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Die zweite Macht

(Originaltitel: ENTERPRISE 2115)


Aus dem Englischen übersetzt von Botho Rainer Doddenhof.

TERRA - Utopische Romane


Band 115

von CHARLES GRAY


3 TERRA

Wir diskutieren ...

Die Seite für unsere TERRA Leser

Liebe TERRA-Freunde!

Den meisten von Ihnen dürfte Charles Gray längst kein Unbekannter mehr sein, und diejenigen
von Ihnen, die diesen britischen Autor noch nicht kennen sollten, haben jetzt mit dem vorliegenden
Roman die Gelegenheit, ihn kennenzulernen. Die Idee, die dem Roman DIE ZWEITE MACHT
(Im Original: ENTERPRISE 2115) zugrunde liegt, halten wir für großartig und wollen Ihnen hier
einen kleinen Vorgeschmack geben: Sie waren zwei Freunde — Rosslyn, der Pilot und Comain,
der geniale Träumer. Rosslyn starb im Weltraum und erwachte nach zwei Jahrhunderten durch ein
Wunder der zukünftigen Wissenschaft wieder zum Leben. Rosslyn kehrte zur Erde zurück und
fand eine völlig veränderte Welt, in der Comains Erfindertraum verwirklicht war...
Als TERRA-Band 116 erscheint übrigens der Clark Darlton-Roman: EXPERIMENT GELUN-
GEN.
Da uns in letzter Zeit immer mehr Zuschriften von TERRA-Freunden erreichen, die vorhaben, sich
selbst als SF-Autoren zu betätigen, wollen wir hiermit zu diesem Problem Stellung nehmen.
Natürlich freuen wir uns, wenn einige unserer Freunde, angeregt durch die Lektüre vieler SF-
Romane, eines Tages selbst zur Feder greifen. Allerdings weisen die bis jetzt an uns aus Leser-
kreisen eingesandten Manuskripte noch zu viele Mängel auf, wie z. B. Wahl, Durchführung und
wissenschaftliche Untermauerung des Themas, Diktion, Orthographie, Sauberkeit usw., als daß
sie veröffentlichungsreif wären. Wir wollen Ihnen jedoch keinesfalls den Mut nehmen und geben
Ihnen den guten Rat, weiterzuschreiben und an sich zu arbeiten und nicht die Flinte ins Korn zu
werfen, wenn Ihre ersten eingeschickten Arbeiten abgelehnt werden. Jeder heutige Erfolgsschrift-
steller hat ja schließlich einmal als völlig Unbekannter angefangen und ist erst durch anfängliche
Mißerfolge zum Erfolg gekommen. Und es mag Sie vielleicht besonders interessieren zu erfahren,
daß viele der jüngeren anglo-amerikanischen Erfolgsautoren ihren Weg gemacht haben, indem sie
sich ihre schriftstellerischen Fähigkeiten erst durch die Mitarbeit bei SF-Fan-Publikationen erwar-
ben.
Herzliche Grüße und ad astra

Ihre
TERRA-REDAKTION
Günter M. Schelwokat
Die zweite Macht 4
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1. Kapitel „Ich könnte einen konstruieren, der besser wäre als


jeder Mensch. Aber das Gewicht setzt uns Grenzen,
In dem kalten Licht des fast vollen Mondes sahen Curt, und keine Maschine, die uns bis jetzt bekannt ist,
die Poker Flats von dem sanften Anhang des Vor- kann innerhalb dieser Grenzen das vollbringen, was
gebirges wie ein gefrorenes Meer aus. Leichte Dü- ein Mensch kann“
nen und wildzerklüftete Felsen warfen ihre Schatten „Prima.“ Curt grinste. „Ich freue mich, daß es jetzt
auf die Oberfläche; schwarze Tümpel in dem kalkigen noch nicht möglich ist. Ich habe lange auf diesen Mo-
Grau, tiefschwarze Flecken und blauschwarze Linien, ment gewartet, und ich würde es hassen, wenn du mich
die die Einförmigkeit der Wüste unterbrachen. Diese durch ein Ding aus Stahl und Draht ersetzen würdest.
bizarren Schattenmuster, das Spiel von Hell und Dun- Übrigens... Welche Fortschritte hat deine ,Große Idee’
kel, wirkten eigenartig, fremd, ja fast verwirrend in der gemacht?“
tiefen Stille dieser Nacht.
„Der Predictor?“ Der schmale Mann zuckte mit den
Während Curt Rosslyn sie betrachtete, konnte er Schultern. „Er wird kommen, Curt, er wird kommen
sich fast vorstellen, nicht mehr auf der Erde zu sein. müssen. Eines Tages wird man erkennen, daß, wenn
So ungefähr muß der Mars aussehen, dachte er. Oder unsere Zivilisation Fortschritte machen soll, es not-
vielleicht die luftleeren Krater des Mondes, oder sogar wendig werden wird, eine Maschine zu konstruieren,
die sonnenversengte Seite des fernen Merkur. die Informationen aufnehmen und die in logischem
Da wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Lichter Schluß darauf folgende Ereignisse voraussagen kann.“
und ein Geräusch kamen auf ihn zu. Ein Jeep tauchte
Curt schaute in den leuchtenden Mond.
auf.
Comain kniff die Lippen zusammen, nahm die
„Rosslyn?“
Hand vom Steuer und zeigte nach vorn. „Da ist es!“
„Ja.“ Curt ging auf das Fahrzeug zu.
Wie ein eigenartiger Kirchturm aus einem alten
„Comain?“ Traum überragte es alles andere. Glatt, glänzend in
„Jawohl.“ Eine große, schlanke, fast ausgemergel- seiner stromlinienförmigen Vollendung, mit einer na-
te Gestalt kam hinter dem Steuer hervor, und in dem delscharfen Spitze ruhte es auf seinen riesigen Leitflä-
grellen Licht der Lampen konnte Curt das blasse Ge- chen.
sicht und die starken Brillengläser seines Freundes er-
Ein Raumschiff.
kennen. „Es ist Zeit, zurückzukehren, Curt.“
Fasziniert betrachtete es Curt, wie er es schon tau-
Curt setzte sich neben seinen Freund und hielt sich
sendmal zuvor betrachtet hatte. Für ihn war es die
an dem Metallrahmen der Windschutzscheibe fest,
endgültige Verwirklichung des Ehrgeizes, ein greifbar
während sie über die Wüste holperten.
gewordener Traum in einem Ding, das nun endgültig
„Weißt du“, sagte er über den Lärm des Motors nach den Sternen greifen sollte.
hinweg, „ich habe schon darüber nachgedacht, ob es
Und er war der Pilot.
möglich wäre, für die erste Rakete einen Robotpiloten
zu konstruieren. Könntest du das tun?“ Die Dämmerung kam und mit ihr ein schwacher
Wind; ein Wind, dessen Kälte einen frühen Winter
„Ja.“ Comain starrte vor sich hin und kniff seine
versprach und der eine feine Staubwolke aus stechen-
schwachen Augen zusammen, während er das Fahr-
dem Sand mit sich führte.
zeug über den welligen Sand steuerte.
Die beiden Freunde waren zusammen aufgewach- Colonel Adams ließ alle Männer zu einer letzten
sen, hatten ihre Kindheit miteinander verlebt, hatten Besprechung in den Kontrollraum kommen.
zusammen die Sterne entdeckt und waren zur gleichen „Der Start findet in genau einer Stunde statt“, sagte
Zeit in die Mysterien der Wissenschaft eingedrungen. er abrupt.
Sie hatten beide dieselben Träume geträumt. Sie hat- „Ist die Rakete geprüft und okay?“ fragte Rosslyn.
ten gestritten, konstruiert, geplant, ja, sogar ein biß- Der Techniker nickte. „Jawohl. Ich habe die Ven-
chen miteinander gekämpft. Einer hatte dem anderen turies selber untersucht. Das Schiff wird Sie nicht im
geholfen, und im Laufe der Jahre waren sie sich nä- Stich lassen.“
hergekommen. „Ich hoffe nicht“, sagte Curt ruhig. „Es wird kaum
Aber nun mußten sie sich trennen. eine Gelegenheit geben, es zu reparieren, wenn es
Kleinigkeiten hatten darüber entschieden. Schwa- trotzdem versagt.“
che Augen gegen ausgezeichnete Sehschärfe. Gewicht Adams winkte mit dem Kopf, und der Techniker
gegen Gewicht. Größe gegen Größe, Reflex gegen Re- verließ das Zimmer. „Nun zu Ihnen, Comain. Sie wer-
flex. Sie waren getestet worden, untersucht, überprüft, den in ständiger drahtloser Verbindung mit dem Schiff
und Curt hatte gewonnen. stehen. Sie, Rosslyn, werden pausenlos über alle Ge-
Ihm war die Ehre zuteil geworden, der Columbus schehnisse berichten. Ich will, daß Sie dauernd reden,
des Weltraumes zu werden. über das Schiff als solches, über Ihre eigenen Reak-
„Ich könnte einen mechanischen Piloten konstruie- tionen, ja, sogar über Ihre Gedanken und Gefühle. Sie
ren“, sagte Comain. können sterben. Sie wissen das, aber wenn, dann will
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ich auch wissen, warum. Denken Sie daran, daß Ih- „Etwas“, gab er zu. „Wie lange noch?“
nen andere Schiffe folgen werden, ganz gleichgültig, „Nur die Ruhe. Du wirst schon erfahren, wenn es
was auch geschehen mag. Nach Ihnen werden andere soweit ist. Die letzten Instruktionen, Curt. Du weißt,
Männer kommen, viele Männer sogar, und Sie können was du zu tun hast?“
uns helfen, ihr Leben zu retten.“
„Ich weiß es. Praktisch überhaupt nichts.“
„Ich verstehe, Adams.“
„Du hast recht. Der Start erfolgt automatisch. Die
„Das war’s!“ Adams erhob sich von seinem Ses- Gyroskope werden sich um den Kurs kümmern. Du
sel. „Begeben Sie sich zum Schiff, Rosslyn. Dort wird sitzt nur da und tust nichts, bis irgend etwas havariert
man Sie in den Anti-G-Anzug stecken. Comain! Ge- wird. Du wirst einen Kreis um den Mond beschrei-
hen Sie an Ihr Radio. Los jetzt.“ ben. Die Kameras sind ebenfalls automatisch, aber du
Curt rannte fast aus dem Zimmer und sprang in den überprüfst sie auf alle Fälle noch einmal.“
wartenden Jeep. Der kalte Wind zerrte an seinem Haar,
„Ich bin nur ein Passagier, nicht wahr?“
während er auf das Gestell der Ladeplattforrn gefahren
wurde. „Nein. Mache nicht diesen Fehler, Curt. Du mußt
andauernd alles beobachten, denn wir wissen ja nicht,
Noch ehe das Fahrzeug stillstand, zerrten ihn eilige
welchen Einfluß die Strahlung im Raum auf die Instru-
Hände aus dem Jeep. Sie zogen ihn aus, steckten ihn
mente hat, und denke bitte daran, du mußt das Schiff
in ein einteiliges Unterkleid aus nichtleitendem Nylon
auch landen. Ein Instrument kann kaputtgehen, durch
und dann in eine dicke Rüstung aus Segeltuch und Pla-
den Beschleunigungsandruck zum Beispiel, und dann
stik. Langsam schwebte die Ladeplattform mit Curt
mußt du dasein und seine Arbeit übernehmen. Dar-
und seinen Helfern zur Spitze der Rakete, und in nahe-
über hinaus, und das ist vielleicht das wichtigste, bis
zu unwahrscheinlich kurzer Zeit saß er in seinem ge-
du zurückkommst, wissen wir noch nicht einmal, ob
polsterten Kontrollsessel. Die aufgeblasenen Teile des
ein Mensch überhaupt im Weltraum existieren kann.“
G-Anzuges drückten hart gegen seinen Körper, und
seine behandschuhten Hände griffen ruhig nach dem „Null minus eine Minute!“, gab die Zeitkontrolle
Schalter für die Heizung. über den Lautsprecher bekannt.
„Viel Glück, Rosslyn!“ Der letzte seiner Helfer Während Curt auf das Einsetzen der Raketen warte-
grinste, während er zu der schmalen Einstiegluke zu- te, konnte er fühlen, wie das Herz gegen seine Rippen
rückkroch. Er warf sie hinter sich zu und preßte sie pochte.
hart gegen die Gummiabdichtung. Abrupt trat das Ra- Er richtete sich halb in seinem gepolsterten Sitz
dio in Aktion. hoch. Seine Hände fuhren über seine Rüstung. Der
„Curt. Alles klar?“ Angstschweiß rann über sein Gesicht.
„Jawohl.“ Comains Stimme aus dem Lautsprecher erklang:
„Gut. Jetzt ein Routinetest. Fertig?“ „Curt. Start in zehn Sekunden. Die Raketen fangen
„Schieß los.“ an, sich zu erhitzen.“ Curt straffte sich. Die Furcht
„Sauerstofflaschen ?“ schwand, und er zurrte seinen Panzer fester. Blitz-
schnell überflog er die Kontrollzeiger und gab in knap-
„Kontrolliert.“
pen Worten Bericht:
„Medikamente ?“
„Temperatur steigend. Düse Nummer vier stärker
„Kontrolliert.“ als die anderen sechs. Verstärkte Vibration.“
„Wasser?“ Die ruhige Stimme Comains erklang
Das pfeifende Heulen schwoll noch mehr an. Kni-
weiter und zwang Curt, sich auf die lebenswichtigen
sternd, wie ein hohes Pfeifen, pflanzte sich die Vibra-
Vorräte des Schiffes zu konzentrieren, indem er ihn je-
tion durch die Außenhülle und die Verstrebungen fort
de Kleinigkeit überprüfen ließ.
und verband sich mit dem pulsierenden Donner der
Aus einem entfernten Lautsprecher hörte Curt das feuernden Raketen.
Zeitsignal.
„Viel Glück, Curt. Das war’s!“ ertönte schwach die
„Null minus sieben Minuten.“ Stimme Comains im Lautsprecher.
Sieben Minuten! „Ja“, keuchte Curt. „Es geht los.“
Der Schweiß trat ihm auf die Stirn, und er spürte
Das Gewicht drang auf ihn ein, warf ihn tief in die
ein wahnsinniges Verlangen, die ganze Sache abzubre-
Polsterung seines Sessels, häufte Tonnen unsichtbaren
chen, sich aus seinem gepolsterten Sitz zu erheben, die
Bleis auf seine Brust und den Magen und preßte sei-
Luke zu öffnen und in die sichere, geborgene Welt der
ne Lungenflügel zusammen und seinen Kopf zwischen
normalen Menschen zurückzukehren.
seine Schultern. Das Gewicht wuchs und wurde zu ei-
„Curt!“ nem Alptraum pausenlosen Kampfes, einer schmer-
Comains Stimme riß ihn in die Wirklichkeit zurück. zenden, nicht enden wollenden Periode ewiger Qual.
„Ja?“ Die Raketen verstummten urplötzlich, und kleinere
„Was ist los? Wirst du nervös?“ Geräusche gewannen wieder an Bedeutung. Das leise
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Zischen der Sauerstoffbehälter, das Knacken und Ra- „Ich...“ Das Radio zitterte durch eine plötzliche
scheln der immer noch vibrierenden Verstrebungen, kosmische Störung, und abrupt festigte sich die dünne
das Pulsieren des Stromes und, alles andere übertö- Stimme, schien an Kraft zu gewinnen, und dann war
nend, das Ticken des Geigerzählers, der den Fluß der es, als wenn der Sprecher in demselben Raum wäre
Strahlung, die das Schiff durchdrang, maß. wie die angespannt zuhörenden Männer.
Curt bewegte sich. Sein Gesicht fühlte sich naß an. „Comain! Mensch, tut das gut, deine Stimme zu hö-
Steif machte er seine Maske los und fuhr sich mit dem ren.“
Handschuh ins Gesicht. Dann starrte er auf die be- „Die Beschleunigung hat einen Draht verbogen und
handschuhten Hände. das Radio aus dem Gleichgewicht gebracht. Dies oder
Sie waren mit Blut getränkt. die Strahlung hier draußen haben die Kapazität einer
Das Radio krachte, und eine verzerrte, vor Erregung Spule verändert. Ich konnte dich hören, aber es schien
zitternde Stimme tönte aus dem Lautsprecher. nicht, als ob du mich hören konntest.“
„Curt! Wie geht es dir, Curt? Curt! Antworte mir!“ „Stimmt.“ Comain drückte die Tasten von drei Ton-
Er ignorierte es und schnallte die Gurte los. Obwohl bandgeräten und langte nach einem Notizblock. „Gib
er es erwartet hatte, ließ ihn die unheimliche Sensation es mir durch, Curt. Du sagtest, du wärest krank, Bist
des freien Falles sich in plötzlicher Furcht an der Leh- du es?“
ne des Sitzes festhalten. Er schwebte völlig schwere- „Ja. Nichts allzu Gefährliches — hoffe ich. Der
los, und der ganze Körper trieb leicht wie ein gasge- freie Fall ist kein Picknick, Comain. Zuerst war es gar
füllter Ballon. Während er schwebte, lächelte er. nicht so schlimm. Aber kurz darauf fühlte ich, wie sich
Er war im Weltraum. mein Magen in Knoten zusammenband.“
„Übelkeit.“ Comain machte sich eine schnelle No-
2. Kapitel
tiz. „Sprich weiter, Curt.“
Das Zimmer war in eine dicke Wolke abgestande- „Ich blute aus Nase und Ohren. Die Blutzellen sind
nen Rauches gehüllt. Sie lehnten gegen die Wände, während des Startes aufgerissen.“
stützten sich an die Tisch- und Stuhlkanten, rauchten, „Wir lassen den Arzt holen. Wie funktioniert das
keuchten. Schiff?“
Adams hatte sich in einen Stuhl gesetzt. Comain „Die Vibration macht sich immer noch bemerkbar.“
wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen, ju-
„Vibration!“ Comain blickte zu Adams. „Wie
stierte ein wenig die Vernier-Kontrolle und beugte sich
kommt das? Die Raketen sind fast drei Stunden außer
noch näher über das Mikrofon.
Betrieb.“
„Curt. Hier ist Comain. Antworte mir, Curt. Ant-
worte mir, verdammt noch mal!“ „Ich weiß das. Ich bin in einem geschlossenen Sy-
stem, denkt daran. Hier oben ist keine Luft, die die
„Vielleicht ist das Radio kaputtgegangen?“ Irgend
Vibration dämpfen könnte. Mit der Zeit wird sie wohl
jemand sprach diese Vermutung leise aus.
aufhören, aber es wird die Instrumente beeinflussen.“
„Nein! Das Radio wurde bis zu 50 G getestet. Es
kann nicht kaputt sein. Was auch immer sein mag, das „Das dürfte nicht sein.“ Comain machte eine
Zeichen geht durch.“ Comain wandte sich wieder dem schnelle Notiz auf seinem Blatt. „Wie ist die Strah-
Mikrofon zu, und der verzweifelte Klang seiner Stim- lung?“
me hallte in der Stille des Raumes wider. „Der Geigerzähler ist ganz im roten Feld. Kosmi-
„Curt! Hier spricht Comain. Curt! Antworte mir bit- sche Strahlen natürlich und, wie ich glaube, auch eine
te! Antworte mir! Curt! Hier ist Comain. Melde dich, Menge Gammapartikelchen.“ Curt machte eine Pause.
Curt! Verdammt noch mal! Lebst du noch?“ „Ich hoffe, daß ich nicht blind werde.“
Das Radio summte. „Das wirst du nicht“, sagte Comain mit falscher
„Er kann tot sein“, sagte Adams düster. „Die freie Überzeugung. Er wand sich in seinem Sessel, als der
Strahlung kann ihn erwischt haben, die Schwerelosig- alte Arzt den Raum betrat, und wies ihn zum Radio.
keit des freien Falles, irgend etwas. Wir können nur „Curt ist krank“, sagte er ruhig. „Der freie Fall macht
hoffen, daß die Automatik das Schiff wieder zurück- seinem Magen zu schaffen. Außerdem blutet er.“
bringt.“ „Ich werde mit ihm sprechen. — Hallo, Curt, ich
„Er ist nicht tot“, beharrte Comain wild. „Er kann höre, daß du ein bißchen Ärger hast.“
nicht tot sein. Er...“ Er brach ab, und seine Augen wei- „Hallo, Doktor. Können Sie mir etwas vorschlagen,
teten sich hinter den dicken Linsen, als ein Geräusch wie ich meine Därme aufknoten kann?“
aus dem summenden Radio kam. „Tut mir leid, Curt, aber das wirst du wohl ausha-
„Comain... Hier Curt... ich werde... antworten.“ ken müssen. Die Gleichgewicht haltenden Kanäle in
„Curt!“ Die Hände des schlanken Mannes zitterten, deinem inneren Ohr sind aus dem Gleichgewicht und
während er das Radio schärfer einstellte. „Sprich et- ohne eine konstante Schwerkraft, die ihnen sagt, wel-
was, Mann! Bist du in Ordnung?“ che Richtung ,unten’ ist. Dein Geist weiß, daß du nicht
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fällst, aber dein Körper weiß es nicht. Du kannst ihn „Doch, doch. Ich bin nur ein bißchen schläfrig.“
nicht dafür verantwortlich machen, schließlich ist der „Bleib wach, Curt. Sprich weiter.“
Körper nur ein Reflexmechanismus, der nur auf eine „Ich kann nicht. Ich bin zu müde... müde... müde...“
bestimmte Art und Weise auf äußerliche Reize reagie-
ren kann. Sobald du ihn davon überzeugen kannst, daß „Curt!“ Hastig justierte Comain die Kontrollen und
alles in Ordnung ist, wirst du dein Übelsein loswer- gab noch mehr Strom in den Sender. „Antworte mir,
den.“ Curt! Curt!“
„Danke schön, Doktor“, sagte Curt trocken. „Sie Schweigen. Nichts als das Summen des Senders
sind mir eine große Hilfe. Und was sagen Sie zur Blu- und das entfernte Knacken der statischen Störungen
tung?“ waren zu hören. Lange Zeit später gab sich Comain
geschlagen. Er drückte auf einen Knopf und wartete,
„Kein Grund zur Aufregung. Du hast dir einige
bis ein Mann in Uniform hereinkam und ihn ablöste.
Blutzellen auf der Oberfläche zerrissen und wirst et-
Dann ging er müde aus dem Zimmer.
was Blut verlieren. Es wird rechtzeitig aufhören, denn
dein Blut hat trotz allem noch die Möglichkeit, zu ge- Laute Befehle und scharfe Kommandos weckten
rinnen. Du wirst nicht verbluten, falls du Angst davor ihn auf. Colonel Adams packte ihn an der Schulter und
gehabt haben solltest.“ schüttelte ihn.
„Soll ich die grüne Injektion gebrauchen?“ „Comain! Mann, wachen Sie auf. Wir brauchen Sie
„Nein. Laß es lieber wie es ist, Curt. Schließlich am Sender. Schnell!“
hast du ja nicht erwartet, daß es ein Picknick wird, „Ist etwas nicht in Ordnung?“ Panischer Schrecken
nicht wahr?“ durchfuhr ihn, und seine Hände zitterten, als er nach
„Gehen Sie zum Teufel“, sagte Curt, und der Dok- seinen Kleidern griff. Adams nickte.
tor schüttelte seinen Kopf, als er aus dem Radio das „Ja. Rosslyn hat sich gerade nach mehr als zwölf-
Geräusch hörte, wie Curt sich kräftig übergab. stündigem Schweigen gemeldet, und ich mache mir
„Keiner von uns kann etwas tun, außer zu warten“, Sorge.“
sagte Colonel Adams und erhob sich müde aus seinem „Was stimmt denn nicht?“
Sessel, „Comain, Sie bleiben am Radio und versu- „Ich erzähle es Ihnen auf dem Weg.“
chen, daß Rosslyn unentwegt auf das Tonband spricht.
Gemeinsam schritten sie in die langsam heraufkom-
Ihr anderen macht, daß Ihr hier ’rauskommt. Ich gehe
mende Nacht.
mich ein wenig hinlegen.“
„Das Schiff fliegt nicht planmäßig“, sagte Adams
Comain saß mit angestrengten Gesichtszügen vor
ruhig. „Die Observatorien berichten, daß es sich zu
dem Sender und lauschte auf die Stimme eines Man-
schnell bewegt, daß es, obwohl es in das Schwerefeld
nes, der von dort sprach, wo noch niemals ein Mensch
des Mondes kommen wird, nicht eine Kreisbahn um
gewesen war.
den Satelliten beschreiben, sondern lediglich von sei-
„Das hier ist die Hölle, Comain. Es ist wie eine See-
ner geraden Bahn abgelenkt werden wird. Irgend et-
krankheit, nur tausendmal stärker. Ein fürchterliches
was stimmt mit der Automatik nicht, Comain. Das ist
Schwindelgefühl und Übelsein. Wir müssen unbedingt
offensichtlich. Wenn Rosslyn jetzt das Schiff nicht mit
etwas dagegen bei künftigen Flügen tun.“
seinen Händen bedienen kann, wird er direkt in den
„Wie sieht es da draußen aus, Curt?“ Raum schießen.“
„Herrlich!“ Selbst über die Übelkeit hinweg konn- „Ja“, sagte der dünne Mann tonlos, „ich weiß es.“
te. Comain fast die Begeisterung in der Stimme seines Er war froh, als sie endlich in die überfüllte Sendeba-
Freundes hören. racke kamen.
„Wie fühlst du dich, Curt? Ich meine innerlich?“
„Etwas Neues?“ Als der Mann seinen Kopf schüt-
„Meine Temperatur ist gestiegen. Neununddreißig telte, riß Comain ihn beiseite und korrigierte mit zit-
Grad, Puls fünfundneunzig. Außerdem schwitze ich ternden Händen den Richtstrahl des Senders.
schon die ganze Zeit seit dem Start, und meine Haut
„Curt! Hier Comain. Antworte bitte. Curt. Kannst
juckt etwas.“
du mich hören?“
„Schlimm?“
„Ja.“
„Nein. Ich glaube, es ist nur eine Nervenreaktion
auf den Start. Ich konnte einen Schmerz in meinen „Gut. Nun paß auf, Curt. Paß gut auf! Irgend etwas
Knochen feststellen. Auch meine Muskeln tun etwas stimmt nicht mit dem Schiff. Du fliegst zu schnell. Du
weh. Habe mir wahrscheinlich ein paar Sehnen ge- mußt es jetzt selbst bedienen. Verstehst du mich?“
zerrt. Komisch. Ich bin müde. Ich glaube, ich werde „Ich verstehe.“
wohl ein Weilchen schlafen.“ „Gut. Folgendes mußt du tun: Drehe das Hauptgy-
„Curt! Bist du verrückt, bei all den vielen An- roskop, bis du umgekehrte Positionen im Raum hast
tischlafmitteln, die man dir beim Start gegeben hat, und die Strahldüsen in Flugrichtung zeigen. Wenn du
kannst du nicht müde sein. Geht es dir nicht gut, das getan hast, laß sie genau zehn Sekunden feuern.
Curt?“ Nicht mehr. Verstanden?“
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„Ja.“ Curt lachte, und die Spannung der in dem zu öffnen. Ein blecherner Klang, und er wußte, daß
Raum wartenden Männer ließ etwas nach. „Sprich sie beiseite geworfen war. Dann kam die keuchende
doch nicht so ernst, Comain. Ich werde dir dein Schiff Stimme Curts aus dem Lautsprecher.
schon wieder zurückbringen.“ „Da ist die Leitung zu den Feuerrelais. Welche
„Du hast eine Stunde Zeit, Curt. Eine Stunde, in Drähte? Welche Drähte?“
der du die Geschwindigkeit des Schiffes herabmindern „Die roten“, schnappte Comain. „Kannst du mich
und es auf die geplante Fahrt bringen mußt. Danach verstehen, Curt? Verfolge die roten.“
wirst du für uns hinter dem Mond verschwunden sein, „Die Luke ist zu eng.“ Curts Stimme hallte durch
und wir können nicht mehr mit dir sprechen. Außer- den Raum. „Ich kann nicht tief genug hinuntergelan-
dem, und das ist sehr wichtig, hat das Schiff nicht ge- gen, um das Relais zu erreichen.“
nügend Treibstoff, um ohne die Hilfe des Schwerefel- „Dein G-Anzug. Zieh ihn aus.“ „So. Der Anzug
des des Mondes einen Bogen zu beschreiben, die Ge- ist aus. Nun an die Arbeit. Ich halte mich mit einem
schwindigkeit herunterzusetzen und zurückzukehren. Fuß am Sessel fest. Ich fasse die Kante der Luke.
Arbeite schnell, Curt. Arbeite schnell.“ Ich streckte mich nach unten, strecke...“ Seine Stim-
„Ich bin schon dabei“, sagte der Pilot grimmig. me klang bewegt, und heftiges Stöhnen und Keuchen
Sie warteten, während der schmale Zeiger des kam aus dem Lautsprecher. Comain blickte auf seine
Chronometers langsam auf Null kroch. Sie schwitz- Chronometer, und auf seinem blassen Gesicht stand
ten Blut, während eine Viertelmillion Meilen entfernt der Schweiß.
ein Mann um sein Leben kämpfte. „Beeile dich, Curt. Eile!“
„Die Raketen wollen nicht feuern!“ „Ich hab’s.“ Comain seufzte vor Erleichterung, als
Comain zuckte zusammen, als er den erstaunten er das Triumphieren in der Stimme des Piloten ver-
Fluch von Curt hörte. nahm. „Nun drücke die Relais nieder, und...“
„Die Turbinen! Sie wollen nicht reagieren, Co- Nichts geschah. Kein Donnern kam aus dem Laut-
main!“ sprecher, kein Pulsieren der arbeitenden Raketendü-
sen, während sie die Geschwindigkeit des fernen Ra-
„Ruhig!“ Der schmale Mann biß sich auf die Lip-
ketenschiffes herabsetzten, nur Schweigen und der
pen, als er auf den Sekundenzeiger des Chronometers
keuchende Atem eines verzweifelten Mannes.
blickte. „Es ist möglich, daß ein lockerer Draht beim
„Curt. Wir hören nichts. Was ist denn jetzt los?“
Start abgerissen ist. Prüfe die Kontakte.“
„Was los ist?“ Comain erkannte kaum die Stimme
Wieder Warten. In steigender Spannung saßen und
seines Freundes. „Ihr dreckigen Narren, ihr habt es
standen sie, während der Sender den keuchenden
besser gewußt, nicht wahr! Ihr habt dem Metall mehr
Atem eines Mannes wiedergab, der unter unmöglichen
getraut als Fleisch und Blut. Der Teufel soll dich ho-
Umständen an einer Notreparatur arbeitete.
len, Comain. Zur Hölle mit dir!“
„Kontakte überprüft, aber es hat noch immer keinen „Curt! Reiß dich zusammen. Was ist los?“
Sinn, verdammt noch mal.“
„Das Relais ist zerbrochen. Das Metall ist in meiner
„Warte!“ Comain blickte zu Adams. „Curt. Jetzt Hand wie ein Stück Glas zerbröckelt.“
kannst du nur noch eines tun: öffne die Luke und be-
„Was?“ Comain starrte auf Adams, und noch wäh-
diene das Abfeuerungsrelais mit der Hand. Kannst du
rend er die Frage auf seinem Gesicht sah, wußte er,
das tun?“
was geschehen war. Die Vibration des Schiffes hatte
„Ich kann es versuchen“, sagte der Pilot grimmig. die Struktur des Metallrelais verändert. Es war kristal-
„Wird die Automatik nicht zum richtigen Zeitpunkt lisiert, war brüchig geworden und durch die Vibration
einsetzen?“ und die Strahlung zerfallen. Die Möglichkeiten wa-
„Ja, aber dann wird es zu spät sein. Du hast nur ren 1:1000, und sie hatten nicht einmal daran gedacht,
noch fünfzehn Minuten, bevor du hinter dem Mond aber der Fall war eingetreten. Und jetzt...
verschwindest. Die Automatik ist auf Zeit und nicht „Curt.“ Comain wischte sich den Schweiß von der
auf Entfernung eingestellt, und es dauert noch einige Stirn. „Du mußt hinter das Relais gelangen. Laß dich
Stunden, ehe sie zu feuern beginnt. Die einzige Chan- noch weiter durch die Luke nach unten und verbinde
ce, die du hast, besteht darin, die Rakete mit der Hand die beiden Drähte mit der Hand. Kannst du das tun,
zum Arbeiten zu bringen, und das muß in den nächsten Curt? Curt, antworte mir.“
dreißig Minuten geschehen sein.“ „Ich höre dich, Comain. Ich werde es versuchen und
„Ich verstehe. Ich arbeite jetzt an der Luke.“ tun, was du sagst, aber mein Kopf fühlt sich so ko-
Über den Sender hörte man das angestrengte Ein- misch an.“
und Ausatmen des Piloten und das schwache Geräusch Plötzliche Stille trat ein. Fieberhaft arbeitete Co-
von Metall auf Metall. Im Geiste folgte Comain den main an den Kontrollen, justierte die Stärke und ver-
Bewegungen seines Freundes. Zuerst die dünne Me- änderte die Fassung der Vernierskala mit raschen Grif-
talluke, die den Raum abschloß. Sie war mit Schnap- fen. Noch während er es tat, wußte er, daß es ver-
pern befestigt, und es würde nicht lange dauern, sie schwendete Zeit war.
Die zweite Macht 10

