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AL GORE

Der grüne Kandidat

Al Gore ist ein Meister der Häutung: vom Jahrhundertwahlverlierer mutierte er binnen sieben Jahren
zum Posterboy der Generation Grün. Im Wahlkampf 2000 nervte die Wähler mit seinen
besserwisserischen Seufzern, inzwischen begeistert der Oscar- und Emmy-Gewinner als "Elder
Statesman" sein Publikum.

Al Gore war unter Bill Clinton Vize-Präsident und scheiterte im Jahr 2000 im
Rennen um die US-Präsidentschaft. Schon 1992 hatte er sich mit seinem
Buch "Wege zum Gleichgewicht" als Umweltpolitiker mit großer Weitsicht
profiliert. 2007 wurde Al Gore gemeinsam mit der IPCC der
Friedensnobelpreis für ihren Einsatz für den Klimaschutz verliehen.

AP

Al Gore

Al Gore
Der grüne Kandidat

1. Al Gore: Der grüne Kandidat vom 12.10.2007 - 56 Zeichen


SPIEGEL ONLINE

2. SPIEGEL-GESPRÄCH: "Humor entsteht durch Schmerz"


vom 17.07.2006 - 12072 Zeichen
DER SPIEGEL Seite 136

3. USA: Supermacht sucht Saubermann vom 22.11.1999 - 11188


Zeichen
DER SPIEGEL Seite 188

4. USA: Gewinnen ist alles vom 12.07.1999 - 13859 Zeichen


DER SPIEGEL Seite 120

5. "Krieg mit uns selbst" vom 30.11.1992 - 12127 Zeichen


DER SPIEGEL Seite 267

6. "Bushs Feigheit ist unverzeihlich" vom 07.09.1992 - 13701 Zeichen


DER SPIEGEL Seite 176
SPIEGEL-GESPRÄCH

„Humor entsteht durch Schmerz“


Der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore über seinen Kampf gegen
die Klimakatastrophe, seinen neuen Dokumentarfilm „Eine unbequeme Wahrheit“
und ein mögliches Comeback beim Kampf ums Weiße Haus 2008

DAVID MCNEW / GETTY IMAGES


Gore-Thema Luftverschmutzung*: „Das Überleben der menschlichen Zivilisation steht auf dem Spiel“

Albert („Al“) Arnold Gore, 58, war von re Zeit haben, bis die Klimakatastrophe Gore: Wenn sich die Vereinigten Staaten
1993 bis Januar 2001 Vizepräsident Bill die Menschheit zu zerstören beginnt. dazu entschließen, das Kyoto-Protokoll
Clintons. Im November 2000 trat Gore Gore: Ja, schon. Ich denke aber, dass wir die oder ein anderes, strengeres Abkommen
selbst als Spitzenkandidat der Demokra- Krise bewältigen werden. Aber dazu sind zu ratifizieren, dann werden andere Völ-
ten an – und verlor unter umstrittenen viele Veränderungen in sehr kurzer Zeit ker, die sich jetzt ganz wohl fühlen mit
Umständen gegen den Republikaner notwendig. ihrer Klimapolitik, weil sie bei weitem
George W. Bush. Danach gründete Gore SPIEGEL: „Eine unbequeme Wahrheit“ wird nicht so schlimm ist wie das, was Ame-
einen TV-Sender, er arbeitet als Univer- präsentiert als „der bei weitem furchter- rika macht, ihren Standpunkt überprüfen
sitätsdozent und Finanzmanager. Vor regendste Film, den Sie je sehen werden“. müssen. Und dann müssen sich alle wie-
allem aber wirbt er für den Klimaschutz, Als Europäer findet man es eher erschre- der neu überlegen, ob sie genug tun. Das
neuerdings sogar im Kino: Der Doku- ckend, wie wenig sich offenbar Ihre Lands- ist der andere Grund, warum es so wich-
mentarfilm „Eine unbequeme Wahrheit“, leute der Gefahren der globalen Erder- tig ist, dass gerade die USA sich der Welt-
der Gore als unermüdlichen, überra- wärmung bewusst sind. Wie erklären Sie gemeinschaft anschließen, denn dann
schend charismatischen Mahner zeigt, sich diese Ignoranz? kann die Welt einen Schritt weitergehen
begeistert derzeit in den USA Kritiker Gore: Das Ziel meines Films ist es ja, genau und die nächsten, größeren Veränderungen
und Publikum. Die Deutschland-Pre- das zu ändern. Es liegt daran, dass die Öl- einleiten.
miere findet diese Woche beim Filmfest gesellschaften und die Kohleindustrie zu SPIEGEL: Ihr Optimismus in Ehren, aber
München statt. viel Einfluss haben. wird nicht gerade im Irak Krieg geführt,
SPIEGEL: Hat das wiederum damit zu tun, um den Ölnachschub der USA zu sichern?
SPIEGEL: Mr Gore, was für ein Auto fahren dass diese Konzerne eng mit der US-Re- Gore: Das System funktioniert eher so, dass
Sie? gierung verbunden sind? Ihr Amtsnachfol- sich die USA in China Geld leihen, um Öl
Gore: Wir haben seit ungefähr einem Jahr ger, Vizepräsident Richard Cheney, war am Persischen Golf zu kaufen und es dann
ein Hybrid-Fahrzeug, aber ich fahre nicht schließlich Chef der Ölfirma Halliburton. daheim zu verbrennen – mit dem Ergebnis,
viel. Wir haben unser ganzes Leben um- Gore: Ja, der Führungsstil einer Regierung dass unser Planet zerstört wird. Wir müs-
gestellt und uns für einen CO2-armen hat viel Einfluss auf die Art und Weise, wie sen alle diese Dinge ändern.
Lebensstil entschieden. Sogar der Doku- die Leute denken. Bush und Cheney haben SPIEGEL: Öl und Gas werden als Druckmit-
mentarfilm „Eine unbequeme Wahrheit“ uns in die falsche Richtung geführt. Wahr ist tel im globalen Machtpoker eingesetzt. Ge-
wurde teilweise mit alternativen Energien aber auch, dass viele meiner Parteifreunde rade hat Cheney Russland beschuldigt, die
produziert. Das Studio Paramount will sich weigern, etwas an den Verhältnissen von russischen Erdgaslieferungen abhän-
dafür sorgen, dass auch die Werbung und zu ändern. Das hat mit unserer politischen gige Ukraine zu erpressen.
die PR-Tournee für den Film auf CO2-spa- Geschichte und Kultur zu tun, mit der Er- Gore: Damit hat er recht, aber ich glaube
rende Art und Weise gemacht werden. oberermentalität, zu der es gehört, immer nicht, dass er wirklich besorgt war, bis ei-
SPIEGEL: Ihr ehrenwerter Einsatz wirkt wie wieder zu neuen Horizonten aufzubrechen, nige amerikanische Ölfirmen anfingen, ihre
ein Tropfen auf einen sehr heißen Stein. lange Strecken mit dem Auto zu fahren. Verträge in Russland zu verlieren.
Immerhin stellen Sie selbst in Ihrem Film SPIEGEL: Das ist genau jener Lebensstil, der SPIEGEL: Handelt Cheney noch immer wie
die These auf, dass wir nur noch zehn Jah- als typisch amerikanisch gilt: spritfressen- ein Ölmanager?
de Geländewagen, riesige Häuser, Klima- Gore: Ich muss Sie warnen: Ich fürchte, ich
* Giftwolken über dem kalifornischen Long Beach nach anlagen. Wollen Sie den ganzen American habe angefangen, bei Bush und Cheney
dem Brand in einer Ölraffinerie, 2001. Way of Life ändern? meine Objektivität zu verlieren.
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Kultur

