Webber starrte noch
erste Schmuckstück seit Jahren. Ich fühle mich fast
immer den Bildschirm an.
wie eine Frau.“
Nur Jeriann wartete auf ihn. Jetzt, nachdem der Ge-
„Du bist eine Frau, Anti. Glaube mir.“
neral darauf angespielt haue, fragte sich Docchi, ob sie
wirklich auf ihn warte — und wie lange schon. Sie kicherte. „Es ist albern, aber ich glaube es dir.
Wie Schmuck einen doch verändert.“
8. Kapitel „Es ist nicht gerade als Schmuckstück gedacht.“
Jordan überlegte, wie er es ihr am besten erklären
Anti schaute hinüber zur Kuppel. Das war der ein- konnte. „Betrachte ihn als eine komplizierte Maschi-
zige Anblick, der sich ihr bequem bot. Und die Ster- ne, die an dein Gehirn angeschlossen ist.“
ne. Sie streckte den einen Arm aus. Die Säure spritzte „Mein Gehirn? Heißt das, ich bin jetzt telepathisch?
hoch auf. Seit einiger Zeit mußte sie sich mehr bewe- Kann ich mit jedem sprechen, ganz gleich wie weit
gen, um nicht zu frieren. Es war nicht angenehm, aber entfernt er von mir ist? O Jordan, das wäre wunder-
sie konnte es ertragen, in der Hoffnung, eines Tages bar!“
wieder laufen zu können. Cameron hatte mit Jordan „Nein, du bist nicht telepathisch — oder sagen wir
ein neues Präparat entwickelt, und sie hatte schon ein einmal — im gewissen Sinne eigentlich doch.“ Jor-
wenig von den Fleischmassen verloren. dan suchte nach einer Erklärung. „Denke einmal dar-
„Ruhig, du wirst die Fische erschrecken“, sagte Jor- an, was du dir am meisten wünschst.“
dan. Sie paddelte herum, bis sie ihn sehen konnte. Er „Es hat keinen Sinn, Jordan. Ich möchte mich nicht
kam so nahe wie möglich heran. quälen. Ich weiß, wie lange es noch dauern wird, bis
„Damit du mich nicht vergißt, wenn ich wieder ge- ich mich fortbewegen kann.“
he, habe ich dir ein Geschenk mitgebracht.“ Er hätte den Gürtel behalten und ihn ihr vorführen
„Was ist es? Ich kann es von hier aus nicht erken- sollen. Das hätte sie überzeugt, Er dachte angestrengt
nen.“ nach. Doch jetzt schien sie plötzlich zu begreifen.
„Ein Gürtel.“ „Warum hast du das nicht gleich gesagt?“ rief Anti.
„Du Lieber. Er ist wunderschön. Heb ihn mir für „Der Gravitationsrechner! Mein und sein Gehirn zu-
später auf. Er wird sich auflösen, wenn die Säure dar- sammen!“
an kommt.“ Für einen Laien hatte sie das Wesentliche schnell
„Die Säure wird ihm nichts anhaben, dafür habe ich erfaßt. „Jordan, vielleicht solltest du ihn für dich be-
gesorgt.“ halten“, schlug sie vor. „Du kannst ihn genauso gut
„Du hast ihn für mich gemacht? Das ist sehr lieb gebrauchen wie ich.“
von dir.“ „Ich komme auch ohne ihn aus“, entgegnete er. „Du
Jordan geriet in Verlegenheit. So viel hatte er da- aber nicht.“
mit eigentlich nicht zu tun. Er hatte hauptsächlich den Jetzt befolgte, sie seine Anweisungen, schob sich
Schutzüberzug angefertigt. Für die eigentliche Funk- aus dem Becken und sank langsam herab, bis ihre Fü-
tion des Gürtels war Nona allein verantwortlich. Und ße den Boden berührten. Obgleich das Gras frisch und
es bestand gar kein Zweifel, für welchen Zweck er be- grün war, begann es augenblicklich zu schwelen und
stimmt war. Deshalb hatte er nicht gezögert, ihn zu ging in Flammen auf, als die Säure von ihrem Körper
nehmen, als er ihn entdeckt hatte? Warum sie ihn Anti abtropfte. Sie konnte gehen! Zwar trugen die Beine
wohl noch nicht selbst gebracht hatte? Jordan hatte ihn nur einen Teil ihres eigentlichen Gewichts — der Rest
schon ausprobiert, und er arbeitete ganz erstaunlich. wurde vom Gravitationsrechner, der nach ihren unaus-
„Sagen wir mal, ich habe ihn nicht allein gemacht. gesprochenen Befehlen handelte, ständig zerstört, so
Ich fügte nur einiges hinzu.“ Er schwang ihn zu ihr daß sie sich bequem fortbewegen konnte.
Zielstern Centauri 30

„Der Doktor wird sich wundern“, stammelte Jor- könnten. „Gib mir Bescheid, wenn dir irgend etwas
dan. auffällt.“
„Nicht so sehr wie ich selbst“, jauchzte Anti. „Ich Als Anti gegangen war, wandte er sich wieder sei-
könnte sogar fliegen. Aber ich gehe lieber, weißt du?“ ner Arbeit zu. Die Verantwortung lastete schwer auf
ihm: Das Schiff mit seinen unbekannten Machtmitteln
* hinter ihnen; Sterne und Planeten vor ihnen — uner-
forscht und geheimnisvoll. Sie mochten ihr Ziel errei-
Docchi fiel auf den Stuhl zurück. Was er sah, war chen, aber einige von ihnen würden die Fahrt nicht
unglaublich. „Ich bin sprachlos“, murmelte er. überleben. Immer wieder wurde Docchi die ungeheu-
re Wichtigkeit seiner Aufgabe bewußt. Was plante der
„Cameron erging es nicht anders“, entgegnete Anti.
General?
„Er hat seine Sprache noch immer nicht wiedergefun-
den.“ *
Docchi richtete sich wieder auf. „Das war es also,
woran Jordan die ganze Zeit gearbeitet hat.“ Spät am nächsten Nachmittag kam Anti zurück.
„Er behauptete zwar, nicht so viel damit zu tun „Ein hübsches Plätzchen haben wir“, bemerkte sie.
zu haben. Das sieht ihm ähnlich.“ Anti bewegte sich „Ich hätte nicht gedacht, daß es hier so schön wäre.“
vorsichtig. Ihr säuregetränkter Umhang hatte zu trop- „Ich kenne Leute, die anderer Meinung sind.“
fen aufgehört, aber er enthielt noch genug, um be- „Die gibt es immer. Das einzige, was mir nicht ge-
sonders empfindliche Gegenstände sofort aufzulösen. fällt, ist das Schiff.“
„Das Beste ist, daß ich mich bereits kräftiger fühle „Was hältst du davon?“
und mehr und mehr meine eigenen Muskeln gebrau- Anti zögerte. „Wie wirkte es auf dich, als du es ge-
che. Wenn ich das auch nicht genau feststellen kann, sehen hast?“ — Er beschrieb es ihr aus der Erinne-
so habe ich doch das Gefühl, als könne ich bei einem rung, unterbrochen von einigen Zwischenfragen An-
Viertel der Schwerkraft ohne Hilfe gehen.“ tis.
