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2.

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Zeitschrift für
Archäologie und
Kulturgeschichte

Medizin im
Altertum € 12,90 (D)
€ 14,90 (A) / sFr 25,–
www.antikewelt.de

ITALIEN DEUTSCHLAND GRIECHENLAND


Die Neuentdeckung Eine hellenistische Die Rolle alter
eines dorischen Skulptur im Münster zu Menschen im
Tempels in Paestum Aachen klassischen Athen
Für Abonnenten: Mit der Kultur-
Card günstiger ins Museum
46 Partner an 39 Standorten: Archäologisches Landesmuseum
Baden-Württemberg
NEU
Albersdorf, Steinzeitpark Dithmarschen
Benediktinerplatz 5, 78467 Konstanz
Basel, Antikenmuseum und Sammlung Ludwig
www.konstanz.alm-bw.de
Blaubeuren: urmu - Urgeschichtliches Museum
Bramsche-Kalkriese, Museum und Park Kalkriese Öffnungszeiten
Bremerhaven, Deutsches Auswandererhaus Di bis So und feiertags: 10-18 Uhr
Brandenburg, Archäologisches Landesmuseum Dauerausstellung: € 4,- (statt € 6,-),
Chemnitz, smac - Staatliches Museum für Archäologie Sonderausstellungen: € 5,- (statt € 7,-)
Darmstadt, Institut Mathildenhöhe – Künstlerkolonie Goethe-Museum Düsseldorf /
Darmstadt, Schlossmuseum Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung
NEU Düsseldorf, Goethe-Museum Jacobistraße 2, 40211 Düsseldorf
Essen, Ruhr Museum UNESCO-Welterbe Zollverein www.goethe-museum.de
Frankfurt, Archäologisches Museum
Öffnungszeiten
NEU Frankfurt, Historisches Museum
Di, Mi, Do, Fr, So und an Feiertagen: 11-17 Uhr, Sa 13-17 Uhr
Geisa, Gedenkstätte Point Alpha
Glauberg, Keltenwelt am Glauberg ›2 Karten zum Preis von 1‹
Halle (Saale), Landesmuseum für Vorgeschichte
kult Westmünsterland
Hamburg, Archäologisches Museum Kirchplatz 14, 48691 Vreden
Hamburg, Auswanderermuseum BallinStadt www.kult-westmuensterland.de
Ingolstadt, Bayerisches Armeemuseum
Ingolstadt, Museum des Ersten Weltkriegs
Öffnungszeiten
Di bis So 10-17 Uhr, Archive und Bibliothek Di-Fr 10-16 Uhr
Ingolstadt, Bayerisches Polizeimuseum
Kassel, Museum für Sepulkralkultur 50% Ermäßigung auf Familien-, Erwachsenen-
NEU Konstanz, Archäologisches Landesmuseum BaWü Tageskarte sowie bei Veranstaltungen u. Konzerten.
NEU Luckau, Niederlausitz-Museum
Linden-Museum, Stuttgart
Lübeck, Europäisches Hansemuseum
Hegelplatz 1, 70174 Stuttgart
Lüneburg, Ostpreußisches Landesmuseum
www.lindenmuseum.de
Manching, kelten römer museum
Manderscheid, Maarmuseum Öffnungszeiten
Mannheim, TECHNOSEUM Di bis Sa 10-17 Uhr, Mi 10-20 Uhr; So und Feiertage: 10-18 Uhr,
Memleben, Kloster und Kaiserpfalz Für Dauerausstellungen ›2 Karten zum Preis von
Mettmann, Neanderthal Museum 1‹, bei Sonderausstellungen € 10,- statt € 12,-
Nebra, Arche Nebra
Neustrelitz, Kulturquartier Historisches Museum, Frankfurt
Saalhof 1, 60311 Frankfurt am Main
Neuwied, MONREPOS
www.historisches-museum-frankfurt.de
Perl-Borg, Römische Villa Borg
Rothenburg o.d.T., Mittelalterliches Kriminalmuseum Öffnungszeiten
Schaffhausen, Museum zu Allerheiligen Di bis Fr 10-18 Uhr. Mi 10-21 Uhr, Sa/So 11-19 Uhr
Schöningen, Paläon
›2 Karten zum Preis von 1‹
Sierre, Rilke-Museum (Fondation Rilke)
NEU Speyer, Historisches Museum der Pfalz Historisches Museum der Pfalz, Speyer
NEU Stuttgart, Linden-Museum Domplatz, 67346 Speyer
NEU Vreden, kult Westmünsterland www.museum.speyer.de

Weißenburg, RömerMuseum Öffnungszeiten Di bis So 10-18 Uhr


Weißenburg, Römische Thermen € 2,- Ermäßigung bei regulärem Erwachsenen-
Weißenburg, ReichsstadtMuseum Eintritt (alle Ausstellungen)
Wittelshofen, Römerpark und Limeseum
Niederlausitz-Museum Luckau
Nonnengasse 1, 15926 Luckau
www.niederlausitzmuseum-luckau.de/
Nähere Infos zu allen KulturCard-Partnern
sowie zu Art und Umfang der jeweiligen Öffnungszeiten
Vergünstigung stets aktuell Di 10-17 Uhr, Mi 13-17 Uhr, Do-So 10-17 Uhr
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unter wbg-kulturcard.de ›2 Karten zum Preis von 1‹
EDITORIAL

VOM BESCHWÖRUNGSPRIESTER
ZUM MEDICUS

D ie große Sonderausstellung «Medicus – Die Macht des Wissens» im Historischen Museum der
Pfalz in Speyer, die bis zum 21. Juni 2020 zu sehen ist, möchten wir zum Anlass nehmen,
einen Einblick in den aktuellen Forschungsstand zur antiken Medizin zu geben. Unterschiedliche
altertumswissenschaftliche Disziplinen wenden sich dem Thema mit ihrem je eigenen Blick-
winkel zu, so dass ein vielseitiges und facettenreiches Bild vormodernen medizinischen Wissens
entsteht und die enge Verbindung zu Religion und Magie sichtbar wird – eine uns zunächst sehr
fremd und archaisch anmutende, in manchen Aspekten aber auch erstaunlich aktuelle Betrach-
tungsweise des menschlichen Körpers und seiner Leiden. Holger Kieburg
Chefredaktion
Während in Speyer der Blick bis zu den Ärzten der Neuzeit reicht, konzentrieren sich unsere ANTIKE WELT
Autorinnen und Autoren auf altägyptische, assyrische und griechische Heilkundige und ihr Welt-
verständnis.

Wir freuen uns auch schon auf das nächste Sonderheft der AW, das Sie als Abonnentinnen und
Abonnenten wie immer direkt nach Hause erhalten. Der renommierte italienische Archäologe
Umberto Pappalardo gibt einen anschaulichen Überblick über die Olympischen Spiele der Antike
und konnte für eine ausführliche Einleitung den japanischen Archäologen Masanori Aoyagi
gewinnen, der Präsident der Cultural and Education Commission der Olympischen Spiele in Tokio ist.

Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen


Ihre AW-Redaktion

Richtigstellung
Wir möchten darauf hinweisen, dass der Autor des Artikels
«Die Hand an der Wiege» (ANTIKE WELT Heft 1/2020), Maximilian
Veigel, irrtümlicherweise einen Doktortitel in der Adressangabe
unsererseits erhalten hat. Diesen formalen Fehler bitten wir zu ent-
schuldigen.

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ANTIKE WELT 2/20
TITELTHEMA MEDIZIN IM ALTERTUM
8 MEDIZIN IM ALTEN ÄGYPTEN – DAS WISSEN DER ALTÄGYPTISCHEN ÄRZTE
von Rebecca Braun Die Autorin gibt einen spannenden Einblick in die Methoden und Praktiken der
altägyptischen Ärzte und untersucht dabei auch, ob es innerhalb der damaligen Medizin
eine Spezialisierung auf einzelne Fachdisziplinen gegeben hat.

13 ARZT UND MAGIER – EIN EINZIGARTIGER MEDIZINISCHER PAPYRUS


von Thierry Bardinet AUS ÄGYPTEN
In welcher Rolle sahen sich die altägyptischen Ärzte und welche Wege sie beschritten,
um Krankheiten zu behandeln? Dieser und weiteren Fragen kann Thierry Bardinet
dank des Papyrus «Louvre E 32847» nachgehen, der als wichtigstes Zeugnis über die
altägyptische Medizin gilt.

16 ASKLEPIOS – VATER EINER INTEGRATIVEN MEDIZIN IN DER ANTIKE


von Florian Steger Das Symbol des Asklepios – die sich um einen Stab windende Schlange – wird heute
noch in der Pharmazie verwendet. Doch wann entstand der Kult des Heilgottes,
welche Auswirkungen hatte er auf die damalige Gesellschaft und welche antiken Zeug-
nisse sind auch heute noch sichtbar?

26 KRANKHEITSBILDER UND KÖRPERLICHE DEFIZITE – HELLENISTISCHE


von Ergün Laflı «PATHOLOGISCHE TERRAKOT TEN» AUS SMYRNA
Der Autor stellt eine Gruppe ungewöhnlicher Terrakotten vor, erläutert, welche Krank-
heiten und körperlichen Beeinträchtigungen dargestellt wurden, und weist zudem
auf die Schwierigkeiten bei der Einordnung dieser «Gattung» innerhalb der Koroplastik hin.

31 ERKENNTNISSE ZU MEDIZIN UND WELTVERSTÄNDNIS DER ASSYRER –


von Helen Gries DAS «HAUS DES BESCHWÖRUNGSPRIESTERS» IN ASSUR
Helen Gries stellt einen ungewöhnlichen Fund und die Deutungen vor, die sich aus
den großen Mengen an gefundenen Tontafeln und anderen Objekten aus dem «Haus des
Beschwörungspriesters» ergeben.

Titelbild der vorliegenden Ausgabe


Votivgabe eines weiblichen Torsos mit geöffnetem Bauchraum, Fotos: Asklepios behandelt die Schulter einer Patientin, während rechts hinter ihm seine Tochter Hygieia steht
hellenistische Periode, wahrscheinlich aus Italien (Etrurien). (4. Jh. v. Chr., Archäologisches Museum Piräus, Inv.-Nr. 405; Foto: akg-images, De Agostini Picture Lib.,
Paris, Musée du Louvre, Département des Antiquités grecques,
étrusques et romaines (Foto: bpk / RMN – Grand Palais / G. Nimatallah); rechts: Luftbildaufnahme des Archäologischen Parks Paestum (© Parco Archeologico di Paestum /
ü
Stéphane Maréchalle). Ministero dei Beni e delle Attività Culturali e del Turismo und Consiglio Nazionale delle Ricerche / IMAA).
THEMENPANORAMA

MÜNCHNER ABGÜSSE IM WANDEL DER ZEIT – 150 JAHRE MUSEUM 41


FÜR ABGÜSSE KLASSISCHER BILDWERKE von Andrea Schmölder-Veit und
Anlässlich der derzeit stattfindenden Jubiläumsausstellung «Lebendiger Gips» Nele Schröder-Griebel
werfen die beiden Autorinnen einen Blick zurück auf die lange und abwechslungs-
reiche Geschichte der Münchner Abgusssammlung.

EIN MODELL-TEMPEL? – DIE JÜNGSTE ENTDECKUNG EINES DORISCHEN 47


GEBÄUDES IN PAESTUM WIRFT FRAGEN AUF von Gabriel Zuchtriegel
Welche Bedeutung haben die 2019 gefundenen Architekturelemente, die zu einem
kleinen Tempel dorischer Ordnung gehören, und in welcher Verbindung stehen sie zum
sog. Neptuntempel?

IM NUTZLOSEN ABSCHNIT T DES LEBENS? – ALTE MENSCHEN IM 53


KLASSISCHEN ATHEN von Josef Fischer
Die Frage nach der gesellschaftlichen Stellung alter Menschen im klassischen Athen ist
immer wieder Gegenstand von Diskussionen. Mittels intensiver Quellenkritik unter-
sucht der Autor, ob sich die gängigen Vorstellungen bestätigen oder widerlegen lassen.

DIE HELLENISTISCHE BRONZEBÄRIN IM MÜNSTER ZU AACHEN – 61


ZU EINER ARISTOKRATISCHEN JAGDKAMPFGRUPPE DES 3. JAHRHUN- von Stephan Lehmann
DERTS V. CHR.
Die Bronzebärin im Eingangsbereich gehört heute ins alltägliche Erscheinungsbild
des Aachener Münsters. Doch woher stammt die früher als Wolf bezeichnete Plastik und
in welchem Kontext war sie vermutlich in der Antike aufgestellt?

BABYLON – WIE EINE FEINDLICHE STADT ZUR HEIMAT WURDE 70


Nicht alle im Exil lebenden Judäer sahen Babylon als «Feindin» an, denn es finden von Ulfrid Kleinert
sich in der Bibel Hinweise für eine friedliche Koexistenz zwischen den Vertriebenen und
den Einheimischen.

MIT BILDERN SCHREIBEN – INTERVIEW MIT MARC ERWIN BABEJ ÜBER 77


DIE ÄGYPTISCHE KUNST von Anna Ockert
Das Altertum ist immer wieder Inspiration für zeitgenössische Künstler. Der Fotograf
Marc Erwin Babej hat es sich in seiner Ausstellung «Yesterday – Tomorrow» zur
Aufgabe gemacht, die altägyptische Formensprache mit der modernen Kunstform der
Fotografie in Austausch zu bringen.

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Internationale Nachrichten
Foto: Stefanie Holzem / MAP

Küste des heutigen Tunesiens gelegene Marmor aus Italien, Spanien, Griechen-
antike Stadt und ihre Hafenanlagen. Die land, Kleinasien und Ägypten.
Forscher konnten dabei nicht nur mit Schon im 4. Jh. v. Chr., also noch zu
Hilfe von Magnetometer-Untersuchun- punischer Zeit, entstand die Siedlung
gen die ungewöhnliche Struktur von Meninx. Ihre Blüte mit Monumental-
Meninx mit ihren parallel zur Küste ver- bauten wie einem Theater erlebte sie
laufenden Straßen ergründen, sondern während der römischen Kaiserzeit vom
Deutsche und tunesische Archäologen legen Reste des
römischen Badegebäudes von Meninx frei. auch einige Heiligtümer, Wirtschafts- 1. bis 3. Jh. n. Chr. Die Stadt war aufgrund
bauten und Wohnhäuser durch gezielte ihrer Lage an einer Flachwasserbucht
Grabungen erforschen. relativ gut gegen Angriffe geschützt. Die
Im Zentrum des Wohlstands stand von der Bayerischen Gesellschaft für
TUNESIEN nach Erkenntnissen der Forscher ein Unterwasserarchäologie durchgeführten
Produkt: wertvoller Purpur, gewonnen unterwasserarchäologischen Untersu-
aus der Purpurschnecke. «Wir haben chungen ergaben nicht nur Hinweise auf
AUF DEN SPUREN DES starke Indizien dafür, dass Purpur die antiken Hafenanlagen und die kompli-
PURPUR aus Meninx nicht als reiner Farbstoff zierten Zufahrtswege, sondern förderten
exportiert wurde, sondern man aus auch Spuren zahlreicher Schiffswracks
Im Rahmen eines bis Ende 2019 laufen- Schafwolle hergestellte Textilien vor Ort und Reste von Piers zu Tage. Die LMU-
den DFG-Projekts zur Stadtgeschichte färbte und sie dann verkaufte», sagt Archäologen wollen gemeinsam mit den
von Meninx erforschte Stefan Ritter Ritter. Das wertvolle Material wurde tunesischen Kollegen ihre Untersuchun-
zusammen mit seinem Kollegen Sami offenbar in den gesamten Mittel- gen auf Djerba im Rahmen regionaler
Ben Tahar (Institut National du Patri- meerraum geliefert, und im Gegenzug Vergleichsstudien fortsetzen.
moine) und einem deutsch-tunesischen importierte man Nahrungsmittel, Nach einer Pressemeldung der Ludwig-
Team die auf der Insel Djerba vor der insbesondere Wein, Tafelgeschirr und Maximilians-Universität München

DEUTSCHLAND

EUROPAWEIT EINZIGARTIGE RÖMISCHE WAFFE IN HALTERN AM SEE ENTDECKT


Archäologen des Landschaftsverbandes zierten Dolch eines Legionärs und den dieser Technik wurden zuerst Vertiefun-
Westfalen-Lippe (LWL) haben im Früh- zugehörigen Waffengürtel (a. d. R.: gen in die Bleche geschnitten oder
jahr 2019 im römischen Gräberfeld von aus augusteischer Zeit). Diese Ent- geschlagen. Diese Vertiefungen wurden
Haltern am See zwei außergewöhnliche deckung hat Seltenheitswert: Euro- anschließend mit feinen Drähten und
Funde gemacht: den kunstvoll ver- paweit gibt es keine weitere derartig dünnen Blechen aus Silber und Messing
gut erhaltene Kombination von dieser ausgelegt. Darüber hinaus besitzt der
Waffe mit Scheide und dem dazu pas- Dolch Einlagen aus rotem Email und
Glücklicherweise gelang es LWL-Restaurator Eugen
senden Gürtel. Der kunstvoll verzierte ebenfalls rotem, echtem Glas. Email ist
Müsch, den Dolch aus der Scheide zu nehmen. Dolch und der Gürtel wurden nach eine Mischung verschiedener Minera-
ihrer Entdeckung in einem aufwendigen lien, die bei hohen Temperaturen in die
Foto: LWL / Eugen Müsch.

Verfahren in der LWL-Restaurierungs- Vertiefungen eingeschmolzen werden


werkstatt in Münster wiederhergestellt. und ein glasähnliches Material ergeben.
Der umfassenden Restaurierung sei Bei aller Schönheit der Waffe betont
zu verdanken, dass Dolch und Gürtel der Restaurator Eugen Müsch: «Es geht
ihr ursprüngliches Aussehen nahezu nicht in erster Linie darum, Objekte mit
vollständig zurückgewonnen hätten. antiquarischem Wert zu erstellen,
Auf den ersten Blick fallen die sondern um die Gewinnung von Infor-
zahlreichen Verzierungen an Griff und mationen.» Um wichtige Hinweise
Scheide auf, die sich vor allem auf auf die Konstruktion und den Zustand
der Vorderseite befinden. Dazu zählen der Funde zu erhalten, wurden der
die vielen silbernen Linien und Flächen, Dolch und der Gürtel vor der Restaurie-
die in die Eisenbleche eingearbeitet rung geröntgt und computertomogra-
sind. Sie ergeben Muster aus Rauten, fisch untersucht.
Halbmonden und Blättern. Es handelt Nach einer Pressemeldung der LWL –
sich dabei um sog. Tauschierungen. Bei Archäologie für Westfalen

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ANTIKE WELT 2/20
AKTUELL

Foto: © Nils Müller-Scheeßel.


SLOWAKEI

IMMER GEGEN DEN UHRZEIGERSINN:


RÄTSEL FRÜHNEOLITHISCHER HAUSAUSRICH-
TUNGEN ENDLICH GELÖST
Luftbild der Ausgrabungsfläche einer frühneolithischen
Menschliches Verhalten wird von hender Bauwerke abweicht und dass Siedlung bei Vráble in der Slowakei.
vielen Dingen beeinflusst, die uns diese Abweichung regelhaft gegen
meist unbewusst bleiben. Dazu gehört den Uhrzeigersinn erfolgte. Archäo-
ein Phänomen, das unter Wahrneh- loge Dr. Nils Müller-Scheeßel, der die
mungspsychologen unter dem Begriff Studie innerhalb des SFB koordinierte, Ergebnisse geophysikalischer Magnetik-
«Pseudoneglect» bekannt ist. Damit sagt dazu: «Seit langem geht man in messungen. Dabei werden Unter-
bezeichnen sie die Beobachtung, dass der Forschung davon aus, dass die schiede im Erdmagnetfeld dazu genutzt,
gesunde Menschen ihr linkes Gesichts- frühneolithischen Häuser ungefähr um im Untergrund liegende archäolo-
feld gegenüber dem rechten bevorzu- eine Generation, d. h. 30 bis 40 Jahre gische Befunde sichtbar zu machen.
gen und deshalb eine Linie regelhaft gestanden haben und in regelmäßigen Frühneolithische Hausgrundrisse gehö-
links der Mitte teilen. Abständen neue Häuser neben be- ren zu den am besten identifizierbaren
Ein slowakisch-deutsches For- reits bestehenden errichtet werden Befundgattungen.
schungsteam hat die Ausrichtung mussten. Durch Altersbestimmungen In der Studie wird ferner auf vergleich-
frühneolithischer Häuser in Mittel- und mithilfe der Radiokarbonmethode bare archäologische Beobachtungen
Osteuropa untersucht. Wissenschaft- können wir nun zeigen, dass die Neu- an anderen Orten und Zeiten verwiesen,
lerinnen und Wissenschaftlern des errichtung mit einer kaum wahrnehm- die zeigen, dass ähnliche Orientier-
Sonderforschungsbereiches (SFB) baren Drehung der Hausachse gegen ungsveränderungen auch für jüngere
«TransformationsDimensionen» der den Uhrzeigersinn verbunden war. Wir prähistorische Perioden zuzutreffen
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel sehen ‹Pseudoneglect› als wahrschein- scheinen. Die Bedeutung von «Pseudo-
(CAU) und der Slowakischen Akademie lichste Ursache dafür.» neglect» reicht also weit über die
der Wissenschaften gelang dabei der Möglich wurde diese Erkenntnis durch Datierung frühneolithischer Häuser
Nachweis, dass die Orientierung neu die Interpretation eines der zurzeit hinaus.
gebauter Häuser um einen kleinen am schnellsten wachsenden archäolo- Nach einer Pressemeldung der Christian-
Betrag von derjenigen bereits beste- gischen Datenbestände, nämlich der Albrechts-Universität, Kiel

JORDANIEN em. Dr. Jacques Seigne, dem langjähri- angegraben», erläutert Prof. Zimmer.
gen Leiter der Mission archéologique Ziel der Grabung ist deshalb, die Halle
francaise de Proche Orient als Berater. freizulegen, anhand von Arbeitszeug-
DIE ERFORSCHUNG Voruntersuchungen haben mit Unter- nissen die Werkstattabläufe und die
DER RÖMISCHEN stützung der Gerda-Henkel-Stiftung be- Technologie dieses wichtigen Handwerks
BRONZEGUSS TECHNIK reits 2017 und 2018 stattgefunden, die römischer Zeit wiederzugewinnen und
Arbeiten sind für 2020 bis 2022 geplant. im Unterschied zu der früheren Technik
Neue Erkenntnisse zur Herstellungstech- Die Erforschung griechischer Bronze- in Griechenland zu bewerten.
nik von Bronzestatuen verspricht ein gusstechnik ist seit Jahren ein Schwer- Nach einer Pressemeldung der Katholischen
Grabungsprojekt von Archäologen der punkt der Professur für Klassische Universität Eichstätt-Ingolstadt
KU Eichstätt-Ingolstadt in der antiken Archäologie an der KU. Im Mittelpunkt
Metropole Gerasa (Jordanien), das die standen und stehen dabei die Überreste
Deutsche Forschungsgemeinschaft von Werkstätten, in denen Statuen aus Prof. Dr. Gerhard Zimmer (links) und Prof. Dr. Thomas
Weber gemeinsam mit einer französischen Kolle-
(DFG) mit rund 300 000 € fördert. Bronze gegossen wurden, wie z. B. die gin bei Voruntersuchungen im jordanischen Gerasa.
Untersucht werden soll eine römerzeit- berühmten Krieger von Riace. «Obwohl
liche Werkstatt. Die Grabung ist an der wir auch aus römischer Zeit viele Bronze-
Professur für Klassische Archäologie bildwerke kennen, ist es bisher nicht
der KU (Jun.-Prof. Dr. Nadin Burkhardt) gelungen, eine Werkstatt dieses hoch-
angesiedelt und steht unter der Leitung spezialisierten Handwerks zu finden.
ihres Vorgängers Prof. em. Dr. Ger- Nun haben die französischen Grabungen
hard Zimmer in Zusammenarbeit mit unter Jacques Seigne im jordanischen
Prof. Dr. Thomas Weber (Deutsch-Jorda- Gerasa auf einer Terrasse unterhalb des
nische-Universität, Amman) sowie Prof. Jupitertempels eine riesige Werkstatt
Foto: Zimmer.

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ANTIKE WELT 2/20
VON HELDEN UND HEILIGEN
Die dunklen Anfänge des georgischen Alphabets

W o der Fluss Aragwi in den größ­


ten Strom des Kaukasus mün­
det, der auf Georgisch Mtkwari und an­
men der Halbinsel, auf dem sich die
heutigen Staaten Spanien und Portu-
gal befinden, war in der Antike die
Mzcheta zu seiner Residenz gemacht
haben, sondern auch das georgische
Alphabet erschaffen haben.
derswo Kura heißt, da erhebt sich zur Bezeichnung für eines der Reiche im Die historische Überlieferung zum
linken Hand das Kreuzkloster auf einem Kaukasus, welches an das von Kolchis antiken Iberien ist ausgesprochen ver­
steilen Bergkamm und blickt über die (später Lasica) angrenzte und in unmit­ worren. In die Zeit des Mittelalters da­
Wasser hinüber auf das religiöse Zen­ telbarer Nachbarschaft zu Armenien tierende lokale Chroniken enthalten
trum des Landes, die alte Königsstadt sowie Albanien stand, eine kaukasische verschiedene Textteile, die bisweilen
Mzcheta mit der Swetizchoweli-Kathe­ Herrschaft, die sich vor allem über das viele Jahrhunderte älter sein dürften,
drale (Abb. 1). Hier soll im 4. Jh. v. Chr. Gebiet des heutigen Aserbaidschan und manchmal ergänzt die schon deut­
ein Edelmann namens Parnawas das erstreckte. Iberien nannten die Grie­ lich früher einsetzende armenische
Licht der Welt erblickt haben, der ei­ chen und Römer das Reich, die Eigen­ Geschichtsschreibung unser spärliches
nen angeblich von Alexander dem Gro­ bezeichnung «Kartli» sowie der Name Bild. Für die Erschaffung eines Alpha­
ßen eingesetzten und für seine blut­ seiner Bewohner, «Kartveli», spiegelt bets im 4. Jh. v. Chr. durch Parnawas
rünstigen Gräueltaten berüchtigten sich heute noch etwa im Namen der sehen die historischen Befunde ausge­
Fremdherrscher namens Azon vertrei­ Wissenschaft von der georgischen sprochen dürftig aus. Der Biograph ei­
ben konnte. Parnawas baute sodann Sprache, Literatur und Kultur: der Kart­ nes der wichtigsten armenischen Hei­
Mzcheta zur Hauptstadt seines König­ velologie. Der siegreiche Parnawas je­ ligen aber berichtet im 5. Jh. n. Chr.,
reiches aus, das unter dem Namen Ibe­ denfalls soll nicht nur den historisch so der Protagonist seines Textes, Mesrop,
rien bekannt werden sollte. Was nicht gar nicht belegbaren hellenistischen habe nicht nur den Armeniern, son­
verwechselt werden darf mit dem Na­ Bösewicht aus dem Land geworfen und dern auch den Georgiern ein Alpha­
bet geschenkt. Während die Erfindung
der armenischen Buchstaben in der
Abb. 1 In der georgischen Königsstadt Mzcheta verortet die mittelalterliche Geschichtsschreibung 
Tat eng mit der Gestalt dieses Mesrop
die Ursprünge des Alphabets. verknüpft ist, erscheint es sehr viel un­
wahrscheinlicher, dass dieser ein wei­
teres Mal als Schrifterfinder tätig ge­
worden war, diesmal für die iberischen
bzw. georgischen Nachbarn. Die For­
schung geht heute davon aus, dass we­
der Parnawas noch Mesrop als Erfinder
benannt werden können. Dass aber die
chronologisch deutlich späteren geor­
gischen Quellen die Einführung des Al­
phabets zurückdatieren in die Zeit des
fast legendären Königs Parnawas, zeigt
allerdings auf, wie sich das iberische
Reich von der immer wieder zutage
getretenen kulturellen Dominanz der
Armenier zu lösen suchte: Sicherlich
wird auch in Georgien die Legende be­
kannt gewesen sein, ein armenischer
Heiliger habe das Alphabet erfunden.
In der Zeit eines erstarkenden georgi­
schen Selbstbewusstseins während der
mittelalterlichen Redaktionszeit der

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ANTIKE WELT 2/20
SPRACHEN & SCHRIFTEN

Chroniken brachte dann also den My­ ner erstmals eindeutig als «georgisch»
thos auf, ein waschechter georgischer zu bezeichnenden Schrift (Abb. 2). Aus
Held, Parnawas, habe das nationale Al­ den Textquellen sind wir gut informiert,
phabet über 700 Jahre früher als der dass viele Gläubige den weiten Weg von
armenische Heilige erfunden. Iberien in die Heilige Stadt und auch
Wer aber hat nun wirklich das Al­ zum Berg Sinai auf sich genommen ha­
phabet der georgischen Schrift er­ ben, wo sich mehrere georgische Ritz­
funden, wenn Parnawas und Mesrop inschriften erhalten haben. Die Kennt­
gleichermaßen als Kandidaten aus­ nisse über eine dauerhafte georgische
scheiden? Eine bestimmte historische klösterliche Besiedelung in Palästina
Person wird sich kaum benennen las­ sind allerdings ebenfalls ernüchternd:
sen, doch mögen die Anfänge des ge­ Dort, wo die Texte auf die Existenz ge­
orgischen Alphabets (ebenso wie die orgischer Klöster hinweisen, haben die
des armenischen) vielleicht in das Archäologinnen und Archäologen dies
4. Jh. n. Chr. zurückreichen, als der in nicht in Ausgrabungen nachweisen kön­
den Quellen etwas besser fassbare nen. Über diejenigen Fundorte, an de­
König Mirian III. zum Christentum kon­ nen georgische Inschriften aufgetaucht
vertierte, und bevor wir ab dem 5. Jh. sind, bieten dann allerdings die Text­
n. Chr. auch über tatsächlich überlie­ quellen keinerlei Hinweise auf klösterli­
ferte Schriftzeugnisse verfügen. Er­ ches Leben von georgischen Mönchen.
schwert wird die Suche nach dem Ur­ In den letzten Jahrzehnten hat die Ar­
sprung überdies noch durch die im chäologie unsere Kenntnisse über die
Jahr 1940 in Mzcheta gefundene sog. Iberer, ihre Schrift und ihre Inschriften
Abb. 2 Die georgischen Inschriften aus Pa-
armasische Bilingue. Hierbei handelt zwar entscheidend erweitert, es bleibt lästina gehören zu den ältesten überlieferten 
es sich um den Grabstein einer georgi­ jedoch sowohl in Palästina wie in Ge­ Schriftzeugnissen.
schen Edelfrau namens Seraphita aus orgien selbst abzuwarten, bis weitere
dem Jahr 150 n. Chr. Dieser Text ist zu­ epigraphische Funde unsere großen
erst in griechischer, dann in einer an­ Wissenslücken hinsichtlich der Entste­ mit diesen aufweisen – veränderten
sonsten unbekannten Form des ara­ hung und Ausbreitung des georgischen sich natürlich auch im Laufe der Zeit
mäischen Alphabets wiedergegeben. Alphabets Schritt für Schritt beheben hin zum heute in Georgien gebräuchli­
Schrieb man also in Georgien (wie können. chen Alphabet.
wohl auch in Armenien) zunächst mit Die ältesten Schriftzeugnisse aus
aramäischen Buchstaben? Georgien selbst datieren maximal
Für eine doch deutlich engere Ver­ zeitgleich, sicherlich jedoch nicht frü­
bindung mit der Genese der armeni­ her als die in Palästina gefundenen Adresse des Autors
schen Schrift spricht auch, dass die frü­ Grabinschriften. In Georgien kam die Dr. Konstantin M. Klein
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
heste georgische Schrift (Assomtawruli, Monumentalschrift im 9. Jh. aus der Lehrstuhl für Alte Geschichte
«Majuskelschrift», oder Mrglowani, Mode: Aus den Schriftzeichen der As- Fischstraße 5–7
D­96045 Bamberg
«Rundschrift») den noch heute ge­ somtawruli-Schrift entwickelten sich konstantin.klein@uni-bamberg.de

bräuchlichen armenischen Großbuch­ im Laufe der Zeit kursive, also hand­


Bildnachweis
staben sehr ähnlich sieht. Die ältesten schriftliche Formen, die sog. Nuschuri­
Abb. 1: Dirk Renckhoff / Alamy Stock Photo; 2: akg / 
Inschriften in Assomtawruli, das bis ins Buchstaben, welche ob ihrer eckigen Bible Land Pictures.
9. Jh. die einzige Schrift bleiben sollte, Form auch Kutchowani (Eckenschrift)
fanden sich allerdings nur sehr verein­ genannt werden. Durch Abrundung Literatur
K. KLEIN, «Um kundige Rede zu verstehen» – Die Leopardin
zelt auf dem Gebiet des antiken Iberi­ der Buchstaben entstand dann bald da­ des Philostratos, ein heiliger Erfinder und die Ursprünge
ens selbst, sondern vor allem hunderte rauf, im 11. Jh., die Mchedruli-Schrift, des armenischen Alphabets, in: ANTIKE WELT 50.1
(2019) 6–7.
Kilometer entfernt, nämlich in Palästina deren Namen man als «Adelsschrift» S. RAPP / P. CREGO (Hrsg.), Languages and Literatures of
in der Umgebung von Jerusalem. Grab­ übersetzen könnte. Diese Buchstaben, Eastern Christianity: Georgian (2012).

steine georgischer Pilger und/oder die zwar auf die monumentalen Assom- Y. TCHEKHANOVETS, The Caucasian Archaeology of the
Holy Land. Armenian, Georgian and Albanian Communities
Mönche aus dem 5. und 6. Jh. sind ver­ tawruli­Zeichen zurückgehen – aber Between the Fourth and Eleventh Centuries CE (2018).
mutlich unsere ältesten Zeugnisse ei­ äußerlich nur noch wenig Ähnlichkeit

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ANTIKE WELT 2/20
MEDIZIN IM ALTEN ÄGYPTEN
Das Wissen der altägyptischen Ärzte

Ägypten blickt auf eine Jahrtausende alte Geschichte von Heilmethoden zurück, die durch
Spezialisten genutzt wurden, um Krankheiten zu heilen und Patienten zu retten. Zahl-
reiche Papyri verzeichnen das Wissen und die Praktizierung der Medizin und geben Auf-
schluss darüber, welche Krankheiten auftraten und wie Ärzte ihre Patienten behandeln
konnten. Wie aber definiert sich die Medizin zwischen dem 3. und 1. Jt. v. Chr. und wer waren
die Spezialisten, die sie angewendet haben?

von Rebecca Braun Papyrus Edwin Smith (Neues Reich, und der Pädiatrie beschäftigt wurde.
ca. 1550 v. Chr.), das sog. Wunden- Zunächst erscheint dies nicht unbe-

D as Alte Ägypten war bereits seit


Beginn des 3. Jts. v. Chr. das Zu-
hause einer komplexen und hochent-
buch, und der Papyrus Ebers (Neues
Reich, ca. 1550 v. Chr.), eine medizini-
sche Sammelhandschrift (Abb. 1). In
kannt und vertraut mit dem, was mo-
derne Medizin behandelt. Ein gravie-
render Unterschied besteht allerdings
wickelten Zivilisation, deren Existenz ihrer Niederschrift sind die Schriften in der Art und Weise, wie Medizin an-
vor allem durch ihre monumentalen bereits sehr umfangreich und detail- gewendet wurde, wie sie sich defi-
Bauten noch heute sichtbar ist. Jene liert, so dass vermutlich erste schrift- nierte und welche Eigenschaften sie
Zivilisation hinterließ aber auch ein liche Zusammenstellungen von medi- besaß.
enormes Spektrum an medizinischem zinischen Kenntnissen während des Die Texte decken mit Religion, da-
Wissen, das in großen Teilen erhal- Alten Reichs (2686–2160 v. Chr.) er- zugehörigen Ritualen und Wissen-
ten ist. Unsere Kenntnis der altägyp- folgt waren. Dies impliziert jedoch schaft verschiedene Bereiche ab, die in
tischen Medizin basiert vor allem auf nicht, dass die Aufzeichnung und die den meisten Gesellschaftsbildern un-
Texten, deren Hauptteil sog. medizini- Etablierung jenes Fachgebietes kohä- abhängig voneinander existieren und
sche Papyri bilden. Zusätzlich geben rent sind. Vielmehr lassen der Umfang nicht miteinander in Berührung kom-
Darstellungen in Relief und Plastik, und das Niveau des dokumentierten men. Im Alten Ägypten hingegen ver-
archäologische Funde wie Grabbei- Wissens die Entwicklung der Medi- schwimmen die Grenzen und sie bilden
gaben oder Geräte sowie die Körper zin in Ägypten zu einem Zeitpunkt vor den Gesamtkomplex der Medizin.
der Verstorbenen selbst Aufschluss dem Alten Reich vermuten. Eine Methode zur Heilung von
über Gesundheitszustände, Untersu- Krankheiten ist im wissenschaftlichen
chungsverfahren, Heilmethoden und Rezepte und medizinisches Sinn medizinisch; z. B. werden Salben
Todesursachen. Fachwissen oder Tinkturen angefertigt und auf
Die Papyri beinhalten verschiedene entsprechende Körperstellen gerie-
Der Beginn der ägyptischen Texte mit unterschiedlichem Fachwissen ben, um die Beschwerden zu lindern
Medizin und Heilungsmethoden. Einige Sprüche und zu heilen. Einige Krankheiten und
Die ältesten bekannten Belege der me- widmen sich praktisch dem Heilen von Präventionen gegen Seuchen konn-
dizinischen Texte stammen aus dem Blessuren und physischen Verletzungen, ten jedoch rein medizinisch nicht an-
Mittleren Reich (2055–1650 v. Chr.). andere behandeln Krankheiten von vi- gegangen werden, weshalb die Ägyp-
Zum Teil umfassen sie mehrere Seiten raler und bakterieller Natur oder die ter ihre Gottheiten zur Hilfe riefen.
einer Papyrusrolle mit jeweils mehre- Prävention von Seuchen und Seuchen- Dazu vollzogen sie u. a. Rituale, wel-
ren Rezepten oder Anweisungen zur ausbrüchen. Ein großer Bereich in der che von den meisten Forschern als
medizinischen Praxis. Zu den bedeu- Medizin wird durch die Gynäkologie Magie bezeichnet werden. Oft wurden
tendsten medizinischen Papyri zäh- abgedeckt, in der sich auch im Alten auch Objekte während des Rituals ge-
len z. B. der Papyrus Kahun (ca. 1850 Ägypten mit sämtlichen Krankheits- nutzt. Eine der bekanntesten Objekt-
v. Chr.), ein Fachbuch der Gynäkologie, bildern der Frau, Schwangerschaften gruppen, die vermutlich während Ge-

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TITELTHEMA

Abb. 1 Ausschnitt aus dem Papyrus Ebers, ca. 1550 v. Chr., Universitätsbibliothek Leipzig.

