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D IESES E -B OOK IST NICHT ZUM V ERKAUF BESTIMMT !

Sternvogel

TERRA - Utopische Romane


Band 298

von JÜRGEN VOM SCHEIDT

Diese e-Book besteht zu 100% aus chlorfrei gebleichten, recyclebaren, glücklichen Elektronen.
Sternvogel 4

Wir diskutieren ...

Die Seite für unsere TERRA Leser

Liebe TERRA-Freunde!

Viele von Ihnen mögen sich jetzt wundern, daß wir plötzlich unsere übliche Anrede: Liebe TERRA-
Freunde! abgeändert haben.
Dieser Änderung liegt ein tieferer Sinn zugrunde: Wir wollen ganz eindeutig damit zum Ausdruck
bringen, daß diese Diskussionsseite das Forum für die Leser aller SF-Erscheinungen des Verlages
darstellt. (Eine Einrichtung von Diskussionsseiten oder Leserspalten bei anderen SF-Reihen läßt
sich aus mannigfaltigen Gründen leider nicht durchführen!)
Doch wer TERRA liest, liest ja auch größtenteils die anderen SF-Erscheinungen des Moewig-
Verlages — und auch die des Heyne-Verlages, dessen Publikationen ebenfalls bei TERRA ange-
kündigt werden, da MOEWIG und HEYNE bekanntlich Schwesterfirmen sind.
Wir gestatten uns daher, das allererste bei uns eingegangene Leserurteil über die in den Heyne-
Taschenbüchern zweimonatlich erscheinenden und überall im Buch- und Bahnhofsbuchhandel er-
hältlichen Story-Sammlungen aus dem amerikanischen MAGAZINE OF FANTASY AND SCIENCE
FICTION nachfolgend abzudrucken.
So schreibt Lothar Schenk, ein TERRA- und PERRY-RHODAN-Leser aus Ludwigshafen, u.a.:
„Die hervorragenden Kurzgeschichten der ersten zwei Bände (SATURN IM MORGENLICHT,
Heynebuch 214, und DAS LETZTE ELEMENT, Heynebuch 224) haben mich schon zu einem be-
geisterten Fan dieses Magazins gemacht.“
Inwieweit sich aber diese Story-Kollektionen aus dem literarischsten aller SF-Magazine bei uns
durchsetzen werden, das hängt nicht zuletzt von Ihrer Unterstützung ab. (Bei GALAXIS fehlte
seinerzeit diese einhellige Unterstützung aller SF-Freunde, so daß der Verlag bedauerlicherweise
nicht mehr als 15 Nummern herausbringen konnte.)
Wir hoffen und wünschen nun — schon allein im Interesse einer gehobenen SF — daß F & SF,
wie das Magazin in den USA genannt wird, das bei uns noch immer herrschende Vorurteil gegen
die Story als „inadequate literarische Aussage“ bald überwunden haben möge.
In diesem Sinne verabschiedet sich für heute

Die SF-Redaktion des


Moewig-Verlages
Günter M. Schelwokat
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1. Richtungen in das Gebäude führten. Hinter den durch-


sichtigen Wänden gafften Tausende von Angestellten
Licht. und preßten ihre Augen gegen die Scheiben, während
LÄRM! ihre Arbeitsgeräte im sinnlos gewordenen Rhythmus
Schmerzende Farben und Laute. weiterhämmerten.
Heulend und kreischend wälzte sich die entfesselte „Aufhören!“ heulte Tes Dayen. „Aufhören... hö-
Menge auf ihn zu. Immer größer und furchterregen- ren... ren“, hallte es durch die leeren Gänge, und in
der wurden die wesenlosen Gebilde — Zahlen, vio- den Schächten rollte das Echo und schreckte das Haus
lette Achter, dickbäuchige, aufgequollene Nullen und aus seiner geschäftigen Ruhe.
lila Zweien. Alle mit verzerrten Masken, aus denen ei- Dann stürzte das Robotergehirn R 17, und es stürzte
ne unfaßbare Dämonie sprach. Schrie! Schrie! und stürzte... Seine Beine versagten ganz einfach den
Ein Heer von Zahlen hatte Gestalt angenommen Dienst, und mit ausdruckslosem Gesicht, aus dem al-
und raste jetzt auf grotesken Beinen gegen ihn an. ler Schrecken gewichen war, fiel er hin.
Grelle Blitze zuckten und ließen Schreckenswesen ei- Bald hatte sich ein enger Kreis blasser Menschen
ner Albtraumlandschaft zu einem Chaos explodieren. um die leblose Gestalt versammelt. Sie wagten nicht,
Doch das Auf-ihn-Zustürzen hielt an. Neue Zah- sie zu berühren.
lenungeheuer formten sich aus dem Gewirr, die mit
„Platz! Macht Platz für den Arzt!“ riefen einige, die
vermehrter Geschwindigkeit auf ihn herabstießen. Mit
weiter hinten standen und sich über diese Tatsache är-
Fratzen, die noch wilder, noch dämonischer grinsten.
gerten. Sie wollten hinter dem Mann mit der Instru-
Und dann stand im Hintergrund das Robotergehirn mententasche in den Kreis der Gaffer drängen, wur-
auf, reckte sich drohend, wuchs ins Unermeßliche. den aber zusammen mit den bereits vorne Stehenden
R 17 von einigen Bewaffneten, die im Laufschritt durch den
Und dann kippte das Robotergehirn nach vorne Gang eilten, beiseite geschoben.
über, und im Fallen begannen die unzähligen leuchten- Dr. Jageh kniete sich schnell nieder, öffnete das
den Birnchen auf der Vorderseite zu blinken. Sie dreh- Hemd des Reglosen und horchte mit dem Stetophon
ten sich schneller und schneller, wurden zu schmer- die Herztöne ab. Das gleichzeitig auf dem Oszillo-
zenden Feuerrädern, die sich auf ihn stürzten. graphen auf- und niederflatternde EKG zog rasch die
R 17 Aufmerksamkeit der zurückgedrängten Zuschauer auf
„Aufhören“, rief Tes Dayen und sprang hoch. Der sich.
schwere Ledersessel fiel nach hinten um. Befremdet „Er lebt. Herzanfall. Und wahrscheinlich totaler
blinzelte der doppelköpfige Miraner. Nervenzusammenbruch.“ Diese Worte des Arztes wa-
„Aber wir dachten, Sie seien an Handelsbezie- ren eigentlich nur für Direktor Arlagon bestimmt, der
hungen mit uns interessiert! Der jährliche Abbau an inzwischen ebenfalls schnaufend angekommen war.
Schwermetallen der drei Triaden beträgt tatsächlich Aber die Umstehenden nahmen es begierig auf und
zur Zeit zwei Megatonnen und wird im Laufe der gaben es nach hinten weiter.
nächsten Jahre noch wesentlich gesteigert werden“,
„Aber es war ja auch Wahnsinn — wie kann ein
lispelte Links, während Rechts sein gelbes Faunge-
Mensch, selbst ein Mensch von solchem Format, für
sicht geistesabwesend in einem unmöglichen Winkel
zwei Wochen die koordinierende Arbeit eines Rechen-
verdrehte.
automaten übernehmen!“
„Aufhören!“ schrie Tes Dayen. Gehetzt sprang er
„Aber er hat es geschafft“, sagte Arlagon mit be-
hinter dem gläsernen Pult vor, dessen Rand er eben
legter Stimme, und die Herren Bebel und Bogoban
noch in ohnmächtiger Wut und Verzweiflung umklam-
stimmten ihm eifrig zu.
mert hatte, und stürmte auf die Wand des Raumes zu.
Höhnisch flackerte das Kontrollbirnchen, als die Foto- „Die Interstellar ist gerettet“, hieß es. Das war über-
zelle seine Annäherung bemerkte, und die unsichtbare trieben, denn die Gesellschaft hatte sich in keiner aku-
Tür verschwand in dem seitlichen Schlitz. ten Gefahr befunden, drückte aber doch irgendwie die
„Was hat er nur?“ sagte Links. „Diese Erden- Besorgnis und jetzt die Erleichterung aller aus. Sie
menschen sind ein eigenartiges Volk.“ wußten genau, daß ohne Tes Dayen eine so gewalti-
ge Institution wie die Interstellare Handelsgesellschaft
Tes Dayen stürmte durch den hohen Gang, der sich
undenkbar war.
endlos vor ihm öffnete. Auf beiden Seiten saßen hinter
gläsernen Wänden Männer und Frauen an der Arbeit. Endlich kamen die Sanitäter mit der Schwebebahre
Sie blickten von ihren Buchungsmaschinen hoch und und trugen Dayen davon.
schauten neugierig der Gestalt im golddurchwirkten Die mächtigen Radiosender funkten es hinaus zu
Anzug nach, die, wild gestikulierend und unverständ- den Sternen: „Tes Dayen... Herzanfall... Nervenzu-
liche Laute ausstoßend, vorbeirannte. sammenbruch...“
Keuchend erreichte er die Kreuzung, von der aus
gläserne Korridore und Schwebeschächte nach allen 2.
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„Nun, wie fühlen Sie sich?“ fragte Dr. Jageh einige Aber wozu erzähle ich Ihnen das.“
Wochen später, als er sich neben dem Bett Dayens in „Bitte, erzählen Sie weiter“, ermunterte ihn der
einen Sessel niederließ. Arzt. Aber Dayen ging nicht weiter aus sich heraus;
„Danke“, sagte Dayen leise, „ich fühle mich, wie er zog sich wieder in die Reserviertheit zurück, die er
man sich nach Heilschlaf, nach vielen heißen Bädern für Augenblicke verlassen hatte.
und all den anderen Bemühungen um meine so kost- „Was raten Sie mir, was ich tun soll, um mich richtig
bare Persönlichkeit nur fühlen kann: gesund und mun- zu erholen, um richtig auszuspannen von dieser ewi-
ter.“ gen Tretmühle?“ fragte er schließlich.
„Zufrieden.“
„Das ist, oberflächlich betrachtet, keine schwere
Eine steile Falte erschien auf seiner Stirn. „Ja, aber Frage. Säße ich an Ihrer Stelle, dann würde ich mir
was ist mit...“ eines dieser schnittigen Interstellar-Schiffe nehmen,
„Alles in bester Ordnung, Herr Dayen“, beruhig- einen kleinen Forschungskreuzer oder eine Phantom-
te ihn der Arzt. „Das Elektronengehirn arbeitet schon kugel, und auf Abenteuersuche gehen, auf die Jagd
seit langem wieder. Die Interstellar hat bei dem gan- nach dem Glück unter dem Licht ferner, unerforsch-
zen Vorfall nicht den geringsten Verlust erlitten, wie ter Sonnen. Und vielleicht auf die Suche nach einer
mir Direktor Jan Arlagon neulich mitteilte. Und der Lebensgefährtin, die ebenbürtig ist.
Handelsvertrag mit Mira wurde auch abgeschlossen.“
Aber das kommt für Sie ja nicht in Frage“, setzte er
„Mira? Ich erinnere mich. Die Schwermetallminen, gleich darauf bedauernd hinzu.
nicht wahr?“
Fast traurig schüttelte sein Gegenüber den Kopf.
Dr. Jageh nickte. „Direktor Arlagon sprach davon.
„Sie haben ganz recht: Für mich kommt das nicht in
Seltsame Wesen, diese miran’schen Doppelköpfe; ich
Frage. Schließlich bin ich Tes Dayen, der Nachfolger
sah sie neulich auf offener Straße nach Art der frühe-
des großen Hannibal Dayen, und bin Erbe und Skla-
ren Mohammedaner ihr Morgengebet verrichten, mit-
ve der Interstellaren Handelsgesellschaft, des größten
ten im Verkehr. Eine bemerkenswerte Kultur, die sich
Privat-Unternehmens der bekannten Galaxis und der
dort draußen im All, auf einem für frühere Begriffe un-
gesamten menschlichen Geschichte. Ich stehe über ei-
endlich weit entfernten Planeten, entwickelt hat. Völ-
ner Stadt mit sechzig Gebäuden, in der einige hundert-
lig unabhängig von uns.
tausend Menschen fünfzig Robotergehirne mit Daten.
Wußten Sie, daß ihre Metaphysik, ihre Auffassung versorgen, die die Geschicke einer halben Milchstra-
von religiösen und philosophischen Dingen stark der ße berechnen. Und wenn eines dieser Gehirne ausfällt,
chinesischen Form des Buddhismus ähnelt? Auch die muß ich, der große Tes Dayen, Supermann aus Presti-
Miraner glauben an eine Art Nirwana, in das der gegründen, die koordinierenden Funktionen überneh-
Mensch erst gelangt, wenn er sich völlig aufgibt, wenn men, weil ich zufällig der Mann mit dem höchsten In-
er völlig zum Nichts wird.“ telligenzquotienten bin, den die Menschheit zur Zeit
„Doch, dies war mir bereits bekannt“, sagte Dayen besitzt.
etwas geistesabwesend. Nach einer geraumen Weile Was Sie mir da verschreiben, Dok, ist unmöglich.
sagte der Arzt unvermittelt: „Herr Dayen, Ihnen fehlt Ich bin der Mann, der mit einem einzigen Befehl
etwas. Ihnen fehlt ein Mensch, der sich um Sie küm- ganze Planeten und Rassen wirtschaftlich ruinieren
mert, der Ihnen zur Seite steht, wenn es hart auf hart oder zu höchster Blüte bringen kann. Und da soll ich
geht. Wie kürzlich. so selbstverständlich ein Raumschiff nehmen und auf
Ich drücke mich vielleicht etwas ungeschickt aus — Sternenfahrt gehen, wie es jeder junge Mann mit etwas
aber Ihnen fehlt einfach eine Frau! Jahraus, jahrein le- Vermögen tut? Und soll eine Frau heiraten und Kin-
ben Sie nur Ihrer Arbeit.“ der haben, die niemals meine Erben werden können,
Dr. Jagehs Stimme nahm einen fast beschwörenden weil die Statuten der Gesellschaft in weiser Voraus-
Ton an, als er weitersprach. „Herr Dayen, Sie selbst sicht verlangen, daß nur der Mensch mit dem jeweils
werden es vielleicht nicht so sehr merken, aber die höchsten Intelligenzquotienten Leiter der Interstellar
geistige Höhe, auf der Sie stehen, hat Sie von Ihrer werden darf?
Umwelt, getrennt. Und auf die Dauer werden selbst Was bleibt mir da schon übrig, als zu resignieren?“
Sie trotz aller erdenklichen. Vorsichtsmaßnahmen die-
sen Zustand der teilweise sogar gewollten Einsamkeit Wieder war Stille in dem Raum.
nicht ohne Schaden aushalten.“ „Lassen Sie mich bitte allein, Doktor.“
„Eine Frau für mich?“ Sinnend schloß Dayen die Dr. Jageh wollte das Fenster beim Hinausgehen
Augen. „Wissen Sie, Doktor, ich möchte keine von, schließen, aber Dayen bat ihn, es offen zu lassen. Dann
den unzähligen Frauen haben, die mir wegen meines war er allein Kurz vor dem Einschlafen huschte noch
Reichtums, wegen meiner besonderen Stellung in der ein Gedanke wie ein Irrlicht durch seinen Kopf, ein
Stufenleiter menschlicher Intelligenz oder was weiß verrückter und doch irgendwie angenehmer Gedan-
ich weswegen nachlaufen. Sie werden das verstehen. ke. „... ich würde an Ihrer Stelle ein Schiff nehmen
Meine Frau... und auf Abenteuersuche gehen; auf die Jagd nach dem
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Glück unter dem Licht ferner Sonnen, und vielleicht seine diesbezügliche Frage war eine Lüge gewesen;
auf die Suche nach einer Frau...“ das hatte er an seiner, wenn auch nur sehr geringfügi-
Und aus dem „Ich würde...“ des Arztes formte seine gen Unsicherheit erkannt.
Sehnsucht ein „Ich werde!“ Aber warum log er?
Ob es ein Trauma war, ein Überbleibsel jener psy-
* chosomatischen Erschütterung, von der er sich end-
lich zu erholen begann? Er hatte ihm da neulich eine
Wie eine Stahlfeder schnellte der Körper aus der Idee in den Kopf gesetzt. Deutlich erinnerte sich Dr.
Beuge, streckte sich zum Zehenstand. Die Rechte stieß Jageh an seine eigenen Worte, die sich, wie das ganze
weit vor und entließ dann die schimmernde Kugel, gab Gespräch damals, unauslöschlich in ihm eingegraben
ihr mit gespreizten Fingern den letzten Schwung. In hatten.
weitem Bogen flog die Kugel durch die Luft und lan- „Das ist keine schwierige Frage“, hatte er geant-
dete mit einem matten Geräusch in der Sandgrube. wortet. „Säße ich an Ihrer Stelle, dann würde ich mir
Befriedigt dehnte sich Dayen unter den Lichtfluten eines der schnittigen Interstellar-Schiffe nehmen und
der Sonne, die als flirrende Scheibe hoch am Firma- auf Abenteuersuche gehen, auf die Jagd nach dem
ment stand. „Bald zwanzig Meter, nicht schlecht!“ rief Glück unter dem Licht ferner Sonnen.“
Dr. Jageh bewundernd. Dayen drehte sich um. Es konnte doch schlecht möglich sein, daß der
„Hallo, Dok, Sie sind’s. Ja, so langsam komme ich große Tes Dayen mit einem IQ von 184 diesen plötz-
wieder in Form. Auch ein Supermann muß etwas für lichen Einfall seines Hausarztes verwirklichen wollte?
seine Kondition tun. Nur der Hundertmeterlauf... Ha- Immerhin — so ausgeschlossen war das nicht.
ben Sie noch niemand gefunden, der mit mir läuft? Ich Geistesabwesend kaute Dr. Jageh an einem Zweig
möchte gerne an die neun Sekunden herankommen.“ herum, den er von Dayens Hecke gerissen hatte.
„Nein, Trainingspartner habe ich noch keinen — „Ich werde ihn selbst fragen“, sagte er schließlich
aber etwas anderes!“ Aus einer seiner weiten Mantel- zu sich selbst. Er wollte schon die Rufanlage betäti-
taschen fischte der Arzt ein kleines Buch und hielt es gen. Unschlüssig zog er die Hand zurück. Ein solches
Dayen hin, der es erfreut entgegennahm. Wunschbild würde den Heilungsprozeß nur fördern,
„Ah, die ,Grundlagen des Hyperraumfluges’! Wo auf der anderen Seite konnte es durchaus möglich sein,
haben Sie das nur aufgetrieben, ohne daß jemand et- daß Dayen von diesem Wunschbild wußte und als ein-
was bemerkt hat? Normale Sterbliche bekommen so zigen Ausweg aus dem psychologischen Dilemma die
etwas doch niemals, nur Raumpiloten und Astrogato- baldige Verwirklichung ansah. Er traute Dayen eine so
ren.“ weitgehende Selbstanalyse ohne weiteres zu.
„Nachdem niemand davon erfahren sollte, muß- Doch wie er den Fall auch drehte und wendete —
te ich mich ziemlich anstrengen, um es zu bekom- ihm wurde nur noch unbehaglicher zumute. Er konnte
men. Aber hier ist es.“ Und mit etwas unsicherem Lä- es einfach nicht zulassen, daß Dayen seinen Posten bei
cheln sagte er weiter: „Eine Frage nur — warum diese der Interstellar im Stich ließ. Er mußte diese Verant-
Heimlichtuerei? Und weshalb wollten Sie die ,Grund- wortungsflucht verhindern, mußte sie aber so verhin-
lagen...’ überhaupt haben?“ dern, daß die notwendige Zerstörung des Wunschtrau-
„Ach, ich möchte nur meine Kenntnisse etwas auf- mes möglichst wenig Schaden bei dem fast geheilten
frischen. Und es braucht schließlich nicht jeder zu wis- Patienten anrichtete.
sen, daß der große Tes Dayen auch nur ein Mensch „Ich werde Raleigh benachrichtigen. Die Direkto-
ist.“ ren sind unzuverlässig, denn sie werden nichts mehr
„Der Nimbus des Übermenschen könnte sonst begrüßen als ein Verschwinden des ,Supermannes’!
Schaden erleiden“, lachte der Arzt verständnisvoll. Er Diese Narren“, brummte Dr. Jageh nachdenklich. Die
verabschiedete sich bald und ließ Dayen allein. Der Direktoren würden es dann fertigbringen, das so sorg-
warf nur einen kurzen prüfenden Blick in den letzten fältig ausgewogene Reglement der Gesellschaft so
Abschnitt des Buches und klappte es, vergnügt pfei- weit abzuändern, daß sie selbst mit ihrem weitaus
fend, zu. Die notwendigen Tabellen mit den Sprung- geringeren Intelligenzquotienten die Oberhand be-
daten für die Greggnor-Raumschleusen waren glück- kämen. Unmöglich. Der einzige, dem er vertrauen
licherweise dabei. konnte, war Dayens Privatsekretär. Der würde auch
einen Ausweg wissen.
Mit einem vielsagenden Grinsen hob er die Kugel
auf und trug sie zurück. Entschlossen ging er zu seinem Wagen und rief den
Sekretär an.
* „Hallo, Doktor!“ grüßte dieser vom Bildschirm.
„Wie geht es unserem Patienten? Ich wollte gerade
Vor Dayens Grundstück blieb Dr. Jageh eine Weile weggehen. Was bedrückt Sie denn?“
grübelnd stehen. Was wollte sein Patient nur mit die- „Ich habe einen Verdacht, der einigen Wind machen
sem astronautischen Handbuch? Dayens Antwort auf dürfte, wenn er bekannt würde.“ Ein knapp gehaltener
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Bericht informierte den immer unruhiger werdenden „Na schön, versuchen wir es mit Azel. Vielen Dank,
Sekretär über die Überlegungen, die Dr. Jageh ange- Raleigh.“
stellt hatte. „Keine Ursache. Das gehört zu meinen Pflichten.
„Das klingt gefährlich“, sagte Raleigh besorgt. Wiedersehn.“
„Wenn das stimmt, was Sie eben berichtet haben, „Wiedersehn.“
müssen wir schleunigst etwas unternehmen, ehe Herr Trotz des Gesprächs war Dr. Jageh um keine Spur
Dayen Dummheiten macht.“ leichter zumute. Raleigh hatte noch eine weitere Sor-
„Bitte, Raleigh, überstürzen Sie nichts. In erster Li- ge zu allem, was ihn seit Dayens Zusammenbruch
nie geht es mir darum, daß die Genesung meines Pati- schon zusätzlich belastete. Und beide wußten sie, daß
enten, die ja durch dieses Wunschbild nur gefördert das Problem keine hundertprozentige Lösung gefun-
werden kann, nicht unterbrochen wird. Wenigstens den hatte.
solange nicht, bis ihn die Vereitelung seiner — mir
durchaus verständlichen — Pläne nicht mehr in ein be- *
reits überwundenes Stadium seiner Krankheit zurück-
wirft. Gerade jetzt, wo die Raumfahrtkrise ihren Hö- Tes Dayen verließ sein Haus, um in den etwas ruhi-
hepunkt erreicht, wo im Parlament Bestrebungen im geren Straßen der mittäglichen Dayenstadt spazieren-
Gange sind, den Verkehr zu den Sternen noch mehr zugehen. Im Abstand von mehreren hundert Metern
einzuschränken, kann sich die Interstellar einen sol- folgte ihm ein unauffällig gekleideter Mann. Den Te-
chen Rückschlag nicht leisten; einmal ganz von den leskopaugen des Beschatters entging keine Bewegung
verheerenden Folgen für Herrn Dayen abgesehen. des unbesorgt dahinschlendernden Fußgängers.
Tes Dayen ging in eines der wenigen Kinos. Weit
Kurzum: Nichts darf einen Rückschlag herbeifüh-
hinter ihm saß ein unauffälliger Mann und beobachte-
ren. Ein nochmaliger Zusammenbruch von dieser Grö-
te ihn die ganze Zeit sehr aufmerksam.
ßenordnung... Auch meiner Kunst sind Grenzen ge-
setzt!“ Tes Dayen ging nach Hause und schrieb Gedich-
te. Von der großen Rosenhecke verborgen, stand Azel
„Aber warum will er alles im Stich lassen?“ Ratlos und beobachtete ihn.
kaute Raleigh auf seiner Unterlippe.
Überall, wo Dayen ging und stand, war der Roboter
„Es würde zu weit führen, wenn ich Ihnen den Azel um ihn und paßte auf.
Hintergrund seiner Träume auseinandersetzen wollte. Dayen merkte nichts davon. Wenn er auch mit so
Aber glauben Sie mir — er hat allen Grund dazu, sol- etwas rechnete.
che Maßnahmen zu ergreifen. Und ich beginne mehr
und mehr einzusehen, daß es eine Schande ist, einen *
solchen Menschen mit Gewalt wieder in die Ketten zu
legen, aus denen er sich gerade zu befreien beginnt.“ Eine Woche später war es endlich soweit. Dr. Ja-
„Glauben Sie mir, Jageh, ich kann Ihnen nachfüh- geh hatte ihn gerade zum letzten Male untersucht und
len, was Sie denken, aber hören wir davon auf; das mußte jetzt bereits draußen auf der Straße sein. Dayen
führt zu nichts. Wir sind uns darüber einig, daß Dayen hatte nicht erraten können, was hinter der Stirn des
gerade zu diesem Zeitpunkt unmöglich verschwinden Arztes vorging, dazu hatte er sich zu gut in der Gewalt.
darf. In dieser Krisenzeit genügt es, wenn seine Person „Sie haben mir Sorgen gemacht, Herr Dayen“, hatte
hier ist, auch wenn er noch nicht handeln kann. Lassen der Doktor gesagt. „Aber nächste Woche sind Sie wie-
Sie ihn weitere zwei Wochen außer Amtes sein — und der völlig in Ordnung. Es fehlen eigentlich nur noch
wir haben den schönsten Hexenkessel.“ fünfzig Gramm zum errechneten Normalgewicht, die
„Sie haben recht, Raleigh. Er darf es einfach nicht; Sie bei Ihrem prächtigen Appetit auch noch bewälti-
obwohl sich alles in mir gegen diesen Wahnsinn gen werden. Dann wird es Zeit, daß ich mich erhole.“
sträubt. „Dann bin ich also völlig geheilt“, hatte Dayen
sachlich festgestellt.
Was schlagen Sie vor?“
Draußen heulte jetzt der Turbomotor des schwe-
„Was halten Sie davon, wenn ich ihn durch Azel be- ren Arztwagens auf. Dayen warf einen letzten Blick
schatten lasse? Das ist mein neuer Hausroboter. Herr in sämtliche Räume, überlegte noch, ob er nicht dies
Dayen kennt ihn noch nicht, er ist erst seit drei Tagen oder jenes mitnehmen sollte. Relen... Könnte er den
bei mir.“ Roboter nicht gebrauchen? Vielleicht wäre er unter
„Das ist schön und gut. Wir lassen ihn beschatten. Umständen eine nützliche Hilfe. Er überlegte kurz Für
Aber wie soll es dann weitergehen?“ und Wider und schickte dann die treue Maschine bis
„Azel ist ein Roboter, er braucht keinen Schlaf und auf Widerruf „schlafen“. In diesem Zustand konnte sie
muß nie Zeit für Essen verschwenden. Er kann Herrn bleiben, bis er sie bei seiner Rückkehr wieder brauch-
Dayen Tag und Nacht beschatten. Und dann? Ja, dann te.
müssen wir beide im richtigen Augenblick am rechten Ja, wollte er denn überhaupt wieder zurück? Dieser
Ort sein und die rechten Worte finden.“ Gedanke war ihm in solcher Deutlichkeit noch nicht
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zu Bewußtsein gekommen. Ach was. Er mußte erst Es war dieselbe Person. Langsam schlenderte der als
einmal hier heraus. Mit einem innerlichen und äußer- Rentner verkleidete Roboter hinterher; er folgte in den
lichen Ruck zerriß er alles, was ihn noch mit dem U-Schacht, stieg ebenfalls auf das Expreßband. Und
Hier verband. Eine Handlung, die er damit bekräftigte, verhielt sich abwartend. Als die vierte Station vorbei-
daß er der Haustür befahl, bis zu seiner Rückkehr nie- huschte und Dayen sitzenblieb, wurde er aufmerksam.
manden einzulassen. Schwere Panzerplatten rutschten Seine Relais schalteten unhörbar, veranlaßten die Au-
über die Fenster, überall im Innern der Villa traten gen, die folgenden Stationsbezeichnungen mit denen
Sperrkreise in Aktion, und binnen Sekunden hatte sich zu vergleichen, die zu dem von Raleigh aufgestellten
das eben noch so friedliche Gebäude in eine unein- Sperrbezirk gehörten.
nehmbare Festung verwandelt. „Achtung! Hier spricht Azel. Herr Raleigh, Herr
Dayen nähert sich dem Gebiet des Raumhafens. Er
* ist soeben in den Sperrbezirk eingetreten“, funkte er
gleich darauf über die von dem Sekretär angegebene
Indessen parkte vor der nächsten Straßenkreuzung Welle.
Dr. Jageh. Was würde Dayen als nächstes tun? Die lä- „Bleib hinter ihm und berichte laufend weiter“, kam
cherliche Woche, in der er sein Normalgewicht errei- nach kurzem Überlegen die Antwort.
chen sollte, war nur ein kleiner Aufschub für Raleigh „Soll ich mich Herrn Dayen weiter nähern?”
und ihn.
„Gut, versuche zu sehen, was er macht.“
Das astronautische Büchlein, das er ihm verschafft „Herr Dayen schreibt in ein Notizbuch von grüner
hatte, trug Dayen ständig bei sich; soviel hatte der Farbe.“
Arzt feststellen können. Dr. Jageh fühlte sich in seiner
„Du liebe Güte, er schreibt Gedichte! Es ist gut,
Rolle als Privatdetektiv gar nicht wohl; ebensowenig
Azel, versuche, dich ihm noch ein Stück zu nähern,
wie Raleigh. Denn auf ihnen ruhte die Verantwortung,
ohne daß er Verdacht schöpft.“ Die Verbindung wurde
wenn etwas schiefging. Sie hatten es nicht gewagt, au-
wieder unterbrochen. Vorsichtig rutschte Azel ein we-
ßer Azel einen dritten zu Rate zu ziehen; und das ge-
nig näher zu der Bank. Seine überempfindlichen Ohr-
nau war es, was Dayen beabsichtigt hatte.
mikrophone hörten, was der Mann leise vor sich hin-
Ein leichter Schlag gegen die Windschutzscheibe murmelte.
und eine große Gestalt, die ihren Schatten auf ihn
„... in die Wirbelwolken. Wallendes Dunkel...“
warf, ließen ihn aus seinem Brüten aufschrecken. Es
war ein Polizist, der ihm mit seinem Gummiknüppel *
unmißverständlich klarmachte, daß er zu nahe an der
Kreuzung parkte. Sonnenglast wirft Flammenspeere In die Wirbel-
Dr. Jageh grüßte und fuhr rasch los. Er hatte, weiß wolken.
Gott, andere Sorgen, als sich mit einem Polizisten zu Wallendes Dunkel...
streiten. Wallendes Dunkel... Im Dunst einer chlorreichen
Luft, in einem abgrundlosen Dschungel regte sich das
3. Leben. Nacht kommt. Aber das Leben will zum Licht.
Der dämmernde Verstand sucht nach einer Lösung.
Dayen vergewisserte sich, daß niemand in der Nähe Wallendes Dunkel allein war nicht gut genug.
war, der ihn hätte erkennen können, und schlenderte Wallendes Dunkel...
gemächlich zum nächsten U-Schacht. Sich von seinem Darkstok. Noch zwei Haltestationen bis zum Ziel.
Chauffeur direkt zum Hafen fliegen zu lassen, war ihm Dunkel. Wallendes... Da war es:
trotz aller Unbekümmertheit doch etwas zu riskant.
Wallendes Dunkel
Er fühlte sich wunderbar leicht, so wie nie zuvor in Lastet
seinem Leben. Es war, als habe er eine schwere Last
Und dann regte es sich in der feuchtheißen Düster-
abgeschüttelt.
nis einer Urwelt.
Die Gleitbänder waren fast leer. Geschickt wechsel-
Kriechend
te er vom langsamsten zu den schnelleren hinüber, bis
Schlingend
er schließlich mit fünfzig Stundenkilometern auf dem
Expreßband durch den lichterfüllten Tunnel glitt, der Suchendes Steigen
sich nach vorne und nach hinten in einer gelblich-weiß Zitterndes Weben im Wind
gleißenden Scheibe verlor. Tes Dayen stellte sich Pflanzen vor. Seltsame Lebe-
wesen wie die sirianischen Grilos, die sich um Baum-
* stämme schlingen und nach oben streben.
Solstan. Noch eine Station. Der Anblick des großen,
Azel verglich das Bild des Mannes, der aus diesem ruhig strahlenden Leuchtschildes hatte ihn sofort wie-
Haus kam und die Straße hinunterging, mit dem Bild der in die Wirklichkeit zurückgerufen. Aber konnte
Tes Dayens, das seine Gedächtniszellen speicherten. sich ihm noch einmal für eine Minute entziehen.
11 TERRA

