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D IESES E -B OOK IST NICHT ZUM V ERKAUF BESTIMMT !

Welten des Grauens

(Originaltitel: DESTINY TIMES THREE)

TERRA - Utopische Romane


Band 400

von FRITZ LEIBER

Diese e-Book besteht zu 100% aus chlorfrei gebleichten, recyclebaren, glücklichen Elektronen.
Welten des Grauens 4

Wir diskutieren ...

Die Seite für unsere TERRA Leser

Liebe TERRA-Freunde!

Sie werden sicher Verständnis dafür haben, wenn wir anläßlich des TERRA-Jubiläums eine Art
Bilanz ziehen, verbunden mit einer Vor- und Rückschau. Schließlich gehört es nicht zu den all-
täglichen Dingen, daß eine Romanreihe, ohne ihre äußere Aufmachung im Laufe der Jahre zu
verändern, die Anzahl von vierhundert Publikationen erreicht, wie es ja heute bei TERRA der Fall
ist.
Jede Reihe jedoch — und das ist eine alte Erfahrungstatsache im Verlagswesen — kann nur dann
erfolgreich weiterleben, wenn sie von der Leserschaft unterstützt wird. Diese Unterstützung ist
gewährleistet. Täglich treffen begeisterte oder auch kritische Leserzuschriften bei der Redaktion
ein und beweisen, daß der lebendige Kontakt zwischen Redaktion und Leserschaft besteht wie eh
und je. Leser teilen uns mit, welche Autoren mit ihren Romanen durchschlagende Erfolge erzielen
und welche Autoren weniger gut ankommen.
Auf die gesamte Moewig-SF bezogen, sieht die stolze Liste der Erfolgsautoren — in alphabetischer
Reihenfolge — folgendermaßen aus:
Deutsche SF-Autoren:
Clark Darlton; H. G. Ewers; Hans Kneifel; Kurt Mahr; Jesco von Puttkamer; K. H. Scheer und
William Voltz.
Britische SF-Autoren:
John Brunner; H. K. Bulmer; A. Bertram Chandler; Edmund Cooper; J. T. McIntosh; Eric Frank
Rüssel; E. C. Tubb; James White und Lan Wright.
Amerkanische SF-Autoren:
Poul Andersen; Isaac Asimov; James Blish; Fredric Brown; John W. Campbell; Hal Clement;
Philip K. Dick; Edmond Hamilton; Raymond F. Jones; C. M. Kornbluth; Henry Kuttner; Murray
Leinster; Andre Norton; Alan E. Nourse; Frederik Pohl; Robert Silverberg; Clifford D. Simak; E.
E. Smith; George O. Smith; Wilson Tucker; A. E. van Vogt; Robert Moore Williams und Jack
Williamson.
Daß Sie, liebe Freunde, auch weiterhin mit Romanen aus der Feder dieser Ihrer Lieblingsautoren
rechnen können — sei es bei TERRA oder in den anderen SF-Reihen des MOEWIG-Verlages —
dafür bürgt

Die SF-Redaktion des


Moewig-Verlages
Günter M. Schelwokat
5 TERRA
Welten des Grauens 6

1. Verwirrt schaute er sich um. Die hohe Gestalt des


alten Mannes mit dem majestätischen Gesicht ver-
Der kalte, grünlich-blaue, an ein Nordlicht erin- schwand in einer Gruppe von Zuschauern. Thorns
nernde Schein verebbte langsam, während die letz- Hand war noch immer um den Gegenstand geklam-
ten Akkorde von Hodersons Vierter Symchromie mert, den er sich soeben angeeignet hatte. Es war kein
„Yggdrasil“ verklangen. Wieder einmal hatte sich das Diamant, kein Metall, kein Stein und auch kein Ei
Geschehen auf der gewaltigen Bühne um das Erwa- - und dennoch schien es ein wenig von alledem zu
chen der irdischen Zivilisation gedreht — um den Le- sein. Noch hätte sich ihm die Gelegenheit geboten,
bensbaum, dessen Wurzeln in den Himmel wie auch dem Mann nachzulaufen und ihm den Gegenstand mit
in die Hölle reichten, um die Schlangen, die an diesen einer kurzen, höflichen Erklärung zurückzugeben —
Wurzeln nagten, und um die Götter, die das Leben des aber das tat Thorn nicht.
Baumes um jeden Preis erhalten wollten. Hodersons Unvermittelt drang aus dem Gewirr der aufbrechen-
Schöpfung von den kosmischen Ursprüngen hatte die den Zuschauer eine vertraute Stimme an sein Ohr.
Zuschauer in Bann geschlagen. „Na, das war wirklich eine tolle Sache“, sagte Claw-
Thorn beugte sich ein wenig nach vorn; seine Hand ly in sardonischem Tonfall. „Vielleicht hängt es ir-
glitt unter dem weiten Mantel hervor und umklammer- gendwie mit unserem heutigen Vorhaben zusammen.“
te ein Grasbüschel. Das Handgelenk zitterte. Er litt un- „Wer war das eigentlich, mit dem du eben gespro-
ter der Wucht der Erkenntnis, daß diese Legende von chen hast?“ fragte Thorn ohne Umschweife.
Yggdrasil genau zu der Hypothese paßte, die er und Clawly zögerte einen Augenblick. „Oh, ein Psycho-
Clawly dem Weltkomitee vorlegen wollten. loge, den ich mal vor einigen Monaten aufsuchte, als
ich an Schlaflosigkeit litt. Du erinnerst dich doch noch
Ja, die Sache mit den Wurzeln stimmte, und wenn
daran, nicht wahr?“
die Hypothese der Wahrheit entsprach, dann waren es
Thorn nickte kurz und blieb unentschlossen stehen.
nicht nur gewöhnliche Schlangen, die an diesen Wur-
Clawly stieß ihm leicht den Ellbogen in die Rippen.
zeln nagten.
„Komm, es ist schon spät, und wir haben heute
Außerdem gab es hier auch keine Götter, die für abend noch allerlei vor.“ Sie strebten dem Ausgang
das Gute kämpften, sondern nur zwei schwache Men- zu. Clawly war ein kleiner, drahtiger Mann, und seiner
schen. ganzen Erscheinung nach könnte er zu einer Gruppe
Thorn warf einen Blick auf die Zuschauer; sie wirk- der Borgias oder Medicis aus dem dunklen Mittelalter
ten wie starre Masken, und er schauderte ein wenig. stammen. Er wirkte wie ein kleiner, rothaariger Satan,
Eine dunkle, gebeugte Gestalt schob sich zwischen der sich einem guten Zweck verschrieben hatte.
ihn und Clawly, und im letzten Zucken der Bühnen- Thorn war wesentlich größer und kräftiger; auch er
lichter, die den Untergang des Universums symboli- hätte eine Gestalt des dunklen Mittelalters verkörpern
sierten, erhaschte er einen kurzen Blick auf ein altes, können — allerdings kam in seinem Fall nur die Rolle
majestätisches Gesicht, dessen Stirn von einer hohen, eines Savonarola oder eines Da Vinci in Frage.
dunklen Haube überschattet war. Bei diesem Anblick In jener Zeitepoche hätten die beiden Männer erbit-
wurde er unwillkürlich an einen seiner Bekannten er- terte Feinde sein können; heutzutage war ihre loyale
innert, der einmal scherzhaft gemeint hatte, es wäre ei- Freundschaft unverkennbar.
nigen dunklen Gestalten des Mittelalters gelungen, ihr Irgendwie war es zu spüren, daß ihr gegenseitiges
Leben irgendwie zu verlängern, so daß sie auch jetzt Verhältnis nicht nur auf einer bloßen Freundschaft ba-
noch zugegen seien. sierte: sie schienen ein Geheimnis zu teilen, das all ih-
Der Fremde und Clawly flüsterten miteinander. re Kräfte in Anspruch nahm und andererseits wie eine
gewaltige Last auf ihren Schultern ruhte.
Thorns innere Erregung wuchs. Er schien den
Sie wirkten beide ein wenig müde. Dunkle Schatten
Druck der Sterne aus unendlichen Fernen zu spüren
lagen unter Thorns Augen, und das nervöse Zucken
— und ihm war, als hätte er jegliches Zeitgefühl ver-
um Clawlys Mundwinkel war unverkennbar.
loren.
Die meisten Zuschauer hatten bereits ihre klei-
Seine Hand schien einem eigenen Impuls zu folgen: nen, subtronisch angetriebenen Flugkörper erreicht
sie tastete sich weiter vor, berührte weichen Stoff und und schwirrten in den dunklen Nachthimmel hinauf.
umspannte dann einen kleinen Gegenstand von der Diese Antriebskraft stellte ein Phänomen dar: es war
Größe eines Hühnereies. Mit einer verstohlenen Be- eine Kraft, deren Wucht die gesamte Erde vernichten
wegung nahm er diesen Gegenstand an sich und schob könnte, aber hier war sie zum Nutzen des Menschen
ihn in die Tasche. gezähmt worden.
Nur ganz allmählich ebbte der frenetische Beifall Die beiden Freunde bestiegen ihren Flugkörper, und
der Zuschauer ab, und Thorn starrte wie verloren vor Thorn schaute sich nach allen Seiten um. Er genoß
sich hin. Nur unbewußt wurde er sich darüber klar, daß die ganze Schönheit dieses nächtlichen Bildes, denn
er soeben einen anscheinend vollkommen unmotivier- er wußte nur zu gut, von welchen verborgenen Ge-
ten Diebstahl begangen hatte. fahren das Land bedroht wurde. Sein Blick glitt über
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die hoch aufragenden, hell erleuchteten Wolkenkrat- „Das war der Durchschnitt der Alpträume in der
zer, von denen jeder einzelne eine ganze Stadt beher- Bevölkerung vor hundert Jahren — und die einzel-
bergte. Im Hintergrund schimmerte das Opale Kreuz, nen Berechnungen stimmen haargenau. Jedes einzelne
und die kleinen Flugkörper wirkten wie Glühwürm- Licht stellt einen beklemmenden Alptraum dar, und
chen in der Nacht. jeder einzelne dieser Menschen fuhr schweißgebadet
„Nun?“ fragte Clawly kurz, nachdem die Haube ih- aus dem Schlaf auf.“
res Flugkörpers sich geschlossen hatte. Er berührte einen anderen Schalter. Die einzelnen
Lichter formten sich zu anderen Gruppen — aber die
Sie stiegen auf, und dabei war ihnen zumute, als ge-
Zahl veränderte sich kaum.
hörten sie zu der ersten interplanetarischen Expedition
die vor wenigen Tagen den Weg zum Mars eingeschla- „Das war jetzt vor fünfzig Jahren“, sagte Claw-
gen hatte. Ihr Ziel war das Opale Kreuz. ly. „Und nun vor vierzig.“ Wieder änderten sich die
Gruppen. „Nun vor dreißig Jahren.“ Diesmal schien
die Zahl der grünen Lichter ein wenig anzusteigen.
2. Clawly legte eine Pause ein. „Ich möchte Sie daran
erinnern, meine Herren“, fuhr er schließlich fort, „daß
Clawly stand langsam auf, um seine Ansprache vor Thorn Ihnen ja bereits alle diesbezüglichen Fragen be-
dem Weltkomitee zu beginnen. Es war charakteristisch antwortet hat, so daß an den einzelnen Tatsachen keine
für ihn, daß in diesem Augenblick ein leises, diabo- Zweifel mehr bestehen können.“
lisches Lächeln um seine Mundwinkel zuckte. Dann Wieder legte er die Hand auf den Schaltkasten.
war er sogleich wieder vollkommen ernst. „Fünfundzwanzig.“
„Nun, meine Herren, Sie haben die Aussagen der Die Lichtergruppen wurden merklich stärker.
Experten gehört. Sie wissen auch, aus welchem Grund „Zwanzig.“
diese Aussagen völlig unabhängig voneinander ge- „Fünfzehn.“
macht wurden. Somit kennen Sie nunmehr all die Ge-
„Zehn.“
fahren, von denen nach Thorns und meiner Ansicht
„Fünf.“
unsere Welt bedroht ist. Sie kennen auch unseren An-
trag zur beschleunigten Fortführung unserer wissen- Jedesmal breiteten sich die Gruppen weiter aus, und
schaftlichchen Untersuchungen. Somit hängt jetzt al- zum Schluß schienen sie fast alle Kontinente in gleich-
les von Ihrem Urteilsspruch ab. Immerhin möge es mir mäßiger Stärke zu bedecken. Selbst in den Weltmee-
gestattet sein, Ihnen noch ein paar wesentliche Punkte ren waren vereinzelte Lichter zu sehen.
vor Augen zu führen.“ „Und nun, meine Herren, die Gegenwart.“
Tiefe Stille herrschte im obersten Raum des Opalen Die aufflammenden Lichter schienen den Anwesen-
Kreuzes. Es war ein riesiger Saal, und die gewölbte den förmlich ins Gesicht zu springen.
Glaskuppel reichte von der Weltkarte der Südwand bis „So also sehen unsere Nächte aus“, sagte Clawly
zur galaktischen Karte der Nordwand. ruhig. Er ließ eine Weile verstreichen, um die Wir-
kung der grünen Lichter zu erhöhen. Dann fuhr er
Clawlys Blick glitt langsam über die Männer, die
fort: „Das alles dürfte Ihnen natürlich nicht neu sein,
sich um den langen Tisch versammelt hatten. In den
denn schließlich hat jeder von uns einmal einen bösen
Gesichtern von Conjerly und Tempelmar stand offe-
Traum. Was meine eigenen Erfahrungen in dieser Be-
ne Ablehnung. Firemoores Gesichtsausdruck verriet
ziehung betrifft, so kann ich Thorns Bericht nur voll
dagegen eine tiefe Gläubigkeit — aber das war ja
und ganz bestätigen.“
nicht anders von ihm zu erwarten, denn einerseits war
Er schaltete das Kartenbild aus.
er der Chef, was alle Belange der Raumfahrt betraf,
und andererseits gehörte er zu Clawlys glühendsten „Nunmehr möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf die
Bewunderern. Vorsitzender Shielding, dessen Stimme weiteren Beweispunkte lenken, auf die ständig zuneh-
am meisten zählte, schaute ein wenig skeptisch drein, mende Schlaflosigkeit der Menschen, und damit kom-
aber das war nicht weiter verwunderlich, denn er ge- me ich zu Thorns zweiter Erkenntnis, die so verblüf-
hörte von Natur aus zu der Gruppe der Skeptiker. fend einfach ist, daß man sich nur wundern kann, wie
so etwas bislang unbemerkt bleiben konnte. Sein Ver-
Die anderen Anwesenden hörten mit gespannter gleich der einzelnen Alpträume zeigt einwandfrei auf,
Aufmerksamkeit zu. Nachdem Thorn seinen Vortrag daß sie sich ausnahmslos in den gleichen landschaftli-
beendet hatte, schien er wie abwesend seinen eigenen chen Hintergründen abspielen.“
Gedanken nachzuhängen.
Er schaute sich um.
Clawly spürte instinktiv, daß die endgültige Ent- „Diese Obereinstimmung ist, offengestanden, ge-
scheidung hier noch nicht gefallen war und daß jetzt radezu verblüffend. Ich glaube, Thorn ist in seinem
alles von seinen weiteren Ausführungen abhing. knappen Bericht nicht ausführlich genug auf diesen
Seine Hand berührte einen kleinen Schaltkasten. Punkt eingegangen. Sie sollten sich nur mal das ge-
Sogleich flammten an der Weltkarte Tausende von waltige Material in seinen Büroräumen ansehen. Be-
kleinen, grünen Lichtern auf. denken Sie: da gibt es eine Unzahl von Menschen, die
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räumlich weit voneinander entfernt leben und dennoch normaler Mensch erkennt plötzlich seine Familienan-
zur gleichen Zeit träumen. O nein, sie haben nicht den gehörigen und seine engsten Freunde nicht mehr — ja,
gleichen Traum, denn so etwas könnte man vielleicht er behauptet, ganz im Gegensatz zu allen vorliegenden
als eine Art von Telepathie oder Massensuggestion er- Beweisen, ein vollkommen fremdes Wesen Betreffen-
klären — de, den Platz eines unbekannten Zwillingswesens aus-
aber der landschaftliche Hintergrund stimmt bei je- zufüllen. Uns sind natürlich nur jene Fälle bekannt,
dem einzelnen Träumer überein. Es ist, als würde je- in denen sich die Betroffenen an einen Psychiater ge-
der einzelne dieser Träumer unsere gegenwärtige Welt wandt haben. Mitunter setzt bei der Behandlung durch
durch ein anderes Fenster betrachten!“ den Psychiater eine wesentliche Besserung ein — aber
Betroffenes Schweigen folgte seinen Worten. Die in vielen Fällen bestehen die Menschen auf einer Tren-
steile Falte auf Conjerlys Stirn vertiefte sich, und er nung von ihrem gewohnten Lebenskreis, und wenn es
schien zu einer Erwiderung anzusetzen — aber Tem- sich dabei um Mann und Frau handelt, dann führt es
pelmar kam ihm zuvor. gewöhnlich zu einer Scheidung. Nunmehr wende ich
mich der Amnesie zu und bediene den entsprechenden
„Ich glaube nicht, daß man eine Form der Tele-
Schalter.“
pathie als Erklärung ausschließen kann“, sagte der
Die gelben Lichter verschwanden von der Karte und
schlanke Mann mit der hohen Stirn und den rotgerän-
wurden durch violette ersetzt. Diese neuen Punkte wa-
derten Augen. „Im Grunde genommen handelt es sich
ren vereinzelt über das gesamte Kartenbild verteilt.
nur um eine Hypothese, von der wir nicht viel wissen.
Möglicherweise bestehen zwischen diesen in Thorns „Es beginnt zumeist mit vorübergehend auftreten-
Bericht angeführten Menschen irgendwelche Zusam- den Bewußtseinslücken. Der Betreffende zieht sich
menhänge, die uns verborgen sind. Vielleicht haben auf ein paar Tage in seine vier Wände zurück und
sie sich ihre Alpträume gegenseitig mitgeteilt und auf studiert sorgfältig alle ihm zur Verfügung stehenden
diese Weise eine Art Massensuggestion geschaffen.“ Papiere und Dokumente der eigenen Person. Oftmals
kann er die entstandenen Lücken auf diese Weise über-
„Das glaube ich nicht“, erwiderte Clawly langsam.
brücken. Diese Fälle werden uns erst bekannt, wenn
„Thorns Vorsichtsmaßnahmen waren stets vorbildlich.
der Betreffende plötzlich seine eigene Familie oder
Außerdem halte ich es für äußerst unwahrscheinlich,
seine engsten Freunde nicht mehr erkennt und dann
daß diese Menschen sich gegenseitig ihre Alpträume
gegen seinen Willen in die Obhut eines Psychiaters
mitgeteilt haben könnten.“
gegeben wird. Naturgemäß vermag er nicht den ge-
„Außerdem“, fuhr Tempelmar fort, „haben wir ringsten Hinweis auf die Ursache zu geben, die zu der
nicht die geringste Ahnung, was hinter diesem Phäno- Amnesie geführt hat.“ Clawly schaute sich um. „Da-
men stecken mag. Vielleicht ist das alles eine Auswir- mit will ich zu einem Punkt kommen, meine Herren,
kung der subtronischen Kräfte, die vor etwa dreißig den die Experten auf meinen besonderen Wunsch hin
Jahren entdeckt worden sind.“ noch nicht berührt haben. Diesen Punkt habe ich mir
„Sehr richtig“, sagte Clawly. „Dabei wollen wir es selbst vorbehalten, damit er gewissermaßen das Züng-
also im Augenblick belassen: Träume mit merkwürdi- lein an der Waage bildet. Es handelt sich um das über-
ger Übereinstimmung und unerklärlicher Ursache. In- einstimmende Verhältnis zwischen Amnesie und Be-
zwischen werde ich mich dem Kernpunkt des ganzen wußtseinslücken.“
Komplexes zuwenden: der auftretenden Amnesie und Er legte eine kurze Pause ein, um die Wirkung sei-
der Lücken im Bewußtsein.“ ner Ausführungen zu erhöhen. „Diesmal werde ich
Wieder schien Conjerly zu einer Erwiderung anzu- beide Projektoren gleichzeitig einschalten. Dabei wer-
setzen — und wieder brachte Tempelmar ihn mit einer den sich ganz klar jene Fälle herausschälen, in denen
kurzen Handbewegung zum Schweigen. sowohl Amnesie als auch Bewußtseinslücken beste-
Clawly bediente einen Schalter. An der Weltkarte hen — und Sie wissen ja selbst, was geschieht, wenn
flammten einige Hundert gelbe Lichter auf; sie wa- gelbes Licht mit violettem gemischt wird.“
ren über die gesamte Karte verteilt und traten meist in Seine Finger glitten über die Tastatur. Mit Ausnah-
kleinen Gruppen von zwei oder drei Punkten auf. „In me von einigen wenigen gelblichen Punkten waren die
diesem Fall können wir die Zeit nicht um fünfzig Jahre Lichter jetzt von klarer, weißer Farbe.
zurückdrehen, denn das alles hat sich ja erst in der un- „Soviel zu den Farben, meine Herren“, sagte Claw-
mittelbaren Vergangenheit abgespielt, und die Eintra- ly ruhig. Die Spannung im Saal stieg weiter, und er
gungen der Psychiater sind noch frisch. Alle Experten beugte sich ein wenig vor. „Dieses Phänomen bedeu-
sind sich einig darüber, daß es sich dabei um eine ganz tet meiner Ansicht nach eine Bedrohung für die Si-
neue Art von Bewußtseinsstörungen handelt. Erst vor cherheit unserer Welt. Es sollte sofort und gründlich
zwei Jahren sind die ersten dieser Fälle überhaupt be- untersucht werden.“ Conjerly stand langsam auf. „Wir
kanntgeworden.“ haben eine lange Entwicklungszeit hinter uns“, sagte
Clawly richtete den Blick auf die Karte. „Jeder er gereizt. „Man sollte eigentlich annehmen, daß wir
einzelne dieser gelben Punkte stellt einen Fall von uns jetzt nie mehr mit dem ärgsten Feind der Zivilisa-
Bewußtseinslücken dar. Ein anderweitig vollkommen tion, nämlich mit dem Aberglauben zu
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beschäftigen brauchten. Dennoch muß ich zu die- Aufgabe, die Welt vor Gefahren zu bewahren, auch
ser bedauerlichen Feststellung kommen, wenn ich die wenn diese unwahrscheinlicher Natur sein mögen.
Ausführungen dieses Herrn höre, denen wir bislang Der Theorie unseres Besuchers zufolge schicken sich
so geduldig gefolgt sind. Er will Fälle von Amnesie fremdartige Wesen an, Besitz von der Erde zu nehmen.
und Bewußtseinslücken mit irgendeiner diabolischen Immerhin scheinen einige Beweise vorzuliegen, und
Theorie erklären!“ Er schaute Clawly an. „Oder habe wir müssen abwarten, ob sich darüber andere Theori-
ich Sie etwa falsch verstanden?“ en bilden lassen.“
Clawly schüttelte nachdrücklich den Kopf. „Andere Theorien sind bereits vorgetragen und als
„Nein. Es ist meine feste Überzeugung, daß das abwegig abgelehnt worden“, sagte Clawly scharf.
Bewußtsein unserer Bürger dem Einfluß fremdartiger „Gewiß.“ Tempelmar lächelte ein wenig. „Das ist
Mächte unterliegt, die auf diese Weise auf der Erde fe- ein Prozeß der Wissenschaft, der niemals endet, nicht
sten Fuß fassen wollen. Was nun die Frage betrifft, um wahr?“
welche Art von Mächten es sich dabei handelt oder Er setzte sich, und Conjerly folgte seinem Beispiel.
woher sie kommen mögen, so weiß ich darauf keine
Clawly spürte die unverhohlene Ablehnung dieser
Antwort. Immerhin geht aus Thorns eingehenden Er-
beiden Männer — sie kamen ihm jetzt wie Fremde vor.
mittlungen hervor, daß diese fremdartigen Wesen ei-
ner Welt entstammen müssen, die der unseren sehr Stand er hier denn ganz allein? Er betrachtete die
ähnlich ist. Aus dem geheimnisvollen Vorgehen dieser skeptischen Gesichter der Anwesenden. Und Thorn,
fremden Wesen ist zu schließen, daß sie uns feindlich mit dessen Hilfe und Unterstützung er so fest gerech-
gesinnt sind. In unserem Zeitalter der subtronischen net hatte, schien in einen seltsamen Traum versunken
Technik brauche ich wohl nicht besonders zu betonen, zu sein.
daß selbst eine winzige Gruppe derartiger Wesen eine Zweifelte er denn nicht selbst ein wenig an all die-
Gefahr für die Existenz der Erde darstellt.“ sen Dingen, die er soeben vorgetragen hatte?
Conjerly ballte die Fäuste. Unvermittelt stand Thorn auf und ging schweigend
„Unsere Grundlage ist der Materialismus, meine aus dem Saal. Sein Gang erinnerte an einen Schlaf-
Herren, die feste Überzeugung, daß sich für jedes wandler. Einige der Männer schauten ihm neugierig
Phänomen eine Erklärung finden läßt. Diese Grundla- nach. Conjerly nickte vor sich hin. Tempelmar lächel-
ge hat unsere technische Entwicklung ermöglicht. Ich te.
bin gewiß nicht rückständig und lehne neue Theori- Clawly riß sich zusammen.
en nicht ab. Wenn diese Theorien aber auf dem älte- „Nun, meine Herren?“
sten Aberglauben der Menschheit basieren, wenn die-
ser Herr uns mit seinen Geschichten über fremdartige 3.
Wesen, die die Menschheit bedrohen, Furcht einjagen
will, wenn er uns zu einer weitangelegten Hexenjagd Wie im Traum glitt Thorn in den hohen Schacht des
verleiten will, wenn er hier einen Kollegen mitbringt“, Opalen Kreuzes und schwebte zum Erdgeschoß hin-
Conjerly streifte Thorn mit einem finsteren Blick, „der unter, um das riesige Gebäude zu verlassen.
sich mit den Untersuchungen von Träumen beschäf-
tigt, dann muß ich schon sagen, daß es um unseren Der Ausgang war wie eine Stadtgrenze dieser gi-
Materialismus schlecht bestellt ist und daß wir die Zu- gantischen Metropole, die in einem einzigen Gebäude
kunft der Erde ebensogut in die Hände von irgendwel- untergebracht war. Ein weiter, dunkler Wald erstreck-
chen Gauklern und Wahrsagern legen könnten.“ te sich vor Thorns Augen. Neben den auf der Terrasse
abgestellten Flugkörpern stand ein junges Liebespaar.
Clawly zuckte ein wenig zusammen, aber er hatte
Sie fuhren jäh auseinander und starrten Thorn verdutzt
sich sofort wieder in der Gewalt.
nach. Schwankend setzte er den Weg fort, und jetzt
Beißende Ironie trat in Conjerlys Stimme. wirkte er wie ein Pilger oder Kreuzritter des Mittelal-
„Vermutlich werden Ihre Leute nunmehr mit aller- ters, der in einem religiösen Wahn verstrickt war.
lei Zauberformeln und sonstigen dunklen Mitteln Jagd Im nächsten Augenblick war er im Wald ver-
auf Werwölfe, Vampire und Dämonen machen, Sir.“ schwunden.
„Sie werden lediglich ihren gesunden Menschen- In einer seltsamen Mischung aus Traum und Wach-
verstand anwenden“, erwiderte Clawly ruhig. sein folgte er dem Waldweg. Alte Erinnerungen zogen
Conjerly atmete tief ein; sein Gesicht rötete sich, an seinem geistigen Auge vorüber. Da war seine Kind-
und er schickte sich zu einem weiteren Angriff an. In heit, all die alten Wünsche und Hoffnungen, seine Stu-
diesem Augenblick stand Tempelmar auf, und dabei dentenzeit mit Clawly, seine Arbeit. Unbewußt dachte
streifte er Conjerly wie zufällig mit dem Arm. er an die Szene im Saal des Opalen Kreuzes, die er
„Wir wollen uns nicht streiten“, sagte er liebens- soeben erlebt hatte. Irgendwie kam ihm auch der Ge-
würdig. „Immerhin stehen die Ausführungen unse- danke, daß er da einen Freund im Stich gelassen hatte
res Besuchers in gewissem Gegensatz zu unseren ma- — aber das alles schien jetzt ohne irgendwelche Be-
terialistischen Auffassungen. Es ist nun mal unsere deutung zu sein.
Welten des Grauens 10