Dies war der erste große Sieg in der Krankenge- „Weißt du, was ich glaube?“ sagte sie, als er fertig
schichte von Handikap-Hafen seit ihrer Befreiung — war. „Es holt auf.“
gerade jetzt, wo die Zukunft so unbestimmt war. „Das war vom ersten Augenblick an ersichtlich.“
„Cameron meint, es würde genügen, im Tank zu Docchi starrte zum Fenster. „Allerdings können sie
übernachten. Zwar werde ich nicht viel Schlaf bekom- nicht landen, solange wir nicht wollen, Anti. Aber was
men, da ich die Kälte jetzt immer deutlicher fühle. Au- haben sie vor?“
ßerdem bemühe ich mich, das Gewicht so weit wie „Ja, vor ihrer Landung sind wir sicher“, stimmte
möglich auf die Beine zu verlagern. Das geht fast au- Anti zögernd zu. „Sie hatten sich zuerst ausgerechnet,
tomatisch, ich brauche nur daran zu denken. Wenn ich uns einzuholen, bevor wir es merkten. Unser Bildra-
müde bin, mache ich mich in Gedanken leichter.“ ster machte ihnen einen Strich durch die Rechnung.
„Was willst du jetzt tun? Ich kann mir vorstellen, Doch auch für diesen Fall werden sie ihre Pläne ge-
wie sehr du darauf aus bist, dich zu beschäftigen.“ habt haben — von Anfang an.“ Sie nickte vor sich hin.
„Es klingt vielleicht komisch, aber so versessen auf „Wenn ich sie wäre, und ich könnte jemand nicht auf-
Arbeit bin ich gar nicht. Zuerst möchte ich mich ein- halten — ich würde versuchen, vorher dort anzukom-
mal ein wenig umschauen. Ich kenne ja nicht mehr als men, wo der andere hin will. Das paßt ausgezeichnet,
das, was ich vom Tank aus überblicken konnte.“ findest du nicht? Sie wollen nicht, daß wir mit einer
fremden Macht Kontakt aufnehmen. Sie brauchen al-
Docchi hatte von ihr immer als dem Menschen ge- so nichts weiter zu tun, als vor uns dort zu sein.“
dacht, der mehr als alle anderen über den Asteroiden
„Du hast recht“, sagte Docchi. „Aber ich glaube, es
wußte. Das mochte in gewisser Hinsicht sogar stim-
gibt Mittel und Wege, um das zu verhindern.“ Das war
men. Sie war länger hier als alle, die er kannte. Man
eine bewußte Lüge vielleicht, weil er nicht sehen woll-
sagte sogar, daß Handikap-Hafen einst ihretwegen ge-
te, was ihnen bevorstand. „Wenn alles schiefgeht, —
baut wurde, um sie irgendwo unterbringen zu können.
aber das glaube ich nicht — haben wir noch eine uner-
Vielleicht traf das zu, aber gesehen hatte sie durch den
wartete Hilfe — die Entfernung. Wenn wir nicht recht-
ständigen Aufenthalt im Tank nichts. „Dann mache
zeitig ankommen, lassen wir ihnen beide Centauri-
dich auf die Beine. Jordan wird dir alles zeigen. We-
Sterne und fahren weiter zum nächsten.“ „Dir fällt
gen der Arbeit brauchst du dich nicht zu beeilen.“
doch immer ein Ausweg ein“, sagte Anti bewundernd.
„Zu allererst möchte ich Nonas Laboratorium auf- „Ich habe großes Vertrauen zu unseren gemeinsamen
suchen. Ich will das Schiff sehen, das hinter uns ist. Fähigkeiten. Wir werden es schaffen — ganz gleich
Sie verfolgen uns doch nicht etwa nur deshalb weiter, wie.“
weil sie nicht landen können?“ Es war gut, daß wenigstens einer daran glaubte.
Docchi war der gleichen Meinung, er hatte aber
noch nicht herausgefunden, was sie unternehmen 9. Kapitel
31 TERRA

„Ich friere“, sagte Jeriann. holten sie weit auf, so daß sie fast auf gleicher Höhe
„Zieh dickere Sachen an“, erwiderte Docchi grim- mit uns sind. Jetzt hoffe ich, daß sie wieder zurückfal-
mig. len. Es kann Wochen dauern, bis wir es sicher wissen,
„Es ist wirklich nicht nett, so etwas zu einem Mäd- besonders wenn unsere Geschwindigkeiten fast über-
chen zu sagen, dessen Figur so hübsch ist wie die ih- einstimmen.“
re“, mischte Anti sich ein. „Und wenn wir keinen Vorsprung gewinnen?“
„Sie kann ja zu den hydroponischen Anlagen ge- „Bei der Energie, die wir aufwenden?“ unterbrach
hen“, schlug Jordan vor. „Dort ist es wärmer, und auch Jordan, der aufgehört hatte, am Raster zu schalten.
das Licht mußten wir brennen lassen, um das Wachs- „Aber gut. Sagen wir mal, wir schaffen es nicht. Dann
tum der Pflanzen nicht zu behindern.“ kommen wir doch vor ihnen dort an, weil wir bis jetzt
„Aber der Raum ist nicht sehr groß, und da sich immer noch etwas Vorsprung haben.
schon so viele dort verkrochen haben, dürfte er über- Wenn wir keine fremde Macht antreffen, dann ist
füllt sein“, wandte Jeriann ein. Auch, wenn das nicht gar keine Rede von interstellaren Gesetzen. Sie wer-
der Fall gewesen wäre, habe sie lieber bei den ande- den uns über den gesamten Planeten jagen und viel-
ren bleiben wollen. Anti wechselte das Thema. „Das leicht sogar vernichten, obgleich ich nicht glaube, daß
Sparen ist notwendig. Wie ernähren wir uns, wenn ihre Gefühle das zulassen werden. Gibt es aber eine
die Lebensmittel nicht ausreichen? Chemisch?“ Sie fremde Macht, was können sie dann machen? Wir ha-
schnaubte verächtlich. ben unsere Geschichte zuerst vorgebracht.“
„Chemische Nahrung ist recht gut“, sagte Jordan. Jordan vereinfachte die Angelegenheit. Er übersah
Sein Enthusiasmus hatte nachgelassen. Die ständige eine Anzahl von Dingen — und das mit Absicht. Sie
Diät beeinflußte sein Denken. Er schaute in die Run- mußten glauben, wenn sie ihr Ziel weiterverfolgen
de. Sie hatten sich alle um den Bildraster versammelt. wollten. Seine Gründe waren verständlich, denn bis
Nona saß zusammengekuschelt dicht neben Cameron jetzt war das Gegenteil noch nicht bewiesen.
und schlief friedlich. Docchi stand mit angespannter Der Asteroid schien Vorsprung zu gewinnen. Der
Miene. Jeriann war bei ihm, aber er schien sie nicht zu Energieverbrauch für andere Zwecke wurde bis auf
bemerken. „Wie lange soll das noch so weitergehen?“ das äußerste Minimum heruntergedrückt und alle üb-
fragte Anti. „Ich habe es langsam satt, im Dunkeln zu rige Energie dem Antrieb zugeführt. Hartnäckig hielt
hocken und zu frieren.“ Eigentlich machte es ihr nichts die Jagd durch das All an. Wochen vergingen.
aus; die Kälte fühlte sie kaum. Sie lehnte sich nur ge-
gen die Ungewißheit auf. *
“Bis wir Bescheid wissen“, entgegnete Docchi.