MATT ROURKE / AP
UIP / CINETEXT

Mahner Gore in „Eine unbequeme Wahrheit“, Opfer des Hurrikans „Katrina“ (in New Orleans 2005): „Weckruf für Millionen“

SPIEGEL: Wären die Probleme nicht viel ziert. In jedem Bundesstaat gibt es mitt- lichste Problem ist, das Denken der ame-
einfacher zu lösen, wenn der Mann an der lerweile Bürgerinitiativen, die Unterschrif- rikanischen Bürger zu verändern. Denn
Spitze der US-Regierung ein Umweltakti- ten sammeln. All diese Dinge zusammen- die Politiker, egal welcher Partei, werden
vist wie Sie wäre? genommen bringen mich zu der Überzeu- nur so viel oder so wenig tun, wie die Men-
Gore: Worauf wollen Sie hinaus? gung, dass unsere Botschaft eine Wirkung schen von ihnen verlangen.
SPIEGEL: Sie ahnen es: Ob Sie 2008 erneut hat. Und nicht zuletzt gibt es jetzt noch SPIEGEL: Wollen Sie das Klimaproblem von
für das Weiße Haus kandidieren? eine weitere Stimme in der Debatte: Mut- der politischen auf die moralische Ebene
Gore: Ich bin Politiker auf Entwöhnung. Ich ter Natur hat gesprochen. hieven?
habe vier nationale Wahlkampagnen ge- SPIEGEL: Sie spielen auf Naturkatastrophen Gore: Ja, genau! Die Bürgerrechtsbewe-
führt. Ich habe das alles erlebt und muss es wie den Hurrikan „Katrina“ an? gung in den USA begann erst dann Fort-
nicht mehr haben. Ich habe herausgefun- Gore: Das war ein Weckruf für Millionen schritte zu machen, als sie in ein morali-
den, dass es andere Wege gibt, meinem US-Bürger. sches Anliegen umdefiniert wurde. Die Kli-
Land zu dienen, und diese Aufgaben ma- SPIEGEL: Hätten Sie nicht schon während makrise sollte als moralische Aufgabe und
chen mir auch noch Spaß. Wenn ich meine Ihrer Zeit im Weißen Haus mehr für den ethische Verantwortung betrachtet werden,
Diashow zur Klimakrise vorführe, sehe ich Klimaschutz tun können? weil das Überleben der menschlichen Zivi-
verständnisvolle Blicke im Publikum und Gore: Ich habe es sehr genossen, gemein- lisation auf dem Spiel steht. Wir haben nur
höre hinterher, dass sich Leute dazu ent- sam mit Bill Clinton an der Regierung zu diesen einen Planeten, wir haben nur eine
schieden haben, ihr Leben zu ändern, nach- sein. Ich bin stolz auf die Arbeit, die ich ge- Zukunft, und die ist weder republikanisch
dem sie die Show oder den Film gesehen leistet habe. Ich habe dazu beigetragen, noch demokratisch oder liberal.
haben. Das erfüllt mich mit Befriedigung. dem Kyoto-Protokoll zum Durchbruch zu SPIEGEL: Politische Gegner könnten Sie
Und ich fühle mich noch besser, wenn ich verhelfen, und habe hart daran gearbeitet, trotzdem als abgehobenen Öko-Freak dif-
merke, dass ich Fortschritte mache. die amerikanische Umweltpolitik zu verän- famieren, dem die Probleme der amerika-
SPIEGEL: Wo sehen Sie diese Fortschritte? dern. Aber letztlich war es nicht meine nischen Mittelklasse fremd sind.
Gore: Ich glaube, die Veränderung kommt. Präsidentschaft. Ich war ein Teil von ihr. Gore: Zunächst mal ist es ein Mythos, wenn
85 konservative evangelische Pfarrer, die Ich habe dabei gelernt, dass es das dring- gesagt wird, dass man sich zwischen der
lange Bush unterstützten, haben gerade Ökologie und der Ökonomie entscheiden
angekündigt, dass sie seine Politik zur Kli- müsse. Es werden Milliarden Dollar von
makrise nicht mehr mittragen werden. Sie Unternehmen verdient, die Lösungen für
haben ihre Gemeinden dazu aufgerufen, die Klimakrise entwickeln. Die alten Mus-
mitzuhelfen, die Krise zu lösen. Viele Kon- ter sind doch ohnehin nicht mehr attraktiv:
zernchefs, die in der Vergangenheit für Man steckt im Stau, atmet Smog. Ich hät-
Bush waren, darunter der Boss von Gene- te gern ein Stadtbahnsystem und komfor-
ral Electric, haben jetzt mit Bush und sei- table öffentliche Verkehrsmittel. Wir kön-
ner Politik gebrochen. 230 Städte in den nen die Lebensqualität verbessern, mehr
USA, viele davon mit republikanischen Jobs schaffen und die Gehälter anheben,
Bürgermeistern, haben unabhängig von während wir die Umwelt säubern. Sehen
der Regierung das Kyoto-Protokoll ratifi- Sie sich doch die Automobilindustrie an:
Gore (M.), SPIEGEL-Redakteure* Die Republikaner und andere haben argu-
* Andreas Borcholte, Martin Wolf in Cannes. „Ich bin Politiker auf Entwöhnung“ mentiert, dass wir in den USA die weltweit
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schlechtesten Standards in der Treibstoff- Pop-Duo Gnarls Barkley
effizienz hinnehmen sollten, um General Fröhlicher Ritt
Motors und Ford zu helfen. Und wo stehen
GM und Ford heute? machte das ausgebuffte Duo,
SPIEGEL: Sie verlieren rapide an Marktan- als sein Stück nach neun
teilen. Wochen ein paar Plätze ab-
Gore: Genau, und die Firmen, denen es gut- rutschte? Burton und Calla-
geht, sind Konzerne wie Toyota, bei denen way ließen den Superhit
neue Fahrzeuge, die den aktuellen Emis- vom Markt nehmen. Es war
sionsstandards entsprechen, so begehrt ein feiner PR-Coup, der für
sind, dass es lange Wartelisten gibt. weitere Schlagzeilen sorgte
SPIEGEL: Selbst bei großen Umweltver- und den Weg für die nächs-
schmutzern scheint es eine Trendwende zu te Single, „Smiley Faces“,
geben: Der Ölkonzern Exxon wirbt massiv freimachte.
mit Umweltthemen. Und dann brachten sie
Gore: Exxon gibt lediglich vor, etwas Positi- das dazugehörige Album
WARNER MUSIC
ves über die Umwelt zu sagen. Sie nennen „St. Elsewhere“ heraus.
das „grün waschen“. In Wahrheit sind sie Kurz danach stand es auf
die größten Widersacher, wenn es darum Platz eins der britischen
geht, diese Krise zu bewältigen. Sie geben Charts und in Deutschland
Millionen Dollar aus, um falsche Informa- in den Top Ten. Dass das Album vor Ver-
POP
tionen über die globale Erwärmung zu ver- öffentlichung kostenlos im Internet herun-
breiten. Es ist wirklich erschreckend! Das ist
das Gleiche, was die Tabakkonzerne getan
haben, um die Leute in die Irre zu führen, Verrückt nach tergeladen werden konnte, tat dem Erfolg
keinen Abbruch. Offenbar setzt Gnarls
Barkley die Marktgesetze außer Kraft.
als es um den Zusammenhang zwischen
Lungenkrankheiten und Rauchen ging. Die-
se Firmen sollten sich wirklich schämen.
SPIEGEL: Wer wird die Demokraten in den
„Crazy“ Überhaupt ist das Album ein großer
Wurf und gut gefüllt mit weiteren poten-
tiellen Hits. Versponnen wie furios kreuzen
die Pop-Freidenker alles, was nicht zu-
Das Duo Gnarls Barkley
Präsidentschaftswahlkampf 2008 führen, sammenpasst, aber dann doch ein Ganzes
da Sie nicht zur Verfügung stehen? Hillary setzt die Marktgesetze außer ergibt: HipHop mit Funk und Rock, Psy-
Clinton? Kraft: Es nahm chedelic mit Soulorgeln, akustische Gitar-
Gore: Ich weiß es nicht. Es ist noch zu früh, seinen Sommerhit auf der Höhe ren mit Elektrobeats. So wirkt das Werk
das zu sagen. des Erfolgs vom Markt. wie ein fröhlicher Ritt durch die Pop-Ge-
SPIEGEL: Das Magazin „Vanity Fair“ jeden- schichte. Dass manche Songs halbfertig