Ja, alles hatte seine Bedeutung verloren, und jetzt Die bloße Vorstellung war schrecklich! Er schickte
kam es nur darauf an, diesem Impuls zu folgen, der sich an, das Ding wegzuwerfen — aber dann schob er
ihn mit unwiderstehlicher Kraft anlockte. es in die Tasche zurück.
Der Waldweg wurde schmal, und Thorn schob ein Es raschelte im Laub. Mitten auf dem Weg hockte
paar überhängende Zweige aus dem Weg. Alles war eine große Katze, die ihn fauchend anstarrte. Katzen
irgendwie unwirklich. waren seit Menschengedenken gezähmt worden, und
Da kam die Welt seiner Träume — die Welt, die von dennoch schlugen sie mitunter ihre eigenen Wege ein
jeher sein Leben beherrscht und ihn zu seinem Beruf und begannen zu verwildern.
bewegt hatte. Es war eine Welt, in der Gefahren lau- Der Weg teilte sich, und als Thorn der Abzweigung
erten. In dieser Welt lebte der andere Thorn, der ihn folgte, lag der dunkle Wald wie eine pechschwarze
haßte und beneidete, und er konnte nur mit einem tie- Unendlichkeit vor ihm.
fen Schuldbewußtsein an ihn denken. Die Wirklichkeit war nicht so einfach zu verstehen,
wie es den Anschein hatte. Ihre Wurzeln waren ganz
Immer wieder hatte dieser andere Thorn seinen Le-
verschieden beschaffen und reichten in vielerlei Wel-
bensweg wie ein Phantom gekreuzt, und bei Nacht war
ten.
er in all seinen Träumen erschienen. Während er selbst
eine glückliche und sorglose Kindheit verlebte, in der Thorn beschleunigte seine Schritte, und wieder
jeder Tag neue und schöne Abenteuer brachte, hatte schien ein blasses Gesicht vor ihm aufzutauchen: sein
jener andere Thorn die Furcht und die brutale Unter- eigenes Gesicht! Ja, es war das Gesicht des anderen
drückung kennengelernt. Während er das Glück einer Thorn, das er aus seinen Träumen kannte. Wie mit ma-
jungen Liebe erlebte, war der andere Thorn mit Ge- gischer Gewalt zog es ihn an — auf ferne, unbekannte
walt von der Seite seiner jungen Frau gerissen worden. Welten zu.
— Mit dem Mut der Verzweiflung setzte er den Weg
fort.
Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr waren
diese beiden Parallelwelten gegenwärtig gewesen. Er mußte diesen anderen Thorn treffen und die end-
gültige Abrechnung zwischen ihnen durchführen. Auf
Fast kannte er die Empfindungen des anderen Thorn
geheimnisvolle Weise war er selbst der andere Thorn
besser als seine eigenen, und dennoch war alles ir-
— und der andere Thorn war er selbst.
gendwie verschwommen, wie es für einen Traum cha-
Wieder peitschten ihm die Zweige ins Gesicht.
rakteristisch ist. Es war, als träumte er die Träume des
anderen Thorn — während dieser durch irgendeine Das andere Gesicht blieb ständig vor ihm.
teuflische Machenschaft seine eigenen Träume erlebte Flüchtig kam ihm der Gedanke, daß andere Men-
und ihn mehr und mehr haßte. schen vor ihm das ganz gleiche Schicksal erlebt hat-
ten. Wieder mal versuchte ein fremdartiges Wesen, auf
Dieses Schuldbewußtsein dem anderen Thorn ge-
der Erde Fuß zu fassen.
genüber war ein hervorragender Faktor in seinen Emp-
findungen. Er dachte an Clawly, den er so schmählich im Stich
gelassen hatte.
Während er nun über den schmalen Waldweg tau-
Aber jetzt war er nur noch ein willenloses Wesen,
melte, schien vor ihm sein eigenes Gesicht aufzutau-
das mit ausgestreckten Händen über einen schmalen
chen.
Waldweg taumelte.
Die Zweige peitschten ihm ins Gesicht, und er stol-
Er kam über eine kleine Anhöhe und warf einen
perte über eine Baumwurzel. Seine Hand glitt in die
Blick auf die in der Ferne stehenden hell erleuchteten
Tasche und umspannte den Gegenstand, den er Claw-
Wolkenkratzer. Es war wie ein Blick des endgültigen
lys mysteriösem Begleiter gestohlen hatte. Die Farbe
Abschieds.
war hier in der Dunkelheit nicht auszumachen, aber
Er war fast am Ende seiner Kräfte.
Thorn wußte mit absoluter Sicherheit, daß er einen
solchen Gegenstand nie zuvor gesehen hatte. Keuchend überschritt er die Schwelle zu einer ufer-
losen Dunkelheit. Er blieb stehen, und seine Arme
Unvermittelt kam ihm der Gedanke, daß es sich bei baumelten kraftlos herab.
diesem merkwürdigen Gegenstand vielleicht um ein
Irgendwoher, vielleicht aus seinem eigenen Inneren,
einziges Molekül handeln könnte. Phantastisch! Und
kam das Echo eines spöttischen Gelächters.
dennoch — sollte es nicht möglich sein, daß die Ato-
me sich zusammenballten und somit diese gigantische 4.
Form annahmen?
In einem solchen Molekül müßte es mehr Atome Clawly kauerte in seinem Flugkörper und strebte
geben als Sonnen im gesamten Universum. Übergroße den oberen Stockwerken des Blue Lorraine zu. Ein
Moleküle waren die Schlüssel des Lebens — die Hor- kalter Schauer jagte ihm über den Rücken. Eigentlich
mone, die Antriebskräfte und die Träger der Erbfak- hätte er längst daheim ausruhen sollen, um wieder ein
toren. Welche Türen würden sich wohl mit einem sol- wenig Ordnung in das Chaos seiner Gedanken zu brin-
chen überdimensionalen Molekül öffnen lassen? gen.
11 TERRA

Oder vielleicht hätte er gleich beginnen sollen, nach von Lastenträgern hing an den Außenwänden des Ge-
Thorn zu suchen. bäudes, um hier Ladungen zu löschen oder aufzuneh-
Eine innere Stimme sagte ihm, daß er erst diese men. Hinter einer der Luken befand sich eine Kinder-
Aufgabe durchführen mußte, ehe er Ruhe finden konn- schar auf dem Weg zur Schulabteilung.
te. Clawly schwebte einen Augenblick über einer Lan-
Nach Thorns Verschwinden stand die Szene im derampe, und dann setzte er wie ein Vogel auf. Sein
Saal des Opalen Kreuzes wie eine riesengroße Enttäu- Atem kam stoßweise, in seinen Ohren summte es, und
schung vor seinen Augen. Nach dem jetzigen Stand er rieb sich die klammen Hände. Vielleicht hätte er
der Dinge durften sie noch zufrieden sein, daß sie ih- das Gebäude durch den unteren Haupteingang betre-
re Arbeit überhaupt fortsetzen konnten. Das ablehnen- ten und mit dem Lift herauffahren sollen — aber seine
de Urteil des Komitees hatte sogar an seiner eigenen Ungeduld hatte ihn gedrängt, diesen Weg zu nehmen.
Überzeugung gerüttelt. Er kam sich vor wie ein geprü-
Die subtronische Energiewelle schob ihn etwa eine
gelter Hund.
Viertelmeile über einen der Haupteingänge, und von
Warum, zum Teufel, hatte Thorn die Versammlung
dort aus schlug er den Weg zu den Büroräumen der
auf diese Weise verlassen müssen? Er konnte doch
Psychologen ein.
wohl kaum unter einem hypnotischen Zwang gehan-
delt haben? Dennoch war er wie ein Schlafwandler Verstohlen schaute er sich nach allen Seiten um.
aus dem Saal geschlichen, und gerade diese Tatsache Plötzlich stiegen die Zweifel in ihm auf. Wenn Con-
machte Clawly am meisten zu schaffen. jerly nun doch recht hatte? Wenn alles wirklich nur
Thorn war überhaupt ein sonderbarer Bursche. auf einer Art Aberglauben beruhte? Wenn die Ansicht
Nach all den langen Jahren ihrer Bekanntschaft fand über die angebliche Bedrohung der Welt, die er vor
Clawly ihn noch immer unberechenbar. dem Komitee vertreten hatte, nur auf einer falschen
Wenn Thorn nun durch sein, Clawlys Verschulden Deutung der vorliegenden Beweise beruhte?
etwas zugestoßen war... Mit einemmal kam er sich wie ein Scharlatan vor,
Der Flugkörper schwankte ein wenig, und Clawly und er fragte sich, ob es nicht in der Tat besser wäre,
mußte die Gedanken jetzt wieder auf sein Unterneh- sogleich den Rückweg anzutreten.
men konzentrieren. Aber der innere Zwang erwies sich als stärker. Es
Unwillkürlich fragte er sich, ob es ihm wohl gelun- gab Dinge, die er einfach um jeden Preis erfahren
gen sein mochte, das Opale Kreuz so unauffällig wie mußte!
nur möglich zu verlassen. Ein paar Männer der Ver-
sammlung hatten ihn noch sprechen wollen. Firemoo- Vor einer Tür blieb er stehen, und dann schritt er
re hatte seine Theorie nach besten Kräften unterstützt, kurzentschlossen über die Schwelle auf den Schreib-
und er wollte natürlich noch ein paar Einzelheiten be- tisch zu, hinter dem eine schwarzgekleidete, regungs-
sprechen — aber irgendwie hatte sich Clawly aus dem lose Gestalt saß.
Saal gestohlen. Oktavs Gesicht wirkte unendlich alt; dieser Ein-
Wenn ihm nun jemand auf diesem Weg gefolgt war? druck wurde durch das schlohweiße Haar, die einge-
Conjerlys Bemerkung über die „Wahrsager“ moch- fallenen, verrunzelten Wangen und die tiefen Furchen
te rein zufällig gefallen sein — und dennoch hatte sie unter den Augen noch verstärkt. Unwillkürlich wan-
Clawly schwer getroffen. Wenn Conjerly und Tem- derten Clawlys Gedanken ins tiefe Mittelalter zurück,
pelmar nun erst herausfinden sollten, was er jetzt im als die Ritter in ihren Rüstungen Turniere veanstalte-
Schilde führte, dann war bestimmt alles verloren! ten und das Volk von einem Elixier flüsterte, das ewi-
Es wäre wohl besser, diesen Plan aufzugeben, zu- ges Leben zu geben vermochte — Gerüchte, denen-
mindest ihn aufzuschieben. zufolge die Erde gelegentlich von dunkelgekleideten
Männern aufgesucht wurde, die dieses ewige Leben
Nein — dazu war sein innerer Zwang zu stark. Das
besaßen.
hohe Gebäude des Blue Lorraine zog ihn wie mit ma-
gischer Gewalt an. Clawly setzte sich langsam auf einen Stuhl.
Die Gedanken schwirrten durch seinen Kopf. Grü- „Ich sehe den Widerstand“, begann Oktav unver-
ne Punkte auf der Weltkarte — das Grün und Blau der mittelt. „Die ganze Nacht hindurch hat dir dieser Wi-
Yggdrasil — in welchen Welten mochte Hoderson die derstand zu schaffen gemacht. Es handelt sich um je-
Inspirationen zu seinen Werken gefunden haben? ne Belange, die wir während der Symchromie bespro-
Und wie stand es mit dem Einfluß fremdartiger We- chen haben. Ich sehe Männer, die deine Theorien an-
sen, dem auch er selbst zu unterliegen schien? zweifeln und sich nicht von dir überzeugen lassen wol-
Der gigantische Bau des Blue Lorraine stand nun len. Ich sehe zwei, die sich dir ganz besonders entge-
unmittelbar vor ihm. Die obere Kuppel schimmerte genstellen — aber ich kann ihre Motive nicht erken-
von weißem Reif, während zu ebener Erde eine som- nen. Ich sehe, wie du die Beherrschung verloren hast,
merliche Temperatur herrschte. Überall waren Anzei- weil dich ein Freund im Stich gelassen hat. Nun willst
chen des erwachenden Tages zu sehen. Eine Vielzahl du dich geschlagen geben.“
Welten des Grauens 12

Das alles, dachte Clawly, hätte er natürlich ganz ein- Oktav schwieg eine Weile. Als er endlich antwor-
fach in Erfahrung bringen können, indem er ihn beob- tete, lag in seiner Stimme der bittere Unterton einer
achten ließ. Immerhin beeindruckte es ihn heute noch Weisheit von Jahrhunderten.
genauso wie an jenem Tage, als er Oktav in dessen „Dann muß du der Welt einen Grund nennen. Jede
Verkleidung als Psychologe zum erstenmal gesehen Regierung hat noch immer einen Grund gefunden, um
hatte. irgendwelche Maßnahmen zu motivieren. Du mußt
Clawly wich Oktavs Blick aus. von einer Gefahr sprechen, die sie mit ihrer kurzsichti-
„Wie steht es denn mit der Zukunft der Welt?“ frag- gen Aufnahmefähigkeit begreifen können. Warte mal
te er mit einer Zurückhaltung, die er nur in diesem — Mars...“
Raum empfand. „Siehst du da schon ein wenig kla- Ein leises Geräusch kam von der Tür. Oktav wirbel-
rer?“ te herum, und seine Hand stahl sich in den Ausschnitt
„Ich sehe nur schemenhafte Träume“, erwiderte des dunklen Gewandes. Offensichtlich suchte er dort
Oktav in eintönigem Tonfall. „Fremdartige Wesen etwas, und als er es nicht finden konnte, trat ein un-
drängen in der Gestalt von Menschen auf die Erde gläubiger Ausdruck in sein Gesicht.
ein und bereiten sich zum Schlage vor — aber woher Clawly richtete den Blick auf die Tür. Dort stand ei-
sie kommen und wann sie zuschlagen werden, davon ne dunkle Gestalt, deren Blick fest auf Oktav gerichtet
kann ich dir nichts sagen. Dein Versuch, die anderen war. Mit einer kurzen, ungeduldigen Kopfbewegung
von dieser vorhandenen Gefahr zu überzeugen, hat die verschwand die Gestalt — aber ihr Anblick hatte sich
Gefahr nur noch verstärkt.“ mit allen Einzelheiten in Clawlys Gedächtnis einge-
Clawly richtete sich schaudernd ein wenig auf. Die graben.
Frage nach Thorns Verbleiben drängte sich auf seine Auch von dieser Gestalt ging der Eindruck eines un-
Lippen — aber er schob sie zurück. endlichen Alters aus, und auch in diesen Augen hatte
„Hör zu, Oktav, ich muß unbedingt mehr darüber die Weisheit von Jahrhunderten gelegen. Es war die
erfahren! Offensichtlich verbirgst du mir etwas. Wenn Gestalt eines gottähnlichen Wesens — ohne indessen
ich nach deinen versteckten Andeutungen einen ent- die göttliche Güte zu besitzen.
sprechenden Weg einschlage, um dann von dir zu er- Seine Kleidung schien aus einem Stoff zu bestehen,
fahren, daß es der falsche Weg war, dann fesselst du der an eine Art Plastik erinnerte. Clawly dachte un-
mir damit die Hände. Zum Wohl der Menschheit mußt vermittelt an die Abbildungen der Kleidung des neun-
du mir diese drohende Gefahr näher beschreiben.“ zehnten und zwanzigsten Jahrhunderts, wie er sie in
„Soll ich denn diese Mächte anrufen, damit wir von historischen Alben entdeckt hatte.
ihnen vernichtet werden?“ Oktav schaute ihn durch- Oktav stand ohne ein Wort der Erklärung auf und
dringend an, „Innerhalb der Welten gibt es andere ging durch die Tür ins Nebenzimmer. Wieder glitt sei-
Welten, Räder, die in Rädern liegen. Im Interesse dei- ne Hand in den Ausschnitt des Gewandes, und wieder
ner eigenen Sicherheit habe ich dir ohnehin schon zu- war sie leer, als er sie herauszog. Augenscheinlich ver-
viel gesagt. Außerdem gibt es Dinge, die ich wirklich suchte er fieberhaft, sich an einen bestimmten Vorgang
nicht weiß, und die selbst den Großen Experimenta- zu erinnern, um nicht in eine tödliche Falle zu geraten.
toren verborgen sind — und meine Ahnungen können Oktav verschwand im Nebenraum.
vielleicht noch abwegiger sein als deine.“
Es blieb vollkommen still.
Clawlys Gedanken wanderten. Wer war dieser Ok-
Clawly wartete.
tav — und was mochte hinter dieser antiken Mas-
ke stecken? Waren denn alle Gesichter nur Masken? Die Zeit verstrich. Clawly hüstelte ein wenig; un-
Was steckte hinter Conjerlys und Tempelmars Mas- vermittelt stand er auf, trat auf die Nebentür zu, und
ken? Hinter Thorns? Hinter seiner eigenen? Gab es kehrte dann an seinen Platz zurück, um weiter zu war-
Dinge, die selbst vor dem eigenen Bewußtsein verbor- ten.
gen blieben? Welche Zukunft mochte dieser Welt von Er dachte an den alten Aberglauben über flüchtige
Masken bevorstehen? Erscheinungen von Gestalten in Gewändern des Mit-
„Aber was soll ich denn machen, Oktav?“ fragte er telalters. Er dachte an die uralte Weisheit, die er so-
mit müder Stimme. wohl in Oktavs Augen als auch in denen der anderen
dunklen Gestalt gesehen hatte.
„Das habe ich dir schon wiederholt gesagt“, antwor-
tete Oktav. „Du mußt deine Welt auf alle Möglichkei- Wieder stand er auf und wandte sich der Tür zum
ten vorbereiten. Mobilisiere alle Kräfte und Waffen, Nebenraum zu.
um den Jägern nicht wie ein wehrloses Opfer in die Er kam in ein kleines, nur dürftig möbliertes Zim-
Hand zu fallen.“ mer. Hier gab es weder ein Fenster noch eine andere
„Aber wie kann ich das, Oktav? Mein Vorschlag Tür. Die Wände waren vollkommen glatt und nackt.
zur Durchführung von Ermittlungen ist rundweg abge- Niemand befand sich in diesem Raum.
lehnt worden. Wie kann ich eine allgemeine Mobilma-
chung der Welt verlangen — ohne jeglichen Grund?“ 5.
13 TERRA

Oktav folgte dem Boten in die Region der absoluten damit ich zu jener Welt gehen und ihn zurückholen
Dunkelheit. kann.“
Hier befanden sie sich in der Zone, außerhalb von „Das geht nicht“, dachte Prim. „Du hast ohnehin
Raum und Zeit, an der Schwelle der Unendlichkeit, schon zu lange in jener Welt geweilt, Oktav. Du bist
in der sogar die Atome reglos verharrten. Hier gab es der Jüngste in unserem Kreis — aber dein Körper ist
nur die Bewegung der Gedanken — Gedanken, deren bereits senil.“
Wucht das Universum beeinflussen und die nur von „Ja“, dachte Oktav impulsiv, ohne sich Zeit zum
gottähnlichen Wesen ausgestrahlt und wahrgenommen Nachdenken zu nehmen. „Es wird langsam Zeit, daß
werden konnten. ihr hier in eurer bequemen Zurückgezogenheit mal
Dennoch waren es Gedanken rein menschlicher Na- Notiz von den Vorgängen in der Welt nehmt.“ „Du
tur, mit allen irdischen Fehlern und Schwächen. Es bist in den Einfluß der Welt und ihrer Gefühle gera-
war wie ein anderes, weit entferntes Universum. Der ten“, dachte Prim. „Damit komme ich zu dem zweiten
hohe Kuppelbau einer Kathedrale, in der zu mitter- und noch wichtigeren Punkt unserer Anklage.“
nächtlicher Zeit ein paar Mäuse wie verloren über den Oktav spürte die unverhohlene Feindschaft der sie-
Boden huschten. ben anderen Wesen. Der Verlust seines Talismans wur-
de jetzt verhängnisvoll für ihn. Seine Hoffnung sank.
Oktav stellte sich auf die Zone ein, in der es nur die
„Wir haben erfahren“, fuhr Prim fort, „daß du Ge-
Welt der Gedanken gab.
heimnisse ausgeplaudert hast. In der gefühlsmäßig
Er hörte das ewige Summen der Wahrscheinlichkeits- betonten und erstaunlich primitiven Verkleidung als
Maschine und das wesentlich leisere Summen der Wahrsager und Hellseher hast du den Erdenbürgern
sieben offenen Talismane. Er spürte die Gegenwart des Hauptstammes verbotenes Wissen zukommen las-
der sieben menschlichen Wesen, die sich um die sen.“
Wahrscheinlichkeits-Maschine versammelt hatten. „Das will ich gar nicht abstreiten“, räumte Oktav
Ters erstattete einen knappen Bericht, und Oktav nahm ein. „Diese Welt des Hauptstammes braucht einige
die ablehnende Haltung von sechs der sieben Wesen Aufklärung. Ihr habt sie stets wie ein ungeratenes
wahr. Er nahm seine eigene Position ein: die achte und Kind behandelt — und nun stoßt ihr sie vollkommen
letzte. unvorbereitet in eine höchst zweifelhafte Zukunft.“
Ters schloß seinen Bericht. „Wir können das Wohl der Welt am besten beurtei-
„Wir haben dich hergerufen, Oktav“, dachte Prim, len!“ Prims Gedanken wurden durch den Talisman in
„um uns deine Erklärungen über dein höchst merk- seiner Hand zu unvorstellbarer Wucht gesteigert. „Im
würdiges Verhalten anzuhören. Wir haben erfahren, Gegensatz zu deinen Unternehmungen haben wir all
daß du unverzeihlich nachlässig gewesen bist. Noch unsere Kräfte in selbstloser Weise in den Dienst der
nie ist ein Talisman verloren worden. Nur zweimal hat Welten gestellt, und wir haben uns dabei das Ziel ge-
es sich als erforderlich gezeigt, einen Talisman zu- setzt, mit unseren wissenschaftlichen Methoden letzt-
rückzuholen, weil sein Besitzer in irgendeiner Welt lich das Glück herbeizuführen. Es gehört zu unse-
einen gewaltsamen Tod gefunden hat. Wie hat so et- ren unverrückbaren Bedingungen, daß kein Mensch
was geschehen können, wo der Talisman doch sofort der Welt etwas von unseren Unternehmungen erfahren
mit einer Warnung reagiert, wenn er in Gefahr steht, darf. Bist du dem Einfluß der Welt denn schon so weit
von seinem Besitzer getrennt zu werden?“ unterlegen, daß ich dich an den eigentlichen Zweck
„Ich kann es mir einfach nicht erklären“, räumte unseres Vorhabens erinnern muß?“
Oktav schuldbewußt ein. „Es muß irgendein fremder Die absolute Dunkelheit schien zu pulsieren. Ok-
Einfluß zugegen gewesen sein, der die Warnung des tav gab keine Antwort, und Prims Gedanken kamen
Talismans zu übertönen vermochte oder der meine Ge- jetzt Schritt für Schritt, als bemühte er sich, ein klei-
danken vollkommen ablenkte. Ich habe den Verlust nes Kind zu überreden.
erst bemerkt, als ich hierherbefohlen wurde. Wenn ich „Wäre es vielleicht möglich, daß dir die Logik
die ganzen Vorgänge auf der Erde jetzt richtig beden- unseres wissenschaftlichen Vorgehens von jeher ver-
ke, so glaube ich, den Mann identifizieren zu können, schleiert geblieben ist? Jedes Experiment erfordert
in dessen Hände der Talisman geraten ist — oder der nun mal gewisse Sicherheitsvorkehrungen. Unter nor-
ihn mir gestohlen hat.“ malen und natürlichen Voraussetzungen gibt es nur ei-
ne einzige Welt, mit der man naturgemäß nicht ex-
„War der Talisman zu diesem Zeitpunkt gesichert?“
perimentieren kann. Somit kann man nicht feststel-
fragte Prim schnell.
len, welche Art gesellschaftlicher Form und Regie-
„Ja“, erwiderte Oktav. „Der Gedankenschlüssel zur rung dem Wohl der Welt am besten dient. Das al-
Sicherung ist nur mir bekannt.“ les erscheint aber in einem ganz anderen Licht, wenn
„Na, das ist wenigstens ein kleiner Punkt zu deinen man sich der Wahrscheinlichkeits-Maschine bedient.
Gunsten“, dachte Prim. „Ich habe einen großen Fehler Von hier aus können wir die Entwicklung der ein-
begangen“, dachte Oktav, „aber der Schaden läßt sich zelnen Welten beobachten und haben die Zukunft
sehr leicht beheben. Gebt mir einen anderen Talisman, ständig im Auge. Wir erkennen alle Möglichkeiten,
Welten des Grauens 14

die in der Zukunft liegen. Wir sehen die entschei- Geistes, die guten wie die bösen, voll auszuschöpfen.
denden Epochen, wenn die Welt vor einer endgülti- Auch ohne euer Einschalten wäre es den Menschen
gen Wahl steht — zum Beispiel zwischen einer de- wohl gelungen, sich eine schöne Welt aufzubauen —
mokratischen oder einer totalitären Regierungsform, ohne all die schrecklichen Möglichkeiten in Erwägung
oder zwischen rein ethischen Komplexen und derglei- zu ziehen.“
chen. In einem solchen Zeitpunkt bedienen wir uns der „Willst du damit etwa sagen, wir hätten alles dem
Wahrscheinlichkeits-Maschine und richten sie auf die Zufall überlassen sollen?“ fragte Prim gereizt. „Soll-
jeweiligen Führer der Welt, in deren Händen die Zu- ten wir uns wie Fatalisten verhalten? Wir, die wir die
kunft liegt. Sogleich ergeben sich dabei für uns statt ei- Meister des Schicksals sind?“
ner Möglichkeit zwei oder noch mehr. Der Zeitablauf
„Und dann“, fuhr Oktav fort, ohne von Prims Ein-
wird verdoppelt oder verdreifacht. Jetzt haben wir ver-
wurf die geringste Notiz zu nehmen, „nachdem ihr
schiedene Welten, deren Entwicklung sich voneinan-
diese schrecklichen Scheinwelten geschaffen habt, in
der entfernt, und auf diese Weise können wir unsere
denen die Menschen sich nach dem ihnen versagten
endgültige Entscheidung treffen.“
Glück sehnen, vernichtet ihr sie ganz einfach.“
„Daran muß ich sofort Kritik üben“, dachte Oktav
„Natürlich!“ gab Prim verärgert zurück. „Wenn wir
prompt, ohne sich um die Gefahren zu kümmern, die
die Überzeugung gewinnen, daß diese Welten nicht
hier auf ihn lauern mochten. „Du verallgemeinerst die
wünschenswert sind, dann beenden wir ihre jammer-
Dinge und vergißt dabei, daß die großen Wahrschein-
vollen Verhältnisse.“
lichkeitsfaktoren nur einer Vielzahl von kleineren ent-
stammen. So einfach, wie du meinst, liegen die Dinge „Ja.“ Oktavs Tonfall wurde noch bitterer. „Die un-
ganz und gar nicht.“ erwünschten Kätzchen werden einfach ertränkt. Eure
Damit rüttelte Oktav an den grundsätzlichen Er- Zuneigung gehört einem einzigen, während die ande-
kenntnissen ihres Vorhabens — aber Prim schien nicht ren ohne weitere Umstände in den Sack gesteckt wer-
die geringste Notiz davon zu nehmen. den.“
„Wir haben den letzten Schnitt in der Zeiteinteilung „Das war doch ein reiner Gnadenakt“, erwiderte
vor dreißig Erdenjahren vorgenommen“, fuhr er un- Prim. „Es gab weder Leid noch Schmerzen — nur ein
beirrt fort. „Die Entdeckung der subtronischen Kräfte plötzliches Auslöschen.“
hat der Welt praktisch die Energiequellen des Welt- Oktav gab sich noch längst nicht geschlagen. Sei-
raums erschlossen. Damit wurde die Regierung der ne aufgestauten Zweifel am Unterfangen dieser We-
Welt vor drei verschiedene Möglichkeiten gestellt, un- sen, die so von sich eingenommen waren, brachen sich
ter denen sie zu wählen hatte: sie konnte die Erfindung endlich Bahn. Seine scharfen Gedanken zuckten wie
vollkommen unterdrücken und die Erfinder beseitigen. Peitschenhiebe durch die Dunkelheit.
Sie hätte sie weiterhin zu ihren eigenen Zwecken aus- „Wer seid ihr denn, daß ihr sagen könnt, plötzli-
beuten können. Sie konnte die Erfindung aber auch ches Auslöschen bereite keinen Schmerz? O ja, die-
in den allgemeinen Dienst der Öffentlichkeit stellen, se Scheinwelten, das Ergebnis eines fehlgeschlagenen
wobei dann allerdings die Gefahr bestand, daß nun- Experiments, sie spielen ja keine Rolle, und da sie
mehr fast jedermann, oder zumindest doch eine kleine das Produkt des Versagens sind, müssen wir sie eben
Gruppe von Männern die Macht in der Hand hielt, die beseitigen, da wir ihre schweigenden Anklagen nicht
Welt zu zerstören. Unter den von der Natur gegebe- vertragen. Als hätten die Menschen dieser Scheinwel-
nen Umständen konnte also nur eine dieser drei Mög- ten nicht das gleiche Recht auf ihre Zukunft wie die
lichkeiten verwirklicht werden. Der Erde blieb somit Menschen der Welt des Hauptstammes. Welches Ver-
nur eine Chance, die richtige Wahl zu treffen. Mit un- brechen haben sie denn begangen, abgesehen davon,
serem Eingreifen wurden dagegen alle drei Möglich- daß sie vielleicht die falsche Wahl trafen, wobei ihr ja
keiten realisiert. Ein paar Jahre ständiger Beobachtung selbst zugebt, daß alle vor der Entscheidung einer sol-
genügten, um uns zu zeigen, daß die dritte Wahl, näm- chen Wahl stehen? Welcher Unterschied besteht denn
lich die Veröffentlichung der Erfindung dieser subtro- zwischen den Welten des Hauptstammes und denen
nischen Kräfte, die richtige war. Die beiden anderen der Abzweigungen, mit der einzigen Ausnahme, daß
Welten waren zu diesem Zeitpunkt bereits in ihre ei- ihr euch von der Zukunft der Hauptstamm-Welt mehr
genen Fehlentwicklungen verstrickt.“ versprecht? Ich will euch mal etwas sagen. Ihr habt
„Ja, die anderen Welten“, schaltete Oktav sich bit- eure Zuneigung so stark auf diese eine Welt gerich-
ter ein. „Wie viele hat es davon schon gegeben, Prim? tet, daß ihr die anderen lediglich als hypothetisch be-
Wie viele — seit dem Anfang?“ trachtet. Dennoch sind sie in allen Einzelheiten genau-
„Da wir die Schöpfung der besten Welt anstrebten, so wirklich.“
die nur möglich ist, mußten wir naturgemäß auch ein „Sie existieren gar nicht mehr“, entgegnete Prim
paar schlechte schaffen“, entgegnete Prim geduldig. grimmig. „Augenscheinlich haben deine ständigen
„Ja — Welten des Grauens, die niemals entstan- Berührungen mit der Welt dein Blickfeld eingeengt
den wären, wenn ihr nicht so nachdrücklich darauf be- und deinen Geist verwirrt. Du ergreifst hier Partei für
standen hättet, alle Möglichkeiten des menschlichen Welten, die überhaupt nicht mehr bestehen.“
15 TERRA