„Den ganzen Weg bis nach Centauri, wenn es sein Jeriann besuchte Docchi, so oft sie sich von ihrer
muß.“ „Aber wie erfahren wir es?“ „Sobald wir die re- Arbeit im Laboratorium freimachen konnte.
lativen Geschwindigkeiten gemessen haben“, antwor- „Ich verstehe eigentlich nicht“, begann sie, gleich
tete Docchi. „Der Raster ist ähnlich wie Radar. Leider nachdem sie sein Zimmer betreten hatte, „warum wir
benutzt er Schwerkraftwellen, und das kompliziert die alle die Unannehmlichkeiten auf uns nehmen müssen,
Dinge etwas. Wir können nicht einfach einen Impuls um schneller voranzukommen. Jetzt hat der General
aussenden und aufpassen, wie lange er braucht, um genau das gleiche gemacht und alle Energie auf die
zurückzukommen, denn er pflanzt sich mit unendlich Fahrt konzentriert — mit dem Erfolg, daß wir zwar
großer Geschwindigkeit fort.“ alle schneller fliegen, trotzdem aber den gleichen Ab-
„Es gibt also keine Möglichkeit, es festzustellen? stand voneinander beibehalten. Ich sehe nicht ein, was
Der General scheint doch zu wissen, wie schnell wir es für einen Sinn hat. Für sie sind die Entbehrungen,
fliegen.“ die sie auf sich nehmen müssen, nicht so hart wie für
„Er hat eine bessere astronomische Ausrüstung“, er- uns. Und etwas schneller als wir sind sie in jedem Fall.
klärte Docchi. „Wir sind zudem ein größeres Objekt, Laß uns das Licht und die Wärme wieder aufdrehen.
und außerdem konnten sie unseren Lichtwechsel mes- Der General wird unserem Beispiel folgen.“
sen, bevor wir die Beleuchtung der Kuppel gestoppt „Vielleicht.“ Docchi war von ihrer Idee nicht so
haben.“ überzeugt.
„Und jetzt können sie es nicht mehr feststellen, weil Sie versuchte es noch einmal. „Erreicht der Bildra-
sie uns nur noch selten sehen?“ ster die Erde?“
„Im Gegenteil. Wenn sie auf Draht sind, haben sie Er schüttelte den Kopf. „Nicht ganz. Seine Reich-
längst bemerkt, daß wir fast alle verfügbare Energie weite ist begrenzt. Ich kann keine Zahlen angeben,
dem Antrieb zuleiten.“ aber ich nehme an, wir haben gut die Hälfte der Weg-
„Wie sollen wir es denn überhaupt herauskriegen?“ strecke bis Centauri zurückgelegt.“ Er stand auf. „Ich
fragte Anti. weiß, was du denkst — ein Aufruf an die Menschen
„Durch Dreiecksvermessung“, erwiderte Docchi. der Erde. Das haben wir einmal versucht. Du weißt,
„Zuerst haben wir sie von vorn gesehen. In letzter Zeit wohin es uns geführt hat.“
Zielstern Centauri 32

Er drehte ihr den Rücken. Schiff aus dazu fähig war, die Planeten und ihre Be-
„Das war es nicht, woran ich dachte. Ich überleg- schaffenheit zu erkennen, würde es schließlich doch
te gerade, wie nahe wir an Centauri sind. Vielleicht die Fahrt verlangsamen müssen. Dann müßte man Ta-
können wir mit der fremden Macht Verbindung auf- ge oder auch Wochen damit verbringen, die Licht-
nehmen.“ flecken zu untersuchen, um festzustellen, welcher nä-
Ruckartig wirbelte er herum. „Sag das noch einmal. herer Betrachtung wert war.
Hast du das wirklich gemeint?“ Mit dem überempfindlichen Raster war das kein
Problem. Sechs Planeten bei Alpha, sieben bei Proxi-
„Es kann natürlich sein, daß es gar keine fremde
ma, abgesehen davon, daß sich noch ein oder zwei auf
Macht gibt“, murmelte sie.
der anderen Seite der betreffenden Sonnen befinden
„Das macht nichts, oder vielmehr, ich glaube nicht, konnten. Nach Wochen waren sie sicher — es blieb
daß es etwas ausmacht. Ich muß mir die Idee durch bei der bisher entdeckten Anzahl. Nicht mehr!
den Kopf gehen lassen.“ Docchi leuchtete auf. „Hol Die Suche wurde sorgfältig durchgeführt. Jeder Pla-
Jordan bitte. Ich werde beim Raster auf ihn warten.“ net wurde, soweit das der Raster zuließ, beobachtet.
Die Bilder, die der Raster wiedergab, wurden fotogra-
* fiert, vergrößert und genau studiert, und jeder, der auf
dem Gebiet der Vermessungskunde bewandert war,
Docchi wartete schon ungeduldig, als sie mit Jor- befaßte sich noch einmal gesondert damit. Zwei be-
dan am vereinbarten Ort eintraf. „Nimm das Schiff aus wohnbare Planeten wurden festgestellt: je einer in je-
dem Bild. Ich bin schon ganz hypnotisiert davon. Wir dem der beiden Systeme.
brauchen es nicht unentwegt anzustarren.“ Enttäuschend war, daß auf keinem der Planeten
Das Schiff verschwand. „Was jetzt?“ auch nur ein einziges Zeichen einer fremden Zivili-
„Sie treiben uns zu den Sternen. Laß sie. Wir müs- sation zu entdecken war.
sen nicht zuerst dort sein. Ein eigener Planet genügt Aber, wie Anti ganz richtig bemerkte, es mußten
uns.“ Zweifel und Hoffnung wechselten in Docchis noch eine Menge Orte aufgesucht werden, bevor man
Gesicht. Jeriann konnte nicht erkennen, welche von die Schlußfolgerung ziehen konnte, daß die Menschen
beiden Empfindungen den Sieg davontrug. „Bring’ die einzigen waren, die in einem Universum lebten,
das Centauri-System ins Bild“, sagte er. das so günstige Lebensbedingungen besaß. Irgendwo
„Beide?“ mußte es noch andere Intelligenzwesen geben. Daß sie
nicht im ersten System existierten, in das die Men-
„Zuerst das näher Liegende. Dann werden wir wei-
schen kamen, bewies noch gar nichts. Jeriann blickte
tersehen.“
von den Fotografien auf. „Ich sehe nur Wolken, nichts
Ein Stern erschien in der Mitte des Rasters. Er als Wolken.“
flackerte und wurde heller. Sie konnten nur wenige Jordan zuckte mit den Schultern. „Wahrscheinlich
Millionen Meilen entfernt sein, da die Helligkeit sie Methan. Mehr war jedenfalls nicht zu erkennen. Was
blendete. Jeriann vermeinte Hitze zu verspüren. Zum willst du sehen?“
erstenmal seit Wochen fror sie nicht. „Sehalte herun-
„Ich denke, wir wollten zuerst einmal die Oberflä-
ter“, rief Docchi. „Der Raster brennt uns aus.“
che genauer betrachten, bevor wir die fremde Rasse
Das Leuchten der Sonne verblaßte, verging aber abschreiben.“
nicht ganz, während sich die Feldstärke verringerte. „Du jagst also immer noch nach den Fremden.“
Jordan wartete. Docchi lächelte nachsichtig. „Damit wirst du wohl bis
„Jetzt, nachdem ich weiß, daß wir unser Ziel er- zum nächsten System warten müssen, oder dem über-
reichen, können wir die Fahrtgeschwindigkeit wieder nächsten sogar.“
normalisieren. Später werden wir die Beobachtungen „Ich glaube, sie möchte die Fremden unbedingt fin-
fortsetzen.“ den, weil das einer der Gründe war, weshalb die Nor-
Es war unwichtig, wer das System zuerst erreich- malen uns nicht hierher lassen wollten“, warf Jordan
te. Wichtig war, wer die bewohnten oder bewohnbaren ein.