* Auch er wußte natürlich von den Gerüchten, die seit


Wochen umliefen, und betrachtete den athletisch ge-
Dr. Jageh traf, von Raleigh benachrichtigt, fast bauten Besucher, dem er das erstemal in seinem Leben
gleichzeitig mit dem aufgeregten Sekretär am Eingang gegenüberstand, verstohlen von der Seite. Wenn die
des Raumhafens ein, wo bereits Azel geduldig auf sie Gerüchte von jenem Nervenzusammenbruch wirklich
wartete. auf Wahrheit beruhten, so merkte man davon wirklich
„Ich konnte nicht schneller hier sein, bei diesem nichts mehr.
Verkehr“, keuchte er entschuldigend. „Wo ist Dayen?“ Mit einem schnellen Blick erfaßte der späte Besu-
cher das Rund der riesigen Raumschiffshalle.
„Schnell, Doktor. Ich habe soeben noch erfahren,
Sie war jetzt fast leer. Von den nahezu hundert
daß er einen Piloten umkommandiert hat. Er will den
Raumkugeln, die hier ihren Liegeplatz hatten, waren
,Sternvogel’ nehmen, unser bestes Schiff!“
nur sieben im Hafen; alle arideren befanden sich auf
„Warum ist Azel ihm nicht gefolgt?“ Fahrt.
„Sie haben ihn nicht hineingelassen, und Gewalt „Sie sind allein hier?“ fragte er den Werkmeister,
darf er nicht anwenden.“ der geduldig auf seine Befehle wartete. Ein eifriges
Diese Worte wechselten sie, während sie bereits auf Nicken war die Antwort.
das Eingangstor zurannten, gefolgt von dem Robo- „Kann ich den ,Sternvogel’ sehen?“
ter, der höflich darauf aufmerksam machte, daß Herr „Sie haben Glück, daß er noch hier ist — heute mit-
Dayen soeben durch die Wache gegangen sei. tag sollte er zum Aldebaran starten. Aber der Pilot
Am Tor versperrten ihnen zwei Soldaten mit dem wurde für eine andere Aufgabe abkommandiert. Hat
Abzeichen der Interstellar-Marine in automatischem man mir gesagt.
Pflichtbewußtsein den Weg. „Halt! Die Passierschei- Wenn Sie mir bitte folgen würden...“
ne bitte!“ rief der eine, während der andere das Tor Sie stiegen auf ein Gleitband über, das sie rasch in
schloß. einem weiten Bogen zum gegenüberliegenden Ende
des unterirdischen Hangars führte. Dort stand einsam
„Lassen Sie uns durch! Der Mann, der eben passiert
und verlassen eine Raumkugel, die sich schon allein
ist, möchte ein Raumschiff stehlen!“
durch ihre außergewöhnliche Farbe von den übrigen
„Machen Sie sich nicht lächerlich. Das war Tes unterschied.
Dayen, wenn Ihnen der Herr ein Begriff sein sollte.“ Während jene in einem unpersönlichen Grauton ge-
Raleigh wurde wütend. „Eben deshalb! Lassen Sie halten waren, strahlte der „Sternvogel“ ein intensives
uns doch schon durch. Ich bin Dayens Privatsekretär, selbstleuchtendes Purpur aus, das ihm etwas wahrhaft
und das hier ist sein Arzt!“ Königliches verlieh. Der Name zog sich, immer und
„Tut mir leid. Ohne Passierschein darf ich Sie nicht immer wiederholt, in einem meterhohen Schriftband
hereinlassen. Das hier ist kein offizieller Eingang. Die um den Äquator des Schiffes, nur von dem Bild eines
Passagiereingänge liegen auf der anderen Seite.“ majestätischen Vogelwesens unterbrochen.
Dr. Jageh fluchte. „Mein Gott, welch ein Schiff“, flüsterte Dayen. Sie
standen am Rande der Galerie und blickten hinunter
„Wachhabender — können Sie uns nicht über das
auf die rötlich schimmernde Kugel.
Hauptbüro identifizieren lassen, wenn Ihnen unsere
Der Werkmeister mußte Dayens letzte Bemerkung
Personalausweise schon nicht genügen? Es ist wirk-
gehört haben. „Ja, es ist das schönste Schiff, das mir
lich dringend“, schlug Raleigh verzweifelt vor. Der
je begegnet ist. Wenn Sie daran interessiert sind, zeige
Soldat blickte ihn abschätzend von oben bis unten an.
ich Ihnen das Schiffsinnere.“
Dann brummte er:
. „Danke, nicht nötig. Ich kenne die Pläne. Fahren
„Von mir aus. Wird aber eine Weile dauern. Ich muß Sie mir den ,Sternvogel’ bitte ins Freie. Ich möchte
erst den UvD verständigen. Und auf keinen Fall darf anschließend einen kleinen Probeflug machen.“
der Roboter ’rein.“ Wie der Soldat Azels Herkunft ent-
„Einen Probeflug?“ stotterte der Werkmeister. „Ja-
deckt hatte, blieb den Männern ein Rätsel. Sie waren
wohl. Bitte sehr. Aber der Alte Mann... der Alte Mann
froh, daß sie wenigstens einen möglichen Weg gefun-
ist noch nicht an Bord!“
den hatten. Dabei war jede Sekunde so kostbar. End-
„Den Alten Mann werde ich nicht brauchen.“
lich wurden sie in den Wachraum geführt.
„Jawohl. Bitte sehr. Ich werde ihn ins Freie brin-
gen.“ Gehorsam trat er an eine der vielen Schaltta-
* feln, die rings an der Galeriebrüstung verteilt waren.
Unten summte geschäftig ein Motor, kam auf Touren;
„Guten Abend, Herr Dayen.“ Relais schalteten sich ein; ein rotes Birnchen flammte
Der Werkmeister machte eine linkische Verbeugung dreimal kurz auf. Mit einem leichten Ruck setzte sich
vor dem sagenhaften Mann, der überraschend zu solch die purpurne Raumkugel in Bewegung und glitt auf
später Stunde und an einem für ihn so ungewöhnlichen singenden Schienen zur Mitte des Hangars. Weichen
Platz aufgetaucht war. klickten fast unhörbar und leiteten das Schiff auf die
Sternvogel 12

Aufzugplattform. Innerhalb von Augenblicken war sie Auf einem Transportband glitt er auf das Ziel seiner
mit dem Lift den Augen der beiden Männer nach oben Wünsche zu, das ihn mit aller Macht anlockte.
entschwunden. Dann stand er unter dem Schiff. Der unsichtbare
„Dort ist der nächste Schwebeschacht. Ich würde Traktorstrahl zog ihn in die Schleuse. Mit traumwand-
Sie gerne nach oben begleiten, Herr Dayen, aber der lerischer Sicherheit strich seine Rechte über den gelb
fällige Frachter der Sol-Wega-Linie muß jeden Au- leuchtenden Punkt an der Wand — unhörbar schlossen
genblick eintreffen, und dort hinten kommen meine sich die Segmente der Schleuse. Eine weitere spieleri-
Leute schon.“ sche Geste über einer anderen Leuchtzelle öffnete die
„Es ist gut. Vielen Dank für Ihre freundliche Füh- Tür zum Schiffsinneren. Er ging voller Spannung hin-
rung und Wiedersehn.“ Etwas verlegen drückte der ein, durchquerte den kurzen Gang und öffnete eine an-
Mann die dargebotene Hand und murmelte verwirrt dere Tür.
einen Gruß. Aber Dayen hörte ihn nicht mehr; seine Die Zentrale. Ein kleiner, von freundlichem Licht
Gedanken waren bereits woanders. erfüllter Raum tat sich auf. Er trat ein. Zwei, drei
Blicke genügten zur Orientierung.
* Weich und nachgiebig war der Pilotensessel.
Ein Wink — rote, gelbe, orange Birnchen erwach-
Abgehetzt liefen Dr. Jageh und Raleigh in die riesi- ten zu buntem Leben. Die indirekte Beleuchtung, die
ge unterirdische Schiffshalle, in der ganz am anderen aus den Wänden selbst kam, wurde um einige Nuan-
Ende der „Sternvogel“ lag. Suchend überflogen sie das cen heller. Ein wohltuendes grünlichgelbes Licht er-
weite Rund. Dann sahen sie, wie der Purpurschimmer hellte die Kabine bis in die letzten Winkel.
des gesuchten Schiffes sich wie durch Geisterhand be- Ein Knopf, zwei Schalter: Milchig erst, dann durch-
wegte, langsam durch die Halle wanderte und nicht sichtig wurden die Wände. Das lebendige Treiben
weit von ihnen in einem Aufzug verschwand. eines Raumhafens erschien in einem mannigfaltigen
„Schau’n Sie doch bloß!“ riefen beide wie aus einer Durcheinander.
Kehle den Soldaten zu, die im gemütlichen Trab nach- Dayens Blicke wanderten weiter. Auf einer breiten
kamen. „Da fliegt der ,Sternvogel’ dahin. Und das dort Plattform stieg, wie ein Ungeheuer aus vergangenen
hinten muß Dayen sein, wenn er nicht schon an Bord Zeiten, ein schwarzer Raumschiffkoloß aus den un-
ist. Warum hat uns bloß keiner geglaubt!“ „Das ist ja ergründlichen Tiefen der unterirdischen Hangars. Die
unglaublich! mächtigen Strahlröhren, die auf der ihm zugewand-
Aber Moment mal — er muß noch in der Halle sein. ten Seite gähnten, verrieten ihm, daß es sich um ein
Sonst hätte er mit dem Schiff nicht den Lift, sondern Experimentierschiff handelte. Wenn er sich recht er-
den Flugschacht benutzt. Dort drüben!“ innerte, war es die „Chromok“, das erste Schiff, das
Jetzt bewiesen die beiden Soldaten, daß sie doch man anstelle der Levlon-Rohre mit dem sagenhaften
noch etwas anderes konnten als nur Wache stehen. Der Thormann-Antrieb ausgerüstet hatte.
eine trug ein Funkgerät bei sich, mit dessen Hilfe er Nein — auch der „Sternvogel“ hatte diesen An-
sofort eine Verbindung zum Sicherheitsbüro herstell- trieb, der einen festen Körper nicht erst direkt in ei-
te. „Was soll ich denen sagen, Herr Raleigh?“ nem Transitionsportal aus dem flachen Raum abkap-
„Sie sollen versuchen, ihn oben auf dem Flugfeld selte, sondern schon kurz vorher das Kontinuum so
am Einsteigen zu hindern, und wenn das mißglückt weit verdünnte, daß dieser Körper mehr in den Para-
— wenn es ihm gelingen sollte, in den gekrümmten raum hineinglitt, als daß er hineingerissen wurde; wie
Raum zu entkommen — dann sollen sie alle fünf Tran- es bisher immer der Fall war. Und wieder wanderten
sitionsportale in der Nähe des Sonnensystems bewa- seine Blicke. Die Sterne.
chen und ihn abfangen. Wie, das ist Blacks Sache. Unzählige Sonnengruppen, das flimmernde, zittern-
Aber unter keinen Umständen darf Herrn Dayen et- de Band der Milchstraße. Der lockende Nebel der An-
was geschehen. Betonen Sie das ausdrücklich!“ Wäh- dromeda, das bisher noch unerreichte Ziel der jungen
rend des kurzen Wortwechsels waren sie bereits auf Raumfahrergeneration.
das schnelle Transportband gesprungen, das sie hin- Orion mit seinen tödlichen Nebelwüsten. Deneb
über zur anderen Seite der Galerie brachte. Aber auch im Schwan. Fremdartige Welten von erschrecken-
hier kamen sie zu spät. der Herrlichkeit. Doppel- und Tripelgestirne. Einsa-
me Dunkelsonnen. Ein Aufatmen entrang sich seiner
4. Brust. Er dehnte die mächtigen Schultern, streckte die
durchtrainierten Glieder.
Tes Dayen war auf dem Antigra-Feld nach oben Langsam wurde es Zeit, daß ihm klar wurde, welche
gesaust und herausgesprungen. Jetzt stand er im Frei- fieberhafte Jagd inzwischen nach ihm eingesetzt ha-
en. Und sah nur noch den Purpurfleck am anderen En- ben mußte: selbst den größten Zweiflern würde es jetzt
de des Flughafens, der im Dunkel der afrikanischen wohl gedämmert haben, daß er tatsächlich im Begriff
Tropennacht glomm. war, den „Sternvogel“, das beste und teuerste Schiff
13 TERRA

der Interstellaren Handelsgesellschaft, zu stehlen. Er, der Umlaufbahn von Transpluto, wo das solare Konti-
der Chef dieses Unternehmens. nuum langsam „verflachte“ und seine Wirkung verlor,
Er lachte, leise und gelöst, als ihm das Groteske der wo die vierdimensionale Krümmung des Weltraums
Situation klar wurde. Klick. — hervorgerufen durch die Masse der Sonne und ih-
Startvorbereitung. rer Trabanten — sich normalisierte. Hier erst konnten
die hyperräumlichen Sprungfelder rationell eingesetzt
„Schiff bereit“, summte das elektronische Schiffs-
werden.
gehirn. Der Traum, den er während seiner Genesung
geträumt hatte, war Wirklichkeit geworden. Der Wel- Die Gravitationsneutralisatoren und die Beschleu-
tenraum erwartete ihn mit seinen Myriaden von Son- nigung durch die mächtigen Treibwellenbündel spiel-
nen, mit den kreisenden Feuerwirbeln der Spiralnebel ten sich reibungslos aufeinander ein, bis der „Stern-
und mit den durchscheinenden Schleiern der Gaswol- vogel“, seinem Namen alle Ehre machend, mit 80
ken. Prozent Licht aus dem System Terra-Luna schoß.
Dayen übergab die Steuerung dem Schiffsautomaten
Oder mit dem Wahnsinn. Aber an die Möglichkeit,
und machte sich indessen etwas mit den Instrumen-
daß er dem Stellarfieber, dessen Wurzeln er aufdecken
ten vertraut. Er kannte zwar theoretisch die Funktio-
wollte, selbst verfallen würde, daran glaubte er nicht.
nen der vielen neuen Geräte, die im „Sternvogel“ zum
Start!
erstenmal Verwendung fanden, es war aber doch ein
Mit unglaublicher Geschwindigkeit schrumpften Unterschied, sie wirklich vor sich zu haben.
die vierzig Quadratkilometer des Interstellar-Hafens Neugierig drückte er die beiden blauen Knöpfe am
zu unbedeutender Winzigkeit zusammen. Voll wilder unteren Rand der drei Meter durchmessenden Halb-
Freude beschleunigte er, bis die Außenthermometer kugel des neuartigen Himmelsglobusses, wie es in
über den Automaten warnend „Vorsicht!“ riefen. Aber der Bedienungsanleitung angegeben war. Der gewölb-
ehe die Reibungswärme die Belastungsgrenze über- te Schirm glomm sacht auf; zunächst konnte Dayen
schritten hatte, hing der „Sternvogel“ bereits über der nur das Spinnennetz hauchdünner Striche erkennen,
Erde. Über einer Erde, die nur noch Ballgröße hatte. die den Globus in Raumkuben unterteilten. Die Be-
Ein blaugrüner Globus. Fünf Milliarden Menschen. trachtung des Gerätes erforderte eine völlig neue Seh-
Die Interstellar. Hunderttausend Angestellte. Fünf- weise, die er sich erst durch Training erwerben mußte.
zig Robotergehirne. Alles zurück. Vergessen. Alles wirkte so plastisch und war von einer erhabenen
Um ihn ein unendlicher Ozean glitzernder, blinken- Bewegungslosigkeit erfüllt — ein ganz anderes Bild,
der Lichtpunkte. als es der Astrovisor lieferte.
Während der „Sternvogel“ über der Erde schweb- Wie das Gerät funktionierte, das wollte er gar nicht
te, würde die Interstellar-Terra, Abteilung Sicherheit, erst wissen. Er konnte sich vorstellen, welch ein Ka-
bereits über gestreuten Parafunk seine Fäden im Son- belgewirr im Innern herrschte. Es war nur gut, daß die
nensystem ziehen. Tes Dayen schaltete sich ein. Technik schon weit genug fortgeschritten war, daß ei-
„... AN ALLE! SOLARER RINGSPRUCH AN ne dermaßen komplizierte Anlage eine nahezu unbe-
ALLE! grenzte Lebensdauer hatte.
DIE EINHEITEN DER INTERSTELLAR- Dabei fiel ihm R 17 wieder ein. Auch R 17 war
MARINE IM RAUM SATURN STELLEN SO- eine dieser „ewigen“ Maschinen. Und doch hatte sie
FORT JE DREI SCHLACHTSCHIFFE AB, DIE versagt. An der unwahrscheinlichsten Stelle, die man
SICH IN PLANETARER REIHENFOLGE ZU DEN sich vorstellen konnte. Vorgestern erst hatte er von Ra-
EINFLUGPORTALEN DER FÜNF SOLAREN leigh erfahren, daß tatsächlich ausgerechnet der win-
GREGGNOS-SCHLEUSEN BEGEBEN. HIER DIE zige Transistorenblock versagt hatte, der etwaige Feh-
REIHENFOLGE DER PORTALE: lerquellen anzeigen sollte!
SOL-SIRUS - EINS SPRICH SATURN; SOL- Ein absurder Zufall, der zu denken gab. Aber das lag
WEGA - ZWEI SPRICH URANUS; SOL-ALGOL- jetzt alles hinter ihm. Er schaltete den Globus wieder
DREI SPRICH NEPTUN; SOL-STROMKA - VIER ab; wichtig war ihm, daß er — nach einiger Übung —
SPRICH PLUTO; mit Hilfe dieses Geräts jederzeit den relativen Stand-
ort seines Zielsystems innerhalb des Bezugssystems
SOL-RIGEL - FÜNF SPRICH TRANSPLUTO.
Milchstraße wußte. Den gewünschten Stern würde er
ICH WIEDERHOLE...“ Das galt ihm. Dayen fühlte dann mit Hilfe der Tabellen leicht finden.
sich befreit — endlich gab es etwas zu tun. Wie er es
schon unzählige Male vorher in Gedanken getan hatte, *
so nahm er jetzt die Einstellungen an der übersichtli-
chen Schalttafel vor, die in bequemer Reichweite vor Die Interstella-Terra-Sicherheit war von fieberhaf-
seinem Sessel aufgebaut war. ter Tätigkeit erfüllt. Die Fallen für die gesuchte Raum-
Die Speicher waren bereits zum Bersten geladen. kugel „Sternvogel“ wurden gewissenhaft vorbereitet.
Er setzte einen Kurs fest, der ihn außerhalb des Son- Es gab nur fünf Möglichkeiten, das Sonnensystem
nensystems führen würde. Hinaus in das All, jenseits durch den Pararaum zu verlassen.
Sternvogel 14

„... SOL-RIGEL - FÜNF SPRICH TRANS- Reserviertheit, die von dem Träger eines so hohen Po-
PLUTO.“ stens erwartet wurden. Die so oft schon herbeigesehn-
„WIEDERHOLUNG DER DURCHSAGE BEEN- te Situation hatte ihn bei ihrem tatsächlichen Eintre-
DET.“ ten völlig überrascht, und er war augenblicklich nicht
in der Lage, sie so auszunutzen, wie er gerne gewollt
Eine kurze Pause, um den Planetenkommandanten
hätte.
Zeit zur Besinnung zu geben, um die eigenen Berech-
nungen schnell noch ein letztes Mal zu überprüfen, „Bitte, meine Herren“, flehte er eindringlich, „es
was in Anbetracht der wichtigen Sache, um die es ist doch von größter Wichtigkeit, daß der Vorfall so
ging, nur zu verständlich war. Dann: schnell wie nur möglich geklärt wird. Dieses undiszi-
plinierte Durcheinander bringt uns nicht weiter.
„ACHTUNG! ZWEITER TEIL DER DURCHSA-
GE! Ich fasse die Hauptpunkte des bisher Geschehenen
noch einmal zusammen. Nachdem heute früh festge-
ZWECK DES UNTERNEHMENS IST ABFAN-
stellt wurde, daß Herr Dayen sein Haus offensichtlich
GEN DER RAUMKUGEL STERNVOGEL. BESON-
für längere Zeit verlassen wollte, weil er alle Siche-
DERE KENNZEICHEN: PURPURFARBE; MEHR-
rungen einschaltete, ließ ich in allen Gebäuden nach
FACHER NAMENSZUG STERNVOGEL IN GOLD;
ihm suchen. Die Sache mit der Haussperre hatte mich
MEHRFACHES VOGELEMBLEM IN SILBER,
stutzig gemacht. Dann kam die erste positive Nach-
SELBSTLEUCHTEND. ES WIRD AUSDRÜCK-
richt: Raleigh und Dr. Jageh, Privatsekretär und Haus-
LICH DARAUF AUFMERKSAM GEMACHT,
arzt von Herrn Dayen, hatten sich durch das Haupt-
DASS DIESE KENNZEICHEN UNSICHTBAR GE-
büro identifizieren lassen, um durch einen bewachten
MACHT WERDEN KÖNNEN.
Nebeneingang in den Hafen gelangen zu können. An-
DESHALB SIND ALLE KUGELSCHIFFE, DIE geblich, um Herrn Dayen am Wegfliegen mit einem
SICH BIS AUF ABRUF DEN PORTALEN NÄ- Raumschiff zu hindern.
HERN, OHNE AUFFORDERUNG AUFZUBRIN- Kurz darauf erhalte ich von Black Nachricht, daß
GEN. DER PILOT DES SCHIFFES DARF NICHT Herr Dayen tatsächlich verschwunden ist. Mit dem
VERLETZT WERDEN! ,Sternvogel’, unserem neuesten Forschungsschiff. Ich
EMPFOHLEN WIRD DIE NETZ-METHODE...“ frage Sie, meine Herren: Was hat das zu bedeuten?“
Sie standen, mehr oder minder verwirrt und nervös,
* im höchsten Raum des Flugsicherungsturmes, dem
einzigen Zimmer in Dayenstadt, das man als wirk-
„... PFOHLEN WIRD DIE NETZ-METHODE. ES lich absolut sicher gegen jede Spionage gesichert be-
STEHT JEDOCH DEN EINZELNEN AKTIONS- zeichnen konnte. Hier, mitten auf dem Gelände des
KOMMANDANTEN FREI, EIGENE METHODEN Raumhafens, wurde ein solcher Raum nicht einmal
ANZUWENDEN...“ vermutet. Und diese Konferenz mußte unter allen Um-
Belustigt schaltete Tes Dayen den Spezialempfän- ständen geheimbleiben. Ein Bekanntwerden von Tes
ger wieder ab. Dayens Verschwinden hätte unabsehbare Folgen für
die Interstellar und damit für das irdische Imperium
Rund 2000 Lichtminuten Flugstrecke, das ent-
nach sich gezogen.
sprach bei seiner Reisegeschwindigkeit rund dreiund-
dreißig Stunden Flugzeit, die er eigentlich mit etwas Sechs Männer waren es. Einer fehlte noch: Black.
Schlaf ausfüllen konnte. Aber der war gerade damit beschäftigt, Raleigh und
Dr. Jageh zu verhören, die im Verdacht standen, in
„Hallo, Schiff“, wandte er sich an den befehlsberei-
dem ganzen Fall eine undurchsichtige Rolle gespielt
ten Automaten, „ich möchte etwa zehn Minuten vor
zu haben.
Erreichen der Greggnor-Schleuse Sol-Sirius geweckt
werden, möglichst bei günstiger Schlafkurve.“ Arlagons Blicke lösten sich von dem geschäftigen
Treiben auf dem sonnenüberfluteten Raumhafen, wo-
„Verstanden, Pilot.“
hin sie einen Moment lang abgeirrt waren, und wan-
Danach ging er hinüber in die kleine, aber mit allem derten zurück zu den Gesichtern der Konferenzteil-
Komfort ausgestattete Kabine und legte sich nieder. nehmer.
Erst nach langer Zeit fiel er in einen leichten Da waren Bob Shegndor und Ajepp Bogoban, die
Schlummer. Direktoren für Fracht und Passagiere, neben Black in
dem zu erwartenden Machtkampf um die Nachfolge
5. Tes Dayens seine schärfsten Gegner.
Da waren weiterhin Jacob und Akamsonh, zwei
„Bitte, meine Herren, so beruhigen Sie sich doch!“ weniger wichtige Männer des Überwachungsdienstes,
Obwohl selbst auf das äußerste erregt, wahrte Jan Ar- die von Black als Vertreter geschickt worden waren.
lagon, Stellvertreter Tes Dayens und nach dessen Ver- Der Sicherheitschef wollte sich anscheinend vor Über-
schwinden selbst Leitender Direktor, die Ruhe und raschungen schützen. Arlagon war sich keinen Augen-
15 TERRA

blick darüber im Zweifel, welche Rolle Black den bei- Kopfschüttelnd sahen die Männer Werkmeister Un-
den zugedacht hatte. tebel nach. Schließlich wandte sich Arlagon wieder
Und da war natürlich noch Werkmeister Untebel, an seine Kollegen. Beschäftigungstherapie! ging es
die im Augenblick wichtigste Person. Ein kleines, im ihm dabei durch den Sinn. „Tatsache, meine Herren,
Grunde natürlich völlig überflüssiges Verhör würde ist, daß Herr Dayen einen Flug mit unserem neue-
die anderen Herren einstweilen etwas von ihren eige- sten Forschungsschiff, dem ,Sternvogel’, unternom-
nen machtpolitischen Ambitionen ablenken. men hat. Tatsache ist weiterhin, daß Herr Dayen mit
„Untebel, würden Sie diesen Herren noch einmal dieser wertvollen Raumkugel seit fast dreißig Stunden
den ganzen Vorgang genauestens schildern? Versu- nicht zurückgekehrt ist. Es fehlen also, wenn man so
chen Sie, sich an jedes gefallene Wort, an jeden Ge- sagen darf, die beiden besten Stücke der Gesellschaft.
sichtsausdruck von Herrn Dayen zu erinnern!“ Frage eins: Wo ist Tes Dayen?
Der Werkmeister war von Direktor Arlagons be- Frage zwei: Warum ist er verschwunden?“
schwörenden Worten und der Anwesenheit der bedeu- Schweigen. Die fünf trainiertesten menschlichen
tendsten Männer der Gesellschaft offensichtlich stark Gehirne der Interstellar begannen in wohlüberlegten
beeindruckt. Nach mehrmaligem Anlauf berichtete er Bahnen zu arbeiten. Ihre Gedächtnisse studierten den
zum vierten oder fünften Male an diesem Tag den Vor- Bericht von Untebel, analysierten ihn, suchten nach
gang, der sich am vorletzten Abend im großen Hangar Motiven, nach tieferen Zusammenhängen.
abgespielt hatte. Endlich Akamsonh:
„Herr Dayen kam mit Lift sieben in die Haupthal- „Es könnte sich um eine Entführung handeln — der
le“, sagte er, um deutliche Aussprache bemüht, „und Wert Tes Dayens und natürlich auch des ,Sternvogels’
er ging sofort auf mich zu. Nach der Begrüßung er- wären Motiv genug.“
kundigte sich Herr Dayen, ob ich allein da sei und ob „Frage: Wer kann ein Raumschiff kapern?“
er den ,Sternvogel’ sehen könne. Er...“ „Aber Herr Arlagon! Der oder die Täter können be-
In ausführlichster Weise berichtete er und schloß reits vor dem Start an Bord des ,Sternvogels’ gewesen
nach einer Viertelstunde, in der ihm kaum jemand zu- sein!“
gehört hatte, mit den Worten: „Ich mußte den ,Stern- „Frage: Wer wußte von dem Vorhaben Tes Dayens?
vogel’ ins Freie bringen. Dann ging der Herr Dayen Wer wußte, daß er mit diesem Raumschiff fliegen
nach oben. Er war kaum weg, da stürzten zwei von wollte?“
der Wache und zwei andere auf mich zu und riefen „Niemand. Erst sein Verschwinden hat uns veran-
laut durcheinander. So viel konnte ich verstehen, daß laßt, nachzuforschen.“
sie Herrn Dayen suchten.
„Na also. Bei den Nachforschungen, die wir in der
Der war aber schon weg. kurzen Zeit anstellen konnten, ergab sich, daß Pilot
Und noch etwas fällt mir da ein: Herr Dayen hat- Ernemann, der mit dem ,Sternvogel’ zum Aldebaran
te einen so seltsamen Blick, so, als träumte er. Das ist springen sollte, überraschend anderweitig eingesetzt
alles, was ich weiß.“ wurde. Von Tes Dayen persönlich ohne mein oder Ihr
„Danke. Sie können gehen. Ihr gutes Gedächt- Wissen!
nis wird durch eine Gehaltserhöhung belohnt wer- Frage: Warum?“
den. Es wäre damit allerdings Ihre Verschiffung nach Ohne weiter auf die letzte Frage einzugehen, brach-
Cameo-Dreizehn verbunden. Selbstverständlich trägt te Akamsonh neue Argumente in die Debatte. Kei-
die Interstellare Handelsgesellschaft die Kosten des ner dachte mehr daran, sich ernsthaft mit den Dingen
Sprungs. Nehmen Sie an?“ auseinanderzusetzen. Sie spürten nur zu deutlich, daß
„Ja, ich weiß nicht. Ich müßte erst meine Frau fra- die Feindseligkeiten bald offen ausbrechen würden;
gen und...“ nur der Zeitpunkt war noch ungewiß. Die beiden Si-
Ihm würde wohl keine andere Wahl bleiben als zu cherheitsleute warteten auf ihren Chef. Arlagon war-
gehen, wohin man ihn schickte. Cameo-Dreizehn war tete auf seinen Sekretär, und Shegndor und Bogoban
einer der gottverlassensten Plätze jenes Systems — kämpften noch mit dem Entschluß, welcher Gruppe
und irgendwie mußte sich die Interstellar sichern. Die- sie sich anschließen sollten, oder ob sie sich zusam-
se Art des Mundtotmachens war die menschlichste. mentun sollten, um eine eigene Gruppe zu bilden. Ein
Mit einer tiefen Verbeugung verabschiedete sich unüberhörbarer Summton, verbunden mit dem auf-
Untebel und verließ den Raum. Arlagon wollte ihn dringlichen Blitzen einer roten Lampe über der Tür,
durch Jacob und Akamsonh hinausbringen lassen; enthob sie einstweilen ihrer Überlegungen.
aber die beiden öffneten nur die Tür und übergaben „Ich habe doch ausdrücklich verboten, uns zu stö-
den Werkmeister zwei Beamten, die draußen bereits ren! Herr Shegndor — gehen Sie bitte und schauen
warteten. Arlagons Vermutung war richtig gewesen — Sie nach, was man von uns will.“ Der Direktor ver-
die beiden waren nur hier, um mitzumischen, wenn es schwand. Kurz darauf kam er mit hochrotem Kopf
losging. Hoffentlich kam Olburn bald, damit er etwas wieder; man sah ihm an, daß er eine erregte Unter-
mehr Rückhalt hatte. haltung geführt hatte.
Sternvogel 16

„Nun, was ist los?“ fragte Arlagon. waren alle in erster Linie Kaufleute, die man mit Hil-
„Herr Black ist draußen. Er will Dr. Jageh und Ra- fe ihrer eigenen wirtschaftlichen Denkweise fesseln
leigh mitbringen. Außerdem wartet Olburn, Ihr Sekre- mußte und dann erst Politiker. Für Black hatte er einen
tär, draußen; er wünscht Sie dringend zu sprechen.“ anderen Köder.
„Lassen Sie alle vier hereinkommen.“
*
Erleichtert atmete Arlagon auf: Olburn war end-
lich hier. Und Raleigh und Dr. Jageh — das waren
Die Fallen wurden ausgelegt. Die ausgesandten
zwei unbekannte Größen, die ihm einen gewissen Auf-
Schlachtschiffe hatten sich in den Ecken von fünf
schub geben würden. Den anderen kam dieser Auf-
gleichseitigen Dreiecken formiert, deren Mittelpunkt
schub zwar auch zugute, doch bis dahin wäre Olburn
die jeweiligen Sprungportale auf der Sol-Seite waren.
bereits eingeweiht.
„KOMMANDANT NEPTUN AN INTERSTELLAR-
Die vier wurden hereingelassen. Black sagte dann
TERRA, SICHERHEIT!
in das Schweigen hinein: „Es hat sich herausgestellt,
daß Dr. Jageh und Raleigh mit diesem Vorfall unmit- SCHLEUSE SOL-ALGOL LAUT BEFEHL,
telbar nichts zu tun haben. Ich habe sie gleich mitge- ,STERNVOGEL’ ANGEFLOGEN! NETZ WIRD
bracht.“ SOEBEN ERRICHTET.“
Er sagte nicht, weshalb er sie mitgebracht hatte, „KOMMANDANT SATURN AN INTERSTELLAR-
doch sein Schachzug war offensichtlich. Black hat- TERRA, SICHERHEIT!
te ebenfalls erkannt, was diesen beiden unbekann- SCHLEUSE SOL-SIRIUS GEMÄSS BEFEHL
ten Größen in der kommenden Auseinandersetzung ,STERNVOGEL’ ANGEFLOGEN. GRAVITATI-
an Bedeutung zukommen könnte. Allerdings hatte er ONSGENERATOREN WERDEN INSTALLIERT.
nicht mit der Reaktion der beiden gerechnet. ENDE!“
Raleigh und Dr. Jageh hatten sofort bemerkt, was „KOMMANDANT PLUTO AN INTERSTELLAR-
gespielt wurde; warum der Sicherheitschef sie nicht TERRA, SICHER...“
wegen ihres eigentümlichen Verhaltens zur Rechen- Jenseits von Transpluto, in der Nähe jener Stel-
schaft gezogen hatte. Es gab nur eine wirklich er- le, wo sich die drei Raumkoordinaten mit einer vier-
folgversprechende Möglichkeit, den geheimen Macht- ten, der Zeitkoordinate, schnitten, weckte das nicht zu
kampf nicht zum Ausbrechen kommen zu lassen: übergehende Vibrieren der Ultraschallglocke Tes aus
Zeitaufschub. dem traumlosen Schlaf.
Dayen hatte gewußt, warum er sich Raleigh zum „In zehn Minuten wird der Durchstoßpunkt der
Privatsekretär machte. Geschickt spielte dieser dem Greggnor-Schleuse Sol-Sirius erreicht. In zehn Minu-
Arzt, der auf jeden Fall loyal war und in dem folgen- ten wird der Durchstoßpunkt der Greggnor-Schleuse
den Spiel als einziger Partner in Frage kam, den ersten Sol-Sirius erreicht“, sang der Steuerroboter in sämtli-
Ball zu: chen Räumen.
„Dr. Jageh, Sie sind Tes Dayens Leibarzt, und ich Tes Dayen sprang hellwach auf, duschte sich ab-
denke, Sie sind auch der einzige, der uns Hinweise wechselnd heiß und kalt und kleidete sich dann rasch
über die Ursachen seines Verschwindens geben kann.“ an.
Arlagon wurde von dem unverhofften Angriff, den Er eilte vor in den Steuerraum und ließ sich er-
er von dieser Seite nicht erwartet hatte, so überrum- wartungsvoll in dem Öldrucksessel nieder, der sich
pelt, daß er sich die Leitung der Konferenz und die automatisch seinen Konturen anpaßte. Er orientier-
damit verbundene psychologische Überlegenheit mü- te sich kurz, ehe er die erforderlichen Manipulatio-
helos nehmen ließ. Und genau das wollte Raleigh er- nen vornahm. Dann diktierte er mit Hilfe der Tabel-
reichen, der genau wußte, daß der Direktor in diesem len dem Schiffsautomaten die Schlüsselzahlen für die
Spiel vorerst der gefährlichste Mann war. Black mußte Hyperraumfelder, die den „Sternvogel“ im Bruchteil
natürlich ebenfalls gezügelt werden. eines Augenblicks über eine Normalentfernung von
Verstehend nahm Dr. Jageh den Hinweis des Sekre- fast neun Lichtjahren schleudern würde.
tärs auf, und jetzt zeigte sich, was für ein großartiger Während Dayen in aller Ruhe die notwendigen Vor-
Psychologe er war. Er baute darauf, daß die mensch- bereitungen traf, hielt Dr. Jageh an einem anderen Ort,
liche Neugier eine der größten Schwächen ist. Er er- der vor Erregung knisterte, eine psychologische Vorle-
zählte ihnen folglich etwas, das ihnen allen neu war sung.
und sie veranlaßte, ihm zuzuhören. Indes konnte Ra-
leigh einen Ausweg suchen. *
„Herr Dayen ist mit einem Raumschiff verschwun-
den. Mit dem teuersten Raumschiff, das die ,Interstel- „... und ich glaube, meine Herren, das Rätsel um Tes
lare Handelsgesellschaft’ jemals gebaut hat.“ Dayens Verschwinden dürfte gelöst sein.
Jetzt hatte er sie mit einem eigentlich sehr plum- Vor einer Woche bat er mich, ihm das Buch ,Grund-
pen Trick, der meistens half, erst einmal angelockt. Sie lagen des Hyperraumfluges’ zu besorgen...“
17 TERRA