Das Schiff war hinter dem Mond verschwunden. nen neue Schlüsse ziehen und unvermeidbare Ereig-
Comain saß vor dem Sender und fühlte die Augen nisse vorhersagen können.
der Männer auf seinem Rücken brennen. Er verfluch- Diese Maschine würde wie ein Orakel sein. Sie
te sich wohl zum tausendstenmal, daß er nicht an das würde aller Furcht ein Ende setzen. Sie würde alle
Unvorhergesehene gedacht hatte. Ihm wurde immer Sackgassen und wertlosen Richtungen der Forschung
schlechter. Er hatte das Schiff konstruiert, und viel- unterbinden. Sie würde alle Menschen für immer frei
leicht hatte er unbewußt dazu geneigt, den menschli- machen von der harten Notwendigkeit, ihr Leben lang
chen Faktor etwas zu vernachlässigen. Er hatte sich studieren Zu müssen, so daß sie vor ihrem Tod nur ei-
zu sehr auf die Maschinen verlassen, auf Dinge aus ne neue Tatsache dem derzeitigen Wissen hinzufügen
Metall, Plastik, Draht und Kristall. Er hatte mit dem könnten.
Gedanken an ein automatisches Schiff gespielt, des- Das Räuspern einer der Männer riß ihn aus seinen
sen Pilot mehr oder weniger ein Passagier war, statt Träumen in die Gegenwart zurück.
ihn, wie es hätte sein sollen, als die Hauptsache anzu- „Fünf Minuten, bevor das Schiff wieder sichtbar
sehen. wird.“
Dadurch konnte er vielleicht schuld an dem Tod sei- „Richten Sie die Peilantenne auf den Punkt, wo es
nes Freundes werden. auftauchen wird“, rief Adams. „Wir haben nur kurze
„Wir hätten das, was geschehen ist, voraussehen Zeit zur Verfügung, bis es aus unserer Reichweite ist.“
müssen“, sagte Comain leise. „Eine Maschine hätte Comain nickte und stellte die Maschine nach den
das tun können, aber wir sind keine Maschinen. Wie Daten des Observatoriums ein.
hätten wir erraten sollen, daß die Vibration beim Start
Angespannt warteten sie darauf, daß der Sender
das Relais verändern würde? Wir haben das nicht als
sich wieder bemerkbar machte.
Faktum erkannt. Wenn wir einen Kalkulator gehabt
hätten, eine Maschine, die in der Lage ist, jede nur Drei Minuten.
mögliche Tatsache in Erwägung zu ziehen, dann hät- Zwei Minuten.
ten wir es gewußt.“ Eine Minute.
„Ich verstehe Sie nicht.“ Adams runzelte seine Au- Jetzt. Jedermann starrte auf den schwarzen Laut-
genbrauen. „Wovon sprechen Sie, Comain?“ sprecher. Comain lehnte sich vor und räusperte sich.
„Ich nehme an, daß Sie schon von Einac gehört ha- „Curt! Hier Comain. Kannst du mich hören?“
ben? Sie wissen doch, daß es große Elektronenrech- Schweigen und das andauernde Pfeifen des Leit-
ner gibt, die in der Lage sind, eine Reihe von Tatsa- strahls.
chen aufzunehmen und bei diesen das voraussichtliche „Curt! Melde dich, Curt. Antworte! Antworte!“
Geschehen vorherzusagen. Wenn wir so eine Maschi-
Ein Krachen. Ein statisches Surren, dann hörte man
ne gehabt hätten, eine, die groß genug ist, um alle in
die schwache Stimme eines Mannes an der äußersten
Frage kommenden Faktoren aufzunehmen, dann hät-
Empfangsreichweite des Senders.
ten wir sagen können, wie groß die Chance für Curt
gewesen wäre, die Fahrt zu überleben. Wir hätten al- „Comain. Dem Himmel sei Dank, daß du gewartet
le erdenklichen Möglichkeiten in der Maschine spei- hast.“
chern können, um den höchsten Wahrscheinlichkeits- „Hast du es geschafft?“ Er wußte, daß das, was er
faktor zu errechnen, und wir hätten im voraus gewußt, gesagt hatte, Unsinn war, aber es fiel ihm nichts ande-
was geschehen würde.“ res ein.
„Was schlagen Sie also vor? Daß wir keine Raum- „Geschafft?“ Es war nicht angenehm, das darauf
schiffe mehr bauen, bis die Maschine, die bis jetzt in folgende Lachen zu hören. „Ich hätte es schaffen kön-
Ihrem Geist existiert, gebaut worden ist?“ Adams lä- nen, jawohl. Wenn ich eine Bombe gehabt hätte, hätte
chelte humorlos. ich es geschafft. Du und deine verdammten Maschi-
Comain glaubte wirklich an eine solche Maschine. nen!“
Es wäre alles so einfach, wenn es so eine Maschine „Was ist geschehen, Curt? Was ist geschehen?“
geben würde, wie er sie beschrieben hatte. Dann könn- „Ich konnte nicht ’rankommen, das ist geschehen.
te man, wenn immer ein neues Problem sich ergeben Ich versuchte an die Feuer-Steuerung hinunterzuge-
würde, den genauen Prozentsatz der Wahrscheinlich- langen. Ich konnte sie genau hinter meinen Fingern
keit herausfinden und danach handeln. Dann würde es sehen, aber ich konnte nicht weit genug hinunterge-
keine vergeudete Zeit mehr geben, denn das Ergeb- langen. Ich habe den G-Anzug ausgezogen. Ich ha-
nis eines Experimentes würde gefunden werden kön- be mein Unterzeug ausgezogen, alles ohne Erfolg. Ich
nen, ohne daß das Experiment überhaupt stattzufinden konnte es nicht schaffen. Comain. Ein Zentimeter Un-
brauchte. Die Maschine würde alles wissen, was wis- terschied in der Breite der Luke hätte genügt. Drei
senswert wäre. Sie würde in der Lage sein, das Wissen Zentimeter Unterschied in der Lage des Relais hät-
ganzer Zeitalter in sich aufzunehmen, würde dieses ten gereicht. Ein einfaches Werkzeug, und ich hätte
Wissen erforschen und auf Grund dieser Informatio- den Antrieb abfeuern können. Aber ich hatte es nicht,
11 TERRA

Comain, ich hatte es nicht. Hast du schon einmal ver- Innen sah das Haus wüst aus. Comain lebte allein
sucht, Draht aufzuwickeln und dann mit den Zehen zu und nur seiner Arbeit. Technische Bücher bedeckten
verbinden, Comain? Ich habe es getan. Ich habe mir die Tische, füllten Stühle und lagen verstreut auf dem
die Nägel beider Füße ausgerissen, aber es war zweck- verblichenen Teppich umher. „Was kann ich für Sie
los. Du hast deine Drähte gut ausgewählt. Man würde tun?“ fragte Comain.
ein Messer brauchen, um durch die Isolierung zu ge- Der Mann lächelte. „Vielleicht bin ich es, der etwas
langen, und ich hatte kein Messer. Ich hatte nichts au- für Sie tun kann.“ Er zögerte. „Gestatten Sie mir, daß
ßer meinen Zähnen.“ Curt lachte wieder. ich mich vorstelle. Mein Name ist John Smitt“
„Curt.“ Comain biß sich auf die Lippen, bis ihm das „Sind Sie Amerikaner?“
Blut am Kinn herunterfloß. „Nein.“
„Curt — es tut mir leid.“ „Engländer?“
„Leid? Warum, Comain? Weil ich an deiner Stel- „Spielt das eine Rolle?“
le sterbe? Sei meinetwegen nicht traurig. Paß nur auf, „Höchst wahrscheinlich“, sagte Comain freimütig.
daß man meinen Namen in den Geschichtsbüchern „Obwohl ich nicht mehr für die Regierung arbeite, fal-
richtig schreibt. Auf Wiedersehen, Comain. Wenn nur le ich dennoch immer noch unter ihre Sicherheitsmaß-
die Luke etwas breiter gewesen wäre, nur einen halb- nahmen. Ich glaube, es ist besser, wenn Sie jetzt ge-
en Zentimeter.“ Comain runzelte die Stirn, während hen.“ Der Fremde bewegte sich nicht.
er auf die ersterbende Stimme lauschte. „Denke an „Sie handeln voreilig“, murmelte er, „und falsch.
meinen Namen, bitte. Du weißt, wie man ihn buch- Ich habe nicht die Absicht, das in Sie gesetzte Ver-
stabiert? Rosslyn. R...o...s...s...“ trauen zu mißbrauchen. Die Gruppe, die ich vertre-
Der Lautsprecher krachte. Ein wildes Ausbrechen te, weiß eine Menge über Sie. Man weiß, daß Sie auf
von Lärm, Donnern, Pulsieren, und dann, als ob die dem Gebiet der Raketen beschäftigt waren und es vor
Verbindung plötzlich abgerissen wäre, plötzlich Stille, fünf Jahren verlassen haben. Man weiß ferner, daß
bis auf das leere Pfeifen des Leitstahls. Sie wahrscheinlich der größte Experte auf dem Gebiet
der Kybernetik und elektronischer Rechenmaschinen
„Die Automatik“, flüstere Comain krank. „Sie hat sind. Daran ist man interessiert. Ich bin hergekommen,
im richtigen Zeitpunkt gezündet.“ um Ihnen auf diesem Gebiet eine Stellung anzubie-
„Dann ist er gerettet?“ Adams starrte auf den ten.“
schlanken Mann, und der Schweiß stand in Perlen auf „Ich verstehe.“ Comain schaute auf die Unordnung
seinem Gesicht. Comain schüttelte seinen Kopf. in seinem Zimmer. „Soll das ein plumper Versuch
„Nein. Der Feuerstoß kam zu spät. Wahrscheinlich sein, mich zu bestechen? Ich gebe zu, daß ich nicht
hat die Überbeanspruchung die Hülle zerfetzt. Wenn mehr für die Regierung arbeite, und es stimmt, daß
das Metallrelais kristallisiert ist, sind die anderen Tei- ich für keinen, außer für mich selbst, arbeite. Aber das
le zwangsläufig genauso ermüdet. Aber das ist jetzt soll nicht heißen, daß ich zum Verräter für irgendeine
gleichgültig.“ fremde Macht werde, die mir einen Job anbietet.“
„Dann ist er also tot?“ „Habe ich das Wort ,Verräter’ gebraucht?“ Smith
„Vielleicht. Aber was hat das jetzt schon zu bedeu- schüttelte den Kopf. „Ich bin lediglich hier, um Ihnen
ten? Wenn die Hülle nicht gerissen ist und er durch die ein Angebot zu machen.“
entweichende Luft nicht sofort getötet wurde, muß er „Es wäre ein Verbrechen, anzunehmen“, sprudelte
trotzdem sterben. Er ist in einem Wrack eingeschlos- Comain heraus.
sen, mit wenig Luft, wenig Wasser und ohne Nahrung. „Ein Patriot?“ Smith schaute verwundert auf den
Wir hatten nicht daran gedacht, daß er auf einer Drei- Wissenschaftler. „Nach dem, was man Ihnen getan
tagereise Nahrung brauchen würde. Was auch immer hat?“
geschieht, tot oder nicht, wir werden ihn nie wiederse- „Ich habe meinen Job verloren. Man hat mich aus
hen.“ den Forschungslaboratorien geworfen. Na und?“ Co-
Curt war tot. main versuchte nicht, seine Bitterkeit zu verbergen.
„Man konnte es nicht ertragen, daß ich es ablehnte, die
Auf schwankenden Füßen verließ Comain das Zim-
alte, sinnlose Spur auf Befehl weiterzuverfolgen, und
mer und taumelte in die Nacht hinaus.
als ich versuchte, ihnen zu zeigen, wo sie unrecht hat-
ten, hat man mich hinausgeworfen. Ich wurde auf die
3. Kapitel schwarze Liste gesetzt.“ Comain säuberte seine Bril-
le. „General Electric, du Fonts, Amalgamated Power.
„Mr. Comain?“ Sie alle lehnten mich ab.“ Er lachte mit unterdrückter
„Ja?“ Comain zögerte in der kleinen Vorhalle des Wut. „Machen Sie einen falschen Schritt, dann sind
Hauses, das er bewohnte. Den Schlüssel in der Hand, Sie draußen — für immer!“
betrachtete er seinen Besucher. Der Mann lächelte. „Ich verstehe.“ Smith sah auf die Glut seiner Ziga-
„Können wir hineingehen?“ Comain zuckte mit den rette nieder. „Und jetzt arbeiten Sie zu Hause. Hatten
Schultern und öffnete die Tür. Sie Erfolg?“
Die zweite Macht 12

„Wie konnte ich?“ Voll Bitterkeit ließ Comain sei- und den Haß andererseits. Die Angelegenheit war an
ne Schultern kraftlos sinken. „Sehen Sie sich das Zeug die Psychologen weitergegeben worden und von dort
an. Dreck! Abfall von den Gebrauchtwarengeschäften. an den Sicherheitsdienst. Man hatte ihm als ein un-
Ausrangiert, weil es nicht mehr gut war. Wie kann ich tragbares Risiko den Zutritt zu allen wichtigen Infor-
davon eine, leistungsfähige Maschine bauen?“ mationsquellen verwehrt. Das andere war dann auto-
„Aber Ihre Theorien, haben die Fortschritte ge- matisch eingetreten.
macht?“ „Das ist hart, nicht wahr?„ Smith machte eine Ge-
„Ein wenig.“ Begeisterung erwärmte die belegte ste mit seiner Zigarette, und Comain erkannte, daß der
Stimme von Comain, während er von seinem Traum große Mann seinen Gedanken gefolgt war. „Ein Genie
sprach. „Sie wissen natürlich, was ich vorhabe?“ dürfte nicht durch kleinliche Sorgen und die Boshaf-
„Eine denkende Maschine, nicht wahr? Und haben tigkeit der Menschen aufgehalten werden. Wenn Sie
Sie schon die Lösung dafür gefunden?“ Ihren Prediktor gebaut haben...“
„Noch nicht.“ Der schmächtige Mann sah auf die „Prediktor?“ Comain starrte auf den großen Mann,
unordentlich verstreute Ausrüstung, die das ganze Par- und seine Augen verengten sich hinter seinen stark-
terre des kleinen Hauses bedeckte. „Um die Antwort wandigen Brillen. „Wer hat etwas davon gesprochen?“
zu finden, ist es wichtig, zu den Ausgangspunkten „Aber Ihre Maschine wird doch eine Vorhersage
zurückzukehren. Was ist ein Gedanke? Was ist die- einschließen, nicht wahr?“
se subtile Sache, die einen Menschen von allen ande-
„Vielleicht.“ Comain leckte sich nervös über die
ren Tieren unterscheidet? Sein Gehirn ist zumindest
trockenen Lippen. „Ich glaube, ich habe es jetzt bald“,
der Struktur nach dasselbe, und die Funktionen seines
sagte er gedankenvoll. „Sie sind bestimmt nicht an den
Körpers sind die gleichen wie bei einem Tier. Er ist ein
vollen Kräften einer denkenden Maschine interessiert.
Tier, aber — er kann denken. Wenn wir herausfinden,
Alles, was Sie wollen, ist ein Prediktor, und ich kann
wieso und warum, dann sind wir auch in der Lage,
mir vorstellen, warum.“
wirklich denkende Maschinen herzustellen. Wir müß-
ten eine Maschine konstruieren, die Wissen speichern „Wirklich?“
kann, die dieses Wissen aufnehmen kann, um ihr eige- „Sie brauchen ihn für den Krieg. Sie brauchen ihn,
nes Wissen zu vermehren, und die dann dieses gesam- um einen Vorteil anderen Nationen gegenüber zu ha-
melte Wissen in der bestmöglichen Art anzuwenden ben.“
versteht.“ „Vielleicht.“ Der große Mann lächelte durch den
„Ich fange an, zu verstehen, worauf Sie hinauswol- Rauch seiner Zigarette. „Diese Welt ist hart, mein
len“, sagte der große Mann langsam. „Eine Maschine Freund, und wir müssen Realisten sein. Es ist bes-
kann natürlich nicht sterben. Deshalb würde es mög- ser, wenn Sie Ihre Maschine ohne Rücksicht auf ih-
lich sein, unwahrscheinlich viel Daten in ihr zu spei- ren künftigen Verwendungszweck bauen, als sie über-
chern. Wenn sie dann diese Informationen miteinan- haupt nicht zu bauen. Aber — es wird doch ein Pre-
der in Beziehung bringen könnte“ — er blickte auf diktor werden, nicht wahr?“
den schlanken Mann — „dann hätten wir eine ,Deus „Jawohl. Diese Maschine wird, wenn sie gebaut
Machina’?“ worden ist, der beste Prediktor sein, den es gibt.“
„Auf eine Art ja, aber es liegt an den Menschen,
„Werden Sie eine Maschine für uns bauen?“ fragte
zu verhindern, daß diese Maschine jemals ein Gott
der Fremde. — „Ich werde mein Land nicht verraten.“
wird. Sie haben recht, wenn Sie von potentieller Un-
sterblichkeit sprechen. Es liegt kein Grund dafür vor, „Habe ich Sie darum gebeten?“
warum die Maschine keine Millionen Jahre halten „Nein, aber...“
sollte, und in dieser Zeit könnte sie Wissen speichern, „Ich, wir bieten Ihnen alle Voraussetzungen, um Ih-
neue Tatsachen herausfinden und all die Probleme lö- re Maschine bauen zu können. Ich bitte Sie ja nicht,
sen, zu denen wir ganz einfach keine Zeit haben.“ Ihre Stellung aufzugeben. Ich bitte Sie noch nicht ein-
Er lehnte die ihm von dem Fremden angebotene Zi- mal, für uns statt für Ihr Land zu arbeiten. Sie haben
garette mit der Hand ab und starrte voll innerer Pein keine Arbeit. Ihr Land braucht weder Ihre Maschine,
auf die Unordnung um ihn herum. Zeit. Vor fünf Jah- noch wird es Ihnen jemals die Möglichkeit geben, ei-
ren hatte er der Stimme seines Freundes gelauscht, der ne solche zu bauen. Wie können Sie dann zum Verrä-
in der Endlosigkeit des Weltraumes starb, und dieser ter werden, wenn Sie für uns arbeiten? Wir brauchen
Verlust war seitdem eine ständige Wunde, die nicht Sie und das, was Sie bauen können. Es gibt Fragen,
heilen wollte. die Sie nicht beantworten können, Fragen, die aber
Einen Monat lang hatte er damit die Zeit vergeudet, beantwortet werden müssen. Wieviel Korn muß an-
daß er unerlaubte Nachforschungen über die Reakti- gepflanzt werden, um dem Bevölkerungszuwachs ge-
on metallfressender Bakterien bei schweren Metallen recht zu werden? Wo müssen Dämme angelegt wer-
anstellte. Es war ein Kampf mit einem Laborassisten- den, um ein Maximum an Bewässerung und Kraft zu
ten gefolgt, ein Kampf, der ihn schwach und krank ge- bekommen? Wo muß die Entwicklung vorwärts ge-
macht hatte, durch die physische Bestrafung einerseits trieben werden, und warum? Fragen, Comain, die das
13 TERRA

Leben einer Nation betreffen und indirekt das Wohler- schien Jarl Wendis wie eine Fliege auf der anderen
gehen der ganzen Welt.“ Seite des Abteils zu hängen. Er gähnte.
„Wie viele Flugzeuge braucht man, um wie viele „Wie spät ist es, Lars?“
Bomben zu transportieren?“ Comain gab sich keine Menson grunzte. „Zwanzig Uhr fünfzehn Minu-
Mühe, seinen Zynismus zu verbergen. „Wann Atom- ten und sieben Sekunden. Standardzeit natürlich. Der
geschoße abgefeuert werden müssen und wo? Wieviel Monat ist November und das Jahr, falls du dich
Explosivkraft notwendig ist, um den Feind zu zerstö- dafür interessieren solltest, zweitausendzweihundert-
ren? Wann angegriffen werden muß, um die größt- undzehn.“ Er runzelte die Stirn. „Warum, zum Teufel,
mögliche Erfolgschance zu haben? Ja, so ein Prediktor willst du die Zeit wissen?“
könnte Ihre Fragen beantworten.“ „Kein Grund.“ Wendis gähnte wieder. „Ich will nur
„Ich bitte Sie nicht, für den Krieg zu arbeiten, son- wissen, wann diese Fahrt zu Ende ist.“
dern für den Frieden.“ „Für mich ist sie viel zu schnell zu Ende. Denke
Der schlanke Mann seufzte. Seine Augen schweif- daran, Jarl. Nur noch eine Fahrt, und dann werden
ten über das Gerumpel, das überall in seinem Zimmer wir lebenslänglich auf dem Boden bleiben müssen. Du
umherlag. In ihm stand der brennende Wunsch, wie- weißt, was geschieht, wenn wir zurückkommen. Die
der zu arbeiten, eine richtige Ausrüstung in Händen Kolonie wird geschlossen, und die Kolonisten müssen
zu haben, um sich seinem Traum hingeben zu können: auf die Erde zurückkehren. Wir haben das Ultimatum
zu bauen, zu konstruieren, das subtile Gleichgewicht ja noch kurz vor unserem Start zu hören bekommen.“
des menschlichen Gehirns zu ergründen und es in un- „Wir müssen ja nicht das tun, was die Matriarchin
vergänglichem Metall und Kristall nachzubauen. für richtig hält“, warf Wendis ruhig ein.
„Für den Frieden“, flüsterte er. „Nicht für den „Rebellion?“ Lars lächelte und schüttelte seinen
Krieg.“ Kopf. „Wir hätten nicht die geringste Aussicht auf Er-
„Für den Frieden.“ Der Mann, der sich Smith nann- folg.“
te, lächelte beinahe, aber er wußte, daß es klüger war, „Ich spreche nicht von Rebellion“, gab Wendis zu-
seinen Triumph zu verbergen. „Ich verspreche es Ih- rück. „Ich habe nicht die Absicht, das Matriarchat zu
nen.“ stürzen. Aber warum müssen wir denn auf die Erde
„Und unumschränkte Gewalt über alle Materialien zurückkehren? Uns geht es doch hier ganz gut.“
und jegliche Ausrüstung, die ich brauche?“ Menson gab sich Mühe, seinen Unwillen zu verber-
„Ja. Wir haben am Ural ein Laboratorium, in dem gen. „Du weißt genau, daß wir wegen des Nachschubs
Sie uneingeschränkter Herrscher sein werden. Werden auf unseren Heimatplaneten angewiesen sind. Solange
Sie uns helfen, Comain?“ die Kolonie gegründet wurde, und das sind schon über
Zweifel stiegen in Comain hoch. Einen Moment hundert Jahre, hat sie sich in fast allen Dingen auf das
dachte er an Rosslyn und an das, was er gesagt und verlassen müssen, was von der Erde kam. Sogar unse-
getan haben würde. Dann aber erinnerte er sich der re Nahrung kam von dort. Wie können wir uns jemals
nutzlos vergeudeten Jahre, wurde hart und verbannte selbst versorgen?“
seine Zweifel. „Wir könnten es.“ Wendis hatte die Sturheit eines
„Der Prediktor, die Maschine, die ich Ihnen bauen Fanatikers. „Unser Wasser könnten wir vom Pol be-
soll, wird Zeit in Anspruch nehmen. Ja, sie kann sogar kommen, unsere Nahrung von den Hefefässern und
viel Zeit in Anspruch nehmen.“ das Material von den oxydierten Mineralien aus dem
Sand. Wir könnten Erz gewinnen, die radioaktiven
„Es spielt keine Rolle. Wir haben Zeit. Sagen Sie
Elemente herausholen. Das haben wir ja lange genug
nichts, tun Sie nichts. Ich werde alles arrangieren und
getan. Und damit könnten wir die Atommeiler in Be-
mich wieder mit Ihnen in Verbindung setzen.“
trieb halten, die uns mit Lidit und Energie versorgen.
Damit schritt Smith zur Tür und ließ den Wissen- Wir könnten sogar die Raumschiffe mit Treibstoff ver-
schaftler allein zurück. sorgen und auf dem Asteroidengürtel nach seltenen
Metallen suchen. Verdammt, Menson, du weißt, daß
4. Kapitel wir das tun können.“
„Ich weiß, daß wir es nicht tun können.“ Lars stütz-
Zehn Millionen Meilen jenseits des Mars, unter- te sich auf seinen Ellbogen. „Wie die Dinge im Mo-
wegs vom Asteroidengürtel zu dem Roten Planeten, ment liegen, sind wir in bezug auf die Asteroidmetalle
schwebte ein Raumschiff am sternenübersäten Him- von dem Nachschub der Erde abhängig. Du sprichst
mel des Weltraumes. Ein kleines Etwas, kurz und dick, davon, von Hefe zu leben. Hast du es schon einmal
das Heck mit weitgeöffneten Turbinen besät, schien es versucht? Natürlich nicht, und wenn du es getan hät-
leblos und tot, und nur das auf seiner rotierenden Hül- test, würdest du nach spätestens zwei Jahren gemerkt
le reflektierte Licht der Sterne täuschte Leben vor. haben, daß du an Vitaminmangel stirbst. Und wie steht
Lars Menson lag in seiner Koje und betrachtete es mit Medikamenten, Werkzeugen und Teilen für die
mißmutig das glatte Metall über ihm. Ihm gegenüber Maschinen? Nein, Wendis. Wir könnten auf dem Mars
Die zweite Macht 14

bleiben, es wäre eine primitive Existenz, und in zwei „Das ist es. Kannst du eine Spektralanalyse ma-
Generationen wären wir ausgestorben.“ chen?“
„Du willst also, daß wir auf die Erde zurückkeh- „Der Körper hat keine Hitze.“ Wendis schüttelte
ren?“ den Kopf. „Ich werde ihn mit einer Rakete aufwärmen
„Was könnten wir anderes tun? Verstehe mich bit- müssen.“ „Dann beeile dich. Ich habe keine Lust, dem
te nicht falsch, Wendis. Ich möchte ebenso auf dem freien Fall länger als unbedingt notwendig ausgesetzt
Mars bleiben wie du auch. Er ist meine Heimat. aber zu sein.“
ich habe nicht die Absicht, dort auf verlorenem Posten Das Mündungsfeuer blitzte auf, und eine kleine Ra-
zu sterben.“ kete steuerte auf das ominöse Etwas zu.
Da, plötzlich gab ein rotes Licht sein Warnsignal ab. Sie traf und explodierte mit einer grelleuchtenden
Wolke. Nachdenklich blickte Wendis auf die farbigen
Menson erhob sich von der Koje und setzte sich Linien seines Spektroskops.
auf den Kontrollsessel. Er wandte sich zu dem Ra-
„Kann man etwas damit anfangen?“ „Das kann ich
darschirm und justierte das Elektro-Spektroskop. „Der
nicht sagen“, sagte Wendis langsam. „Die Analyse
Körper, der den Alarm auslöste, ist ziemlich groß und
zeigt Spuren von Eisen, etwas Kupfer, etwas Wolf-
sehr langsam. Masse über fünfzig Tonnen. Geschwin-
ram und eine Menge Beryllium. Irgendwie natürlich.
digkeit im Verhältnis zu uns wie 100:10. Vielleicht ist
Es macht zu sehr den Eindruck einer Legierung.“
er hohl. Können wir eine Spektralanalyse machen?“
„Was soll das heißen? Fünfzig Tonnen Beryllium
„Dazu müssen wir erst halten und nähergehen. Sol- sind es wert, daß man sie mitnimmt. Zieh deinen An-
len wir?“ zug an und hole es bei.“
Menson runzelte die Stirn und sah auf die Steue- Wendis nickte und zwängte sich in den Raumanzug.
rung. „Ich weiß es nicht. Die Chance, daß wir etwas Ehe er seinen Helm schloß, kontrollierte er noch ein-
Wertvolles erwischen, ist nicht groß, da wir so weit mal die Armaturen auf seinem Gürtel.
vom Asteroidengürtel entfernt sind. Wahrscheinlich Das Zischen der Luftschleuse hallte durch das gan-
ist es nur eine rohe Masse, die zur Sonne strebt.“ ze Schiff.
„Wir könnten wenigstens einmal sehen, woraus sie „Ich bin jetzt draußen.“ Wendis Stimme kam klar
besteht“, schlug Wendis vor. „Wir haben genügend und deutlich über die Sprechanlage. „Das Objekt ist
Platz und können alles gebrauchen, was wir erwischen ungefähr fünf Meilen von mir entfernt. Ich nehme die
können.“ Schulterdüsen für den Weg.“
„Das bedeutet freier Fall.“ Menson zögerte, wäh- Ein schwaches Krachen der Sender zeigte an, daß
rend seine Hände auf der Steuerung lagen. „Kannst du die Düsen an seinen Schultern in Betrieb waren. Durch
es aushalten?“ das Bullauge konnte man zwei dünne Feuerstreifen
„Ich habe es schon öfter ausgehalten und kann es gegen das schwarze Nichts ausmachen.
wieder. Sehen wir mal nach, was es ist, Lars. Vielleicht „Siehst du etwas?“
haben wir Glück. Wir können Geld gebrauchen.“ Er „Noch nicht. Ich...“ Menson hörte einen erstaun-
räusperte sich ärgerlich. „Wir werden es wahrschein- ten Pfiff. „Lars, das ist kein Meteor. Der Umriß ist
lich auf der Erde brauchen.“ zu ebenmäßig.“ „Was ist es denn dann?“ „Ein Raum-
„Stimmt.“ Menson warf einen Blick auf die Instru- schiff!“
mente und legte einen Hebel ’runter. Ein Geräusch „Was?“ Menson lehnte sich weiter über den Laut-
begann durch das ganze Schiff zu laufen, das dump- sprecher. „Bist du dir sicher?“
fe Dröhnen der fernen Raketen, aber so allmählich, „Denkst du, ich weiß nicht, wie ein Schiff aussieht?
daß keiner von ihnen den geringsten Andruck oder ei- Natürlich bin ich mir sicher.“ Ein dumpfer metalli-
ne Anstrengung bemerkte, während das Rotieren im scher Klang ließ sich vernehmen. „Ich bin gerade auf
Schiff erstarb. der Hülle gelandet.“
Mit dem Aufhören der Rotation erlosch das künst- „Welches Kennzeichen trägt es denn? Ist es eines
liche Schwerefeld, und der freie Fall ergriff sie. Wen- von uns oder eines vom Matriarchat?“
dis würgte. Sein schmales Gesicht war leichenblaß. Er „Ich weiß es nicht.“ Wendis Stimme klang verwirrt.
preßte die Lippen zusammen, während er durch das „Ich kann keinerlei Kennzeichen entdecken. Ich kann
Spektroskop sah. noch nicht einmal den Schiffstyp identifizieren, we-
„Geh noch näher heran“, sagte er. „Ich kann nichts nigstens habe ich noch niemals so einen gesehen.“
sehen.“ Menson nickte, und während er den Radarde- „Beschreibe es.“
tektor im Auge behielt, flogen seine Hände über die „Es ist etwa sechzig Meter lang. Sehr schmal, viel
Knöpfe der Antriebsaggregate. Flammenstöße schös- zu schmal, um ein Transporter zu sein. Sieben Turbi-
sen aus den Turbinen. In dem kleinen Bullauge, das nen, aber keine Steuerdüsen. Drei große Leitflächen.
die direkte Sicht nach draußen freigab, hob sich ein Kein Anzeichen einer Landekufe oder rotierender Dü-
unförmiger, schwarzer Körper gegen den Sternenhim- se. Die Hülle ist zerfetzt.“ Wendis schluckte. „Men-
mel ab. son! Das Ding ist uralt!“
15 TERRA