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ANTIKE WELT 2/20
MeDiZin iM Alten ÄgyPten – Das Wissen der altägyptischen Ärzte

burten Anwendung fanden, sind die dizin ein ebenso wichtiger Bestandteil den. Sie besitzen, wie auch jede andere
sog. Geburtsstoßzähne (Zaubermesser/ wie der rein wissenschaftliche Teil Person der altägyptischen Elite, sog.
Zauberstäbe), die oft Darstellungen selbst. Titel, die u. a. darüber Aufschluss ge-
der Göttinnen Bes und Tawaret zei- ben, in welchem Berufsfeld und wel-
gen, Schutzgöttinnen, die vor allem Die Spezialisten der altägyp- cher Karrierestufe die Person tätig war.
mit Schwangerschaften und Gebur- tischen Medizin Der Arzt Amen-hotep beispielsweise
ten assoziiert wurden (Abb. 2). Ritu- Vermutlich zeitgleich zur Etablierung lebte zur Zeit des Neuen Reichs (1550–
ale wurden ebenfalls in den medizini- der Medizin entwickelte sich auch 1096 v. Chr.) und wird namentlich mit
schen Papyri aufgezeichnet; zum Teil eine Gruppe von Spezialisten, die in seinen Titeln auf der Statue seines Soh-
inkludieren sie Anweisungen zur Voll- modernen Sprachen als Ärzte bezeich- nes Yuni genannt (Abb. 3). Diese wurde
ziehung, jedoch ist in den meisten Fäl- net werden und allgemein zunächst 1913 im Grab von Amen-hotep in As-
len unklar, in welcher Art und Weise auch in altägyptischer Sprache als sol- siut gefunden und datiert ungefähr
diese Rituale tatsächlich ausgeführt che gekennzeichnet wurden. 1294 bis 1279 v. Chr. (19. Dynastie).
worden sind. Religion und ihre Ritu- Bis jetzt sind seit dem Alten Reich Der in diesem Kontext wichtigste
ale, in moderner Zeit in den meisten ca. 150 namentlich genannte Ärzte auf Titel Amen-hoteps lautet «Oberarzt»
Kulturkreisen von der Medizin sepa- verschiedenen Textträgern wie z. B. bzw. «Der Oberste Arzt». Zum einen
riert zu betrachten, waren im Alten Statuen, Papyri, Reliefe an Gebäude- gibt er deutlich an, dass er einer medi-
Ägypten für die Praktizierung von Me- wänden und auf Stelen gefunden wor- zinischen Tätigkeit nachgegangen ist,
zum anderen ist durch die Bezeich-
nung «Oberste» anzunehmen, dass
Abb. 2 Geburtsstoßzahn, Elfenbein vom Nilpferd, ca. 1981–1640 v. Chr., Metropolitan Museum of es innerhalb des Arztberufes ebenso
Art, No. 22.1.103, 08.200.19, 15.3.197, 30.8.218. hierarchische Strukturen gab, wie sie
auch heutige Berufsfelder zeigen.
In moderner Zeit gibt es Ärzte, die
sich mit einem bestimmten Fachge-
biet der Medizin auseinandersetzen.
Auch im Alten Ägypten scheint diese
Spezialisierung durchaus entwickelt
gewesen zu sein. Den Arzt Ir-en-achty
(Altes Reich; 4. Dynastie, ca. 2613–
2494 v. Chr.) bezeugt eine Scheintür,
die auf dem Gräberfeld bei den Pyra-
miden von Gizeh in seiner Ziegelmas-
taba gefunden wurde. Er besitzt ne-
ben den Titeln, die ihn allgemein als
Arzt mit zugehörigem Karrierelevel
identifizieren, die Titel «Hüter des
Rektums», «Leibarzt des Palastes»
und «Augenarzt des Palastes». Dem-
nach scheint er sich in der Augenheil-
kunde und möglicherweise in einem
Teilgebiet der Inneren Medizin spezi-
alisiert zu haben. Die Augenheilkunde
nahm in vielen Papyri einen großen
Platz ein. Durch gegebene klimatische
Bedingungen mussten die Bewohner
des Alten Ägypten dazu fähig gewesen
sein, Vorkehrungen sowie Heilungs-
maßnahmen zu treffen, um Infektio-
nen der Augen, z. B. durch Sand, vor-
beugen und behandeln zu können,

10
ü ANTIKE WELT 2/20
TITELTHEMA

Abb. 3
Kniende Statue des Yuni,
Kalkstein, Assiut ca. 1294–
1279 v. Chr., Metropolitan
Museum of Art, No. 33.2.1.

weshalb die vertiefende Spezialisie- trug neben einem sehr hochrangigen Zusätzlich besitzen viele Ärzte, so
rung in diesem Fachgebiet nicht ver- Ärztetitel, die Titel «Vorsteher der auch Amen-hotep und Ir-en-achty, an-
wunderlich ist. Wab-Priester von Sachmet» und «Wab- dere Titel, die weder religiös noch me-
Es wurde bereits erklärt, dass der Priester der Sachmet». Beide Titel im- dizinisch zu sein scheinen. Die Frage
Arzt im Alten Ägypten Religion und plizieren eine Verbindung zu der Göt- nach ihrer institutionellen Zugehörig-
Wissenschaft der altägyptischen Heil- tin Sachmet, welche vor allem mit keit ist hierbei besonders schwer zu
kunde in sich vereinen musste. Beide einem gewalttätigen und vernichten- beantworten. Ein Arzt konnte offenbar
Ärzte besitzen Titel, die den religi- den Aspekt assoziiert wurde (Abb. 4). neben dem Praktizieren von Medizin
ösen und rituellen Kontexten zuge- Sie schickte Krankheiten und Seu- eine Funktion im Tempel und gleich-
ordnet werden können. Oft taucht chen, weshalb sie als krankheitsbrin- zeitig einen weiteren Beruf ausüben.
noch ein Titel auf, der bis heute als di- gende Göttin galt. Die Aufgabe der Auch die Ausbildungswege der Ärzte
rekte Verbindung zwischen Medizin Sachmet-Priester bestand also darin, sind noch genauer zu erforschen. Gab
und Religion gesehen wird. Der Arzt mithilfe von Ritualpraktiken die Dä- es eine rein medizinische Ausbildung
Heri-Schef-Nechet beispielsweise lebte monen der Sachmet-Göttin zu bändi- oder war Medizin ein Nebenzweig,
während des Mittleren Reichs und gen und abzuwehren. den z. B. Priester in ihrer Ausbildung

11
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ANTIKE WELT 2/20
MeDiZin iM Alten ÄgyPten – Das Wissen der altägyptischen Ärzte

zusätzlich wählen konnten? Dies sind


nur einige Fragestellungen, zu denen
derzeit in der im Anschluss aufgeführ-
ten Dissertation geforscht werden.
Grundsätzlich ähneln altägyptische
Ärzte und ihre Fachgebiete den mo-
dernen Definitionen von Ärzten und
Medizin. Genauso wie in der moder-
nen Medizin führten altägyptische
Ärzte systematische Untersuchungen
durch, erstellten Diagnosen sowie Prog-
nosen zu Heilungsaussichten, nutzten
Rezepte für Medikamente und Ver-
bände zur Heilpraktik. Allerdings nutz-
ten sie zur Prävention von Seuchen
oder Krankheiten auch Rituale, die
zumindest in den meisten modernen
Gesellschaften im medizinischen Kon-
text keine Anwendung finden. Die Ti-
tel der Ärzte geben uns viele Infor-
mationen über die Strukturen des
Arztberufes und den Kontext, in dem
sich ein Arzt bewegt hat. Dies gilt es
nun weiter zu erforschen.

Adresse der Autorin


Rebecca Braun, M.A.
Ägyptologisches Seminar
Fachbereich geschichts- und Kulturwissenschaften
Freie Universität Berlin
Fabeckstr. 23–25
D-14195 Berlin

Bildnachweis
Abb. 1: akg-images / Science Source; 2−4: new york, the
Metropolitan Museum of Art (CC0 1.0).

Dissertationsvorhaben
R. i. M. BRAUn, Die altägyptischen Ärzte: eine Studie
aus wissensgeschichtlicher Perspektive. Berlin: Freie Uni-
versität. in Vorbereitung.

Literatur
K. S. KOltA / D. SCHWARZMAnn-SCHAFHAUSeR, Die
Heilkunde im alten Ägypten: Magie und Ratio in der
Krankheitsvorstellung und therapeutischen Praxis (2000).
J. F. nUnn, Ancient egyptian Medicine (1996).
e. StROUHAl / B. VACHAlA / H. VyMAZAlOVÁ,
the Medicine of the Ancient egyptians. 1: Surgery, gyne-
cology, Obstetrics, and Pediatrics (2014).
W. WeStenDORF, erwachen der Heilkunst: Die Medizin
im alten Ägypten (1992).
DeRS., Handbuch der Altägyptischen Medizin, 2 Bde.
(1999).
Abb. 4 Statue der Göttin Sachmet, Granodiorit, Theben, Karnak ca. 1390–1352 v. Chr., Metropoli-
tan Museum of Art, No. 15.8.2.

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ANTIKE WELT 2/20
ARZT UND MAGIER
Ein einzigartiger medizinischer Papyrus aus Ägypten

Im Jahr 2005 wurde in Paris ein medizinischer Papyrus aus Ägypten zum Kauf angeboten.
Vom französischen Staat auf dem Wege des Vorkaufsrechts erworben, wurde dieser
daraufhin als «Louvre E 32847» katalogisiert und 2018 publiziert. Sein Inhalt wie auch der
soziale Rang seines Autors machen diesen medizinischen Papyrus zum wichtigsten seiner
Gattung für all jene, die die Denkweise der Ärzte des Alten Ägypten zu erfassen versuchen.

von Thierry Bardinet dass es sich um das eigenständige nahezu jede Krankheit parasitären Ur-
Werk eines Autors handelt und nicht sprungs, verstanden als ein Eindrin-

D ieses einzigartige Werk geht auf


einen Autor zurück, der als Leib-
arzt des Königs Amenophis II. an
um eine schlichte Zusammenstellung
älteren Wissens, wie man sie in den
meisten anderen medizinischen Pa-
gen von Toten, Dämonen und Göttern
ins Körperinnere. Angesichts krank-
heitserregender Faktoren dieser Art
oberster Stelle der medizinischen pyri wiederfindet. konnte sich der Eingriff des Arztes
Hierarchie seiner Zeit stand (Abb. 1–3). hier nur auf dem Feld der Magie an-
Aus dem Papyrustext gewonnene Praktizierender Arzt und Magier siedeln. Selbst die wirksamsten Dro-
Hinweise erlauben es uns, dessen Dieser Autor ist ein Arzt seiner Zeit gen wurden von magischen Formeln
Funktion sowie dessen Titel und Vor- und damit praktizierender Arzt und begleitet, die der Arzt während deren
rechte zu kennen: Arzt des Königs, Magier zugleich. Als praktizierender Zubereitung sprach. Als Magier war er
Arzt der königlichen Heere, Obers- Arzt erkennt er Krankheitsmerkmale ein großer Dämonenjäger. Allerdings
ter aller Ärzte Ägyptens und Ver- auf objektiver Ebene, beurteilt Symp- darf man sich von der medizinischen
antwortlicher der Einbalsamierun- tome, untersucht unfallbedingte wie Magie Ägyptens kein Versprechen auf
gen am Königshof. Die Originalität andersartige Verletzungen und gibt eine extravagante Heilung erwarten.
dieses Textes liegt darin begründet, Prognosen ab. Für die Ägypter war Während der letzten Augenblicke sei-

Abb. 1
pLouvre E 32847,
verso 3,1–9.

13
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ANTIKE WELT 2/20
ARzT unD MAGIER – Ein einzigartiger medizinischer Papyrus aus Ägypten

nes Lebens wird der Kranke mittels findet darin die Beschreibung einer terversammlung verjagt, wie auch sei-
der vom Arzt für Sterbefälle vorgese- Pflanze, des Mönchspfeffers und des- nerseits an seinem Leib verwundet:
henen medizinischen Magie von Dä- sen Samen. Diese in Ägypten nicht So wurde er zum Mond, dem abge-
monen befreit, bevor die Magie der heimische Pflanze wächst an Meeres- schiedenen Gestirn, dessen Krater den
Bestattung, die stets von anderen Per- küsten, wo sie sich dem Kampf zwi- Wunden entsprechen, die dem Gott
sonen durchgeführt wird, die Vorbe- schen dem Meer und dem Gott Baal, zu seiner Bestrafung zugefügt worden
reitung seines Körpers auf das Jen- den die Ägypter mit Seth gleichsetzen, waren. Chons rächt sich daraufhin und
seits begleitet. in den Weg stellt. Da dem so ist, kann greift die Menschen in der Absicht an,
sich diese Pflanze ebenfalls dem Wü- sie von ihren Göttern abzubringen, in-
Wenn die Götter nicht mehr ten des Gottes Seth in den Weg stellen, dem er ihnen zeigt, dass diese sie nicht
helfen können der als Gott der Unordnung Krankhei- beschützen können. Der Arzt-Magier
Unser Arzt hat sein Werk in fünf Bü- ten aussendet und Todfeind des Osiris muss somit dem Gott Chons entgegen-
cher eingeteilt. Das erste Buch enthält ist. Als anti-sethitische Pflanze ist der treten. Die ihn dem Osiris angleichende
eine Auswahl an Medikationen, die Mönchspfeffer somit von Grund auf Mönchspfefferschminke schützt den
zur Heilung von Höflingen bestimmt osirisch. Bringt der Arzt diese Pflanze Arzt, indem sie Chons an den Grund
sind, also von Personen hohen Ranges einer Schminke beigemischt auf seine seiner Bestrafung erinnert. Aber wie
und oft auch hohen Alters. Die Origi- Augenlider auf, gleicht er seinen Blick kann man den Gott selbst und seine
nalität dieses Buches liegt nicht nur dem des Gottes Osiris an. ausgesandten Boten angehen? Die Göt-
in der Zusammenstellung klinischer Das dritte Buch stellt eine umfang- ter Ägyptens können hier nicht mehr
Anzeichen, anhand derer verschie- reiche Abhandlung zu gut- und bös- weiterhelfen. Der Autor unseres Papy-
dene Gruppen von Kranken, die an artigen Tumoren dar, die auch den rus notiert an dieser Stelle magische
vergleichbaren Erkrankungen leiden, Hauptteil dieses Papyrus aus dem Beschwörungsformeln, die einen Gott
voneinander geschieden werden kön- Louvre ausmacht. Eine göttliche Le- anrufen, der «der aus der Fremde» ge-
nen, sondern auch in den jeweils vor- gende soll dabei den Ursprung der nannt wird, ein Gott, der als Einzelgott
geschlagenen Behandlungsstrategien. Bildung von Krebsgeschwüren erklä- auf dem «Berg Laban» von Beduinen-
Unser Arzt stellt hier seine ganze Er- ren. Der Gott Chons, der Falkengott, stämmen im südlichen Transjordanien
fahrung unter Beweis. machte sich über den Leichnam des verehrt wird. Die jüngste Lesung ei-
Das zweite Buch enthält Ausfüh- Osiris her. Er verschlang einen Teil da- nes bislang nicht identifizierten Orts-
rungen zur religiösen Botanik. Man von und wurde deshalb aus der Göt- namens aus unserem Papyrus möchte

Abb. 2
pLouvre E 32847,
verso 9,1–8.

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ANTIKE WELT 2/20
TITELTHEMA

Abb. 3
pLouvre E 32847,
verso 7,1–7.

ferner diesen Gott aus dem Süden der den. Nach dieser Magie der letzten Le- interessante, aber nicht wesentliche
Arabischen Halbinsel stammen lassen. bensaugenblicke versichert sich der Ergänzungen, die keine Auswirkun-
Aufgrund seiner gewalttätigen Natur Arzt, dass der Tote allen Regeln ge- gen auf die Auslegung des medizini-
vergleicht ihn der Autor der magischen mäß behandelt und durch die Salben schen Papyrus aus dem Louvre nach
Beschwörungsformel mit einem wü- vor Dämonen geschützt wird, die ihn sich ziehen. Somit ist der Papyrus
tenden Pavian. Diese von den Ägyptern nach seinem Tod zu verfolgen trach- pLouvre E 32847 in jeder Hinsicht, als
konstruierte Vorstellung sagt wenig ten. Dies ist auch das Thema des vier- das wichtigste Zeugnis zum medizi-
über die wahrhafte Natur dieser Gott- ten Buches, das eine Abhandlung zur nischen Denken im Alten Ägypten zu
heit aus, wie sie von ihren Anhängern Praxis der Einbalsamierung darstellt verstehen.
verstanden wurde. Es ist sehr unwahr- und kein Ritual der Bestattungsma-
scheinlich, dass sich die Beduinen ih- gie wiedergibt, wie es anderweitig be-
ren Gott als Pavian vorstellten, handelt kannt ist.
es sich doch bei diesem um ein We- Der Text der Papyrusrückseite wird
sen aus der ägyptischen Vorstellungs- vom fünften Buch abgeschlossen, das
welt mit all ihren Redensarten. Für die- einer Sammlung von insbesondere
Adresse des Autors
sen wütenden Stammes-Einzelgott aus die Augen betreffenden Medikationen
Dr. Thierry Bardinet
dem Süden könnte man eher erwägen, entspricht und angefügt wurde, um 10 rue de l’Ecole de Mars
F-92200 neuilly sur Seine
eine Frühform der Gottheit Jahwe zu die Reihe der Heilmittel zu vervoll-
erkennen. Über den gesamten Text die- ständigen, die im ersten Buch genannt Übersetzung
ses Buches hinweg begleiten magische worden sind. Dr. Florian Stilp, Paris
Formeln die jeweiligen Beschreibun-
gen von Geschwüren, welche ihrerseits Interessante Ergänzungen Bildnachweis
Abb. 1: pLouvre E 32847, verso 3,1–9 (cliché Chr. Kunicki);
Musterbeispiele für die klinische Ge- Kurze Zeit nach der Veröffentlichung 2: pLouvre E 32847, verso 9,1-8 (cliché Chr. Kunicki);
lehrtheit der Ärzte des Altertums dar- des Papyrus aus dem Louvre gab die 3: pLouvre E 32847, verso 7,1-7 (cliché Chr. Kunicki).

stellen. Kopenhagener Carlsberg-Stiftung be-


Literatur
Der Arzt begleitet seinen sterben- kannt, dass sich drei große Fragmente
T. BARDInET, Médecins et magiciens à la cour du pha-
den Kranken und befreit ihn von den vom unteren Teil desselben Papyrus raon (2018).

Dämonen, die ihn letztlich töten wer- in ihrem Besitz befinden. Diese liefern

15
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ANTIKE WELT 2/20
ASKLEPIOS
Vater einer integrativen Medizin in der Antike

Asklepios, erst Heros, dann Gott, wurde so sehr verehrt, dass eine weitreichende Filial-
gründung von Asklepiosheiligtümern im gesamten Mittelmeerraum und darüber hinaus
nachzuweisen ist. Dort suchten Menschen die Hilfe des Gottes. Es entstanden moderne
Kurstätten, in denen neben heilkultlichen auch medizinische Angebote, die dem Stand
der damaligen Heilkunde entsprachen, offeriert wurden. Dieses integrative Heil- und Heils-
angebot hat bis in das 6. Jh. überzeugt.

von Florian Steger Hände in andächtiger Pose den ihnen Weise mit Bart, Mantel und Stab dar-
gegenüber dargestellten aufgereihten gestellt. Ihm folgt, von hinten zu er-

E in Weihrelief aus der ersten Hälfte


des 4. Jhs. v. Chr. zeigt eine Men-
schengruppe, die sich durch erhobene
Göttern nähert (Abb. 1). Asklepios
führt die rechts dargestellte Götter-
gruppierung an. Er ist in bekannter
kennen, Hygieia, der sich die Söhne
des Asklepios namens Machaon und
Podaleirios, Vertreter der Chirurgie

Abb. 1 Weihrelief an Asklepios aus Thyrea auf der Peloponnes in Griechenland (um 360 v. Chr., Athen, Nationalmuseum, Inv.-Nr. 1402).

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ANTIKE WELT 2/20
TITELTHEMA

und Inneren Medizin, anschließen.


Daneben  befinden  sich  noch  seine  Kasten 1

Töchter Iaso, Akeso und Panakeia. In Epidauros sind 66 Inschriften mit Wunder-
Gegen Ende des 5. Jhs. v. Chr. wurden heilungsberichten aus dem 3. Jh. v. Chr.
die Töchter erst in den Familienver- erhalten. Die Priester hatten sechs steinerne
band aufgenommen. Hygieia wurde Tafeln mit Inschriften aufgestellt. Darin
sind die Namen, die Art der Erkrankung und
noch später in den Familienverband die Heilung durch Asklepios vermerkt. Ein
integriert, geht aber im Gegensatz Beispiel ist folgender Bericht: «Ein Mann mit
zu Epione, der Frau des Asklepios, einem Geschwür im Bauch. Dieser sah im
Heilraum einen Traum. Er träumte, der Gott
eine enge Beziehung zum Heilbereich
befehle den Gehilfen in seinem Gefolge, ihn
ein. Der Kult weist Hygieia nur den zu ergreifen und festzuhalten, um ihm den
Platz als Tochter des Asklepios zu, Bauch aufzuschneiden. Da sei er geflohen,
doch wird sie beinahe gleichberech- sie hätten ihn aber ergriffen und an einen
Türring gebunden. Hierauf habe Asklepios
tigt neben ihrem Vater verehrt. Dies den Bauch aufgeschlitzt, das Geschwür
zeigt auch eine heute im Kunsthisto- herausgeschnitten, und (den Bauch) wieder
rischen  Museum  Wien  aufbewahrte  zugenäht. Dann sei er von den Fesseln
gelöst und daraufhin kam er gesund heraus. Abb. 2 Asklepios und Hygieia auf einer 
römische Gemme (Abb. 2). Neben Gemme aus dem 1. Jh. v. Chr. (Wien, Kunsthisto-
Der Fußboden im Heilraum war aber voll
dieser Überlieferung, in welcher As- risches Museum, Inv.-Nr. IXb 1550).
von Blut.»
klepios als Gottheit gewürdigt wird, (Heilungswunder B27 bei Herzog, 1931)
ist auch ein Asklepios als sterbliches
Wesen verbürgt.
ein großes Opferfest mit Speis, Trank,
Asklepios – Mensch und Gottheit Zu Beginn des 5. Jhs. v. Chr. wurde in Tanz und Gesang gnädig gestimmt.
Beim antiken Dichter Homer ist be- Epidauros ein Asklepioskult eingerich- Die vielschichtige Arbeit am My-
zeugt, dass Asklepios im nordgrie- tet; hier war zuerst Apollon Maleatas thos um Asklepios beginnt mit dem
chischen Trikka als Arzt und Fürst verehrt worden. Asklepios wurde dort Dichter Hesiod und ist in der spät-
gewirkt habe. Seine beiden Söhne, Po- nun als Gott verehrt – er ist der Sohn hellenistischen Synthese des Diodor
daleirios und Machaon, waren eben- des Apollon, der wiederum als Sender von Sizilien zusammengefasst. Di-
falls Ärzte. Von dieser Heroenüber- und Heiler von Krankheiten verehrt odor stützt sich bei seinen Ausfüh-
lieferung ausgehend hat sich ein wurde. Nach theurgischer Vorstel- rungen auf den Bericht früherer My-
Heroenkult ausgebildet, der in Trikka lung sandten Götter Krankheiten. Aber thographen: Asklepios ist der Sohn
seinen Ausgang nahm. Im 6. Jh. v. Chr.  auch die Heilung von Krankheiten ge- des Apollon und der Koronis. Es sind
ist Asklepios also Heilheros, noch hörte in den Bereich jeder Gottheit ihm besondere Fähigkeiten angebo-
nicht Gott. Deshalb kann auch eine und jedes Heros, der durch seine über- ren und Scharfsinn hat ihn ausge-
deutliche Nähe zwischen Asklepios menschlichen Kräfte zum Heilen befä- zeichnet, so dass er sich eifrig um
und den Ideen der hippokratischen higt war. Als locus classicus ist daran zu die Heilkunst zu Gunsten der Men-
Schriften und damit einer rationalen erinnern, dass Apollon den Griechen schen bemüht hat. Er hat viele Mit-
Medizin bestehen. den loimos, die Seuche, sendet. Homer tel entdeckt, welche der Gesundheit
Ein weiterer Beleg für diese inhalt- beschreibt am Anfang der Ilias, dass der Menschen zugutekamen. Eine
liche Wesensverwandtschaft ist, dass Apollon die göttliche Vergeltung für dieser besonderen Fähigkeiten be-
auch Hippokrates als Asklepiade be- ein menschliches Vergehen mit Pfei- stand darin, sogar hoffnungslos Er-
zeichnet wird. Entsprechend sind für len in das Heerlager der Griechen sen- krankte gesund zu machen. Askle-
diese frühe Zeit auch keine Wunder- det, denn Agamemnon bekam nicht die pios brachte mit dieser Leistung alle
heilungen in den Asklepiosheiligtü- Chryseis zugestanden. So wird Apol- zum Staunen, er stand seitdem im
mern  überliefert.  Solche  finden  sich  lon zum Seuchengott. Apollon heilt die Ruf, Tote ins Leben zurückrufen zu
als Inschriften ab dem 4. Jh. v. Chr. Griechen aber auch wieder, nachdem können. Asklepios bekam aber nicht
(Kasten 1). Generell ist zu bemerken, sie ihn durch rituelle Handlungen be- nur Beifall zugestanden. Da die Zahl
dass für die Geschichte der Asklepi- sänftigt, sich also vom Frevel reinge- der Toten durch sein Wirken stark
osheiligtümer Inschriften, literarische waschen hatten. abgenommen hatte, erhob Hades ge-
Texte, Papyri, Münzen sowie archäolo- Die rituellen Handlungen sind da- gen Asklepios vor Zeus Anklage. Zeus
gische Zeugnisse heranzuziehen sind. bei mannigfaltig. Apollon wird durch befand ihn für schuldig und bestrafte

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ANTIKE WELT 2/20
ASKlEPIoS – Vater einer integrativen Medizin in der Antike

Abb. 3
Gipsabguss einer Sta-
tue des Asklepios
des Typus «Giustini»
(Museum in Epidau-
ros; Inv.-Nr. 813 und 
Athen, National-
museum, Inv.-Nr. 266, 
1347).

18
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ANTIKE WELT 2/20
TITELTHEMA

Abb. 4 Mosaik an einer Hausfassade in Lindau im Bodensee.  Abb. 5 Detail von der Hausfassade der slowakischen Botschaft in 
Ljubljana (Slowenien).

Asklepios, indem er ihn aus Zorn mit gen Asklepios, wie er stehend auf den lich belegen: ein Mosaik an einer Haus-
einem Donnerkeil erschlug. Askle- Schlangenstab gestützt ist. Asklepios fassade in Lindau im Bodensee oder
pios überschritt mit dieser Tat die hat sich in dieser Pose auf ein Verwei- das Relief an der slowakischen Bot-
gesetzte Norm, Leben über das biolo- len eingerichtet und verkörpert damit schaft in Ljubljana (Abb. 4. 5).
gische Maß hinaus zu verlängern. Di- die Nähe und Hinwendung zu den Ad-
odors Synthese schließt mit der Fest- oranten, den Hilfesuchenden. Der Asklepioskult entsteht
stellung, dass Apollon, der mythische Die typischerweise um den Stab ge- und breitet sich aus
Vater des Asklepios, aus Rache die wundene Schlange zeigt zentrale Ele- Von Epidauros aus wurden zahlreiche
Kyklopen hat töten lassen. Sie hatten mente der Asklepiosattribute. Hält Filialen gegründet, die bis zuletzt dem
die Donnerkeile angefertigt. Schließ- man die Augen offen, finden sich diese  Christengott entgegentraten (Abb. 6). 
lich hat hierfür wiederum Zeus Apol- beiden Attribute an zahlreichen Stellen. Die große Bedeutung des Asklepios
lon bestraft, indem er einem Men- Bemerkenswert ist, dass eine Kunstge- kann auch daran erkannt werden,
schen dienen musste. schichte dieser inszenierten Schlange dass mehr als ein Drittel der gefunde-
Aus dem 4. Jh. v. Chr. stammt die zu beschreiben ist, die über die Renais- nen Gliederweihungen des ägäischen
göttlich anmutende Darstellung ei- sance in die griechische Antike zurück- Raumes aus den Asklepiosheiligtü-
nes Asklepios «Giustini», die den iko- reicht und allgemein zum Symbol für mern stammt. Bei den Gliederwei-
nographischen Grundtyp dieser Zeit Medizin und Pharmazie wurde. Schon hungen handelt es sich um Nachbil-
darstellt (Abb. 3). Sie zeigt den bärti- wenige Impressionen können das bild- dungen menschlicher Körperteile aus

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ANTIKE WELT 2/20
ASKlEPIoS – Vater einer integrativen Medizin in der Antike

Stein, Terrakotta oder Bronze, die von festen Platz bekam. Man hatte auch lon Kyparissios gehuldigt worden
den Adoranten nach erfolgter Heilung noch die Seuche in Athen von 430 bis  war. Im selben Jahrhundert entstand
im Tempel deponiert wurden. 428 v. Chr. bzw. 427/6 bis 426/5 v. Chr.  auch in Pergamon ein Asklepieion.
Für Athen ist eine der frühesten Kult- in ängstlicher Erinnerung. Die Auf- Das Heiligtum in Kos wurde von dem
übertragungen überliefert. Ein Schiff nahme des Asklepios kann insofern als deutschen Archäologen Rudolf Her-
von Epidauros kam mit der Kultstatue eine Präventionsmaßnahme verstan- zog 1902 entdeckt. Auch in römi-
des Asklepios im Hafen Zea in Piraeus den werden, künftige gesundheitliche scher Zeit wurde dieses Asklepieion
an. Die Gesandten brachten die Kult- Bedrohungen abzuwehren. So wurde weiter entwickelt, so dass es noch
statue in das städtische Eleusinion, in Athen ein Asklepiosheiligtum er- heute mit seinen großen Terrassen-
das spätere Asklepieion. 420/419 v. Chr. richtet und im 4. Jh. v. Chr. noch einmal mauern, einer Freitreppe, Brunnen
wurden dort die Großen Mysterien ge- erweitert. Es finden sich dort ein Altar,  und Badeanlagen prächtig erscheint
feiert. Der «faule» Frieden des Nikias ein Tempel und eine Säulenhalle (Aba- (Abb. 7). 
war eben geschlossen worden, der ton) für die Adoranten zum Niederle-
sich schon bald als nichtig erweisen gen sowie Quellen für das Waschen. Nicht nur Wunderheilungen
sollte. Zu dieser Zeit kam eine göttli- Das Asklepieion in Athen hatte eine im Asklepieion
che Heilungsperspektive gerade recht, große wirtschaftliche Bedeutung. Wie hier nun genau geheilt wurde, ist
die neben der sich etablierenden rati- In  den  Jahren  366/5  v.  Chr.  ent- eine in der Forschung reichlich disku-
onalen Heilkunde, wie diese im Corpus stand in Kos an der Stelle ein Askle- tierte Frage. Letztlich gibt es weitaus
Hippocraticum formuliert ist, einen piosheiligtum, wo zuvor dem Apol- mehr Spekulationen als gut belegbare

Abb. 6 Asklepios behandelt die Schulter einer Patientin, während rechts hinter ihm seine Tochter Hygieia steht (4. Jh. v. Chr., Archäologisches Museum 
Piräus, Inv.-Nr. 405).

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ANTIKE WELT 2/20
TITELTHEMA

Abb. 6 Blick von der oberen Terrasse des Asklepiosheiligtums auf Kos hinab auf die Reste der mittleren Terrasse.