A
falls nennt „Eine unbequeme Wahrheit“ uffallen möchte natürlich jeder, der klingen, erhöht den Charme.
den „vielleicht wichtigsten Film des Jah- bei den MTV Movie Awards in Los So viel Geschick findet sich nur bei alten
res“ und setzte Sie aufs Titelbild … Angeles auftritt. Sieger an Auf- Profis. Thomas Callaway wurde schon in
Gore: … zusammen mit Julia Roberts und merksamkeitspunkten war an jenem Juni- den Neunzigern mit der Rap-Gruppe Goo-
George Clooney. Abend unangefochten eine Band, die aus die Mob bekannt. Er veröffentlichte zwei
SPIEGEL: Der „New Yorker“ druckt eine lauter „Star Wars“-Figuren bestand: Ster- gefeierte Soloalben und verfasste den Song
Lobeshymne auf Sie, der britische „Eco- nenkrieger mit Gitarren und Bass, ein zot- „Don’t Cha“, mit der den Pussycat Dolls
nomist“ erklärt Sie zum möglichen Rivalen teliger Wookiee am Schlagzeug und ein im vergangenen Jahr ein gewaltiger Hit
von Hillary Clinton. Sind Sie wenigstens Chor aus Raumschiffpiloten. „Crazy“ hieß gelang. Ebenso umtriebig war sein Partner
stolz auf so viel späte Anerkennung? passenderweise ihre Nummer. Brian Burton. Der arbeitete lange als
Gore: Sicher, ich bin auch nur ein Mensch. Es war nicht das erste Mal, dass das US- Underground-DJ und sorgte vor gut zwei
Aber ich bin mittlerweile alt genug und Anarchopop-Duo mit dem merkwürdigen Jahren für mächtig Furore, als er Musik
habe in der Politik genug durchgemacht, Namen Gnarls Barkley den anderen die der Beatles mit den Raps des Superstars
um das nicht allzu ernst zu nehmen. Ich Show stahl. Denn der Soundbastler Brian Jay-Z koppelte. Das war natürlich illegal,
bin zwar an einer Kampagne beteiligt, aber Burton und der Soulsänger und Rapper und weil die Beatles-Plattenfirma EMI mit
es ist keine Kampagne für eine Kandidatur, Thomas Callaway sind Genies der Selbst- rechtlichen Schritten drohte, stellten Blog-
sondern für ein Anliegen. Und dieses An- vermarktung. Die beiden treten mal in ger die Musik schon aus Protest auf ihre
liegen besteht darin, etwas im Bewusstsein Mönchskutten auf oder in Kostümen aus Website, zum kostenlosen Herunterladen
der Menschen zu ändern, vor allem in den „Uhrwerk Orange“ und präsentieren sich selbstverständlich.
USA: Wenn wir das nicht schaffen, ist alles als Kunstfiguren mit den Namen Danger Damit war das Werk schnell ein Erfolg,
andere völlig egal. Es ist völlig gleichgültig, Mouse und Cee-Lo Green. zur Belohnung kam der Auftrag, ein Al-
wie man in den Geschichtsbüchern steht, Vor allem aber haben sie mit „Crazy“ bum der britischen Cartoon-Pop-Helden
wenn es keine Geschichtsbücher mehr gibt den Überraschungshit des Jahres gelan- Gorillaz zu produzieren, wofür Burton
– und niemanden mehr, der sie liest! det. Die so schlichte wie herrlich ein- eine Grammy-Nominierung erhielt.
(lacht) gängige Nummer mit HipHop-Beat und Dass Gnarls Barkley eine solche Er-
SPIEGEL: Haben Sie Ihren Sinn für schwar- Soulgesang war zunächst kostenlos im folgsgeschichte wurde, liegt auch daran,
zen Humor nach der verlorenen Präsi- Internet zugänglich, wo sie sich wie ein dass die beiden hervorragende Künstler
dentschaftswahl 2000 entdeckt? Virus verbreitete. Wenig später diente sind. Und dass sie, neben allem PR-Talent,
Gore: Es heißt, der schärfste Humor ent- der Refrain als Soundtrack eines britischen Glück hatten. Dass man sein Schicksal
stehe durch Schmerz. In meinem Fall TV-Spots. nämlich nicht wirklich bestimmen kann,
kommt hinzu, dass ich immer von niedri- Und dann ging es erst richtig los: Der wissen sie selbst, wie der Songtext von
gen Erwartungen profitiert habe. Song erreichte allein als Download Platz „Crazy“ beweist: „Ha, ha, ha, Gott segne
SPIEGEL: Mr Gore, wir danken Ihnen für eins der britischen Charts, bevor die Single dich, du denkst wirklich, du hättest alles
dieses Gespräch. überhaupt in die Läden kam. Und was in der Hand.“ Christoph Dallach