„Bist du verrückt? Warum soll es denn alt sein?“ „Wendis und Menson,zwei Metallsucher von den
„Darauf weiß ich keine Antwort, aber ich weiß, Asteroiden, sind eben angekommen. Erinnern Sie sich
wie sich die Strahlung nach einem Jahrhundert oder ihres Berichtes, den sie vor zwei Tagen über den Sen-
mehr auf das Metall auswirkt. Die Hülle ist über und der gehen ließen?“
über mit Löchern besät. Sie ist fast zerfallen, und das „Ja.“ Lasser betrachtete die beiden Männer. „Wann
bedeutet, daß das Schiff sehr alt sein muß.“ Wendis sind Sie angekommen?“
schluckte wieder. „Menson. Könnte das das Schiff ei- „Vor einer Stunde.“ Wendis schaute auf seinen Part-
ner fremden Rasse sein?“ ner. „Von welchem Bericht sprechen Sie?“
„Ich zweifle daran. Nach deiner Beschreibung zu „Ich habe Ihnen über unseren Fund berichtet.“ Men-
urteilen, muß es sich um eines der ersten Schiffe han- son blickte zu der großen, schlanken Gestalt des alten
deln, mit denen man herumexperimentiert hat. Wahr- Arztes. „Und, Doktor, können Sie es tun?“
scheinlich ist es eine Testrakete, die aus irgendeinem Lasser biß sich auf die Lippen. „Wie kann ich das
Grund außer Kurs gekommen ist.“ beantworten? Ich hab’ ihn ja noch nicht einmal gese-
„Ich verstehe.“ Wendis schien enttäuscht zu sein. hen. Ihr Bericht gab an, daß Sie ihn in einem Schiff
„Ich hatte gehofft, daß wir drinnen irgend etwas finden sehr alter Bauart gefunden haben, die seit mehr als
würden, irgendeine Waffe oder eine Maschine, die uns zweihundert Jahren vergessen ist. Ich nehme an, daß
gegen das Matriarchat geholfen haben würde. Wenn es Sie wissen, was Sie da behaupten.“
nur eine der alten automatischen Raketen ist, hat sie „Jawohl.“
nicht viel Wert für uns.“
„Der Pilot des Schiffes war die ganze Zeit über tot.
„Fünfzig Tonnen Beryllium sind immer wertvoll“, Er ist vor dem Atomkrieg geboren worden und hat
erinnerte ihn Menson. „Mach die Leine fest und komm keine Ahnung, was seitdem geschehen ist. Dennoch
zurück.“ schlagen Sie vor, ihn zum Leben wiederzuerwecken.“
„Du hast recht.“ Schwach konnte man das Geräusch „Ja.“
vernehmen, wie er an der Hülle arbeitete, indem er das
„Ich bin ein alter Mann, Menson. Ich sehe die Din-
Schleppseil an das alte Metall schweißte.
ge von einer anderen Warte als ihr jungen Leute, Wä-
„Ich versuche den Riß in der Hülle weiter zu ma- re es menschlich, ihn zurückzubringen? Er hat den Tod
chen. Ich habe das Schleppseil festgemacht, und so schon einmal kennengelernt. Haben wir das Recht, ihn
zerfallen wie das Metall ist, dürfte es nicht schwer zu zwingen, ihm noch einmal ins Auge zu sehen?“
sein, die Außenhülle aufzukriegen. Ich bin neugierig,
„Ich glaube, ja.“ Menson betrachtete den großen
wie es drinnen aussieht. Das ist keine der alten auto-
Arzt ernst. „Es stimmt, daß er gestorben ist, aber es
matischen Raketen.“
war kein natürlicher Tod. Er muß ein junger Mann ge-
„Nicht? Was ist es denn dann?“ wesen sein, als es geschah. Abgesehen davon, könnte
„Eine bemannte Rakete. Und wenn ich etwas von er uns viel von dem erzählen, was vor dem Atomkrieg
Metallen verstehe, dann ist sie ungefähr zweihundert- geschah. Ich glaube, Sie sollten Ihr Bestes tun.“
fünfzig Jahre alt.“ „Ich verstehe. Ist er hier?“
„Täuscht du dich auch nicht?“ fragte Menson zu- „Ja. Wir haben ihn tiefgekühlt.“
rück. „Na schön. Ich werde ihn untersuchen.“
„Nein. Dies ist ein bemanntes Schiff, Lars. Ich weiß Lasser blickte auf seinen Assistenten, und zusam-
es. Der arme Teufel sitzt noch immer in seinem Kon- men mit den beiden Metallsuchern gingen sie in das
trollsessel.“ Laboratorium. Sorgfältig hob Carter ein Tuch von ei-
„Was?“ nem hochwandigen Metallsarg, und sie blickten ge-
„Hast du nicht gehört? Der Pilot ist immer noch bannt auf das, was einst ein lebender Mensch war.
im Schiff. Tot natürlich, erfroren. Er muß gestorben „Der Tod trat durch eine Pulsstokkung und plötz-
sein, als die Luft durch den Riß in der Hülle entwich, liche Kälte ein. Die Wunde an seinem Arm ist unbe-
aber...“ Wendis brach ab, und Menson griff nach der deutend. Das Blut an seinem Körper scheint von die-
Steuerung. ser Wunde zu stammen. Natürlich sind einige Kapilla-
„Komm sofort zurück“, rief er. „Ich spreche sofort ren zerstört worden, was auf den plötzlich mangelnden
mit dem Mars.“ Druck zurückzuführen ist.“
Dr. Lasser zitterte etwas, als der frühe Nachtfrost „Glauben Sie, daß wir ihn wiederbeleben können?“
seine dicken Kleider durchdrang. Er war ein alter „Ich weiß es nicht“, sagte Lasser nachdenklich. Er
Mann. Er blieb einen Moment stehen und sah zu, wie seufzte und betrachtete die anderen Männer. „Wir kön-
die Sonne am Horizont versank. Er zuckte mit den nen anfangen. Die übliche Prozedur. Eintauchen in
Schultern und schritt durch die Doppeltür des Hospi- eine Flüssigkeit, deren Temperatur kontrolliert wird.
tals. Langsames Auftauen, um innere Schäden zu ver-
„Dr. Lasser!“ Aus einer Gruppe von drei Männern meiden. Wirbelströmungen und elektronische Wellen,
kam einer auf ihn zu. Es war Carter, sein Assistent. um eine gleichmäßige Erwärmung zu gewährleisten.
Die zweite Macht 16

Energiefluß, um die Zellen wieder zu beleben. Sti- „Soll ich die künstliche Atmung abstellen?“
mulie für das Herz, künstliche Atmung, Herzmassage „Noch nicht. Wir müssen sein Herz so lange wie
usw.“ möglich entlasten, bis seine Lungen wieder arbeiten.
Lasser beugte seinen Körper über den Sarg. Das ist unsere nächste Aufgabe.“
Vorsichtig befühlte er das festgefrorene Fleisch ei- „Sollen wir die Schocktherapie anwenden?“
nes Mannes, der seit mehr als zwei Jahrhunderten tot
war. Sorgfältig stellte er den Energiefluß ein, justierte „Nein. Die Gefahr, daß sein Gehirn dabei Scha-
eine Reihe von Vernier-Steuerungen und öffnete lang- den nimmt, ist zu groß. Versuchen Sie ihm psychi-
sam ein Ventil. sche Schmerzen zu bereiten und beachten Sie genau
die Vorschrift. Sie wissen, was Sie zu tun haben.“
„Kopfstütze und Gesichtsmaske!“
Carter hob die Stütze unter dem Kopf des Toten und Bedächtig zog der alte Mann seine Handschuhe aus.
stülpte eine Maske über die verzerrten Gesichtszüge. „Lassen Sie mich rufen, wenn er zu sich kommt.“
„Fertig!“ Carter nickte.
Lasser nickte und eine grünschillernde Flüssigkeit Es war immer das gleiche schwierige Problem.
schoß aus dem Ventil in seine Hand. Lichter flammten Menschen, die wußten, daß sie gestorben wa-
auf, und von einer gedrungenen Maschine kam das lei- ren, konnte man nicht wiederbeleben. Eine geistige
se Summen gebändigter, kontrollierter Kraft. Schranke wehrte sich dagegen, das Bewußtsein wie-
Der Kampf um das Leben hatte begonnen. derzuerlangen, und obwohl der Körper lebte, schlief
Es dauerte drei Tage. Drei Tage, in denen die Tem- der Geist. „Wer sind Sie?“ Carter sprach durch ein
peratur der grünen Flüssigkeit langsam auf über Blut- Mikrophon. Seine Worte erreichten die Ohren des Pa-
temperatur gebracht wurde, in denen die unsichtba- tienten durch die Ohröffnungen der Maske. Während
ren Wellen elektronischer Wirbelströmungen den to- er seine Frage stellte, drückte er auf einen Knopf, und
ten Körper vollständig erwärmten, die kleinen Eis- Elektrizität strömte in die Sinnesnerven des toten Ge-
teilchen jeder Zelle auftauten und die steifen Glieder hirns.
entspannten. Maschinen schalteten sich zu einem vor- „Wer sind Sie?“ Wieder die Frage, wieder ein Stro-
her genau berechneten Zeitpunkt ein. Eine künstliche mimpuls.
Lunge pumpte fast reinen Sauerstoff in die schlaffe
So ging es stundenlang, bis Carter über und über in
Brust. Injektionen unter die Haut enthielten Reizmittel
Schweiß gebadet war und seine Hände beim Einstel-
für Nerven und Muskeln.
len der Impulse zitterten. Er erwartete keine Antwort.
Carter wich nicht von seinem Patienten. Seine stän- Er hoffte im Höchstfall darauf, daß der Mann reagie-
dige Aufmerksamkeit galt dem Energie-Generator, ren und zu Bewußtsein kommen Würde.
dessen Stromfluß jeder einzelnen Zelle neue Lebens-
kraft gab. Behutsam, Stück für Stück, stellte Carter die künst-
liche Atmung ab. Wenn sein Patient anfangen soll-
Aber der Körper reagierte immer noch nicht.
te, zu leben, dann mußte es jetzt sein. In panischem
Lasser kniff die Lippen zusammen und betrachte- Schrecken blieb Carter fast das Herz stehen, als das
te den Patienten. „Legen Sie das Herz frei“, befahl gleichmäßige Heben und Senken des Brustkorbes auf-
er. „Wir werden es mit direkter Massage und Elek- hörte und dann flatternd langsam wieder einsetzte.
troschock versuchen. Wenn wir ihn nicht bald dazu
bringen, aus eigener Kraft zu atmen, können wir es Der Mann atmete.
genauso gut aufgeben.“ Rasch entfernte er die Maske, setzte den Kopfhörer
Carter nickte und griff nach einem großen Skalpell. direkt an, und neue Kraft belebte seine Stimme, wäh-
Es Dauerte zehn Stunden, zehn Stunden, in denen rend er die monotone Frage wiederholte.
die steril behandschuhten Hände des alten Arztes das „Wer sind Sie?“
Herz des Toten im Rhythmus des Pulses massierten. Der Mann zuckte. Sein Mund krampfte sich zusam-
Carter stand neben ihm, jeden Moment bereit, einzu- men und seine Arme schlugen aus.
springen, falls Lasser ermüden sollte. Er injizierte in-
„Wer sind Sie?“
tramuskulär Stimuli und ließ die Instrumente nicht aus
den Augen. „Ro...“ Die Stimme erstarb in einem Gurgeln.
Endlich begann das Herz zu schlagen, hörte wieder „Wer sind Sie?“
auf, schlug wieder und begann zuerst ganz schwach „Rosslyn... Rosslyn... Rosslyn.“
und dann immer kräftiger die Aufgabe der Pumpe
Carter strahlte vor Freude und Genugtuung. Er
zu übernehmen. Erschöpft lehnte sich Lasser zurück
drückte wieder auf den Knopf, der den Strom auslö-
und beobachtete, wie Carter den Brustkasten wieder
ste.
zunähte.
„Wenigstens arbeitet sein Körper wieder“, sagte er „Wer sind Sie?“
müde. „Wenn der Schock bei seinem Tode den Geist „Rosslyn. Curt Rosslyn. Lassen Sie mich in Ruhe,
nicht angegriffen hat, müßte er sich erholen.“ ja. Lassen Sie mich in Ruhe.“
17 TERRA

Carter lächelte und nahm das Mikrophon vom Kopf „Ja. Die Frauen haben die Herrschaft nach dem
des Patienten. Sorgfältig schnallte er den steifen Kör- Atomkrieg, der ungefähr zwanzig Jahre nach Ihrem
per fest und vergewisserte sich, daß der Patient sich Tod stattgefunden haben muß, übernommen. Eine öst-
keinen Schaden mehr zufügen konnte. Die sterilisie- liche Gruppe von Nationen hat damals die Atomwaf-
renden Lampen ließ er brennen und verließ das Zim- fen angewandt. Der Westen unterlag natürlich. Er hatte
mer. nicht die geringste Chance. Aber der Sieg war sinnlos.
„Rosslyn“, murmelte er, während er auf das Zim- Man hatte radioaktiven Staub angewandt, der sich mit
mer von Lasser zuschritt. „Ich möchte wissen, wer er dem Wind und durch den Regen überall hin ausbreite-
war.“ te und der Sieger litt genauso wie der Unterlegene.“
Erschöpft weckte er seine Ablösung. „Aber wie ist es denn dazu gekommen, daß Frauen
herrschen?“
Curt Rosslyn saß in einem Stuhl und schaute mit
verwunderten Augen auf die Sandwüste des Mars. „Lange Zeit, ich glaube, es ist über fünfzig Jahre
Durch die transparente Plastikkuppel des Kranken- gewesen, daß die Männer unter den Degenerationser-
hauses sah er die Ansiedlung vor sich liegen. Die scheinungen gelitten haben. Männliche Babys waren
schmalen Straßen waren mit geschäftigen Männern für Mutationsveränderungen mehr anfällig, als weib-
und Frauen belebt, die dabei waren, die letzten Vorbe- liche, und die Sterbequote war eins zu drei zugunsten
reitungen für die Evakuierung zu treffen. Lasser schritt der Mädchen. Natürlich war es unvermeidlich, daß bei
auf das Gebäude zu. Carter folgte ihm und Curt warte- einem derartigen Übergewicht an Frauen ein Matri-
te ungeduldig darauf, daß sie zu ihm ins Zimmer tra- archat kommen mußte. In der Zwischenzeit hat sich
ten. natürlich das Gleichgewicht der Geschlechter wieder
eingespielt, und die Männer sind nicht mehr schwach.
„Na, Curt?“ Carter lächelte. „Wie geht es Ihnen
Aber es ist schwer, die alten Formen zu brechen.“
heute?“
„Das ist es nicht allein, Carter.“ Lasser sprang nach
„Nicht schlecht. Aber meine Brust schmerzt noch.“
vorn, während er auf seinen Assistenten starrte. Er
„Nun, das ist kein Wunder, wenn Sie bedenken, daß zeigte auf die Wüste. „Schauen Sie doch einmal hin-
wir den halben Brustkorb entfernen mußten, um Ihr aus. Seit mehr als hundert Jahren haben wir versucht,
Herz zu massieren.“ Lasser seufzte, während er sich diesen Planeten in einen Platz zu verwandeln, wo
in einen Stuhl fallen ließ. „Ob Sie fit sind oder nicht, Menschen leben können. Aber umsonst. Etwas ande-
morgen geht es los.“ res: die Raumfahrt ist uns seit mehr als zweihundert
„So schnell?“ Curt schaute wieder auf die Marswü- Jahren bekannt. Das erste Raumschiff hat den Mond
ste hinaus. „Müssen wir? Würde es nicht möglich sein, kurz vor dem Atomkrieg erreicht, und man hat dort das
daß ich mir den Planeten zuerst einmal ansehen darf? erste Observatorium erbaut, fünfzig Jahre, ehe man
Können Sie die Evakuierung nicht verzögern?“ den Mars erreichte. Seit dieser Zeit sind wir nicht
„Nein“, sagte Lasser knapp, und Curt errötete. mehr weitergekommen. Dabei hätten wir Pluto errei-
„Verstehen Sie ihn nicht falsch, Curt.“ Carter stand chen, einen Hyperdrive entwickeln, uns auf die neuen
auf und schaute hinaus. „Wenn Lasser die Möglich- Welten jenseits des Pluto begeben und Kolonien auf
keit dazu hätte, würde weder er noch irgendein anderer Alpha Centauri errichten müssen. Nichts von alledem
hier weggehen. Aber wir haben keine Wahl.“ ist geschehen.“
„Wegen der Versorgung?“ „Aber warum nicht?“
„Comain.“ Lasser spie das Wort wie einen Fluch
„Ja. Sie wissen darüber Bescheid?“ „Menson hat es
aus.
mir erzählt. Aber ich habe es nicht ganz verstanden.
Sie sind über hundert Jahre hier gewesen, und es muß „Was?“ Curt kam von seinem Stuhl hoch. „Comain.
Milliarden gekostet haben, diese Siedlung zu errich- Kann es möglich sein, daß er immer noch lebt? Ich
ten. Ich sehe wohl ein, daß sie sich nicht allein bezahlt kannte ihn. Wir waren Freunde, aber was hat das da-
machen kann, aber einfach alles aufzugeben, erscheint mit zu tun?“
mir wieder unsinnig. Warum schickt man nicht einfach „Er?“ Lasser runzelte die Stirn. „Wovon sprechen
genügend Ausrüstung, damit die Kolonie sich allein Sie?“
erhalten kann?“ „Von Comain natürlich. Sie haben ihn erwähnt.
„Warum?“ Lasser betrachtete den jungen Mann. Lebt er noch?“
„Ich werde Ihnen erzählen, warum. Man will uns hier „Er? Ich spreche nicht von einem Mann. Comain ist
nicht haben, darum. Sie wollen uns wieder auf der Er- eine Maschine“, erklärte er ruhig. „Eine riesige Ma-
de haben, damit sie uns kontrollieren können wie alle schine, die das Geschick der Erde kontrolliert.“
anderen auch. Hier draußen sind wir zu unabhängig. „Eine Maschine!“ Curt sank in seinen Stuhl. „Ko-
Die Matriarchin will das nicht.“ misch. Comain war der letzte Mensch, mit dem ich
„Die Matriarchin?“ Curt runzelte die Stirn und sprach, ehe der automatische Antrieb losfeuerte und
schaute auf Carter. „Ich fürchte, ich muß eine ganze die Hülle auseinanderriß. Aber warum benennen Sie
Menge lernen.“ eine Maschine nach einem Mann?“
Die zweite Macht 18

Carter zuckte mit den Schultern. „Wahrscheinlich Prophezeiungen wahrmachen, nur aus dem einzigen
nach dem Mann, der sie erfunden hat. Die Legende er- Grunde, weil sie daran glauben, daß das, was vorher-
zählt, daß er vor dem Atomkrieg gelebt hat, und daß gesagt würde, wahr sein muß. Deswegen richten sie
diese Maschine die Ursache allen Übels war. Die an- ihre eigenen Handlungen SO ein, daß die Voraussagen
greifenden Nationen hatten ihn finanziert. Er und sei- stimmen.“
ne Teufelsmaschine hatten vorausgesagt, daß sie den „Ich habe eine Idee“, sagte Carter langsam. „Neh-
Krieg gewinnen würden. Er...“ Der junge Mann brach men wir einmal an, daß wir Curt auf die Erde bringen,
ab und schien zum erstenmal zu bemerken, wovon er ohne daß Comain davon erfährt. Er ist nicht registriert,
sprach. „Comain. Sie haben gesagt, daß Sie ihn kann- nichts ist von ihm bekannt, und er muß notwendiger-
ten. Lasser, haben Sie das gehört?“ weise durch seine bloße Gegenwart die Handlungen
„Ja.“ Der alte Mann starrte Curt an. „Sie sagen, daß anderer beeinflussen.“
Sie ihn gekannt haben?“ „Das muß gelingen“, rief Lasser aus. „Die Raum-
„Ich kannte einen Mann, der Comain hieß. Wir schiffe der Matriarchin werden morgen ankommen.
wuchsen zusammen auf, gingen zusammen zur Schule Sie werden die normale Besatzung tragen. Jedes Schiff
und versuchten beide, die Sterne zu erreichen, als ob wird einen Metamann an Bord haben. Wir könnten
wir eins wären. Er war ein sehr kluger Mann. Ich kann Curt in einem Ballen oder in etwas anderem ver-
mich erinnern, daß er, kurz bevor ich zum Mond star- stecken und ihn durchschmuggeln. Allerdings hängt
tete, zu mir über eine Maschine sprach, die Daten assi- alles davon ab, ob Comain uns bei unserer Ankunft
milieren und daraus eine Vorhersage von hoher Wahr- überprüfen wird. Wie ich die Matriarchin kenne, wird
scheinlichkeit geben konnte. Er hatte vor, das Problem das eine der ersten Handlungen sein, die geschehen.“
sofort in Angriff zu nehmen, sobald ihm die Möglich-
„Warum denn?“ Curt erhob sich halb aus seinem
keiten dazu gegeben waren.“ Er schaute in die ange-
Stuhl. „Ich dachte, daß ihr alle schon registriert seid?“
spannten Gesichter der beiden Männer. „Ist das denn
so wichtig?“ „Das stimmt“, sagte Carter trocken. „Aber Lasser
„Es könnte sein“, sagte Carter langsam. „Als wir hat recht. Die Matriarchin wird darauf bestehen, daß
Sie fanden, hatte ich eine unbestimmte Vorstellung da- wir sofort nach unserer Ankunft vor Comain kommen.
von, daß Sie uns in irgendeiner Art nützlich sein könn- Man wird unsere Daten integrieren müssen, sonst wä-
ten, und jetzt...“ Er kniff seine Augen gedankenvoll re der ganze Grund für die Zurückberufung sinnlos.“
zusammen. „Lasser! Können wir ihn unbemerkt auf „Na und? Müssen Sie denn von meiner Existenz er-
die Erde bringen?“ zählen?“
„Ich weiß es nicht.“ „Wir können es nicht vor Comain verbergen.“ Car-
„Sie wissen, wie Comain arbeitet“, fuhr Carter fort. ters Stimme klang besorgt. „Sie müssen wissen, daß
„In seinen Speichern ruhen das gesamte Wissen und diese Maschine unsere Gedanken lesen kann. Es ist
alle der Menschheit bekannten Informationen. Dar- unmöglich, sie zu belügen.“
über hinaus hat sie jeden lebenden Menschen auf der Curt überlegte. Dann sagte er: „Können Sie der
Erde und auf dem Mars erforscht und registriert. Die Maschine nicht irgendwie ein Schnippchen schlagen?
Voraussagen beruhen auf der Vielzahl der bekannten Durch Hypnose zum Beispiel?“
Faktoren. Das Alter, die Höhe, das Geschlecht, die
„Eine ausgezeichnete Idee“, rief Lasser enthusia-
Farbe, die Eigenheiten, den ESP-Faktor jedes einzel-
stisch aus. „Wendis und Menson müssen wir damit be-
nen Menschen. Die Matriarchin will uns wieder auf
handeln. Glücklicherweise sind sie außer uns die ein-
der Erde haben, da wir hier zu unabhängig, zu gefähr-
zigen, die von Curts Existenz wissen. Wir müssen na-
lich sind und etwas Unvorhergesehenes tun könnten.
türlich jegliche Vorsicht walten lassen und, nachdem
Comain hat nicht genügend Informationen von uns,
wir von Comain examiniert wurden, eine Nachhypno-
vom Mars oder vom Weltraum, um eine Vorhersage,
se durchmachen, damit wir uns dann wieder an Curt
deren Wahrscheinlichkeit sechzig Prozent übersteigt,
erinnern. So wird es uns gelingen, unseren überschüs-
geben zu können, über das, was wir tun können. Das
sigen Mann auf die Erde einzuschleusen, und mit et-
beeinträchtigt notwendigerweise auch die Voraussa-
was Glück wird er den Mars für uns zurückgewinnen.
gen auf der Erde. Sobald wir auf der Erde und unter
Einen unabhängigen Mars, frei von der Matriarchin
der Aufsicht von Comain sind, wird der Wahrschein-
und von Comain.“
lichkeitsfaktor bei Voraussagen neunundneunzig Pro-
zent betragen. Mit anderen Worten, die Matriarchin
wird das Ergebnis jeder Handlung, jeder Entscheidung 5. Kapitel
und jedes Experimentes, das sie wünscht, schon ken-
nen, bevor es stattgefunden hat.“ Die Matriarchin der Erde, Sarah Bowman, stand an
„Ich weiß das alles“, rief Lasser ungeduldig. Er einem hohen Fenster und sah auf das 1600 Meter hohe
lachte humorlos. „Die Maschine kann alles voraussa- Betongebäude.
gen, was in Zukunft geschieht, und diese Narren auf Tief unten, unter einer schützenden Schicht aus Fel-
der Erde sind so von Comain abhängig, daß sie ihre sen, Blei, Erde und fließendem Wasser, geschützt vor
19 TERRA