Thesen. Dabei ist ein Spannungsver- Asklepios zu, wovon wiederum der
Kasten 2
hältnis zwischen Wunderheilungen und Sklave Karion berichtet. Asklepios
tatsächlichen Kuranweisungen vorhan- tastet den Kopf des Plutos ab und In der Mitte des 3. Jhs. v. Chr. schildert der
den, das je nach Ort und Zeitpunkt un- wischt ihm mit einem reinen Tuch Dichter Herondas, der selbst in Kos lebt, in
einer seiner Mimiamben mit dem Titel Wei-
terschiedlich zu beschreiben ist. die Lider ab. Schließlich schlecken
hende und opfernde Frauen, wie zwei
Ein frühes Zeugnis für Wunderhei- ihm zwei Schlangen zusätzlich die Li- einfache Frauen in den Morgenstunden dem
lungen ist im Plutos des Aristophanes der ab. Plutos steht auf und kann wie- Asklepios ein opfer darbringen: «Kommt
belegt, der im Jahr 388 v. Chr. in Athen  der sehen. Sicherlich ist hier einiges und nehmt den Hahn, den Herold auf der
Hausmauer, den ich hier opfere, gnädig als
als Komödie aufgeführt worden war. dem Genre der Komödie geschuldet.
Zukost an! Denn unser Brünnlein fließt nicht
Damit ist zugleich eine Überlieferung Dennoch bleibt auch etwas: Adoran- stark noch reichlich, sonst würden wir
bezeugt, in welcher Asklepios als gött- ten bringen Opfer dar (Kasten 2), sie dir ein Rind oder ein Mastschwein mit Speck
lich verstanden wird. legen sich im Tempel zum Heilschlaf gepolstert als Kurlohn darbringen, weil du,
Herr, die Krankheiten mit Handauflegen
Zum Inhalt der Komödie: Plutos, nieder und erfahren dort eine Inku- weggewischt hast.» (Herondas, Vierter Mi-
der personifizierte Reichtum, ist blind  bation. Der Gott erscheint ihnen im miambus, Zeile 11–17). Der bei Herondas
und verteilt entsprechend «blind» Traum, behandelt die Patienten mit angesprochene Hahn findet sich auch am
Ende des Dialogs Phaidon von Platon. Der
seinen Reichtum an Bedürftige, aber Medikamenten, aber auch mit Hilfe
Philosoph Sokrates weist die Freunde in
auch an Diebe. Er muss also wieder der Schlangen. Die hier beschriebene seiner Sterbestunde darauf hin, dass dem
sehen können, damit er sieht, wem er Heilung bekommt damit den Charak- Asklepios noch ein Hahn geschuldet ist.
sein Geld gibt. Diese Aufgabe kommt ter der Wunderheilung.

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ANTIKE WELT 2/20
ASKlEPIoS – Vater einer integrativen Medizin in der Antike

Heilung durch Träume gehend unklar ist, wie das Verhältnis Nach einer rituellen Einstimmung
In den Asklepiosheiligtümern fanden der Priester zum Heilen war, welche mit Gebeten, Waschungen und Op-
Inkubationen, auch Traumheilungen Rolle also gegebenenfalls Ärzte hat- fern legten sich die Patienten im Tem-
genannt, statt. Dabei treten rituelle ten. Auch über das Träumen und die pel schlafen, damit sie mit dem Gott in
Heilungshandlungen neben die thera- Traumheilung gibt es viele Spekula- Kontakt  treten  konnten  (vgl.  Abb.  6). 
peutische Verwendung von Wasser, tionen, auch aus psychoanalytischer Der Ort, an dem man sich zum Schla-
also regelrechte Wasserkuren. Weit- Feder. fen niederlegte, ist zugleich der Ort, an

22
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ANTIKE WELT 2/20
TITElTHEMA
TITELTHEMA

Abb. 9 Detail mit dem Relief der sich um einen 
Stab windenden Schlange an den antiken
Überresten des Schiffsrumpfes der Tiberinsel
in Rom.

ß Abb. 8
Überreste der antiken Bebauung der Tiber-
insel in Form eines Schiffsrumpfes.

dem die Inkubation stattfand: Inner- ausgelöst, seinem sozialen Milieu ent- das Lager. In der Schwellen- oder
halb der Inkubation vollzog sich der fremdet. Diese erste Phase umfasste Transformationsphase erlebte der zu
Kontakt mit Asklepios in einem Drei- rituelle Handlungen vor Betreten des Transformierende völlig Fremdes und
schritt, der als rite de passage (Über- Inkubationsraumes, das Betreten des Neues, wenn er in einen Zustand zwi-
gangsritus) beschrieben werden kann. Raumes in entsprechender Inszenie- schen allen möglichen Bereichen ver-
In der Trennungsphase wurde der rung (weißes Gewand, Ölbaumkranz) setzt wurde. In dieser zweiten Phase
Adorant aus seinem Alltagsleben her- und das Hinlegen zum Schlafen auf erlebte man den Moment der Identität

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ANTIKE WELT 2/20
ASKlEPIoS – Vater einer integrativen Medizin in der Antike

von gelebter und vorgestellter Welt, Aus Dankbarkeit hinterließen die in Rom und dann im Imperium Ro-
das heißt man begegnete der Gott- Adoranten Asklepios schließlich Op- manum weiter. Der Römische Ge-
heit, die einem half. In der Wiederein- fergaben, auf denen sie meist in- schichtsschreiber Livius berichtet
gliederungsphase wurde der mit der schriftlich über die Vorgänge vor Ort von dem Kulttransfer: Während des
Gottheit in Kontakt getretene und da- berichten. Hierdurch wissen wir erst 3.  Samni tischen  Kriegs  brach  293 
durch nun Transformierte in die Ge- überhaupt von solchen Handlungen, v. Chr. in Rom eine Seuche aus. Ganz
sellschaft wieder aufgenommen. In über die viel spekuliert wurde: Ask- Latium wurde hiervon heimgesucht.
dieser dritten Phase (auch Inkorpo- lepios sei im Traum erschienen und Viele sahen diese hoch ansteckende
rationsphase) wurde der Adorant in habe entweder selbst eine Heilung Seuche als eine göttliche Strafe für
seinem neuen Status akzeptiert und herbeigeführt oder aber Mittel und menschliches Vergehen an. Die Si-
befand sich wieder in seiner gewohn- Methoden genannt, mit deren Hilfe byllinischen Bücher rieten dazu – da-
ten Umwelt. Die Adoranten erfuhren Heilung erfahren worden sei. Im nach befragt –, Asklepios von Epidau-
also im Traum, wie sie sich hinsicht- Schlaf sei es also zum Traum gekom- ros nach Rom zu holen. Entsprechend
lich ihres artikulierten Leidens zu ver- men, der Heilung versprochen habe. wurden Senatoren nach Epidauros
halten hatten und setzten konkrete Die erhaltenen Quellen lassen aller- gesandt, um Hilfe von Asklepios zu
Therapievorschläge, sofern sie solche dings eine nähere Rekonstruktion der erbitten. Über den Kulttransfer liest
erhalten hatten, vor Ort, wie bei ei- realen Traumpraxis nicht zu. man später auch in den Metamor-
nem Kuraufenthalt, um. Der Kontakt phosen des Ovid. Dort heißt es, das
mit Asklepios vollzog sich im Rahmen Asklepios kommt nach Rom und Orakel in Delphi rät, Asklepios von
der Inkubation also als Übergangsri- in das Imperium Romanum Epidauros zu holen, um gegen die
tus (Trennung, Liminalität, Wieder- Über Griechenland hinaus bestand Seuche vorgehen zu können. Der Gott
eingliederung). Asklepios mit Kult und Medizin auch nahm in der Gestalt einer Schlange
die Fahrt nach Rom auf, schreibt
Ovid. Die Schlange verließ das Schiff,
als es auf Höhe der Tiberinsel war. An
dieser Stelle wurde dann in Rom im
Abb. 10 Medaillon aus der Zeit des Kaisers Antoninus Pius (138−161 n. Chr.). Die Schlange er-
reicht die Tiberinsel in Rom und lässt sich dort nieder, wo später für Asklepios ein Tempel gebaut 3.  Jh.  v.  Chr.  ein  Asklepieion  errich-
wurde (London, British Museum, No. 1853,0512.238).  tet. Es haben sich Reste der antiken
Uferbefestigung der Tiberinsel erhal-
ten. Daraus und aus alten Zeichnun-
gen und Kupferstichen erkennt man,
dass dieser in der Antike die Form ei-
nes Schiffes gegeben wurde (Abb. 8).
Blickt man genauer hin, erkennt man
immer noch den Schlangenstab des
Asklepios (Abb. 9).
Der Kulttransfer von Griechen-
land nach Rom wurde auf einem Me-
daillon zur Zeit des Römischen Kai-
sers Antoninus Pius festgehalten
(Abb. 10). Die Asklepiosheiligtümer
standen hoch in der Gunst der Kaiser
und blühten in der römischen Kaiser-
zeit noch einmal richtig auf. Etwa 400
Kultorte wurden bisher von Archäo-
logen im gesamten Römischen Reich
identifiziert.  Asklepios  trat  also  im 
gesamten Mittelmeerraum mit Aus-
läufern in das gallisch-germanische
Gebiet durch prächtige Heiligtümer
hervor.

24
ü
ANTIKE WELT 2/20
TITELTHEMA

Fazit einer vielschichtigen Synthese von De Agostini Picture lib., G. Nimatallah; 7: akg / Science
Photo library; 8. 9: Foto Mit freundlicher Genehmigung
Nicht zuletzt auch aufgrund der star- Kult, Medizin bzw. Heilkunde und von Giovanni Rubeis; 10: Mit freundlicher Genehmigung
des British Museum.
ken Förderung durch die Kaiser Muße, welche zu einer eigenständi-
konnte Asklepios lange Zeit dem mo- gen medizinischen Versorgungsform
Literatur
notheistischen Christengott wider- führte. Damit wurde durch die Askle- C. BENEDUM, Asklepios – Der homerische Arzt und
stehen, der dann selbst zum Christus piosmedizin bereits vor mehr als 2000 der Gott von Epidauros, in: Rheinisches Museum 133
(1990) 210–226.
medicus  wurde.  Für  das  3.  Jh.  n.  Chr.  Jahren eine plurale medizinische Ver-
H. FlASHAR, Hippokrates. Meister der Heilkunst (2016).
ist eine Filialgründung im kleinasiati- sorgung gewährleistet, wie sie heute
J. HARRISSoN, The Development of the Practice of In-
schen Abonuteichos überliefert, in der vielfach nachgefragt wird. cubation in the Ancient World, in: D. Michaelides (Hrsg.),
Medicine and healing in the ancient Mediterranean
ein Asklepios Glykon verehrt wurde. world (2014) 284–290.
Aus dem 6. Jh. wissen wir noch von ei- R. HERZoG, Die Wunderheilungen von Epidauros.
Ein Beitrag zur Geschichte der Medizin und der Religion
ner Asklepiosfiliale in Askalon.  (1931).
Asklepios stellte also über ein Jahr- I. ISRAEloWICH, Patients and healers in the High Roman
Empire (2015).
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Univ.-Prof. Dr. Florian Steger A. KRUG, Heilkunst und Heilkult. Medizin in der Antike
für Patienten bzw. Adoranten dar, das (1993).
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Heilkult und Medizin bzw. Heilkunde Aristides and the cult of Asklepios (2010).
D-89073 Ulm
florian.steger@uni-ulm.de J.W. RIETHMÜllER, Asklepios. Heiligtümer und Kulte
bewegte. Die Asklepiosmedizin wurde
(2005).
im gesamten Mittelmeerraum und da-
Bildnachweis F. STEGER, Asklepiosmedizin. Medizinischer Alltag in der
rüber hinaus stark nachgefragt und Abb. 1: Foto Hervé Champollion, akg-images; 2: Foto
römischen Kaiserzeit (2004).

durch weitere Filialgründungen aus- mit freundlicher Genehmigung des KHM-Museums- DERS., Asklepios. Medizin und Kult (2016).
verbandes; 3: Foto Florian Steger (nach Steger 2016,
gebaut. In den Asklepieien kam es zu S. 40, Abb. 2); 4. 5: Foto Florian Steger; 6: akg-images,

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25
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ANTIKE WELT 2/20
KRANKHEITSBILDER UND KÖRPERLICHE DEFIZITE
Hellenistische «pathologische Terrakotten» aus Smyrna

In der griechisch-römischen Bilderwelt der Terrakotten, mit anderen Worten der «Koroplastik»,
wurden Krankheiten und körperliche Defizite häufig thematisiert, während solche Dar-
stellungen in Marmor eher selten sind. Bereits bei den frühen Ägyptern waren Körperteile
wie Augen, Ohren, Genitalien, Beine, Füße, Arme, Hände usw. separat angefertigt wor-
den, weil sie «von Göttern geheilt werden müssen». Für solche anatomischen Votive wurde
häufig ebenfalls das Material Ton gewählt. In diesem kurzen Beitrag werden die Terra-
kotten einer bestimmten Fundstelle und Werkstatt im Westen der Türkei thematisiert, nämlich
die hellenistischen Terrakotten aus Smyrna, an denen pathologische Erscheinungen
häufig dargestellt sind. Die Terrakottafiguren wurden in Hinblick auf diesen Aspekt bereits
mehrfach untersucht, aber noch nie in einem deutschsprachigen Beitrag behandelt.

von Ergün Laflı ken Medizinschule war, die das von Spätestens seit der archaischen Zeit
Hikesios im 2. Jh. v. Chr. gegründete im 6. Jh. v. Chr. produzierte Smyrna

E rst Ende des 4. Jhs. v. Chr. begann


mit dem vom Diadochenherrscher
Antigonos I. Monophthalmos angeleg-
Erasistrateion im ägyptischen Alex-
andreia zum Vorbild hatte. Im heu-
tigen Stadtteil Balçova befindet sich
Terrakotten nicht nur für den Eigen-
bedarf, sondern auch für den Export.
Ab frühhellenistischer Zeit, d. h. dem
ten Hafen und der Neugründung der das sog. Agememnon-Spa, das im Ge- frühen 3. Jh. v. Chr., wurde Smyrna ne-
Stadt der Aufschwung Smyrnas, des biet von Thermalbädern liegt, die be- ben Myrina zu einem wichtigen inter-
heutigen Izmir. Es entwickelte sich reits in der Kaiserzeit für die Heilung nationalen Produktionszentrum im
zu einer der reichsten Handelsstädte bestimmter Krankheiten genutzt wur- westlichen Kleinasien. Die Forschung
Kleinasiens. Über die hellenistische den. Zufälligerweise befindet sich das nimmt mit großer Sicherheit an, dass
Zeit dieser Stadt weiß man aber recht Krankenhaus der Dokuz-Eylül-Univer- die Koroplastik Smyrnas thematisch
wenig, da zwei Erdbeben in den Jah- sität auch in der Nähe dieser antiken und technisch gesehen unter dem Ein-
ren 178 und 180 n. Chr. die Stadt stark Therme. Beide Orte waren bereits in fluss der Koroplasten im ägyptischen
beschädigten und die spärlichen Über- der hellenistischen Antike besonders Alexandreia stand. Die Massenpro-
reste unter der modernen Stadt be- beliebt und international anerkannt. duktion von Terrakotten in Smyrna
graben sind. Die hellenistisch-früh- Man weiß, dass sehr viele ausländi- dauerte bis zum Erdbeben von 178
römische Stadt bestand wohl aus vier sche Kranke wegen dieser Thermal- n. Chr. an; über die Terrakotten-Her-
Teilen: dem Hafen in der Gegend des bäder und Sanatorien nach Smyrna stellung danach weiß man fast gar
heutigen Hisarönü, dem Stadtkern in gekommen sind. Das erklärt auch die nichts.
der Gegend der Agora bei Kemeraltı, ei- vielen Votivgaben für Asklepios, die In Smyrna selbst ist von den anti-
nem Stadtteil an den Hängen des Akro- dort gefunden wurden. Der Asklepios- ken Stadtteilen wenig erhalten und fast
polishügels, den die Griechen «Pagos» Kult war schon im 4. Jh. v. Chr. aus Per- nirgendwo die hellenistische Phase
nannten, sowie dem Nekropolengebiet gamon nach Smyrna übertragen wor- reichlich vertreten. Daher fehlt das
von Basmane über Kemer bis Tepecik. den. In Smyrna stand der Kultplatz Wissen über die Produktionsstätten
in Verbindung mit einer Krankenan- der Terrakotten. Die erhaltenen Ex-
Das hellenistische Smyrna stalt nicht weit entfernt vom heutigen emplare wurden vor allem Ende des
als ein Zentrum der Heilkunst und Değirmendere und dem Meeresufer. 19. Jhs. im Auftrage des Musée du
der Terrakotten-Produktion Die Kranken, die zur Heilung nach Louvre in verschiedenen Stadtteilen
Aus schriftlichen Quellen ist für Smyrna Smyrna kamen, kauften und weihten Smyrnas, u. a. in Heiligtümern sowie
bezeugt, dass es der Sitz einer anti- Asklepios-Terrakotten. in den Wohngebieten an den Hängen

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ANTIKE WELT 2/20
TITELTHEMA

Abb. 1 Terrakottafigur einer geschwächten, ausgemergelten Frau. The Metropolitan Museum of Art, Inv.-Nr. 89.2.2141.

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ü ANTIKE WELT 2/20
KRANKHEITSBILDER UND KÖRPERLICHE DEFIZITE

des Pagos und Değirmentepe oder in


den Nekropolen im Gebiet von Bas-
mane-Kapılar, ausgegraben und wer-
den heute an mehreren Orten der Welt
aufbewahrt: im Musée du Louvre, in Is-
tanbul, in Izmir, in Brüssel, in Leiden, in
Prag, in London und in New York.
Das Repertoire der smyrnäischen
Terrakotten hellenistischer Zeit ist
durch den 1971−1972 erschienenen
Katalog der im Louvre aufbewahrten
Terrakotten Smyrnas durch S. Mol-
lard-Besques bekannt. Weitere Terra-
kotten aus Smyrna werden vor allem
in den Istanbuler Museen aufbewahrt
und sind vor kurzem detailliert pub-
liziert worden. Nach I. Hasselin Rous,
der Verfasserin mehrerer Arbeiten zu
den Werkstätten von Smyrna, lässt sich
allgemein feststellen, dass die helle-
nistischen Terrakotten aus Smyrna
aufgrund ihrer Rundplastizität und ih-
res Detailreichtums höchste Qualität
besitzen.
Die außergewöhnliche Gattung der
Terrakotten, die Krankheitsbilder und
körperliche Defizite thematisieren, ist
unter den smyrnäischen Terrakotten
besonders zahlreich und wird meis-
tens unter den Grotesken eingeordnet
á   
Abb. 2
Ithyphallischer Buckliger aus (Abb. 1). Bei manchen Beispielen ist es
Smyrna; 2. Jh. v. Chr. nämlich schwierig zu unterscheiden,
Musée du Louvre, H.: 7,5 cm.
ob sie als Karikaturen oder als Darstel-
lung einer Behinderung oder Krank-
heit aufzufassen sind. Manchmal fällt
es nämlich auch schwer, z. B. die hel-
lenistischen Votivfiguren von Knaben,
die sog. temple-boys, von jenen des
ägyptischen Zwerggottes Bes zu un-
terscheiden. Die komischen Figuren in
Smyrna sind vom Ende des 1. Jh. v. Chr.
bis in die Zeit des Antoninus Pius sehr
beliebt. Es wird angenommen, dass
verschiedene Arten solcher Grotesken
in den Gräbern eine unheilabwehrende
Schutzfunktion hatten.
Terrakotten, die Krankheiten, Behin-
derungen und Deformierungen dar-
ß  
Abb. 3 stellen, wurden auch in anderen west-
Nackter weiblicher Torso
mit einer Wunde. Musée du und südkleinasiatischen Zentren, u. a.
Louvre, H.: 4,7 cm. in Myrina, Priene sowie Tarsus, aber

28
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ANTIKE WELT 2/20
TITELTHEMA

auch im ägyptischen Alexandria ge-


funden, nur eben nicht so zahlreich
wie in Smyrna.

Die pathologischen Terrakotten


aus dem hellenistischen Smyrna
Bei einigen kleinformatigen, mensch-
lichen Terrakottafiguren aus Smyrna
wurden die Rippen sehr deutlich dar-
gestellt. Auch der Penis und die Ho-
den wurden betont, was man als Indi-
zien für eine Krankheit werten könnte:
Nach der bisherigen Forschungsmei-
nung handelt es sich in solchen Fäl-
len um «eine Personifikation des an-
haltenden sexuellen Lustgefühls» oder
um eine apotropäische Darstellung.
Die ithyphallische Darstellung des Pe-
nis kommt im Hellenismus häufig vor,
vielleicht wegen hormoneller Störun- Abb. 4
Kleinwüchsiger
gen oder aus Protzerei. Einige sitzende aus Smyrna; 2. Jh.
Figuren haben ebenfalls einen über- v. Chr., Metropolitan
Museum of Art,
trieben großen Penis, im Gegensatz Inv.-Nr. 2000.667.1,
dazu jedoch sehr dünne Arme und H.: 9,8 cm.
Beine (Abb. 2). Die Arme und Beine
wirken morphologisch instabil und
verweisen so auf ein Krankheitsbild.
Bei manchen sind die Oberkörper bu- ben von Personen, die eine solche Ope- (Mysien), das einen deformierten, ver-
ckelig. Personen mit Buckel wurden in ration durchgemacht hatten. größerten Kopf mit großen flattern-
der griechisch-römischen Ikonogra- Ein männlicher Kopf aus Smyrna aus den Ohren, einem schiefen Mund und
phie häufig dargestellt, wie auf einem dem 1. Jh. n. Chr., heute im niederländi-
Mosaik des 2. Jhs. n. Chr. aus Antiocheia. schen Nationalmuseum in Leiden, galt
Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass bislang als «Kopf einer Schauspielerin». Abb. 5 Porträt eines acromegalischen Mannes
solche Figuren eine Krankenheit na- Der Neurologe Dr. J.-L. Devoize aus aus Smyrna; 2. Jh. v. Chr., Metropolitan Museum
mens «Pott», eine Art Tuberkulose, Saint-Michel, Frankreich, fand jedoch of Art. Inv.-Nr. 2000.667.2b, H.: 4,4 cm.

gehabt hatten, die in der Antike weit heraus, dass das geschlossene linke Lid
verbreitet war und auch im Corpus den hemifazialen Spasmus oder Ble-
Hippocraticum erwähnt wird. pharospasmus (Lidkrampf) anzeigt.
Einige Terrakotten aus Smyrna im Bei den smyrnäischen Terrakotten
Louvre zeigen nur einen Torso mit Ar- hellenistischer Zeit ist die Darstellung
men und in der Mitte des Bauches öff- von Kleinwüchsigen sehr beliebt, die
net sich eine vertikale und tiefe Wunde wir normalerweise seit der altägyp-
(Abb. 3). Es kann sein, dass in solchen tischen Kunst als sog. Zwergendar-
Fällen eine Lungen- bzw. Leberopera- stellungen kennen (Abb. 4). Zwei Terra-
tion gemeint ist. Im 2. Jh. v. Chr. führte kotten Kleinwüchsiger aus Smyrna
Erasistratos an der Medizinschule von mit achondroplastischem Nanismus
Alexandria mehrere solcher Operatio- werden im Metropolitan Museum
nen durch und applizierte zur Heilung of Art aufbewahrt. Sie zeigen die für
die nötigen Medikamente an den kran- diese Krankheit typischen körperli-
ken Organen. Vielleicht handelt es sich chen Anzeichen. Ein weiteres Beispiel
bei diesen Terrakotten um Votivbeiga- befindet sich im Museum von Bursa

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ANTIKE WELT 2/20
KRANKHEITSBILDER UND KÖRPERLICHE DEFIZITE – Hellenistische «pathologische Terrakotten» aus Smyrna

einen hervortretenden Bauch aufweist. formten Brüsten, die über ihren leicht waren. Diese Terrakotten wurden als
Bei solchen Terrakottafiguren könnte vorgewölbten Bauch hängen wie eine Votivbeigaben in Heiligtümern und
der dicke Bauch auch auf eine Krank- alte Frau aus. Allerdings spricht ihre Krankenhäusern verwendet, als Ob-
heit zurückzuführen sein. Einige die- statuenhafte Kontrapost-Pose, das durch- jekte, die das Interesse der Götter, be-
ser Kleinwüchsigen waren wegen ihres sichtige Kleid, das von ihrer rechten sonders des Asklepios, erwecken soll-
defekten Körper damals als Tänzer be- Schulter herabgleitet, sowie der lange ten. Auf jeden Fall sollten einige diese
liebt, so etwas wie später Hofzwerge, und abgenutzte Haarschnitt dafür, dass Figuren mit dem lokalen Krankenhaus
die es auch bei den Mayas gab, und eine junge Frau dargestellt wird, die an des hellenistisch-römischen Smyrna
Hofnarren, die der Belustigung dien- einer schwächenden Krankheit leidet. in Verbindung stehen.
ten. Die Darstellungen mit deutlichen Al-
An einer ebenfalls im Metropoli- tersmerkmalen der Körper und Köpfe
tan Museum aufbewahrten weibli- mit länglichem Schädel, verzerrten
chen Terrakottafigur des 1. Jhs. v. Chr. Proportionen und zurückweichender
werden die Anzeichen körperlicher Stirn waren in Smyrna äußerst beliebt Danksagung
Schwächung deutlich dargestellt (vgl. (Abb. 5). Bei einigen Terrakotten sind Der Autor bedankt sich bei Maurizio Buora (Udine), Eva
Christof (Graz), Gülseren Kan Şahin (Sinop), Anna Ockert
Abb. 1). Auf den ersten Blick sieht die herunterhängenden Brüste, die be- (Darmstadt) und Diether Schürr (Hanau) für die viele Unter-
diese ausgemergelte Frau mit lang- tonte Spinal und der viel zu dicke Bauch stützung.

gestreckten Proportionen, mit ihrem der Frauen als Alterserscheinungen ge-


knöchernen Körper und schlecht ge- geben (Abb. 6). Terrakotta-Darstellun- Adresse des Autors
gen von Wickelkindern konnten aus Prof. Dr. Ergün Laflı
Dokuz Eylül Üniversitesi
unterschiedlichen Gründen geweiht Edebiyat Fakültesi
Arkeoloji Bölümü
Abb. 6 Torso einer alten Frau aus Smyrna. werden: Entweder bedankte man sich Oda No A 418
Tınaztepe/Kaynaklar Yerleşkesi
Musée du Louvre, H.: 8,2 cm. für die Heilung der kranken Kinder, Buca
sie dienten als Fruchtbarkeitssymbole, TR-35160 Izmir
ergun.lafli@deu.edu.tr
oder man stellte sie wegen ihrer Un-
fruchtbarkeit dar. Bildnachweis
Aus weiteren Orten Westanatoliens Abb. 1: akg-images / Liszt Collection; 2. 3: bpk / RMN –
Grand Palais / Gérard Blot; 4. 5: New York, The Metro-
sind hellenistisch-römische Terrakotten politan Museum of Art (CC0 1.0); 6: bpk / RMN – Grand
Palais / Daniel Lebée / Carine Déambrosis.
mit körperlichen Defiziten bekannt,
so beispielsweise aus Bolvadin im Mu-
Literatur
seum von Afyonkarahisar (Phrygien) J.-L. DEVOIZE, Neurological picture. Hemifacial spasm in
das Porträt eines Mannes mit einer antique sculpture: Interest in the «other Babinski sign»,
in: Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry 82
Gesichtslähmung. Diese Lähmungs- (2011) 26.

krankheit äußert sich normalerweise I. HASSELIN ROUS / M. E. ÇALDIRAN IŞIK / G. KONGAZ,


Musées archéologiques d’Istanbul, Catalogue des
durch die Abflachung einer Gesichts- figurines en terre cuite grecques et romaines de Smyrne,
hälfte, durch das Verschwinden der Varia Anatolica 24 (2015).

Falten auf der Stirn, das Fallen der L. LUDOVIC, Les grotesques de Smyrne, types patholo-
giques et caricatures, in: J.-L. Martinez / L. Ludovic /
Augenbrauen, durch Schwierigkeiten I. Hasselin Rous (Hrsg.), D’Izmir à Smyrne: Découverte
d’une cité antique (2009) 170–173.
beim Schließen des Auges, der Un-
A. G. MITCHELL, Disparate bodies in ancient artefacts:
fähigkeit zu pfeifen und durch abge- The function of caricature and pathological grotesques
senkte Mundwinkel. among Roman terracotta figurines, in: C. Laes / C. Goo-
dey / M. L. Rose (Hrsg.), Disabilities in Roman Antiquity.
Disparate bodies. A Capite ad Calcem, Mnemosyne,
Supplements 356 (2013) 275–297.
Schlusswort
F. RÉGNAULT, Rhinologie et otologie devant l’iconographie
Krankheitsbilder sind in Kleinasien antique (terres cuites grecques et smyrniotes), in:
besonders bei Terrakottafiguren höchst Archives internationales de laryngologie, d’otologie et de
rhinologie 28 (1909) 195–201.
beliebt. Die Künstler haben wohl diese
DERS., Terres cuites pathologiques de Smyrne, in: Bulletins
Krankheiten beobachtet und diese in et Mémoires de la société d’anthropologie de Paris 10
(1909) 633–635.
ihrem Werk nachgeahmt. Die Krank-
heiten, die anhand der Terrakotten DERS., La syphilis est-elle représentée sur les terres
cuites grecques de Smyrne, in: Bulletin de la Société
thematisiert wurden, zeigen auch, d’Anthropologie de Lyon 18 (1909) 33–39.

dass sie in der Antike sehr verbreitet

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ANTIKE WELT 2/20
ERKENNTNISSE ZU MEDIZIN UND WELT­
VERSTÄNDNIS DER ASSYRER
Das «Haus des Beschwörungspriesters» in Assur

Bei Grabungen der Deutschen Orient-Gesellschaft von 1903 bis 1914 in Assur (Irak) stießen
die Ausgräber auf einen spektakulären Fund, dessen Geheimnisse auch mehr als
100 Jahre nach der Entdeckung noch nicht vollständig gelüftet sind. Auf dem Fußboden
eines antiken Wohnhauses fanden sich hunderte dicht beschriebener Tontafeln und
Tontafelfragmente. Schon kurz nach der Entdeckung war klar, dass es sich nicht um ein privates
Archiv oder Urkunden der staatlichen Verwaltung handelt, sondern um die Bibliothek
eines Gelehrten, genauer gesagt eines āšipu, heute behelfsmäßig mit Beschwörer, Exorzist
oder Beschwörungspriester übersetzt. Aufgabe eines āšipu war es, Unglück und Krank-
heit abzuwenden. Doch war er auch Arzt in unserem Sinne. Die Bibliothek gibt einen Einblick
in die Tätigkeit eines «Beschwörers» und die damit verbundenen Vorstellungen von
Krankheit und Heilung in Assyrien.

von Helen Gries Reiches. Bei dieser kriegerischen Aus-


einandersetzung wurde auch das «Haus

I
  Abb. 1 Unter dem Fußboden des «Hauses  m Jahr 614 v. Chr. eroberten die Me- des Beschwörungspriesters» zerstört
des Beschwörungspriesters» freigelegte
Tonkapseln, die Reliefplättchen mit Darstellun- der Assur, die alte Hauptstadt und und die kostbare Bibliothek unter dem
gen schützender Geister enthielten. das kultische Zentrum des Assyrischen Schutt begraben. Die deutschen Archäo-

31
ü
ANTIKE WELT 2/20
ERKENNTNISSE ZU MEDIZIN UND WELT VERSTäNDNIS DER ASSyRER – Das «Haus des Beschwörungspriesters» in Assur

Abb. 2 Apotropäisches Relieftäfelchen mit Darstellung des «Sechslockigen Helden» aus Assur, das vom Typ her den Täfelchen aus dem «Haus des 
Beschwörungspriesters» entspricht. Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum, VA 5449.

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ü
ANTIKE WELT 2/20
TITELTHEMA

logen entdeckten Überreste des reprä- aber zumeist vergangen sind. Zwar Textsammlung muss bei der mehrstu-
sentativen Wohnhauses 1908 bei der haben sich Reste einer solchen Tafel figen  Ausbildung  eine  wichtige  Rolle 
systematischen Erforschung des eins- im «Haus des Beschwörungspries- gespielt  haben.  Neben  der  «Fachlite-
tigen Stadtgebiets von Assur und gru- ters» gefunden, jedoch hat sich der in  ratur für Beschwörer» enthält die Bi-
ben es teilweise aus. Auch bei weite- das Wachs geritzte Text nicht erhal- bliothek auch weitere wichtige Texte
ren Grabungen durch den irakischen ten. Die Tontafelsammlung war der ihrer Zeit. Welche Bedeutung den Ton-
Antikendienst in den 1970er Jahren persönliche  Besitz  der  Familie,  wo- tafeln beigemessen wurde, geht aus
konnte nicht der ganze Gebäudekom- bei die Beschwörer selbst im Dienst den Schreibervermerken hervor. So
plex erforscht werden, so dass der des Assur-Tempels standen, dem liest man etwa: Bei [dem Weisheits-
vollständige Grundriss bis heute un- Hauptheiligtum des Assyrischen Rei- gott] Nabû, dem König der Götter, du
bekannt ist. Neben den Tontafeln ches. Anhand der Schreibervermerke sollst behutsam [mit dieser Tafel] um-
deuten noch weitere für ein Wohn- auf den Tafeln können die Karrie- gehen!
haus  ungewöhnliche  Funde  auf  die  ren  der  einzelnen  Familienmitglieder  Der umfangreiche Tontafelfund aus
Tätikeit der Bewohner hin. Etwa auf vom jungen Assistenten bis zum «Be- dem «Haus des Beschwörungspries-
Höhe  des  Fußbodens  befanden  sich  schwörer des Assur-Tempels» nach- ters» wird derzeit an der Ruprecht-
14 meist quadratische Ziegelkapseln verfolgt werden. Die umfangreiche Karls­Universität  Heidelberg  erforscht. 
(Abb. 1). Darin fanden sich paar-
weise angeordnete Reliefs aus un-
gebranntem Ton mit Darstellungen
des «Sechslockigen Helden» (Abb. 2)
und einem Mischwesen aus Vogel
und Mensch (Abb. 3). Die beiden
mythischen  Wesen  sollten  Unheil 
abwehren und das Haus beschützen.
So steht auf einem Relief Komm her-
ein, Wächter des Guten! Gehe hinaus,
Wächter des Bösen! Vergleichbare Fi-
guren und Reliefs – immer aus un-
gebranntem Ton – sind in Assyrien
häufiger  belegt,  jedoch  zumeist  aus 
Tempeln oder Palästen. Der Fund die-
ser Tonreliefs unterstreicht die be-
sondere Bedeutung des Hauses und
seiner Bewohner.

Fachliteratur für Beschwörer


Mehr als 1200 Tontafeln und Tontafel-
fragmente konnten bis jetzt der Biblio­
thek des «Hauses des Beschwörungs-
priesters» zugewiesen werden (Abb. 4.
5). Diese umfangreiche Textsammlung
haben Mitgliedern einer Familie über 
mindestens drei Generationen aufge-
baut, wobei die meisten Tafeln wohl Abb. 3
Relief mit Dar-
in der zweiten Hälfte des 7. Jhs. v. Chr. stellung eines
entstanden. Es sind aber bei weitem Vogelgenius aus
nicht alle Texte überliefert, die einst dem «Haus des
Beschwörungs-
zur Bibliothek gehörten. Neben den priesters». Staat-
ausgesprochen haltbaren Tontafeln liche Museen zu
Berlin, Vorder-
schrieb man auch auf mit Wachs be- asiatisches Mu-
schichteten Holz- und Beintafeln, die seum, VA04885.