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Ausland

USA

Supermacht sucht Saubermann


Zehn Wochen vor den ersten parteiinternen Vorwahlen liegen die Präsidentschaftsbewerber
im Wettstreit um Werte und Würde: Peinlich berührt von den Affären der Clinton-Ära,
sehnen sich die Amerikaner nach einem integren Kandidaten für den Job im Weißen Haus.

M. PETERSON / SABA

AP
Konkurrenten Bush, Gore im Wahlkampf: Präsidentensohn und Vizepräsident genießen einen Bonus, doch ihr Vorsprung schrumpft

D
er heilige Gral aller aufrechten US- nes Vaters vor, der Ronald Reagan 1989 ins Zwölf Monate vor dem Wahltag am
Konservativen hat 40 Kilometer höchste Amt Amerikas nachgefolgt war – 7. November 2000 ist bei Demokraten wie
nordwestlich von Los Angeles sei- und als politischer Enkel des noch immer Republikanern das Bewerberfeld dichter
nen Schrein: Der ockerfarbene Flachbau beliebten Populisten. zusammengerückt. Alle Aspiranten drü-
der „Ronald Reagan Presidential Library“, Mit dem symbolträchtigen Auftritt woll- cken jetzt aufs Tempo: Der Reigen der
ein weitläufiges Anwesen im Stil spanischer te Bush Junior nicht nur das Anrecht auf „Primaries“ – der wichtigen parteiinter-
Landgüter, dokumentiert mit 75 000 Expo- die republikanische Erbfolge für sich re- nen Vorwahlen – beginnt Ende Januar mit
naten die unglaubliche Karriere des Kali- klamieren, seine außenpolitische Grund- Entscheidungen in Iowa und wenig später
forniers – vom Bademeister zum mächtigs- satzrede und die Forderung nach einem in New Hampshire.
ten Mann der Welt. „deutlich amerikanischen Internationalis- Auch Bushs aussichtsreichste republika-
Diese Weihestätte für den Ex-Präsiden- mus“ machten klar, dass das Vorgeplänkel nische Mitbewerber, Vietnam-Veteran und
ten, der nach der Parteilegende mit seinem für die Präsidentschaftswahlen im nächs- Senator John McCain sowie Milliardär
Feldzug gegen das „Reich des Bösen“ den ten Jahr vorüber ist und der Aufgalopp der Steve Forbes, stiegen mit großen Fernseh-
Kommunismus im Alleingang besiegte, Kandidaten begonnen hat. kampagnen in das Nominierungsrennen
hatte sich George W. Bush, 53, ausersehen, Auch die Rivalen preschten vor. Schon ein. Sogar die beiden Außenseiter-Bewer-
um vorigen Freitag seinen außenpoli- Anfang vergangener Woche hatte Vizeprä- ber um die Kandidatur der Reformpartei –
tischen Kurs „für eine Welt auf dem Weg sident Al Gore, 51, ebenfalls die Westküste der rechtsextreme Ideologe Pat Buchanan
zum Frieden“ abzustecken. besucht; sein demokratischer Konkurrent, und der Baulöwe Donald Trump – bestrit-
Vor der grandiosen Kulisse der ausge- Ex-Basketballer Bill Bradley, sammelte bei ten vorige Woche Wahlkampftermine.
dörrten, staubbraunen Santa Susana Ber- einer Galavorstellung mit Sport- und Film- Zwar analysiert der ebenfalls anschwel-
ge, zu Reagans Schauspielerzeiten noch stars im New Yorker Madison Square Gar- lende Medientross jede Geste der Rivalen
Drehort für Wildwestfilme, stellte sich der den Stimmen, Sympathien und Spenden- und wägt jede Nuance ihrer Reden ab,
texanische Gouverneur als Sachwalter sei- dollars. doch in den politischen Entwürfen der
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FOTOS: SIPA PRESS (li.); AP ( re.)
Ex-Basketballer Bradley, Veteran McCain im Wahlkampf: Jagd auf den Spitzenreiter der eigenen Partei