„Bist du deiner Sache so sicher?“ Oktav spürte, daß denn als einzelnes Wesen war es ihm unmöglich, al-
er mit dieser Frage die Aufmerksamkeit der anderen le potentiellen Kräfte dieser Maschine auszuschöpfen.
gewonnen hatte. „Wenn diese Scheinwelten nun noch Prim hat sie jedoch nicht erfunden — sondern gestoh-
immer leben? Wenn ihr nur gemeint habt, sie zu ver- len!“
nichten, indem ihr eure Aufmerksamkeit von ihnen Oktav wußte nur zu gut, daß er mit diesen Worten
abwandtet, sie aber in einem Parallelsystem zur Welt die empfindlichste Stelle der Gemeinschaft getroffen
des Hauptstammes weiterhin existieren und im Zeiten- und daß er sich gleichzeitig damit sein eigenes Urteil
meer schwimmen? Ich habe euch immer wieder ge- gesprochen hatte. Er spürte die chaotischen Gedanken
sagt, ihr solltet diese Welten häufiger selbst aufsuchen. der sieben anderen auf sich eindringen, und er wartete
Dann würdet ihr nämlich sehr bald erkennen, daß die auf einen Punkt, an dem er den Hebel ansetzen konnte.
Menschen der von euch so bevorzugten Hauptstamm- „Kann einer von euch, Prim eingeschlossen, wirk-
Welt bereits die Schatten einer Gefahr spüren und mer- lich allen Ernstes behaupten, die Wahrscheinlichkeits-
ken, daß ihre Welt vom Eindringen fremdartiger We- Maschine zu begreifen
sen bedroht wird. Ein paar dieser Menschen wissen,
— ganz zu schweigen davon, eine solche Maschine
daß sie unter einem unerklärlichen, fremden Einfluß
zu erfinden? Ihr redet große Worte über wissenschaft-
stehen. Wenn dieser Einfluß nun von einer jener von
liche Erkenntnisse — aber begreift ihr überhaupt die
euch geschaffenen Scheinwelten stammt? Der letzte
modernen wissenschaftlichen Methoden der Erden-
Schnitt der Zeitrechnung ist vor nicht allzu langer Zeit
menschen des heutigen Zeitalters? Ihr seid von eu-
erfolgt, und somit dürfte es eine ganze Anzahl von
ren eigenen Marionetten überflügelt worden! Ihr, die
doppelten Existenzen geben, die ihre innere Verbun-
ihr dem dunklen Mittelalter entstammt, seid unvermit-
denheit irgendwie spüren und die sich dessen voll-
telt in eine Maschinenfabrik geraten, in der ihr euch
kommen bewußt sind. Wenn nun auf diesen von euch
nicht auskennt. Ihr seid Zauberlehrlinge — aber was
vergessenen Welten Entwicklungen eingetreten sind,
wird geschehen, wenn der Zauberer zurückkehrt? Was
die zur Schaffung von Mutanten geführt haben? Wenn
sollte mich denn daran hindern, einen schrillen Schrei
sich nun unter diesen Wesen ein genialer Führer ent-
durch Raum und Zeit auszusenden, der den ursprüng-
wickelt hat, dem Dinge bekannt wurden, die selbst
lichen Besitzern dieser Maschine zeigt, wo sie verbor-
euch noch verborgen sind? Wenn sie sich nun an-
gen gehalten wird?“
schicken, diese von euch bevorzugte Welt anzugreifen
Er spürte die Wucht ihrer Gedanken, als wollten sie
und vollkommen zu erobern?“ Oktav lauschte schwei-
ihn um jeden Preis daran hindern, ein solches Signal
gend in die Dunkelheit. Er spürte eine leise Furcht in
tatsächlich auszusenden. Gleichzeitig spürte er aber
den anderen aufsteigen — aber es war nicht zu seinem
auch, wie in Karts Gedanken leise Zweifel aufstiegen.
Vorteil.
Das war der schwache Punkt, auf den er gewartet hat-
„Das ist alles Unsinn!“ entgegnete Prim eiskalt, und te.
seine Gedanken zeigten, daß seine Geduld mit Ok- Prim verlas das Urteil.
tav nahezu erschöpft war. „Deine Behauptung, wir
„Ters und Septem werden Oktav in die Welt beglei-
hätten derartige Fehler begangen, ist geradezu lä-
ten, und wenn die Verwandlung zum Fleisch vollzo-
cherlich! Wir kennen jede einzelne Entwicklung in
gen ist, werden sie ihn beseitigen.“ Er hielt inne und
Zeit und Raum. Wir sind schließlich die Herren der
fuhr dann fort: „Gleichzeitig wird Sikst zu einer Expe-
Wahrscheinlichkeits-Maschine.“
dition aufbrechen, um den Verlorenen Talisman auf-
„Seid ihr das wirklich?“ Mit dieser verbotenen Fra- zuspüren; sollte er dabei auf irgendwelche Schwierig-
ge brach Oktav alle Brücken hinter sich ab. „Als ich keiten stoßen, wird er sogleich Unterstützung anfor-
zu dieser Gemeinschaft berufen wurde, wie ihr ja al- dern. Da die Wahrscheinlichkeits-Maschine nur funk-
le zu ihr berufen wurdet, erfuhr ich genau wie ihr, tioniert, wenn jede einzelne Position besetzt ist, wer-
daß Prim, der erste unserer Gemeinschaft von Geni- den Sekond, Kart und Kent ebenfalls zur Erde aufbre-
en des neunzehnten Jahrhunderts, angeblich der Erfin- chen, um einen geeigneten Nachfolger für Oktav aus-
der der Wahrscheinlichkeits-Maschine sein sollte, ob- zuwählen. Ich werde hier an Ort und Stelle bleiben,
wohl uns das nie mit absoluter Gewißheit gesagt wur- und...“
de. Als Neuling habe ich das als feststehende Tatsache Er wurde plötzlich von Kart unterbrochen. „Mein
akzeptiert. Jetzt weiß ich jedoch, daß ich es eigent- Talisman! Oktav hat ihn gestohlen! Er ist verschwun-
lich nie geglaubt habe. Kein menschlicher Geist hät- den!“
te je die Wahrscheinlichkeits-Maschine erfinden kön-
nen — und auch Prim hat sie nicht erfunden! Er hat 6.
sie lediglich gefunden, vermutlich, als er einmal auf
gut Glück mit einem verlorenen Talisman spielte. Der Thorn schwankte an der dunklen Anhöhe. Unter
Besitz dieser Maschine gestattete es ihm dann, sie an seinen Schuhen knirschte der Kies, als er sich bemüh-
einen anderen Ort zu bringen und sie auf diese Weise te, das Gleichgewicht zu halten. Er hörte ein paar ferne
vor den eigentlichen Besitzern zu verbergen. Dann hat Schreie, und von oben her stach die Nadel eines grün-
er uns nach und nach zu dieser Gemeinschaft berufen, lichen Lichtes auf ihn ein.
Welten des Grauens 16

Seine Arme zuckten haltsuchend durch die Luft. Unvermittelt blieb er auf der Straße stehen, während
Er stürzte nach vorn zu Boden, und im nächsten Au- die Menschen an ihm vorüberfluteten und ihn mit neu-
genblick traf die Spitze der Lichtnadel genau die Stel- gierigen Blicken musterten.
le, an der er sich eben noch befunden hatte. Nachdem, er den ersten Schreck überwunden hat-
Fieberhaft suchte er nach seinem Flugkörper, der je- te, stieg in ihm das Gefühl einer moralischen Befrie-
doch nirgends zu sehen war. digung auf. Jetzt wurde das Konto ausgeglichen. Der
Er erinnerte sich dunkel, wie er durch den nächtli- andere Thorn konnte in der glücklicheren Welt leben,
chen Wald gestolpert war, um endlich zu dieser Anhö- während er selbst hier seine Stelle eingenommen hat-
he zu kommen. te. Endlich brauchte er nicht mehr voller Schuldbe-
wußtsein an die Existenz des anderen zu denken.
Nach ein paar Schritten versank er in einem
Ein dämonischer Eifer regte sich in ihm, von dieser
Schacht, und nachdem er eine Zeitlang ständig gefal-
Welt Besitz zu ergreifen, die er bisher nur aus seinen
len war, hatte er plötzlich das unbestimmte Gefühl,
Träumen kannte.
nach oben getragen zu werden. Der Schacht stieß ihn
aus, und er landete hart auf dem Boden. Immerhin dürfte das wohl nicht so einfach sein.
Benommen rappelte er sich hoch und taumelte auf Auf dieser Straße herrschte eine Atmosphäre von
ein paar Bäume zu, die von einem merkwürdig blauen Geheimnis und Mißtrauen. Die Stimmen der Men-
Licht erhellt wurden. Er spürte, daß mit seinem Körper schen waren kaum mehr als ein leises Murmeln. Sie
irgendeine Veränderung vorgegangen war, die nicht hielten die Köpfe gesenkt — aber sie musterten ihn
nur durch den harten Aufprall neben dem Schacht zu verstohlen mit scharfen Blicken.
erklären war. Er ließ sich vom Strom dieser Menschen mitreißen,
Langsam tastete er sich vor und kam auf eine wei- und dabei beobachtete er sie genau.
te Terrasse. Der bläuliche Lichtschimmer hatte sich In diesen vom bläulichen Licht erhellten Gesichtern
inzwischen verstärkt. Er kam von einer Doppelreihe war der Kummer und die Sehnsucht nach dem Glück
von Laternen, die beiderseits einer breiten Straße auf- zu lesen. Er kannte diesen Ausdruck aus seinen Träu-
gestellt waren. Auf dieser Straße promenierten viele men, und ihm war, als träumte er auch jetzt.
Menschen, die er jedoch nicht näher erkennen konnte, Einige dieser Gesichter kamen ihm merkwürdig be-
weil das Ende der Terrasse von einer Hecke begrenzt kannt vor. Vermutlich waren dies die Doppelgänger
wurde. der Menschen, die er in seiner eigenen Welt flüchtig
Er trat auf die Hecke zu und blieb zögernd stehen. gekannt hatte.
Sein Blick streifte die ihm ungewohnte Bekleidung Es war, als würden diese Menschen aus seiner eige-
und fiel dann auf die Hände, die jetzt fast die Form von nen Welt ein vollkommen anderes Dasein führen.
krallenartigen Klauen angenommen hatten. Männer und Frauen trugen grobe Arbeitskleidung,
Er hatte nur noch schwache Eindrücke von den Vor- deren Farbe in dem bläulichen Lichtschimmer nicht
gängen des vergangenen Abends. Da war Clawly, die auszumachen war. Hier gab es keinen Individualis-
Symchromie, die Konferenz im Saal des Opalen Kreu- mus; alle waren gleich gekleidet.
zes, und da war auch seine nächtliche Flucht durch den Einige dieser Menschen schienen die anderen zu be-
dunklen, bizarren Wald. Seine linke Hand umklam- wachen. Sie wurden von den anderen gemieden und
merte einen Gegenstand mit einem so festen Griff, daß nicht angesprochen. Es kam Thorn vor, als wäre hier
seine Finger schmerzten. Es war das kleine Ding, das ein ganzes Netz von Spionage ausgebreitet worden.
er während der Symchromie an sich genommen hatte. Dazwischen gab es auch einige dunkelgekleidete
Wenn er diesen Gegenstand noch bei sich hatte, dann Wesen, die von den anderen noch ausdrücklicher ge-
konnte doch wohl kaum eine nennenswerte Verände- mieden wurden. Zunächst konnte Thorn keines dieser
rung mit ihm vorgegangen sein. Und dennoch... Wesen genauer betrachten.
Eine dunkle Vorahnung stieg in ihm auf. Kurzent- Alle schienen äußerst wachsam zu sein.
schlossen schob er den Gegenstand in eine Tasche, die Es war eine Welt der Autorität.
nicht an der Stelle war, wo sie eigentlich sein sollte,
Auf der Straße wurde nur verhalten gemurmelt.
und dabei berührte seine Hand einen kleinen, metalli-
schen Zylinder. Ober einen Punkt wurde Thorn sich recht bald klar:
diese Menschen hatten kein bestimmtes Ziel im Auge.
Er drang durch die Hecke und betrat die vom bläu- Sie schlenderten hier nur herum, um die Zeitspanne
lichen Licht der Laternen erhellte Straße. zwischen Arbeit und Schlaf auszufüllen — eine Zeit-
Die Vorahnung steigerte sich zu einer wilden Angst spanne, die ihnen von der Autorität gewährt wurde
— und mit plötzlicher Wucht kam ihm die Erkenntnis. und die ihnen eine gewisse Freiheit bot, mit der sie
Der andere Thorn hatte mit ihm den Platz getauscht. ohnehin nichts anfangen konnten.
Jetzt trug er die ungewohnte Kleidung des anderen Er mischte sich unter die einzelnen Gruppen, um
Thorn, nämlich einen unscheinbaren Arbeitsanzug. ihren neugierigen Blicken auszuweichen. Er schnapp-
Er war in der Welt seiner gräßlichen Träume. te einzelne Worte und Bruchstücke einer Unterhaltung
17 TERRA

auf. All diese Unterhaltungen und Wortfetzen schie- „Sie lassen es einfach nicht zu, daß wir etwas un-
nen sich ausnahmslos um das Vorgehen einer gewis- ternehmen.“ Ihre Stimme enthielt den Unterton einer
sen Gruppe zu drehen, die von ihnen als „sie“ bezeich- offenen Rebellion. „Sie haben alles — Zauberkräfte
net wurde. Gegen diese Gruppe herrschte unverhohle- — sie können fliegen — sie leben irgendwo da oben
ne Ablehnung. in den Wolken, wo sie dieses gräßliche, blaue Licht
Bei der bestehenden Autorität konnte es sich nach nicht zu sehen brauchen. Oh, ich wünschte...“
Thorns Ansicht nur um Diktatur handeln. „Pssst! Sie werden dich wegen dieser Worte noch
„Sie haben unsere Abteilung jetzt auf eine Zwölf- schnappen! Außerdem ist das alles ja nur vorüberge-
Stunden-Schicht gesetzt.“ hend, wenn man ihren Worten glauben darf. Wenn die-
se Gefahr erst mal vorüber ist, werden wir alle ein
Der Sprecher war augenscheinlich irgendein Ma-
glückliches Leben führen können.”
schinist, denn an seinem Arbeitsanzug schimmerten
ein paar Metallspäne. „Ich weiß, aber warum sagen sie uns nicht, worin
diese Gefahr eigentlich besteht?“
Sein Begleiter nickte kurz.
„Das sind militärische Geheimnisse. Pssst!“
„Ich möchte nur wissen, worum es sich bei diesen
neuen Teilen handelt, die jetzt immer häufiger kom- Ein Mann trat mit einem maliziösen Lächeln von
men.“ hinten an die Gruppe heran, aber Thorn konnte nicht
abwarten, ob dieser Zwischenfall irgendwelche Fol-
„Irgendeine große Sache.“ gen haben würde, denn der Strom der Menschen
„Ja, so muß es wohl sein. Was mögen sie wohl vor- drängte ihn auf die andere Straßenseite, wo er hinter
haben?“ einen Mann und eine Frau geriet, deren Kleidung ei-
„Irgendeine große Sache.“ ner Uniform ähnelte.
„Ja; ich wünschte nur, wir würden wenigstens den „Man spricht davon, daß wir nächste Woche wieder
Namen kennen.“ zu Manövern ausrücken müssen. Zur Zeit haben wir
Der andere Mann lachte nur leise in sich hinein. eine ganze Menge neuer Rekruten. Wir müssen schon
eine Gesamtstärke von einigen Millionen haben. Ich
Thorn schlenderte weiter, und bald befand er sich
möchte nur mal wissen, was sie eigentlich mit uns vor-
hinter einer Gruppe älterer Frauen.
haben, wenn doch nirgends ein Feind zu sehen ist.“
„Unsere Arbeitsgruppe hat seit der Leistungssteige-
„Vielleicht von einem anderen Planeten...“
rung über siebenhunderttausend gleiche Teile herge-
stellt. Ich habe sie gezählt.“ „Jaja — aber das sind doch nur Gerüchte.“
„Damit kommst du auch nicht weiter.“ „Immerhin heißt es, wir könnten jetzt jeden Tag un-
sere Marschbefehle erhalten, und das bedeutet die ab-
„Nein, aber sie müssen sich wohl auf irgend etwas solute Mobilisierung.“
vorbereiten. Denk’ nur mal daran, wie viele jetzt ein-
„Ja, aber gegen wen richtet sich das alles?“ Ein An-
gezogen werden. Alle Männer von einundvierzig und
flug von Hysterie lag in der Stimme der Frau. „Diese
Frauen von siebenunddreißig.“
Frage stelle ich mir immer wieder, wenn ich an dieser
„Heute abend sind sie zweimal durchgekommen, neuen Waffe ausgebildet werde, deren neue Wirkung
um nach sogenannten Saboteuren zu suchen. Dabei noch niemand zu kennen scheint. Ja, immer wieder
haben sie Jon mitgenommen.“ frage ich mich, gegen wen ich diese Waffe eigentlich
„Ist bei euch auch schon die neue Art der Inspektion anwenden soll. Manchmal fürchte ich, dabei den Ver-
eingeführt worden? Alle müssen sich in einer langen stand zu verlieren.“ Oh, Burk, da ist noch etwas, das
Reihe aufstellen, und dann muß man allerlei Fragen ich dir gern sagen möchte, obwohl ich mich verpflich-
beantworten, wer man ist und was man treibt. Es sind tet habe, strengstes Stillschweigen darüber zu bewah-
alles ganz einfache Fragen, aber wer sie nicht beant- ren. Ich habe es gestern erst erfahren, aber ich darf
worten kann, wird auf der Stelle abgeführt.“ dir natürlich nicht sagen, von wem. Es gibt tatsächlich
„Na, auf diese Weise werden sie wohl kaum einen einen Weg zur Flucht in jene glückliche Welt, von der
sogenannten Saboteur erwischen. Ich möchte nur wis- wir immer träumen. Man braucht seine Gedanken nur
sen, wen sie jetzt wieder schnappen wollen.“ in der richtigen Weise zu konzentrieren...“ „Pssst!“
„Wir wollen lieber zum Schlafraum zurückkehren.“ Diesmal wurde die Unterhaltung durch Thorns An-
„Nein, es ist noch zu früh.“ näherung unterbrochen.
Thorn kam hinter eine andere Gruppe, in der sich Es gelang ihm, noch weitere derartige Bruchstücke
ein junges Mädchen befand. von Unterhaltungen aufzuschnappen.
„Morgen trete ich in die Armee ein“, sagte sie. Langsam änderte sich seine Stimmung. Seine Neu-
gier war keineswegs befriedigt, aber sie war jetzt ir-
„Ja.“ gendwie unterdrückt. Natürlich hatte er sich über all
„Ich wünschte, wir könnten heute abend noch ir- das Gehörte seine eigenen Gedanken gemacht, be-
gend etwas anstellen.“ sonders über die Bemerkungen der „neuen Inspekti-
„Ja?“ on“, die nur dazu dienen konnte, solche Wesen, wie
Welten des Grauens 18

er selbst es war, aufzuspüren; und über den „Weg zur Turm auf, von dem fünf gleichmäßige und symmetri-
Flucht in eine glücklichere Welt“, denn das war genau sche Flügel ausgingen. Es sah aus wie das stolze Sym-
der Weg, den der andere Thorn eingeschlagen hatte — bol herrschsüchtiger Könige.
aber das alles war jetzt nicht mehr interessant für ihn. Unvermittelt kam ihm ein Name in den Sinn: der
Das Fieber des dämonischen Tatendrangs war verflo- Schwarze Stern.
gen, und nun setzte die Depression ein. Die normale
„Wer ist da oben? Komm sofort herunter!“
Gefühlswelt des Menschen gewann wieder die Ober-
hand, und damit sehnte er sich nach seiner gewohnten Thorn wirbelte herum.
Umwelt. Das blaue Licht der Straßenlaternen fiel auf zwei
Nun setzte die bittere Reue darüber ein, daß er Männer, die sich auf halber Höhe des Hügels befan-
Clawly und seine eigene Welt verlassen hatte, um den. Sie schauten zum Gipfel herauf. Die Haltung ih-
ein rein persönliches, moralisches Problem zu lösen. rer Arme ließ erkennen, daß sie irgendwelche Waffen
Er hatte nicht die geringste Ahnung, welche Vielzahl auf Thorn gerichtet hielten.
von Verwirrungen und Gefahren der andere Thorn sei- Er machte keine Bewegung; das bläuliche Licht
nem Freund Clawly bringen mochte, der ja schließlich drang bis zu ihm herauf. Seine Sinne wurden schärfer.
nicht den geringsten Anlaß hatte, ihm zu mißtrauen. Der Augenblick schien sich zu einer Ewigkeit auszu-
Dabei hing jetzt nach seinem Verschwinden die Si- dehnen, und die drei Männer verharrten regungslos in
cherheit der Welt einzig und allein von Clawly ab. ihrer jeweiligen Position.
Allerdings mußte Thorn einräumen, daß wohl kaum Thorn spürte, daß diese Männer ihn zur Strecke
eine Gefahr für seine eigene Welt bestand, wenn es bringen wollten.
sich nur um Wesen handelte, die diesem Jammertal „Komm sofort herunter!“
entflohen waren. Sollte es jedoch akute Invasionsmaß-
Er warf sich der Länge nach zu Boden. Diesmal
nahmen dieser schattenhaft verborgenen Autoritäten
kam keine grüne Lichtnadel — aber irgend etwas
betreffen, dann war die Gefahr nicht zu unterschätzen.
schwirrte unmittelbar neben seinen Füßen durch die
Die breite Straße endete vor einer Anhöhe, und Grasbüschel.
Thorn begann sie zu hassen. Sie kam ihm wie eine
Er sprang geduckt vor, und nach wenigen Schrit-
Tretmühle vor, und das bläuliche Licht der Laternen
ten hatte er den jenseitigen Abhang erreicht und ver-
gestattete keinen Ausblick auf die nähere Umgebung.
schwand im dichten Unterholz eines Waldstückes.
Am Ende der Straße war eine größere Menschenan-
sammlung zu sehen; offensichtlich wurde hier wieder Abgerissene Zweige und trockenes Laub raschelten
mal eine Art Inspektion durchgeführt. unter seinen Füßen, und über ihm erhoben sich die
niedrigen Äste einiger Bäume.
Dieser Anblick zwang ihn zu einer endgültigen Ent-
scheidung. Er wartete einen geeigneten Augenblick ab Plötzlich hörte er auch vor sich ein paar Schreie,
und stahl sich dann unauffällig durch die Hecke. und er sprang seitlich in ein trockenes Bachbett und
Ein paar Minuten später kauerte er keuchend auf der folgte seinem Lauf. Nach einiger Zeit drangen auch
Anhöhe; seine Kleidung war verschmutzt. Erleichtert aus dieser Richtung Schreie auf ihn ein. Im nächsten
warf er einen Blick auf die am dunklen Nachthimmel Augenblick schwirrte etwas in den dunklen Nachthim-
schimmernden Sterne, und dann schaute er sich nach mel hinauf, und dann wurde der Wald von oben her
allen Seiten um. von einer grellen, weißen Lichtsäule erhellt, die stär-
ker zu sein schien als das Sonnenlicht.
Er gewann den Eindruck, alles wäre in bester Ord-
nung. Sogleich stieg die Hoffnung in ihm auf, daß er Er verkroch sich in einem Gebüsch.
mit dem Erklimmen dieser Anhöhe wieder in seine ei- Die Verfolger schwärmten um sein Versteck herum,
gene Welt geraten war. Genau an der richtigen Stelle und ihre Schritte knirschten im Kies des Bachbettes.
schimmerte dort drüben das hohe Gebäude des Opa- Das im gleißenden Licht liegende Gebüsch schien
len Kreuzes. Allerdings waren da noch einige dunkle- ihm kaum ein ausreichendes Versteck zu sein — aber
re Gebäude zu sehen, die ihm unbekannt waren. er durfte jetzt keine unbedachte Bewegung riskieren.
Die Verbindungsbrücke der beiden Welten schien Stück für Stück hob er langsam den Kopf und späh-
in absoluter Dunkelheit zu liegen. Irgendwie mußte es te durch die Zweige; plötzlich merkte er, daß seine
ihm gelingen, eine Seite dieser Brücke zu erreichen. rechte Hand den kleinen, metallischen Zylinder um-
Wo aber befand sich das gigantische Gebäude des klammerte, den er zuvor in der Tasche seiner Kleidung
Blue Lorraine? Und wo waren die anderen Wolken- entdeckt hatte. Er hatte ihn wohl im Verlauf der Flucht
kratzer, deren Anblick ihm so vertraut war und deren in einer Reflexbewegung aus der Tasche gezogen.
Umrisse sich in dieser klaren Nacht abzeichnen muß- Er betrachtete das Ding und fragte sich, ob es wohl
ten? eine Art Waffe sein mochte. Der Zylinder hatte zwei
Sein Blick fiel auf ein hohes, dunkles Gebäude, des- Hebel, deren Bedeutung ihm vollkommen schleierhaft
sen Höhe sogar noch die des Blue Lorraine zu über- war. Vielleicht konnte er dieses Ding im letzten Au-
steigen schien. In seinem Mittelpunkt ragte ein hoher genblick irgendwie zur Anwendung bringen.
19 TERRA

Das Rascheln von trockenem Laub drang an sein Thorn?


Ohr, und. er spähte vorsichtig durch die Zweige. Am Das war ein Problem für sich — zwar erst ein paar
anderen Ufer des ausgetrockneten Bachbettes stand ei- Stunden alt, aber dennoch voller Möglichkeiten, die
ne Gestalt. an den Nerven zerrten.
Das gleißende Licht fiel auf die graue Uniform, und Mit einer nervösen Bewegung zog er den Zettel aus
an der Schulter prangte ein schwarzer Stern. der Tasche, den er vor kurzem auf Thorns Schreibtisch
Thorn beugte sich ein wenig vor und schob die in ihren gemeinsamen Büroräumen gefunden hatte.
Zweige des Busches auseinander. Es war eine kurze Nachricht von Thorn — aber nie-
Der Mann wandte sich um, und nun war sein Ge- mand hatte gesehen, wann und wie Thorn sie auf den
sicht zu erkennen. Schreibtisch gelegt hatte.
Thorn stockte der Atem. „Eine Angelegenheit von höchster Wichtigkeit ist
„Clawly!“ stieß er krächzend hervor, indem er aus aufgetaucht. Ich muß diese Sache allein in Ordnung
der Deckung sprang. bringen. Verschiebe alle anderen Dinge bis zu meiner
Im ersten Augenblick blieb Clawlys Gesicht voll- Rückkehr.
kommen ausdruckslos. Dann sprang er mit katzenhaf-
ter Behendigkeit zur Seite. Thorn stolperte auf dem Thorn.“
Kiesgrund des Bachbettes, und der metallische Zylin-
der entglitt seiner Hand. Zweifellos war es Thorns Handschrift, aber irgend-
wie kam es Clawly vor, als hätte Thorn diese Zeilen
Clawly zog irgendeine Waffe und richtete sie auf
unter irgendeinem fremden Einfluß geschrieben. Die
Thorn. Ein leises Zischen war zu hören, und Thorn
Nachricht selbst war an sich nichts weiter als ein Er-
spürte einen bohrenden Schmerz in seiner rechten
suchen um Zeitaufschub.
Schulter.
Er blieb am Boden liegen, und der Schmerz verteil- Andererseits paßte es irgendwie zu Thorn, daß er
te sich von der Schulter her über seinen ganzen Kör- eine Sache allein in Angriff nahm, wenn er im Augen-
per. Seine Schulter schien von einer glühenden Nadel blick keinen anderen Ausweg sah.
getroffen zu sein, die ihn am Boden festnagelte. Es wäre natürlich höchst einfach für Clawly gewe-
Langsam hob er den Kopf — und jetzt drängte sich sen, die Anweisung der Nachricht zu befolgen und alle
ihm die furchtbare Erkenntnis auf. weiteren Maßnahmen auf der Stelle fallenzulassen. Er
Clawly — dieser Clawly — lächelte. hatte jedoch bereits eine großangelegte Suchaktion in
die Wege geleitet und sich dabei an die betreffenden
7. Behörden und Dienststellen gewandt.
Seine Fäuste trommelten auf der Schreibtischplatte.
Clawly gab das fruchtlose Suchen auf und hockte Die wissenschaftlichen Untersuchungen?
sich auf Oktavs Schreibtisch. Sein Gesicht glich einer
Nun, in dieser Beziehung waren ihm durch Thorns
starren Maske. Der Raum befand sich genau im glei-
Verschwinden und durch die Entscheidung des Welt-
chen Zustand, wie er ihn am Morgen verlassen hat-
komitees die Hände gebunden, so daß er auf diesem
te. Die Tür zum Korridor war nur angelehnt, und über
Gebiet kaum etwas unternehmen konnte. Außerdem
dem Stuhl hing Oktavs dunkler Morgenrock; die Tür
war er inzwischen zu der Überzeugung gekommen,
zum Nebenzimmer stand offen, und es schien, als hät-
daß diese wissenschaftlichen Untersuchungen viel zu
te Oktav den Raum nur zu einer kurzen, beiläufigen
langwierig waren, um unter den gegebenen Verhält-
Erledigung verlassen.
nissen zu irgendwelchen brauchbaren Resultaten zu-
Clawly fragte sich, welcher Impuls ihn zur Rück- führen.
kehr an diesen Ort bewogen haben mochte. Gewiß, er
hatte hier eine Anzahl höchst beunruhigender Dinge Das Weltkomitee?
aufgestöbert. Da war zunächst einmal die Handschrif- Wie konnte er diese Männer überzeugen, wenn ihm
tensammlung auf Pergamentblättern, die aus dem Mit- das trotz aller Beredsamkeit in der vergangenen Nacht
telalter zu stammen schien. Auch ein paar andere Ge- nicht gelungen war?
genstände dürften wohl der gleichen Zeitepoche ent- Seine eigenen Gedanken? Wie konnte er auf diese
stammen. Weise zum Angriff übergehen?
Clawly suchte nach einem konkreten Anhaltspunkt, Seine Überzeugung wurde immer stärker: es muß-
der ihm zur Lösung des vor ihm liegenden Problems te irgendwelche dunklen Pfade geben, die von seinem
dienen könnte. Unterbewußtsein in eine fremde Welt führten — und
Nach wie vor war er überzeugt, daß dieser Raum einer dieser Pfade mochte ihn zu seiner Doppelexi-
der Zentralpunkt eines weiten Netzes war, eine Art stenz führen, die er instinktiv ahnte. Wenn es ihm ge-
Schlüssel zur Lösung des ganzen Problems — aber lang, seine Gedanken auf einen solchen Punkt zu kon-
er hatte nicht die geringste Ahnung, wie er diesen zentrieren, dann mußte es ihm möglich sein, einen die-
Schlüssel anwenden sollte. ser dunklen Pfade zu betreten.
Welten des Grauens 20