Planeten zuerst entdeckte — falls es welche gab. „Das ist zum Teil richtig“, gab Jeriann zu. „Sie ver-
weigerten uns die Fahrt, damit man uns nicht etwa als
* Maßstab für die menschliche Rasse nehmen könnte.“
„Hast du einmal darüber nachgedacht, daß die
Das Schiff flog immer noch ein wenig schneller, Fremden genau das denken könnten?“ fragte Jordan.
nachdem beide — Docchi und der General — die Jeriann war erstaunt, doch bevor sie antworten
Fahrtenergie verringert hatten. Langsam holte es auf konnte, brachte Jordan ein weiteres Argument vor.
und schob sich etwas nach vor. Aber der Raster annul- „Ohne sie sind wir besser dran. Wo kämen wir hin,
lierte diesen Vorteil. Die astronomische Ausrüstung wenn beide Planeten bewohnt und überfüllt wären,
des Schiffes war nicht in der Lage, die Planeten aus und zwar mit fremden Wesen, die uns überlegen sind,
dieser Entfernung zu beobachten. Sobald man vom ohne auch nur einen Muskel zu rühren.“
33 TERRA

Jeriann errötete. „Du machst dich über mich lustig, erst einmal darauf befinden, können sie nicht mehr viel
weil ich von Astronomie nicht viel verstehe. Ich glau- dagegen unternehmen.“
be immer noch nicht, daß du recht hast, wenn du den Jordan kam zurück und schwenkte ein anderes Fo-
Schluß ziehst, es gäbe keine fremde Rasse, nur aus to vor Jeriann. „Hier hast du es, Fremdenjäger. Noch
dem einfachen Grund, weil sie sich auf den für uns immer nichts anderes als die Wolken, über die du dich
bewohnbaren Planeten nicht sehen lassen.“ beklagt hast. Beachte bitte, daß sie jetzt viel schärfer
„Schon mal etwas von Jupiter, Saturn oder Uranus zu erkennen sind. Mehr kann ich dir im Augenblick
gehört?“ Jordan legte seine Hand auf das Foto, das Je- nicht bieten.“
riann gerade betrachtete. Und, obgleich Jeriann unermüdlich fortfuhr, dar-
„Ich bin nicht ganz dumm.“ über zu diskutieren, war weder auf diesem, noch auf
„Das habe ich damit nicht gemeint“, erwiderte Jor- irgendeinem anderen Planeten — einschließlich dem,
dan. „Aber die Menschen sind auf zwei von ihnen be- für den sie sich entschieden hatten — eine Spur von
reits gelandet, und, obgleich wir den Jupiter noch nicht fremden Lebewesen zu erkennen. Widerwillig gab sie
betreten haben, so wurde ein kleines robotgesteuertes die Idee auf und half bei den allgemeinen Vorbereitun-
Schiff hingeschickt. Auf diesen drei großen Planeten gen.
gibt es aber auch keine einzige Art von Lebewesen — Schnell verlangsamte sich die Fahrt. In weniger als
nicht einmal mikroskopische. Die neueste Theorie be- einem Jahr Bordzeit hatten sie den Weg von der Er-
sagt, daß es überall im Universum irgendeine Art von de bis zum Alpa-System zurückgelegt. Aber sie waren
Leben gibt, Intelligenz sich aber nur unter ähnlichen nicht die ersten Menschen, die ankamen. Die offiziel-
Bedingungen bilden kann, wie den unsrigen. Natürlich le Expedition der Viktoria war ihnen um einige Tage
sind wir gern bereit, uns überzeugen zu lassen, aber...“ zuvorgekommen. Der Unterschied war, daß die Ver-
Er ergriff das Foto. “Trotzdem will ich versuchen, ein sehrten genau wußten, wohin sie wollten, und ihren
besseres Bild von der Alpha-Centauri-Version des Sa- Planeten erreichten, während das Schiff noch immer
turn zu bekommen.“ die äußeren Planeten sorgfältig untersuchte.
„Hört doch auf, euch zu streiten“, sagte Anti. „In „Das macht nichts“, sagte Anti, als sie sich wieder
meinen Augen ist es schon ein Glücksfall, daß wir einmal um den Bildschirm versammelt hatten und die
gleich zwei Planeten Zur Verfügung haben. Keiner Viktoria beobachteten. „Im Grunde gaben wir den An-
von beiden ist aus irgendeinem Grund dem anderen stoß für das, was sie getan haben. Sie können den Ent-
gegenüber vorzuziehen. Welchen wollen wir wählen?“ deckerruhm für sich einheimsen. Wir sind nur hierher-
„Ich bin für den Proxima-Planeten“, meldete sich gekommen, um einen Platz zu finden, wo wir in Frie-
Jordan, als er zum Raster zurückging. den leben können.“
„Müssen wir das jetzt entscheiden?“ fragte Jeriann. „Und wir werden ihn auch bekommen“, erwiderte
Docchi.
„Am günstigsten wäre es“, antwortete Docchi. „Un-
ser Vorteil gegenüber dem General ist nicht so groß; Er schaltete den Bildraster um.
wir müssen den Planeten vorher erforschen und müs- Man konnte den Planeten jetzt genau erkennen. Er
sen uns davor hüten, bis zur letzten Minute zu warten. ähnelte dem Mars nur oberflächlich. Es gab Berge und
Am Schluß dieser Periode sollten wir uns auf einer einige Flüsse, und im ganzen war er nicht so unfrucht-
perfekten 1000-Meilen-Bahn rund um den Planeten bar, wie sie zuerst geglaubt hatten.
befinden.“ Er starrte zu dem Modell des Systems, das „Ich wünschte, ich könnte landen, oder wir könnten
sie gebaut hatten. „Ich persönlich bin für den zweiten näher heran“, seufzte Anti.
Alpha-Planeten.“ Für sie war daran bis jetzt noch nicht zu denken. Ihr
Anti gab einen ärgerlichen Ton von sich. „Das persönliches Schwebefeld von Null würde nur so lan-
Ding? Das ist doch nichts anderes als eine wärmere ge funktionieren, wie sie mit dem Gravitationsrechner
Ausgabe des Mars.“ eng verbunden war. Sie war noch nicht stark genug,
„Der Mars ist nicht so schlecht, Anti. Es leben Men- um auf dem Boden ihrer neuen Heimat zu stehen.
schen dort. Außerdem ist es ja nicht der Mars. Dieser Webber kam herein. Er grinste breit. „Die erste
Planet ist noch viel wärmer als die Erde. Er ist trocken, Fracht ist verladen. Wann starten wir?“
hat zwei Ozeane und einige Gebirgsketten, und auf der „Wenn du fertig bist. Die Raketenkuppel ist auf au-
Schattenseite der Berge scheint es, Bäume zu geben. tomatisch eingestellt. Sie wird sich öffnen, wenn du
Wir können dort bequem leben.“ startest.“
„Ich habe an noch etwas anderes gedacht“, sagte „Sind alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen?“
Jeriann. „Das Schiff fliegt geradewegs auf den Plane- „Du bist der Raketenpilot. Die Kundschafterschiffe,
ten zu, der die größte Zahl an Einwanderer aufnehmen die uns der General zurückgelassen hat, sind in guten
könnte. Sollen sie ihn haben, wir benötigen ihn nicht.“ Zustand.“
„Das habe ich mir auch überlegt“, stimmte Docchi „Mach dir meinetwegen keine Sorgen. Ich frage
zu. „In diesem Fall haben wir mehr Zeit, uns sicher mich nur, ob sich die Expedition des Generals einmi-
niederzulassen und uns einzurichten. Wenn wir uns schen wird.“
Zielstern Centauri 34

„Als wir das letzte Mal nachgeprüft haben, trieb „Warum nicht?“ sagte Jeriann. „Er hat Waffen,
sich das Schiff in der Umgebung der äußeren Plane- wir nicht. Nichts kann ihn daran hindern, zu landen
ten herum.“ und unsere Leute gefangenzunehmen. Ich werde mich
„Guter, dummer alter Judd. Es ist nett, daß wir uns nicht sicher fühlen, bis wir uns nicht richtiggehend
darauf verlassen können, daß er mit äußerst militäri- festgesetzt haben und uns verteidigen können. Und
scher Vorsicht vorgehen wird und zu spät an seinem selbst dann bin ich nicht ganz beruhigt.“
Ziel eintrifft.“ „Aber Jeriann“, mahnte Anti.