Möchtegern-Präsidenten fanden sie bislang würdigen Nachfolger alle Themen überla- Auch bei den Rivalen menschelt es: Se-
wenig Substanz: Die Pläne, mit denen sie gert, an denen sich die rivalisierenden Kan- nator McCain aus Arizona stellt mehr Hil-
Amerikas Defizite ausgleichen wollen, ad- didaten messen lassen könnten.“ fe für „arbeitende Familien“ in Aussicht,
dieren sich nicht zu neuen Perspektiven. Clintons Charakterdefizite sind aller- Milliardär Steve Forbes fordert „größere
„Nur Töne“, rüffelte der „New Yorker“, dings nicht der einzige Grund, warum die Freiheit daheim wie im Ausland“. Der stei-
„aber keine Musik.“ Politiker sich auf stimmungsvolle Allge- fe, stets distanziert wirkende Gore gibt sich
Ausgerechnet am Vorabend des neuen meinplätze verlegen. Trotz aller rhetori- als Kumpel und verspricht „Ich kämpfe für
Millenniums, das in allen Wahlkampfreden schen Auseinandersetzung haben sich die euch“, Bradley verheißt gar die Neuauflage
als „Herausforderung“ beschworen wird, Bewerber beider großen Parteien in vielen des „Amerikanischen Traums“.
bieten die Kandidaten nur politische Pla- Fragen einander verblüffend angenähert. In Abwesenheit inhaltlicher Kontrover-
titüden. Fehlen die Visionen? Selbst bei kontroversen Themen wie Ab- sen blieben auch die zum Medienereignis
Sicher ist, dass der erste Urnengang im treibung, Schusswaffenkontrolle oder Steu- hochgeredeten TV-Debatten der Bewerber
neuen Jahrtausend, bei dem es um die erreform sind fast alle Wahlkämpfer auf blutarm. Beim ersten Auftritt vor hand-
Wahl des Präsidenten und die Mehrheit im Ausgleich und Kompromiss bedacht. verlesenen Demokraten tauschten Gore
US-Kongress geht, weniger von politischen Denn in der „moderaten Mitte“, so je- und Bradley nur höfliche Floskeln aus. Bei
Kontroversen beherrscht wird als von De- denfalls sieht es der Politologe James Thur- den Republikanern geriet der Talkshow-
batten um Anstand und Moral, Vertrauen ber von der Amerikanischen Universität Auftakt erst recht zum Flop – Spitzenmann
und Ehrlichkeit. Bei unverändert starkem in Washington, ballt sich das Wechsel- Bush glänzte durch Abwesenheit.
Wirtschaftswachstum und verbreiteter Pro- wähler-Potenzial unter den 200 Millionen Statt inhaltlicher Auseinandersetzung
sperität stehen wolkige Werte, nicht knall- stimmberechtigten Amerikanern. Und ge- dominieren schöne Bilder: Die Werbung
harte Konzepte zur Wahl. nau deswegen „vermeiden die Kandidaten der Wahlkämpfer, unterlegt von fetzigem
Denn am Ende der achtjährigen af- politische Extreme“. Pop oder öliger Klassik, erzählt von Land-
färenreichen Amtszeit von Bill Clinton So rügt Bush Jr. schon mal den radika- schaften, Menschen und Momenten, wel-
wünschen sich die Amerikaner wieder ei- len Sozialabbau seiner erzkonservativen che die Kandidaten prägten, und beschert
nen Präsidenten, zu dem sie aufblicken Parteifreunde als „herzlos“ und geht auf sentimentale Erinnerungen an Familie und
können, eine charakterfeste Vaterfigur, die Distanz zu ultrareligiösen Rechten. „Seine Jugend – die private Vergangenheit scheint
Intelligenz und Integrität ausstrahlen soll. Parole vom mitfühlenden Konservativis- wichtiger zu sein als die politische Zukunft.
Die Supermacht sucht einen Saubermann. mus“, so ein demokratischer Wahlkampf- In dieser Kür der Charakterdarsteller
Nicht länger soll das Weiße Haus in stratege neiderfüllt, „gehört patentiert – holen die derzeit Zweitplatzierten – De-
den Ruch einer Absteige geraten, in der sie verbindet Nächstenliebe mit dem mokrat Bradley und Republikaner McCain
Übernachtungen in historischen Schlaf- Appell zur Selbsthilfe.“ – auf. Beide, der eine als ehemaliger Sport-
zimmern an dollarschwere Par- star, der andere als Kriegsheld,
teispender vermittelt werden. Das Weißes Haus in Washington: Debatte um Anstand und Moral sind Teil des Mythos Amerika. Das
Amtszimmer des Präsidenten, Duo punktet, so „Newsweek“, mit
durch Clintons Quickie-Sex zum einer „Aura der Authentizität“.
„Oral Office“ degradiert, soll wie- Basketball-Star Bradley, 56, der
C. BORNIGER / AGENTUR FOCUS

der die Würde einer Weltmacht 1964 als Kapitän der Olympia-
ausstrahlen. mannschaft in Tokio die Russen
„Bill Clinton hat die Atmosphä- besiegte, war stets erfolgreich:
re dermaßen mit Zweifeln an sei- Noch während seiner Sportkarrie-
nem Charakter durchsetzt“, re studierte der Rhodes-Stipendiat
schrieb die „Washington Post“, in Cambridge und Princeton. Als
„dass die Suche nach einem glaub- er nach 18 Jahren im US-Senat
189
Ausland

1996 der Politik den Rücken kehrte, gelang anderen Bewerber. Denn ihm wird nicht
ihm ein schneller Aufstieg zum erfolgrei- nur Anteil an den unbestrittenen Erfolgen
chen Wirtschaftsberater. der vergangenen acht Jahre gutgeschrie-
Der Ex-Senator, verheiratet mit einer ben. Bleischwer trägt Gore am Ballast
deutschstämmigen Literaturwissenschaft- des affärengeplagten Weißen Hauses:
lerin, pflegt ein professorales Image – bis „Clinton-Müdigkeit“ nennen die Wahl-
hin zum schlecht sitzenden Konfektions- kampfforscher dies politische Handicap.
anzug – und setzt auf seinen guten Ruf. „Er Alle Anstrengungen, sich von Clinton
ist ein Hit“, rühmt ihn ein früherer Team- zu distanzieren und das Image eines un-
kollege von den New York Knicks, „und verbesserlichen Langweilers abzustreifen,
H-I-T steht für Ehrlichkeit (Honesty), An- gerieten zum Fiasko. Seit obendrein be-
ständigkeit (Integrity) und Glaubwürdig- kannt wurde, dass Gore die feministische
keit (Trust).“ Im Heimatstaat New York Autorin Naomi Wolf für ein Monatsgehalt
liegt er in Umfragen bereits deutlich vor von 15 000 Dollar angeworben hatte, um
dem Konkurrenten Gore. ihm – dem ewigen Zweiten – das Verhalten
Ähnlich positive Charaktereigenschaf- eines aggressiven „Alpha-Männchens“ an-
ten wie Bradley kann auch der republika- zutrainieren, spottet die Nation über die
nische Senator McCain, Versuche des Vize, sich
63, für sich reklamieren. „neu zu erfinden“.
Der Sohn und Enkel In diesem Punkt zu-
berühmter US-Admira- mindest hat Gouverneur
le wurde 1967 bei sei- Bush es leichter. Zwar ist
nem 23. Einsatz als Ma- seine vergangene Woche
rineflieger über Vietnam publizierte Lebensge-
abgeschossen. Er ver- schichte nicht gerade