„Aber er hat doch eine vollständige Ausbildung als Tohnas Garsins, eine stetig wachsende Anzahl siche-
Raumflieger — wenn er auch nie draußen war!“ unter- rer Sprungdaten, nachdem man die Transmutations-
brach Arlagon. rechnung gefunden hatte, und nicht zuletzt die stern-
„Kommt gleich, Herr Arlagon. Niemand sollte — hungrigen Menschen der Erde hatten die Anzahl der
nach seinen eigenen Worten — davon erfahren, weil er bekannten Welten in jedem Jahrzehnt verdoppelt.
alte Kenntnisse auffrischen wollte. Damals klang das Und heute? Heute schlug man Tabellen auf, fütter-
durchaus plausibel. te die Werte in die Automaten und sprang. Daß die
Heute weiß ich den wirklichen Grund. Um Ih- einzelnen Koordinaten sich dauernd änderten und die
nen die wahren Ursachen näherzubringen, möchte ich wirklich sicheren Werte erst vom Schiffsautomaten
kurz einen Präzedenzfall schildern, der vielleicht et- auf Grund der von den Menschen gelieferten Zahlen-
was Licht auf die Angelegenheit wirft. Vor geraumer angaben errechnet wurden — das wußten meist nur
Zeit — etwa um das Jahr 2000 dürfte es gewesen sein die Piloten.
— ließ ein angesehener Fabrikant, nachdem er sich ge- Wenn man sich einmal versprang, so war das weiter
rade von einem schweren Nervenzusammenbruch er- keine tragische Angelegenheit. Man hatte immer noch
holt hatte, seine Familie, seine Arbeit und alles andere rund hundert weitere Chancen, in die Nähe einer Son-
im Stich und ging, völlig mittellos, zu einem Zirkus. ne zu gelangen und aufzuladen.
Dort wurde er, was einst sein unerfüllter Jugendtraum
gewesen war, ein Zirkusclown! *
Sehen Sie bereits die Parallele? Herr Dayen erlitt
„... Wollen wir nur hoffen, daß er es genauso macht
auch einen tiefgreifenden Zusammenbruch. Und auch
wie jener Fabrikdirektor eines vergangenen Jahrhun-
er hatte einen unerfüllten Jugendtraum: Er wollte im-
derts. Er sah nach einiger Zeit ein, daß ihn die erzwun-
mer schon Weltraumflieger und Sternforscher werden.
gene Erfüllung seiner Kindheitsträume nicht mehr be-
Auch bei ihm wollte es die weitere Entwicklung an-
friedigen konnte, und kehrte in seinen früheren Wir-
ders.
kungskreis zurück. Man hatte damals schon Verständ-
Kürzlich hatte ich nun ein Gespräch mit Herrn
nis genug für derartige Kurzschlußhandlungen, daß
Dayen, in dessen Verlauf ich die Bemerkung fallen
man nicht viel Aufhebens um diese Sache machte. Die
ließ, daß ich an seiner Stelle einfach ein Interstellar-
Angelegenheit löste sich in Wohlgefallen auf.“
Schiff nehmen und auf Abenteuersuche gehen würde.
Jetzt erst bemerkte er, daß die schmerzende Unruhe
Mehr zum Scherz, ohne weiter zu überlegen, machte
verschwunden war. Niemand hörte ihm mehr zu. Sie
ich diese Bemerkung, wobei ich hinzufügte, daß dies
hatten ihm alle den Rücken zugedreht und schauten
ja für ihn nicht in Frage käme. Nun, es kam trotzdem
gespannt aus dem Fenster. Befremdet folgte er ihren
für ihn in Frage. In einer Art von Verantwortungsflucht
Blicken, die ausnahmslos auf das Flugfeld gerichtet
— so sehe ich es, wenn man etwa vorliegende tiefere
waren, auf eine ganz bestimmte Stelle.
Gründe, die mir verborgen geblieben sind, nicht be-
rücksichtigt — gab er seinen geheimsten Wünschen „Dr. Jageh, ich glaube, Herr Dayen kennt die-
nach und setzte sie gestern in die Tat um. Dabei be- sen Präzedenzfall, den Sie soeben so schön schilder-
günstigte die vorhergegangene psychische Erschütte- ten“, sagte Arlagon, der plötzlich von einem Gefühl
rung diesen innerlichen Umschwung noch. der Leere durchzogen wurde, „und offensichtlich hat
er dieselbe Erfahrung gemacht. Die Erfahrung näm-
Wollen wir nur hoffen, daß er es genauso macht wie
lich, daß verlorene Jugendträume nicht wiedergefun-
jener Fabrikdirektor eines vergangenen Jahrhunderts.“
den werden können.“
* Zwanzig Stockwerke tiefer schwebte, von den
baumgrünen Kuppen der nahen Wombassi-Berge
Die titanischen Schwerkraftmaschinen standen in kommend, eine kleinere Raumkugel von herrlich
Konjunktion zueinander. An den fünf Greggnor- leuchtendem Purpur heran. Am äußersten Ende des
Portalen woben sie die Netze, gewaltige Schwerefel- Hafens stoppte sie.
der, die sich auf jedes springende Raumschiff stürzen Mit zitternden Fingern nahm Direktor Jan Arlagon
und es aus der Schleuse wieder herausziehen würden. einige Schaltungen an der Wand vor und vergrößerte
Kein Antrieb war diesen Kräften gewachsen. das Bild des Fernsehers — um etwas anderes handel-
„KOMMANDANT URANUS AN INTERSTELLAR-te es sich bei diesen Fenstern nicht — auf das Fünf-
TERRA, SICHERHEIT!“ zigfache. Mit glasklarer Deutlichkeit konnten sie jetzt
„NETZ ÜBER SCHLEUSE ZWEI AUSGEWOR- Einzelheiten des entfernten Geschehens betrachten.
FEN!“ Die Kugel schwebte einige Meter über der matt
reflektierenden Hafenoberfläche. In großen goldenen
* Lettern zog sich, immer wieder von dem silbernen
Ebenbild eines geflügelten Phantasievogels unterbro-
Trotz aller Hindernisse, sinnierte Dayen weiter, chen, der Name des Schiffes um den Äquator: „Stern-
hatte man es geschafft. Die verbesserten Speicher vogel“.
Sternvogel 18

„Na also“, seufzte Dr. Jageh erleichtert. Seine psy- 6.


chologischen Spekulationen hatten sich tatsächlich er-
füllt. Sicherheits-Chef Black dachte anders. Er dreh-
SIRIUS!
te sich zu der kaschierten Schalttafel, machte einige
routinierte Einstellungen, und gleich darauf dröhnte es Sotis war schon den alten Ägyptern heilig. Sie
über die absichtlich zu laut eingestellte Lautsprecher- berechneten die für sie lebensnotwendigen Nilüber-
anlage: schwemmungen nach seinem Stand. „Sotisperiode“.
„... RUFT TERRA! KOMMANDANT SATURN Zwei kochende Atomhöllen. Die blaue Hauptsonne,
AN INTERSTELLAR-TERRA, SICHERHEIT! ein funkelndes Diadem; der Hundstern, hellster Punkt
BESAGTES OBJEKT ,STERNVOGEL’ am nördlichen Winterhimmel der Erde.
NÄHERT SICH SIRIUS-SCHLEUSE. NETZ FER- Etwas verdeckt von ihr Heiko, der weiße Zwergbe-
TIG. ENDE!“ gleiter. Fünfzig Tonnen wiegt ein Löffel voll seiner
Sie stutzten. Das war doch nicht möglich! Sie rieben Materie im irdischen Laboratorium. Die Elektronen
sich ungläubig die Augen und starrten entgeistert wie- haben ihre Schalen verlassen, sind in die Kerne ge-
der zu jener purpurnen Raumkugel hinüber. Gehalten stürzt. Ein schwirrendes Energiemeer freier Elektro-
vom unsichtbaren Traktorstrahl schwebten zwei Men- nen, Neutronen, Protonen... Strahlung durch das halbe
schen zu Boden. griechische Alphabet, von Alpha bis Lambda.
Zwei Menschen! Keine Planeten. Tes Dayen schüttelte mißbilligend
Tes Dayen war nicht allein zurückgekommen. Kei- den vor Eifer geröteten Kopf und stellte neue Werte
ner wußte mehr, was er sagen sollte, als wieder die ein. Noch war das Schiff im flachen Raum. Ein kurzer
Lautsprecher knackten. Eine unangenehme Komman- Flug brachte es zum nächsten Durchstoßpunkt.
dostimme plärrte: Sirius — Belsazar.
„SATURN AN SICHERHEIT! WAS IST MIT Gerade noch erstrahlte achternaus das bekannte
DEM SCHIFF? DAS NETZ GREIFT NICHT! SOL- Doppelgestirn — und gleich darauf nicht mehr. Der
LEN WIR FEUERN?“ Wechsel war fast übergangslos.
„Er hat damals zwar auch davon gesprochen“, sagte
BELSAZAR!
Dr. Jageh zur gleichen Zeit entgeistert, „und ich habe
ihn in seinem Wunsch auch noch bestärkt. Aber inner- Wie ein bösartig lauerndes Untier hing der hell-
halb von dreißig Stunden!“ rote Sternriese im All. Wilde Flammenzungen schie-
nen gierig nach dem „Sternvogel“ zu lecken. Wände
* dunklen Feuers schossen heran, als wollten sie seine
Schwingen versengen. Doch der furchterregende Ein-
Tes Dayen versteifte sich in seinem Sessel. Er konn- druck täuschte. Erleichtert nahm Dayen die Hände von
te bereits die drei Schlachtschiffe auf seinen Astrovi- der Schalttafel, wohin sie erschrocken gefahren waren.
sorplatten ausmachen, die mit ihrem Netz auf ihn war- „Aber — das ist doch nicht möglich! Da stimmt
teten. Die zehn Minuten vergingen im Nu. etwas nicht“, rief er dann bestürzt. „Ich bin ja schon
im gekrümmten Raum! Irgend etwas hat mich herein-
* gezogen! He, Schiff! Was ist denn los?“ „Der Kurs
stimmt, Pilot, ebenso die Koordinaten. Keine Gefahr“,
Die anderen drehten sich mit fragenden Gesichtern kam die lakonische Antwort aus der Membrane des
zu Dr. Jageh um, ohne daß ihnen das Groteske der Si- Automaten.
tuation sofort bewußt wurde. Der Arzt sah ihre Blicke Er hörte die beruhigende Antwort gar nicht. Seine
gar nicht. Seine flinken, klugen Augen waren auf die Hände waren blitzschnell wieder zu den Kontrollen
beiden Gestalten dort unten gerichtet. gezuckt. Erst im letzten Moment erinnerte er sich dar-
„SATURN AN SICHERHEIT! WAS SOLLEN an, daß ein unbedachter Sprung ihn zwangsläufig ir-
WIR TUN?“ gendwo im Unbekannten herausbringen würde. Also
Eine von ihnen war ohne Zweifel Tes Dayen. nur Triebwellenantrieb. Während er noch dem flachen
Raum- und Zeitkoordinaten fielen in einem Punkt Raum zustrebte, dachte er bereits fieberhaft nach. Der
symbolisch zusammen. Thormann-Antrieb, der es ihm ermöglicht hatte, durch
Und die andere Gestalt? das Netz zu schlüpfen — vielleicht lag dort der Feh-
ler? Dann fiel es ihm ein, nochmals den Automaten zu
Black: „Zum Teufel — der Thormann-Antrieb!“
konsultieren.
„KOMMANDANT SATURN AN INTERSTELLAR-
TERRA, SICHERHEIT! UNERKLÄRLICHERWEI- „Schiff, habe ich einen falschen Sprungwert dik-
SE GELANG ES DEM GESUCHTEN RAUM- tiert?“
SCHIFF ,STERNVOGEL’, DURCH DAS NETZ ZU „Sprungwerte waren alle richtig, Pilot. Die Astrovi-
BRECHEN. ES MUSS AM ANTRIEB LIEGEN...“ soren sind auf Fernsicht eingestellt.“
19 TERRA

Erleichtert tippte er sich an die Stirn. „Ich Dumm- die Schaltung für ein neues Sprungfeld zusammen.
kopf. Du hast recht, Schiff. Die Wände sind wahrhaf- Für eine unbekannte Greggnor-Schleuse, deren eines
tig noch vom Sirius her auf Fernbeobachtung einge- Portal noch im irdischen Erfahrungsbereich lag, durch
stellt!“ deren zweites Portal jedoch noch nie ein Schiff ausge-
Er stellte schnell wieder normale Sichtverhältnisse treten war.
her und schaltete die Beschleunigung ab. Der drohen- SPRUNG...
de Glüher war zu einem kleineren Feuerball zusam- Erwartungsvoll sah Dayen sich um. Und wußte mit
mengeschrumpft. dem nächsten Herzschlag bereits, daß er sich verkal-
Im gekrümmten Raum hätte ich wegen der Siche- kuliert hatte.
rung überhaupt nicht herauskommen können, fiel ihm Er hing im Pararaum. Im Hyperraum. In der
endlich ein, und das beseitigte seine letzten Befürch- Unfaßbarkeit des fünfdimensionalen Raum-Zeit-
tungen. Kontinuums.
Belsazar im Sternbild des Trapez.
Die Transparenzwände zeigten selbstverständlich
Ein langsam erkaltender Kontraktionsriese; sein ge- überhaupt kein Bild; wenn sie schon etwas zeigen
krümmter Raum ist zu achtundsiebzig Prozent ge- konnten, dann war es das Nichts.
schlossen, und ein Zusammentreffen mit einer ande-
Seine Hände verkrampften sich unbewußt in die
ren Sonne würde das Raumzeitfeld vollends schließen,
Armlehnen des Pilotensessels, seine Augen hingen ge-
würde das Sonnensystem Belsazar im Trapez in den
spannt — als ob das etwas ändern könnte! — an der
Pararaum abkapseln, als Anfang zu einem neuen Uni-
Skala des Garsinmeters.
versum. Wie bei Yannk.
Dreiundvierzig Welten kreisen um das Riesenge- Langsam sank die Markierung. Er vermeinte förm-
stirn. lich zu hören, wie im Innern des Schiffes etwas aus-
lief. Das war natürlich Unsinn. Einbildung. Man hört
336 Monde kreisen um diese Welten, manche von
nichts, wenn subatomare Teilchen — oder Energie-
der Größe der Erde. Und alle, Planeten wie Satelli-
wellen — durch Gravitationskabel springen. Und man
ten, entdeckt, erforscht, kartographiert, katalogisiert,
hört nicht, wie sich ein Hypersprungfeld aufbaut, ab-
besiedelt.
baut, sich ständig erneuert.
„Uninteressant“, knurrte Tes Dayen und stellte neue
Werte zusammen. Diesmal schaltete er sofort auf Nor- Irgend etwas war schiefgegangen. Diese simple
malsicht um. Feststellung bohrte sich in seinem Gehirn fest und
ging dort fruchtlos im Kreis herum. Dann stellte er
Belsazar — Kaibot.
sich Jan Arlagon vor. Der würde in seiner kurzen, prä-
Kontraktionsriese. zisen Art sagen:
— nichts „Frage eins: Was ist schiefgegangen?
— Weißer Zwerg KALBOT!
Frage zwei: Wo liegt der Fehler?
Ein Radiostern, Mittelpunkt des berühmten Krab-
Frage drei: Wie kann der Fehler behoben werden?“
bennebels. Letzte Reste einer kosmischen Katastro-
phe. Und in genau dieser Reihenfolge stellte er die Fra-
Keine Planeten. gen dem Schiffsautomaten. Der schleuste die Sätze
durch seine Gedächtnisbänke, reduzierte sie sorgfäl-
Neue Daten. Nächster Sprung.
tig zu semantischen Grundwerten und verarbeitete die
Kaibot — Elbar. Ergebnisse der rasch erfolgten Untersuchungen des
ELBAR! Schiffszustandes zu Antworten. Wenigstens versuch-
Nichts von Bedeutung. Neue Daten. Neuer Sprung. te er das.
Elbar — Sidon. Die Membrane in der Dayen gegenüberliegenden
Nichts. Daten. Schalttafel gab wohl die sattsam bekannten Arbeits-
SIDON! geräusche von sich — eine Antwort auf die gestellten
Sidon — Talbur. Probleme lieferte sie indessen nicht. Dayen war ver-
blüfft. Nochmals stellte er seine drei Fragen. Als er,
Talbur — Kassiopeia.
nach fünfminütigem Warten, noch immer keine Ant-
Nichts. Stern. Sprung. Stern. Nichts. wort erhielt, stieß er einen wilden Fluch aus und schal-
In raschem Wechsel und mit ständig wachsender tete ab.
Geschicklichkeit sprang Tes Dayen durch die Milch-
Wenn das Schiffsgehirn keine Antwort geben konn-
straße. Überall traf er den Menschen an. Menschen,
te, dann mußte er, Tes Dayen, eben sein eigenes Ge-
die emsig wie Ameisen forschten und bauten und neue
hirn anstrengen.
Welten dem Galaktischen Planetenbund einverleibten.
„Frage eins: Was ist schiefgegangen?
War es Absicht — oder war es eine ungewollte
Handlung? Später wußte Dayen es nicht mehr zu sa- Frage zwei: Wo liegt der Fehler?
gen. Mit fünf raschen unüberlegten Griffen stellte er Frage drei: Wie kann der Fehler behoben werden?“
Sternvogel 20

Während er noch lächelte — er mußte flüchtig an Nun war er wirklich in einen gekrümmten Raum ge-
Arlagon denken — beschäftigte sich sein Verstand be- fallen; das Verschwinden der Schutzsphäre hatte die
reits mit den drei Fragen. Was er herausbekam, war er- Raumkugel widerstandslos in das Schwerefeld dieser
schreckend wenig. Ein Teil des komplizierten Schiffs, Sonne geraten lassen.
ein winziger Transistor oder eines der empfindlichen Ebenfalls verschwunden war, wie er mit Unbehagen
Gravitationskabel hatte vielleicht versagt. Statt daß feststellte, die künstliche Schwerkraft. Dafür merkte
sich das Sprungfeld nach Abgabe seiner Energie an die er, wie die mächtigen Gravitationsarme dieses glosen-
Struktur des Weltraumes wieder abbaute, floß ständig den Ungeheuers nach dem „Sternvogel“ griffen und
Energie aus den Garsinschen Superspeichern nach und ihn unerbittlich zu sich heranholten.
erhielt den Zustand der Abkapselung aus dem norma-
Seine nächste Handlung war, die Blenden von den
len Raum in den Hyperraum aufrecht. Wo der Fehler
Außenhautabsorbern zu nehmen. Dann schaute er sich
lag, konnte er unmöglich entdecken.
diese Sonne genauer an — ein einziger Blick auf
Rechengehirn, sinnierte er.
den Garsinnieter bestätigte seine Befürchtungen. Der
RECHENGEHIRN! Stern, in dessen unmittelbare Nähe er geraten war, be-
Diese Sache mit R 17! Auch bei R 17 war ein fand sich im Stadium des Erlöschens. Es war ein Ro-
winziges, unwahrscheinliches, schwer zu entdecken- ter Zwerg, der nur noch ein gerade sichtbares Glü-
des Teilchen ausgefallen. Diese Duplizität... hen zeigte. Er strahlte fast ausschließlich Wärmewel-
Die verschiedensten Vermutungen jagten sich, bis len und etwas Rotlicht, hart an der Grenze des sichtba-
er das Sinnlose seiner Bemühungen einsah. Er konnte ren Spektrums, was zur Folge hatte, daß nur rund zwei
wirklich nichts anderes tun, als abwarten, bis die Spei- Prozent der verfügbaren Absorber ausgenutzt werden
cher leer waren, das Feld endgültig zusammenbrach konnten. Was auf diesem Weg an Kraft in das Schiff
und er in den flachen Raum zurückfiel. In irgendeinen gelangte, wurde schon durch die Luftreinigungsanlage
flachen Raum. und die Fernsehwände wieder aufgezehrt.
Eine einfache Kopfrechnung eröffnete ihm mit bru- „Gerade genug zu einem kurzen Leben oder zu ei-
taler Wucht, daß er in jedem Fall verloren war. Ganz nem langen Sterben“, sagte er voll Enttäuschung und
gleich, wo er mit dem „Sternvogel“ aus dem Pararaum Bitternis. Jetzt konnte ihm nicht einmal mehr der Steu-
fallen würde — es gab mehr, unsagbar viel mehr fla- erroboter zuhören; dessen Pseudoleben war mit dem
chen Raum als gekrümmten Raum mit einer Sonne, an Versiegen der Hauptenergie wahrscheinlich erloschen.
deren Strahlung er seine Garsinspeicher neu aufladen
konnte. Tes Dayen wußte nicht einmal, ob er noch in der
Heimatgalaxis war. Sein Standort hatte eine solch
Höchstwahrscheinlich würde er zwischen den Ster-
fremdartige Konstellation, die auch nicht die gering-
nen herauskommen, mitten in einem energielosen Ab-
ste Ähnlichkeit mit den ihm bekannten Bildern hatte,
grund. Seine Speicher waren leer und keine Sonne
daß er sich genauso gut im Andromedanebel oder in
würde in der Nähe sein.
einer der Magellan-Wolken befinden konnte.
Schon jetzt konnte er sich sein bevorstehendes Ende
in den grausigsten Farben ausmalen. Eventuell gar außerhalb des bekannten Nebelnestes,
zu dem alle diese vier Spiralnebel gehörten. Nach ei-
Es kam aber anders, als er befürchtet hatte.
nem so ausgedehnten Aufenthalt im Hyperraum war
Ganz anders.
es denkbar, daß er in eine andere Zeitebene abge-
7. rutscht war.
„Spielen diese Überlegungen eigentlich noch eine
Tes Dayen wußte nicht, wieviel Zeit vergangen war, Rolle?“ fragte er sich resignierend. Er schloß die Au-
seit der Sprungmechanismus des „Sternvogel“ versagt gen, die vom angestrengten Starren schmerzten, und
hatte. lehnte sich zurück in den bequemen Kontursessel. Ei-
Nach Verbrauch des letzten Garsin fiel die Ener- ne matte, wohltuende Müdigkeit überkam ihn, die alle
gieblase um das Raumschiff in sich zusammen. Das Gedanken an das bevorstehende Ende verdrängte.
Materiestäubchen „Sternvogel“ fiel aus dem irrealen
Gefüge des Hyperraums und materialisierte im norma- *
len Weltall, wo es bar jeder Eigenbewegung verharrte.
Ein Glück, daß das Notstromaggregat getrennt ge-
Kraftlos stand er später auf und holte sich etwas
schaltet war. So würden, wenigstens für einige Stun-
zum Essen aus dem Nahrungsspender.
den, die Luft- und Lichtversorgung und die Hei-
zung aufrechterhalten bleiben. Doch daran dachte Tes Danach versank er in seinem Sessel wieder in apa-
Dayen nicht im mindesten. Mit großen Augen schaute thische Dämmerung. Eine Zukunft gab es für ihn nicht
er durch die transparenten Wände ins Freie. mehr. Die Gegenwart war Langeweile und Todesge-
Wieder hing ein gigantischer Stern im All. Und wißheit.
diesmal waren die Astrovisoren auf Normalsicht ein- Wie einen Film ließ er sein vergangenes Leben
gestellt. nochmals vor sich abrollen. Stumm, blaß und flächig
21 TERRA

zogen Bilder vorüber, mit denen ihn nichts mehr ver- Wie in einem Musikstück spielte sich nun zwischen
band. den beiden so entgegengesetzten Bewußtseinsformen
Gegen Ende des Films, in den letzten Minuten, wur- die Durchführung ab.
den die Szenen bunt, plastisch. Den stärksten Eindruck Das Leben ist nur eine von vielen Funktionen des
in seinem Leben hatten die beiden Wochen hinterlas- Universums; mit dem Tod wird es zu einer anderen
sen, in denen er R 17 „ersetzen“ mußte. Nicht die Tat- Funktion. Das Leben ist das Universum. Thema
sache, daß er für eine Maschine einspringen und ei- — Gegenthema
ne ihrer speziellen Eigenschaften vertreten mußte; das Weiter kam er nicht. Bevor er die beiden Themen
gehörte zu seinen Aufgaben als Leiter der Interstellar. entwickeln konnte, störte ihn etwas. Vorsichtig löste
Das Drumherum war es gewesen. Und die anschlie- er, um nichts zu zerstören, die Verbindung zum Id und
ßende „Flucht“. Er war aus einem Leben, das im Büro- sammelte sich. Es war nur das Verlöschen der Bild-
kratismus der Gesellschaft zu ersticken drohte, geflo- schirmwände, als die letzten Reserven des Notaggre-
hen, um seine tatsächliche Bestimmung zu ergründen. gats verbraucht waren. Er hatte nicht einmal bewußt
Weil er sich nicht vorstellen konnte, daß seine überra- auf den Astrovisor geschaut. Aber in ihm mußte et-
genden Fähigkeiten sich in wirtschaftlichen Manipu- was sein, das den Vorgang aufmerksam registriert hat-
lationen erschöpfen sollten. te. „Verlöscht“, flüsterte er. Das instinktive Grauen vor
Dann der letzte Sprung... der Dunkelheit, vor dieser absoluten Dunkelheit des
Mit dem drohenden Bild des Roten Zwergs, der in Weltalls, würgte ihn und fegte jede Beherrschung hin-
matter Glut, zum Greifen nahe, vor ihm gloste und den weg, die sein geschulter Geist den Gefühlen auferlegt
er bereits zweimal in immer enger werdender Bahn hatte.
umkreist hatte, wurde der Film zur Wirklichkeit. Nun war er ganz allein. Abgeschnitten von der üb-
In Dayen zersprang etwas. Die seit langem aufge- rigen Menschheit, begraben in einer Nacht, deren Fin-
speicherte emotionale Spannung drang an die Ober- sternis kein Ende hatte. Schwerelos wie er war, zwang
fläche durch, und nackte, heiße Furcht packte ihn. Im er seine Glieder, sich zusammenzukrampfen und dann
ersten Augenblick war er diesem Ausbruch völlig hilf- zu entspannen.
los preisgegeben. Bald darauf jagten die Lebensinstinkte aufs neue ih-
Sein hochgezüchteter Intellekt half ihm, wieder die re sinnlos gewordenen Reflexe durch Dayens Körper.
Oberhand über sich zu gewinnen. Er verstellte die Es mußte doch einen Ausweg geben!
Rückenlehne seines Sessels und legte sich flach. Ei-
In rascher Reihenfolge ging er alle Möglichkeiten
nige Lockerungsübungen der Yogaschule schufen die
einer Rettung nochmals durch; das lenkte ein wenig
Voraussetzungen für eine erfolgreiche Meditation, in
ab.
deren Verlauf es ihm gelang, die Brücke zu seinem
Unterbewußtsein zu schlagen. Aber er fand keine Lösung.
Er versuchte nicht, seine Gefühle durch seinen Er war ein Narr. Jahrelang hatte man sein Monster-
hochentwickelten Intellekt zu überlagern oder gar zu gehirn geschult und ihm beigebracht, jede Situation zu
unterdrücken. meistern. Jede Situation. Jetzt, wo er es am dringend-
sten benötigte, versagte es. Sich selbst zu beschimpfen
Nein, er paßte seine Gefühle an, brachte sie gewis-
hatte jetzt auch wenig Sinn; er hatte schließlich Grund
sermaßen in Phasengleichheit mit dem Verstand. Da-
genug zu einem solchen Benehmen. Man nimmt den
durch konnte er sie etwas lenken. Natürlich konnte er
eigenen Tod nicht auf die leichte Schulter. Und selbst
sie nicht nach Belieben kommandieren. Das Unterbe-
ein Übermensch, gerade ein Übermensch, stirbt nicht
wußtsein ist bei all seiner Primitivität schon zu diffe-
gern.
renziert, als daß es sich das gefallen ließe.
Er überwand auch diese Krise. In einer Tasche sei-
Man mußte es wie ein scheues Tier behandeln.
ner Shorts fand er ein Feuerzeug, in dessen spärlichem
Als seinen vorsichtigen Bemühungen endlich Er- Flammenlicht er die Taschenlampe suchte, von der er
folg beschert war, konnte er mit der eigentlichen wußte, daß sie irgendwo in der Zentrale lag. Nachdem
Selbstversenkung beginnen. Und diese Selbstversen- er sie gefunden hatte, suchte er in ihrem Schein seine
kung, die gleichzeitig von dem ganzen Potential seines Kabine und legte sich zum Schlafen nieder. Die Lam-
überragenden Verstandes und von der Urgewalt und pe legte er neben sich.
Frische seiner sämtlichen Gefühle durchgeführt wur-
de, mußte folgerichtig um ein Vielfaches fruchtbarer
*
sein als ein rein logisches oder rein gefühlsmäßiges
Erlebnis der gleichen Art. Hier war das Ganze, die Po-
Als er erwachte, stand er im Labor vor einem der
tenz also, mehr als die Summe der Teile.
Wandschränke, in der Rechten die angeknipste Ta-
Sein Verstand wählte das naheliegende Thema schenlampe. Verwundert las er die kleine Aufschrift
„Tod“. der Rolltür:
Sein Gefühl stellte sofort entschieden das ursächli-
che Gegenthema „Leben“. WAFFEN.
Sternvogel 22

Er öffnete sie, erschreckt und neugierig zugleich. Wenn man einen Weg fände, diese Verbindung, wie
Erschreckt, weil er merkte, daß sein verstörtes Un- er selbst sie allmählich zu beherrschen begann, zu leh-
terbewußtsein sich selbständig zu machen und seine ren — man könnte dadurch mit einem Schlag die drin-
Kontrolle abzuschütteln begann. Weil er merkte, daß gendsten Probleme der irdischen Zivilisation beseiti-
dies der Anfang der Selbstauflösung erst seines Gei- gen.
stes und dann seines Körpers war. Das hatte nichts mit Tes Dayen legte die Atombombe zurück in den
dem Stellarfieber zu tun, dessen Ursachen er hatte er- Waffenschrank. Dann arbeitete er sich, so gut das im
gründen wollen. Das waren die ersten Anzeichen des schwerefreien Schiff ging, zurück zu seiner Koje. Er
Todes. versuchte, wieder einzuschlafen. Doch das Geschehe-
ne gab ihm viel zu denken.
„Morbide Ansichten sind das, mein lieber Tes“, hör-
te er sich selbst sagen. Er stand mehrmals auf, machte sich aus Verzweif-
lung etwas zum Essen, was er unberührt stehen ließ,
Und neugierig machte ihn seine Entdeckung, weil und rumorte auf andere Weise im Dunkeln im gan-
er hier zum erstenmal Gelegenheit hatte, die Logik sei- zen Schiff herum. Um dann, als er in einem Anflug
nes Id in Tätigkeit zu sehen. Ein aufregender Gedanke von Wißbegierde seine Taschenlampe anmachte, fest-
trotz allem, was damit verbunden war. zustellen, daß er wieder vor dem Waffen schrank im
Die innere Gelassenheit, mir der er dies erlebte, gab Laboratorium stand.
ihm einen Teil der verlorenen Selbstbeherrschung zu- Er notierte es mit einem gewissen Gefühl der Hoch-
rück. Er öffnete den Schrank, wie er es sicherlich ge- achtung.
tan hätte, wenn er (so paradox das auch war) nicht auf- Ob sein Unterbewußtsein in Verbindung mit sonst
gewacht wäre, und studierte eingehend den Inhalt. Es verborgenen, für den Verstand verschütteten Sinnen
waren verschiedene Handstrahlwaffen darin. Und ei- stand? Wie war es sonst zu erklären, daß er unbewußt
nige kleinere Kernbomben. hierhergefunden hatte?
Wie selbstverständlich nahm er einen der atomaren Kopfschüttelnd wanderte er auf Händen und Fü-
Sprengkörper in die Hand. Es fiel ihm ein, wie er, als ßen, vorsichtig — Taschenlampe im Mund — durch
er in rascher Reihenfolge die Möglichkeiten einer Ret- die Gänge jonglierend, zurück und legte sich wieder
tung durchgegangen war, kurz daran gedacht hatte, mit schlafen.
einer solchen Bombe den Multitron neu anzuheizen,
und er konnte nicht umhin, die Konsequenz der Hand- *
lungsweise seines Id zu bewundern. Wenn sie auch —
wie er annahm — fehlgeleitet war. Als er das zweite Mal erwachte, hatte er einen kom-
Wenn es Menschen einmal gelänge, dieses Subego plexen Raumanzug an. Er stand, wie er Im spärlichen
zu kultivieren, so wie er es unter größter Willensan- Schein der Taschenlampe erkennen konnte, in der of-
strengung hin und wieder vermochte... Welche Mög- fenen Luftschleuse. In der freien Hand hielt er einen
lichkeiten lagen hier noch unerforscht! So ein Mensch rundlichen, apfelgroßen Körper — eine Atombombe.
besäße gewissermaßen zwei Gehirne mit einer über- Und die Bombe war gezündet!
aus größeren Kapazität... Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sie so weit
„Moment ’mal!“ Sollte sein Unterbewußtsein all wie möglich von sich zu werfen. Er verankerte sich an
dies nur inszeniert haben, um ihn darauf aufmerksam einer vorstehenden Strebe, um trotz der Gewichtslo-
zu machen, daß hier die Lösung für das Problem des sigkeit einen Halt zu haben, holte weit aus und schleu-
Stellarfiebers lag? Er war wie vor den Kopf geschla- derte das teuflische Ding hinaus in das Sternentreiben.
gen. Daß ihm diese Erkenntnis beinahe entgangen war, Eigentlich hatte er sich den Lichtblitz intensiver und
schien unfaßbar. Seit drei Wochen grübelte er an die- viel furchtbarer vorgestellt, aber die atomare Flamme
sem Rätsel, und hier stand er und fand die Lösung im zuckte nur sehr kurz auf, verstreute ihr Licht in die
Schlaf! grenzenlose Leere — und war vorbei.
Als er nach dem Start von der Erde über dieses Pro- Sein Blick galt wieder den Sternen. Das allererste
blem nachgedacht hatte, war er darauf gestoßen, daß Mal, beim Start von Terra, hatte ihn dieser erhabe-
die beiden Gewalten, die den Menschen von der Erde ne Anblick niedergeschmettert, berauscht, vernichtet.
trieben und ihn gleichzeitig an sie ketteten, das Stellar- Wie ein Anfänger hatte er das Bild in seiner Gesamt-
fieber hervorriefen, wobei jener verdrängte Komplex heit aufnehmen wollen.
des Rassenbewußtseins eine sehr große Rolle spielte. Nun war er Kenner, bildete es sich wenigstens ein.
Die Menschen hatten keine Verbindung zu ihrem Id Sternbild für Sternbild wanderte an ihm vorbei, lang-
(oder Unterbewußtsein oder Subego) und wurden in sam, mit um so größerer Eindringlichkeit. Hier lag die
den Augenblicken, da sie den Sternen von Angesicht Lösung seines Problems, aller Probleme. Hier lag die
zu Angesicht gegenüberstanden, von der losbrechen- Antwort auf alle Fragen, die ihn je bedrängt hatten.
den Gewalt der Gefühle überschwemmt und davonge- Warum hatte er die Interstellar - und was damit zu-
strudelt. sammenhing - im Stich gelassen?
23 TERRA

