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(Originaltitel: DOOMSDAY EVE)


Aus dem Amerikanischen von Fritz Möglich

TERRA - Utopische Romane


Band 170

von Robert Moore Williams


3 TERRA

1. Kapitel Jimmie fühlte, wie die Anschnallgurte gelöst wur-


den, wie jemand ihn aus der Kabine zerrte, und bevor
Die ersten Gerüchte über das Auftauchen von er das Bewußtsein verlor, nahm er noch wahr, daß ge-
„Weltraumwesen“ hatten sich schon vor dem Kriege schickte Hände seine Wunde sorgsam verbanden.
gebildet; sie gingen auf die Zeit zurück, als Jal Jon- Das war die Version, die Jimmie Thurman in sei-
nor, der Gründer der Gruppe, noch lebte, doch konnte nem Bericht niederlegte, nachdem ein Hubschrauber
man von einer eigentlichen Verbreitung erst während ihn gefunden und zu seinem Einsatzflughafen zurück-
der kriegerischen Auseinandersetzung sprechen. gebracht hatte. Er verbat sich jeden Zweifel an seiner
Zu dem Symptom eines lange andauernden Krieges, Erzählung und blieb halsstarrig dabei, daß er einem
dessen Kämpfe immer härter und erbitterter werden, Unbekannten seine Rettung zu verdanken habe. Wie
ohne daß eine der kämpfenden Parteien einen sichtba- dieser Unbekannte aussah, ob es sich um einen Mann
ren Vorteil zu erringen vermag, gehörte es, daß Solda- oder eine Frau gehandelt halbe, darüber vermochte er
ten seltsame Geschichten zu erzählen beginnen. Sie, nichts auszusagen, aber es stand für ihn fest, daß es
denen der Tod täglich nahe ist, beobachten geheimnis- sich um eines jener „Weltraumwesen“ handeln mußte,
volle Erscheinungen, berichten von wunderbaren Ret- von denen schon öfter die Rede gewesen sei.
tungen, glauben rätselhafte Schiffe im Weltall erblickt Fragte man Jimmie, wie es denn ein fremdes Lebe-
zu haben und zitieren sogar übermenschliche Wesen, wesen fertiggebracht haben könnte, in ein mit rasen-
die sich in höchster Not als Helfer erwiesen hätten. der Geschwindigkeit abstürzendes Flugzeug zu gelan-
gen, so blieb er die Antwort schuldig und beschränkte
Männer der Wissenschaft, denen nur das als bewie-
sich auf die gemurmelte Vermutung, jene Wesen sei-
sen gilt, was sie sehen, hören, fühlen oder messen kön-
en eben fähig, Dinge zu vollbringen, die außerhalb des
nen, haben für diesen Vorgang eine einfache Erklä-
menschlichen Vorstellungsvermögens lägen.
rung: Halluzinationen, entstanden aus lange andauern-
der nervlicher und physischer Belastung, Wunschträu- Nach dieser mit verbissener Sturheit vertretenen
me, geboren aus einem tief verankerten Gefühl der Ansicht blieb den Ärzten, die sich mit Thurman be-
Unsicherheit. Wie hätte ein Psychologe auch nur ei- schäftigten, nur übrig, der fliegerischen Laufbahn Jim-
ne Sekunde die Mär von dem Engel glauben können, mies ein Ende zu setzen — ein Mann, der offenbar
der plötzlich das Steuer eines abstürzenden Jagdflug- nicht mehr im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war,
zeuges übernahm, die Maschine zu Boden brachte und mußte als fliegeruntauglich beurteilt werden. Darauf-
sich des verwundeten Piloten annahm! hin begann Jimmie erst richtig verrückt zu spielen,
denn er war ein begeisterter Flieger, aber es half ihm
Jimmie Thurman hingegen war bereit, auf die nichts; sie ließen ihn nicht wieder an den Steuerknüp-
Wahrheit seines Erlebnisses einen Eid abzulegen. Da- pel, und die Kameraden begannen, ihn mit sonderba-
mals, in der ersten Phase des Krieges, gelang es feind- ren Blicken zu mustern, die dazu beitrugen, ihn völlig
lichen Verbänden ab und zu noch, den Luftschirm durcheinander zu bringen.
zu durchbrechen, und Jimmie war in Luftkämpfe mit
Ein Jahr später verschwand Jimmie Thurman spur-
einer asiatischen Jagdgruppe verwickelt worden, die
los, ein Fahnenflüchtiger mehr, dessen Personalakte in
einen sehr hoch fliegenden Bomberverband über den
der Registratur derer landete, die vor ihm den gleichen
Nordpol begleitete. Er hatte gerade einen der Jäger
Weg gegangen waren.
mit einem einzigen Feuerstoß brennend in die Tiefe
geschickt und zielte mit der spitzen Schnauze seines
*
Flugzeuges auf den mächtigen Leib des zunächst flie-
genden Bombers, als die Granate eines von ihm nicht
Der Fall Spike Larsons lag ähnlich, wenn er sich
bemerkten Jägers die rechte Fläche seiner Maschine
auch unter ganz anderen Umständen abgespielt hatte.
zur Hälfte abrasierte. Zugleich fuhr ein Splitter in sei-
Larson war Kommandant eines atomkraftgetriebenen
nen Arm, zerfetzte Fleisch und Muskeln und lahmte
U-Bootes, das im Persischen Golf operierte. In Erwar-
seine Nerven.
tung eines fetten Geleitzuges, aus dem es sich seine
Thurmans Maschine fiel trudelnd und sich immer Opfer herauspicken wollte, lag das Boot ohne Fahrt
schneller überschlagend der unendlichen weißen Eis- an einer seichten Stelle. Es wurde von drei feindlichen
wüste entgegen. Jimmie hatte den Tod vor Augen, da Zerstörern ausgemacht, und bald krachten die ersten
er wegen seiner Verletzung nicht imstande war, den Wasserbomben in bedrohlicher Nähe und ließen den
Schleudersitz auszulösen. stählernen Rumpf ächzen und beben. Larson wußte,
Dicht über dem Erdboden, als er jeden Augenblick daß sie verloren waren, wenn es ihnen nicht gelang,
den Aufprall erwartete, der das Ende bedeutete, kam den auf der Karte verzeichneten tiefen Graben zu er-
ihm zu Bewußtsein, daß sich noch jemand in der Enge reichen. Er legte das Boot auf Kurs, aber nach kurzer
der schmalen Kabine befinden mußte, und daß dieser Zeit meldeten die Instrumente eine Felssperre voraus.
Jemand das Flugzeug wieder in seine Gewalt brachte, Larson starrte verdutzt auf die Karte, die kein derarti-
wenn sich auch eine Bruchlandung nicht vermeiden ges Hindernis aufzeigte, dann schleuderte er sie mit ei-
ließ, bei der die Jagdmaschine in Flammen aufging. ner Verwünschung zu Boden. Entweder stimmten die
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Angaben nicht, oder aber der Meeresboden hatte sich regung nur mühsam verbarg: „Und was ereignete sich
gehoben. dann, Larson? Was geschah mit der Frau?“
„Aus!“ sagte er mit düsterer Miene. „Bleibt nur üb- „Sie verschwand“, erwiderte Larson schlicht.
rig, aufzutauchen und den Kampf über Wasser aufzu- Der Admiral hob die Hände an die Schläfen, als
nehmen.“ fürchtete er, der Schädel könnte ihm platzen.
Der Zweite Offizier wurde bleich, aber er war ein „Leutnant Thompson wird meinen Bericht in allen
Navymann, und so gab es nur eine Antwort für ihn: Einzelheiten bestätigen, Sir“, beeilte Larson sich zu
„Aye, aye, Sir!“ versichern. Dabei schüttelte er den Kopf, als begriff er
„Ich würde zu einer anderen Entscheidung raten“, selbst das Geschehen immer noch nicht.
sagte da eine dritte Stimme hinter den beiden. „Und was glauben Sie, Kommandant, wer diese
Larson erstarrte. Er hatte geglaubt, mit dem Zweiten Frau war?“ fragte ein anderes Mitglied des Ausschus-
allein in dem kleinen Raum zu sein. Langsam wendete ses. „Ich bin der Ansicht, daß es sich nur um ein Welt-
er sich um und entdeckte, daß er sich geirrt hatte. raumwesen gehandelt haben kann“, antwortete Larson
ohne Zögern. Seine Stimme klang fest und ließ kei-
Vor dem Marine-Untersuchungsausschuß berichtete nen Zweifel an seiner inneren Überzeugung. Als die
er später darüber: „Sie stand plötzlich neben mir — die Verhandlung beendet war und der Raum sich langsam
schönste Frau, die ich je gesehen hatte, eine schlanke leerte, sah man Larson mit seltsam in die Ferne ge-
Gestalt, in makelloses Weiß gekleidet. Sekundenlang richtetem Blick hinausgehen. Der Ausgang der Ver-
vermochte ich mich nicht zu bewegen, war unfähig, handlung schien ihn nicht im mindesten beeindruckt
auch nur den kleinen Finger zu rühren. Eine Frau auf zu haben, obwohl man ihm kein neues Schiffskom-
meinem Boot! Und was für eine Frau! Während ich mando anvertraute. Er wurde zu einer Landdienststel-
steif und starr stand und das gleiche Erstaunen auf den le versetzt, mit der Auflage, sich einer psychiatrischen
Zügen des Zweiten beobachtete, trat die Frau an die Behandlung zu unterziehen, die nach dem Urteil der
Steuerorgane und sagte: Erlauben Sie mir, Komman- Ärzte ohne jeden Erfolg blieb.
dant, Sie auf eine neue Fahrrinne dicht an der Küste
Acht Monate später war Larson verschwunden, oh-
aufmerksam zu machen, die auf den Karten noch nicht
ne eine Spur zu hinterlassen.
verzeichnet ist. Seit der letzten kartographischen Auf-
nahme ist der Meeresboden in diesem Gebiet erheb-
*
lichen Veränderungen unterworfen gewesen. Ich weiß
nicht, ob den Zerstörern die neue Fahrrinne bekannt Wurden Thurmans und Larsons Erzählungen schon
ist, es spielt auch weiter keine Rolle. Sie können uns mit Kopfschütteln und unverkennbarer Skepsis zur
auf keinen Fall folgen, da auf der einen Seite Felsen, Kenntnis genommen, so stellte der Bericht des Oberst
auf der anderen die Sandbänke drohen. Wenn Sie mir Edward Grants, USAF, alles Bisherige in den Schat-
also gestatten, das Kommando zu übernehmen. ten. Grant war der erste Mensch, der mit einem künst-
„Ich konnte nur zustimmend nicken“, fuhr Larson lichen Satelliten in den Weltraum geschickt worden
vor dem Untersuchungsausschuß fort. „Die Frau steu- war. Diese Weltraumstation, so klein, daß sie nur einen
erte sofort einen um siebzig Grad geänderten Kurs, sie Mann beherbergen konnte, war unter erheblichen Mü-
schaltete Meßgeräte und Echolot ab und ließ das Boot hen gestartet worden und in ihre Kreisbahn gelangt.
steigen, bis es dicht unter der Wasseroberfläche dahin- Eine Rückkehr zur Erde lag außerhalb der technischen
schlich. Sie steuerte mit einer traumwandlerischen Si- Möglichkeiten, da die Treibstoffkapazität des Satelli-
cherheit; zweimal wich sie Wasserbomben aus, die uns ten nicht ausreichte, und so ruhte die Hoffnung, Grants
normalerweise erledigt hätten, dann wieder führte sie Bericht aus dem Weltall jemals zu vernehmen, auf
das Boot so dicht an scharfkantigen Felsen vorüber, dem im Bau befindlichen Weltraumschiff, das neue
daß die Farbe von der Steuerbordseite gekratzt wurde, Treibstoffvorräte hinauftragen sollte, um Grant die
sie bewahrte uns davor, auf einer Sandbank hängen zu Rückkehr zu ermöglichen. Aber dann brach der Krieg
bleiben, wo wir den Kanonen der Zerstörer als Ziel- aus, riesige Städte mußten vor der Vernichtung ge-
scheibe gedient hätten. Aber sie schaffte es, sie brach- schützt, ein Millionenvolk vor der Ausrottung bewahrt
te das Boot aus der scheinbar zugeschnappten Falle werden. Für die Staatsführung gab es wichtigere Din-
in tiefes Wasser. Zuletzt übergab sie Leutnant Thomp- ge als die Sorge um das Leben eines einzelnen Men-
son das Steuer und sagte: ,Vielen Dank, Kommandant! schen.
Ich bin überzeugt, daß Sie nun keine Schwierigkei- Auf Grund dieser Umstände wurde Grant zum ein-
ten mehr haben werden, Ihr Boot mit gewohntem Ge- samsten Menschen in der langen Geschichte unse-
schick wieder selbst zu führen.’ “ rer Erde. Nur die Sterne waren seine Nachbarn, der
Die Mitglieder des Untersuchungsausschusses wa- Mond wurde zu einem vertrauten Kameraden. Wenn
ren Larsons Bericht mit weit aufgerissenen Augen ge- etwas verhindern konnte, daß er zum ewigen Fliegen-
folgt, sie hatten sich vorgebeugt, um sich kein Wort den Holländer des Weltraums wurde, so war es die
entgehen zu lassen. Als Larson geendet hatte, frag- Hoffnung auf ein baldiges Ende des Krieges, das die
te ein grauhaariger Admiral, dessen Stimme die Er- Vollendung des Weltraumschiffsbaues zuließ.
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Natürlich war der Abschuß des Satelliten von den er die Erde berührte — mitten in einem großen Wei-
Asiaten registriert worden, und sie fühlten sich be- zenfeld in Kansas.“
droht, in der Annahme, daß von nun an ihr Reich un- Der General winkte ab. Es hatte nicht erst Grants
ter ständiger Beobachtung stünde. Das war selbstver- Vorschlag bedurft, um den General nach Kansas ei-
ständlich ein Hirngespinst, denn auf eine so riesige len zu lassen. Was er gesehen hatte, trug nicht dazu
Entfernung hätten nie Feststellungen von militärischer bei, das Rätsel zu lösen. Grants Nerven mochten unter
Wichtigkeit getroffen werden können. Im Gegenteil dem Einfluß der Einsamkeit im Weltraum durcheinan-
standen allen Völkern die von den Satellitensendern dergeraten sein, aber der Satellit hatte keine Nerven;
ausgestrahlten wissenschaftlichen Informationen zur er war ein totes Ding, das nicht auf Halluzinationen
Verfügung. ansprach, ein eindeutiger Beweis, daß Grants Bericht
Um der vermeintlichen Bedrohung ein Ende zu be- von dem äußeren Geschehen der Wahrheit entsprach.
reiten, feuerten die Asiaten endlich einen auf den Sa- Welche Kräfte hatten den Satelliten zur Erde zurück-
telliten errichteten Raketentorpedo ab. Über die nun gebracht?
folgenden Geschehnisse berichtete Grant später fol- Die letzte, an den Obersten gerichtete Frage ver-
gende Einzelheiten: mochte Grant nicht zu beantworten. „Was mit dem
„Die Rakete mußte bereits abgefeuert gewesen sein, kleinen Mann nach der Landung geschah? Ich weiß
als der kleine Mann auf meinem Satelliten erschien. es nicht, Sir. Er verschwand auf ebenso geheimnisvol-
Er unterrichtete mich darüber, daß und welche Gefahr le Art, wie er im Weltraum im Satelliten aufgetaucht
mir drohte. Ich hörte ihn an und entgegnete, daß ich war...“
keinerlei Möglichkeiten hätte, mein Schicksal zu be-
einflussen, da der Station der Treibstoff fehlte, um sie *
aus ihrer Bahn zu führen.
Sie möchten, daß ich Ihnen den Mann beschreibe? Grants Bericht brachte die Dinge ins Rollen. Ei-
Gern, General! Wir kommen den Tatsachen wohl am ne Untersuchung auf breitester Basis wurde eingelei-
nächsten, wenn ich ihn als einen winzigen Moses be- tet, Daten wurden gesammelt, alte Akten durchstöbert.
zeichne, ein Männchen mit schneeweißem Bart und Selbst Berichte aus der Zeit Jal Jonnors wurden heran-
glitzernden Augen. Wie er bekleidet war? Nur mit ei- gezogen, doch als sich keinerlei handgreifliche Resul-
nem Lendentuch, Sir. Nein, Sir, ich denke nicht daran, tate ergaben, stellte man das Problem vorerst zurück.
mich über das Auditorium lustig zu machen. Ich ver- Zu viele Menschen wurden durch die Untersuchung
suche lediglich, mit den mir zur Verfügung stehenden gebunden, und Menschen, besonders gewisse Spezia-
Worten und Begriffen zu schildern, was geschah, was listen, wurden für andere Zwecke dringender benötigt.
ich mit meinen eigenen Augen sah.“ Ein Volk, das um sein Leben kämpft, hat genug mit
der Gegenwart zu tun; um die Zukunft kann es sich
Bei diesen letzten Worten war die Stimme des Ober-
erst kümmern, wenn die unmittelbare Bedrohung ab-
sten ein wenig ungehalten geworden, und der General
gewendet ist. Der Fall Grant geriet in Vergessenheit.
schwieg Er hatte keine andere Wahl. Grant war nicht
nur in den Augen der Bevölkerung ein Nationalheld; Geraume Zeit später wurde der fast vergessene,
auch die Regierung hielt große Stücke auf ihn, und ein halbverstaubte Aktenberg über diese Vorfälle wieder
General, der sich den Mund verbrannte, indem er die- ausgegraben. Der Mann, der sich von neuem mit je-
sen großen Mann angriff, mochte leicht in der Versen- nen Vorgängen beschäftigte, hieß Kurt Zen. Er war ein
kung verschwinden. großer, schlanker Mann, Oberst in der Abwehr, und
seine Tollkühnheit war sogar in den Reihen seiner Mit-
Grant wartete, bis Ruhe eingetreten war, um dann
arbeiter sprichwörtlich, obwohl sie es gewohnt waren,
fortzufahren:
täglich und stündlich dem Tod ins Auge zu sehen.
„Was dann geschah? Nicht mehr und nicht weniger,
Daß Zen mit dieser Aufgabe betraut wurde, ver-
als daß der kleine Moses sagte, er werde den Satelliten
dankte er nicht nur seinem ausgezeichneten Ruf; Ge-
zur Erde zurückbringen.“
rüchte und Erzählungen über das Erscheinen von
„Den Satelliten zur Erde zurückbringen?“ wieder- Weltraumwesen hatten in einem solchen Maße zuge-
holte der General ungläubig. „Wenn ich Sie recht ver- nommen, daß sie nicht mehr mit Stillschweigen über-
standen habe, hatte die Station doch keinerlei Treib- gangen werden konnten. Es ließ sich auch nicht leug-
stoff, Oberst.“ nen, daß die Umstände, unter denen diese angebli-
Grant nickte geduldig. „Sie haben die Situation völ- chen Begegnungen stattfanden, an Seltsamkeit und
lig richtig erfaßt, Sir. Aber genau das waren die Worte Einmaligkeit zunahmen. So behauptete beispielswei-
des kleinen Mannes, und er ließ ihnen die Tat folgen. se ein Bomberpilot, eine Frau habe während des gan-
In der saubersten Landung, die ich je gesehen habe, zen Fluges nach Asien auf der rechten Flächenspitze
brachte er den Satelliten auf die Erde zurück. Soll- seiner Maschine gekauert und sei erst über den chine-
ten Sie an meinen Worten zweifeln, Sir, so können Sie sischen Hochebenen abgesprungen. Diese Geschichte
sich leicht von der Wahrheit überzeugen. Der Satellit reihte Zen sogleich in die Kategorie offensichtlicher
befindet sich noch an genau der gleichen Stelle, an der Halluzinationen ein, wie überhaupt ein großer Teil der
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eingehenden Berichte dazu gerechnet werden mußte. Stille durch ein unheimliches Geräusch unterbrochen
Je mehr Zen sich mit seiner Aufgabe beschäftigte, um wurde, das von der Höhe der umgebenden Bergkup-
so klarer wurde ihm, daß säe nicht leicht sein wer- pen kam und dem dumpfen Grollen eines verwunde-
de; Geduld, Menschenkenntnis und Erfahrung gehör- ten Löwen ähnelte.
ten dazu, Wirklichkeit von Wahnvorstellungen zu tren-
nen. 2. Kapitel
Sah man von den mehr oder weniger glaubhaft er-
scheinenden Meldungen ab, so ließ sich in bezug auf Zen hörte das Grollen, er schloß seine Lippen zu
die Weltraumwesen, sofern es sie überhaupt gab, nur einem schmalen Strich. Er erfaßte die Bedeutung des
die Feststellung treffen, daß sie sehr klug und nur unheimlichen Geräusches in ihrer ganzen Schwere, er
schwer zu fassen sein würden. Von Jal Jonnor, dem wußte, daß genau in vier Minuten die Berge zu beben
Gründer der Gruppe, existierte nur noch das Grab in und zu zittern beginnen würden, daß hunderttausend
der kalifornischen Sierra Nevada. Kurt Zen verzichte- Blitze zugleich die Luft durchzucken und das Gebiet
te auf den Besuch dieses Grabes, aber er vertiefte sich in eine Hölle verwandeln würden.
mit großem Interesse in die ihm vorgelegten Fotogra- Zen legte die Hände wie einen Trichter an den
fien und beschaffte sich alles Material, das über jene Mund und schrie mit weithin vernehmbarer Stimme
ebenso legendäre wie rätselhafte Gestalt veröffentlicht seinen Warnruf: „Volle Deckung!“, während das un-
worden war. Zen zweifelte daran, daß ein Grab und heimliche Grollen langsam verklang. Sein Blick war
Berge von Berichten die einzigen Zeugen für den Wa- auf Nedra gerichtet, die Krankenschwester, die weni-
gemut eines Menschen sein sollten, der glaubte, die ge Meter vor ihm den Schritt verhalten hatte. Zen wie-
Tür in ein neues Zeitalter aufgestoßen zu haben. Und derholte seinen Ruf und ballte die Fäuste, als er sah,
diese Zweifel bestärkten seinen Willen, früher oder daß nur ein Teil der Soldaten seinem Befehl folgte.
später eines jener seltsamen Weltraumwesen habhaft Die Ausfälle der Gruppe an Verlusten waren erst kürz-
zu werden, um endlich Klarheit in die Unzahl verwir- lich ergänzt worden, den Neuen fehlte die Kampfer-
render Fragen bringen zu können. fahrung, jener Instinkt, der sich nur unter feindlichem
Vorerst aber beherrschte der Krieg noch alle Ge- Feuer entwickelt, und dessen Fehlen ihnen nun das Le-
müter, und Cuso, der oberste Führer der asiatischen ben kosten würde. Es blieb keine Zeit, jeden einzelnen
Kampftruppen, sorgte mit einem gewagten Schach- zu warnen, zu weit war die Gruppe auseinandergezo-
zug, der sich gegen das Herz der Vereinigten Staa- gen.
ten richtete, dafür, daß alle anderen Probleme in Schnelle Schritte brachten Zen an Nedras Seite, die
den Hintergrund traten. Zehntausende kampferprobter sich erstaunt umwandte.
asiatischer Fallschirmjäger ruckten in den zwischen „Was gibt es?“ fragte sie. „Warum schreien Sie so?
Britisch-Kolumbien und den USA gelegenen Bergen Ist etwas nicht in Ordnung?“
vor, in kleine Gruppen aufgesplittert, die einen ständi- „Das will ich meinen“, murmelte Zen grimmig.
gen Guerillakrieg führten. Auf Bergkuppen, in Tälern „Haben Sie denn nichts gehört?“
und Schluchten getarnt, widerstand dieser Angriffs-
Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Nein. Das heißt
keil allen Vernichtungsversuchen und wurde zu einem
— natürlich habe ich das Grollen vernommen, man
ständigen Stachel im Fleisch Amerikas — eine Her-
konnte es wohl nicht überhören.“ Ihr Gesicht spiegel-
ausforderung, die nicht lebensbedrohend war, auf die
te eine ganze Skala von Gefühlen wieder, aber Furcht
Dauer aber nicht übersehen werden konnte. Bomber
war nicht darunter. „Was hatte das Grollen zu bedeu-
versagten, da sie keine Ziele fanden, und das unwegsa-
ten? Kündigt es ein Gewitter an?“
me Gelände band ganze amerikanische Armeen, deren
Angriffe immer wieder ins Leere stießen. Zen starrte das Mädchen verdutzt an. Wie konnte
eine Krankenschwester, wie konnte jemand, der den
So war die Lage, als Kurt Zen sich inmitten einer
Krieg mit allen Schrecknissen erlebt hatte, eine derar-
kleinen Elitegruppe auf dem letzten gangbaren Pfad,
tige Frage stellen?
von dem sie hofften, daß er sie zu Cusos versteck-
tem Hauptquartier führen würde, bergaufwärts arbei- „Warum antworten Sie nicht?“ fragte das Mädchen
tete. Zen war weder an der Taktik oder Strategie, noch in Zens erstauntes Schweigen. „Habe ich eine dumme
an Cuso selbst besonders interessiert; seine Teilnahme Frage gestellt?“
an diesem Unternehmen hatte ihren Grund in der Exi- „Das haben Sie, bei Gott!“ nickte Zen grimmig.
stenz einer Krankenschwester, die der Gruppe zuge- „Und nun kommen Sie endlich!“
teilt war. Diese Krankenschwester, so vermutete Kurt „Wohin wollen Sie?“
Zen, der seine Kenntnisse monatelanger mühsamer „Dorthinein!“ brummte Zen und zog das Mädchen
Kleinarbeit verdankte, gehörte entweder selbst jenen mit sich. Er hatte eine winzige Höhle entdeckt, den
legendären Weltraumwesen an oder war in der Lage, Anfang eines Schachtes, wie sie in diesem Gebiet frü-
die Verbindung zu ihnen herzustellen. her von Goldgräbern in die Felsen getrieben worden
Weit auseinandergezogen, arbeiteten sich die Sol- waren. Automatisch hatte er sich nach einer Deckung
daten den steilen, geröllbedeckten Pfad hinauf, als die umgesehen, als das erste Grollen ertönte, das, wie
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er wußte, die Richtungsänderung einer vom Gegner Zens Haut. Mit Getöse raste in diesem Augenblick er-
ferngelenkten Rakete verkündete. Diese Höhle konnte neut ein schwerer Felsbrocken am Eingang der Höhle
Rettung und Überleben bedeuten. vorüber.
In langen Sätzen sprang er auf die Deckung zu, oh- Zen zog das Zigarrettenpäckchen, bot es Nedra an,
ne den Griff um Nedras Handgelenk zu lockern. aber sie lehnte dankend ab. Ihr Gesicht wandte sich
„Warum haben Sie es plötzlich so eilig?“ erklang dem Eingang zu, als wieder ein Schrei von draußen er-
ihre hastige Stimme neben ihm. „Erwarten Sie, daß klang. Sie traf Anstalten, die Höhle zu verlassen, aber
etwas geschieht?“ Zen hielt sie zurück.
Zen schob das Mädchen in die Höhle, die sich „Warten Sie, bis Ruhe eingetreten ist! Oder haben
knapp drei Meter tief in den Fels senkte, und blickte Sie Lust, von einem Felsen erschlagen zu werden?“
auf seine Armbanduhr. „In zwei Minuten werden Sie Als er ihren Blick sah, bezweifelte er, ob sie seine
es erfahren“, nickte er heiser. „Beten Sie zu Gott, daß Worte überhaupt verstanden hatte. „Sie halten mich
wir es überstehen!“ für eines jener Weltraumwesen, nicht wahr?“ fragte
Draußen begann ein Soldat zu schreien. Zugleich sie.
erklang wieder das dumpfe Grollen vom Himmel, als „Wie kommen Sie darauf?“ entgegnete er und wich
das Geschoß abermals seine Richtung änderte. Sekun- ihrem Blick aus.
den später vernahmen sie die Detonation. Für lange
„Ich dachte es nur. Es stimmt doch, nicht wahr?“
Zeit war die Hölle los. Die Wände der Höhle bebten
und schwankten, gelblich roter Staub quoll aus Ritzen Zen zog an seiner Zigarette, ohne zu antworten.
und Fugen, ein Felsbrocken von der Größe eines mitt- Er war Abwehroffizier und somit gewöhnt, Fragen zu
leren Hauses sauste zischend am Eingang vorüber und stellen. Nedra hatte den Spieß umgekehrt und ihn in
knickte vereinzelte Bäume, als wären sie Streichhöl- Verlegenheit gebracht. Der Verwundete draußen hörte
zer. Ein prasselnder Regen von Steinen und Geröllen auf zu schreien, das Schwanken der Felsen verlor sich,
folgte, langanhaltender Donner, dessen Echo sich zwi- langsam schienen sich die Verhältnisse zu normalisie-
schen den Felswänden vervielfältigte, übertönte jedes ren.
andere Geräusch. „Jetzt möchte ich Ihnen eine Frage stellen“, sagte
Zen beobachtete gespannt die Reaktion Nedras. Sie das Mädchen in die plötzliche Stille. „Sind Sie ein
hatte die Hand auf seinen Arm gelegt, und nur der Mann aus dem Weltraum?“
Druck ihrer Finger hatte sich etwas verstärkt, während Zen hustete. Die unerwartete Frage Nedras hatte ihn
draußen die Katastrophe mit unvorstellbarer Gewalt den Rauch tief in die Lungen einziehen lassen. „Wie,
abrollte. Sie zeigte kein Zeichen von Panik, es war ihr zum Teufel, kommen Sie auf diese Frage?“
nicht anzumerken, ob sie die Vorgänge überhaupt be- „Ich weiß es nicht. Es interessiert mich eben. Habe
griff. Zen schüttelte düster den Kopf. ich recht?“
„Haben Sie denn keine Nerven?“ fragte er. „Jede „Was wissen Sie denn von den Weltraumwesen?“
andere Frau hätte Zustände bekommen und in meinen „Nicht mehr, als das, was man über sie erzählt. Daß
Armen Schutz gesucht. Warum Sie nicht?“ sie die Rasse der Zukunft sind, die es übernehmen
Nedra blies den rötlichen Staub von Zens Schulter. wird, die Welt zu neuer Höhe zu führen, nachdem alle
„Es tut mir leid, Oberst, daß ich Sie enttäuschen muß“, Menschen in diesem Krieg umgekommen sind.“ Das
erwiderte sie lächelnd. „Wahrscheinlich wurde meine Erstaunen in Nedras Zügen war unverkennbar. „Wol-
Erziehung in gewissen Punkten vernachlässigt.“ len Sie allen Ernstes behaupten, Sie hätten noch nie
„Haben Sie wirklich keine Furcht, Nedra?“ von diesen Dingen gehört?“
„Nein, warum sollte ich?“ „Natürlich habe ich die Gerüchte vernommen“, er-
„Dann sind Sie kein menschliches Wesen!“ widerte Zen achselzuckend. „Kleine und große Mär-
Zen hatte die Worte kaum gesagt, als er sie schon chen, die für mich nur aus Lügen bestehen. Meine
bereute. Warum konnte er sich nicht beherrschen? War Meinung über diese Geschichten steht fest — unse-
es nötig, daß er das Mädchen warnte und seinen Ver- re Gegner verbreiten sie systematisch, weil sie sich
dacht preisgab? davon ein Erlahmen unserer Anstrengungen verspre-
„Kein menschliches Wesen? Was bin ich dann nach chen, diesen Krieg zu gewinnen. Propaganda, psycho-
Ihrer Meinung?“ wiederholte sie. logische Kriegsführung, nichts weiter.“
Zen überging die Frage, als habe er sie nicht gehört. „Sind Sie überzeugt davon?“ Nedras Stimme hatte
„Haben Sie auch keine Furcht vor dem Tode?“ fragte einen erwartungsvollen Klang. „Ehrlich und wahrhaf-
er statt dessen. tig?“
Wieder schüttelte sie den Kopf. „In diesem Krieg „Ich glaube, was ich sehen und mit meinen Sinnen
sind schon zuviel Menschen gestorben. Grauen im erfassen kann“, sagte Zen ungehalten. „Gerüchte blei-
Übermaß verliert seine Drohung“, sagte sie einfach. ben Gerüchte, für mich zählt nur echtes Beweismate-
Sie blickte zu ihm auf, und von ihren Augen ging ei- rial, und darauf mußte ich bisher verzichten.“ Er nä-
ne seltsame Wirkung aus, als träfen elektrische Ströme herte sich dem Eingang der Höhle, zog aber den Kopf
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schnell zurück, als ein dichter Geröllstrom sich nach müssen, aber diesen Männern können weder Sie noch
unten ergoß. „Es regnet immer noch Felsen“, knurrte die besten Ärzte helfen.“
er. „Bleiben wir also noch ein wenig hier. Was wissen Er beobachtete Nedra aufmerksam. Sie hatte den
Sie über die sogenannten Weltraumwesen, Nedra?“ Sinn seiner Worte begriffen, aber etwas anderes war
„Nicht viel“, murmelte sie. stärker als Vernunft und Überlegung: die qualvollen
„Sie sind eine entzückende Lügnerin“, stellte Zen Rufe des Verwundeten, die immer noch den Hang her-
fest. „Leider ändert die Tatsache, daß Sie schön sind, abklangen. Sie wandte Zen den Rücken und ging lang-
nichts daran, daß Sie es mit der Wahrheit nicht all- sam davon. Zen zauderte und
zu genau nehmen.“ Sein Blick überflog das Mädchen. stieß eine gemurmelte Verwünschung aus, dann eil-
Nedra war wirklich eine Schönheit mit ihren blauen te er ihr nach.
Augen und dem bronzefarbenen Haar, aber ein Ab- Plötzlich verhielt er den Schritt. Wußte Nedra, was
wehroffizier hatte sich mit dieser Feststellung abzufin- sie tat? Sie mußte die furchtbare Wirkung radioaktiver
den und durfte sich nicht vom Wege abbringen lassen. Strahlen kennen, mußte wissen, was einem gewöhn-
Die Stille wurde erneut von den abgerissenen lichen Sterblichen bevorstand, der in eine verseuch-
Schreien eines Verwundeten belebt. Das Mädchen te Zone eindrang. Wenn sie es doch tat, so bedeutete
richtete sich auf, hob langsam den Kopf. Dann setzte das, daß sie anders reagierte als eine normal Sterbli-
sie sich auf den Eingang der Höhle zu in Bewegung. che? War das, was er in den nächsten Minuten erleben
Zen griff wieder nach ihrem Arm, und sie blickte ihn würde, eines jener Wunder, wie sie nach den Berich-
verständnislos an. ten der Soldaten vor ihren Augen von Wesen aus dem
„Bitte, lassen Sie mich gehen, Oberst“, flüsterte sie Weltraum vollbracht worden waren? Wenn Nedra un-
und deutete mit der freien Hand auf den Abhang, von behelligt zurückkam, hatte sie ihr Geheimnis preisge-
dem die Schreie kamen. „Dieser Mann dort braucht geben. Wo sie hinging, konnte er ihr nicht folgen, oh-
meine Hilfe.“ ne sein Leben aufs Spiel zu setzen. Er war zum War-
„Sie werden von vielen anderen gebraucht“, sagte ten verdammt, zur Untätigkeit. Wenn sie aber zurück-
Zen. „Ich kann Sie nicht gehen lassen.“ kam, ohne eine Wirkung der tödlichen Strahlen zu zei-
„Warum nicht?“ Sie schien ihn nicht zu verstehen. gen, dann würde Zen ihr bis ans Ende der Welt folgen,
wenn es sein mußte.
„Weil jener Abhang noch voller Gefahren ist.“ Zen
hob den linken Arm und blickte auf den winzigen Gei-
3. Kapitel
gerzähler, den er neben der Uhr trug. Noch immer
kroch der schmale Zeiger über die Skala auf die ro- Der Sender, den Zen im Sturmgepäck auf dem
te Markierung zu. Rücken trug, war klein, aber von außerordentlicher
„Die Radioaktivität in der Höhle beträgt vierzig“, Stärke. Er sah kaum wie ein Sender aus, da er we-
sagte Zen betont. „Auf der halben Höhe des Abhan- der Antenne noch eine sichtbare Stromquelle aufwies.
ges können Sie mit hundert rechnen, oben auf dem Nur die winzigen Kopfhörer und ein Kehlkopfmikro-
Berg, wo die Detonation stattfand, sogar mit tausend fon verrieten den Verwendungszweck des unauffälli-
und darüber.“ gen, kugelförmigen Gerätes.
Seine Worte schienen Nedra nicht im geringsten zu Zen schob sich die Kopfhörer über, rückte das Kehl-
beeindrucken. „Es macht mir nichts aus“, sagte sie kopfmikrofon an seinen Platz, nahm eine mit einem
schnell. „Es darf mir nichts ausmachen. Ich bin Kran- dünnen Draht versehene Plastikröhre in die Hand und
kenschwester, verstehen Sie doch! Dort oben befinden beobachtete, wie die Nadel des Anzeigegerätes über
sich Verwundete, die meine Hilfe brauchen.“ die Skala wanderte.
„Wenn Sie ihnen Hilfe bringen wollen, werden Sie „Neun — Strich — neun, bitte melden!“ sagte er.
selbst jemand benötigen, der sich um Sie kümmert“, „Hier spricht sechs — eins, ich rufe neun — Strich —
entgegnete Zen. „Schlagen Sie sich das aus dem Kopf. neun!“ Dreimal wiederholte er seinen Ruf, dann kau-
Die Männer müssen selbst versuchen, die verseuchte erte er sich nieder und wartete auf die Antwort.
Zone zu verlassen.“
„Sechs — eins, bitte melden!“ kam der Ruf aus den
„Sie sind herzlos!“ sagte Nedra heftig. Hörern. „Welche Farbe hat Rot?“
„Keineswegs“, wehrte Zen ab. „Wenn etwas für sie “Rot ist in dieser Woche grün“, erwiderte Zen ohne
getan werden könnte, wäre ich der erste, ihnen zu hel- Zögern.
fen. Begreifen Sie denn nicht, was geschehen ist? Vor
„Welche Farbe war es in der vergangenen Woche?“
wenigen Minuten detonierte eine asiatische N-Bombe.
Die direkte Auswirkung dieser N-Bomben ist nicht „Weiß!“
allzu schwer. Viel gefährlicher ist die hohe Konzen- „Bitte sprechen Sie!“ wurde Zen aufgefordert,
tration von Radioaktivität, die das betroffene Gebiet nachdem er sich durch die Kennworte ausgewiesen
auf Monate hinaus unbewohnbar macht. Wer, wie die hatte.
Verwundeten dort oben, der direkten Strahlung ausge- „Hier spricht Kurt Zen, Oberst der Abwehr. Verbin-
setzt war, ist verloren. Es tut mir leid, das sagen zu den Sie mich sofort mit General Stocker !“
9 TERRA