33
ü
ANTIKE WELT 2/20
ERkENNTNISSE zu MEDIzIN uND WELT VERSTÄNDNIS DER ASSYRER

Daraus werden sich weitere Erkennt-


nisse zur Medizin und dem Weltver-
ständnis der Assyrer ergeben.

Adresse der Autorin


Dr. Helen Gries, M.A.
Vorderasiatisches Museum im Pergamonmuseum
Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Geschwister-Scholl-Str. 6
D-10117 Berlin

Bildnachweis
Abb. 1: © Staatliche Museen zu Berlin-Vorderasiatisches
Museum, Fotograf unbekannt, 1908; 2–5: © Staatliche
Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum, Foto: Olaf
M. Teßmer.

Literatur
Abb. 4
Pharmakologisch- ST. M. MAUL, Die «Lösung vom Bann». Überlegungen zu
altorientalischen Konzeptionen von Krankheit und
therapeutisches Heilkunst, in: H. F. J. Hostmanshoff / M. Stol (Hrsg.) in Zu-
Handbuch mit Auf- sammenarbeit mit C. R. van Tilburg, Magic and Rationa-
listung von lity in Ancient Near Eastern and Greaco-Roman Medicine
Wirkstoffen und (2004) 79–95.
Drogen aus dem DERS., Die Tontafelbibliothek aus dem sogenannten
«Haus des Be- «Haus des Beschwörungspriesters», in: St. M. Maul / 
schwörungspries- N. P. Heeße (Hrsg.), Assur-Forschungen. Arbeiten aus der
Forschungsstelle «Edition literarischer Keilschrifttexte
ters». Staatliche aus Assur» der Heidelberger Akademie der Wissenschaf-
Museen zu Berlin, ten (2010) 189–228.
Vorderasiatisches
Museum,
VAT 10070.

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Abb. 5
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Handwerken wie
Tontafel mit Be-
handlungen Kelten und Römer
zu den Erkran-
kungen des 3.4. – 19.7.2020
Kopfes aus dem
«Haus des Be-
schwörungspries-
ters». Staatliche RÖMERKASTELL SAALBURG
Museen zu ARCHÄOLOGISCHER PARK
Berlin, Vorderasi- 61350 Bad Homburg v. d. H.
atisches Museum, www.saalburgmuseum.de
VAT 9029.

34
ü
ANTIKE WELT 2/20
ERSTE NACHWEISE FÜR BRANDMARKIERUNG
VON PFERDEN
Neueste Funde vom Tell Halaf

P ferde galten seit der zweiten Hälfte


des 2. Jts. v. Chr. in ganz Vorder-
asien als ein sehr begehrtes und zudem
auf der Zitadelle, wo sich der Palast
des assyrischen Statthalters und die
Wohnhäuser der wohlhabenden Be-
Vergleichbare Stempel und Motive
Vergleichbare Gegenstände wurden bis-
her als Ziegelstempel interpretiert. Vor
kostbares Luxusgut. Sie wurden durch völkerung befanden. Bei den beiden Kurzem hat nun John Curtis für fünf
Handel, im Rahmen von Tributleistun- Fundobjekten handelt es sich um zwei aus Nimrud stammende Stempel aus
gen und als Beute erworben, aber auch Stempel aus Eisen mit einer Stempel- Bronze, die sich im British Museum in
gezielt gezüchtet. Im Assyrischen Reich fläche und einem stabförmigen Zap- London befinden, eine völlig neue In-
gehörten die Tiere zu einem Teil des in- fen auf der Rückseite, der vermutlich terpretation geliefert (Abb. 3). Er
ternationalen Palasthandels und galten jeweils mit einem Holzgriff verlängert schlägt vor, dass es sich um Brandei-
als besonders wertvolle Ressource für wurde. Das eine Eisen ist in Form ei- sen zum Markieren von Pferden han-
die Armee. Zahlreiche Darstellungen nes nach rechts gewandten Tiers, ver- delt. Hierbei bringt er die vermeint-
an den Wänden in assyrischen Königs- mutlich eines Hundes oder Rindes ge- lichen Stempel mit Darstellungen
palästen zeugen von der besonderen gossen (Abb. 1), der zweite Stempel auffälliger Markierungen an den Hin-
Wertschätzung, die den Tieren entge- zeigt die Form eines Widderkopfes terläufen von Pferden in Verbindung,
gengebracht wurde. (Abb. 2). So stellt sich die Frage, wozu die als Abdruck eines Brandeisens in-
An den Hinterläufen der Pferde sind diese Stempel eigentlich dienten. terpretiert werden können. Entspre-
manchmal auffällige Markierungen in
Form von Vierbeinern zu erkennen,
bei denen es sich wahrscheinlich um Abb. 1 Das erste Brandeisen vom Tell  Abb. 2 Das zweite Brandeisen vom Tell Halaf 
Brandmarken handelt. Dies führt zu der Halaf (TH06C-0106). (TH08A-0011).
interessanten Frage nach einer mögli-
chen Markierungspraxis von Pferden
in der neuassyrischen Zeit (1000−612
v. Chr.). Sollte man hier von einem
Einzelphänomen oder doch von einer
gängigen Vorgehensweise ausgehen
und welche Hinweise liefern uns neue
Funde vom Tell Halaf dafür?

Funde aus den neuen Grabungen


am Tell Halaf
Während der syrisch-deutschen Gra-
bungen am Tell Halaf in Nordost-
Die Rubrik «Museumsinsel Berlin» wird in enger Kooperation mit dem Verein Freunde der
syrien, die vom Vorderasiatischen Mu- Antike auf der Museumsinsel Berlin e. V. veröffentlicht.
seum Berlin und der Generaldirektion
der Altertümer und Museen Damas- Der Verein unterstützt die Berliner Die Mitglieder des Fördervereins er-
Antikensammlung sowie das Vor- halten neben kostenfreiem Eintritt
kus in Kooperation mit den Universi- derasiatische  Museum  Berlin  u. a.  in alle Häuser der Staatlichen Museen
täten Halle, Tübingen und Bern zwi- bei Neuerwerbungen, Veranstaltun- zu Berlin auch exklusive Einblicke
schen 2006 und 2010 durchgeführt gen, Restaurierungen und Ausstel- in die Tätigkeiten der Museen – u. a. 
lungen. Für Ihre Unterstützung hier- durch Vorträge, Werkstattgesprä-
wurden, fanden sich zwei ungewöhn- bei wären wir sehr dankbar! che und Führungen sowie Tages-
liche Objekte aus Eisen. Diese stam- fahrten.
men aus neuassyrischen Kontexten, www.freunde-der-antike-berlin.de | info@freunde-der-antike-berlin.de
genauer aus dem 8. und 7. Jh. v. Chr.,

35
ü
ANTIKE WELT 2/20
Neues aus dem Vorderasiatischen Museum

eine bestimmte Anzahl an Tieren dem


König zu einer zentralen Musterung
nach Nimrud liefern sollte. Die Tiere
wurden nicht von einfachen Stallknech-
ten, sondern von speziell dafür verant-
wortlichem Personal versorgt. Diese
Personengruppe war auch mit der Aus-
bildung der Reiterei und der Wagen-
truppen betraut. Aus diesem Grund
verwundert es nicht, dass sie zu einer
gesellschaftlich durchaus wohlhaben-
den und angesehenen Schicht gehörte,
die ihren Wohnsitz am Tell Halaf mit
Abb. 3 Bronzene Brandmarken aus Nimrud (BM 124598, BM 135460, BM 135466, BM 135467).
hoher Wahrscheinlichkeit auf der Zita-
delle hatte. In einem Raum des Statt-
halterpalastes wurde eines der Brand-
eisen gefunden, das zweite stammt aus
chende Abbildungen finden sich auf ei- Pferde am Tell Halaf einem assyrischen Haus im Süden der
nem glasierten Ziegel aus dem Bereich Es gibt bisher zwar keine Hinweise Zitadelle. In diesem Bereich wohnten
des Ischtar-Tempels in Ninive (Abb. 4) in den Darstellungen vom Tell Halaf, allem Anschein nach Personen mit hö-
oder auch auf einem Relief des 9. Jh. dass Pferde an den Hinterläufen mar- herem sozialem Status. Dabei könnte
v. Chr. aus dem Palast des Königs As- kiert wurden. Allerding gibt es neben es sich um jene Personengruppe han-
surnasirpal in Nimrud. (Abb. 5. 6). Die den beiden Metallstempeln auch zahl- deln, die den Texten zufolge den Pfer-
Brandzeichen zeigen einen nach rechts reiche Keilschrifttexte mit Bezug zu debestand des Statthalters versorgte
laufenden Vierbeiner, der als Löwe ge- Pferden, die nahelegen, dass diese und auch eine bestimmte Gruppe von
deutet und deshalb dem Königssym- Stempel zum Markieren von Pferden Tieren mittels Brandstempel als Eigen-
bol gleichgesetzt wird. Auf diese Weise verwendet wurden. Erstmals werden tum markierte.
sollte der königliche Besitz markiert Pferde in Tell Halaf im 9. Jh. v. Chr. er- Über den materiellen Wert der Pferde
werden. Ein weiterer Nachweis für die- wähnt, als die Stadt zu Tributgaben geben uns die Königsinschriften und
ses Motiv findet sich am Hinterlauf ei- an den assyrischen König in Form von auch zahlreiche Verwaltungslisten Aus-
nes in Blau wiedergegebenen Pferdes Pferden verpflichtet wurde. Ein nicht kunft. Daraus geht beispielsweise her-
auf einer der zahlreichen Wandmale- namentlich genannter Herrscher vom vor, dass der Preis für ein qualitativ
reien des neuassyrischen Palastes (9.– Tell Halaf war für eine Lieferung von hochwertiges Pferd im 7. Jh. v. Chr.
8. Jh. v. Chr.) in Tell Ahmar am oberen Pferden an die Streitkräfte Assurnasir- dem Preis von drei jungen Sklaven ent-
Euphrat in Syrien (Abb. 7). pals II. (883–859 v. Chr.) für den Feld- sprach. Erstaunlicherweise lassen sich
Metallstempel sind gegenwärtig nur zug gegen Karkemisch in den Jahren Pferdeknochen unter den archäozolo-
für zwei Fundorten belegt: Aus den 875 und 867 v. Chr. verantwortlich. So gischen Funden in ganz Obermesopo-
neuen Grabungen vom Tell Halaf und erhielt der assyrische König Assurna- tamien nur sehr selten nachweisen.
aus Nimrud. Anzunehmen ist aber, sirpal II. die Tiere als Tribut. Keilschrift- So sind beispielsweise in dem um-
dass es ähnliche Objekte auch an an- texte belegen weiterhin, dass Ober- fangreichen Fundmaterial des 7. Jhs.
deren Orten gab, die bis jetzt nicht als mesopotamien als Ursprungsort der v. Chr. aus Tell Scheich Hamed in Nord-
solche erkannt wurden. Die Brandei- Pferdezucht galt. Diese Tatsache zeigt, ostsyrien nur einzelne Knochen als
sen vom Tell Halaf sind von der Tech- dass man in der Gegend um den Tell Überreste von Pferden identifiziert
nik sowie in ihrer Größe vergleichbar Halaf einen guten Zugang zu den sehr worden. Weitere Knochenfunde von
mit den Beispielen aus Nimrud. Der begehrten Tieren hatte. Es spricht vie- Pferden aus Nordsyrien stammen aus
Unterschied besteht lediglich im Ma- les dafür, dass die Pferde aus der Re- Tell Leilan und Tell Mozan und datie-
terial und Motiv. Die löwenförmigen gion um Tell Halaf für die Versorgung ren in das 3. und 2. Jt. v. Chr. Für Tell
Stempel aus Nimrud sind aus Bronze, der assyrischen Armee dienten. Halaf liegen bedauerlicherweise keine
während die Stücke vom Tell Halaf aus Weiterhin sind am Tell Halaf Pferde- archäozoologischen Daten vor, die
Eisen gegossen sind und ein Rind und gespanne aus dem Haushalt des Statt- Auskunft über den Bestand an Pfer-
einen Widder zeigen (vgl. Abb. 1. 2). halters Mannu-ki-Assur erwähnt, der den geben könnten.

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ANTIKE WELT 2/20
MUSEUMSINSEL BERLIN

Abb. 4
Glasierter Ziegel, aus 
der Regierungszeit des Assur -
nasirpal II. in Ninive, 9. Jh. 
v. Chr. (Umzeichnung von 
E. Katzy nach Campbell 
Thompson / Hutchinson 
1913: pl. 28).

Abb. 6  

Detail der Brandmarke am Hinterlauf 
  Abb. 5 des Pferdes im Königsgespann auf dem
Gipsrelief aus dem Nordwestpalast des  Gips reliefaus dem Nordwestpalast des 
Assurnasirpal II. in Nimrud, 9. Jh. v. Chr.  Assurnasirpal II. in Nimrud, 9. Jh. v. Chr. 
(BM 124540). (BM 124540).

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ANTIKE WELT 2/20
Neues aus dem Vorderasiatischen Museum

Einzelphänomen oder gängige  8. Jh. v. Chr., die Pferde mit auffälli- Darstellungen der zuvor oben erwähn-
Praxis? gen Markierungen in Form eines Vier- ten Wandmalereien im Palast von
Zurück zu der Frage, ob es sich beim beiners an den Hinterläufen zeigen. Tell Ahmar. Vieles spricht dafür, dass
Brandzeichnen nun um ein Einzelphä- Die so markierten Pferde treten häu- Pferde des Königs oder einer ande-
nomen oder um eine gängige Praxis fig in direktem Zusammenhang mit ren hochrangigen Persönlichkeit als
in der neuassyrischen Zeit in Ober- dem König auf. Belege dafür liegen wertvoller Besitz auf diese Art mar-
mesopotamien und in den Nachbar- bisher aus Tell Ahmar am oberen Eu- kiert wurden. Wem die Brandeisen
regionen handelte: Wie zuvor darge- phrat und aus Ninive und Nimrud in vom Tell Halaf letztendlich gehör-
legt, galten Pferde nicht nur am Tell Obermesopotamien vor. Es sind bis- ten oder ob sie sogar, wie die Schrift-
Halaf, sondern in ganz Vorderasien lang keine weiteren ikonographischen quellen nahelegen, im Besitz des
als sehr wertvolle Tiere. Weiterhin Vergleiche aus anderen Fundorten in Mannu-ki-Assur waren, lässt sich lei-
sprechen zahlreiche Texte dafür, die Westsyrien, Ober- oder Untermeso- der nicht mehr ermitteln. Entschei-
über Pferde berichten und die detail- potamien bekannt. Die Brandeisen- dend ist aber der Nachweis, dass
lierten Abbildungen aus dem 9. und motive aus Nimrud entsprechen den diese Art von Gegenständen nicht für

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ANTIKE WELT 2/20
MUSEUMSINSEL BERLIN

Abb. 7
Brandmarke am 
Hinterlauf eines Pfer-
des auf der Nordwand 
des Palastempfang-
raumes XXIV in Tell
Ahmar, 8. Jh. v. Chr.

die Ziegelmarkierung verwendet wurde, chen Belegen ist es sehr wahrschein- Mirsch und 2 Laura Simons; 3–6: © The Trustees
of the British Museum; 7: © Musée du Louvre, dist.
sondern ganz explizit für die Brand- lich, dass die beiden Eisenobjekte vom RM B-Grand Palais / Martin Beck Coppola.
markung von Pferden. Tell Halaf ebenfalls für den Schenkel-
Die Darstellungen aus Nimrud, Ni- brand bei Pferden zum Einsatz kamen. Literatur
R.C. CAMBPBELL THOMPSON / R. W. HUTCHINSON,
nive und Tell Ahmar belegen, dass sol- The Site of the Palace of Ashurnasirpal at Niniveh, exca-
che Brandeisen im Laufe des 8. Jhs. vated in 1929-30 on behalf of the British Museum,
in: Annals of Archaeology and Anthropology XVIII (1931)
v. Chr. in Gebrauch waren. Aus diesem Taf. XVIII.

Grund kann man davon ausgehen, Adresse der Autorin J. CURTIS, An Examination of Late Assyrian Metalwork.
Dr. Elisabeth Katzy With special reference to Nimrud (2013).
dass es sich nicht um Einzelphäno- Vorderasiatisches Museum im Pergamonmuseum
J. CURTIS / N. TALLIS, The Horse. From Arabia to Royal
Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
mene, sondern nachweislich um eine Geschwister-Scholl-Straße 6
Ascot (2012).

gängige und auch notwendige Praxis D-10177 Berlin E. KATZY, Brandeisen vom Tell Halaf. Zur Praxis des Brand-
zeichnens bei Pferden (in Druckvorbereitung).
handelte, um einen wertvollen Besitz A. THOMAS, Les peintures murales du palais de Tell
Bildnachweis
zu markieren. Ausgehend von den hier Ahmar. Les couleurs de l´empire assyrien (2019).
Abb. 1. 2: © Tell Halaf Projekt Staatliche Museen zu
vorgestellten schriftlichen und bildli- Berlin – Vorderasiatisches Museum – Foto: 1 Günther

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ANTIKE WELT 2/20
PREISRÄTSEL

MEDIZIN IM ALTERTUM
Wie gut kennen Sie die Welt der Antike? Hier können Sie es unter
Beweis stellen … und gewinnen!

5 M
E
4 D
I 1

2 C 6

3 U 7

S 8

BEI RICHTIGER Die folgenden Begriffe und Namen • Wundbedeckung zur Blutstillung;
EINSENDUNG WINKEN aus der Medizingeschichte sind • Wichtiger Medizinschriftsteller der
WERTVOLLE PREISE: jeweils waagerecht und unabhängig römischen Antike;
von der angegebenen Reihenfolge • Seit dem Altertum bekannte ge-
1. Preis:
in die Rätselfigur einzutragen: fährliche Infektionskrankheit;
Amulettanhänger mit der Schlange
des Asklepios. Länge: 3,75 cm, Breite: • Einer Gottheit dargebrachter Gegen-
2,75 cm. • Gott der Heilkunst in der griechi- stand aus Edelmetall, Stein oder
schen und römischen Mythologie; Gips als Dank für Heilung von einer
2.–5. Preis:
Vier Bücherpakete aus dem Verlags-
• Seit dem Altertum genutztes Krankheit.
programm Philipp von Zaberns im Wert pflanzliches Sekret;
von je € 50,– (D). • Verwendung von menschlichen
6.–10. Preis: und tierischen Exkrementen Bei richtiger Lösung benennt die
Fünf Bücherpakete aus dem Verlags- als Bestandteil von Arzneien in der Ziffernfolge ein seit der Antike be-
programm Philipp von Zaberns im Wert Antike; kanntes Heilverfahren.
von je € 25,– (D).

1 2 3 4 5 6 7 8

Einsendeschluss ist der 14. 4. 2020


(Poststempel). Zur Einsendung Ihrer
Antwort senden Sie bitte eine Karte an
wbg (Wissenschaftliche Buchgesell­ AUFLÖSUNG UND GEWINNER DES PREIS­ ES HABEN GEWONNEN:
schaft), Redaktion ANTIKE WELT, RÄTSELS IN ANTIKE WELT HEFT 1/2020 1. Preis: Karin Specht (D­64287 Darmstadt).
Hindenburgstr. 40, D­64295 Darmstadt, Die Einzellösungen lauten: 2.–5. Preis: Jörg Maier (D­91088 Bubenreuth), Karl-
oder eine E­Mail an redaktion@wbg­ 1. Aulos, 2. Leier, 3. Musen, 4. Tibia, 5. Komos, heinz Mann (D­82152 Planegg), Werner Kob
wissenverbindet.de. Das Lösungswort 6. Linos, 7. Aöden, 8. Cornu, 9. Agone, 10. Nomos. (D­54296 Trier), Ulf Rasenack (D­21684 Stade).
wird im nächsten Heft bekanntgegeben. 6.–10. Preis: Wolfgang Wallaberger (A­1050 Wien),
Mitarbeiter des Verlages und deren Gesamtlösung: P R O S O D I O N (Prozessionslied), Martin Spannagel (D­69117 Heidelberg), Peter Lobe
Angehörige können nicht teilnehmen, P Y R R H I C H E (Waffentanz), H Y P O R C H E M ATA (D­95447 Bayreuth), Ursula Kahlenberg (D­65468
ebenso ist der Rechtsweg ausgeschlossen. (Tanzlieder). Trebur), Edgar Bugdoll (D­45739 Oer­Erkenschwick).

40
ü
ANTIKE WELT 2/20
MÜNCHNER ABGÜSSE IM WANDEL DER ZEITEN
150 Jahre Museum für Abgüsse Klassischer Bildwerke

Heute erscheint es selbstverständlich, dass an universitären Instituten für Klassische Archäo-


logie Abgüsse gesammelt werden – doch vor 150 Jahren war es das nicht. Als Heinrich
Brunn, der erste Professor für Klassische Archäologie an der Ludwigs-Maximilians-Univer-
sität in München, ein «Museum von Gypsabgüssen» für Lehre und Forschung aufbaute,
stieß er auf mancherlei Widerstände.

von Andrea Schmölder-Veit und stehen in unterschiedlichsten Museen Die Blütezeit


Nele Schröder-Griebel auf der ganzen Welt verstreut und auf Der renommierte Archäologe Adolf
Fotos können selbst gleichartige plas­ Furtwängler, der die Leitung des Mu­

B runn, der erste Direktor des Mu­


seums, erhielt erst vier Jahre nach
seiner Berufung 1869 die versproche­
tische Formen aufgrund unterschied­
licher Beleuchtung stark voneinander
abweichen.
seums 1894 übernahm, brachte die
Sammlung zu ihrer wohl größten Blüte.
Als Schüler Brunns war er mit der
nen Gelder für Erwerbungen von Ab­
güssen. Weitere acht Jahre musste er
warten, bis 1877 endlich die Expo­
nate in eigenen Räumen und nach sei­
nen Vorstellungen geordnet am Hof­
garten nördlich der Residenz standen.
Brunn verfolgte die Gründung eines
Abgussmuseums konsequent, um sei­
nen Schülern die von ihm entwickelte
Arbeitsweise des vergleichenden Se­
hens beibringen zu können (Abb. 1).
Bei dieser Methode, mit der bis heute
antike Artefakte klassifiziert werden,
geht es darum, Objekte exakt mitein­
ander zu vergleichen, um anhand von
Gemeinsamkeiten und Unterschiede
in Form, Motiv und Stil eine zeitliche
Reihung zu erstellen. Mit Hilfe fest da­
tierter Werke lässt sich so im Idealfall
auch die Entstehungszeit undatier­
ter Statuen eingrenzen. Für diese Me­
thode des Vergleichens, auch bekannt
als «archäologische Sehschule», ist es
von großer Bedeutung, die Skulpturen
unter gleichen Bedingungen, vor allem
unter gleichen Lichtverhältnissen, ne­
beneinanderstellen zu können – eine Abb. 1
Vorgehensweise, die sich nur mit ei­ Heinrich Brunn,
Direktor des
ner großen Anzahl an Gipsabgüssen Museums von
verfolgen lässt. Denn die Originale 1869 bis 1894.

41
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ANTIKE WELT 2/20
MüNcHNer ABGüSSe IM WANDeL Der ZeIteN – 150 Jahre Museum für Abgüsse Klassischer Bildwerke

ß   Abb. 2
Münchner Abgüsse der Statuen
der Athena Lemnia in Dresden
(mittig und rechts) und Kassel
(links).

â   
Abb. 3
Blick in die Ausstellung «Leben­
diger Gips» mit dem Oberkörper
der Athena Amelung (Leihgabe:
Akademie der Bildenden Künste
München).

42
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ANTIKE WELT 2/20
THEMENPANORAMA

Methode des vergleichenden Sehens


«aufgewachsen», so dass sie für ihn
zur archäologischen Meisterdisziplin
wurde. Furtwängler wandte sich je­
doch stärker als sein Lehrer dem Be­
reich der Kopienkritik an. Sein vorran­
giges Ziel: Die griechischen Vorbilder
der erhaltenen römischen Kopien im
Abgleich mit den Schriftquellen ausfin­
dig zu machen, zu rekonstruieren und
zu vervollständigen. Mit diesem An­
satz widmete er sich den großen Meis­
terwerken antiker Kunst, u. a. der Aph­
rodite von Knidos, der Athena Lemnia
und dem Diskobol (Abb. 2). Nicht nur
für das Vergleichen der römischen Re­
pliken untereinander, insbesondere
auch für die Rekonstruktionen und Er­
gänzungen der Skulpturen war die Ab­
guss­Sammlung von zentraler Bedeu­
tung. Nur im Gips konnte Furtwängler
experimentieren und immer wieder
neue Varianten testen. Gipse waren
nicht nur Anschauungsobjekt, sondern
ganz praktisches Arbeitsmittel. Und
so wundert es auch nicht, dass bereits
Furtwängler immer wieder um neue
Räume für die Sammlung kämpfte. Er
forderte nicht nur großzügige und ge­
eignete Ausstellungssäle, auch Werk­
stätten und Fotolabore waren ihm ein
dringendes Anliegen.
Furtwängler starb sehr plötzlich
Abb. 4 Haus der Kulturinstitute in München, das seit 1949 das Museum für Abgüsse beherbergt.
im Jahr 1907 und konnte viele seiner
Projekte nicht vollenden. Dies über­
nahm jedoch ab 1908 sein Nachfol­
ger, der erfahrene und gut vernetzte
Paul Wolters. Wolters sorgte zunächst wurden Abgüsse auch an andere Samm­ nen wurden meist von Dohrn ermög­
für Ordnung im Sammlungsbestand. lungen verkauft (Abb. 3). licht und finanziert. Wolters führte
Mit einer aufwendigen Revision und Insbesondere aber führte Wolters diese Arbeiten fort und die Sammlung
Sortierung ging die Einrichtung ei­ die enge Kooperation mit der Familie Dohrn wurde zum Kern des damals
nes neuen Inventarbuchs einher, das Dohrn in Stettin fort. Mit dem Stetti­ Städtischen Museums Stettin (heute
1913 angelegt wurde. Mittlerweile ner Mäzen Heinrich Dohrn war Adolf Stettiner Nationalmuseum), welches
zählte die Sammlung über 2000 Expo­ Furtwängler familiär verbunden und 1913 eröffnet werden konnte.
nate. Wolters führte Rekonstruktions­ gemeinsam bauten sie den Grund­ Auch um die Räumlichkeiten be­
vorhaben antiker Skulpturen weiter, stein einer Sammlung von Kopien und mühte sich Wolters weiter: Denn der
die unter Furtwängler begonnen wor­ Reproduktionen nach antiken Meis­ Sammlungszuwachs hatte dazu ge­
den waren. Beispielsweise vollendete terwerken auf. Die Rekonstruktionen führt, dass die Abgüsse kaum noch
Wolters gemeinsam mit Walter Ame­ selbst gingen auf Furtwängler zu­ ausgestellt werden konnten. Sie stan­
lung die Arbeiten an der Athena Par­ rück, die (Bronze­)Nachgüsse, Kopien den in mehreren Reihen hintereinan­
thenos: Von der sog. Athena Amelung und galvanoplastische Reproduktio­ der, waren zudem in den feuchten und

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ANTIKE WELT 2/20
MüNcHNer ABGüSSe IM WANDeL Der ZeIteN – 150 Jahre Museum für Abgüsse Klassischer Bildwerke

Abb. 5 Metopen des Zeustempels vor dem Eingang des Instituts für Klassische Archäologie (1973).

Abb. 6 Dauerleihgaben des Metropolitan Museum in der Ausstellung «Lebendiger Gips»: das Modell des Parthenon (1889) und kolorierte Abgüsse aus
der Werkstatt der Gilliérons in Athen (1920er Jahre).

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ANTIKE WELT 2/20
THEMENPANORAMA

Abb. 7 Hellenistische Plastik im nördlichen Lichthof (1991).

kalten Räumen am Hofgarten auch aus der damalige Hauptkonservator Carl nach dem Ausbruch des Zweiten Welt­
konservatorischer Sicht nicht gut auf­ Weickert konzipiert. Auf ihn geht die krieges und der ab 1940 zunehmen­
gehoben. Das Museum musste 1919 Idee zurück, die Skulpturen frei im den Raumnot in München, da die
sogar geschlossen werden, da es zu Raum zu präsentieren und so ein Um­ Sammlung Ausstellungsfläche an aus­
immer mehr Fällen von Vandalismus runden und Betrachten der Skulptu­ gebombte Organisationen abgeben
kam: Das Museum war kaum noch als ren von allen Seiten zu ermöglichen. musste. Da man sich gegen eine Ausla­
solches wahrnehmbar. Die Lage sah Allerdings mussten die Exponate be­ gerung der Gipsabgüsse entschieden
am Ende von Wolters‘ Direktorat al­ reits 1937 der Ausstellung «Entarte­ hatte, verblieben diese in München
lerdings gut aus, denn durch Umzüge ten Kunst» weichen, die in den Räu­ und wurden 1945 bei einem Bomben­
anderer Sammlungen im Bereich des men der Abguss­Sammlung in München angriff fast vollständig zerstört.
Hofgartens standen nun endlich ge­ erstmals gezeigt wurde. Zu diesem Die wenigen erhalten gebliebenen
eignete Säle zur Disposition. Zweck zog man Trennwände ein, die Abgüsse – 15 von 2398 Objekten – zo­
zweierlei Funktion hatten: Sie ver­ gen 1949 mit dem Archäologischen
Zerstörung und Stagnation bargen die Abgüsse und sie machten Seminar in das Haus der Kulturinsti­
Ernst Buschor, der 1929 als Direktor die Räume kleiner, wodurch die ausge­ tute (Abb. 4). Zunächst schien es so, als
an das Museum kam, erntete in den stellten Kunstwerke, wie von den Nati­ könne das Museum für Abgüsse nicht
ersten Jahren die Früchte der Bemü­ onalsozialisten beabsichtigt, schlech­ wiederaufgebaut werden. Es fehlte vor
hungen Wolters. Vor allem die Wie­ ter zur Geltung kamen. allem an Räumen, in denen Objekte
dereröffnung der Sammlung 1932 in Die erneute Öffnung des Museums hätten untergebracht werden können.
neuen, lichtdurchfluteten Räumen fand 1938 brachte gegenüber der vorher­ Wohl auch aus diesem Grund ließ Ernst
großen Anklang beim Publikum und gehenden Aufstellung kaum Änderun­ Buschor bis zu seinem Weggang 1959
bei der Presse. Die Aufstellung hatte gen. Tiefgreifende Einschnitte folgten keinen einzigen Abguss ankaufen.

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ANTIKE WELT 2/20
MüNcHNer ABGüSSe IM WANDeL Der ZeIteN – 150 Jahre Museum für Abgüsse Klassischer Bildwerke

Dies änderte sich erst mit Ernst Ausstellung über die Grabungen in Spezialarchiv für archäologische For­
Homann­Wedeking, der die Nachfolge Olympia. Von den Ausstellungsobjek­ schungen» mit eigenen Schwerpunk­
Buschors antrat und bereits in seinen ten gelangten rund 90 Abgüsse in den ten aufzubauen. Tatsächlich kann in
Berufungsverhandlungen einen be­ Besitz des Abgussmuseums – neben München so gut wie in kaum einem
trächtlichen Etat zugunsten des Wie­ Kleinbronzen auch so berühmte Stü­ anderen Museum hellenistische Kunst
deraufbaus zugesprochen bekam. So cke wie der Wagenlenker aus Delphi und römische Porträts studiert wer­
gelang es ab 1960 die Sammlung wie­ oder vier Metopen des Zeustempels den (Abb. 7).
der zum Leben zu erwecken. Die ers­ von Olympia (Abb. 5). Allein die Skulp­ Nach einer umfangreichen Sanie­
ten Neuerwerbungen waren Stücke turen des Westgiebels, die eigens für rung des Gebäudes wurden 1991 die
nach Originalen der Münchener Glyp­ die Sonderausstellung angefertigt wor­ Abgüsse ganz neu in den Lichthöfen
tothek. Ab Ende der 1960er Jahre den waren, fanden zunächst keine Bleibe nach chronologischen Gesichtspunk­
wurden die Gipsabgüsse provisorisch im Abgussmuseum, da man nicht über ten verteilt: archaische und klassi­
im zweiten Stock des Hauses der Kul­ ausreichend Platz verfügte, um diese sche Plastik im südlichen sowie hel­
turinstitute aufgestellt – auf demsel­ aufstellen zu können. lenistische Plastik im nördlichen Hof.
ben Flur, auf dem sich auch das Ar­ Mit dieser noch heute bestehenden
chäologische Seminar befand. Wiederaufbau Aufteilung war der Wideraufbau der
Einen großen Zuwachs verzeichnete Bewegung in die leidige Raumfrage Sammlung vollendet. Seitdem fin­
die Sammlung nach den Olympischen kam erst 1975 bei den Berufungsver­ den regelmäßig Führungen, Musik­
Spielen 1972 in München. Anlässlich handlungen von Paul Zanker, der Ho­ und Tanzevents sowie Ausstellungen
dieses internationalen Ereignisses prä­ mann­Wedeking auf den Direktoren­ statt. Die derzeitige Jubiläumsausstel­
sentierte das Deutsche Museum eine posten und als Lehrstuhlinhaber des lung «Lebendiger Gips» 16. 10. 2019–
Instituts für Klassische Archäologie 24. 7. 2020 präsentiert beispielsweise
folgte. Er erhielt die Zusage, die beiden die bewegte Geschichte des Museums
großen Lichthöfe des Hauses der Kul­ sowie Themen rund um den Abguss
Anzeige
turinstitute als Ausstellungsflächen als Medium für Forschung, Lehre, Di­
sowie zusätzliche Räume für Schau­ daktik und Kunst.
depots nutzen zu können. Dies setzte
natürlich voraus, auch zahlreiche Ob­
jekte in den Räumlichkeiten aufzu­
stellen. Dass Zanker diese Erwar­
tungen würde erfüllen können, war
bereits Mitte der 1970er Jahre klar: Er Adresse der Autorinnen
war Mitglied des Forschungsprojektes Dr. Andrea Schmölder-Veit und Dr. Nele Schröder-Griebel
Leiterinnen des Museums für Abgüsse Klassischer
«Römische Ikonologie», durch das ihm Bildwerke
Katharina-von-Bora-Straße 10
Gelder für insgesamt 205 Abgüsse rö­ D-80333 München
mischer Porträts zur Verfügung stan­ a.schmoelderveit@lmu.de
n.schroedergriebel@lmu.de
den, die allesamt in den Bestand des
Abgussmuseums übergingen. Damit Bildnachweis
war der Anfang gemacht, um weitere Abb. 1. 5: Museum für Abgüsse Klassischer Bildwerke, Ar-
chiv; 2. 3. 6: Museum für Abgüsse Klassischer Bildwerke,
Mittel einzuwerben, einen höheren Foto r. Hessing; 4: Foto M. Dörrbecker; 7: Museum
für Abgüsse Klassischer Bildwerke, Foto H. Glöckler.
Etat beim Ministerium einzufordern
und durch Tausch mit anderen Samm­
Literatur
lungen den Bestand nach und nach zu I. KADer, «Mancher Anfang ist schwer …». Die Ge-
erweitern. Nur dadurch kamen auch schichte des Museums für Abgüsse Klassischer Bildwerke
und der Aufbau der archäologischen Bildwissenschaft
rund 150 meist historische Abgüsse an der Universität München, in: K. Wiegand / c. Stein
(Hrsg.), Die Sammlungen der Ludwig-Maximilians-Uni-
als Dauerleihgaben aus dem Metro­ versität München gestern und heute. eine vergleichende
Bestandsaufnahme 1573 – 2016 (2019) 259–311.
politan Museum in New York an das
A. ScHMÖLDer-VeIt / N. ScHrÖDer-GrIeBeL (Hrsg.),
Münchner Museum (Abb. 6). Lebendiger Gips. 150 Jahre Museum für Abgüsse
Zanker ging es jedoch nicht nur da­ Klassischer Bildwerke München (2019) (als e-Book kosten-
frei verfügbar unter https://doi.org/10.11588/propy-
rum, hochwertige Kunstwerke in Ab­ laeum.549).

güssen zu sammeln, sondern «ein

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ANTIKE WELT 2/20
EIN MODELL-TEMPEL?
Die jüngste Entdeckung eines dorischen Gebäudes in Paestum wirft Fragen auf

Bei Restaurierungsarbeiten an der Stadtmauer der antiken griechischen Kolonie Paestum


in Süditalien entdeckten Archäologen Reste eines kleinen dorischen Gebäudes aus
dem frühen 5. Jh. v. Chr., das überraschend gut erhalten zu sein scheint. Eine daraufhin
eingeleitete geophysikalische Prospektion lässt vermuten, dass es sich bei dem Bau
um den kleinsten bislang bekannten Peripteral-Tempel des klassischen Griechenlands han-
deln könnte. Nur die Freilegung der noch im Boden verbliebenen Überreste wird das
Rätsel lösen können.

von Gabriel Zuchtriegel lich konnte er sich doch mit ihnen an- griff geben lässt.» Andere Zeitgenos-
freunden: «Ich pries den Genius, dass sen ließen sich nicht so leicht umstim-
ästig, ja furchtbar» erschienen er mich diese so wohl erhaltenen men. Lord North brachte es auf den
«L Goethe die dorischen Tempel
Paestums beim ersten Anblick. Schließ-
Reste mit Augen sehen ließ, da sich
von ihnen durch Abbildung kein Be-
Punkt: Die Reise nach Paestum lohne
sich nicht, die dort erhaltenen dori-

Abb. 1 Luftbild von Paestum.