Warum war er hier gestrandet? Mitten in einem un- des Helmes zu lösen. Kurz vorher atmete er noch kräf-
bekannten Teil des Weltalls und allein? tig aus, damit seine Lungen nicht zerrissen wurden.
Warum mußte er sterben? Die eindringende Temperaturlosigkeit des freien
Alle Antworten lagen bei diesen Sternen, deren Raumes überflutete ihn wie flüssiges Feuer.
herrlicher Anblick ihm das Gefühl gab, in einem Meer Alles ging sehr schnell. Das Vakuum riß die Innen-
glitzernder Diamanten zu schweben. Hier, überall um luft mitsamt dem Helm davon. Seine Lungen schmerz-
ihn herum, lagen die Antworten auf die Fragen, wel- ten, durchbohrt von Stichen der Atemnot. Ein unge-
che seit Urgedenken die Menschen beschäftigt hatten. wollter Schrei...
Nur eines wußte er noch nicht — weshalb eine Ket- Das letzte bewußte Schauen galt den Sternen, die
te von unwahrscheinlichen Zufällen ihn bis hierher ge- sich in vielfältigen Mustern auf seiner Netzhaut ein-
bracht hatte. Der Ausfall von R 17; der Rat Dr. Ja- brannten.
gehs; das Versagen der Sprungmaschinerie des „Stern- Dann wurde der scharlachrote Vorhang endgültig
vogels“ und nun diese Bombe, die ihn zur Selbstbesin- zugezogen, und er harrte geduldig der kommenden
nung gebracht hatte. Dinge, deren Schatten allein schon heller loderten als
tausend Sonnen.
Dayen war in seiner Kabine angelangt. Er räumte
alles ordentlich auf und löschte dann die Taschenlam- 9.
pe. Im Dunkel tastete er sich behutsam zu seinem La-
ger und ließ sich nieder. Yokkh stemmte die kurzen muskulösen Vorderbeine
Zum letzten Male tauchte er dann in das Vergessen in den weichen Boden, der den steil abfallenden Rand
eines traumlosen Schlafs ein. der Klippe so gefährlich machte, und schaute traurig
hinunter auf die Ebene, die ausgedörrt unter den Licht-
* schauern der unbarmherzigen Sonne lag.
Als unheilvolles Phantom hing Sagk am Himmel,
Wieder ging er hinaus. Diesmal war es für end- bereit zu versinken, um andere Teile von Yokkhs Hei-
gültig. Die Taschenlampe, deren schwächer werden- matwelt mit ihrer Hitze zu geißeln. Die kühle Jahres-
de Batterie nur noch einen müden Schimmer erzeugte, zeit war vorbei, während der die Welt Suam im Perihel
ließ er in der offenen Schleuse liegen. ihrer stark exzentrischen Bahn weit draußen, geschützt
vom Zentralgestirn, durch das All zog. Das satte Blau
Ein kräftiger Stoß trieb ihn unwiederbringlich vom
der Ebenen, die farbenprächtigen Blumenteppiche, die
„Sternvogel“ weg hinein in die Leere. Wie ein dunk-
seiner Rasse zur Nahrung dienten, waren verkümmert,
ler Schatten blieb die Raumkugel zurück, bis die we-
versengt von der Sonne.
nigen durch sie verdeckten Sterne in den Schwärmen
der anderen Lichtpunkte nicht mehr auffielen, die an Es wäre seinem Volk ein leichtes gewesen, auszu-
ihre Stelle traten. wandern, auf einer besseren Welt zu siedeln. Aber
das hätte seiner Mentalität widersprochen und den Le-
„Eigentlich schade um das schöne Schiff“, murmel-
bensrhythmus und damit die größte Gabe der Natur an
te er. Wie viele Welten hätte er mit seiner Hilfe noch
die Bewohner Suams zerstört.
aufsuchen können, wie viele Freundschaften hätte er
Yokkhs Kindheit und Jugend waren, wie üblich, im
noch schließen können mit Wesen, die noch keines Er-
Zeichen fruchtbarer Wochen und Monate in der küh-
denmenschen Auge erblickt hatte.
leren Jahreszeit der Sonnenferne gestanden. Deshalb
Aber damit war er bereits fertig. Dieses Kapitel hat- fiel ihm in der heißen Jahreszeit der Abschied leichter.
te er abgeschlossen. Er untersuchte sorgfältig, ob ir- Tief unter ihm wanderten einige aufrechte Gestalten,
gendwelche fatalistische oder nihilistische Gedanken seine Eltern und seine Lehrer.
in ihm waren. Aber selbst sein Unterbewußtsein war,
„Mein Sohn, ich weiß, daß es dir schwerfällt, zu ge-
soweit er es erfassen konnte, frei.
hen. Aber auch ich, wir alle, mußten dieses Stadium
Frei von Überbleibseln jener Irratio, die gleichbe- der Reife durchkosten mit allen seinen Vorteilen und
deutend ist mit menschlicher Primitivität. Das andere Nachteilen. Diese Zeit ist ein Geschenk, daß nur unse-
war noch da. Er spürte, wie es in ihm wuchs. Wie es rer Rasse gegeben wurde, und dem wir die Höhe und
von überall her zu ihm strömte. Er mußte sich nur da- Ausgeglichenheit unserer Kultur verdanken.
für öffnen. Du weißt, welche Aufgabe uns unter den vielen
Der Gedanke, daß seine Erkenntnis niemals verlo- Rassen des Weltalls zukommt. Geh also hinaus und
rengehen würde, obwohl er starb, erfüllte ihn mit der erfülle deinen Auftrag.“
Zuversicht, die wie eine warme Brandung auf ihn los- Das waren die letzten Worte seines Vaters gewesen,
stürzte, ihn für Augenblicke in ein strudelndes Nichts der jetzt bei denen dort unten ging. Er wußte nicht,
tauchte und schließlich auf dem Kamm einer endlosen was für ein Auftrag es war, den er für sein Volk zu er-
Welle davontrug. füllen hatte; das war von Atrak lohm Yelonn selbst in
Als die Luft im Anzug schlecht wurde, konzentrier- seinem Gedächtnis verankert worden. Zur gegebenen
te er sich darauf, mit ruhigen Fingern den Verschluß Zeit würde einer der hypnotischen Riegel nach dem
Sternvogel 24

anderen weichen, und er würde die Weisungen aus- lichtlosen Dschungel. Modrig und feucht roch hier die
führen. Luft, von deren Atembarkeit er sich vorher überzeugt
Deutlich spürte nun Yokkh die vielen fernen Gedan- hatte. Dieser unheimliche Urwald war nicht vom Le-
ken, die ihm sagten, daß zur selben Zeit viele ande- ben und Treiben einer tropischen Tierwelt erfüllt, die
re Suamen seines Jahrganges, in deren Lebensgebiet sein plötzliches Erscheinen erschreckt hätte. Totenstil-
die Sonne unterging, dasselbe Erlebnis hatten. Das gab le. Kein Blätterrascheln. Nur ab und zu das Tropfen
ihm das Gefühl, doch nicht allein und auf sich gestellt von Regenwasser. Es war eine gewisse Unruhe da, die
zu sein. Jeder einzelne von ihnen hatte eine Aufgabe ihn stutzig machte. Er vermochte jedoch keine feind-
zu erfüllen, die über das Geschick einer anderen Rasse lichen Gedanken wahrzunehmen.
— ohne deren Wissen — entschied. Und doch war irgendwo in dieser Stille eine Gefahr.
Lauschend streckte er den langgezogenen Kopf in Abwartend durchsuchte er mit weit offenen Sinnen
den tintenblauen Himmel. Die Nacht war lautlos her- die nähere Umgebung. Der Boden war moosbewach-
niedergesunken, und eine lindernde Kühle wehte aus sen und von knorrigen Wurzeln durchsetzt. Die kleine
der Ebene herauf. Der mondlose Himmel war vom Lichtung, in die er gesprungen war, wurde von eng-
Glitzern der zahllosen Sterne bedeckt. stehenden Bäumen umringt, deren schwarzglänzende
Stämme eine undurchdringliche Mauer bildeten. Die
Er ließ seine Gedanken in die grenzenlos tiefe
Zweige glichen hölzernen Schlangen, die zu einem
Schwärze des Weltenraums strömen. Noch war er un-
dichten Dach verwachsen waren. Der weiche Boden,
erfahren, und das Spiel mir den neuen Kräften barg
diese niedrige Erhebung in der Mitte der Lichtung,
Gefahren in sich. Er erfaßte einen helleuchtenden
ganz nahe...
Punkt und untersuchte ihn neugierig näher. Stärker
Da war es!
und stärker zog er ihn heran, bis er zu einem glühen-
den... Die Kuppe dieser Bodenschwelle klappte auf, und
heraus flog ein langer Tentakel, schoß auf ihn zu, um
Unter der jähen Empfindung eines fürchterlichen
ihn zu umschlingen und in das unergründliche Loch zu
Schmerzes zog er blitzschnell seine Gedankenfühler
ziehen, das ihn gluckernd angähnte. Entsetzt sprang
zurück. Er war in die Nähe einer Sonne geraten! Die
Yorkkh zirka hundert Meter in die Höhe, orientierte
psychische und physische Qual erschreckten ihn so
sich kurz und landete dann in einem freundlichen Tal
sehr, daß er lange Zeit mit zitternden Flanken nur
weiter südlich.
dastand und nichts denken konnte, nichts. Die inne-
Intelligentes Pflanzenleben. Kein Wunder, daß er
re Leere und Bewegungslosigkeit beruhigten ihn nach
diese Gedanken nicht wahrgenommen hatte. Er zit-
und nach.
terte am ganzen Körper, als er an den unterirdischen
Beim zweiten Versuch ging er vorsichtiger vor. Er Pfuhl dachte.
griff sich nicht wahllos einen der vielen gleißenden
Nachdem sich seine Beklommenheit wieder gelegt
Punkte heraus, sondern ging nach einem selbstgewähl-
hatte, sah er sich um. Über den farbenprächtigen Hän-
ten Plan vor, wie er es von seinen Lehrern gelernt hat-
gen der langgestreckten Bodensenke spannte sich ein
te. Erst die Nachbarsterne mit ihren primitiven Pla-
fremdartiger orangeroter Himmel. Eine gelbe Sonnen-
netenkulturen. Sie näher zu untersuchen, würde viel-
scheibe schien in milder Glut, und eine frische Bri-
leicht später einmal interessant sein; abgesehen davon
se sorgte sogar für Erfrischung. Er vergewisserte sich,
stand alles Wissenswerte über sie schon in den Bü-
daß ihm hier keine Gefahr drohte, und stellte sich be-
chern, die von den Kelp-Maschinen geschrieben wur-
ruhigt zum Schlafen hin. Bequem und sicher ruhte sein
den.
schlanker, fell-bedeckter Körper auf den vier stämmi-
Er beobachtete die Eisriesen von Lonmeh, wie sie gen Beinen. Sein geschecktes Fell ließ ihn für unge-
ihren sinnlosen Krieg in der Gletscherwildnis gren- übte Augen auf dem buntfleckigen Wiesenboden, dem
zenloser Hochplateaus führten; mit Steinblöcken und sich seine Schutzfarbe angepaßt hatte, nahezu unsicht-
spitzen Eislanzen. Primitive Wesen, die wohl nie mehr bar werden.
eine höhere Kulturstufe erreichen würden. Dafür war Mitten in der Nacht erwachte er wieder. Das fremde
ihre Welt zu kalt. Sternengewölbe wurde von dünnen Wolkenschleiern
Sein nächster ,Blick’ galt den wunderlichen Fel- verdeckt. In der Nähe mußte ein Tier versteckt liegen
senspringern von Alam-Anan, die vermittels geisti- und ihn beobachten. Deutlich spürte er die neugierigen
ger Kräfte weite Strecken auf ihrem Planeten einfach Gedanken des harmlosen. Geschöpfs.
überspringen konnten. Dieses Phänomen ähnelte sei- Ein wenig beunruhigt von dem bisher Erlebten,
nen eigenen Fähigkeiten, kam aber — da sie nur in- stellte er probeweise die Verbindung mit dem Richt-
stinktiv angewendet wurden — nicht im mindesten an feuer her, daß ihm jederzeit, selbst über Lichtjahrtau-
sie heran. sende hinweg, die sofortige Rückkehr nach Suam er-
Nach einiger Zeit wurde ihm das bloße Forschen möglichte. Ohne Schwierigkeiten spürte er das rhyth-
aus der Ferne zu langweilig. Er suchte sich eine be- mische Pulsen der gewaltigen Maschine — der einzi-
sonders weit entfernte Sonne, fand auch einen Plane- gen Maschine höheren Grades außer den Speicherge-
ten und teleportierte. Er teleportierte mitten in einen hirnen, die jemals auf Suam aufgestellt worden war.
25 TERRA

Man hatte die Technik eines Volkes, das schon vor Eine verzwergte Sonne war es. Deutlich sah er den
Millionen von Jahren zu Staub zerfallen war, mit dem rötlich glimmenden Ball vor sich.
überlieferten Wissen Suams verbunden, diese Anlagen Etwa vierhundert Lichtjahre entfernt.
durch die geschickten Bewohner Kelps aus dem Nach- Neugierig teleportierte er auf einen nähergelegenen
barsystem bauen lassen und dann nach Suam telepor- Planeten, Irgendwo in der Nähe dieses roten Zwerges
tiert. So konnte seine Rasse auf eine langwierige und mußte der Ausgangsort des immer schwächer werden-
für seine Mission schädliche Entwicklung verzichten, den Denkens sein. Erneut verengte er das Gebiet.
deren Endprodukte es groteskerweise für diese Missi- Hinter dieser sterbenden Sonne mußte es sein. Und
on brauchte. es bewegte sich sehr schnell. Es schien in einer immer
In Ruhe konnte Yokkh jetzt darangehen, sich Nah- enger werdenden Spirale in diese Sonne hineinzutrei-
rung zu suchen. Die Flora dieser Welt entsprach unge- ben.
fähr der seiner Heimat, und er fand auch hier eine Rei- Endlich sah er es deutlich vor sich. Was war das
he eßbarer Pflanzen. Es war wichtig, daß er seinem für ein seltsames Ding? Raumschiff, sagte sein Ge-
Körper stets genügend Energie in chemischer Form dächtnis. Eine Maschine, wie sie Wesen einer höheren
zuführte. Die Ernährung hatte zwar nicht direkt etwas Zivilisationsstufe, denen nicht die Möglichkeiten der
mit seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten zu tun; er Paraphysik zur Verfügung standen, zur Überbrückung
brauchte jedoch eine gewisse Kapazität an Nerven- der Entfernungen zwischen den Sternen und Planeten
strömen. Diese ganzen paraphysikalischen Begabun- benötigten.
gen beruhten darauf, daß er durch geistige Konzentra- Ein Raumschiff und ein intelligentes Wesen, dessen
tion die Eigenschaften des jeweiligen Raumzeitfeldes Gedanken schwächer und schwächer wurden. Bis sie
veränderte. Im Rahmen dieser Kontinua konnte er je- schließlich nochmals zu einer ungezügelten Wildheit
den ihrer Bestandteile nach Belieben manipulieren — aufflammten, die Yokkh zurückschrecken ließ. Dann
Energie und Materie, den Raum selbst. Und, innerhalb verschwammen sie sachte. Und waren weg. Das We-
gewisser Grenzen, die Zeit. sen war tot.
Wieder streckte er seine Gedankenfühler in das
All. Diese Telepathiefelder überstrichen eine Fläche 10.
von vielen Quadratlichtjahren und hatten praktisch un-
Schnaufend atmete Yokkh die Luft des Raumschif-
begrenzte Reichweite, wenn auch die Intensität des
fes, in das er, ohne viel zu überlegen, gesprungen war.
Empfangs ab einer gewissen Entfernung mehr und
Der Sauerstoffgehalt war zu niedrig, gerade an der
mehr abnahm. Wonach er besonders suchte, das waren
Grenze des Erträglichen.
intelligente Wesen mit einer gewissen Kulturstufe, die
es ihm ermöglichen würde, Neues zu erfahren und zu Neugierig ,sah’ er sich in der nachtschwarzen Ka-
dem bereits unermeßlichen Geistesgut seines Planeten bine um. Sie war leer. Wo war das Wesen, das er eben
weitere Erkenntnisse, vom Blickpunkt einer fremden noch gespürt hatte? Im Raumschiff nicht, das wußte er
Sternenrasse aus, hinzuzufügen. sofort. In Blitzesschnelle durchforschte er die nähere
Umgebung, spürte die schwindende Wärme des toten
Irgendwann vermeinte er, solche Gedanken zu ver- Körpers, zog ihn auf telekinetischem Weg herein, wie
nehmen. Für Augenblicke trugen diese wunderbaren es der Auftrag verlangte.
Kraftfelder den Hauch fremdartigen Denkens aus den
Der Auftrag verlangte auch, daß dieses Wesen erst
Schluchten des Universums zu ihm heran. Ehe es wie-
sterben mußte, ehe er es ins Schiff holte. Das war ge-
der verschwunden war und in dem Gewirr anderer
schehen. Nun mußte er den Toten wiederbeleben.
dünner Gedankenimpulse unterging, konzentrierte er
Er wußte nicht, mit welchen Informationen ihn die
sich mit verstärkter Energie auf ein kleineres Gebiet.
Auftraggeber versehen hatten und woher sie wieder-
Die Gedanken wurden fester. Sie erzählten vom um dieses Wissen erhielten. Jedenfalls hatte er den
Sterben eines Mannes, berichteten von seinem Bemü- Körper gerade noch so rechtzeitig hereingeholt, daß
hen um das Verstehen der Welt. sein Gewebe vom Vakuum des Weltalls noch nicht zer-
Das war der erste Teil des Auftrags, spürte Yokkh. stört worden war. Andernfalls hätte er einige Minuten
Dort draußen, an der Quelle dieser Gedanken, lag der in der Zeit zurückgehen müssen, um denselben Vor-
Anfang seiner Aufgabe. Er wußte noch nicht, wie es gang günstiger ablaufen zu lassen; das stand durch-
weitergehen würde. Das würde er im richtigen Au- aus in seiner Macht. Doch die Lunge, das Herz, das
genblick immer merken, denn die Größe der Proble- Gehirn, die anderen unbekannten Organe, über deren
me, die er und seinesgleichen zu bewältigen hatten, Aufbau und Funktion er unbewußt unterrichtet war,
ließ es nicht zu, daß er eigenmächtige Entscheidun- waren alle noch intakt. Die psychosomatische Einheit
gen vornahm. Seine jugendliche Unerfahrenheit durf- war ebenfalls noch nicht gestört, und es gelang ihm
te nicht die Pläne der Alten und Weisen stören, die in leicht, den Blutkreislauf und die Herztätigkeit wieder
den ewig fruchtbaren Polargebieten von Suam lebten anzuregen.
und das Wohl einer ganzen Milchstraße — unbemerkt Bald darauf hob und senkte sich die Brust des Frem-
— lenkten. den im Takt der kräftiger werdenden Atemzüge. Ruhig
Sternvogel 26

beobachtete Yokkh, wie die einzelnen Lebensfunktio- „Telepathie?“


nen in den erwachenden Körper zurückkehrten, wie telepathie. worte verstehe ich nicht. ich spüre ge-
der verwickelte Mechanismus von neuem in Bewe- danken... gleicher augenblick! jetzt viele dinge unver-
gung kam. ständlich. viele bilder fremd.
Zwei Arme, zwei Beine. Eine der häufigsten intelli- wie funktioniert telepathie? durch geisteskraft?
genten Lebensformen. Wie er ein Säugetier.
ja. geisteskraft.
Der Fremde öffnete kurz die Augen, ohne daß sein
Blick schon etwas wahrnahm, und versank sofort wie- ja, yokkh, keine energie mehr. sonnenanziehung!
der in eine tiefe Ohnmacht. Yokkh hatte inzwischen ich helfe dir. rettung... ohne energie
herausgefunden, daß sich an Bord des Raumschiffes flug ohne energie? telekinese?
eine Tiefschlafanlage befand. In die bettete er kurzent-
teleportation, tes!
schlossen den Bewußtlosen. Er schloß noch die intra-
venöse Nahrungskanüle an und — spannte das Massa- Die Verständigung war, für Dayen wenigstens, an-
gegerät über den zitternden Körper, dessen Herztätig- fänglich sehr schwierig, weil jeder der beiden notge-
keit sehr unruhig war. drungen ständig Begriffe gebrauchte, die dem Partner
unbekannt waren. Es war etwas mehr, als nur eine Rei-
Aber die ganze Maschinerie funktionierte nicht,
henfolge von Bildern, die ausgetauscht wurden. Die
als er sie einschaltete. Natürlich — die Stromversor-
außersinnlichen Kräfte des Suamen schlugen eine Art
gung war zu Ende! Vorsichtig „borgte“ er von der
Brücke, über die ein ständiger Gedankenaustausch er-
Zwergsonne, tief aus ihrem aktiveren Kern, ein genü-
folgte.
gend großes elektrisches Potential, das er in die rasch
erfaßten Speicher der Notstromanlage übertrug. Das Für Dayen ein Vorgang, der wegen der notwendigen
war ein sehr komplizierter Vorgang, der den gelern- Konzentration, vor allem aber wegen der Ungewohnt-
ten Umgang mit starken energetischen Wechselfeldern heit, sehr anstrengte. Er fand sich jedoch rasch mit der
verlangte. Doch Yokkh war auf seine Aufgabe gut vor- neuen Situation ab.
bereitet worden; er beherrschte seine paraphysikali- Erleichterung war ein mildes Wort für den Weg-
sche Aura hervorragend. fall der gewaltigen Last, die ihn niedergedrückt hatte.
Mit dem fließenden Strom begann auch die Schlaf- Wenn dieser Yokkh tatsächlich die Teleportation be-
maschine ihre helfende Funktion, und er konnte sich herrschte, dann konnte er unter Umständen den gan-
anschließend selbst die notwendige Ruhe gönnen. zen „Sternvogel“, in dem er sich wie durch Zauberei
Zwei Tage später — er hatte die Maschine wieder wiedergefunden hatte, in die Nähe einer energierei-
abgestellt — öffnete der Fremde seine Augen zum chen Sonne bringen, wo er seine Garsinspeicher er-
zweitenmal. Eine Flut bestürzter und zugleich neu- neut aufladen könnte.
gieriger Gedanken stürmte auf Yokkh ein. Vorsich- Wie ein Deus ex machina im griechischen Theater
tig pflanzte er dem anderen ein Bild ein, das Frieden der Antike war dieses wolfsähnliche Wesen im letzten
und den Wunsch nach Freundschaft beinhaltete. An- Moment aufgetaucht. Wieder einer dieser unglaubli-
schließend übermittelte er seinen eigenen Namen, ein chen Zufälle, die für sein neues Leben bestimmend
paar charakteristische Landschaftsbilder seines Plane- schienen.
ten und die Hauptsternbilder seines Himmels. Keines Immer noch herrschte das trübe Halbdunkel in der
war, verständlicherweise, bekannt. Kabine, wie es das Licht des Roten Zwergs auf den
„Yokkh? Suam?“ fragte der Fremde ungläubig, der Astrovisoren hervorrief. Aber woher kam der Strom
den Klang der Namen „vernommen“ hatte. Er war wie für die Fernsehwände? Er hatte doch zum Schluß in
zerschmettert, als die unglaubliche Tatsache an sein völliger Dunkelheit gesessen, als auch das Notaggre-
Bewußtsein drang, daß er noch lebte. Eben war er gat ausgefallen war!
noch im offenen Raumanzug im Weltall geschwebt, ich... energie in notaggregat, sendete der Suame er-
dem Tod so sicher geweiht, wie nirgendwo anders; klärend.
eben hatte er schon mit der Vergangenheit abgeschlos-
„Kannst du mehr Energie erzeugen?“ viel-energie
sen, sich endgültig dem Unentrinnbaren ergeben —
nicht mehr durch telekinese. andere art.
und jetzt sollte es weitergehen?
Mußte er diese letzten Sekunden noch einmal miter- Yokkh schien verstanden zu haben. Er spreizte die
leben? Sie waren schön gewesen und erfüllt von einer Beine in jener Art, die ihm vollkommene Entspannung
Herrlichkeit, die ihn überwältigt hatte. ermöglichte. Dann fiel ihm noch etwas ein. schütz?
fragte er.
„Ich heiße Tes Dayen“, sagte er langsam, indem er
auf sich zeigte, und fuhr dann zögernd fort, „und du Dayen winkte erschrocken ab. keine energie mehr
bist... Yokkh? Yokkh von Suam? Von dem Planeten vorhanden — auch kein schutz!
Suam?“ energiemaschine fängt Strahlung auf?
mein planet... suam. du nicht — sprechen. ich ver- ja. die Strahlung wird von den außenhaut-absorbern
stehen alles. du denken. aufgefangen.
27 TERRA

Yokkh konzentrierte sich, während Dayen sich aus- das ist ein tier, das seine färbe wechselt, wenn es
malte, was passiert wäre, wenn das Wesen die un- sich einer fremden Umgebung anpassen will.
bändige Energie, die es anscheinend aus dem Nichts Der Suame hatte vier Beine, deren vorderes Paar
schaffen wollte, direkt in die Speicher geleitet hätte! schon sehr Armen glich. Wie ein Gorilla, der noch auf
Draußen schien etwas zu explodieren. Die Fern- allen vieren geht, sich aber im nächsten Augenblick
sehwände strahlten eine unerträgliche Helligkeit wi- schon auf die Hinterbeine erheben und aufrecht gehen
der, die den ganzen Steuerraum des „Sternvogel“ in kann.
grelles, schattenloses Licht tauchten. Dayen täuschte gorilla?
sich; es war keine Explosion. Aus der Farblosigkeit
ein gorilla, yokkh, ist ein tier, das in den wäldern
des Weltenraums entstand ein Strom weißblauer Glut,
meiner heimat lebt, das heißt, heute lebt es nur noch
verdichtete sich zu einer Feuerkugel, die mit intensiv-
im zoo. kannst du auch aufrecht gehen?
ster Kraft ihre Energie an die offenen Absorber auf
der Außenhaut des Schiffes abgab. Wie ein Schwamm nicht jetzt. alte suamen gehen aufrecht.
saugten diese die Strahlung auf, und das stete Klettern Wenn er also richtig verstanden hatte, gingen die
der Garsinmeter gab Dayen die letzte Gewißheit, daß älteren Mitglieder von Yokkhs Rasse aufrecht. Sie
alles weitergehen würde. machten eine Art Metamorphose durch. Die Rätsel um
viel-energie? genug... energie? fragte Yokkh, des- dieses Sternenwesen wurden immer unübersehbarer.
sen gelbe, irislose Augen glänzten und von dessen jetzt sprung, tes?
Flanken der Schweiß tropfte. ja. das reicht für eini- in Ordnung.
ge Sprünge. Die Außenhautabsorber hatten alle schon
Wieder entspannte sich der hilfreiche Suame, dem
offen gelegen, seit Dayen vergeblich versucht hatte,
man die tiefgreifende Erschöpfung bereits ansah.
den erlöschenden Zwergstern anzuzapfen. Während
Größtmögliche Konzentration, die den Geisteskräften
der Suame, von einem starken Krampf geschüttelt, er-
Zugang zu dem paraphysikalischen Feld ermöglich-
schöpft seine überanstrengten Nerven zu besänftigen
ten...
suchte, floß der stetige Strom hochfrequenter Strah-
lung weiterhin aus der von ihm geschaffenen Feuer- Es war genau wie beim Hypersprung. Aber wenn er
kugel über die Absorber in den Multitron. Dort wur- es mit Hilfe irgendwelcher Kraftfelder machte, dann
de sie nach einiger Zeit, als die Zündspannung er- bestimmt nicht mit elektrischen oder magnetischen
reicht war, automatisch in einem verwickelten Prozeß oder gar mit gravitischen. Die zahlreichen Meßinstru-
in gleichförmige Belka-Ströme transformiert und in mente zeigten keinerlei Ausschlag. Der Rote Zwerg,
dieser Form in die unersättlichen Speicher geleitet. der beinahe Dayens Ende geworden wäre, es in einem
gewissen Sinn sogar geworden war, verschwand. An
ist die feuerkugel von der zwergsonne? fragte
seine Stelle trat eine gelbe Sonne der Mittelklasse, als
Dayen, der langsam einen kleinen Überblick über die
die Superkräfte Yokkhs den Hyperraum manipulierten
Fähigkeiten des äußerlich so unscheinbaren Wesens
und eine neue Greggnor-Schleuse schufen zu einem
gewann. ja.
Sonnensystem, das er vorher über seine Gedankenfüh-
Dayens Hochachtung wuchs mit jeder Minute, die
ler gesucht hatte.
er länger mit dem Suamen zusammen war; das war
der richtige Begleiter für eine Abenteuerfahrt unter Es war ein Stern vom Typ Sol, vom Typ jener Son-
„... dem Lichte ferner Sonnen...“ Irgendwie — wahr- nen, um die die meisten erdähnlichen Planeten krei-
scheinlich durch geistige Transmutation von Materie sen. Dayen bedankte sich so gut er vermochte, erhielt
— mußte er es fertiggebracht haben, einen Brocken aber keine Gegenimpulse, die eine Antwort beinhalte-
des Zwerges zu reaktivieren und draußen in der Nähe ten. Der Kleine stand mit gespreizten Beinen einfach
des Schiffes entstehen zu lassen. Jetzt konnte er end- da und rührte sich nicht mehr. Yokkh schlief.
lich wieder das Licht einschalten. Dankbar ließ er die Tes Dayen ließ ihn ruhen. Einstweilen lud er die
indirekten Lampen aufleuchten, deren milder Schein Speicher des Schiffes bis zum Bersten auf. Die Zei-
der Zentrale und dem übrigen Schiff das makabre Aus- ger der Instrumente kletterten in schwindelnde Höhen,
sehen einer Totenkammer nahm. und er sah mit Vergnügen zu. Endlich schlossen sich
Dann betrachtete er mit Muße seinen Retter näher. die Blenden automatisch: Der „Sternvogel“ war wie-
Die Ähnlichkeit mit einem Wolf war bei näherem Hin- der voll aktionsfähig. Nur eines beunruhigte ihn noch.
sehen nur noch geringfügig vorhanden. Lediglich die Wo lag der Fehler, der das Versagen der Sprungag-
groben Umrisse glichen diesem ausgestorbenen irdi- gregate verursacht hatte?
schen Tier. Er hatte ein metallisch blaues Fell, und Er würde den Kleinen danach fragen. Dieser Ge-
zu seinem Erstaunen bemerkte Dayen, daß es dieselbe danke brachte ihm die Erinnerung an die Stunden und
Farbe hatte wie der Fußboden der Zentrale. Tage, in denen er hilflos um die sterbende Zwergsonne
Chamäleon. Diese Mimikry-Fähigkeit ermöglichte gekreist war. Er hatte, als er das letzte Mal das Schiff
es wahrscheinlich Yokkhs Rasse, ihre Forschungen verließ und dann endlich den Helm seines Raumanzu-
auf anderen Planeten unerkannt durchzuführen. ges öffnete, eine Vision gehabt. Oder auch ein schlech-
chamäleon?“ tes Erlebnis.
Sternvogel 28