Es war dem General gegenüber nicht ganz gerecht, „Sie werden ihre eigenen Gesetze befolgen müs-
der sehr scharfsinnig war, wenn es sich um Dinge han- sen“, sagte Docchi. „Planeten außerhalb des Sonnen-
delte, die er gelernt hatte. Vom militärischen Stand- systems, die nicht ganz offensichtlich anderen gehö-
punkt aus mußte er jede Möglichkeit prüfen, bevor er ren, fallen denen zu, die sich zuerst auf ihnen nieder-
zur nächsten überging. Er war der offizielle Repräsen- lassen. Dieser Grundsatz wurde schon vor langer Zeit
tant des gesamten Sonnensystems und wagte es nicht, als Anreiz für interstellare Reisen aufgestellt. Seit dem
so überstürzt vorzugehen wie die Versehrten. Die Ver- Augenblick der Landung wurden wir unabhängig. Uns
antwortung hielt ihn zurück. Auf der anderen Seite jetzt zu belästigen, wäre eine grobe Verletzung all des-
wiederum kostete ihn sein phantasieloser Gehorsam sen, woran sie glauben.“
der höheren Autorität gegenüber Tage. Er wußte nicht, warum er mit ihr nicht überein-
„Seid vorsichtig“, warnte Docchi. „Laß niemanden stimmte. Alles, was er wußte, war, daß von dem Zeit-
heraus, bevor Luft, Boden und Wasser mehrmals un- punkt an, da der Asteroid sich zu bewegen begon-
tersucht sind.“ nen hatte, alle Gesetze aufgehoben waren. Oder aber,
selbst wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, konn-
„Der Doktor sagt, wir können mit jedem Vi-
te der General die Gesetze einfach ignorieren — nie-
rus, Bakterien, Schmarotzer oder anderen möglichen
mand würde das erfahren. Die Erde war weit, und was
Schädlingen fertig werden. Es ist nicht die erste frem-
hier geschah, mußte nicht unbedingt berichtet werden.
de Welt, auf der Menschen landen.“
„Das hier ist nicht das Sonnensystem“, sägte Doc- 10. Kapitel
chi. „Ermutige Cameron nicht etwa, wenn er zu sehr
darauf bedacht sein sollte, Nona die neue Welt zu zei- Als Jeriann am nächsten Abend von der Klinik kam,
gen.“ bemerkte sie einen silbernen Fleck am Himmel. Ein
„Aus diesem Grunde —“, Webber stockte und nahm Schiff — aber nicht das General Judds.
seinen Blick von Docchis Gesicht. „Es ist zu schade, Nein, die Viktoria war es nicht. Sie hatte sie auf dem
daß du nicht mitkannst. Du solltest eigentlich unter Bildschirm so oft beobachtet, daß sich jede Linie ihres
den ersten sein.“ Rumpfes tief in ihr Gedächtnis eingegraben hatte.
„Kümmere dich nicht darum. Ich werde schon eines Trotzdem — das Schiff war von Menschen gebaut.
Tages hinkommen. Jemand muß hierbleiben, um alles Sie war fast sicher, wußte jedoch nicht, warum. Sie
zu Ende zu führen.“ hastete zum Schwerkraftzentrum. Warum konnten sie
nicht etwas später entdeckt werden? Ein fremdartig
„Ich werde aufpassen, daß dort unten nichts schief-
aussehendes Schiff wäre ihr lieber gewesen als dies
geht.“ Webber fühlte sich einen Augenblick nicht ganz
hier. Woher kam es?
wohl bei dem Gedanken. „In einer Woche bin ich zu-
rück, um den nächsten Trupp abzuholen. Wenn wir Jordan wartete am Eingang. „Ich wußte, daß du
uns erst mal eingerichtet haben, wird alles schneller kommen würdest. Hast du das Kundschafterschiff be-
vorangehen.“ merkt?“
„Wir warten“, rief Jordan, als Webber sie verließ. Natürlich! Es war unverständlich, daß sie nicht von
selbst auf diese einfache Lösung gekommen war. Die
Gespannt verharrten sie, bis die Rakete sich hob und Viktoria war groß und führte Kundschafterboote mit
durch die Kuppelöffnungen geschleust war. Die Erre- sich. „Wann ist es aufgetaucht?“
gung ließ auch nicht nach, als der Lichtstrahl durch
„Vor nicht ganz einer Stunde. Geh schon hinein. Ich
die Dunkelheit schoß und vor der Helligkeit der Pla-
warte noch auf Anti.“
netenscheibe verblaßte. Sie wurden erst ruhiger, nach-
dem sie die erfolgreiche Landung auf der ausgewähl- Docchi lehnte im Inneren des Raumes an einen Ap-
ten Stelle beobachtet hatten und die Radiomeldung parat.
kam: „Alles klar. Ein bißchen durchgeschüttelt unter- „Hast du schon Verbindung?“ fragte Jeriann. „Was
wegs, aber kein Schaden. Wir warten, bis die Unter- haben sie gesagt?“
suchungen abgeschlossen sind. Wir geben Bescheid, „Der General schickte uns eine dringende Bot-
wenn wir aussteigen,“ schaft. Er bat uns, auf keinem der Planeten zu landen.“
„Jetzt kann ich wieder atmen“, sagte Anti. „Ein „Er bat.“ Obwohl er gewohnt ist zu befehlen.
Platz, der uns allein gehört. Laßt nur den General kom- „Ich habe ihm nicht gesagt, daß wir schon gelandet
men und versuchen, uns zu vertreiben.“ sind. Ich glaube nicht, daß er es bemerkt hat. O ja, der
35 TERRA

General bat. Unter den Wolkenbänken auf dem saturn- Jeriann berührte ihn zärtlich. „Du brauchst mir die
ähnlichen Planeten entdeckte er eine fremde Zivilisati- Wahrheit nicht zu verschweigen, Docchi.“
on. Er verhandelt gerade mit ihnen. Natürlich würden Er zuckte zusammen. „Du weißt es?“ fragte er matt.
sie es als eine feindliche Handlung betrachten, wenn „Ja. Alle ahnen es, glaube ich. Dies war unsere letz-
wir auf einem ihrer Planeten einfach landen, ohne sie te Chance, nicht wahr?“
vorher zu fragen. Du hattest recht, obgleich eigentlich Er sah sie nicht an. „Wir hätten nicht anhalten dür-
gar kein Grund für die Richtigkeit deiner Behauptung fen. Der nächste Stern wäre es vielleicht gewesen.“
vorlag.“
„Es war nicht deine Schuld. Warum, denkst du, wa-
Man konnte doch nie Dinge, die für einen Planeten ren wir alle sofort damit einverstanden? Wir wußten,
eines Systems zutrafen, verallgemeinern. Es würde bei daß es immer ungünstiger für uns würde, je länger wir
der Erforschung der Galaxis immer wieder neue Über- unterwegs wären.“
raschungen geben. Es war so offensichtlich, daß fast jeder ein Körn-
„Meinetwegen soll sich die Expedition den Kopf chen Wahrheit erkannt hatte. Die Viktoria war nicht
über feindliche Maßnahmen zerbrechen“, sagte Jeri- das einzige Schiff ihrer Klasse; einige rosteten in
ann. „Wenn die Fremden die Beziehungen zum Gene- Raumhäfen, andere wurden als innerplanetarische
ral abbrechen, um so besser für uns.“ Frachter verwendet. Wenn die Viktoria so leicht umzu-
„Du hast vergessen, daß wir nicht nur unseretwegen bauen und zu gebrauchen war, warum nicht die ande-
hierhergekommen sind. Wir haben gehofft, uns der ren auch? Warum eigentlich nicht? Sie waren jetzt vier
Menschheit nützlich zu erweisen. Was für ein Dienst Jahre Erdzeit unterwegs gewesen, in der Zwischenzeit
wäre es, durch unser Verhalten einen Krieg zwischen konnten viele andere Typen fertiggestellt sein. Nona
den Menschen und der ersten fremden Macht, der sie war nicht das einzige mechanische Genie. Die anderen
begegnen, zu entfachen?“ Sein Gesicht war hart und konnten, wenn sie auch nicht Nonas unvergleichbare
leuchtete hell auf. „Wir haben das Recht, an uns zu Produktivität besaßen, Ideen austauschen, und außer-
denken, aber, nicht ausschließlich an uns.“ dem hatten sie die industrielle Macht der Erde hinter
sich.