Diese Wege schienen von dunklen Punkten in sei- Eine vorgetäuschte Invasion vom Mars!
nem Unterbewußtsein auszugehen. Wenn Thorn sich Dazu brauchte man nur die Berichte der ersten Ex-
tatsächlich in jene Welt begeben hatte, dann konnte er pedition zum Mars ein wenig zurechtzubiegen — das
ihm nur auf einem solchen Weg folgen. geheimnisvolle Verschwinden von Raumschiffen —
Damit würde er der Lösung des eigentlichen Pro- die Annäherung einer unbekannten Invasionsflotte —
blems jedoch auch nicht näherkommen, denn es war Gerüchte von wilden Kämpfen, die sich im Weltraum
ein Schritt ins Ungewisse — vielleicht ein allerletzter abspielten...
Ausweg. Firemoore von der Interplanetarischen Gesellschaft
Zur Lösung eines Problems mußte man Tatsachen war sein Freund, der an seine Theorien glaubte. Au-
in die Hand bekommen — Tatsachen, mit denen etwas ßerdem war Firemoore ein Mann, der vor keinem Ri-
anzufangen war. siko zurückschreckte. In seiner Abteilung gab es viele
Das Trommeln auf der Schreibtischplatte ver- junge Männer, die aus dem gleichen Holz geschnitzt
stummte. waren.
Ging ihm dieser Raum etwa an die Nerven? Dieser Auf diese Weise konnte es sich ermöglichen lassen!
Raum, in dem es eine Kette zu geben schien, die die Unvermittelt schüttelte Clawly den Kopf. Das Ge-
Vergangenheit mit der Zukunft verband, und der selbst rücht von einer solchen Invasion war ein verbrecheri-
zeitlos blieb? sches Unterfangen. Ein solcher Plan war einfach nicht
Jetzt gab es hier keinen Oktav, der ihm vielleicht durchzuführen, und vielleicht beruhte er auf irgendei-
den rechten Weg zeigen könnte. nem hypnotischen Einfluß, den Oktav auf ihn ausübte.
Das Problem selbst schien ganz unkompliziert zu Und dennoch...
sein: die Erde wurde von irgendwoher bedroht. Nein! Er mußte einen anderen Weg finden.
Aber wo konnte er ansetzen? Er glitt vom Schreibtisch und wanderte durch den
Er beugte sich über den Schreibtisch und schal- Raum. Opposition! Das war es, was er brauchte, einen
tete das Video-Gerät ein. Nacheinander glitt sein konkreten Gegner, den er bekämpfen konnte.
Blick über die einzelnen Abteilungen des Blue Lor- Unvermittelt blieb er stehen und fragte sich, warum
raine, über die endlosen Korridore dieses gigantischen er nicht schon früher auf diesen Gedanken gekommen
Gebäudes. Die Vergnügungs- und Erholungszentren war.
tauchten auf, in denen sich die Menschen auf man-
Es gab da zwei Männer, die sich von jeher gegen
nigfache Weise die Zeit vertrieben. Da war die Schul-
ihn und Thorn gestellt hatten und die ihre gemein-
abteilung mit den Lehrräumen der Kinder, da waren
samen Theorien nach besten Kräften unterminierten.
die riesigen Werkhallen mit ihren gewaltigen Produk-
Zwei Männer, die sich fast wie persönliche Feinde ver-
tionsstätten. Da waren die riesigen Küchenräume, in
halten hatten.
denen die Köche und Köchinnen geschäftig umhereil-
ten. Da waren schließlich die Spielsäle, in denen je- Zwei Mitglieder des Weltkomitees.
derzeit fröhliches Gelächter herrschte. Conjerly und Tempelmar!
All das waren die Attribute eines freien, glückli- Clawly machte sich sogleich mit seinem Flugkörper
chen Lebens. Ja, es war eine reiche, sorglose Welt, die auf den Weg zu Conjerlys abgelegenem Heim. In nied-
nichts von dem Abgrund ahnte, der jetzt vor ihr gähn- riger Höhe schwebte er über ein grünes Waldstück,
te. und dabei scheuchte er ein Eichhörnchen auf, das ha-
Die Menschen gingen ihren Vergnügungen nach, stig unter einem Baumwipfel verschwand.
ohne sich um etwas anderes zu kümmern. Kurze Zeit später landete er vor Conjerlys Haus in
Der Tanz auf dem Vulkan! einem weiten Olivenhain.
Clawlys Gesicht zuckte. Er kam sich vor wie eine Hier war es sehr still. Ein paar Bienen summten
jener alten Gottheiten, die von den olympischen Hö- über den Blumenbeeten, deren süßer, durchdringender
hen auf eine untergehende Welt hinabschauten. Geruch schwer in der Luft hing. Das ganze Gelände
Wenn er doch diese unbekümmerten Menschen auf- lag im prallen Sonnenschein.
rütteln und ihnen die drohende Gefahr zeigen könnte! Clawly trat ruhig auf die Haustür zu. Seine Hand
Oktavs Worte kamen ihm in den Sinn. trennte den waagerecht angebrachten Lichtstrahl,
„Bewaffne diese Welt, damit sie den Jägern nicht und im Inneren des Hauses läutete eine melodische
wie ein wehrloses Opfer in die Hände fällt. Du mußt Glocke. Als sich nichts rührte, versuchte er es ein
ihnen irgendeinen Grund nennen — ihnen die Gefahr zweites Mal.
vor Augen führen — Mars...“ Noch immer blieb im Haus alles ruhig.
Mars! Clawly wartete.
Nach Oktavs plötzlichem Verschwinden hatte Die absolute Stille dieses Hauses zerrte an sei-
Clawly nicht weiter über diese Anspielung nachge- nen ohnehin schon überreizten Nerven. Solche Wald-
dacht, aber nun kam sie ihm mit einem Mal zu Be- grundstücke lagen weitab von jeglichem Verkehr und
wußtsein. waren nur durch die Luft zu erreichen.
21 TERRA

Da vernahm er ein schwaches, rhythmisches Ge- Der Schläfer murmelte vor sich hin. Clawly beugte
räusch, das zunächst vom Summen der Bienen über- sich dicht über seinen Mund. Die gestammelten, unzu-
tönt worden war. Dieses Geräusch kam aus dem Haus. sammenhängenden Worte schienen aus einer anderen
Es waren verhaltene Schnarchtöne, deren Intervalle Welt zu kommen.
unnatürlich lang schienen. „... Zeitveränderungs-Maschine — Invasion — drei
Clawly zögerte einen Augenblick; dann duckte er Tage — wir — verhindern Maßnahmen — bis...“
sich unter den Lichtstrahl und betrat das Haus. Ein leises, verhaltenes Geräusch von der Tür ließ
Vorsichtig schlich er den weiten, dunklen Korridor Clawly herumwirbeln.
entlang. Die Schnarchlaute wurden stärker, und sie Im Türrahmen stand die hohe, kräftige Gestalt von
führten ihn an die dritte Tür. Tempelmar.
Nachdem sich seine Augen ein wenig auf das Halb-
Mißtrauisch und feindselig starrte er Clawly an.
dunkel eingestellt hatten, erblickte er die Gestalt eines
Mannes, der der Länge nach auf dem Rücken auf einer Im nächsten Augenblick hatte er sich jedoch schon
Couch lag. Seine Hände hingen kraftlos zu beiden Sei- wieder gefangen. Sein Gesicht war jetzt vollkommen
ten herab, und sein Gesicht schimmerte wie ein heller ruhig, und er hob ein wenig die Augenbrauen.
Punkt. Die Brust hob und senkte sich in regelmäßigen „Nun?“
Abständen. Wieder kam ein leises Geräusch.
Clawly zog den Fenstervorhang zurück und wandte Clawly wich einen Schritt zurück, so daß er jetzt
sich der Couch zu. beide Männer im Blickfeld hatte.
Auf dem Fußboden stand eine Flasche. Conjerly richtete sich auf und rieb sich das Gesicht.
Clawly nahm sie auf und roch daran. Hastig stellte Dann ließ er die Hände fallen und starrte Clawly mit
er sie wieder ab, denn es war ein Narkotikum. seinen kleinen Augen an.
Er rüttelte den Schläfer bei den Schultern, zunächst „Na?“ fragte er scharf. Es war ein Ausdruck, der
behutsam, dann immer kräftiger. nicht so recht zu dem Mann paßte, der eben noch in
Die Schnarchtöne hielten unvermindert an. betäubtem Schlaf auf der Couch gelegen hatte.
Conjerlys Gesicht hatte auf den ersten Blick einen In Clawlys Ohren klangen noch immer die seltsa-
vollkommen leeren, nichtssagenden Ausdruck. Erst men Worte, die er eben gehört hatte.
bei genauerem Hinsehen erkannte Clawly die Züge Abwesend stammelte er ein paar Worte der Ent-
dieser eigenwilligen Persönlichkeit. schuldigung.
Je länger Clawly diese Gesichtszüge studierte, de-
„Bin nur vorbeigekommen, um das Programm noch
sto mehr festigte sich in ihm die Überzeugung, daß
einmal zu besprechen — habe Sie schnarchen gehört
sein plötzlicher Verdacht, der sich vorhin in Oktavs
— bin einfach ins Haus gekommen...“
Büro in ihm gemeldet hatte, vollkommen unbegrün-
det war. Das war genau der Conjerly, den er seit je- Er war sich vollkommen klar darüber, daß er hier
her gekannt hatte. Es war vielleicht ein allzu nüchtern mit einem direkten Angriff dieser beiden Männer
denkender Mann; die feinen Fältchen in seinen Mund- rechnen mußte, die ihn in einer fatalen Situation über-
winkeln deuteten an, daß er eine Art Schwätzer war, rascht hatten. Und in diesem Augenblick kam er zu
der gern leeres Stroh drosch. Aber vom Einfluß eines einem endgültigen Entschluß.
fremdartigen Wesens war nicht die geringste Spur zu Er mußte Firemoore aufsuchen.
entdecken.
Der Rhythmus der Atemzüge veränderte sich. Der 8.
Schläfer bewegte sich ein wenig. Seine Hand kam
hoch und strich über die Brust. Mit gesenktem Kopf und gebeugten Schultern kau-
Clawly schaute bewegungslos zu. Von draußen erte Thorn in seiner dunklen Zelle. Sein rechter Arm
drang die sommerliche Hitze ins Haus. war noch immer gelähmt und baumelte kraftlos her-
Der Schläfer warf sich auf seinem Lager herum, und ab. Das ganze hohe Gebäude des Schwarzen Sterns,
seine Hand fuhr unruhig zum Halsausschnitt seines in dessen oberen Regionen „sie“ hausten, schien auf
Morgenmantels. seinen Schultern zu lasten.
Eine weitere Veränderung trat ein. Es kam Clawly Sein Inneres war aufgewühlt; gegen seinen Willen
vor, als würde sich Conjerlys Gesicht, wie er es kann- war er in diese tyrannische Welt geraten; dieser Kör-
te, in sich selbst zurückziehen und in einem uferlosen per gehörte ihm gar nicht, und seine Gedanken konn-
Nichts versinken, wobei nur eine leere, starre Maske ten den gewohnten Bahnen nicht mehr folgen.
zurückblieb. Der menschliche Verstand ist unermüdlich — ein
Diese Maske wurde urplötzlich von einem völlig Instrument zum unermüdlichen Denken und Träumen.
anderen Gesicht verdeckt, dessen Züge von offener, Thorn kämpfte weiterhin gegen den fremdartigen
unverhohlener Feindschaft sprachen. Eine grimmige Einfluß an, und er versuchte, ein wenig Ordnung in
Entschlossenheit lag in diesen Zügen. seine Gedanken zu bringen. Vielleicht gelang es ihm
Welten des Grauens 22

auf diese Weise, irgendeinen Plan zu schmieden. In „Du darfst es als Kompliment auffassen“, sagte
erster Linie beschäftigte er sich mit dem rätselhaften Clawly II. „Ich werde dich persönlich den Dienern des
Problem, wie er es wohl ermöglichen konnte, in seine Volkes überantworten. In deinem Fall liegt die Ent-
eigene Welt zurückzukehren. scheidung über dein weiteres Schicksal vollkommen
Er sagte sich, daß er dabei irgendwie den Verstand in ihren Händen.“ Er lachte leise in sich hinein, aber
benutzen mußte, den er in Welt I besessen hatte — um es klang keineswegs bösartig.
ihr einen Namen zu geben — genau wie Thorn II — Der Ausdruck auf den Gesichtern der beiden uni-
um sich selbst einen Namen zu geben — versuchen formierten Wärter ließ erkennen, daß sie ihr Leben in
mußte, den Schlüssel zur Erinnerung in seinem eige- jahrelangem, unbedingtem Gehorsam verbracht hat-
nen Verstand zu finden. Diese Gedanken mußten zu ten. Bei Clawlys Worten verzogen sie keine Miene.
irgendeinem Entschluß führen; unter keinen Umstän- Thorn rappelte sich langsam hoch; er schwankte auf
den durften sie sich ins Leere verlieren. die Tür zu, und damit ergab er sich in ein unabwend-
Wenn Universum I und II — um ihnen einen Na- bares Schicksal. Er kam sich vor wie ein Schauspieler
men zu geben — voneinander völlig unabhängig wa- in einer ihm bisher unbekannten Rolle.
ren, so konnte weder in Zeit noch Raum eine Verbin-
Sie schritten den langen Korridor hinunter, und die
dung zwischen ihnen bestehen. Sie waren sich weder
beiden uniformierten Wärter folgten ihnen auf den
nahe, noch waren sie voneinander entfernt.
Fersen.
Zwischen ihnen gab es nur die Verbindung der Ge-
danken identischer Wesen, und eine derartige Verbin- „Du machst eigentlich den Eindruck eines recht
dung stand außerhalb aller menschlichen Begriffe. armseligen Attentäters, wenn meine harte Kritik ge-
stattet ist“, sagte Clawly II nach einer Weile. „Es war
Seine Transition zur Welt II schien sich von einem
eine recht ungeschickte Maßnahme von dir, in einem
Augenblick zum anderen abgespielt zu haben, und
höchst ungeeigneten Augenblick meinen Namen zu
daraus ging logischerweise hervor, daß beide Welten
rufen. Dann hast du deine Waffe einfach in das Bach-
irgendwie übereinander gelagert sein mußten. Es kam
bett geworfen. Nein, du kannst wirklich nicht behaup-
also lediglich auf den Standpunkt an, ob er sich in der
ten, dich besonders geschickt verhalten zu haben. Ich
einen oder in der anderen Welt befand.
fürchte, du bist deinem Ruf als der gefährlichste Sa-
So nah — und dennoch so fern. In dieser diaboli- boteur unserer Welt ganz und gar nicht gerecht gewor-
schen Gleichheit brauchte man nur aus einem schwe- den. Na ja, vielleicht bist du irgendwie verwirrt gewe-
ren Traum zu erwachen — und die Dunkelheit seiner sen.“
Zelle verstärkte diesen Eindruck noch. Er brauchte nur
Thorn spürte, daß hinter diesen Worten mehr steck-
all seine geistigen Kräfte aufzubieten, um einen Stand-
te, als es zunächst den Anschein hatte. Zweifellos hat-
punktwechsel zwischen sich selbst und Thorn II zu er-
te Clawly II längst bemerkt, daß hier irgend etwas
zwingen.
nicht stimmte, und nun versuchte er herauszufinden,
Er versuchte, seine Gedanken durch die dunkle
was das sein mochte.
Ewigkeit zu konzentrieren und irgendeinen Weg zu
finden, dem er folgen konnte, aber er fand alle diese Thorn war auf der Hut. In der Dunkelheit seiner Zel-
Wege blockiert; es war, als würde sich Thorn II mit le hatte er den festen Entschluß gefaßt, unter keinen
aller Macht gegen ihn stemmen. Unbewußt fragte er Umständen zuzugeben, daß er aus einer anderen Welt
sich, ob die Welt I vielleicht nur in seinen sehnsüchti- stammte. Vielleicht würden sie ihn für verrückt erklä-
gen Träumen bestand, um dieser tyrannischen Welt zu ren — und das konnte ihm nur recht sein. Er war sich
entfliehen, in der es nur Unterdrückung und Leid gab. allerdings klar darüber, daß er wohl kaum damit rech-
nen konnte.
Wenn es irgendeinen Schlüssel zur Rückkehr in je-
ne ersehnte Welt gab, so vermochte er ihn jedenfalls Clawly II musterte ihn mit einem neugierigen Sei-
nicht zu finden. tenblick.
Die Zellentür wurde geöffnet, und auf der Schwel- „Du bist ziemlich schweigsam, wie? Wenn ich mich
le stand der andere Clawly. Gegen den hellen Hinter- recht erinnere, hast du mich bei unserem letzten Zu-
grund des Ganges zeichneten sich die dunklen Gestal- sammentreffen mit recht bitteren Worten angegriffen,
ten von zwei uniformierten Wärtern ab. aber vielleicht hast du damit nur meine Überzeugung
Dieser Clawly glich dem anderen aufs Haar, und die erschüttern wollen, wie? Bist du inzwischen vielleicht
absolute Ähnlichkeit war so verblüffend, daß Thorn zu der Einsicht gekommen, daß du mit deiner Haltung
fast aufgesprungen wäre, um ihn freudig zu begrüßen. gar nichts erreichen kannst? Ich fürchte, eine solche
Es kam ihm zu Bewußtsein, daß auch die Gedan- Einsicht wäre vollkommen verspätet.“
ken dieses Clawly mit jenem Clawly verbunden wa- Sie setzten den Weg fort.
ren, den er in seiner eigenen Welt seinen besten Freund „Du mußt bedenken, daß du es bist, der mich haßt.
nannte. Es war ein schwindelerregender Gedanke. Ich selbst hasse niemanden.“ Clawly II warf einen
Wie fasziniert starrte er in dieses grimmige, eisen- Blick auf Thorns Gesicht und auf den lose herabbau-
harte Gesicht. melnden Arm. „O ja, mitunter muß ich den Menschen
23 TERRA

Schmerzen zufügen, aber das liegt dann an den gege- erleichtertes Aufatmen, als sie erkannten, daß Claw-
benen Umständen und nicht an mir. Es ist mein er- ly II nicht ihretwegen gekommen war. Auch die bei-
strebtes Ideal, mich jederzeit nach den Umständen zu den uniformierten Wärter schienen erleichtert zu sein,
richten und mich dabei niemals von meinen Gefühlen als Clawly II sie mit einer knappen Handbewegung
beeinflussen zu lassen — weder von Liebe, Haß noch entließ.
von Verantwortung. Es genügt mir vollkommen, die Thorn erhaschte noch einen weiteren Blick, den er
jeweilige Lage zu meistern.“ sich zunächst nicht recht erklären konnte. Dieser Blick
Thorn zuckte ein wenig zusammen. Diese Worte war nicht auf Clawly II gerichtet, sondern auf ihn
entsprachen genau denen, die Clawly I oftmals aus- selbst. Er kam von einem Mann im grauen Arbeitsan-
sprach, wenn er über irgend etwas besonders erbittert zug, dessen Gesicht er weder aus dieser noch aus sei-
war. Dieser Mann bemühte sich offensichtlich, etwas ner eigenen Welt zu kennen schien. Der Blick schien
aus ihm herauszuholen, denn sonst hätte er niemals so Sympathie und merkwürdigerweise auch eine gewisse
frei und offen zu ihm gesprochen. treue Anhänglichkeit auszudrücken.
Clawly II verspürte ihm gegenüber eine ungewohn- Wenn Thorn II auf dieser Welt tatsächlich eine
te Sympathie, und er versuchte, eine Erklärung für die- Art Rebellenführer war, dann waren ein solcher Blick
ses merkwürdige Gefühl zu finden. Vielleicht war die und eine derartige Haltung nur zu verständlich. Thorn
Unabhängigkeit der Gedanken und Empfindungen von fragte sich betroffen, ob er durch sein Unterfangen
identischen Wesen doch nicht so groß, wie es zunächst wohl eine Untergrundbewegung verraten hatte.
den Anschein gehabt hatte. Vielleicht drangen die Ge- Clawly II war den Männern hinter den Schreibti-
danken und Empfindungen von Clawly I bis zu Clawly schen augenscheinlich gut bekannt.
II durch. „Ich bringe diesen Mann in die Halle der Diener
Das alles war außerordentlich verwirrend, und des Volkes“, sagte er nur kurz, und dann durfte er den
Thorn atmete erleichtert auf, als sie jetzt einen großen Raum unbehelligt passieren.
Saal betraten, denn damit fand er Gelegenheit, ein we- Sie kamen wieder auf einen weiten Gang, und
nig länger über seine Antworten zu dieser Vielzahl von hier war die Szenerie vollkommen verändert. Nach
Fragen nachzudenken. wenigen Schritten erreichten sie einen subtronischen
Schacht.
Der Raum bot einen faszinierenden Anblick; er
schien wie durch einen dicken, weißen Strich am Bo- Ein verstohlener Seitenblick auf Clawly II zeigte
den in zwei Kammern aufgeteilt zu sein, und über die- Thorn, daß er sich den Anschein geben mußte, als wä-
sem Strich schien ein unsichtbares Schild zu hängen: ren ihm diese technischen Errungenschaften des sub-
tronischen Zeitalters völlig unbekannt.
ÜBERSCHREITEN VERBOTEN! Seit seinem unerwarteten Eintreffen in Welt II be-
gannen Thorns Gedanken zum erstenmal einer klaren
Linie zu folgen. Vielleicht kam das von dem vertrau-
Auf der einen Seite hockte eine Anzahl von Men-
ten Anblick dieses subtronischen Schachtes.
schen auf harten Holzbänken; die meisten von ihnen
trugen den üblichen grauen Arbeitsanzug, während ei- Augenscheinlich waren die modernen Einrichtun-
nige in dunkle Uniformen gehüllt waren. Offensicht- gen der subtronischen Kräfte diesseits der Trennungs-
lich warteten sie hier auf etwas — auf Befehle, Ge- linie einer kleinen Elitegruppe vorbehalten. Auf der
nehmigungen, Urteile, Besprechungen. Es war das ty- anderen Seite der Linie hatte er nicht den geringsten
pisch gelangweilte Aussehen von Menschen, die war- Anhaltspunkt für eine solche Technik vorgefunden.
ten mußten. Das dürfte wohl auch die Erklärung dafür sein, daß
den Arbeitern und Soldaten auf der anderen Seite der
„Sie wußten nichts!“ Diese Worten drängten sich
Linie der Sinn und Zweck der von ihnen hergestell-
Thorn in den Sinn, als er sie betrachtete.
ten Geräte und Instrumente völlig unbekannt war. Da-
Auf der anderen Seite saßen sechs Männer hinter mit dürften weiterhin die großen Arbeitsleistungen er-
ihren Schreibtischen. Sie verkörperten hier die abso- klärt sein, die von den Leuten gefordert wurden: der
lute Autorität. Ihre Kleidung unterschied sich kaum Lebensstandard der beiden Gruppen unterschied sich
von der der anderen Menschen, und die Ausstattung wesentlich voneinander, und somit waren die einzel-
des Büroraumes war von spartanischer Einfachheit. In nen Nachschubfragen nicht leicht zu lösen.
ihrer ganzen Haltung und in ihren Blicken war die ge- Wie mochte es um das Verhältnis von Welt I zu Welt
waltige Kluft zu erkennen, die zwischen ihnen und II stehen?
den auf der anderen Seite wartenden Menschen klaff- Es mußte irgendeine enge Verbindung zwischen ih-
te. Zwei Worte genügten Thorn, um das alles zu be- nen bestehen, denn es war völlig undenkbar, daß zwei
schreiben: getrennte und voneinander unabhängige Welten zur
„Sie wußten!“ gleichen Zeit ein Opales Kreuz, einen Thorn, einen
Das unvermutete Auftauchen von Clawly II schien Clawly und viele andere Übereinstimmungen besa-
unter den wartenden Menschen eine Sensation hervor- ßen. Wenn man diese Möglichkeit einräumen wollte,
zurufen. Thorn sah ihre furchtsamen Blicke und ihr dann konnte man auch gleich alles andere einräumen.
Welten des Grauens 24

Nein — Welt I und Welt II mußten aus einer Ver- bin. Das war der Tag, an dem ich zum erstenmal merk-
änderung des Zeitablaufs resultieren, wie immer diese te, daß ich Ich war, und daß alles andere nur von den
Veränderung auch beschaffen sein mochte. Außerdem jeweiligen Umständen abhing.“
durfte diese Veränderung des Zeitablaufs auch erst vor Thorn schauderte. Einerseits hatte er diesen Mann
verhältnismäßig kurzer Zeit stattgefunden haben, denn nun durchschaut, und andererseits konnte er jetzt den
wiederum war es undenkbar, daß diese beiden Welten Zeitpunkt der Veränderung des Zeitablaufs festlegen.
von Doppelwesen bewohnt wurden, wenn die Verän- Alles in ihm lehnte sich dagegen auf.
derung bereits vor hundert oder mehr Jahren durchge- „Die Welt bietet nicht Raum genug für zwei Men-
führt worden wäre. schen mit dieser Einstellung“, sagte er in bitterer Her-
Diese Veränderung im Zeitablauf mußte — natür- ausforderung.
lich! — zu jenem Zeitpunkt stattgefunden haben, als „Gewiß — aber für einen“, erwiderte Clawly II la-
Welt I von schweren Alpträumen heimgesucht wurde. chend. Er runzelte die Stirn und fuhr zögernd fort,
Dieser Zeitpunkt lag etwa dreißig Jahre zurück. als wäre es gegen seinen Willen: „Warum willst du
Thorn schüttelte ungläubig den Kopf. Wie konnten es eigentlich nicht auch mal versuchen? Deine einzige
sich zwei Welten in einer so verhältnismäßig kurzen Chance bei den Dienern des Volkes besteht darin, daß
Zeitspanne so weit voneinander entfernen? du dich ihnen als nützliches Werkzeug erweist. Da-
Die eine Welt war frei, während in der anderen eine bei mußt du immer daran denken, daß auch sie nur
grausame Tyrannei herrschte. In der einen Welt lebten einen Umstand darstellen, dem man sich eben anpas-
gute und anständige Menschen, während das Volk der sen muß.“
anderen von einer kleinen Gruppe von emotionellen Im ersten Augenblick hatte Thorn das Gefühl, als
Ungeheuern völlig unterdrückt wurde. Es war unvor- würde Clawly I ihn durch die Augen von Clawly II
stellbar, daß die Natur von Menschen, die man achtete ansehen. Als er sich noch bemühte, ein wenig Klar-
und liebte, einzig und allein von den gegebenen Um- heit in diese Vielzahl der auf ihn eindringenden Ge-
ständen abhängen sollte. danken und Empfindungen zu bringen, erreichten sie
Und dennoch: die moderne Welt unterlag einem eine weite Plattform. Clawly II ergriff seinen Arm und
ständigen Wandel. Oftmals hatte es Kriege gegeben, führte ihn zu einem schmalen Gang.
die vollkommen unerwartet ausgebrochen waren. In- „Von jetzt ab gibt es keine weitere Unterhaltung“,
nerhalb weniger Wochen und Monate hatte es in den sagte er warnend. „Denk’ immer an meinen Rat.“
technischen Bereichen wahre Revolutionen gegeben. Sie erreichten einen Doppelposten.
In Welt I war die Erfindung und Entwicklung „Ein Mann für die Diener des Volkes“, sagte Clawly
der subtronischen Technik zum Wohl der gesamten II knapp, und sie durften passieren.
Menschheit angewandt worden, während sich die Re- Am Ende des Korridors kamen sie an eine graue Tür
gierung der Welt II das alles selbst vorbehalten hatte ohne Nummer oder Aufschrift. An der Wand befand
und als strenges Geheimnis hütete. sich eine kleine, unscheinbare Seitentür.
Es mußte eine Möglichkeit zur Probe geben. Clawly II berührte irgendeinen verborgenen Knopf,
„Erinnerst du dich noch an unsere gemeinsame und die Seitentür öffnete sich. Thorn folgte ihm über
Kindheit?“ fragte Thorn unvermittelt. „Wir haben stets die Schwelle. Nach ein paar Schritten über einen
zusammen gespielt und uns wiederholt ewige Freund- dunklen Gang erreichten sie eine weite Halle.
schaft geschworen.“ Clawly II blieb stehen und bediente wieder irgend-
Sie kamen an einigen hell erleuchteten Korridoren einen Knopf. Die kleine Tür fiel hinter ihnen ins
vorüber, und Clawly II wandte sich seinem Gefange- Schloß.
nen zu. Clawly II lehnte sich zurück, und um seine Mund-
winkel spielte ein leises Lächeln.
„Du wirst also doch weich“, entgegnete er über-
rascht. „Das hätte ich von dir eigentlich nicht erwartet.
9.
Ja, natürlich erinnere ich mich daran.“
„Und dann etwa zwei Jahre später“, fuhr Thorn un- Der Saal war von spartanischer Einfachheit und ent-
beirrt fort. „Unser Segelflugzeug stürzte in den See. hielt nur ein Mindestmaß an Mobiliar. Die glatten,
Beim Absturz verlor ich das Bewußtsein, so daß du grauen Wände wirkten vollkommen nackt.
mich retten und zum Ufer schaffen mußtest.“ Elf Männer saßen an einem hufeisenförmigen
Clawly II lachte, aber die Falten in seinen Augen- Tisch. Ihre graue, uniformartige Kleidung war denk-
winkeln vertieften sich. Er schien irgendwie irritiert bar schlicht. Einige Männer hatten kahle Köpfe, wäh-
zu sein. rend bei anderen graue oder schlohweiße Haare zu se-
„Hast du wirklich geglaubt, ich hätte dich gerettet? hen waren — aber alle Männer waren sehr alt. In stei-
Na, das steht in krassem Widerspruch zu der Art, wie fer Haltung saßen sie auf ihren Stühlen.
du mich später behandelt hast. Nein, es dürfte dir wohl Thorn überflog die Männer mit einem Blick, und zu
bekannt sein, daß ich damals zum Ufer geschwommen seiner Überraschung mußte er sich eingestehen, daß
25 TERRA

diese Diener des Volkes keineswegs bösartig oder un- Mitte nahmen. Während der nächsten halben Minute
heilvoll aussahen. geschah gar nichts.
Bei genauerem Betrachten fragte er sich jedoch, ob Unvermittelt lief ein Schauer durch Conjerly. Er
nicht etwas viel Schlimmeres dahinterstecken moch- wäre unweigerlich zu Boden gestürzt, wenn die bei-
te. Eine puritanische Grausamkeit, die keinen Raum den Wärter ihn nicht gestützt hätten. Keuchend und
für Humor ließ. Das übersteigerte Bewußtsein einer kraftlos hing er in ihren Armen.
Verantwortung, als würden alle Sorgen der Welt aus- Als er den Kopf hob, hatte sein Gesicht einen völlig
schließlich auf ihren Schultern ruhen. Eine väterliche veränderten Ausdruck. Er machte auf Thorn den Ein-
Autorität, die alle anderen als unverantwortliche Kin- druck eines kranken, halbbetäubten Mannes.
der betrachtete. Das Aussehen von selbstlosen Die- „Wo... was...“, stammelte er mit kaum verständli-
nern war so stark übertrieben, daß es egoistisch anmu- cher Stimme. Die beiden Wärter schoben ihn auf die
tete. Sie waren sich ihrer großen Macht vollkommen Tür zu. Plötzlich wurde sein Blick klarer, und er schi-
bewußt, und die Einfachheit ihrer Kleidung stand in en die Situation zu erkennen. „Ihr dürft mich nicht ein-
krassem Widerspruch zu diesem Bewußtsein. sperren! Ich kann euch alles erklären!“ rief er atem-
Thorn blieb kaum Zeit, diesen Eindruck zu gewin- los und verzweifelt. „Mein Name ist Conjerly, und
nen; er konnte die einzelnen Gesichter der Männer ich bin Mitglied des Weltkomitees.“ Er schaute über
nicht genauer betrachten, obwohl er irgendwie spür- die Schulter zurück, und sein Gesicht war leichenblaß.
te, daß wenigstens ein paar von ihnen mehr oder we- „Wer seid ihr? Was wollt ihr von mir? Warum bin ich
niger vertraut waren. Seine Aufmerksamkeit richtete betäubt worden? Was habt ihr mit meinem Körper an-
sich auf den Mann am Ende des Tisches, auf den alle gestellt? Was wollt ihr mir noch antun? Was...“
Blicke konzentriert waren. Die beiden Wärter schoben ihn durch die Tür hin-
Augenscheinlich gehörte dieser Mann zu ihnen; aus.
Aussehen und Kleidung ließen daran keinen Zweifel Der hagere Vorsitzende senkte den Blick. „Ein be-
aufkommen. dauerlicher Zwischenfall, der allerdings unvermeid-
Dennoch war dieser Mann Conjerly. lich war. Wenn wir die andere Welt erst mal unter Kon-
„Ich muß möglichst rasch zurückkehren“, sagte er. trolle haben, dann werden sich derartige Zwischenfäl-
„Das Betäubungsmittel, das ich in meinen anderen le zum Glück vermeiden lassen — mit Ausnahme je-
Körper eingeatmet habe, wird bald seine Wirksamkeit ner Fälle, an denen Saboteure beteiligt sind.“
verlieren, und wenn der andere das Bewußtsein wie- Die anderen Männer am Tisch nickten schweigend.
dererlangt, ist ein Wechsel nur sehr schwer durchzu- Thorn zuckte zusammen, denn neben ihm erklang
führen. Tempelmar ist dort drüben natürlich auf dem jetzt ein spöttisches Lachen. Es kam völlig unerwar-
Posten, und er könnte dem Körper eine weitere Do- tet.
sis verabreichen, aber das wäre gefährlich. Wir wer-
Alle Augen richteten sich auf diese Ecke. Clawly
den jetzt keinen weiteren Wechsel mehr vornehmen,
II trat lässig einen Schritt vor. „Was soll dieses La-
falls es sich irgend vermeiden läßt. Das Risiko wird
chen bedeuten?“ fragte der Vorsitzende scharf, wäh-
immer größer. Man muß ständig mit der Möglichkeit
rend sich auf seiner Stirn zwei steile Falten bildeten.
rechnen, daß die Geisteskanäle blockiert sind, und in
„Und wer ist das, den Sie da in diesen Saal geschmug-
einem solchen Fall müßte das verheerende Folgen ha-
gelt haben, ohne uns vorher zu informieren? Ich den-
ben.“
ke, wir können darauf warten, daß Sie eines Tages in
„Sehr richtig“, bemerkte ein Mann aus den Reihen der Nichtbeachtung der Vorschriften zu weit gehen.“
der Diener des Volkes; er hatte eine hohe, hagere Ge-
Clawly II nahm nicht die geringste Notiz von dieser
stalt und fungierte hier augenscheinlich als Vorsitzen-
Zurechtweisung. Er trat an den Tisch vor, legte beide
der. „Weitere Wechsel dürften kaum erforderlich sein,
Hände auf die Tischplatte und betrachtete die Männer
denn ich erwarte keine weiteren Schwierigkeiten.“
der Reihe nach.
„Dann darf ich mich also verabschieden“, fuhr Con-
„Ich mußte lachen, denn ich dachte unwillkürlich
jerly fort. „Die Trans-Zeit-Maschine ist bereit, und die
daran, daß Sie in der anderen Welt nur lauter hoff-
Invasion wird in drei Tagen zur festgesetzten Stunde
nungslose Saboteure finden werden. Es dürfte wohl
erfolgen. Bis dahin werden wir das Weltkomitee daran
recht kompliziert sein, sich mit einer solchen Situation
hindern, entsprechende Gegenmaßnahmen in die We-
abzufinden. Halten Sie sich doch einmal die Umstände
ge zu leiten.“
vor Augen. Sie werden wohl kaum eine aridere Wahl
Thorn beugte sich ein wenig vor; er ahnte, was jetzt haben, als die absolute Mehrzahl der Bewohner jener
kommen würde. anderen Welt auszurotten.“
Clawly II legte ihm die Hand auf den Arm. „Davon ist uns nichts bekannt“, entgegnete der Vor-
Conjerly senkte den Kopf und blieb in steifer Hal- sitzende kalt. „Achten Sie lieber darauf, daß Sie mit
tung stehen. Ihrer merkwürdigen Einstellung nicht unser Vertrauen
Zwei uniformierte Wärter durchquerten den Saal verlieren. In diesen kritischen Zeiten sind wir auf Ih-
und blieben neben ihm stehen, wobei sie ihn in die re Geschicklichkeit angewiesen. Ja, Sie sind ein gutes
Welten des Grauens 26