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ANTIKE WELT 2/20
EIN MODELL-TEMPEL? – Die jüngste Entdeckung eines dorischen Gebäudes in Paestum wirft Fragen auf

Abb. 2 Dorisches Kapitell in Fundlage.

Abb. 3 Metope mit Rosetten in Fundlage.

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ANTIKE WELT 2/20
THEMENPANORAMA

schen Tempel seien plump und primi- bereithält, hat die Bauaufnahme durch Ein gänzlich unerwarteter
tiv. Im letzten Drittel des 18. Jhs. setzte Dieter  Mertens  gezeigt:  Vorgänger- Neufund
dann der Siegeszug Paestums ein. Mit- bauten, Planänderungen, kolonial-pa- Dass die Erforschung der dorischen
verantwortlich dafür waren Johann estanische Eigenheiten, die die lokale Architektur in Paestum keineswegs
Joachim Winckelmann und andere Bautradition bis ins 5. Jh. v. Chr. hinein als abgeschlossen gelten kann, zeigt
Griechenverehrer, die in den Tempeln prägten – das sind einige der Aspekte, aber auch ein Neufund, auf den die
der um 600 v. Chr. gegründeten Stadt, die erst jetzt deutlich werden, über Archäologinnen und Archäologen des
die ursprünglich Poseidonia hieß und 250 Jahre nach Winckelmanns Besuch italienischen Kulturministeriums gänz-
erst von den Römern in Paestum um- in Paestum. lich unerwartet stießen. Bei Restau-
benannt wurde, ein Modell der noblen 
Einfalt und stillen Größe sahen, die sie
zum neuen Ideal stilisierten. So sollte
Architektur von da an sein: authen-
tisch und nichts verbergend hinter Abb. 4 Geisonblock in Fundlage.
Stuck und Ornamenten, wie noch im
Rokoko des Ancien Régime. Und wenn
heute in den Metropolen rund um den 
Globus Stahlträger und Sichtbeton das
Bild prägen, so ist das auch ein Erbe
Paestums.
Der Neoklassizismus wurde so zum
Segen Paestums. Noch 1732 hatte man
am bourbonischen Hof in Neapel mit
dem Gedanken gespielt, zwei Säulen
des Neptuntempels, des größten und
jüngsten der drei noch stehenden Tem-
pel (um 460 v. Chr.), abzutragen und
für das neue Schloss des Königs in Ca-
podimonte zu verwenden. Heute lockt
der mittlerweile zur UNESCO-Weltkul-
turerbestätte ernannte Ort jedes Jahr
hunderttausende Besucherinnen und
Besucher an (Abb. 1). Aber der Segen
war auch ein Fluch – zumindest aus
wissenschaftlicher Sicht. Einmal zum
Modell  bestimmt,  wurde  der  dorisch-
altertümliche Stil der Bauten bald ge-
wöhnlich. Niemand fand die Tempel
mehr furchtbar – aber auch niemand
erregte sich an ihnen so intensiv, wie
es das 18. Jh. getan hatte. Der kolonia-
listische Blick des 19. Jhs. tat ein Übri-
ges: Das wahre Griechentum, Referenz-
punkt der klassischen Kultur, wurde im
Mutterland gesehen, die Kolonien Itali-
ens und Siziliens zu peripheren «Rand-
gebieten» abgestempelt, «kontami-
niert» von etruskischen, italischen und
punischen Einflüssen. 
Dass der Neptuntempel in Paestum
trotzdem noch viele Überraschungen

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ANTIKE WELT 2/20
EIN MODELL-TEMPEL? – Die jüngste Entdeckung eines dorischen Gebäudes in Paestum wirft Fragen auf

rierungsarbeiten an der knapp 5 km bedeckte  die  antike  Mauer,  bevor  im  den können – alles auf einer Strecke
langen Stadtmauer des antiken Or- Sommer  2019  ein  aus  EU-Mitteln  fi- von etwa 50 m an der Innenseite der
tes trafen sie auf Bauteile eines do- nanziertes Großprojekt zum Schutz Westmauer.  Stil  und  Maße  der  Bau-
rischen Gebäudes. Bauern hatten sie der Wehranlage gestartet wurde. So teile lassen den Schluss zu, dass sie
von einem innerhalb der Stadtmauer kam zu Tage, was vermutlich schon alle einem einzigen Bau angehörten,
liegenden Feld an die Böschung der seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten vermutlich einem Tempelchen des
Stadtmauer geschafft, offenbar störten dem Erdreich entrissen worden war: frühen 5. Jhs. v. Chr.
die Steinblöcke und Säulentrommeln Kapitelle, Säulentrommeln, Teile des Ich erinnere mich noch des fast un-
beim  Pflügen.  Bald  wuchs  Gras  über  Frieses sowie des Dachtraufs (Geison; gläubigen Staunens, das uns die Ka-
die Sache, und mehr noch: Dornen- Abb. 2−4). Daneben etliche Blöcke, die  pitelle und die Geisonblöcke beim
sträucher, Dickicht, ja ein ganzer Wald der Krepis (Podium) zugewiesen wer- ersten Anblick – es war am 12. Juni
2019 – einflößten. Auf den Kapitellen 
und anderen Teilen sind noch Stuck-
reste sichtbar, teils sogar noch Farb-
reste der antiken Bemalung. Eine Sand-
Abb. 5 Zeichnerische Rekonstruktion des dorischen Baus von der Westmauer (Zeichnung: O. Voza). steinmetope mit drei Rosetten erinnert
an ein anderes Stück aus Paestum, das
heute  in  Neapel  aufbewahrt  wird  und 
Europa auf dem Stier zeigt (vgl. Abb. 3).
Die Geisonblöcke, die das Gebälk be-
krönten und unter dem Dachrand vor-
kragten, weisen auf der Unterseite
noch gut sichtbar die mutuli, recht-
eckige  Vorsprünge,  auf.  Interessant 
ist, dass die guttae – kleine zapfenför-
mige Verzierungen, die nach unten aus 
den mutuli herausstehen – separat und
aus anderem Material hergestellt wur-
den (vgl. Abb. 4). An vielen Stellen sieht
man noch den Bleiverguss, mit dem sie
verzapft wurden. Dieselbe Technik be-
gegnet am Neptuntempel in Paestum.
Während anderorts das Verzapfen der 
mutuli nur zu Reparaturzwecken An-
wendung  findet,  ist  es  hier  systema-
tisch anzutreffen.
Die  Oberflächenfunde  erlaubten 
bereits eine komplette Rekonstruk-
tion der Architekturordnung, die der
Grabungsarchitektin  Ottavia  Voza  zu 
verdanken ist (Abb. 5). Bei einer Joch-
weite von 1,68 m und einer Säulen-
höhe von weniger als 3 m handelt es
sich um ein relativ kleines Gebäude.
Seine Wichtigkeit besteht darin, dass
es nach aktuellem Stand der erste be-
kannte Tempel Paestums ist, der den
dorischen Kanon in seiner klassischen
Form widerspiegelt. Etwas älter als
der Neptuntempel, vereinigt das an
der Westmauer gefundene Tempel-

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ANTIKE WELT 2/20
THEMENPANORAMA

chen erstmals alle kanonischen Ele-


mente, die auch seinen monumentalen
Nachfolger prägen werden. Insbeson-
dere haben wir hier erstmals ein ka-
nonisches Dach mit mutuli und guttae
am Geison. Die älteren Tempel Paes-
tums weisen an dieser Stelle noch Va-
rianten auf, vom tönernen «Baldachin-
dach» des als «Basilika» bekannten
Tempels (Bauzeit 560−520 v. Chr.) bis 
zum Kassettengeison des Athenatem-
pels (um 500 v. Chr.).
Damit besitzen wir ein missing link,
welches es erlaubt, die lokale Bau-
schule von der Archaik bis zum klas-
sischen Neptuntempel zu verfolgen,
wenigstens in groben Zügen. Der Neu-
fund bestätigt dabei, was Dieter Mer-
tens auf Grund einzelner Details am
Neptuntempel schon lange vermutet
Abb. 6 Geomagnetische Prospektion östlich der Stadtmauer (E. Rizzo, F. Soldovieri, CNR).
hatte, beispielsweise der nach oben
verjüngten  Triglyphen:  Der  klassi-
sche Neptuntempel ist keine Imitation
des etwa zeitgleichen Zeustempels in Abb. 7 Georadar (E. Rizzo, F. Soldovieri, CNR).
Olympia, wie das G. Gruben in gut ko-
lonialistischer Tradition quasi auto-
matisch  voraussetzte.  Das  Verhältnis 
ist komplexer; die lokale Bautradi-
tion in den Kolonien spielte offenbar
eine wesentlich wichtigere Rolle, als
es der Mainstream der Forschung bis-
lang vermutete. Dabei ist es vielleicht
kein Zufall, dass der «neue», klassi-
sche Kanon in Paestum zuerst an ei-
nem relativ kleinen Bau begegnet. Von 
Bramantes «Tempietto» bis zu Frank
Lloyd  Wrights  «Fallingwater»  waren 
es öfter in der Geschichte der Archi-
tektur kleine Bauten, die einen neuen
Stil ankündigten, bevor dieser sich im
Großen verwirklichte.

Die Suche am Fundplatz


geht weiter
Vorrangiges Ziel der Archäologen des 
Parks von Paestum ist aktuell, Nähe-
res über Beschaffenheit und Umfeld
des  nur  durch  Oberflächenfunde  do-
kumentierten Baus zu erfahren. Über
das  Nordwest-Viertel  Paestums,  in 
dem der Fundplatz liegt, ist bislang

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ANTIKE WELT 2/20
EIN MODELL-TEMPEL? – Die jüngste Entdeckung eines dorischen Gebäudes in Paestum wirft Fragen auf

wenig bekannt. Ganz in der Nähe der Der Tempel müsste demnach auf einem  wirklichen  Tempel  einem  Mo-
Stelle, wo die Bauteile gefunden wur- einem dem Fundplatz unmittelbar dell gleichkäme, wäre ohne Beispiel,
den, wurde im Jahr 1959 ein Votivde- benachbarten Feld liegen. Eine geo- vergleichbar vielleicht nur dem tem-
pot ausgegraben. Es enthielt Keramik physikalische  Prospektion  der  Flä- pelartigen Altar A im sizilianischen
des späten 6. und 5. Jhs. v. Chr., weibli- che, die unter Leitung von Enzo Rizzo Selinunt (um 450 v. Chr.), der in sei-
che, thronende Statuetten sowie Ton- und Francesco Soldovieri vom Consi- nem  Aufbau  einen  Peripteros  nach-
modelle von Thronen. Leider ist keine glio Nazionale delle Ricerche (CNR) ahmt  (der  Hinweis  wird  D.  Mertens 
graphische Dokumentation der Fund- in Zusammenarbeit mit dem Park verdankt). Klarheit über diese und
stelle erhalten, so dass die genaue durchgeführt  wurde,  hat  diesen  Ver- andere Fragen wird nur eine Ausgra-
Lage unbekannt bleibt. dacht erhärtet. Zunächst hat das Team bung bringen – für die hat der Archäo-
Die Grabung von 1959 ist dennoch des CNR eine weite Fläche innerhalb logische Park von Paestum übrigens
wichtig für die aktuellen Forschungen: der Stadtmauer einer geomagneti- eine Spendensammel-Aktion gestar-
Es ist davon auszugehen, dass, falls schen  Messung  unterzogen.  Das  Er- tet. Auf dem Internetportal des italie-
1959 schon Bauteile des Tempels sicht- gebnis war überraschend klar: Abge- nischen Kulturministeriums Artbonus
bar gewesen wären, die damaligen Aus- sehen von nord-südlich verlaufenden kann jeder, der möchte, dazu beitra-
gräber dies vermerkt hätten. Da sich in Linien, die den antiken Straßen der gen, dem unerwarteten Neufund nä-
deren Notizen aber keinerlei Hinweis Stadt entsprechen, wie sie im späten her auf die Spur zu kommen (https://
auf den Tempel findet, ist anzunehmen,  6. Jh. v. Chr. angelegt wurden, ist eine artbonus.gov.it/2016-5-parco-archeo-
dass der Einsatz von Traktoren beim rechteckige Struktur zu erkennen, die logico-di-paestum.html).
Pflügen ab den 1960er Jahren die Bau- partiell unter die an der Innenseite
teile ans Licht befördert hat. der Stadtmauer verlaufende moderne
Straße zieht (Abb. 6). Sie liegt genau
dort, wo die Mehrzahl der Bauteile ge-
borgen wurde. Eine im Umkreis dieser Zeichnungen und Bauaufnahme: Ottavia Voza (Paestum);
Grabungsleitung: Francesco Scelza (Parco Archeologico
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in Anomalie durchgeführte Georadar- di Paestum); Restaurierung: Giovanna Manzo (Parco Ar-
Messung  zeigt  klar  eine  langrecht- cheologico di Paestum); Projektleitung: Lorenzo Santoro
(Soprintendenza Salerno-Avellino), Annamaria Mauro
eckige Struktur bestehend aus ei- (Parco Archeologico di Pompei). Für Hinweise und Anre-
gungen danke ich Serena De Caro, Emanuele Greco,
nem inneren und einem äußeren Ring Fausto Longo, Dieter Mertens, Massimo Osanna, Carlo
Rescigno, Katja Sporn und Clemens Voigts.
(Abb. 7).
Die Schmalseite böte mit einer Länge
von etwas über 5 m Platz für vier Säu- Adresse des Autors
Dr. Gabriel Zuchtriegel
len im Abstand von 1,68 m, dem aus Direktor des Archäologischen Parks Paestum
dem Gebälk errechneten Säulenabstand Parco Archeologico di Paestum
Via Magna Grecia, 919
(Interkolumnium). Dennoch macht das IT-84047 Capaccio Paestum (SA)
von der Geophysik gegebene Bild stut-
zig. Der aus innerem und äußerem Bildnachweis
Abb. 1: akg-images / De Agostini Picture Lib.; alle übrigen
Ring bestehende Grundriss scheint auf Abb. © Parco Archeologico di Paestum / Ministero dei
Beni e delle Attività Culturali e del Turismo und Consiglio
einen Peripteros zu deuten, einen Nazionale delle Ricerche / IMAA.
Tempel mit zentralem Kultraum (cella)
und rings umlaufender Säulenhalle. Literatur
Die bislang geborgenen Architektur- S. DE CARO, Lo spazio liminare e la chora settentrionale
di Poseidonia-Paestum (2015).
elemente widersprechen dem nicht.
S. DE JONG, Rediscovering Architecture. Paestum in
Allerdings sind peripterale Tempel ge- eighteenth-century architectural experience and theory
(2014).
wöhnlich viel größer. Kultbauten von
D. MERTENS, Staedte und Bauten der Westgriechen
der Dimension des Tempelchens von (2006).
Paestum weisen normalerweise Säu- DERS., Il tempio di Nettuno alla luce di un nuovo rilievo,
in: F. Mangone / V. Russo / G. Zuchtriegel (Hrsg.),
len nur auf der Frontseite auf: entwe- 'L'emblema dell'eternità'. Il Tempio di nettuno a Paestum
der  als  Prostylus,  d. h.  mit  vier  dem  tra archeologia, architettura e restauro (2019) 27–57.

Eingang vorgestellten Säulen, oder C. VOIGTS, Selinus VI. Die Altäre in den Stadtheiligtümern.
Studien zur westgriechischen Altararchitektur im 6. und
mit zwei Säulen in antis. Ein derart 5. Jahrhundert v. Chr. (2017).

kleiner Peripteraltempel, der mehr als

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ü ANTIKE WELT 2/20
IM NUTZLOSEN ABSCHNIT T DES LEBENS?
Alte Menschen im klassischen Athen

Die Vorstellung, dass alte Menschen in traditionellen Gesellschaften geschätzte Mitglieder


der Gesellschaft waren und respektvoll behandelt und gut versorgt wurden, wurde in
Bezug auf das klassische Athen in den letzten Jahren wiederholt in Frage gestellt. Manche
Althistoriker zeichneten sogar ein relativ düsteres Bild vom Lebensabend der Athener:
Die alten Menschen seien an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden und hätten kaum
politischen und gesellschaftlichen Einfluss gehabt. Doch wird diese Vorstellung von
den Quellen bestätigt?

von Josef Fischer Was bedeutet «Alter» im klassi­ 108 Jahren überliefert. Freilich sind
schen Athen? Nachrichten über hohe Lebensalter oft
ie Protagonisten der Geschichts- Eine klare Definition, ab wann man anekdotenhaft und schwer zu über-
D schreibung sind meist Männer
in den besten Jahren – sie besitzen in
alt war, gab es im klassischen Grie-
chenland nicht. Einen gewissen Ein-
prüfen. Die durchschnittliche Lebens-
erwartung der Frauen lag etwa bei 35,
der Regel das Bürgerrecht ihrer Hei- schnitt stellte das 60. Lebensjahr dar, jene der Männer bei ungefähr 45 Jah-
matgemeinden, oft sind sie reich und da mit diesem in Athen die Verpflich- ren. Solche Durchschnittswerte sind al-
mächtig und in den meisten Fällen tung zum Kriegsdienst endete. Doch lerdings nicht sehr aussagekräftig, da
erfreuen sie sich bester Gesundheit. scharfe Trennlinien zwischen alt und sie einerseits eine sehr hohe Säuglings-
Die anderen Menschen – Frauen, Kin- jung gab es nicht, schließlich existierte und Kindersterblichkeit berücksich-
der, Fremde, Arme, Kranke oder eben kein festgesetztes Renten- oder Pensi- tigen. Andererseits ist eine sehr hohe
auch die Alten – spielen in der histo- onsalter, wie es im antiken Griechen- Mortalitätsrate bei jungen Frauen zu
rischen Überlieferung oft nur eine land ja auch keine staatliche Alters- verzeichnen, die im Kindbett verstar-
geringe Rolle. Doch es gibt durch- versorgung gab – von einer Ausnahme ben. Wer die Kindheit – und als Frau
aus Quellenzeugnisse, die das Schick- wird noch die Rede sein. Die Vorstel- auch das Kindbett – überstand, konnte
sal alter Menschen in der klassischen lung eines Ruhestands im Sinne ei- durchaus ein höheres Alter erreichen.
Epoche erhellen. Zum Thema ausführ- nes arbeitsfreien Lebensabends lag Insgesamt wird der Anteil der Über-
licher Erörterungen wurden Alte zwar den meisten Menschen im klassischen 60-Jährigen aber nur um die 5 % gele-
erst ab hellenistischer und dann vor Griechenland fern. Vielmehr muss- gen haben, während diese Gruppe in
allem in römischer Zeit, etwa durch ten sie einer Erwerbstätigkeit nachge- den heutigen Industrienationen etwa
Cicero oder Plutarch. Sie spielen aber hen, solange sie körperlich und geistig 20 % bis 25 % der Gesamtbevölkerung
schon in den homerischen Epen ge- dazu in der Lage waren. ausmacht – Tendenz steigend.
nauso eine Rolle wie in der frühgrie- Etliche der bekannten Gestalten der
chischen Lyrik. Das Alter wird zum griechischen Antike erreichten (angeb- Die Altersklage der Dichter
Thema philosophischer Überlegun- lich) ein stattliches Alter. Der Politiker Schon in den frühesten Werken der
gen, und Greise gehören zu den Stan- Solon, der Tragödiendichter Euripi- griechischen Literatur werden die
dardcharakteren auf Athens Bühnen. des und der Philosoph Platon wurden Schattenseiten des Alters beklagt. Be-
Bevor die entsprechenden Zeugnisse 80 Jahre alt, der Philosoph Demokrit reits Hesiod (um 700 v. Chr.) spricht in
kurz vorgestellt werden, müssen wir erreichte ein Alter von 90 Jahren, und seinen Werken und Tagen vom «schlim-
uns allerdings fragen, wer im klas- der Dramatiker Sophokles und der men Alter» (Hes. erg. 113 f.). Der Dich-
sischen Athen als alt galt, wie alt die Redner Isokrates sollen über 90 Jahre ter Mimnermos klagt in der zwei-
Menschen wurden, wie viele Alte es alt geworden und bis zum Schluss pro- ten Hälfte des 7. Jhs. v. Chr., dass das
überhaupt gab, und welchen Anteil sie duktiv gewesen sein. Für den Philoso- Alter den Mann hässlich und unattrak-
an der Gesamtbevölkerung hatten. phen Gorgias wird sogar ein Alter von tiv macht (Mimn. Fragm. 1):

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ANTIKE WELT 2/20
IM nutzLosEn ABschnIt t DEs LEBEns? – Alte Menschen im klassischen Athen

«Doch sobald mit Schmerzen anrückt Darum schüttelt mich ein Schluchzen ausgegrenzt und übers Ohr gehauen.
das Alter, das da hässlich macht den vor dem Tartaros in Bangnis, Das wird etwa im Stück Die Acharner
Mann und ungeehrt, denn entsetzlich ist des Hades deutlich, wo sich zwei alte Männer dar-
da drücken böse Sorgen stets ihm tiefer Abgrund, qualvoll steigt man über beklagen, wie schlecht sie behan-
rings die Sinne nieder, dort hinunter – steht ja fest doch: delt werden (Aristoph. Ach. 676−691):
und auf die Sonnenstrahlen schaut er ʼs geht nur abwärts – aufwärts nie
nicht mehr mit Genuss; mehr.» «Klage führen wir, die Alten aus der
den Knaben ist er widerlich, verach- alten, guten Zeit: Schlecht hat uns
tenswert den Frauen: Alte Menschen auf der Bühne der Staat vergolten, dass wir ihm zur
so quälend-hart hat Alterszeit einst- Auch in der Tragödie wird ein we- See gedient; so verpflegt ihr uns im
mals gemacht der Gott.» nig einnehmendes Bild des Alters ge- Alter für der Jugend saure Mühen,
zeichnet. Als ein Beispiel kann das dass ihr allen Tort uns antut, an den
Dazu kommt laut Mimnermos, dass Stück Agamemnon des Aischylos die- Hals Prozesse werft uns, verspotten
man im Alter von verschiedenen Un- nen. In dem Drama, das im Jahr 458 lasst von jungen, losen Rednern, uns,
glücksfällen heimgesucht wird, seien v. Chr. aufgeführt wurde, wird der Chor gebeugt von den Jahren, schwach und
es der Verlust des Vermögens, der durch die Greise von Argos gebildet, heiser, ausgeblasenen Flöten gleich,
Tod der eigenen Kinder oder schwere die aufgrund ihres Alters und der da- deren Hort und Retter einzig noch
Krankheiten. Daher sei es besser, zu mit verbundenen Schwäche nicht mit des Alters Krücke ist. Wankend, mit
sterben, bevor man alt wird (Mimn. nach Troia ziehen konnten (Abb. 1). gebrochener Stimme stehen wir an
Fragm. 2): Sie beklagen ihr Schicksal folgender- dem Rednerstein, unsere Augen sehen
maßen (Aischyl. Agam. 72−82): nichts mehr als die Dunkel der Jus-
«Doch wenn erst einmal so des tiz; doch das junge, feine Herrchen,
Frühlings Ende da ist, «Doch wir, mit den greisen Leibern der studierte Staatsanwalt, trifft uns
ist auf der Stelle tot zu sein dem des Ruhmes nicht wert, Schlag auf Schlag, umgarnt uns mit
Leben vorzuziehn. rückten damals nicht mit dem Perioden rund und nett, zieht heraus
Denn vieles Schlimme hält jetzt Heere ins Feld uns, stellt uns Fragen, legt uns Fallen,
Einzug ins Gemüt: Hier wird und hüten das Haus, nicht stärker tupft und rupft an dem zitternden Ti-
der Hausstand als Kinder, thonos, bis er ihn total verwirrt. Das
dem einen ruiniert, und Armut macht unsere Glieder auf Stöcke gestützt. Gesicht verzieht der Alte, und – ein
sich quälend breit – Denn das Mark der Kinder, das in Schuldner geht er hin, schleicht nach
dort muss ein anderer ohne Söhne, der Brust Hause, schluchzt und weint sich bei
die er sich am meisten ersehnt, seine Herrschaft übt, gleicht dem den Seinen aus und spricht: ‹Um das
den Weg unter die Erde in den Hades der Alten: Geld gebracht zu meinem Sarg, ein
gehen – In ihm wohnt Ares nicht! Schuldner geh ich hin.›»
ein dritter leidet Krankheit, die zer- Der uralte Mensch, dessen Laub
mürbt – und keinen gibt es schon welkt, Viele Stücke thematisieren Generatio-
im Menschenvolk, dem Zeus nicht schleppt dreifüßig sich voran; nenkonflikte. Die Jungen sind oft res-
viele schlimme Übel gibt.» nicht kräftiger als ein Kind, pektlos gegenüber dem Alter. In den
ein Traumbild am Tage, so irrt er Wolken des Aristophanes verprügelt
Negativ sieht auch der Dichter Ana- umher.» Pheidippides sogar seinen Vater Strep-
kreon von Teos (ca. 575−485 v. Chr.), siades. Doch wie viel Wahrheit steckt
der etwa 90 Jahre alt geworden Das Bild der Alten in der attischen Ko- in solchen Darstellungen? Es ist zu
sein soll, sein fortschreitendes Alter mödie ist kaum besser. Aristophanes berücksichtigen, dass die Komödie
(Anakr. 395 PMG): nimmt seine alten Mitbürger und de- durch eine Karikatur der gesellschaft-
ren Fehler immer wieder aufs Korn. lichen Verhältnisse und das Über-
«Grau geworden sind allmählich Seine Greise sind geizig, mürrisch, streit- zeichnen von schlechten Charakter-
meine Schläfen, weiß der Haarschopf, süchtig und besserwisserisch, die alten eigenschaften das Publikum zum
und die anmutsvolle Jugend Frauen dagegen schwatzhaft, trunk- Lachen reizen will. So gehört etwa die
ist vorbei. Vergreist die Zähne, süchtig und liebestoll (Abb. 2). Die Al- Attitüde der Älteren, beständig auf
und vom süßen Leben bleibt mir ten leiden unter dem Wandel der Zei- den ihnen zukommenden Respekt zu
nicht viel Zeit mehr übrig fürder. ten, sie sind überfordert, fühlen sich pochen, an ihre Leistungen zu erin-

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ü ANTIKE WELT 2/20
THEMENPANORAMA

nern, gleichzeitig die Jugend für ihre v. Chr. die körperliche Kraft und die aussetzung für ein erfülltes Leben im
Laster zu kritisieren und unaufhörlich schöne Gestalt als Vorzüge der Ju- Alter. Genauso wichtig sei es laut Pla-
einen Verfall der Sitten zu beklagen, gend an, während die Blüte des Alters ton, klug und einsichtig zu sein. Das
zu den zeitlosen Charakteristika des die Weisheit sei (Abb. 3). Er greift da- setze zwar ständige geistige Anstren-
Alters und wird vom Dichter der Lä- mit eine Vorstellung auf, die sich in gung und Bereitschaft zum Lernen vo-
cherlichkeit preisgegeben. Wären die Gestalt des pylischen Königs Nestor raus, ermögliche es den Greisen aber,
Alten aber im wirklichen Leben nicht schon in den homerischen Epen fin- ein geistiges Niveau zu erreichen, das
geachtet gewesen, wären diese Sze- det (Abb. 4). Der Philosoph Platon Jüngeren nicht zugänglich ist. Des-
nen kaum witzig gewesen. lässt im 4. Jh. v. Chr. in seinem Haupt- halb fordert Platon in seiner staats-
werk, dem Staat, den greisen Kepha- theoretischen Schrift Gesetze auch
Die Philosophen und das Alter los auftreten. Dieser kann dem Alter ein Mindestalter von 60 Jahren für
Während die Bühnenautoren also die durchaus etwas Gutes abgewinnen, bestimmte wichtige politische Ämter.
Schattenseiten des Alters bewusst da dieses nämlich frei sei von den Alte Menschen sollten laut Platon Eh-
überzeichnen, um ihr Publikum zu Leidenschaften der Jugend. Freilich renvorrang vor Jüngeren haben, und
unterhalten, ist das Bild, das in den kann Kephalos das Alter mehr ge- der Rat der Greise sollte höchstes Ge-
philosophischen Schriften entwor- nießen als andere, da er über be- wicht haben. Freilich mahnt Platon
fen wird, recht heterogen. Der Vor- trächtlichen Reichtum verfügt. Doch auch die Alten, dass diese der Jugend
sokratiker Demokrit sieht im 5. Jh. Wohlstand ist nicht die einzige Vor- ein Vorbild sein sollten.

Abb. 1 Krieger-Abschied, att.-sf. Amphora, ca. 530–520 v. Chr.

55
ü
ANTIKE WELT 2/20
IM nutzLosEn ABschnIt t DEs LEBEns? – Alte Menschen im klassischen Athen

Während Platon also insgesamt ein «Den Eltern soll man vor allem den Söhne waren dazu verpflichtet, ihre
freundliches Bild des Alters zeichnet, Lebensunterhalt gewähren, da alten Eltern zu versorgen. Ob sie die-
ist sein Schüler Aristoteles ganz ande- man hierin ihr Schuldner ist, und es ser Verpflichtung nachkamen, wurde
rer Ansicht. Aristoteles‘ Altersbild ist höheren sittlichen Wert hat, den etwa bei der Überprüfung der Kan-
von körperlicher und charakterlicher Urhebern seines Daseins den Unter- didaten für offizielle Ämter (sog. do-
Schwäche bestimmt, wie er in seinem halt zu gewähren, als in diesem Sinne kimasía) kontrolliert. Von dieser Ver-
Werk Über die Redekunst ausführt für sich selber zu sorgen. Auch Ehre pflichtung ausgenommen waren nur
(siehe Kasten): Ihm zufolge sind alte soll man den Eltern wie den Göttern Söhne, deren Väter sie kein Handwerk
Menschen u. a. bösartig, misstrauisch, erweisen […]. Auch jedem Älteren erlernen ließen, und Söhne von Kon-
kleinlich, ängstlich, hoffnungslos und soll man die Ehre des Alters erweisen, kubinen. Bereits in der solonischen
feige. durch Aufstehen, Einräumen des Gesetzgebung wurde die Vernachläs-
Ehrenplatzes bei Tisch und was der- sigung der Eltern mit dem Entzug der
Die Behandlung der Alten gleichen mehr ist.» Bürgerrechte (sog. atimía) bestraft.
Doch selbst Aristoteles ist der Ansicht, In Fällen von Vernachlässigung oder
dass den Alten Respekt zu erweisen Die Missachtung der alten Eltern galt Misshandlung konnte eine Klage einge-
ist (Aristot. Nikom. 1165a): als ein schwerwiegender Tatbestand. bracht werden, sowohl von den Alten
als auch von jedem, der etwas bemerkte.
Ebenfalls strafbar war die Vernachläs-
sigung des Grabes. Die Versorgung im
Alter und die Pflege des Grabes sowie
Aristoteles über alte Menschen (Aristot. rhet. 1389a−1390b):
die Durchführung des Totenkults wa-
«Weil sie [die Älteren] nämlich schon so viele das Edle schlechthin gut. und sie sind mehr ren ein wesentlicher Grund, um über-
Jahre gelebt haben und sooft betrogen worden schamlos als schamhaft; denn weil sie an das
sind und gesündigt haben, und weil die Welt Edle nicht ebenso sehr denken wie an den haupt Kinder zu bekommen bzw. für
meist schlecht ist, so verlassen sie sich auf nutzen, missachten sie den schein. Auch die Adoption von Söhnen (Abb. 5). Wer
nichts und betreiben alles weniger herzhaft hat die Erfahrung sie hoffnungslos gemacht; weder leibliche noch adoptierte Kinder
als man soll. sie glauben immer, aber wissen denn das meiste, was geschieht, ist böse, weil
nie, sie halten beides für möglich und fügen das meiste eine Entwicklung zum schlechten hatte, konnte sich von seinen Sklaven
immer ein ‹vielleicht› oder ‹ungefähr› hinzu nimmt. Dazu kommt ihre Feigheit. und sie umsorgen lassen bzw. diese freilassen,
und drücken alles nur so aus, niemals bekräf­ leben mehr in der Erinnerung als in der hoff­ wobei sich die Freigelassenen weiter-
tigend. und sie sind bösartig; die Bösartig­ nung; denn das Leben, das ihnen noch bleibt,
keit zieht nämlich alles ins schlechtere herab. ist kurz, das hinter ihnen liegende lang, die hin um ihre Freilasser kümmern muss-
Auch vermuten sie leicht Böses wegen ihres hoffnung aber richtet sich auf das Kom­ ten. Verwitwete Männer nahmen sich
Misstrauens, misstrauisch aber sind sie aus Er­ mende, die Erinnerung auf das Vorübergegan­ auch häufig eine Konkubine, die sie im
fahrung. Deswegen ist auch weder ihre Liebe gene. Das ist auch der Grund ihrer Geschwät­
noch ihr hass sehr heiß, vielmehr halten sie zigkeit, da sie unaufhörlich das Vergangene Alter pflegte. Hatte ein Mann leibliche
es mit der Anschauung des Bias und lieben wiederholen; denn sie freuen sich an der Er­ Kinder, die im Kampf für Athen fielen,
als künftig hassende und hassen als künftig innerung. und ihre zornwallungen sind heftig, so wurden die Eltern der Gefallenen
Liebende. Auch sind sie kleinlich, weil das Le­ aber schwächlich, so dass sie weder stark
ben sie gebrochen hat. sie streben nicht nach begehrlich sind, noch auf Erfüllung der Begier­ auf Staatskosten versorgt. Ansonsten
Großem und Auffallendem, sondern nach den bedacht. Dafür jedoch auf ihren nutzen. war vom Staat keine Versorgung zu er-
dem, was man zum Leben braucht. sie sind Deswegen hat man in diesem Alter den schein warten, außer es handelte sich um Per-
geldhörig; denn zum notwendigen gehört der Besonnenheit, da die Begierden nach­
Vermögen, und aus Erfahrung wissen sie, wie gelassen haben und in den Dienst des nutzens sönlichkeiten, die ganz herausragende
schwer etwas zu gewinnen ist und wie leicht getreten sind. und sie leben mehr nach Leistungen erbracht hatten, oder um
zu verlieren. Auch ängstlich sind sie und fürch­ der Berechnung als nach Gesinnung; denn die Invaliden, die Anspruch auf eine staat-
ten alles im Voraus; denn sie sind in einer der Berechnung zielt auf den nutzen, die Gesin­
Jugend entgegengesetzten Verfassung, da sie nung auf tugend. Ihre Verfehlungen werden liche Behindertenrente hatten.
abgekühlt sind, während jene heißblütig ist, so zu Gemeinheiten, nicht zur Rücksichtslosig­
dass das Alter der Feigheit den Weg bereitet. keit. Mitleid kennt auch das Alter, aber nicht Politischer Einfluss
Furcht ist ja eine Abkühlung. und sie hängen aus demselben Grunde wie die Jugend. Diese
am Leben, am meisten am letzten tage, weil nämlich hat es aus Menschenachtung, jenes Platon forderte, dass sich die Alten po-
die Begierde das Abwesende sucht und aus schwäche, da sie bei allem immer dicht litisch betätigen und ihre Erfahrung
man das am meisten begehrt, was man am daran zu sein glauben, es selbst durchmachen zum Wohle der Gemeinschaft einbrin-
nötigsten braucht. sie lieben sich selbst mehr, zu müssen: darin aber sollte ja das Mitleid
als man darf; auch dies ist eine Art Kleinlich­ bestehen. Deswegen jammern sie auch so gen sollten. Doch wie sah das in der
keit. sie leben dem nutzen, nicht dem Edlen, leicht, und sie sind nicht witzig und zum Praxis aus? Wurde die Stimme der Al-
weil sie selbstsüchtiger sind als man darf; Lachen aufgelegt. Denn jammern verträgt sich ten gehört? Oder konnten die Seni-
denn das nützliche ist nur einem selber gut, nicht mit Lachlust.»
oren ihrer Heimatstadt nichts mehr
nutzen, da sie, wie es bei Thukydi-

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ü
ANTIKE WELT 2/20
THEMENPANORAMA

Abb. 2 «Trunkene Alte». Römische Kopie eines griechischen, hellenistischen Bildwerks aus Smyrna (München, Glyptothek, Saal XIII).