„Ich verbinde Sie, so schnell es möglich ist, Sir!“ „Wirklich?“ wiederholte Zen ungläubig. „In der
erwiderte der Vermittler. Wohnung des Präsidenten?“
Zen brauchte nicht lange zu warten, bis er die laute, „So heißt es. Wilkersons Sekretärin war Zeugin. Die
polternde Stimme des Generals vernahm. Ärzte sind noch dabei, sie von der Schockwirkung zu
„Kurt, alter Junge, wo sind Sie?“ fragte Stocker. befreien. Sie hatte geglaubt, der Liebe Gott persön-
Zen berichtete schnell, wo er sich befand und was lich sei erschienen. Wilkerson hat die Sache auch noch
geschehen war. „Wir haben uns festgefahren, Sir. Bes- nicht völlig überwunden. Er hat mir selbst die letzten
ser gesagt, Cusos Bombe hat uns eingefroren. Sie hat Befehle erteilt, und darum sage ich Ihnen noch ein-
den letzten Paß, über den wir sein Hauptquartier hätten mal, daß wir Klarheit über die Weltraumwesen haben
erreichen können, verschüttet und das gesamte Gebiet müssen.“
durch Radioaktivität unpassierbar gemacht.“ „In Ordnung, Sir!“
„Zum Teufel mit ihm!“ grollte der General. „Wie „Melden Sie sich, sobald Sie etwas Positives aufzu-
sollen wir ihn jemals aus seinem Versteck herausho- weisen haben. Viel Glück, Kurt! Ende!“
len?“
Zen entledigte sich der Kopfhörer und verstaute das
„Das ist eine Angelegenheit des Stabes, Sir. Ich ha- Gerät. Der Geigerzähler zeigte an, daß die Radioak-
be andere wichtige Dinge zu melden.“ tivität nachließ, aber immer noch über der erträgli-
„So? Wollen Sie mir etwa im Ernst mitteilen, daß chen Dosis lag. Erwartungsvoll blickte Zen auf den
diese Krankenschwester...“ steil nach oben führenden Pfad. Verwundete schwank-
„Ich nehme es mit Sicherheit an, Sir. Noch habe ich ten näher, aber Nedra war nicht unter ihnen.
keinen endgültigen Beweis, aber in kurzer Zeit...“ Und Ganz am Ende des Pfades erkannte Zen schließlich
Zen machte den General mit der Situation vertraut, in eine schlanke Gestalt, die sich bergan bewegte — die
der er, die Soldaten und Nedra sich befanden. Krankenschwester! Er nahm das Glas an die Augen
„Ich verstehe“, sagte Stocker, als Zen geendet hatte. und beobachtete Nedra, die sich am Rand des Pfa-
„Wenn diese Nedra unbehelligt zurückkommt, so ist des neben einem Verwundeten niederkniete, der nicht
für Sie bewiesen, daß sie eines jener Weltraumwesen mehr die Energie zum Abstieg aufbrachte. Sie half
ist. Stirbt sie dagegen, so wissen wir, daß sie sich in dem Mann auf die Füße und stützte ihn. Er taumelte
nichts von uns gewöhnlichen Sterblichen unterschei- und fiel wieder zu Boden. Wieder kniete Nedra ne-
det. Das ist’s doch, was Sie mir sagen wollen, wie?“ ben ihm nieder, aber diesmal versuchte sie nicht, dem
„Genau das, Sir“, erwiderte Zen gelassen. Mann aufzuhelfen, weil er tot war. Langsam richtete
das Mädchen sich auf und setzte den Weg nach oben
„Sagen Sie, Kürt, sind Sie verwundet worden? Ha- fort.
ben Sie etwas abgekriegt?“ fragte der General, und
seine Stimme klang plötzlich besorgt. Tief unten näherte sich das Dröhnen zahlreicher
Motoren, eine lange Wagenschlange kroch bergan,
„Zum Teufel, nein!“ schrie Zen, der allmählich
kam zum Halten. Durch das Glas sah Zen, wie eine
die Geduld verlor. „Ich habe mich natürlich in einen
Sanitätseinheit eingesetzt wurde. Die Männer arbeite-
Felstunnel verkrochen, als ich die Rakete kommen
ten schnell und zielbewußt, schon dirigierten sie die
hörte. Halten Sie mich für so verrückt, eine N-
ersten Verwundeten an den blendend weißgestriche-
Bombendetonation ohne Deckung über mich ergehen
nen Dreiachser, der die fahrbare Untersuchungsstati-
zu lassen?“ Er.räusperte sich und schickte seinen Wor-
on beherbergte. Aber Zen sah den bedrückten Mienen
ten ein gemurmeltes „Entschuldigung, Sir, die Zunge,
der Sanitäter an, daß in den meisten Fällen die Hilfe zu
ist mir durchgegangen!“ hinterher.
spät kam. Er zwang sich, seine Aufmerksamkeit wie-
„Was wollen Sie also weiter unternehmen?“ der dem Mädchen zuzuwenden, das eben das Ende des
„Dem Mädchen folgen, wenn es zurückkommt, Sir. Gebirgspfades erreicht hatte. Ein Mann befand sich in
Ich hoffe, daß ihr nichts zustößt.“ ihrer Begleitung, und als Zen ihn durch das Glas mu-
Der General lachte. „Sie haben also Feuer gefan- sterte, erkannte er zu seinem Erstaunen, daß es sich
gen?“ um einen Zivilisten handelte.
„Davon ist keine Rede, Sir, obwohl sie eine Augen- Mechanisch, als gehorchten seine Beine einem
weide ist.“ fremden Willen, setzte sich Zen bergan in Bewegung.
„Das sind sie alle, Kurt, äußerlich wenigstens. Das Erst nach einem Dutzend Schritte brachte ihn ein
andere lernen Sie später kennen. Also gut, folgen Blick auf den Dosimeter an seinem Handgelenk in die
Sie ihr! Wir müssen sehen, daß wir weiterkommen, Wirklichkeit zurück.
daß wir endlich Klarheit über diese Weltraumfabel- „Zum Teufel mit der Radioaktivität!“ knurrte er
wesen bekommen. Eines von ihnen ist übrigens heute in sich hinein. „Ich gehe weiter und hole das Mäd-
morgen in Präsident Wilkersons Privatdomizil aufge- chen dort oben weg. Wie kommt sie dazu, ihr Leben
kreuzt, um ihm den Rat zu geben, von der geplanten aufs Spiel zu setzen, während ich Feigling weiter in
Landung in Asien Abstand zu nehmen.“ Deckung bleibe!“
30 Sekunden Verzögerung 10

Mit Riesenschritten stieg er weiter bergan. Als er „Seien Sie doch vernünftig, Kurt“, bat das Mäd-
den Kopf hob, sah er, daß Nedra ihm entgegenlief und chen.
ihm winkte, umzukehren. „Gut. Unter einer Bedingung. Warum sind Sie über-
„Oberst! Sie dürfen hier nicht heraufkommen!“ haupt hier heraufgestiegen? Sie wußten doch, daß das
„Wer sagt das? Ich komme!“ gab er zurück und stieg Gebiet verseucht war.“
weiter. „Ich — ich habe die Nerven verloren“, stammelte
„Nein!“ Nedra. „Meine Gefühle gingen wieder einmal mit mir
Als er nicht stehenblieb, lief sie schneller. Der weiß- durch. Ich bin Krankenschwester, da waren Menschen,
haarige Fremde mit dem zerfurchten Gesicht blieb ne- die mich brauchten. Das ist alles. Und nun kommen
ben ihr. Als sie Zen erreichte, packte sie ihn beim Arm, Sie mit uns, nicht wahr?“
drehte ihn um seine Längsachse und schob ihn vor sich „Was hat Sie dazu gebracht, den Kopf zu verlie-
her. „Sie dürfen sich hier nicht aufhalten!“ sagte sie ren?“
atemlos.
„Alles was geschah. Ich bin zum erstenmal in die
„Wollen Sie mir Befehle geben?“ fragte Zen auf-
Nähe einer detonierenden Bombe geraten. Die Schreie
sässig, obwohl ihm Nedras Besorgnis durchaus nicht
der Verwundeten taten ein übriges. Konnte ich als
unangenehm war.
Krankenschwester anders handeln?“
„Wenn Sie mir eine Einmischung gestatten, Oberst,
so bin ich der Ansicht, daß Nedra Ihnen lediglich das „Ich glaube Ihnen kein Wort, Nedra“, sagte er hart.
Leben retten will“, schaltete sich der Fremde ein. Sei- „Ich habe Sie in der Höhle beobachtet. Sie dachten,
ne Stimme klang sanft und musikalisch und war doch keine Sekunde daran, die Nerven zu verlieren.“
von einer Eindringlichkeit, der Zen sich nur schwer Sie zerrte an seinem Arm, um ihn zum Weitergehen
entziehen konnte. zu bewegen. „Bitte, Kurt, kommen Sie! Ich werde Ih-
„Und wie steht es mit ihrem Leben?“ entgegnete nen unten alles erklären. Zwingen Sie mich aber nicht,
Zen, auf Nedra deutend. noch länger hier zu bleiben.“
„Ich gehe wieder hinunter, Oberst“, sagte das Mäd- Zögernd gab Zen nach. In den blauen Augen Ne-
chen schnell. „Sie haben einen Verbandsplatz errich- dras zeigte sich Erleichterung, und auch die finstere
tet, auf dem ich gebraucht werde.“ Miene Wests hellte sich auf. Wie eine Vision überkam
„Sie werden zuerst Hilfe nötig haben“, bemerkte Zen der Gedanke, daß. er dieses hagere, wie aus Erz
Zen sarkastisch. gehauene Gesicht schon einmal gesehen hatte, aber es
Nedra streifte seine Manschette hoch und blickte gelang ihm nicht, sich der Zeit und der Gelegenheit
auf den Dosimeter. zu entsinnen. Schweigend setzten sie den Abstieg fort,
und als, sie am Verbandsplatz ankamen, brachte Zen
„Sie müssen sofort nach unten!“ sagte sie fest, und
das Mädchen sogleich an den Wagen, der das Gerät
Zen sah, daß die Nadel noch immer weit über der
zur Feststellung der aufgenommenen Strahlenmenge
roten Marke stand. „Kommen Sie, Oberst, seien Sie
enthielt.
nicht so halsstarrig!“ Sie schob ihren Arm in den sei-
nen und zerrte Zen über den geröllbedeckten Pfad mit Zen, der Nedras Arm noch immer in dem seinen
sich. Zen versuchte Widerstand zu leisten, aber Nedra fühlte, wollte zu sprechen beginnen, aber seine Ge-
dachte nicht daran, sich aus seinen Armen zu lösen. danken waren zu verworren, um sich in Worten aus-
„Ich möchte Sie gern mit einem meiner Freunde be- drücken zu lassen. Irgendwie wünschte er sich in ei-
kanntmachen“, fuhr sie schnell fort. „Oberst Zen, das ne andere Welt versetzt, in eine Welt, deren Bewohner
ist Sam West. Wir können uns unterhalten, dann wird nicht versuchten, einander den Garaus zu machen. Er
uns der Weg zum Verbandsplatz nicht so lang.“ sehnte sich nach einem Leben, das ihm erlauben wür-
de, dieses Mädchen zu lieben, ohne daß sie für ihre
„Freut mich, Sie kennenzulernen, Sir“, lächelte
Zukunft Verzweiflung, Not und Zerstörung zu fürch-
West und schüttelte Zens Hand mit festem Druck.
ten hatten. Wie “durch einen Nebel sah er ein kleines,
„Ganz auf meiner Seite, Mr. West. Leben Sie in die- weinumranktes Häuschen, in dem ein Mann und eine
ser Gegend?“ Frau in Frieden und Sicherheit leben konnten, wo ge-
„Dort drüben“, sagte der Mann, während eine an- sunde Kinder auf Berghängen spielten, die nicht von
deutende Kopfbewegung in die Richtung hinter ihm radioaktiven Strahlen verseucht waren.
wies. „Ich war gerade auf dem Weg, um dieses un-
„Wir sind angelangt“, klang die Stimme Nedras in
gastliche Gebiet zu verlassen, als ich Nedra traf.“
seinen Wachtraum. „Kurt, ich möchte...“ Sie stockte
Er runzelte die Stirn, als Zen erneut stehenblieb und
und blickte zu Boden.
fuhr fort: „Ich möchte diesen verdammten Bergen so
schnell wie möglich den Rücken kehren, und Sie hal- „Was möchten Sie, Nedra?“ fragte er leise.
ten mich auf.“ Er fühlte den Druck ihrer kleinen, festen Hand auf
„Warum gehen Sie nicht weiter? Ich hindere Sie seinem Arm. „Ich möchte Ihnen danken — für den
nicht. Auch Sie nicht, Nedra!“ wunderbaren Traum!“ flüsterte sie.
11 TERRA

Als Zen den Blick verwundert auf sie richtete, weil Nedra verzog keine Miene und packte resolut sei-
es ihm unbegreiflich schien, daß sie seine unausge- nen Arm. „Sie kommen jetzt mit, Oberst!“ sagte sie
sprochenen Gedankengänge verstanden hatte, lösten mit einer Stimme, gegen die es keinen Widerspruch
sich ihre vertrauten Züge in einem grauen Nebel auf. gab.
Zen taumelte, und bevor Nedra ihn stützen konnte, Zen trottete gehorsam neben ihr, und plötzlich ge-
sank er bewußtlos zu ihren Füßen nieder. schah es.
Er sah wieder klar!
4. Kapitel Er sah alles!
Dieser Umschwung erfolgte von einer Sekunde zur
Zens Bewußtlosigkeit dauerte nur Sekunden; der
anderen. Er sah mehr, als er mit seinen Augen wahr-
harte Fall auf den Boden brachte ihn sofort wieder zu
genommen hatte. Nicht nur die Oberfläche der Din-
sich. Als Nedra Anstalten traf, neben ihm niederzukni-
ge, nein, auch ihren Kern, das Innere, das ihm sonst
en, um ihm aufzuhelfen, schob er ihre Hand zur Seite
verborgen geblieben war. Und es blieb nicht beim Se-
und kam langsam auf die Füße.
hen, beim visuellen Erkennen; sein Verstand setzte das
„Mein Gott, was ist geschehen?“ fragte das Mäd- Wahrgenommene sogleich in Begreifen um, Zusam-
chen mit bebenden Lippen. menhänge wurden klar, wo es keine zu geben schien.
„Nichts“, sagte er abwehrend. Er begriff es selbst Es war wie eine Vision, aber im Rahmen des Wirk-
nicht und suchte nach einer Erklärung. „Ich — ich — lichen, des Tatsächlichen. Zen sah das ganze Univer-
ich muß ohnmächtig geworden sein. Das ist alles, so sum in einem einzigen Menschen vor sich, der al-
etwas kann passieren.“ le menschlichen Rassen verkörperte. Er sah ihre lan-
Nedra schien anderer Ansicht zu sein. ge Geschichte, die Entwicklung aus sogenannter toter
„Männer wie Sie werden nicht einfach ohnmäch- Materie zu Geschöpfen, die ihre Blicke auf die fernen
tig“, behauptete sie. Sterne richteten. In diesen Sternen, in den unermeßli-
„Es ist aber passiert“, sagte Zen schwach. chen Räumen zwischen ihnen, lag ihre Bestimmung,
ihr Schicksal, sofern sie aufhörten, einander zu ver-
„Männer werden nur ohnmächtig, wenn etwas mit
nichten in dem Bestreben, den Sternen näherzukom-
ihnen nicht in Ordnung ist“, fuhr Nedra ungerührt fort.
men. Nahmen sie nicht Vernunft an, so würde alles
„Vielleicht ein Detonationsschock, der sich erst jetzt
Leben erlöschen, und der endlose, mühsame Prozeß
bemerkbar macht? Oder...“ Ihre Stimme verlor sich
des Werdens aus winzigen Atomen würde von neuem
in einem undeutlichen Murmeln, als weigere sie sich,
beginnen müssen.
bestimmte Gedanken in Worte zu kleiden. West stand
hinter ihr, schweigend und unbeteiligt. Zen fühlte sich erhoben, sein Bewußtsein hatte eine
hohe, dem normalen Sterblichen unerreichbare Ebene
„Unsinn“, murmelte Zen. „Ich bin in Ordnung.
erklommen, es hatte sich aus seinem Körper gelöst,
Wenn Sie gehofft hatten, ich würde mich den Quack-
stand wie ein zweites Ich neben ihm. Diese Erkennt-
salbern anvertrauen, muß ich Sie enttäuschen. Mir ist
nis verursachte ihm Pein, aber es war ein Schmerz, auf
nicht schlecht, die Welt ist schlecht.“ Er mußte bei die-
den nur der Körper reagierte, während der Geist unbe-
ser Formulierung lächeln, da sie ihm gelungen schien.
rührt davon blieb.
„Natürlich sind Sie in Ordnung“, gab Nedra zö-
„Ist Ihnen nicht gut, Kurt?“ hörten seine Ohren Ne-
gernd zu, aber ihr Gesicht sagte etwas anderes. „Es
dra fragen, die Zens keuchenden Atem hörte und seine
wäre trotzdem keine schlechte Idee, sich schnell vom
schweißbedeckte Stirn sah. „Werden Sie etwa wieder
Arzt untersuchen zu lassen, um ganz sicherzugehen.“
ohnmächtig ?“
Zen schüttelte den Kopf und hörte nicht auf das, was „Nein“, sagte er mit spröden Lippen.
Nedra sprach.
Sie hatten die lange Schlange Verwundeter erreicht,
„Oberst, ich glaube, Sie sollten wirklich...“, begann die auf die erste ärztliche Hilfe warteten. Zen schloß
das Mädchen erneut, aber Zen unterbrach sie. sich an, und Nedra blickte fragend zu ihm auf.
„Mein Kopfschütteln galt nicht Ihnen.“ „Sie sind doch Offizier“, meinte sie unsicher. „Müs-
„Umso besser. Dann gehen Sie jetzt also zum Arzt.“ sen Sie als Oberst —“ Zen schnitt ihr das Wort ab.
„Auch das war nicht damit gemeint. Ich schüttelte „Hier hat mein Rang nichts zu bedeuten“, sagte er
nur den Kopf, um klar zu werden. Mir ist, als sei mein kurz. „Ich bin einer von ihnen, mein Platz ist am Ende
Schädel völlig vernebelt.“ der Schlange.“
Besorgnis malte sich auf Nedras Zügen, und Zen Die Männer vor Zen rückten jeweils um zwei
fügte schnell hinzu: „Kein Grund zur Aufregung, den- Schritte vor, wenn eine Untersuchung beendet war.
ke ich. Heutzutage haben viele Menschen vernebelte Keiner der Soldaten sprach, niemand lachte, kein
Gehirne. Es gibt Leute, die alle vierzehn Tage ihren Scherz erklang. Aber es beklagte sich auch niemand,
Wunderdoktor aufsuchen müssen, um sich die kleinen, wie es üblich war, wo immer Soldaten zu warten hat-
grauen Zellen durchpusten zu lassen.“ Er hielt seine ten. Ihr Schweigen wirkte gespenstisch und beunru-
Worte für einen prächtigen Scherz und lachte fröhlich. higend zugleich, aber Zen verstand die Männer. Sie
30 Sekunden Verzögerung 12

waren sich dessen bewußt, was die letzten Minuten zu ahnen, was in Zen vorging und brachte Verständ-
über sie gebracht hatten, sie waren über die unsicht- nis auf für den Widerstreit der Empfindungen, die den
bare Schwelle zwischen Tod und Leben getreten und anderen durchtobten.
warteten nun auf ihr Urteil. Äußerlich war ihnen nichts „Alles war plötzlich anders“, murmelte Zen leise.
anzumerken, aber in ihrem Innern arbeitete es. Zen „Ich dachte in anderen Maßstäben, war mir den Auf-
hatte das Empfinden, daß Glutwellen von ihren Kör- gaben der menschlichen Rasse bewußt. Nun ist alles
pern ausgingen und sie in einen unsichtbaren Panzer wieder wie vorher.“ Enttäuschung und Nachdenklich-
preßten. Einer der Männer schwankte, Zen glaubte, ei- keit sprachen aus seiner Stimme.
ne schillernde Blase von ihm aufsteigen zu sehen. Der
„Weiter, Kamerad!“ sagte eine Stimme hinter ihm.
Soldat fiel zu Boden und blieb liegen.
„Worauf wartest du? Die Reihe ist an dir. Bau’ dich
Nedra wollte zu ihm eilen, aber Zen schüttelte den vor dem Kasten auf!“ Es war die Stimme des Sani-
Kopf. „Bleiben Sie, es hat keinen Sinn!“ tätsleutnants, die zu ihm sprach. Als der Leutnant die
„Warum nicht?“ Rangabzeichen Zens erkannte, begann er zu schlucken
Er deutete gegen den Himmel. „Zu spät. Er ist be- und murmelte entschuldigend: „Verzeihung, Sir, ich
reits dort oben.“ konnte nicht ahnen...“
Nedras Gesicht wurde weiß, als sie begriff. „Ich „Schon gut“, winkte Zen ab. Er trat vor das kompli-
kann es nicht glauben“, murmelte sie. „Ich muß mich zierte, blitzende Untersuchungsgerät, ein Umformer
überzeugen.“ im Hintergrund des Wagens begann zu summen. Zen
wußte, daß er einer starken Strahlung ausgesetzt gewe-
Sie ging zu dem Mann hin, kniete neben Ihm nieder,
sen war und daß das unbestechliche Gerät nun feststel-
fühlte nach seinem Puls. Dann stand sie auf und kehrte
len würde, wieviel Radioaktivität sich in seinem Kör-
zu Zen zurück, das Kinn auf der Brust, die Augen halb
per angesammelt hatte.
geschlossen.
Sorgsam studierte der Leutnant die Anzeigen der
Aus dem Untersuchungswagen ertönte die Stimme
verschiedenen Instrumente. „Alles in Ordnung, Sir“,
eines Offiziers, zwei Sanitäter eilten mit einer Trage
sagte er. „Sie haben nichts zu fürchten.“ Er schüttelte
herbei. Sie untersuchten den Toten, zuckten die Ach-
dabei den Kopf, als zweifle er selbst an seinen Worten.
seln. Sie hoben den leblosen Körper auf, trugen ihn
an den Wegrand. Einer der Sanitäter nahm dem Toten „Es hat mich also nicht erwischt?“
die Erkennungsmarke ab, der andere führte einen Do- „Nein, Sir, ganz bestimmt nicht. Ehrlich gesagt, ich
simeter über die leblose Gestalt, befestigte eine rote begreife es nicht. Eine winzige Abweichung ist natür-
Karte an ihrem Handgelenk. lich da, sie ist aber nicht gefährlich.“
„Dort oben findet ihr hoch mehr Tote!“ rief Zen ih- „Ich befand mich in einer der alten Minen, als das
nen zu und wies zum Berg hinauf. Ding detonierte“, erklärte Zen.
„Wir sind kein Beerdigungsinstitut“, war die rauhe „Das ist also der Grund! Wirklich, Sie haben großes
Antwort. Glück gehabt, Sir.“
Wieder rückte die Reihe vor Zen zwei Schritte vor. Zen griff nach Nedras Arm und schob das Mädchen
„Es ist vorüber“, sagte Zen plötzlich. vor das Gerät.
„Was ist vorüber? Wovon sprechen Sie?“ fragte Ne- „Wozu? Ich bin in Ordnung, Sie brauchen sich nicht
dra erstaunt. um mich zu sorgen“, protestierte sie. „Oder sind Sie
wieder nicht mehr auf unserer Erde?“
„Ich bin wieder auf der Erde“, erklärte Zen.
„Erraten“, nickte Zen lachend. „Aber Sie haben
„Auf der Erde? Sie waren doch nie an einem ande-
meinen Dienstgrad zu respektieren, egal, ob auf die-
ren Ort!“
ser oder einer anderen Welt. — Leutnant, untersuchen
„Vielleicht doch“, nickte Zen. „Auf der Ebene eines Sie sofort dieses Mädchen! Dies ist ein Befehl!“
höheren Bewußtseins. Jetzt ist es vorüber, ich bin wie-
„Sofort, Sir“, erwiderte der Offizier verwirrt.
der hier. Ich sehe wieder mit meinen Augen, höre mit
meinen Ohren. Aber etwas anderes hat mich verlassen Ohne sich um das Sträuben Nedras zu kümmern,
— das Verständnis.“ hielt Zen sie fest, bis die Untersuchung beendet war.
Nedra blickte verwirrt zu West hinüber und wollte „Sie ist ebenfalls ohne Befund, Sir!“ verkündete der
etwas sagen, aber der Mann mit dem steinernen Ge- Leutnant.
sicht winkte ihr, zu schweigen. „Sind Sie sicher?“
„Saul auf dem Weg nach Damaskus“, murmelte „Selbstverständlich, Sir. Dieses Gerät irrt nicht.“
Zen. „So wie ich muß sich Saul auf dem Weg nach Der Leutnant sagte es leicht gekränkt.
Damaskus gefühlt haben.“ Auch Nedra war beleidigt, mehr als das, sie war
„Kurt...“, begann Nedra, aber West schnitt ihr mit fuchsteufelswild. Aus ihren blauen Augen schössen
einer herrischen Bewegung das Wort ab. Obwohl er Blitze auf Zen, der unbeeindruckt blieb. Er bemühte
äußerlich einem rauhen Gebirgler ähnelte, schien er sich, die Genugtuung zu verbergen, die ihn erfüllte.
13 TERRA

Sie war also unversehrt zurückgekommen! Diese Tat- sich heute Menschen Lebewohl sagen, tun sie es mei-
sache genügte, seine Stimme zu heben. Kein gewöhn- stens im Bewußtsein, daß sie sich zum letztenmal ge-
licher Sterblicher hätte sich in der verseuchten Zone sehen haben.“
so lange wie Nedra aufhalten und völlig unbehelligt „Leider, ich weiß.“ Das Lächeln verschwand,
zurückkehren können. Der Ärger, der aus ihren Augen Traurigkeit breitete sich auf den Zügen Wests aus.
sprühte, berührte ihn nicht. Ruhig drehte Zen sich zu „Schlimm genug, daß es so ist. Nur durch Erfahrung
West um und nickte ihm zu. wird man klug, beißt es. Es scheint, daß die Menschen
„Sie sind dran!“ wirklich nur auf diese Weise lernen können.“
Er wartete gespannt, wie West auf seine Aufforde- „Wir haben Krieg“, wandte Zen ein.
rung reagieren würde. Er wußte nichts über ihn, wor- „Mit dieser Auslegung bin ich nicht einverstanden“,
aus er über sein Verhalten hätte Schlüsse ziehen kön- widersprach West. „Krieg ist nur ein Symptom einer
nen. Zu seinem Erstaunen lächelte West und nickte größeren Krankheit, eine Bezeichnung, die die Men-
ihm freundlich zu. schen dafür erfunden haben. Der Krieg selbst ist kein
„Freut mich, Oberst“, murmelte er leichthin. „Ich Unglück, nichts Schlechtes; die Menschen sind es.
bin sehr froh, daß Sie mir Gelegenheit geben, mich Auf der anderen Seite kann man ihnen kaum einen
untersuchen zu lassen. Schließlich weiß man gern, wie Vorwurf machen, denn alles, was sie jetzt erleben, ist
es um einen bestellt ist.“ Er sprach weiter, während er nur ein Entwicklungsstadium.“
vor das Gerät trat. „Ich bin zwar überzeugt, daß ich Die Erinnerung an seinen entrückten Zustand ergriff
der Strahlung nicht lange genug ausgesetzt war, um wieder von Zen Besitz. „Ich weiß“, nickte er. „Besser
Schaden davonzutragen, aber sicher ist sicher, und Sie gesagt — ich wußte es einmal.“
sind ja mit gutem Beispiel vorangegangen.“ Wests tie-
„Wirklich? Wann war das?“
fe Stimme klang unbeschwert, aber es schien Zen, als
schwinge ein leicht spöttischer Ton in ihr. „Dort oben auf dem Berg wußte ich es. Dort wa-
ren mir die Dinge klar geworden, die sonst im Un-
Wieder las der Leutnant die Instrumente ab, wieder
terbewußtsein lagen. Aber ich habe wieder vergessen.
blickte er auf, und diesmal gab er sich keine Mühe,
Die Erinnerung ist ausgelöscht, wie eine Kerze, die ein
seine Verblüffung zu verbergen.
plötzlicher Windzug ausbläst.“ Zen sprach langsam, er
„Drei Untersuchungen mit negativem Resultat hin- versuchte sich zu erinnern.
tereinander!“ murmelte er kopfschüttelnd. „Bis jetzt
„Hm“, brummte West und hob den Kopf. „Ja, ich
waren alle Anzeigen positiv.“ Seine Blicke wanderten
werde also gehen. Leben Sie wohl, Sir! — Nedra, ich
durch das kleine Fenster den Hang hinauf, als könne
möchte einen Augenblick mit Ihnen sprechen, bevor
er nicht glauben, was seine Geräte festgestellt hatten.
wir uns trennen. Natürlich nur, wenn Sie nichts dage-
„Das bedeutet also, daß die Strahlung auf mich oh- gen haben, Oberst.“
ne Einfluß geblieben ist?“ fragte West.
„Wie sollte ich?“ entgegnete Zen. Er verschränkte
„Ohne den geringsten Einfluß“, nickte der Leutnant. die Arme über der Brust und blickte Nedra und dem
„Fragen Sie mich aber nicht, ob ich eine Erklärung da- Mann nach, die nach einigen Schritten gegen den Berg
für habe. Ich habe sie nicht!“ hin stehenblieben. Sie unterhielten sich, aber sie waren
„Einfach genug“, sagte West. „Ich hatte in einer zu weit entfernt, als daß er ihre Worte hätte verstehen
kleinen Felsspalte Deckung genommen.“ Die ganze können. Dann schüttelten sie einander die Hände, und
Szene schien ihm großes Vergnügen zu bereiten. West entfernte sich, den sanften Hang der Schlucht zur
„Dann begreife ich“, sagte der Leutnant aufatmend. Linken hinabsteigend, um auf der anderen Seite wie-
„Ich wünschte, ich begriffe es“, knurrte Zen zu sich der empor zu klimmen, wobei er sich bemühte, einen
selbst. Er zweifelte nun nicht mehr daran, daß Ne- möglichst großen Abstand zwischen sich und den Ort
dra eines jener geheimnisvollen Weltraumwesen war. der Detonation zu bringen. Nedra kehrte zum Unter-
West aber bedeutete ihm ein völliges Rätsel. Zen wuß- suchungswagen zurück, wo Zen sie erwartete.
te zwar nicht, wie lange der andere der Strahlung aus- „Lebt West tatsächlich hier oben?“ fragte Zen.
gesetzt gewesen war, aber er glaubte nicht an die Fels- „Ich weiß es wirklich nicht“, erwiderte das Mäd-
spalte, und so blieb ihm Wests Unversehrtheit unver- chen. „Ich nehme es an, kann es aber nicht mit Sicher-
ständlich. heit behaupten.“
Der Mann kam mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. „Eine ziemlich rauhe Gegend, die nicht sehr einla-
„Hat mich sehr gefreut, Ihre Bekanntschaft zu ma- dend scheint.“
chen, Oberst“, sagte er. „Bin sicher, daß wir uns ir-
„Nach allem, was ich von West gesehen habe, ist er
gendwann und irgendwo wieder begegnen werden.“
imstande, überall zu leben.“
Seine Worte klangen wie eine Feststellung, nicht wie
eine vage Vermutung, und ein kaum verborgenes Lä- „Kennen Sie ihn denn so gut?“
cheln umspielte seine Lippen. Nedras blaue Augen musterten Zen aufmerksam.
„Wer kann das wissen?“ erwiderte Zen achsel- „Sie stellen ziemlich viel Fragen, Sir.“
zuckend. „Wir leben in einer komischen Zeit. Wenn „Ich werde Ihnen noch viel mehr stellen, Nedra.“
30 Sekunden Verzögerung 14