Werkzeug, und nur ein Dummkopf zerstört ein Werk- Hand einer kleinen, ausgewählten Elitegruppe verblei-
zeug, auf das er Tag für Tag angewiesen ist. Aber auch ben müssen.“
dafür gibt es Grenzen, und wenn diese erreicht sind, Thorn wich betroffen einen Schritt zurück. Die
dann sieht es natürlich ganz anders aus. Was nun die akuteste Gefahr bestand darin, daß diese Diener des
irregeführten Bewohner jener anderen Welt betrifft, so Volkes fest davon überzeugt waren, zum Wohl der
wissen Sie doch ganz genau, daß wir uns nur von den Menschheit einer Welt — oder zweier Welten — zu
besten Absichten leiten lassen.“ handeln.
„Natürlich“, pflichtete Clawly II ihm mit einem „Ganz richtig“, erwiderte Clawly II noch immer lä-
breiten Lächeln bei. „Aber denken Sie doch mal chelnd. „Dabei übersehen Sie nur die Folgen, die sich
einen Augenblick daran, was sich tatsächlich abspie- daraus ergeben. Schon jetzt ist Ihr sogenanntes Ge-
len wird. In drei Tagen wird die Trans-Zeit-Maschine heimnis von allen Seiten bedroht. Es besteht ja bereits
eine subtronische Isolation herbeiführen, aus der ein ein Austausch zwischen beiden Welten, und auf die-
Landstrich resultiert, der beide Welten miteinander se Weise gelangen immer weitere Flüchtlinge aus un-
verbindet. Über diesen Landstrich werden Sie Ihre serer Welt in jene andere. Es ist nur eine Frage der
Streitkräfte vorschicken. Diese kommen also als frem- Zeit, bis sie erkennen, daß die Bewohner jener ande-
de Eindringlinge, die nichts als Furcht und Schrecken ren Welt im Grunde genommen gar nicht ihre Feinde,
um sich verbreiten. Natürlich bietet ihnen das Moment sondern ihre Verbündeten sind. Gleichzeitig müssen
der Überraschung gewisse Vorteile, aber sie werden Sie in jedem Augenblick damit rechnen, daß einer ih-
schon bald auf Widerstand stoßen, auf organisierten rer subtronischen Wissenschaftler in unsere Welt ge-
Widerstand, der sich ebenfalls subtronischer Waffen rät, und wenn er sich hier mit den Saboteuren verbün-
bedient. In unserer Welt wäre ein solcher Widerstand det, dann stehen Sie plötzlich vor einem subtronischen
auf eine kleine Elitegruppe beschränkt, die die Lei- Krieg in beiden Welten. Ihre einzige Chance, die ich
tung der ungeschulten und unwissenden Massen in der zum Glück wenigstens teilweise erkenne, besteht im
Hand behält, aber dort drüben kommt er von Men- sofortigen harten Zuschlagen und in der Vernichtung
schen, die die Freiheit lieben und die sich auf ihrer jener anderen Welt. Dann bleibt Ihnen nur noch die
Entwicklungsstufe niemals einer Diktatur beugen wer- Aufgabe, auch diese Welt von all jenen zu säubern,
den, auch wenn diese vielleicht die besten Absichten die aus der anderen zu uns gekommen sind. Es ist ei-
verfolgen sollte. Dieser Widerstand wird nicht enden, ne verhängnisvolle Schwäche, wenn Sie sich das nicht
bis die andere Welt einem subtronischen Schlachtfeld von Anfang an eingestehen. Alles wäre viel einfacher,
gleicht, oder bis Sie gezwungen sind, diese subtroni- wenn Sie Ihre pseudo-wohlwollende Haltung aufge-
sche Vernichtung selbst vorzunehmen, um dann über ben und erkennen würden, daß die Vernichtung die
die schmale Brücke in diese Welt zurückzukehren. einzige Lösung ist, die es logischerweise geben kann.“
Das alles sollte in eindringlicher Deutlichkeit vor Ihrer Clawly II wippte selbstbewußt auf den Hacken und
aller Augen stehen.“ schaute die elf Männer am Tisch der Reihe nach an.
„Ganz und gar nicht“, entgegnete der Vorsitzen- Die Haltung der Diener des Volkes diesem Clawly
de mit leidenschaftsloser Stimme. „Unsere Invasion II gegenüber war unverkennbar: sie behandelten ihn
wird ohne jegliches Blutvergießen durchgeführt wer- wie ein geniales, aber irgendwie ungeratenes Kind,
den, obwohl wir natürlich für jede Möglichkeit ge- das oftmals gescholten, aber kaum je ernstlich bestraft
wappnet sein müssen. Im geeigneten Augenblick wer- wurde.
den Conjerly und Tempelmar Besitz vom sogenannten Dieser Clawly II schien eine gewisse Persönlichkeit
Weltkomitee ergreifen und jeden organisierten Wider- zu besitzen. Ihm fehlte nur die Einstellung von Clawly
stand schon im Keim ersticken. Die meisten Bewohner I.
jener anderen Welt wissen nichts von der Wirkungs- Es stand jedenfalls mit Sicherheit fest, daß Clawly
weise subtronischer Kräfte, und somit stellen sie auch II nicht nur im Strom des Lebens treiben wollte, wie
für uns keine besondere Gefahr dar. Schon nach kur- er behauptete, sondern daß er alle Prinzipien über den
zer Zeit werden die Menschen unsere guten Absich- Haufen werfen wollte — und dabei war er diesmal au-
ten dankbar anerkennen und es begrüßen, daß wir sie genscheinlich einen Schritt zu weit gegangen.
von ihren unverantwortlichen Führern befreien. Da-
Der Vorsitzende schaute ihn eine ganze Weile
mit bleibt uns nur noch die Aufgabe, für die weitere
schweigend an.
Sicherheit der Welt zu sorgen, indem wir alle Tech-
niker und Wissenschaftler festsetzen, denen das Ge- „Damit ergibt sich die Frage, ob Ihr Drängen und
heimnis der subtronischen Kräfte bekannt ist. In die- Bestehen auf absoluter Vernichtung vielleicht einer
ser Beziehung dürfen wir natürlich auch nicht vor et- geistigen Verwirrung entspringt. Wir werden auf Ihre
waigen Gewaltmaßnahmen zurückschrecken. Niemals Mitarbeit als wertvolles Werkzeug mit sofortiger Wir-
und unter keinen Umständen dürfen wir unser großes kung verzichten.“
Endziel aus den Augen verlieren, nämlich die Welt Clawly II machte eine kleine Verbeugung.
— oder auch beide Welten — vor den Gefahren der „Zunächst möchte ich Ihnen vorschlagen, den Mann
subtronischen Kräfte zu bewahren, die jederzeit in der zu vernehmen, den ich hergeführt habe. Es wird Sie
27 TERRA

freuen, zu erfahren, wen ich Ihnen hier gebracht ha- Mehr hörte er nicht, aber er wußte genau, was Claw-
be.“ Er deutete auf Thorn. Alle Blicke richteten sich ly II sagen wollte und warum er es sagen wollte. Jetzt
auf den Gefangenen. wußte er auch, wie es Thorn II möglich gewesen war,
Wieder meldete sich in Thorn der Gedanke zur im Angesicht des Todes mit ihm den Platz zu wech-
Flucht, und diesmal war er drängender als je zuvor, seln. Er wußte, daß die beabsichtigte Maßnahme des
denn jetzt mußte er, Thorn, unter Aufbietung aller Vorsitzenden vergeblich bleiben mußte. Endlich hatte
Kräfte versuchen, seine Welt zu warnen. Es sah alles er den erforderlichen Antrieb gefunden: er lag in dem
so einfach aus. blitzenden Gegenstand, den die Hand des Vorsitzen-
Er brauchte doch nur den Standpunkt zu wechseln. den umklammerte.
Er hatte ja selbst zugesehen, wie Conjerly das ge- Es war, als würden die Ketten, die ihn bislang gefes-
macht hatte. Wenn er nun seine Gedanken in der rich- selt hielten, mit einemmal zerspringen, und er versank
tigen Weise konzentrierte, dann mußte hier der ande- in einer tiefen, uferlosen Dunkelheit...
re Thorn vor den Dienern des Volkes erscheinen, um
sich für seine Taten zu verantworten, während er selbst 10.
gerettet war. Ihm oblag es doch, die Welt zu warnen.
Inzwischen wandte er sich langsam dem Tisch zu. Es Thorn fragte sich nicht, warum sein Ruheplatz dun-
waren seine Füße, die über das graue Mosaikmuster kel, muffig und steinhart war; er fragte sich auch nicht,
des Bodens schleiften, seine ausgetrocknete Kehle, die woher der Rauch eines Holzfeuers kommen mochte.
kaum noch zu schlucken vermochte, seine kalten Hän- Er war vollkommen zufrieden, hier ruhig liegen zu
de, die sich zu Fäusten ballten und wieder öffneten. können und langsam wieder zum Bewußtsein zu kom-
Die Gesichter der elf alten Männer begannen vor men. In erster Linie wollte er die Erinnerung an die
seinen Augen zu verschwimmen; dann wurde sein schreckliche Reise verlieren, die hinter ihm lag. Er
Blick wieder klar. Er blieb am Tisch stehen. „Ich schauderte bei dem Gedanken an Welt II. Irgendwie
fürchte, meine Zeit als wertvolles Werkzeug für Sie kam es ihm vor, als würde er aus einem schweren, la-
ist noch längst nicht abgelaufen“, hörte er Clawly II stenden Traum erwachen.
sagen. „Hier steht Ihr Hauptfeind vor Ihnen, den ich Im nächsten Augenblick würde er wieder hellwach
eigenhändig zur Strecke gebracht habe. Gestern abend sein, um alle geplanten Vorhaben durchzuführen. Er
haben wir im Hauptquartier der Saboteure eine Razzia wußte, daß er erst wieder Ruhe finden würde, wenn
durchgeführt, und dabei ist er mir in die Hände gefal- er die Welt vor der drohenden Gefahr gewarnt und al-
len. Er versuchte zu fliehen. Ich bin ihm in die Berge le erforderlichen Schritte eingeleitet hatte, und wenn
gefolgt und habe ihn eingefangen — den Anführer der die bevorstehende Invasion zurückgeschlagen worden
Saboteure, Thorn 37-P-82.“ war. Dazu mußte er all seine Kräfte mobilisieren.
Die Reaktion der Diener des Volkes war ganz an- Aber zunächst gab er sich der absoluten Ruhe dieses
ders, als Clawly II es offensichtlich erwartet hatte. Sie friedvollen Augenblicks hin.
starrten ihn finster an.
Es kam ihm merkwürdig vor, daß der Rauch des
„Unverantwortliches Kind!“ rief der Vorsitzende Holzfeuers ihn nicht zum Husten veranlaßte und daß
heftig. „Haben Sie denn nicht gehört, was Conjerly er so bequem auf diesem harten Lager ruhen konnte.
berichtete, nämlich, daß er mit Sicherheit weiß, daß
Aus der Ferne kam ein schauriges Heulen; es klang
zwischen den Thorns ein Platzwechsel stattgefunden
so dumpf, als käme es aus dem Innern der Erde, und
hat? Dieser Mann ist kein Saboteur, sondern ein We-
es hörte sich drohend an.
sen aus der anderen Welt, das hier nur spionieren will!
Sie haben ihm genau das in die Hand gespielt, was Er richtete sich ein wenig auf. Seine Hand berührte
er wollte, nämlich ihm eine Gelegenheit gegeben, um eine rauhe Felsendecke und tastete dann langsam über
unsere Zukunftspläne zu erforschen.“ die Felswände zu beiden Seiten seines Lagers.
Thorn spürte die Feindseligkeit dieser Diener des Das Heulen war nicht aus dem Innern der Erde ge-
Volkes. Unwillkürlich wich er einen Schritt zurück, kommen, sondern er selbst befand sich in irgendeiner
aber er vermochte den Blick nicht von diesen Män- Höhle.
nern zu wenden. Was, zum Teufel, hatte Thorn II in einer Höhle der
Der Vorsitzende ließ die Hand sinken. Welt I zu schaffen gehabt?
„Uns bleibt nur eine einzige Möglichkeit.“ Seine Warum trug er diese schwere, seltsame Kleidung,
Hand kam unter dem Tisch hervor; sie umklammer- die aus Pelzen und hohen Stiefeln zu bestehen schien?
te einen blitzenden Gegenstand. „Wir müssen dieses Woher hatte er das lange Messer, das unter seinem
fremde Wesen vernichten, ehe sich ihm die Möglich- Gürtel steckte?
keit zu einem nochmaligen Wechsel bietet, und...“ Die Dunkelheit war plötzlich voller Gefahren. In
Wie benommen sah Thorn Clawly II vorspringen. fieberhafter Eile tastete er nochmals den Raum ab und
„Nein!“ hörte er ihn rufen. „Warten Sie doch! Sehen stellte dabei fest, daß dieser eine Art Kammer war, in
Sie denn gar nicht...“ deren Mitte er, Thorn, fast aufrecht stehen konnte. An
Welten des Grauens 28

den Wänden befanden sich Löcher. Der Fußboden war Er mußte zunächst einmal die Felswand erklimmen;
uneben. vielleicht bot sich ihm dort oben der Ausblick auf
In der einen Wand war eine niedrige Öffnung. Auf einen bekannten Wolkenkratzer, an dem er sich ori-
allen Vieren kroch er langsam hinein. entieren konnte.
Der schmale Gang führte leicht nach oben, und der Plötzlich erkannte er, daß dieses Tal eine verteufelte
Rauch des Holzfeuers verdichtete sich. Nach einigen Ähnlichkeit mit jenem hatte, das sich neben dem Frei-
Biegungen sah er das graue Dämmerlicht des Tages lufttheater befand, und das er und Clawly als Jungen
schimmern. oftmals durchstreift hatten. Die Form des Flußlaufes
war charakteristisch und unvergeßlich. Und dennoch
Der Gang wurde höher, so daß er jetzt fast aufrecht
konnte es nicht stimmen! Das Wetter war völlig falsch,
gehen konnte. Er kam in eine weite Höhle, die ins
der Wald auf, den grünen Hügeln war viel dichter. Au-
Freie hinausführte.
ßerdem gab es bestimmt viele derartige Talformatio-
Vor der Höhle erstreckte sich eine weite Land- nen.
schaft, die vornehmlich aus rauhen Felsen und eini-
Er betrachtete die schwere Kleidung, die Thorn II
gen windzerzausten Fichten zu bestehen schien. Über
getragen hatte. Dabei fiel sein Blick auf die Hände —
allem lag eine dicke, weiße Schneedecke.
und er hielt betroffen inne.
Thorn streifte diese Landschaft nur mit einem flüch-
Er blieb eine ganze Weile mit geschlossenen Augen
tigen Blick; seine Aufmerksamkeit richtete sich auf
stehen; auch als ein Tier über ihm scharrte und loses
das Feuer am Eingang der Höhle. Die aufsteigen-
Geröll über die Felswand fiel, blieb er in dieser Stel-
den Rauchwolken gaben nur einen verschwommenen
lung. Wieder faßte er den Entschluß, die Felswand zu
Blick auf die Außenwelt frei.
erklimmen, um sich an einem weiten Ausblick zu ori-
Das Feuer fesselte ihn irgendwie. Er wußte selbst entieren und seine eigene Position festzustellen, ehe er
nicht, warum. Nachdem er es eine Weile genauer be- seine Hände und sein Gesicht einer näheren Untersu-
trachtet hatte, erkannte er, daß es sehr geschickt ange- chung unterzog.
legt und aufgebaut worden war. Die einzelnen Scheite Es war mehr ein Zwang als ein freier Entschluß.
waren so aufgeschichtet, daß sie erst ins Feuer fallen
Er trat an die unter dem Höhleneingang liegende
konnten, wenn die anderen aufgebraucht worden wa-
Felsbank, und wieder hatte er den flüchtigen Eindruck,
ren. Wer immer dieses Feuer angelegt haben mochte,
als würde ein kleines Tier hastig die Flucht ergreifen.
hatte in erster Linie darauf geachtet, daß es lange Stun-
Dieses Tier hatte etwa die Größe einer Katze.
den hindurch brennen würde.
Er richtete den Blick nach oben und suchte sich
Warum sollte er seine Zeit damit vergeuden, ein ge-
einen Weg aus, der in einigen Windungen zum Gip-
schickt angelegtes Feuer zu bewundern?
fel hinaufführte.
Achtlos trat er es mit den schweren Stiefeln beisei-
Dann machte er sich entschlossen an den Aufstieg.
te, die Thorn II sich, weiß der liebe Himmel woher,
beschafft haben mochte, und trat an den Höhlenein- Nachdem er die ersten Schritte zurückgelegt hatte,
gang. Das scharrende Geräusch von Krallen an einer sah er etwas, das ihn sogleich wieder verharren ließ.
Felswand drang an sein Ohr, und er hatte den flüchti- Etwa zehn Meter vor ihm kauerten auf einem Fels-
gen Eindruck eines hastig fliehenden kleinen Tieres. vorsprung neben dem Weg drei Katzen, die ihn unbe-
weglich beobachteten. Zweifellos handelte es sich um
Vor der Höhle lag eine schräg nach unten führen-
gewöhnliche Hauskatzen, obgleich sie ein merkwür-
de Felswand, und am Boden des kleinen Tales war ein
dig dickes Fell besaßen.
zugefrorener Fluß zu erkennen. Schwere, graue Wol-
ken hingen über dem Tal, und die Abenddämmerung Unter normalen Umständen fand man in einer ab-
konnte nicht mehr fern sein. Die aufragenden Felsen gelegenen, wild zerklüfteten Landschaft keine Haus-
versperrten den Blick zum Horizont. Es war grimmig katzen. Ihre Anwesenheit ließ auf die Nähe von Men-
kalt. schen und menschlichen Behausungen schließen. Es
war den Katzen anzusehen, daß ihnen der Anblick ei-
Die Szenerie kam ihm irgendwie bekannt vor.
nes Menschen vertraut war. Warum hatten sie dann
Hatte Thorn II vielleicht seinen Verstand verloren? aber zuvor die Flucht ergriffen — falls es sich wirk-
Warum hätte er sich sonst in einer Höhle verkrie- lich um die gleichen Tiere handelte? „Kitty!“ rief er
chen sollen? lockend. „Kitty!“’
Genau das schien er nämlich getan zu haben, ob- Der Ruf schien in der kalten Landschaft zu verhal-
wohl man sich nur schwer vorstellen konnte, wie er len.
das in so kurzer Zeit bewerkstelligt haben mochte. Da wurde er von der schwarz-grauen Katze erwi-
Na, das war wirklich eine tolle Sache, daß er nach dert, die ganz rechts kauerte. Es war nicht das genaue
der Rückkehr in seine eigentliche Welt in dieser ab- Echo des Wortes „Kitty“, sondern eher ein langge-
gelegenen, wilden Gegend verhungern sollte, wenn er zogenes Miauen — aber es war seinem eigenen Ruf
nicht gar den wilden Tieren zum Opfer fiel, die hier so genau nachgeformt, daß ihm dabei ein eiskalter
zweifellos ihr Unwesen trieben. Schauer über den Rücken jagte.
29 TERRA

„Kiii — iii —“ Plötzlich fürchtete er sich. Als sein Hier oben war es noch recht hell, und kein Hü-
Fuß über den Felsweg scharrte, verschwanden die Kat- gel versperrte den weiten Ausblick zum Horizont. Die
zen von der Bildfläche. weißen Schneedecken schienen sich nach allen Seiten
Tapfer setzte er den beschwerlichen Weg fort; da- bis zum fernen Horizont zu erstrecken. An einer Seite
bei mußte er sich gelegentlich durch dichtes Unterholz ragte ein steiler, eisbedeckter Berg auf.
kämpfen und den steilen Abhängen ausweichen. Noch Die einzige Andeutung von irgendwelchem Leben
immer hallte das seltsame Echo seines Lockrufes in bestand in einer dünnen Rauchsäule, die sich in eini-
seinen Ohren, und ihm war, als würden die Katzen ger Entfernung zum Himmel kräuselte.
seinem Aufstieg auf irgendeinem verborgenen Neben- Er zwang sich eine Weile, nicht auf die Ruinen zu
pfad folgen. schauen, die hier zu allen Seiten ins Blickfeld traten.
Unbewußt beschäftigten sich seine Gedanken mit Es waren bizarr geformte Überreste von Häusern und
dem Problem der Intelligenz von Hauskatzen. Seit vie- Gebäuden, die sich inmitten gewaltiger, erstarrter La-
len Jahrhunderten hatte der Mensch versucht, sie zu vamassen erhoben.
zähmen und ihnen seinen Willen aufzuzwingen, und Eine Welt der Ruinen, die jetzt von den letzten
dennoch war das nie so ganz gelungen, denn die Kat- Strahlen der untergehenden Sonne erhellt wurde.
zen hatten sich irgendwie stets ihre Unabhängigkeit
Er konnte sich der Erkenntnis nicht länger ver-
bewahren können.
schließen. Seine Vermutung bezüglich des Tales war
Einmal drang ein anderes Geräusch an seine Ohren;
vollkommen richtig gewesen. Dieser schnee- und eis-
es war die Wiederholung jenes melancholischen Heu-
bedeckte Trümmerhaufen vor seinen Augen war das
lens, das er schon vorhin in der Höhle vernommen hat-
ehemals gigantische Gebäude des Opalen Kreuzes.
te.
Überall waren die Spuren und Überreste der ehe-
Es mochte von einem Rudel Wölfe oder Hunde
mals so gewaltigen Wolkenkratzer zu erkennen, in de-
stammen, und es kam aus der Tiefe des Tales.
nen einmal ganze Städte untergebracht gewesen wa-
Der Himmel verdunkelte sich mehr und mehr.
ren. Einige dieser Trümmer ragten steil auf, als woll-
Der steile Anstieg machte ihm weitaus weniger ten sie die Hand gegen den Himmel strecken.
zu schaffen, als er es zunächst befürchtet hatte. Sein
Dieses riesige Ruinenfeld konnte wohl kaum die
Atem kam zwar in schweren, aber doch vollkommen
Welt I sein — was immer sich hier auch im Verlauf
regelmäßigen Zügen. Er konnte dem Weg folgen, ohne
der Jahre zugetragen haben mochte. Nirgends war ei-
eine Pause einlegen zu müssen.
ne Spur vom Blue Lorraine und von einigen ande-
Hier oben standen nur noch vereinzelte Bäume. In ren Wolkenkratzern zu sehen, deren Anblick sich in
weiten Windungen führte der Weg ständig auf den Thorns Erinnerung fest eingegraben hatte.
Gipfel zu.
Es konnte auch nicht Welt II sein, denn dann hätten
Über ihm verbreitete sich die Wand zu einer schma-
hier die Ruinen des Schwarzen Sterns zum Himmel
len Felsbank. Darauf saßen drei Katzen, die ihn wie-
aufragen müssen. Er schaute auf seine Hände. Sie wa-
der aufmerksam beobachteten. Die Haltung ihrer Köp-
ren über und über mit harten Schwielen bedeckt und
fe schien anzudeuten, daß sie eine Art Konferenz ab-
stellenweise vom Frost angegriffen. Die Fingernägel
hielten — und den Mittelpunkt ihres Interesses bildete
waren ungepflegt und rissig — und dennoch waren es
zweifellos er selbst.
zweifellos Thorns Hände.
Wieder kam das langgezogene Heulen aus der Tiefe
Er legte die Hände vor sein Gesicht und tastete die
des Tales. Die Katzen spitzten die Ohren.
markanten Konturen ab. Er spürte die Bartstoppeln
Als er den Weg fortsetzte, sprang eine der Katzen,
am Kinn und die langen Haarsträhnen unter der Pelz-
es war eine schwarz-graue, an ihm vorüber und ver-
kappe. Seine Kleidung bestand aus geschickt zusam-
schwand in der Tiefe. Die beiden anderen folgten ihm
mengefügten Pelzen und aus pelzgefütterten Stiefeln
auf einem Nebenpfad.
mit elastischen Sohlen. Ein breiter Gürtel war um sei-
Er beschleunigte seine Schritte. ne Hüften geschlungen, und darunter befanden sich
Der Weg wurde freier, und er kam gut und zügig zwei große Taschen. Im Gürtel selbst steckte das lange
voran. Messer.
Abermals kam das Heulen aus der Tiefe. Unbeirrt Eine der beiden Taschen enthielt eine Schleuder
folgten die Katzen seinem Aufstieg zum Gipfel. mit einem dicken Gummiband und einer Anzahl von
Alles schien vollkommen normal zu sein, und sein runden, glatten Steinen. Daneben lagen drei dunkle
Körper war wie geschaffen für diesen Aufstieg in der Fleischstücke von höchst zweifelhaftem Ursprung.
abendlichen Dämmerung. Die andere Tasche enthielt zwei Packungen hochkon-
Bald hatte er auch den letzten Teil der Strecke hinter zentrieter Nahrungstabletten mit einer Datumsanga-
sich und erreichte den Gipfel. be, die fünfundzwanzig Jahre zurücklag, einen kleinen
Eine ganze Zeitlang schaute er sich nach allen Sei- Kanister, einen Feuerstein, ein paar plastische Lese-
ten um. Gedanken und Empfindungen spielten jetzt bänder, eine ebenfalls plastische Lupe, eine aus Seh-
keine Rolle — es kam nur auf das Sehen an. nen angefertigte Schnur, ein kleines Messer, wie es
Welten des Grauens 30