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ANTIKE WELT 2/20 ü
IM nutzLosEn ABschnIt t DEs LEBEns? – Alte Menschen im klassischen Athen

Abb. 3
Grabstele vom
Ilissos, um
340 v. Chr.
(Athen, Archäo-
logisches Natio-
nalmuseum,
Inv.-Nr. 869).

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ANTIKE WELT 2/20
THEMENPANORAMA

des heißt, im «nutzlosen Abschnitt


des Lebens» (Thuk. 2, 44, 4) lebten.
Grundsätzlich standen den Alten alle
Staatsämter offen. Sie konnten, wie
alle Männer über 30, in den Rat ge-
lost werden und sie hatten das Recht,
an der Volksversammlung teilzuneh-
men oder als Geschworene bei Ge-
richt zu sitzen. Die Ehrerbietung
den Alten gegenüber zeigte sich in
der Regelung, dass in der Volksver-
sammlung die Über-50-Jährigen als
erste das Wort ergreifen durften. In
den Versammlungen hat man die Be-
sonnenheit der Alten durchaus ge-
schätzt. Man wird sogar davon aus-
gehen dürfen, dass der Anteil der
alten Männer – verglichen mit ih-
rem Anteil an der Bevölkerung –
Abb. 4 Ausschnitt von einer attisch-rf. Vase mit der Darstellung des Nestor, 5. Jh. v. Chr. (Paris,
verhältnismäßig hoch gewesen ist, Bibliothèque Nationale, Cabinet des Medailles).
denn Alte verfügten oft über mehr
Zeit als Jüngere, und die Tagegel-
der, die als Aufwandsentschädigung
für die Teilnahme an den Versamm- Alte Männer und Besitz Fazit
lungen bezahlt wurden, boten ihnen In vielen Familien vollzog sich ein Ge- Zusammenfassend lässt sich festhal-
ein willkommenes Zubrot. Auch im nerationswechsel, wenn der Haus- ten, dass sich in der antiken Literatur,
Rat saßen offenbar verhältnismä- haltsvorstand um die 60 Jahre alt wie gezeigt wurde, positive wie ne-
ßig viele alte Männer. Noch höher war, denn es war üblich, zu diesem gative Urteile über das Alter und alte
war der Anteil alter Männer in den Zeitpunkt den Familienbesitz auf die Menschen finden. Während die einen
Geschworenengerichten. Auch für Söhne zu überschreiben. Viele Söhne den körperlichen und geistigen Verfall
diese Tätigkeit erhielten sie eine Auf- werden darauf gedrängt haben, da beklagen, heben die anderen die Ruhe
wandsentschädigung. Alte spielten ihr eigener Status davon abhing. Die und Besonnenheit der Alten sowie de-
zudem eine wichtige Rolle als Ver- Alten waren zu diesem Schritt aber ren Wissen und Erfahrung hervor. Ein
mittler. So mussten etwa die Schieds- nicht verpflichtet. Dieser Akt wollte verbindliches zeitgenössisches Alters-
richter (diaitetaí) für Fälle mit einem auf alle Fälle gut überlegt sein, denn bild gibt es genauso wenig wie eine
Streitwert von über zehn Drach- mit der Übergabe von Haus und vä- prinzipielle Marginalisierung des Al-
men (das entspricht zehn Tageslöh- terlicher Gewalt verloren die Alten ters. Konflikte zwischen den Generati-
nen eines einfachen Arbeiters) älter wichtige Funktionen und waren da- onen hat es natürlich wie zu allen Zei-
als 60 Jahre sein. Aber auch in Äm- nach auf das Wohlwollen und die ten gegeben, doch waren diese nicht
ter, die Jüngere hätten bekleiden Unterstützung der Familie angewie- unbedingt die Regel. Von einer all-
können, wurden immer wieder Äl- sen. Der Redner Lysias empfiehlt da- gemeinen sozialen Ausgrenzung der
tere gewählt. So bekleidete Perik- her auch, nicht alle Güter an Söhne Alten kann daher kaum gesprochen
les noch als 65-Jähriger das wich- zu verteilen, sondern etwas fürs Al- werden. Ohnehin waren wohl viele
tige militärische Amt des Strategen, ter zurückzubehalten, um nicht be- Athener berufstätig, solange sie dazu
einen gewissen Phokion wählte man dürftig zu werden. Wir wissen davon, in der Lage waren, und sie konnten
noch mit 80 Jahren zum Strategen. dass manche Söhne die Übergabe auch bis ins hohe Alter politisch aktiv
Der Tragödiendichter Sophokles war des Besitzes erzwingen wollten. So bleiben. In vermittelnden und sakra-
mit 70 Jahren Stratege und gehörte drohte etwa dem Dichter Sophokles len Funktionen hat man sie offenbar
mit 80 Jahren zum im Jahr 413 v. Chr. die Entmündigung, das Gericht hat besonders geschätzt. Bei allen Ein-
gebildeten oligarchischen Rat der die entsprechende Klage von dessen schränkungen, die das Alter mit sich
Stadt. Sohn jedoch abgewiesen. brachte, kann man die Alten im klas-

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ANTIKE WELT 2/20
IM nutzLosEn ABschnIt t DEs LEBEns? – Alte Menschen im klassischen Athen

sischen Athen wohl nicht als an den


Rand gedrängt und diskriminiert an-
sehen. Die Ausgrenzung des Alters
scheint eher ein Problem der Moderne
zu sein.

Adresse des Autors


Dr. Josef Fischer
ul. Feliksa Konecznego 8/62
PL-31-216 Kraków
josef.fischer.mail@gmail.com

Bildnachweis
Abb. 1. 4: akg-images / Erich Lessing; 2: akg-images;
3: akg-images / jh-Lightbox_Ltd. / John hios; 5: akg-
images / André held.

Literatur
h. BRAnDt, Wird auch silbern mein haar. Eine Ge­
schichte des Alters in der Antike (2002).
A. GutsFELD / W. schMItz (hrsg.), Am schlimmen Rand
des Lebens? Altersbilder in der Antike (2003).
s. hÜBnER, Alte Männer im Klassischen Athen (5. Jh.
v. chr.) – An den Rand gedrängt?, in: Göttinger Forum für
Altertumswissenschaft 8 (2005) 31−57.
B. WAGnER-hAsEL, Alter in der Antike: Eine Kulturge­
schichte (2012).
G. WÖhRLE, senile schwätzer, kluge Ratgeber. Kon-
struktionen und Realitäten gesellschaftlicher Partizipation
alter Menschen in der griechischen Antike (2006).

Abb. 5 Trauernde Alte, weißgrundige Lekythos, 3. V. 5. Jh. v. Chr. (Athen, Archäologisches National-
museum).

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ANTIKE WELT 2/20 ü
DIE HELLENISTISCHE BRONZEBÄRIN IM
MÜNSTER ZU AACHEN
Zu einer aristokratischen Jagdkampfgruppe des 3. Jahrhunderts v. Chr.

Als sich im Mai 2003 die Teilnehmer des 16. Internationalen Kongresses für Antike Bronzen
im Nationalmuseum von Bukarest versammelten, ahnte wohl keiner von ihnen, dass hier
zwei Bronzestatuen zur Diskussion gestellt werden würden, die dann in der Forschung auf
ganz unterschiedliche Weise aufgenommen wurden. Lucia Marinescu stellte die seiner-
zeit neu aufgetauchte und vieldiskutierte Bronzestatue des Apollon Sauroktonos vor. Ganz
anders erging es der altbekannten Aachener lupa carolina. Obwohl Ernst Künzls neue
Deutung und Datierung der Großbronze einer Bärin aus der Zeit des Hellenismus eine ar-
chäologische Sensation darstellt, fand die Tierplastik bis zur Gegenwart kaum ein wissen-
schaftliches Interesse. Dieser Frage soll im Folgenden nachgegangen werden.

von Stephan Lehmann


allerdings nicht ergeben. Vielmehr lingische Bildprogramme gefunden

D ie, wohl seit dem Mittelalter in der


Kaiserpfalz Karl d. Gr. befindliche
und seit langem bekannte Tierplastik
fällt nach nun mehr als 15 Jahren im
Rückblick auf, dass die archäologische
Forschung anders als im Fall des neu-
haben. In diesem Zusammenhang er-
wähnt Bredekamp auch die Aachener
Tierbronze, wobei die Deutung als Bä-
ist heute in der Vorhalle des Doms auf- aufgetauchten Apollon Sauroktonos rin an Gewicht gewinnt.
gestellten und galt gemeinhin als Dar- bis in die jüngste Zeit kein großes In- In dem Bemühen Bredekamps, die
stellung einer Wölfin aus der späteren teresse an Künzls bahnbrechenden spezifische Aussagekraft, der am Aa-
römischen Kaiserzeit (Abb. 1). Ergebnissen zeigte. Diese Nichtbefas- chener Hof versammelten und in di-
sung mit der Aachener Bärin ist umso rektem Zusammenhang mit Karl dem
Ein opus nobile der hellenis- unverständlicher, da Künzl seine For- Großen stehenden Kunstwerke zu er-
tischen Plastik und Desiderat der schungen zu der Statue zwischen hellen, kann die hellenistische Bron-
Forschung 2002 und 2007 gut sichtbar an unter- zebärin allerdings nur als anregende
Diese Forschungsmeinung revidierte schiedlichen Orten publiziert hat. Spekulation dienen. Denn weder über
Ernst Künzl und konnte zeigen, dass Allerdings scheint die Diskussion den Zeitpunkt der Aufstellung in Aa-
es sich sehr wahrscheinlich um eine nun endlich aufzuleben: Der Kunst- chen noch zu ihren Aufstellungskon-
hellenistische Original-Bronzeplastik historiker Horst Bredekamp hat 2014 texten ist Konkretes überliefert. Viel-
einer Bärin handelt. Dabei führte ein anlässlich der 1200. Wiederkehr des mehr bleibt weiterhin ungeklärt, ob
bezeichnendes Detail zu der zwingen- Todestages Karls des Großen das sich die Bärin bereits seit der Antike
den Schlussfolgerung, dass die Bärin Herrschaftsverständnis des Kaisers in Aachen befunden hat oder erst spä-
kein Einzelwerk, sondern Teil einer neu interpretiert und zieht für seine ter dorthin gelangt ist. Bislang sind
Jagdkampfgruppe war. Damit wäre Interpretation auch Künzls Ergeb- nämlich keinerlei Zeugnisse dafür be-
die Aachener Großbronze ein singu- nisse zur Bronzebärin heran. Nach kannt, dass die Plastik in karolingi-
läres hellenistische Original, das seit Bredekamp soll mit der Darstellung scher, ottonischer oder hochmittelal-
dem frühen Mittelalter in Aachen auf- die Art und Weise, in der Karl d. Gr. die terlicher Zeit aus Italien, Gallien oder
gestellt war. Die Ergebnisse der Unter- Natur beherrschte – etwa durch die dem Osten des Mittelmeeres nach Aa-
suchungen Künzls hätten eigentlich Zähmung wilder Bestien oder durch chen überführt worden wäre. Viel-
ein Markstein für die weitere Erfor- Jagden in der Nähe der Aachener mehr stammt die erste sicher be-
schung der hellenistischen Großplas- Pfalz –, die «Herrschaft» des Kaisers zeugte Nachricht zur Bronzebärin aus
tik sein müssen. Dieser Effekt hat sich über das Tierreich Eingang in karo- dem 14. Jh.

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ANTIKE WELT 2/20
DIE HELLENISTIScHE BrONZEBärIN IM MüNSTEr Zu AAcHEN – Zu einer aristokratischen Jagdkampfgruppe des 3. Jahrhunderts v. chr.

Abb. 1 Die antike Bronzestatue einer Bärin steht auf einem Sockel nahe dem Eingang der Westvorhalle des Aachener Domes.

62
ü
ANTIKE WELT 2/20
THEMENPANORAMA

Künzls Argumente und Ergebnisse


Erst seit den Jahren nach dem 2. Welt-
krieg werden die Besucher beim Be-
treten der Westvorhalle des Aache-
ner Domes von zwei Bildwerken aus
Bronze begrüßt. Auf Sockeln stehen
zur linken Seite ein Pinienzapfen und
zur rechten eine Bärin, die früher als
«Wölfin», gar als lupa carolina be-
zeichnet wurde (Abb. 1).
Die Maße des Tiers sind unterle-
bensgroß dimensioniert: H. ca. 84 cm,
B. ca. 75 cm, T. ca. 95 cm. Das linke Vor-
derbein soll während eines Zwangsauf-
enthalts im Pariser Musée central des
arts de la République abhandengekom- Abb. 2
men sein und wurde dann im 19. Jh. Die Bärin hat ihren
Gegner fest im Blick,
nach seiner Rückkehr durch ein Mes- die Schnauze ist
singbein ergänzt. Die wenigen antiken kampfbereit aufge-
Flicken weisen auf einen sorgsamen rissen. Ihre Halspar-
tie weist die typische
Guss in einer antiken Bronzewerkstatt Haarkrause auf,
hin. Allerdings finden sich keine tech- in der sich die Stich-
wunde eines Jagd-
nischen Besonderheiten, welche die spießes schlitzförmig
Datierung in eine bestimmte Epoche abzeichnet.
der Antike erlauben würde.
Die früher gängige, allerdings be-
reits seit dem 17. Jh. teilweise hinter-
fragte Interpretation als Wolf, ist mitt- trachtung zeigt sich, dass es sich um den Gruppencharakter der ursprüng-
lerweile obsolet. Dessen ungeachtet eine Wunde handelt, welche infolge lichen Plastik abzulesen. Diese kann
wurde die Bronzebärin bislang fast des Eindringens einer Stichwaffe ent- dann nach Stil und Genre in die Zeit
einstimmig in die römische Zeit da- stand. Beigebracht wurde sie am Hals ab dem mittleren 3. bis zur Mitte des
tiert. Dagegen spricht erkennbar der der Bärin durch den Jagdspieß eines 2. Jhs v. Chr., also den Hochhellenis-
Stil des Kunstwerks: Vor uns sitzt eine Jägers zu Fuß. Da der Kopf des Tie- mus, datiert werden. Wobei die dy-
Bärin, die angespannt und dynamisch res aber nicht in Richtung der Waffe namische Bärenjagdgruppe noch ins
wirkt. Sie ist hochalarmiert, der An- bzw. ihres Trägers, sondern zur ande- 3. Jh. v. Chr. gehören dürfte. Damit
griff steht kurz bevor (Abb. 2). Die Rü- ren Seite und nach oben gewendet ist, stoßen wir jedoch auf eine weitere
ckenansicht und die Hinterbeine zei- nähert sich von dort ein heute eben- Schwierigkeit, die darin besteht, dass
gen die Torsion des Körpers und die falls imaginärer Jäger zu Pferde. Wir derartige plastische Jagdkampfgrup-
explosive Anspannung kurz vor dem haben also zweifellos eine Jagdkampf- pen aus dieser Zeit bisher weder als
entladenden Angriff (Abb. 3). Wer gruppe vor uns, wobei die von min- originale Großbronzen noch in römi-
ist Ihr Gegner? Wir wissen es nicht destens zwei Jägern angegriffene Bä- schen Marmorkopien überliefert sind.
genau, aber eine Tierkampfgruppe rin den Mittelpunkt der Komposition Die berühmte Bronzegruppe einer
scheidet aus. Dies erkannt zu haben, bildet (Abb. 4). Löwenjagd in der Alexander d. Gr. von
ist das Verdienst Künzls, der einen Diese transitorische Gruppenkom- seinem Jagdbegleiter Krateros aus ei-
neuen hermeneutischen Punkt für die position führt zu den bekannten hel- ner lebensgefährlichen Situation ge-
Deutung und Datierung der Bären- lenistischen Gruppen, mit denen sich rettet wird, stand im delphischen Hei-
figur fand. Künzl beobachtete näm- Ernst Künzl bereits in seiner Disser- ligtum und ist ins ausgehende 4. Jh.
lich am Hals des Tieres einen ca. 5 tationsschrift von 1968 auseinander- v. Chr. zu datieren.
cm langen und 5 mm breiten Schlitz, setzte. Er war daher im vorliegenden In der klassisch-hellenistischen Re-
der dort keineswegs zufällig platziert Fall prädestiniert, aus der Art und liefkunst finden sich wenige Darstel-
wurde (vgl. Abb. 2). Bei genauer Be- Weise, in der die Bärin dargestellt ist, lungen von Bärenjagden, erinnert sei

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ANTIKE WELT 2/20
DIE HELLENISTIScHE BrONZEBärIN IM MüNSTEr Zu AAcHEN – Zu einer aristokratischen Jagdkampfgruppe des 3. Jahrhunderts v. chr.

an das Sockelrelief des Klagefrauen- Tierplastiken und kann im Resultat Heiliger Hain sein. Die Wahl des Sujets
sarkophages aus Sidon (1. Hälfte seine Datierung weiter erhärten. am Grab ist voller Symbolik. Aber zu-
4. Jh. v. Chr.) mit den Darstellungen ei- Diese weiterführende Interpreta- nächst wäre nach «historischen» Jag-
ner Jagd auf wilde Tiere, unter ihnen tion wäre aber nicht möglich gewesen, den in der konservativen makedoni-
auch ein Bär. Bislang fanden sich je- wenn nicht 1977 am sog. Grab Phil- schen Adelsgesellschaft zu fragen und
doch weder bei den klassisch-helle- ipps II. in Vergina der Fries einer viel- wer der erfolgreiche Jäger zu Pferde
nistischen Reliefdarstellungen typo­ figurigen Jagdszene in einer felsigen ist. Jedenfalls ist kein mythologisches
logischen Ähnlichkeiten mit der Landschaft entdeckt worden wäre. Thema oder etwaige Konnotationen
Aachener Bärin noch sind derartige Der polychrome Jagdfries von Ver- zu erkennen. Der Reiter von rechts nä-
römische Darstellungen bekannt. Der gina (H. 1,12 m, L. 5,65 m) ist ein bis- hert sich aus einer erhöhten Position
Bildfundus aus griechisch-römischer lang singuläres griechisches Original- und ist im Begriff die Löwin mit sei-
und spätantiker Zeit, vor allem Reli- werk, dass durch die Grabfunde und nem Jagdspeer zu töten. Seine aktive
efbilder, Bronzestatuetten und andere -befunde in der Zeit um 330 v. Chr. Rolle kurz vor dem tödlichen Wurf
Werke der Kleinkunst, vor allem aber datiert werden kann. Die Darstellung auf das Beutetier verbinden sie zur
auf den Diptychen mit Tierkampfdar- in der rechten Frieshälfte zeigt in der zentralen Gruppe der Komposition.
stellungen zeigen unter den wilden zeichnerischen Rekonstruktion von Der sepulkrale Kontext und die Bild-
Tieren immer wieder Bären, doch äh- George Miltsakakis einen verwun- nisabsicht können bislang nur vage
nelt sie typologisch nicht der Bronze- deten Bären im Hintergrund und im Hinweise auf den Dargestellten ge-
bärin in Aachen. Zentrum einen Löwen ohne Mähne ben, weshalb dieses großartige Zeug-
Künzl prüft unter der Prämisse des oder eine Löwin in einem dramati- nis der frühhellenistischen Malkunst
neuen Datierungsvorschlages sorg- schen Abwehrkampf (Abb. 5). Kompo- noch auf seine überzeugende Deutung
fältig die Detailbearbeitung des Fells sitorisch ist hier der Höhepunkt einer wartet. Künzl zog die Vergina-Gruppe
der Bärin, die Bildung der Augen und Löwenjagd vor einer waldigen Berg- heran, um die ursprüngliche Kompo-
weiterer Einzelformen, vergleicht sie landschaft dargestellt. Der Ort des Ge- sition der Bärenjagdgruppe in felsiger
mit denen anderer erhaltener antiker schehens könnte ein Heiligtum oder Landschaft überzeugend zu charakte-
risieren. Seine Rekonstruktion trifft
grundsätzlich das Richtige: In einer
felsigen Landschaft wird eine Bärin
von Jägern zu Fuß und zu Pferde ange-
griffen (vgl. Abb. 4).
Doch sind von hier aus weitere
Schlussfolgerungen zu ziehen, denn
wie die von der Milch geschwollenen
Brustzitzen der Bärin zeigen, säugt
sie ihren Nachwuchs (Abb. 6). Die
kleinen Braunbären müssen aber in
der Gruppe nicht dargestellt worden
sein. Die verteidigungsbereite Bärin
steht zwar im Zentrum der weitge-
hend rundansichtigen und raumgrei-
fenden Komposition, ist aber nicht die
«Hauptperson». Diese ist zweifellos
Abb. 3
Unter dem rea- der nicht erhaltene Reiter. Hier kommt
listisch gestalte- es nun zur ideologisch-herrschaftli-
ten Zottelfell der
Bärin zeichnet chen Deutung der realistischen Szene,
sich eine unge- denn in dieser Zeit konnten nur Mit-
mein muskulöse glieder der Aristokratie jagen, wes-
und angespannte
Rückenpartie ab. halb dieses Thema bekanntlich und
Ihre kräftigen Hin- wie auch das Verginagemälde nach-
terbeine, lassen
das Tier gefährlich drücklich belegt, für die visuelle Be-
schnell agieren. tonung der Arete der Jäger eingesetzt

64
ü
ANTIKE WELT 2/20
THEMENPANORAMA

wurde. Daher können wir vorerst von


der These einer herrscherlichen oder
zumindest aristokratischen Bären-
jagd ausgehen. Etwa von der Darstel-
lung eines Diadochen bei der Jagd,
und zwar im Darstellungsformat einer
einst vielszenigen bronzenen Statuen-
gruppe. Hierin durchaus vergleichbar
sind die in der Forschung als die «Klei-
nen Gallier» bekannten und unterle-
bensgroßen Figuren (H. ca. 1,10 m)
eines Denkmals, dass Giganten, Ama-
zonen, Perser und Gallier als unterle-
gene Gegner im Kampf gegen mythi- Abb. 4 Die Ideenskizze ist von der Komposition der Löwenkampfgruppe des Verginafrieses ange-
regt.
sche oder historische Figuren zeigt.
Sie bilden v. a. wegen ihrer Mimik,
die die psychologische Extremsitua-
tion zum Ausdruck bringt, und ihrem
Format eine Parallele zur Bronzebä- rius für Kunstgeschichte eine grund- Rücken und am linken Schenkel» fin-
rin. Denkbar wäre aber auch, die ge- sätzliche Kritik und einen «kunstwis- det er bemerkenswert. Deshalb sei
jagte Bärin als Teil einer imperialen senschaftlichen Protest» an diesen es «durchaus nicht ausgeschlossen,
Jagdszenerie, etwa «Hadrian bei der «Restaurationen». Zugleich nutzt er dass wir es mit einem hellenistischen
Bärenjagd», anzusehen. Inhaltlich und die Gelegenheit, seine These von den Originalwerke zu tun haben …».
kompositorisch wäre das durchaus orientalischen Wurzeln dieses Haupt- 4. Auch erkannte Strzygowski bereits,
möglich, doch stilistisch ist eine Datie- werks karolingischer Architektur dar- dass die Öffnung auf der Brust
rung in das 2. Jh. n. Chr. ausgeschlos- zulegen. Für unseren Zusammenhang der Bärin einer Nutzung als Was-
sen, zumal das unterlebensgroße For- ist von Interesse, dass er hierbei un- serspeier diente, und dass der
mat weitere Schwierigkeiten bei dem mittelbar im ersten Kapitel und damit schmale, etwa 5 cm lange und teil-
Deutungsversuch als rundplastische wohl chronologisch mit dem Abschnitt weise mit Blei ausgefüllte Stich un-
imperiale Jagdkampfgruppe bereiten «1. Der ‹Wolf›. Ein hellenistisches Bron- ter dem rechten Ohr alt war.
würde. zewerk» anfängt. Die fünf Kernthesen 5. Schließlich wirft Strzygowski die
dieser Ausführungen lauten: grundsätzliche Frage nach der Her-
Josef Strzygowskis Beurteilung kunft der antiken Bärenplastik auf,
der Bronzebärin von 1904 1. Die inhaltlich aufgeladene Deutung indem er fragt, ob diese nicht schon
Ein vergessener, aber dennoch for- als Bronzefigur einer «Wölfin» ist in vorfränkischer Zeit aus einer der
schungsgeschichtlich bedeutsamer Bei- falsch, weil es sich um die Darstel- hellenistischen Metropolen über
trag aus dem Jahr 1904 muss hier lung einer «Bärin» handelt. Diese Marseille nach Gallien gekommen
erwähnt werden. Er schmälert die Deutung war zwar bereits im 17. Jh. sein könne. Er hält es also nicht für
Leistungen Ernst Künzls in keiner vorgebracht, damals aber sogleich zwingend, dass Karl d. Gr. sie aus
Weise, macht dessen Ergebnisse aber heftig negiert worden. Italien mitgebracht habe.
weitgehend zu Wiederentdeckungen. 2. Bei der Figur handele es sich um eine
Auf Einladung des Grafen Gregor «ausgezeichnete Arbeit», die Strzy- Diese wichtigen und klarsichtigen Be-
Stroganoff besuchte der österreichi- gowski überrascht habe. Er könne obachtungen sind offensichtlich nicht
sche Kunsthistoriker und Begründer deshalb umso weniger begreifen, in die archäologische Forschung ein-
einer vergleichenden Kunstforschung warum dieses «hellenistische Bron- geflossen, gewinnen jetzt aber an Be-
Josef Strzygowski – wie er selbst 1903 zewerk» von den Archäologen so deutung. Die Diskussion über die Aa-
schreibt – den Dom in Aachen, um sich wenig beachtet wurde. Denn die sit- chener Bärin scheint nun nämlich
ein Urteil über die laufenden Restau- zende Bärin «ist ein fein(es) natura- wieder in Fluss zu kommen, weil es
rierungsarbeiten an der Palastkapelle listisches Kunstwerk …». von anderer Seite noch einen weite-
Karls des Großen zu bilden. Im Resultat 3. Stilistische Details wie die «überaus ren, aktuellen Datierungsversuch der
verfasste der streitbare Grazer Ordina- lebensvolle Bildung des Felles am Großbronze gibt.

65
ü
ANTIKE WELT 2/20
DIE HELLENISTIScHE BrONZEBärIN IM MüNSTEr Zu AAcHEN – Zu einer aristokratischen Jagdkampfgruppe des 3. Jahrhunderts v. chr.

Abb. 5 Zeichnerische Farbrekonstruktion der Löwenjagd vor einer waldigen Berglandschaft. Sie bildet den Höhepunkt des Jagdfrieses von Vergina.

Zur Materialanalyse der Bronze- Bronze zu ermitteln und im Weite- um einen Zwischenbericht, denn die
plastik durch ristow / Steiniger ren die Gusstechnik und andere Her- erzielten Werte wurden nicht in einen
Unlängst wurde das Ergebnis einer ar- stellungsmerkmale näher zu charak- Untersuchungsrahmen zur eingehen-
chäometrischen Analyse der Aachener terisieren, um so zu Aussagen über den Bewertung der Zusammensetzung
Bärin vorgelegt. Dabei verfolgen Se- Datierung und Herkunft einiger Groß- der antiken Bronze gestellt. Die Mate-
bastian Ristow und Daniel Steiniger bronzen und Bronzeobjekte in Aachen rialanalyse der Bärin erfolgte mittels
das Ziel, die chemische Zusammen- zu gelangen. Allerdings handelt es sich der nicht-invasiven portablen Rönt-
setzung sowie Art und Herkunft der bei den vorgelegten Ergebnissen nur genfluoreszenzanalyse (pRFA), die den
Vorteil bietet, dass mit dieser Me-
thode zerstörungsfrei gemessen wer-
den kann. An welchen Stellen gemes-
Abb. 6 Die Brustpartie der Bärin wird von den prall mit Milch gefüllten Zitzen eines Muttertieres
bestimmt. Die runde Öffnung wurde später gearbeitet und diente als Austritt für einen Wasser- sen wurde, ist nicht angegeben. Zudem
speier, was auf eine spätere Verwendung der Tierplastik als Brunnenfigur hinweist. wird mitgeteilt, dass auf der Ober-
flächenpatina gemessen wurde und
nicht auf einer korrosionsfreien Me-
tallfläche. Die Messungen (pRFA der
Patina) ergaben einen hohen Blei-
gehalt um die 33 % und einen Zinn-
wert um 11 %. Die Autoren schlussfol-
gern daraus, dass diese Werte in die
Reihe römischer Großbronzen zu stel-
len seien. Dieses Ergebnis kann kei-
nesfalls überzeugen, denn bereits ein
Blick in die von Jeffrey Maish zusam-
mengestellte Liste von Metallanaly-
sen hellenistischer Großbronzen, die
in der Ausstellung «Power and Pa-
thos: Bronze Sculpture of the Hellenis-
tic World» gezeigt wurden, ergibt, dass
die Schlussfolgerungen von Ristow
und Steininger keineswegs zwingend
sind. Ihre Untersuchung zeigt aber

66
ü
ANTIKE WELT 2/20
THEMENPANORAMA

auch, dass eine methodengerechte teilt sie mit der Bronzestatue des sit- J. MAISH, Alloy compositions of select bronze sculptures,
in: J. M. Daehner / K. Lapatin (Hrsg.) Power and Pathos:
Analyse der Metallzusammensetzung, zenden Petrus von Arnolfo di Cam- Bronze Sculpture of the Hellenistic World, Ausstel-
lungskatalog 14. März 2015 bis 20. März 2016 (2015)
zusammen mit einer separaten Unter- bio im Petersdom in Rom. Dessen Fuß 311–323.
suchung der Patina, wenn sie mit einer ist wegen der Berührungen, die Glück
J.-L. MArTINEZ, L‘Apollon sauroctone, in: Praxitèle.
eingehenden archäologischen Unter- bringen sollen, heute fast unkenntlich catalogue de l‘exposition au musée du Louvre, 23 mars–
18 juin 2007 (2007) 203–235.
suchung der Statue verbunden wird, geworden. Das aber hat unsere Bärin
zu wissenschaftlich belastbaren Er- nicht verdient. c. MuŞEŢEANu (Hrsg.), The antique bronzes: typology,
chronology, authenticity: the acta of the 16th Inter-
gebnissen führen kann. Doch ist hier national congress of Antique Bronzes, organised by The
romanian National History Museum, Bucharest, May
zunächst festzuhalten, dass die bisher 26th–31st, 2003 (2004) 265–278 (E. Künzl), 300–305
(L. Marinescu).
vorliegenden Ergebnisse der archäo-
metrischen Analyse weder eine hel- P. VON NArEDI-rAINEr, Josef Strzygowski und der
Aachener Dom – eine überprüfung, in: Von Biala nach
lenistische Datierung der zweifellos Wien. Josef Strzygowski und die Kunstwissenschaften.
Akten der internationalen wissenschaftlichen Konferenz
antiken Bärin widerlegen noch eine zum 150. Geburtstag von Josef Strzygowski 2012, hrsg.
Adresse des Autors von Piotr Otto Scholz und Magdalena Dlugosz (2015)
römische Datierung festigen können.
Prof. Dr. Stephan Lehmann 530−551.
Erst durch Ernst Künzels Forschun- Leiter des Archäologischen Museums i.r.
Archäologisches Museum der MLu Halle-Wittenberg S. rISTOW / D. STEINIGEr, Forschungen an den Bronzen
gen konnte die Darstellung der Aache- universitätsplatz 12 des Aachener Domes, in: Kölner und Bonner Archaeolo-
D-06108 Halle (Saale) gica 6, 2016, 143–168.
ner Bärin aus ihrem christlich­sakra-
len Ambiente soweit gelöst werden, F. ruMScHEID / W. HELD, Erinnerungen an Mokazis.
Bildnachweis Eine neugefundene Stockwerkstele aus dem bithy-
dass der Blick hinter das Verhau von nischen Tarsos, in: Istanbuler Mitteilungen 44 (1994)
Abb. 1: akg-images / Bildarchiv Monheim; Abb. 2. 6: 89−106.
historischen Hypothesen und ideo- Fotos: St. Lehmann; Abb. 3: nach E. Künzl, Die antike Bärin
(Mainz 2003) 12 Abb. 13; Abb. 4: Zeichnung Bernd c. SAATSOGLOu-PALIADELI, Der Jagdfries am Grab
logisierten Deutungsversuchen frei Schirpke; Abb. 5: Detail nach Ausstellungskat. Liebieg- Philipps II. in Vergina-Aigai. Eine neue Weltsicht,
wurde und damit das hochbedeutende haus 2013, 251 Abb 237. in: V. Brinkmann (Hrsg.), Zurück zur Klassik. Ein neuer
Blick auf das Alte Griechenland, Ausstellungskatalog
sowie höchstwahrscheinlich hellenisti- Liebieghaus, Frankfurt am Main, Februar bis Mai 2013
Literatur (2013) 248–257.
sche Kunstwerk wieder sichtbar wird.
H. BrEDEKAMP, Der schwimmende Souverän. Karl der
Dafür musste zunächst der vorgeb- Große und die Bildpolitik des Körpers (2014) 64−68. M. SEYEr, Der Herrscher als Jäger. untersuchungen zur
königlichen Jagd im persischen und makedonischen
liche Wolf richtig als Bärin erkannt A. GuTSFELD, Hadrian als Jäger. Jagd als Mittel kaiserli- reich vom 6.−4. Jahrhundert v. chr. sowie unter den Dia-
cher Selbstdarstellung, in: Wolfram Martini (Hrsg.), dochen Alexanders des Großen (2007).
werden.
Die Jagd der Eliten in den Erinnerungskulturen von der
Doch diese muss nun dringend vor Antike bis in die frühe Neuzeit (2000) 79−100. A. STEWArT, Attalos, Athens, and the Akropolis. The
Pergamene «Little Barbarians» and their roman and
den Jahr für Jahr in großer Zahl in den E. KüNZL, Die Bärin im Dom zu Aachen: Hellenistische renaissance Legacy. With an Essay on the Pedestals and
Skulptur, römischer Brunnen, karolingisches romzeichen, the Akropolis South Wall by Manolis Korres (2004).
Dom hineinströmenden Menschen- in: r. Bedon / M. Polfer (Hrsg.), Etre romain. Hommages
massen von Gläubigen und Touristen in memoriam charles Marie Ternes (2007) 413−431. J. STrZYGOWSKI, Der Dom zu Aachen und seine Ent-
stehung, ein kunstwissenschaftlicher Protest (1904) 2–5,
beschützt werden. Denn nicht wenige ST. LEHMANN, Ein spätantikes relief mit Zirkusspielen Abb. 1. 2.
aus Serdica in Thrakien, in: Bonner Jahrbücher 90 (1990)
berühren die Bärin. Dieses Schicksal 139–174.