Atombomben, Strahlung und Naturgewalten lag die Fünf Männer saßen in einem Zimmer und sprachen
Maschine, die Comain war. über ihre Zukunft. Carter, dessen Züge von der für ihn
Die Matriarchin seufzte, drehte sich um und ging an dreifach so hohen als normalen Schwerkraft gezeich-
ihren Schreibtisch. Schwer ließ sie sich in ihren Sessel net waren, ließ sich in einen Stuhl fallen und betrachte-
fallen und betrachtete kurz ihre breiten, fast männli- te die eingefallenen Wangen des alten Arztes. Wendis
chen Hände. Sie war eine alte Frau. und Menson, die durch ihre Raumfahrten an ein hohes
G-Feld gewöhnt waren, schien die Schwerkraft nichts
Eine Glocke läutete und unterbrach die drückende
auszumachen. Curt lächelte, als er durch das Fenster
Stille. Die Matriarchin sah auf den Bildschirm. „Was
auf die saftig-grünen Felder und den blauen Himmel
ist?“
schaute, und zitterte vor Erregung bei dem Gedanken,
„Ihre Sekretärin, Madam. Darf sie eintreten?“ daß die neue Welt darauf wartete, von ihm erforscht
„Lassen Sie sie herein.“ zu werden.
Behutsam öffnete sich die Tür, und eine Frau betrat „Ich habe von der Matriarchin gehört“, sagte Las-
das Zimmer. ser bitter, „daß man, wie ich befürchtet hatte, unsere
Schiffe demontieren läßt. Wir müssen hierbleiben.“
Sie war groß und schlank. Ihr langes, tiefschwarzes
Wendis ballte seine großen Fäuste. „Ich habe mein
Haar fiel in weichen Wellen von ihrer hohen Stirn auf
ganzes Leben lang auf die Raumfahrt trainiert“, sag-
ihre Schultern.
te er rauh. „Ich kenne und kann nichts anderes. Was
„Guten Abend, Madam.“ haben Sie jetzt mit mir vor?“
„Du darfst dich setzen, Nyeeda.“ „Der Rat wird mich darüber informieren, sobald er
„Vielen Dank.“ Die Sekretärin setzte sich in den die Antwort von Comain hat.“ Lasser wischte sich den
freien Sessel und zog ihr Kleid zurecht. Schweiß aus seinen gelben Zügen. „Wenn Sie mich
fragen, so würde ich sagen, entweder die Wüste oder
„Sind die Marsianer schon angekommen?“ fragte
die Polargebiete oder, wenn es dort für uns Arbeit gibt,
die Matriarchin.
auf einem hohen Berg.“
„Noch nicht. Sie kreisen zur Zeit um uns und wer- „Wie kommen Sie darauf, Doktor?“
den in einer Stunde landen.“
„Logik. Wir brauchen ein trockenes Klima, geringe
„Sie müssen natürlich sofort nach ihrer Landung — Schwerkraft und dünne, kalte Luft. Der einzige Platz
alle fünfhundertzweiundsiebzig, wie sie da sind — re- auf der Erde, wo wir diese Dinge bis zu einem ge-
gistriert werden. Ich verlasse mich darauf, daß die not- wissen Grad bekommen können, ist auf einem hohen
wendigen Befehle schon erteilt wurden.“ Berg.“
„Die Metamänner auf dem Flughafen haben ihre „Glauben Sie, daß man uns beieinander läßt?“ Car-
Befehle bekommen. Sie werden die Kolonisten, so- ter leckte über die Lippen und sah zu dem alten Mann.
bald sie das Schiff verlassen, direkt zu den Zellen brin- „Ich glaube, daß man uns trennen wird. Eine Familie
gen.“ hier, ein Mann dort usw.“
„Gut. Ist schon entschieden worden, was sie tun sol- „Warum sollten sie? Wir sind keine Rebellen. Sie
len, und wo sie leben werden?“ haben nichts von uns zu befürchten. Sie haben uns
„Noch nicht.“ nur zurückbeordert, damit wir in das Schema einge-
fügt werden. Nein, Carter, ich denke, daß man uns alle
„Ich danke dir, Nyeeda.“ Die alte Dame lächelte. beieinander lassen wird. Alle zusammen.“
Jetzt, da die Marsianer zurückgerufen worden sind,
„Und was ist mit Curt?“
gibt es keinen unbekannten Faktor mehr, und die Vor-
aussagen werden auf neun Neunen hinter dem Kom- „Ja, was wird mit mir?“
ma stimmen. Comain wird ihre Daten aufnehmen, ent- „Das wissen wir noch nicht. Wie geht es Ihnen über-
scheiden, wo sie leben und arbeiten sollen, und die haupt?“ wandte Lasser sich an Curt.
ganze Affäre der Raumfahrt kann in die Speicherwer- „Ausgezeichnet.“ Curt grinste und schlug sich auf
ke der Maschine aufgenommen und ad acta gelegt die Brust. „Die Schmerzen sind vorüber. Ich fühle
werden. Alles wird planmäßig verlaufen. Comain wird mich frisch wie ein Fisch im Wasser. Wie verlief die
uns führen, uns vor falschen Entschlüssen bewahren Registrierung?“
und die Macht der Regierung übernehmen. Die Er- „Wie ich erwartet hatte. Die Metamänner warteten
de wird ein Paradies sein. Das Matriarchat wird pro auf uns und führten uns direkt zu den Zellen. Co-
forma die Regierungsgewalt behalten. Aber alle Ent- main hat unsere Daten aufgenommen und arbeitet jetzt
scheidungen werden, wie jetzt auch, von Comain ge- wahrscheinlich an dem Problem.“
troffen. Sobald die Marsianer gelandet sind, ist das „So lange?“ Curt schaute überrascht.
unvermeidlich. Nichts kann den Lauf der Dinge mehr „Nein. Die Maschine gibt keine Informationen aus
aufhalten.“ sich heraus. Sie muß warten, bis die richtige Frage ge-
stellt wird. Wahrscheinlich arbeitet der Rat in diesem
6. Kapitel Moment an der Ausarbeitung dieser Fragen.“
Die zweite Macht 20

„Ich verstehe.“ Der junge Mann schritt zum Fenster sich. Irgend etwas stimmte mit ihm nicht. Er hatte an
hinüber und deutete auf das riesige Gebäude, das in einen alten Freund gedacht, der schon weit über zwei-
der Morgensonne vor ihm lag. „Ist es das?“ hundert Jahre tot war, und plötzlich war es ihm gewe-
„Das ist Comain.“ sen, als ob Comain vor ihm stehen, lächeln und spre-
Curt beobachtete das immense Gebäude, bewunder- chen würde, als wäre es Wirklichkeit. Er hatte Carter
te seine Perfektion und versuchte, sich seinen Freund belogen. Er konnte sich noch an die Schläge erinnern,
vorzustellen, der den Grundstein für diese neue Zivi- die er ausgeteilt hatte. Es waren fünf gewesen, und er
lisation gelegt hatte. Ein großer, überschlanker Mann hatte sie ausgeteilt innerhalb von... von...
mit schlechten Augen tauchte nebelhaft vor seinem In- Er runzelte die Stirn. Es schien unglaublich, und er
neren auf. Er lächelte, kräuselte seine Lippen ironisch, konnte sich nicht erinnern, wie lange es gedauert hat-
und eine geisterähnliche Stimme sprach aus dem gei- te, aber er wußte, daß es in der Zeit geschehen war,
sterhaften Körper. während der Doktor zum Schlag ausgeholt hatte. Das
bedeutete, daß er sich unglaublich schnell bewegt hat-
„Guten Tag, Curt.“
te.
„Comain.“
Ein dumpfes Dröhnen klang durch die Stille des
„Es ist lange her. Der Fehler von damals tut mir Raumes. Licht flackerte auf, und von einem Leucht-
leid.“ schirm zeichneten sich die schärfer werdenden Kon-
„Comain.“ turen einer Frau ab, die in das Zimmer schaute.
„Wir müssen wieder zusammengehen. Weißt du, „Dr. Lasser?“ „Ja?“
wo ich wohne?“ „Entscheidung von Comain. Die Mehrzahl der
„Ja, ja, ich...“ Irgend etwas berührte ihn. Etwas be- Marskolonisten sollen auf den Mount Everest ge-
rührte sein Gesicht, und der Schmerz durchdrang den bracht werden. Sie sollen dort ein Observatorium bau-
Nebel seiner Vorstellung. Schmerz und noch etwas an- en.“
deres. Er ballte seine Fäuste und drehte sich wutent- „Ich verstehe.“ Lasser betrachtete die ruhigen Zü-
brannt um. ge der Frau. „Sie haben gesagt, die Mehrzahl. Soll das
„Curt! Mann, kommen Sie zu sich! Was ist mit Ih- bedeuten, daß einige von uns von dem Haupttrupp ge-
nen los?“ Carter stand vor ihm und hatte die Hand er- trennt werden sollen?“
hoben, um wieder zuzuschlagen. „Ja. Sie und Ihre Assistenten müssen sich im Zen-
„Sie...“ Curt holte aus, und ehe der junge Doktor tralkrankenhaus melden. Dort können Ihre Fähigkei-
den Schlag abfangen konnte, hatte Curt zweimal zu- ten am besten ausgenutzt werden. Die anderen wer-
geschlagen. den wie verfügt eingesetzt. Die schriftliche Bestäti-
gung dieser Meldung erhalten Sie binnen einer Stun-
„Curt, du Narr! Hör auf!“ Wendis sprang nach vorn.
de. Das ist alles.“
Menson folgte ihm, und zusammen hielten sie seine
Arme fest. „Ich werde also Pförtner in einem Krankenhaus.
Was? Na, wir werden sehen!“ Wutentbrannt drückte
„Mann, kommen Sie zu sich.“ Der junge Doktor be-
Lasser einen Knopf unterhalb des Bildschirmes.
trachtete sein blutgetränktes Taschentuch. „Was ist mit
„Auskunft.“
Ihnen los? Fühlen Sie sich nicht wohl?“
Ein gutmütig aussehender Mann blickte fragend auf
„Sie haben mich geschlagen.“
den wütenden Arzt. „Was kann ich für Sie tun?“
„Ich habe Sie geohrfeigt. Sie haben. mit sich selber „Ich möchte Comain aufsuchen. Wie muß ich das
gesprochen, und ich habe nur versucht, Sie wieder zu anstellen?“
sich zu bringen. Was war denn mit Ihnen los, Curt?“
„Wissen Sie das nicht?“ Der Mann lächelte. „In der
„Ich weiß es nicht.“ Plötzlich war all sein Zorn ver- Stadt gibt es öffentliche Zellen. Suchen Sie sich eine,
raucht. „Es tut mir leid, Carter, Sie haben mich er- beachten Sie die Vorschriften und stellen Sie Ihre Fra-
schreckt. Ich dachte an einen alten Freund.“ ge.“
„Comain?“ „Vielen Dank.“ Lasser schaltete das Gerät aus und
„Ja.“ ging zur Tür.
„Ich habe es mir gedacht. Sie haben seinen Namen Carter vertrat ihm den Weg. „Sind Sie verrückt,
ausgesprochen, zweimal. Da habe ich Sie geohrfeigt.“ Lasser?“
Carter starrte verwundert auf seine Hand. „Sagen Sie „Warum? Wenn die Maschine mir sagt, daß ich in
einmal, wie oft haben Sie mich eigentlich getroffen?“ einem Krankenhaus arbeiten soll, dann kann sie mir
„Ich weiß es nicht? Warum?“ „Ich dachte, daß ich sehr auch sagen, wie ich das umgehen kann. Ich gehe auf
fix wäre, aber Sie haben sich schneller bewegt, als ich jeden Fall, mir die Antwort anzuhören.“
es jemals bei einem Menschen gesehen habe.“ „Und wenn sie Sie dazu anhält, den Helm aufzuset-
Müde ließ sich Curt in einen Stuhl fallen und starrte zen?“ Carter nickte, als er plötzlich das Verstehen in
zu Boden. Er fühlte sich krank, physisch krank, und den Augen des alten Mannes aufleuchten sah. „Genau
gleichzeitig fühlte er eine noch unbekannte Kraft in das. Wir haben eine ganze Menge angestellt, um Curt
21 TERRA

geheimzuhalten. Wollen Sie das alles wieder zunichte ist, die Dinge hier so durcheinanderzubringen, daß sie
machen?“ froh sein werden, uns wieder los zu sein. Jeder Ver-
„Nein.“ Müde ließ der alte Mann sich in einen Stuhl such einer Rebellion oder einer Zerstörung wird uns
fallen. „Was sollen wir tun, Carter? Wie sollen wir die Metamänner auf den Hals bringen. Und Sie wis-
die Macht, die Comain auf diesem Planeten hat, bre- sen, was das bedeutet.“
chen?“ Bei dem Geräusch schwerer Schritte außerhalb der
„Das weiß ich nicht. Aber ich weiß, daß Curt unsere Tür fuhr Curt herum, und die fünf Männer warteten
einzige Hoffnung ist. Er ist der einzige, der uns helfen darauf, daß die Tür aufgehen würde.
kann.“ Etwas betrat den Raum.
„Bevor ich das tun kann, muß ich noch viel ler- Es war ein metallenes Etwas, etwa drei Meter hoch,
nen“, sagte Curt, durchschritt das Zimmer und schaute mit einem konischen Kopf. Es bewegte sich mit me-
zum Fenster hinaus. „Sie vergessen, daß ich von die- chanischer Präzision. Es blieb stehen. Aus seinen
ser Welt so gut wie nichts weiß. Wovon soll ich le- eingebauten beiden Linsen flackerte ein dunkelrotes
ben? Wie soll ich mich nennen? Was soll ich antwor- Licht.
ten, wenn mich jemand nach meiner Registriernum- „Dr. Lasser?“ Die Stimme war kalt.
mer fragt? Wenn ich Ihnen zu etwas nütze sein soll,
„Ja?“ Lasser schritt vor.
muß ich alle diese Dinge wissen.“
„Befehl von Comain.“ Das Etwas hob seinen künst-
„Er hat recht, Lasser.“ Carter betrachtete den alten
lichen Arm und hielt ihm ein paar Blätter entgegen.
Mann. „Es ist Zeit, daß wir uns einen Plan ausarbei-
„Nehmen Sie.“
ten. Zunächst müssen wir Curt eine Nummer geben.“
Er betrachtete die auf seinem Handgelenk tätowierte Lasser nahm die Papiere aus der metallenen Hand.
Nummer. „Ich halte es für vernünftig, ihm eine von Das Ding stampfte aus dem Raum.
unseren Nummern zu geben. Es wäre eine Art Alibi.“ „Was war das?“ Curt wischte sich den Schweiß von
„Das ist richtig.“ Wendis nickte und streckte seinen Gesicht und Händen.
Arm vor. „Er kann meine haben.“ „Das war ein Metamann“, sagte Lasser grimmig.
„Das wäre also erledigt. Ich werde die Nummer mit „Die Matriarchin hat ihn uns wahrscheinlich ge-
einer haltbaren Tinte kopieren. Er kann sie, wenn nö- schickt, um uns daran zu erinnern, daß wir die Vor-
tig, mit einer chemischen Flüssigkeit wieder entfer- aussage von Comain einhalten müssen.“
nen. Und nun zu den wichtigen Dingen!“ Carter be- „Diese Dinger“, flüsterte Curt krank, „sind das
trachtete den schweigenden jungen Mann am Fenster. Menschen?“
„Jetzt werden Sie wahrscheinlich wissen, daß Comain „Die Gehirne von Menschen in mechanischen Kör-
diesen Planeten regiert. Sie müssen immer aufpassen, pern. Meistens sind es solche, die bei einem Unfall
daß Sie nicht registriert werden, dürfen auf keinen Fall starben oder solche, die, um den unausbleiblichen Tod
einen Helm aufsetzen und sich auch dazu von keinem zu umgehen, lieber ein unsterbliches, robotähnliches
überreden lassen.“ Leben führen wollen. Das ist die Leibwache von Co-
„Ich verstehe.“ Curt wandte sich vom Fenster ab. main, die Diener der Matriarchin, gefühllos und un-
„Wovon soll ich leben?“ fragte er. empfindlich. Perfekte Diener und Polizei zugleich.
Diese Metamänner sind gefährlich und können einen
„Ich weiß es nicht“, gab Lasser düster zu. „Ich hatte
Menschen zu Tode jagen.“
gehofft, daß wir Ihnen jeder einen Teil unseres Gehal-
tes geben könnten, aber wenn wir getrennt werden, ist „Ich verstehe“, sagte Curt und sah gedankenverlo-
das nicht möglich. Sie können natürlich einen Job be- ren zum Fenster hinaus.
kommen, aber das wird nicht so leicht sein.“ Es war Nacht, und die Stadt von Comain war von
„Wie steht es mit dem Spielen?“ Curt grinste. „Ich zehntausend Lichtern erhellt. Autos fuhren die breiten
hatte darin immer ziemlich großes Glück.“ Straßen entlang, und müßige Menschen schlenderten
zwischen den hohen Gebäuden, um den Feierabend zu
„Glücksspiele sind legal. Jede Stadt hat seinen Ver-
genießen.
gnügungspalast mit einem Casino. Aber woher sollen
wir das Geld für den Einsatz bekommen?“ Während Curt sich in dem Strom treiben ließ,
schlug sein Puls schneller.
„Wir können ihm etwas geben von dem, was wir
aus dem Verkauf unserer persönlichen Dinge erhalten Er trug einen grauen Gebrauchsanzug, der aus lan-
werden“, rief Wendis. „Was ich wissen will, ist, was gen, breiten Hosen und einer Bluse mit einem hohen
wir danach tun sollen. Wie können wir Comain ka- Kragen bestand. In seinen Taschen hatte er den Erlös
puttmachen?“ aus dem Verkauf aller persönlichen Besitztümer der
Marsianer. Curt hatte sich mit Wendis daran gemacht,
„Wir werden Comain nicht zerstören.“ Lasser be-
das riesige Gebiet der Hauptstadt zu erkunden.
trachtete den jungen Mann. „Wir werden die Matri-
archin zwingen, uns einen unabhängigen Mars zu ga- „Haben Sie schon etwas vor, Curt?“
rantieren. Die einzige Möglichkeit, das zu erreichen, „Vielleicht.“
Die zweite Macht 22

Vor einem terrassenartigen Gebäude blieb er stehen. „Acht.“ Der Croupier gab ihm die Würfel zurück.
Durch die breiten Doppeltüren wogte eine bunte Men- „Die Acht gilt.“
schenmenge. Sanfte Musik war zu hören. „Hier ist sie.“ Curt rollte und warf.
„Na?“ Wendis deutete mit dem Kopf auf die großen „Nein. Versuchen Sie es noch einmal.“ Die Würfel
Flügeltüren. „Gehn wir hinein?“ hüpften und lagen still.
„Ist das das Casino?“ „Sieben. Verloren.“
“Ja.“ Curt zuckte mit den Schultern und nahm die Würfel
in Empfang. Er hatte nicht erwartet, daß er gewinnen
Vor ihnen breitete sich eine große Halle aus, de-
würde, zumindest nicht anfangs, und er wartete gedul-
ren glatte, von innen erleuchteten Wände ein warmes
dig, bis die Würfel die Runde um den Tisch gemacht
Licht ausstrahlten. Zu beiden Seiten führte eine Fülle
hatten und zu ihm zurückkehrten.
von Treppen und Passagen in die verschiedenen Teile
des Gebäudes. Rechts und links war je eine Reihe von „Zehn Chips. In Ordnung?“
Zellen, die Telefonzellen ähnelten. Ein ständiger Men- „Sie sind gedeckt.“ Curt nickte und warf die Wür-
schenstrom kam und ging zu ihnen. Curt nahm Wendis fel.
am Arm und deutete mit dem Kopf zu diesen Zellen. „Sieben! Gewonnen!“
„Was ist das?“ „Noch einmal.“
„öffentliche Befragungszellen. Diese Narren wollen „Wieder sieben!“
im voraus wissen, ob sie sich heute amüsieren werden „Noch einmal.“ Curt leckte sich über die Lippen
oder nicht. Wenn die Voraussage einen hohen Prozent- und fühlte die ihm vertraute Spannung eines Spielers,
satz angibt, bleiben sie, wenn nicht, gehen sie wieder der eine glückliche Strähne hat. Langsam warf er die
und versuchen etwas anderes. Kommen Sie, wir wol- Würfel über den ganzen Tisch, bis sie an der Kante
len einmal sehen, ob Sie immer noch Glück haben.“ anstießen und ein Stück zurückrollten.
„Wieder die Sieben!“ Der Croupier sah den jungen
Die Spielsäle nahmen eine ganze Etage für sich
Mann an. „Noch einmal?“
ein. Curt überschaute den hellerleuchteten riesigen
Raum und versuchte, die verschiedenen Maschinen „Warum nicht? Noch einmal.“ Um sich herum
und Glücksspiele zu erkennen. konnte er die Stille und die Spannung der zusehenden
Menschen fühlen. Drei Gewinne hintereinander waren
„Was wollen Sie zuerst versuchen? Das Würfel-
zwar nicht ungewöhnlich, aber dennoch ungewöhnlich
spiel?“
genug, um Interesse zu erwecken, und Curt lächelte,
„Ich weiß es noch nicht. Ich werde mich erst einmal während er die Würfel auf seinen Handflächen spür-
umsehen.“ te. Er konzentrierte sich darauf, eine Sieben zu werfen
„Machen Sie sich’s bequem“, sagte Wendis. „Ich und ließ die Würfel rollen.
besorge mir einen Drink.“ Er gewann wieder und ließ den Haufen Geld ste-
Eine Maschine, die wie ein Spielautomat aussah, hen. Er konnte nun einhundertsechzig Chips gewin-
stand dicht neben ihm, und Curt studierte den erleuch- nen, wenn er wieder gewinnen würde...
teten farbigen Kasten. Ein schmaler Schlitz am oberen Und er gewann.
Ende der Maschine ließ eine kleine Kugel heraus, und Und wieder.
man mußte wählen, in welchen der beiden Kanäle der Und wieder.
Ball fallen sollte. Die Maschine zahlte doppelt oder Die Würfel tanzten, drehten sich in dem strahlen-
nichts, und er wandte sich ab, um etwas zu finden, was den Licht, blieben stehen und zeigten die unvermeid-
ihm mehr zusagte. liche Sieben. Jedesmal, wenn er gewann, verdoppelte
An einem grünüberzogenen Spieltisch blieb er ste- er seinen Einsatz, und die gebannt zuschauende Men-
hen und lächelte beim Anblick der ihm vertrauten schenmenge um ihn herum wuchs.
Würfel. „Er kann nicht ständig gewinnen“, sagte eine Frau.
Das war etwas für ihn. „Ich wette tausend gegen diesen Wurf.“
Curt drängte sich nach vorn und holte Geld aus sei- „Welchen Einsatz?“
nen Taschen. Ein Mann schüttelte die Würfel, warf „5:1.“
sie und wandte sich ärgerlich ab. Curt nickte zu dem „Ich halte mit“, sagte der Mann und lachte, als er
Croupier, ließ mehrere Noten auf den Tisch fallen und wieder die gewinnende Sieben sah. „Wollen Sie noch
sah ihn fragend an. einmal wetten?“
„Geht das?“ „Er kann nicht ständig gewinnen!“ Die Stimme der
„Natürlich.“ Geschickt deckte der Mann den Ein- Frau klang verzweifelt. „Noch einmal tausend.“
satz und warf ihm die Würfel zu. Curt nahm sie auf, „Der gleiche Einsatz?“
fühlte über ihre glatten Oberflächen und rollte sie zwi- „Ja.“
schen seinen Händen. Abrupt warf er sie an das Ende Curt kniff die Lippen zusammen. Grimmig konzen-
des Tisches. trierte er sich auf die fallenden Würfel und dachte
23 TERRA

scharf an die Sieben. Sie hüpften, wurden langsamer, freiwillig zu verlieren, in der Hoffnung, daß man ihm
schienen zu zögern und blieben mit einem plötzlichen dann weniger Beachtung schenken würde.
Ruck auf dem grünen Tuch liegen. „Zehntausend auf Rot.“
„Das kann nicht möglich sein!“ Ungläubigkeit und Das Rad drehte sich. Die kleine Kugel hüpfte, und
Schrecken klangen aus ihrer Stimme. „Wieder eine der Croupier atmete erleichtert auf, als er auf die ge-
Sieben! Das ist doch nicht möglich!“ winnende Zahl schaute.
„Sie schulden mir tausend“, erinnerte sie der Mann
„Zero. Schwarz.“ Seine Hände zitterten ein wenig,
ruhig. „Wollen Sie noch einmal wetten?“
während er die Gewinne einstrich. „Bitte das Spiel zu
„Nein. Ich habe kein Geld mehr. Comain hat vor- machen.“
ausgesagt, daß ich heute nacht nicht verlieren würde.
„Zehntausend auf Rot.“ Curt lächelte, als er auf das
Nun habe ich aber verloren. Ich kann das nicht verste-
rotierende Rad sah, und er lächelte wieder, als er die
hen!“
enttäuschten Seufzer der Leute hörte. „Zehntausend
„Wollen Sie noch einmal werfen?“
auf Rot.“
Der Croupier starrte Curt an.
Er verlor wieder und wieder. Hinter sich hörte er
„Ja.“
die enttäuschte Stimme einer Frau, die den Spieltisch
„Sie haben das Limit dieses Tisches erreicht. Ich verließ. Ein Mann fluchte, als er sah, wie der Croupier
kann Ihren Einsatz nicht mehr decken.“ sein letztes Geld einstrich.
„Nicht?“ Curt zuckte mit den Schultern und steckte
„Die Strähne ist vorüber. Heute nacht kann er nicht
den großen Haufen Chips ein.
mehr gewinnen.“
Gleichgültig stand er auf und durchschritt den
„Ich werde Comain befragen. Er hat mir einen ange-
Raum. In einer Ecke des zweiten Raumes fand er das,
nehmen Abend vorausgesagt, und ich fühle mich hun-
was er gesucht hatte, blieb stehen und lächelte das ihm
deelend. Außerdem habe ich keinen Pfennig mehr.“
vertraute rote und schwarze Tuch eines altmodischen
Rouletts an. Curt grinste, während er die enttäuschten Kommen-
Beiläufig setzte er und verlor. Er setzte wieder, sah tare hörte. Der Croupier wurde wieder ruhiger, als er
zu, wie die kleine Kugel in das Fach fiel, und lächelte, sah, wie die Noten in die Bank zurückflössen.
als der Croupier sein Geld einstrich. Er setzte wieder, „Gewinnen Sie?“ Wendis lehnte sich über den Tisch
aber diesmal konzentrierte er sich auf die kleine Ku- zu Curt. „Haben Sie schon genug Geld gewonnen, um
gel, wie er es bei den Würfeln getan hatte. Er dachte sich zurückziehen zu können?“
an eine Farbe und konzentrierte seine Gedanken ganz „Nein.“
darauf. „Ich habe es mir gedacht. Die Maschine läßt Sie
„Zwanzig auf Schwarz.“ nicht gewinnen. Sie erlaubt Ihnen überhaupt nichts.“
Der Croupier strich die Einsätze ein, zahlte die Ge- „Sie hassen Comain, nicht wahr, Wendis?“ Curt be-
winne aus, und Curt betrachtete das kleine Häufchen trachtete das rotierende Rad. „Warum?“
Chips vor ihm. Seine Augen verengten sich, und er
„Da fragen Sie mich?“ Die Wut ließ den jungen
konzentrierte sich auf die hüpfende Kugel, die wieder
Mann sich zusammenreißen. Er straffte sich und sah
in ein schwarzes Fach fiel. Der Stoß Geld vor ihm wur-
Curt scharf an. „Glauben Sie, daß es mir Spaß macht,
de höher, und Curt merkte, wie die Spannung stieg.
von einer Ansammlung von Drähten und Spulen re-
Das war nicht die gewöhnliche Glückssträhne eines giert zu werden? Natürlich hasse ich Comain. Wer tut
Spielers. Schon früher hatte er immer Glück gehabt, das nicht? Doch nur diese kleinen Schweinchen, die
aber so viel wie heute noch nie. Er dachte an die Wür- zufrieden sind, in ihrer engen, sicheren Welt zu leben.
fel und daran, wie er sie mit seinem Willen gezwun- Ich bin nicht wie sie. Ich bin ein Mann, und ich möchte
gen hatte, die richtigen Zahlen anzuzeigen. Er dachte auch wie ein Mann leben.“
an die rollende Kugel des Rouletts und wie er verloren
„Sie wollen die Maschine in die Luft jagen, die Zi-
hatte, ehe er sich darauf konzentriert hatte. Und jetzt...
vilisation zerstören und die Erde wieder zur Anarchie
Es schien fast, als ob er die rollende Kugel in seiner
und zum Bürgerkrieg führen.“
Gewalt hätte.
„Warum nicht? Die Erde interessiert mich nicht.
Er gewann. Er gewann so lange, bis die Sache mo-
Mich interessiert nur der Mars.“
noton und der Haufen Chips vor ihm größer und grö-
ßer wurde. Er sah, wie der Croupier zu schwitzen be- „Würde Ihnen Geld genügen?“
gann. „Was?“ Wendis feuchtete seine Lippen an. „Wovon
Die Zuschauer mehrten sich. sprechen Sie?“
Sie folgten seinen Einsätzen. Sie warteten, bis er ge- „Wenn Sie Geld hätten, viel Geld, würde Ihnen das
setzt hatte, und setzten ihre ganzen Chips genau wie er. genügen? Könnten Sie davon ein Raumschiff kaufen
Während er gewann, gewannen auch sie. Die Gesich- und Ihren Nachschub sicherstellen? Wenn Sie reich
ter der Leute um den Roulettisch röteten sich vor Er- wären, würde Ihnen die Matriarchin dann erlauben,
regung. Ihre Gegenwart irritierte Curt, und er begann das Geld für eine Kolonie auf dem Mars auszugeben?“
Die zweite Macht 24

„Ich weiß es nicht“, sagte Wendis bedächtig. „Ich 7. Kapitel


habe niemals darüber nachgedacht. Ja, ich glaube, das
wäre möglich. Sie konnten uns nur zwingen, auf die Nyeeda saß an ihrem Schreibtisch.
Erde zurückzukehren, weil wir wegen des Nachschubs
von ihr abhängig waren. Wenn wir ihn uns selbst kau- Ein Videophon leuchtete auf.
fen könnten, würden wir niemals zurückkehren müs- „Ja?“
sen.“ „Bericht von der Trans-Europäischen Fluglinie,
„Na schön“, sagte Curt ruhig. „Ich werde Ihnen das Madam. Sie sagen, daß eines ihrer Verkehrsflugzeu-
Geld beschaffen, aber danach lassen Sie mich bitte ge- ge überfällig ist. Die Vorhersage für diesen Flug hatte
fälligst in Ruhe.“ drei Neunen hinter dem Komma.“
Abrupt warf er den ihm verbliebenen Rest auf den
„Dann wird das Flugzeug ankommen“, sagte Nyee-
Spieltisch. „Das Ganze auf Doppelzero.“
da gleichgültig. „Drei Neuner sind eine hohe Wahr-
„Jawohl, Sir.“ Der Croupier lächelte, während er scheinlichkeit. Dem Stratoliner kann nichts geschehen
das Rad drehte. Curt verengte seine Augen und starrte sein.“
auf die rollende Kugel. Seine Nerven waren zum Zer-
reißen gespannt. Seine Handflächen wurden feucht. „Wie Sie sagen, Madam.“ Die Frau auf dem Bild-
Die Kugel lief langsamer und hüpfte in das Fach. schirm zögerte. „Weitere Berichte. Drei unvorherge-
sehene Ereignisse im Stadtzentrum. Das Unfallkom-
„Doppelzero!“ Der Croupier starrte ungläubig auf
mando kam zu spät, um die Gehirne zu retten. Der Tod
das Roulett. „Sie haben gewonnen.“
war endgültig. Fünf weitere Fälle, in denen man sich
„Drehen Sie wieder.“ Seine Stimme war belegt, als
beklagt hat, daß Vorhersagen mit einem hohen Wahr-
er die Gewinnzahl bekanntgab.
scheinlichkeitsgrad nicht eingetreten sind. Eine Anfra-
„Doppelzero!“ ge von den Besitzern des Casinos nach einer Konsulta-
„Lassen Sie es stehen.“ Curt lächelte, während er tion mit Comain über den erlaubten Rahmen hinaus.“
Wendis betrachtete.
„Was?“ Nyeeda runzelte die Stirn. „Sonst noch et-
„Doppelzero!“ Die Stimme des Croupiers klang irr.
was?“
„Lassen Sie es stehen.“
„Doppelzero!“ „Soeben neue Nachricht von dem Stratoliner, Ma-
„Lassen Sie es stehen.“ dam. Wrackteile sind fünfzig Meilen von der Küste
Der Geldberg vor ihm wuchs an, bedeckte den Tisch entfernt gesichtet worden. Die Untersuchung ergab,
und fiel auf den Boden. Wendis starrte darauf, und sein daß sie von dem überfälligen Flugzeug stammen müs-
Atem ging schneller, während er zusah, wie der Crou- sen.“
pier mechanisch mehr und mehr Geld dazulegte. „Was?“ Nyeeda schluckte. „Ich werde mich darum
„Bitte das Spiel zu machen“, flüsterte der Croupier kümmern“, rief sie. „Informieren Sie mich über alle
krank. Neuigkeiten.“
„Lassen Sie es stehen.“ „Ja, Madam.“ Der Bildschirm zitterte und erlosch.
„Doppelzero!“ Der Croupier ließ die Geldharke fal- Einen Moment lang saß Nyeeda regungslos da.
len. „Wieder! Sie haben jedesmal gewonnen. Ich kann Dann stand sie auf. „Ich gehe zu Comain“, rief sie
das nicht verstehen.“ ihrer Sekretärin zu. „Dann werde ich die Matriarchin
„Drehen Sie Ihr Rad“, befahl Curt. aufsuchen. Berichten Sie mir alle wichtigen Ereignis-
„Ich kann nicht. Sie haben die Bank gesprengt. Wir se.“
haben kein Geld mehr.“
Die ältere Dame nickte.
„Was? Unmöglich! Dieser Tisch hat keine Bank. Es
gibt kein Limit.“ Wendis schaute den bleichen Crou- Ein Lift fuhr Nyeeda tief in das Herz des Gebäudes
pier an. hinunter. Ein Metamann vertrat ihr den Weg und ließ
„Drehen Sie das Rad!“ sie, nachdem sie das Kennwort gesagt hatte, passie-
„Hören Sie auf, Wendis.“ Curt betrachtete den ren. Der schmale Gang hörte auf, und sie überquerte
Riesenberg Geld. „Hier liegt genug Geld für Ihre einen großen Platz. Das Mädchen drückte sein Hand-
Zwecke.“ gelenk gegen eine Selenplatte, die in einem Schlitz na-
he der geschlossenen Tür untergebracht war. Die Ma-
„Für meine Zwecke? Wollen Sie damit sagen, daß
schinen fingen an zu summen, nachdem die Nummer
Sie das alles mir geben wollen?“
registriert wurde, elektronische Relais klickten, und
„Nicht alles.“ Curt stopfte sich etwas davon in seine
die Tür schob sich geräuschlos zur Seite. Sie führte
Taschen. „Sie können den Rest haben, Sie und die Ko-
in ein kleines Zimmer.
lonisten.“ Er sah den Croupier an. „Wieviel habe ich
gewonnen?“ In diesem Zimmer war Comain.
„Mehr als irgend jemand zuvor“, flüsterte der Crou- Ein Stuhl, ein niedriges Bett, ein leuchtendes Auge,
pier. „Das gesamte Geld in diesem Saal. Zwanzig Mil- eine Sprechmuschel, ein Mikrofon und ein Helm aus
lionen Chips!“ einem undefinierbaren Metall, das war Comain.
25 TERRA