Wenn es etwas gab, worüber er ein Gedicht schrei- Vollkommen durcheinander löste er sich endlich
ben mußte, dann war es dieses Erlebnis. von den fruchtlosen Überlegungen. Er sah ein, daß es
Was war es nur gewesen? zu diesem Zeitpunkt keinen Zweck hatte, etwas er-
Sein Notizbuch lag in der Schlafkabine. Er ging, zwingen zu wollen, von dem er merkte, daß es sich
mit Vergnügen die wiedergekehrte künstliche Bord- bald von alleine aufklären würde.
gravitation verspürend, hinüber und setzte sich auf die
Bordkante. Vergeblich suchte er, diese Vision in Worte 11.
zu fassen; es war, als habe er sie nie gesehen. Eine un-
deutliche Erinnerung nur, von blendendem Licht, von
rätselhaften Sternmustern, von Tönen... yokkh, kannst du die stelle finden, den kurzschluß,
der das versagen der sprungmaschine verursacht hat?
Dann kamen die Gedanken wieder, zäh und wider-
willig. Plötzlich waren sie alle gleichzeitig da, wirbel- Dayen hatte sich bereits damit abgefunden, daß er
ten durcheinander in einer Vielzahl und Farbenpracht, einstweilen trotz intensivsten Grübelns auf vieles noch
daß er sie gar nicht auf einmal fassen konnte und keine befriedigende Antwort bekam. Er hatte kurz mit
er völlig in dem Durcheinander unterzugehen droh- dem Gedanken gespielt, Yokkh um Rat zu fragen,
te. Dann kam auf einen Schlag Ordnung in das Tohu- war aber wieder davon abgekommen. Woher sollte der
wabohu, Zusammengehörendes ordnete sich in klaren, Kleine schon Bescheid über seine Probleme wissen.
übersichtlichen Mustern. Doch wenigstens die Ursache des Unfalls, der ihn
Die Lösung des Problems der stellarkranken Raum- so lange im Hyperraum festgehalten hatte, konnte
piloten, die im letztmöglichen Verständnis des Unter- Yokkh mit seinen Übersinnen ausmachen. Eventuell
bewußtseins und in einer gewissen Beherrschung die- konnte er den Fehler beseitigen, damit kein neues Ver-
ser bisher so achtlos übergangenen Seite des mensch- sagen eintrat.
lichen Wesens lag. Psychoanalyse und Psychothera-
Bereitwillig untersuchte der Suame das Schiff. Al-
pie hatten zwar lange schon die Bedeutung des Sube-
les lag klar und durchsichtig, wie auf einem großen
gos erkannt. Aber sie waren über seine äußere Scha-
Diagramm, vor ihm. Nirgends fühlte er Unstimmig-
le nicht vorgedrungen; man würde Methoden schaf-
keiten in dem grandiosen Mechanismus.
fen müssen, diese Dinge zu vervollkommnen, damit
es den Raumfliegern möglich wurde, das Weltall mit Nur an einer Stelle stutzte er. mechanismus ist in
heilen Sinnen zu überstehen. ordnung. alle wichtigen teile gut. eine stelle ist un-
Das andere war auch da, in ungetrübten geschlos- durchdringlich für mich... unmöglich. es gibt kein hin-
senen Bildern. Eigenartigerweise wußte er nicht, was dernis für parafelder!
sie darstellten. Das heißt, er wußte wohl, was es war Dayen war beruhigt. Die Hauptsache war, daß das
— aber nicht, wie es war! Schiff sich in einem ordentlichen Zustand befand. Die-
R 17. Das Versagen des Thormann-Antriebs. Die se eine, offensichtlich abgeschirmte Stelle war wohl
Rettung durch Yokkh. Diese Kette von Zufällen, die eine der kleinen Verbesserungen.
ihn ohne sein Zutun in eine so groteske Situation ge- Yokkh gab sich mit dieser Erklärung nicht so
bracht hatte, von der er nicht einmal wußte, was sie schnell zufrieden. Er konnte sich nichts vorstellen,
bezwecken sollte. Die einzelnen Fazetten erkannte er was fähig war, telepathische Felder abzuschirmen, au-
wohl. Aber der dahinterliegende Sinn, der Zusammen- ßer... Da merkte er, daß auch das zu seinem Auftrag
hang blieben ihm verborgen. Eine dünne, durchschei- gehörte. Nochmals betrachtete er die Stelle eingehend.
nende Schicht mußte er durchdringen, das spürte er in- Sie war in der Hauptstrebe installiert und stand über
stinktiv. Instinktiv — das war das Stichwort. Sein Un- kaum sichtbare Drähtchen in Verbindung mit dem
terbewußtsein hatte die Lösung bereits! Weshalb ge- Thormann-Antrieb und dem Steuerautomaten.
lang es dann seinem Superverstand nicht, sie ebenfalls
zu finden? planet dieser sonne — nahrung und frischluft, er-
klärte der Suame später, nachdem er die Umgebung
Ebenso war es bei dem nächsten Bild. Er erkannte
der gelben Sonne untersucht hatte.
deutlich, daß es dabei um den Sinn des Raumfluges
ging. nahrung ist auch hier im schiff, versuchte Dayen
Der Mensch strebte zu den Sternen. Warum? ihm klarzumachen. Doch Yokkh wollte natürliche
Die Antwort hatte er doch schon gehabt, als er ge- Substanzen, Pflanzen; die synthetischen Nahrungsmit-
storben war. Was konnte er tun, um sie aus dem Un- tel sagten ihm nicht zu. So landeten sie nacheinander
terbewußtsein hervorzugraben? auf den beiden Trabanten dieses Sterns.
Und wo paßte schließlich die Figur dieses Yokkh Der innere, auf dem sie zuerst niedergingen, er-
hin, der drüben in der Zentrale stand und schlief, damit wies sich als eine sterile Wüste, über deren einför-
er sich von seinen Anstrengungen erholte. Das war der mige Sandebenen gelbbraune Staubtromben rasten.
unglaublichste aller Zufälle — dieses freundliche Ge- Die Atmosphäre war im höchsten Grade ungenießbar;
schöpf, das aus dem Nichts aufgetaucht war, um sein kaum zwei Prozent ungebundener Sauerstoff, dafür je-
Leben zu retten. Wofür zu retten? de Menge tödlicher Kohlenstoff- und Schwefeloxyde.
29 TERRA

Sie stiegen gleich wieder aus dem undurchsichtigen stoßenden Bergketten. Offen zutage tretende Erzadern
Hexenkessel auf, der an der Oberfläche dieser Welt an den granitgrauen Hängen warfen das blendende
herrschte. Der zweite Planet zog seine Bahn weiter ab Licht der hochstehenden Sonne zurück.
vom Zentralgestirn. Es war eine freundliche, einladen- Gemächlich kletterte der „Sternvogel“ an den Fels-
de Welt, bei der sie bald darauf ankamen. Mehrmals wänden empor, schwebte über die zerrissenen Ber-
umkreisten sie den erdgroßen Ball, machten Luftana- gzinnen und war dann über dem Ozean. Bald ver-
lysen und phototechnische Aufnahmen. schwand das letzte Stückchen Land hinter dem Hori-
Dayen verspürte kolonistische Anwandlungen und zont, und der Fernseher zeigte nur noch das blaugrüne
wollte gleich daran gehen, den günstigen Planeten zu Wogen der See.
kartographieren. Yokkh hielt ihn davon ab. Regungslos verharrte jetzt die glitzernde Kugel über
es hat keinen sinn, tes. dieses Sonnensystem darf dem Strand, getragen von einem künstlichen Gegen-
nicht von anderen menschen deiner rasse betreten wer- schwerefeld.
den. Dayen deutete auf eine bestimmte Stelle: dort wol-
warum nicht? len wir landen. in der nähe sind wiesen, auf denen du
ich kann dir den grund nicht erklären. ein gedanke bestimmt nahrung finden wirst. und in diesen meeren
in mir sagt, daß hierauf ein tabu liegt. kann ich endlich wieder einmal richtig baden.
ein tabu? ist so etwas möglich? aber du mußt doch
wenigstens wissen, weshalb? *
ich kann dir nichts sagen. nur ein gefühl. vielleicht
sehen wir mehr, wenn wir landen... yokkh — wir sind nun schon sieben tage hier. ich
beginne mich zu langweilen. was hältst du davon,
Dayen runzelte die Stirn; vorsichtshalber legte er
wenn wir weiterfliegen?
eine dichte Schutzsphäre um den „Sternvogel“. Dann
setzte er sich an die Flugkontrollen und ließ das Schiff von mir aus kann es jeden moment losgehen.
in die Lufthülle des Planeten gleiten. Die Atmosphäre Sie sprangen auf. Gemächlich schlenderten sie un-
glich, abgesehen von winzigen Verschiedenheiten, der ter die Schleuse, ließen sich vom Traktorstrahl nach
irdischen. Langsam sank der Kugelraumer tiefer; der oben heben und gingen gelassen in die Zentrale.
Farblosigkeit des Weltalls folgte die immer heller wer- Mit ein paar routinierten Handbewegungen aktivier-
dende Blauskala, wie sie auch auf der Erde vorhanden te Dayen die vielen Kontrollen. Das schlafende Schiff
ist. Nach kurzem Gedankenaustausch beschlossen sie, erwachte leise summend. Die Schotten schwangen
den herzförmigen Kontinent, der unter ihnen heran- zu. Das Gegenschwerfeld nahm die schwere Last des
rollte, erst einmal zu überfliegen. Schiffes von den Teleskopbeinen, die sich zusammen-
Der Planetenteil war von einem dichten Regenwald schoben und in den dafür vorgesehenen Öffnungen
bedeckt, der von einigen träge dahinfließenden Strö- verschwanden.
men und unzähligen Flüssen und Bächen durchzogen Plötzlich richtete sich Yokkh in seiner Ecke, von der
wurde. Etwa in der Mitte erstreckte sich ein kleines aus er bequem die Vorgänge in der Zentrale und auf
Binnenmeer, dessen Ufer von steil abfallenden Mar- den Bildschirmen verfolgen konnte, auf. tes, du mußt
morklippen gebildet wurden, die sanft in den hochwo- nochmals landen! ich spüre gedanken. intelligente ge-
genden Ozean überleiteten. Die Küstenstreifen waren danken. gleich in der nähe. gedanken von großen le-
von blühenden Savannen bewachsen und wurden vom bewesen. was sagst du?
Landinnern durch stellenweise über sechstausend Me- ihre gedanken — ich kann sie kaum empfangen.
ter emporragende, wildzerrissene Gebirgsketten ge- sie... sie denken so langsam!
trennt. Nur an wenigen Stellen, wo die riesigen Strö- aber weshalb soll ich noch einmal landen? kann ich
me ihre lehmigen Fluten ins Meer gössen, war dieses denn nicht hinfliegen?
trennende Ringgebirge unterbrochen. Yokkh dachte scharf nach. Er schien einer fernen
Eine urwüchsige Landschaft. Stimme nachzulauschen, denn seine „Ohren“ legten
Gerade überflogen sie eine von rostroten Blüten sich weit nach hinten — ein Zeichen, daß er sich kon-
übersäte Steppe. Grotesk geformte Tiere tummelten zentrierte. Endlich schüttelte er sich verneinend. wir
sich in Scharen und umlagerten die Tränken an den müssen landen und den weg zu fuß zurücklegen. ich
flachen Flüssen, die sich regellos, nur der Bodenge- kann dir jetzt nicht erklären, weshalb, du mußt mir
stalt folgend, dahinschlängelten. glauben.
yokkh — kannst du intelligentes leben spüren? ist schon gut, yokkh.
nein. nur nichtssagende impulse. gedankenfetzen, Dayen hatte die außergewöhnlichen Fähigkeiten
die von hunger und ruhelosigkeit und primitivsten be- des Suamen inzwischen schon so weit zu schätzen ge-
dürfnissen erzählen. nur niedere tiere. lernt, daß er dessen Worten vertraute und den Raumer
schade. noch einmal landete.
In einer steilen Kurve zog Dayen das Schiff hoch Sie ließen sich im Traktorstrahl in den Sand glei-
und flog weiter hinüber zu den schroff in den Himmel ten. Fragend schaute Dayen den Kleinen an. ist es weit
Sternvogel 30

weg? nein. vielleicht zwei kilometer. das langt. aber Lichter auf, um die unvergeßliche Szene weiter zu er-
einen moment, yokkh — warum hast du diese gedan- hellen.
ken nicht bereits schon viel früher empfangen? Erst als sie dann draußen im Weltall waren, kehr-
ich sagte dir doch, daß sie zu langsam denken. die te die Ruhe in Dayen zurück. Ihn hatte der Anblick
einzelnen bilder sind so verzerrt, daß sie mir norma- am meisten und am nachhaltigsten gepackt. Überdeut-
lerweise kaum aufgefallen wären. ich hatte mich nur lich sah er nochmals die Kolosse der silberschuppi-
zufällig beim Start auf die gegend, aus der sie kom- gen Amphibien vor sich und das pfeilförmige Raum-
men, konzentriert und wurde deshalb aufmerksam, et- schiff, das Wind und Wellen in einem seit Jahrtausen-
was trieb mich dann dazu, die wesen aufzusuchen von den währenden Spiel zerstört hatten. Es konnte kein
denen sie ausgesendet werden. irdisches Schiff sein; der Himmel wußte, wer seine In-
Yokkh hätte diesen letzten Gedanken am liebsten sassen gewesen waren.
zurückgehalten. Aber Dayen schien ihm sowieso kei- Diese Riesengeschöpfe umkreisten das rostzerfres-
ne sonderliche Aufmerksamkeit zu schenken. sene Wrack in einer stummen Verehrung, deren tiefe-
Sie ließen also das Raumschiff stehen und gingen, re Bedeutung alles überstieg, was Dayen jemals erlebt
Yokkhs Ahnungen folgend, zu Fuß. Zügig schritt der hatte. Er hörte noch immer die sehnenden Schreie, die
Erdenmensch aus, und neben ihm lief in einem aus- sie zum dunkler werdenden Himmel ausgestoßen hat-
dauernden, kaum ermüdenden Wolfstrab der Suame. ten und die sich beim Erscheinen der ersten Sterne zu
Eine Viertelstunde später bogen sie um eine steile einer Orgie der Verzweiflung steigerten, weil sie vor
Felsklippe, zwischen der und dem leise wogenden Sehnsucht zu den unerreichbaren Welten, von denen
Meer ein schmaler Landstreifen durchführte. Dayen dieses Schiff gekommen war, vergingen.
sah gleich darauf bereits die hohen Mauern der Stadt.
Sie waren hochintelligent. Die wunderbaren, mit
Es mußten gigantische Wälle sein, Hunderte von Me-
unbegreiflichen Symbolen geschmückten Gebäude,
tern hoch.
die halb ins Wasser und halb aufs Land gebaut wa-
Yokkh, der seine paraphysikalischen Fähigkeiten ren... Die U-Booten ähnelnden Maschinen, mit denen
nicht einsetzte, um Kräfte zu sparen, ließ sich hoch- sie wohl ihre Nahrung aus den Tiefen des Meeres hol-
heben. seltsam, sagte er, ich habe so etwas noch nie in ten, und viele andere Einzelheiten erzählten von der
meinem leben gesehen. technischen und kulturellen Höhe dieses Meervolkes.
Nirgends konnten sie ein Tor oder sonst eine Ge- Jahrmillionen mußten sie daran gearbeitet haben; ih-
legenheit ausfindig machen, die ihnen gestattet hätte, re riesigen walfischähnlichen Körper mit den vielen
hinter das geheimnisvolle Bollwerk zu kommen. Tentakelpaaren waren der Grund dafür, daß ihre Ner-
yokkh, kannst du in erfahrung bringen, was diese venströme und damit ihre Gedanken so langsam wa-
lebewesen denken? vielleicht hilft uns das weiter. ren. Ein Ereignis, das Urzeiten zurücklag, mußte ver-
nur teilweise. ich habe schon gesagt, daß ihre denk- hindert haben, daß diese Giganten ausgestorben waren
weise für mich kaum verständlich ist. mir scheint es, und sich statt dessen im Laufe der Zeiten zum Prima-
als träumten sie. als träumten sie von einer welt, in der tenstamm dieser Welt ausbildeten.
alles von grünem licht erfüllt ist und in der alles leicht Für Jahrmillionen hatten sie geschaffen, dem
verschwimmt. dunklen Drang aller höheren Kreaturen folgend, um
was können das für intelligenzen sein? wenn sie dann zu erkennen, daß sie die Sterne, das letzte Ziel
überhaupt intelligent sind... keine ahnung, tes. dieses stetigen Dranges, niemals erreichen würden. Es
Als sie auch nach längerem Suchen selbst mit würde nie ein Raumschiff geben, das einen solchen
Yokkhs Übersinnen keine Lücke in der gigantischen Körper in eine Kreisbahn um den Planeten tragen wür-
Mauer entdeckten, stiegen sie auf den Bergvorsprung, de. Damit war es unmöglich für sie, die Schwerkraft
an dem die eine Seite des Walls endete. Sie kletterten zu untersuchen und zu überwinden, und um ihnen
mühsam über die spiegelglatten Felsen, die aussahen, zu helfen, war es bereits zu spät, denn dieses Stadi-
als seien sie erst eben erstarrter Lavafluß. um der Resignation und Verzweiflung einmal erreicht,
Oben auf dem Grat hatten sie dann einen guten läßt kein Vorwärtsstreben mehr zu.
Überblick über das, was sich hinter der Mauer befand. Dieses Raumschiff, das von den für sie unerreichba-
Als Yokkh diese Wesen sah, hatte er sofort das. Ge- ren Sternen herabgestürzt war, schien ihnen das Sym-
fühl, daß der zweite Teil seiner Mission erfüllt war. bol für alle Nutzlosigkeit ihres Strebens zu sein. Und
Der hypnotische Block, den ihm Atrak lohm Yelonn sie verehrten es in der Ergebenheit einer vom Schick-
auferlegt hatte, löste sich Stück für Stück. In späte- sal geschlagenen Rasse, an deren Ende erst der geisti-
stens einem Monat würde alles erledigt sein; dann war ge und endlich der körperliche Tod dieser bedauerns-
seine Reifezeit beendet, und er würde nach Suam zu- werten Wesen stehen würde.
rückkehren können. Das ergreifende Klagen, das in steigenden Akkor-
Lange standen sie dort oben und schauten erschüt- deon in die Nacht aufstieg, dieses Zeremoniell, in
tert auf das, was sie nicht glauben wollten. Die Sonne dem ihre ganze enttäuschte Seele lag, war zugleich ihr
verlosch gerade im Meer, und drunten flammten blaue Grabgesang.
31 TERRA

Da wurde es in Dayen klar. Die Schicht, die so lange Dayen überraschte sich eigenartigerweise mehr-
schon über den letzten verborgenen Bildern gelegen mals dabei, wie er die Interstellare Handelsgesell-
hatte, lockerte sich. Nun wußte er, weshalb den Men- schaft und das Erlebnis auf dem zweiten Planeten der
schen eine unwiderstehliche Gewalt zu den Sternen Kupfersonne, die hinter ihnen zu einem unscheinbaren
zog. Dieses Erlebnis war es, das sein Unterbewußtsein gelben Punkt schrumpfte, in einen ursächlichen Zu-
veranlaßt hatte, die dort bereits liegende Antwort frei- sammenhang brachte.
zugeben. Das Schicksal der Amphibienrasse und die damit
yokkh, ich möchte dir ein von mir geschriebenes ge- verbundene Warnung für die Erde waren deutliche
dicht vorlesen. einen augenblick bitte, ich hole es. Zeichen, die er nicht überhören konnte; so sehr er sich
Überrascht versuchte der Suame, die auf ihn ein- auch sträubte, dies einzusehen. Zum Donnerwetter! Er
stürmenden Gedankenfragmente zu analysieren. Es war doch gerade erst aus dieser bürokratischen Zer-
war ihm unmöglich. mürbungsmühle ausgebrochen, um die abenteuerliche
Freiheit eines Raumfliegers zu erleben! Mit keinem
Dann war Dayen wieder zurück. Er brachte ein
Gedanken hatte er je daran gedacht, dorthin zurück-
grüngebundenes Notizbuch mit. Eilig schlug er eine
zukehren.
mit krausen Schriftzeichen bedeckte Seite auf und fing
laut an zu lesen: Und doch — wenn er ehrlich war, mußte er zuge-
ben, daß er genug Abenteuer gehabt hatte. Die Erde
„EVOLUTION aber wartete darauf, daß er ihr aus der größten Krise
Grüner Brodem: Chlor ihrer Geschichte half. Jetzt kam ihm zum Bewußtsein,
Gifthauch fremder Welten...“ was auf dem Spiel stand.
Er war ja der einzige, der den Schlüssel zur Be-
Langsam und eindringlich — fast zu eindringlich, kämpfung des Stellarfiebers kannte, deren Ursache
schon pathetisch, wie es ihm vorkam — trug er die und Lösungsmöglichkeit! Deutlich spürte er, daß er
fünfzehn Zeilen vor. Yokkh verstand sofort, was er da- sich diesem Gefühl, eine dringende Pflicht erfüllen zu
mit besagen wollte. müssen, nicht mehr lange entziehen können würde.
Dann war es zu Ende. Mit einer unsäglichen Er- Denn das Stellarfieber allein war noch nicht alles.
leichterung schlug Dayen das Büchlein wieder zu, Wie lange war er eigentlich schon von der Erde weg?
steckte es in eine offene Schublade und gab dieser Es mußten Wochen sein. Die wichtige Parlamentsde-
einen Stoß, der dokumentierte, daß ein weiteres Pro- batte, in der die Entscheidung über die Zukunft der
blem abgeschlossen war. irdischen Weltraumfahrt und über die Interstellar fal-
jetzt habe ich es herausgefunden, yokkh. das intelli- len sollten. Die Interstellar selbst: Die Direktoren wür-
gente pflanzenwesen, das zum licht, zu dem lockenden den sich um seine Nachfolge raufen und darüber das
„oben strebt und wieder zurück zum finsteren grund“, gesamte Gedankengebäude, das hinter dieser Einrich-
zum „grollenden lavahauch“ kehren muß, wo es in tung verborgen lag, zerstören.
„ziehender zeit“ einer bestimmung entgegendämmert, Jan Arlagon! Grahon Black!
die es bereits verfehlt hat, die „einmal“ war... Er fühlte, wie ihn diese plötzlichen Erinnerungen in
Diese unseren walen gleichenden riesenintelligen- eine Enge zu drängen drohten, aus der es nur einen
zen, deren große sie für alle zukunft an ihre heimat- Ausweg gab. Dieser eine Ausweg hieß: Rückkehr zur
weit, ja sogar zum teil an das meer fesselt... sie ha- Erde. Und das war genau das, was er solange wie nur
ben beide etwas gemeinsam: sie haben keine erfüllung möglich hinausschieben wollte.
mehr zu erwarten. sie können den weg nicht zu en- Die Rückkehr zur Erde. Was würde dann aus mir,
de gehen. diesen weg, der nur über die Sterne führen Yokkh?
kann. jetzt weiß ich endlich, warum wir menschen zu Zur Zeit schlief der Kleine zu seinen Füßen. Er
den Sternen müssen! wenn wir nicht hingehen, geht wollte sich ausruhen, denn bei der Ankunft im fla-
es uns wie ihnen, denen keine macht dieser welt mehr chen Raum sollte er ein neues System suchen, damit
helfen kann. sie sind die bedauernswertesten geschöp- sie weitere Abenteuer bestehen konnten.
fe des Universums... Er dachte an den Suamen. Es war eigenartig — ob-
wohl sie wirklich gute Freunde geworden waren, wuß-
12. te er fast nichts über Yokkh. Er blieb in seinem Le-
benshintergrund farblos, denn er gab wohl bereitwillig
Die Treibwellenbündel der Levlon-Rohre jagten Auskunft über alles, aber seine Äußerungen zeigten in
den „Sternvogel“ mit stetiger Beschleunigung durch ihrer Gesamtheit nur ein verschwommenes Bild; je-
den gekrümmten Raum der gelben Sonne. In einem doch ihre Verständigungsversuche machten gute Fort-
halben Tag würde er den flachen Raum erreichen, und schritte. Yokkh beherrschte die Universalsprache des
es wäre ihnen möglich, eine neue Greggnor-Schleuse irdischen Imperiums schon gut. Er selbst hatte keine
zu schaffen, die den Weg in ein weiteres System öff- eigentliche Lautsprache mehr — sie hatte sich, durch
nen würde. die Telepathie überflüssig geworden, zurückgebildet.
Sternvogel 32

Er war noch im Besitz eines voll entwickelten Kehl- Wenigstens wurde sein Verstand, über dem seit sei-
kopfs und verfügte über alle Voraussetzungen, Dayens ner Rettung vor dem sicheren Ende in den Gravita-
Sprache zu erlernen. tionsklauen der roten Zwergsonne so etwas wie ein
Einige Stunden später weckte die Weckmaschine undurchdringlicher Vorhang lag, nach und nach wie-
beide aus dem kurzen Schlaf, in den auch Dayen ge- der klarer. Wenn er sich genau besann, dauerte diese
sunken war. Sie waren sofort hellwach. Dayen las die Benommenheit schon seit dem Zusammenbrach durch
Werte der Feldmeßinstrumente ab, welche die jewei- den Ausfall von R 17 an.
lige Strukturdichte des Kontinuums in der Umgebung Auf der anderen Seite wieder die Erlebnisse auf
des Schiffes maßen, und verglich die Werte mit den dem Planeten der Kupfersonne — Yokkh — das all-
allgemeinen Tabellen im Anhang der „Grundlagen des mählich, fast programmgemäß erwachende Pflichtbe-
Hyperraumfluges“. wußtsein — das Gedicht „Evolution“. Alles paßte in
einen großen Rahmen. Und paßte doch wieder nicht.
wir sind bereits weit genug in den flachen raum vor-
Was hatten die Besorgnisse um den Fortbestand der
gedrungen, telepathierte er. hast du bereits ein lohnen-
Interstellar mit seinem Gedicht zu tun? Freilich, eine
des System gefunden?
Parallele war ohne weiteres da; oder besser ein Zu-
Einige Zeit lang fühlte Yokkh wieder nach den Ster- sammenhang. Die Krise der Weltraumfahrt und damit
nen. Er ließ die empfindlichen Telepathiefelder lang- der Interstellar hing mit dem Stellarfieber zusammen,
sam nach allen sechs Himmelsrichtungen kreisen. Et- und das wiederum fand seine Interpretation im Leiden
wa in der relativen Richtung Süd-Ost-Nadir stutzte er. jener Amphibien. Was wiederum mit seinem Gedicht
Gleich darauf wußte er, daß die letzte Phase seiner zusammenpaßte. Es war einwandfrei ein durchlaufen-
Mission begonnen hatte. der roter Faden vorhanden.
Er schaute mit seinen geschlitzten Augen, deren „Schiff sprungbereit! Schiff sprungbereit!“ sang der
gelbe Äpfel immer vergnügt funkelten, zu Dayen auf. Steuerrobot überall. Tes löste sich aus seinen Überle-
„Menschen wie du“, sagte er deutlich artikulierend, gungen.
„nicht weit von hier.“ dieses mädchen — ich möchte es gerne kennenler-
„Wie viele?“ nen !
gut fliegen wir hin.
„zwei. eins alt. das zweite - etwas anders gebaut.
wie ist das System beschaffen, yokkh?
Lachend erkannte Dayen das Bild, das ihm der Sua- es ist eine doppelsonne. mit einem planeten.
me übermittelte. Es war das Bild einer Frau. Der Blick
eine doppelsonne mit planet? sehr interessant!
war etwas zu flüchtig gewesen.
willst du teleportieren?
bitte nochmals die frau, bat er. „Zu anstrengend. Du baust ein Sprungfeld auf. Ich
Es war ein Mädchen. Sie mochte achtzehn bis lenke das Sprungfeld durch den Hyperraum. Das ist
zwanzig Jahre alt sein. Ihre Figur war das, was man leichter.“
als gut entwickelt zu bezeichnen pflegt, und sie hatte „Welchen Wert brauchst du für das Sprungfeld?“
ein außergewöhnlich schönes Gesicht, das von halb- „Fünfzig Lichtjahre. 3,168 Energie. Raumstruktur-
langen, dunkelblonden Haaren eingerahmt wurde, die dichte?“
seidenweich über die hohe Stirn hereinfielen und die „0,23110.“
Augen halb verdeckten. Sie saß vor einem Tisch und
„Dann baue ein Feld mit einem durchschnittlichen
schrieb. Dann war das Bild weg.
Strukturdruck von 16,760 Thormann auf.“
was ist los, yokkh? Es war wirklich erstaunlich, wie schnell sich Yokkh
der empfang ist gestört. ich kann mir nicht erklären an die naturwissenschaftliche und besonders an die
weshalb. physikalische Terminologie der Erde gewöhnt hatte,
Dayen wollte sich seine Enttäuschung nicht anmer- obwohl er einer nahezu rein geisteswissenschaftlichen
ken lassen. Der Anblick dieses Mädchens hatte ihm Kultur entstammte. Seine Para-Fähigkeiten und sein
mit Deutlichkeit gezeigt, was er in seinem bisherigen gutes Gedächtnis halfen ihm sehr dabei.
Leben versäumt hatte. Dayen tippte die angegebenen Daten des Feldes in
die Maschine, welche die Greggnor-Schleuse aufbau-
Schlagartig — plötzlich — mit einem Male... Die-
te. Es würde eine kurzlebige Energiesphäre um den
se Worte bestimmten seit Wochen sein Leben. Alles
„Sternvogel“ entstehen, die der Suame dann über den
Neuartige überraschte ihn, überfiel ihn regelrecht. Nie
Hyperraum zu jenem System projizieren würde.
hatte er daran geglaubt, daß sich seine Jugendträume
erfüllen würden; er hatte sich ein Raumschiff genom- „Achtung!“
men und durchkreuzte nun das Weltall. Nie hatte er „Los!“
daran gedacht, daß es außer seiner Arbeit und der In- Sprung!
terstellar für ihn noch etwas anderes geben dürfe; er Der Übergang verlief reibungslos.
sah ein Mädchen und verliebte sich Hals über Kopf in Sie materialisierten einige Milliarden Kilometer
es. von dem Doppelgestirn entfernt. Es handelte sich um
33 TERRA

einen riesigen gekrümmten Raum. Aber vorerst waren „Du deutest damit an, daß wir Menschen auch
sie noch im vergleichsweise dünnen Kontinuum des ein solches Parafeld, eine solche Aura besitzen, nicht
flachen Raums. Dayen stellte neue Daten ein und ließ wahr?“
die Druckwellengeneratoren mit voller Kraft laufen. „Jedes Wesen besitzt eine Aura. Aber nur wir haben
Schnell drangen sie, von der doppelten Schwerkraft den Zugang zu ihr.“
der beiden Sonnen unterstützt, in das Innere des Sy- „Schade. Was könnte man damit nicht alles ma-
stems vor. chen.“
Dayen betrachtete indessen das Ziel mit dem Astro- „Es ist ganz gut so. Wenn es keine Rasse gäbe,
visor, den er auf maximale Vergrößerung eingestellt die, wie ihr Menschen, vor allem technisch orientiert
hatte. ist, könnten wir unsere Sprünge nur auf die nähere
ich sehe nur eine sonne, yokkh. wo ist die zweite Umgebung unserer Heimatwelt beschränken. Ich habe
geblieben? und wo ist der planet? dir von unserem Richtfeuer erzählt, ohne das wir aus
größeren Entfernungen nicht heimfänden. Es konnte
„Die größere Sonne ist ein Doppelstern. Sehr groß.
nur mit Unterstützung und der wissenschaftlichen Er-
Der Planet ist hinter der gelben Sonne... Nein, er befin-
kenntnisse eines benachbarten Sternenvolkes errichtet
det sich momentan in gerader Linie hinter den beiden
werden. Unsere Klauen sind, wie du siehst, nur be-
Sternen.“
schränkt für handwerkliches Arbeiten geeignet, und
also gelbe sonne — dunkelsonne — planet? wir können deshalb keine feineren technischen Arbei-
„Genau so.“ ten durchführen.“
du hast gesagt, der dunkelstem sei sehr groß? 13.
„Stimmt. Das ist sehr selten. Die besondere Struktur
des Raumes verursacht dies. Es sind in einer Raum- „Meine Straße ist mit Riesensternen ja nur so ge-
kugel von fünfzig Lichtjahren keine anderen Sterne pflastert“, murmelte Tes Dayen, als sie einige Tage
vorhanden. Der Raum wird hier deshalb einseitig ver- später den Planeten erreicht hatten. Wenn er jetzt den
formt, es ist kein Ausgleich durch andere Sonnen da. Wärmefilter vorschaltete, der auf infrarote Wellen an-
Die große Kontinuumsbelastung bindet die Zerfalls- sprach, konnte er auf dem Astrovisor auch die Dun-
kräfte des Dunkelriesen.“ kelsonne als große Scheibe erkennen. Die gelbe Zwil-
lingssonne befand sich hinter ihr. Trotzdem konnte
woher weißt du das alles?
man sie, beziehungsweise ihre Korona, deutlich sehen.
„Wir haben gute Lehrer, Tes. Wir sind eine sehr alte Der Einsteinsche Effekt bewirkte, daß die Riesenmas-
Rasse, und unsere paraphysikalischen Kräfte machen se des Dunkelsterns die Strahlen der um vieles kleine-
uns zum bestinformierten Volk der Milchstraße.“ ren gelben Sonne so stark ablenkte, daß sie als deutli-
„Ich wollte dich schon lange einmal fragen, welche cher Flammenring auch vor ihm sichtbar war. Ein ein-
Bewandtnis es mit dieser wunderbaren Aura hat. Du maliges Schauspiel.
hast einmal erwähnt, daß ihr diese Eigenschaften nur „Ein verrücktes System, Yokkh! Der Dunkle ist der
in einem bestimmten Alter habt...“ Mittelpunkt, und die gelbe Sonne und der Planet krei-
„Wir werden zur Zeit der Sonnenferne geboren und sen in Opposition um ihn.
dann erzogen, bis unser Planet nach etwa zwanzig Mich wundert nur, daß der Planet der gelben Son-
Erdenjahren auf seiner stark exzentrischen Bahn die ne kräftemäßig die Waage halten kann. Er muß ja aus
größte Sonnennähe erreicht. Da unterbricht die hei- reinem Metall bestehen!“
ße Jahreszeit das Jugendstadium und leitet zur Reife „Das dürfte auch der Fall sein. Schau dir nur die
über.“ Geräte an.“
„Sind Hormone die Ursache?“ Der Schwerefeldaufzeichner, der ja im wesentli-
„Nur indirekt. Die Temperaturumstellung, die re- chen ein ungefähres Bild des gekrümmten Raums dar-
lativ plötzlich erfolgt, stört unseren Körperhaus- stellte, zeigte für das System die Form einer Schüs-
halt, weil in Sonnennähe die Umlaufgeschwindigkeit sel mit einer großen Beule, die seltsamerweise nicht
Suams rapid zunimmt. Die Wachstumshormone, die ja im Mittelpunkt lag, und mit zwei weiteren, kleine-
nun nicht mehr gebraucht werden, beginnen zu wan- ren Beulen, die rechts und links davon auf einer ge-
dern. Unsere Bluttemperatur nimmt um ein geringes dachten Achse lagen. Das Kontinuum in unmittelba-
zu...“ rer Nähe der drei Körper glich mit seinen mannigfalti-
gen Distorsionen einem aufgewühlten Meer, das mit-
„Aber ihr seid doch keine Wechselblütler!“ ten während eines Sturms zu Eis erstarrt war. Mit far-
„Nein, wir sind Säugetiere, wie ihr Menschen auch. biger Kreide zeichnete Dayen noch die mutmaßlichen
Zu dem eben Gesagten kommen noch einige inner- Umlaufbahnen ein, wobei der gelben Sonne die inne-
liche Vorgänge und nervliche Umschaltungen, die al- re, schmale und dem schweren Planeten die äußere,
le zusammen das paraphysikalische Feld unseres Kör- große Bahn zugeordnet waren.
pers so weit verändern, daß wir Zugang dazu erhalten „Du hast recht“, sagte er dann, „der Planet muß
und es in allen Spielarten manipulieren können.“ wahrhaftig aus reinem Metall bestehen. Oder, was
Sternvogel 34