„Ich meine: machte es ihnen etwas aus? Wenn sie
auf jenem Planeten leben, dann können sie nicht die- Nona hatte ihnen den Schlüssel gegeben, und die
sen hier haben wollen, dessen Lebensbedingungen so Menschheit konnte jetzt den Raum erforschen. Es war
verschieden von dem ihren sind. Eine astronomische kein Ende abzusehen. Die gesamte Umgebung des
Beobachtung muß bei der dichten Wolkendecke ih- Sonnensystems war für eine sofortige Erforschung fäl-
res Heimatplaneten doch sehr schwierig sein. Und lig.
die Raumfahrt dürften sie deshalb auch nicht kennen. Man hatte auch die Versehrten sicherlich nicht ver-
Vielleicht wissen die Fremden von dieser Welt gar gessen. Wenn sie Glück hatten und aus dem Centauri-
nichts.“ System entkommen konnten — am nächsten Stern
würden sie auf andere Schiffe stoßen mit Menschen,
Docchi blickte leicht auf. „Sie haben Raumschif-
die mit den Eingeborenen, wenn es welche gab, ihre
fe! Der General würde nicht so ängstlich um Frieden
Geschäfte abschlössen. Gab es keine, so würde man
bemüht sein, wenn sie unserer Zivilisation unterlegen
kleine Kolonien errichten, überall, wo menschliches
wären.“
Leben möglich war. Sie waren eingekreist, überwäl-
„Aber wir haben keine Schiffe von ihnen gesehen.“ tigt durch die Überzahl. Kein Wunder, daß der Gene-
„Weil wir in die falsche Richtung geschaut haben. ral nicht beunruhigt war durch die Tatsache, auf dem
In dieses Gebiet fahren sie nicht. Aber in Proxima gibt Asteroiden nicht landen zu können. Er wußte, was
es einen für sie bewohnbaren Planeten, und in der letz- Docchi und seinen Leidensgefährten nur langsam klar
ten Zeit sind sie auf der anderen Seite der Sonnen ge- wurde: Es gab für sie keinen nächsten Stern.
wesen.“ Darüber zu sprechen, hatte keinen Sinn. Zu ändern
„Was sollen wir tun?“ fragte Jeriann. „Sie haben die war nun nichts mehr.
anderen jetzt als Geiseln auf dem Planeten.“ Hoch oben im Licht von Alpha glitzerte — viel hel-
„Wir werden sie herausholen. Ganz gleich wie. Es ler als die Sterne — ein silberner Punkt. Das Kund-
muß uns gelingen.“ schafterboot.
„Und dann? Wir haben sie zurück — und was *
dann?“ Ihre Glieder waren wie Blei.
„Was können wir tun?“ erwiderte Docchi und ver- Cameron versuchte unbeschwert und objektiv zu
suchte, seiner Stimme einen aufmunternden Beiklang sein. „Weiß der General, daß wir gelandet sind?“
zu verleihen. „Wenn wir sie zurückgeholt haben, jeden „Ich glaube es nicht“, sagte Docchi. „Er wäre außer
von ihnen, dann ziehen wir eben weiter. Zum näch- Fassung geraten, wenn er es ahnte.”
sten Stern oder zum übernächsten und, wenn es sein „Scheint logisch“, stimmte der Arzt zu. „Wir sind
muß, noch weiter. Irgendwo werden wir schon eine abgeflogen, als er sich uns näherte. Allerdings war ihm
neue Heimat finden.“ durch den Asteroiden die Sicht gesperrt, da wir uns
Zielstern Centauri 36

zwischen ihm und dem Planeten befanden, während sich nicht zu weit vom Schiff, falls wir Sie plötzlich
er von der anderen Seite her kam.“ zurückrufen müssen.“
„Wahrscheinlich“, gab Docchi zurück. „Wann kön- „Ich verstehe“, erwiderte Cameron. „Machen Sie
nen Sie fertig sein?“ sich keine Sorgen.“
„Müssen wir sofort zurückkommen?“ „Es ist für sie viel schlimmer als für uns“, sag-
Docchi zuckte die Achseln. „Ich kann das Spähboot te Jeriann, nachdem das Bild dunkel war. „Sie haben
aus dem Weg schaffen. Was allerdings passiert, wenn den Planeten schon betreten und müssen wieder weg.
die Viktoria hier auftaucht, weiß ich nicht.“ Wir stellen uns die neue Welt nur vor und können sie
„Sie ist zu groß, um schnelle Manöver dicht über schneller vergessen. Ich hasse sie!“
der Oberfläche des Planeten durchzuführen.“ „Wen?“
„Vielleicht. Aber sie führt noch weitere Spähboote „Die Fremden. Wenn sie nicht wären, hätten wir
mit sich, die sie aussetzen kann.“ einen klaren Anspruch auf den Planeten.“
Cameron zog eine Grimasse. „Zwei oder drei „Sie haben uns nichts getan“, antwortete Docchi.
schnellen kleinen Schiffen wird schwierig zu entkom- „Sie verteidigen nur ihr gutes Recht. Wir würden an
men sein. Aber kann man sie nicht irgendwie abhalten, ihrer Stelle genauso handeln.“ Trotzdem — auch er
sich zu nähern?“ haßte die Fremden!
„Nein. Sie entschließen sich besser zur Rückkehr,
so lange es möglich ist.“ *
Cameron wollte die Gefahren nicht sehen. „Der Ra-
ster ist in Ordnung, ja?“ fragte er. „Beobachtet die Jeriann schüttelte Docchi. Sie konnte ihn nur mit
Welt der Fremden. Sobald die Viktoria aus den Wol- Anstrengung wecken.
ken auftaucht und Kurs auf uns nimmt, wird noch Zeit „Sie kommen!“ rief sie. „Wir müssen uns beeilen.“
genug sein, uns zurückzurufen.“ „Bist du sicher, daß es die Viktoria ist?“
Sicher, das war möglich. Aber warum sollten sie das „Ja. Ich habe sie genau gesehen. Sie benutzen den
Risiko auf sich nehmen? Er wollte ablehnen. Jeriann Raketenantrieb, um schneller vorwärts zu kommen,
drückte sich an ihn und flüsterte ihm etwas zu. „Ha- oder vielleicht um uns Notsignale zu geben.“
ben Sie besondere Gründe, weshalb Sie noch bleiben Docchi sprang auf.
wollen?“ fragte er zögernd.
Sie liefen zur Informationszentrale, wo Anti und
„Sie scheinen mich zu kennen, wie?“ Cameron lä-
Jordan schon am Bildschirm warteten. Jordan schal-
chelte. „Nein, ich habe keinen triftigen Grund, außer
tete ein.
daß Nona sich für den Planeten interessiert und blei-
ben möchte.“ General Judd erschien. „Da sind Sie ja“, sagte er.