die Holzschnitzer verwendeten, ein paar weitere, un- von hinten an. Er zerrte das Messer aus dem Gürtel
definierbare Gegenstände, und — den kleinen, glatten, und wirbelte herum. Flüchtig fiel sein Blick auf einen
grauen Gegenstand, den er während der Yggdrasil- Mann, der mit einem langen Speer in der Hand neben
Symchromie an sich genommen hatte. dem Feuer hockte.
Er versuchte, sich einzureden, daß es nicht der glei- Ein wildes Kampfgetümmel setzte ein; es zischte,
che Gegenstand sein konnte, und dabei glitten seine schnappte und fauchte von allen Seiten; weiße Fang-
Finger über die glatte Oberfläche und tasteten die gan- zähne blitzten und rötliche Augen glühten. Im Hin-
ze Form ab. Er erinnerte sich, daß er diesen Gegen- tergrund saßen die drei Katzen auf dem Rücken der
stand für ein supergigantisches Molekül gehalten hat- wolfsähnlichen Hunde, und sie schienen den Angriff
te, für einen Schlüssel, der bei richtiger Anwendung der Meute zu dirigieren.
die Türen zu verborgenen Welten zu öffnen imstande Wie auf ein unerwartetes Kommando zogen sich die
war. Tiere plötzlich gleichzeitig zurück, und dann war alles
Er sagte sich, daß dieses Ding zweifellos mit sei- vorüber.
nem Geist verkettet war und nicht mit seinem Körper, Ohne auch nur ein Wort zu wechseln, machten sich
der die verschiedensten Veränderungen durchgemacht Thorn und der andere Mann daran, wieder Ordnung zu
hatte, und dabei fragte er sich unwillkürlich, wie es schaffen und die verstreuten, glimmenden Holzscheite
gekommen sein mochte, daß dieses Ding während der aufzuschichten. Bald waren alle Spuren beseitigt.
sorgfältigen Durchsuchung im Gebäude des Schwar- „Haben sie dich vielleicht an irgendeiner Stelle er-
zen Sterns unentdeckt geblieben war. wischt?“ fragte der Mann. „Vielleicht liegt es nur an
Seine Aufmerksamkeit wurde abgelenkt, denn jetzt meiner übersteigerten Einbildung, aber es kommt mir
erklang ein Geräusch hinter ihm, das sich wie Zu- so vor, als hätten die verwünschten Tiere in letzter Zeit
schnappen anhörte. Er wirbelte herum. die Fangzähne der Hunde vergiftet.“
Auf dem Weg, den er eben erklommen hatte, tauch- „Das glaube ich nicht“, erwiderte Thorn, und dann
te eine Meute von Wölfen oder Hunden auf, die min- begann er, seine Hände und Arme nach etwaigen Wun-
destens aus dreißig Stück bestand. Sie folgten genau den abzusuchen.
dem Weg, den er zuvor eingeschlagen hatte. Sie schie-
Der andere Mann nickte.
nen eine sonderbar anmutende Disziplin einzuhalten.
Im dunklen Zwielicht kam es ihm vor, als säßen auf „Was für Lebensmittel hast du denn noch?“ fragte
einigen dieser Tiere kleinere Lebewesen, die wie selt- er unvermittelt.
same Reiter wirkten. Thorn sagte es ihm, und der andere schien von dem
Jetzt wußte er auch, warum er vorhin das brennende Vorrat an hochkonzentrierten Nahrungstabletten be-
Feuer bewundert hatte. sonders beeindruckt zu sein.
Jetzt aber befand sich die Meute zwischen ihm und „Ich glaube, wir könnten eine ganze Weile zusam-
dem Feuer. Kurzentschlossen wandte er sich um und men auf die Jagd gehen. Das dürfte sich recht gut ma-
eilte auf die Stelle zu, wo er den Rauch hatte aufstei- chen, denn auf diese Weise könnte der eine wachen,
gen sehen. während der andere schläft.“
Unterwegs schob er eine der hochkonzentrierten Seine Worte kamen hastig und unzusammenhän-
Nahrungstabletten in den Mund, und dabei dachte er gend, und seine Stimme klang, als hätte er seit län-
dankbar an jenen Thorn — er wollte ihn jetzt Thorn gerer Zeit nicht mehr gesprochen. Er musterte Thorn
III nennen —, der diese Tabletten über eine so lange mit einem unsicheren Seitenblick.
Zeitspanne hinweg aufgehoben hatte, daß sie ihm jetzt Thorn betrachtete ihn seinerseits ein wenig näher.
neue Energie schenken konnten. Er war ein wenig kleiner als er selbst, und beim Gehen
In unverminderter Geschwindigkeit hetzte er über humpelte er etwas. Das Gesicht war ihm völlig fremd.
das eisbedeckte Plateau, und als die Tablette auf sei- Der Ausdruck der rotgeränderten Augen unter den bu-
nen Blutkreislauf einzuwirken begann, konnte er das schigen Brauen war irgendwie ungesund. Thorns Ge-
Tempo sogar noch ein wenig erhöhen. Ein flüchtiger genwart hier am Feuer schien dem Mann irgendwie
Blick über die Schulter zeigte ihm, daß die Meute ge- auf die Nerven zu gehen.
rade den Gipfel erreicht hatte. Das Heulen der Tiere „Woher bist du eigentlich gekommen?“ fragte der
wurde stärker. Mann nach einer Weile.
Vor ihm leuchtete ein heller Lichtschein durch die „Aus einer Höhle im Tal“, erwiderte Thorn, und da-
einsetzende Dunkelheit. bei fragte er sich, wieviel er diesem Mann verraten
Mancherlei Hindernisse lagen im Weg, und es war durfte. „Wie steht es denn mit dir?“
ein Wunder, wie ihn seine Füße vorantrugen. Das röt- Der Mann schaute sich zögernd um. Unvermittelt
liche Licht wurde immer heller, und er spürte, wie die begann er am ganzen Körper zu zittern.
Meute von hinten auf ihn eindrang. Thorn kauerte hinter dem lodernden Feuerschein;
Im letzten Augenblick erreichte er das Feuer. Ei- sein Blick war in die weite Dunkelheit gerichtet, in der
nes der Tiere löste sich aus der Meute und sprang ihn hier und da ein rötliches Augenpaar blitzte; es kam ihn
31 TERRA

vor, als wäre ihm die Geschichte, die er jetzt zu hören Eine längere Pause trat ein. Der andere Mann streif-
bekam, seit langer Zeit bekannt. te Thorn mit einem seltsam mitleidigen Blick.
„Ich hatte den Namen Darkington, und ich war ein „Du unterliegst dem Einfluß der Träume“, murmel-
Student der Geologie. Als der ganze Höllentanz be- te er leise. „Mir geht es auch oft so; diese Träume sind
gann, befand ich mich gerade in den Bergen — und so stark, daß ich mir mitunter einbilde, alles wäre noch
das hat mir das Leben gerettet. Irgendwie haben wir genauso, wie es früher war. Aber es sind eben nur
wohl alle geahnt, daß es einmal so kommen würde, Träume. Es gibt keine Gemeinschaft von Menschen.
nicht wahr? Es hat ganz einfach in der Luft gehan- Niemand wird die Zivilisation wieder aufbauen. Es sei
gen. Wir haben stets damit gerechnet, daß sich eines denn...“, er deutete mit der Hand in die Dunkelheit, „es
Tages herausstellen würde, was hinter diesen Versu- sei denn, diese Teufel da draußen würden eine solche
chen mit der Schwerkraft, dem Magnetismus und der Aufgabe übernehmen.“
Elektrizität steckt.“ Das Aussprechen dieser wissen-
schaftlichen Fremdworte bereitete ihm offensichtlich 12.
Schwierigkeiten. „Je mehr die Sache in der Öffent-
lichkeit unterdrückt wurde, desto überzeugter waren Das Schuldbewußtsein bedrückte Clawly I, als er
wir, daß die entsprechenden Erfindungen bereits ge- durch die leeren Gänge und Korridore des Blue Lor-
macht worden waren. Ich glaube, es hätte der Öffent- raine eilte, um Oktavs Büro zu erreichen.
lichkeit überhaupt nicht vorenthalten werden sollen.
Er fragte sich, ob er wohl den Verstand verloren hat-
Mit denkenden Geschöpfen kann man so etwas ein-
te, genau wie Firemoore und seine anderen Komplizen
fach nicht machen. Ich war also in den Bergen, als al-
in der Vortäuschung einer Invasion vom Mars. Unter-
les losging, und im Handumdrehen war jegliches Me-
lagen sie etwa alle irgendeinem diabolischen Einfluß,
tall geschmolzen. Unsere kleine Gruppe wurde durch
der eine vernünftige Welt in ein Chaos zu verwandeln
die Rauchwolken aufgehalten, und zwei von uns star-
drohte?
ben dabei an Rauchvergiftung. Zunächst haben wir
versucht, Verbindung mit anderen Überlebenden auf- Die Vortäuschung einer Invasion vom Mars hatte
zunehmen, aber in unserem Gebiet wurde der Rauch genau den Erfolg gebracht, den er sich davon verspro-
immer stärker, und nachdem ein paar weitere Män- chen hatte — ja, seine Erwartungen waren sogar noch
ner gestorben waren, verteilten wir uns in verschiede- weit übertroffen worden. Seine Gedanken kreisten um
ne Richtungen. Ich schloß mich später ein paar ande- die Bilder, die er eben gesehen hatte. Es waren Bilder,
ren Männern an, und wir versuchten unser Glück zu- die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen.
nächst als Farmer in der Region nördlich des Vulkan- Fieberhafter Betrieb herrschte in der näheren und
gürtels, aber dabei unterliefen uns viele Fehler, und weiteren Umgebung des Blue Lorraine. Ganze Ströme
als der erste, lange Winter vorüber war, mußten wir all von Vorratskolonnen zogen sich bis ins flache Land
unsere Hoffnungen begraben, denn das Wetter hatte hinaus und verteilten sich zu besonders dafür ausge-
sich vollkommen verändert. Es fehlt ganz einfach die suchten Plätzen. Es war sehr schnell erkannt worden,
Pflanzenwelt, um der Luft den erforderlichen Vorrat daß die hohen Wolkenkratzer bei einem Angriff aus
an Sauerstoff zu geben. Dann habe ich mich noch ver- dem Weltraum besonders gefährdet waren.
schiedenen anderen Gruppen angeschlossen, die durch Rund um das gigantische Gebäude des Blue Lor-
die Gebiete streiften, aber als dann der Kannibalismus raine wurden subtronische Geschütze schwersten Ka-
einsetzte und die Hunde und Katzen immer gefährli- libers aufgebaut. Wenn diese Wolkenkratzer auch bei
cher wurden, habe ich mich in diese Gegend zurück- einem Angriff aus dem Weltraum gefährdet waren, so
gezogen, und wie du siehst, habe ich mein Leben bis- stellten sie doch alle modernen Errungenschaften der
lang so recht und schlecht fristen können.“ Menschheit dar, und deshalb sollten sie um jeden Preis
Er wandte sich an Thorn. Bei der ungewohnten An- verteidigt werden.
strengung klang seine Stimme jetzt wie ein heiseres Alle Augen richteten sich gespannt nach oben, als
Krächzen. dort das donnernde Geräusch eines Raumschiffes zu
Thorn schüttelte den Kopf und starrte in die Dun- hören war — und alle atmeten erleichtert auf, als sie
kelheit hinaus. sahen, daß es keineswegs zu einer feindlichen Flot-
„Es muß doch irgendeinen Weg geben“, sagte er te gehörte, sondern ein Raumschiff der Erde war, das
langsam. „Es wird natürlich außerordentlich gefähr- sich auf dem Weg zum nächsten Raumhafen befand,
lich sein, und wir setzen dabei das Leben aufs Spiel wo es mit subtronischen Waffen bestückt werden soll-
— aber es muß irgendeinen Weg geben.“ te. Am westlichen Horizont wurden zur Verteidigung
„Einen Weg?“ fragte der andere verständnislos. Strahlenfelder installiert, und als sie ausprobiert wur-
„Ja, einen Weg zu jenem Gebiet, in dem die Men- den, ging ein schmales Waldstück in Flammen auf.
schen mit dem Wiederaufbau begonnen haben. Ver- Die Menschen schauten sich an; der Ausdruck ih-
mutlich liegt das Gebiet irgendwo im Süden. Wir müß- rer Augen zeigte, daß sie kaum mit einer bevorstehen-
ten vielleicht lange Zeit danach suchen, aber irgend- den Invasion rechneten — allerdings konnten sie diese
wie sollten wir es finden können.“ Möglichkeit auch nicht rundweg ablehnen.
Welten des Grauens 32

Clawly war stolz auf diese Haltung der Menschen; Auf dem jetzigen Höhepunkt der Krise erkannte er,
er wurde von Zweifeln geplagt, ob es wohl richtig ge- wie sehr er sich nach Oktavs Ratschlägen gerichtet
wesen war, ein derartiges Gerücht in die Welt zu set- hatte. Mit Oktavs Erwähnung der Möglichkeit einer
zen. Invasion aus der Zeit hatte es begonnen, und die Ab-
Diese vielschichtigen Abwehr- und Verteidigungs- wehrmaßnahmen gegen eine drohende Invasion vom
maßnahmen waren natürlich nicht nur auf das Gebäu- Mars waren nun das Ende.
de des Blue Lorraine beschränkt; sie wurden über- Vielleicht war es Aberglaube oder hypnotischer
all durchgeführt. Die Anwendung der subtronischen Einfluß: jedenfalls glaubte er an Oktav und gestand
Kräfte ermöglichte so rasche Vorbereitungen, wie es ihm Fähigkeiten zu, die das normale Maß eines ge-
sie in der Geschichte der Erde noch nie gegeben hatte. wöhnlichen Sterblichen weit überschritten. Nach Ok-
Die Organisation war ein schwacher Punkt, denn die tavs Verschwinden fühlte er sich hilflos wie ein klei-
Menschen waren es gewohnt, in Frieden und indivi- nes Kind, und seine Verzweiflung erreichte den Hö-
dueller Freiheit zu leben; zur Durchführung der erfor- hepunkt. Er vermochte nicht länger gegen den drän-
derlichen Aufgaben waren an allen Orten Agenturen genden Impuls anzukämpfen, auf der Stelle in Oktavs
eröffnet worden, und das Weltkomitee übernahm das Büroraum zurückzukehren.
Oberkommando über alle Streitkräfte. Alles ging viel- Während er sich der Tür näherte, kehrten die Erin-
leicht ein wenig durcheinander, aber alle machten sich nerungen an frühere Unterhaltungen in diesem Raum
mit Eifer an die Arbeit, um die Erde so gut wie irgend zurück. Er dachte an seine letzte Unterredung mit Ok-
möglich gegen einen Angriff zu verteidigen. tav, die durch das unvermutete Auftauchen jenes We-
Alles hatte sich viel größer angelassen, als Clawly sens im Gewand des frühen Mittelalters so jäh unter-
es eigentlich erwartete, und er beschleunigte jetzt sei- brochen worden war. Wenige Augenblicke später wa-
nen Schritt auf dem Weg zu Oktavs Büro. Ja, er hatte ren dann sowohl Oktav als auch der seltsame Besucher
das alles in Bewegung gesetzt, und nun war es seinen auf unerklärliche Weise aus dem Raum verschwun-
Händen entglitten. Er konnte nur warten und hoffen, den.
daß sich all diese Verteidigungsmaßnahmen als wirk- Ehe Clawly den Türgriff berühren konnte, öffnete
sam erwiesen, wenn die eigentliche Invasion kam; er sich die Tür geräuschlos.
wußte ja, daß sie nicht aus dem Weltraum, sondern aus Oktav saß in seiner üblichen dunklen Kleidung hin-
der Zeit kommen würde. ter dem Schreibtisch.
Das mußte sich innerhalb weniger Stunden heraus- Clawly trat wie im Traum über die Schwelle.
stellen, denn heute war bereits der dritte Tag.
Oktav hatte schon immer den Eindruck eines al-
Wenn aber nun die Invasion aus der Zeit nicht in- ten Mannes gemacht, aber es kam Clawly vor, als
nerhalb dieser drei Tage kam? wäre er in den vergangenen drei Tagen noch ganz
Der Schwindel konnte ohnehin jeden Augenblick besonders gealtert. Auch er schien am Ende seiner
aufkommen, und Firemoore bedauerte es bereits, daß Kräfte angelangt zu sein. Seine Hände lagen gefal-
er sich auf die ganze Sache eingelassen hatte. tet auf der Schreibtischplatte, das zerfurchte Gesicht
Und wenn nun die erwartete Invasion aus der Zeit glich einem Totenschädel. Aber in seinen tiefliegen-
überhaupt nicht kam? den Augen loderte noch immer das alte Feuer. Es war
Schließlich beruhte ja alles nur auf recht schwachen der Ausdruck einer grimmigen Entschlossenheit, nun-
Beweisen; da waren Thorns Untersuchungen, gewisse mehr seine ganzen Kenntnisse aufzubieten und diese
psychologische Erwägungen, und dann die von Con- rücksichtslos anzuwenden.
jerly unzusammenhängend gemurmelten Worte. Es war ein Ausdruck, der Clawly einen kalten
„... Invasion — drei Tage...“ Schauer über den Rücken jagte.
Ihm war, als müßte er jeden Augenblick aus einem „Ich bin auf einer langen Reise gewesen“, sagte
schweren Traum erwachen, um dann als Scharlatan Oktav. „Dabei habe ich vielen Welten einen Besuch
vor das Weltgericht gestellt zu werden. abgestattet, die eigentlich längst tot sein sollten, und
ich habe all die Schrecken und das Grauen gesehen,
Seine Nerven konnten das nicht mehr lange aushal-
die entstehen können, wenn sterbliche Menschen sich
ten. Thorn fehlte ihm an allen Ecken und Enden. Nie
mit Mächten beschäftigen, die von Natur aus nur den
zuvor hatte er mit so erschreckender Deutlichkeit ge-
Göttern oder gottähnlichen Wesen vorbehalten sind.
spürt, wie abhängig sie voneinander waren.
Ich habe mich ständig in drohender Gefahr befunden,
Thorn blieb nach wie vor verschwunden; alle Nach- denn da gibt es jene, gegen die ich revoltiert habe und
forschungen waren ergebnislos verlaufen. Zweimal die mir somit nach dem Leben trachten — aber zur
hatte ihm seine überreizte Phantasie bereits einen Zeit fühle ich mich verhältnismäßig sicher. Setz dich
Streich gespielt, als er unter den Menschen vor dem zu mir, denn ich möchte dir ein paar meiner Gedanken
Blue Lorraine geglaubt hatte, Thorn zu erblicken. eröffnen.“ ’Clawly kam der Aufforderung nach. Ok-
Ja, Thorn fehlte ihm, aber Oktav fehlte ihm noch tav beugte sich ein wenig vor und tippte mit seinem
mehr! langen, knochigen Finger auf die Schreibtischplatte.
33 TERRA

„Lange Zeit hindurch habe ich wie in Rätseln zu Die Tür zum Korridor wurde geöffnet, aber Clawly
dir gesprochen“, fuhr er fort. „Ich mußte mich auf va- blieb noch immer wie erstarrt sitzen.
ge Anspielungen beschränken, denn ich versuchte, ein Er hörte den pfeifenden Atemzug des Besuchers,
Doppelspiel zu treiben. Ich wollte dir ein paar Andeu- als dieser den Leichnam erblickte, aber der Besucher
tungen zukommen lassen, ohne mich dabei festzule- mußte erst auf Clawly zukommen, bis dieser ihn we-
gen. Damit ist es jetzt vorbei. Von nun an werde ich nigstens teilweise erkannte. Doch auch dann empfand
vollkommen offen mit dir reden. In kurzer Zeit werde er nicht die mindeste Regung — weder Überraschung
ich mich in ein verzweifeltes Abenteuer stürzen. Soll- noch Erstaunen.
te der Erfolg auf meiner Seite stehen, dann brauchst Die Szene, die er eben miterlebt hatte, hielt ihn noch
du dir über die deiner Welt drohende Invasion keine immer in Bann, so daß er nichts fühlen oder denken
weiteren Sorgen zu machen. Mein Plan kann jedoch konnte. Alles in ihm war auf den toten Oktav konzen-
mißlingen, und deshalb werde ich dir alle Informatio- triert.
nen mitteilen, die mir zur Verfügung stehen, damit du Der Besucher bemerkte Clawlys Erstarrung.
dir in diesem Fall die geeigneten Maßnahmen überle- „Ja“, sagte er. „Ich bin Thorn, aber anscheinend
gen kannst.“ weißt du bereits, daß ich nicht der Thorn bin, der dein
Er blickte schnell auf. Freund war, obwohl ich in seinem Körper stecke.“
Clawly hörte ein leises, raschelndes Geräusch; es Clawly hörte die Worte wie aus weiter Ferne; es ko-
kam jedoch nicht vom Korridor, sondern aus dem klei- stete ihn eine erhebliche Anstrengung, sie überhaupt
nen Nebenraum. zu hören. Er mußte sich mit aller Kraft gegen diese
Auf der Schwelle der Verbindungstür stand die glei- Lethargie stemmen.
che dunkle Gestalt, die Clawly schön einmal an dieser „Jener andere Thorn“, fuhr der Besucher fort,
Stelle gesehen hatte. Das Gesicht dieser sonderbaren „nimmt jetzt meinen Platz in der anderen Welt ein,
Gestalt war Oktav zugewandt. Die Muskeln dieses Ge- und noch vor drei Tagen habe ich mit Vergnügen dar-
sichts wirkten vollkommen starr. Der rechte Arm war an gedacht, wie er dort leiden muß. Ich bin nämlich
steif vorgestreckt und genau auf Oktav gerichtet. euer Feind gewesen — deiner und seiner —, aber jetzt
bin ich meiner Sache nicht mehr so ganz sicher. All-
Clawly konnte nur einen flüchtigen Blick auf die mählich drängt sich mir. der Gedanke auf, daß wir uns
dunkle Gestalt werfen, und Oktav fand nicht einmal vielleicht sogar gegenseitig helfen könnten. Immerhin
dazu Zeit, denn als er langsam den Kopf wandte und liegt das Leben von vielen Menschen in meiner Hand,
zu begreifen schien, was hier gespielt wurde, schoß ei- und bei dieser Verantwortung darf ich kein Risiko ein-
ne große, bläuliche Flamme aus der Hand der Gestalt. gehen. Das ist auch die Erklärung für dieses hier.“
Vor Clawlys Augen begann Oktavs Kleidung zu Bei diesen Worten deutete er auf das kleine Ding
brennen. Sein Körper schrumpfte zusammen; er zuck- in seiner Hand. Es war ein Strahler von verheerender
te noch ein paarmal schwach, und dann war alles still. Wirkungskraft.
Die bläuliche Flamme kehrte in die Hand der Clawly stellte sich langsam auf den Besucher ein; es
dunklen Gestalt zurück. fiel ihm unendlich schwer, den Blick von Oktavs Lei-
Clawly schaute wie gebannt zu; er war unfähig, che zu wenden. Ja, das war Thorns Gesicht, aber seine
einen klaren Gedanken zu fassen. Züge wurden von dem Ausdruck einer ungewohnten
Entschlossenheit beherrscht.
Die Gestalt trat auf Oktavs Schreibtisch zu. Die
einzelnen Bewegungen waren ungeschickt, als wür- „Ich bin dir gefolgt“, fuhr der Besucher fort, „denn
de sich die dunkle Gestalt in einer dreidimensionalen ich habe es Thorns Gedächtnis entnommen, daß ihr
Welt nicht recht auskennen — ja, allem Anschein nach beide euch bemüht habt, diese Welt vor einer drohen-
schaute sie nur voller Verachtung auf eine solche Welt den Gefahr zu bewahren. In letzter Zeit haben sich
herab. Dinge ereignet, bei denen mir schwere Zweifel ge-
kommen sind. Diese Dinge bedürfen einer Erklärung.
Mit einer kurzen Bewegung kramte die dunkle Ge- Was soll die angebliche Drohung einer Invasion vom
stalt aus den verbrannten Überresten von Oktavs Kör- Mars bedeuten? Besteht diese Gefahr wirklich? Oder
per einen kleinen grauen Gegenstand hervor, der das ist das nur ein Anlaß, um diese Welt auf alle Eventua-
gleiche Aussehen wie jener hatte, den Clawly zuvor in litäten vorzubereiten? Oder soll damit nur eine allge-
der ausgestreckten Hand der Gestalt gesehen hatte. meine Verwirrung hervorgerufen werden, um den Die-
Der Fremde streifte Clawly mit einem flüchtigen nern des Volkes die Invasion zu erleichtern? Warum
Blick und verschwand dann durch die Verbindungstür. hast du dich gerade in diesen Raum begeben? Wer ist
Clawly hockte wie erstarrt auf seinem Stuhl. Er ver- dieser Tote, und auf welche Weise ist er ums Leben
mochte den Blick nicht von dem Toten zu wenden, der gekommen?“
wie eine Art Mumie wirkte. Durch irgendeinen Zufall Mit einer Geste des Widerwillens deutete er auf Ok-
hatte die bläuliche Flamme die hohe Stirn unverletzt tavs Leiche.
gelassen, und der helle Farbton stand in krassem Ge- „Was ich von der Unterhaltung erhaschen konnte,
gensatz zu den schwarzen Überresten. verstärkt meinen Verdacht, daß jemand hinter diesen
Welten des Grauens 34

doppelten Welten stecken muß. Jemand, der von der Wahrscheinlichkeits-Maschine und ihre wahren Besit-
ganzen Sache irgendwie profitiert, jemand...“ zer zu finden. Es müssen fremde Wesen sein, die die-
Er brach unvermittelt ab, und sein Gesicht wurde se Maschine erschufen und auf irgendeine Weise den
starr. Langsam begann er sich umzuwenden; es war, ersten Talisman verloren. Nur diese Wesen besitzen
als spürte er die Anwesenheit irgendeines Ungeheu- die Macht, alle von uns geschaffenen Probleme zu lö-
ers. sen. Um diese Wahrscheinlichkeits-Maschine zu fin-
Clawly begann zu zittern — und zwar aus dem glei- den, braucht ihr unbedingt einen Talisman. Ters, der
chen Grund. vorhin meinen Körper vernichtete, hat mir meinen Ta-
lismann abgenommen, aber das war ein Talisman, den
Es war nur ein leises Geräusch. Es klang wie
ich gestohlen hatte. Meinen ursprünglichen Talisman
ein verhaltenes Räuspern, aber es kam hinter dem
hat Thorn mir gestohlen — der Thorn dieser Welt, der
Schreibtisch hervor.
dabei meiner Meinung nach einem Impuls der recht-
Der geschrumpfte Leichnam bewegte sich ein we-
mäßigen Besitzer der Wahrscheinlichkeits-Maschine
nig. Die schwarzen Hände schoben sich langsam vor
folgte, wenn auch vielleicht ganz unbewußt. Diese
und hinterließen dunkle Spuren auf der Schreibtisch-
rechtmäßigen Eigentümer bemühen sich ständig, die
platte. Das verbrannte Kinn zuckte.
verlorene Maschine wieder in ihren Besitz zu bringen.
Die beiden Menschen schauten atemlos zu. Der Thorn dieser Welt ist jetzt unendlich weit entfernt
Langsam wurden die Bewegungen stärker. Die ver- — viel weiter, als euer Begriffsvermögen reicht. Du
kohlten Lippen öffneten sich, und die beiden Men- aber...“ Bei diesen Worten berührten seine schwarzen
schen hörten einen verhaltenen Flüsterton, der einer Finger Thorns Hand, und Thorn wich vor dieser Be-
reinen Willenskraft zu entstammen schien. rührung nicht zurück. „... Du kannst — mit ihm —
„Eigentlich müßte ich jetzt tot sein, aber der Körper Verbindung aufnehmen — durch die Welt der gemein-
von jenem, der einen Talisman besessen hat, besitzt samen Gedanken...“
eine unerklärliche Vitalität. Meine Augen sind verlo- Das Flüstern war jetzt kaum noch hörbar.
schen, und dennoch kann ich euch sehen. Kommt nä-
her heran, damit ich euch das anvertrauen kann, was „Der Talisman, den er hat, ist geladen. Es bedarf
gesagt werden muß. Ich habe ein Testament zu ma- nur eines — Schlüsselgedankens, um seine Kraft zu
chen, und mir bleibt nur noch wenig Zeit. Kommt nä- erschließen. Du mußt — den Schlüsselgedanken —
her heran, damit ich euch sagen kann, was getan wer- übermitteln. Dieser Schlüsselgedanke — ist — ist:
den muß, um die Welt zu retten.“ Drei — verschwommene — Welten...“
Ängstlich kamen sie der Aufforderung nach. Das Flüstern verstummte, und der Kopf sank kraft-
Schweiß stand ihnen auf der Stirn. los nach vorn.
„Durch reinen Zufall hat ein Mensch des frühen Clawly fing die Stirn auf und ließ den Kopf behut-
Mittelalters einen Talisman entdeckt, einen kleinen sam auf die Schreibtischplatte sinken. Langsam hob
Gegenstand, der nur durch Gedankenkraft bedient er den Blick und schaute in die Augen des anderen
wird und der dem Besitzer die Macht gibt, durch die Thorn.
Zeit und über die Zeitgrenzen hinaus zu wandern. Dort
gelangte dieser Mensch zu sieben anderen Besitzern
eines Talismans — und zu einer Einrichtung von viel- 12.
fach größerer Macht, die er die Wahrscheinlichkeits-
Maschine nannte. Er verband sich mit den sieben an- Der hohe Himmelssaal des Opalen Kreuzes war so
deren, von denen auch ich einer bin, und gemein- stark verändert, daß man sich kaum noch vorstellen
sam benutzten wir die Macht der Wahrscheinlichkeits- konnte, wie dieser Raum noch vor drei Tagen ausgese-
Maschine, um alle möglichen Welten zu erschaffen, hen hatte. Die Erdkarte und die Karte des Weltraums
den Fluß der Zeit zu verändern und nur die beste Welt nahmen noch immer ihre beherrschenden Positionen
zu erhalten, während wir überzeugt waren, alle ande- ein. Auf der Erdkarte war eine Vielzahl von kleinen
ren endgültig vernichtet zu haben.“ Lichtern zu sehen; sie symbolisierten das Vorhanden-
Der Flüsterton wurde merklich leiser. sein der Raumhäfen, der vorgenommenen Verteidi-
Clawly und Thorn beugten sich über den Schreib- gungsmaßnahmen, der militärischen Hauptquartiere.
tisch und starrten auf die helle Stirn in dem verkohlten An der Weltraumkarte flammte ebenfalls eine Vielzahl
Gesicht. von Lichtern, die sich hauptsächlich dem Sektor des
„Ich habe indessen feststellen müssen, daß jene an- Mars näherten, um das tatsächliche oder symbolische
geblich vernichteten Welten noch existieren, und ich Vorhandensein einer Raumflotte darzustellen.
kann mir nur zu gut vorstellen, was in jenen anderen Die Verteidigungsmaßnahmen der Erde standen in
vorgehen wird, wenn sie zu der gleichen Feststellung gar keinem Vergleich zu der Urgewalt der hypotheti-
kommen. Das müßt ihr unter allen Umständen verhin- schen Raumflotte, die vom Mars her auf die Erde ein-
dern, wie auch ich mich bemüht habe, es zu verhin- drang. Es schien eine Armada zu sein, gegen die es
dern. Ganz besonders müßt ihr danach trachten, die einfach keinen Widerstand gab.
35 TERRA