wahrscheinlicher ist, aus verdichteter Sonnenmate- Es ist übrigens nur noch einer da, das Mädchen. Der
rie.“ andere ist verschwunden.“
Er regulierte die Kontrollen neu ein. Der „Sternvo-
gel“ nahm wieder Fahrt auf, und bald waren sie in *
einer statischen Kreisbahn um den Zielplaneten. Der
„Willst du es nicht doch aufgeben und warten, bis
hatte eine Atmosphäre aus Quecksilber- und anderen
sich dieser Wirbel beruhigt hat?“
Metalldämpfen, so heiß war schon seine Oberfläche.
Im großen und ganzen glichen die Verhältnisse de- Jens Kato, dessen Bild der große Fernseher wieder-
nen auf Merkur im solaren System, wenn sie auch der gab, schüttelte energisch den Kopf. „Das geht nicht,
überaus dichten Masse angepaßt waren, die, wie sich Jonna. Mir fehlen noch einige Dutzend Messungen,
nach einigen Messungen herausstellte, tatsächlich aus und ich kann nicht warten, bis sich dieser Wirbel auf-
konzentrierter Sonnenmaterie bestand. Er mußte, kos- löst. Das kann Tage dauern. Außerdem waren die Tele-
mologisch betrachtet, vor nicht allzulanger Zeit ent- portationsfelder noch nie so schön ausgebildet. Mit
standen sein. Vor einigen Millionen Jahren vielleicht. diesen Ergebnissen kann ich den Sender fertigbauen.
Dann werden wir Katos das erste Mal seit hundert Jah-
Dayen fieberte dem Augenblick entgegen, wo er
ren wieder zur Erde zurückkehren und denen bewei-
diesem Mädchen gegenüberstand, wenn er auch nicht
sen, daß mein Vater recht hatte mit seiner Theorie.“
wußte, wie er sich bei dieser Begegnung verhalten
sollte. Er hatte schließlich noch nie Gelegenheit zu „Oh, du Dickschädel! Und wenn dir etwas zustößt?
solchen Dingen gehabt. Was soll ich ohne dich machen, allein hier inmitten
dieser Hölle von einem Planeten und ohne Raum-
kannst du etwas über die beiden menschen heraus-
schiff? Du bist der einzige Mensch, der mir noch ge-
finden? fragte er.
blieben ist, seit Mutter mit der ,Betty I’ weggeflogen
das ist sehr schwierig. diese störungen rufen Inter- ist.“
ferenzen hervor, und die beiden sind gerade in einem
„Es hilft alles nichts, Kind. Ich bin der einzige, der
minimum. Anschließend vokalisierte Yokkh:
den Materiesender bauen kann, und ich bin ein alter
„Jetzt weiß ich auch, woher diese Störungen rühren Mann! Wer soll mein Lebenswerk, das schon mein Va-
— ihre Quellen sind die Dunkelsonne, wie ich vorher ter begonnen hat, weiterführen? Keiner kann das. Au-
schon vermutet habe, und dieser Planet!“ ßer vielleicht Hannibal Dayen.
„Aber das ist doch nicht möglich...“ „Was ist nicht Aber der ist längst tot.“
möglich?“ „Daß hier Wesen leben, die auch Zugang zu „Wenn du in diesem Schwerewirbel umkommst,
ihrem paraphysikalischen Feld haben. Um. die Dun- wird doch dein Werk auch nicht vollendet. Warte we-
kelsonne — nur lebende Wesen haben ein Parafeld!“ nigstens, bis der Automat wieder in Ordnung ist und
„es sind spezielle teleportationsfelder“, sendete steuere die Untersuchung von hier aus.“
Yokkh, „welche die dunkelsonne ausschickt, wenn „Nein. Sei mir nicht böse. Ich schalte jetzt ab, da-
man ihre besondere Situation bedenkt, dieses verrück- mit ich mich besser konzentrieren kann. Du brauchst
te raumzeitfeld, wäre es schon möglich, daß die Ver- dir keine Sorgen um mich zu machen — die Schutz-
bindung mit dem hyperraum bereits so groß ist, daß sphäre arbeitet ausgezeichnet.
solche parafelder in und auf ihr induziert werden.
In einer Stunde melde ich mich wieder und sage dir
das leben dort unten könnte damit zusammenhän- die Ergebnisse durch. Bis nachher.“
gen.“
Jonna Kato hätte am liebsten geheult, als der Bild-
„Aber Yokkh! Welche Art von Leben soll denn schirm erlosch und sie wieder allein war. Seit ihre
in dieser Gluthölle existieren können?“ „Ich weiß es Mutter das aufreibende Leben in dieser Einsamkeit,
nicht. Vielleicht erfahren wir es dort drunten.“ Lichtjahrtausende von jeglicher Zivilisation entfernt,
„Gut, daß du mich daran erinnerst. Wir müssen ja nicht mehr ausgehalten hatte und mit dem zweiten
irgendwo niedergehen. Aber wo? Raumschiff durch die geheime Greggnor-Schleuse,
Und noch etwas: Ich denke, wir sprechen am be- von der nur die Katos etwas wußten, regelrecht durch-
sten in Zukunft terran, damit eine Verständigung mit gebrannt war, mußte sie mit ihrem Vater zusammenle-
den anderen nicht zu mühsam wird. Ich weiß gar nicht, ben.
ob ich nach diesen intensiven telepathischen ,Gesprä- Und dieser alte Narr kannte nichts als seine For-
chen’ noch in der Lage bin, einwandfrei terran zu spre- schung und seine kindlichen Rachegedanken. Wegen
chen. Das Telepathieren verleitet leicht dazu, nur in eines alten Gelehrtenstreits hatte sich Ka’wat Kato vor
Satzbruchstücken, in Bildern zu denken.“ 103 Jahren auf diesen Planeten, den er zufällig ent-
„In Ordnung. Zu der Frage des Landeplatzes, Tes: deckt hatte, zurückgezogen und über die Theorie vom
Die Störungen sind überall sehr stark, und ich weiß „Unendlichen Atom“ nachgebrütet, die von der Ge-
nicht, was uns von diesem ,Leben’ erwartet, das dort lehrtenwelt der Erde allgemein verworfen worden war,
unten haust. Am besten landen wir möglichst in der seit sich die Garsin-Physik endgültig durchgesetzt hat-
Nähe der Gebäude, in denen die beiden Menschen le- te. Sein Sohn Jens hatte die Arbeit mit derselben Ver-
ben. bissenheit fortgeführt. Als er dabei merkte, daß die
35 TERRA

Theorie vom „Unendlichen Atom“ nur ein gesonder- „Das schaut aus wie eine altertümliche Festung, wie
ter Aspekt der Garsin-Physik war, hatte er sich noch ein Bunker aus den Tagen der Atomkriege“, sagte Tes
mehr in seine Arbeit geflüchtet, die aus einer seltsa- Dayen, wobei er zu der blauschwarzen Kuppel mit
men Vermischung von Forschung und Rachegefühlen den verdeckten Geschützpforten und der halb offenen
gegen die irdische Gelehrtenwelt bestand. Schiffsschleuse deutete.
„Wie sehr er mich dabei vernachlässigt hat, daran „Durch die Schleuse muß der Mann vor kurzem mit
denkt er gar nicht“, schluchzte sie und war wieder einem Raumer ausgeflogen sein.“
den Tränen nahe. Aber sie kam nicht dazu, dieser Re- Schwere Metallnebel trieben vorüber und verdeck-
gung nachzugeben. Im ganzen Haus schlugen Alarm- ten die Sicht auf den Fernsehwänden. Der glühende
glocken an. Sie schaltete mit automatischen Handgrif- Dunst — die Außenthermometer maßen Temperaturen
fen die Bildschirme und Lautsprecher ein, welche die von über fünfhundert Grad Kelvin — wurde nur von
nähere Umgebung der Festung bis ins kleinste Detail der schützenden Energiesphäre zurückgehalten. Sonst
genau wiedergaben. hätte er längst die Linsen der Fernsehaugen und die
„Die Metmos sind wieder unruhig. Seltsam. So Blenden der Außenhautabsorber regelrecht zugelötet.
schlimm war es noch nie, nicht einmal, als ich auf die Sie hatten den „Sternvogel“ auf einer verhältnis-
Welt kam!“ mäßig stabilen Eisen-Chrom-Insel gelandet, die, ei-
ner Scholle gleich, auf der Oberfläche dieser Plane-
Die bizarre Kurve des Telepathie-Empfängers
tenkugel aus flüssigem Erz trieb. Das Gebiet zwischen
zeichnete ein Bild der mentalen Aktivität der Wesen
Schiff und Kuppel war stark vulkanisch, wenn man
auf, die, für das menschliche Auge kaum erkennbar,
den Ausdruck auf jene Ausbrüche von Metallmagma
draußen vor den Sperrmauern herumstampften. Die
übertragen konnte, die mächtige Krater aufgeworfen
Erschütterungen ließen das ganze Gebäude erzittern,
hatten und dauernd über deren Ränder hochspritzten.
obwohl es auf einem guten Dutzend kräftiger Antigra-
Das war auch der Grund gewesen, weshalb sie nicht
Spulen ruhte, welche die mörderische Schwerkraft
ganz zu dem Bau hingeflogen waren. Außerdem wuß-
von Kato ausglichen.
ten sie ja nicht, ob man sie dort freundlich, ablehnend
Dann sah sie die purpurne Raumkugel durch die oder sogar feindselig empfangen würde.
Schwaden bunter Metalldämpfe herunterkommen und Yokkh, der eben diese Einstellung der Festungsbe-
unweit der Kuppel aufsetzen, die das Haus überwölb- wohner herausfinden wollte, rührte sich wieder. „Ich
te. Es war ein verblüffender Anblick, dieses rötlich kann kein klares Bild empfangen. Diese Lebewesen
schimmernde Gebilde aus der Leere des Weltalls auf- senden so stark, daß sie alles überlagern. Es müssen
tauchen zu sehen. unbewußt gesteuerte Felder sein; ich vermute, sie ha-
„Die Metmos werden sie töten!“ rief Jonna Kato er- ben sie entwickelt, um die starken Parafelder der Dun-
schrocken aus. Sie dachte gar nicht daran, daß ihr viel- kelsonne auszugleichen, die auf die Dauer tödlich wir-
leicht von seilen dieser Kugel Gefahr drohen könnte. ken könnten.“
Sie wußte nur, daß dort Wesen kamen, die ihre furcht- „Warum sprichst du von unbewußt gesteuerten Fel-
bare Einsamkeit, ganz gleich auf welche Weise, unter- dern?“
brechen würden — und daß diese Wesen in höchster „Sie denken nicht in unserem Sinne — sie existie-
Lebensgefahr waren. In fieberhafter Eile stellte sie den ren auf einer reinen Instinktbasis, nicht auf logisch-
Radiosender ein, um einen Allfrequenzspruch an die- erkennbarer Grundlage. Wie Tiere.
ses Schiff zu schicken, das sich völlig ahnungslos nie- Ich möchte nicht wissen, wie sie äußerlich ausse-
derließ. hen. Diese Instinktimpulse sind eine unbegreifliche
„Hallo, fremdes Schiff! Dies ist eine Warnung! Mischung von Freundschaft, Furcht, Haß, Trauer. Ich
Bleiben Sie unter allen Umständen an Bord, sonst wer- bekomme keinen Sinn hinein.“
den Sie von den Metmos vernichtet!“ „Sollten wir unter diesen Umständen wirklich zu
Im Empfänger blieb es ruhig. Sollten es keine Men- Fuß gehen? Sollten wir nicht lieber versuchen, die
schen sein, die terran verstanden? Aber der Name des Schleuse der Kuppel zu benutzen?“
Schiffs, den sie jetzt deutlich entziffern konnte, war in „Ich denke nicht, daß uns etwas passieren kann. Im
terran geschrieben. „Sternvogel“ lautete er. Notfall kann ich immer noch meine Aura teleportativ
Oder sollte man ihre Warnung mißverstanden ha- einsetzen.“
ben? Sie sprach nochmals ins Mikrophon: Das Problem, für Yokkh einen passenden Rauman-
zug zu finden, lösten sie auf einfache Weise, indem
„Fremdes Schiff! Diese Warnung soll keine Ab-
Yokkh in einen der viel zu großen irdischen Anzüge
schreckung sein! Sie sind jederzeit willkommen! Aber
schlüpfte, den Dayen dann auf einen notdürftig zu-
passen Sie auf die Metmos auf!“
sammengebastelten Metallschlitten legte, welchen er
Der Lautsprecher des Empfängers blieb ruhig wie hinter sich herzog. Auf diesen Schlitten packte er au-
zuvor. ßerdem noch ein Fernsteuergerät, mit dem sie im Not-
fall den „Sternvogel“ zu sich holen konnten. Das war
* ihr großes Glück.
Sternvogel 36

Sie kamen auf einer zusammenhängenden Platte er- wie er sich schnell überzeugen konnte, reglos in sei-
starrter Schlacken gut vorwärts. Schon nach wenigen ner aufgebauschten Raumhülle auf dem zitternden Be-
Minuten war der „Sternvogel“ nur noch schemenhaft helfsschlitten.
zu sehen, und kurz darauf hatten die rötlich-violetten Dayen gelang es noch einmal, das schon zusam-
Dampf Schleier die runde Silhouette verschluckt. Das menbrechende Gegenschwerefeld durch Erhöhung der
Dröhnen eines der „Vulkane“ kam immer näher, und Energiezufuhr, die er drahtlos dem „Sternvogel“ ab-
Dayen mußte bereits aufpassen, daß sie nicht von den zapfte, abzufangen und zu verstärken. Der Ausfall der
herabsausenden Brocken glühenden Metalls erschla- Sphäre hätte sie mit einem einzigen Schlag zu Boden
gen wurden. gerissen und plattgedrückt.
Hören konnten sie den Vulkan nicht. Doch sie spür-
ten die Erschütterungen. Trotz des kleinen Schutzfel- Dreißig Gee!
des, das eine Antigra-Spule um die beiden herum er- Dann holte er über das Fernlenkgerät das Schiff her.
zeugte, mußten sie höllisch aufpassen; sonst würde die
Das Inferno an Licht, das sich inzwischen um sie
Sphäre zu stark belastet werden und zusammenbre-
herum abspielte, war unbeschreiblich. Die massigen
chen.
Ungeheuer waren wütend auf das Ding, das dort drü-
Bald standen sie vor einem trichterförmigen Neben- ben kauerte. Sie hatten keine Erinnerung, die ihnen
krater des großen Vulkans, der sich in sprühender Le- sagte, daß diese Gestalten genauso harmlos waren, wie
bendigkeit neben ihnen auftürmte. Ein ständiger glüh- die anderen, die sie das letzte Mal vor achtzehn Jahren
heißer Hagel fiel um sie herum mit enormer Wucht zu beunruhigt und an die sie sich bereits gewöhnt hatten.
Boden; dazu gesellte sich noch der Regen aus zähflüs- Das Ding störte, soviel spürte ihr primitiver Verstand,
sigen Erztropfen. der mehr ein Zusammenspiel von Instinkten war.
Eine rotglühende Dampfhaube hing über dem Feu-
erloch vor ihnen. Wieder drohte der Schutzschirm zusammenzubre-
Schaudernd zog Dayen den kleinen Schlitten wei- chen, als die Metallungeheuer von neuem der Antigra-
ter. Er umging vorsichtig einen Magmastrom, der sich Spule Energie entzogen. Da schoß die purpurne
breit und behäbig die Flanke des feuerspeienden Ber- Raumkugel durch den Höllendunst, stoppte abrupt
ges hinunterwälzte. Zitternd hingen die Quecksilber- über den beiden.
nebel darüber und gaukelten das verlockende Bildnis Die Schleuse flog auf. Ein letzter Handgriff akti-
eines Kühle spendenden Sees vor. Dann hatten sie den vierte den Traktorstrahl, der sie blitzschnell hochriß.
Vulkan endlich im Rücken. Vor ihnen stieg der Hü- Im selben Augenblick konzentrierten sich die Strah-
gel an, der von dem burgähnlichen Kuppelbau gekrönt len flüssigen Metalls auf die Stelle, an der eben noch
wurde. Dayen mit dem Schlitten gewesen war und verwandel-
In diesem Augenblick steigerten sich die ungezü- ten alles in einen kochenden Brei, der hoch aufsprühte
gelten Instinktfragmente der unbekannten Geschöpfe und erst knapp unter der Schleuse aufhörte zu steigen.
zu einer regelrechten Sturzflut, die auf die beiden ein-
stürzten. Die mörderischen Wesen waren noch nicht befrie-
vorsieht! sendete Yokkh. wie werden angegriffen! digt. Aufs neue konzentrierten sie sich in einer kollek-
tiven Reflexhandlung auf das weithin sichtbare Rot,
Da war es auch schon heran. Aus vielen Richtun-
das über ihnen schwebte. Viele Teleportationsfelder
gen schossen blendendhelle Ströme kochenden Me-
rissen zu gleicher Zeit an dem aufreizenden Ding und
talls auf sie zu, die auseinanderspritzend auf den Ener-
wollten es vernichten. Gegen die dichte Schutzsphäre
gieschirm trafen. Über dem Boden formten sich in we-
des „Sternvogel“ konnten sie jedoch nicht so schnell
nigen Metern Höhe gleißende Bälle reiner, konzen-
etwas ausrichten.
trierter Kraftfelder, die unhörbar explodierten und al-
les mit schattenhafter Grelle ausleuchteten. In der geschlossenen Schleuse hob Dayen den ohn-
In dem schmerzenden Schein sahen sie endlich auch mächtigen Yokkh aus dem Anzug und trug ihn in sei-
die Angreifer. Es waren breite, flache Gestalten, die ne Kabine. Dort legte er die schlaffe Gestalt vorsich-
nur als gleitende Schemen wahrgenommen werden tig auf dem Bett nieder. Dann rannte er vor die Zen-
konnten. Die gedrungenen Körper schienen unter dem trale. Auf sämtlichen Bildschirmen tobte eine Orgie
Zug von dreißig Gee regelrecht von den nahen Hängen von Licht aller Spektralfarben. Große Bündel reiner
herabzufließen. Energie brandeten gegen das Schiffsfeld, drangen aber
„Metallisches Leben!“ schrie Dayen auf. nicht durch.
tes — der schutzschirm bricht zusammen! ich kann Erleichtert nahm er dies zur Kenntnis. Seine Freu-
sie nicht zurückhalten. ihre felder... sie hindern mich de kam jedoch etwas zu früh. Das Schiff schlinger-
daran, mein eigenes parafeld zu modulieren. te plötzlich unter der Wucht der zerrenden Parafelder.
ich gehe ein... oh, mein kopf! Mit einem Riesensprung war er bei den Kontrollen. Er
Die Gedanken verzitterten in Dayen. Er war mo- umklammerte den Pilotensessel, damit ihn das unauf-
mentan wie erschlagen. Damit hatte er nicht gerech- hörliche Schwanken und Rütteln nicht in der Zentra-
net: Daß der Suame versagen könnte. Der Kleine lag, le herumschleuderte. Die Zeiger der Meßinstrumente
37 TERRA

führten wilde Tänze vor ihm aus. Der übermäßig be- Dayen erkannte sie sofort wieder. Er machte, den
lastete Raumer ächzte leise. immer noch bewußtlosen Yokkh auf den Armen, einen
Mit einem verzweifelten Ruck machte sich Dayen Schritt nach vorne und blieb dann auch stehen. Lange
los, griff in die Schaltung, erwischte den richtigen He- schauten sie sich, neugierig und betreten zugleich, nur
bel. Der „Sternvogel“ machte einen ungeheuren Satz, an. Schließlich brach Dayen das etwas unangenehme
der ihn aus der Reichweite der gefährlichen Plane- Schweigen.
tenbiester bis über die Kuppel trug. Dort verharrte er „Ich weiß nicht, ob ich Ihnen einen guten Tag oder
einen Moment und glitt dann unter der sicheren Hand guten Abend wünschen soll“, sagte er, wobei er un-
Dayens zu der jetzt ganz geöffneten Schleuse. erwarteterweise ein echt aussehendes Lächeln zusam-
Ohne zu überlegen, steuerte er in die hell erleuchte- menbrachte, „denn mein Bordkalender zeigt Tag an,
te Öffnung hinein. und auf diesem Planeten ist es immer Nacht.“
Gleich hinter dem Schiff schlossen sich die Schot- „Wir können uns ja auf guten Tag einigen. Unser
ten wieder zu einem undurchdringlichen Hindernis Kalender scheint mit dem Ihren übereinzustimmen.
aus zwei Meter dickem Pratt-Stahl. Im Schrittempo Wir werden beide genormte Erdzeit haben.“
schwebte die Kugel weiter, hinein in einen Gang, der „Ja. Das wird es sein.
gerade groß genug war, um ein Objekt dieser Größe
Ich habe hier einen Bewußtlosen“, sagte Dayen und
zu fassen. Der Schacht senkte sich in das Innere des
deutete mit einer Kopfbewegung auf Yokkh. „Wäre es
künstlichen Hügels hinein, bis er in einer Halle mün-
möglich, daß ich ihn irgendwo niederlegen kann, da-
dete, die Platz für drei, vier Raumschiffe bot.
mit er sich von seinen Anstrengungen erholen kann?
Direkt unter dieser Halle dröhnten die vielen Er hat paraphysische Fähigkeiten, und die Felder der
Antigra-Spulen, die den ganzen Komplex vor der Wesen, die uns draußen angegriffen haben, müssen zu
wahnsinnigen Gravitation und vor den Metmos viel gewesen sein für ihn.“
schützten. Ihr Arbeiten erfüllte den großen Raum mit
„Aber natürlich können Sie das. Kommen Sie bitte
einem unerträglichen Lärm.
mit.
* Die Metmos sind eigentlich sehr friedliche Wesen.
Nur wenn Fremde kommen, werden sie wild und ver-
Jonna Kato hatte vom Laboratorium aus die Kup- suchen alles, um sie zu zerstören.“
pelschleuse hinter dem fremden Schiff geschlossen. „Metmos?“
Während es hinunter in die Halle glitt, stand sie vor „Ach so. Das können Sie ja gar nicht wissen. Met-
dem einzigen Spiegel, den ihr Vater nach dem Ver- mo ist die Abkürzung für Metallmonster, die mein
schwinden der Mutter in seinem Tobsuchtsanfall über- Großvater Ka’war geprägt hat.
sehen hatte und schminkte sich. Niemand hatte es ihr
Es sind eigenartige Geschöpfe. Nie ist es uns ge-
jemals gezeigt. Nur ein einziges Mal hatte sie ihrer
lungen, Kontakt mit ihnen aufzunehmen. Ihre metal-
Mutter dabei zugesehen. Sie konnte es mit der ange-
lischen Körper haben einen Stoffwechsel, der wahr-
borenen Sicherheit einer Frau.
scheinlich auf unbewußt gesteuerten Kernreaktions-
Warum sie sich überhaupt schminkte, wußte sie prozessen beruht; es sind gewissermaßen wandeln-
nicht genau zu sagen — sie wollte nur schön sein, und de Atommeiler. Sie können sich vorstellen, daß ihre
weil ihre Mutter, die außergewöhnlich hübsch gewe- Denkweise — falls sie tatsächlich denken — von der
sen war, einen Lippenstift benutzt hatte, tat sie es auch. unsrigen sehr verschieden ist.
Das schien dazuzugehören.
Aber sind Sie überhaupt an diesen Dingen interes-
Sie warf noch einen kritischen Blick auf ihr Spie-
siert?“
gelbild, fuhr mit der Zunge kurz prüfend über die Lip-
pen, auf denen sich der rote Belag etwas ungewohnt Jonna Kato drehte sich fragend um. Sie war froh,
anfühlte. ein Gesprächsthema gefunden zu haben, das ihr lag.
Damit konnte sie die erste Verlegenheit etwas unter-
Sie konnte nicht leugnen, daß sie hübsch war. Ob
drücken. Sie ärgerte sich über ihre Befangenheit.
das die Fremden auch finden würden?
Die waren sicherlich schon im Hangar und warteten Der Fremde sah gut aus, dachte sie dann.
ungeduldig darauf, begrüßt zu werden. „Natürlich bin ich an den Wesen interessiert, die
Sie überlegte. Rasch ging sie schließlich in ihr Zim- bald unser Tod gewesen wären.
mer, um sich umzuziehen. Dann rannte sie zur Treppe Sie müssen übrigens entschuldigen, daß ich mich
zurück. noch nicht vorgestellt habe. Ich vergaß das in dem
Sie nahm jedesmal drei, vier Stufen gleichzeitig. Durcheinander. Mein Name ist Tes Dayen. Das hier
Als sie unten ankam, schwebte einer der Besucher ge- ist Yokkh, ein Bewohner des Planeten Suam.“
rade an einem Traktorstrahl aus der Schiffsschleuse. „Danke. Ich heiße Jonna. Jonna Kato.“ Tes Dayen?
Auf dem Arm trug er ein dunkles Bündel. Sie drückte War das nicht dieser Interstellar-Mensch, von dem
sich etwas verlegen gegen die Mauer und wartete ab. Jens immer sprach?
Sternvogel 38

„Ein hübscher Name, Jonna“, brachte Tes Dayen „Einhundertvierundachtzig Komma drei.“
sein erstes. Kompliment an. Er wunderte sich, wie „Sehr schön. Sieben Punkte besser als ich. Das paßt
leicht es über seine Lippen kam. genau in Hannibals Prinzipien. Ich hab’ zwar keine
„Wie bitte? Ja, natürlich. Das heißt...“ Jetzt verstand Ahnung, warum Sie sich in dieser Gegend des Weltalls
sie erst, was der Erdenmann gemeint hatte. Sie spürte, herumtreiben, aber Sie sind der Mann, der mein Werk
wie das Blut in ihren Schläfen pochte. Sie wurde rot. weiterführen wird. Ich selbst werde nämlich in wenig-
Verwirrt bemühte sie sich, auf die Treppe zu schauen. stens zehn Minuten ins Gras oder vielmehr ins Nichts
Dayen bemerkte, was er angerichtet hatte und beißen.“
schwieg betreten. „Jens!“
Oben angelangt, wurde ihren Versuchen, ein neues
„Heul nicht, Jonna. Du hast mich nie besonders ge-
Gespräch anzuknüpfen, durch ein lautes Schnarren ein
mocht, und wir haben uns kaum verstanden, seit deine
einstweiliges Ende gesetzt.
Mutter — gegangen ist. Es war meine Schuld. Ich se-
„Mein Vater meldet sich“, sagte Jonna Kato erleich-
he das jetzt ein. Aber nun ist es leider zu spät. Du hast
tert. „Kommen Sie bitte mit. Ich muß zum Radio.“ Auf
dich tapfer gehalten — tu’s weiterhin.
dem Weg in die Zentrale klärte sie Dayen rasch über
das Vorhaben ihres Vaters auf. Und jetzt an die Arbeit. Wer liegt übrigens auf mei-
„Er baut ein Gerät, das Teleportation künstlich er- nem Schreibtisch?“
zeugen soll. Zu diesem Zweck will er heute die Dun- „Das ist Yokkh. Er hat sich überanstrengt, als sein
kelsonne anfliegen, auf der eigenartigerweise para- paraphysikalisches Feld von den Metmos überlastet
physikalische Felder existieren, um in größtmöglicher wurde.“
Nähe die abschließenden Untersuchungen anzustel- „Ausgezeichnet. Wecken Sie ihn auf, Dayen. In
len, die es ihm dann ermöglichen sollen, einen Ma- drei Minuten fällt mein Radio aus. Wir haben sowie-
teriesender zu bauen. Dummerweise ist der Steuerau- so schon viel zuviel Zeit mit Schwatzen verplempert,
tomat ,Betty I’ ausgefallen, so daß er sie selbst lenken und er kann die Verbindung via Telepathie mit mir auf-
mußte. rechterhalten, bis mich die beiden Schwerewirbel zer-
Sagten Sie nicht gerade, daß dieses Wesen, das Sie reißen.“
da tragen, paraphysikalisch begabt ist? Das würde Jens
„Aber, er ist doch...“
interessieren.“
Dann standen sie in dem großzügig angelegten „Papperlapapp. Machen Sie schon. Die Parafelder
Raum, von dem aus mit Hilfe übersichtlich angeord- der Dunkelsonne und damit der Metmos sind einst-
neter Kontrollpulte die ganze Kuppel bedient wurde. weilen erloschen. Bis sie sich wieder aufgebaut haben,
Das Mädchen ging hinüber zu dem Fernseher und vergeht noch mehr als eine halbe Stunde. Bis dahin
schaltete zögernd ein. Während die Anlage warm wur- sind wir längst fertig.
de, schaute sich Dayen suchend nach einer Gelegen- Und falls Hannibal noch leben sollte, sagen Sie ihm
heit um, wo er den jetzt ruhig schlafenden Yokkh nie- einen schönen Gruß von mir.
derlegen konnte. Er legte ihn kurzerhand auf den groß- Und jetzt an die Arbeit!“
flächigen Schreibtisch.
Es blieb Dayen nichts anderes übrig, als Yokkh zu
Die Bildwand flimmerte milchig, und nachdem sie wecken. Der Suame war sofort hellwach. Er wußte
sich beruhigt hatte, erschien der grauhaarige Kopf Jens durch das Gedankenkonzentrat, was ihm übermittelt
Katos. wurde, gleich Bescheid. Trotz seiner Erschöpfung war
„Wer ist denn das?“ war das erste, was er — auf er bereit, bei der Übertragung zu helfen, die inzwi-
Dayen deutend — sagte. schen bereits begonnen hatte. Der letzte hypnotische
„Wir haben Besuch bekommen, Jens. Sie sind mit Block war in ihm im gleichen Augenblick verschwun-
knapper Not den Metmos entkommen.“ den; mit dieser Handlung war sein Auftrag beendet:
„So? Wer sich in Gefahr begibt... das hieß — noch eine letzte Handlung blieb ihm zu
Wie heißen Sie denn, junger Mann?“ tun übrig...
„Ich bin Tes Dayen, Interstellar-Terra.“ „siebenhundertelf; Solarkonstante alpha Strich
„Ich verstehe immer nur Dayen. Haben Sie etwas zwölf Komma null sieben;
mit meinem Freund Hannibal Dayen zu tun? Sind Sie Wirbelfeld: Eins: Dichte sechsundzwanzig Komma
sein Jüngster?“ null acht sechs.
Dayen war von dem burschikosen Ton Katos nicht
Geschwindigkeit der Feldlinienausbreitung: null
sonderlich überrascht: das paßte genau zu seinem
Komma sieben null Cee...“
grobgehauenen Gesicht. Bereitwillig gab er Auskunft.
„Ich bin nicht sein Sohn, sondern sein Nachfolger als Ununterbrochen diktierte Jens Kato seine Werte, die
Leiter der Interstellaren Handelsgesellschaft.“ ein Tonbandgerät festhielt.
„Ach ja. Die Dayen-Dynastie. Ich entsinne mich. „... Komma sechs; Wirbelfeld: Zwei: Dichte sieben-
Welchen Intelligenzquotienten haben Sie? unddreißig Komma...“
39 TERRA