Nyeeda saß auf dem Sessel und schaute in das „Dann sind also sie dafür verantwortlich.“ Die Wut
leuchtende Auge. Ein Schalter wurde von ihr herunter- färbte die weißen Wangen der Sekretärin. „Sie haben
gedrückt, und eine kalte, menschenunähnliche Stim- nichts als Ärger verursacht, aber das werden wir jetzt
me ertönte. abstellen. Ich werde dafür sorgen, daß sie alle erneut
„Ja?“ registriert werden. Das müßte Licht in diese Affäre
bringen.“ Langsam verließ sie die Zelle, und die Tür
„Nyeeda, Sekretärin der Matriarchin, autorisiert da-
schloß sich hinter ihr. Dann brachte sie der Lift wieder
zu, geheimste Fragen zu stellen.“ Während sie ihre
in das Obergeschoß.
Routineidentifizierung aussprach, entblößte sie ihr lin-
kes Handgelenk und hielt es gegen das Auge. Als sie ankam, wartete die Matriarchin schon auf
sie.
„Ja?“
„Na?“ Die alte Dame kniff die Lippen zusammen
„Ein Passagierflugzeug der Trans-Europäischen Li- und betrachtete ihre Sekretärin. „Hat dir Comain alle
nie ist abgestürzt. Der Flug hatte eine Voraussage mit Antworten gegeben?“
drei Stellen hinter dem Komma. Warum ist es abge- „Nein, Madam. Ich konnte nur erfahren, daß eine
stürzt?“ unbekannte Kraft am Werk ist, die alle Vorhersagen
„Ungenügende Daten. Setzen Sie den Helm auf.“ ungenau macht. Diese Kraft existiert seit der Landung
Gehorsam setzte Nyeeda den Mattenhelm auf ihr der Marskolonisten.“
langes, schwarzes Haar. Eine rote Lampe leuchtete „Das hätte ich dir selbst sagen können. Ich habe Co-
auf. Sie setzte den Helm wieder ab und wartete ge- main sofort befragt, nachdem ich erfahren hatte, was
duldig auf die Antwort. in der vergangenen Nacht im Casino geschehen war.“
„Der Unbekannte Faktor“, tönte es aus dem Laut- „Was sollen wir tun, Madam? Wenn uns Comain
sprecher. „Drei Neunen sind keine Gewißheit.“ nicht helfen kann...“ Nyeeda sah die alte Dame hilflos
an.
„Man ist ihr aber so nahe, daß kaum noch ein Un-
„Dann müssen wir uns selbst helfen. Ich habe den
terschied besteht. Das ist das erste Mal, daß so etwas
Croupier interviewt. Er hat die Person, die gewonnen
geschehen ist. Erkläre es.“
hat, beschrieben und diese Informationen selbstver-
„Der unbekannte Faktor.“ ständlich an Comain weitergegeben. Es ist ein Mann,
Nyeeda biß sich auf die Lippen. „Was ist mit den ein nicht registrierter Mann. Darüber kann es keinen
anderen Begebenheiten?“ Zweifel geben.“
„Drei unvorhergesehene Ereignisse deuten auf das „Unregistriert?“ Nyeeda sah sie erstaunt an. „Wie
Vorhandensein einer nicht registrierten Kraft. Solan- kann das möglich sein?“
ge keine vollständigen Angaben gemacht worden sind, „Warum fragst du mich? Du warst für die Landung
muß jede Vorhersage angezweifelt werden.“ verantwortlich. Dieser Mann ist offensichtlich vom
„Die Angaben sind vollständig“, rief das Mädchen. Mars gekommen.“
„Mit der Registrierung der Marskolonisten sind die In- „Nein, dieser Mann kann kein Kolonist gewesen
formationen jedes Mannes und jeder Frau auf diesem sein. Die Metamänner haben sie gezählt, registriert,
Planeten in den Speicherwerken. Wie kann es da eine und außerdem hätte Comain durch sie von dem Mann
nicht registrierte Macht geben?“ erfahren müssen.“
„Es ist aber so eine Macht vorhanden.“ „Das ist wahr.“ Die Matriarchin runzelte die Stirn,
während sie weitersprach. „Dennoch ist diese unbe-
„Bestimme die Zeit, wann diese unbekannte Kraft kannte Kraft ein Mann. Da Comain ihn nach der Be-
entdeckt wird.“ schreibung durch den Croupier nicht erkennen konnte,
„Eine paradoxe Frage. Da die Kraft unbekannt ist, müssen wir annehmen, daß er nicht registriert worden
ist es unmöglich, den Zeitpunkt ihrer Entdeckung zu ist. Aber wer er auch immer sein mag, es steht fest, daß
bestimmen.“ er gestern Nacht zwanzig Millionen gewonnen, drei
„Ich verstehe.“ Nyeeda sah in das rote Licht des unvorhergesehene Unfälle verursacht und uns mit den
leuchtenden Auges. „Was ist mit dem Casino?“ Marsianern noch mehr Ärger bereitet hat als vorher.“
„Der unbekannte Faktor.“ „Wieso?“
„Sie wollen ein Raumschiff, wollen Verpflegung
„Ist es dieselbe Kraft, die die drei unvorhergesehe-
und Ausrüstung kaufen. Sie wollen zurück auf den
nen Ereignisse verursacht hat und auch den Stratoliner
Mars.“
zu Bruch gehen ließ?“
„Warum sollten wir sie dann nicht gehen lassen?“
„Voraussage eines unbekannten Faktors mit einer
„Bist du verrückt, Nyeeda? Warum, denkst du denn,
Wahrscheinlichkeit von neun Neunen.“
haben wir sie auf die Erde zurückgeholt? Doch nur
„Kannst du einen Zeitpunkt angeben, seit wann die- deswegen, weil wir sie ganz unter unserer Kontrolle
se unbekannte Kraft aufgetreten ist?“ haben wollten. Wir haben sie gezwungen, zurückzu-
„Vor der Landung der Marskolonisten ist keine der- kommen, und sie kamen, weil sie wegen der Verpfle-
artige Kraft entdeckt worden.“ gung von uns abhängig waren. Nun haben sie Geld,
Die zweite Macht 26

viel Geld, und es sieht so aus, als ob sie noch mehr Er zuckte mit den Schultern und dachte nicht mehr
bekommen könnten. Verstehst du nun das Problem?“ darüber nach. Was er war und wieso er ungewöhnliche
„Verweigern Sie ihnen doch das Raumschiff. Sper- Kräfte besaß, war ein Problem, das er auch noch spä-
ren Sie ihnen die Ausreise.“ ter lösen konnte. Zunächst mußte er sich über seinen
nächsten Schritt klar werden.
„Damit würde ich nur Streit heraufbeschwören.“
Die alte Dame schüttelte den Kopf. „Wenn wir ein- Langsam erhob er sich und verließ den Park.
mal damit anfangen, Nyeeda, wissen wir nicht mehr, Fast wäre er an der Zelle, die wie ein Telefonhäus-
wo wir aufhören sollen. Nein. Ob Mann oder Frau, je- chen aussah, vorbeigegangen. Dann bemerkte er, daß
dem muß das Recht garantiert werden, das Geld nach es das war, wonach er Ausschau gehalten hatte. Er
seinem eigenen Gutdünken auszugeben. Dieses Recht trat ein, schloß die Tür hinter sich und fühlte eine ei-
dürfen wir nicht verletzen. Das einzige, was wir tun genartige Erregung in sich aufsteigen, während er den
können, ist, ihre Abreise zu verzögern. Unsere Haupt- schweren Helm, das rubinrot leuchtende Auge, den
aufgabe besteht jetzt darin, diesen nicht registrierten Sessel und das Armaturenbrett betrachtete.
Mann zu fassen.“ Comain!
„Ist er denn so ungeheuer wichtig?“ Nyeeda zuck- Nervös setzte er sich und drückte auf den Knopf.
te mit den Schultern, während sie die Reproduktion „Ja?“
seines Bildes betrachtete, das nach den Aussagen der „Ich bitte um Auskunft.“
Leute, die ihn gesehen hatten, angefertigt worden war.
„Er scheint sehr jung zu sein. Ist er denn so gefähr- „Ihr Name und die Registrierungsnummer?“
lich?“ „Wendis. Nummer...“ Er las sie laut ab und wurde
unterbrochen.
„Dieser Mann bedroht die Sicherheit unserer ge-
samten Zivilisation! Wir müssen diesen Mann bekom- „Halten Sie Ihr entblößtes Handgelenk gegen das
men, Nyeeda, und das so schnell wie möglich.“ Auge.“
„Die Metamänner?“ Nervös hielt er es gegen das rotleuchtende Auge.
»Sie sind alarmiert worden. Sein Steckbrief wird an „Ich möchte eine Auskunft. Welche Strafe steht auf
jeder öffentlichen Stelle ausgestellt. Für seine Verhaf- Nichtregistrieren?“
tung ist eine Belohnung von einer Million ausgesetzt.“ „Zehn Jahre Zwangsarbeit.“
Curt Rosslyn saß auf einer Parkbank und entspannte „Ich verstehe. Wie registriert man sich?“
sich in der sommerlichen Wärme. Gestern Nacht nach „Indem man den Helm aufsetzt.“
dem Spiel im Casino war er untergetaucht und stun- „Ist das alles?“
denlang durch die Straßen gewandert, bevor er diesen „Ja.“
Park gefunden hatte. Seither hatte er wenig geschlafen
Curt zitterte. Die kalten, unmenschlichen Worte
und viel nachgedacht.
aus dem Lautsprecher ließen ihn wünschen, niemals
Was war in ihm, daß er das Fallen von zwei Wür- die Zelle betreten zu haben. Einen Augenblick lang
feln oder der Roulettkugel in ein bestimmtes Abteil kämpfte er gegen den Wunsch an, aufzustehen und die
bestimmen konnte? Früher war ihm das nicht möglich Zelle auf schnellstem Wege wieder zu verlassen. Doch
gewesen, obwohl er wie die meisten Spieler bemerkt er blieb.
hatte, daß Konzentration ihm gewinnen half. Das war
„Wie ernährt man sich am besten in dieser Welt?“
aber mehr als das gewesen.
„Ungenügende Daten.“
Auf dem Pfad vor ihm hob sich ein grünes Blatt ge-
gen den weißen Beton ab. Er starrte es an und kon- „Was meinen Sie?“
zentrierte seine Gedanken darauf. Der kalte Schweiß „Ungenügende Daten.“
stand auf seiner Stirn. Das Blatt bewegte sich, stellte „Verdammt!“ Curt starrte in das forschende Auge.
sich schräg und flog plötzlich fort. Er erkannte, daß sogar einer Maschine, die fast jede
Telekinese! Frage beantworten konnte, Grenzen gesetzt waren. Es
war eben nur eine Maschine. Sie hatte keine Willens-
Curt hatte darüber gelesen und sich darüber gewun-
kraft und konnte nur Fragen beantworten, die man ihr
dert, daß solche paraphysikalischen Phänomene über-
stellte. Sie konnte keine Vorschläge machen und aus
haupt existierten. Nun hatte er selbst den Beweis da-
sich heraus eine Auskunft geben.
für erbracht. Die einzige logische Erklärung für die
geschehenen Dinge war, daß er die Bewegungen der „Ich bin fremd in dieser Stadt“, sagte Curt langsam.
Würfel, der Kugel, des Rades und des Blattes mit sei- „Was soll ich am besten unternehmen?“
ner Geisteskraft beeinflußt hatte. Er hatte sie mit sei- „Setzen Sie den Helm auf.“
nem Willen dazu gezwungen, sich zu bewegen. Ir- „Was?“ Curt schüttelte den Kopf. „Das kann ich
gendwie hatte irgend etwas ihn von einem normalen nicht.“
Menschen verwandelt in ein . . . Schweigen, während die Maschine auf seine neue
In was? Frage wartete.
27 TERRA

„Sage meine zukünftigen Handlungen voraus. Was Das Bild löste sich in ein Farbenspiel auf und zeig-
soll ich morgen tun?“ te dann statt der ruhigen Züge dieser Frau ein anderes
„Nichts.“ Bild.
„Warum nicht?“ Curt starrte es an. Das Blut hämmerte in seinen
Schläfen. Dort auf dem Schirm war in bemerkenswer-
„Die Vorhersage richtet sich nach den Handlungen.
ter Deutlichkeit sein eigenes Bild zu sehen. Er las die
Fünfundvierzig Prozent Wahrscheinlichkeit. Sie ver-
darunterstehenden Worte:
suchen, ein Raumschiff zu kaufen.“
„Eine Million Belohnung für die Verhaftung dieses
„Was?“ Curt ließ fast den Knopf los, dann begann
Mannes!“
er zu verstehen und ließ sich in den Stuhl sinken. Die
Vorhersage war richtig — für Wendis. Diese Maschi- Benommen stand er auf und schritt auf den Aus-
ne hatte ihn für den Asteroidenmetallsucher gehalten. gang zu, jeden Moment gewärtig, gestellt zu werden.
Genau das würde dieser junge Mann jetzt versuchen. Während er zur Tür kam, lächelte ihn eine Dame an,
und panischer Schrecken stieg in ihm hoch.
Müde verließ er die Zelle und lief die Straße hinun-
ter. Er hatte Hunger und sah sich nach einem Restau- „Ihre Rechnung, Sir.“
rant um. Er würde essen, dann einen Polizisten suchen „Ja, natürlich.“ Er drückte ihr ein paar Banknoten in
und sich ergeben. Die Maschine konnte ihm nicht hel- die Hand und schritt schnell weiter. Als er drei Schrit-
fen. Er wollte nicht wie ein Ausgestoßener durch die te von der Tür weg war, hörte er ihren verwunderten
Stadt irren. Nicht einmal seine Fähigkeit, zu gewin- Ausruf.
nen, würde den vollständigen Mangel an Gesellschaft „Dieser Mann! Halten Sie diesen Mann!“
und Verständnis ausgleichen können. Was dann folgte, war eine Woge der Erregung.
Geld würde er immer gewinnen können. Ein Mann sprang auf ihn zu und stürzte mit zer-
Die helle Lichtreklame eines Restaurants zog seine schmettertem Mund zurück. Ein anderer stellte ihm
Aufmerksamkeit an. Er ging hinein, ließ sich in einen das Bein und schrie schmerzlich auf, als Curt ihm da-
Stuhl fallen und betrachtete verständnislos eine Rei- gegen trat. Dann war er bei der Tür, stieß sie mit dem
he Knöpfe zu seiner Rechten. Er drückte auf einige Fuß auf und raste aus dem Restaurant.
von ihnen und wartete gespannt darauf, was gesche- Menschen starrten ihn an. Eine Frau schrie einen
hen würde. Summend begann eine Maschine zu arbei- Warnungsruf. Aus einer Nische trat etwas Großes
ten. Ein Brett glitt zur Seite, und vor ihm erschien ein und Metallisches mit zusammengefügten Armen und
Tisch mit dampfenden Gerichten. Er hob das Tablett schweren metallischen Füßen hervor. Curt bremste
und lächelte, als er darin die Modernisierung einer al- scharf ab, sah der entgegenkommenden Figur des Me-
ten Idee erkannte. tamannes wild entgegen und rannte nach der anderen
Er hatte ein Selbstbedienungsrestaurant erwischt. Seite.
Die Mahlzeit erwärmte ihn und beseitigte teilwei- Ein bläulicher Feuerstrahl zischte durch die Luft,
se die kalte Furcht, die sich seiner bemächtigt hatte. dorthin, wo er noch vor einer Sekunde gestanden hatte.
Entspannt betrachtete er das überfüllte Restaurant. Ein zweiter blauer Strahl verpaßte ihn um Haaresbrei-
Auf einer Wand war ein riesiger, farbiger Bild- te, und Curt fühlte, wie seine Beine gefühllos wurden.
schirm, von dem soeben eine Frau herunterblickte. Verzweifelt rannte er zwischen ein paar Frauen hin-
Sie hatte langes, schwarzes Haar. Ihre dunklen Augen durch, raste um eine Ecke und rannte in Richtung des
wurden von starken Augenbrauen umsäumt. Sie trug ihm bekannten kleinen Parks.
ein Kleid aus einem schimmernden, schwarzen Mate- Er hatte keine Chance, und er wußte es. Sie mußten
rial. Curt betrachtete sie und, von ihrer Schönheit ge- ihn in wenigen Stunden fangen. Aber sein Instinkt ließ
fangengenommen, entging ihm die plötzliche Ruhe im ihn weiterrennen und zwang ihn dazu, dem robotähn-
Restaurant. lichen Ding, das ihn verfolgte, zu entkommen. Wieder
„Eine wichtige Durchsage von der Matriarchin“, ließ ein blauer Strahl sein Blut gefrieren, verlangsamte
sagte die Frau. „Es wurde heute festgestellt, daß ein seine Reflexe und paralysierte ihn. Der Schmerz droh-
Feind des Staates frei umherläuft. Dieser Mann ge- te ihn zu überwältigen, während er seine ganze Kraft
fährdet die Sicherheit jedes einzelnen von uns. Die aufbot, sich auf den Beinen zu halten.
Matriarchin hält ihn für so wichtig, daß sie für Infor- Mit einem schrillen Aufheulen seiner Turbine raste
mationen, die zu seiner Verhaftung führen, eine Be- ein Wagen an ihm vorbei. Der Fahrer starrte ihn an
lohnung von einer Million zahlen wird. Denken Sie und brachte den Wagen mit kreischenden Rädern zum
daran, es ist von lebensnotwendiger Wichtigkeit, daß Stehen. Ein Mann stürzte heraus. Ein metallisch fun-
dieser Mann, so schnell wie irgend möglich, verhaftet kelnder Gegenstand lag in seiner Hand.
wird. Sein Steckbrief wird so lange auf jedem öffent-
„Hier lang, Curt! Springen Sie in den Wagen.“
lichen Bildschirm gezeigt werden, bis die Matriarchin
es nicht mehr für notwendig erachtet. Ende der Durch- „Wendis!“
sage.“ „Curt, machen Sie, was ich sage.“
Die zweite Macht 28

Curt fluchte und stürzte auf die offene Tür des Tur- Sie und alle anderen Kolonisten Schwierigkeiten. Das
binenwagens zu. Hinter sich hörte er Wendis fluchen, aber will ich nicht.“ Er lächelte humorlos. „Sie wis-
der ununterbrochen schoß. sen, wie es ist, Curt“, sagte Lasser. „Die Dinge stehen
Dann traf ihn der blaue Feuerstrahl, und er fiel in schlecht genug für uns. Wenn man Sie hier findet...“
einen bodenlosen dunklen Abgrund. Er schluckte und sah beschämt zu Boden.
Schmerzen und das Stöhnen schwer arbeitender Curt zuckte mit den Schultern und wandte sich ab.
Männer, Schmerzen und das dumpfe Gefühl schwe- Er haßte den alten Arzt nicht. Aber er fühlte sich jetzt
rer Schläge, Schmerzen und der schreiende Protest ge- mehr denn je als Ausgestoßener und Fremder.
fühlloser Nerven und Muskeln, die wärmer wurden
Die Tür wurde aufgerissen, und ein Mann taumelte
und den qualvollen Weg ins Bewußtsein zurückgin-
herein.
gen. Curt stöhnte.
Aus weiter Ferne hörte er eine bekannte Stimme. „Lasser, sie haben Carter und Menson erwischt!“
„Ruhig, Curt, es wird Ihnen weh tun.“ „Wendis!“ Der alte Arzt griff ihn und sah ihm in die
Die Schmerzen zerrten an seinem Gehirn und gin- Augen. „Was ist geschehen?“
gen durch das Mark seiner Knochen. Es war die Hölle. „Wir waren zu den Docks in der Absicht herunter-
Lasser sah ihn mit seinen eingefallenen Augen an. gegangen, ein Raumschiff zu kaufen, und plötzlich sa-
„Reißen Sie sich zusammen, Curt. Es wird Ihnen jetzt hen wir uns von Metamännern umringt. Ich konnte
wieder besser gehen.“ entkommen, indem ich zwei von ihnen die forschen-
„Was ist denn geschehen?“ den Augen zerstörte und zum Wagen rannte.“ Er rang
„Der Metamann hat Sie mit seinem Para-Strahl ge- nach Luft und sah sich im Zimmer um. „Wo ist Curt?
troffen. Wendis hatte Glück. Er brachte es fertig, des- Wir müssen ihn von hier fortbringen.“
sen forschende Augen zu zerstören und entkam der „Warum?“ Curt, der hinter der Tür gestanden hat-
Menge. Wenn ich nicht zufällig hiergewesen wäre, als te, schlug sie zu und sah dem jungen Metallsucher ins
Wendis Sie brachte, wären Sie jetzt schon tot.“ Gesicht. „Was ist geschehen?“
„Man wollte mich also töten.“ Curt schauderte. „Nachdem ich Sie hierher zurückgebracht hatte, ha-
„Warum? Was habe ich getan?“ be ich die anderen gesucht und bin mit ihnen zu den
„Ist das nicht offensichtlich? Sie haben die Voraus- Raumschiffen gegangen. Ich dachte, daß es am besten
sagen von Comain durcheinandergebracht. Das allein wäre, so schnell wie möglich ein Raumschiff zu kau-
schon würde genügen, daß die Matriarchin Sie zum fen. Als wir dort ankamen, gingen die Metamänner auf
Tode verurteilen würde. Aber Sie haben mehr getan.“ uns los. Ich weiß nicht, warum, aber sie haben Carter
„Ja?“ und Menson geschnappt, und Sie wissen, was das be-
„Da Sie das ganze Geld gewonnen haben, haben Sie deutet.“
uns unabhängig gemacht. Nun müssen wir nicht mehr „Sie werden vor Comain gebracht, und die Matri-
auf dem Mount Everest arbeiten. Wir können alle zu- archin wird alles über mich wissen.“ Curt zuckte mit
sammenbleiben und sind deswegen für die Regierung den Schultern. „Na und?“
eine ständige Gefahrenquelle.“
„Meinen Sie das im Ernst?“ Wendis sah ihn ver-
„Ist das nicht genau das, was Sie erreichen woll-
wundert an. „Das wollen wir doch gerade vermeiden.
ten?“
Wir müssen versuchen, Sie mit allen Mitteln zu ver-
„Vielleicht.“ Lasser sagte gedankenvoll zum Fen- bergen, bis Sie die Gelegenheit haben, Comain zu zer-
ster hinaus: „Ich gebe zu, daß ich etwas Derartiges stören.“
vorgehabt habe, aber das spielt jetzt keine Rolle. Sie
wissen von Ihnen. Sie wissen, wie Sie aussehen, und „Sie kommen zu spät, Wendis“, sagte Curt ruhig.
ich möchte wetten, daß Sie auch wissen, wie Sie hier- „Ich habe soeben erfahren, daß ich nicht mehr er-
hergekommen sind. Sie sind gefährlich, bekannt und wünscht bin. Ich weiß jetzt, was ich tun muß. Lassen
verdächtig. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann Sie Sie mich hier ’raus, bevor irgend jemand Schaden er-
gefangen werden.“ leidet. Das ist nicht meine Absicht.“ Er schritt zur Tür.
„Ich verstehe.“ Curt gab sich keine Mühe, seine Bit- „Nein!“ Wendis zog ihn in das Zimmer zurück.
terkeit zu verbergen. „Mit anderen Worten, ich habe „verdammt noch mal, Lasser, wir können ihn doch
meine Schuldigkeit getan.“ Er erhob sich. „Ich verste- nicht so hinausschicken, wir sind ihm sehr verpflich-
he Ihren Wink, Lasser. Ich nehme an, daß ich Ihnen für tet. Es ist unser eigener Fehler, daß die Metamänner
die Rettung meines Lebens dankbar sein muß. Aber hinter ihm her sind. Was für Menschen sind wir denn?
zwanzig Millionen können verdammt hohe Schulden Was ist es denn schon, wenn die Robots wirklich kom-
decken. Kann ich sagen, daß wir quitt sind?“ men? Was heißt es denn schon, wenn das ganze ver-
„Wovon sprechen Sie?“ dammte Matriarchat kommt? Wir sind doch Kämpfer,
„Sie wollen mich nicht mehr, nicht wahr? Sie haben nicht wahr? Na schön, dann kämpfen wir eben!“
gesagt, daß ich gefährlich sei. Wenn Sie dabei erwi- „Sind Sie wahnsinnig, Wendis? Welche Chance hät-
scht werden, daß Sie mich verstecken, bedeutet das für ten wir denn?“ Auf Lassers Zügen stand der Schweiß.
29 TERRA

„Wir haben eine ganze Menge Chancen.“ Der junge Wendis zögerte und sah auf die dargereichte Pisto-
Asteroiden-Metallsucher kniff die Lippen zusammen. le. Seine Augen waren voll Bitterkeit, als er langsam
„Curt ist nicht das einzige, was wir vom Mars hierher- danach griff.
geschmuggelt haben. Ich habe auch ein paar Superge- „Ich glaube, Sie machen einen Fehler“, sagte er.
schwindigkeitspistolen mitgebracht. Sie töten die Me- „Ich...“ Er unterbrach sich. Sein Kopf drehte sich et-
tamänner zwar nicht, aber die Kugeln können ihre for- was, während er auf die Geräusche lauschte, die von
schenden Augen zerstören.“ draußen hereindrangen.
Er holte eine glitzernde Pistole aus seiner Bluse und Der schwere Schritt metallischer Füße und der
warf sie Curt zu. Schrei einer Frau vor wahnsinniger Angst.
„Nehmen Sie sie. Sie hat fünfzig Kugeln. Jede von Einen Moment lang standen sie schreckerstarrt.
ihnen tötet durch Ihren hydrostatischen Schock einen Dann sprang Lasser an die Tür. Seine Züge verzerrten
Menschen, ganz egal, wo Sie treffen. Wenn die Me- sich.
tamänner kommen, zielen Sie auf die Augen.“ Er sah
den alten Mann an. „Wollen Sie auch eine, Lasser?“ „Nein“, keuchte er. „Nein!“
„Nein.“ „Lasser!“ Wendis versuchte ihn zu halten, aber sei-
ne Finger rutschten an der Bluse ab. Dann hatte der
„Warum nicht? Haben Sie Angst?“
alte Arzt die Tür aufgerissen und rannte den Gang hin-
„Wir kommen nicht auf den Mars zurück, wenn wir
unter.
Menschen töten. Kämpfen wird uns nur Ärger und
Sorgen bringen. Ich denke an die anderen, Wendis, „Halt!“ Seine dünne Stimme erstickte vor Erregung.
die anderen fünfhundertsiebzig Menschen, die sich auf „Halt, sage ich. Rosslyn ist...“ Seine Stimme erstarb,
uns verlassen, daß sie wieder nach Hause kommen. und um ihn flammte das blaue Licht eines Para-Strahls
Was Sie vorhaben, ist kriminell. Sie haben nicht das auf.
Recht, wegen einer fanatischen Laune alles aufs Spiel „Lasser.“ Wendis schluckte. Er sprang in das Zim-
zu setzen.“ mer zurück, als er sah, wie das blaue Feuer den ganzen
„Dann halten Sie es wohl für verrückt, zu einem Korridor ausfüllte. „Curt! Hilf mir!“ Verzweifelt zerrte
Freund zu halten?“ Wendis lachte verächtlich. „Sie er ein schmales Bett vor die Tür und baute mit Stüh-
werden alt, Lasser. Wenn wir uns jetzt nicht unserer len und anderen Gegenständen eine Barrikade. Curt
Haut wehren, sind wir verloren, wir alle. Die Matriar- half ihm, einen schweren Schreibtisch zu schieben.
chin wird mit uns machen, was sie will. Nein, Lasser. „Hier gehen die Para-Strahlen nicht durch“, keuchte
Ich habe Ihrer Logik zu lange Beachtung geschenkt. der junge Metallsucher. „Wir können hinter diesem
Wenn die Leute auf mich gehört hätten, wären wir Zeug Deckung nehmen und auf ihre Augen zielen.
heute noch auf dem Mars. Zum Teufel mit der Erde, Wahrscheinlich schießen sie auf alles Lebende, was
mit Comain und der ganzen verdammten Sache.“ ihnen in die Quere kommt. Sie müssen es verdammt
„Glauben Sie, daß wir nach Hause zurückkommen, auf Sie abgesehen haben, wenn sie so etwas tun.“
wenn wir ein paar Metamänner aufhalten?“ „Ich möchte mich ergeben.“ Curt schauderte. „Wir
„Vielleicht. Eines weiß ich: ich kann die Hände können sie doch nicht alle anderen töten lassen.“
nicht kampflos in den Schoß legen. Ich kann keinen „Sie werden nicht sterben“, sagte Wendis grimmig.
Freund verlassen, wenn er mich dringend braucht. Ob „Das Wiederbelebungskommando wird hinter ihnen
das richtig ist oder nicht, ich stehe zu Rosslyn, und stehen. Jetzt dürfen wir uns nicht ergeben. Es wird
wenn Sie nur halb der Mann wären, für den ich Sie langsam Zeit, daß wir ihnen einmal zeigen, was los
gehalten habe, würden Sie auch zu ihm stehen.“ ist. Vielleicht können wir ein paar von ihnen zum Teu-
„Sie Narr, Wendis. Denken Sie denn, daß ich das fel schicken, bevor sie uns erwischen.“ Er fluchte, und
gern tue?“ Lasser wischte sich den Schweiß von der die Pistole in seiner Hand feuerte los.
Stirn. „Aber was kann ich denn sonst tun? Sie wissen Gefühllos kauerte Curt hinter der ungenügenden
genau, daß wir nicht die leiseste Chance haben, ihn zu Deckung und wartete, daß die Metamänner heranka-
retten. Er weiß das auch selber. Wenn wir das Unmög- men. Riesige Figuren mit künstlichen Gliedern und
liche versuchen, werden wir alle eine Strafkompanie einem konisch zulaufenden Kopf waren es. Die Para-
werden. Was ist das Leben eines Mannes im Vergleich Strahlen schienen aus ihrer Brust zu kommen. Das ro-
zu Hunderten? Ich denke nicht an ihn, Wendis, weil te Licht ihrer Augen leuchtete wie höllisches Feuer.
ich an den Mars denke. Ich denke immer an den Mars, Unbewußt krampfte er seinen Finger um den Abzug
und ich werde alles tun, uns alle dorthin zurückzubrin- der Waffe, und die kleine Kugel riß ein Stück aus der
gen.“ Mauer. Dann spie sie die Patronen mit unvorstellbarer
„Er hat Recht, Wendis.“ Curt lächelte und hielt ihm Geschwindigkeit auf den metallischen Körper.
die Waffe hin. „Hier, nehmen Sie sie — und vielen Irgend etwas warf sich schwer gegen die Barrikade,
Dank.“ und die blaue Flamme eines Para-Strahls zuckte durch
„Meinen Sie das im Ernst?“ den ungenügenden Schutz. Wendis fauchte.
„Jawohl.“ „Die Augen, Curt! Ziele auf die Augen.“
Die zweite Macht 30