„Die nach meiner Telefonnummer, zum Beispiel, sich verhalten würde. Er mußte nur in ihrer Nähe sein,
nehme ich an. Tut mir leid, daß ich Sie enttäuschen wenn sie diesen Schritt tat. Und es würde gut sein, ei-
muß, aber ich habe kein Telefon. Hätte ich eines, so ne Waffe zu haben.
wüßte ich niemand, dem ich sie lieber geben würde Dieses Problem bereitete ihm die wenigsten
als Ihnen.“ In ihrer Stimme war kein Spott, und Zen Schwierigkeiten. Der auf den Berg führende Pfad war
fühlte, wie es heiß in ihm aufstieg. mit den Waffen der Getöteten und Verwundeten über-
Der Traum, den er gleich Millionen anderen Men- sät. Zen fand einen Karabiner, aus Taschen eines Ge-
schen geträumt hatte, jener Traum von einem fried- fallenen versorgte er sich mit Munition. Er lud die
lichen, ausgeglichenen Leben mit einer Frau an sei- Waffe, schob die restlichen Patronen in seine Taschen,
ner Seite und fröhlichen Kindern, der Traum, der so warf den Karabiner über seine Schulter und stieg lang-
alt war wie die Menschheit selbst, kam ihm wieder sam den Hang in die Schlucht hinab, durch die ein
in Erinnerung. Hätte er selbst über sein Schicksal ent- kleines Gebirgsflüßchen seinen Weg nahm. Das Was-
scheiden können, er hätte keine Sekunde gezögert, den ser sah klar und frisch aus, aber Zen widerstand der
Traum zur Wirklichkeit werden zu lassen. Versuchung, seinen Durst zu löschen, als er die toten
Aber er war nicht Herr seines Schicksals, er konnte Fische mit der Strömung treiben sah; die Wahrschein-
seine Wahl nicht nach freiem Ermessen treffen. Gab lichkeit, daß die Quelle des Flüßchens in dem stark
es überhaupt noch Menschen, die ihr Schicksal in den verseuchten Gebiet oben in den Bergen lag, war zu
Händen hielten? Rollte nicht die Geschichte über sie groß.
hinweg nach ihren eigenen, ehernen Gesetzen, denen Er watete durch das Wasser, stieg auf der anderen
sich die Menschen zu beugen hatten? Es gab noch Seite bergan und sah sich nach einem Platz um, von
Träume, aber sie blieben Träume, da eine höhere Ge- dem er einen guten Überblick über das Gelände hat-
walt verhinderte, daß sie Wirklichkeit wurden. te. Er fand einen Pfad, der sich durch den mit Kiefern
bestandenen Hang zog, und folgte ihm. Der Pfad ent-
5. Kapitel puppte sich als der Unterbau einer vor Jahren aufge-
gebenen Schmalspurbahn, deren Geleise entfernt wor-
,Sie ist unempfänglich für Radioaktivität!’ Immer den waren. Auf halber Höhe machte Zen halt und kau-
wieder mußte Zen daran denken, nachdem Nedra ihn erte sich auf eine vorspringende Felsplatte, von der er
verlassen hatte, um zu ihrer Einheit zurückzukeh- beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden.
ren. Es war eine revolutionierende Feststellung, die Er hatte sich erst einige Minuten niedergelassen, als
er gemacht hatte, eine Feststellung, die von gleich ein Stein polternd den Abhang hinabrollte. Zen hob
großer Wichtigkeit für die militärische Führung wie den Kopf, in seinen Augen blitzte es auf. Durch die
für die Wissenschaft war. Gab es eine Möglichkeit, schützenden Zweige erkannte er Nedra, die mit elasti-
auch die Soldaten gegen Radioaktivität immun zu ma- schen Schritten bergan stieg. Auch sie folgte dem Ver-
chen? Wenn es möglich war, so bestand die Aussicht, lauf der früheren Geleise, die Blicke auf den Boden
daß Arbeiter in ihre Fabriken zurückkehrten, daß seit gerichtet, um im Geröll nicht fehlzutreten. Zen ließ
langem stillgelegte Werke die Produktion wieder auf- sie passieren, ohne sich bemerkbar zu machen. Nach-
nahmen, daß Minen und Bergwerke wieder förder- dem er ihr genügend Vorsprung gelassen hatte, erhob
ten. Neue, dringend benötigte Ausrüstung könnte den er sich und folgte ihr.
schwer kämpfenden Truppen zugeführt werden, der In zahlreichen Biegungen führte der Pfad bergan,
härteste Druck würde von den Schultern einer unter bis sich der Baumbestand lichtete.
kaum noch erträglichen Verhältnissen lebenden Zivil- Weit oben, zwischen gelben Felsen, erkannte Zen
bevölkerung genommen werden. den verfallenen Eingang zu einer alten Mine, auf den
Zens Haltung straffte sich, seine Gedanken kehr- die Bahn zugeführt hatte. Irgendwo dort oben mußte
ten in die Wirklichkeit zurück, vergessen waren die also eine der verlassenen Minenstädte liegen.
Augenblicke, da er auf einer anderen Daseinsebene Mit der Sicherheit einer Schlafwandlerin setzte Ne-
gelebt hatte. Für einen Abwehroffizier gab es nichts dra den Weg fort. Zen fühlte, wie seine Erregung
Wichtigeres, als ein menschliches Wesen, das sich wuchs. Nedras Verhalten bewies, daß sie diesen Weg
als immun gegen Radioaktivität Wichtigeres als ein nicht zum erstenmal ging; nur jemand, dem das Ge-
menschliches Wesen, War Nedra das? Oder war sie ei- lände seit langem vertraut war, konnte so zielbewußt
nes jener rätselhaften Weltraumwesen? Sie interessier- und ohne sich ein einziges Mal suchend umzublicken,
te ihn nicht nur vom militärischen und wissenschaftli- die Richtung beibehalten.
chen Standpunkt. Etwas, das er aber nicht beim Na- Wohin würde sie ihn führen? Zu einem Versteck der
men nennen konnte, zog ihn zu ihr hin, ein Gefühl, Weltraumwesen? Hier oben in den Bergen hätten sie
das mit seinem Traum von dem anderen Leben zusam- sich lange verborgen halten können, ohne jemals ent-
menhing, der ihn vor nicht allzu langer Zeit so intensiv deckt zu werden. Gewiß, die Ernährung würde zu ei-
beschäftigt hatte. nem Problem werden, aber es gab genug Wild — Re-
Er brauchte nicht lange, um sich seiner Aufgabe he, Hirsche, Bären, und an vielen Stellen waren früher
wieder zu besinnen. Er glaubte zu wissen, wie Nedra bestellte Felder gewesen. Harte, kühne Pioniere hatten
15 TERRA

jahrelang ihr Auskommen in dieser Wildnis gefunden. hatte sie ihn führen wollen? Warum warnte sie ihn,
Warum sollte anderen unmöglich sein, was ihnen ge- obwohl ihr eigenes Leben in Gefahr war?
lungen war. Zen war überzeugt, daß sie nichts von der Existenz
Natürlich mußten sie vor Cusos herumstreifenden der Männer gewußt hatte, in deren Falle sie gegangen
Gruppen auf der Hut sein, aber in einem so zerklüfte- war. Sie waren bestimmt nicht das Ziel ihres Marsches
ten Gelände bot das keine Schwierigkeiten. gewesen. Wem aber hatte der Marsch gegolten? Was
Die Geisterstadt kam in Sicht. Sie bestand aus Rui- suchte sie in der verlassenen, zerfallenen Stadt in der
nen, die sich um die ehemalige Mine gruppierten. Bergwildnis, die in gefährlicher Nähe der Truppen Cu-
Im Gegensatz zu den vielen Städten, die sich unter sos lag?
der Kriegseinwirkung in Schutt und Asche verwandelt Die zerlumpte Gestalt hatte sich aufgerichtet, und
hatten, hatte an dieser Stadt der Zahn der Zeit genagt, Zen visierte die Mitte des zerfetzten Rockes an.
aber die Wirkung war fast die gleiche. In den harten
„Werfen Sie das Gewehr weg!“ sagte da eine Stim-
Wintermonaten waren mächtige Schneelasten auf die
me hinter ihm.
Dächer gefallen, Frühjahrsstürme und lang andauern-
de Regenfälle hatten das Holz zerfressen, nacheinan- Zens Überraschung war echt und hatte zweifachen
der waren die Häuser in sich zusammengefallen. Grund. Nicht nur das unvermutete Auftauchen ei-
nes Mannes in seinem Rücken hatte ihn überrumpelt,
Nedra marschierte auf der Straße dahin, die einst-
mehr noch war es die Tatsache, daß er die befehlen-
mals die Hauptstraße des Ortes, gewesen sein mochte.
de Stimme kannte oder zu kennen glaubte. Langsam
Ihr Schritt war immer noch gleichmäßig und ohne Zö-
sanken seine Arme herab. Die Waffe fiel polternd zu
gern, sie schien genau zu wissen, wo ihr Ziel lag.
Boden.
In dem zerfallenen Steinbogen zu ihrer Linken, hin-
ter dem sich wohl früher eine Garage verborgen hat- „Und jetzt die Hände hoch!“ befahl die Stimme.
te, erschien eine zerlumpte Gestalt. Der Mann blickte Zen hob die Arme. „Hallo, Jake!“ sagte er, ohne
überrascht auf, als er Nedra sah, er murmelte etwas, sich umzuwenden.
rief hinter ihr her. Beim Klang der heiseren Stimme Ein Ausruf der Verblüffung entfuhr dem Mann hin-
fuhr sie herum, warf einen kurzen Blick auf den Mann ter ihm. „Woher, zum Teufel, kennen Sie mich?“
und setzte den Weg fort. „Ich habe Ihre Stimme erkannt“, erwiderte Zen.
„Hallo, warten Sie einen Augenblick!“ schrie der „Darf ich mich jetzt umwenden?“
Mann und traf Anstalten, ihr zu folgen. Nedra blieb
„Sicher. Gewiß. Was, zum Teufel, tun Sie hier oben
stehen und blickte ihm entgegen.
in den Bergen?“
Kurt Zen hob das Gewehr, dann senkte er den Lauf
Langsam wandte Zen sich um. Der Mann hielt ihn
wieder. Zen vertraute nicht nur auf Nedras Fähigkeit,
mit einem automatischen Gewehr in Schach, aber die
sich selbst zu verteidigen, er wollte wissen, was weiter
Mündung schwankte, und der Mann schien seinen Au-
geschehen würde. Und es geschah etwas, blitzschnell
gen nicht zu trauen. Ein dichter, schwarzer Bart be-
und überraschend.
deckte seine Wangen, langes Haar blickte unter einem
Aus den Trümmern am Straßenrand schnellte plötz- verbeulten Stahlhelm hervor.
lich die Schlinge eines Strickes. Wie von einem erfah-
renen Cowboy geworfen, wirbelte sie durch die Luft, „Jake, freut mich wahnsinnig, dich wiederzusehen“,
sank über Nedras Kopf und Schultern und preßte ihre sagte Zen und schritt mit ausgestreckter Hand auf den
Arme mit unwiderstehlicher Gewalt gegen den Kör- anderen zu, als gäbe es keine auf ihn gerichtete Waffe.
per. Ein Ruck riß das Mädchen von den Füßen. „Kurt Zen! Wann haben wir uns zuletzt gesehen?
Der Mann, der den Strick geworfen hatte, kam aus War es nicht damals, als...“„In der Nacht, als Denver
den Trümmern zum Vorschein und war mit schnel- zusammenfiel“, vollendete Zen düster den Satz, und
len Sätzen bei Nedra. Er drehte sie in die Bauchlage, er schauderte bei der Erinnerung. Eine Bombe war in
zwang ihre Hände auf den Rücken und durchsuchte jener Nacht auf die große Stadt gefallen, und ganze
das Mädchen nach verborgenen Waffen. Der zweite Straßenzüge waren in den nächtlichen Himmel gewir-
Mann eilte zu seiner Unterstützung herbei. belt worden.
Zen hob das Gewehr an die Schulter. Obwohl er dar- „Ja, damals war es“, murmelte der Mann. „Ich
aus noch keinen einzigen Schuß abgegeben hatte, war glaubte, es hätte dich erwischt.“
er überzeugt, daß die Kugeln auf diese kurze Entfer- „Und ich nahm dasselbe von dir an. Was machst du
nung ihr Ziel finden würden. hier in den Bergen? Und was geschah mit Marcia?“
Nedras gellende Stimme klang plötzlich an sein Kaum hatte Zen die Frage ausgesprochen, als er sie
Ohr: „Oberst! Vorsicht! Nehmen Sie sich in acht!“ schon bereute. Bei der Erwähnung des Namens Mar-
Überrascht ließ Zen die Waffe sinken. Nedra hatte cia ging eine Veränderung in dem Gesicht des zer-
also gewußt, daß er ihr folgte! Woher wußte sie, daß lumpten Mannes vor. Sein wechselndes Mienenspiel
er hinter ihr war? Warum hatte sie keinen Versuch ge- verriet, daß seine Gedanken zwischen Erinnerung und
macht, ihn abzuschütteln? Wichtiger noch — wohin Vergessen wanderten, sie marterten ihn, flohen, kamen
30 Sekunden Verzögerung 16

zurück und verschwammen wieder. Eben sagten sei- „Was war das für ein Getöse“ vorhin?“
ne Augen noch, daß er Zen, seinen früheren Obersten, „Cuso hat sich den Spaß gemacht, eine Rakete los-
wiedererkannte und leiden mochte, im nächsten Au- zulassen.“
genblick waren sie leer und tot, als gäbe es weder ei- Cals Augen wurden lebendig. Diese Nachricht schi-
ne Gegenwart, noch eine Vergangenheit. In diesen Se- en ihn zu interessieren. „Warum?“ wollte er wissen.
kunden war Zen ein Fremder für ihn, ein Mann, dem „Was kann eine Rakete wert gewesen sein?“
man nicht trauen konnte und vernichten mußte.
„Truppen, die auf sein Hauptquartier marschierten“,
Damals, in Denver, war Jake ein junger, vielverspre-
erwiderte Zen. „Das gefiel ihm nicht.“
chender Fliegerleutnant gewesen. Er hatte Marcia ge-
heiratet und schien eine sehr glückliche Ehe zu führen. „Kann ich mir vorstellen“, brummte der Mann.
Wie lange lag das zurück? Jahre, Jahrzehnte, Jahrhun- „Gehörten Sie dazu?“
derte? „Allerdings.“
„Sie — sie...“, begann Jake, und seine Stimme beb- „Wo sind die Soldaten jetzt?“
te vor Schmerz, und Trauer, „sie ist — tot. Ein Opfer „Auf dem Weg nach unten. Sie wollen unten ster-
der Radioaktivität.“ Für einen kurzen Moment waren ben.“
seine Augen klar, aber der Schmerz der Erinnerung „Warum sind Sie nicht bei Ihnen geblieben?“
ließ seine Gedanken wieder in die Dunkelheit stürzen.
„Ich hab’s satt“, sagte Zen. Er machte eine Handbe-
Die Erinnerung schwand, aber die Qual blieb. „Mar-
wegung, die andeutete, was einen Mann dazu bringen
cia?“ wiederholte er flüsternd. „Oh, es geht ihr gut.
konnte, an nichts mehr Interesse zu haben! Cal grunz-
Bei meinem nächsten Urlaub werden wir noch einmal
te. Das war etwas, was er verstand.
Flitterwochen machen.“ Seine dunklen Augen began-
nen zu glühen, als er weitersprach, „Ich sehe sie, Kurt, „Haben Sie etwas abbekommen?“ fragte er miß-
sie wartet auf mich. Du mußt mitkommen, sie wird trauisch.
sich freuen, dich wiederzusehen, sobald l ich Urlaub „Keine Spur. Die Ärzte haben mich nach der Deto-
bekomme.“ nation untersucht.“
Zen hätte den anderen niederschlagen können, oh- „Sind noch mehr Soldaten da, die die Nase voll ha-
ne auf Gegenwehr zu stoßen. Er hätte ihm das Ge- ben und sich lieber in die Büsche schlagen würden?“
wehr entreißen können, aber er tat nichts dergleichen. „Wollen schon, aber sie können nicht“, entgegnete
Warum sollte er zu den Leiden des Mannes noch kör- Zen. „Sie sind dem Tode zu nahe, um noch irgend et-
perlichen Schmerz fügen. was zu unternehmen. Was hat es für einen Sinn, sich
„Was ist hier los?“ fragte eine rauhe Stimme in die davonzumachen, wenn man das hinter sich hat?“
eingetretene Stille. „Hat die Rakete viele von ihnen erledigt?“
Hinter Zen stand der Mann, der Nedra angerufen „Wahrscheinlich fast alle.“
hatte. Nedra und der Mann, der den Lasso geworfen „Wahrscheinlich? Wissen Sie es nicht mit Sicher-
hatte, waren nicht mehr zu sehen. Nichts deutete dar- heit?“
auf hin, wo sie geblieben waren. Der Mann trug einen
„Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, weiter hin-
kurz gestutzten Bart, seine langen, gelblichen Zähne
auf zu steigen. Ich bin nicht verrückt oder lebensmü-
erinnerten an ein Wolfsgebiß, aber die Augen blickten
de.“
kalt und starr auf Zen. Feindseligkeit und Mißtrauen
sprachen aus ihnen. Der Mann hielt eine MPi in der „Kann ich verstehen. Hm, es muß wirklich schlecht
Rechten, deren Mündung auf Zen gerichtet war. stehen, wenn sogar ein Oberst desertiert. Interessant,
„Hallo, Cal, ich...“, begann Jake und hielt verwirrt sehr interessant.“ Cal beschäftigte sich mit seiner Waf-
inne. „Dies ist einer meiner alten Freunde. Ich kannte fe, aber die Mündung zielte nicht mehr auf Zens Ma-
ihn unten, als — als — er ist in Ordnung.“ gen. „Und was suchen Sie nun hier?“
Cals Augen verrieten, daß er kein Wort von Jakes „Einen Platz, um mich zu verbergen.“
Gestammel glaubte. Er musterte Zen argwöhnisch von „Für wie lange?“
oben bis unten, ohne daß die auf Zens Magen gerich- „Bis alles vorüber ist“, antwortete Zen. „Vielleicht
tete Waffe schwankte. „Was wollen Sie hier oben?“ auch länger. Ich verspüre keine große Lust, nach unten
„Nehmen wir an, ich sei des Lebens da unten müde zurückzukehren und auf Schädeln spazierenzugehen.“
geworden“, erwiderte Zen. Er log nicht einmal, als er „Auf Schädeln?“
das sagte. Er war wirklich der Dinge müde. Millionen „Auf Totenschädeln. Mehr wird nicht übrigblei-
anderer Menschen ging es ebenso. ben.“
Das Mißtrauen in Cals Augen blieb. „Sie rechnen also damit, daß die Asiaten den Krieg
„Was gibt es unten?“ fragte er. „Wie haben sich die gewinnen?“ — „Niemand wird diesen Krieg gewin-
Dinge entwickelt?“ nen, mit Ausnahme der wenigen, die so vernünftig
„Schlecht“, sagte Zen, und seine Stimme klang sind, sich abzusetzen und irgendwo zu verstecken, bis
überzeugt. alles vorbei ist.“
17 TERRA

Jake schien seine Träume wie auch die Furcht ab- die Asiaten sich bemühten, ihre Agenten überall ein-
geschüttelt zu haben. Er legte Zen die Hand auf die zuschleusen. Cusos Kriegsführung hing zum großen
Schulter und sagte, zu Cal gewandt: „Kurt ist in Ord- Teil von der Kenntnis der gegnerischen Absichten ab.
nung, sage ich. Du kannst Vertrauen zu ihm haben.“ Es war für ihn wichtig, zu wissen, wieviel Truppen
Es war offensichtlich, daß diese Empfehlung Cal ihm gegenüberstanden, wie sie bewaffnet waren, über
nicht im geringsten beeindruckte. welchen Paß sie heranrücken wollten.
„Er ist mein Freund“, fuhr Jake fort. „Laß ihn bei „Ich sehe es Ihrem, Gesicht an, daß Sie an diese
uns bleiben. Er kann uns eine große Hilfe sein. Wir Möglichkeit nicht gedacht haben“, fuhr Cal fort. „Was
sind Kameraden gewesen, vergiß das nicht, und dann kann sie also hier oben treiben?“
war da ein Mädchen...“ Er brach ab und verfiel wieder „Ich habe keine Ahnung. Ich zerbrach mir nicht den
in dumpfes Brüten, als er an seine Frau dachte. Kopf darüber, als ich ihr folgte. Vielleicht ist sie zu
„Gehören Sie zu dem Mädchen?“ fragte Cal. dem gleichen Entschluß wie ich gekommen, — die da
unten im Stich zu lassen und in den Bergen das Ende
„Nein, er hat nie zu ihr gehört!“ schrie Jake. „Mir
abzuwarten.“
hat sie gehört, begreifst du das nicht, mir allein!“
„Eine Frau in dieser Wildnis?“ „Manche Frauen bil-
„Halt den Mund, Dummkopf!“ sagte Cal barsch.
den sich ein, es sei eine Kleinigkeit, zu primitiven Le-
„Bestätige es ihm, Kurt! Bestätige ihm, daß Marcia bensformen zurückzukehren.“
nur mir gehörte“, bat Jake. „Vielleicht hatte sie eine ganz andere Absicht.“
„Sicher, Jake“, sagte Zen besänftigend. „Es weiß Zen zuckte die Achseln. „Es könnte wichtig für uns
doch jeder, daß du und Marcia zusammengehörtest. sein, das herauszufinden“, sagte Cal.
Cal und ich meinten ein ganz anderes Mädchen.“
„Dann wollen wir sie doch fragen“, schlug Zen vor.
„Oh, das ist etwas anderes. Ich will nie hören, daß Der Gedanke, daß Nedra eine Spionin sein könnte,
einer von euch sagt, Marcia wäre nicht meine Frau ge- ließ ihm keine Ruhe.
wesen.“ „Sie wollen sie fragen?“ sagte Cal. „Sicher.“
Der Mann mit dem Wolfsgebiß sah aus, als habe er „Gut, Sie stellen die Fragen. Ich höre zu. Und kom-
große Lust, Jake niederzuschießen. „Halt dich aus die- men Sie dabei nicht auf dumme Gedanken!“ Wieder
ser Sache raus!“ zischte er wütend. krümmte sich Cals Finger um den Abzug. „Vergessen
„Ich habe nur gesagt, daß Kurt mein Freund ist“, Sie nicht, daß Streifen, die nach Deserteuren suchen,
beharrte Jake. diese zu erschießen pflegen, wenn sie sie kriegen.“
„Gut, ich habe es verstanden. Und nun halte gefäl- „Keine Angst“, sagte Zen. „Niemand wird nach mir
ligst den Mund!“ Cal wandte sich wieder Zen zu. „Wir suchen. Ich habe meine Spuren verwischt.“
sprachen über das Mädchen, Oberst. Gehört sie zu Ih- „Wie haben Sie das fertiggebracht?“ „Einfach ge-
nen?“ nug. Ich habe meine Erkennungsmarke mit der eines
„Nein“, sagte Zen. toten Kameraden vertauscht. Besser gesagt, ich ha-
„Aber sie hat nach Ihnen gerufen, als Ed sie in die be ihm meine Marke umgehängt und seine vernichtet.
Schlinge bekam.“ Viel war ohnehin nicht von ihm übriggeblieben, jeden-
„Ich habe es gehört.“ falls nicht genug, um ihn zu identifizieren. Ein Oberst
wird also als gefallen gemeldet werden, während der
„Tatsächlich?“ Cals Finger krümmte sich um den
Soldat in die Vermißtenliste einzieht.“
Abzug.
„Kluge Idee“, nickte Cal beifällig. Zum erstenmal
„Ja. Ich habe sie verfolgt, aber ich hatte keine Ah-
glaubte Zen so etwas wie Anerkennung in der Stimme
nung, daß sie es bemerkt hatte.“
des anderen zu entdecken.
„Und warum haben Sie sie verfolgt?“ wollte Cal Nedra lehnte gegen ein Gestell, das wohl einmal als
wissen, ohne den Finger vom Abzug zu nehmen. Arbeitstisch in der Garage gedient hatte. Sie trug kei-
„Himmel, stellen Sie blöde Fragen!“ explodierte nen Helm mehr, und ihr Haar war zerzaust. Als sie
Zen. „Warum steigen Männer den Frauen nach, he?“ Zen eintreten sah, huschte ein Schein der Erleichte-
Bei dieser Antwort lief die Andeutung eines rung über ihre Züge. Sie traf Anstalten, ihm entgegen
schmierigen Grinsens über das Wolfsgesicht. Zen hat- zu gehen, ihre Augen sagten Zen, daß sie sich noch
te eine Antwort gegeben, die der andere verstand. nie so gefreut hatte, ihn wiederzusehen, wie gerade in
„Kann ich Ihnen nicht verdenken“, brummte Cal. diesem Moment.
„Was, zum Teufel, wollte sie aber hier oben?“ Bei ihr befand sich ein kleiner Mann mit krummen
„Ich weiß es nicht“, sagte Zen. Beinen.
“Glauben Sie, daß das Mädchen eine Spionin Cu- „Bleiben Sie stehen!“ fauchte er das Mädchen an,
sos ist?“ fragte das Wolfsgesicht. „Auf dem Weg zu um sich dann an Zen zu wenden: „Wer, zum Teufel,
seinem Hauptquartier?“ Zen fühlte, wie sein Unterkie- sind Sie?“
fer herabsank. Auf diesen Gedanken war er noch nicht Nedras Arme sanken herab, sie lehnte mit weißem
gekommen. Er wußte besser als mancher andere, daß Gesicht gegen den Tisch.
30 Sekunden Verzögerung 18

„Ed, das ist Kurt“, verkündete Cal. „Kurt gehört von zähe kleine Bursche folgte jeder Bewegung des Mäd-
jetzt an zu uns.“ chens. Er bestand darauf, beim Essen neben ihr zu sit-
Ed warf Zen einen giftigen Blick zu. „Und wenn er zen und starrte die anderen mit stolzer Besitzermiene
zehnmal zu uns gehört, lange wird er es bei uns nicht an.
machen“, knurrte er. „Das Mädchen hier gehört mir.“ Äußerlich bewahrte Zen die Ruhe, aber er fühlte,
wie Spannung und Erregung in ihm wuchsen. Durch
Zen wünschte, er hätte seinen Karabiner wieder in
die Fenster konnte er erkennen, daß die Dämmerung
der Hand. Aber den Karabiner hatte Jake, und wenn es
heraufzog. Sie warf schon ihre Schatten über die Ber-
auch nicht schwer sein konnte, ihn ihm zu entreißen,
ge, und in kurzer Zeit würde es dunkel sein. Was wür-
so war da noch die MPi in Cals Hand, und Zen wuß-
de dann geschehen? Er sah die Blicke Eds und muster-
te, daß Cal bei der geringsten verdächtigen Bewegung
te seine Hände. Zens Hände waren breit und kräftig, er
schießen würde.
war sicher, daß es ihm keine Schwierigkeiten bereiten
„Ich habe kein Interesse an dem Mädchen“, sagte würde, den Kleinen zu erledigen, wenn er zu aufdring-
Zen zu Ed. „Von mir aus können Sie sie haben.“ lich werden sollte. Und dann? Zen hatte ein unange-
„Hm, das ist etwas anderes“, brummte Ed. nehmes Gefühl, er dachte nicht gern an die Kugel, die
Hatten Zens Worte Ed erleichtert, so war die Wir- ihn treffen würde, wenn er Ed an die Kehle ging.
kung auf Nedra entgegengesetzt. Sie öffnete den Er räusperte sich und blickte Nedra spöttisch an.
Mund, als wollte sie etwas sagen, biß sich aber dann „Mädchen, die sich allein in den Bergen herumtreiben,
auf die Lippen und schwieg. Zen war sicher, daß ihr müssen sich damit abfinden, daß ihnen etwas zustößt“,
Worte auf der Zunge lagen, wie eine Dame sie sonst sagte er.
nicht zu gebrauchen pflegte. Nedra tat, als habe sie seine Worte nicht gehört. Ed
heftete seine kleinen Augen ’ mißtrauisch auf Zen. Cal
Cal lachte. „Ed ist mächtig empfindlich, wenn es
lachte lautlos, ohne sich beim Essen stören zu lassen.
um Mädchen geht. Lassen Sie sich dadurch aber nicht
Jake war in seine Mahlzeit vertieft, er schien nicht zu
stören. Fragen Sie sie, was sie hier oben wollte.“
bemerken, was um ihn herum vorging.
„Das geht Sie gar nichts an!“ zischte Nedra wütend. Als die Mahlzeit beendet war, versuchte Ed, Nedra
„Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten, auf das zerrissene Sofa zu dirigieren, aber sie wich
aber lassen Sie mich ungeschoren.“ ihm geschickt aus und kauerte sich, sehr zu seinem
Zen hob die Arme und ließ sie wieder fallen. Er Mißfallen, auf einen umgestülpten Eimer. Jake klap-
wollte etwas sagen, aber Cal winkte ab. perte in einem düsteren Nebenraum mit Tellern und
„Wir werden es schon herausbekommen“, sagte er Töpfen, Cal hatte sich auf einen Stuhl in der Ecke zu-
leichthin, und als Zen in seine Augen sah, erkannte er, rückgezogen, von wo aus er den ganzen Raum über-
daß Cal jedes Mittel recht sein würde, um Nedra zum sehen konnte. Niemand sprach, aber dann wurde die
Sprechen zu bringen. „Jetzt gehen wir erst einmal es- Stille vom Ruf einer Eule unterbrochen.
sen, es ist Zeit, und mir knurrt der Magen. Los, Jake, Ed sprang auf, packte Nedras Hand und versuchte,
an die Arbeit!“ das Mädchen zu einer Leiter zu ziehen, die in einen
Kellerraum führte. Gal stand auf und ging zur Tür.
Jake wandte sich um und marschierte über die Stra-
ße auf eine halbverfallene Hütte zu. Der Krummbeini- „Lassen Sie mich in Ruhe!“ fauchte Nedra den
ge, Cal, Nedra und Zen folgten ihm. Krummbeinigen an.
„Sie müssen mitkommen“, sagte Ed und deutete auf
die Öffnung, die nach unten führte. „Sie müssen hier
6. Kapitel
heraus. In Ihrem eigenen Interesse.“
„Unsinn, warum sollte ich?“
Die Mahlzeit bestand aus Brühe und Fleisch, das „Weil der Eulenruf ein Signal war. Die Leute, die
in einem großen verbeulten Topf auf den Überresten kommen, werden versuchen, Sie mir wegzunehmen.“
eines Herdes schmorte. Aus einer Ecke kramte Jake „Tadellos“, sagte Nedra. „Das wäre nicht mehr als
Blechteller und Löffel hervor und setzte sie auf einen gerecht. Sie sehen, der liebe Gott kümmert sich um
wackligen Küchentisch. arme, alleinstehende Mädchen.“
„Es gibt viele wilde Rinder hier oben“, erklärte Cal. „Aber Sie wissen doch gar nicht, was das für Leute
“Früher hatten diese Gebirgswiesen einen guten Ruf sind!“ brummte Ed entsetzt.
als Weidegrund. Die Reste der ehemaligen Herden „Es interessiert mich nicht“, erwiderte Nedra.
existieren noch, sie gehören zu einer harten Rasse, die „Selbst der Teufel würde mir in dieser Situation will-
es versteht, den Nachstellungen der Pumas zu entge- kommen sein. Ich hoffe, Sie verstehen, daß das kein
hen oder sogar den Kampf gegen sie aufzunehmen. Kompliment für Sie ist.“ Ihre Worte waren an Ed ge-
Das ist auch der Grund, warum wir hier keine Not lei- richtet, aber ihre Augen ruhten auf Zen, der sich gegen
den.“ ihre indirekte Anklage nicht verteidigte.
Zen hörte nur mit halbem Ohr zu. Er war vollauf „Verdammt, ich denke nicht daran, Sie mir wegneh-
damit beschäftigt, Nedra und Ed zu beobachten. Der men zu lassen!“ begann Ed zu toben. Wieder packte er
19 TERRA