„Ich hoffte, Sie würden mich verstehen.“
Das war entscheidender, als jeder andere Grund.
Sie hatten es Nona zu verdanken, daß sie so weit „Leider nein“, gab Docchi zurück. „Erklären Sie
gekommen waren — wenn ihr Plan jetzt vielleicht bitte, was Sie wollen.“
auch scheitern würde. Nona verdiente eine Beloh- „Immer noch der alte, immer gleich aufbrausend,
nung, wenn es auch nur die Befriedigung einer stillen wie ich sehe“, sagte der General schroff. „Hauptsäch-
Neugierde war. lich wollte ich verhindern, daß Sie wegliefen, wenn
„Moment“, sagte Docchi argwöhnisch. „Sind Sie si- Sie uns bemerkten.“
cher, daß Sie wissen, was Nona möchte? Manchmal „Bitte kommen Sie zur Sache.“ Der General blickte
können wir uns ihr verständlich machen, aber noch nie Docchi nachdenklich an. „Seien Sie nicht so ungedul-
war es anders herum der Fall.“ dig. Was ich Ihnen zu berichten habe, ist etwas kom-
„Ich weiß.“ Der Arzt sprach erregt. „Im Augen- pliziert, und Sie müssen erst die Hintergründe verste-
blick dachte ich, es wäre Telepathie. Aber ich glau- hen. Sind Sie daran interessiert?“ „Ja, natürlich. Re-
be, ich habe mich getäuscht. Ich bin schließlich keine den Sie schon.“ „Gut“, sagte der General, ohne auf
Rechenmaschine. Aber es ist das erste Mal, daß sie die Zustimmung der anderen zu warten. „Also: Wir
sich für etwas richtig interessiert — für mich und die sind gelandet. Wir gingen mit Gravitationsfahrt hin-
Welt hier — sie möchte uns verstehen. Und sie ist be- unter, was wahrscheinlich ein Fehler war, obgleich ich
reit und auch fähig, zu lernen.“ Cameron rieb sich das nicht wüßte, was wir sonst hätten tun können — Ra-
Kinn. „Lassen Sie uns so lange wie möglich hier, ohne keten allein hätten es nicht geschafft. Auf jeden Fall
daß Sie sich dabei in Gefahr begeben. Ich möchte mit hatten sie Instrumente bei der Hand, und wir nehmen
Nona in dieser Umgebung arbeiten. Wenn ich betrach- an, daß sie wußten, was wir benutzten.“
te, wie sie sich in den letzten Tagen verändert hat, so „Wie sahen die Fremden aus?“ fragte Jeriann.
glaube ich fast, daß ich beginnen kann, sie sprechen Der General schien es für unwesentlich zu halten.
zu lehren.“ Er schaute mit Wohlgefallen auf Jeriann, überging
„Gut. Fangen Sie an. Nutzen Sie die Zeit nur gut aber ihre Frage. „Komisch, sie haben uns nicht nach
aus.“ Docchis Stimme klang rauh. „Aber entfernen Sie unserer Fahrt gefragt, und wir haben ihnen natürlich
37 TERRA

auch nichts darüber erzählt. So weit wir das beurteilen „Verstehen Sie denn nicht?“ Fast schreiend stand
können, sind ihre Forschungen etwa in dem Stadium, der General auf. „Ich dachte, Sie wären scharfsinni-
wie bei uns vor ein paar Jahren. Sie können zwar bis ger. Wir fliegen zurück nach Hause und dachten, daß
Proxima kommen, aber weiter wohl kaum. Das ist der wir euch unsere überflüssigen Vorräte dalassen könn-
Grund dafür, weshalb sie uns noch nicht besucht ha- ten. Ihr werdet sie brauchen. Innerhalb der nächsten
ben. Leider haben wir ihnen jetzt wohl einen Tip ge- neun Jahr kommt kein Mensch hierher.“ Er rückte sei-
geben. Sie kennen unsere Schiffe nun und in gar nicht nen Stuhl beiseite und konzentrierte sich auf Jeriann,
allzu langer Zeit werden sie herausfinden, wie der Gra- die einzig normal Aussehende unter ihnen.
vitationsantrieb funktioniert.“ „Das haben wir entschieden“, sagte er. „Ihr erhal-
„Sie sind mißtrauisch, General. Stimmt’s?“ warf tet den Planeten für die nächsten 15 bis 20 Jahre.
Anti ein. Wenn die Fremden zustimmen, noch länger. In der
Zwischenzeit wickelt sich der ganze Handel — so-
„Bei Gott, das bin ich“, sagte der General. „Wißt
weit man von Handel sprechen kann — zwischen den
ihr, welche riesige Landoberfläche ihr Planet hat, wie-
Fremden und der Erde über euch ab.“ Er vergrub die
viel Bevölkerung darauf existiert? Der Vorsprung, den
Hände in den Taschen. „Das war’s. Nehmt ihr an?“
wir durch die entwickeltere Raumfahrt und unsere
schnellere Fortpflanzung haben, fällt kaum ins Ge- „Ob wir annehmen?“ rief Anti. „Das fragt er auch
wicht, wenn man an die zahlenmäßige Überlegenheit noch!“
der Fremden denkt.“ „Ich sehe, wir sind uns einig“, fuhr der General be-
friedigt fort. „Der Vorschlag ging von den anderen
“Ich nehme an, Sie haben Jupiter und Saturn nicht
aus. Sie wollen euch auf lange Sicht hin studieren, um
erwähnt?“
zu sehen, wie die Menschen leben. Selbstverständlich
„Kein Grund, darüber zu sprechen“, antwortete der werdet ihr auch die Augen offenhalten.“ Er schluck-
General, bei dem bloßen Gedanken daran besorgt. te, um einen Hustenanfall zu unterdrücken, und füg-
„Oh, sie haben Dinge, die wir gebrauchen könnten. te hinzu: „Und jetzt schaltet bitte diesen scheußlichen
Zwei sehr attraktive Planeten, außerdem sind sie Ex- Spionageapparat ab und laßt mir etwas von meinem
perten auf dem Gebiet der Hochdruckchemie — aber Privatleben. Alles Nähere besprechen wir, wenn ich
der Austausch hat sich für uns kaum gelohnt.“ Der Ge- ankomme.“
neral saß regungslos und hielt sich das Geschehen auf Jordan griff zum Raster, war aber nicht schnell ge-
dem seltsamen Planeten noch einmal vor Augen. „Sie nug. Der General glaubte, bereits allein zu sein. „Die-
könnten sehr gefährlich sein. Es war unvermeidlich, se verdammten Schmetterlinge. Billionen und noch
daß wir eine Grundlage für einen freundschaftlichen mehr!“ Sein Gesicht verzerrte sich.
Kontakt mit ihnen schufen. Natürlich haben wir ihnen
von euch berichtet.“ 11. Kapitel
„Natürlich“, sagte Docchi mit spröder Stimme. „Sie
Sie schritten durch die Nacht. Die Sterne leuchteten
sind vier Lichtjahre von der Erde entfernt und hatten
hell. Aber sie hatten einen eigenen Stern gefunden und
es nicht mit unzivilisierten Eingeborenen zu tun.“ Er
brauchten die anderen nicht.
hatte sich von Anfang an nicht wohl gefühlt, und der
General sagte nichts, was ihn hätte umstimmen kön- „Welcher?“ fragte Jeriann und wandte den Kopf zur
nen. Seite.
„Ich kann ihn dir nicht zeigen“, sagte Docchi. „Aber
„Nichts Nachteiliges, müssen Sie wissen“, fügte der
ich könnte den Bildraster einstellen, wenn du willst.“
General hastig hinzu.