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67
ü
ANTIKE WELT 2/20
LESERrRderEAnItikSenEWelt Berlin
Exklusiv für Lese

Datum der Reise:


Zeit, aber auch die mittelalterlichen Skulpturen und die
Münzsammlung sind von großer Bedeutung.

3. Tag: James-Simon-Galerie & Neues Museum (F)


Sie starten mit einem Besuch des neuen Eingangsge-
bäudes der Museumsinsel. Entworfen vom Büro David
Chipperfield, verbindet es die klassische Architektur
der älteren Gebäude mit modernen Elementen. Neben
einem Rundgang durch das Gebäude steht die Aus-
stellung «Germanen – eine archäologische Bestands-
© asisi, Foto: Tom Schulze 2018.

aufnahme» im Mittelpunkt. Klassische Germanenbilder


werden hier mit neuen Forschungsergebnissen der
letzten Jahre kontrastiert. Im Vaterländischen Saal des
Neuen Museums wird die Ausstellung durch einen
Gang durch die Forschungsgeschichte zu den Germa-
nen komplettiert. Das Neue Museum wurde Mitte des
19. Jhs. als Ergänzungsbau zum Alten Museum errichtet
und beherbergte schon damals die Sammlungen zur
Vor- und Frühgeschichte sowie die Ergebnisse der Gra-
bungen in Ägypten. Neben den absoluten Prunkstücken
der Ägyptischen Abteilung wie der Büste der Nofretete
und den Opferkammern aus dem Alten Reich sowie
dem Berliner Goldhut und der Troja-Sammlung aus der
In den letzten Jahren sind auf der Berliner Museumsinsel und in der Abteilung Vor- und Frühgeschichte wird natürlich
auch die besondere Architektur des Hauses, in dem sich
Umgebung zahlreiche neue Gebäude entstanden. Mit dem Archäo- diese Sammlungen befinden, gewürdigt.
logischen Zentrum haben viele Magazine und Forschungsstätten ein 4. Tag: Archäologisches Zentrum (F)
neues Zuhause gefunden. Das Pergamon-Panorama dient während Heute steht ein Blick hinter die Kulissen der Museums-
insel auf dem Programm. Das Archäologische Zentrum
des Umbaus des Pergamonmuseums als Interimsgebäude mit einer dient als Forschungsstätte zur Geschichte der Berliner
Museumsinsel und beherbergt das zentrale Archiv
eigenen Sonderausstellung. Mit der Eröffnung des neuen Eingangs- der Museumsinsel und die Hauptbibliothek. Weiterhin
gebäudes, der James-Simon-Galerie, steht seit Juli 2019 ein Raum für sind hier mehrere Magazine des Neuen Museums
untergebracht, wie die Kleinkunst und das Sargdepot,
Sonderausstellungen zur Verfügung. Hier findet ab September 2020 die normalerweise für die Öffentlichkeit nicht zugäng-
lich sind. Mitarbeiter des Hauses werden Sie durch
eine Ausstellung zum Stand der Forschungen über die Germanen statt. einige der Abteilungen führen, in die Geheimnisse der
Diese attraktiven Neuheiten sind für uns der Anlass, eine ganz be- Forschungen einweihen sowie kompetente Einblicke
in die sonst nicht für Besichtigungen offenstehenden,
sondere Reise nach Berlin anzubieten, die im Archäologischen Zentrum umfangreichen Bestände insbesondere der Ägyptischen
Sammlung geben. Der Rest des Tages steht zur freien
auch einen Blick hinter die Kulissen wirft, der Einzelbesuchern sonst Verfügung und bietet Gelegenheit, nach eigenen Vor-
nicht möglich ist. lieben weitere Museen zu erkunden, die im Museums-
pass enthalten sind.

5. Tag: Pergamonmuseum & Pergamon-Panorama


(F/A)
Es geht in das wohl berühmteste Museum Deutsch-
1. Tag: Anreise Berlin und Stadtrundgang 2. Tag: Altes Museum und Bodemuseum (F) lands, das seit 1930 als jüngstes Museum die Insel
Individuelle Anreise nach Berlin. Nachdem Sie Ihr Der erste Tag auf der Museumsinsel gehört dem vervollständigt. Seit 2013 wird es im Zuge des «Mas-
Gepäck im Hotel gelagert haben, gegen Mittag treffen ältesten öffentlichen Museum Berlins. 1830 wurde terplans Museumsinsel» zwar umfangreich renoviert,
Sie sich am Alexanderplatz zu einem Stadtrundgang das Alte Museum als Ort der Kunst und Bildung am doch im Südflügel sind mit den Großarchitekturen
durch das historische Berlin. Den Schwerpunkt bilden Schlossplatz eröffnet. Damals beherbergte es die der Antikensammlung, des Vorderasiatischen Museums
die mittelalterlichen Anfänge der Stadt um die Fischer- Sammlung der Könige von Preußen. Heute ist hier ein und des Museums für Islamische Kunst beeindru-
insel und Berlin als Hauptstadt Preußens. Rund um großer Teil der Antikensammlung untergebracht. Im ckende Exponate zu sehen. Den Höhepunkt bilden
das restaurierte Nikolai-Viertel haben sich zahlreiche unteren Stockwerk kann man einzigartige Stücke aus die Prozessionsstraße von Babylon mit dem Ischtar-Tor
Kleinode aus der Frühzeit der Stadt erhalten. Von dort dem archaischen Griechenland, wie die sog. Berliner und das Markttor von Milet. Daneben werden aber
geht es zum noch im Bau befindlichen Stadtschloss. Zu Göttin, aus der griechischen Klassik und der Epoche des auch die Stücke aus hethitischer, assyrischer und
den Bauten rund um den Lustgarten gehört auch die Hellenismus bewundern. Im oberen Stockwerk werden babylonischer Zeit gezeigt. Das Museum für Islami-
Museumsinsel, deren Funktion in diesem städtebauli- Exponate aus der Zeit der Etrusker und der Römer sche Kunst umfasst die größte Sammlung außerhalb
chen Ensemble deutlich gemacht wird. Den Abschluss thematisch geordnet präsentiert. Highlights sind die der Islamischen Welt. Hier besteht die Gelegenheit,
des Tages bildet ein Abstecher zum Brandenburger Tor, Knöchelspielerin, der Hildesheimer Silberschatz sowie die Geschichte des frühen Islam in den wichtigsten
einem symbolhaften Ort, der immer wieder im Fokus die berühmten Porträtköpfe Caesars und Kleopatras. Phasen zu verfolgen und mit der Mschatta-Fassade
der großen Geschichte stand. 5 Übernachtungen: Park Als zweites Museum steht das Bodemuseum auf dem und dem Aleppo-Zimmer herausragende Monumente
Inn by Radisson Berlin Alexanderplatz****. Programm. Einmalig sind die Stücke aus byzantinischer zu bewundern. Anschließend besuchen Sie das neue

www.karawane.de / antikewelt-berlin
Archäologie auf der Berliner
Museumsinsel

26. 1. − 31. 1. 2021


360-Grad-Panorama des Künstlers Yadegar Asisi, das
während der Schließung des Pergamon-Altars in faszi-
nierender Weise die Geschichte und Kultur des antiken
Pergamon wieder zum Leben erweckt. Präsentiert
werden hier auch Stücke, die in der Dauerausstellung
sonst nicht gezeigt werden. Als Höhepunkt des Tages
fahren Sie auf den Berliner Fernsehturm und genießen
ein Abendessen im Drehrestaurant mit grandiosem
Panoramablick über die Hauptstadt.

6. Tag: Historisches Museum & Abreise (F)


Den Abschluss der Reise bildet ein Besuch im Deut-
schen Historischen Museum, das im alten Zeughaus
untergebracht ist und Deutsche Geschichte vom Ihre Studienreiseleiter: BITTE BEACHTEN
Mittelalter bis zum Mauerfall präsentiert. Im Anschluss Prof. Dr. Holger Sonnabend lehrt Alte Geschichte Aufgrund der geltenden Ausweispflicht in Deutsch-
endet Ihre Reise. Fakultativ besteht die Möglichkeit an der Universität Stuttgart. Als Autor veröffentlichte er land muss ein gültiger Personalausweis oder Reisepass
noch einen Tag länger in Berlin zu bleiben – so lange zahlreiche Bücher zur griechischen und römischen mitgeführt werden.
besitzt der Museumspass Gültigkeit. Geschichte. Er ist Herausgeber der Reihe «Der Archäo-
logische Führer», die im Verlag Philipp von Zabern Bei großer Nachfrage für diese Reise wird es ggf. einen
ENDE DER REISE erscheint. Darüber hinaus leitete er bereits viele außer- zweiten Termin im Februar 2021 geben.
gewöhnliche Studienreisen in Italien, Griechenland,
Spanien, Donaulimes, Syrien, Libyen, Israel, Äthiopien Teilnehmer
und in der Türkei. Bis 10 Wochen vor Reisebeginn zu erreichende Teilneh-
merzahl: min. 12, max. 20 Personen.
Dr. Frauke Sonnabend
Promotion in Alter Geschichte. Ihr Tätigkeitsfeld reicht Änderungen im Reiseverlauf oder bei den genannten
von Führungen auf der Berliner Museumsinsel und Unterkünften aufgrund von örtlichen Gegebenheiten,
in Ausstellungen bis hin zur Erwachsenenbildung und Preiserhöhungen oder -anpassungen aufgrund von
der Leitung von Studienreisen. Das Spektrum ihrer staatlichen Abgabeänderungen, Zuschlägen müssen
Zielgebiete reicht von England über Syrien, Donaulimes, wir uns ausdrücklich vorbehalten.
Rumänien, Israel, Äthiopien, Italien und Griechenland
Ihre Reiseinformationen bis in die Türkei.

Ihre Reiseinformationen
Reisepreis pro Person im Doppelzimmer
ab 20 Teilnehmern € 795,00
Einzelzimmerzuschlag € 215,00

Optional Verlängerungsnacht (inkl. Frühstück)


Doppelzimmer: € 50,00
Einzelzimmer: € 75,00
www.antikewelt.de – Stichwort: Berlin
Eingeschlossene Leistungen
¢ Besichtigungen und Führungen lt. Reiseprogramm
¢ Eintrittsgelder lt. Reiseprogramm
¢ 5 Übernachtungen in den im Reiseprogramm
Veranstalter
genannten Hotels o. ä. in Zimmern mit Bad oder
Dusche / WC
¢ Ticket für den Berliner Nahverkehr Karawane Reisen GmbH & Co. KG
¢ Museumspass Berlin
Schorndorfer Str. 149 · D-71638 Ludwigsburg
¢ Mahlzeiten lt. Reiseprogramm (F = Frühstück /
A = Abendessen) Ansprechpartner: Nicole Heldmann, Tel. + (0) 7141 2848-13
¢ 1 aktuelle Reiseliteratur pro Zimmer Tel. +49 (0)7141 2848-13 · Fax. +49 (0)7141 28 48-45
¢ Studienreiseleitung: Dr. Frauke Sonnabend und E-Mail: nicole.heldmann@karawane.de · Internet: www.karawane.de
Prof. Dr. Holger Sonnabend
Gerne senden wir Ihnen unser ausführliches Programm zu.
Es gelten die Reisebedingungen des Veranstalters Karawane Reisen GmbH & Co. KG
Webcode: 37321

Nicht im Reisepreis enthalten


An- und Abreise nach Berlin, persönliche Ausgaben wie
weitere Mahlzeiten, Getränke, Reiseversicherungen, In Kooperation mit dem Verlag Philipp von Zabern und der Zeitschrift ANTIKE WELT
optionale Ausflüge und Trinkgelder.

ü
BABYLON
Wie eine feindliche Stadt zur Heimat wurde

Wer Babylon heute besucht, lebt gefährlich. Denn die Empörung über Korruption und Miss-
wirtschaft im Irak und der Aufstand gegen die Regierung hat in den letzten Monaten
auch den Süden des Landes erreicht. Und die antike, in der Bibel beschriebene Metropole
liegt nur 75 km südwestlich der Hauptstadt Bagdad. Nur selten also sieht man heute
Menschen durch Babylons Überreste irren, dieser einst prächtigen Stadt aus Lehm und
Ziegeln, die Iraks Diktator Saddam Hussein noch vor einem halben Jahrhundert zu
restaurieren begann, um den Tourismus des Landes zu fördern und zugleich sich als König
Nebukadnezar der Moderne zu inszenieren.

von Ulfrid Kleinert den in Babylon gewirkt hat und der der Sprachenvielfalt und -verwirrung,
Stadt am Euphrat einen unvergleich- ihrem Luxus und ihren Verbrechen er-
enn Hussein wollte sich mit dem lichen, allerdings auch umstrittenen zählen Generationen bis heute. Ale-
D Namen Nebukadnezars II. brüs-
ten, der vor zweieinhalb Jahrtausen-
Glanz verlieh. Von ihrem Turmbau
und ihren Prachtstraßen und -toren,
xander der Große erhob sie auf der
Rückkehr von seinen kriegerischen

Abb. 1 Heutiger Zustand der Stadt Babylon, Blick auf die Ruinen.

70
ü ANTIKE WELT 2/20
THEMENPANORAMA

Abb. 2 Detail der Prozessionsstraße zum Ischtartor. Schreitender Löwe (Boston, Museum of Fine Arts, Inv. Nr. 31.898).

Abb. 3 Das wiederaufgebaute Ischtartor im Pergamonmuseum, Berlin.

71
ü
ANTIKE WELT 2/20
BABYLON – Wie eine feindliche Stadt zur Heimat wurde

Eroberungen zur Welthauptstadt, we- ten.  Im  Zuge  des  Neuaufbaus  seiner  Eine Station der Kriegszüge Nebu-
nige Tage bevor er hier als 32jähriger  Hauptstadt Babylon (in Kurzform: Ba- kadnezars  war  597  v.  Chr.  Jerusalem. 
starb. Später wurden Rom, New York, bel)  entstand  die  20  bis  24  m  breite  Als er nach monatelanger Belagerung
zuletzt Berlin zum neuen Babylon er- und 250 m lange Prozessionsstraße die Stadt einnahm, verlangte er von
klärt. Ohne Babylon lässt sich die Ge- zum kleinen und großen Ischtartor ihr wie von allen von ihm eroberten
schichte von Astrologie und Astrono- (Abb.  2).  Diese  Straße  zusammen  Städten Tributzahlungen nach Babel.
mie,  von  Mathematik  und  Medizin,  mit den Toren ist vom deutschen Ar- Sie  sicherten  des  Königs  Finanzhaus-
auch die des Juden- und Christentums chäologen Robert Koldewey zwischen halt und konnten dem Wieder- und
mitsamt der Strukturierung unserer 1899 und 1917 in Babylon ausgegra- Neuaufbau  der  Stadt  zugutekommen. 
Zeit  in  Wochen  und  Monaten  nicht  ben und später teilweise und gut re- Außerdem ließ Nebukadnezar den
verstehen. stauriert in Berlin wieder aufgebaut amtierenden  Jerusalemer  König  Joja-
worden.  Millionen  Besucher  des  Per- kin  und  seine  Söhne  zusammen  mit 
Nebukadnezar II. und der Beginn gamonmuseums, die dort seit 1923 die  Gruppen seines Hofstaats und ande-
des 6. Jhs. v. Chr. Straße zwischen den mit lebensgro- ren  prominenten  Familien  der  Stadt 
Von 605 bis 562 v. Chr. herrschte Ne- ßen, majestätisch vorbeischreitenden  als Geiseln und Gefangene nach Baby-
bukadnezar II., der Gründer des neu- Löwen dekorierten Ziegelmauern ent- lon bringen. Anstelle Jojakins setzte er 
babylonischen Reichs. Zur Zeit seines  langgegangen sind und am Ende das den  ihm  ergebenen  Mattanja  als  sei-
Regierungsantritts lag Babylon fast von blauglasierten Löwen und Drachen  nen Vasallenkönig in Jerusalem ein.
wie heute darnieder (Abb. 1). Es erin- in souveräner Ruhe bewachte Stadttor Dieser nutzte zehn Jahre später – er 
nerte nur noch wenig an die Ära des passiert  haben,  konnten  und  können  hieß  jetzt  mit  neuem  Königsnamen 
längst vergangenen altbabylonischen nur einen kleinen Eindruck gewin- Zedekia – eine günstige politische Si-
Reichs, in dem einer wie Hammurapi nen von der Ehrfurcht und Erschüt- tuation und verweigerte der baby-
die Welt zwischen Euphrat und Tig- terung, die die damals in Babylon lonischen Herrschaft seinen Gehor-
ris gerecht regieren wollte; von seinen Ankommenden erfasst haben muss, sam. Nebukadnezar führte deshalb
Rechtsnormen kündet noch heute die wenn sie von Norden her die Stadt er- einen weiteren Krieg gegen Jerusa-
von  Franzosen  in  Susa  ausgegrabene  reichten  (Abb.  3).  Denn  in  Berlin  ist  lem und belagerte 587 v. Chr. die Stadt 
und aus Babylon stammende Stele, de- die Straße nur ein Drittel so breit und  erneut. Als er sie eroberte, bekam sie
ren Orginal im Pariser Louvre und eine ein Achtel so lang wie seinerzeit in Ba- seinen  Zorn  zu  spüren:  Nebukadne-
Kopie im Berliner Pergamonmuseum bel; und das in Berlin wieder aufge- zar ließ große Teile der Stadt, darun-
gezeigt wird. Als Nebukadnezar be- baute mächtige Tor ist nur das äußere ter  den  Tempel  Salomos,  zerstören. 
gann, Babyloniens Bedeutung neu und kleinere der beiden Tore, die in Baby- Er zitierte Zedekia im syrischen Ribla 
größer als je zuvor zu begründen, be- lon  der  Fruchtbarkeits-,  Liebes-  und  vor sich und ließ vor dessen Augen
siegte er zuerst die Assyrer, die damals Kriegsgöttin  Ischtar  gewidmet  waren  seine  Söhne,  mögliche  Thronerben, 
alle  Völker  Vorderasiens  beherrsch- (Abb. 4). ermorden.  Zedekia  wurden  danach 
die Augen geblendet. Nach Babel ver-
schleppt, verlieren sich seine Spuren
dort  (zu  Zedekia  vgl.  2. Könige  24 f). 
Abb. 4 Rollsiegel mit den Darstellungen der Götter Ischtar, Shamash und Ea/Enki.  Mit  ihm  zusammen  ließ  Nebukadne-
zar wieder eine ansehnliche Gruppe
von  potentiell  widerständigen  judäi-
schen Einwohnern Jerusalems als Ge-
fangene nach Babylon abführen.

Ankunft in Babel
Was  aber  erwartete die  597 und  587 
v. Chr. vertriebenen Judäer in der
Stadt? Wir wissen nicht, ob sie gleich
bei ihrer Ankunft oder erst später
die prachtvolle Straße zum Ischtar-
tor kennen gelernt und den Glanz der
Stadt  bewundert  haben  –  oder  von 

72
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ANTIKE WELT 2/20
THEMENPANORAMA

ihm eingeschüchtert wurden. Wann


immer die Judäer die gigantische An-
lage  sehen  konnten:  Straße  und  Tor 
war mit nichts zu vergleichen, was sie
von Jerusalem her kannten. Für die Ju-
däer noch beeindruckender als Straße
und Tore muss der Turm gewesen
sein, den Nebukadnezar in seinen ers-
ten Regierungsjahren erbauen ließ. Er 
sollte von weither den Weg zu seiner
Hauptstadt weisen.

Ein anmaßendes Bauwerk?


Der  «Turm  zu  Babel»  war  einst  ein 
technologisches und bauhistorisches
Novum:  Erstmals  wurden  Ziegel  ge-
brannt  und  als  Mörtel  Erdharz  ver-
wendet, so dass sicherer und höher als 
bisher gebaut werden konnte (im Ar-
chiv des Bibelmuseums der Universi-
tät Münster ist ein vermutlich von die-
sem  Bau  stammender  8  kg  schwerer 
Lehmziegel mit Spuren des Erdharzes
zu sehen, dem der Name Nekukadne-
zar  aufgestempelt  ist).  Trotzdem  soll 
der  Bau  nach  biblischer  Darstellung 
gescheitert sein; deshalb wird oft von
ihm erzählt, wenn neue Technologien
nicht so wie gewünscht in den Him-
mel wachsen (Abb. 5). Bei den Ausgra-
bungen der letzten eineinhalb Jahr-
hunderte fand man vom Turm außer
Geröll  nur  Fundamente.  Sie  gehören 
offensichtlich zu einem großen Turm
mit quadratischem Grundriss, an dem
Treppenanlagen in mehreren Stock-
werken  in  die  Höhe  führen.  Solche 
Abb. 5 Buchmalerei mit dem Turmbau zu Babel (um 1370).
Zikkurat  genannten  Türme  sind  im 
Vorderen Orient auch in anderen Städ-
ten gefunden worden, wo ihre unteren
Stockwerke noch heute gezeigt wer-
den (Abb. 6). Der «Turm zu Babel» war  das  scheinbar  allmächtige  Meeresun- sie noch so hoch gelegen und präch-
vermutlich höher als alle anderen Zik- geheuer Thiamat; er zerteilt es, und tig gestaltet. Für sie ist Gott eine Kraft, 
kurat, auf seinem Gipfel stand wahr- aus den Teilen entstehen die Welt und die sie begleitet und mit ihnen umher-
scheinlich ein Tempel von Babylons die Menschen. zieht – auf der Suche nach Weideland. 
Stadtgott Marduk (Abb. 7). Er galt nicht  Anders als die Städter Babylons ha- Er schützt sie auf ihrer Wanderschaft
nur  als  mächtigster  aller  Stadtgötter,  ben sich die Judäer von ihrer Herkunft und befreit sie, wenn nötig, aus Skla-
sondern  auch  als  Schöpfer  der  Welt.  her als Beduinen verstanden. Ihr Gott verei. Davon wird z. B. in der Bibel be-
Als solchen beschreibt ihn das enuma ist ursprünglich keine Stadtgottheit, richtet, als einzelne ihrer Stämme bei
elis  genannte  babylonische  Schöp- die in von Menschen gemachten Tem- einer Hungersnot im fruchtbaren Nil-
fungsepos.  In  diesem  besiegt  Marduk  peln und Abbildern wohnt – und seien  delta  Zuflucht  suchten  und  dort  als 

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ANTIKE WELT 2/20
BABYLON – Wie eine feindliche Stadt zur Heimat wurde

Abb. 6 Zikkurat des Mondgottes Nanna in der antiken Stadt Ur im heutigen Irak (um 2200 v. Chr.).

Sklaven festgehalten wurden, weil die Mensch  durch  den  von  ihnen  verehr- eher ein Hand- und Mundwerker, der 
Ägypter sie als willkommene kos- ten  Gott  erzählen.  Zwei  sehr  unter- aus Mutter Erde den Menschen formt 
tenlose  Arbeitskräfte  auf  Dauer  be- schiedliche  Fassungen  davon  sind  in  und beatmet und anschließend um
schäftigen wollten (vgl. 2. Mose 1−15).  den ersten beiden Kapiteln der Bibel ihn herum die ganze Welt einrichtet.
Am  Schöpfungsepos  lässt  sich  zei- schriftlich festgehalten; in der ersten Die  von  den  Judäern  überlieferte 
gen, wie die Judäer, von der babyloni- (1. Mose 1,1−2,4 a) schafft Gott vor al- Kritik am Turmbau richtet sich nicht
schen Überlieferung herausgefordert, lem durch Sprache Neues, aber auch gegen den am Baumaterial erkennba-
ihre eigene Version der Geschich- durch  «Trennen»  und  «Machen»,  in  ren Fortschritt der Technik (über ihn 
ten  der  Schöpfung  von  Welt  und  der  zweiten  (1. Mose  2.4 b ff.)  ist  er  wird in 1. Mose 11,3 wertfrei informiert), 
sondern  gegen  Babylons  religiöse  und 
politische Machtansprüche. Ihnen steht 
die Vielfalt der Sprachen entgegen, die
ein einfaches Durchregieren und gren-
zenloses Beherrschen nicht zulassen.
In der biblischen Turmbauerzählung
verhindern Sprachbarrieren, dass Ba-
bylon zur Welteinheitshauptstadt wird
und Technologie als allmächtig er-
scheint.

Babylon – eine Hure?


Stärker noch als durch die Ambivalenz
von Turmbau und Einheitssprache ist
Babels image geprägt durch ein ein-
deutig negativ gemaltes Bild. Es zieht
sich fast die ganze Bibel hindurch und
wirkt bis in die Gegenwart auch au-
Abb. 7 ßerhalb  von  Religionen.  Die  Stadt  Ba-
Modell des 
«Turms von 
bel wird als reiche und mächtige Hure
Babel» von  beschrieben. Gemeint ist damit ein Ort
Hans Hallmann des Luxus, des Verbrechens, sozialer
(nach einer 
Rekonstruktion Ungerechtigkeit, der Unterdrückung
von Hansjörg  und Gewalt sowie eines sexuell aus-
Schmid, Perga-
monmuseum,
schweifenden lustvollen und gottes-
Berlin). lästerlichen Lebens. Klassisch gewor-

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ANTIKE WELT 2/20
THEMENPANORAMA

den ist ihre Darstellung im 17. Kapitel 
der Offenbarung nach Johannes, dem
von  den  Römern  auf  die  Insel  Patmos 
verbannten Seher. Johannes verwen-
det das Wort «Babylon» als Deckname 
für  Rom.  Vom  Wein  der  «Hure»,  den 
die in Purpur und Scharlach geklei-
dete und mit Edelsteinen und Perlen
geschmückte  Frau  in  einem  goldenen 
Becher schwenkt, seien alle betrun-
ken geworden, die auf Erden wohnen,
schreibt  er.  Fast  zwei  Jahrtausende 
nach ihm wird die Metropole New York 
als  das  zeitgenössische  Babylon  be-
schrieben.  Ihr  macht  von  Alfred  Döb-
lins in den 20er Jahren des vorigen
Jahrhunderts spielendem Roman «Ber-
lin – Alexanderplatz» bis hin zur aktu- Abb. 8 «Die trauernden Juden im Exil» (1831/32) von Eduard Bendemann.
ellen  Fernsehserie  «Berlin-Babylon» 
die deutsche Hauptstadt Konkurrenz.
Anders als Babylon-New York und
Babylon-Berlin, bei denen sich ambiva- Die Stadt wird zur Heimat E. Pierce und Cornelia Wunsch ver-
lent Faszination und Abscheu, Paradies  Ganz andere Bilder aber tauchen auf, öffentlichten  keilschriftlichen  Urkun-
und Hölle mischen, war für den Seher  wenn man sowohl altbekannte als den.  Sie  stammen  aus  der  Zeit  zwi-
Johannes Babylon-Rom einseitig nega- auch in den letzten Jahren neu ent- schen  572  und  477  v.  Chr.  In  ihnen 
tiv  besetzt,  weil  diese  Stadt  «das  Blut  deckte  Dokumente  aus  Babylon  be- werden Wirtschafts- und Rechtsfra-
der  Märtyrer»  getrunken  habe.  Ge- denkt. Sie sind nicht in den ersten gen geregelt, die das alltägliche Leben
nauso wird es vermutlich in den ersten Wochen der Ankunft geschrieben, zei- der Exilierten betreffen. Die Urkunden 
Monaten für die mit Gewalt aus Jerusa- gen aber eine andere Wahrheit für bestätigen, was auch biblische Pro-
lem nach Babylon Verschleppten gewe- die  Zeit  danach.  Erste  Hinweise  da- phetentexte zu erkennen geben: Viele, 
sen  sein.  Der  Anfang  des  137.  Psalms  rauf gibt ein Brief, den der Prophet wahrscheinlich die meisten Judäer,
scheint ihre Trauer und die Sehnsucht Jeremia in frühen Jahren des 6. Jhs. sind nicht nach Jerusalem zurückge-
nach der Heimat ihrer Herkunft aufzu- v. Chr. aus Jerusalem an die Vertriebe- kehrt,  als  der  persische  König  Kyros 
nehmen.  Die  wunderbaren  Vertonun- nen schickt. Jeremia fordert darin die nach  seiner  Einnahme  Babylons  539 
gen  von  Johann  Sebastian  Bachs  «An  im  Exil  Lebenden  auf:  «Baut  Häuser  v. Chr. allen die Heimkehr freistellte.
Wasserflüssen Babylons» und Heinrich  und  wohnt  darin,  pflanzt  Gärten  und  Und das, obwohl Jerusalem dringend
Schützʼ «An den Wassern Babylons sa- esst ihre Früchte. Nehmt euch Frauen  Unterstützung durch die jüdischen Fa-
ßen wir und weinten», lassen Konzert-  und  zeugt  Söhne  und  Töchter,  nehmt  milien aus Babylon benötigte und an-
und  Kirchenbesucher  jedes  Jahr  neu  für eure Söhne Frauen und gebt eure  forderte.  Die  Keilschrifttexte  von  al-
die Sehnsucht der Vertriebenen nach Töchter Männern, dass sie Söhne und  Jahudu zeigen, dass die Bewohner des
ihrer Heimat empfinden. Und wie viele  Töchter  gebären.  Suchet  der  Stadt  Orts Wert auf ihre Herkunft und ihren
haben sich auch in dem romantischen Bestes» (Jeremia 29,4−7a). Glauben legen, sich aber zugleich in ih-
Gemälde  Eduard  Bendemanns  «Die  Die  meisten  Judäerfamilien  in  Ba- rer neuen Heimat zu Hause fühlen. Sie
trauernden  Juden  im  Exil»  von  1831  bylon scheinen dieser Aufforderung zollen sogar, wo erwartet, den Göttern 
bis heute wiedererkannt (Abb. 8). Das  Jeremias gefolgt zu sein. Sie haben ihrer babylonischen Umgebung Res-
Bild zeigt eine Familie trauernd beiei- sich  in  Babylons  Stadtteilen  –  einen  pekt, sofern dadurch ihre eigene re-
nander, die sonst ihre Lieder beglei- von  ihnen  nannten  sie  «Tel  Aviv»  –  ligiöse  Identität  nicht  infrage  gestellt 
tende Harfe zu Boden gesenkt, vor der und benachbarten Orten integriert. wird. Selbst Vertragsformulare, in de-
Kulisse Babels. Es sieht aus, als ginge Vom Leben in einem Ort namens al-Ja- nen die babylonischen Götter Marduk, 
ihnen  gerade  Psalm  137  durch  Hirn  hudu («Stadt Judas») erfahren wir aus  Zarpanitu und Nabu als Garanten ge-
und Herz. neu  entdeckten  und  jetzt  von  Laurie  gen Vertragsbruch angerufen wurden,

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ANTIKE WELT 2/20
BABYLON – Wie eine feindliche Stadt zur Heimat wurde

unterschreiben sie. Auch werden Ver- Schwur, Jerusalem nicht zu vergessen lon entstanden und bewahrt jüdische 
träge selbst dann nach babylonischem (Psalm  137,1−6).  Und  auch  ein  solch  Identität auf der ganzen Welt auch
Recht geschlossen, wenn sie nur Ju- brutaler  Fluch  gegen  Babylon,  wie  nach der Zerstörung des Jerusalemer 
däer  untereinander  betreffen.  Das  er  im  9.  Vers  des  Psalms  ausgespro- Tempels bis heute. Bereits zur Zeiten-
Spektrum ihrer Berufe reicht wie in ih- chen  wird  –  die  «jungen  Kinder»  Ba- wende war Rabbi Hillel aus Babylon
rer Umgebung vom Fronarbeiter über  bels sollen aus Rache «am Felsen zer- in die römische Provinz Judäa gekom-
Geschäftsleute, die regional und über- schmettert»  werden  –,  ist  im  fernen  men, um dort die Frage nach dem Zen-
regional agieren, bis zu höher gestell- Jerusalem viel eher vorstellbar als in trum der Thora ähnlich zu beantwor-
ten Beamten. Ganz selbstverständlich Babylon, wo die Judäer der Stadt Bes- ten wie im selben Zeitraum Jesus von 
pflegen  die  Judäer  nachbarschaftli- tes suchen sollten und sich zusehends Nazareth: «Liebe Gott über alle Dinge 
chen und geschäftlichen Umgang mit zuhause fühlten, ohne ihre Herkunft und deinen Nächsten, denn er ist wie
Menschen babylonischer und anderer  zu vergessen. Du»  (Markus  12,30fparr).  Auf  Hillels 
Herkunft. So spricht manches für die Von den vielen Erkenntnissen, die gleichlautende,  auf  Zitaten  aus  dem 
These,  die  auch  der  Göttinger  Alttes- ein Rückblick auf Babel und Babylo- Alten Testament beruhenden Worte
tamentler  Reinhard  G.  Kratz  vertritt:  nien im 6. Jh. v. Chr. für heute ergibt, im babylonischen Talmud nimmt die
Es  ist  gut  möglich,  dass  Psalm  137  seien abschließend genannt:  große bronzene Menora des Künstlers 
nicht in Babylon, sondern in Jerusa- 1.  Denkmuster, nach denen Völker  Benno Elkan Bezug, die als Geschenk
lem entstanden ist. Denn in Jerusalem  und Menschen nach ihrer Herkunft,  Großbritanniens zur Gründung des
wünschte man sich die Haltung, die ihrer Kultur und ihrem Glauben Staates Israel überreicht wurde und
im Psalm zum Ausdruck kommt: gro- in «gut» und «böse» eingeteilt wer- seit 1956 vor der Knesset in Jerusalem 
ßes Heimweh der unter Zwang Ausge- den, werden bei genauem steht;  eine  der  23  Tafeln  der  Menora 
wanderten nach Rückkehr und deren Hinsehen der Wirklichkeit nicht zeigt Rabbi Hillel, der auf einem Bein
gerecht. stehend demonstriert, dass die ganze
2. Weiterführende Entwicklungen Thora mit dem Gebot der Gottes- und
Anzeige
(«Fortschritte») ergeben sich  Nächstenliebe  in  kürzester  Zeit  zu-
oft erst aus der Begegnung von sammengefasst werden kann.
Sonderausstellung Verschiedenem, von Stadt und
Land, auch von verschiedenen
Sprachgruppen und Religionen.
3.  Mit Gewalt oder aus Not Vertriebene 
Textilerzeugung können eine neue Heimat finden, 
Das hier behandelte Thema war außerdem Gegenstand
eines Vortrags von Reinhard G. Kratz am 5. 11. 2019
bei den Alamannen ohne ihre Identität aufzugeben.
in der Humboldt-Universität Berlin im Rahmen der Fach-
tagung «Der Babel-Bibel-Streit und die Wissenschaft
des Judentums».
4.  Ansässige können Fremden Lebens-
Der Vortrag erscheint 2020 in einem Tagungsband
raum gewähren zu beiderseitigem in der Reihe «Investigatio Orientis» von E. Canik-Kirsch-
baum / T. L. Gertzen (Hrsg.).
Gewinn.
Zum Thema der Tagung ist im Berliner Pergamonmuseum
Denn  die  zweieinhalb  Jahrtausende  bis 28. März 2020 zudem eine Sonderausstellung zu sehen.

alten Geschichten, von denen hier die


Rede war, sind so weitergegangen: Ba-
Adresse des Autors
bylon als Stadt ist nach dem Mittelal- Prof. em. Ulfrid Kleinert
ter verfallen, aber sie verdankt ihre Käthe-Kollwitz-Str. 17
D-01445 Radebeul
Bedeutung bis heute – nicht nur, aber 
doch  zu  einem  großen  Teil  –  der  jü- Bildnachweis
dischen Überlieferung im Alten Tes- Abb. 1: akg-images / De Agostini / Archivio J. Lange;
2. 3: akg-images / Günter Schneider; 4: akg-images /
tament und ihrer Weiterführung im Science Source; 5. 7. 8: akg-images; 6: akg-images /
François Guénet.
Neuen Testament. Und das Judentum
7.2. – 11.10.2020 gäbe es heute nicht mehr ohne den
Alamannenmuseum Ellwangen Literatur
Haller Straße 9 | 73479 Ellwangen babylonischen Talmud; er ist nach R. G. KRATZ, Die Bene Ha-Golah: Wiege des Judentums?
Telefon +49 7961 | 969747
alamannenmuseum@ellwangen.de der  Zerstörung  Jerusalems  durch  die  (Vortrag vom 5.11.19, siehe Infokasten).
www.alamannenmuseum-ellwangen.de
Römer  70  und  113  n.  Chr.  unter  den  K. WITTLER, Morgenländischer Glanz. Eine deutsche
Öffnungszeiten: jüdische Literaturgeschichte (1750−1850) (2019)
Di–Fr 14–17 Uhr Nachkommen der Exilierten ein Jahr- 406−432.
Sa | So 13–17 Uhr
tausend nach ihrer Ankunft in Baby-

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ANTIKE WELT 2/20
MIT BILDERN SCHREIBEN
Interview mit Marc Erwin Babej über die ägyptische Kunst

Die antiken Kulturen faszinieren die Menschen seit mehr als 600 Jahren. Nicht nur die Unter­
suchung und die reine Beschäftigung mit den vorhandenen archäologischen Zeugnissen
erfreut sich großer Beliebtheit, sondern auch deren Darstellung und die damit verbundene
Interpretation. Immer häufiger werden außergewöhnliche antike Objekte, wie etwa
die Büste der Nofretete, Bestandteil moderner Kunstinszenierungen. Doch wie lassen sich
Ausdrucksformen, wie Symbole oder Texte auf antiken Reliefs mit einer heute weit
verbreiteten Kunstform darstellen: der Fotografie?