FOTOS: AP
brachte über fünf Jahre eine fesselnde Heldenle-
in Gefangenschaft, wur- gende. Doch der flie-
de gefoltert und musste Sohn, Vater Bush (1968) ßend Spanisch spre-
ein „Geständnis“ unter- chende Texaner kann
schreiben. zumindest auf eine bür-
Heute kann der Poli- gerliche Karriere als Ge-
tiker aus Arizona, der schäftsmann in der Erd-
1982 als Seiteneinsteiger ölbranche zurückblicken
in die Politik wechselte, und reüssierte als Mana-
seine Vergangenheit als ger und Mitbesitzer ei-
Wahlempfehlung nut- nes erfolgreichen Sport-
zen. Das Haft-Epos clubs.
„Glaube meiner Väter“, Dass der Gouverneur
im September als Buch in seiner Jugend als
erschienen, erklomm Trinker und Frauenheld
rasch die Bestsellerlis- bekannt war und dabei
ten; den ursprünglich ge- womöglich auch Drogen
waltigen Rückstand zum ausprobiert hat, dürf-
Rivalen Bush konnte er te ihm eher als Plus-
schnell verringern. punkt angerechnet wer-
Neben solch roman- den: Bush Junior unter-
reifen Biographien wir- scheidet sich dadurch
ken die geordneten Le- Präsident Nixon, McCain (1973) kaum vom Durch-
bensläufe von George schnittsamerikaner.
W. Bush und Al Gore banal: Der Gouver- Das gilt allerdings ebenso für die außen-
neur von Texas verdankt vor allem seinem politische Kompetenz des Kandidaten: Ein
Namen den Aufstieg zum republikanischen Fernsehinterview mit Testfragen zur aktu-
Spitzenbewerber. Nicht zuletzt mit der ellen Weltpolitik entlarvte unlängst klaf-
Hilfe seines Vaters konnte er eine Wahl- fende Lücken. „Ich habe mich nie für ein
kampfkasse von 60 Millionen Dollar zu- großes Genie ausgegeben“, gestand der
sammenbetteln – eine auch für US-Ver- Gouverneur nach dem blamablen Quiz,
hältnisse astronomische Summe. „trotzdem bin ich ganz schön aufgeweckt.“
Nach acht Jahren an der Seite Bill Clin- Auch damit outete sich George W. Bush
tons ist Vizepräsident Gore zwar der logi- als wahrer Erbe Ronald Reagans: Der näm-
sche Spitzenkandidat seiner Partei. Aber lich brachte schon vor seiner Alzheimer-Er-
der Sohn einer Politikerdynastie aus Ten- krankung die Namen fremder Länder
nessee, in der Penthouse-Etage eines durcheinander und vergaß auch mal die
Washingtoner Nobelhotels aufgewachsen, seiner Kabinettsmitglieder.
wirkt wie das genaue Gegenteil eines „Ich habe gesunden Menschenverstand
Volkstribuns, seine pfeilgerade Polit-Kar- und guten Instinkt“, rühmt der derzeit
riere bietet keinen Stoff für Legenden. aussichtsreichste Präsidentschaftsbewer-
Da nützt es wenig, dass Gore sich durch ber die eigenen Qualitäten: „Das ist es,
Fleiß, Intelligenz und Erfahrung besser für was das Volk von seinem Führer erwar-
das Präsidentenamt qualifiziert hat als alle tet.“ Stefan Simons

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Ausland

USA

Gewinnen ist alles


Amerika rüstet schon für das Duell um die Präsidentschaft 2000: Al Gore und George W. Bush
sind in den Vorwahlen kaum noch zu schlagen. Während Clintons Vize sich von seinem
Chef im Weißen Haus emanzipieren will, verkörpert Bush die neue Hoffnung der Republikaner.

D
er Ruf zur Macht ereilte George W. litisches Amt an, als Gouverneur von Te- nach der enttäuschenden Kongreßwahl
Bush im Gotteshaus. Aber er kam xas. Die Südstaatler mochten den locke- und der gescheiterten Amtsenthebung
nicht von oben, sondern von hin- ren Burschen aus feiner konservativer Clintons gerupft am Boden. Ihr Chefideo-
ten. Pastor Mark Craig predigte gerade Familie, der so undogmatisch mit den De- loge Newt Gingrich, der 1994 die konser-
über Moses, der sich dem Auftrag des mokraten zusammenarbeitete, das Bil- vative Revolution ausgerufen hatte, trat
Herrn widersetzen wollte, über Pflicht, dungssystem verbesserte und Steuern kleinlaut ab. Sein Nachfolger Bob Living-
Führertum und Opferbereitschaft, als Bar- kürzte. Zwar läßt die texanische Verfas- ston mußte wegen Ehebruchs gehen.
bara Bush sich zu ihrem Sohn vorlehnte sung dem Gouverneur wenig Macht, doch Eiferer der erzkonservativen Christli-
und zischte: „Der spricht zu dir, George.“ seine praktische Art beschert ihm Sym- chen Koalition drückten die Partei mit ra-
Zuvor war die einstige First Lady schon pathien. Vergangenen November wurde dikalen Positionen immer weiter nach
einmal deutlicher geworden: „Ich bring’ er mit 69 Prozent triumphal wieder- rechts. Vor Beginn des Präsidentschafts-
ihn um, wenn er nicht kandidiert.“ Der äl- gewählt – das war zuvor noch keinem wahlkampfes 2000 schienen die Chancen,
teste Sproß wehrte ab: „Ich bin nicht so- gelungen. das Weiße Haus zurückzuerobern, für die
weit.“ Nur zu gut kennt der Sonnyboy die Das ferne Washington horchte auf. Dort Republikaner schlechter denn je, zumal die
Härten des Lebens im Weißen Haus. Seine lag die republikanische „Grand Old Party“ Demokraten mit Clintons Vize Al Gore
Frau Laura und die 17jährigen
Zwillingstöchter Jenna und
Barbara waren ebenfalls mäßig
begeistert von der Aussicht,
nur noch mit Bodyguards aus-
gehen zu dürfen.
Doch nach jenem Gebetstag
im Januar erlag George W.
Bush, 53, den Einflüsterungen
seiner willensstarken Mutter.
Er beschloß, Präsident der Ver-
einigten Staaten zu werden,
das von seinem Vater 1992 an
den Demokraten Bill Clinton
verlorene Amt für die Repu-
blikaner zurückzugewinnen.
Nur einmal konnte bislang
der Sohn eines Präsidenten in
die Fußstapfen des Vaters tre-
ten. John Quincy Adams war
von 1825 bis 1829 sechster US-
Präsident, sein Vater hatte als
zweiter Staatschef von 1797 bis
1801 amtiert.
Die Aussichten von Bush Jr.,
dies nun zu wiederholen, sind
blendend. Die Präsidentschaft
des alten Bush war die Krö-
nung einer konsequenten re-
publikanischen Politikerkar-
riere. Bush Jr. dagegen nutzt
die Gunst der Stunde. Ihn
treibt keine lebenslange Ideo-
logie, auch geht es ihm nicht
um ein feststehendes Pro-
gramm. Den Sportfan reizt die
Vorstellung, das spannendste
Spiel der Welt zu gewinnen.
Gerade mal vor fünf Jahren,
mit 48, trat er sein erstes po- Wahlkämpfer Bush, Ehefrau: „Meine Mission ist Wohlstand und der amerikanische Traum für alle“
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eine scheinbar sichere Trumpf- ne Einreiseerleichterung
karte ausspielen konnten. für Computerspeziali-
Eine rege Reisetätigkeit in die sten, verbesserte Export-
texanische Hauptstadt Austin be- bedingungen für High-
gann. Während andere Präsident- Tech-Produkte und Steu-
schaftsbewerber bereits durchs ersenkungen.
Land tingelten, empfing Bush auf Schecks zu 1000
der Veranda seines Hauses fast Dollar – die gesetzlich
täglich Abgeordnete, Senatoren, erlaubte Spendenhöchst-
Parteiobere und Berater aus Wa- grenze pro Privatperson
shington. Er ließ sich bitten, Ver- – flattern schneller auf
pflichtungen wurden gemacht, sein Konto, als die Buch-
Verbindungen geschmiedet. halter zählen können.
Denn der Heiland schien ge- Bushs Netzwerk aus al-
funden. Wie kein anderer erfüllt ten Familienverbindun-
Bush die Stellenbeschreibung als gen und neuen Freunden
Retter der Republikaner. Er steht funktioniert reibungslos.
für Familienwerte, hat Kontakte, Ende Juni hatte er 36,3