Jeriann lachte. „Laß nur. Ich muß ihren Planeten
„Davon bin ich überzeugt“, sagte Docchi. “General, nicht unbedingt sehen. Sie werden schon früh genug
vor einiger Zeit habe ich Sie gefragt, was Sie eigent- zu uns kommen.“
lich wollen. So sehr wir Ihre freundliche Unterhaltung „Fast zu früh. Ich denke darüber nach, wie sie nun
auch zu schätzen wissen — und die Freundlichkeit ist wirklich aussehen.“
ganz unerwartet für uns —, wenn Sie uns nicht inner-
„Ich auch“, erwiderte Jeriann. „Ich weiß noch nicht
halb weniger Minuten sagen wollen, worauf Sie aus
einmal, wie groß sie sind. Sicher, ich habe sie kurz
sind, dann müssen wir annehmen, Sie wollen uns hier
im Bild gesehen, aber es ist ein Unterschied, als ihnen
nur festhalten, bis Sie näher gekommen sind.“
persönlich gegenüberzustehen. Große Schmetterlinge,
„Oh, bitte keine Überstürzung“, entgegnete der Ge- das war mein erster Gedanke, aber je länger man sie
neral so besorgt, wie Docchi ihn noch nie gesehen hat- betrachtet, um so mehr ändert sich der Eindruck. Man
te. „Es herrscht eine Art Waffenstillstand. Wir fürch- hatte keinen Größenvergleich.“
ten uns ein wenig vor den Fremden, und sie trauen uns „Die Flügelweite ist ein besseres Maß“, sagte Doc-
nicht. Beide Seiten waren ganz unverbindlich. Nie- chi. „Der General schätzte zweieinhalb Meter, aber ich
mand wollte sich eine Blöße geben. Wir mußten eine glaube, das flächenhafte ihres Körpers irritierte ihn.“
Lösung finden.“ Nach einer Weile fügte er nachdenklich hinzu: „Aber
„General, ich habe Sie gewarnt.“ es ist nicht ihre Größe, die mich beschäftigt.“
Zielstern Centauri 38

„Ich weiß“, antwortete Jeriann. Sie runzelte die finden. Und da sie nicht selbst zur Erde fliegen kön-
Stirn. „Warum haben sie uns gewählt? Sie hätten die nen — jedenfalls jetzt noch nicht — um die Menschen
Expedition des Generals haben können. Statt dessen dort zu studieren, mußten sie also unter dem, was sie
nahmen sie uns. Warum?“ erhalten konnten, die beste Auswahl, treffen.“
Docchi schüttelte den Kopf. „Ich verstehe es nicht. Sie gingen weiter. Docchi lehnte sich leicht an sie.
Alles, was ich sagen kann, ist: sie sind Fremde!“ „Ich glaube, du hast recht. Die Expedition des Gene-
„Wir für sie übrigens auch. Das hebt sich also auf. rals — alles Spezialisten und Experten, einschließlich
Wir müssen ihre Art des Denkens kennenlernen.“ des Militärs — waren keine geeigneten Repräsentan-
Docchi lächelte. „Ja. Und da ich sonst nichts Posi- ten. Die Schmetterlinge könnten sie ewig studieren,
tives sehe, nehme ich an, sie handeln im eigenen In- ohne jemals ein wahres Bild zu bekommen.
teresse. Ich verstehe nur nicht, was sie davon haben, Da sie aber genau wissen wollten, wie die Men-
wenn wir hier sind.“ schen sind, ihre Entwicklungsmöglichkeiten und ih-
„Ich doch“, sagte Jeriann. „Wir sind normal. Das re Art der Lebensgemeinschaft, mußten sie uns neh-
ist der Grund.“ Sie fuhr schnell fort, als Docchi pro- men.“
testieren wollte. „Widersprich mir nicht, bevor ich es
erklärt habe. Als sie gestern mit uns Verbindung auf- „Es kommt mir seltsam vor“, sagte Jeriann und leg-
nahmen und uns mitteilten, daß sie uns in ungefähr te den Arm um ihn. „Bis jetzt habe ich uns nie für
drei Wochen einen offiziellen Besuch abstatten wür- normal gehalten.“
den, hast du da bemerkt, welcher von ihnen am hüb- „Wir wissen noch nicht, was geschieht, wenn wir
schesten war?“ den ersten Fremden begegnen. Sie sind anders, als wir
„Natürlich nicht“, stimmte Docchi zu. „Wenigstens uns je vorgestellt haben. Es geht nicht um den Kampf
am Anfang werden wir alle gleich für sie aussehen, ge- um einen Planeten, da unsere beiderseitigen Bestre-
nauso, wie es uns mit ihnen geht. Das Aussehen zählt bungen in andere Richtungen führen. Trotzdem haben
nicht.“ wir Angst; keiner von uns möchte Krieg. So gehen wir
„Richtig. Aber ich meinte etwas anderes. Als du den sorgfältig vor und achten auf jedes Zeichen des ande-
Schmetterling anschautest, der in dieser hohen quä- ren, das einem vielleicht Sicherheit gewährleistet. Wir
kenden Stimme sprach, hast du dir gedacht, wieso er werden nicht versagen. Trotz der Meinung, die einige
in so kurzer Zeit unsere Sprache lernen konnte. Du unserer eigenen Rasse über uns Versehrte haben, sind
hast gedacht: Sind sie alle so aufnahmefähig? Kann wir normale Durchschnittsmenschen — die Menschen
ich ihm trauen?“ aber haben immer nur Fortschritte gemacht, seitdem
„Wir müssen ihnen vertrauen“, sagte Docchi grim- das erste Feuer entfacht wurde.“
mig. „Wir haben keine Unterstützung von menschli- „Ja“, erwidert Jeriann. „Die Meinung uns gegen-
cher Seite zu erwarten, weil wir zu weit von der Erde über hat sich geändert. Es hat schon immer einige ge-
entfernt sind. Und sie haben uns gebeten, zu bleiben.“ geben — wie den Doktor zum Beispiel —, die nicht
„Aber kann man jedem trauen, jedem individuellen der Ansicht waren, wir müßten schön und wohlgebaut
Schmetterling? Und unter allen Umständen? Oder nur sein, bevor sie mit uns sprechen und sich uns nähern
einigen?“ könnten. Immer mehr von ihnen werden uns akzeptie-
„Wir haben es mit der Regierung zu tun“, entgegne- ren. Und noch etwas: Bisher waren wir nicht von Be-
te Docchi. deutung, weniger als tausend und keine einzige bemer-
„Einzelwesen gehen uns nichts an. Sie werden sich kenswerte Persönlichkeit darunter. Jetzt sind wir die
schon alle etwas voneinander unterscheiden. Einige Botschafter der Erde für das Centauri-System. Aber
sind vielleicht nicht vertrauenswürdig.“ Er schwieg das Wertvollste ist: Wir selbst werden nicht mehr die
einen Augenblick. „Natürlich ist die Regierung auch gleichen sein. Erst gestern erzählte mir Cameron, daß
ein Spiegelbild dessen, was die Bürger sind.“ Er Nona gute Fortschritte im Sprechen macht. Und Anti
schwieg wieder und wußte nicht weiter. „Und so- hat bereits viel Gewicht verloren. Eines Tages werden
mit sind wir für die Fremden durchschnittliche Men- wir uns vielleicht alle wieder normal und unbeschwert
schen.“ bewegen können.“
„Das habe ich gemeint“, sagte Jeriann. „Ein reprä- „Ja“, sagte Docchi. „Eines Tages wird es so weit
sentativer Querschnitt von dem, was sie auf der Erde sein.“

ENDE

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