Nedras Handgelenk und versuchte, das Mädchen zur „Warum klapperst du so mit den Zähnen?“ fragte
Leiter zu zerren. Nedra riß sich los und schlug ihm ins der Leutnant spöttisch. „Paßt dir etwas nicht? Dann
Gesicht. Mit einem Wutschrei sprang Ed auf sie zu, sag’ es, vielleicht kann ich dir helfen.“
aber Nedra wich hinter dem breiten Rücken Zens aus. „Es — es ist so kalt hier drin“, stammelte Ed.
„Aufhören, Ed!“ befahl Cal scharf. „Sie gehört Zen wollte lachen, aber dann spürte er zu seinem
mir“, knurrte Ed. „Du weißt, daß ich sie zuerst gese- Erstaunen, daß Ed nicht nur nach einer Ausrede ge-
hen habe.“ sucht hatte. Die Temperatur war plötzlich gesunken,
„Wenn der Leutnant entscheidet, daß er sie haben so erheblich gesunken, daß nicht nur die eingebro-
will, bist du die erste Leiche“, warnte Cal und zuckte chene Nacht und die halboffene Tür die Ursache sein
die Schultern. „Mir soll’s egal sein, was du anstellst, konnten. Die Kälte, die den Raum erfüllte, war von
es ist dein Begräbnis und nicht meines.“ einer ganz besonderen Art. Sie schien aus dem Kör-
Wieder erklang der Ruf der Eule, diesmal dicht am perinnern zu kommen, sich von den Knochen durch
Haus. Cal öffnete die Tür. Ein Leutnant und vier Sol- Fleisch
daten traten ein. Zen brauchte nur einen Blick auf die und Muskeln gegen die Haut hin auszubreiten, auf
Uniformen und die gelben Gesichter werfen, um zu der sie ein seltsames Prickeln hervorrief.
wissen, daß es sich um Cusos Leute handelte. Der „Ich habe Hunger“, sagte der Leutnant. „Habt ihr
Leutnant blieb mitten im Zimmer stehen und musterte etwas zu essen?“
die Anwesenden. „Selbstverständlich“, beeilte Cal sich zu versichern.
„Wer ist das?“ fragte er, auf Zen zeigend. Nedra, die „Jake! Bring’ dem Leutnant zu essen!“
sich hinter dem Oberst verborgen hatte, sah er noch Jake stand mit halbgeschlossenen, düster glühenden
nicht. Augen in der Tür, die zu der leinen Küche führte. Sei-
„Ein Oberst, der Vernunft angenommen hat und ne Miene verriet, daß er nicht übel Lust hatte, dem
sich verdrückte“, erklärte Cal. „Er will sich uns an- Asiaten an die Kehle zu gehen.
schließen.“ „Los, beweg’ dich!“ schrie Cal ihn an. „Mach, daß
„Gut“, nickte der Leutnant. „Es wird Cuso ein Ver- du in die Küche kommst!“
gnügen sein, sich mit ihm zu unterhalten.“ Sein La- „Ich gehe schon“, brummte Jake und verschwand.
chen ließ keinen Zweifel, daß es sich um eine sehr Sie hörten ihn nebenan wütend mit Töpfen und Pfan-
einseitige Unterhaltung handeln würde. Cuso war be- nen hantieren.
kannt für die Methoden, mit denen er Gefangene unter „Sieht aus, als wäre er nicht ganz richtig im Kopf“,
Druck setzte, um Informationen zu erhalten. bemerkte der Leutnant.
Zen fühlte, wie seine Handflächen feucht wurden. Cal nickte. „Ein bißchen dumm, sonst aber brauch-
Beim Auftauchen des Leutnants war ihm schlagartig bar, Leutnant.“
klar geworden, daß Cal als Spion in Cusos Diensten Der Leutnant blickte auf die Uhr. „Ich vergaß ganz,
arbeitete. Er zwang sich, seine Erregung zu verbergen Ihnen zu sagen, daß meine Leute draußen warten.“
und sagte: „Ich weiß die Ehre zu schätzen, mit dem
„Holen Sie sie herein, Leutnant“, sagte Cal eilfer-
großen Führer der asiatischen Kräfte zu sprechen.“
tig. „Sie werden ebenfalls hungrig sein. Außerdem ist
„Die Ehre wird auf Cusos Seite sein“, erwiderte der es ziemlich kalt geworden.“
Leutnant, und er stieß einen Pfiff aus, als er Nedra hin-
Der Leutnant überlegte einen Augenblick, dann
ter Zen entdeckte. Langsam hob er das Gewehr an die
schüttelte er den Kopf. „Es ist besser, sie bleiben drau-
Hüfte. „Und wer ist das?“ fragte er mißtrauisch. „Eine
ßen“, entschied er. „Sie haben ein Maschinengewehr
Krankenschwester, die sich ebenfalls auf unsere Seite
an der Straßenecke aufgebaut. Ich lasse mich nicht
geschlagen hat“, erklärte Cal hastig.
gern überraschen.“
„Warum versteckt sie sich hinter dem Oberst?“
„Wie Sie wollen“, sagte Cal.
„Eds wegen“, erwiderte Cal. „Das Mädchen hat et-
„Das MG ist auf dieses Haus gerichtet“, nickte der
was gegen ihn.“
Leutnant betont. „Man kann nie wissen, wozu es gut
„Aha“, sagte der Leutnant mit einem maliziösen Lä- ist.“
cheln. „Komm hervor, schönes Kind!“
Cal sagte nichts, aber Zen sah, wie der andere zu zit-
Als Nedra neben Zen trat, weiteten sich die Augen tern begann. Cal hatte die versteckte Drohung sehr gut
des Leutnants. „Gut, gut! Ich nehme an, daß Cuso sich verstanden. Zitterte er deswegen? Es schien so, aber
auch mit Ihnen gern unterhalten würde.“ dann kam Zen zum Bewußtsein, daß es nicht Furcht
Eds Gesicht war dunkelrot vor Wut und Enttäu- war, die Cal beben ließ. Die Temperatur war noch
schung. Er sah aus, als wolle er sich auf den Leutnant weiter gesunken, die Kälte hatte fast ein unerträgli-
stürzen, aber dann fiel sein Blick auf die schußbereite ches Maß angenommen. Nedra schien die einzige zu
Waffe, und er ließ die Arme sinken. Nur seine Zähne sein, die sie nicht empfand. Ihre Augen waren groß
knirschten so laut, daß es bis in die hinterste Ecke zu und hell, ihr Gesicht glühte vor innerer Wärme. Zen
hören war. beobachtete sie kopfschüttelnd.
30 Sekunden Verzögerung 20

War das Mädchen sich über die Gefahr, in der sie „Es ist mir eine Ehre, Sir“, sagte Nedra mit schma-
schwebte, nicht klar? Begriff sie nicht, daß sie der un- len Lippen. Sie zog ihm den Schuh vom Fuß und
mittelbaren Drohung Eds nur entgangen war, weil sie streifte den dicken wollenen Strumpf herunter. Mit ge-
dafür die viel größere Gefahr durch die Leute Cusos runzelter Stirn sah Zen ihr zu. Er wußte nicht, was er
eingehandelt hatte? von Nedras Gebaren halten sollte. Hatte sie ihm das
„Nedra, was ist Ihnen?“ fragte er flüsternd. Leben gerettet, dadurch, daß sie ihm zuvorgekommen
Sie blickte ihn an, in ihren Augen war ein helles, war und ihn gehindert hatte, eine Dummheit zu bege-
durchdringendes Leuchten; die Unsicherheit und die hen? War er ihr zu Dank verpflichtet, oder spielte sie
Gefährlichkeit der Situation ließ Nedra offenbar un- nur mit seinen Gefühlen, wie mit denen aller Männer,
beeindruckt. Mochte ihr Selbstvertrauen sie vorüber- die sich in dem Raum aufhielten?
gehend verlassen haben, sie hatte es wiedergefunden, Das Gefühl der Kälte kam wieder. Er empfand die
war jenseits von Furcht und Bedrängnis. niedrige Temperatur jetzt noch stärker. Er bemerkte,
„Was soll mit mir sein?“ fragte sie ebenso leise zu- daß Cals Hände zitterten, daß die Zähne eines Solda-
rück. „Ich versuche nur, unserer Lage das beste ab- ten klirrend gegeneinander schlugen. Der Mann neben
zugewinnen, das ist alles.“ Ihre Stimme klang zuver- ihm sah so aus, als kämpfe er mit letzten Kräften ge-
sichtlich, alle Spannung war von dem Mädchen abge- gen den Schlaf an.
fallen; sie war wieder Herrin der Situation und gewann Zen mußte gähnen, auch er hatte ein Gefühl schwe-
aus diesem Bewußtsein Kraft. rer Müdigkeit. Zu der Kälte, die ihm zu schaffen
Jake kam aus der kleinen Küche hereingestürzt. machte, gesellte sich das Empfinden, daß dichte Ne-
Sein Gesicht war bleich, Schweiß stand auf seiner belschwaden seine Gedanken und seinen Willen ein-
Stirn. „Ich kann nicht arbeiten“, schrie er heiser, „ich zuhüllen drohten. Auch der Kopf des Leutnants, der
fühle unsichtbare Strahlen, ich...“ dicht vor ihm saß, sank tiefer auf die Brust.
„Scher dich an deine Arbeit zurück!“ befahl Cal, Kein Zweifel, daß eine Müdigkeit, gegen die es kein
und der Leutnant hob das Gewehr. Wehren gab, alle Anwesenden zu überkommen droh-
„Ich will euch doch bloß sagen, daß...“ begann Jake te. Wo lag die Ursache?
von neuem, aber Cal unterbrach ihn barsch.
Drang von irgendwoher ein geruchloses Gas in den
„Und ich sage dir, du sollst machen, daß du wieder Raum?
an deine Arbeit kommst!“ zischte er wütend.
Ein metallisches Poltern schreckte Zen auf, ein
Jakes Blicke wanderten gehetzt durch den Raum,
Schuß peitschte durch den Raum. Einem der Solda-
aber Zen spürte, daß Jake sich mehr mit Vorgängen in
ten, die an der Wand standen, war das Gewehr entfal-
seinem Innern beschäftigte als mit Menschen, deren
len, ein Schuß hatte sich beim Aufprall auf den Bo-
Stimmen er nicht einmal zu vernehmen schien.
den gelöst. Die Kugel zischte eine Handbreit am Kopf
„Raus!“ knurrte Cal noch einmal, und Jake verließ des Leutnants vorüber, bohrte sich mit einem hellen
rückwärtsgehend den Raum. Laut in die Wand. Der Leutnant sprang auf die Fü-
Der Leutnant gab einen scharfen Befehl und ließ ße, blickte sich verwirrt um. Der Soldat, dem das Ge-
das Gewehr sinken. Sekunden später nahmen die Sol- wehr entfallen war, begann zu schwanken, fiel vorn-
daten mit dem Rücken zur Wand Aufstellung. Der über, blieb steif und starr liegen. Ein schnarchendes
Leutnant ging auf die Feuerstelle zu und hockte sich Geräusch kam aus seinem halboffenen Mund.
auf einen Stuhl.
Der Leutnant hatte Ähnlichkeit mit einem gereizten
„Sie dort!“ befahl er. „Los, ziehen Sie mir die Stie-
Tiger. Er hob das Gewehr und richtete die Mündung
fel aus!“
auf den Kopf des schlafenden Soldaten. Dabei stieß
Zen, an den der Befehl gerichtet war, preßte die er einen heiseren Befehl aus, der ohne Wirkung auf
Lippen aufeinander. Aus den Augenwinkeln maß er den Schlafenden blieb. Zen erwartete jeden Augen-
die Entfernung zur Kinnspitze des Uniformierten, gab blick, das Mündungsfeuer zu sehen, aber der Leutnant
sein Vorhaben aber auf. Alle Chancen waren gegen krümmte seinen Finger nicht. Es mußte ihm zu Be-
ihn. Selbst wenn er den Asiaten traf, würden im glei- wußtsein gekommen sein, daß es kein normaler Schlaf
chen Augenblick die Gewehre seiner Soldaten kra- war, der den Soldaten überkommen hatte.
chen. Es hatte keinen Sinn, den Helden zu spielen und
dabei zugrunde zu gehen. Er mußte warten, bis seine Mißtrauisch wanderten die Augen des Leutnants
Gelegenheit kam. von einem zum anderen. Noch immer ähnelte er ei-
ner wütenden Bestie, die fühlt, daß sie in eine Falle
Er traf Anstalten, vor dem Leutnant auf den Boden
gegangen ist, ohne zu wissen, von welcher Seite die
zu knien, aber Nedra kam ihm zuvor und begann, die
Gefahr droht. Seine Blicke blieben auf Cal haften.
Schuhbänder des Uniformierten zu lösen.
„Wenn Sie durchaus wollen, ich habe nichts dage- „Ich — ich schwöre...“, stammelte Cal mit heiserer,
gen“, lächelte der Leutnant geschmeichelt. „Ich wä- fast unverständlicher Stimme. Auch er kämpfte gegen
re kein Mann, wenn ich mich nicht lieber von einem die schwere Müdigkeit an, die ihn erfaßt hatte.
schönen Mädchen bedienen ließe.“ „Was bedeutet das?“ fragte der Leutnant.
21 TERRA

„Ich — nichts — ich habe nichts getan — ich weiß zu schließen. Alles in ihm sehnte sich nach Schlaf, es
nichts — ich bin genau so überrascht wie Sie“, mur- mußte wunderbar sein, jeden Widerstand aufzugeben
melte Cal, seine letzte Kraft zusammennehmend. und sich einfach treiben zu lassen.
„Sie lügen!“ Die Stimme des Leutnants klang wie Der Kampf Muskel gegen Muskel, Nerv gegen
ein Peitschenhieb. Nerv dauerte qualvolle Minuten. Die beiden Willen,
„Nein — es ist — es ist die — Wahrheit.“ Cals Stirn die sich in Zens Gehirn stritten, boten alle Stärke auf,
sank auf die Brust, seine Stimme ähnelte der eines den Kampf für sich zu entscheiden. Mechanisch ver-
Betrunkenen. „Ich — weiß nicht — ist das erstemal, suchte Zen, wieder auf die Beine zu kommen, aber nur
daß ich das erlebe — zum Teufel, Leutnant, ich — ich ein Knurren entrang sich seinen verzerrten Lippen.
kann nicht mehr!“ „Steh’ auf!“ befahl er sich und wiederholte den Be-
Cal sank langsam in sich zusammen. “Müde...“, fehl. Der qualvolle Widerstreit seiner Empfindungen
murmelte er kaum hörbar, „so — furchtbar — müde. wurde zum körperlichen Schmerz, der ihn stöhnen
Muß ein paar Minuten schlafen —“ ließ. Nie hatte Zen einen solchen Schmerz gekannt,
Wie ein Bündel Lumpen lag er am Boden, die Knie der ihn in immer neuen Wellen durchtobte.
angezogen, die Arme weit von sich gestreckt. Sein Klick!
Atem ging tief und ruhig, die Anspannung war aus sei- Was dann geschah, geschah so plötzlich, daß es sich
nen Zügen gewichen. außerhalb jeder Zeit, jenseits jeden Raums abzuspie-
Zen und das Mädchen kämpften ebenfalls gegen die len schien.
Schwäche, die sie umfing. Alle Soldaten schliefen be-
reits, und die Stimme des Leutnants wurde leiser, ver- 7. Kapitel
lor sich zu einem Flüstern, erstarb endlich ganz. Er
glitt an der Wand herab, blieb schnarchend liegen. In der Sekunde, als er das Geräusch des Kückens
hörte, hatte Zen das Gefühl, seinem Körper ent-
Nedra schwankte, als sie sich Zen zuwandte, und er
schlüpft zu sein. Der Schmerz war fort, er spürte die
legte schnell den Arm um ihre Schultern.
verzerrten Muskeln nicht mehr.
„Was ist geschehen?“ fragte sie mit der Stimme ei-
„Stehe auf!“ sagte er zu seinem Körper.
nes schläfrigen Kindes.
Der Körper gehorchte dem Befehl. Zuerst lösten
„Ich weiß es nicht“, erwiderte Zen.
sich die Hände vom Boden, dann die Knie. Der Körper
„Warum schlafen sie alle ein? Ist es denn schon so streckte sich, stand aufrecht.
spät?“
Zen war nicht überrascht. Er wußte, daß es so kom-
„Sieht fast so aus.“ men würde. Der Wille war immer stärker als das
„Sind Sie auch so müde?“ Ihre Stimme war nur Fleisch.
noch ein Wispern. „Hör’ auf zu zittern!“ befahl er sich stumm.
„Ich war nie in meinem Leben so müde wie jetzt“, Seine Glieder hörten auf zu beben, der Körper hatte
nickte Zen. seinen Meister anerkannt. Zen wußte, daß er jetzt vor
„Warum — warum schlafen Sie dann nicht?“ mur- der Wahl stand. Er konnte in seinen Körper zurück-
melte das Mädchen. „Warum soll ich dann nicht schla- kehren — er konnte fortgehen, wohin es ihm beliebte.
fen!“ Ihre Augen schlössen sich, sie wäre zu Boden Es gab keinen Zweifel, wofür er sich entscheiden wür-
gesunken, wenn Zen sie nicht gehalten hätte. Sie wur- de.
de schwerer und schwerer in seinen Armen, und er Er kehrte in seinen Körper zurück, wie man einen
stützte ihren schlaffen Körper sanft, bis Nedra den Bo- Schalter dreht. Im Bruchteil einer Sekunde waren Kör-
den berührte, wo sie sich mit einem erleichterten Seuf- per und Wille wieder eins. Zen sah wieder mit seinen
zer ausstreckte. Tiefe, gleichmäßige Atemzüge hoben Augen, hörte mit seinen Ohren. Und der Körper ge-
ihre Brust. horchte dem Willen, der sich als stärker erwiesen hat-
Zen hatte nur noch den einen Wunsch, sich eben- te.
falls niedersinken zu lassen und die Augen zu schlie- Zen bewegte sich fast lautlos, schnell und zielbe-
ßen. Jeder Muskel, jede Zelle seines Körpers schrie wußt. Er riß dem Leutnant das Gewehr aus den Hän-
nach Schlaf, der Kopf sank ihm herab, seine Knie be- den. Sekunden später war er im Besitz der Waffen der
gannen nachzugeben. Er fühlte, daß er sich nur noch Soldaten. Er beförderte sie mit einem Fußtritt in die
Sekundenbruchteile aufrecht halten konnte. hinterste Ecke des Raumes und bückte sich nach Cals
„Bleibe wach!“ knurrte ihn eine Stimme an. Er öff- Pistole, die der Hand des Zerlumpten entfallen war.
nete die Augen und stellte verwundert fest, daß seine Erst jetzt wurde er sich der Tatsache bewußt, daß
eigene Stimme diese Worte gesprochen hatte. Nedra, die noch immer am Boden kauerte, ihn beob-
Seine Knie gaben weiter nach, die Muskeln dehn- achtete; ihre Miene ähnelte der eines kleinen Mäd-
ten sich wie Gummibänder, bis seine Knie den Boden chens am Morgen, kurz nach dem Erwachen. Aber
berührten. Zen stützte die Fäuste auf und kämpfte ge- Zen sah, daß Nedra eine Maske trug, und diese Mas-
gen das Verlangen, sich auszustrecken und die Augen ke zeigte keine Schläfrigkeit. Dazu waren ihre Augen
30 Sekunden Verzögerung 22

zu weit geöffnet, und der Eindruck des Wachseins war „Wer tat es?“
nicht zu verkennen. „Kommen Sie, ich werde es Ihnen zeigen!“
„Hallo“, sagte Zen. „Sie haben die Vorstellung also Zen zögerte keine Sekunde und ging auf die Hin-
abgeblasen?“ Er hatte seine Gedanken, kaum daß sie tertür zu. Zu seiner Verwunderung sah er, daß Nedra
sich geformt hatten, so schnell ausgesprochen, daß er die Tür zur Straße öffnete. „Nicht dort hinaus!“ warn-
sie nicht mehr zurückholen konnte. te er. Er war mit zwei Sätzen neben ihr. „Seien Sie
„Sie haben es gewußt?“ fragte Nedra staunend. nicht leichtsinnig! Diese Tür liegt bestimmt im Schuß-
„Natürlich wußte ich es“, nickte Zen. „Als Sie, bereich des MG’s.“
scheinbar halb im Schlaf, in meinen Armen lagen, Nedra antwortete nicht, sie tat, als habe sie Zens
wußte ich, daß Sie Komödie spielten. Sie hatten nichts Worte nicht vernommen. Sie trat hinaus, und Zen folg-
weiter im Sinn, als mir ebenfalls Schläfrigkeit zu sug- te ihr. Die Luft war eisig, viel kälter, als es für die-
gerieren.“ se Jahreszeit normal war. Nedra ging mit schnellen
„Wenn Sie es wußten — warum haben Sie mich Schritten die Straße hinab. Nach zwanzig Metern stie-
dann nicht daran gehindert?“ ßen sie auf das MG, das auf einem Dreifuß montiert
war. Seine Mündung war genau auf die Tür gerichtet,
„Ich wollte sehen, wie weit Sie gehen würden“, er-
durch die sie das Haus verlassen hatten. Zwei Soldaten
widerte Zen. „Und nun kommen Sie. Wir wollen ma-
in fadenscheinigen Uniformen lagen reglos neben der
chen, daß wir hier herauskommen.“
Waffe. In der nächtlichen Stille hörte man ihr Atmen,
„Wie steht es mit den anderen? Spielen sie auch das von leisen Schnarchgeräuschen unterbrochen wur-
Theater?“ fragte Nedra und deutete auf die reglosen de.
Gestalten am Boden.
„Bravo“, nickte Zen. „Ich sehe, daß Sie keinen Un-
Zen lachte und deutete auf die Decke. sinn geredet haben. Wenn dies hier nicht Ihr Werk ist,
„Sie sind dort oben und beobachten uns.“ Nedra bei wem können wir uns dann bedanken?“
starrte ihn argwöhnisch an. „Ich glaube, Sie haben den „Warten Sie eine Minute, dann werden Sie die Ant-
Verstand verloren, Oberst.“ wort wissen“, erwiderte das Mädchen.
„Vielleicht. Manchmal hilft das. Kommen Sie, wir In der Einfahrt eines verfallenen Hauses bewegte
wollen verschwinden.“ sich eine große, undeutliche Gestalt.
„Eine gute Idee, Oberst. Bis auf einen Punkt.“ „Hallo, Kinder!“ rief die Stimme, die zu dieser Ge-
„Und das wäre?“ stalt gehörte.
Nedra zeigte auf den schlafenden Leutnant. „Haben Nedra hatte Zens Arm ergriffen, gemeinsam gingen
Sie vergessen, was er erzählte? Er hat draußen Leute sie der Gestalt entgegen. Zen hatte die tiefe Stimme
mit einem Maschinengewehr postiert.“ des Mannes längst erkannt. Sam West!
„Verdammt! Das hatte ich vergessen. Macht nichts, West schien über das Auftauchen Zens nicht er-
es gibt auch für dieses Problem eine Lösung.“ „Und staunt.
welche?“ „Was, zum Teufel, suchen Sie hier?“ fragte Zen, als
„Diese!“ Zen ging zum Fenster, auf dessen Rahmen er vor dem Mann mit dem zerfurchten Gesicht stand.
ein schweres MG montiert war. Er schwang es herum, „Ich hatte geschäftlich hier zu tun“, lächelte West,
so daß der Lauf die Straße hinabwies. Dann preßte er und Zen hatte das Gefühl, ein Schüler zu sein, der von
den Kolben gegen die Schulter, kniff das linke Auge seinem Lehrer eine schlechte Note erhält.
ein und visierte an. Nedra packte seinen Ärmel und “Haben Sie dafür gesorgt, daß die unfreundlichen
zerrte heftig daran. Herrschaften dort in Schlaf fielen?“ fragte Zen weiter.
„Was gibt es?“ fragte Zen unwillig. „Stören Sie „Schläft denn jemand?“ entgegnete West und riß die
mich nicht! Sobald die Burschen mir ins Visier kom- Augen auf. „Nein, so etwas!“
men...“
„Ja, sie schlafen“, nickte Zen. „Zu unserem Glück.“
„Nein!“ sagte Nedra mit fester Stimme. „Nicht!“ West wandte sich an Nedra und fragte:
„Haben Sie den Verstand verloren?“ knurrte Zen är- „Hatten Sie Schwierigkeiten?“ Zen schien für ihn
gerlich. nicht mehr zu existieren.
„Wir brauchen die Männer nicht zu töten“, sagte das „Gewissermaßen“, entgegnete das Mädchen. „Um
Mädchen. „Und warum nicht?“ „Weil sie schon außer genau zu sein — viel fehlte nicht, und es wäre mir
Gefecht gesetzt sind.“ übel ergangen. Ich hatte es fast aufgegeben, mit Ihnen
„Ach nein! Woher wissen Sie das?“ „Ich weiß es.“ in Kontakt zu kommen.“
Zen hob den Kopf und starrte das Mädchen aus „Lag daran, daß ich zu beschäftigt war“, bemerkte
schmalen Augen an. „Sieh’ da! Dann wissen Sie also West. „Darum schalte ich nicht so schnell wie sonst.
auch, was die Männer hier in den Schlaf versenkte?“ Der Oberst ist Ihnen gefolgt, stimmt’s?“
Seine Stimme klang wie Stahl, der auf Stein trifft. „Ja. Erinnern Sie sich, daß ich gleich vermutete, er
Sie blickte ihn furchtlos an und nickte. „Ja!“ würde mir folgen?“
23 TERRA

„Woher haben Sie gewußt, daß ich hinter Ihnen her oder so — kommen Sie — beide! Vorausgesetzt, daß
war?“ wollte Zen wissen. „Habe ich mich so unge- der Oberst damit einverstanden ist.“
schickt angestellt?“ Jetzt, da er das Gewehr des Leut- „Sie können mich nicht zum Narren halten“, sag-
nants in den Händen hatte, fühlte er sich sicher und te Zen. „Keiner von Ihnen wäre fähig, einen anderen
hatte sein Selbstbewußtsein wiedergewonnen. kaltblütig zu erschießen.“ Zens Stimme klang furcht-
Nedra lächelte. „Jede Frau fühlt, ob ihr ein Mann los, aber er war von seinen Worten keineswegs über-
folgt“, sagte sie, und Zen fühlte sich geschmeichelt, zeugt. Warum wußte man bisher so wenig über die
als ihre Hand seinen Arm fester umspannte. Dann aber Weltraumwesen? Doch nur, weil nie eines dieser We-
erstarrte er, als er Nedras nächste, an West gerichtete sen Verrat begangen hatte. Man konnte aus dieser Tat-
Worte vernahm: „Er ist ein Weltraumwesen!“ sache seine Schlüsse ziehen, wenn sie auch nicht so
Zen fühlte, wie sich alles um ihn zu drehen begann, sehr erfreulich waren. Einerlei, er war nicht soweit ge-
aber der Mann mit dem zerfurchten Gesicht schien gangen, um jetzt wegen einer Drohung aufzugeben.
nicht im geringsten überrascht. „Also los!“ sagte er mit fester Stimme. „Gehen Sie
„Freut mich“, sagte er, aber in seinen Worten lag voraus, ich halte mich hinter Ihnen.“
eine spürbare Zurückhaltung. West wandte sich um und ging schweigend davon.
„Gehen wir hinein!“ schlug Nedra vor. „Ich habe Zen tastete nach Nedras Arm, den sie ihm ohne Wi-
einen harten Tag hinter mir. Mir ist, als hätte ich mir derstreben überließ. So folgten sie West in die Nacht.
alles Fleisch von den Füßen gelaufen.“ „Würde es Ihnen leid tun, wenn Sie mich töten
„Tut mir leid, aber...“, sagte West, ohne sich von der müßten?“ fragte Zen nach einer Weile.
Stelle zu rühren. Nedra nickte stumm.
„Was soll das heißen?“ fragte das Mädchen, und „Aber es würde Sie nicht abhalten, mich zu erschie-
seine Stimme klang unruhig, als wittere es eine neue ßen?“
Gefahr. „Glauben Sie nicht, daß er wirklich zu uns ge- „Nein.“
hört? Ich sage Ihnen, daß es so ist.“ „Hm. Ihre erste Antwort freut mich, die andere war
„Ich sagte nicht, daß ich Ihnen keinen Glauben weniger angenehm“, gab Zen offen zu.
schenke“, erwiderte West nachsichtig. „Wie steht es „Sie sprechen, als wäre Ihnen Ihr Schicksal ziem-
aber, wenn Sie sich geirrt haben?“ lich gleichgültig“, sagte das Mädchen.
„Ich habe mich nicht geirrt. Er ist mir nachgegan- Zen lächelte, wurde aber gleich wieder ernst. „Sie
gen. Das ist der Beweis, daß ich mich nicht täusche.“ haben es erfaßt, Nedra. Es gibt Zeiten, da sehne ich
„Lächerlich!“ knurrte West. „Männer folgen Frauen mich nach dem Tode. Das Leben dort unten —“ Zen
nach, seitdem es verschiedene Geschlechter gibt. Was deutete in die Nacht, dorthin, wo die weite Ebene lag
soll werden, wenn Sie sich doch geirrt haben?“ — „es bietet nicht mehr viel Freude. Ich drücke mich
Nedra murmelte Unverständliches, ihre Stimme zurückhaltend aus, aber vielleicht verstehen Sie, was
hatte die Festigkeit verloren. ich meine.“
„Wenn es sich herausstellt, daß Sie einem Irrtum Nedra blieb lange stumm, dann nickte sie. „Ja, ich
zum Opfer gefallen sind — würden Sie ihn dann er- verstehe Sie. Es ging mir selbst nicht anders — da-
schießen?“ West dachte nicht daran, das Mädchen aus mals!“
der Zange zu lassen. „Wir“ sind auf dem besten Weg zur Hölle!“ stieß
„Erschießen — oh, ich weiß nicht...“ Sie brach ab, Zen erregt hervor. „Nicht mehr lange, und wir ha-
preßte die Lippen aufeinander. ben unser Ziel erreicht.“ Er wartete auf eine Antwort,
„Sie kennen die Gesetze“, fuhr West hartnäckig aber es kam keine. Schweigend schritt Nedra neben
fort. „Wir nehmen nur echte Mutanten auf.“ ihm her, den Kopf gesenkt, als suchten ihre Augen die
Dunkelheit zu durchdringen. Erst nach geraumer Zeit
„Ja, ich weiß.“ sprach sie wieder.
„Wer jemanden mitbringt, der kein echter Mutant „Hier entlang, bitte!“ West war stehengeblieben und
ist, ist verpflichtet, den Betreffenden verschwinden zu erwartete sie. Sein Schatten stand groß und schlank
lassen. So verschwinden zu lassen, daß er nie wieder gegen den nächtlichen Himmel. Er gab Zen einen
in Erscheinung treten kann.“ Wink und marschierte voran in den alten Tunnel, der
„Ich weiß“, wiederholte Nedra tonlos. kerzengerade in die Flanke des Berges führte.
„Sollte dies der Fall sein, so wäre es Ihre Pflicht,
den Oberst zu erschießen. Sind Sie dazu imstande?“ 8. Kapitel
„Ich — ich würde es nicht gern tun“, sagte Nedra
zaghaft und widerstrebend. „Aber ich glaube, ich wür- „Ist hier die Zentrale?“ fragte Zen.
de es tun.“ „Gewiß“, sagte Nedra.
„Hoffen wir, daß Sie nicht in die Lage kommen, Ihr „Wie kommt es, daß Cal und seine Leute Sie nicht
Versprechen halten zu müssen“, murmelte West. „So gefunden haben?“
30 Sekunden Verzögerung 24

„Sie haben keine Ahnung von unserer Existenz“, er- suchen, Oberst! Sie können nichts sehen, aber viel-
klärte Nedra. „Zu ihrem Glück, kann man sagen. Es leicht spüren Sie etwas.“
gibt Gründe, die es ihnen wenig wünschenswert er- Zen ging langsam und ungläubig weiter, und plötz-
scheinen lassen würden, den Tunnel je zu betreten.“ lich packte ihn ein dumpfes Furchtgefühl, das sein
„Er ist gesichert?“ wollte Zen wissen. „Wodurch? Herz schneller gegen die Rippen hämmern ließ. Es
Falltüren oder ähnliche Scherze?“ war ein seltsames, unheimliches Empfinden, das ihm
„Mit solchen vorsintflutlichen Maßnahmen geben den Schweiß auf die Stirn trieb und ihn nach Atem
wir uns nicht ab“, sagte West stolz. „Wir haben an- ringen ließ. Er sah Drohungen und Gefahren vor sich,
dere Mittel. An zwei Stellen des Tunnels sind Hoch- sogar den Tod, und plötzlich war die Erinnerung an
frequenzgeneratoren unsichtbar eingebaut. Wer sie seine Feuertaufe da, die nun schon lange Jahre zurück-
ahnungslos passiert, macht sehr unangenehme, ich lag. Wieder glaubte er die Einschläge von Granaten
möchte sagen, bedrückende Erfahrungen. Ein furcht- zu hören, das dumpfe Krachen der Detonationen, das
bares Angstgefühl packt ihn und läßt ihn nicht wieder Beben der zerfetzten Erde, die Schreie der Verwunde-
los.“ ten, den ganzen quälenden Angsttraum menschlicher
„Ein Generator, der Furcht erzeugt?“ fragte Zen un- Furcht und kreatürlicher Erbärmlichkeit, durch den je-
gläubig. der gehen mußte, der gezwungen war, Waffen gegen
West nickte. „Genau das!“ andere Menschen zu gebrauchen.
„Eine furchtbare Waffe!“ murmelte Zen, und West Zen spürte, wie Panik ihn zu überwältigen droh-
gab seiner Befriedigung mit einem breiten Grinsen te. Seine Glieder begannen zu zucken, während sei-
Ausdruck. Dann kam Zen ein Gedanke, der ihn elek- ne Muskeln zur gleichen Zeit gelähmt schienen. „Fort
trisierte. „Haben Sie nie an andere Verwundungsmög- von hier!“ raunte eine Stimme in seinem Innern.
lichkeiten gedacht? Im Kriege, beispielsweise! Wenn „Lauf! Renne um dein Leben!“
man einen solchen Generator baute, der mit seinen Er bezwang den Impuls, blindlings davonzustür-
Strahlen große Gebiete beeinflußt, muß es möglich men, aber die Anstrengung kostete ihn seine letzten
sein, ganze Divisionen, vielleicht sogar ganze Armeen Kraftreserven. Er versuchte zu lächeln, brachte aber
in Panik zu versetzen.“ Zens Stimme klang erregt. Er nur eine verzerrte Grimasse zustande.
wußte, daß die Wissenschaftler nach neuen Waffen „Ein sehr interessanter Effekt“, murmelte er heiser.
suchten, um diesen grausamen Krieg zu beenden. Hat- „Wirkt der Generator auf alle Wesen in gleicher Wei-
te der Zufall ihn auf die Lösung des Problems stoßen se?“
lassen? West brummte Unverständliches und marschierte
„Es wäre leicht möglich“, gab West nach kurzem weiter, ohne Zens Frage zu beantworten. Auch Nedra
Nachdenken zu. schwieg, aber Zen fühlte den Druck ihrer kleinen, fe-
„Weiß die Regierung von diesen Generatoren?“ sten Hand auf seinem Arm, und ihre Nähe beruhigte
„Ich glaube nicht.“ ihn.
„Von wem stammt die Erfindung?“ Der Mann mit dem zerfurchten Gesicht wies nicht
„Niemand weiß es genau“, erwiderte West. „Die all- auf den zweiten Generator hin. Es hätte dessen auch
gemeine Ansicht schreibt Jal Jonnor die entscheiden- nicht bedurft, denn Zen fühlte seine Wirkung, die noch
den Experimente zu, die zur Verwirklichung der Idee stärker als zuvor war. Er hatte sich auf diesen Augen-
führten.“ blick vorbereitet, und sein Wille widerstand dem An-
„Jal Jonnor“, wiederholte Zen, und dann schwieg griff, obwohl Krämpfe durch die Muskeln seines gan-
er. Jonnors Name war zur Legende geworden, zur Le- zen Körpers zuckten und eine knöcherne Hand nach
gende jener Zeit, als es Riesen auf der Welt gab, Gei- seinem Herzen zu greifen schien.
stesriesen, die sich in ihrem Denken über alle her- Mechanisch ging er weiter, und mit der gleichen
kömmlichen Begriffe erhoben hatten. Statt in Natio- Plötzlichkeit, wie sich die Wirkung des Generators
nen dachten sie in Rassen, statt verschiedener Religio- bemerkbar gemacht hatte, schwand sie auch wieder.
nen sprachen sie von einem Glauben, wirtschaftliche West und Nedra schienen den Einfluß der Strahlung
Erwägungen ersetzten sie durch die These, daß nie- nicht gespürt zu haben; West setzte seinen Weg fort,
mand im Überfluß leben dürfe, solange es noch Men- ohne sich einmal umzuwenden, und Zen fühlte noch
schen gab, die hungerten. Jonnors Denken war nicht immer den Druck der Hand des Mädchens auf seinem
auf einen Planeten gerichtet gewesen, es hatte ein gan- Arm. Zen tupfte sich den Schweiß von der Stirn und
zes Sonnensystem zum Ziel gehabt, mehr noch — das hastete weiter.
gesamte Universum. Die Schritte Wests verstummten plötzlich; er war
„Hier befindet sich der erste Generator“, sagte West, stehengeblieben und richtete den Strahl seiner Lam-
und seine Stimme zwang Zens Gedanken in die Ge- pe auf die rechte Wand des Tunnels. Er knurrte etwas
genwart zurück. Der Strahl von Wests Taschenlampe Unverständliches, und im Fels öffnete sich lautlos ei-
huschte über das Felsgestein und blieb an einer be- ne Tür, die so geschickt angebracht war, daß man sie
stimmten Stelle haften. „Nein, Sie brauchen nicht zu vom Tunnel aus nicht erkennen konnte.
25 TERRA