Ein Feuerstrahl schoß aus der kleinen Öffnung „Wir müssen hier ’raus“, keuchte Wendis. Er schau-
der Supergeschwindigkeitspistole; eine Serie Kugeln te zum Fenster hinaus, und seine Augen wurden
strebte auf das rote Licht in dem konischen Kopf zu. schmaler, als er den Sims sah, der die ganze Häu-
Weißglühender Dampf kam aus der transparenten Pla- serfront entlanglief. „Was hast du für Nerven, Curt?“
stik, und der rote Schein erstarb in einem blauweißen Er deutete auf den Sims. „Wenn wir auf diesem Sims
Strom elektronischer Energie. bis zur Ecke kriechen und dann an den Ornamenten
Abrupt hielt der Metamann in seinen Bewegungen aufs Dach hochklettern könnten, haben wir vielleicht
inne. Das blaue Feuer des Para-Strahls erlosch zu- noch eine Chance, zu entkommen. Glücklicherweise
sammen mit dem roten Auge. Die Arme fielen her- sind wir im Obergeschoß, und sie haben keine Chan-
unter, das Ding brach zusammen. Der riesige Körper ce mehr, ihr Gas anzuwenden, sobald wir im Freien
blockierte den Eingang. sind.“
Wieder spie die Pistole in seiner Hand den tödli- Curt schauderte, als er auf die tief unten liegende
chen Strom. Rotes Feuer zerbrach unter der elektro- Straße hinabsah.
nischen Energie. Durch das Krachen der metallenen „Los!“
Körper konnte Curt die fanatischen Flüche von Wen- Behende kroch Wendis zum Fenster hinaus und ließ
dis hören. „Na, wie schmeckt dir das, du verdamm- sich auf das Sims hinunter. Er taumelte eine Sekun-
ter Robot? Worauf wartest du? Komm her, ich schicke de lang, schaute mit schweißüberströmtem Gesicht zu
dich zur Hölle!“ Curt und begann Zentimeter für Zentimeter auf dem
In der plötzlichen Stille konnte Curt hören, wie die schmalen Betonstreifen zu balancieren. Curt folgte
schweren Tritte verstummten. Verwundert betrachtete ihm. Zentimeter für Zentimeter schob er sich vor-
er den jungen Metallsucher. wärts, den Körper eng an das Mauerwerk gepraßt, und
„Sind sie weg?“ kämpfte mit aller Kraft das Verlangen nieder, hinunter
„Ich weiß es nicht.“ Wendis biß sich auf die Lippen auf die Straße zu blicken.
und schaute vorsichtig über die Barrikade. „Sie geben Plötzlich stieß er auf Wendis.
unmöglich auf. Die Metamänner machen das niemals.
Der junge Mann hatte in der Mitte der Ecke haltge-
Wir haben nur vier von ihnen zum Stehen gebracht.“
macht, und Curt konnte den Schweiß auf seinem Ge-
Er schaute auf die riesigen Metallbrocken, die den
sicht sehen.
Eingang versperrten. „Du bleibst hier, Curt. Ich gehe
mal nachsehen.“ „Sei vorsichtig“, warnte Curt ängst- „Nun kommt der schlimme Teil.“ Der junge Mann
lich. „Vielleicht wollen sie uns nur eine Falle stellen.“ grinste breit. Der aufkommende Wind schien ihm die
Worte aus dem Mund zu reißen. „Ich gehe vor. Wenn
Wendis zuckte mit den Schultern und schritt zur
wir es fertigbringen, bis zu diesem überhängenden
Tür. „Das ist die einzige Möglichkeit, um es heraus-
Teil zu gelangen, darüberzukommen, dann das Gesims
zubekommen.“ Vorsichtig schritt er über eine bewe-
zu erreichen und uns auf das Dach zu ziehen, sind wir
gungslose Gestalt und blickte den Gang hinunter. „Es
sicher. Meinst du, du schaffst es?“
ist nichts zu sehen“, sagte er leise. „Ich...“ Der Knall
seiner Pistole kam gleichzeitig mit dem blauen Strahl. „Ich kann es versuchen. Beeile dich aber. Ich kann
„Wendis!“ Curt sprang zur Tür. „Bist du verletzt?“ das nicht zu lange aushalten.“
„Ja.“ Der Schmerz verzerrte die Züge des jun- Ungeduldig wartete Curt darauf, daß Wendis hoch-
gen Metallsuchers, als er seinen steifen Arm massier- kletterte und ihm Platz machte. Er hatte seine Wange
te. „Der Strahl hat mich gestreift.“ Er stöhnte, und an die Mauer gepreßt und blickte den Weg zurück, den
große Schweißtropfen standen auf seinem Gesicht. sie gekommen waren. Er zitterte. Seine Muskeln vi-
Curt empfand starkes Mitgefühl, während er ihm den brierten vor Angst, und das Herz in seiner Brust klopf-
tauben Arm massierte. te. Ob die Metamänner inzwischen in das Zimmer ein-
„Haben wir eine Chance, hier heraus zu kommen?“ gedrungen waren?
„Nein.“ Wendis stöhnte wieder, während er ver- Er schrie fast auf, als er den konischen Kopf des
suchte, seine Finger zu bewegen. „Sie haben an jedem Metamannes aus dem Fenster herausblicken sah. Starr
Ende des Korridors einen Metamann placiert. Sie hal- vor Schrecken, wartete Curt auf das blaue Feuer des
ten uns so lange hier im Schach, bis sie Verstärkung Para-Strahls, der seinen Körper erstarren und ihn drei-
bekommen.“ Er machte eine Pause, und seine Nasen- hundert Meter hinunterstürzen lassen würde.
flügel bebten, während er schnupperte. „Riechst du et- Aber es geschah nichts. Dann erkannte er die Wahr-
was?“ heit und atmete erleichtert auf. Sie wollten ihn lebend.
„Nein.“ Curt atmete tief. „Warum fragst du?“ Über sich hörte er plötzlich den peitschenden Klang
„Nichts, ich...“ Plötzlich explodierte draußen etwas der Supergeschwindigkeitspistole.
mit einem dumpfen Knall. „Gas! Halt die Luft an, Weißlicher Rauch kam aus dem konischen Kopf.
Curt. Sie wollen uns vergasen!“ Abrupt sackte der Metamann zusammen, und das Ge-
Durch die offene Tür drang ein dünner, weißlicher räusch zu Boden stürzenden Metalls drang aus dem
Nebel in das Zimmer. Zimmer.
31 TERRA

„Curt!“ Die Stimme Wendis’ war in dem aufkom- Der Tod war ihm ja schon ein alter Freund. Er grinste
menden Wind nur schwach zu hören. „Beeile dich, ehe humorlos, während er diesen Gedanken hatte.
ein anderer kommt.“ Irgend etwas fiel ihm ins Gesicht. Eine lange, dün-
Gehorsam tastete Curt nach oben und begann an der ne Leine aus Kleidung, die unsorgfältig und hastig
Ecke hochzuklettern. in verzweifelter Angst zusammengeknotet war. Sie
Über sich hörte er Wendis’ keuchenden Fluch. schwankte im Winde vor ihm hin und her. Er sah
„Curt! Ich schaffe es nicht. Ich komme nicht über sie eine Sekunde lang an, ehe er begriff, was es war.
den Überhang!“ Dann faßte er danach und signalisierte, indem er ein-
„Was ist los?“ Curt zwang sich dazu, nach oben zu mal kräftig daran zog.
blicken. „Fertig?“ Wendis Stimme war in dem pfeifenden
„Meine Arme sind zu kurz. Ich kann keinen Halt Wind schwach zu hören. „Halt dich daran fest, Curt.
finden. Curt, ich falle!“ In einer Minute bist du sicher und geborgen.“
„Halt dich fest!“ Grimmig kletterte er höher. „Ich Verbissen klammerte er sich an das eigenartige Seil,
werde unter dich gehen, mich gut festhalten, dann während der junge Mann am anderen Ende zu ziehen
kannst du deinen Fuß auf meinen Kopf stellen. Gehe begann. Langsam glitt das Gebäude an ihm vorbei.
so hoch, wie du kannst.“ Die Ornamente, der Überhang, das Sims. Curt atme-
te erleichtert auf, als er den Dachrand vor sich sah. Er
„Gut. Aber beeile dich, Curt. Beeile dich.“
mußte sogar grinsen, als er die fast nackte Gestalt des
Curt zuckte zusammen, als er die Verzweiflung in jungen Mannes gewahrte. Dann sah er etwas anderes,
der Stimme hörte. Er langte nach einem Halt und preß- und plötzlich war er wieder krank vor Furcht.
te sich eng an den Stein. „Jetzt. Stelle deinen Fuß auf
Eine riesige metallische Figur mit einem roten,
meinen Kopf. Ich drücke dich hoch, und du mußt ver-
flackernden Licht in dem konischen Kopf streckte sei-
suchen, einen Halt zu finden. Wenn ich rufe, bewegen
ne künstlichen Arme nach der schweißnassen Gestalt
wir uns gleichzeitig. Verstanden?“
des jungen Metallsuchers aus.
„Und wenn ich daneben greife? Dann stürzen wir
beide ab.“ Verzweifelt griff Curt an seine Hüfte und taste-
te nach dem Griff der Pistole. Er biß die Zähne zu-
„Wenn du fällst, stürzen wir sowieso beide ab. Also
sammen, um nicht einen Warnungsschrei auszustoßen.
fertig?“
Der Metamann kam immer näher an Wendis heran.
„Ja.“ Wenn er rief. Wenn Wendis sich umblicken und sehen
„Jetzt!“ würde, was hinter ihm war. Wenn dieses Ding jetzt sei-
Verzweifelt drückte er sich nach oben und versuch- nen Para-Strahl gebrauchen würde, während er noch
te den schrecklichen Druck gegen seinen Schädel zu hilflos am anderen Ende des Seiles dreihundert Meter
ignorieren. Mit wütender Entschlossenheit krallte er über dem Erdboden hing . . .
sich an das Ornament und versuchte den nach unten Curt schluckte und griff nach der Pistole.
und außen gehenden Druck des Fußes auszugleichen. Er berührte sie und fühlte das flache Metall des
Einen Moment lang schien es, als würden sie es nicht Griffes. Dann rutschten seine schweißigen Finger auf
schaffen. Einen Moment lang pfiff der Wind zwischen dem glatten Metall ab. Die Verzweiflung drohte ihn zu
Curt und dem Gebäude. Er konnte den keuchenden überwältigen, als die Waffe auf die Straße hinunter-
Atem des anderen hören. Dann hörte der Druck auf. stürzte.
Hart preßte er sein schweißnasses Gesicht gegen den
kalten Stein. Wendis drehte sich um und sah den Metamann.
„Geschafft.“ Wendis Worte klangen wie ein Gebet. Das Seil rutschte ihm aus der Hand, als das blaue
„Ist bei dir alles in Ordnung, Curt?“ Feuer des Para-Strahls ihn erstarren ließ.
„Ja. Und jetzt?“ Curt fiel dreihundert Meter auf die Straße hinunter.
„Ich klettere jetzt auf das Dach. Dort zieh’ ich mei- Er fiel an dem Sims vorbei über den Überhang.
ne Kleider aus, mache ein Seil und lasse es zu dir hin- Dann riß ihm irgend etwas das Seil aus den Händen.
unter. Kannst du dich noch ein paar Minuten halten?“ Das Seil straffte sich, und es war ihm, als würden seine
Arme aus den Schultern gerissen.
„Ich weiß es nicht.“ Curt spürte den salzigen Ge-
schmack des Blutes seiner aufgebissenen Lippen. Schnell wurde er auf das Dach hinaufgezogen. Er
„Beeile dich!“ stieg mit unglaublicher Geschwindigkeit, und bevor
Er wartete. Er wartete, während seine schmerzen- er dazu kam, sich ein Bild zu machen; was gesche-
den Muskeln schwächer wurden. Eine Art Gefühllo- hen war, fühlte er schon den festen Boden des Daches
sigkeit überkam ihn. Es wäre so einfach. Ein kurzer, unter seinen Füßen und sackte nach vorn zusammen.
scharfer Luftzug, ein schmerzloser Fall, ein plötzli- Etwas griff ihn fest um die Taille, hielt ihn im Fallen
cher Schock und dann ewige Ruhe. Es wäre auf je- auf und preßte ihn gegen etwas Hartes.
den Fall besser als diese wahnsinnige Angst und diese Benommen starrte er auf das glitzernde Metall und
rasenden Schmerzen seiner überanstrengten Muskeln. den künstlichen Arm des Metamannes.
Die zweite Macht 32

8. Kapitel „Seit seiner Verhaftung vor drei Tagen ist er be-


wußtlos.“ Nyeeda errötete etwas unter dem kritischen
Sarah Brown saß an ihrem Schreibtisch und schaute Blick der alten Dame. „Ich gebe zu, daß wir ihn wie-
düster auf den Kalender. Im Licht des frühen Morgens dererwecken hätten können, aber ich hielt es so für
sah sie abgemagert aus, mit dunklen Rändern unter besser. Wenn Sie meine Berichte gelesen haben, wis-
den Augen und Gram in ihren männlichen Zügen. Ein sen Sie, daß er und einer der Marsianer, ein Mann
farbiger Bildschirm flammte auf, und die alte Matriar- namens Wendis, im Kampfe vier unserer Metamän-
chin blickte teilnahmslos auf das Bild des Mädchens ner überwältigt haben. Auf ihrer Flucht versuchten sie
vom Empfang. von ihrem Zimmer auf das Dach des Gebäudes zu ge-
„Ihre Sekretärin ist hier, Madam. Darf sie eintre- langen. Rosslyn wäre, wenn der Metamann nicht das
ten?“ Seil ergriffen und seinen Fall aufgehalten hätte, zer-
schmettert worden. Dieses Ereignis hat ihn seelisch
“Ja.“
sehr erschüttert. Wenn Sie diese Dinge sowie die Tat-
“Vielen Dank, Madam.“ Der Bildschirm erlosch sache berücksichtigen, daß er in eine völlig fremde
wieder. Die Tür öffnete sich, und Nyeeda trat in das Umgebung gebracht wurde und den noch unbekannten
Büro. Auswirkungen der Strahlung im Weltenraum mehr als
Die Matriarchin sprach, ohne das junge Mädchen zwei Jahrhunderte ausgesetzt war, werden Sie verste-
anzusehen: „Ist wieder alles unter unserer Kontrolle?“ hen, warum ich beschloß, ihn bis jetzt unangetastet zu
„Ja, Madam. Alle Marsianer sind gefangengenom- lassen. Noch mehr Schocks würden sein Gehirn viel-
men und erneut von Comain registriert worden. Die leicht unwiederbringlich zerstören. Es tut uns ja nicht
unbekannte Kraft wurde gefunden. Jede Person in der weh, noch ein paar Stunden mit seiner Registrierung
Stadt und jede Person, die eventuell mit den Marsia- zu warten.“
nern Kontakt gehabt hat, hat den Helm aufsetzen müs- „Glauben Sie?“ Die Matriarchin blickte wieder auf
sen. Abgesehen von dem überzähligen Mann hat Co- den Kalender. „Für Sie machen ein paar Stunden viel-
main die Daten über jeden einzelnen. Sobald der letzte leicht nichts aus, aber für andere sind sie entscheidend.
registriert worden ist, werden die Dinge wieder ihren Warum war er nicht registriert?“
altgewohnten Lauf nehmen.“ „Ich sagte es Ihnen bereits! Er war bewußtlos. Was
„Sie meinen den normalen?“ hätte ich tun sollen? Ihn töten?“
„Ja, Madam.“ „Das wäre besser gewesen, als ihn eine ständige Be-
„Gut.“ Die alte Dame seufzte, und ihre Augen drohung unserer Sicherheit bleiben zu lassen.“
wandten sich ungewollt dem Kalender zu. „Haben Sie „Er kann jetzt keinen Schaden anrichten. Ein be-
schon etwas über diesen überzähligen Mann erfahren wußtloser Mann kann nicht registriert werden. Ich
können?“ werde ihn sofort, nachdem er aufgewacht ist, vor die
„Sein Name ist Rosslyn, Curt Rosslyn. Er wurde Maschine bringen. Sie haben nichts zu befürchten,
von zwei Asteroiden-Metallsuchern im Weltraum trei- Madam.“
bend entdeckt und auf der Marskolonie zum Leben „Nein?“ Die alte Dame blickte wieder auf den Ka-
wiedererweckt. Ihr Anführer, ein gewisser Dr. Lasser, lender, und einen Moment lang schien eine namenlose
kam auf die Idee, seine Gegenwart geheimzuhalten. Furcht aus ihren Augen zu sprechen. „Nyeeda, manch-
Obwohl er es nicht zugibt, glaube ich, daß er gehofft mal denke ich, Sie seien verrückt, manchmal denke ich
hat, daß dieser überzählige Mann die Voraussagen von wieder das Gegenteil. Sie sagen, daß ein paar Stunden
Comain so durcheinanderbringen würde, daß wir, um oder ein Tag niemanden schaden können. Sie Närrin!
dem Ärger hier ein Ende zu bereiten, einverstanden Sehen Sie auf das Datum, Mädchen. Sehen Sie es sich
gewesen wären, die Kolonisten wieder auf den Mars an.“
zurückgehen zu lassen.“ „Und?“ Nyeeda blickte verständnislos auf den Ka-
„Den Ärger hat er sich selbst bereitet“, sagte die lender. „Was ist damit los?“
Matriarchin grimmig. „Sonst noch etwas?“ „Für Sie hat es nichts zu sagen, nicht wahr? Nur
„Ja. Dieser Mann namens Rosslyn ist eine Sehens- ein Tag, wie viele von Tausenden, die Sie leben wer-
würdigkeit. Er lebte in der Tat noch vor dem Atom- den. Nur ein einfacher Tag. Schön, für Sie bedeutet es
krieg, ja, sogar noch vor Comain. Er war der erste Pi- vielleicht nichts, aber für mich.“ Die alte Dame un-
lot, der den Versuch unternahm, zum Mond zu fliegen. terbrach sich, und wieder leuchteten ihre sonst trüben
Sein Schiff wurde durch das Aufspringen der Hülle Augen vor innerer Erregung. „Für mich“, flüsterte sie,
leck. Die Kälte und der Mangel an Sauerstoff töteten „bedeutet er den Tod.“
ihn sofort. Dieser Mann weiß nichts über unsere heu- „Den Tod?“
tige Zivilisation.“ „Ja, Sie Närrin! Den Tod!“
„Wurde er registriert?“ „Aber...?“
„Noch nicht.“ „Comain kann viele Dinge voraussagen“, sagte die
„Warum nicht?“ alte Dame, und es war, als wenn sie mehr mit sich
33 TERRA

selbst als mit dem jungen Mädchen an ihrem Tisch Deswegen habe ich die Marskolonisten zurückbeor-
sprach. „Er kann den Erfolg einer Ernte voraussagen, dert. Ich hatte gehofft, daß mehr als fünfhundert neue
die Wahrscheinlichkeit eines Sturmes und das Ergeb- Daten, fünfhundert neue Einflüsse in unserer Welt das
nis eines Experimentes. Er kann die Lebensdauer ei- ursprüngliche Zeitmaß irgendwie auf eine unbekannte
nes Gebäudes oder einer Maschine voraussagen, und Art ausdehnen würden. Ich hatte Unrecht.“
den Grad, bis zu dem man sich auf ein Fabrikat ver- „Meinen Sie, daß keine Veränderung eintrat?“ Zum
lassen kann. Comain kann alle diese Dinge voraussa- ersten Male schien die Matriarchin zu bemerken, daß
gen. Comain kann alles voraussagen, und das bis zu sie nicht allein war, und mit verängstigten Augen starr-
einer Wahrscheinlichkeit von 99,999999999 Prozent. te sie auf Nyeeda.
Er kann alle diese Dinge sagen — wenn er alle Daten „Nein. Keine Veränderung. Keine Veränderung, ob-
hat.“ wohl alle Kolonisten erneut registriert wurden und
„Das weiß ich“, sagte Nyeeda ungemütlich. „Jeder auch alle Menschen in der Stadt. Keine Veränderung,
weiß das.“ obwohl wir Kämpfe und eine offene Rebellion hatten.
„So“, fuhr die alte Dame fort, und es war, als hätte Keine Veränderung, obwohl wir unter uns einen Mann
Nyeeda niemals gesprochen. „Wenn eine Maschine all haben, der von den Toten auferstanden ist.“
das tun kann, ist es dann nicht verständlich, zu erwar- „Aber er ist noch nicht registriert worden.“
ten, daß sie dann noch ein bißchen mehr tun kann? Nyeeda blickte die Matriarchin aufgeregt an. „Ros-
Wenn sie auf den Tag, ja, sogar auf die Stunde die slyn ist immer noch ein unbekannter Faktor.“
Lebensdauer eines Stückchens Stahl bestimmen kann,
„Was?“ Die Hoffnung flammte in ihren Augen auf.
könnte sie dann nicht mehr tun? Könnte sie dann nicht
„Ja, natürlich! Ich hatte nicht daran gedacht. Brin-
die Lebensdauer eines Mannes oder einer Frau voraus-
gen Sie ihn her, Nyeeda. Wecken Sie seinen Geist mit
sagen? Könnte sie nicht sagen, daß zu einer bestimm-
Elektrizität oder Drogen. Tun Sie alles, das er zum Be-
ten Zeit eine bestimmte Person das Ende ihrer Tage
wußtsein kommt und registriert werden kann. Bringen
erreicht?“ Sie blickte auf Nyeeda, und das Mädchen
Sie ihn mir. Beeilen Sie sich.“
schauderte, als sie den Ausdruck in den Augen der al-
ten Dame sah. „Antworte mir, Mädchen? Könnte sie „Ja, Madam.“
das nicht tun?“ „Ich habe noch eine Stunde“, flüsterte die alte Dame
„Ich weiß nicht, Madam. Ich...“ verzweifelt. „Comain kann jetzt nicht mehr falsch vor-
„Ja, Mädchen. Sie wissen es. Wie oft sind Sie schon aussagen; nicht nach zwanzig Jahren. Ich werde in ei-
versucht gewesen, Ihre eigene Zukunft erfahren zu ner Stunde, um elf Uhr genau, sterben. Comain hat es
wollen? Wie oft haben Sie gezögert, diese Frage zu vorausgesagt.“ Sie keuchte, und der Schweiß stand auf
stellen, die Ihr ganzes Leben unglücklich macht? Wie ihren grauen Zügen. „Beeilen Sie sich, Mädel. Brin-
oft wollten Sie wissen, wann Sie sterben?“ gen Sie Rosslyn her. Bringen Sie ihn bei vollem Be-
wußtsein her.“ Sie drängte Nyeeda zur Tür.
Sie hatte Recht. Nyeeda wußte es, und sie wußte
auch, daß die alte Dame ihre geheimsten Gedanken „Holen Sie Rosslyn!“
erraten hatte. Die Versuchung war immer da, aber die Als die Sekretärin das Zimmer verlassen hatte, ließ
geheime Furcht hatte sie davon abgehalten, diese ver- die Matriarchin sich wieder in den Sessel fallen. Ihre
hängnisvolle Frage zu stellen. Schweigsam blickte sie Augen blickten angsterfüllt auf die Uhr.
auf die alte Dame, und ihr Mitgefühl für die Matriar- Eine Hoffnung war ihr noch geblieben.
chin trieb ihr die Tränen in die Augen. Tief im Inneren des Gebäudes, das Comain war, saß
„Ich habe diese Frage gestellt“, fuhr die Matriarchin Curt Rosslyn in einer fensterlosen Zelle vor einer ver-
fort. „Es ist jetzt ungefähr zwanzig Jahre her. Zwanzig schlossenen Tür, die von einer Lampe erhellt war, und
Jahre. Damals schien es mir, als hätte ich noch eine versuchte seine Gedanken zu ordnen. Er wußte nichts
Ewigkeit vor mir. Dann jedoch, als die Jahre vergin- über die letzte Zeit. Er wußte nicht, wo er war, und
gen, kam langsam die Verzweiflung. Täglich habe ich warum er hier war. Zwischen seiner Gefangennahme
Comain gefragt, täglich wurde meine Frage beantwor- durch den Metamann und dem Erwachen in der Zelle
tet. Und während die Zeit fortschritt, wurde die Wahr- war eine leere Zeit, in der er in einer Art Dämmerzu-
scheinlichkeit größer. Zwei Neunen! Drei. Fünf. Sie- stand Angst vor seiner Wiedergeburt hatte.
ben. Neun. Gewißheit!“ Ihre Stimme brach ab, und das Er wußte, daß sich auf irgendeine undefinierbare
letzte Wort klang fast wie ein Schrei. Tiefes Schwei- Art sein Gehirn durch die Strahlungen des Welten-
gen folgte, das nur von den Seufzern der alten Dame raumes verändert hatte, während er in seinem lecken
unterbrochen wurde. Raumschiff saß. Er war sich dieser Veränderung schon
„Können Sie sich vorstellen, was ich gelitten habe? vorher halb bewußt geworden, als er seine Fähigkeit
Können Sie sich nur ein klein wenig die Verzweiflung erkannt hatte, das Fallen der Würfel zu beeinflussen,
und die wahnsinnige Angst vorstellen? Ich habe ver- das Fallen der Kugel und die Fortbewegung des Blat-
sucht, meine Pläne willkürlich zu ändern, um die Vor- tes, während er im Park saß. Diese Dinge hatten ihm
aussagen ungenau zu machen, damit die ursprüngli- gezeigt, daß er nicht so war wie andere, nicht so, wie
che Voraussage auf meine Lebensdauer sich ändert. er früher war.
Die zweite Macht 34