Jonna Kato und Tes Dayen schauten sich die ganze „Die Metmos... sie sind sehr unruhig. Beängstigend
Zeit wortlos an. Bis die sichere und lautstarke Stim- unruhig. Noch niemals“ haben sie eine solche Kraft
me des Physikers plötzlich mitsamt dem Bild weg gegen unsere Kuppel gerichtet.“
war. Auf dem Sehschirm zerflatterte der Kopf zu ei- „Haben sie das früher auch schon getan?”
nem hektischen Liniengewirr. Im selben Moment hat- „Jedesmal, wenn jemand auf Kato ankam. Sie has-
te das Mädchen das direkt an das Radio geschaltete sen alles Fremde. Vielleicht, weil sie die Gedanken
Tonbandgerät umgeschaltet. Dann stellte sie mit aus- der Neuankömmlinge noch nicht kennen, wenn sie
druckslosem Gesicht den Empfänger ab, aus dem nur sie auch empfangen, und weil sie ihnen unbegreiflich
noch ein schauerliches Heulen und Pfeifen planetarer sind.
und interstellarer Statik drang. Wir Katos leben seit drei Generationen in dieser
Yokkh, der die Gedanken des Gelehrten klar und Station. Mein Großvater, Ka’wat Kato, fing mit den
ungestört empfing, diktierte das Empfangene sofort Forschungen in diesem System an; er hat die Dun-
auf Band. Jetzt zeigte es sich, wie wertvoll das Erler- kelsonne und ihre paraphysikalischen Phänomene ent-
nen der irdischen Sprache für ihn war. deckt, als sein Jiolen, ein arkturisches Haustier mit la-
„... Strahlungsdichte: Mittelwert: sieben Komma tenten telepathischen Fähigkeiten, die Felder in eini-
eins null; gen Lichtjahren Entfernung fühlte.“
Maximalwert: dreizehn, Minimalwert: zwei Kom- „Dieser Ka’wat Kato, dein Großvater, hat er nicht
ma...“, sagte der Suame mit seiner etwas rauchigen den berühmten Gelehrtenstreit ,Garsin — Unendliches
Stimme. Sein Fell glänzte von Feuchtigkeit, so sehr Atom’ entfesselt?“
strengte ihn die erneute Konzentration an. „Ja. Diese Parafelder haben ihn dazu veranlaßt.
„... Gravitation: Normalpegel siebenhundert Gee, Man hat ihn — verständlicherweise — in Unkenntnis
stationäre Schwankungen: Siehe Aufzeichnungen in verlacht. Deshalb zog er sich hierher zurück und baute
meinem Schreibtisch. Ende der Durchsage. die Station. Geld genug hatte er. Als er ankam, griffen
Vertragt euch gut, Jonna. Jetzt hast du wenigstens die Metmos das erstemal an, aber er konnte die Sum-
einen Helden mit einem Raumschiff, der dich rettet. me der Gefahrenmomente annähernd berechnen und
die Station entsprechend schützen. Nach einigen Mo-
Leb’ wohl. Und verzeih mir bitte, wenn ich dich...“ naten hatten sich die Metmos beruhigt. Sie blieben bis
Im gleichen Augenblick, da Jens Kato mit eiskalter auf weiteres unsichtbar, und er konnte sie nicht einge-
Ruhe starb, von der unfaßbaren Gewalt zweier aufein- hender erforschen. Dafür widmete er sich um so inten-
anderprallender Schwerewirbel erfaßt, schwieg auch siver dem Studium der Umberos, der Dunkelsonne.
Yokkh. Er war, als die Verbindung abriß, sofort wie- Kurz vor seinem Tod holte er Jens zu sich, der mit
der in seinen tiefen Erschöpfungsschlaf gefallen. meiner Mutter Monjadi seinem Ruf folgte.
Mit großer Beherrschung stellte Jonna den Apparat Wieder rasten die Metmos, worauf Jens den Schutz
ab; das Band kam zum Stillstand. Sie warf mit einer der Station verstärkte. Am allerschlimmsten ist es je-
unwilligen Bewegung das seidige Haar in den Nacken. doch seltsamerweise seit meiner Geburt. Sie waren da-
Der Verlust ihres Vaters erschütterte sie weniger als bei nicht sonderlich wild. Aber wenn sie vorher nur für
sie gedacht hatte; sie hatten sich, wie er eben noch in kurze Zeit aufgetaucht waren, so umlagerten sie seit-
seiner sachlichen Art festgestellt hatte, tatsächlich nie dem ständig die Kuppel.“
richtig verstanden. Aber wie sollte es weitergehen? „Das wird daran liegen“, warf Dayen ein, „daß ein
Hilflos schaute Dayen zu, wie erst vereinzelte, dann kleines Kind kaum ausgeprägte Gedanken hat, die sie
in einem nicht mehr endenwollenden Strom eine Trä- erschrecken konnten. Der Verstand, dein Verstand, hat
ne nach der anderen über ihre Wangen rollten. Und er sich infolge der Erziehung und Erfahrung mehr und
tat das einzig Richtige: Er nahm sie vorsichtig in seine mehr verändert, was eine Quelle ständiger Unruhe ge-
kräftigen Arme und drückte sie beruhigend an sich. wesen sein muß.
Sie blickte ihn erstaunt unter den langen feuchten Übrigens wird es langsam Zeit, daß wir etwas un-
Wimpern an. ternehmen — der eine rote Zeiger wird gleich die rote
Und da tat Tes Dayen wiederum das einzig Richti- Marke erreichen, und die anderen Geräte schlagen be-
ge: Er näherte seine Lippen den ihren und küßte das reits andauernd aus, ohne zur Ruhe zu kommen.“
Mädchen. „Das ist der Parafeld-Indikator. Wenn er den Grenz-
Sie wurden beide durch ein lautes Ticken gestört, strich erreicht, werden die unbewußten Telepathiefel-
das schon geraume Zeit angedauert hatte. Jonna löste der so stark, daß wir sie spüren können, obwohl sie
sich sanft aus seiner Umarmung und schaute sich su- nicht gleichgerichtet sind.“
chend in der Zentrale um. Die Zeiger der Instrumente, „Bemerkst du schon etwas?“
die auf irgendwelche Weise die Aktivität der Metmos „Ich kann mich täuschen — aber ich denke, ja. Es
maßen, näherten sich bedenklich den roten Markierun- ist ein eindringendes Gefühl von Unruhe, von Ableh-
gen; bei anderen schlugen die Nadeln wie wild aus. nung. Und von grenzenloser Wut.“
„Was bedeutet das?“ fragte Dayen. „Ich spüre etwas Ähnliches.“
Sternvogel 40

Auf dem Schreibtisch bewegte sich Yokkh unru- Sie liefen zu der Treppe, die in das obere Stockwerk
hig hin und her. Seine „Ohren“ spielten im Schlaf, der Kuppel führte, in deren Spitze die Strahlgeschütze
und gleich darauf blinzelte er die beiden an. tes, was montiert waren.
ist los? ich spüre starke erregungsfelder, sendete er. Die beiden Levlon-Rohre mußten wirklich aus dem
Gleichzeitig schrillten Alarmglocken auf. Überall im Antrieb eines Raumers stammen. Schenkeldicke Ka-
Gebäude rumpelte es, als die Hilfsgeneratoren anlie- bel versorgten sie mit Energie aus den Maschinen,
fen. Ein völlig neuer Teil der großen Instrumententafel die laut zu brummen anfingen, als Dayen auf „Start“
flammte in einem Dutzend verschiedener Farben auf. schaltete. Suchend blickte er durch die dicken Quarz-
Rot, grün, orange, blau, zuckten die Warnlämpchen. glasluken nach draußen. Die Umgebung des künstli-
„Die Metmos, Yokkh! Sie greifen die Kuppel an“, chen Hügels war von flirrenden Bällen konzentrierter
rief Dayen und, sich an Jonna wendend: „Was sind das Kraftfelder, die dauernd von den Metmos erzeugt wur-
für Geräusche?“ den, taghell ausgeleuchtet.
„Die Sicherungsanlagen. Jens hat einen selbst er- „Ich bezweifle ja, ob die Dinger etwas helfen“, mur-
dachten Schutz gegen Parafelder konstruiert für den melte er.
Fall, daß etwas Ungewöhnliches eintritt. Wie jetzt. „Yokkh — such mir bitte eine besonders große An-
Dicke Platten aus synthetischem Platin, die zur Ab- sammlung von diesen Ungeheuern.“
schirmung dienen sollen.“ „Dort drüben, in genauer Linie mit dem Vulkan...
„Das nützt nichts“, sagte Yokkh. „Es gibt keinen ihre Gefühlsfelder sind eine Inkarnation von Haß...“
Schutz gegen paraphysikalische Felder — wenigstens und sie scheinen sich in einer richtung zu konzen-
keine Abschirmung auf physikalischer Grundlage. Pa- trieren. sie enthalten bereits bewußte elemente, sind
raphysik kann nur durch Paraphysik abgewehrt wer- nicht mehr rein instinktiver natur... o tes...
den.
„Was ist los — fehlt dir etwas?
Und ich allein bin diesen Tausenden von Feldern,
die dort draußen ständig entstehen, nicht gewachsen.“ Ach, du liebe Güte. Es hat ihn wieder erwischt!“
„Jonna! Habt ihr Waffen in der Kuppel eingebaut?“ Dayen überzeugte sich rasch davon, daß der Kleine
nur infolge eines Reflexes eingeschlafen war. Wie ein
„Ja, Streustrahler und zwei drehbare Levlon-Rohre
Robot, der sich ausschaltet, wenn ihm zuviel zugemu-
aus Großvaters Raumschiff.“
tet wird, dachte er. Dann ging er an das eine Levlon-
„Kann man damit etwas ausrichten?“ Rohr, justierte es kurz ein und drückte den Starter-
„Ich weiß nicht, Tes. Jens hat sie nie angewendet, knopf auf Maximalbeschleunigung, wie die Originals-
um die Metmos nicht noch mehr zu reizen. Sie sind kala aus dem Schiff, in das es eingebaut gewesen war,
nur für den äußersten Notfall gedacht.“ anzeigte.
„Dieser Notfall ist jetzt eingetreten. Wo sind sie?“ Durch die Luke beobachtete er, was draußen vor-
„Oben in der Kuppel.“ ging. Aus der vorderen, bereits im Freien befindlichen
„Gut. Jonna — pack’ bitte schnell die Papiere dei- Spitze des zehn Meter langen Rohres trat ein kegelför-
nes Vaters, seine sämtlichen Aufzeichnungen über den miger Strahl, der hellblau flimmerte.
Materiesender vor allem, und die Tonbänder zusam- Nochmals justierte Dayen, bis er endlich ein kon-
men und bring sie bitte in den ,Sternvogel’. Dort war- zentriertes Bündel geordneter Levlon-Felder hatte, das
test du auf mich. wie ein von einem Parabolspiegel reflektierter Licht-
Yokkh, du hilfst mir bitte, die Metmos aufzuspüren, balken überall entlang seiner Mittelachse gleich lan-
damit ich versuchen kann, sie zu zerstreuen. Vielleicht ge Durchmesser hatte. Es war gewissermaßen eine Art
hilft das.“ energetische Fortsetzung des materiellen Rohres.
Jonna nickte und ging gleich daran, den Schreib- Der Levlon-Strahl traf am Ziel ein — und es gesch-
tisch auszuräumen. Der Suame sprang hinunter und ah etwas Merkwürdiges mit ihm: Es war, als würde
lief zu Dayen hin. Seihe Flanken zitterten, als er sei- er in lauter kleine Energiefäden aufgetrennt, die nach
nem Freund einen Gedanken zusendete, der diesen er- allen Richtungen ins Nichts verschwanden.
staunte und erschreckte zugleich: tes, ich habe... angst! „Die Metmos“, rief er verblüfft. „Sie zerteilen den
furchtbare angst wovor? Strahl und schlucken die einzelnen Teilbeträge wie
vor dem da draußen. die metmos... ich habe angst riesige Außenhautabsorber!“
um meinen verstand. mein abwehrblock ist nutzlos ge- Er schaltete ab. Es war schade um jedes Garsin, das
gen diese kaskaden von primitiven gefühlen, die von er den Biestern zur Verfügung stellte. Er überlegte,
allen seiten über mich hereinstürzen. ob es sich lohnen würde, die Streustrahler einzuset-
ich kann ohne dich aber nicht feststellen, wo diese zen. Aber das wäre wahrscheinlich noch sinnloser. Ein
bestien sind. geht es nicht noch für ein paar minuten? paar Außenhautabsorber mit großen Speicherbänken,
wenigstens, bis jonna die wichtigen Aufzeichnungen um die Kuppel verteilt, wären weitaus erfolgreicher
in Sicherheit gebracht hat... gewesen. Oder ein richtiges Bordgeschütz mit hoch-
ich... ich will es versuchen. brisanter Munition.
41 TERRA

Dayen hob den schlafenden Yokkh auf und raste mit Da hämmerte das Verstehen in ihr. Stärker und
großen Sprüngen die Treppe hinunter. Ein Blick in die mächtiger als je zuvor spürte sie die unfaßbaren Ge-
Zentrale — sie war schon leer. danken. Und nun waren sie deutlich und klar zu er-
Die Metmo-Instrumente hatten bereits die roten kennen, nicht mehr so verschwommen. Und sie waren
Marken überschritten. Wie stumpfe Schwerter hieben auch nicht mehr so primitiv, so tierhaft.
die massiven Telepathiefelder auf Dayen ein, schmer- „Das sind keine Tiere mehr. Das sind intelligente
zend und doch nicht scharf genug, um zu töten. Noch Wesen. Hoffentlich verlassen sie niemals ihren Plane-
nicht. ten, der bald wieder eine dritte Sonne wird.“
Der künstliche Hügel bebte unter den lautlosen Ex- *
plosionen, die ständig stattfanden. Ein Generator flog,
total überlastet, mit irrsinnigen Geräuschen in die Drei Wochen lang kreiste der „Sternvogel“ auf ei-
Luft. Von den Wänden der Hangartreppe, die Dayen ner weitgeschweiften Bahn um die neue Sonne Kato.
hinuntersprang, bröckelte der Verputz. Er war gerade Während Yokkh sich in einem Tiefschlaf erholte, aus
am untersten Absatz angelangt, als der ganze Gang dem er nur hin und wieder erwachte, um etwas von
zusammenbrach. Eine oder gar schon mehrere der den Pflanzen Vorräten zu sich zu nehmen, hatten Jon-
Antigra-Spulen hatte versagt, als der Generator keinen na und Tes die Metamorphose der äußerlich schon er-
Strom mehr lieferte. starrt gewesenen Welt zu einem neuen Stern beobach-
tet. Die an vielen Stellen schon von Schlacken bedeck-
Mit einem verzweifelten Endspurt legte Dayen die te Kugel war überall ins Glühen gekommen; sie konn-
letzten Meter zum „Sternvogel“ zurück. Der Traktor- ten das von oben gut miterleben. Innerhalb der letzten
strahl riß ihn hoch, als die übrigen Antigra-Spulen vierzehn Tage hatte der ehemalige Planet schon Rot-
nacheinander zusammenbrachen. In der Schleuse war- licht ausgesandt, vor allem jedoch Infrastrahlung. Jetzt
tete Jonna bereits, die ihm den ohnmächtigen Yokkh war der Vorgang bereits ins Stadium einer hellen Rot-
abnahm und die Schotten schloß. Dayen stürzte vor glut mit zunehmenden Anteilen an Orange und Gelb
in die Zentrale, schaltete das mächtige Schiffsfeld ein gelangt.
und die Fernsehwände. Er sah nicht mehr viel, denn
„Wie lange noch, und er strahlt heller als sein gelbes
jetzt fiel die ganze Kuppel im Bruchteil einer Sekunde
Gegenstück auf der anderen Seite von Umberos“, sag-
unter dem ungemilderten Zug von dreißig Erdschwe-
te Dayen zu dem endlich erwachten Yokkh. Der Klei-
ren widerstandslos in sich zusammen. Das Raumschiff
ne antwortete nicht.
stand praktisch im Freien, umgeben von Staub, der
Er benahm sich in der letzten Zeit überhaupt sehr
sich sofort wieder senkte, und von wüsten Trümmern.
sonderbar. Dayen wollte nicht direkt nach den Ursa-
Ringsum tobte das Inferno.
chen dieses Verhaltens fragen.
Von dem großen „Vulkan“ ausgehend, zogen sich Als er sich endlich doch dazu aufraffte, rührte sich
breite Sprünge über das Plateau. In ihnen waberte die Yokkh bereits von selbst. „Du mußt jetzt zur Erde zu-
intensive Glut des Planeteninneren. Die feurigen Lini- rückkehren, Tes. Deine Zeit hier im Weltall ist um. Ich
en verbreiterten sich zusehends; wie Butter in der Son- werde dir eine Schleuse suchen, die uns an einen gün-
nenhitze schmolzen die erstarrten Schlacken der Ober- stigen Sprungort bringt. Von dort aus sehen wir dann
fläche wieder dahin. Man sah deutlich, daß es Sonnen- weiter.“
materie war, die noch immer in ständigen Kettenreak- Damit verfiel er wieder in sein Schweigen.
tionen neue Elemente bildete. „Sonderbar“, sagte Dayen später zu Jonna, als sie
„Und die Metmos?“ fragte Jonna. dem flachen Raum um das Tripelgestirn zustrebten,
„Siehst du die dunklen Flecken, die größer und grö- „er ist wie umgewandelt. Ich kann keinen vernünfti-
ßer werden?“ fragte Dayen. „Das sind die Metmos. gen Satz mehr aus ihm herausbekommen.“
Jetzt zeigen - sie uns ihre wahre Gestalt!“ „Das wird eine natürliche Folge der dauernden Er-
schöpfungszustände sein. Was weißt du denn schon
„Aber sie müssen in dieser Hitze doch vernichtet
Näheres über ihn?“
werden!“
„Möglich. Aber etwas in mir sagt mir, daß es noch
„Kannst du dir Wesen vorstellen, die unter den phy- einen anderen Grund gibt. Und ich gäbe etwas darum,
sikalischen Bedingungen, wie sie an der Oberfläche wenn ich wüßte, was dieser Grund ist.“
einer Sonne herrschen, existieren können? Die in ei- Wenn er nicht gerade Jonna Gesellschaft leistete —
nem Zyklus von vielleicht mehreren tausend Erden- und das war die meiste Zeit der Fall — schrieb Dayen
jahren nach einem unbekannten Rhythmus mitsamt seine Erfahrungen über das Stellarfieber nieder, und
der Oberfläche dieser Welt erstarren, eine andere Le- arbeitete an Jens Katos Aufzeichnungen über den Ma-
bensform annehmen, aus der sie erst, für unsere Be- teriesender oder schrieb an einem Epos über den Sinn
griffe, endlos langer Zeit wieder zu ihrer wahren Exi- der Weltraumfahrt. „Sternvogel“ nannte er das Epos,
stenz: erwachen, wenn auch die Oberfläche dieses Pla- und als sich die ersten Strophen langsam zu formen
neten wieder aktiv wird? begannen, wußte er, daß es das beste war, was er je
Paß gut auf: Horst du es nicht in dir!“ verfaßt hatte.
Sternvogel 42

Manchmal sinnierte er auch über sein Verhältnis alle diese wichtigen entscheidungen habe ich ver-
zur Interstellar und zur Erde überhaupt, zur Mensch- säumt, ich habe sie versäumt, um einem sinnlo-
heit, nach. Er merkte dabei, daß es kein Problem mehr sen hirngespinst nachzujagen... wieso sinnlos? fragte
war; alles hatte sich wie von selbst ergeben. Er konnte Yokkh. du hast recht, aber was nützt es jetzt, wo al-
nicht einmal mehr richtig verstehen, was ihn in dieses les zu spät ist? wochen zu spät? Dann erinnerte sich
Abenteuer getrieben hatte. Sein Unterbewußtsein. Ein Dayen. Er blickte den Suamen eindringlich an und
bemerkenswertes Ding, dieses Unterbewußtsein! Ihm sagte leise: „Yokkh — dieser Zeitsprung. Wenn es
kam es so vor, als habe ihn während der letzten Wo- möglich ist, kann es kein Zufall mehr sein. Das ist der
chen — oder waren es schon Monate? — der Teufel Beweis, daß ich...“
geritten. In Gestalt seines eigenen Ichs. „Der Zeitsprung wird so kalkuliert sein, daß der
Unsinn. Er hatte lediglich das Dilemma „Pflicht — ,Sternvogel’ etwa dreiunddreißig Stunden nach dem
Abenteuer“ von der Oberfläche verdrängt, wo es ihn Abflug wieder eintrifft“, unterbrach Yokkh ungerührt.
einstweilen gestört hatte, und unter der Schwelle der „Der Zeitsprung ist die höchste Möglichkeit, das Par-
verstandesmäßigen Wahrnehmung löste sich alles sehr afeld zu verändern, weil er mit physikalischen Mitteln
logisch auf. Die fertige Antwort tauchte schließlich im nicht durchgeführt werden kann.
Bewußtsein auf, wo sie nur noch als solche akzeptiert Die Möglichkeit, die Zeit zu manipulieren, ist eine
werden mußte. logische Fortentwicklung. Teleportation beansprucht
„Tes, das Essen ist gleich soweit. Kommst du bit- von den vier möglichen Dimensionen des Normalkon-
te?“ tinuums die drei des Raumes, wobei kein Zeitverlust
„Ja, Liebling. Sofort.“ Er erwischte Jonna gera- stattfindet. Temportation beansprucht die Zeitdimen-
de noch, ehe sie lachend durch die Tür war. In der sion unter Ausschluß jeglicher Ortsveränderung.
nächsten halben Stunde kam ihm kein klarer Gedan- Wenn du dir letzteres klargemacht hast“, dozierte
ke mehr. Erst Yokkhs Auftauchen störte die beiden. der Suame weiter, „verstehst du auch, warum Tempor-
Sie saßen in der Küche, die von dicken Rauchschwa- tation nur einen so geringen Zeitraum von höchstens
den und dem Geruch angebrannter Speisen erfüllt war. plus oder minus tausend Jahren umfassen kann. Eine
Die Automatik einer Kochmaschine funktioniert auch Ortsveränderung ist stets in bezug auf dieses gesamte
nur, wenn man sie vorher einstellt. Universum zu verstehen. Die Milchstraße, die Sonnen,
„Ach, du beringter Saturn“, fiel es Dayen ein, „die kurz alles, was sich in diesem Universum befindet, be-
Schleuse! Ich komme schon, Yokkh.“ wegt sich mit hohen Geschwindigkeiten, deren Ge-
Während Jonna versuchte, das Essen zu retten (was samtsumme so groß ist, daß sie einen größeren Zeit-
ihr nur noch mit einem Materietransformer gelungen sprung nicht ermöglicht. Sonst wäre die Milchstraße
wäre), eilte Dayen hinter dem Suamen her. Um ein nicht wiederzuerkennen oder gar verschwunden ins
Haar hätte der „Sternvogel“ das Einflugportal verpaßt. Nichts. Diese Grenze wird noch mehr eingeschränkt
Sie schafften es in bewundernswürdiger Zusammen- durch die hohen Energieverluste, die ich dabei erlei-
arbeit, den Sprung doch noch rechtzeitig auszulösen. de; du kennst ja das Gesetz der physikalischen Entro-
Es mußte so schnell gehen, daß nur Yokkhs telepathi- pie — etwas Ähnliches gilt auch für die Paraphysik.
sche Fähigkeiten als Kontaktmöglichkeit in Frage ka- Ein Zeitparadoxon darf nicht eintreten. Wir Sua-
men. Dann waren sie durch. tes. ich möchte dir für dei- men sind die einzigen Bewohner dieser Milchstraße,
ne freundschaft danken. es war wunderbar. jetzt muß die das Geheimnis des Zeitsprungs kennen, und wir
ich jedoch zurück nach suam. meine teleportations- werden immer die einzigen bleiben. Es ist deshalb ein
fähigkeiten werden in wenigen tagen verschwinden. wesentlicher Bestandteil unserer Kultur, daß keine sol-
dann hat sich mein metabolismus angepaßt, und ich chen Paradoxe stattfinden dürfen. Wir wachen nicht
bin wieder ein gewöhnlicher suame. nur über die Gegenwart, sondern wir schützen auch
ich habe geahnt, daß dieser Augenblick kommen die Zukunft der Galaxis.“
würde — aber so bald! „Das ist alles sehr interessant, aber ist es nicht
ich kann gegen die biologischen gesetzmäßigkeiten wichtiger, erst einmal mein Problem zu klären?“ sagte
meiner heimatweit nichts machen. es bleibt mir nur Dayen unbeirrt. Erst als er merkte, daß Yokkh den Ein-
noch eines zu tun: der zeitsprung. wurf einfach überging und unaufhörlich weitersprach,
zeitsprung? du willst doch nicht sagen, daß... wußte er, daß es ganz zwecklos war und schwieg.
überlege doch einmal genau: wie lange bist du paß auf die sterne auf!
schon von der erde weg? Er hatte recht. Ohne Übergang wechselte der
ich merke, worauf du hinauswillst. seit fünf oder „Sternvogel“ seinen Standort. Die übersprungene Zeit
sechs Wochen bin ich unterwegs, und auf der erde war so gering, daß nicht einmal die nächsten Sterne ih-
geht es drunter und drüber. arlagon und black werden ren Platz verändert hatten. Nur an der Lage Umberos
die interstellar gesprengt haben, um ihre eigennützi- und seiner beiden Begleiter, die nun immerhin einige
gen bestrebungen zu realisieren. die parlamentsdebat- Lichtwochen weiter entfernt waren, konnte man die
te... Veränderung feststellen. Die Situation in dem System
43 TERRA

war gerade so, daß man die beiden aktiven Sonnen großartig. Wenn ich einen persönlichen Wunsch aus-
sehen konnte; die gelbe Sonne und den neuen Stern sprechen darf: Überlassen Sie den „Sternvogel“ mir
Kato, auf dem eine der seltsamsten Lebensformen des als Privatschiff. Ich werde ihn in Zukunft des öfteren
Weltalls hauste. benützen müssen.“
und jetzt noch die werte für die schleuse, die dich zu Dayen sprach den Wunsch so aus, daß in den Di-
jener sonne bringen wird, die ihr beteigeuze nennt. von rektoren ein Widerspruch gar nicht erst aufkommen
dort aus findest du allein weiter. Dayen blieb nichts konnte.
anderes übrig, als sich die Daten, die ihm angegeben „Jonna Kato habe ich aus Raumnot gerettet. Ihr
wurden, zu notieren. Dann sagte Yokkh: Schiff war auf einem der kleineren Asteroiden ge-
„Leb wohl, Tes. Und vielleicht — wiederseh’n!“ strandet. Antriebshavarie.“ Diese Lüge kam so glatt
Das „wiederseh’n!“ hing noch im Raum, als der von seinen Lippen, daß auch Dr. Jageh, der sich keine
Kleine bereits verschwunden war. Nachdenklich ging seiner Gesichtsbewegungen entgehen ließ, nichts da-
Tes Dayen zu Jonna hinüber. von merken konnte. Den Direktoren blieb nichts an-
deres übrig, als alles zu akzeptieren. Raleigh und der
14. Arzt wollten begreiflicherweise noch eine Menge Fra-
gen stellen, ebenso Black und Arlagon.
Sie saßen dicht nebeneinander in der Zentrale des „Später, später“, lachte Dayen nur. Dann legte er
„Sternvogel“, der sich bereits in den gekrümmten seinen rechten Arm um das Mädchen, das schweigend
Raum des solaren Systems stürzte. „Wenn wir auf der neben ihm stehengeblieben war, und sie gingen davon.
Erde sind, wirst du mich heiraten, nicht wahr?“ sagte Am Abend vor dem Tag, an dem seine Verbindung
Jonna unvermittelt mit einer Plötzlichkeit, wie sie nur mit Jonna Kato in einer kleinen Feierstunde offizi-
Frauen zu eigen ist. ell bekanntgegeben werden sollte, verabschiedete sich
Tes Dayen von ihr. „Ich komme sehr spät heim, Lieb-
* ling. Es gibt da noch etwas, das ich unbedingt vor mor-
gen erledigen muß und das keinerlei Aufschub duldet.
„Ja, ich glaube, wir gehen ihnen entgegen“, sagte Sei mir bitte nicht böse, wenn ich später als vorge-
Dr. Jageh. „Wer weiß, was Ihr Planetenkommandant sehen komme. Falls ich morgen früh noch nicht zu-
Saturn für den ,Sternvogel’ gehalten hat, Herr Black. rück bin, gehe bitte schon in den Festsaal, wo die Feier
Lassen Sie die Leute schon vor dem nächsten Termin stattfindet. Ich werde in diesem Fall so unter Zeitdruck
untersuchen; Stellarfieber ist eine gefährliche Sache stehen, daß ich mich direkt dorthin begeben werde.“
für die Betroffenen und eine teure Sache für die In- „Tes — muß das sein?“ „Ja, Jonna. Es tut mir sehr
terstellar.“ leid. Ich erkläre dir morgen alles genauer. Wir haben
Der Sicherheits-Chef und die anderen Direktoren uns sowieso noch viel mehr zu sagen, als wir in so
nickten, nur stumm. Trotz der Enttäuschung ihrer per- kurzer Zeit ausdrücken konnten.“
sönlichen Machtbestrebungen waren sie insgeheim Er zog sie zärtlich an sich. Dann wies er Relen, den
froh, daß ihnen die schwerwiegende Entscheidung Hausroboter, an, gut aufzupassen.
durch das Zurückkommen Dayens abgenommen wur- Mit langen Schritten verließ er die Villa, stieg in den
de. Und diese Funksprüche waren angesichts dessen, Wagen und raste zum Hauptgebäude der Interstellar.
was drüben am anderen Ende des Raumhafens vor sich Zehn Stockwerke unter der Erde war in dem massi-
ging, haarsträubender Unsinn. Typischer Fall für die ven Granitsockel, auf dem Dayenstadt erbaut worden
Psychiater. war, der ungeheure Komplex von fünfzig Roboterge-
Sie folgten Dr. Jageh und Raleigh in ergebener Ein- hirnen installiert, von dem aus die Entscheidungen für
mütigkeit hinunter ins Erdgeschoß, von wo aus sie ein die halbe Milchstraße gefällt wurden. Tag und Nacht
Gleitband zu der purpurnen Raumkugel mit den golde- waren die meisten der fünfzig Giganten in Betrieb.
nen „Sternvogel“-Lettern und den silbernen Vogelem- Drüben stand R 17. Seine einstmals erloschene
blemen trug, in deren Schatten die beiden Ankömm- Stirnwand irisierte wieder in allen Spektralfarben.
linge bereits warteten. „Hallo, Herr Quu-Ming! Ist Rol gerade frei?“
„Eine Frau“, grunzte Jan Arlagon nur, ehe sie auf „Jawohl, Herr Dayen. Soll ich Ihnen bei einer Ope-
Hörweite heran waren. „Ich fürchte, meine Herren, es ration behilflich sein?“
wird einige Aufregungen geben.“ „Danke, ich möchte mir nur ein paar Auskünfte ho-
„Darf ich vorstellen — die Herren Direktoren der len.“
Interstellar, Jonna Kato, meine zukünftige Gattin. „Da ist Rol richtig. Gute Nacht.“
Zur Erklärung meiner Abwesenheit möchte ich nur „Gute Nacht, Herr Quu-Ming.“
sagen, daß ich mit dem „Sternvogel“ einen Probeflug Es ging bereits auf Mitternacht zu, als er bei Rol an-
unternommen habe. Sprechen Sie dem Konstruktions- langte, bei der gewaltigsten der Denkmaschinen, die
büro und der Werft bitte meine Hochachtung und mei- sämtliche Daten, welche von ihren Geschwistern ge-
nen Glückwunsch aus, Herr Shegodor; das Schiff ist funden oder gebraucht wurden, speicherte. Sie befand
Sternvogel 44

sich in einer gesonderten Nische der taghell ausge- veranlassen, der die einzig mögliche Ausgangssituati-
leuchteten Höhle. on für die Verwirklichung des Jugendtraumes, Raum-
Er setzte sich in den Sessel, der wie die ganze An- fahrer zu werden, sein konnte. Dies bildete den An-
lage an die Zentrale eines Raumschiffes erinnerte. fang für die notwendige Kette der folgenden, genau
Gelöst lehnte er sich zurück. Dann sprach er das Ko- geplanten Vorfälle, die durch das gekoppelte Roboter-
dewort. Eine Lampe erstrahlte hell zum Zeichen, daß gehirn des „Sternvogel“, durch das Robotergehirn der
die Maschine bereit sei, Informationen zu liefern. Forschungsstation auf dem ehemaligen Planeten Ka-
to und durch die Person des Suamen Yokkh gesteuert
Angespannt beugte er sich über das Mikrophon,
wurden.
das ihm der Automat entgegenstreckte, und begann zu
sprechen. Er sagte, was er in den letzten Wochen er- Durch einen künstlich herbeigeführten Schock-
lebt, was er an Vermutungen aufgegriffen und wieder traum, der die Bedrohung durch das Personifizierte
verworfen, was er an umwälzenden Erkenntnissen ge- Robotergehirn R 17 zum Inhalt hatte, wurde in dem
funden hatte, und er stellte seine Fragen. Endlos lange Fragesteller eine Art hypnotischer Riegel errichtet, der
dauerte das. Endlich ließ er sich erschöpft zurücksin- verhinderte, daß der Fragesteller die Bedeutung der
ken. für seinen außergewöhnlichen Verstand leicht
Die Maschine verarbeitete die Angaben, verglich zu durchschauenden Vorfälle zu früh und den Plan
über die Speicherbänke, formte die entsprechenden in schädigender Weise erkannte.“
Kalküle. Das Ergebnis setzte sie in Wort und Schrift Jetzt, wo der hypnotische Block durch die Eröff-
um; es wurde von einer Schreibwand und einem Laut- nungen der Maschine von ihm genommen worden
sprecher verkündet: war, begriff er den Zusammenhang aller Ereignisse der
„Die folgenden Informationen sind nur für den jet- letzten sechs Wochen in niederschmetternder Deut-
zigen Leiter der Interstellaren Handelsgesellschaft, lichkeit. Dieses ganze herrliche Sternenabenteuer war
Tes Dayen, bestimmt. Andere Personen dürfen bei ih- nichts weiter gewesen als eine eiskalte Kalkulation,
rer Bekanntgabe nicht zugegen sein.“ die keine Gefühle, keine menschlichen Schwächen
Es folgte eine Pause, in der sich die Maschine über achtete, sondern sie gnadenlos ausnutzte. Diese Rasse
Fernsehaugen davon überzeugte, ob diese Bedingung und diese Maschinen hatten sein Leben geplant. Wie
erfüllt war. Dann schlossen sich die dicken Stahlflügel eine Marionette hatte er an den unsichtbaren Fäden ge-
des Nischentores und trennten den Raum hermetisch tanzt, die von einer fremden Rasse unter Mißachtung
ab, machten ihn absolut abhörsicher. jeglicher Menschenrechte gezogen worden waren.
„Bei Lieferung der eben gegebenen Informationen Rol sprach weiter. Auch das Versagen des
soll Tes Dayen folgendes erfahren: Es gibt auf einem Thormann-Antriebs war, vom Steuermechanismus des
Planeten dieser Milchstraße, der von seinen Einwoh- „Sternvogel“ inszeniert, genaue Planung gewesen.
nern Suam genannt wird, eine Rasse, deren Aufgabe Jetzt, wo er die Zusammenhänge kannte, erinnerte er
es ist, über die Geschicke der anderen Welten zu wa- sich der gegen Parafelder abgeschirmten Stelle, als
chen und das Zusammenspiel aller raumfahrenden Be- Yokkh damals das Schiff untersucht hatte. Das war die
völkerungen zu gewährleisten. Die Hilfsmittel dieser Speicherzelle gewesen, welche die notwendigen Im-
Rasse sind ihre paraphysikalischen Fähigkeiten. pulse zum reibungslosen Ablauf des „Unfalles“ abgab.
Diese Rasse erkannte, daß sich die irdische Kul- Sein Sterben. Die Rettung durch Yokkh (was für ein
tur in einem Stadium der Stagnation befand, was sei- Narr er gewesen war, an die Zufälligkeit dieser Ret-
nen Ausdruck in einem streng festgelegten Klassensy- tung zu glauben!). Alles nur dazu bestimmt, daß er er-
stem fand, welches wiederum eine Herabsetzung des kannte, warum der Mensch zu den Sternen wollte und
menschlichen Widerstandes gegen die Einflüsse des warum er seit einigen Jahrzehnten plötzlich verrückt
Weltraums zur Folge hatte. Letzteres Phänomen wird wurde, wenn er diesem Verlangen nachgab.
allgemein als Stellarfieber bezeichnet.
Die fortschreitende Erkenntnis seiner eigenen Per-
Diese Stagnation mußte unterbrochen werden, sönlichkeit, die Bedeutung seines Unterbewußtseins
wenn die Erde nicht bereits am Anfang ihrer zivilisato- — nur ein genialer Schachzug, um die Durchführung
rischen Geschichte zugrunde gehen sollte. Der einzige des großen Plans zu sichern, der im Hintergrund stand.
Mensch, der diese Unterbrechung herbeiführen konn-
„Das Erlebnis mit den Amphibienwesen...“, fuhr
te. war der Fragesteller, Tes Dayen. Da auch er nicht
die Maschine in ihrem nüchternen Bericht fort. Das
gegen eine Tradition ankämpfen konnte und wollte, in
war nur eine Episode gewesen, ein versteckter An-
der er aufgewachsen war, wurde beschlossen, ihn sy-
haltspunkt für sein Unterbewußtsein, daß die Theo-
stematisch unter Ausnutzung aller logischen und emo-
rie keine Täuschung war, die er unter dem gewaltigen
tionalen Mittel zu zwingen, mit dieser Tradition zu
psychisch-physischen Druck gefunden hatte.
brechen, damit er frei wurde für seine wirklichen Auf-
gaben. Da stoppte die Maschine.
Der Ausfall von Rechengehirn R 17 wurde künst- „Die folgende Information wird nur auf ausdrückli-
lich herbeigeführt, um den totalen Zusammenbruch zu chen Wunsch des Fragestellers geliefert.“
45 TERRA