„Gehen Sie hindurch!“ sagte West, als Zen herange- „Hören Sie auf mit dem Unsinn!“ sagte Zen grob.
kommen war, und deutete auf den Gang, der auf eine „Was beabsichtigen Sie mit Ihrem Gerede?“
große Säulenhalle mündete. „Vielleicht“, sagte West, und in seiner Stimme lag
„Wer hat das alles gebaut?“ erkundigte Zen sich er- nicht die geringste Spur von Humor, „vielleicht liegt
staunt. mir daran, einen neugierigen Abwehrmann ein wenig
„Jal Jonnor. Er erwarb die Mine. Zusammen mit sei- durcheinanderzubringen.“
nen Männern riegelte er die tieferen Schächte ab, er- Eine versteckte Drohung lag in diesen Worten, aber
weiterte sie, sorgte für eine Belüftungsanlage, baute sie glitt an Zen ab. Er steckte mitten in der Sache,
Laboratorien und Unterkünfte und schuf so eine ver- und das war das einzige, was zählte. Nur hier konn-
borgene Welt, in der es sich leben ließ.“ te er mehr über Jal Jonnor erfahren, der offensichtlich
Zen fühlte, wie überflüssig seine Frage gewesen sich und seinen Anhängern diesen Unterschlupf ge-
war. Nach der Ansicht der Wesen, zu denen West und baut hatte, um der großen Katastrophe, die er voraus-
Nedra gehörten, verdankten sie Jal Jonnor alles, wenn sah, zu entgehen. Jal Jonnor als moderner Noah, der
man davon absah, daß er nicht die ganze Welt geschaf- nicht erkannt worden war? Der Gedanke versetzte Zen
fen hatte. einen Schock. Er erinnerte sich einer alten Voraussa-
ge, daß das Ende der Welt durch Feuer kommen wür-
„Ich verstehe“, nickte Zen. „Das alles hat Jal Jon-
de. Das Gelände, auf das er jetzt den Fuß setzte, war
nor vor seinem Tode geschaffen.“ Er erwähnte nicht,
der Beweis, daß wenigstens ein Wesen die Voraussage
daß in keinem der Berichte, die er gelesen hatte, von
ernst genommen und einen bomben- und strahlungssi-
dieser Tätigkeit Jonnors gesprochen wurde, und er hü-
cheren Aufenthaltsort gebaut hatte.
tete sich, den anderen diese Unkenntnis auf die Nase
zu binden. West räusperte sich und musterte Zen amüsiert.
„Warum so in Gedanken? Wundert Sie, was Sie hier
„Sie irren sich“, sagte West. „Sie unterschätzen Jal
sehen?“
Jonnor.“
„Zugegeben, ich bin überrascht, aber was ich sehe,
„Aber Sie sagten doch eben...“ „Ich sagte nicht,
beruhigt mich“, entgegnete Zen.
wann Jal Jonnor dies alles getan hat“, korrigierte West.
„Er tat es nach seinem Tode!“ West nickte befriedigt und sagte: „Freut mich. Und
hier kommt John, um uns willkommen zu heißen.“
„Wie bitte?“ fragte Zen verblüfft. „Ich glaube, ich
habe Sie nicht richtig verstanden. Sagten Sie wirklich Wests Züge erhellten sich beim Anblick des schlan-
— nach seinem Tode?“ „Genau das sagte ich“, bestä- ken jungen Mannes, der aus einem der Quergänge trat
tigte West vollkommen gelassen. „Und genau das ent- und ihnen entgegeneilte. Der junge Mann grüßte West
spricht den Tatsachen.“ respektvoll, schenkte Zen einen flüchtigen Blick und
blieb strahlend vor Nedra stehen.
Zen wollte etwas erwidern, hielt seine Worte aber
zurück. Was wußte er schließlich über West? War die- „Nedra! Wie gut, dich wiederzusehen!“ sagte er mit
ser Mann mit dem zerfurchten Gesicht am Ende gei- heller Stimme. Er nahm das Mädchen in die Arme,
steskrank? Wenn es so war — einem Geisteskranken und Nedra sträubte sich nicht. „Da bin ich wieder“,
durfte man nicht widersprechen, wollte man ihn nicht sagte sie.
herausfordern. West lächelte wohlwollend, Zen blickte in die ent-
„Tut mir leid, daß ich so dumme Fragen stelle“, sag- gegengesetzte Richtung, aber er hörte, wie sich die
te er gleichmütig. „Ich bin aber tatsächlich über die beiden küßten.
Geschehnisse nicht im Bilde. Ich hatte einfach keine „John, dies ist Oberst Kurt Zen“, stellte West vor.
Gelegenheit, mich damit zu beschäftigen.“ John löste sich aus Nedras Armen, wechselte einen
„Ich verstehe“, nickte West. „Aber es macht nichts. Händedruck mit Zen und sagte, daß er sich freue, ihn
Was Ihnen fehlt, können Sie hier lernen.“ kennenzulernen.
Zen atmete auf, als der andere seine Erklärung ak- „Ich nehme an, daß Kurt ziemlich müde sein wird“,
zeptierte, aber in Wests Augen schien er damit nicht sagte West. „Kümmere dich um eine Unterkunft für
gewonnen zu haben, wie Wests Worte bewiesen, als ihn, John!“
er geringschätzig erwiderte: „Ihr Wissen um Jal Jon- „Gern“, sagte der junge Mann und gab Zen einen
nor und seine Mission scheint tatsächlich erhebliche Wink. „Kommen Sie, Kurt!“
Lücken aufzuweisen.“ Zen nickte Nedra und West zu und folgte John. Er
„Aber wenn er tot ist...“, begann Zen, doch West fühlte sich erbärmlich müde und hatte Mühe, die Füße
unterbrach ihn ungeduldig. voreinander zu setzen, ohne zu stolpern.
„Er ist nicht gestorben“, erklärte er bestimmt. „Er „Am besten gebe ich Ihnen mein Zimmer“, schlug
wurde zwar begraben, offiziell begraben, nennen wir John vor.
es wohl besser, aber er liegt nicht in diesem Grab, ob- „Ausgeschlossen“, protestierte Zen. „Ich habe nicht
wohl ein sehr eindrucksvolles Grabmal darüber errich- die Absicht, Sie Ihrer Annehmlichkeiten zu berau-
tet wurde.“ ben.“
30 Sekunden Verzögerung 26

„Es hat nichts zu sagen, zumal Nedra wieder da ist“, Erleichterung fest, daß das Gerät keine Radioaktivi-
erklärte der junge Mann. tät anzeigte und legte die Maschinenpistole griffbereit,
Zen fühlte einen Stich. War es Eifersucht, die ihn die er dem Leutnant abgenommen hatte. Dann ließ er
die Müdigkeit fast vergessen ließ? seinen Blick über die Buchreihen wandern, bis er auf
Der Raum, in den John ihn führte, war kahl wie ei- einem Namen haften blieb — Jal Jonnor. Zens Müdig-
ne Mönchszelle. Ein zweistöckiges Bett stand darin, keit war vergessen. Er griff nach dem Buch und schlug
dessen obere Bretter als Bücherregal dienten. Das Ge- es auf. Was würde er darin finden? Es war bekannt, das
stell bestand aus roh behauenen Pfosten, statt Federn Jal Jonnor Bücher geschrieben hatte, aber nur wenige
enthielt der Boden dicke Schnüre. Eine Matratze fehl- hatten ihn überlebt. Selbst die Kongreßbibliothek hatte
te, desgleichen das Kopfkissen. An der Kopfseite war keinen einzigen Band besessen.
eine Leselampe angebracht. Zens Augen wanderten über die dem Buch voraus-
„Ich hoffe, Sie werden sich hier wohlfühlen“, sagte geschickte Einleitung. Er kauerte sich auf das Bett,
der junge Mann. „Brauchen Sie noch irgend etwas?“ und als er zu lesen begann, versank die Umwelt für
ihn:
„Wenn Sie mir den Waschraum zeigen würden“,
sagte Zen, und John ging voraus. Ein kurzer Quer-
Einleitung
gang führte in eine kleine Halle, von der aus eine An-
zahl einzelner Behausungen in den Felsen getrieben
Gleich zu Anfang bin ich gezwungen, eine nicht den
war. Durch eine fluoreszierende Beleuchtung, die alle
Tatsachen entsprechende Feststellung zu treffen. Ich
Wände bedeckte, waren die Räume genügend erhellt.
möchte sagen, daß die Lektüre dieses Buches geeig-
Die Farbe des Lichtes war von einem violetten Blau,
net ist, dem Leser ein neues Leben zu eröffnen. Es
das Zens Augen als angenehm empfanden.
bedarf jedoch einer Erklärung, um die Unrichtigkeit
In dem ersten Raum, den sie betraten, vollführte ei- dieser Behauptung zu belegen.
ne junge Frau rhythmische Übungen zu den Klängen
Sie ist in erster Linie darum unrichtig, weil es über-
einer gedämpften Musik, die aus dem Nichts zu kom-
haupt keinen Beginn eines neuen Lebens geben kann.
men schien. Zen stieß einen leisen Pfiff der Überra-
Das Leben ist ein ununterbrochenes Ganzes, das sich
schung aus, als er die geschmeidigen Bewegungen des
wie die Glieder einer endlosen Kette ineinanderfügt
schlanken, dunkel getönten Körpers beobachtete. John
und nicht willkürlich getrennt werden kann. Der Be-
lächelte und ging weiter. Im nächsten Raum las ein
ginn jeden Lebens liegt Millionen Jahre zurück, so
dicker junger Mann in einem Buch, ohne sich durch
viele Millionen, daß es auf eine genaue Fixierung
die Eintretenden stören zu lassen. Er lag bäuchlings
nicht ankommt.
auf dem Boden und schien sich in dieser Stellung rest-
los wohlzufühlen. Beim Lesen dieser Worte kann also kein Leben be-
ginnen. Auch das Attribut „neu“ in Verbindung mit
Dann betraten sie einen Raum, in dem ein hagerer
„Leben“ ist unrichtig. Mögen die Gedanken und Theo-
Jüngling, dessen Haut weiß wie Elfenbein war, mit
rien, die in diesem Buch ausgedrückt werden, auch
gekreuzten Beinen vor einem Schrein hockte. Seine
neu und fremd erscheinen, so sind sie doch nicht neu
Züge waren so unbewegt wie die Statue vor ihm, das
in dem Sinne, als wären sie jetzt erst und von mir
gleiche schwache Lächeln lag auf ihnen. Im nächsten
erschaffen. Sie existierten bereits, als das erste Pro-
Raum, dessen Tür offenstand, traf eine junge Frau ihre
toplasmamolekül auf diesem Planeten in Erscheinung
Vorbereitungen für die Nacht.
trat. Sie sind daher so alt wie das Leben selbst.
Verwundert schüttelte Zen den Kopf. „Was, zum
Es gibt ein Gesetz, festgelegt mit dem ersten Mo-
Teufel, bedeutet das?“ fragte er seinen Begleiter.
lekül, das auf unserem Planeten entstand. Jedes We-
John lächelte. „Sie werden bald alles erfahren. Ha- sen kann ihm folgen oder sich von ihm abwenden, das
ben Sie ein wenig Geduld.“ Er wies auf eine Tür. heißt, es ignorieren. Es ist das Gesetz des Wachsens,
„Dort ist der Waschraum. Ich warte hier und bringe der Entwicklung.
Sie wieder zurück, damit Sie sich nicht verlaufen.“
Kein Gesetz fordert, daß eine Gruppe von Lebe-
Auf dem Rückweg war das junge Mädchen immer wesen dieses Planeten, oder sogar alle Gruppen, al-
noch mit seinen rhythmischen Übungen beschäftigt, so das gesamte Leben, sich ihrer Entwicklung bewußt
und John bemerkte Zens fragenden Blick. sind und deren höchste Stufe zu erreichen suchen. Die
„Auf diese Weise bringen wir es zu einer perfek- Möglichkeit dazu ist in jeder Lebensform gegeben;
ten Kontrolle unserer Muskeln“, erklärte er. „Jeder, der sie ist latent, entwicklungsfähig, aber nicht zwingend.
hier unten lebt, unterzieht sich diesen Übungen.“ Wer immer den Ruf dieser Entwicklung überhört, wer
Als sie den kleinen Raum betraten, der Zen als Be- sich ihm verschließt, , wer die ihm gebotenen Mög-
hausung dienen sollte, wählte John ein Buch aus seiner lichkeiten nicht nutzt, muß den anderen weichen, die
,Bibliothek’ und verabschiedete sich, nachdem Zen den Ruf verstanden haben und sich ihrer Verpflichtung
seine Frage, ob er noch etwas brauche, verneint hat- zur Weiterentwicklung bewußt sind. In alter Zeit be-
te. Jetzt erst nahm Zen die Ausrüstung von den Schul- herrschten die Dinosaurier den Planeten. Alle Mög-
tern. Er packte den Geigerzähler aus, stellte zu seiner lichkeiten standen ihnen offen, aber sie machten von
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ihnen keinen Gebrauch, entwickelten sich nicht wei- 9. Kapitel


ter.
Wo sind die Dinosaurier heute? Er erwachte wie aus einem tiefen Traum, und wäh-
Das Gesetz heißt: Entwickle dich oder stirb! DIE- rend er sich langsam in die Wirklichkeit zurücktaste-
SES GESETZ GILT AUCH FÜR DEN MENSCHEN! te, fühlte er, wie ein Geschehen, das ihm kürzlich wi-
Der Leser möge dieses Buch also als das Elemen- derfahren war und das von großer Bedeutung für ihn
tarwerk betrachten, als den Beginn des Abenteuers, gewesen war, sich auflöste und wie ein Gespenst in
das sich der zukünftigen Entwicklung des Menschen grauem Nebel zerflatterte.
widmet. Es ist das erste Buch seiner Art, es zeigt den
Es war Nedra, die neben seinem Lager stand und
Anfang eines langen Weges.
ihn lächelnd wachrüttelte. „Wachen Sie auf, Sie Lang-
In welchem Maße du auf dem Wege vorankommst,
schläfer!“ sagte sie scherzend. „Wissen Sie auch, daß
wie weit dich das Gesetz der Entwicklung zu führen
Sie achtzehn Stunden hintereinander geschlafen ha-
vermag, liegt fast völlig in deinem Ermessen. Wenn
ben? Achtzehn Stunden sollten genug sein, selbst für
du guten Willens bist, wird dir Hilfe auf deinem We-
einen großen Jungen wie Sie.“
ge werden, manchmal, ohne daß es dir zu Bewußtsein
kommt. Die neuen Wesen — die Weltraumwesen — Ihr Gesicht war frisch und strahlend. Sie wirkte auf
wollen nicht, daß ihnen zu sehr geholfen wird. Aber Zen nicht anders, als sei sie eben einem Bad entstie-
es wird Kraft, Glaube und fester Wille von ihnen er- gen, das ihr Blut schneller durch die Adern trieb und
wartet, Eigenschaften, die sich nur in dem entwickeln, ihrer Haut jenen rosigen Schimmer der Jugend verlieh.
der gewohnt ist, Hindernisse zu überwinden. „Sie sehen wunderbar aus!“ entfuhr es ihm, aber dann
Der nächste Schritt nach oben, den die Rasse neh- erinnerte er sich Johns Äußerung und setzte, ohne sie
men wird — wenn sie ihre selbstzerstörerischen Trie- anzublicken, hinzu: „Haben Sie gut geschlafen?“
be besiegt —, wird so gewaltig sein, daß er von allen, „Nicht so lange wie Sie. Nur zwei Stunden.“
die ihn machen, das Äußerste an Kraft und Mut erfor-
„Warum nicht länger?“ „Ich brauche nicht mehr als
dert. Aber er wird, das kann schon jetzt gesagt werden,
zwei Stunden Schlaf. Sie genügen mir vollkommen.“
ein Schritt auf dem Weg zu einem höheren, schöneren
Lebensbewußtsein darstellen. Zen ließ seine Blicke über das Mädchen gleiten.
Viel Glück — und Gott möge euch auf diesem We- „Sie sehen wunderbar aus“, wiederholte er mecha-
ge begleiten! nisch. „Ausgeruht und zufrieden mit sich und der
Welt, wie mir scheint.“ „Ist es ein Wunder? Ich ha-
Jal Jonnor be lange Zeit in der Wildnis verbracht, nun fühle ich
im Juli 1971 mich wieder im Vorhof des Himmels.“
Geschrieben 1971, war das Buch jetzt neunundvier- „Was nennen Sie die Wildnis?“ „Die Welt dort un-
zig Jahre alt, rechnete Zen schnell. Der Krieg hatte ten.“ Ihre Rechte beschrieb eine unbestimmte Bewe-
2009 begonnen, jetzt lebte man im Jahre 2020. gung, die alles Land in der weiten Ebene einschloß.
Wie im Fieber blätterte er weiter und wandte sich Zen gähnte, der letzte Rest von Schläfrigkeit ver-
dem ersten Kapitel zu. Ihm war nicht anders, als stän- schwand. „Was ich sagen wollte, Nedra — ich las in
de er am Beginn seines Lebens, als hätten alle Ereig- einem Buch, bevor ich einschlief, in dem erregendsten
nisse, die hinter ihm lagen, alles, was er bisher erreicht Buch, das ich jemals in Händen hielt. Hier, sehen Sie!“
hatte, nur der Vorbereitung auf diesen Augenblick ge- Aber er suchte vergebens. Jal Jonnors Buch lag weder
dient, an dem sein eigentliches Leben beginnen sollte. auf der Decke, die ihn gewärmt hatte, noch vor dem
Schon nach den ersten zwei Seiten ließ er das Buch Bett. Es war verschwunden, und während seine Blicke
sinken. Was mußte Jal Jonnor für ein Mensch gewesen durch den Raum irrten, kam ihm zu Bewußtsein, daß
sein, daß er dieses Werk als Elementarbuch bezeichne- er nicht nur das Buch vermißte.
te! Es begann mit mathematischen Berechnungen und „Das Buch ist fort!“ stellte er verdutzt fest. „Nicht
graphischen Darstellungen, die schwieriger waren als nur das Buch. Auch die Maschinenpistole des Leut-
alles, was Zen bisher gelesen hatte. Er versuchte, sich nants und meine Ausrüstung!“
zu konzentrieren, aber Buchstaben und Zahlen began-
„Vielleicht haben Sie nur geträumt, daß Sie in ei-
nen vor seinen Augen zu tanzen und zu verschwim-
nem Buch lasen“, sagte Nedra leichthin.
men, bis die Müdigkeit ihn endgültig übermannte. Das
Buch entsank seiner Hand, Zen glitt fast unmerklich in „Habe ich vielleicht auch geträumt, daß ich eine
den Schlaf. Waffe hatte und verschiedene Ausrüstungsgegenstän-
Aber er schlief nicht wirklich. Nur sein Körper de besaß, als ich hierhergeführt wurde?“ fragte Zen
schlief. Er selbst war nicht identisch mit seinem Kör- ärgerlich. „Ich habe die Sachen doch selbst hereinge-
per. Er war das Bewußtsein, das dem Körper Leben tragen.“
und Willen eingab. Und dieses Bewußtsein schlief nie. „Zugegeben, es stimmt“, nickte Nedra. „Die Erklä-
Zen erwachte dadurch, daß eine Hand seine Schul- rung ist einfach — man hat Ihnen die Sachen fortge-
ter berührte. nommen, während Sie schliefen.“ „Und warum?“
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„Waffenbesitz ist hier nicht erlaubt. Niemand darf „Wir bekommen sie“, antwortete Nedra auswei-
eine Waffe tragen. Es war keine Maßnahme, die sich chend.
gegen Sie persönlich richtete.“ „Soldaten nennen das organisieren“, lächelte Zen.
„Zum Teufel, was soll das...“, knurrte Zen wütend, „Machen Sie es ebenso? Cusos
aber dann beherrschte er sich und nahm sich vor, die- Leute verfahren nach dem gleichen Prinzip. Sie
se Frage später zu klären. Er hatte im Augenblick et- durchstreifen die Ebene und holen sich, was sie brau-
was Wichtigeres zu überdenken. Etwas, das sich nicht chen.“
fassen ließ, eine vage Erinnerung an einen Traum, die „Vielen Dank für den Vergleich“, sagte Nedra ge-
aufgeblitzt und wieder erloschen war, bevor er von ihr kränkt. „Leider trifft er nicht zu. Wir sind keine Die-
Besitz ergreifen konnte. Ein Zug der Verwunderung be.“
trat auf sein Gesicht, als er sagte: „Ich weiß...“, dann „Also, woher bekommen Sie die Sachen dann? Ich
aber abbrach, weil das, was er sagen wollte, ihm ent- weiß nicht, wieviel Bewohner dieses geniale Versteck
fallen war. beherbergt, aber wenn es nur einige Hunderte sind, so
„Was wissen Sie?“ fragte Nedra. werden erhebliche Mengen von Lebensmitteln benö-
“Alles.“ tigt.“ Es war eine Fangfrage, die Zen gestellt hatte.
Nun malte sich die Überraschung auf ihren Zügen. Würde Nedra sie erkennen? Es interessierte ihn nicht
„Alles? Sind Sie sicher? Kann ein Mensch denn alles im geringsten, woher der Mais und die Butter stamm-
wissen?“ ten, die er soeben zu sich genommen hatte, aber er
“Ja.“ wollte in Erfahrung bringen, wieviel Leute sich in den
„Ganz gewiß?“ Tunnels und Gängen aufhielten. Nedras Antwort ent-
„Zum Teufel, ja!“ täuschte ihn.
„Gut, dann erzählen Sie es mir“, forderte sie ihn auf, „Was wir tatsächlich an Lebensmitteln gebrauchen,
und es schien Zen, als senkte sich ein Vorhang über ih- ist sehr gering“, sagte sie.
re Miene. „Wie kommt das? Essen die Leute hier nicht?“
„Ich möchte schon, aber die Erinnerung fehlt mir“, „Wollen Sie mich aushorchen?“ fragte Nedra, und
sagte er leise und mühsam, als forderte der Kampf, ihre Stirn krauste sich. „Dann muß ich Sie darauf auf-
Vergangenes wieder lebendig werden zu lassen, seine merksam machen, daß ein solches Vorgehen hier unten
ganze Kraft. als schlechtes Benehmen gewertet wird. Genau so wie
In den blauen Augen des Mädchens war Zweifel zu der Versuch, die Gedanken des anderen zu lesen. Ich
lesen. „Sie gefallen mir nicht“, sagte sie offen. „Ich halte es für notwendig, Sie darüber zu informieren.“
weiß auch, was Ihnen fehlt — ein vernünftiges Früh- Schweigend starrte Zen vor sich hin. Warum er-
stück. Ihr Blutzuckerspiegel ist unter die Norm gesun- wähnte sie die zweite Möglichkeit? Waren die We-
ken. Eine kräftige Mahlzeit, und Sie sind wieder auf sen, die hier unten lebten, in der Tat fähig, die Gedan-
dem Posten.“ Sie sprach fest und überredend, wie eine ken anderer zu erraten? Zen mußte an den vergange-
Gouvernante, die ein störrisches Kind zu überzeugen nen Abend denken, als er ein leicht bekleidetes junges
versucht. Mädchen bei seinen Übungen beobachtet hatte. War
„Mag sein, daß Sie mit dem Frühstück recht haben“, sie etwa fähig gewesen, zu lesen, was hinter seiner
gab Zen zu, aber seine Augen sprachen eine andere Stirn vorging? Er errötete bei dieser Vorstellung, und
Sprache. „Ich weiß aber auch, was ich nicht brauchen Nedra bemerkte es natürlich.
kann — eine Untersuchung durch einen Nervenarzt. „Oberst, Sie haben einen roten Kopf bekommen“,
Ich bin nicht krank, und selbst, wenn mein Geisteszu- sagte sie und zwinkerte ihm zu.
stand eine solche Untersuchung nötig machen sollte, „Unsinn“, wehrte Zen verlegen ab. „Ich habe mich
denke ich nicht daran, mich ihr zu unterziehen.“ verschluckt, das ist alles. Warum sollte ich rot werden?
Nedra stand kopfschüttelnd auf und ging zur Tür. Ich habe mir gerade überlegt, ob Sie...“
„Ich bringe Ihnen das Frühstück, gedulden Sie sich ei- „Ob ich imstande bin, Ihre Gedanken zu erraten?
ne Minute.“ Soll ich darauf eine Antwort geben? Ich sagte Ihnen
Zen starrte ihr nach. Er hatte das Gefühl, daß ein doch, daß derartige Versuche bei uns als unfein gel-
Riesenrad sich in seinem Kopf drehte, aber bevor er ten.“
seine Gedanken ordnen konnte, erschien Nedra wie- „Unfein oder nicht, ich habe den Eindruck, daß Sie
der. Das Frühstück bestand aus einer goldbraun ge- genau wissen, was ich denke.“ „Es gehört nicht viel
rösteten Maisspeise, die mit Butter und Honig ange- dazu, die Gedanken eines Mannes zu erraten, wenn es
richtet war. Es gab keinen Kaffee dazu, aber Zen ver- sich um eine schöne Frau dreht“, sagte Nedra schnip-
mißte ihn nicht allzu sehr. Er aß heißhungrig, bis der pisch. „Es genügt, ihm ins Gesicht zu sehen, dort steht
Teller blank wie ein Spiegel war. alles geschrieben.“
„Vielen Dank“, sagte er. „Sie haben einen hungri- Sekundenlang war Zen verblüfft, dann faßte er sich.
gen Löwen gespeist. Woher stammen die Nahrungs- Spielte sie mit ihm? Trieb sie ihre Scherze mit ihm?
mittel?“ Dann war er gern bereit, das gleiche Spiel zu spielen.
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„Wenn Sie also alles über mich wissen — wie steht und gefährlich sie waren. Er hatte die Gipfel oft ge-
es nun mit uns?“ fragte er und blickte sie herausfor- nug erklommen, und er liebte die schroffen Felsen, die
dernd an. sich nicht jedem beim ersten Ansturm ergaben.
Sie verstand seine Frage. Für den Bruchteil einer Kumuluswolken lagerten um die ragenden Spitzen,
Sekunde spiegelten ihre Augen Bedauern, als sei sie Gewitter tobten in den tieferen Zonen.
von ihm enttäuscht, als habe sie mehr von Zen erwar- „Über der fruchtbaren Ebene erhebt sich die purpur-
tet. Dann aber funkelte sie ihn übermütig an. „Ich sag- ne Majestät der Berge...“ Ungewollt kamen Zen die
te Ihnen bereits...“ ersten Worte des Liedes in den Sinn, und ein tiefer
„Ja, ich weiß! Sie möchten mein Gehirn einer Atemzug hob seine Brust.
gründlichen Wäsche unterziehen. Gut, wenn Sie es für Dort unten lag — Amerika. Oder das, was von dem
durchaus erforderlich halten. Aber nicht jetzt. Ich bin Land übriggeblieben war. Heiß stieg es in Zen auf,
noch hungrig, falls Sie das noch nicht bemerkt haben sein Magen krampfte sich zusammen. Wie hatte er
sollten.“ dieses Land geliebt!
Amerika hatte sich für die Freiheit geopfert. Seine
Nedra stand auf, um Zens Teller noch einmal zu fül-
Söhne hatten dafür gekämpft, auf den Schlachtfeldern
len. „Sie sind einer der sonderbarsten Männer, die mir
in allen Teilen der Welt, im glühendheißen Äquatori-
je begegnet sind“, murmelte sie. „Und einer, der es
alafrika ebenso wie in den froststarren Steppen Zen-
sehr eilig zu haben scheint, obendrein.“
tralasiens. Während Amerikas Söhne im Kampf für
Er sah, daß sie seine Andeutungen verstanden hat- die Freiheit in fremder Erde ihre Gräber gefunden hat-
te, und spielte den Erstaunten. „Jetzt fangen Sie davon ten, war ihnen das, wofür sie litten, entgangen. Nie-
an“, nickte er grinsend. „Ich dachte, wir wären über- mand wußte, wie es hatte geschehen können, aber die
eingekommen, das Thema einstweilen fallen zu las- Freiheit war verschwunden. Im Verlauf der sich im-
sen.“ mer schneller folgenden internationalen Verwicklun-
„Wenn ich eilig sagte, so meinte ich Ihre geistige gen war sie zerbröckelt, in Amtszimmern und im Pa-
Schnelligkeit“, verteidigte Nedra sich schwach. „Im pierkrieg nationaler Kompetenzen war ihr der Garaus
übrigen sollten Sie es sich abgewöhnen, Ihrem Ge- gemacht worden. Amerika war langsam, aber unauf-
sprächspartner das Wort im Munde umzudrehen. Hier, haltsam in das Fahrwasser anderer Nationen geglit-
essen Sie! Wenn Sie fertig sind, will Sam Sie spre- ten, die jede Initiative unter Gesetzen und Verboten
chen.“ erstickt hatten.
„Soso, Sam will mich sprechen“, wiederholte Zen So war die Freiheit zu Grabe getragen worden.
ohne große Begeisterung. Er war durchaus nicht in der „Es geht Ihnen nahe, Oberst, nicht wahr?“ frag-
Stimmung, den Mann mit dem zerfurchten Gesicht zu te West mit sanfter Stimme. Sein Gesicht war ernst,
sehen, aber es würde ihm wohl keine Wahl bleiben. hart und kantig herausgemeißelt stand sein Profil ge-
Er mußte die Frage klären, ob man ihm seine Waf- gen den hellen Tag.
fe und die Ausrüstung weiterhin vorenthalten wollte, „Ich bedauere es und ich schäme mich“, erwider-
und die Entscheidung würde nur jemand treffen kön- te Zen. „Ich liebte dieses Land, mein Land, und wenn
nen, der Befehlsgewalt hatte. Nach Zens Meinung war meine Stimme bebt, werden Sie verstehen, warum.“
Sam West die geeignete Person. „Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, weil Sie
Der Mann mit dem zerfurchten Gesicht befand sich das Land Ihrer Väter liebten“, sagte West. „Sie stehen
allein in dem Raum, zu dem Nedra Zen führte, nach- nicht allein.“
dem er seinen Hunger gestillt hatte. West stand mit „Nicht allein?“ wiederholte Zen. „Es klingt seltsam,
dem Rücken zur Tür, als sie eintraten, drehte sich aber dieses Wort aus Ihrem Munde zu hören.“
sofort um. Er gab ihnen einen Wink, näherzutreten und „Auch wir alle haben dieses Land geliebt, Oberst.
ging voraus an ein kleines Fenster, das den Blick nach Das Land und die Ideale, die es verkörperte. Darum
draußen freigab. sind wir hier.“
Kurt Zen sah auf eine der schönsten Landschaften „Worte“, sagte Zen bitter. „Worte sind immer billig.
hinab, die sein Auge je erblickt hatte. Dicht vor dem Sie sind Fahnenflüchtige, Sie haben versäumt, Ihrem
Fenster fiel eine Klippe fast hundert Meter steil ab, Land bis zur letzten Konsequenz zu dienen. Wer gibt
eine glatte Wand von glänzendem Fels. Links stieg Ihnen das Recht, von Liebe zu einem Land zu spre-
der Gipfel des Berges hoch in den Himmel, dunkel chen, das Sie im Stich ließen?“
schimmerte der Granit. Das bewaldete Gelände be- Wests Augen begannen zu funkeln. War es Aner-
gann knapp fünfzig Meter tiefer. Föhren, Rottannen, kennung, war es Ärger, der aus seinen Blicken sprach?
Espen und Fichten zogen sich über langgewellte Hü- „Sie führen tapfere Reden, Oberst, zugegeben. Beson-
gelreihen hin, deren Schönheit sich nur ahnen ließ. ders, wenn man berücksichtigt, daß Sie sich in der Ge-
Aus der Ferne schimmerte das Grenzgebirge herüber, walt dieser — hm, Fahnenflüchtigen befinden.“
eine wuchtige Masse von Zacken und Gipfeln, die so „Sehr tapfer“, nickte auch Nedra. „Tapfer und —
harmlos wirkten, obwohl Zen wußte, wie zerklüftet dumm obendrein.“
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„Sie haben mich wohl kaum hierhergebracht, um Nedra Platz genommen hatten. Dann ließ er sich in
mir zu beweisen, daß ich in Ihrer Gewalt bin“, sag- den Sessel mit den Armlehnen gleiten und drückte auf
te Zen. „Oder um sich mit mir über Tapferkeit und einen der Knöpfe. Licht erhellte den Schirm, tanzte
Dummheit zu unterhalten.“ flimmernd darüber, erlosch. Ein zuerst verschwomme-
„Er kann Gedanken lesen“, sagte Nedra. nes Bild nahm langsam Formen an, wurde deutlicher
und klarer, bis alle Einzelheiten zu erkennen waren.
„Ich habe keinen Zweifel daran“, nickte West.
Auf dem Schirm zeichnete sich eine Stadt ab, besser
„Wenn er diese Fähigkeit nicht besäße, wäre er kaum
gesagt, das Gebiet, auf dem sich einmal eine Stadt er-
hier.“
hoben hatte.
„Hören Sie auf, Unsinn zu reden“, fuhr Zen auf.
Das Gelände war jetzt schwarz und wie verbrannt,
„Mir ist nicht danach zumute, eine Vorstellung als Ge-
die Gebäude lagen in Trümmern. Türme waren in sich
dankenleser zu geben.“
zusammengefallen, riesige Scheiben unter der Hit-
„Nicht bewußt, Oberst, natürlich nicht“, pflichte- ze geborsten, rauchgeschwärzte Grundmauern zeug-
te West bei. „Sie glauben, Ihre Gedanken gehörten ten von der Gewalt des Feuers, dem nichts entgangen
nur Ihnen. Oft trifft dies zu. Aber es gibt Fälle, in war. Die Ruinen der Wolkenkratzer bildeten ein wirres
denen Gedanken, die Sie als Ihr Eigentum betrach- Muster unregelmäßiger Hügel und Schluchten.
ten, zugleich die Gedanken anderer sind. Wenden wir „Washington!“ stieß Zen erregt hervor. „Ihr erstes
uns also den Tatsachen zu. Ich werde Ihnen einen der Ziel! Es gelang uns, die Bomber abzuwehren, aber
Gründe zeigen, warum mir Ihre Anwesenheit hier er- sie kamen mit unbemannten Raketen durch. Die Stadt
wünscht schien. Nehmen Sie dieses Glas, richten Sie ist noch verseucht. Jede Einzelheit deutet darauf hin,
es auf die Bergkette dort drüben! Berichten Sie, was nirgends ist ein Zeichen von Leben zu erkennen.“
Sie sehen!“ Mit zusammengekniffenen Augen und geballten Fäu-
„Pferde“, sagte Zen nach kurzer Beobachtung. sten starrte Zen auf das unheimliche Bild, er erlebte
„Nein, Maultiere. Mit Reitern darauf. Cusos Leute, ei- die düsteren Stunden noch einmal, als der Asiatische
ner seiner Stoßtrupps auf der Jagd nach Lebensmit- Bund unerwartet und erbarmungslos zuschlug. In die-
teln, Munition und — Frauen, wenn sie sie bekommen sem kurzen Zeitabschnitt hatten auch die Zähesten den
können!“ Rest von Freiheit, der ihnen geblieben war, aufgege-
„Gut beobachtet, Oberst. Vielleicht können wir ben, um zu überleben.
noch hinzufügen, daß es Aufgabe dieser Männer sein “Vergessen Sie!“ erklang die Stimme Wests. „Ach-
dürfte, über den durch die Rakete angerichteten Scha- ten Sie auf das, was Sie nun sehen!“
den Meldung zu erstatten.“ Das Bild wurde schwächer und verschwamm. Die
„Hoffentlich gehen sie nahe genug heran, bevor sie zerfetzte Kuppel des Kapitols erweckte den Eindruck
ihren Bericht erstatten“, sagte Zen grimmig. „Das Ge- eines Mondkraters, eines riesigen toten Auges, das in
lände ist verseucht. Wenn sie sich nur eine Stunde dar- das Universum starrte.
in aufhalten...“ Er brach ab, als er sich daran erinnerte, Das Bild einer anderen Stadt zeichnete sich ab, eine
daß sich Nedras und Wests Aufenthalt in dem betref- weite Fläche zerfallener, geborstener Bauten am Zu-
fenden Gebiet über mehr als eine Stunde erstreckt hat- sammenfluß zweier Ströme.
te. „Pittsburgh“, murmelte Zen. „Sie konnten es nicht
„Sie werden kaum solche Narren sein“, bemerkte erwarten, Pittsburgh zu zerstören, um unser industri-
West. elles Potential zu treffen. Aus demselben Grund muß-
„Es gibt Narren“, beharrte Zen. „Ich kenne einige.“ ten Gary, Indiana und Süd-Chikago ausgemerzt wer-
den. Wir taten, was in unseren Kräften stand, um die
„Vielleicht war das Gebiet, zumindest an seinen
Angriffe abzuwehren, aber wir vermochten nicht ein-
Rändern, nicht so verseucht, wie Sie annehmen“, ver-
mal unsere Hauptproduktionsstätten zu schützen. Hät-
teidigte sich West.
ten wir das nicht alles vorausgesehen und unsere Pro-
„Menschen können sich irren, aber der Geigerzäh- duktion auf das ganze Land verteilt, so wäre der Krieg
ler spricht die Wahrheit“, erwiderte Zen. beendet gewesen, ehe er noch richtig begonnen hatte.
„Auch wissenschaftliche Geräte sind manchmal Dann nahm der Gegner die Gebiete vor, die uns das
fehlerhaft“, sagte West geduldig. „Und nun kommen Rohmaterial lieferten, und seine Schläge trafen uns
Sie hier herein, Oberst!“ Er trat durch den steinernen schwer. Nach knapp zwei Jahren waren unsere Vorrä-
Bogen in den nächsten Raum und hielt die schweren te erschöpft. Seitdem kämpfen wir verbittert um jede
Vorhänge zurück, um die anderen passieren zu lassen. Tonne Metall.“
Zen blickte sich aufmerksam um. „Ich weiß“, sagte Sam West. „Ich kenne Ihre Sor-
In die Wand war ein großer Schirm, ähnlich einer gen.“
Mattscheibe, eingelassen. In der Mitte des Raumes „Sie trafen uns, aber wir nahmen ihre Schläge nicht
standen mehrere Stühle, von denen der größte auf den kampflos hin“, fuhr Zen fort. „Auch wir hatten unbe-
Armlehnen Kontrollknöpfe und kleine Schalter trug. mannte Raketen einsatzbereit. Wir wurden zwar über-
West wies auf die Stühle und wartete, bis Zen und rascht, waren aber keineswegs verteidigungsunfähig.“
31 TERRA