AP
einen berühmten Namen und vor Bush-Konkurrent Gore, Ehefrau: 18 Millionen Dollar gesammelt Millionen Dollar ein-
allem Geld. Ein Versöhner, kein getrieben und damit den
Spalter, seine Auffassungen sind ver- Das klingt gut und läßt Platz für alle Wahlkampf vollkommen auf den Kopf
gleichsweise moderat, und er hat kein Pro- Hoffnungen. Das Partei-Establishment er- gestellt.
blem mit ethnischen Minderheiten; latein- kannte das Potential, zumal der junge Bush, Geschockt beobachten die Mitbewerber
amerikanische Einwanderer kann er auf anders als sein aristokratisch wirkender Va- in den eigenen Reihen seinen fast schon
spanisch ansprechen. Die Botschaft, die er ter, volkstümlichen Charme versprüht. Er räuberischen Fischzug. Nie zuvor wurde
mittlerweile landauf, landab verkündet, ist lacht, bis sich vergnügte Falten wie eine in den Vorwahlen eine solche Summe ge-
simpel, aber eingängig: Einen Konservati- Ziehharmonika um seine Augen legen. Er sammelt. Den zwölf Parteirivalen Bushs –
vismus mit Herz wolle er, praktisch einen läuft, als wäre er gerade vom Pferd gestie- mit Ausnahme des Verlegertycoons Steve
sozialverträglichen Rechtsruck. gen: rundbeinig, Gürtelschnalle voraus, Forbes – schnürt dieser einseitige Geldfluß
stiefelt er mit geradezu clintonesker Kon-
taktfreudigkeit auf Menschen zu. Der Doppelpack Clinton-Gore
Clintons berühmten Doppelgriff – die
Rechte schüttelt die Hand, die Linke greift
erweckt den Eindruck, daß die
vertraulich zum Unterarm – hat er ins Te- alte Gang am Ruder bleibt
xanische übersetzt: Er tätschelt die Schul-
tern seiner Fans gerade so wie den Hals ei- gänzlich die Luft ab. Seit 1976 das Wahl-
nes Pferdes. kampffinanzierungsgesetz in Kraft trat, ge-
Nun kennt die Begeisterung der ausge- wann immer der Betuchteste die Nomi-
hungerten Konservativen keine Grenzen nierung.
mehr. 36 Senatoren, 100 Kongreßabgeord- Für Al Gore, 51, könnte es bei den Präsi-
nete, etliche Gouverneure und 2000 Spen- dentschaftswahlen im November 2000 eng
der huldigten ihrer neuen Lichtgestalt beim werden. Der Luftikus aus Texas liegt in den
Antrittsbesuch in Washington. Sympathiewerten mit 54 zu 38 Prozent vor
Am 12. Juni startete Bush seine Wahl- dem steifen Polit-Profi Gore. Obwohl er den
kampftour für die Vorwahlen im Frühling, gesamten Apparat des Weißen Hauses hin-
und seither will der Rummel nicht mehr ter sich hat, sammelte der Topmann der De-
aufhören. Seine Kampagne ist längst präsi- mokraten nur etwas über 18 Millionen
dial, perfekt organisiert und bis ins kleinste Dollar ein. Sein Mitbewerber Bill Bradley,
Detail geplant. Seine Mitbewerber sind zu ein ehemaliger Basketballspieler und Pu-
Statisten degradiert. Sein Anhang schwillt blikumsliebling, zwackte 11,5 Millionen ab.
lawinenartig. Ob bei den Altreichen in Be- Dumm für Gore auch, daß Hillary Clin-
verly Hills oder den Neureichen im Silicon ton mit ihrer Kandidatur für den New Yor-
Valley, die Fundraising-Dinner sind ausver- ker Senatsposten zur unerwünschten Kon-
kauft. Er küßt kleine mexikanische Mäd- kurrenz wird. Sie zieht nicht nur enorm
chen und spielt mit schwarzen Jungs bei viel Aufmerksamkeit, sondern ebenfalls
40 Grad im Schatten Football. Und kaum er- eine Menge demokratisches Geld ab. Bei
blickt er eine Hochschwangere, läßt der Fa- Clinton-müden Wählern erweckt der er-
milienvater sich mit ihr ablichten. neute Doppelpack Clinton-Gore strafver-
Selbst Demokraten beschnuppern den schärfend den Eindruck, daß die alte Gang
Wundermann neugierig. In Los Angeles lud auch ohne Bill weiter am Ruder bleibt.
der Vizepräsident von Warner Brothers, Deshalb setzt sich Gore zunehmend von
Terry Semel, den Texaner in sein Haus seinem Dienstherrn ab und geißelte sogar
nach Hollywood. Hundert Gäste aus der dessen Lewinsky-Affäre. Zur Strafe kriti-
eher linken Entertainment-Industrie woll- siert der begabte Wahlkämpfer Clinton die
ten den Republikaner kennenlernen, dar- Strategie seines Vize: Gore müsse seine
unter Schauspieler Warren Beatty und Pa- Sachkenntnis ausspielen und Bush wegen
REUTERS

ramount-Chefin Sherry Lansing. fehlender Inhalte viel schärfer attackieren.