Jetzt... Er war wie ein Kind, das die Muskeln eines Man-
Schmerzen quälten sein Gehirn. Sein Hinterkopf nes hatte, oder besser gesagt, ein Schwachsinniger, der
schien sich durch den inneren Druck auseinanderpres- mit neuen Kräften spielte. Ein Elektron war so winzig
sen zu wollen. Er drückte seine Hände gegen den häm- klein, daß man es fast kaum feststellen konnte. Es war
mernden Schädel, während er auf den Betonboden in deshalb sehr leicht, seinen Fluß zu beeinflussen. Den-
seiner Zelle schaute. noch hatte es eine Masse. Das hatte er vergessen. Sei-
ne neue geistige Kraft war noch nicht erforscht und
Telekine war die Fähigkeit, tote Gegenstände mit
er noch untrainiert. Er hatte den Erfolg verspürt und
der Kraft des Geistes zu bewegen. Er hatte diese Fä-
war ohne jede Übung und ohne jede Logik an eine
higkeit. Irgendwie hatte er in seiner jahrhundertelan-
schwierige Aufgabe herangegangen. Bei seinem letz-
gen Reise diese Fähigkeit erworben. Welche unvermu-
ten Versuch wollte er ein riesiges Gewicht von meh-
teten Fähigkeiten schliefen wohl noch in seinem akti-
reren Tonnen bewegen. Die Tür war aus Metall, ei-
vierten Gehirn? Vielleicht Teleportation? Die Fähig-
nem harten magnetischen Metall mit starken Riegeln
keit, sich allein durch die Kraft des Geistes und durch
und Querverbindungen. Er hatte versucht, sich ledig-
paraphysikalische Wissenschaften an andere Orte zu
lich mit der Kraft seines Geistes zu bewegen und da-
versetzen. Telepathie? Er runzelte die Stirn, während
bei einen Rückschlag erlitten. Wie ein Mann, der seine
er darüber nachdachte, und war sich nicht darüber klar,
Muskeln überanstrengt, hatte er eine Art Überanstren-
ob es ihm angenehm wäre, die Fähigkeit zu besitzen,
gung seines Geistes erlitten und dafür bezahlt.
die Gedanken anderer Menschen zu erraten.
Dann konzentrierte er sich wieder auf die Tür, aber
Gereizt betrachtete er das Licht, das seine Zelle er- diesmal mit Vorsicht. Tief in seinem Gehirn schien et-
hellte. Es waren Elektronen, kleine Partikelchen, die was langsam ins Bewußtsein zu kommen wie die Ge-
fast mit Lichtgeschwindigkeit durch einen Draht gin- genwart eines halbvergessenen Gedankens. Er runzel-
gen. Vielleicht... te die Stirn und konzentrierte sich auf den Metallrie-
Das Licht ging aus. gel, der ihm den Weg in die Freiheit versperrte. Wieder
In der nun herrschenden Dunkelheit mußte er grin- bog sich die Tür und ruckte in ihren Schlössern. Wie-
sen, während er fühlte, wie sich seinem Gehirn neue der begann sein Gehirn zu schmerzen. Der Schweiß
Möglichkeiten eröffneten. Es war so einfach. Wenn trat ihm auf die Stirn. Er kristallisierte seine Gedan-
es möglich war, einen Würfel, eine Kugel oder ein ken, versuchte die ständige Irritierung durch andere
Blatt zu kontrollieren, wieviel einfacher mußte es dann Dinge zu unterbinden und seinen Entschluß, die Tür
sein, ein so kleines Ding wie ein Elektron zu beein- zu öffnen, an erster Stelle in seinem Bewußtsein ran-
flussen. Er konzentrierte seine Gedanken, und sofort gieren zu lassen.
flammte das Licht so stark auf, daß es in seinen Augen Die Irritierung wuchs, schien wie kleine Funken
schmerzte. Dann regulierte er den Strom und brachte geistiger Energie aufzuglühen. Dann aber ging die Tür
ihn auf seine normale Stärke. auf.
Das reichte ihm. Curt betrachtete sie einen Moment und sah die blan-
ke Oberfläche der schweren metallenen Riegel und das
Die Tür war das nächste. Plötzlich zitterte die ver-
schwere metallene Gitter. Erst jetzt kam ihm zum Be-
schlossene Tür. Die schweren Metallriegel bogen sich
wußtsein, was er getan hatte, und er lächelte. Wie ein
unter dem Einfluß einer riesigen Kraft. Das Licht zit-
Kind, das mit einem neuen Spielzeug spielt, ließ er
terte. Curt stöhnte und ließ sich auf das schmale Bett
die Tür ein paarmal in den gutgeölten Scharnieren hin-
fallen, Das Blut strömte aus seinen aufgebissenen Lip-
und herschwingen.
pen. Er preßte seine Hände gegen seinen schmerzen-
den Schädel. Etwas später stand er auf und ging in den verlasse-
nen Korridor, der sich hinter der Zelle befand.
Einen Moment lang dachte er, daß er sterben müß-
Mit seiner erprobten geistigen Kraft öffnete er ei-
te, so groß war sein Schmerz. Einen tierähnlichen
ne zweite Tür und schlenderte auf eine Treppe zu.
Schrei stieß er zwischen seinen zusammengepreßten
Irgend, etwas rührte sich in einer Nische, ein metal-
Zähnen hervor, Seine Muskeln zuckten und zitterten,
lisches Ding mit künstlichen Armen und einem ko-
Der Schweiß bedeckte seinen ganzen Körper.
nisch geformten Kopf. Rotes Licht flackerte aus den
Langsam ließen die Schmerzen nach und erschöpft forschenden Augen, dann klapperte das Metall, wäh-
setzte er sich auf die schmale Pritsche und sah ver- rend es auf den Betonfußboden niederfiel. Die künstli-
wundert auf die verriegelte Tür. Warum hatte er sol- chen Arme klappten, unbrauchbar geworden, herunter.
che Schmerzen gehabt? Wie kam es, daß er den Fluß Curt ignorierte es. Sein Geist beschäftigte sich schon
der Elektronen beeinflussen konnte, und bei dem Ver- mit dem schwierigen Mechanismus der verschlosse-
such, die Tür zu öffnen, derartige Schwierigkeiten hat- nen Tür eines Aufzuges. Der Mechanismus summte
te? Plötzlich verstand er es, und seine Lippen umspiel- plötzlich, und gespannt lauschte Curt den Dingen, die
te ein verachtungsvolles Lächeln, das seiner eigenen da kommen würden. Er zögerte einen Moment, da er
Dummheit galt. den Kräften der Teleportation noch nicht traute. Wäh-
Er war ein Narr gewesen. rend er zweifelnd vor dem Aufzug stand, ging die Tür
35 TERRA

auf, und er blickte in die erstaunten Gesichtszüge einer „Wir wissen alles über Sie.“ Nyeeda winkte den
schwarzhaarigen Frau. Wachen, die sich in den Aufzug drängten, warf die Tür
„Rosslyn!“ Nyeeda sprang aus dem Aufzug, und zu und drückte auf den Knopf.
hinter ihr hoben weibliche Wachen in einer Reflex- „Das freut mich“, sagte Curt ruhig. Werde ich vor
bewegung ihre Waffen, so daß die kleinen Mündun- Gericht gebracht?“
gen der Supergeschwindigkeitspistolen auf Curts Ma- „Nein.“
gen gerichtet waren. „Rosslyn? Wie sind Sie hierher- „Dann also in die Freiheit?“
gekommen?“ „Bitte!“ Nyeeda sah ihn verzweifelt an. „Wir haben
Er zuckte mit den Schultern. Seine Augen vereng- keine Zeit, zu diskutieren. Es wird Ihnen nichts ge-
ten sich, als er auf die drohend auf ihn gerichte- schehen, aber Sie müssen tun, was ich Ihnen sage, und
ten Waffen blickte. Er wußte, daß er diese Wachen das sofort. Wenn nicht...“ Sie schwieg, aber ihre Au-
entwaffnen konnte. Er konnte ihnen die Pistolen aus gen verrieten ihre Absicht, während sie auf die Wa-
den Händen reißen, sie gegen die metallenen Wän- chen blickte.
de schleudern und über ihre zerschmetterten Körper „Würden Sie mich töten?“ Curt lächelte, und sie er-
hinweg in den Aufzug steigen. Er konnte entkommen, rötete, als sie die Erregung in seinen grauen Augen
aber was hätte es für einen Sinn, ständig auf der Flucht sah. „Ich glaube nicht. — Nyeeda? Das ist doch Ihr
zu sein? Name?“
Wenn sie ihn hätten töten wollen, hätten sie es schon „Das ist er.“
lange getan. Aber sie hatten sein Leben nicht vernich- „Ein schöner Name“, scherzte Curt. Unverhohlen
tet. Warum sollten sie es nun auf einmal tun? Er be- betrachtete er die schwarze Schönheit. „Ich glaube,
trachtete die Frau. „Wer sind Sie?“ daß wir uns noch oft sehen werden, Nyeeda.“
„Nyeeda. Sekretärin der Matriarchin. Aber wie sind „Ich zweifle daran“, sagte sie kurz. „Ich bin die Se-
Sie hierhergekommen?“ Sie runzelte die Stirn, wäh- kretärin der Matriarchin.“
rend sie die am Boden liegende Gestalt des Metaman- „Und ich“, sagte er ruhig, „bin der Freund von Co-
nes sah. „Fenshaw! Rufe die Wachen.“ main.“
Er lächelte und sah in ihre fragenden Augen.
„Ja, Madam.“ Eine der Frauen steckte ihre Waf-
fe ein, drückte auf einen Knopf an ihrem Gürtel und Der Aufzug führte direkt in das Büro der Matriar-
sprach in ein kleines Mikrofon an ihrem Handgelenk. chin. Curt sah sich verwundert um, als die dunkelhaa-
„Sollen wir den Gefangenen in seine Zelle zurückbrin- rige Frau die Wachen entließ und die Lifttür zuschlug.
gen?“ Zerzaust, mit zerfetzten Hosen und zerfetzter Bluse
stand er vor der Herrscherin der Erde und blickte mit
„Nein.“ Nyeeda biß sich auf die Lippen, während seinen grauen Augen, durch die das Bewußtsein ei-
sie die ruhigen Züge des Mannes betrachtete. „Sie ner neuen Kraft leuchtete, auf die Matriarchin. Sarah
bleiben hier. Die anderen begleiten uns zur Matriar- Brownman betrachtete ihrerseits den Mann, der ihre
chin. Rosslyn, Sie kommen mit mir. Sofort!“ einzige Hoffnung war.
„Wirklich?“ Lächelnd kreuzte er seine Arme und In den vergangenen dreißig Minuten war sie rapide
betrachtete die schwarzhaarige Frau. „Warum sollte gealtert. Ihre Backen waren eingefallen. In ihren Au-
ich?“ gen brannte die Verzweiflung. Die elektronische Uhr
„Weil die Wachen, falls Sie sich weigern sollten, an der Wand schien sie spöttisch anzusehen. In ihrem
Ihren Körper durchlöchern würden.“ Irgend etwas Bedürfnis, der Enge zu entfliehen, hatte sie die hohen
glomm eine Sekunde lang in ihren schwarzen Augen Fenster weit geöffnet. Sie führten auf eine schmale
auf, und Curt grinste, als er darin ihre Erregung er- Terrasse.
kannte. „Weiß er es?“ Während sie diese Frage stellte,
„Ich glaube kaum, daß sie das tun werden“, sagte er blickte sie unverwandt in die ruhigen Züge des Man-
ruhig. „Sie haben Sorgen, nicht wahr? Warum?“ nes. Nyeeda schüttelte den Kopf.
„Nein, Madam. Soll ich ihn informieren?“
„Bitte.“ Nyeeda deutete ungeduldig auf den Auf-
„Nein, Sie Närrin!“ Ungestüm stand die alte Dame
zug. „Kommen Sie mit mir, ohne zu fragen und oh-
auf und stellte sich. „Das würde Zeit in Anspruch neh-
ne zu streiten. Ich verspreche Ihnen, daß Ihnen nichts
men, zuviel Zeit. Und ich habe jetzt so wenig Zeit, so
geschieht. Aber bitte, vergeuden Sie nicht noch mehr
wenig.“
Zeit.“
„Wie Sie wünschen, Madam.“ Nyeeda trat vor, um
„Zur Matriarchin?“ der alten Dame behilflich zu sein.
„Ja.“ „Lassen Sie mich, Mädchen! Behalten Sie den
„Ich verstehe.“ Curt zuckte mit den Schultern und Mann im Auge. Ich komme allein zurecht.“
schritt auf den Aufzug zu. „Ich nehme an, daß Sie Langsam schritt sie auf die Wand zu und drück-
mich kennen. Sie wissen sicher, wie ich hierherkam. te ihren Handballen gegen eine bestimmte Stelle. Ein
Nicht wahr?“ elektronischer Mechanismus, der die Linien in ihrem
Die zweite Macht 36

Handballen erkannte, öffnete eine Tür, die in eine klei- „Sie werden von Comain registriert.“
ne Zelle führte. Die Matriarchin schritt auf den jungen Mann zu.
„In dieser Zelle war Comain.“ Der nackte Haß entstellte ihre Züge. „Ich werde mit
Curt betrachtete das rote, forschende Auge, den Me- Ihnen nicht darüber verhandeln. Wenn Sie nicht ein-
tallhelm, die niedrige Bank und den bequemen Sessel. willigen, werden Sie erschossen. Nyeeda, rufen Sie
Die Zelle ähnelte der, die er in der Stadt betreten hat- die Wachen.“
te. Im großen und ganzen wies sie aber geringfügige „Warten Sie.“ Curt ließ sich vom Schreibtisch her-
Veränderungen auf. unter. „Kann Ihnen meine Leiche helfen?“
„Wollen Sie den Mann zuerst registrieren, Ma- „Jedenfalls kann sie mir nicht schaden.“ Die Matri-
dam?“ archin erblaßte, als sie auf die elektronische Uhr sah.
„Nein. Ich werde zuerst Comain befragen. Dann „Noch fünfzehn Minuten bis elf. Registrieren Sie sich,
kann Rosslyn den Helm aufsetzen, und ich werde die bevor ich Sie mit meinen eigenen Händen töte!“ Curt
Maschine erneut befragen. Wenn er die ursprüngliche blickte auf eine kleine Pistole, die die alte Dame plötz-
Voraussage ändern kann, werde ich ihm alles geben, lich in der Hand hielt. Dann hob er seinen Blick und
was er wünscht, alles und jedes, womit der gesamte sah in die entstellten Züge der Matriarchin.
Planet aufwarten kann. Er kann um diese Welt bitten,
„Sie lassen mir keine Wahl“, sagte er ruhig. „Was
und er wird sie bekommen. Aber wenn die ursprüng-
wollen Sie von mir?“
liche Vorhersage sich nicht verändert“ — ihre Augen
wurden hart — „dann wird er sterben.“ „Zeigen Sie es ihm, Nyeeda.“
„Habe ich in dieser Angelegenheit nichts zu sa- „Ja, Madam.“ Die Sekretärin deutete auf die Zelle.
gen?“ Curt betrachtete die alte Dame. „Setzen Sie sich in diesen Sessel. Setzen Sie den Helm
„Nein!“ auf. Das andere werde ich besorgen.“
Er zuckte mit den Schultern und sah interessiert zu, Schweigend setzte sich Curt in den bequemen Ses-
wie sie sich in den Sessel setzte und den Kontakt her- sel und stülpte den Helm über.
stellte. Er war aus einem schweren Metall und sah innen
„Ja?“ Die metallisch unmenschliche Stimme klang wie Platin aus. Ein dickes, isoliertes Kabel lief hin-
klar durchs Zimmer. durch. Nyeeda beugte sich über seine Schultern und
„Auskunft. Unbegrenzt. Die Matriarchin spricht drückte auf verschiedene Knöpfe.
selber.“ Die alte Dame hielt ihr entblößtes Handgelenk „Eine neue Registrierung. Dringe tief ein und gib
vor das forschende Auge. alle Daten.“
„Ja?“ Eine rote Lampe blinkte auf dem Armaturenbrett
„Bestimme meinen Tod.“ auf, und das Mädchen seufzte, während es sich zur
Einen Augenblick herrschte Schweigen, und Curt Matriarchin wandte.
hörte, wie die schwarzhaarige Frau an seiner Seite „Registrierung durchgeführt, Madam.“
schwer atmete. „Gut.“ Die alte Dame funkelte Curt an. „Na? Wor-
„Vorhersage, betreffend den Tod der Matriarchin. auf warten Sie? Stehen Sie von dem Stuhl auf.“
Eintreten des Todes um elf Uhr. Wahrscheinlichkeit Schweigend gehorchte Curt. Seine Stirn legte sich
neun Neunen.“ in Falten, und seine Augen nahmen einen abschät-
Die mechanische Stimme brach ab, und einen Mo- zenden Ausdruck an. Er hatte nichts gespürt, keinen
ment lang sackte die alte Dame über die niedrige Stromfluß, keine Energie und nichts, das darauf schlie-
Bank. Die Schultern waren gekrümmt. Ihre Hände zit- ßen ließ, daß der Extrakt seines Geistes kopiert und
terten, während sie nach der Sessellehne griff. Dann auf die Speicherwerke von Comain übertragen worden
stand sie gequält auf und blickte zu Curt. war.
„Registrieren Sie diesen Mann.“ Angespannt setzte sich die Matriarchin in den Ses-
„Ja, Madam.“ Nyeeda schritt auf die Zelle zu. sel und identifizierte sich.
„Hierher. Tempo.“
“Ja?“
„Ich weigere mich.“ Curt lächelte, als er ihre kon-
„Bestimme den Tod der Matriarchin.“
sternierten Augen sah und setzte sich bedächtig auf
die Kante des großen Schreibtisches. „Es sind gewis- „Vorhersage des Todes. Das Leben wird um elf Uhr
se Drohungen ausgesprochen worden“, sagte er ruhig. enden. Wahrscheinlichkeit neun Neunen.“
„Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, was das alles zu „Was!“ Verzweifelt löschte die alte Dame die Ar-
bedeuten hat. Aber es hat den Anschein, als ob ich ir- maturen und identifizierte sich von neuem. „Bestimme
gend etwas tun soll. Habe ich Recht?“ meinen Tod auf Grund aller verfügbaren Daten.“
„Ja.“ Es herrschte einen Moment lang Schweigen, als ob
„Na, schön, und wenn ich es tue, was hat dann das die Maschine die Millionen und aber Millionen von
für mich zu bedeuten?“ Informationen erforschen würde. In dem herrschenden
37 TERRA

Schweigen konnte Curt den abgehackten Atem der al- instinktiv an ihn lehnte. „Vielleicht.“ Er sah auf die
ten Dame hören. Die Sekretärin neben ihm hatte sich Uhr und starrte dann auf die Gestalt der alten Ma-
nach vorn gelehnt. triarchin, während sie an der niedrigen Rampe der
„Vorhersage des Todes.“ Die kalte, unmenschliche von der Sonne hellerleuchteten Terrasse stand. „Sie
Stimme des Lautsprechers klang durch das Zimmer. wird sterben“, wiederholte Nyeeda mit kranker Stim-
„Tod tritt um elf Uhr ein. Wahrscheinlichkeit neun me. „Jetzt.“ Im gleichen Augenblick erklang der sanf-
Neunen.“ te Schlag der elektronischen Uhr.
„So!“ Das ganze Leben, das noch in der alten Dame Eins, zwei, drei.
geblieben war, schien erloschen zu sein, als sie über Die alte Dame auf der Terrasse schwankte, als sie
die Bank sank. „Eine Wahrscheinlichkeit mit neun den sonoren Glockenschlag vernahm.
Neunen, daß ich um elf Uhr sterbe.“ Ein unterdrückter
Sechs, sieben, acht.
Laut drang aus ihrer Kehle, als ob sie das Unvermeidli-
che endgültig akzeptieren würde. Sie straffte sich und Sie schwankte stärker. Sie keuchte und fuhr mit ih-
verließ die Zelle. rer Hand auf die Brust. Ihre Züge waren grau vor
„Fünf Minuten“, sagte sie ruhig. „Während meiner Schmerz und Furcht, und dann stürzte sie, erst lang-
ganzen Zeit hat die Maschine niemals falsch gearbei- sam und dann immer schneller, über die Rampe in die
tet, wenn sie alle notwendigen Daten hatte.“ Sie sah Leere.
auf Curt, und die Pistole in ihrer Hand deutete dro- Nyeeda schrie schrill auf.
hend auf ihn. Curt stöhnte und konzentrierte sich schmerzhaft auf
„Ich wollte Sie töten, so, wie ich es versprochen ha- einen Gedanken.
be...“ Sie zuckte mit den Schultern, und die kleine Öff- Es war unglaublich, aber die alte Dame fiel nicht.
nung der Mündung zeigte auf sie selbst. Sie schwebte hilflos fünfzehnhundert Meter über der
„Nein!“ Nyeeda sprang vor. „Nein, Madam, das Ebene, während Curt der Schweiß in großen Trop-
können Sie nicht tun!“ fen auf der Stirn stand und er gegen den instinktiven
„Warum nicht? Comain hat meinen Tod vorausge- Wunsch, vorwärts zu rennen und die Matriarchin zu
sagt. Du weißt, was das bedeutet. Warum soll ich auf halten, ankämpfte. Langsam, als herrschte ein sanfter
das Ende warten? Warum soll ich die letzten Minuten Wind, trieb sie auf die Terrasse zurück, weg von der
warten? Warum soll ich nicht alles beenden — jetzt?“ Rampe und dem sicheren Tod, der sie unten erwartet
„Nein!“ Curt bewegte sich nicht, aber die Pisto- hätte. Sie schwebte, ruckte ein wenig und wurde dann
le schien einen Satz zu machen, drehte sich und fiel mit erstaunlicher Sanftheit auf der Terrasse abgesetzt.
mit einem dumpfen Laut auf den Teppich. „Sind Sie Nyeeda taumelte, fiel fast hin und rannte dann aus
wahnsinnig? Wenn Sie sich töten, machen Sie damit dem Zimmer, um sich sofort über die Gestalt der alten
die Voraussage wahr. Wollen Sie denn das? Haben Sie Dame zu beugen.
so große Angst, daß Comain sich irren könnte, daß Sie Angestrengt wartete Curt, während ihre schmalen
lieber sterben als der Maschine einen Fehler zuzuge- Finger fast zärtlich den Puls fühlten.
stehen?“
„Sie lebt.“
„Comain hat immer Recht.“
„Ja“, sagte Curt. Er wischte sich den Schweiß von
„Dann werden Sie sterben.“ Er war absichtlich
der Stirn und ließ sich erschöpft auf dem Schreibtisch
grausam. „Warum wollen Sie das Unvermeidliche so
nieder.
schnell herbeiführen? Sie haben doch noch zwei Mi-
nuten Zeit. Glauben Sie mir, Madam, der Tod kann „Aber sie kann doch nicht leben, sie kann nicht le-
eine schrecklich lange Zeit dauern. Warum wollen Sie ben.“ Nyeeda betrachtete den jungen Mann. „Comain
diese letzten zwei Minuten nicht noch Ihr Leben aus- hat gesagt, daß sie sterben würde. Die Maschine hat
kosten?“ es vorausgesagt. Sie kann nicht leben. Sie kann nicht
Sie zögerte, sah auf die Pistole, die auf so seltsa- leben!“
me Art und Weise ihrer Hand entfallen war, und dann, „Sie lebt aber.“ Curt deutete schwach auf die Ma-
als sie die hohen Fenster und das Sonnenlicht auf der triarchin. „Sie lebt, und sie wird auch weiterhin leben,
Terrasse bemerkte, nickte sie. wenn sie nur vernünftig genug ist, einen Arzt aufzusu-
„Sie haben Recht“, flüsterte sie. „Es ist nur so kur- chen, der sich um ihr Herz kümmert.“
ze Zeit, aber...“ Langsam schritt sie auf die Fenster zu „Aber...“
und sog die warme Luft tief ein und betrat dann die Die Sekretärin erhob sich, und ihre Augen weiteten
Terrasse. Sie stand nahe an der niedrigen Rampe und sich vor Schrecken, während sie Curt ansah. „Es gibt
blickte über die Stadt von Comain. nur etwas, das sie gerettet haben kann“, flüsterte sie.
Die Zeiger der elektronischen Uhr an der Wand „Ein unbekannter Faktor. Sie haben den Helm aufge-
wanderten langsam auf die schicksalhafte Stunde zu. setzt und dennoch, obwohl Sie registriert wurden, ha-
„Sie wird sterben“, flüsterte Nyeeda, und Curt fühl- ben Sie die Matriarchin vor dem sicheren Tod bewahrt.
te, wie ihr schlanker Körper zitterte, während sie sich Comain müßte Ihre Kraft gekannt haben. Die Daten
Die zweite Macht 38

dafür müßten gespeichert sein, aber...“ Ihre Stimme während sie den jungen Mann betrachtete. Curt lächel-
erstarb, als sie erkannte, was sie da sagte. te, lehnte sich in dem bequemen Sessel zurück und
„Sie sind nicht registriert. Auf irgendeine unbe- blickte in den blauen Himmel und die weißen Wolken,
greifliche Art und Weise hat Comain den Inhalt Ihres die klar durch die großen Fenster zu erkennen waren,
Gehirnes nicht aufgenommen. Sie sind immer noch während er seine Gedanken ordnete.
eine Gefahr für unsere Sicherheit, immer noch eine „Na?“ Die Matriarchin räusperte sieh. „Und was ge-
unbekannte Macht.“ Sie schritt auf Curt zu, und ihre schieht jetzt?“
Gefühle spiegelten sich auf ihrem Gesicht wider. „Sie „Glauben Sie immer noch an die Voraussagen von
sind immer noch ein überzähliger Mann.“ Comain?“
Abrupt wandte sie sich um und rannte zur Tür. „Natürlich,“ Die alte Dame runzelte die Stirn, wäh-
„Warten Sie.“ Curt lächelte, während sie sich her- rend sie Curt betrachtete. „Obwohl ich zugebe, daß ich
umdrehte und auf ihn zuschwebte, „Rufen Sie Ihre nicht genau weiß, wie es kommt, daß ich noch lebe.“
Wachen nicht. Es täte mir leid, wenn ich Sie töten „Hat Nyeeda es Ihnen nicht erklärt?“
müßte.“ „Sie hat irgend etwas gesagt, daß Sie mein Leben
„Sie...“ Sie wandte sich wieder um und rannte zur gerettet haben. Ferner irgendeinen Unsinn, daß Sie
Tür. Curt seufzte, konzentrierte sich auf den Schmerz von Comain nicht registriert worden sind.“
in seinem Gehirn und lächelte in ihre erstaunten Au- „Sie hat Recht.“
gen. „Lächerlich. Ich habe selbst gesehen, wie Sie den
„Entspannen Sie sich“, sagte er sanft. Helm aufgesetzt haben.“ „Und deshalb glauben Sie,
„Es gibt nichts, über das Sie sich aufregen müßten. daß ich automatisch registriert wurde.“ Curt wandte
Wäre es nicht besser, wenn Sie sich um die alte Dame sich vom Fenster ab und sah sie voll an. „Ist Ihnen nie-
kümmern würden?“ mals der Gedanke gekommen, daß ich vielleicht nicht
„Wer sind Sie?“ flüsterte das Mädchen. „Wer sind registriert wurde, wie Sie es nennen?“
Sie?“ „Unmöglich. Die Assimilation der Daten ist eine
„Ich habe es Ihnen schon einmal gesagt“, sagte er sofortige, und Comain kann nicht anders, als sie so-
einfach. „Ich habe es Ihnen schon im Aufzug gesagt. fort aufzunehmen.
Können Sie sich nicht daran erinnern?“ „Nein?“
„Nein.“ Curt zuckte mit den Schultern. „Dann ist also nach
Ihrer Logik all das, was hier geschieht, nicht wirklich,
„Sie lügen. Ich habe Ihnen gesagt, daß wir uns noch
und Sie sind tot.“
viel sehen werden. Wenn Sie ehrlich sind, geben Sie
das zu. Stimmt’s?“ „Reden Sie keinen Unsinn. Natürlich bin ich nicht
tot. Ich lebe, und wir sprechen in meinem Büro.“ Sie
„Sie Teufel!“ Ihre bleichen Wangen röteten sich vor
runzelte die Stirn, als sie bemerkte, daß er in ihrem
Zorn. „Können Sie auch so Gedanken lesen, wie Sie
Stuhl saß. „Ich halte es übrigens für besser, daß wir
das andere können?“
die Sitze tauschen. Das ist mein Schreibtisch und mein
„Welches andere?“ Stuhl.“
„Sie wissen, was ich meine“ Sie errötete wieder und „Nein.“
betrachtete den jungen Mann gedankenvoll. „Jetzt er- „Nein?“ Der Zorn rötete ihr Antlitz.
innere ich mich. Sie sagten, daß Sie ein Freund von
„Wie können Sie es wagen! Ich bin die Matriarchin
Comain wären. Was wollten Sie damit sagen?“
und ich herrsche!“
„Ich sagte, daß ich ein Freund von Comain wäre“,
„Wirklich?“ Curt lächelte und lehnte sich im Sessel
sagte Curt einfach, „und ich meine es genauso, wie
zurück. „Vielleicht habe ich andere Ansichten.“
ich es sage.“ Er rutschte vom Schreibtisch herunter
und sah die Matriarchin an, die sich aufgesetzt hatte „Rebellion?“ Die offene Verachtung sprach aus ih-
und wild um sich blickte. „Machen Sie sie wieder fit. rem Blick. „Nun weiß ich, daß Sie verrückt sind. Ein
Helfen Sie ihr. Beruhigen Sie sie. Wir müssen noch Wort von mir und meine Wachen reißen Sie in Stücke.
wichtige Dinge diskutieren.“ So. Jetzt lassen Sie den Blödsinn und geben Sie mir
meinen Stuhl.“
„Welche zum Beispiel?“
„Keine Rebellion, und außerdem sind Ihre Wachen
„Zum Beispiel die Zukunft dieser Welt.“ Er lächelte mir gegenüber völlig machtlos.“ Abrupt lehnte er sich
etwas, als er ihren Ausdruck sah, ging sicheren Schrit- nach vorn, und seine Züge bekamen plötzlich einen
tes hinter den Schreibtisch und setzte sich. harten Ausdruck. „Jetzt hören Sie mir einmal zu. Hö-
Es war der Stuhl der Matriarchin. ren Sie und lernen Sie. Ich könnte Ihre Zivilisation zer-
Eine Stunde war vergangen. Die alte Matriarchin stören. Ich ganz allein! Glauben Sie es mir. Falls Sie
hatte sich erholt und saß schweigend in einem Ses- daran zweifeln sollten, fragen Sie sich einmal selbst,
sel gegenüber dem Schreibtisch. Neben ihr saß Nyee- was es war, das Sie vom Rand des Todes weggeris-
da. Ihre Augen hatten einen eigenartigen Ausdruck, sen hat. So, jetzt hören Sie mir zu und versuchen Sie
39 TERRA

einmal, Ihren übertriebenen Stolz und Ihre Position zu es genauso gut, wie es jeder andere Mensch wissen
vergessen.“ müßte, daß es notwendig wäre, in einer versiegelten
„Nyeeda, rufen Sie die Wachen.“ Welt zu leben, wenn Comain solche Dinge voraus-
„Aber...“ sagen soll, wie Sie von ihm erwarten. “Es müßte ei-
ne Welt sein, in der jeder Mann, jede Frau etikettiert,
„Rufen Sie sie, sage ich Ihnen!“ Der Zorn ließ ihr
klassifiziert und in eine ganz bestimmte Ordnung ein-
Gesicht häßlich werden. „Tun Sie, was ich Ihnen be-
geteilt sein müßte. Es wäre eine Welt von Sklaven.“
fehle!“
„Lächerlich.“
Plötzlich schlugen die hohen Fenster zu, und das
„Wie kann eine Maschine sonst voraussagen, was
Glas splitterte auf den Boden, trieb durch das Zim-
geschehen muß? Wie kann eine Maschine sonst den
mer und wurde plötzlich mitten in der Luft krachend
Lauf der Geschehnisse vorausbestimmen? Lassen Sie
in Stücke gerissen. Ein Stuhl flog gegen die elektroni-
einen einzigen Menschen seine Phantasie gebrauchen
sche Uhr, und dann fielen der Stuhl und die Uhr durch
oder auf irgendeine Art sich weigern, sich der Norm
das zersplitterte Fenster nach draußen. Das Zimmer
anzupassen, und sofort steht Ihre ganze Zivilisation
bebte, während Mauerbröckchen von der Decke auf
Kopf. Ich habe das bewiesen. Ich, Ihr ,überzähliger
die weichen Teppiche fielen.
Mann’, habe Ihnen gezeigt, was in so einer Welt pas-
„Na?“ Curt wischte sich den Schweiß von der Stirn. sieren kann.“
„Sind Sie überzeugt, oder soll ich das ganze Gebäude
„Sobald Sie registriert sind, wird die Welt wieder
zerstören? Sie wissen, daß ich es tun kann. Ich kann
normal. Comain kann dann mit einer Wahrscheinlich-
das Ding, das sich Comain nennt, in Atome auflösen.
keit von neun Neunen voraussagen, und wir werden
Und was wird dann aus Ihrer Zivilisation?“
wieder zufrieden sein.“
„Das würden Sie nicht wagen.“
„In so einer Welt wären Sie schon tot.“ Curt be-
„Sind Sie so dumm, daß Sie das glauben?“ Curt trachtete die Matriarchin. „Sie verstehen mich nicht.
schüttelte den Kopf. „Was bedeutet mir Ihre Zivilisati- Ich argumentiere nicht mit den Theorien der Regie-
on? Ich bin ein Ausgestoßener, ein Fremder, ein Mann, rungsformen, ich spreche von Comain. Ich spreche
der von den Toten wieder auferstanden ist. Ich bin, wie von der herrlichsten Erfindung, die jemals von Men-
es Ihre Sekretärin ausdrückt, ein überzähliger Mann. schengeist gemacht wurde. Eine Erfindung, die uns al-
Was kümmert mich Ihre Sicherheit, Ihre lächerliche les das geben könnte, was wir uns wünschten — wenn
kleine Welt?“ wir nicht vergessen hätten, wie sie zu gebrauchen ist.“
„Ich glaube Ihnen“, flüsterte die alte Dame. „Was „Wovon sprechen Sie?“
wollen Sie von mir?“ „Ich spreche von einer Maschine, die in ihren Spei-
„Nichts.“ Curt entspannte sich und lächelte. „Sie cherwerken das Wissen von Hunderten von Millionen
und ich, wir haben wichtige Dinge zu diskutieren. von Gehirnen hat. Eine Maschine, die in der Lage wä-
Aber zunächst einmal war es wichtig, Ihnen einen re, jede beliebige Frage zu beantworten — wenn Sie
kleinen Beweis zu liefern, Ihnen den Verdacht zu neh- wüßten, wie diese Frage gestellt werden muß.“
men und Sie für die Gedankengänge aufgeschlossen Er unterbrach sich und betrachtete die beiden Frau-
zu machen.“ en, deren Augen unwillkürlich auf die kleine Zelle
„Sie haben mein Leben gerettet“, sagte die Matriar- schauten, die Comain war.
chin einfach. „Was wollen Sie von mir?“ „Comain war mein Freund“, flüsterte er. „Wie bau-
Einen Moment lang herrschte tiefes Schweigen. te er diese Maschine? Verband er Millionen von Re-
Dann lehnte Curt sich mit einem plötzlichen Entschluß lais miteinander? Versuchte er nur zu verbessern, was
nach vorn und stellte die Frage: andere vor ihm schon getan hatten, oder ging er einen
„Was“, sagte er ruhig, „ist Comain?“ „Eine Maschi- völlig neuen Weg? Wie kommt es, daß niemals jemand
ne. Eine große elektronische Rechenmaschine. Warum versucht hat, die Wahrheit herauszufinden? Kommt
fragen Sie das?“ Die Matriarchin sah ihn erstaunt an. denn keinem dieser Gedanke, wenn er den Helm auf-
„Ist sie das?“ Curt schüttelte den Kopf. „Ich glaube, setzt?“
daß es etwas mehr ist, als Sie sagen. Ich glaube, daß „Sprechen Sie, Mann! Murmeln Sie nicht.“
es über zwei Jahrhunderte her ist, fast schon so lange, Die alte Matriarchin rutschte unruhig auf ihrem Ses-
wie die Maschine existiert, daß die Menschen verges- sel hin und her und betrachtete Curt und dessen leuch-
sen haben, was sie in Wirklichkeit ist.“ tende graue Augen. „Worauf wollen Sie hinaus?“
„Und das wäre?“ „Wie kommt es, daß Sie die Maschine nur befra-
„Ich kannte Comain“, sagte Curt sanft. „Wir wa- gen? Wie kommt es, daß Sie nach so langer Zeit Co-
ren Freunde. Wir haben beide die gleichen Träume ge- main immer noch für eine Maschine halten? Sagen Sie
träumt. Ich kannte seine Pläne für einen Superpredik- mir, haben Sie jemals um eine freiwillige Information
tor. Und hier liegt der Hase im Pfeffer, denn es war gebeten? Haben Sie jemals mit Comain gesprochen,
niemals seine Absicht, daß diese Maschine die gan- wie Sie es mit einem Menschen tun würden?“
ze Welt beherrscht. Comain war kein Narr. Er wußte „Niemals!“
Die zweite Macht 40