„Ich muß Ihnen beistimmen“, erklärte West. „Wol- Zen starrte auf den Mann und fragte sich, was in
len Sie sehen, welche Wirkung Ihre Waffen hatten?“ West vorging. Was war er überhaupt für ein Wesen?
„Zum Teufel, ja!“ stieß Zen überrascht hervor. „Un- Im Halbdunkel des Raumes ließen sich seine Züge
sere Aufklärer brachten nie befriedigende Ergebnisse nur undeutlich erkennen. „Zerstörung, ja — aber nicht
nach Hause. Sie mußten zu hoch fliegen, um Aufnah- durch unsere Schuld“, fuhr Zen fort. „Wir glaubten
men machen zu können, die sich für die Auswertung an Anstand, für den Gegner war Anstand eine Phrase.
eigneten. Was die Presse an Bildern brachte, war re- Wir glaubten an eine bessere Welt. Die Absicht des
tuschiert, um ein Absinken der Moral zu verhindern. Gegners ist, die dunklen Zeiten der Barbarei wieder
Wollen Sie im Ernst behaupten, Sie könnten hinter erstehen zu lassen. Wir glaubten an Freiheit, die ande-
die feindlichen Linien sehen?“ Gespannt wartete Zen ren wollten Sklaverei. Was blieb uns anderes übrig, als
auf die Antwort. Zuverlässige Nachrichten waren im den Kampf aufzunehmen und zurückzuschlagen!“
Kriege ebensoviel wert wie gute Waffen, manchmal „Ich kann Ihren Ansichten nicht widersprechen“,
sogar mehr. Kenntnis feindlicher Truppenbewegungen sagte West ruhig. „Ich habe auch nicht die Absicht, et-
bedeutete oft eine halb gewonnene Schlacht. was zur Rechtfertigung des Vorgehens der westlichen
Statt einer Antwort bediente West die Knöpfe und Demokratien beizutragen. Es braucht keine Rechtfer-
Schalter an seinem Sessel, ein neues Bild zeichnete tigung, genau so wenig wie das Vorgehen des Asiati-
sich auf dem Schirm ab. schen Bundes. Von ihrem Standpunkt hatten auch sie
recht.“ Wests Stimme klang leidenschaftslos, fast un-
Zens Blick haftete auf einem einzigen, zwiebelför- interessiert, als er dies sagte.
migen Turm, der sich inmitten eines ausgedehnten
„Welche Absicht haben Sie dann?“ fragte Zen ge-
Trümmerfeldes erhob, und seine Stimme verriet Un-
spannt.
gläubigkeit, als er fragte: „Moskau?“
„In erster Linie dies: Ihnen klarzumachen, daß die
„Erraten“, nickte West. menschliche Rasse ein einheitlicher Organismus ist.
„Also doch!“ meinte Zen. „Ein einziges unserer In seiner Gesamtheit gesehen, stellt das Menschenge-
schnellen Bomberflugzeuge konnte die Sperre durch- schlecht ein Ganzes dar. Jeder Organismus besteht aus
brechen und seine Bomben abladen. Als das Aufklä- winzigen Zellen. Die Milliarden von Einzelwesen, die
rungsflugzeug Stunden später über der Stadt erschien, wir Menschen nennen, sind, so verschieden ihr Äu-
brannte sie an allen Ecken und Enden. Scheint, daß ßeres auch sein mag, nur die Zellen eines gewaltigen
wir Moskau wirklich zur Hölle gemacht haben!“ Organismus.“
„Sie scheinen sehr befriedigt über das Ergebnis, „Diese Theorie ist mir vertraut“, gab Zen zu. „Wirk-
Oberst“, klang die Stimme Wests. „Wissen Sie, wie- lichkeitsfremde Phantasten versuchen uns einzureden,
viel Millionen Menschen direkt oder indirekt diesen wir seien eine biologische Einheit. Den Beweis haben
Bomben zum Opfer fielen?“ sie uns allerdings schuldig bleiben müssen.“
„Wie viele Millionen starben in Washington, Pitts- „Meinen Sie wirklich?“ Die Ironie in Wests Stimme
burgh und Chikago?“ entgegnete Zen hart. „Zählen war nicht zu überhören.
diese Toten für Sie nicht?“ „Ich denke schon.“
„Ihre Rechnung mag stimmen“, gab West zu. „Muß „Könnte es nicht möglich sein, Oberst, daß Sie kei-
aber Unrecht mit Unrecht vergolten werden? Muß für neswegs alles wissen?“
jeden Menschen, der stirbt, ein anderer getötet wer- „Es ist nicht nur möglich, sondern sogar wahr-
den? Soll das eine Kette sein, die nie ein Ende hat?“ scheinlich“, erwiderte Zen ungerührt. „Wenn ich alles
wüßte, säße ich nicht hier, um mit Ihnen tiefsinnige
„Es ist Krieg“, erwiderte Zen hart.
Gespräche zu führen. Dann wäre ich dort draußen da-
„Zugegeben. Aber diesen Krieg haben Menschen mit beschäftigt, den Krieg zu gewinnen.“
begonnen. Soll das Gesetz des Lebens darum zugrun- „Worauf ich hinaus will, ist folgendes“, sagte West
de gehen?“ geduldig. „Die menschliche Rasse ist ihrer Einheit
„Mit akademischen Fragen kommt man der Wirk- untreu geworden. Sie ist auf dem besten Wege, sich
lichkeit nicht bei“, verteidigte Zen sich. „Der Feind selbst zu vernichten. Wer die Geschichte kennt, wird
zielt auf unser Herz.“ Er hob die Stimme, um überre- zugeben müssen, daß sie ein einziges Beispiel für die-
dend fortzufahren: „Begreifen Sie doch, daß wir die- sen Wahnsinn ist. Eine endlose Kette irrsinniger Krie-
sen Krieg nicht wollten. Wir haben alles getan, um ge zieht sich durch die Geschichte des Menschenge-
ihn zu verhindern. Wir waren zu Kompromissen be- schlechts.“
reit, gaben nach, wo wir es durften, ohne uns etwas zu „Wollen Sie Amerika für geschichtliche Irrtümer
vergeben. Alle Mühe war vergebens. Der Angriff kam verantwortlich machen?“ entgegnete Zen scharf. „Wir
aus heiterem Himmel, ohne jede Warnung.“ haben versucht, sie zu vermeiden, bei Gott, wir haben
„Auch hierin gebe ich Ihnen recht“, sagte West, den es fast bis zur Selbstaufgabe versucht.“
Blick immer noch auf das Bild der zerstörten Stadt ge- „Ich sprach nicht von Irrtümern, ich sprach von der
richtet. „Aber das Ergebnis ist und bleibt — Zerstö- Geschichte“, stellte West fest. „Ich werde mich hüten,
rung!“ diese beiden Begriffe gleichzusetzen.“
30 Sekunden Verzögerung 32

„Worauf wollen Sie hinaus, wenn nicht auf die Tat- kurzen Augenblick entdeckte er ihn nicht, aber dann
sache, daß Kriege Wahnsinn sind?“ fragte Zen, der saß er wieder in dem Sessel. „Geben Sie acht, das Bild
Wests Gedankensprüngen nicht zu folgen vermochte. ist klar!“ sagte er, und Zen wandte seine Aufmerksam-
„Ich will damit andeuten, daß Krieg das Medium keit wieder dem Schirm zu.
zur Entwicklung der menschlichen Rasse als Ganzes Die Gestalten waren nun deutlich zu erkennen. Das
ist. Die Geschichte lehrt uns, daß diese Entwicklung Bild schien einen Ausschnitt aus einer unterirdischen
dadurch stattfindet, daß Teile des Ganzen einander be- Höhle zu geben, in der Menschen an einer Vorrich-
kämpfen, damit übrigbleibt, was am widerstandsfähig- tung arbeiteten, die... Zen dachte den Gedanken nicht
sten ist.“ zu Ende, aber er kniff die Augen zusammen und kon-
„Mir scheint das eine reichlich verwilderte Philoso- zentrierte sich völlig auf den Bildschirm.
phie“, erklärte Zen. „Aber das ist ja ein kleines Raumschiff!“ stieß er
„Wieder bin ich anderer Ansicht als Sie, Oberst“, dann erregt hervor. Er war im Zeitalter stürmischer
sagte West. „Wenngleich zahlreiche Menschen dabei wissenschaftlicher Entwicklung geboren und hatte,
ums Leben gebracht werden und die übrigen leiden wie so viele andere, von einer Zukunft geträumt, die
müssen.“ es den Menschen erlauben würde, die Weite
„Wie kann ein Verhalten, das derartige Wirkungen
des Weltraums zu durchmessen und ferne Inseln im
hervorruft, etwas Positives in sich tragen?“ fragte Zen
Universum zu besuchen. Die Wissenschaftler hatten
aufgebracht. „Es kann nur eine Bezeichnung dafür ge-
eine baldige Erfüllung dieser Träume in Aussicht ge-
ben — Atavismus, finsterste Barbarei!“
stellt, phantasiebegabte Schriftsteller nahmen sie als
Eindruck, in die Enge getrieben zu sein und eine vollendete Tatsachen vorweg und machten sie zur
Kehrtwendung in seiner Meinung vollzogen zu haben. Grundlage ihrer Werke. Doch die Wirklichkeit hatte
Oder war es West, der die Stellung gewechselt hatte? mit der menschlichen Vorstellungskraft nicht Schritt
„Lange genug hegte ich die gleiche Hoffnung“, sag- halten können, die Lösung naherliegender Probleme
te West. „Bis heute bin ich zu keinem Ergebnis ge- hatte verhindert, daß aus dem Traum eine Tatsache
kommen, aber ich habe die Hoffnung nicht aufgege- wurde. Der Krieg, von dem man annehmen sollte,
ben. Der Mensch wächst und entwickelt sich, er hat er würde die Entwicklung beschleunigen, hatte allen
kühne Gedanken und ist besessen von der Idee, immer Hoffnungen ein Ende bereitet. Weder hüben noch drü-
tiefer in die Geheimnisse der Natur einzudringen. Sei- ben standen Materialien, Wissenschaftler und techni-
ne Veranlagung treibt ihn dazu, so lange zu suchen, bis sche Hilfskräfte zur Verfügung, um das Schiff zu bau-
er einen gangbaren Weg gefunden hat.“ en, das den Anforderungen der Raumfahrt gewachsen
Wieder belebte sich der Bildschirm an der Wand. war.
Als verschwommene Schatten bewegten sich mensch- „Sie irren sich, Oberst“, kam die Stimme Wests aus
liche Gestalten darauf. Kurt Zen beugte sich vor, um dem Halbdunkel. „Ich muß Ihnen leider widerspre-
sich keine Einzelheit entgehen zu lassen. chen. Was Sie hier sehen, ist kein Raumschiff, obwohl
das Geschoß für kurze Zeit die Atmosphäre verlassen
10. Kapitel
soll. Sehen Sie noch einmal hin!“
„Sie vertreten einen einseitigen Standpunkt, der Zen starrte mit fiebrigen Augen auf den Wand-
nicht alle Glieder der Gleichung berücksichtigt“, warf schirm, dann traf ihn die Erkenntnis wie ein Hammer-
West dem anderen vor. „Hinter dem, was Sie Barbarei schlag. „Eine Superbombe!“
nennen, steht als Ziel, die Menschen über sich selbst „Genau das“, bestätigte West gelassen.
hinauswachsen zu lassen. Vielleicht ist Ihre sogenann-
te Barbarei nur das Ergebnis von Unkenntnis, der in „Eine Bombe, die nach ihren Ausmaßen imstande
die falsche Richtung geleitete Versuch, ein großes Pro- wäre, einen ganzen Kontinent zu verwüsten!“ flüsterte
blem zu lösen, ohne es endgültig aus der Welt schaffen Zen entsetzt.
zu können.“ „Ich kann Ihnen nicht widersprechen, Oberst.“
„Aber es muß doch einen Weg geben, der nicht sol- Wests Stimme erinnerte Zen an den trockenen Wind,
che Leiden über die Menschheit bringt!“ protestierte der über Nevada weht.
Zen. Er war verwirrt und fühlte, daß die Diskussion „Ich — ich wußte nicht, daß wir eine solche Bom-
nicht so verlief, wie er es wünschte. Er hatte den Mi- be im Bau haben“, stammelte er, immer noch von den
nutenlang sah er wie durch einen Schleier, und die Ge- gewaltigen Ausmaßen des Ungetüms beeindruckt.
stalten blieben undeutlich und verworren. Er blickte
„Sie waren nicht falsch unterrichtet“, sagte West.
zu West hinüber, und der Mann mit dem zerfurchten
„Wir bauen diese Bombe auch nicht.“
Gesicht nickte ihm beruhigend zu.
„Das Bild wird in einer Minute klar sein“, flüsterte „Wir nicht — wer dann?“ Zen fühlte, wie ihm ein
er, und seine Stimme klang, als spräche er aus weiter kalter Schauder über den Rücken rann.
Ferne. Zen rieb sich die Augen, um sich zu vergewis- „Sehen Sie sich die Männer auf dem Bild genauer
sern, daß West noch an seinem Platz war. Für einen an, Oberst!“
33 TERRA

„Asiaten!“ stieß Zen hervor und sprang auf. „Ich West antwortete nicht. Die Stille im Raum war voll-
achtete in der ersten Überraschung nicht auf die gel- kommen. Kälte breitete sich aus, während die Men-
ben Gesichter. West, diese Bombe ist eine riesige un- schen auf dem Bildschirm, Tausende von Meilen ent-
bemannte Rakete, die mit Tausenden von Meilen Ge- fernt, vor Zens Augen fortfuhren, die Bombe zu bau-
schwindigkeit aus heiterem Himmel auf ahnungslose en, die Amerika vernichten sollte.
Menschen, auf unsere Landsleute, fallen soll!“ „Begreifen Sie nicht, daß Sie sich durch Ihr Schwei-
„Ja“, antwortete West. Kein Muskel seines Körpers gen des Verrats schuldig gemacht haben?“ fragte Zen
bewegte sich. Nedra, die neben Zen saß, war gleich- in die Stille.
falls völlig unbewegt. Wieder schwieg West. Kerzengerade aufgerichtet
saß er in dem Sessel, kein Muskel zuckte in seinem
„Lassen Sie mich gehen“, stieß Zen hervor. „Ich
Gesicht. Nedra war in sich zusammengesunken. Mehr
muß hier heraus, ich muß unserem Generalstab die-
denn je ähnelte sie einem Kind, das sich mit List in
se Information bringen, damit der Schlag unser Land
die Welt der Erwachsenen geschlichen hatte, und nun
nicht unvorbereitet trifft.“
verwirrt und verstört war von dem, was sie erlebte.
„Weltraumwesen kämpfen nicht“, sagte West. „Ich „Warum schweigen Sie?“ fragte Zen. „Haben Sie
dachte, Sie waren einer von uns.“ nicht gehört, was ich sagte?“
„Es kommt nicht darauf an, wer oder was ich bin“, „Ich habe Sie gehört“, erwiderte West langsam.
sagte Zen schnell. „Der Bau dieser Bombe muß ge- „Die Treue und Sorge um Ihr Land verdient alle Aner-
meldet werden. Das ganze Land muß in Alarmzu- kennung, Oberst. Etwas anderes war von einem Men-
stand versetzt werden, alle verfügbaren Z-Jäger müs- schen Ihrer Entwicklungsstufe nicht zu erwarten. Sie
sen ständig in der Luft sein, um die Bombe abzufan- scheinen jedoch vergessen zu haben, daß ich kein Bür-
gen, bevor sie unermeßliches Unheil anrichtet. Die lei- ger Ihres Landes bin. Oder wußten Sie dies nicht?“
tenden Männer der Abwehr müssen sich hier instal- „Kein amerikanischer Bürger?“ wiederholte Zen
lieren, um den Fortgang der Arbeiten zu beobachten, verwundert. „Aber diese Berge gehören zu Amerika.
oder, wenn Sie damit nicht einverstanden sind, müssen Ich kann nicht sagen, ob sie auf kanadischem Boden
Sie uns Ihr Gerät überlassen, damit die Beobachtung oder dem der Vereinigten Staaten liegen, aber das ist
in unserem Hauptquartier erfolgen kann. Mir scheint, nicht entscheidend. Beide Länder haben sich durch
dies wäre überhaupt die beste Lösung.“ Zen hatte sich Vertrag zu einer Nation verbunden. Ein Bürger des
in Eifer geredet, mit unruhigen Schritten durchmaß er einen Landes ist automatisch auch Bürger des ande-
den halbdunklen Raum. „West, begreifen Sie, daß wir ren.“
mit Ihrem Gerät diesen Krieg zu unseren Gunsten ent- „Das ist vollkommen richtig, Oberst“,
scheiden können?“ fragte er schließlich. „Keine Be- sagte West, gab aber keine weitere Erklärung.
wegung des Gegners wird uns verborgen bleiben, auf „Welcher Nation gehören Sie dann an?“ wollte Zen
jeden Zug können wir mit dem entsprechenden Ge- wissen. „Sie sprechen wie ein waschechter Amerika-
genzug antworten.“ ner.“
„Darf ich Sie darauf aufmerksam machen, daß Sie „Ich bin in den Vereinigten Staaten geboren.“
Tränen in den Augen haben“, erwiderte West gelassen. „Dann sind Sie auch Bürger der USA.“ „Nein. Ich
„Hören Sie auf mit Ihren dummen Scherzen“, habe meinen Status als Bürger der Vereinigten Staaten
knurrte Zen verlegen. Er wußte, daß West die Wahr- aufgegeben. Das Land, dem ich mich wirklich verbun-
heit sprach, und er schämte sich seiner Ergriffenheit, den fühle, ist ein weit entferntes Land. Ich bin sicher,
die nicht zu seiner Uniform paßte, „Ich sehe nur den daß Sie es nicht kennen. Meine Treue, Oberst, gehört
militärischen Wert Ihrer Erfindung. Er ist unermeßlich keiner Nation, die ihren Platz auf der Erdkugel hat, sie
für uns. Damit können wir die Asiaten schlagen, kön- gehört den neuen Wesen, die eines Tages die Welt be-
nen endlich diesen furchtbaren Krieg zu einem Ende herrschen werden.“
bringen.“ Bei Wests Worten verschwand das Gefühl der Käl-
te, das Zen verspürt hatte, und machte einer inneren
Ich habe in jeder Phase des Krieges gewußt, was die
Wärme Platz.
Asiaten vorhatten“, sagte West leise, aber Zen hörte
„Meine Treue, mein ganzer Einsatz gilt der Zu-
nur mit halbem Ohr zu.
kunft“, fuhr West fort. „Sie gilt dem Wachsen alles Le-
„Es kann nicht mehr lange dauern“, murmelte der bendigen, der menschlichen Rasse der Zukunft, nicht
Oberst mit funkelnden Augen. „Zwei Wochen — drei der der Gegenwart. Nur die Zukunft hat für mich Be-
Wochen, dann sind sie erledigt.“ deutung, Oberst, dem Bau dieser Zukunft habe ich
Erst jetzt schien ihm Wests Einwurf zu Bewußt- mein Leben gewidmet.“
sein gekommen zu sein, denn sein Kopf fuhr herum. Zen fühlte sich durch Wests Worte bewegt, hielt es
„Was haben Sie gesagt? Sie waren während der gan- aber für seine Pflicht, sie nicht schweigend hinzuneh-
zen Zeit über die Pläne der Asiaten informiert? Warum men. „Das ist Haarspalterei“, sagte er hart. „Jedes Ge-
— warum haben Sie dann versäumt, uns zu warnen? richt dieses Landes würde Sie der Vernachlässigung
Warum ließen Sie zu, daß so viele Menschen starben?“ Ihrer vaterländischen Pflichten schuldig sprechen. Sie
30 Sekunden Verzögerung 34

können nicht weiterhin in einem Land, dem Sie sich „Genau das werde ich tun“, antwortete West unbe-
nicht mehr zugehörig fühlen, leben und seine Seg...“ wegt.
Er brach ab, das Wort, das er auszusprechen beabsich- „Aber das ist unmöglich!“ explodierte Zen.
tigte, wollte ihm nicht über die Lippen. „Warum?“ fragte West. „Ich gehöre keinem der bei-
„Wollten Sie Segnungen sagen?“ fragte West iro- den Länder an, ich schulde weder dem einen noch dem
nisch. „Allerdings.“ anderen etwas.“
„Würden Sie die Güte haben, diese Segnungen, von „Selbst, wenn Sie den Nationen gegenüber keine
denen Sie sprechen, aufzuzeigen!“ Verpflichtungen haben — Sie sind ein Mensch, Sie
„Wir hatten sie einst“, sagte Zen düster. „Und wir sollten an die Menschheit denken!“
werden sie wieder haben, verlassen Sie sich darauf.“ Zum erstenmal schien es, als würde West schwan-
„Ich bin nicht so sicher“, sagte West und wandte kend. Aber seine Summe klang immer noch fest, als
sich wieder dem Bildschirm zu. er auf Zens Worte einging. „Angenommen, ich mach-
„Jetzt, da ich weiß, daß diese Bombe gebaut wird, te mir Ihren Standpunkt zu eigen — was erwarten Sie
werde ich dafür sorgen, daß sie von mir?“
nie zum Einsatz kommt“, sagte Zen fest. „Daß Sie der Drohung durch die Asiaten ein En-
de bereiten“, sagte Zen schnell. „Daß Sie uns alles
„Wie wollen Sie das anstellen?“ „Ich werde einen
Wissenswerte darüber mitteilen, wo die Bombe gebaut
Weg finden.“
wird. Dann werde ich dafür Sorge tragen, daß wir zu-
„Ich bewundere Ihren Mut, Oberst“, sagte West. erst fertig sind und das Gebiet, in dem die Feinde bau-
„Wenn auch nicht Ihre falsche Einschätzung der Si- en, dem Erdboden gleichmachen, so daß sie keinen
tuation. Ich möchte aber, daß Sie auch noch etwas an- Schaden mehr anrichten können.“
deres sehen. Geben Sie acht!“
„Womit Sie gerade das erreichen würden, was ver-
Das Bild auf dem Schirm verschwand, um einer an- mieden werden soll“, stellte West trocken fest. „Beide
deren Szene Platz zu machen. Zen starrte mit weitauf- Bomben würden nämlich zur gleichen Zeit detonieren.
gerissenen Augen in das Halbdunkel, und seine Worte Glauben Sie nicht auch, daß dies die Welt aus den An-
überschlugen sich. geln heben würde?“
„Eine zweite im Bau befindliche Bombe? Zum Teu- „Ich weiß es nicht“, erwiderte Zen. „Darüber kön-
fel, wir glaubten nicht einmal, daß das Material der nen nur die Wissenschaftler ein Urteil fällen. Sollte es
Asiaten und ihr Wissen ausreichen würden, um ei- negativ ausfallen, so hätten wir immer noch die Mög-
ne einzige derartige Bombe zu bauen. Nun haben sie lichkeit, die gegnerische Bombe mit den konventionel-
deren sogar zwei? Das macht den Fall noch dringli- len Waffen außer Gefecht zu setzen.“
cher, unser Warnsystem muß noch viel weiter ausge-
„Sie arbeiten unter der Erde“, gab West zu beden-
baut werden!“
ken. „In einer Höhle, die wenigstens tausend Meter
„Langsam, Oberst, langsam“, beruhigte West den tief ist. Besitzen Sie Waffen, deren Wirkung bis in die-
anderen. „Sehen Sie doch erst genau hin!“ se Tiefe reicht?“
Zen folgte der Aufforderung und gewahrte jetzt, „Wir werden sie schaffen!“
was ihm beim ersten flüchtigen Blick entgangen war,
„Sie sind sehr optimistisch, Oberst!“
„Aber das sind ja Amerikaner! Wir bauen ebenfalls ei-
ne Superbombe!“ „Optimismus ist besser als Pessimismus“, knurrte
Zen ärgerlich. „Und wenn ihre Fabriken in zehntau-
„Sie haben es erfaßt“, sagte West mit Bitterkeit in
send Meter Tiefe lägen, sie müssen Ausgänge haben,
der Stimme.
einen Ausgang zumindest. Eine H-Bombe, auf diesen
„Also ein Wettrennen!“ stellte Zen mit schmalen Zugang geworfen, würde das Schicksal der asiatischen
Lippen fest. Superbombe besiegeln.“
„Ich fürchte, man kann es so nennen“, stimmte West „Sie würden nicht nur die Bombe vernichten, son-
zögernd zu. „Ändert das das Bild, Oberst?“ dern auch wertvolle wissenschaftliche Erkenntnisse
„Warum? Wir werden den Krieg gewinnen. Wir und ihre Schöpfer.“
müssen ihn gewinnen.“ „Es ist Krieg. Im Krieg kann man nicht mit gewöhn-
„Auch die andere Seite glaubt, sie müsse gewin- lichem Maßstab messen.“
nen“, gab West zu bedenken. „Ihr Vorschlag ist keine endgültige Lösung des
„Was sie denken, interessiert mich nicht. Sie haben Kernproblems“, sagte West nach langem Überlegen.
den Krieg begonnen, nicht wir. West, wollen Sie mir „Es tut mir leid, daß ich Sie enttäuschen muß, Oberst.
weismachen, daß Sie die Absicht haben, seelenruhig Ich habe nicht die Absicht, einer der kämpfenden Par-
mitanzusehen, wie zwei Nationen versuchen, einander teien zu helfen. Ich bin im Gegenteil dafür, daß sie ein-
den Garaus zu machen, vielleicht die ganze Welt zu ander mit allen Mitteln zu vernichten suchen. Aus dem
vernichten? Und das, wenn Sie die Mittel in der Hand Chaos, das am Ende stehen wird, wird die Erkennt-
haben, diese Vernichtung zu verhindern?“ nis kommen, daß Krieg nie den Weg in die Zukunft
35 TERRA

weisen kann. Die wenigen Überlebenden werden ein- „Nedra, was gibt es?“ fragte West drängend und
sehen müssen, daß ihre Anstrengungen vergeblich wa- blickte sich suchend um. Sein Instikt war alarmiert,
ren, und aus dieser Erkenntnis wird endlich eine Rasse alle Muskeln seines Körpers spannten sich.
geboren werden, die sich der neuen Zeit würdig er- Statt einer Antwort sank Nedra zur Seite, glitt vom
weist.“ Stuhl und blieb bewußtlos am Boden liegen.
Zen hob die Hand in einer abwehrenden Geste. Gedämpft kam aus der Ferne ein sonderbares Ge-
„Wieder ein sinnloses. Massensterben?“ fragte er dü- räusch, wie ein hartes, rhythmisches Pochen.
ster. „Warum wurde denn die erste Atombombe ge-
worfen, wenn nicht in der Absicht, solchen Wahnsinn Rat-tat-tat-tat-tat...
für alle Zeiten auszurotten.“ Zen kannte dieses Rattern, er hatte die Melodie, mit
„Jedes Massensterben ist Wahnsinn und sinnlos“, der sich der Begriff Tod verband, zu oft gehört, um
entgegnete West. „Die Menschen wissen das, aber in ihre Bedeutung zu verkennen.
einem Krieg verläßt sie die Vernunft.“ „Maschinengewehrfeuer!“
Zen begann dem Mann mit dem zerfurchten Ge- Schritte erklangen, die Vorhänge wurden beiseite
sicht zu widersprechen. Seine Worte kamen hitzig und geschoben, ein Mann taumelte in den Raum und fiel
scharf, aber dann mäßigte er sich. Hatte es Sinn, zu zu Boden. Zen wußte nach einem schnellen Blick, daß
streiten? Konnte man mit einem Verrückten eine Dis- es sich um einen der jungen Männer handelte, die hier
kussion führen? West mußte den Verstand verloren ha- unten lebten. Blut rann aus einer Wunde in seinem
ben, nie hatte Zen Ansichten vernommen, wie dieser Rücken, während er krampfhaft nach Atem rang.
Mann sie vertrat. Wie konnte ein normaler Mensch ru-
„Sie — kommen — mit Gewehren und Pistolen!“
hig zusehen, daß zwei große Nationen Selbstmord be-
stammelte er.
gingen!
„Ich bitte Sie, West“, sagte Zen, um Beherr- West ließ sich neben ihm auf die Knie
schung bemüht, „erlauben Sie mir, die hier erworbe- nieder und bettete den Kopf des Verwundeten in sei-
nen Kenntnisse meiner vorgesetzten Dienststelle zu nen Schoß. Sein Gesicht färbte “ sich dunkel, als er das
melden.“ Blut aus der Verletzung rinnen sah.
West überlegte lange, dann antwortete er: „Gestat- „Was ist geschehen, Carl?“ fragte er leise.
ten Sie mir eine Gegenfrage, Oberst. Was würde mit „Ich weiß nicht. Sie kamen von irgendwo, waren
mir und meinen Leuten hier geschehen, wenn Ihre plötzlich da. Und schössen gleich.“
Dienststelle von diesem Gerät Kenntnis erhält?“
„Wie viele waren es?“ wollte West wissen.
„Man würde Sie als Helden betrachten“, erwiderte
Zen ohne Zögern, obwohl er wußte, daß er log. „Man Carls Augen irrten umher, blieben auf Wests Ge-
würde Ihnen jeden notwendigen Schutz und jede Hilfe sicht haften. „Dutzende“, keuchte er mühsam. Ein
gewähren.“ Blutstrom schoß aus seinem Mund.
„Ich spreche nicht gern das Wort ,Lügner’ aus, Zen hörte drei Maschinenpistolen feuern, Men-
Oberst“, sagte West feindselig, „aber genau das sind schen schrien.
Sie. Ich kann Ihnen heute schon sagen, was geschehen Wests Lippen formten sich zu einem schmalen
würde. Wir würden Ihres Wohlwollens nur solange si- Strich.
cher sein, als wir Ihre Befehle ausführen. Sobald ich „Wie ist es möglich, daß sie die Generatoren pas-
aber meinen eigenen Ideen und sieren konnten?“ fragte Zen.
Anschauungen folgte, würde man mein Handeln als
„Ich weiß es nicht“, murmelte West. „Es gibt eini-
Verrat betrachten und die entsprechenden Maßnahmen
ge alte, unbenutzte Tunnels, die unbewacht sind. Viel-
gegen mich einleiten. Meine Ausrüstung würde be-
leicht, daß sie...“
schlagnahmt werden — im Interesse der Regierung
und des Volkes, wie es so schön heißen würde —, Für Zen machte es keinen Unterschied, wie die An-
und ich könnte froh sein, wenn man mich nicht vor ein greifer eingedrungen waren. Sie waren da, es galt, sich
Kriegsgericht mit den unvermeidlichen Folgen stellte. gegen sie zur Wehr zu setzen.
Seien Sie ehrlich, Oberst, so und nicht anders würde „Wo sind die Waffen?“ fragte er.
sich mein Schicksal doch gestalten, nicht wahr?“ „Waffen?“ West sah ihn verständnislos an. „Wir ha-
„Sam“, flüsterte Nedra mit einer Stimme, die von ben keine Waffen.“
weither zu kommen schien, „etwas...“ „Auch kein Tränengas?“
„Was gibt es, Nedra?“ fragte West und schien im
gleichen Augenblick Zens Gegenwart vergessen zu „Nichts, Oberst!“
haben. „Wie, zum Teufel, wollten Sie dann Ihr Werk fort-
Das Mädchen saß starr und steif auf seinem Stuhl. setzen? Sie mußten doch damit rechnen, daß man Ih-
Ihr Gesicht war vollkommen blutleer. „Etwas...“, be- ren Unterschlupf entdecken würde.“
gann sie ernst, aber ihre Worte, zu einem Hauch in der West zuckte die Achseln. Der Junge in seinen Ar-
Stille des Raumes geworden, blieben unverständlich. men öffnete noch einmal die Augen, ein schwaches
30 Sekunden Verzögerung 36