Die anderen Wände des Himmelsraumes waren mit „Aha“, murmelte der junge Mann; er nickte zögernd
allerlei technischen Geräten gespickt: Fernsehschir- und verschwand von dem Bildschirm.
me, subtronische Rechenmaschinen und allerlei In- Niemand im Saal schien dem kurzen Dialog irgend-
strumente, die vom Mitteltisch aus übersehen werden eine Bedeutung beizumessen. Conjerly und Tempel-
konnten. Ein bestimmter Sektor dieser Einrichtungen mar verhielten sich noch passiver als zuvor.
gehörte zum Hauptquartier, das im Opalen Kreuz er- Shielding wandte sich wieder an die Versammlung.
richtet worden war. Die anderen Sektoren stellten die
Verbindung zu den einzelnen Beobachtungs- und Kon- „Nunmehr kommen wir zu der Frage, wer wohl
trollzentren dar. hinter diesem verbrecherischen Gerücht stecken mag,
dem bereits mehr als hundert Menschenleben zum Op-
Im Augenblick waren die einzelnen Kontrollstän-
fer gefallen sind. Diese Verluste kommen aus den Rei-
de unbesetzt. Niemand kümmerte sich um die ausge-
hen jener Männer, die im Zuge der Vorbereitung aller
schalteten Rechenmaschinen und die anderen Geräte.
möglichen Verteidigungsmaßnahmen durch einen un-
Die langen Reihen der Bildschirme waren grau und
vorhergesehenen Unfall ums Leben kamen.“
leblos. Sie schienen in einer Art Museum zu stehen.
Bei diesen Worten wurde Firemoore leichenblaß.
Die Gesichter der am Mitteltisch sitzenden Männer
waren aschfahl und verstört. Das waren die Mitglieder „Zweifellos ist das betreffende Gerücht von Mit-
des Weltkomitees. gliedern der Weltraumexpediton unterstützt worden.
Eine andere Erklärung gibt es nicht. In erster Linie
Der Vorsitzende Shielding starrte finster vor sich
wollen wir uns jedoch mit den Urhebern dieses Ge-
hin. Conjerly und Tempelmar verhielten sich vollkom-
rüchtes befassen. Mit Bedauern muß ich feststellen,
men passiv. Clawly verhielt sich ebenfalls passiv, aber
daß es sich dabei nur um zwei bestimmte Männer han-
es war ihm anzusehen, daß es nur eines winzigen An-
deln kann. Nach den Geständnissen der drei Kompli-
stoßes bedurfte, um ihn zu alarmieren. Neben ihm
zen...“
saß Firemoore, auf dessen Stirn große Schweißperlen
standen. „Bericht vom Zentralpunkt Drei.“ Wieder leuchtete
einer der Fernsehschirme an der Wand auf, und auch
Shielding stand aufrecht am Tisch. Er erklärte den
diesmal wurde der Verstärker eingeschaltet. „Station
anderen Mitgliedern des Weltkomitees, warum die
vier hat mich soeben in einer wichtigen Durchsage un-
Bedienungsmannschaft der einzelnen Geräte und In-
terbrochen. Es handelt sich um ein unbekanntes Ge-
strumente aus dem Saal geschickt worden war. Seine
fährt, dessen Wahrnehmung irgendwie in den Strom
Stimme hatte einen nüchternen, eiskalten Klang.
unserer Instrumente geraten ist.“
„Und dann“, fuhr er fort, „als die astronomi-
„Wir wollen jetzt keine Berichte!“ schnaubte Shiel-
schen Aufnahmen mit unmißverständlicher Deutlich-
ding. „Wenden Sie sich gefälligst an Ihre direkten Vor-
keit zeigten, daß in der Nähe des Mars keinerlei feind-
gesetzten, wenn Sie irgendwelche Anweisungen brau-
liche Maßnahmen zu erkennen waren — nicht einmal
chen.“
der geringste Anhaltspunkt für das Vorhandensein ei-
ner feindlichen Raumflotte — da habe ich nicht länger „In Ordnung“, erwiderte der Mann kurz, und die
gezögert. Auf eigene Verantwortung habe ich alle Ver- Bildröhre wurde wieder grau.
teidigungsmaßnahmen zurücknehmen und mit sofor- „Sie sehen selbst, meine Herren“, fuhr Shielding
tiger Wirkung einstellen lassen. Dieser kritische Zeit- bitter fort, „wie schwer es ist, einem derartigen Ge-
punkt war vor etwa einer halben Stunde.“ rücht Einhalt zu gebieten. All unseren Bemühungen
Unvermittelt erhellte sich einer der grauen Bild- zum Trotz werden sich weitere Unfälle ereignen, ehe
schirme an der Wand des Saales. Wie durch ein of- die Menschen wieder zu sich selbst zurückfinden.“
fenes Fenster war das Gesicht eines jungen, blonden Er legte eine Pause ein und schaute sich nach allen
Mannes zu sehen. Augenscheinlich verwirrte es ihn, Seiten um.
als er sah, daß die einzelnen Geräte und Instrumen- „Clawly und Firemoore! Was haben Sie zur Recht-
te im Saal unbesetzt waren. Er schaute sich nach allen fertigung Ihrer Maßnahmen vorzubringen? Wollen Sie
Seiten um, und dann schaltete er seinen Verstärker ein. sich etwa damit ausreden, daß die Geständnisse nur
„Eine Meldung vom Physikalischen Hauptquar- von untergeordneten Männern stammen, die Ihnen da-
tier: in unmittelbarer Umgebung dieses Ortes ist eine mit einen Dienst erweisen wollten? In diesem Fall
spatio-temporale Veränderung wahrzunehmen. Die et- möchte ich Ihnen gleich zu bedenken geben, daß hier
waige Ursache ist nicht festzulegen...“ auch noch die Zeugenaussagen von zwei Mitgliedern
Shielding schnitt ihm das Wort ab. dieses Komitees vorliegen, deren Namen im Augen-
„Haben Sie nicht den Befehl zur sofortigen Einstel- blick anonym bleiben sollen...“
lung aller Verteidigungsmaßnahmen erhalten?“ fragte „Dazu sehe ich keine Veranlassung“, warf Tempel-
er scharf. mar ein.
„Ja, aber ich dachte...“ „Vielen Dank.“ Shielding nickte ihm zu.
„Es tut mir leid“, knurrte Shielding, „aber dieser „Dann kann ich Ihnen also eröffnen, daß es sich um
Befehl trifft auch auf Ihre Dienststelle zu.“ die Aussagen von Conjerly und Tempelmar handelt.“
Welten des Grauens 36

Er wandte sich wieder den beiden Angeschuldigten einzugestehen. Wenn ich jetzt an alles zurückdenke,
zu. dann kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, wie ich
Firemoore starrte auf die Tischplatte. Clawly schau- überhaupt...“
te Shielding fest in die Augen. Wieder wurde die Stille Clawly nahm keine Notiz von ihm. Sein Blick war
im Raum unterbrochen, als sich einer der Bildschirme fest auf Shielding gerichtet.
erhellte. „Vielen Dank, Firemoore“, sagte Shielding, des-
„Bericht vom Nachrichtenzentrum Vier! Es handelt sen Erleichterung unverkennbar war. „Sie werden sich
sich um das plötzliche Vorhandensein von bewaffne- natürlich für die ganze Angelegenheit verantworten
ten Wesen in dunkler, unbekannter Kleidung...“ müssen. So etwas kann man nicht mit einer einzigen
„Stören Sie uns nicht!“ rief Shielding gereizt. Handbewegung abtun. Immerhin spricht Ihr tatkräfti-
„Wenden Sie sich an Ihren unmittelbaren Vorgesetz- ges Eingreifen für Sie.“
ten! Richten Sie ihm aus, daß alle Meldungen künf- Diese Worte schienen keinen großen Eindruck auf
tig ans Nachrichtenzentrum Eins durchgegeben wer- Firemoore zu machen. Clawlys Blick war noch immer
den sollen!“ auf Shielding gerichtet; auch jetzt nahm er keine Notiz
Der betreffende Bildschirm wurde dunkel. von Firemoore.
Shielding bediente den Hauptschalter, um jede wei- „Setzen Sie sich sofort mit Nachrichtenzentrum
tere Unterbrechung auszuschalten. Eins in Verbindung“, sagte er nachdrücklich.
Clawly stand auf. Sein Gesicht war ernst und voll- Shielding setzte sich mit einer kurzen Handbewe-
kommen beherrscht. Irgendwie schien ihn die Unfä- gung auf seinen Platz.
higkeit dieser Männer zu amüsieren. „Die Wärter werden ihn jeden Augenblick abho-
„Ja, es war ein blinder Alarm“, sagte er eiskalt. „und len. Nun, meine Herren“, sagte er, „es dürfte wohl an
ich habe ihn ganz allein geplant. Aber es war ein un- der Zeit sein, alle entsprechenden Maßnahmen einzu-
bedingt erforderlicher Alarm, denn die Welt mußte vor leiten, um den angerichteten Schaden so schnell wie
jener anderen Invasion gewarnt werden, die ich Ihnen möglich zu beheben. Außerdem müssen wir uns mit
schon vor drei Tagen vor Augen geführt habe. Eine den einzelnen Anklagen gegen die Mittäter befassen.“
Invasion, deren Vortrupp sich bereits in unseren Rei- Stühle wurden scharrend zurechtgerückt.
hen befindet. Natürlich haben Conjerly und Tempel- „Setzen Sie sich sofort mit Nachrichtenzentrum
mar gegen mich ausgesagt, denn sie gehören ja zu die- Eins in Verbindung“, wiederholte Clawly.
sem feindlichen Vortrupp.“ Shielding würdigte ihn keines Blickes.
„Sie haben den Verstand verloren!“ rief Shielding. „Ich glaube auch, daß Sie das tun sollten“, sagte ein
„Ja, Sie sind verrückt! Es wundert mich nur, wie die- anderer Mann.
se Tatsache den Psychiatern bislang verborgen bleiben Shielding schickte sich automatisch an, der Auffor-
konnte. Behaltet ihn fest im Auge!“ rief er den neben derung nachzukommen, aber da hielt er jäh inne, denn
Clawly sitzenden Männern zu. „Ich werde sogleich die plötzlich kam ihm zu Bewußtsein, wer da eben gespro-
Wärter herrufen!“ chen hatte.
„Keine weitere Bewegung! Das gilt auch für Sie, Es war Conjerly, und seine Worte hatten wie ein
Shielding!“ Clawly wich einen Schritt zurück, und in scharfer Befehl geklungen.
seiner rechten Hand blitzte ein metallischer Gegen-
Conjerly und Tempelmar waren inzwischen aufge-
stand. „Sie haben sehr richtig erkannt, daß ich die-
standen. Ihre aufrechte, steife Haltung entsprach der
se Invasion vom Mars erfunden habe, aber Sie dürfen
von Soldaten, die ihrer Sache absolut sicher waren.
mir auch glauben, daß ich vor nichts zurückschrecke,
um Ihnen endlich die Wahrheit einzuhämmern. Sie Die Aufmerksamkeit der anderen Mitglieder des
sind wie ein paar Narren! Sehen Sie denn gar nicht, Weltkomitees wandte sich sogleich von Clawly und
was sich unmittelbar vor Ihren Augen abspielt? Erken- Firemoore ab und konzentrierte sich nun auf diese bei-
nen Sie denn gar nicht die Bedeutung der Meldungen, den Männer, die ihnen plötzlich in einem ganz anderen
die soeben durchgegeben wurden? Setzen Sie sich so- Licht erschienen.
fort mit dem Nachrichtenzentrum Eins in Verbindung, Shielding starrte sie zunächst einen Augenblick an,
Shielding! Los, diesmal ist es blutiger Ernst!“ als wüßte er überhaupt nicht, wer sie waren. Dann wir-
In diesem Augenblick wirbelte Firemoore herum. belte er unvermittelt herum und bediente hastig einen
Er umklammerte Clawlys Arme, und beide Männer Schalter der Instrumententafel.
stürzten zu Boden. Der metallische Gegenstand ent- An der Wand erhellte sich eine der subtronischen
glitt Clawlys Hand und fiel polternd zu Boden. Fire- Fernsehröhren.
moore zerrte Clawly hoch. Ein Mann in einer schwarzen Uniform schaute sie
„Es tut mir leid“, keuchte er verzweifelt. „Aber ich an.
habe wirklich nur an Ihr eigenes Interesse gedacht. „Nachrichtenzentrum Eins befindet sich bereits im
Wir haben uns geirrt — und zwar auf der ganzen Linie. Besitz der Diener des Volkes“, verkündete er; seine
Jetzt bleibt uns nichts weiter übrig, als diesen Irrtum Stimme enthielt einen fremden Akzent.
37 TERRA

Shielding starrte einen Augenblick schweigend auf Das Lächeln erstarb in seinen Mundwinkeln, und auch
die Bildröhre. Dann bediente er einen anderen Schal- sein Blick wurde durchdringend.
ter. Atemlose Stille herrschte. Die Blicke der beiden
„Die Soldaten der Diener des Volkes haben die- Männer schienen ineinander verankert zu sein. Nie-
ses Zentrum besetzt“, sagte ein anderer Mann in einer mand zweifelte auch nur einen Augenblick daran, daß
schwarzen Uniform im gleichen Tonfall wie der ande- hier ein Kampf ausgetragen wurde, bei dem alles auf
re. dem Spiel stand.
Shielding stöhnte ungläubig; mit fahrigen, verzwei- Conjerly trat stirnrunzelnd einen Schritt vor.
felten Bewegungen tasteten seine Finger über die In-
In diesem Augenblick verzerrte sich das Gesicht
strumententafel und schalteten alle Nachrichtenver-
von Clawlys Double in der schwarzen Uniform. Er
bindungen ein, die ins Opale Kreuz führten.
wich einen Schritt zurück, als wollte er einem tiefen
Auf den meisten Bildschirmen waren Männer in Abgrund ausweichen, der sich jäh vor ihm aufgetan
schwarzen Uniformen zu sehen. hatte. Ein unartikulierter Schrei kam aus seiner Kehle,
Mit einem Male stellten die Mitglieder des Welt- und seine rechte Hand fuhr an den Halfter.
komitees fest, daß diese Männer in ihren schwarzen Als er die Waffe zog und in Anschlag brachte,
Uniformen nicht nur auf den Bildschirmen zu sehen huschte ein triumphierendes Lächeln über Clawlys
waren, sondern daß sie leibhaftig in diesen Saal des Gesicht.
Opalen Kreuzes eingedrungen waren und ihre Waffen
auf die Versammlung am Tisch gerichtet hielten.
13.
Vielleicht war es eine Illusion, aber die Gestalten
von Conjerly und Tempelmar schienen plötzlich zu
In dem dunklen, engen Höhlengang konnte Thorn
wachsen.
das Messer nur in einem kurzen Bogen durch die Luft
„Ja“, sagte Conjerly, und seine Stimme hatte einen zischen lassen, um sich des knurrenden Hundes zu er-
seltsam freundlichen Klang. „Ihre Regierung, oder wehren. Das Knurren schwoll an und ging in ein wil-
das, was Sie als Regierung bezeichnet haben, befin- des Wutgeheul über.
det sich nunmehr in den fähigen Händen der Diener
des Volkes. Clawlys Ausführungen haben von jeher Immerhin hatte das Messer sein Ziel gefunden, ehe
den Kern der Sache getroffen. Allerdings ist es uns die scharfen Fangzähne zuschnappen konnten, und
gelungen, diese Ausführungen als unglaubwürdig hin- nun entwich der Hund in den Gang zurück.
zustellen. Diese Täuschung war unerläßlich. Es findet Das Geräusch der über den Steinboden gleitenden
tatsächlich eine Invasion statt. Sie liegt im Interesse Pfoten und Krallen sagte Thorn, daß das Tier sich be-
aller Welten, und auch Ihre Welt wird großen Nutzen reits bis zum Höhleneingang zurückgezogen hatte. Er
daraus ziehen. Die Invasion selbst kommt aus der Zeit, kauerte auf allen vieren am Boden und dachte über
und zwar über eine Brücke, die unsere beiden Welten seine augenblickliche Lage nach.
miteinander verbindet. Der Brückenkopf in Ihre Welt Jetzt sah er natürlich ein, daß er einen unverzeihli-
ist bereits gebildet worden. Sie können sich selbst da- chen Fehler begangen hatte, als er diese Höhle betrat,
von überzeugen, daß dieser Brückenkopf mit Ihrem ohne zuvor am Höhleneingang ein Feuer zu entzün-
Hauptquartier identisch ist.“ den. Auf diese Weise wäre er wenigstens in die Lage
Clawly hörte gar nicht zu. Sein Blick war fest auf ei- versetzt worden, seine Schleuder anzuwenden.
ne Gestalt gerichtet, die sich jetzt dem Tisch näherte. Beim Abstieg von der Felsenhöhe hatte er jedoch
Auch Shielding, Firemoore und ein paar andere Mit- nicht das geringste Anzeichen von der Anwesenheit
glieder des Weltkomitees starrten diese Gestalt an. Es eines fremden Tieres erkennen können. Er hatte die-
war eine zweite Unmöglichkeit, die sich hier innerhalb se Höhle unbedingt noch einmal aufsuchen müssen,
weniger Minuten ereignete. um sich zu überzeugen, ob Thorn III hier vielleicht
Die betreffende Gestalt trug eine schwarze Uni- irgendwelche Vorräte an Nahrungsmitteln oder Waf-
form, und die glitzernden Schulterstücke ließen erken- fen aufgestapelt hatte. In erster Linie brauchte er Nah-
nen, daß es sich um einen hohen Dienstrang handel- rungsmittel, denn die Jagd, die er gestern gemeinsam
te. Das Gesicht war in allen Einzelheiten das genaue mit Darkington unternommen hatte, war ergebnislos
Double von Clawly — ja, selbst das charakteristische, verlaufen.
sardonische Lächeln fehlte nicht. Er fragte sich, ob Darkington wohl herkommen
Beide Männer schauten sich fest in die Augen. Nie- würde, um ihm zu helfen. Damit war jedoch kaum
mand vermochte zu sagen, wann es begann, aber als zu rechnen, denn der kleine, drahtige Bursche wür-
sie sich jetzt über den Tisch hinweg anblickten, spürte de wohl erst am späten Nachmittag von der Jagd zu-
jeder Anwesende, daß hier ein Duell stattfand. rückkehren. Dann stand die dunkle Nacht bevor, und
Clawlys Blick wurde stahlhart. Er schien sich mit er würde wohl kaum sein Leben aufs Spiel setzen, um
aller Kraft zu konzentrieren. Sein Double zuckte ein den Hang hinabzuklettern und einen Mann zu retten,
wenig zusammen, als hätte er einen Schlag erhalten. den er ohnehin für halbverrückt hielt.
Welten des Grauens 38

Thorn hatte ihm bereits zuviel von den Alternativ- Er wollte es keinem anderen Thorn zumuten, in die-
welten erzählt, in denen die Zivilisation nicht vernich- ser Lage den Platz mit ihm zu wechseln — immerhin
tet worden war. Darkington hatte das alles als „Träu- würde er natürlich eine solche Chance sofort ergrei-
me“ abgetan, und Thorn hatte sich schließlich mit die- fen, falls sie sich ihm böte.
ser Haltung zufriedengegeben, denn er durfte sich den Wieder kam es ihm wie im Traum vor, als würde
letzten Rest des Vertrauens nicht leichtsinnig verscher- eine Stimme leise seinen Namen rufen.
zen. Außerdem war Darkington selbst ein bißchen ver- Er fragte sich, welchen Schicksalslauf wohl die an-
rückt. Die langen Jahre der Einsamkeit waren nicht deren Thorns inzwischen genommen haben mochten.
spürlos an ihm vorübergegangen, und während die- Thorn III in Welt II. War er im Augenblick des Wech-
ser Zeitspanne hatte er Gewohnheiten angenommen, sels gestorben, oder hatten ihn die Diener des Volkes
die nicht so einfach abzulegen waren. Zwar hatte er vor einem solchen Schicksal im letzten Augenblick
sich die ganze Zeit hindurch nach einem Kameraden bewahrt?
gesehnt, aber als dieser dann unvermittelt aufgetaucht Thorn II in Welt I. Thorn I in Welt III. Alles schi-
war, da erkannte er, daß dies eine große Umstellung en das unvernünftige Spiel eines Gottes zu sein, der
für ihn bedeutete. plötzlich den Verstand verloren hatte.
Irgend etwas bohrte sich in Thorns linke Seite. Sei- Und dennoch — hatten ihm denn seine ganzen
ne rechte Hand hielt noch immer das Messer umklam- wissenschaftlichen Untersuchungen nicht gezeigt, daß
mert, während seine Linke sich langsam an die bewuß- man es hier mit einem verrückten, grausamen Univer-
te Stelle hintastete. Es war der kleine, merkwürdige sum zu tun hatte?
Gegenstand, der Thorn auf seinen Reisen in die ver- Der Glaube des dunklen Mittelalters war richtig:
schiedenen Welten begleitet hatte. es gab tatsächlich Schlangen, die an den Wurzeln der
Verärgert schob er den Gegenstand zur Seite. Er hat- Weltenesche Yggdrasil nagten!
te schon genug Zeit damit vergeudet, sich ein Bild Innerhalb von drei Tagen hatte er jetzt drei verschie-
über die Bedeutung dieses Dinges zu machen. Es war dene Welten gesehen — und keine dieser Welten war
genauso nutzlos wie — wie die Steinruinen der Wol- gut.
kenkratzer da oben.
Welt III war das hoffnungslose Trümmerfeld als Er-
Er hörte den kleinen Gegenstand über den Boden gebnis eines subtronischen Krieges.
rollen; in einer kleinen Vertiefung blieb er liegen. Welt II war ein Tummelplatz von unverantwortli-
Offensichtlich hörten die vor dem Höhleneingang chen Tyrannen und unterdrückten Menschen, die sich
kauernden Hunde das Geräusch ebenfalls, denn sie be- von ganzem Herzen nach der Freiheit sehnten.
gannen zu knurren und zu fauchen, als wollten sie un- Welt I war eine Art Utopie voller Menschen ohne
tereinander eine Art Konferenz abhalten. echte, innere Werte; sie verdankte ihr Dasein lediglich
Es kam ihm vor, als könnte er unter dieser Vielzahl einem glücklichen Umstand.
von Geräuschen ein paar menschliche Worte ausma- Drei verschiedene Welten.
chen. Der Gedanke, daß er in dieser Höhle von einer Thorn zuckte zusammen.
Meute von Hunden und Katzen bewacht wurde, war
Dieser letzte Gedanke schien in ihm Kräfte zu er-
nicht gerade sehr angenehm.
wecken, von deren Vorhandensein er nicht die gering-
Unvermittelt schien es Thorn, als riefe jemand von ste Ahnung gehabt hatte. Seine Gedanken schienen
irgendwoher leise seinen Namen. plötzlich eine Macht zu gewinnen, der keinerlei Gren-
Er verzog das Gesicht zu einer breiten Grimasse, zen gesetzt waren. Es war, als hätte er mit einem Mal
denn das alles konnte ja nur in seiner Einbildung exi- die Fähigkeit erlangt, irgendeine unbekannte Maschi-
stieren. Aber der Ruf wurde intensiver und drang jetzt ne zu bedienen.
bis in seine Gedanken vor. Vom Höhleneingang kam ein leises Geräusch, und
Wer vermag zu beurteilen, auf welche Gedanken ein das erinnerte ihn an seine augenblickliche Lage. Es
Mann kommt, der in einer Klemme steckt, die jeden hörte sich an, als würden Pfoten oder Krallen über
möglichen Ausweg ausschließt? den Steinboden gleiten. Er lauschte gespannt, aber das
Thorn versuchte sich einzureden, daß alles nur von Geräusch wiederholte sich nicht. Unwillkürlich um-
seinen überreizten Nerven und von seiner Einbil- spannte er den Griff des Messers fester. Vielleicht
dungskraft herrühre. Die unmittelbare Furcht vor dem setzte jetzt eines der Tiere zu einem Überraschungs-
Tode mochte vielleicht bewirken, daß er wiederum in angriff an. Wenn er nur ein wenig Licht in dieser ver-
einen anderen Körper floh. Aber das war keineswegs wünschten Dunkelheit hätte...
gewiß — und nicht einmal wahrscheinlich. Eine gelbe Flamme zuckte auf, und jetzt brannte
Er dachte flüchtig daran, daß ihn bislang jeder unvermittelt ein Holzfeuer, dessen züngelnder Schein
Wechsel in eine schlimmere Welt gebracht hatte. Nun- über die engen Höhlenwände huschte.
mehr hatte er den absoluten Tiefpunkt erreicht, und Der Lichtschein fiel auf einen Hund und auf eine
aus dieser Situation konnte er sich nur befreien, wenn Katze, die nebeneinander im Höhlengang hockten und
ihm jemand von draußen zu Hilfe kam. sich augenscheinlich auf einen Angriff vorbereiteten.
39 TERRA

Wie angewurzelt starrten sie in den Feuerschein. Oder...?


Der Hund wich jaulend ein paar Schritte zurück. Die Zum erstenmal versuchte Thorn, ein wenig Ord-
Katze fauchte das Feuer an. nung in die Gedanken zu bringen, die von allen Seiten
Bei Thorns Gedanken breitete sich das Feuer aus, auf ihn einstürmten.
und nun mußte sich auch die Katze zurückziehen. Zu-
Sein Inneres schien vollkommen verändert zu sein.
nächst gab sie nur wenig Boden preis, aber schließlich
Sein Unterbewußtsein war plötzlich mehr als nur ein
mußte sie doch nachgeben. Sie wirbelte herum und
undurchdringlicher grauer Schirm. Jetzt vermochte er
eilte auf den Höhleneingang zu, aus dessen Richtung
diese Sphäre zu durchbohren, und jetzt konnte er auch
die knurrenden und fauchenden Geräusche der ande-
die Gedankenwelt der anderen Thorns erreichen.
ren Tiere zu hören waren.
Thorn dachte an das Tageslicht, und die Flammen Er spürte, wie ihm von einem dieser anderen Thorns
wurden immer heller. Langsam schob er sich durch eine Pflicht auferlegt wurde.
den Gang vor, und der Weg schien plötzlich viel leich- Dieser unerwartete Auftrag erschütterte ihn, und er
ter zu sein. begann zu zittern.
Der Gang wurde höher und breiter. Als er die Wöl- Er erhaschte einen letzten Blick auf Welt III — auf
bung der Höhle erreichte, hörte er das. Knirschen von die von Schnee und Eis bedeckten Hügel mit den bi-
Kies. zarr geformten Baumstümpfen.
Die Flamme hatte unterdessen eine weiße Färbung Dann verschwand das alles unter einem dichten
angenommen, und sie stand jetzt in der Mitte der Höh- Schleier, und nun befand er sich in einer undurch-
le. dringlichen Dunkelheit, in der es nur die Welt der Ge-
Er beugte sich ein wenig vor. danken gab. Diese Gedanken besaßen eine unvorstell-
In diesem Augenblick erlosch die Flamme, und bare Macht.
plötzlich hielt er den kleinen. In dieser absoluten Dunkelheit gab es weder Di-
grauen Gegenstand in der Hand, den er l vor weni- mensionen noch Abmessungen im herkömmlichen
gen Minuten weggeworfen hatte. Jetzt aber war es kein Sinn. Hier herrschte die Unendlichkeit des Weltrau-
fremder Gegenstand mehr. Er schien irgendwie zu ihm mes, und nur die Kraft der Gedanken vermochte diese
selbst zu gehören und war ein Teil von ihm, so wie ein Unendlichkeit zu überbrücken.
Muskel dem Befehl des Nervensystems gehorcht. Es
Es war keine Dunkelheit, in der das Licht fehlte,
war keineswegs eine Maschine, sondern eher wie ein
sondern in der die Macht der Gedanken und der Illu-
zweiter Körper.
sionen alles beherrschte.
Das Bewußtsein des Besitzes einer solchen Macht
ließ ihn taumeln. Alles schien vor seinen Augen zu Ohne daß ihm der plötzliche Wechsel zu Bewußt-
verschwimmen, aber das dauerte nur einen kurzen Au- sein kam, spürte Thorn, daß jetzt alle drei Thorns in
genblick. Dieser kleine Gegenstand in seiner Hand seiner Person vereint waren.
schien ihm unerschöpfliche Kräfte zu verleihen. Er hatte den Blick in drei verschiedene Welten ge-
Er spürte die Kraft eines Schöpfers in sich. worfen, und jetzt spielte es keine Rolle mehr, ob das
Jetzt besaß er die Macht, alles zu tun, was er nur gleichzeitig oder nacheinander geschehen war.
wollte: er konnte gehen, wohin er immer wollte, er In der harten Atmosphäre von Welt III hatte er er-
konnte erschaffen, was er wollte, er konnte die Welt fahren, daß es viel Geduld erforderte, sich mit Le-
verändern — ja, er konnte sie sogar vernichten. bensbedingungen abzufinden, in denen das Recht des
Und dann kam die Furcht. Stärkeren galt. In einem solchen Kosmos mußte je-
Er befürchtete, daß dieses Ding, das seinen Gedan- der gegen jeden kämpfen, und man mußte lernen, sich
ken so genau und messerscharf folgte, auch jenen Ge- durchzusetzen.
danken folgen könnte, die sich mit reinen Nebensäch- In Welt II hatte Thorn die Grausamkeiten zu spüren
lichkeiten beschäftigten. Kein Mensch kann seine Ge- bekommen, die in Menschen stecken konnten — die
danken über eine längere Zeitspanne unter Kontrolle Überheblichkeit einer kleinen Gruppe, die es mit ty-
behalten. Manche Menschen denken gelegentlich an rannischen Maßnahmen verstand, eine ganze Welt zu
Mord, an Katastrophen — oder auch an Selbstmord unterdrücken und die Menschen in willenlose Sklaven
— zu verwandeln. In dieser Welt gab es Neid und Furcht,
Der kleine graue Gegenstand war plötzlich zu einer Haß und Liebe, Arroganz und Opferbereitschaft.
ungeahnten Gefahr geworden. Thorn hatte in Welt I gelebt, in einer Welt, in der die
Was konnte Thorn unternehmen? individuelle Freiheit des Menschen als selbstverständ-
Letzten Endes mußten auch diesem Gegenstand ge- lich galt und in der die Schwächen der Menschen und
wisse Grenzen gesetzt sein. Offensichtlich folgte er ihre Neigung zum Bösen ganz besonders deutlich zu
seinen Gedankengängen. Er konnte nichts vollbrin- erkennen waren. Diese Menschen brauchten sich nicht
gen, was er, Thorn, nicht selbst verstand — wie etwa zu plagen, denn die Natur hätte ihnen von sich aus al-
die Konstruktion einer subtronischen Maschine. les gegeben, was sie sich nur wünschen konnten.
Welten des Grauens 40