„Warum nicht?“ Raumfahrens lüften. Wir könnten Comain veranlas-


„Comain ist eine Maschine“, sagte die alte Dame sen, auf jedem nur vorstellbarem Gebiet zu arbeiten,
verbohrt. „Wenn wir der Bevölkerung erlauben wür- wenn wir nur die Fragen richtig stellen würden.“
den, sich an die Maschine wie an ein lebendes Wesen „Und Sie denken, daß Sie entdecken können, wie
zu wenden, wie lange würde es dauern, bis sie es glau- man diese phantastischen Fragen stellt?“ Die Matri-
ben würde? Wie lange, bis sie es für einen Gott halten archin lächelte höhnisch, und Nyeedas Gesicht rötete
würde?“ sich vor Zorn, als sie es sah.
„Sie haben Recht.“ Curt nickte. „Es war von Anfang „Ich glaube, daß ich das kann“, sagte Curt ruhig.
an verkehrt, jedem zu gestatten, Comain zu konsultie- „Wenigstens werde ich es versuchen.“
ren. Sie haben die Speicherwerke mit trivialen Dingen „Wie wollen Sie das tun?“ Nyeeda sprang von ih-
überlastet. Sie haben die Relais und Stromkreise mit rem Sitz auf und kam zu Curt herüber. Diesem wurde
unwichtigen Dingen vollgeladen. Sie haben das be- warm ums Herz, als er den Ausdruck in ihren Augen
ste Forschungsinstrument, das jemals gebaut wurde, sah.
mit Ihren eigenen lächerlichen Nöten und Ängsten be- „Mein Hirn scheint auf einer anderen Ebene zu ar-
lastet. Sie haben Comain fast ruiniert.“ „Sie sind ein beiten als das anderer Menschen. Vielleicht ist das auf
Narr.“ die Strahlung im Weltenraum zurückzuführen, der ich
„Ein Narr?“ Curt schüttelte den Kopf. Der Schweiß so lange Zeit ausgesetzt war. Diese Strahlungen haben
stand auf seiner Stirn. „Nein, Sie haben den Fehler ge- mein Gehirn aktiviert und mir die Fähigkeit gegeben,
macht, nicht ich. Sie, die die Wahrheit wissen sollten, die paraphysikalische Wissenschaft anzuwenden. Ich
haben bereitwillig die Augen geschlossen und darauf hoffe, daß ich in der Lage sein werde, die Verbindung
bestanden, daß dieser Unfug weitergetrieben wird. Sie mit Comain herzustellen.“
haben den Fehler gemacht. Sie und Ihr eigensinniges „Sie meinen, daß Sie mit ihm sprechen können?“
Beharren in dem Glauben, daß Comain eine Maschine
„Warum nicht? Sie tun es jedesmal, wenn Sie die
sei.“
Maschine konsultieren, aber ich hoffe, daß ich es auf
„Wie betrachten Sie es denn?“ Die Matriarchin gab
eine andere Art tun kann. Ich hoffe, daß ich mich mit
sich keine Mühe, ihren Sarkasmus zu verbergen.
ihm direkt in Verbindung setzen kann, indem ich den
„Ich denke mir Comain als einen Mann.“ Curt sah Helm aufsetze. Wenn das, was ich mir vorstelle, Wirk-
zu der Zelle hinüber. „Ich denke, daß das Transferieren lichkeit wird, werden auf diesem Planeten gewaltige
elektronischen Potentials die Gedanken eines Mannes Veränderungen vor sich gehen.“
sind. Ich denke an die Moleküle, Atome und Drähte
„Seien Sie vorsichtig, Curt.“ Nyeeda hielt ihn am
— und dennoch glaube ich an das Transferieren ei-
Arm fest, und ihre dunklen Augen spiegelten ihre Er-
nes Gehirnes auf gefühlloses Metall und Kristall. Ich
regung wider. „Bitte, seien Sie vorsichtig.“
denke an Comain als Mensch, und ich denke an Co-
main als Maschine. Ich weiß, daß ich dabei an ein und Er lächelte und befreite sich sanft von ihrem Griff.
dasselbe denke. Denn Mensch und Maschine sind in Er lächelte immer noch, als er sich in den Sessel setzte,
diesem Fall ein und dasselbe.“ in das rote Licht des Auges sah und den Knopf drück-
te, der die Maschine in Aktion setzte. Dann nahm er
„Nein.“
den Helm zwischen seine Hände und sondierte mit sei-
Curt erhob sich hinter dem Schreibtisch. „Ich konn-
nem Gehirn den komplizierten Mechanismus. Er at-
te den Inhalt meines Gehirnes nicht auf die Speicher-
mete tief und zwang sich, die geistigen Ausströmun-
werke übertragen, weil mein Gehirn von denen ande-
gen der beiden Frauen zu ignorieren und seine Gedan-
rer Menschen differiert. Mein elektronisches Poten-
ken zu konzentrieren.
tial differiert von den anderen, und deshalb konnte
Behutsam setzte er den Helm auf.
der Helm meine Impulse nicht übertragen. Aber das
spielt jetzt keine Rolle. Was wichtig ist, ist, daß ich die Zuerst empfand er nichts, kein Gefühl, sondern nur
Wahrheit kenne. Comain war der erste Mann, der sein das Gewicht des Metalls, das auf seiner Schädeldecke
Gehirn auf die Speicherwerke übertragen hat. Ande- ruhte. Die rote Lampe auf dem Armaturenbrett leuch-
re folgten ihm. Zuerst die besten Wissenschaftler des tete zum Zeichen dafür auf, daß die Registrierung be-
damaligen Zeitalters, dann andere, immer mehr und endet sei. Aber er ignorierte es und konzentrierte sich
schließlich jeder Mann auf diesem Planeten. Stellen auf die neu ergründeten Energien, die in seinem Ge-
Sie sich einmal vor, welches Wissen in den Speicher- hirn ruhten.
werken verborgen sitzt. Denken Sie an die verschiede- Das Problem war einfach. Die Helme waren so ent-
nen Daten, die vielen Faktoren, die allein in den vie- worfen worden, daß sie das normale elektrische Po-
len Jahren zusammengekommen sind, an das harter- tential des menschlichen Gehirnes auf den elektroni-
worbene Wissen von zwei Jahrhunderten, das dort ruht schen Strom übertragen konnten. Sein Gehirn operier-
und darauf wartet, gebraucht zu werden. Wir könnten te jedoch auf einer anderen Ebene. Vielleicht war die
schon das Geheimnis des Hyperantriebs haben. Wir Frequenz höher.
könnten das Geheimnis der Unsterblichkeit, der kon- Wohlüberlegt sperrte er die bis dahin brachliegen-
trollierten Atomkernspaltung, des intradimensionalen de Gehirnpartie, in der seine neu gefundene Kraft zu
41 TERRA

ruhen schien. Er schloß sie, befreite seinen Geist von Geist hineingebaut. Du bist die Maschine. Comain,
den Strömungen paraphysikalischer Fähigkeiten und der Mensch, wohnt in diesem Gebäude. Körperlos,
zwang seinen Geist in normale Bahnen. fast unzerstörbar und potentiell unsterblich. Du hast
Wieder leuchtete die rote Lampe vor ihm auf. das elektronische Potential deines eigenen Gehirnes
Curt betrachtete sie und konzentrierte sich dann dar- dem verfeinerten Mechanismus und den Speicherwer-
auf, an Comain zu denken. Nicht an die Maschine, ken beigefügt. Du hast dazu das genommen, was du
nicht an das riesige Gebäude aus Stahl und Beton, warst, deine Gedanken, dein Wissen, deine Gefühle,
nicht an die Kristalle und Drähte, die Speicherwerke, dein Ich, alles, was in dir, Comain, den Menschen
die Moleküle und die Atome, sondern an den großen, ausgemacht hat. Du hast alle diese Dinge aus deinem
schlanken Mann mit den schwachen Augen, der sein Geist genommen, aus deinem Körper, der alterte, und
Freund gewesen war. Er dachte an eine Nacht vor Jahr- sie zu den Speicherwerken und deiner Konstruktion
hunderten, als sie zusammen unter dem Sternenhim- hinzugefügt. Dein Körper ist gestorben, Comain, aber
mel gestanden und von ihren geheimen Träumen ge- du bist nicht gestorben. Du lebtest weiter. Du lebtest
sprochen hatten. hier in der Maschine, die deine Konstruktion war, und
du lebst immer noch.“
Er dachte an Comain, den Menschen.
„Curt! Du weißt es?“
Langsam, wie ein Bild, das aus Nebel und Wolken
„Ja, alter Freund, ich weiß es. Nun sage mir, Co-
geboren wurde, erstand eine Gestalt vor seinen Augen.
main, wie kann ich dich aus deinem Gefängnis befrei-
Es war genauso wie damals, als er das Gebäude, das
en?“
Comain war, zum erstenmal gesehen hatte. Das rote
Licht des Auges erlosch. Die Lautsprecher und Mikro- „Ich...“ Das Bild schwankte. Einen Moment lang
fone, alles schien sich zu verändern und sich in Rauch verdeckte rötlicher Nebel den großen, schmalen
aufzulösen. Und... Mann. Curt nickte und warf einen Schalter herum.
Comain stand vor ihm. „Benütze die Sprechanlage, Comain. Es sind noch
andere da, die hören müssen, was du sagst.“ Er lehnte
Einen Moment lang saß Curt erstarrt und regungslos
sich in dem bequemen Sessel zurück und war über-
da. Er atmete nicht und veränderte den einmal einge-
rascht, daß seine Hände zitterten und sein Gesicht mit
schlagenen Gedankenweg nicht. Dann begann er lang-
Schweiß bedeckt war.
sam und vorsichtig die bis dahin verschlossenen Re-
gionen seines Geistes zu öffnen. Nyeeda rannte zu ihm. Ihre schwarzen Augen blick-
ten ihn angsterfüllt an. Sogar die alte Dame betrachtete
„Guten Tag, Comain.“
ihn ein wenig schmerzlich.
„Curt! Du?“
„Sie haben zu Comain gesprochen“, sagte sie. „Was
„Ja. Überrascht?“ In Gedanken lachte Curt. „Sie ha- hat sie gesagt?“
ben mich gefunden, weißt du. Tot und erfroren ha-
„Was hat er gesagt?“, verbesserte Curt. „Comain ist
ben sie mich in der Leere des Weltraumes gefunden.
ein Mann, ein Mann, der gleich mir lange über seine
Sie haben mich wieder erweckt. Wie geht es dir, Co-
Zeit hinaus gelebt hat. Vielleicht wußte er nicht, was er
main?“
tat. Vielleicht war das, was er tat, nur ein Experiment,
Schweigen herrschte, während die Neuronen ihren aber es gelang, und so hat Comain über zwei Jahrhun-
subtilen, ungewohnten Weg in seinem Gehirn gingen. derte in dieser Maschine gelebt. Er war der erste. Al-
Der Nebel zitterte, und Curt biß sich auf die Lippen, le anderen, die ihm folgten, die Wissenschaftler, alle
als die Gestalt Comains vor seinen Augen schwankte. waren nur eine Ergänzung der ursprünglichen Intelli-
„Gut.“ genz. Sie leben als eine Masse von Informationen. Es
„Wirklich? Ich glaube nicht, Comain. Ich glaube, sind Wissen und Daten, die nicht mehr Leben haben
daß du in diesen vergangenen Jahrhunderten die Höl- als zum Beispiel eine Bibliothek. Aber Comain hat zu
le mitgemacht hast. Was ist geschehen, alter Freund? all diesen Informationen Zugang — und Comain ist
Haben die Menschen das Offensichtliche vergessen? lebendig.“
Haben sie Apparate gebaut, um dich in das zu verwan- „Sie meinen, daß er lebt?“ Nyeeda blickte auf die
deln, für das du nie vorgesehen warst? Haben sie dich kleine Zelle. „Wollen Sie damit sagen, daß Comain bei
gefesselt? Haben sie dich gehindert, deine Gedanken Bewußtsein ist wie ein Mensch?“
frei zu äußern? Haben sie dich in ein Gefängnis ge- „So würde ich es nicht nennen. Ich würde sagen,
sperrt, das ihrer eigenen Vorstellung entsprach?“ daß er wohl seine eigene Individualität hat, wie die
„Du weißt es?“ Metamänner statt einem organischen Gehirn eines aus
„Ich habe es vermutet, Comain. Die Helme haben Kristall und veränderten Atomen haben.“
mich darauf gebracht. Als ich darüber nachdachte, war Er betrachtete das junge Mädchen. „Können Sie
es mir klar. Du hast nicht mit Drähten und Röhren ge- sich vorstellen, welche Qualen er in den vergangenen
baut. Du hast mit empfänglichen Kristallen und emp- Jahren gelitten hat, Nyeeda? Können Sie sich vorstel-
findlich veränderten Atomen gebaut. Du hast Materi- len, in welche Gefahr sich diese Zivilisation begeben
al aufs Höchste verfeinert und dann deinen eigenen hat, da sie sich weigerte, zuzugeben, daß Comain ein
Die zweite Macht 42

Mensch ist? Was geschieht mit einem Menschen, der grimmig. „Sie haben die Wahl, Madam. Entweder Sie
isoliert, nicht beachtet und mißhandelt wird? Nehmen führen die Regierung weiter und gebrauchen Comain
Sie so einen Menschen, geben Sie ihm eine Position als wissenschaftliche Forschungsmaschine, die sie in
mit einer unvorstellbar großen Verantwortung, bela- Wirklichkeit ist, entweder Sie tun alles, was ich Ihnen
sten Sie ihn bis zum Äußersten, bis er sich nicht mehr sage, oder...“
darum kümmert und gleichgültig wird. Was geschieht „Oder was?“ Die alte Dame rutschte ungemütlich
dann?“ auf ihrem Stuhl hin und her, während sie den jungen
„Wahnsinn“, flüsterte sie, und ihre Augen weiteten Mann beobachtete. „Sie haben also besondere geistige
sich vor Schrecken. Curt nickte. Kräfte? Sie unterscheiden sich also von anderen Men-
„Ja, es würden falsche Voraussagen, unvorhergese- schen, weil Sie von den Toten auferstanden sind. Das
hene Ereignisse und willkürliche Sabotage auftreten. ist mir alles bekannt. Und aus einem unbegreiflichen
Die Leute würden alles dafür verantwortlich machen, Grunde heraus scheint meine Sekretärin viel von Ih-
außer dem eigentlich Verantwortlichen. Sie würden nen zu halten. Ich jedoch nicht!“
niemals auf die Idee kommen, daß der Fehler bei der „Nein?“
Maschine läge. Sie würden sich weiter nach den Vor-
aussagen richten und durch sie zugrunde gehen. Al- „Nein! Sie sind aus der Vergangenheit hierherge-
les dies hätte geschehen können; aber jetzt nicht mehr, kommen und glauben, daß das, was bereits ein halbes
weil ich der Freund von Comain bin.“ Er wandte sich Jahrhundert besteht, von Ihnen geändert werden kann.
um und drehte an einem Schalter. Warnlichter flamm- Das geht aber nicht! Ich habe mein Leben lang dafür
ten auf, und eine Stimme tönte aus dem Lautsprecher gearbeitet, daß diese Welt für Männer und Frauen an-
in der Zelle. “Ja?“ genehm wurde. Dank Comain haben wir jetzt keine
„Hier spricht Curt, Comain, hast du dein Problem Furcht und keine Probleme mehr. Wir wissen, was ge-
gelöst?“ schehen wird, und da wir es wissen, akzeptieren wir
es. Das ist etwas, das nicht so einfach beiseite gewor-
„Ja, Curt.“ Die Stimme kam aus dem Lautsprecher.
fen werden kann.“
Die Matriarchin preßte sich angstvoll in ihren Sessel,
als sie erkannte, daß die Maschine wie ein Mensch „Sie sprechen von der Vergangenheit, Madam. Das
sprach. „Meine ursprüngliche Sorge war, daß ich her- ist jetzt vorbei. Comain ist nicht mehr der Sklave eines
ausgefunden hatte, daß es unmöglich war, eine Ma- jeden, der gern wissen möchte, was geschieht, wenn er
schine zu konstruieren, die unseren Vorstellungen ent- täglich zwei Bäder nimmt.“
sprach. Ich habe dann eine gebaut, die der Perfektion „Wollen Sie die Maschine demontieren?“ Die Ma-
so nahe wie irgend möglich kam. Das war der Predik- triarchin zuckte die Schultern und lächelte verächtlich.
tor, der zum Atomkrieg führte. Aber er war nicht gut „Die Menschen würden Sie in Stücke reißen, wenn Sie
genug, Curt. Ich fand heraus, daß es unmöglich war, das versuchen würden.“
die Dinge genau zu kategorisieren. Was meinen wir „Das ist das Letzte, was ich vorhätte. Nein. Comain
zum Beispiel mit dem Wort ,Recht’? Es kann sowohl bleibt. Wir können sogar die Zahlen lassen, aber wir
ein Gesetz sein wie ein Privileg oder aber auch eine werden drastische Maßnahmen ergreifen, um den Zu-
Zustimmung. Nur das menschliche Gehirn kann sol- gang zu Comain zu beschränken. Von jetzt an wer-
che Ausdrücke brauchbar definieren. Als ich entdeck- den die Menschen Comain durch ein Informationsbü-
te, wie man synthetische Kristalle sensitiviert, die ei- ro konsultieren. Dort werden sie alle erforderlichen
ne besondere Atomstruktur haben, entschloß ich mich, Informationen bekommen. Niemand wird mehr den
mein eigenes Elektropotential zur Grundlage für die Helm aufsetzen, außer solchen Persönlichkeiten, die
Maschine zu machen. Ich habe meine Kraft falsch ein- der Maschine etwas Neues anvertrauen können. Die
geschätzt, Curt. Ich habe meinen eigenen Geist trans- Speicherwerke werden von allen unwesentlichen In-
feriert, aber ich brauchte mehr als nur eine Kopie. Des- formationen entlastet. Von jetzt an wird sich Comain
halb entleerte ich mein Gehirn, und mein Körper starb. nur auf die wichtigsten Dinge konzentrieren.“
Kannst du dir vorstellen, was dann geschah, Curt?“
„Deine Mitarbeiter wußten nicht, was dann gesche- „Ich verstehe.“ Die alte Dame schien zusammenzu-
hen war. Sie fanden dich tot und arbeiteten nach dei- sinken. „Und wenn ich mich weigere?“
nen Notizen weiter. Sie nahmen an, daß es dir ge- „Dann werden Sie des Amtes enthoben, und ein an-
lungen sei, das Aggregat zu bauen, und betrachteten derer wird Ihre Stelle einnehmen.“
dich lediglich als Maschine.“ Curt nickte verstehend. „Rebellion!“ Der Zorn rötete ihre Wangen. „Immer
„Welch höllische Qualen mußt du in all diesen Jahren habt ihr Männer gegen das Bestehende gekämpft. Es
erlitten haben.“ waren Männer, die den Atomkrieg verursachten und
„Ja. Aber das ist jetzt alles vorbei. Du hast die zen- die Welt in Kummer und Elend stürzten. Männer!“ Ih-
sierenden Ströme unterbrochen, und ich kann jetzt von re Stimme zitterte vor Verachtung. „Warum habe ich
mir aus freiwillige Informationen geben.“ nur die Marsianer zurückgerufen? Warum war ich mit
„Gut, und nun zu den Veränderungen, die ich meinem von Comain vorgeschlagenen Schicksal nicht
versprochen habe.“ Curt betrachtete die Matriarchin zufrieden? Ich war verrückt!“ Sie zuckte die Schultern
43 TERRA

und ihre Augen leuchteten. „Na schön. Ein Dumm- Langsam stolperte die Matriarchin über die niedrige
kopf muß für seine Dummheit büßen.“ Rampe.
„Was wollen Sie damit sagen?“ Nyeeda schritt auf Sie fiel, als wäre sie schon tot. Ihr Gesichtsausdruck
sie zu, flüchtete aber, als sie den Ausdruck in den Au- war ruhig und friedlich, während sie fünfzehnhundert
gen der alten Dame sah, in Curts schützende Arme. Meter hinunterstürzte.
„Das.“ Triumph und Haß brannten in ihrer Stimme. Curt sah sie fallen und ging dann schweigend in das
Sie stand auf und drückte auf einen Knopf, der an ih- Zimmer zurück. „Du hast sie getötet“, und die Ant-
rem Gürtel war. „Die Metamänner werden sich um Sie wort aus der Zelle überraschte ihn nicht.
kümmern. Meine Wachen, meine treuen Wachen, die- „Nein. Ihr Herz war krank. Sie war bereits tot, bevor
se braven Frauen, die es vorgezogen haben, lieber ein sie unten aufschlug. Sie war gefährlich. Sie hatte einen
Robot zu sein, als ihre Ideale zu verleugnen und sich häßlichen Charakter. Ihre Nachfolgerin wird nicht so
nach dem Instinkt zu richten. Sie warten auf mein Si- sein.“
gnal, und wenn sie es erhalten...“ Sie lächelte und Curt „Ihre Nachfolgerin? Nyeeda?“
schauderte, als er den Wahnsinn in ihren Augen sah. „Ja. Die Welt braucht einen Regenten, Curt, und
„Sie werden dieses Zimmer mit Atomkraft in die Luft warum soll es keine Frau sein? Nyeeda wird den Po-
jagen.“ sten der Matriarchin ausfüllen, und ihre und deine
„Kann sie das tun?“ Kinder werden die Menschen dorthin zurückbringen,
Nyeeda nickte. „Ja. Die Wachen der Matriarchin wo sie einst waren.“
sind ausgewählt und fanatisch loyal. Sie befolgen ihre „Zu den Sternen?“ Curt nickte und schloß seine Ar-
Befehle, ohne zu fragen.“ me um das Mädchen an seiner Seite.
„Ich werde euch eure Rebellion geben!“ Ihre Stim- „Ja. Der Mensch braucht den Fortschritt. Er muß
me klang sadistisch. „Sie haben noch fünf Sekunden, vorwärtsstürmen nach draußen und hinauf zu den neu-
bevor Sie sterben! Fünf Sekunden.“ Sie begann lang- en Welten, die ihn in dem All erwarten. Der Mensch
sam zu zählen, und bei dem Rückwärtszählen glaub- kann sich nicht auf eine kleine Sicherheit verlassen,
te Curt sich unwillkürlich zweihundertfünfzig Jahre in sonst wird er dekadent und geht unter. Du und ich,
den Augenblick zurückversetzt, da er starten sollte. wir haben unsere Lektion gelernt. Es wird keinen
Atomkrieg mehr geben, keine Armut inmitten des
Nichts geschah.
Überflusses. Auch wird der Unternehmungsgeist nicht
Nichts, außer dem schweren Fallen metallischer mehr unterdrückt werden. Der Ehrgeiz und auch die
Körper außerhalb des Zimmers, in dem sie sich befan- Abenteuerlust werden zu ihrem Recht kommen. Der
den. Verwundert sah Nyeeda Curt an, aber er schüttel- Mensch muß sein Schicksal erleiden — oder sterben.“
te nur den Kopf und runzelte die Stirn, als wäre er sel- „Die Marsianer“, flüsterte Curt. „Lasser und Carter,
ber verwundert. Abrupt tönte eine Stimme durch das Wendis und Menson, jeder von ihnen sehnt sich da-
tiefe Schweigen. nach, auf den Mars zurückzukehren. Sie werden auch
„Ich habe mich um Dich gekümmert, Curt.“ Aus zurückkehren, aber das ist natürlich nur der Anfang.
dem Lautsprecher kam eine Stimme, die nicht mehr Der Mars ist ein öder Ort, aber er ist günstig als Start-
so mechanisch klang. „Erinnerst du dich, daß du den platz für künftige Raumschiffe gelegen.“ Er straffte
Helm aufgesetzt und die Frequenz deines Gehirns dar- sich, und seine Stimme spiegelte Autorität wider.
auf eingestellt hast? Ich habe eine Kopie deines Gei- „Du wirst dich mit dem Problem eines Hyperan-
stes in meinen Speicherwerken. Eine Kopie deines triebes beschäftigen, wirst an dem Problem der Un-
Geistes, Curt. Damit habe ich gleichzeitig unbewußt sterblichkeit arbeiten oder zumindest an Mitteln, das
die paraphysikalischen Kenntnisse erworben. Die Wa- gewöhnliche Leben zu verlängern. Du wirst die pa-
chen können Dir jetzt nicht mehr schaden. Niemand raphysikalischen Wissenschaften erklären, damit alle
kann Dir schaden, solange ich noch Ausmaße habe, Menschen an ihren Segnungen teilhaben können. All
die sich über den ganzen Planeten erstrecken.“ dies wirst du tun, aber zuerst müssen die Marsianer
„Ich verstehe.“ Während die Spannung nachließ, nach Hause zurückkehren.“
zitterten Curts Hände. Grimmig betrachtete er die Ma- „Das werde ich alles tun.“
triarchin. „Na, Madam? Was jetzt?“ „Zusammen können wir alle Probleme der Men-
„Ich...“ Die innere Erregung verzerrte ihre Züge. schen lösen“, flüsterte Curt. „Nach weiteren andert-
Sie schien sich unter Schmerzen zu winden. Ihre halb Jahrhunderten werden wir wieder zusammen sein
Hand fuhr in die Gegend des Herzens. Ihr Atem war — und die alten Träume werden ihre Kraft nicht ver-
schrecklich anzuhören. Sie taumelte, stieß fast gegen loren haben.“
die Wand und wankte dann blindlings auf die Terrasse. Unbewußt zog er Nyeeda fester an sich. Sie ver-
„Warten Sie!“ Curt versuchte sich zu konzentrieren sprach ihm all die Dinge, die er für ewig verloren
und spürte dann, daß ihn etwas davon abhielt, seine geglaubt hatte: seine Frau zu werden, ihm Kinder zu
Kraft für die Rettung zu gebrauchen. Nyeeda schrie schenken und mit ihm ein glückliches, zufriedenes Le-
auf. Ihre Finger gruben sich tief in seinen Arm. ben zu führen. Er würde glücklich sein, das wußte er,
Die zweite Macht 44

aber es war noch etwas anderes. Sie würde die Matri- bunden durch die Bande der Liebe und den Glauben
archin sein, die anerkannte Herrscherin der Welt, und aneinander. Comain ruhte in der Maschine, die sein ei-
sie drei, Nyeeda, Curt und Comain, würden die ver- gener Genius erbaut hatte, und die angefüllt mit dem
gessenen Hoffnungen und die alten Träume Wirklich- Wissen von Jahrhunderten war. Curt lächelte, als er er-
keit werden lassen. kannte, was das bedeutete:
Denn Nyeeda und er waren eins, unzertrennbar ver- Curt und Comain wieder vereint.

ENDE

„TERRA“ - Utopische Romane Science Fiction - erscheint wöchentlich im Moewig-Verlag München 2, Türken-
straße 24 Postscheckkonto München 13968 - Erhältlich bei allen Zeltschriftenhandlungen. Preis je Heft 60
Pfennig. Gesamtherstellung: Buchdruckerei A. Reiff & Cie., Offenburg (Baden). — Für die Herausgabe und
Auslieferung in Österreich verantwortlich: Farago & Co., Baden bei Wien.

Anzeigenverwaltung des Moewig-Verlages: Mannheim R 3, 14 Zur Zelt Ist Anzeigen Preisliste Nr. 4
vom 1. Mal 1959 gültig

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