Lächeln glitt über seine Züge. Ein letzter Atemzug, verlieren wir den Krieg!“ Der Mann mit dem zerfurch-
dann hatte er ausgelitten. ten Gesicht regte sich nicht.
Mit kreideweißem Gesicht erhob sich West. „Er war Ärger stieg in Zen auf. Er verstärkte den Druck sei-
noch nicht lange bei uns“, flüsterte er. ner Hand. „Wenn wir diesen Krieg verlieren, ist alles
Eine Frau schrie. West hob den Kopf und traf An- aus“, sagte er heiser. „Danach wird es nur noch Tod
stalten, hinauszustürzen. Zen packte seinen Arm und und Zerstörung geben.“
hielt ihn fest. „Ich weiß“, nickte West fast unhörbar. „Das Be-
„Die Eindringlinge haben Gewehre“, sagte er war- wußtsein der menschlichen Rasse wird auf ewig zer-
nend. „Soll es Ihnen ebenso ergehen wie dem Jungen stört sein.“ Er starrte Zen an, als sähe er ihn zum er-
dort?“ stenmal. „Glauben Sie daran? An das Bewußtsein der
„Ja“, nickte West. „Ich will bei ihm bleiben, ich will menschlichen Rasse?“
ihn nicht verlassen.“ „Glauben? Ich weiß es!“ sagte Zen fest. Nedra, die
„Laufen Sie!“ sagte Zen grimmig. „Dann werden immer noch in Wests Armen ruhte, seufzte leise. Sie
wir bald zwei Tote haben. Ich übernehme dann das öffnete die Augen und lehnte den Kopf beruhigt an
Kommando und werde den Kampf aufnehmen.“ Wests Brust. „Was gibt es?“ flüsterte sie. „Was ist ge-
Wests Hand fuhr über die Stirn, langsam kehrte er schehen? Ich glaube, ich bin eingeschlafen.”
in die Wirklichkeit zurück. West stellte sie auf die Beine und deutete auf die
„Entschuldigen Sie“, murmelte er verlegen. „Sie Spiegel. Nedra ballte die Fäuste, als sie sah, was sich
müssen mich verstehen. Ewigkeit — Ruhe, ich seh- in der Halle abspielte.
ne mich danach. Aber Sie haben recht, erst muß ich „Und Sie haben keine Waffen?“ wiederholte West
meine Aufgabe vollenden.“ ungläubig seine Frage. „Nein.“
West hob Nedra auf und nahm sie wie ein schla-
„Wo ist das automatische Gewehr, das Sie mir ab-
fendes Kind in den Arm. „Folgen Sie mir!“ sagte
nahmen?“
er zu Zen. Er durchquerte den Raum, Fels schwang
zur Seite, eine verborgene Tür tat sich auf. „Niemand „Was könnte uns ein Gewehr nützen?“ „Nicht viel“,
weiß von diesem Weg und von dieser Tür. Das Schloß gab Zen zu. „Aber ich könnte noch ein paar von den
spricht nur auf die Berührung meines Körpers an.“ Burschen mitnehmen, bevor es mich selbst erwischt.“
Der Gang, in den sie traten, war schmal und niedrig. „Wir werden nicht sterben“, sagte West leise.
Ein Nebentunnel führte auf einen Raum, dessen Tür Zen deutete auf die reglosen Gestalten in der Halle.
offenstand. Zen entdeckte blitzende Geräte, Schalter „Diese sind schon tot“, stellte er finster fest.
und Instrumente. Das Radargerät, dachte er.
West schüttelte den Kopf. „Jetzt ist kaum die Ge-
Wenige Schritte vor ihm blieb West stehen und legenheit, Ihnen zu erklären, daß Überleben nicht an
starrte in einen Felseinschnitt. Ein heiserer Schrei kam den Körper gebunden ist, Oberst.“
von seinen Lippen. Zen trat neben ihn, und sein Blick
fiel auf ein Arrangement von Spiegeln, die die große „Mit metaphysischen Gesprächen kommen wir
Halle reflektierten, durch die Zen das Berginnere be- nicht weiter“, brauste Zen. auf. „Jetzt müssen wir
treten hatte. uns unserer Haut wehren. Ich übernehme das Kom-
mando.“ Er überlegte kurz, dann kam ihm eine Idee,
In dieser Halle war die Hölle los!
„Wo befindet sich mein Gepäck?“ Mit dem Funkgerät
11. Kapitel konnte er die restlichen Truppen herbeirufen.
Zu seiner Enttäuschung schüttelte West den Kopf.
Jake, Ed und Cal gehörten zu den Gestalten, die die- „Tut mir leid, Oberst, wir haben Ihre Waffe und die
se Hölle belebten. Ihre Hände umspannten rauchende Ausrüstung in einen verlassenen Schacht geworfen,
Waffen. Reglose Gestalten lagen am Boden. Im Mit- der Hunderte von Metern tief ist. Sie wissen, aus wel-
telpunkt der Halle stand der Mann, der offensichtlich chem Grunde. Wir dulden keine Waffen in unserem
den Befehl über die Eindringlinge führte. Zen stieß Besitz.“
einen gedehnten Pfiff aus, als er den Mann erkannte. „Verdammt!“ zischte Zen. „Gibt es Verstecke, wo
Cusos Leutnant! wir uns verbergen können?“
Seine Begleiter waren die Männer, die in der Nacht „Mehr als genug“, nickte West. „Dieser ganze Berg
zuvor mit dem Leutnant zusammen gewesen waren. gleicht einem Ameisenbau mit einem Netz von Tun-
,Ich hätte sie töten sollen, als sie schliefen!’ dachte neln und Gängen. Wir haben uns damit begnügt, fünf-
Zen fuchsteufelswild. zehn verschiedene Stockwerke zu erforschen, aber es
West atmete schwer, wie jemand, der einen langen gibt sogar Höhlen, die unter dem Wasserspiegel lie-
Lauf hinter sich hatte. Zen legte ihm die Hand auf die gen.“ West schien sich mit der Tatsache, daß Zen das
Schulter. Kommando übernommen hatte, abgefunden zu haben.
„Sie dürfen das Radar nicht in ihren Besitz brin- Er war offensichtlich neugierig, wie Zen das Problem
gen“, sagte er befehlend. „Wenn sie es uns nehmen, lösen würde.
37 TERRA

„Führen Sie uns zu einem dieser Verstecke!“ befahl Der Leutnant nahm Haltung an, Cuso winkte un-
Zen. „Versuchen Sie, mir ein Sendegerät zu beschaf- wirsch ab. Dann unterhielten die beiden sich in dem
fen. Mit einem kleinen Kurzwellensender kann ich in singenden Tonfall ihrer Sprache, und der Leutnant
wenigen Stunden ein Regiment Fallschirmjäger hier deutete wiederholt auf West. Ein Lächeln der Genug-
haben.“ tuung trat auf die Züge Cusos, und er winkte West zu
„Sind Sie nicht ein wenig zu voreilig, Oberst?“ frag- sich.
te Nedra. „Ich kann mir nicht vorstellen, daß Ihre Der Mann mit dem zerfurchten Gesicht kam lang-
vorgesetzte Stelle auf die Anforderung eines Fahnen- sam näher und blieb kerzengerade vor dem Asiaten
flüchtigen reagiert.“ stehen. Vergeblich wartete Cusp darauf, daß West ihm
„Lassen Sie das, Nedra“, winkte West ab. „Ich wer- einen Gruß erwiese oder gar, wie es die Sitten von Cu-
de versuchen, die Wünsche des Obersten zu erfüllen.“ sos Heimat erforderten, vor ihm auf die Knie sank. Ein
Er ging auf die Biegung des Tunnels zu und blieb er- zynisches Lächeln umspielte die Lippen des Asiaten.
starrt stehen, als Metall vor ihm klirrte. Eine Felstür Zen zweifelte keine Sekunde, daß Cuso den anderen
öffnete sich, einer der asiatischen Soldaten stand mit ohne ein Wort niedergeschossen hätte, wäre es ihm
schußbereitem Gewehr vor ihnen. Hinter ihm erschi- nicht darauf angekommen, wichtige Informationen zu
en ein zweiter Mann. Die Mündungen ihrer Gewehre gewinnen.
waren auf West gerichtet.
Zen hob die Arme, weder West noch Nedra beweg- “Ich habe viel von Ihnen gehört“, sagte Cuso lang-
ten sich. Mit vorgehaltenen Waffen trieben die Solda- sam. Für einen Asiaten sprach er ein recht gutes Eng-
ten die drei in die große Halle, wo der Leutnant sie lisch, wie Zen feststellte. „Ihre Worte sind eine Ehre
erwartete. für mich“, erwiderte West. „Ich wüßte dennoch gern,
„Ist das einer von ihnen?“ fragte der Leutnant Cal aus welcher Quelle Ihre Kenntnisse stammen.“
und deutete auf West. „Wir haben unsere Quellen“, erwiderte Cuso aus-
„Er ist es“, erwiderte Cal. „Er ist der Führer der weichend.
Bande hier. Es ist der Mann, den Sie suchen.“ „Spione?“ fragte West. „Natürlich haben wir Spio-
Erleichterung zeigte sich in den Zügen des Leut- ne“, sagte Cuso mit einer wegwerfenden Handbewe-
nants. Er rief zwei der Soldaten zu sich und bat West gung. „Ihnen haben wir unsere Kenntnisse allerdings
höflich, aber bestimmt, sich abseits zu stellen. nicht zu verdanken.“
Zu Nedra und Zen sagte er in barschem Befehl-
ston: „Ihr beide zu den anderen! Mit dem Gesicht zur „Also Hellsehern?“ wollte West wissen. Zu Zens
Wand!“ Und zu den Posten: „Bei der geringsten ver- Überraschung nickte Cuso strahlend, als habe West
dächtigen Bewegung schießt ihr!“ ihm ein Kompliment gemacht. Zen schüttelte ungläu-
Immer mehr Gefangene wurden in das große Ge- big den Kopf. Es war ihm nicht unbekannt, daß auch
wölbe gebracht. Cal, Jake und Ed blickten sich tri- die amerikanischen Dienststellen Versuche mit Hell-
umphierend um. Der Leutnant sprach mit West, aber sehern unternommen hatten, um auf diese Weise Tat-
Zen hatte den Eindruck, daß er auf etwas Bestimmtes sachen über die Feindbewegung zu erhalten. Wie die
wartete. Schließlich waren etwa vierzig Bewohner des Versuche ausgegangen waren, entzog sich allerdings
Berges in der Halle versammelt, die Mehrzahl von ih- Zens Kenntnis. Er war trotzdem verblüfft, daß der
nen junge Männer von kaum zwanzig Jahren. Man sah Gegner zu denselben Mitteln, anscheinend durchaus
ihnen an, daß sie verwirrt und überrascht waren, aber mit Erfolg, gegriffen hatte. „Hellseher“, wiederholte
sie blieben wie auf Verabredung stumm. West sinnend. „Ich hatte es vermutet.“
„Sind das alle?“ hörte Zen den Leutnant fragen. „Interessant“, nickte Cuso, und sein Lächeln ver-
West zählte umständlich und nickte. „Ja, es fehlt stärkte sich. „Sind Sie auch auf die Vermutung gekom-
niemand.“ Er sprach mit fester Stimme, und der Leut- men, daß unser Luftlandeunternehmen lediglich dem
nant schien seinen Worten Glauben zu schenken. Zen Zweck diente, Ihrer habhaft zu werden?“
hingegen wäre jede Wette eingegangen, daß West Zen las in der Miene Wests, daß er nie auf diesen
nicht die Wahrheit sprach. Der Leutnant nickte zufrie- Gedanken gekommen war. „Das würde bedeuten, daß
den und wartete mit über der Brust gekreuzten Armen. ich Ihnen von Wichtigkeit erscheine?“ fragte West.
Ein Soldat betrat hastig die Halle, grüßte und mach-
te eine Meldung. Und in der gleichen Sekunde wußte „Nicht nur das“, erwiderte Cuso, während er sich
Zen, worauf der Leutnant gewartet hatte. aufrichtete, als habe er eine bedeutende Mitteilung zu
Cuso, der asiatische Führer, ein großer, breitschult- machen. „Ich bin sogar befugt, Ihnen die Stelle eines
riger Mann mit Fäusten, die einen Ochsen fällen konn- Feldmarschalls in den Vereinigten Asiatischen Natio-
ten, betrat hinter dem Soldaten das Gewölbe. Kraft nen anzubieten.“
und Selbstvertrauen gingen von ihm aus, und Zen ver- „Ein interessanter Vorschlag“, sagte West und gab
stand, warum Cuso als Leiter des gegen die Vereinig- das Lächeln Cusos zurück. „Was. brachte Sie zu der
ten Staaten gerichteten Unternehmens gewählt worden Ansicht, ich könnte an einem so hohen Posten in Ihrer
war. Armee interessiert sein?“
30 Sekunden Verzögerung 38

„Verschiedene Gründe“, erklärte Cuso. „So dachten Selbstbewußtsein verloren hatten. Nach John sah Zen
wir beispielsweise, es läge im Interesse Ihrer eigenen sich vergebens um. Er befand sich nicht unter den Ge-
Sicherheit, auf diese Weise Stellung zu beziehen. Wir fangenen. Hieß das, daß er beim Überfall getötet wor-
wissen, daß Sie staatenlos sind. In unruhigen Zeiten, den war?
wie wir sie erleben, ist es unerfreulich, ohne Freunde An der gegenüberliegenden Wand stand der wohl-
zu sein, die einem notfalls Schutz gewähren können. beleibte Junge, den Zen bei seinem Kommen beob-
Jemand, der keiner Nation angehört, wird von allen achtet hatte. Den Platz neben ihm nahm ein schlankes,
Nationen als Feind betrachtet. Mit der Annahme un- wohlproportioniertes Mädchen ein.
seres Vorschlags würde dieser unangenehme Zustand
Wenn Eds Blicke nicht auf Nedra ruhten, lagen sie
beendet sein.“
begehrlich auf diesem Mädchen. Er näherte sich ihr,
„Sie sind also der Meinung, ich hätte keine Freun- begann mit ihr zu flüstern und griff schließlich nach
de?“ fragte West ironisch. „Sie glauben, ich hätte den ihrer Schulter.
Schutz Dritter nötig?“
Der Leutnant stieß eine Verwünschung aus, riß das
Das ölige Lächeln auf Cusos Gesicht verschwand.
Gewehr hoch und krümmte den Finger um den Ab-
„Vielleicht bedürfen Sie persönlich nicht so sehr eines
zug. Ein Schuß peitschte durch die Halle, und Ed fiel
Schutzes“, erwiderte er hintergründig. „Vergessen Sie
zu Boden, wo er reglos liegenblieb. Auf einen Wink
aber nicht, daß ein Ihnen gewährter Schutz sich auto-
des Leutnants trugen zwei Soldaten den Toten hinaus.
matisch auch auf Ihre Mitarbeiter erstrecken würde.“
Cusos verschlagene Blicke wanderten zu den jungen Zens Augen wanderten zu Nedra, auf deren Stirn
Männern, die mit erhobenen Armen an der Wand stan- kleine Schweißtröpfchen glitzerten. Zen hatte den
den, und West begriff die unausgesprochene Drohung, Eindruck, daß sie auf ferne Geräusche lauschte, die
die in den Worten des anderen gelegen hatte. seinen Ohren entgingen. Erwartete sie Rettung von au-
„Ich verstehe Sie. Was erwarten Sie von mir?“ ßen? Zen wußte, daß nur ein Wunder sie retten konn-
Triumph leuchtete aus den Augen des Asiaten, der te. Er gab sich über Cusos Absichten keinen Illusio-
gewonnenes Spiel zu haben glaubte. „Es ist in der nen hin. Für ihn stand fest, daß die Gefangenen nur
Tat sehr wenig, was wir von Ihnen verlangen“, sagte solange eine Chance hatten, am Leben zu bleiben, wie
er, sich geschmeidig die Hände reibend. „Nicht mehr, die Asiaten brauchten, um mit allen Geheimnissen des
als daß Sie uns mit den Dingen in diesem Berg ver- Berges vertraut zu werden. Auch West war von die-
traut machen. Nicht nur mich, wohlverstanden, son- ser Bedrohung nicht ausgeschlossen. Ob es ein Vor-
dern ebenso unsere Wissenschaftler und Ingenieure.“ teil sein würde, Feldmarschall bei den Asiaten zu sein,
schien ihm sehr fraglich. Asiatische Feldmarschälle,
„Was, glauben Sie, sei hier verborgen?“ fragte West.
die in Ungnade fielen, pflegten diesen Tag nicht lange
„Hören wir auf, Versteck zu spielen“, sagte Cuso
zu überleben.
rauh. „Sie wissen genau, wovon ich spreche.“
West hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. Zens Blicke kehrten zur gegenüberliegenden Wand
„Gut also! Wann wollen Sie, daß ich beginne?“ zurück, seine Augen weiteten sich erstaunt. In der Rei-
„So gefallen Sie mir entschieden besser“, grinste he der Gefangenen klaffte eine Lücke. Eben hatte dort
der Asiate breit. „Um Ihre Frage zu beantworten — noch der wohlbeleibte Jüngling gestanden — jetzt war
ich möchte, daß wir keine Sekunde verlieren. Führen er verschwunden!
Sie uns herum, zeigen Sie uns alles, was für uns von
Wichtigkeit sein könnte.“ 12. Kapitel
„Bitte, folgen Sie mir!“ nickte West. Er ging auf den
Durchbruch zu, der in den Raum mit den Radargeräten Weder dem Leutnant noch seinen Soldaten war es
führte. aufgefallen, daß sich die Zahl der Gefangenen um
„Sie warten hier!“ befahl Cuso dem Leutnant. einen vermindert hatte. Cal und Jake waren mit sich
„Schießen Sie beim geringsten Widerstand!“ Dann selbst beschäftigt; der Tod Eds schien sie zur Vorsicht
folgte er West mit schnellen Schritten, und die beiden gemahnt zu haben.
Männer verschwanden. Nedra blickte starr geradeaus, als sähen ihre Augen
Jake, Cal und Ed waren den Vorgängen mit gelang- nichts. Ihre Stirn war immer noch schweißbedeckt.
weilter Neugier gefolgt. Jetzt näherte sich Ed dem Zen wollte sie flüsternd fragen, ob sie etwas bemerkt
Leutnant, und während er eindringlich auf ihn ein- habe, unterließ es aber, um sie nicht zu gefährden.
sprach, gingen seine Blicke immer wieder zu Nedra. Plötzlich vernahm er den dünnen, hohen Ton, der
Der Leutnant schüttelte unwirsch den Kopf, und Ed den Raum erfüllte, obwohl er kaum hörbar war, da er
zog sich wieder in den Hintergrund zurück, um von sich an der Grenze bewegte, die ein Mensch noch auf-
dort aus Nedra mit seinen Blicken zu verschlingen. zunehmen vermochte. Der Ton schwankte, war zeit-
Nedra tat, als sähe sie ihn nicht. Sie nahm auch kei- weise nicht lauter als das Schwirren einer Biene, ver-
ne Kenntnis von Zen. Sie und die Männer und Frau- schwand völlig, kehrte dann wieder. War der Ton
en, denen der Berg zur Heimat geworden war, schie- schon immer dagewesen, hatte er ihn nur nicht ver-
nen von den Ereignissen so überrascht, daß sie alles nommen? Oder hing er mit dem Verschwinden des
39 TERRA

Jungen zusammen? Zen hatte keine Zeit mehr, dar- achtundreißig angekommen, verblüfft inne. Einer der
über nachzudenken, weil eine neue Erscheinung ihn Soldaten begann schnell und für Zen unverständlich zu
verwirrte. dem Leutnant zu sprechen. Aus seinen Gesten schloß
In der Mitte der Halle, etwa drei Meter über dem Zen, daß der Soldat das Verschwinden des Jünglings
Boden, tauchte plötzlich ein Gesicht auf. Es wandte ebenfalls beobachtet hatte. Noch während die Worte
sich suchend um und verschwand wieder. erregt zwischen ihnen hin und hergingen, erschien das
Cal mußte die Erscheinung ebenfalls beobachtet ha- Gesicht wieder in der Mitte des Raumes. Es war, das
ben. Seine Augen waren geweitet, unverkennbare Ver- erkannte Zen jetzt, das Gesicht eines Erwachsenen,
blüffung zeichnete sein Gesicht. der sich mit schnellen Blicken in der Halle umsah.
Nach einem zufriedenen Nicken löste sich das Gesicht
Laut sagte Jake, den Blick auf die Stelle gerichtet, auf und verschwand.
an der das Gesicht erschienen war: „Hallo, Kamerad!
Lange nicht gesehen. Wo hast du gesteckt?“ Zur Linken Zens wurde gleichzeitig ein Mädchen
unsichtbar. Sie verschwand so schnell, daß Zen dem
„Halt’ dein dummes Maul!“ fauchte Cal.
Vorgang kaum zu folgen vermochte. Ein junger Mann,
„Ich habe gerade einen alten Kumpel gesehen“, ver- der zwei Schritte neben ihr gestanden hatte, folgte ihr
suchte Jake zu erklären. in die Unsichtbarkeit.
„Worüber unterhaltet ihr beiden Dummköpfe Der Leutnant fuhr herum und bemerkte die Verän-
euch?“ wollte der Leutnant wissen. derung. Wieder begann er zu zählen.
„Ach, nichts“, erwiderte Cal. Er deutete mit dem „Sechsundreißig!“ murmelte er, zwischen Unglau-
Finger auf die Stirn und vollführte eine drehende Be- ben und Wut schwankend. „Wer hat sich verdrückt,
wegung. Mit einem Nicken zu Jake sagte er: „Er ist während ich ihm den Rücken wandte?“
nicht ganz klar im Kopf, Leutnant.“
Er hatte die Frage kaum gestellt, als hinter ihm drei
„Richtig, richtig“, murmelte der Leutnant, als er-
Gestalten verschwanden. Wieder fuhr er herum, sah
innerte er sich an etwas. Er hob das Gewehr an die
die erneut gelichtete Reihe.
Schulter und drückte ab. Jake fiel zu Boden. Mit unbe-
wegter Miene lud der Leutnant die Waffe durch. Zen mußte sich auf die Lippen beißen, um die Auf-
merksamkeit des Leutnants nicht durch ein Lachen auf
„So lange Sie uns brauchen...“, begann Cal.
sich zu lenken. Es bereitete ihm höllisches Vergnügen,
„Jetzt brauchen wir euch nicht mehr“, erwiderte der einen asiatischen Offizier zu beobachten, der langsam
Leutnant. „Damit sieht die Sache anders aus, verstan- an seinem Verstand zu zweifeln begann. Die Blicke
den!“ des Leutnants richteten sich auf einen der Gefangenen,
„Klar“, nickte Cal. „Ist das aber ein Grund, ihn als wollte er ihn hypnotisieren. Der Mann hielt dem
gleich zu erschießen?“ Blick gelassen stand, aber zwei Schritte neben ihm
„Ich hatte das schon lange vor. Er war zu verrückt, war plötzlich wieder ein leerer Platz, wo eben noch
als daß man ihm hätte trauen können.“ ein Gefangener gestanden hatte.
„Jake hat euch hierhergeführt und sicher an den Zens Zunge fuhr über die trockenen Lippen. Er
verdammten Generatoren vorübergebracht“, erinnerte wußte, was den Leutnant erwartete, wenn Cuso zu-
Cal. rückkehrte. Auch der Leutnant schien sich über die
„Stimmt. Damit hat er seine Schuldigkeit getan und Folgen des Verschwindens der Gefangenen klar zu
konnte verschwinden. Worüber habt ihr beide gespro- sein. Aber er war machtlos. Sobald er einem Teil
chen?“ der Gefangenen den Rücken kehrte, lichteten sich die
Reihen auf unerklärliche Weise. Wieder und wieder
„Jake behauptete, ein Gesicht in der Luft gesehen
tauchte das Gesicht im Raum auf. Es schwebte dicht
zu haben“, erklärte Cal. „Ich sagte ihm, er sei verrückt
über dem Kopf des Leutnants, drehte und wendete sich
und solle den Mund halten.“
mit ihm und verschwand, sobald der Leutnant miß-
„War da ein Gesicht?“ trauisch in die Höhe blickte. Es war Zen klar, daß
„Ich habe nichts gesehen“, antwortete Cal. dieses Gesicht das Verschwinden der Gefangenen di-
Während Cal sich mit dem Leutnant unterhielt, rigierte. Zugleich mit dem Verschwinden einer Gestalt
beobachtete Zen einen unheimlichen Vorgang. Ihm stellte sich der helle, leise Ton ein, der jetzt fast klang,
schräg gegenüber stand ein Jüngling mit ausgebreite- als käme er von einer alten Geige.
ten Armen an der Wand. Er schien sich langsam in Zen fühlte, wie Schweiß sein Gesicht überströmte
ein Nichts aufzulösen. Wieder erklang der helle, hohe und von seinem Kinn auf die Brust tropfte. Er hat-
Ton, der erst endete, als der junge Mann völlig ver- te keine Erklärung für die Dinge, die um ihn gescha-
schwunden war. hen, und er fühlte, wie seine Gedanken sich zu verwir-
Der Leutnant schien mißtrauisch geworden zu sein. ren begannen, bis seine Nerven bis zum Zerreißen ge-
Seine Blicke wanderten über die Gefangenen, und er spannt waren. Panik drohte ihn zu überwältigen, aber
begann zu schlucken. „Verdammt“, murmelte er. „Wa- er wußte, daß eine unbeherrschte Bewegung sein To-
ren es nicht mehr?“ Er begann zu zählen und hielt, bei desurteil bedeuten konnte. So blieb er steif und starr
30 Sekunden Verzögerung 40

an seinem Platz, nicht einmal ein Muskel in seinem West hatte das letzte Wort noch nicht gesprochen,
Gesicht bewegte sich. als er unsichtbar wurde. Cuso stand vornübergebeugt,
Würde die geheimnisvolle Macht auch ihn unsicht- das Kinn war ihm herabgefallen. Der Leutnant richtete
bar machen? Wohin würde sie ihn führen? Gab es das sich auf die Knie und stammelte: „Das ist es! Genau
überhaupt, daß Wesen von Fleisch und Blut sich auf- so war es bei den anderen!“
lösen konnten, als wären sie nie vorhanden gewesen? Cuso schrie einen Befehl, und Zen fühlte sich ge-
Nur Nedra und er waren noch übriggeblieben, al- packt. Cuso trat mit dem Fuß nach ihm. Zen fühlte
le anderen waren der unheimlichen Magie gefolgt, die einen fürchterlichen Schmerz, der ihm für Sekunden
sie der Gewalt der Asiaten entzog. das Bewußtsein raubte.
Der Leutnant schien dem Wahnsinn nahe zu sein.
Schaum stand vor seinem Mund, als er heisere Wor- 13. Kapitel
te in Chinesisch und Englisch vor sich hinstammelte.
Wie ein Rasender lief er umher und blieb vor Nedra Er erwachte von einem anderen Schmerz und sah,
stehen, die Mündung seiner Waffe auf ihre Brust ge- daß die Asiaten ihm brennende Zündholzer unter die
richtet. Nägel geschoben hatten.
„Tse! Wo sind die anderen geblieben? „Wohin sind sie verschwunden?“ schrie Cuso. „Wie
Noten. Wohin sind sie verschwunden? Ich verlange haben sie es fertiggebracht?“
eine Antwort! Sprich!“
Zen schüttelte nur den Kopf; er wußte nicht mehr
„Ich weiß es nicht“, sagte das Mädchen mit klarer
als Cuso, aber es war sinnlos, das dem anderen klar-
Stimme und hob die Schultern.
machen zu wollen. So biß er die Zähne zusammen, ob-
„Du sollst sprechen! Cuso schlägt mir den Kopf ab, wohl er vor Schmerzen laut hätte schreien mögen. So
wenn er sieht, was geschehen ist.“ gut es ging, beobachtete er die Vorgänge in der Halle.
„Ich habe Ihnen gesagt...“, begann das Mädchen, Er sah, daß schwerbeladene Soldaten durch die Gän-
aber der Leutnant bohrte ihr den Gewehrlauf in den ge keuchten, und wußte, daß Cuso seine Beute in Si-
Magen. cherheit zu bringen begann. Zwei der Uniformierten
„Wenn du auch verschwindest, töte ich dich!“ Seine hatten ein Funkgerät in der Halle aufgebaut und stell-
Miene ließ keinen Zweifel, daß er seine Drohung ernst ten die Verbindung zum asiatischen Hauptquartier her.
meinte. Von draußen klang gedämpft das Rauschen eines Ra-
Nedra lächelte ihm zu — und verschwand. ketenschiffes in die Halle.
Der Finger des Asiaten krümmte sich zweimal um Der Funker richtete sich auf und gab eine Meldung
den Abzug. Donnernd hallten die Schüsse durch das an Cuso weiter. Cuso schien erleichtert und trieb seine
Gewölbe, klatschend schlugen die Kugeln in den Fels. Männer zur Eile an.
Zen ließ sich blitzschnell zu Boden gleiten. Er hatte „Beeilt euch! Wir haben nicht mehr viel Zeit, die
schon mehr Asiaten Amok laufen sehen und wußte, große Bombe ist im Anmarsch!“
daß ein Mann in diesem Geisteszustand nicht der Ver-
nunft zugänglich war. Zens Hoffnung sank auf den Nullpunkt. Er ahnte,
was geschehen war. Cuso hatte das Hauptquartier dar-
Der Leutnant schoß wild um sich, bis das Magazin
über informiert, daß der Gegner über alle Bewegungen
leer war. Er schob neue Patronen in die Kammer und
unterrichtet war, und das asiatische Oberkommando
schien dabei zur Besinnung zu kommen. Die Kugel,
hatte sich entschlossen, den Abschuß der Bombe vor-
mit der Zen gerechnet hatte, blieb im Lauf. Aber die
zuverlegen. Wahrscheinlich gab es nur noch eine Frist
Mündung der Waffe, noch heiß und rauchend, preßte
von wenigen Stunden.
sich in seinen Magen und zwang ihn, sich zu erheben.
In diesem Augenblick kehrten Cuso und West zu- Dann vernahm Zen wieder den Klang, der so lan-
rück. Der Leutnant warf sich zu Boden und begann ge geschwiegen hatte. Ein heller, singender Ton, der
zu winseln. Cuso hörte ihn mit verbissener Miene an, von einer Geige hätte stammen können, durchdrang
dann trat er mit dem Fuß nach ihm. die Halle. Zugleich erschien, knapp drei Meter über
dem Boden, das Gesicht von neuem. Der Leutnant feu-
„Es scheint, daß Ihre Leute verschwunden sind“,
erte sein Gewehr auf die Erscheinung ab, aber das Ge-
knurrte er West böse an. „Sie haben mich zum Nar-
sicht blieb und schien lächelnd zu sagen: „Schieß’ nur
ren gehalten. Wie konnte es geschehen? Los, raus mit
weiter, ich bin unverwundbar!“
der Sprache!“
„Haben Sie jemals vom Himmel gehört?“ fragte „Hör’ auf zu schießen, du Narr!“ zischte Cuso dem
West spöttisch. Leutnant zu. „Das ist kein wirkliches Gesicht, sondern
Cuso nickte verblüfft. „Was wollen Sie damit sa- ein Taschenspielertrick.“ Er wandte sich der Erschei-
gen?“ nung zu und fragte herausfordernd: „Wer bist du?“
„Meine Freunde haben es vorgezogen, sich dorthin Das Gesicht blieb stumm, aber es lächelte geheim-
zu begeben. Ich habe die Absicht, es ihnen gleichzu- nisvoll.
tun.“ „Ich frage dich — wer bist du?“ wiederholte Cuso.
41 TERRA