Das durfte nicht wahr sein! Dayen spürte, wie eine Er wußte die Antwort im voraus; er hätte die Frage
ohnmächtige Wut in ihm wuchs, wie er zum ersten- gar nicht erst zu stellen brauchen. Eine Rasse, die es
mal in seinem Leben völlig die Kontrolle über seine ihm ermöglichte, eine solch grundlegende Entschei-
Gefühle zu verlieren drohte. Aber er sagte mit heise- dung zu treffen, die Begriffe wie Willensfreiheit und
rer Stimme: Persönlichkeit anerkannte — eine solche Rasse konn-
„Ich möchte alles wissen.“ te nur gute Absichten haben. Sonst hätte man ihm von
Einen langen Augenblick lang lastete wieder jenes alledem nichts berichtet.
Schweigen, das Dayen fast rasend machte; auch die- Er besaß Mittel und Wege, die Menschheit binnen
ses Schweigen war einkalkuliert, um das Folgende ins kürzester Zeit für alles zu begeistern, zum Guten wie
fast Unerträgliche zu steigern. Dann: zum Schlechten. Er brauchte nur die gewaltige Propa-
„Der Kontakt mit Jonna Kato wurde herbeigeführt, gandamaschinerie der Interstellar einzusetzen.
um die Unterlagen des von ihrem Vater erfundenen Aber da war die Sache mit Jonna. Er war so glück-
Materiesenders sicherzustellen. Mit seiner Hilfe sollte lich gewesen, sie gefunden zu haben. Dabei war das
eine Direktverbindung zwischen allen Welten des ir- Zusammentreffen mit ihr nur Teil einer Kalkulation,
dischen Sternenimperiums gebaut werden, um die an- die Milliarden von Sonnensystemen umfaßte. Er hat-
gestrebte Entwicklung zu fördern und zu sichern. te ihr einfach begegnen müssen, weil sie die ideale
Des weiteren wurde Jonna Kato infolge ihrer psy- Frau für ihn war. Die einzige Mutter, die ihm Kinder
chosomatischen Gesamtstruktur als die einzig mögli- schenken würde, deren Intelligenzquotient dem seinen
che Gattin für den Fragesteller befunden, dessen emo- gleichkam, weil ihre Gene ebenbürtig genug waren,
tionale Auslastung und dessen nachfolgewürdige Kin- um diese Eigenschaften weiterzuvererben.
der das vordringlichste Anliegen des Planes sind. Die Interstellar brauchte in den nächsten Jahrzehn-
Diese speziellen Informationen wurden vor fünf ten eine Reihe von Köpfen, die eine Kontinuität
Jahren von Hannibal Dayen im Einvernehmen mit der Dayen-Dynastie von Zufälligkeiten unabhängig
Atrak lohm Yelonn, dem geistigen Oberhaupt des Pla- machten.
neten Suam, zusammengestellt. Man hatte gewußt, daß er alles ertragen würde, nur
Es ist von größter Wichtigkeit, daß die gegebenen dies eine nicht. Deshalb hatte es ihm die Maschine
Informationen nur dem Fragesteller bekanntgegeben auch nur auf seinen ausdrücklichen Wunsch gesagt.
werden. Eine Verbreitung in der Öffentlichkeit würde Er hatte die Wahl.
das genaue Gegenteil des Angestrebten bewirken.
Menschheit — oder Persönlichkeit.
Es steht dem Fragesteller jedoch das Recht der frei-
Doch da war wieder dieser eine Satz: „Es ist zu be-
en Willensentscheidung zu. Weder die Begründer des
denken, daß die Interessen eines einzelnen gegen die
Plans noch diese Maschine können ihn hindern, gegen
Interessen der gesamten Menschheit stehen.“
das Gesagte zu handeln. Es ist jedoch zu bedenken,
daß die Interessen eines einzelnen gegen die Interes- Jonna! Was ging ihn die gesamte Menschheit an.
sen der gesamten Menschheit stehen.“ Stunden später stand Dayen auf, vor Ermattung tau-
Dayens Kopf ruckte hoch. Nur ein Gedanke war in melnd.
ihm, als er die letzten Worte vernahm: Vergeltung. Er wußte nicht genau zu sagen, wie er dann in den
Rache! Park gekommen war, in dem er am frühen Morgen, im
Er war mißbraucht worden, man hatte ihn... Gras liegend, aufwachte.
Dann kamen schon die Zweifel. Rache wofür? Er Seine Augen lagen tief in den Höhlen; sie brann-
war nun einmal der Leiter der Interstellar, mit allen ten vor Müdigkeit. Er war übernächtigt, ausgepumpt.
Konsequenzen dieses Amtes, Aber trotzdem — er hat- Sein Magen war leer, sein Anzug war zerknittert und
te die Möglichkeit, zu entscheiden. Er durfte wählen, feucht, seine Schuhe waren schmutzig, und die kon-
seine Wahl würde sogar geachtet werden. Man machte ventionelle Krawatte würde bei Rol liegen.
es ihm unerwartet leicht. Wie ein wüster Fiebertraum lag das Vergangene
Leicht? hinter ihm.
O nein. Kein Mensch hatte wohl zuvor eine solch Er stand auf, strich sich den Anzug behelfsmäßig
schwerwiegende Entscheidung zu treffen: glatt und trabte, immer in Deckung der hohen Büsche,
Weiterentwicklung der irdischen Zivilisation — nach Hause.
Stagnation und Untergang. Jonna! Ganz egal, wofür eine fremde Rasse oder ei-
Persönliche Entscheidung. Willensfreiheit. Schlag- ne Maschine sie vorgesehen hatte — er liebte sie, und
worte, jahrtausendealte Phrasen aller Philosophen. sie hatten sich kennengelernt, wie zwei beliebige an-
Dann machte sein Unterbewußtsein einen kleinen Ge- dere junge Menschen auch. Vielleicht sollte er Suam
dankensprung, der ihm einen geistigen Standort geben und Hannibal Dayen sogar dankbar sein. Wer wußte,
sollte, von dem aus das Problem ein anderes Gesicht ob er sie sonst jemals getroffen hätte.
hatte. Hoffentlich kam er nicht zu spät zu der Feier. Er
„Rol — Sind die Absichten von Suam — böswilli- wollte Jonna nicht warten lassen, und er mußte sich
ger Natur?“ vorher noch etwas menschenwürdiger herrichten.
Sternvogel 46

ENDE
Nachdruck der gleichnamigen Buchausgabe

„TERRA“ - Utopische Romane Science Fiction - erscheint wöchentlich im Moewig-Verlag München 2, Türkenstraße 24 Postscheckkonto Mün-
chen 139 68 - Erhältlich bei allen Zeltschriftenhandlungen. Preis je Heft 70 Pfennig Gesamtherstellung: Buchdruckerei Hieronimus Mühlberger,
Augsburg. — Für die Herausgabe und Auslieferung In Österreich verantwortlich: Farago & Co.. Baden bei Wien.

Printed In Germany - Zur Zelt Ist Anzeigen Preisliste Nr. 8 gültig.


Dieses Heft darf nicht In Leihbüchereien und Lesezirkeln geführt und nicht zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden.
47 TERRA

In einer Auswahl der besten SF-Stories aus dem berühmten amerikanischen THE MAGAZINE OF FANTASY
AND SCIENCE FICTION bringt der Wilhelm Heyne Verlag, München, jeden zweiten Monat einen SF-Story-
Band als Heyne-Taschenbuch. Lesen Sie aus „Das letzte Element“, Heyne-Taschenbuch Nr. 224 die Story

DER
EINDRINGLING
von Theodore L. Thomas

Max zog die letzte Leine straff und trat einen Schritt chen zu müssen, was man zu anderen Menschen sagen
zurück, um seine Arbeit zu betrachten. Die Raketen- sollte.
düsen waren fest zugeklappt; das Schiff war geschützt Es wurde Zeit, weiterzugehen. Max rückte die Rie-
vor dem peitschenden Regen und Wind. Eigentlich men zurecht, richtete sich auf und marschierte weiter.
müßte es für die zehn Tage seiner Angeltour in Sicher- Während der Rast hatten sich sein Muskeln versteift,
heit sein. Er schleppte seine Ausrüstung den leichten aber er wußte, daß sie sich bald wieder lockern wür-
Hang hinauf und wandte sich dem Wind entgegen. Er den.
schloß die Augen und wartete, begierig auf den An-
blick der Landschaft, aber er hielt sich noch einen Mo- Eine Stunde später prasselte der Regen auf ihn nie-
ment zurück. Dann öffnete er sie weit. Es war so wie der. Max rückte sich den Helm zurecht und stemmte
er es erwartet hatte. sich gegen die starken Regenböen. Er konnte nur ein
paar Meter weit sehen, deshalb richtete er sich nach
Einen viertel Kilometer entfernt gleißte die See. Die
seinem Helmkompaß. Wieder war er ganz allein in
Wellen waren weiß und schaumig und sahen kleb-
einer winzigen Welt für sich eingeschlossen, und er
rig aus, sie wurden vom Wind oben glattgedrückt.
fühlte sich stark und geborgen.
Über ihnen hing das graue Tuch der Gischt, dicker als
gewöhnlich, gute zwei Meter über dem Wasser. Der Eine halbe Stunde verstrich, und Max hatte das Ge-
Wind ging heftig und trieb die Schaumfetzen bis zu fühl, sich ganz in der Nahe der Abzweigung zu be-
Max. Er schmeckte das Salz und sog den reichen, leh- finden. Um nichts zu riskieren, sie zu verpassen, ließ
migen Duft tief ein; seine Kehle krampfte sich zusam- er sich auf dem Boden nieder, um auf das Nachlas-
men. Er blickte hinaus über die nackte Felseninsel. Es sen des Regens zu warten. Er fühlte sich äußerst be-
gab nichts, was hier verdorben werden könnte. haglich, wahrend die Sintflut über ihn hinwegspül-
Max zwängte sich in seine Ausrüstung, nahm den te, gegen seinen Helm pochte, brüllend an die Felsen
Gerätekasten und die Harpune auf; er war fertig. Er klatschte. Seine müden Muskeln entspannten sich, zu-
war glücklich, wieder auf dem Planeten zu sein. frieden blickte er auf die graue Regenwand vor sich.
Der Weg war beschwerlich. Sofort spürte Max das Dann schlief er ein.
Gewicht des Packens auf den Schultermuskeln, aber Das Nachlassen des Geräusches weckte ihn; der Re-
aus Erfahrung wußte er, daß er den ganzen Tag da- gen war vorüber. Er schlug den Helm zurück und at-
mit würde marschieren können. Manchmal benutzte er mete die feuchte Luft ein. Zu seiner rechten lag die
den Stab der Harpune als Stock, aber das Paket auf sei- See, und dort drüben, ein paar hundert Meter entfernt,
nen Schultern war zu schwer, so daß er den Arm nicht ragte der abgeflachte Zylinder eines schwarzen Fels-
oft heben konnte. Nach zwei Stunden Marsch machte blocks auf; das war die Markierung, die er suchte. Max
er Rast. war zufrieden mit sich, und laut sagte er: “Völlig rich-
Er setzte sich, lehnte sich zurück und starrte zu den tig geschätzt.” Der Klang seiner Stimme erschreckte
Wolken hinauf. Es war so schauerlich wie immer ge- ihn; er blickte sich nach allen Seiten um, dann kam
wesen, durch diese Wolken herunterzukommen. Die er sich etwas albern vor und grinste. Das Grinsen ver-
Sonne des Planeten war verschwunden, als er tief stärkte sich zu einem lauten Lachen, und diesmal tat
durch die kohlendioxydreichen Schichten sank. Die ihm der Klang wohl. Er ergriff die Harpune und den
heulenden Winde und die Eiswolken schlössen sich Gerätekasten und ging hinunter zum Wasser. Nach ei-
dichter um ihn zusammen, nahmen ihn in ihre eige- ner Viertelstunde erreichte er seinen Lagerplatz.
ne tobende Welt auf, ihn und sein gutes Schiff ganz Er betrat den Platz von der Landseite aus. Die La-
allein. Hinunter dann zu den tiefsten Schichten, wo gerhütte hatte die Form einer großen, offenen Pfanne,
Sauerstoff und Wasser vorherrschten und gelegentlich sechs Meter im Durchmesser, knapp zwei Meter tief.
eine Felseninsel aus den gigantischen Wellen aufragte. Auf der Westseite jagte eine Felsplatte etwas höher auf
Max lächelte, er genoß die Einsamkeit. Es war gut, als die übrigen, bog sich zur Mitte der Pfanne hin zu
allein zu sein, gut, sich keine Gedanken darüber ma- und formte somit einen Schutz für die Kochstelle. Eine
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völlig glatte, ebene Stelle an der Seite schien zum Bau er den Topf vom Feuer. Der Kaffeedunst stieg ihm in
eines Zeltes wie geschaffen; Max konnte seine alten die Nase, und Max zog ihn genußvoll ein. Er goß sich
Nägeleinschläge noch erkennen, die jetzt vom Wind eine große Tasse voll, gab zwei große Löffel Zucker
und Wasser aufgerissen und ausgespült waren. An der dazu und rührte das Ganze gut um. Komisch, dachte
Südseite, die zur See hinführte, klaffte in der Felswand er. Zu Hause trank er seinen Kaffee immer pur, ohne
ein Einschnitt von rund einem Meter Tiefe, durch den Zucker und Milch, aber hier draußen mochte er ihn
man auf einem Zick-Zack-Pfad hinunter zur See kam. süß.
Max stellte das schwere Gepäck ab und schlenderte Er trug die Kaffeetasse zum Felseinschnitt, setzte
hinüber zur Südseite, im Gehen bewegte er die Schul- sich hin und zündete sich eine Zigarette an. Er war
tern, um sie zu lockern, Er blickte die fünfzehn Meter satt und fühlte sich wohl, der Kaffee schmeckte aus-
tiefe Steilküste hinunter zu der Bucht. Der Pfad führte gezeichnet, und die Zigarette war genau richtig. Max
zu einem Riff, das sanft unter die Oberfläche des Was- hatte das Gefühl, daß er ewig hier sitzen könnte, und
ser tauchte. Die Wellen umspielten leicht die Kante bei diesem Gedanken mußte er lachen. Er wußte, daß
des Felsens, ihre volle, wilde Kraft wurde von einer sein augenblickliches Wohlbehagen durch die sichere
hohen, zackigen Wand, die von Westen her in die See Gewißheit hervorgerufen wurde, daß er bald aufstehen
ragte, abgefangen. und die Eßgeschirre abwaschen mußte.
An seinem Aussichtsposten traf ihn der Wind unge- Er trank den Kaffee aus, rauchte die Zigarette zu
hindert und mit voller Stärke, und Max stemmte sich Ende, seufzte und stand auf, um die Töpfe zusammen-
dagegen. zutragen. Er blickte auf die Harpune, wandte sich aber
Er fühlte sich hungrig. Eigentlich sollte er zuerst widerstrebend ab. Noch nicht. Er war erschöpft und
das Lager aufschlagen! Nach einem letzten zögernden müde. Jetzt nur die Töpfe abwaschen, sich schlafen
Blick auf die Bucht ging er an den Lagerplatz zurück. legen, und dann würde er zum Fischfang frisch und
kräftig sein. Gesättigt, wie er war, leckte sich Max die
Er knüpfte die Zeltplane auf, steckte die Steinnägel
Lippen bei dem Gedanken an das zarte Fleisch eines
durch die Dübel und schlug sie in den Felsboden. Aus
Trilobiten.
dem Gepäck holte er einen Druckluftbehälter hervor
Max wandte sich durch den Pfad und trat hinaus
und pumpte Luft in die Zwischenwände. Wieder und
auf die Felsplatte, die sich allmählich unter das Was-
wieder machte er sich an den Einrichtungen zu schaf-
ser senkte. Er rieb die Töpfe mit Sand aus, bis seine
fen, und allmählich hatte er das Zelt in Ordnung ge-
Finger wund waren. Mehrere Male spülte er nach und
bracht.
untersuchte das Wasser nach Schmutzspuren. Endlich
Er stellte den Zweiflammen-Kocher auf. Dann füllte war er befriedigt und schwenkte sie zum letztenmal
er die Bratpfanne mit einer großzügigen Portion Ei- aus, dann kletterte er den gewundenen Pfad wieder
pulver und mit getrocknetem, in Würfel geschnitte- hinauf. Er stellte die Töpfe weg, ergriff ein Handtuch,
nem Schinken; darüber streute er eine Schicht grüne ein Stück Seife und eine Zahnbürste. Dann ging er hin-
Pfefferkörner. Aus einer Vertiefung im Felsen schöpf- über zu der Ostseite des Lagerplatzes und kletterte auf
te er etwas Regenwasser und goß es über den Inhalt die Felsen.
der Pfanne, die er auf eine kleine Flamme stellte. Bald
Ungefähr sechs Meter entfernt befand sich in ei-
füllte sich die Luft mit dem würzigen Geruch von ge-
nem Felsen eine etwa drei Meter breite Vertiefung, die
bratenem Schinken und Pfeffer. Max lief das Wasser
mit Wasser gefüllt war. Max streifte seinen Regenan-
im Mund zusammen.
zug ab, wrang ihn aus und trocknete ihn. Er beeilte
Als es fertig war, kratzte er das Gericht zusammen, sich beim Zähneputzen und Waschen, obgleich er sich
schüttete es in einen Topf und stellte das Kaffeewas- sorgfältig von oben bis unten einseifte. Er wollte sich
ser auf. Er bestrich zwei Scheiben Brot mit Butter und nicht von einem wirklich schweren Regenguß überra-
trug alles hinüber zu dem Platz, an dem er immer zu schen lassen - ohne Regenanzug konnte ein Mensch
essen pflegte. Von dort aus konnte er durch den Ein- im Freien in wenigen Minuten ertrinken.
schnitt der Südwand über die Bucht auf die wilde See
Er spülte die Seife ab, trocknete sich aber nicht ab,
blicken.
sondern nahm den Regenanzug und die anderen Sa-
Er aß langsam und voller Genuß, wobei er sich chen auf und lief zurück zum Zelt, wo er sich, in 4er
auf dem Lagerplatz umschaute. Zufrieden grinste er offenen Türklappe stehend, gründlich abrieb. Dann
vor sich hin: Nicht ein einziger Gegenstand war am kroch er hinein und schlüpfte in den Schlafsack. Auf-
falschen Platz. Der Trick war es, das Gepäck so herzu- recht sitzend prüfte er rein gefühlsmäßig die Ventila-
richten, daß die Dinge, die man zuerst benötigte, oben tion noch einmal, dann zog er den Schlafsack fest um
lagen, in der richtigen Reihenfolge, dann konnte man sich und legte sich bequem zurecht. ,Mensch‘, sagte
sie beim Auspacken gleich an die richtige Stelle legen. Max und holte tief Luft. Er drückte den Kopf tief in die
Der Teller war leer, inzwischen hatte das Wasser zu Kissen und lauschte dem entfernten Brüllen der auf-
kochen begonnen; er maß die richtige Menge Kaffee schlagenden Wellenberge und dem Heulen des Win-
ab und schüttete sie in das kochende Wasser. Er ließ des. ,Mensch¡ sagte er noch einmal. Dann schlief er
alles noch genau acht Sekunden kochen, dann nahm ein.
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Etwas später setzte der Regen ein. Das harte Ge- ansteigenden Lebensdruck unterworfen waren. Es war
trommel auf dem Zeltdach weckte ihn, und er blieb ein Genuß, dazustehen und mit einem einzigen Blick
ruhig liegen und lauschte. Vermischt mit dem aufklat- die übergroße Leere und die verschwenderische Fül-
schenden Regen konnte er das strudelnde Wasser hö- le zu umfassen. Max trat weiter vor und bewegte sich
ren, das durch den Lagerplatz raste und hinunter in halbgeduckt, mit gezücktem Speer unter die Wassero-
die See stürzte. Der Wind blies heftig und in Böen, er berfläche.
änderte das Geräusch des Regens auf dem Zelt; jetzt Die schwankenden Farnkräuter schienen ihn auf-
war es grell und raspelnd, dann wieder weich und ge- zufordern, noch weiter vorzudringen. Glatte schwar-
dämpft. Das Brüllen der Wellen war jetzt auch lauter, ze Felsblöcke ragten vom Grunde seines Weges auf.
dröhnender. Ein großer gallertartiger Fisch hing vor ihm, lange
Max lag geborgen und warm im Zelt, während drau- rosige Flossen baumelten aus der weißen Halbkugel.
ßen der Sturm tobte. Dies war mit das schönste, ein- Er machte einen Kreis darum. Braune Schwämme
fach so dazuliegen und zu lauschen. Max zwang sich, schmückten die Felsen.
wachzubleiben und es in sich aufzunehmen. Seinen
Eine Bewegung links von ihm zog seine Aufmerk-
Rücken entlang breitete sich eine Gänsehaut aus und
samkeit auf sich, langsam bewegte er sich darauf zu.
erstreckte sich allmählich über seinen ganzen Körper;
Ein rundes Dutzend Trilobiten wühlte am Rande des
er zitterte und zog den Schlafsack dichter um sich, er
kleinen Farnfeldes im Sand, aber sie waren alle sehr
fühlte sich wohl. Er bemühte sich noch immer ange-
klein. Max schwamm vorsichtig zu einem vorstehen-
strengt, wachzubleiben, als er schon einschlummerte.
den Felsen, der ein paar Meter von der Gruppe entfernt
Zehn Stunden waren vergangen, als er aufwachte; er
war, und lehnte sich dagegen. Wo sich die Kleinen ver-
war hellwach und frisch.
sammelten, folgten die Großen oft nach; Max wartete
Er zog den Regenanzug an und blickte zum Him- geduldig.
mel. An seinem schimmernden Grau hatte sich nichts
geändert. Die Sonne des Planeten war nie zu sehen, Noch bevor er das Tier selbst sah, hatte er die Be-
nicht einmal als heller Fleck hinter den Wolken. wegung im Farn wahrgenommen. Es kam heraus und
hielt inne. Max’ Herz machte einen Freudensprung.
Max atmete die salzige Luft ein und streckte sich.
Es war sehr groß. Es mußte gut einen Meter lang sein,
Er war schon wieder hungrig, nicht so heißhungrig
größer als er je eins gesehen hatte. Er spannte die rech-
wie vorhin, sondern es war der Hunger, den die fri-
ten Armmuskeln an und verlegte sein Körpergewicht
sche Luft verursachte. Max kannte dieses Gefühl; von
auf den rechten Fuß, als der Trilobit am Grunde zu
nun an würde er es immer verspüren, zwei Stunden
grasen begann. Nach einer letzten Abschätzung der
nach jeder Mahlzeit würde es sich melden. Es war ein
Entfernung stieß Max zu.
Zeichen dafür, daß er sich an das Leben im Freien ge-
wöhnte, und er war froh darüber. Der Trilobit nahm die erste Bewegung seines Arms
Er rührte eine Portion Apfelmus und einen dün- wahr und stürzte auf das Farnkraut zu. Eine der
nen Pfannkuchenteig an. Er briet vier Pfannkuchen Zacken glitt an dem dicken Panzer ab und grub sich
und benutzte die letzten Stückchen dazu, den Topf mit tief in den Sand ein. Max warf sich nach vorne, hielt
dem Apfelmus auszuwischen. Da weder die Bratpfan- dann aber inne und verfluchte sich wegen seiner Tol-
ne noch der Topf, in dem das Mus gewesen war, gesäu- patschigkeit. Er war nicht mehr richtig in Übung, des-
bert zu werden brauchten, räumte er sie beide gleich halb hatte er nicht getroffen, das war die Ursache.
weg. Wieder begann er sich näher an das Farnkraut her-
Die Begierde in ihm wuchs. Er war jetzt fertig zum anzupirschen. Dicht bei einem schwankenden Algen-
Fischfang. Er untersuchte das dreizackige Ende der gewächs sah er die Umrisse eines mittleren Trilobi-
Harpune, bog die drei spitzen Enden zurecht und prüf- ten. Als er näher herankam, stellte er fest, daß es ein
te die Luftflasche im Anzug. Dann hängte er sich einen P. metro-bus war, der stachlige Tribolit. Max näher-
Tragsack um und warf einen letzten Blick über den La- te sich ihm vorsichtig. Es gab in den Gewässern kein
gerplatz. Der Ofen brannte noch, und er stellte ihn bei- großen Tiere — keine Raubfische, trotzdem würde der
seite. Er blickte zurück über die saubere und einsame Trilobit bei jeder ungewöhnlichen Bewegung davon-
Felseninsel, alles war in Ordnung. Nichts konnte all flitzen. Er hatte nichts zu fürchten, außer ein paar we-
dies verderben. Dann ging er durch den Felseinschnitt nigen Fischern von der Erde, trotzdem benahm er sich,
und den gewundenen Pfad hinunter zur See. als lauere hinter jedem Felsen der Tod. Max hatte sich
Max stieg direkt ins Wasser. Als es ihm bis zur Hüf- darüber eine Theorie zurechtgelegt. Ein eigensinniges
te reichte, rückte er den Helm zurecht. Als es den Gen verursachte dieses Verhalten, und dieses Gen soll-
Helm schon über die Hälfte umspülte, blieb er ste- te den Trilobiten über die kommenden 400 Millionen
hen. Er stand an der Grenze zwischen zwei Welten und Jahre beschützen, wenn die Gefahr für die Gattung
blickte von einer zur anderen. Durch die obere Welt ernste Wirklichkeit werden würde.
tobte der Sturm, sie war leer, aber bereit, von dem Le- Max bereitete diesen Stoß sorgfältiger vor als beim
ben von unten überschüttet zu werden. Die untere Welt vorigen Mal. Der Speer zischte vor und bohrte sich
wimmelte von kleinen Kreaturen, die einem ständig zwischen zwei bestimmte Punkte des Panzers. Max
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warf sich darüber und hob ihn am Speer hoch, die chen, um sich zu vergewissern, ob er etwa nur von ei-
zwanzig Paar Beine schlugen wild umher. Er packte ner Welle hierhergespült worden war. Das Ding war
ihn in seinen Sack. In der ungewohnten Umgebung ge- einen Zentimeter groß, und als er es auseinanderzog,
fror das Tier zu völliger Unbeweglichkeit. Max klopfte um es besser betrachten zu können, stellte er fest, daß
beruhigend auf den Sack, aber es bewegte sich nicht. es fest im Sand steckte. Winzige Ranken schlangen
Dann setzte er die Jagd fort. sich nach allen Seiten durch den Sand, über und unter
In der nächsten Stunde fing er noch zwei. Er ent- der Oberfläche.
schloß sich, es für heute genug sein zu lassen, und ar- Max warf einen Blick auf den Rand des Wassers in
beitete sich wieder zurück an den Rand des Wassers. der Nähe. Dieses Fleckchen Alge war schon fünfzehn
Max konnte nicht genau feststellen, wann sein Tage außerhalb des Wassers, und es lebte und wuchs.
Helm an die Oberfläche des Wassers gelangte. Es reg- Es lebte! Max’ Augen weiteten sich. Hier an dieser
nete, und die Grenze zwischen Luft und Wasser war Stelle war es nun passiert. Genauso gut hätte es erst
schwer zu erkennen. In eineinhalb Meter tiefem Was- in einer Million Jahre von jetzt an zu geschehen brau-
ser ließ er sich auf dem Boden nieder, zog sein Messer chen, aber nein, es war jetzt geschehen.
hervor und holte einen der Trilobiten aus dem Sack.
So war es auch auf der Erde passiert, während
Ihn mit einer Hand und einem Fuß festhaltend, schnitt
des Kambriums, vor 400 Millionen Jahren. Eine erste
er die Kiemen ab, drehte den Körper um und zerteil-
Pflanze, die aus dem Wasser auf das Land überwech-
te den Brustkasten der Länge nach an der Unterseite.
selte und dort lebte. Der erste gebrechliche Schritt auf
Er öffnete die Schale, indem er die Messerschneide
dem Wege zum Menschen. Weiter nichts, ein Stück-
in dem Schnitt hin und her drehte; dann hob er das
chen Grün wuchs in einem Häufchen Sand auf einer
dicke, spitz zulaufende weiße Stück Fleisch heraus.
Felsinsel. Ein Eindringling in dieser sauberen und ein-
Er legte es auf einen Felsen und öffnete schnell und
samen Felslandschaft. Max starrte auf den Fleck vor
geschickt die beiden anderen Tiere. Er wickelte das
ihm, und Tränen wütender Enttäuschung traten ihm in
Fleisch im Sack ein und stand auf. Da es immer noch
die Augen.
regnete, setzte er sich wieder hin und streckte sich, den
Helm auf einen kleinen Felsbrocken gestützt, lang aus. Er sprang auf und zermalmte den kleinen Fleck mit
Er starrte zur Oberfläche empor und entschloß sich, dem Absatz, wieder und wieder stampfte er fest dar-
das Fleisch im ganzen zu braten. Er hatte eine lecke- auf, zerriß die winzigen Zellen in Fetzen, rieb sie ge-
re Bratensoße, die er dazutun konnte. Schon allein der gen den Felsen und den Sand, bis die Stelle völlig auf-
Gedanke daran ließ ihm das Wasser im Mund zusam- gewühlt und zerstört war. Er bückte sich und scharrte
menlaufen. den feuchten Staub zu einem kleinen Haufen zusam-
Max lag da und blickte zu der schaukelnden Ober- men; er hob ihn auf, lief zum Wasser und warf ihn mit
fläche auf. Er begann müde zu werden, aber gerade einem heftigen Schwung in die Wellen. Der Wind er-
als er einnicken wollte, bemerkte er, daß sich die Sicht hob sich zu einer wilden Böe und fegte die Erdklum-
über ihm geklärt hatte. Der Regen hatte aufgehört. pen zurück in sein Gesicht. Er taumelte zurück, von
Er erhob sich. Der Wind hatte die Richtung geän- der Wildheit des Sturmes mitgerissen, stolperte und
dert und traf ihn hart. Er watete zum Ufer, gegen die fiel hin, so daß er von der Wucht des Aufpralls fast
Sturmböen ankämpfend. Er klappte den Helm zurück keine Luft mehr bekam. Hilflos blieb er halb besin-
und machte einen Schritt auf den gewundenen Pfad zu. nungslos liegen. Endlich konnte er wieder atmen.
Der Sack glitt aus seinen Fingern. Ärgerlich die Stirn Unsicher raffte er sich hoch und blickte über die
runzelnd, bückte er sich, um ihn aufzuheben. Seine See. Eine lange Zeit blieb er so stehen und schaute.
Augen erspähten einen winzigen Flecken grün; Max Dann nickte er und sagte: “Schon gut. Schon gut.” Er
erstarrte. drehte sich um, klaubte seine Geräte zusammen und
Er ließ den Sack wieder fallen und ließ sich auf die kletterte den gewundenen Pfad hinauf, um sein Essen
Knie nieder, um den kleinen Fleck näher zu untersu- zuzubereiten.
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Unser Autorenporträt:

Jürgen vom Scheidt

erzählt in eigener Sache

Das Licht dieser Welt, in der ich mich äußerst wohl fühle, erblickte ich vor 23 Jahren in Leipzig.
Zur Zeit studiere ich Psychologie und Soziologie. Auf beiden Gebieten beschäftigen mich stark
kybernetische Probleme, also Analogien zwischen menschlichem Gehirn und Rechenmaschine
oder zwischen gesellschaftlichen Gruppen und elektronischen Arbeitseinheiten. Wenn ich nicht
Weltraumpsychologe werden kann — man weiß ja nie, was dazwischenkommt — dann möchte
ich mich vielleicht mit Fragen einer „Robotpsychologie“ näher beschäftigen.
Neben SF pflege ich noch ein zweites großes Hobby: Jazz. Beide, Jazz und SF, sind in meinen
Augen die interessantesten kulturellen Schöpfungen, welche dieses Jahrhundert hervorgebracht
hat. Deshalb faszinieren sie mich: Jazz als Ausdrucksmittel für Gefühle, Science Fiction als Aus-
drucksmittel für den Intellekt. Wenn man es überhaupt so grob voneinander trennen darf.
Seit vier Jahren arbeite ich an der Fan-Zeitschrift MUNICH ROUND UP mit, für die ich Stories
und Kritiken über SF-Bücher schreibe.
Wie ich zu Science Fiction kam? Im zarten Alter von etwa acht Jahren las ich Anton Kohlnbergers
AUF UNBEKANNTEM STERN. Mit amerikanischer SF kam ich durch Clark Darlton in Berüh-
rung. Dann schrieb ich meinen ersten Roman, MÄNNER GEGEN RAUM UND ZEIT (TERRA-
Band 56). Dann meinen zweiten, STERNVOGEL (TERRA-Band 298). Und meinen dritten? Den
schreibe ich, sobald mir das Studium ein wenig Zeit läßt. Themen gibt es mehr, als man während
eines ganzen Lebens ausschöpfen kann.