All diese Erfahrungen waren nun in seinen Gedan- bei diesem ungeheuren Machtrausch gar nicht zu Be-
ken vereinigt. Sie widersprachen sich nicht, aber sie wußtsein.
verschmolzen auch nicht miteinander. Hier gab es we- In schneller Reihenfolge zogen vielerlei Bilder der
der ein Gefühl des Neides noch der Schuld. Jede dieser Vergangenheit an seinem geistigen Auge vorüber. Die
Erfahrungen beruhte auf einem allumfassenden Ver- sieben Wesen waren so sehr in die Betrachtung dieser
ständnis und war aus den Entscheidungen der Zukunft Bilder vertieft, daß sie Thorns Gegenwart gar nicht be-
geboren. Es waren die Gedankengänge von drei ver- merkten.
schiedenen Menschen, die hier zusammen eine Ein- Welt II tauchte auf. Elf alte Männer waren in der
heit bildeten. Es gab nur einen Thorn, der drei ver- Halle der Diener des Volkes um einen langen Tisch
schiedene Schicksale erlebt hatte; allein die Kindheit versammelt. Mit allen Anzeichen der Befriedigung
war. in allen drei Fällen gleich, denn diese hatte er er- nahmen sie die eintreffenden Berichte vom erfolgrei-
lebt, ehe die Veränderungen im Zeitablauf eingetreten chen Ablauf der Invasion entgegen. Das war die Erfül-
waren. lung all ihrer langgehegten Pläne.
Dieser Thorn befand sich nun durch die Wunder- Das Bild wurde größer und deutlicher, und nun war
kraft seines Talismans außerhalb von Zeit und Raum; der lange Strom der mit subtronischen Waffen ausge-
er spürte, daß seine Persönlichkeit jetzt über ungeahn- statteten Soldaten zu erkennen, wie sie in das hohe Ge-
te Fähigkeiten verfügte. Unvermittelt kam ihm nun zu bäude des Opalen Kreuzes eindrangen. Einzelne Ge-
Bewußtsein, daß er bislang wie ein Blinder durchs Le- sichter waren zu sehen, in denen neben dem absoluten
ben getappt war, und erst jetzt vermochte er die wahre Gehorsam die nackte Furcht geschrieben stand.
Bedeutung des Lebens zu erkennen. Erst jetzt wurde Im nächsten Augenblick war Welt I zu sehen. Es
ihm auch die wahre Bedeutung seiner bisherigen Er- war das Innere des Himmelsraumes im Opalen Kreuz;
fahrungen bewußt. hier schwirrten die Männer mit den schwarzen Unifor-
Jetzt gab es kein Zögern mehr — und auch kein men wie in einem überdimensionalen Ameisenhaufen
Drängen von Thorn II, denn Thorn II existierte nicht herum.
mehr als Einzelwesen. Er erinnerte sich an die Worte, Das Bild wurde hastig ausgeschaltet, als wäre es
die Oktav ihm im Raum des Blue Lorraine zugeflüstert den sieben Wesen gar nicht recht, einen solchen Blick
hatte, als es ihm die Kraft des Talismans ermöglichte, in eine Welt zu werfen, die sie von jeher bevorzugt
den Tod hinauszuschieben. Er erinnerte sich haarge- hatten, und der nun ein solches Schicksal bevorstand.
nau an jede einzelne Silbe dieser denkwürdigen Infor- Panoramahaft tauchte Welt III auf. Der Blick glitt
mationen. über Tausende von Meilen, und hier gab es überall nur
Er dachte an den ersten Schritt: das Auffinden der die grauenhaften Ruinen einer ausgestorbenen Zivili-
Wahrscheinlichkeits-Maschine. Er spürte, wie der Ta- sation. Es war die Eiswelt der Antarktis, deren Ein-
lisman seinem Gedanken folgte, und Thorn vertraute tönigkeit nur gelegentlich von aufragenden Vulkanen
sich der führenden Kraft ohne Widerstreben an. unterbrochen wurde.
Das alles war aber erst der Anfang.
Wie ein Blitz wurde er durch Zeit und Raum ge-
Ergebnisse früherer Veränderungen im Zeitablauf
schleudert — und dennoch war ihm, als hätte er auf
waren zu sehen. Da tauchte eine Welt auf, in der tele-
der gleichen Stelle verharrt und als hätte es überhaupt
pathisch veranlagte Mutanten einen erbitterten Kampf
keinerlei Bewegung gegeben. Er spürte, daß hier ir-
gegen Wesen führten, die es gelernt hatten, ihre eige-
gend etwas gegenwärtig war.
nen Gedanken mit einer Art Schutzschirm zu umge-
Und dann... ben.
In dieser Dunkelheit pulsierte eine Macht von un- Da war eine weitere Welt, in der eine Hierarchie von
endlicher Größe. Eine solche Macht konnte ganze Männern in scharlachroten Roben die Menschheit der
Welten erschüttern und durcheinanderwirbeln. Die- Erde beherrschte.
se gedankenschwere Leere erbebte unter einer unvor- In einer anderen Welt gab es eine kleine Gruppe von
stellbaren Schöpfungskraft, als wäre dies der Aus- hypnotisch veranlagten Telepathen, deren Gedanken
gangspunkt aller Wirklichkeiten und Realitäten. und Einflüsse von allen anderen Wesen bedingungslos
Thorn spürte die Gegenwart von sieben anderen befolgt wurden, als würden diese in einer Art Traum-
Wesen, die sich um den Mittelpunkt versammelt hat- welt leben.
ten, von dem das Pulsieren ausging. Die sieben Wesen Und wieder eine andere Welt. Hier gab es bereits die
waren Menschen wie er selbst, aber ihnen fehlten die atomaren Kräfte, und hier herrschte ein feudales Sy-
Erfahrungen, die er, Thorn, in drei Welten gesammelt stem mit einer endlosen Kette von Kämpfen. Die Er-
hatte. Sie waren noch mehr von sich eingenommen, innerungen an gesetzmäßige Ordnung und an die Brü-
als er es in Welt II bei den sogenannten Dienern - des derschaft der Menschen wurde lediglich in ein paar
Volkes gesehen hatte. Sie hielten sich für gottähnliche abgelegenen Klöstern gepflegt, die keinerlei Einfluß
Wesen, und dennoch lebten in ihnen all die Vorein- auszuüben vermochten.
genommenheiten und Schwächen von Menschen. Ihre Eine Welt wie ein Mikrokosmos. Die Menschen
Unwissenheit war erschreckend, aber das kam ihnen hatten sich in Familien oder Freundschaftsgruppen
41 TERRA

aufgesplittert, und die Zivilisation bestand nur aus ge- „Kent?“


legentlichem Gedankenaustausch auf sozialer Basis. „Vielleicht wäre es möglich... aber nein! Vernich-
Eine Welt, in der die Menschen ein drohnenhaftes tung!“
Dasein führten; sie ließen alle Arbeit von den von ih- Mit erschreckender Deutlichkeit kam es Thorn zu
nen erschaffenen Robotern verrichten. Bewußtsein, daß diese Wesen überhaupt nicht unvor-
Eine Welt, in der die Menschen von Robotern be- eingenommen denken konnten. Mit der Überzeugung
herrscht wurden, die sie selbst erschaffen hatten. von Fanatikern hingen sie an den früher getroffenen
Eine Welt, in der es nur zwei große Nationen gab, Entscheidungen. All diese von ihnen selbst geschaf-
die sich in erbittertem Kampf gegenüberstanden. Kei- fenen Welten waren ihnen jetzt unerwünscht, und sie
ne konnte die andere besiegen, und dennoch wurde nahmen nicht die geringste Notiz von der Tatsache,
dieser grauenhafte Kampf fortgesetzt, denn jede der daß hier mit einer beiläufigen Handbewegung alles
beiden Nationen fürchtete, daß die bereits gebrachten vernichtet werden sollte. In all den anderen Welten
Opfer vergeblich gewesen sein könnten. sahen sie nur die schauderhaften Abweichungen vom
Eine Welt, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, den Leben auf dem Hauptstamm, der von ihnen ohnehin
Weltraum zu erobern. stets vorgezogen worden war. Ihre Reaktionen waren
so unberechenbar und hysterisch wie die eines Mör-
Eine Welt, in der die Gedanken der Menschen von
ders, der schon eine gewisse Zeitspanne am Tatort ver-
einer neuen, großen Religion erfüllt waren. Auf den
bracht hat und nun plötzlich erkennen muß, daß sein
Berghöhen wurden sonderbare Zeremonien durchge-
Opfer sich noch immer bewegt.
führt, und die wenigen Menschen, die sich dieser neu-
en Religion verschlossen, schüttelten nur resigniert Thorn nahm seine ganze Willenskraft zusammen,
den Kopf. denn er spürte, was er jetzt zu tun hatte.
Eine Welt, in der es weder Städte noch technische „Sikst?“
Einrichtungen gab. Die Menschen waren in Lumpen „Ja, Vernichtung.“
gehüllt, und sie führten ein denkbar primitives Dasein. „Septem?“
Eine nur sparsam besiedelte Welt mit kleinen Städ- „Vernichtung!“
ten. Den Gesichtern dieser Menschen war es anzuse- „Okt...“
hen, daß sie an der Schwelle eines neuen Beginnens Als es Prim mit einem Schlag zu Bewußtsein kam,
standen. daß es ja keinen Oktav mehr gab und :als er seine Ge-
Eine Welt, die nur aus einer kleinen Gruppe von danken mit denen der anderen vereinte, um die Ver-
Meteoriten bestand, die unablässig ihrer festgelegten nichtung herbeizuführen, begann die Dunkelheit wie-
Kreisbahn um die Sonne folgten. der zu pulsieren.
„Wir haben genug gesehen!“ Thorn schickte seinen Ruf in die Dunkelheit hinein.
Thorn spürte das quälende Schuldbewußtsein in „Wer und was immer ihr sein mögt, die ihr das alles
Prims Gedanken. geschaffen habt — hier ist der Teiler der Zeit, hier ist
Der Strom der Bilder verebbte, und nun herrschte die Wahrscheinlichkeits-Maschine !“
wieder die absolute Dunkelheit, in der nur die Ge- Sein Ruf vibrierte wie ein gellender Schrei.
danken lebten. Nach einer Weile war Prims nächster Sogleich wurde er von den Gedanken Prims und der
Gedanke zu vernehmen. Offensichtlich hatte er in der anderen eingekreist. Sie versuchten, ihn zu überwälti-
verstrichenen Pause seine Selbstsicherheit wiederge- gen und gleichzeitig mit all den Welten zu vernichten.
funden. Das Pulsieren der Dunkelheit erhob sich zu
„Wir haben all unsere Fehler gesehen, aber diese einem gewaltigen Sturm, in dem sogar die
Fehler sind zu korrigieren. Unsere Gedanken — oder Wahrscheinlichkeits-Maschine aus den Angeln ge-
zumindest die Gedanken von einigen von uns — ha- rissen zu werden drohte. Ein zuckender Blitz erhellte
ben der Wahrscheinlichkeits-Maschine unsere einzel- die einzelnen Abzweigungen der Welten, Welt I und
nen Vorhaben nicht genau übermittelt. All diese Wel- Welt II wurden wieder getrennt — und die Brücke der
ten hätten vernichtet werden sollen; statt dessen sind Invasion war gebrochen...
sie nur verdunkelt worden und somit von der Bildflä- Noch immer drang Thorns Ruf in die Dunkelheit.
che verschwunden. Es gibt demnach keinen Zweifel Er spürte, wie sein Ruf von der Kraft eines jeden Talis-
an unserem nächsten Schritt, Sekond?“ mans und auch von der Wahrscheinlichkeits-Maschine
„Absolute Vernichtung! Mit Ausnahme der Welt aufgenommen und beantwortet wurde.
des Hauptstammes!“ kam prompt die Erwiderung. Sein Verstand begann zu ersticken, und sein Be-
„Ters?“ wußtsein verdunkelte sich.
„Vernichtung!“ Alle Wirklichkeit schien auf der Schwelle des Seins
„Kart?“ oder Nichtseins zu schweben.
„Zuerst die Welt der Invasion — und dann alle an- Plötzlich war der gewaltige Sturm vorüber, und die
deren. Schnell!“ eintretende Ruhe mochte aus dem Zug der Ewigkeit
Welten des Grauens 42

gekommen sein, falls sie nicht von jeher hier vorhan- Wahrscheinlichkeits-Maschine niemals dazu geschaf-
den gewesen war. fen wurde, tatsächliche Schöpfungen durchzuführen,
Sie wurden von einer tiefen Ehrfurcht ergriffen; schließt natürlich nicht die Möglichkeit aus, daß sie
jetzt waren sie nichts als kleine Jungen, die in einer ho- tatsächlich schöpferisch wird, sofern man sie mit den
hen Kathedrale knien und es kaum wagen, den Blick entsprechenden Gedankengängen speist.
zum Priester zu heben. Wie kann ich euch das alles nur begreiflich machen?
Was nun kam, gab sich nicht näher zu erkennen.
Dennoch spürten sie, was es war. Eure Gedankengänge zeigen mir, daß ihr noch
auf einer Entwicklungsstufe steht, in der Fahrzeuge
Dann reichten die Gedanken durch die Dunkelheit.
mit Rädern benutzt werden. Diese Fahrzeuge werden
Es waren machtvolle und große Gedanken, von de-
durch Vergasermotoren angetrieben, und wir kennen
nen sie nur kleine Bruchteile zu begreifen vermochten.
sie aus einigen rückständigen Welten in unserem eige-
Aber diese Bruchteile waren völlig klar.
nen Kosmos. In einem solchen Fahrzeug erkennt ihr
14. nur die Möglichkeit zur Anwendung als Transportmit-
tel. Nun denkt aber daran, daß ein solches Gefährt ei-
Die Suchaktionen nach unserer Wahrscheinlichkeits- nem technisch unterentwickelten Menschen eures ei-
Maschine und nach jedem dazugehörigen Talisman genen Kosmos in die Hand fällt. Er würde darin viel-
reichen bis in diese Zeit hinein. Wir haben diese Such- leicht eine Art Waffe sehen, die man auf irgendeine
aktionen mit allen uns zur Verfügung stehenden Kräf- Weise im Kampf einsetzen kann. Ihr mögt noch so raf-
ten durchgeführt, denn wir kennen die Gefahren nur finierte Sicherungen einbauen; es wird ihn keineswegs
zu gut, die sich aus einem Mißbrauch dieser Maschine daran hindern können, das Gefährt so einzusetzen, wie
ergeben können. er es eben will.
Wir haben verschiedene ähnliche Maschinen kon- Als ihr die Wahrscheinlichkeits-Maschine entdeck-
struiert, die uns bei den Suchaktionen helfen sollten, tet, da befandet ihr euch in einer ganz ähnlichen La-
aber dann trat jene Katastrophe im Kosmos ein, die ge. Zu allem Unglück war die Maschine vollkommen
uns erkennen ließ, daß die Maschine mit Talismanen ungesichert, als sie aus unserem Kosmos verschwand.
in euren Zeitstrom und zu eurem Planeten geraten war. Ich sehe jetzt, welche Vielzahl von Versuchen ihr über
Damit konnten wir die Spur nicht weiter verfolgen. eine Reihe von Jahren hindurch unternommen habt,
Natürlich hätten wir einen Schirm der, Wirklichkeit er- und einige dieser Versuche hatten ein ganz unwahr-
richten können, aber das würde den Faktor einer Un- scheinliches Resultat. Ihr habt in Wirklichkeit Alter-
endlichkeit bedeuten, und somit mußten wir es unter- nativwelten geschaffen.
lassen.
Dadurch habt ihr die wahre Funktion der
Das alles ist jetzt vorüber.
Wahrscheinlichkeits-Maschine ins genaue Gegenteil
Ich will nicht versuchen, euch ein Bild von uns und
verkehrt. Wir haben sie konstruiert, um alle derarti-
unserem Aussehen zu übermitteln. Es mag euch genü-
gen Möglichkeiten auszuschließen. Ihr dagegen habt
gen zu erfahren, daß wir die Beherrscher eines ganz
die unerwünschten Möglichkeiten tatsächlich ins Le-
anderen Kosmos sind, dessen Energiebeschaffenheiten
ben gerufen. Dadurch habt ihr Welten geschaffen, in
sich wesentlich von dem euren unterscheiden.
denen kaum ein Minimum an Existenzmöglichkeiten
Was nun die Wahrscheinlichkeits-Maschine betrifft, besteht, und solche Welten wären aus der euren nie-
so ist sie niemals zu einem Gebrauch konstruiert wor- mals entstanden. Unter normalen Umständen wäre
den, wie ihr ihn demonstriert habt. Im Grunde ge- von euch eigentlich zu erwarten gewesen, daß ihr
nommen ist es eine Art Rechenmaschine, aus der das euch eure Handlungen ein wenig genauer überlegt,
Resultat gewisser Faktoren hervorgeht, die alle sorg- ehe ihr sie durchführt. Ihr hättet die unangenehmen
fältig abgewogen werden. Sie befindet sich außerhalb Folgen bedenken müssen. Statt dessen habt ihr der
der Grenzen von Zeit und Raum, damit sie die einzel- Wahrscheinlichkeits-Maschine eure Gedanken und da-
nen Faktoren genau abwägen kann, ohne selbst vom mit euren Willen aufgezwungen, und die Entwicklung
Zeitablauf beeinflußt zu werden. Wenn wir vor einem auf eurer eigenen Welt hat euch dabei überholt, ohne
Problem stehen, das verschiedene Möglichkeiten er- daß ihr etwas davon merktet.
öffnet, dann lassen wir uns von der Maschine das je-
weilige Resultat einer solchen Möglichkeit geben, um Die Wahrscheinlichkeits-Maschine hat eure geisti-
dann die entsprechenden Maßnahmen zu treffen. Auf ge Entwicklung natürlich nicht gefördert. Sie hat ei-
diese Weise schließen wir alle Eventualitäten aus. ne solche Entwicklung eher verhindert, denn sie gab
Ihr müßt besonders darauf achten, daß wir uns im- euch die Macht in die Hand, euren eigenen Überle-
mer nur das Resultat dieser Möglichkeiten zeigen las- gungen und Entscheidungen auszuweichen. Auf diese
sen — ohne indessen die Möglichkeiten selbst durch- Weise brauchtet ihr nur zu sehen, was ihr sehen woll-
zuführen. tet.
Nun gibt es aber keine Maschine, die ab- Ihr müßt immer bedenken, daß es eben nur eine Ma-
solut narrensicher wäre. Die Tatsache, daß die schine ist — ein perfekter Diener, aber kein Erzieher.
43 TERRA

Perfekte Diener sind ohnehin die schlechtesten Erzie- Aspekte einer guten Entwicklung, denn unseres Wis-
her. Sie hätte euch vielleicht zur Förderung eurer ei- sens gibt es im gesamten Kosmos nur eine derart viel-
genen Entwicklung dienen können. Aber ihr habt es verzweigte Welt wie die eure.
vorgezogen, euch wie gottähnliche Wesen zu beneh- Wir werden die Zukunft dieser Welt mit ganz beson-
men; ihr habt wissenschaftliche Experimente durch- derem Interesse beobachten, und dabei hoffen wir von
geführt und etwas benutzt, das ihr ganz und gar nicht ganzem Herzen, euch eines Tages in der großen Liga
zu verstehen vermochtet. In der Art von Göttern habt aller vernunftbegabten Wesen begrüßen zu können.
ihr es euch angemaßt, zu richten, zu segnen — und zu Vielleicht kreidet ihr es uns nun als Fehler
verdammen. Schließlich seid ihr dabei in Gefahr ge- an, wenn wir es zugelassen haben, daß euch die
raten, viel mehr zu vernichten, als es überhaupt eure Wahrscheinlichkeits-Maschine in die Hand gefallen
Absicht war. Das hätte zu schlimmen Konsequenzen ist, und in Zukunft werden wir ganz besonders dar-
führen können, deren Ausläufer sogar bis zu unserem auf achten, daß sich ein Verlust der Maschine nicht
Kosmos gereicht hätten. wiederholen kann. Aber etwas müßt ihr euch immer
Was sollen wir nun mit euch und euren Welten an- vor Augen halten. Ihr seid eine noch junge und recht
fangen, ihr kleinen Wesen? primitive Rasse, aber schließlich seid ihr keine Kin-
der mehr, sondern erwachsene und vollkommen ver-
Offensichtlich dürft ihr nicht länger im Besitz der
antwortliche Menschen. Ihr selbst haltet den Schlüs-
Wahrscheinlichkeits-Maschine bleiben, und wir müs-
sel zu eurer Zukunft in den Händen, und wenn ihr da-
sen euch auch jeden einzelnen Talisman abnehmen,
bei irgendwelche Fehler begeht, so liegt die Schuld bei
denn die Macht übersteigt alle Grenzen eurer Vorstel-
euch selbst.
lungskraft. Die von euch erschaffenen Welten dürfen
Für die Individuen, die für die Erschaffung dieser
natürlich auf keinen Fall vernichtet werden. Alle Wel-
Scheinwelten verantwortlich sind, habe ich Verständ-
ten und Menschen, denen das Leben verliehen wurden,
nis, denn ich muß einräumen, daß die meisten von
müssen die Möglichkeit haben, ihre Existenz fortzuset-
euch von guten Motiven und Absichten beseelt waren.
zen, und wenn man sie vor Probleme stellt, dann muß
Aber ihr habt euch in die Rolle von Göttern hineinge-
man ihnen auch die Möglichkeit geben, diese Proble-
steigert, und als solche seid ihr für eure Handlungen
me auf ihre Art zu lösen. Wenn diese Veränderungen
voll verantwortlich.
im Zeitablauf erst vor kurzer Zeit stattgefunden hät-
ten, dann könnten wir vielleicht einen Heilungsprozeß Damit kommen wir zu eurem Schicksal.
anstreben, aber es liegt alles schon so weit zurück, daß Dein persönlicher Fall liegt natürlich völlig anders,
derartige Maßnahmen ausscheiden. Thorn. Du hast dich von unserem Ruf erreichen lassen,
einen Talisman an dich genommen und uns schließlich
Wir könnten auch hierbleiben und von dieser Stel- noch rechtzeitig hergerufen, so daß die endgültige Ka-
le aus die einzelnen Entwicklungen im Auge behalten, tastrophe buchstäblich im letzten Augenblick verhin-
um hier und da einzugreifen und die erforderlichen dert werden konnte. Dafür sind wir dir dankbar. Wenn
Korrekturen vorzunehmen und die Entwicklung anzu- wir dich aus deiner gewohnten Umgebung herausrei-
heben und voranzutreiben. Aber uns liegt nichts daran, ßen und in unsere eigene Sphäre mitnehmen, dann wä-
uns hier wie Götter aufzuführen. In dieser Beziehung re das ein Schritt, den du zum Schluß selbst bedau-
haben wir stets schlechte Erfahrungen gemacht, und ern und vielleicht sogar verfluchen würdest. Wir dür-
wir wissen nur zu gut, daß jedes einzelne Lebewesen fen den Talisman nicht in deinem Besitz belassen, denn
die Möglichkeit braucht, sich auf vollkommen natürli- es wird sich schnell genug herausstellen, daß du eine
che Weise zu entwickeln und durch eigene Anstrengun- Macht, auf lange Sicht betrachtet, kaum besser anwen-
gen nach Höherem zu streben. den könntest als die anderen deiner Rasse. Es wäre für
Wir könnten auch hier bleiben und die verschie- uns wünschenswert, dich in deinem augenblicklichen
densten Experimente durchführen, wobei wir den von Zustand einer dreifachen Persönlichkeit zu belassen,
euch bereits eingeschlagenen Wegen folgen und die denn damit eröffnen sich für uns ganz neue und inter-
gleichen Mittel anwenden. Aber das wäre ebenfalls essante Perspektiven; aber auch das darf nicht sein,
nicht ratsam. denn du hast in drei verschiedenen Welten drei ver-
Somit also, ihr kleinen Wesen, bleibt uns keine an- schiedene Schicksale zu meistern. Immerhin sind wir
dere Wahl, als euch die Maschine wegzunehmen und zu einer Art Kompromiß bereit, indem wir dir gestat-
die Situation so zu belassen, wie ihr sie geschaffen ten, die besten Fähigkeiten deiner dreifachen Persön-
habt, damit sich alles entsprechend entwickeln kann. lichkeit zu behalten.
Daraus ergeben sich die Möglichkeiten von Invasio- Nunmehr, ihr kleinen Wesen, werden wir euch ver-
nen aus der Zeit und von interstellaren Kriegen. Das lassen.
alles wird erst die Zukunft zeigen. Alle Leiden und al- *
le Not bestehen in der Wirklichkeit, aber nun kann je-
des einzelne Individuum ungehindert danach streben, Aus einer Vielzahl von kleinen Verstecken in der
seine vorliegenden Probleme auf seine eigene Art und unmittelbaren und weiteren Umgebung des Opalen
Weise zu lösen. Die Zukunft eröffnet vielversprechende Kreuzes tauchten die Menschen auf, um sich zu einer
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kleinen Armee zu formieren. Andere kamen aus der von schrillen Geräuschen zerrissen, und ein orkanar-
Luft mit ihren Flugkörpern, um sich ihnen anzuschlie- tiger Sturm peitschte über den Abgrund hinweg.
ßen. Wie ein schwarzer Rabe über einem speienden Vul-
Nur vereinzelt waren ein paar Uniformen des Welt- kan floh Clawly über das Bild hinweg. Selbst bei
raumdienstes zu sehen. Unter diesen Menschen be- diesem Anblick völliger Verwüstung und unter dem
fanden sich auch einige Saboteure aus Welt II, denen Schock der Trans-Zeit-Maschine wurde er von dem
Thorn II in letzter Minute die Flucht aus ihrer Welt Gedanken beherrscht, wie der andere Clawly versucht
ermöglicht hatte. hatte, ihn zu töten. Damit hatte er sein eigenes Todes-
Scharfe Säuredämpfe hingen in der Luft. Weiße urteil gesprochen und die augenblickliche Verwand-
Rauchwolken kamen von den verschiedenen Stellen, lung ermöglicht.
an denen die Erde im Kampf subtronischer Waffen Jetzt war er für alle Zeiten in Welt II verbannt und
versengt worden war. mußte im Körper von Clawly II wohnen. Aber jetzt
In der näheren Umgebung des Opalen Kreuzes la- stand ihm auch das Gedächtnis von Clawly II offen,
gen die frischen Spuren gigantischer Fahrzeuge und da dessen Geist es ihm nicht länger versperren konn-
Transportmittel. Die grünen, satten Rasenanlagen bo- te. Damit war er fast zu einem regelrechten Bewohner
ten ein Bild der Verwüstung. Selbst kleinere Gebäu- dieser Welt geworden. Er wußte, wo er sich befand; er
de waren nicht verschont geblieben. Die Luft schi- wußte, was er jetzt zu tun hatte und — er fand keine
en noch immer unter dem gewaltigen Dröhnen der Zeit zum Bedauern.
großen Flugkörper zu zittern. In verhältnismäßig kurzer Zeit erreichte er das hohe
Gebäude und fand Zutritt zu der Halle der Diener des
Von der ganzen Invasionsarmee war nicht ein einzi-
Volkes.
ger Soldat übriggeblieben.
Die elf alten Männer wirkten wie gebrochen; sie
* standen noch immer unter dem Eindruck der eintref-
fenden Meldungen einer absoluten Niederlage.
Im Himmelssaal des Opalen Kreuzes schauten sich Die schmalen Lippen des Vorsitzenden zuckten.
die Mitglieder des Weltkomitees mit leeren Blicken „Ich habe Sie immer wieder gewarnt, Clawly, daß
an. Nur die am Boden liegenden Überreste von Claw- Ihr unvorsichtiges Vorgehen eines Tages zu Ihrem En-
lys Körper ließen erkennen, was sich hier abgespielt de führen würde. Sie tragen zu einem Großteil die
hatte. Verantwortung für diese unerwartete Niederlage. Es
Clawlys Doppelgänger war mit den anderen Gestal- liegt durchaus im Bereich der Möglichkeit, daß Ihr un-
ten in den schwarzen Uniformen verschwunden. verantwortliches Vorgehen dazu beigetragen hat, dem
Gefangenen Thorn einen Weg zu zeigen, auf dem er
Shielding schien den Schock als erster zu überwin-
die andere Welt vor der bevorstehenden Invasion war-
den. Er wandte sich an Conjerly und Tempelmar.
nen konnte. Wir haben den Entschluß gefaßt, Sie aus-
Diese beiden Männer wirkten nicht länger wie Ro- zulöschen.“ Er hielt inne, und nach einer kleinen Pau-
boter, die ihres Sieges gewiß waren. Sie wirkten auch se fuhr er ein wenig zögernd fort: „Ehe dieses Urteil
nicht wie Eroberer in einer Falle. Ihre Gesichter wur- vollstreckt wird, wollen wir Ihnen jedoch die Möglich-
den einer merklichen Veränderung unterzogen, und an keit geben, irgend etwas zu Ihrer Verteidigung oder
den vertrauten Gesichtszügen erkannte Shielding, daß Entlastung vorzubringen.“
die Zeit der Maskerade jetzt vorüber war und daß der Clawly mußte das Lachen unterdrücken. Er kann-
wahre Conjerly und der wahre Tempelmar in diesen te derartige Szenen, die irgendwie aus dem Mythos
Raum zurückgekehrt waren. zu stammen schienen. Unmittelbar vor der Götter-
Firemoore begann hysterisch zu lachen. dämmerung versuchten die Götter, alle Ursachen ihres
Shielding setzte sich. Versagens Loki in die Schuhe zu schieben, um ihn ein-
zuschüchtern — in der Hoffnung, ihn auf diese Weise
* zu zwingen, einen Ausweg aus dem Dilemma zu fin-
den.
In Welt II gähnte an der Stelle, wo eben noch das Es war ein Bluff dieser Diener des Volkes. Wäh-
gigantische Gebäude des Opalen Kreuzes gestanden rend sie sich hier als Richter aufspielten, suchten sie
hatte, jetzt ein tiefer Abgrund, aus dem dunkle Rauch- in Wirklichkeit fieberhaft nach einer helfenden Hand.
wolken aufstiegen. Die ganze Invasionsarmee war mit Er sah ein, daß er sich hier in seiner Welt befand —
all ihren Waffen und technischen Einrichtungen in die- es war eine Welt der Abenteuer, eine Welt, nach der
sem qualmenden Abgrund verschwunden. Es war wie er sich seit jeher gesehnt hatte. Diese Welt entsprach
die Vision einer Hölle. voll und ganz seinen Charaktereigenschaften. In die-
An einer Seite des Abgrundes gähnte das zer- ser Welt konnte er die geheime Rolle des unentdeck-
schmetterte Gerüst der Trans-Zeit-Maschine. Die ein- ten Verräters spielen; er konnte die Sache der Diener
zelnen Metallsprossen und Verstrebungen bildeten ein des Volkes nach außen hin unterstützen und gleichzei-
wüstes Durcheinander. Noch immer wurde die Luft tig alle zukünftigen Invasionspläne zunichtemachen.
45 TERRA

In dieser Welt konnte er die Schicksalsfäden fest in Dabei mochten sich natürlich allerlei Schwierigkei-
die eigene Hand nehmen. ten ergeben. Als Einzelwesen hätten sie sich vielleicht
Wieder spielte das unerklärliche Lächeln um seine gegen ein solches Schicksal auflehnen mögen, aber je-
Mundwinkel, als er nun vortrat, um den Anklagen der der der drei Einzelwesen würde sich durch alle Zeiten
Diener des Volkes zu begegnen. an diesen Augenblick erinnern und dabei die erforder-
Thorn befand sich in der kosmischen Dunkelheit; er liche Kraft finden.
erwartete jeden Augenblick, daß seine dreifache Per- Ja, ein sonderbares Schicksal, dachte er noch ein-
sönlichkeit wieder aufgeteilt werden würde. Er wuß- mal — und dann spürte er, wie sich seine dreifache
te, daß die wahren Besitzer der Wahrscheinlichkeits- Persönlichkeit langsam aufteilte.
Maschine ihm diese kurze Ruhepause gewährten, da- Aber war denn ein solches Schicksal wirklich so
mit er die beste Lösung des vor ihm liegenden Pro- ganz anders als das Schicksal eines gewöhnlichen Le-
blems finden konnte. bens?
Und diese Lösung hatte er bereits gefunden! Eine Woche im Himmel — eine Woche in der Hölle
Von nun an sollten die drei Thorns in gewissen Ab- — und eine Woche in einer Geisterwelt...
ständen ihre Körper vertauschen, damit jeder einzelne
von ihnen das Glück und Unglück der jeweiligen Welt *
erkennen und auskosten konnte. Es war eine sonder-
bare Existenz, die da vor ihm stand: eine Woche der In sieben verschiedenen Welten eines vollkom-
Freiheit und des angenehmen Lebens in Welt I, eine men verschiedenen Entwicklungsstandes, schauten
Woche in der Tyrannei und dem Haß der Welt II, und sich sieben dunkle Gestalten um; betroffen und nie-
schließlich eine Woche in der harten, unerbittlichen dergeschlagen betrachteten sie die Folgen ihrer eige-
Welt III. nen Schöpfungen.

ENDE

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Heinz F. Kliem

Ihr nächster TERRA-Band (Nr. 401):

Nemesis von den Sternen


von Hans Kneifel

Die fremde Welt hat zwei Gesichter! Für ihre Freunde ist sie ein Paradies — für ihre Gegner ist sie eine
Todesfalle...
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Der Moewig-Verlag in München ist Mitglied der Selbstkontrolle deutscher Romanheft-Verlage


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Mühlberger, Augsburg. - Moewig-Anzeigenverwaltung: München 2, Theresienstraße 110, Telephon 52 91 44. Fü die Herausgabe und
Auslieferung in Österreichs verantwortlich: Farago & Co., Baden bei Wien. - Printed In Germany. - Zur Zelt Ist Anzeigen Preisliste Nr. 11 gültig.
Dieses Heft darf nicht In Leihbüchereien und Lesezirkeln geführt und nicht zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden.
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