In einer anderen Demokratenhochburg, Derweil überlegt Bush bereits, auf staat-
dem Silicon Valley, versprach Bush ei- liche Wahlkampfhilfe zu verzichten. Das
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Ausland

würde ihm erlauben, bei den Vorwahlen einer, der das Land zusammenschweiße Die Liste der Todeskandidaten und der
in den wichtigen Staaten ohne Beschrän- und die Wirtschaft am Laufen halte. Exekutionen ist mit Abstand die längste
kungen Geld auszugeben. Doch parado- Dabei lohnt es sich, genauer auf seine im ganzen Land. 92 Gefangene starben in
xerweise kann sein Reichtum auch gefähr- Taten in Texas zu blicken. Sein Plan, die Bushs über fünfjähriger Amtszeit.
lich werden. Schon stempelt die Konkur- Vermögensteuer zu senken, scheiterte Sieht so ein Moderater aus? „Nach einer
renz Bush zum Kandidaten des Geldes. knapp. Er erhöhte die Lehrergehälter und Zeit des Zynismus“, wettert Bush, „ist das
Forbes nennt ihn ein Instrument von In- führte regelmäßige Prüfungen ein, um si- Land hungrig nach neuem Stil. Ich bin
teressengruppen in Washington. „Blan- cherzustellen, daß Kinder anständig Lesen stolz, ein mitfühlender Konservativer zu
koschecks für ein unbeschriebenes Blatt“, und Schreiben lernen. Doch immer noch sein, das ist meine Grundlage.“
höhnen Mitglieder des Gore-Teams. „Geld fallen besonders hispanische Kinder durch Doch nicht alle goutieren den texani-
mag wichtig sein, aber Ideen sind wichti- das Schulsystem. schen Freistil des George W. Bush. Politi-
ger“, sagt Clinton. Er schaffte es, im Ölland Texas High- sche Gegner und natürlich die US-Medien
Der Präsident trifft damit einen neural- Tech anzusiedeln, und verhinderte per Ge- suchen derzeit nach dunklen Flecken im
gischen Punkt. Denn trotz seiner Tri- setz, daß die Computerfirmen für Jahr- Leben des strahlenden Kandidaten. Denn
umphzüge bleibt Bushs Vorstel- der berühmte Sohn ist ein ver-
lung bisher ziemlich substanzlos. zogener Baby Boomer. Auf den
Als er auf dem Flughafen von Eliteschulen Andover, Yale und
San Diego unter leuchtendem Harvard fiel er auf als guter
Vollmond seine Kalifornien-Tour Sportler, heftiger Trinker, Party-
startete, bot er nur Symbolik: gänger und Frauenbetörer. 1968
„Meine Mission ist Wohlstand gelang es dem Sohn des da-
und der amerikanische Traum maligen Kongreßabgeordneten
für alle. Es gibt viel Arbeit, ich George Bush, trotz langer War-
bin bereit.“ teliste in die Pilotenausbildung
Seine Standardrede enthält der texanischen Nationalgarde
viel Pathos und vermeidet Kon- aufgenommen zu werden. Diese
kretes. Dem Amt will er die Wür- Einheit, in der sich Sprößlinge
de wiedergeben, kein Kind darf wichtiger Familien tummelten,
vernachlässigt werden, auch soll mußte nicht nach Vietnam.
sich der Präsident nicht von Um- 1977 startete Bush mit den
frageergebnissen leiten lassen. Kontakten seines Vaters und dem
Doch was ist „mitfühlender Geld von Finanziers eine Öl-
Konservativismus“? Bushs Ant- bohrfirma in Midland. 1978 kan-
wort: „Es ist Konservativismus, didierte er für den Kongreß, wur-
die Steuern zu senken. Es ist mit- de aber nicht gewählt. Vier Jah-
fühlend, den Leuten mehr von re später scheiterte der Börsen-
ihrem Geld zu lassen. Es ist kon- gang seiner Firma kläglich, 1986
servativ, Sozialhilfe zu verrin- zwang ihn die Ölkrise zum Fu-
gern, indem man die Leute zur sionieren. Er bekam Anteile und
Arbeit bewegt. Es ist mitfühlend, einen Beratervertrag und feierte.
Wohlfahrtsverbände und Kir- Am Tag nach seinem 40. Ge-
chen zu unterstützen, die sich burtstag erwachte Bush mit ei-
dann um die Übriggebliebenen nem furchtbaren Kater und gab
kümmern. Es ist konservativ, auf nach einem heftigen Krach mit
Bildungsstandards zu bestehen. seiner Frau das Trinken auf. Von
Es ist mitfühlend, dafür zu sor- da an sollte alles anders werden.
gen, daß kein Kind zurück- Doch das „Wall Street Journal“
bleibt.“ verbreitete jüngst das „unbe-
REUTERS

Sehr allgemein formuliert er wiesene Gerücht“, daß der Sohn


seine Prinzipien: Steuerkürzun- bei der Amtseinführung des Va-
gen, freier Handel, verbesserte Wahlkämpferin Clinton: Unerwünschte Konkurrenz ters 1989 Kokain geschnupft
Bildung, weniger Regierung, habe.
mehr freier Markt, mehr Militär. Reizthe- 2000-Schäden haftbar gemacht werden Im selben Jahr gelang dem jungen
men wie Waffenkontrolle und Abtreibung können. Zudem sind die Umweltvorschrif- Bush endlich ein Coup ganz nach seinen
weicht er dagegen aus, etwa so: Ich bin ten extrem lax. Neigungen. Mit Hilfe von Papas Kontak-
gegen Abtreibung, aber die Welt ist nicht Nachdem ein Schwarzer hinter einem ten kaufte er sich in die populäre Base-
ideal. Gleichgeschlechtliche Ehen findet er Auto zu Tode geschleift worden war, ballmannschaft Texas Rangers ein und
zwar unnormal, aber er unternimmt nichts drückte sich Bush um die Verabschiedung wurde Team-Manager. Vergangenes Jahr
dagegen. Das beruhigt die Liberalen, den eines Gesetzes, das Verbrechen gegen Min- wurde die Truppe verkauft und er reich.
Rechten läßt es Hoffnung. derheiten schärfer bestrafen sollte. Statt Sein Anteil am Gewinn: 14,9 Millionen
Laut einer „Newsweek“-Umfrage von dessen untersagte er den Städten, gericht- Dollar.
Ende Juni wissen nur fünf Prozent der re- lich gegen die Waffenindustrie vorzuge- Schon jagen Reporter seinen Steuerbe-
publikanischen Wähler viel über ihr Idol. hen. Allein 1999 verabschiedete er neun scheiden nach, wühlen in alten Akten und
Manche haben davon gehört, daß er, geo- Verordnungen, die Abtreibungen er- kontrollieren, ob Bush je schräge Deals
graphisch unbewandert, Griechier („Gre- schweren. gemacht hat. Der hält sich bedeckt, gibt
cians“) sagte und Kosovarier, auch kann Obwohl Bush sich als Fan von Resozia- nichts zu und will nichts ausschließen: „Als
er Slowenien und Slowakei nicht unter- lisierung gibt, stehen in Texas kaum Pflicht- ich jung und unvernünftig war, war ich
scheiden. Der Begeisterung tut das keinen anwälte zur Verfügung; wenn überhaupt, eben jung und unvernünftig.“
Abbruch. Bush, so glauben die meisten, sei werden sie erbärmlich schlecht bezahlt. Michaela Schiessl

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