Statt einer Antwort erklang Poltern und metalli- „Ich — ich — verstehe Sie nicht“, sagte Zen ver-
sches Scheppern. Cuso fuhr herum und starrte auf wirrt.
den Soldaten, der, mit blitzenden Geräten beladen, oh- „Ich kann Sie dorthin versetzen“, erwiderte West.
ne ersichtliche Ursache zusammengebrochen war und „Aber dann bin ich ratlos. Zu meinem Bedauern ver-
reglos liegen blieb. stehe ich nichts von Krieg und Kampf.“
Zen schloß für Sekunden die Augen, als der bren- „Dorthin? Wovon sprechen Sie?“
nende Schmerz an Füßen und Händen unerträglich „Nach Asien. Dorthin, wo sie den Abschuß der
wurde. Als er wieder zu sich kam, herrschte Todesstil- Bombe vorbereiten.“
le um ihn. Cuso und seine Männer waren keine Gefahr „Nach Asien?“ wiederholte Zen ungläubig. Träum-
mehr für ihn. Sie waren dem Beispiel des zusammen- te er, war er noch vor Schmerzen besinnungslos und
gebrochenen Soldaten gefolgt und lagen schlafend am fieberte? Aber da waren die schlafenden Asiaten.
Boden. Nein, er träumte nicht, dies alles, Wests Worte waren
Schritte näherten sich, aus allen Gängen strömten Wirklichkeit!
die Bewohner des Berges in die Halle. Nedra kniete „Wie, um alles in der Welt, können Sie mich nach
neben Zen nieder und begann mit geschickten Hän- Asien versetzen?“ flüsterte er erregt.
den seine Verletzungen zu verbinden. Lächelnd blick- West antwortete mit einer Gegenfrage: „Wie sind
te West auf sie und Zen herab. wir aus der Halle verschwunden? Haben wir uns nicht
„Ihr Werk?“ fragte Zen und deutete auf die schla- unsichtbar machen können? Wie war es meinen Män-
fenden Gestalten. nern möglich, abstürzende Flugzeuge sicher zur Erde
West nickte. zu bringen? Wer brachte Oberst Grants Raumsatelliten
wieder in Bewegung und sorgte dafür, daß Grant von
„Danke!“ sagte Zen. „Ihre Hilfe kam zur rechten seinen Erlebnissen berichten konnte? Wer — wenn
Zeit. Eine andere Frage: Warum haben Sie mich nicht nicht wir!“
mitgenommen, als Sie und Ihre Freunde diese ungast-
„Grants Bericht ist mir bekannt. Wußten Sie das?“
lich gewordene Stätte verließen?“
„Es war selbstverständlich für mich.“
„Ich konnte nicht“, erwiderte West. „Es gehört eine
„Sie können mich also tatsächlich nach Asien trans-
Unterstützung durch den Betroffenen und ein gewis-
portieren?“
ses Training dazu, das Ihnen fehlte.“
„Sie und alle Männer, die mit Ihnen gehen wollen“,
„Beeilen Sie sich“, sagte Zen zu Nedra. „Es wird bestätigte West mit fester Stimme.
Zeit, daß wir etwas unternehmen. Sie wollen in Kürze Zen erhob sich. Er taumelte noch leicht, als er auf
die Bombe auf den Weg schicken. Gebe Gott, daß sie den Leutnant zutrat und dessen Waffe an sich nahm.
noch nicht gestartet ist!“ Dann wandte er sich an die Gruppe, die ihn umstand.
„Die Superbombe?“ fragte Nedra erschreckt. „Ist es „Wer geht mit nach Asien?“
wahr?“ Geschlossen traten die Männer und Frauen vor.
„Ich habe es mit eigenen Ohren gehört.“ Zens Kehle wurde trocken. Er wußte, was dieser Ent-
„Furchtbar“, sagte das Mädchen schaudernd. „Die schluß für die anderen bedeutete. Sie waren in der
Menschheit wird um Millionen Jahre zurückgeworfen Lehre der Gewaltlosigkeit erzogen worden, hatten den
werden. Wir werden wieder von vorn beginnen müs- friedlichen Weg in eine bessere Zukunft gesucht. Nun
sen — als Reptilien, als Wurm, als Ameise.“ waren sie, durch die Umstände gezwungen, bereit, ih-
Zen starrte West fragend an. “Was bedeutet das? re Prinzipien über Bord zu werfen. Ohne Zens Anord-
Was ist mit Nedra?“ nungen abzuwarten, machten sie sich daran, den schla-
fenden Soldaten die Waffen abzunehmen, dann nah-
„Nichts Außergewöhnliches“, erwiderte West men sie erwartungsvoll vor dem Oberst Aufstellung.
leichthin. „Sie hat das zweite Gesicht. Sie sieht Dinge Erst jetzt hatte Zen Gelegenheit, ihre Gesichter näher
voraus, die andere nicht einmal ahnen.“ zu betrachten.
“Die Bombe kann jeden Augenblick gestartet wer- Einer der Männer trat auf ihn zu und grüßte militä-
den“, wiederholte Zen verzweifelt. „Warum tun Sie risch. „Jimmie Thurman, Sir!“ meldete er, mit Stolz in
nichts?“ der Stimme.
„Ich bin schon dabei“, sagte West. „Das war einer Zen packte die Schulter des Mannes. „Jimmie Thur-
der Gründe, warum ich mich zu Ihrer Rettung ent- man? Ich denke, ich kenne Sie!“
schloß. Ich wollte mit Ihnen über die Bombe spre- „Wahrscheinlich, Sir“, grinste Thurman. „Ich habe
chen.“ Schlagzeilen in der Presse gemacht, wenn mich nicht
„Warum mit mir?“ entgegnete Zen. „Ich hatte mei- alles täuscht.“
ne Hoffnung auf Sie gesetzt.“ „Ein unbekanntes Wesen landete Ihre Maschine und
„Weil Sie Oberst in der Abwehr sind und Erfahrun- rettete Ihr Leben“, erinnerte sich Zen.
gen in dergleichen Dingen haben. Und weil Sie den „Stimmt genau, Sir!“
Kampf gewohnt sind, anders als wir.“ „Und dann — wurden Sie fahnenflüchtig.“
30 Sekunden Verzögerung 42

„Nennen wir es anders, Sir. Sagen wir besser, daß „Aber...“, begann Zen, doch das Mädchen schnitt
ich mich in eine neue Front einreihte.“ ihm das Wort ab.
„Wie kamen Sie hierher?“ „Kein aber! Die Tatsache, daß Sie mich lieben, hat
„Die Ärzte hielten mich für verrückt“, erklärte nichts mit der Aufgabe zu tun. Liebe steht auf ei-
Thurman schmunzelnd. „Daß ich hier bin, dürfte nem anderen Blatt, obwohl es wunderbar für mich
das Gegenteil beweisen. Ich habe mein Köpfchen ist, zu wissen, was ich Ihnen bedeute.“ Ihre Augen
gebraucht, Sir, den gesunden Menschenverstand. So schimmerten hell, als sie weitersprach: „Ich wünschte,
fand ich meine neuen Kameraden. Es war nicht allzu wir könnten erleben, was wir füreinander empfinden,
schwierig. Nicht mehr, als man von einem guten Sol- Kurt. Aber ich fürchte, daß diese Zeiten vorüber sind.
daten verlangen kann.“ Er lächelte in der Erinnerung, Meine Pflicht ist mir klar. Ich gehe mit Ihnen nach Asi-
wurde dann wieder ernst. „Ich stehe zur Verfügung, en.“
Sir!“ West beobachtete Nedra und lächelte verstehend.
„Sind Sie sich darüber klar, daß dieser , Einsatz den Zen hob die Hände und bekannte sich geschlagen. Er
Tod bedeuten kann?“ wandte sich an West und nickte ihm zu.
Wieder grinste Jimmie Thurman. „Der Tod ist „Zur Sache, West! Ich weiß nicht, wie Sie es ange-
nichts Neues für mich, Sir. Ich starb einmal bereits stellt haben, unsere Freunde in den Schlaf zu singen,
über dem Nordpol.“ und ich will auch nicht in Ihre Geheimnisse dringen.
Ein anderer Mann drängte sich neben Thurman. Aus der Tatsache, daß Sie den Leutnant in der Geister-
„Spike Larson!“ meldete er. stadt auf diese Weise außer Gefecht setzten, nehme ich
an, daß Sie einen tragbaren Generator benutzten.“
„Sie waren U-Boot-Kommandant“, sagte Zen
schnell, und seine Augen begannen zu funkeln. Thur- „Stimmt genau“, nickte West.
man und Larson, kampferprobte Männer würden an „Ich möchte mir ein solches Gerät von Ihnen lei-
seiner Seite sein! hen.“
„Ich sehe, Sie kennen meine Geschichte“, fuhr Lar- „Mit Vergnügen, Oberst. Es tut mir leid, daß ich
son fort. „Ich bin sicher, daß Sie mich nicht zurück- Ihnen keine anderen Waffen zur Verfügung stellen
weisen werden.“ kann.“
„Ich werde mich hüten“, lachte Zen. „Ich brauche „Keine Sorge, Ihr Gerät genügt mir vollkommen“,
jeden Mann, der eine Waffe bedienen kann.“ Seine erwiderte Zen. „Vor allem aber Ihre Fähigkeit, uns Zeit
Blicke wanderten über die Männer, die sich in seine und Raum überbrücken zu lassen. Eine wirksamere
Nähe drängten, und dann entdeckte er den Mann, den Waffe kann ich mir kaum vorstellen.“
er suchte.
Grant war in ein Gespräch mit West vertieft. Grants 14. Kapitel
Gesicht war das Gesicht, das den Soldaten in der Halle
erschienen war. Er bemerkte Zens forschenden Blick, „Null minus eine Stunde!“ dröhnte der Lautspre-
nickte West zu und ging auf Zen zu. cher in einem der zahllosen chinesischen Dialekte.
„Wie hat es Ihnen auf dem Satelliten gefallen?“ Die Ankündigung stachelte die Männer, die vor Er-
fragte Zen schmunzelnd. schöpfung kaum noch die Augen aufhalten konnten,
„Einsam wie in der Hölle, Sir“, erwiderte Grant. von neuem an. Sie arbeiteten in einer tiefen Höhle
„Wollen Sie mit mir nach Asien gehen?“ des asiatischen Hinterlandes, weit ab von allem, was
sie anregen und auf andere Gedanken bringen konn-
„Nirgends würde ich lieber hingehen. So, wie die
te. Tag und Nacht schufteten sie, nur von kurzen Ru-
Dinge liegen, haben wir keine andere Wahl. Wenn die
hepausen unterbrochen, um das Werk zu vollenden,
Bombe erst gestartet ist...“ Er brach ab, und sein Ge-
das Asien den endgültigen Sieg sichern sollte. Mit
sicht wurde ernst.
der Vollendung der Superbombe, mit ihrem Start wür-
Plötzlich stand Nedra vor Zen. Er war zu über- de die Asiatische Union sich zum Beherrscher der
rascht, um etwas zu sagen, schüttelte nur abweisend Welt aufschwingen. Die letzten Befehle hatten den
den Kopf. Abschuß als unmittelbar bevorstehend angekündigt.
„Warum nicht?“ fragte sie herausfordernd. „Warum „Null minus fünfundvierzig Minuten!“ sagte der
darf ich nicht mit Ihnen gehen?“ Sprecher. Die Stimme des Offiziers, der das Vorrücken
„Weil ich Sie liebe“, sagte Zen einfach. des Uhrzeigers beobachtete, hatte etwas von ihrer
„Gerade darum sollte ich an Ihrer Seite sein.“ Spannung verloren, obwohl die Arbeit noch nicht be-
„Das verstehe ich nicht.“ endet war. Streng genommen, waren so viele Vorberei-
„Wenn Sie zu spät kommen, wenn Sie Ihr Ziel nicht tungen zu treffen, daß den Arbeitern und Technikern
erreichen, gibt es kein Morgen“, sagte sie. „Vergessen kaum Zeit zum Atmen blieb.
Sie nicht, daß ich als Krankenschwester ausgebildet Der Atomsprengkopf war bereits montiert. Die An-
bin. Wenn es Verwundete gibt, werden Sie Hilfe brau- triebsaggregate waren komplett, es fehlte ihnen nur
chen.“ noch der Treibstoff. Die Steuerorgane standen kurz
43 TERRA

vor der Vollendung, nur das linke Gyroskop mußte höchste Luftströmungen einen tödlichen Regen radio-
noch angebracht werden. Fünf Techniker bemühten aktiver Partikelchen über das ganze Land verstreuen
sich darum, das empfindliche Instrument zu montie- würden.
ren. „Null minus zehn Minuten!“
„Null minus dreißig Minuten!“ Der helle, singende Ton einer Geige war in der rie-
Das Gyroskop ruhte in seinen Lagern und wurde er- sigen Höhle zu vernehmen, aber niemand achtete auf
probt. Der leitende Ingenieur meldete einwandfreies ihn, da er im Geräusch eilender Füße und klirrenden
Funktionieren. Metalls fast unterging. Der erste Asiat, der seiner Wir-
In einem anderen Raum saßen die Wissenschaftler kung zum Opfer fiel, war ein dicker Ingenieur. Er stieß
und berechneten den Kurs. Windrichtung , und Wind- einen langen Seufzer aus, breitete die Arme und sank
geschwindigkeit mußten berücksichtigt werden für ein langsam zu Boden, wo er reglos liegenblieb. Einer
Gebiet, das einen halben Planeten umspannte. Diese der bewaffneten Posten sah es, lief zu dem Bewußt-
Berechnungen waren für Start und Landung der Bom- losen und riß das Gewehr von der Schulter. Mit einem
be wichtig, sie spielten keine Rolle, sobald das Ge- schnellen Blick überzeugte der Posten sich davon, daß
schoß die Atmosphäre verlassen hatte. der Ingenieur schlief. Ein Schuß peitschte durch die
Das Ziel war einwandfrei bestimmt worden. Genau Halle, und schon mußte sich der Posten einem zwei-
genommen, war die exakte Festlegung kaum erforder- ten Mann zuwenden, der ebenfalls der unerträglichen
lich, denn jeder Teil des amerikanischen Kontinentes Müdigkeit nachgegeben hatte.
bot sich als Zielscheibe an. Traf die Bombe irgendwo Ein Techniker, der damit beschäftigt war, die Tanks
im Gebiet des Missisippitals, so würden die zahlrei- der Bombe mit Treibstoff zu füllen, war das dritte Op-
chen Flußarme radioaktives Wasser mit sich führen, fer. Es gelang ihm noch, den Verschluß aufzuschrau-
mit allen furchtbaren Folgen, die das für die Menschen ben, dann schlössen sich seine Augen, und er sank
des Landes haben mußte. gähnend zu Boden.
„Null minus fünfzehn Minuten!“ Ein Offizier stürmte in den Raum, blickte sich ver-
In der Nähe des Berges, in dessen Tiefe die Bombe wirrt um.
entstand, war ein Observatorium errichtet worden, das „Schlafgas!“ schrie er. „Erhöhte Wachsamkeit! Al-
allein dem Zweck dienen sollte, den Lauf der Bom- le Fremden, alle Verdächtigen sind sofort zu erschie-
be zu verfolgen. Ein Heer von Wissenschaftlern brüte- ßen!“
te über Tabellen und blitzenden Instrumenten. In die- Mißtrauen schlich sich zwischen Arbeiter, Techni-
sem Gebäude gab es keine Posten, die, wie im Berg, ker und ihre Bewacher. Jeder belauerte jeden, Schüsse
die Menschen zur Arbeit antrieben, aber die Männer fielen in immer schnellerer Folge, je mehr Männer sich
in den weißen Mänteln brauchten keine Antreiber. Sie der Müdigkeit nicht zu erwehren vermochten. Panik-
wußten, was sie erwartete, wenn die Bombe ihr Ziel stimmung kam auf, in der sogar Posten aufeinander
verfehlte, und man den Fehler bis in ihre Arbeitsräu- schössen, ohne verhindern zu können, daß schließlich
me verfolgen konnte. auch der letzte Mann seinem überwältigenden Schlaf-
Was aber würde sich ereignen, wenn die Bombe ihr bedürfnis nachgegeben hatte.
Ziel fand? Als Kurt Zen die Halle betrat, ruhte die Arbeit, Gra-
Die Hölle würde sich auftun, auf Meilen würde die besstille herrschte in dem weiten Gewölbe. Pulver-
Erdkruste aufbrechen, Meteorkrater, wie es sie in Ari- rauch hing in der Luft.
zona gab, würden lächerlich winzig wirken gegen den
Aber die Bombe hing startbereit in der haushohen,
Krater, den die Bombe geschaffen hatte. Hiroshima
komplizierten Vorrichtung; der Teil des Berges, durch
und Nagasaki würden kleine Feuerwerke im Vergleich
den sie in den Weltraum geschleudert werden sollte,
dazu sein. Es bestand die Möglichkeit, daß das ge-
hatte sich darüber geöffnet.
schmolzene Magma des Planeten hervorbrechen und
alles unter sich ersticken würde. Wo jetzt Berge sich „Scheint, daß wir noch zur rechten Zeit gekommen
erhoben, konnte ein riesiger See flüssiger Lava er- sind“, sagte eine Stimme neben Zen. Er wandte den
scheinen. Kopf und erkannte Larson, der verwundert das Durch-
einander in der Halle musterte. „Sieht aus, als hätten
Die von der Detonation der Bombe ausgehende
sie begonnen, sich gegenseitig umzubringen“, mur-
Druckwelle würde wahrscheinlich stark genug sein,
melte er verständnislos. „Verstehen Sie das? Sind die
um jeden Wolkenkratzer in Amerika einstürzen zu las-
Leute plötzlich verrückt geworden?“
sen, der bisher die kriegerischen Ereignisse überstan-
den hatte. Traf die Bombe das Gebiet eines der zahl- „Ich hätte nichts dagegen, wenn es so wäre“, erwi-
reichen Nebenflüsse des Mississippi, so war damit zu derte Zen.
rechnen, daß die Wasserversorgung aller Städte bis „Alles in allem, war die Reise durch das Nichts
New Orleans durch Radioaktivität verseucht würde. auch nicht gerade ein Vergnügen“, fuhr Larson fort.
Welche Wirkungen die Detonation sonst haben wür- „Dagegen war die Fahrt auf einem U-Boot ein Sonn-
de, konnte man nur ahnen. Feststand, daß hohe und tagsausflug.“
30 Sekunden Verzögerung 44

Zen mußte dem anderen recht geben. Vielleicht hat- müsse einer unmittelbaren Lebensbedrohung begeg-
te es hauptsächlich daran gelegen, daß man ihnen kei- nen. Obwohl sein Zögern nur den Bruchteil von Se-
ne Zeit gelassen hatte, sich auf diese Reise vorzube- kunden dauerte, entschied es über Leben und Tod.
reiten, sich zu aklimatisieren. West hatte sie vor ein „Schießen Sie!“ befahl Zen, aber es war schon zu
geheimnisvolles Instrument geführt, das der Aufmerk- spät. Der Asiate hob den Arm, legte einen rotgestri-
samkeit Cusos entgangen war. Zen, Grant, Larson und chenen Hebel um. Zusammen mit dem Schuß, der
Thurmann hatten ein sonderbares Summen in ihren den Asiaten zu Boden warf, erklang ein dumpfes Ge-
Gliedern gespürt, dann hatte West auf einen Knopf ge- räusch, als ein Mechanismus innerhalb der Raketen-
drückt, und die Umgebung hatte sich in ein Nichts auf- hülle zu arbeiten begann.
gelöst. Als die Männer wieder zu sich kamen, schweb- „Zurück!“ schrie Nedra entsetzt auf. Sie griff nach
ten sie bereits im Weltraum, unter sich das Nichts, das Zens Arm und zog ihn mit sich, Grant und Lar-
sich in die Unendlichkeit zu erstrecken schien. son folgten mit schreckensbleichen Gesichtern. Das
Bin leises Sirren erklang, dicht neben Zen und Lar- dumpfe Dröhnen in der Rakete wurde stärker und stär-
son kam Grant aus dem Weltraum und nahm wieder ker, es teilte sich dem steinernen Boden mit, der wie
Gestalt an. Sein Gesicht trug einen verblüfften Aus- unter einem Erdbeben zu zittern begann. Rauch und
druck, aber seine Hände umklammerten immer noch Flammen zischten aus dem unteren Ende der Rake-
das Gewehr, das er einem von Cusos Soldaten abge- te, unerträgliche Hitze zwang Nedra und die Männer,
nommen hatte. sich an die gegenüberliegende Wand zurückzuziehen.
„Unter uns gesagt, ich würde lieber jeden Tag wie- Dann zündete der erste Treibsatz, das schwere Ge-
der auf einen Satelliten fliegen, als noch einmal diese schoß begann an der Abschußvorrichtung zu rütteln,
unheimliche Fahrt durch das Nichts zu machen“, mur- es schien, als geriete der ganze Berg in Bewegung.
melte er Zen zu. Mit donnerndem Getöse löste sich die Rakete und
stieg durch die breite Öffnung im steinernen Gewölbe
. „Ganz Ihrer Ansicht“, nickte Zen. „Aber der
dem Himmel entgegen, einen riesigen Feuerschweif
Zweck ist erreicht — wir sind an Ort und Stelle!“
hinter sich herziehend, der noch gegen die Helligkeit
Während er noch sprach, tauchte Nedra hinter ihnen des Tages stand, als das Geschoß längst den Blicken
auf. Sie lächelte und sah so frisch aus, als sei sie so- der Menschen entschwunden war.
eben dem Bad entstiegen. Zeh wunderte sich über ihre „West!“ keuchte Zen atemlos und wiederholte sei-
eisernen Nerven. nen Ruf, der einem Todesschrei , nicht unähnlich war.
„Was nun?“ fragte Larson. „Eigentlich brauchen „Ich höre Sie, Kurt!“ Die Antwort Wests kam au-
wir sie nur alle zu fesseln. Es ist fast zu schön, um genblicklich, seine Stimme war so klar, als befände er
wahr zu sein!“ sich nur wenige Meter entfernt, obwohl er den ameri-
„Allerdings“, sagte Zen mit schmalen Lippen. „Ich kanischen Boden nicht verlassen hatte.
traue dem Frieden nicht.“ Er fühlte die Gefahr, die ih- „Wir haben verloren“, sagte Zen müde.
nen immer noch drohte, aber er wußte nicht, wo er sie „Ich weiß.“ Wests Stimme war voller Traurigkeit,
finden könnte. zum erstenmal erwies sich, daß auch West menschli-
„Halt!“ Es war Grants Stimme, die Zens Kopf her- chen Empfindungen zugänglich war.
umfahren ließ. „Holen Sie Ihre Leute zurück!“
Einer der Asiaten hatte sich erhoben und taumelte „Sofort, Kurt!“
schwankend auf ein riesiges Schaltbrett zu, das sich „Mich als letzten, West!“
zu Füßen der Rakete befand. „Warum ausgerechnet Sie als letzten?“
„Ein Schlafwandler“, murmelte Larson. „Es ist meine Pflicht! Fragen Sie nicht, setzen Sie
„Sehen Sie nur, wie wackelig er auf den Beinen ist!“ Ihren Wunderapparat in Betrieb!“
„Gut, ich fange an.“
„Null minus eine Minute!“ kam in diesem Augen-
Zen wandte sich an die Männer, die ihn umstanden,
blick die metallische Stimme aus den Lautsprechern.
und sagte: „Es geht nach Hause, bereitet euch vor!“
Grants Blicke irrten über Wände und Decke des „Was sollen wir zu Hause?“ fragte Spike Larson dü-
Raumes. „Wo, zum Teufel, ist das Mikrofon ange- ster.
bracht?“ fragte er verblüfft. „Was soll diese Ansage?“
„In einer Stunde gibt es für uns kein Zuhause
Der Asiate setzte seinen Weg unbeirrt fort. Er er- mehr“, fügte Grant hinzu. „Oder in dreißig Minuten,
reichte das Schaltbrett, starrte es an, als sähe er es je nachdem, wie lange die Bombe braucht, um ihr Ziel
nicht, preßte die Fäuste stöhnend gegen seine Schlä- zu erreichen. Es ist Unsinn, zurückzukehren.“
fen. „Wir werden unser Land und unser Leben neu auf-
„Soll ich schießen, Oberst?“ fragte Grant und hob bauen“, widersprach Zen heftig.
das Gewehr. „Womit aufbauen?“ fragte Larson.
Zen zögerte. Er erinnerte sich der Bitte Wests, je- „Etwas wird übrigbleiben. Ihr alle habt lange ge-
de Gewaltanwendung zu vermeiden, es sei denn, man nug unter der Erde gelebt. Ihr könnt weiterkämpfen,
45 TERRA

Kinder zeugen und dafür sorgen, daß die menschliche Ein Geräusch erklang hinter Zen. Er drehte sich um
Rasse nicht ausstirbt.“ und starrte auf den Posten, der mit unsicheren Schrit-
„Sie reden Papier“, sagte Jimmie Thurman spöt- ten auf ihn zukam. Langsam hob der Mann das Ge-
tisch. wehr an die Schulter.
„Jetzt, Kurt! Viel Glück!“ kam die Stimme Wests.
„Ich sehe Ihnen an, daß Sie etwas anderes vorha-
Als der Schuß krachte, fühlte Zen, wie sein Körper
ben“, rief Nedra. „Sie wollen uns loswerden, weiter
in die Unendlichkeit emporgehoben wurde. Schmer-
nichts!“
zen durchzuckten ihn, jeder Nerv seines Körpers schi-
„West, holen Sie Ihre Leute zurück!“ wiederholte en gegen die ungeheure Beschleunigung zu revoltie-
Zen seine Aufforderung. „Sie meutern. Holen Sie sie ren. Zens Herz aber jubelte. Sein Leben zählte nicht
zurück, vor allem Nedra, bevor sie anfängt, meine Ge- mehr, wohl aber das von Millionen Menschen, die oh-
danken zu lesen.“ ne sein Wagnis vernichtet werden mußten.
„Ich tue, was ich kann“, antwortete West. „Sie wis- Leise, dann immer deutlicher, vernahm er ein don-
sen, daß das Gerät erst auf die körpereigene Frequenz nerndes Röhren und öffnete die Augen. Er sah Metall
eingesteuert werden muß.“ blitzen, sah Flammen und einen Nebelschein. Knapp
„Sie haben etwas vor“, wiederholte Nedra. „Ich fünf Meter neben ihm flog die asiatische Superbombe!
weiß es, ich...“ Weiter kam sie nicht. Von einer Se- Aber West kam ihr nicht näher, Wests Berechnungen
kunde zur anderen war sie verschwunden. mußten einen winzigen Fehler enthalten.
„Tut mir leid, ich habe mich verrechnet“, kam in der
Zen atmete auf und lächelte, obwohl er sich des Ein-
gleichen Sekunde die Stimme Wests. „Ich werde ver-
druckes nicht erwehren konnte, daß Nedra ihn in die-
suchen, Ihren Kurs zu berichtigen, kann aber nicht mit
sem Augenblick mit wenig schönen Namen belegte.
Bestimmtheit sagen, ob es mir gelingen wird.“
Hinter ihm bewegte sich eine der bisher schlafenden
Gestalten. Es galt, keine Zeit mehr zu verlieren. Von allen Seiten schienen Ströme auf Zen einzu-
dringen, die an seinen Muskeln un3 Nerven zerrten,
„Zen, raus mit der Sprache — was haben Sie ausge- eine eisige Faust umklammerte sein Herz. Verzweifelt
heckt?“ wollte Grant wissen. rang er nach Atem, glaubte das Bewußtsein zu ver-
„West, holen Sie Grant als nächsten!“ befahl Zen. lieren. Dann geschah das Wunder — er befand sich
Grant wollte protestieren, aber wurde unsichtbar, hinter der metallenen Hülle der Rakete!
bevor er das erste Wort gesprochen hatte. In schnel- Der Geruch verbrannten Öls stieg in seine Nase.
ler Reihenfolge traten die restlichen Männer die Reise Beim Versuch, sich vorwärts zu bewegen, stieß er
durch den Weltraum an, und Zen war allein in der rie- mit dem Schädel gegen Metall. Er öffnete die Au-
sigen Halle. gen, blickte sich um. Er befand sich in einer winzigen
Kammer, die ihn von allen Seiten so fest umschloß,
Der Asiate, der sich bewegt hatte, war bereits auf
daß er sich nicht bewegen konnte. Er versuchte sich
den Beinen und blickte sich mit funkelnden Augen
zu befreien, aber die unnachgiebigen Wände preßten
um. Er taumelte auf einen der bewaffneten Posten zu
ihm den Atem aus der Brust. Plötzlich spürte er ei-
und half ihm aufzustehen.
ne Hand an seiner Schulter, die ihn aufwärts zog. Ver-
“Sie sind alle hier“, kam die Stimme Wests aus wei- blüfft starrte er in Nedras Gesicht, das ihm ermunternd
ter Ferne. „Sind Sie jetzt bereit?“ zulächelte.
„Ja“, nickte Zen und deutete nach oben. „Aber ich „Sie?“ fragte Zen verwundert. „Nedra — du?“
reise in anderer Richtung — dort hinauf!“ „Wer sonst hätte das Recht, in diesem Augenblick
„Kurt!“ Wests Stimme klang ungläubig, als er Zens bei dir zu sein?“ fragte sie zurück, während sie ihre
Worte begriff. „Überlegen Sie es sich noch einmal. Anstrengungen verstärkte.
Diese Bombe ist kein Düsenpassagierflugzeug!“ Plötzlich waren seine Schultern frei, mit einem
„Ich muß es versuchen. Es wird genug Luft in der energischen Schwung zog er sich zu dem Mädchen
Hülle sein, um mich solange am Leben zu erhalten, hinauf.
daß ich mein Werk vollenden kann.“ Die Rakete dröhnte und röhrte, ihr metallener
Rumpf ächzte in allen Fugen. Zen fühlte, wie sich die
„Die Bombe fliegt mit immer größerer Beschleuni-
Richtung änderte, er wußte, daß das Geschoß auf sei-
gung! Sie ist ein bewegliches Ziel, ich weiß nicht, ob
nem Scheitelpunkt angelangt war und nun auf das vor-
es mir gelingt...“
berechnete Ziel zufiel.
Zen unterbrach den anderen. „Keine Ausrede, West! Sekunden zählten. Zen kauerte neben Nedra vor ei-
Auch Jimmie Thurmans Flugzeug war ein bewegli- ner Vielzahl von verwirrenden Instrumenten, Hebeln
ches Ziel, ebenso Grants Satellit und Larsons U-Boot. und Schaltern. Durch ein winziges Fenster erkannte er
Ich weiß, daß Sie es ermöglichen können. Los, trans- tief unten die Erde, einen grün und blau schimmern-
ponieren Sie mich in die Rakete!“ den Punkt, der noch unendlich weit entfernt schien.
„Gut! Auf Ihre Verantwortung, Zen! Halten Sie sich Zen zwang sich zur Ruhe und versuchte zu erraten,
bereit!“ welchem Zweck die einzelnen Instrumente dienten.
30 Sekunden Verzögerung 46

Zuerst galt es die Betätigung für die Gyroskope zu fin- zu müde, einem Phantom nachzujagen. Es kostete ihn
den, aber als er sie entdeckte und die Rakete in die ungeheure Anstrengung, die Lippen zu öffnen.
Unendlichkeit des Weltraums schicken wollte, wo sie „Was ist geschehen, Sam? Wo bin ich?“
keinen Schaden anrichten konnte, mußte er feststellen,
„Zurück auf der Erde, Kurt. Was hatten Sie erwar-
daß die Steuerorgane auf die Betätigung nicht anspra-
tet?“
chen. Zen lachte auf, verzweifelt, mit verzerrten Lip-
pen. Nedra blickte ihn entsetzt an. „Aber ich habe doch — der rote Knopf — Nedra
„Was gibt es?“ war bei mir...“ Wieder verwirrten sich Zens Gedanken.
„Alles vergebens“, murmelte Zen. „Die Gyroskope „Sie haben nicht geträumt“, lächelte West und legte
sind fest eingestellt, sie lassen sich nicht verändern.“ seine Hand auf die fieberheiße Stirn Zens. „Aber Sie
„Wir können den Kurs also nicht ändern?“ hatten Glück. Der rote Knopf diente tatsächlich der
„Nein.“ Auslösung der Detonation. Allerdings mit einer Ver-
zögerung von dreißig Sekunden. Ich habe verdammt
Zens Blicke fielen auf ein anderes Instrumenten-
geschwitzt, um Sie und das Mädchen in dieser kurzen
brett zu seiner Linken. In der Mitte dieses Brettes
Zeit herauszubekommen.“
leuchtete ein roter Knopf. Zen riß das Brett herab,
prüfte den Verlauf der Leitungen und Kabel, die von „Die Bombe ist also explodiert?“ fragte Zen.
dem roten Knopf ausgingen. Dann blickte er Nedra an, „Vor genau zehn Minuten“, nickte Sam West. „Mit-
und sie las in seinen Augen, daß er die Lösung gefun- ten im Weltraum, wo sie niemandem schadete. Begrei-
den hatte. fen Sie, was das bedeutet?“
„Also doch Rettung?“ fragte sie leise. Zen schüttel- Zen war plötzlich hellwach und richtete sich auf.
te den Kopf. „Ja“, erwiderte er. „Ich weiß es. Ich werde leben und
„Rettung für die da unten, nicht aber für uns. Der ro- zu denen gehören, die alle Kräfte für den Bau einer
te Knopf erlaubt die Auslösung des Atomsprengkop- besseren Zukunft einsetzen.“
fes mit der Hand. Wahrscheinlich eine Vorrichtung,
„Sie? Nur Sie allein?“ fragte West und zwinkerte
die man anbrachte, um das Funktionieren ohne den
Zen zu.
Sprengkopf zu erproben. Wir müssen es tun, Nedra,
wir haben keine andere Wahl!“ „Nedra! Wo ist sie?“
Sie nickte, hob ihm das Gesicht entgegen. „Ich „Im Raum nebenan“, erwiderte West. „Gesund und
möchte dich vorher etwas fragen, Kurt“, sagte sie, und unverletzt, nur noch ein wenig schwach. Sie brauchen
Röte überflutete ihre Züge. sich keine Sorgen um sie zu machen.“
„Du brauchst nicht zu fragen. Ich liebe dich, Ne- „Gut“, nickte Zen, „sehr gut. Ein Leben ohne Nedra
dra!“ — nein!“ Er starrte wieder in das zerfurchte Gesicht,
Sie drängte sich an ihn, bis sie in seinen Armen lag, das ihm so nahe war. Und plötzlich wußte er, wonach
und küßte ihn. „Nun ist alles gut, Kurt. Ich bin bereit!“ seine Gedanken kurz zuvor vergeblich gesucht hatten.
Ohne seine Lippen von den ihren zu lassen, griff Die Erinnerung war da, klar und deutlich.
Zen hinter sich und preßte den roten Knopf hinab. „Sie sind nicht Sam West“, sagte er.
Ein Relais schnappte. Ein Lächeln umspielte die Lippen des anderen.
Dann wurde es dunkel. „Nicht? Wer bin ich dann?“
„Sie sind Ja! Jonnor. Niemand als Jal Jonnor hätte
*
all die Wunder vollbringen können, an denen Sie uns
Als die Dunkelheit sich nach einer Ewigkeit lich- teilnehmen ließen.“
tete und dem hellen Tag wich, starrte Zen in das be- „Sie haben recht, Kurt“, nickte der Mann mit dem
sorgte Gesicht Sam Wests. Etwas an diesem Gesicht zerfurchten Gesicht. „Ich bin Jal Jonnor. Und Sie sind
war ihm vertraut und versuchte, seine Gedanken in ei- Kurt Zen. Und nebenan wartet Nedra auf Sie. Ich hof-
ne bestimmte Richtung zu lenken, aber er fühlte sich fe, Sie werden glücklich miteinander!“

ENDE

„TERRA“ - Utopische Romane Science Fiction - erscheint wöchentlich im Moewig-Verlag München 2, Türken-
straße 24 Postscheckkonto München 13968 - Erhältlich bei allen Zeltschriftenhandlungen. Preis je Heft 60
Pfennig. Gesamtherstellung: Buchdruckerei A. Reiff & Cie., Offenburg (Baden). — Für die Herausgabe und
Auslieferung in Österreich verantwortlich: Farago & Co., Baden bei Wien.
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Anzeigenverwaltung des Moewig-Verlages: Mannheim R 3, 14 Zur Zelt Ist Anzeigen Preisliste Nr. 4
vom 1. Mal 1959 gültig

Printed In Germany

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