Das Interview führte Anna Ockert ser Reise kein Kunstprojekt entste- in Abydos sah ich ein Relief, das aus-
hen sollte, und so waren wir zunächst schlaggebend für die Entwicklung der
iese Frage stellte sich der Fotograf nur als gewöhnliche Touristen vor Idee hinter «Yesterday – Tomorrow»
D Marc Erwin Babej, dessen Fotoaus-
stellung «Yesterday – Tomorrow» vom
Ort. Dies änderte sich jedoch, als wir
im Januar nach Oberägypten kamen,
war (Abb. 1). Das dort abgebildete
«Anch»   dient nicht nur als Symbol,
15. 3. bis zum 26. 6. 2020 im Museum
der Weltkulturen D5 der Reiss-Engel-
horn-Museen zu sehen ist. In einem
Interview mit der ANTIKEN WELT Abb. 1 Ramses II. lässt ein neues Gebäude vor Horus errichten, Tempel des Sethos I., Abydos.
berichtete er, wie er zu der Idee seiner
Bilder kam, wie er diese umsetzte und
welche Schwierigkeiten bzw. Heraus-
forderungen er dabei meistern musste.

«Das Verständnis der Kombi na­


tion aus Bild, Text und Sprache,
die ich als ‹ImageSymbolText›
bezeichne, hat mein Interesse
geweckt.»

: Herr Babej, in Ihren


Werken beschäftigen Sie sich neben
der römischen Epoche auch mit der
altägyptischen Zeit. Wie kamen Sie zu
der Entscheidung, ein Fotoprojekt zu
dieser Epoche umzusetzen?
M. E. Babej: Zunächst habe ich nicht
wirklich an Ägypten gedacht. Und dies
blieb zunächst auch so, als meine Frau
und ich über Weihnachten und Neu-
jahr 2015/16 unseren Urlaub in Un-
terägypten verbrachten. Ich hatte ihr
damals versprochen, dass aus die-

77
ü ANTIKE WELT 2/20
MIT BIlDeRN SchReIBeN – Interview mit Marc erwin Babej über die ägyptische Kunst

sondern ist gleichzeitig ein Teil des ständnis dieser Kombination aus Bild,
Bildes, denn es unterstreicht die Text und Sprache, die ich als «Image-
Handlung der Person und ergänzt diese SymbolText» bezeichne, hat mein Inte-
gleichzeitig durch seinen Charakter als resse geweckt, was schließlich in «Yes-
Symbol/Wort. Dadurch entsteht keine terday – Tomorrow» mündete. Durch
Trennung zwischen dem Text und diese Bildschriftlichkeit ist es zudem
dem Bild, wie sie in der griechisch- möglich, dass die Ägypter mit ihren
römischen Bildtradition zu finden ist. Bildern schreiben und gleichzeitig mit
Dort entsteht durch eben diese Tren- ihren Texten malen konnten.
nung eine strikte Begrenzung des Bil- : Trotz Ihrem Bestre-
des. Das Bild alleine vermittelt die ben Ägypten zunächst nur als Tou-
Emotionen, der Text nicht. Diese Ge- rist zu besuchen: Hatten Sie vor Ihrer
gebenheit findet sich jedoch in alt- Reise bereits einen Bezug zu den Al-
ägyptischen Bildern wieder. Das Ver- tertumswissenschaften?
M. E. Babej: Mein Interesse an den
Altertumswissenschaften begann ab
dem Zeitpunkt, da ich lesen konnte.
Mein Bruder bekam in unserer Kind-
Abb. 3 heit die Ilias geschenkt und hat mir da-
Verbindung der altägyptischen For-
mensprache mit modernen Elementen
raus vorgelesen. Dadurch entwickelte
mit Hilfe von 3D-Objekten. sich mein Interesse, und meine Mutter

78
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ANTIKE WELT 2/20
TheMeNPANORAMA
THEMENPANORAMA

Abb. 2 a.b
Gegenüberstellung: links das fotografische Relief
«Soft Power», rechts das Vorbild: eine Stele mit
Ramses II. im Roemer- und Pelizaeus-Museum Hil-
desheim.

schenkte mir ebenfalls eine Kinder- (Abb. 2 a.b) – ohne spezifische Vorbil- Deshalb haben wir uns mit Themen-
Ilias. Seitdem ist vor allem die römi- der entstanden. Und auch diese Bil- kreisen auseinandergesetzt, die die Men-
sche Epoche meine große Liebe. Des- der wurden leicht umgewandelt. Uns schen vor Jahrtausenden beschäftigten
halb begann ich zunächst ein Studium war es wichtig, altägyptische Darstel- und heute immer noch aktuell sind.
in Alter Geschichte an der Brown Uni- lungen nicht einfach mit mo-
versity. Obwohl ich im Laufe mei- dernen Medien wiederzugeben, «Die Themenbereiche greifen
nes Studiums auf die Geschichte des sondern deren Formensprache immer wieder Aspekte auf, die aus
20. Jhs. umsattelte, ist die Faszination mit Hilfe der Fotografie und heutiger Sicht normal sind, für
und das Interesse am Altertum geblie- anderen Möglichkeiten weiter­
die Ägypter aber selten oder gar
ben. zuentwickeln. Trotzdem haben
: Haben Sie sich also wir großen Wert daraufgelegt,
nicht in Frage kamen.»
auch von altägyptischen Darstellun- dass wir zwar die altägyp-
gen und Themen für Ihre Arbeit ins- tische Formensprache verwenden, : Welche Themenbe-
pirieren lassen? Oder ähneln die von aber unsere Darstellungen keine «ty- reiche erwarten also die Besucher Ih-
Ihnen erstellten Darstellungen nur in pischen» antiken Bilder kopieren. In rer Ausstellung?
der Formsprache und im Aussehen diesem Sinne handelt es sich um eine M. E. Babej: Die 14 «fotografischen
den altägyptischen? Entwicklung der Formensprache und Reliefs» symbolisieren alle die Zeitlo-
M. E. Babej: Die Arbeit orientiert deren modern interpretierte Anwen- sigkeit der Menschheit bzw. der Zivi-
sich stark an altägyptischen Darstel- dung. Somit entsteht eine Verbindung lisation. In der Arbeit sind drei große
lungsformen, jedoch sind die meis- zwischen dem Altägyptischen und dem Themenbereiche verarbeitet worden:
ten Bildinhalte – bis auf drei oder vier Zeitgenössischen. Polity, Society und Eternity. Der erst-

79
ü ANTIKE WELT 2/20
MIT BIlDeRN SchReIBeN – Interview mit Marc erwin Babej über die ägyptische Kunst

genannte Bereich beschäftigt sich u. a.


rer Reliefs zwar eine Darstellung, die ten oder gar nicht in Frage kamen. So
mit politischer Propaganda, dem in ihrer Erscheinung altägyptisch ist, steht in einem unserer fotografischen
Image von Politikern, aber auch mit der Text selbst stammt aber aus dem Reliefs ein gleichgeschlechtliches Paar
Integration. Wie bereits erwähnt, ha- Parteiprogramm Nordkoreas und der einem heterogeschlechtlichen Paar
Name der nordkoreanischen gegenüber (Abb. 5). Zudem wurden
«Jeder der 13 Ägyptologen hat Ideologie, «Juche», wurde in einigen Darstellungen die Bedeu-
mit mir zusammen ein fotografisches bei uns durch das Symbol tungsperspektive sowie die damit ein-
Relief kreiert.» «Maat»   ersetzt (Abb. 4). hergehenden Größenverhältnisse bzw.
Auch die beiden anderen die Anordnung der Personen ver-
ben wir auch hier die altägyptische Themenbereiche greifen immer wie- tauscht. Für die Darstellung der sozi-
Formensprache mit der Moderne ver- der Aspekte auf, die aus heutiger Sicht alen Schichten haben wir zudem mit
bunden (Abb. 3). So zeigt eines unse- normal sind, für die Ägypter aber sel- verschiedenen Böden gearbeitet (vgl.

Abb. 4 Das fotografische Relief «Dear Pharao», das einen Teil des Parteiprogramms Nordkoreas enthält.

80
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ANTIKE WELT 2/20
THEMENPANORAMA

Abb. 5 Fotografisches Relief «Together Forever».

Abb. 4). So erhielten die höhergestell- Universitäten und Museen an dem zum Schluss die Zusammenstellung
ten Beamten marmorne Böden, die Projekt beteiligt, u. a. dem Roemer- und Anordnung der einzelnen Bildele-
Beamten steinerne und die Arbeiter und Pelizaeus-Museum in Hildesheim, mente.
Betonböden. So vermitteln diese dem der Université Paris IV-Sor-
Betrachter ebenfalls Informationen über bonne, der Harvard University
den Inhalt. und der Brown University. Sie «Zunächst musste ich aspektivisch
: Neben den inhalt- fungierten nicht nur als Bera- denken lernen, d. h. jeden Teil
lichen Aspekten ist auch ein Einblick ter, sondern wurden durch die des Körpers auf die charakteris­
in Ihre Herangehensweise interessant. enge Zusammenarbeit auch tischste Weise darzustellen.»
Mit wem haben Sie zusammengearbei- zu Mitkünstlern. Jeder der
tet und wie sind Sie an die Komposition 13 Ägyptologen hat mit mir zu-
der Reliefs herangegangen? sammen ein fotografisches Relief kre- : Mit welchen Heraus-
M. E. Babej: An der Verwirklichung iert. forderungen wurden Sie während oder
des Projekts waren insgesamt 53 Per- Um dieses zu verwirklichen, musste bereits vor Ihrem Projekt konfron-
sonen beteiligt. Viele der Darsteller zunächst die Frage geklärt werden, tiert?
auf den Reliefs sind auch in meinen welches Thema dargestellt werden M. E. Babej: Im Prinzip musste ich
anderen Arbeiten zu sehen, da diese sollte und wie es mit Hilfe der ägyp- die Fotografie neu erfinden, denn ich
ein Teil eines großen Zyklus sind. An tischen Formensprache umgesetzt musste mit fotografischen Mitteln Fi-
der Bearbeitung der 1500 Einzel- werden sollte. Hierfür dienten Kon- guren auf eine Weise darstellen, die
bilder waren RetuscheurInnen aus vier zeptzeichnungen (Abb. 6 a.b), die dem nicht der Natur entspricht. Die Ka-
Zeitzonen beteiligt, so dass 24 Stun- Original bereits sehr ähneln. Danach mera ist nichts Anderes als ein mecha-
den daran gearbeitet wurde. Vor allem erfolgte die fotografische Aufnahme nisches Auge, das dem menschlichen
waren 13 Ägyptologen aus mehreren der Personen, deren Bearbeitung und Auge sehr ähnelt und dementspre-

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ANTIKE WELT 2/20
MIT BIlDeRN SchReIBeN – Interview mit Marc erwin Babej über die ägyptische Kunst

Abb. 6 a.b Konzeptzeichnung (oben) zum fotografischen Relief «Hard Power» (unten).

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ANTIKE WELT 2/20
THEMENPANORAMA

chend auch genau dasselbe sieht. vor allem der in der altägyptischen : Wie wichtig war Ih-
Dadurch ist es grundsätzlich nicht Kunst oft als Dreieck dargestellte nen die Verwendung von antiken Ob-
möglich, die altägyptischen «aspekti- Schurz. Vor allem das Aussehen des jekten?
vischen» Darstellungen alleine durch Schurzes stellte für unsere Schneide- M. E. Babej: Mir war es zwar wich-
die Fotografie umzusetzen. Da die as- rin, die sich diesem Problem widmete tig, altägyptische Objekte zu verwen-
pektivische Darstellung, und die da- und mit unterschiedlichen Materialien den, aber dies stand nicht im Vor-
mit verbundene Formensprache, aber und Methoden experimentierte, zu- dergrund. Der Schwerpunkt meiner
genau Alleinstellungsmerkmale der erst ein großes technisches Problem Arbeit liegt vor allem in der Verwen-
altägyptischen Kunst sind, musste ich dar – denn angezogen konnte trotz dung der Sprache – v. a. der Formspra-
eine neue Methode «erfinden», um Versteifung des Materials kein zufrie- che, die das verbindende Element in
diese umzusetzen. Hierfür half mir denstellendes Ergebnis erzielt wer- «Yesterday – Tomorrow» und somit
eine Überlegung: Der altägyptische den. Die Lösung kam erst zustande, auch zwischen der antiken Kultur der
Künstler entwickelte zunächst seine als wir das Problem aspektivisch an- Ägypter und der Gegenwart bzw. Zu-
Darstellung im Kopf und übertrug gingen: letztendlich den Stoff auf kunft ist.
sie dann auf sein Medium. Dies ist für Pappe in der Form des dreieckigen
Zeichnungen oder Gemälde gut um- Schurzes spannten, diesen zweidi-
setzbar, aber, wie gesagt, für die Fo- mensionalen Schurz abfotografierten
tografie eine Herausforderung. Des- und dann in die jeweilige Figur ein-
halb musste ich ebenfalls zunächst setzten.
aspektivisch denken lernen, d. h. je- : Haben sie neben von
den Teil des Körpers auf die charakte- ihrem Team geschaffenen 3D-Design-
ristischste Weise darzustellen (Auge Objekten auch antike Objekte für Ihre
Interview
frontal, Kopf im Profil usw.) – und fotografischen Reliefs verwendet? Anna Ockert M.A., Darmstadt
diese Teile dann gemäß der altägyp- M. E. Babej: Ja, wir hatten die
tischen Formensprache zu verbinden. Möglichkeit antike Objekte in unse- Adresse des Fotografen
Marc erwin Babej; Brooklyn, New York, USA.
Dadurch entstanden für unsere ins- rem Projekt zu verwenden. Dies war
gesamt 100 Figuren pro Figur 10–24 dank der engen Zusammenarbeit mit
Bildnachweis
einzelne Aufnahmen. Zudem mussten dem Roemer- und Pelizaeus-Museum, Abb. 2 b: akg­images; alle übrigen Abb.: © Marc erwin
wir einige Figuren, wie Stühle oder möglich. Dadurch war es auch mög- Babej.

Musikinstrumente, als 3D-Designs ent- lich, eine Vielzahl an Ausstellungs-


Literatur
werfen. stücken selbst zu fotografieren, denn
M. e. BABeJ, Yesterday – Tomorrow. A Work in Aspective
Eine weitere Herausforderung stell- diese mussten frontal fotografiert und Realism (2017).

ten auch einige Kleidungsstücke da, gut ausgeleuchtet sein.

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konnte man in der Antike bei Juckreiz, Nasenbluten und Ohrenschmerzen
unternehmen, was bei Asthma, Fieber und Ödemen, was zur Entfernung von
Tätowierungen und was bei einer schweren Geburt? Das Werk aus dem 5.
Jahrhundert, das hier erstmals in einer zweisprachigen Ausgabe publiziert
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Der
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Gründung Roms bis zum ersten Punischen Krieg.
Dionysius von Halikarnass verbindet in diesem
Werk die römischen und griechischen Ursprünge
und deutet Roms Gründung und Aufstieg teleolo-
gisch. Dadurch beeinflusste er die nachfolgenden
Geschichtsschreiber, insbesondere Plutarach,
Appian und Cassius Dio.

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und Übersetzer, eine zweisprachige Ausgabe dieses
bedeutenden Werkes vor. Sie umfasst sowohl den
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ü
Abb. 1 Die «Place Unterlinden», der die beiden Gebäude des Museums – die ehemalige Badeanstalt links und das Kloster rechts – verbindet.

ARCHÄOLOGIE IM KLOSTER
Das Musée Unterlinden in Colmar hat die Salle d’Archéologie wiedereröffnet

D as Musée Unterlinden im Herzen


der elsässischen Stadt Colmar bie-
tet den Besuchern eine breite Auswahl
Die Aufteilung der Sammlungen
Die komplette Sammlung des Muse-
ums gliedert sich in sechs große The-
Passage. Die im Zuge der Umbauten
hinzugefügte Badeanstalt beherbergt
nicht nur die Kunst des 20. und 21. Jhs.,
an Ausstellungsstücken vom Neoli- menbereiche, wobei das wichtigste und bildet somit den Endpunkt der
thikum bis zur Moderne (Abb. 1). Zu- Exponat, der Isenheimer Altar des Sammlung, sondern bietet auch Platz
nächst in dem ehemaligen Dominika- Künstlers Matthias Grünewald – prä- für Sonderausstellungen.
nerinnen-Kloster «Unter den Linden» sentiert in der ehemaligen Kapelle des Neben der großen Anzahl an ge-
aus der ersten Hälfte des 13. Jhs. un- Klosters – eine herausgehobene Stel- zeigten Objekten beeindruckt auch
tergebracht, wuchs die Fläche des Mu- lung einnimmt. So finden sich denn die Architektur der beiden Gebäude-
seums rasch an und wurde ab 2012 auch die Exponate ab dem Hochmit- komplexe. Vor allem das ehemalige
unter Einbeziehung der gegenüber- telalter bis zur Renaissance in den Dominikanerinnenkloster im Gotischen
liegenden Badeanstalt aus dem Jahr Räumen im Erdgeschoss des ehema- Stil diente u. a. als Vorbild für wei-
1906 erweitert. Ein unterirdischer Gang ligen Klosters, während die archäolo- tere Klosteranlagen. Obwohl im Laufe
verbindet die beiden Gebäudekomplexe. gischen Funde vom Neolithikum bis des 19. Jhs. mehrere Gebäudeteile
Diese Räume dienen ebenfalls als Aus- zur Romanik im Kellergeschoss ange- des Klosters abgerissen wurden, sind
stellungsfläche. Am 12. Dezember 2015 siedelt sind. Die Geschichte des Mu- heute noch die Kapelle sowie mehrere
fand die Neueröffnung des Museums- seums sowie Werke aus dem 19. und Räume rund um den Kreuzgang erhal-
komplexes statt. frühen 20. Jh. befinden sich in der ten. Zusammen mit der ehemaligen

86
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ANTIKE WELT 2/20
M U S E E N I N A L L E R W E LT

städtischen Badeanstalt, die eine neo- ten Funde und es war zugleich der aus den jeweiligen Zeitstufen visuali-
barocke Fassadengestaltung aufweist, Anlass für die Einrichtung des ersten siert. Zudem werden regionale und
und dem ebenfalls im Zuge der Erwei- Museums (vgl. Abb. 5). Vor allem die europäische Ereignisse der Geschichte
terung 2012 bis 2015 neugestalteten Gräberarchäologie weist eine lange dem Betrachter vor Augen geführt.
Place Unterlinden bildet der Kloster- Tradition im Elsass auf, und so ver- Die großräumigen Vitrinen entlang
komplex eine bauliche Einheit, die wundert es nicht, dass im neugestal- der Wände beinhalten ein Schauarchiv,
auch im Stadtbild sichtbar wird. teten Saal v. a. Funde aus Bestattun- das sich aus neuen und alten Funden
gen aus dem nördlichen Département zusammensetzt. Dabei handelt es
Die neue alte Salle d‘Archéologie Haut-Rhin ausgestellt sind. Die Aus- sich lediglich um ein Zehntel der
Ende Januar 2020 eröffnete das Mu- stellung selbst befindet sich im Kel- gesamten Objekte, weshalb man in
seum die restaurierte und komplett lergeschoss des ehemaligen Klosters kleineren Vitrinen innerhalb der Arka-
neu gestaltete Salle d’Archéologie, (Abb. 2). Der Raum wird durch eine denbögen jeweils verschiedene Funde
die seit 2011 geschlossen war. Bereits niedrige Arkadenreihe gegliedert, die zeigt, die regelmäßig ausgetauscht
seit der Eröffnung des Museums am gleichzeitig die Laufrichtung vorgibt. werden, so dass der Besucher einen
3. April 1853, veranlasst durch die So beginnt denn auch der chronolo- Eindruck von der Vielfalt und großen
Schongauer-Gesellschaft und ihrem gisch aufgebaute Rundgang mit einem Menge der museumseigenen Objekte
Gründer Louis Hugot, beherbergte es Zeitstrahl vom Paläolithikum bis zur bekommt. Der Schwerpunkt der ge-
zahlreiche archäologische Funde. Da- Moderne, der dem Besucher nicht nur zeigten Ausstellung liegt, wie bereits
bei gilt das im Jahr 1848 entdeckte rö- einen zeitlichen Überblick über die auch vor der Restaurierung, auf dem
mische Mosaik aus Bergheim aus dem einzelnen Epochen vermitteln, son- Neolithikum sowie auf der Bronze-
3. Jh. n. Chr. als einer der bedeutends- dern diese auch durch typische Funde und Eisenzeit. Neben den archäolo-

Abb. 2 Blick in die neue «Salle d’Archéologie».

87
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ANTIKE WELT 2/20
ArCHäoLoGiE iM KLoSTEr – Das Musée Unterlinden in Colmar hat die Salle d’Archéologie wiedereröffnet

Abb. 3 Thematische Vitrine zum späten Neolithikum.

Abb. 4 «Hands-on-Station», an der verschiedene Techniken der Schmuckverzierungen erfühlt und gischen objekten weisen einige Vi-
betrachtet werden können. trinen großflächige rekonstruktions-
zeichnungen auf, die den Kontext der
Funde vor Augen führen (Abb. 3). Ein
weiterer Fokus liegt auf den verschie-
denen archäologischen Disziplinen
– z. B. der Archäobotanik oder der
experimentellen Archäologie – die je-
weils einzeln in einer der Vitrinen vor-
gestellt werden. Wie auch in den an-
deren Bereichen der Sammlung sind
die Texte dreisprachig ausgearbeitet.
Ergänzt werden die drei großen Epo-
chen durch separat vorgestellte Funde
wie den bronzezeitlichen Hortfund
von Biederthal oder die Siedlung auf
dem Hohlandsberg. Zum Abschluss
des Rundgangs wird noch einmal der
Blick auf die Herangehensweise und
die Durchführung einer archäologi-
schen Grabung geworfen.

88
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ANTIKE WELT 2/20
M U S E E N I N A L L E R W E LT

Abb. 5
Mosaik aus Bergheim,
3. Jh. n. Chr.

Vermittlung als Schwerpunkt dabei nicht nur die erwachsenen Be-


Die Ausstellung auch taktil erlebbar sucher, sondern auch jüngere Kinder Autorin
Anna ockert M.A., redaktion ANTiKE WELT
machen zusätzlich mehrere sog. ab drei Jahren.
Hands-on-Stationen, die dem Besu- Chronologisch sowie räumlich schließt Bildnachweis
cher die Möglichkeit geben, speziell sich die gallo-römische Epoche an. Abb. 1: © Peter Mikolas; 2−5: © Musée Unterlinden.

für die Ausstellung angefertigte re- Neben figürlichen Steindenkmälern


Literatur
pliken anzufassen und näher zu be- und inschriften sind auch keramische MUSÉE UNTERLINDEN (Hrsg.), Führer durch die Ausstel-
trachten (Abb. 4). Ergänzt wird die Funde sowie Statuetten ausgestellt. lungen (2015).

Ausstellung auch um Materialien für Das Zentrum des Raums wird von dem
Familien oder Schulklassen, die da- gallo-römischen Mosaik aus Bergheim Informationen zum Museum

durch andere Zugänge zu den The- eingenommen (Abb. 5). Der aus Mar- Musée Unterlinden
Place Unterlinden
men der Sammlung erhalten können. mortesserae und buntfarbigen Stei- F-68000 Colmar

Über das Jahr verteilt finden zudem nen zusammengesetzte Bodendekor Öffnungszeiten
verschiedene Aktionen statt, die u. a. wies ursprünglich eine Gesamtober- Mo, Mi–So 9.00–18.00 Uhr
jeden 1. Do im Monat 9.00–20.00 Uhr
das Thema «Archäologie» sowie die fläche von 80 m² auf, von denen 18 m² Di geschlossen
einzelnen Epochen aufgreifen. Diese im Musée Unterlinden ausgestellt Eintritt
Aktionen nimmt das Museum eben- sind. Auch in diesem Ausstellungs- Erwachsene: 13,00 €
reduzierte Preise: 11,00 €
falls zum Anlass, um die Aufmerk- raum ist geplant, das Vermittlungs- Jugendliche und Studenten: 10,00 €
samkeit in der Öffentlichkeit zu ver- konzept, welches bereits in der Salle Familien: 35,00 €
Kinder unter 12 Jahren: Freier Eintritt
stärken und eine engere Verbindung d’Archéologie umgesetzt wurde, ein- Audioguide: 2,00 €

mit ihr zu schaffen. Zielgruppen sind zuführen.

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Rezensionen und Empfehlungen

LEBEN AM WASSER von Dr. Eva Lange, Würzburg


Judith Bunbury, The Nile and Ancient
Egypt. Changing Land­ and Waters- Die Erforschung der Effekte dynamisch ­delta behandelt Bunbury in elf Kapi-
capes, from the Neolithic to the Roman verlaufender Umwelt­ und Klimaphäno- teln die Auswirkungen der im mittleren
Era. 196 S., 68 s/w Abb. und 13 Karten, mene auf die Entstehung und Entwick- Holozän einsetzenden anhaltenden
£ 75,00 (UK). Cambridge University lung der ägyptischen Hochkultur wurde Trockenperiode auf die Besiedlung und
Press, Cambridge 2019.
in systematischer Weise erstmals von Kulturgeschichte Ägyptens von der
Karl Butzer betrieben, der hierzu in nun unwirtlich gewordenen Sahara im
seinem schmalen, aber wissenschafts- Neolithikum bis zur Moderne. Zahlrei-
geschichtlich sehr bedeutenden Band che Fallstudien zur Evolution wichti-
Early Hydraulic Civilization in Egypt ger Landeszentren wie Memphis und
The Nile and 1976 den Grundstein für diese neue, Theben und andere mehr zeigen sehr
Ancient Egypt geoarchäologisch orientierte For- anschaulich menschliche Adaption­
Changing Land- and Waterscapes,
from the Neolithic to the
schungsrichtung legte. Seither hat die strategien und Techniken des Was-
Roman Era Untersuchung von Paläo­Klima und sermanagements im Angesicht einer
Judith Bunbury Paläo­Landschaften Ägyptens in den in ständiger Veränderung begriffenen
verschiedenen historischen Epochen Umwelt. Besondere Aufmerksamkeit
erheblichen Aufschwung genommen. kommt hierbei berechtigterweise der
In den letzten Jahrzehnten umfangreich Rekonstruktion der jeweiligen hydro-
hinzugekommene Forschungsergeb- geographischen Verhältnisse zu, die
nisse bieten nun eine ungleich breitere direkter Ausdruck diverser makro­ und
Datenbasis. Diese wurden nun mikro­klimatischer Ereignisse waren.
von Judith Bunbury in einer metho- Ebenso werden neueste Erkenntnisse
disch­wissenschaftlich auf dem neues- zu klimahistorischen Faktoren kenntnis-
ten Stand befindlichen Monographie reich dargelegt.
aufbereitet, die ebenso schmal und Die wunderbar faktenorientierte,
konzise anmutet wie das Werk Butzers. dicht geschriebene Studie wartet nicht
Nach einem knappen, jedoch an­ nur mit zahlreichen, hochinteressanten
gemessenen Überblick zur geologischen neuen Ergebnissen, sondern zusätzlich
Evolution Ägyptens, den klimatischen auch mit einem nützlichen Appendix
Veränderungen seit der letzten Eiszeit zu den modernen Methoden der Geoar-
und der Entstehung des Nilregimes chäologie sowie einem Glossar und
der historischen Epochen im Niltal und einer umfangreichen Bibliographie auf.

EINE RUNDREISE DURCH von Angela Zimmermann M. A., Bonn


DIE URBS
In seinem neuesten Buch ist der Altphi- Danach führt Roeske uns auf das
Kurt Roeske, Zu Besuch im antiken Rom. lologe Kurt Roeske «Zu Besuch im Kapitol und auf den Palatin. Nach einem
Treffpunkt Monumente: Antike Auto- antiken Rom». Nach einem Überblick Ausflug zum Pantheon stellt er uns dann
ren geben sich ein Stelldichein. 222 S.,
über Geschichte und Organe des Thermen, Circus Maximus, Theater
€ 19,80 (D). Verlag Königshausen &
Neumann, Würzburg 2019. römischen Staates sowie die römische und natürlich das Kolosseum vor, die dem
Religion lässt Roeske verschiedene an- Zeitvertreib der Römer dienten. Weiter
tike Autoren das Leben im Schmelztie- führt uns unser Besuch zum Vatikan
gel Rom beschreiben, bevor er uns zu und zur Ara Pacis, dem Friedensaltar des
verschiedenen archäologischen Stätten Augustus. Unter den Grabstätten
Roms mitnimmt. Dabei will Roeske stechen die Mausoleen der Kaiser Augus-
immer «Orte mit Personen und Ereig­ tus und Hadrian hervor.
nissen verknüpfen» und sie dem Nach Besuchen des Mithräums unter
Besucher so besser «im Gedächtnis der Basilika San Clemente und der Laokoon­
verankern». Gruppe in Vatikanischen Museen bildet
Auf dem Forum Romanum stellt uns Ostia Antica den Schlusspunkt der Reise.
Roeske beispielweise die Schauplätze Die gekonnte Mischung von Be-
verschiedener Legenden aus der Früh- schreibungen archäologischer Stätten
geschichte Roms vor, z. B. vom Raub und antiken literarischen Quellen,
der Sabinerinnen, oder auch jene Orte, die uns eben diese Stätten näherbrin-
an denen Cicero seine Reden gegen gen, machen den Reiz von Roeskes
die Verschwörung Catilinas hielt. kulturhistorischen Reiseführern aus.

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Leidorf und Eckhard Heller. Erstere, Schüler des Altmeis­ Der ein Jahr später erschienene Band Faszination Luft-
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seit mehr als 30 Jahren in dieser speziellen Disziplin lagenbuch zum Thema dar. Hier nehmen Boaquan Song
der Archäologie tätig; letzterer, Fachmann für Vermessungs- und Klaus Leidorf uns auf eine spannende – und so noch nie
technik, zählt ebenso zum Kennerkreis dieser Richtung gesehene – Luftreise mit, die mehrere europäische Länder,
der Archäologie. Das Buch behandelt in sechs Kapiteln jeden aber auch Südafrika, den Iran und Japan beinhaltet. Und
Gesichtspunkt der Archäologie aus der Vogelperspektive, wer von uns hat jemals Luftbilder archäologischer Stätten in
von der Geschichte der archäologischen Lufterkundung China gesehen? In diesem Buch sind sie erstmals zu betrach-
über die Methoden, die naturräumlichen Voraussetzun- ten. Der Band lebt von seinen Bildern, die mit kurzen, aber
gen bis hin zu einer Vorstellung geeigneter Flugzeuge und prägnanten Texten faszinieren und neugierig machen auf all
die Verarbeitung der gewonnenen Bilder. Dies alles wird die vielen verborgenen Stätten alter Kulturen unserer Welt,
anhand zahlreicher hervorragender Bildbeispiele prägnant, die nur aus der Vogelperspektive zu erkennen sind.

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Alexander der Große – mit dem Namen lichen Quellen ist dabei unerlässlich,
verbindet man einen der größten Er- wie der ausführlichen Erörterung zu Sabine Müller, Alexander der Große.
oberer der Welt. Seit der Antike drehen entnehmen ist. Nach einem kurzen Eroberungen – Politik – Rezeption. 396 S.,
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sich Geschichten um seine Person, doch Einblick in die Vorgeschichte beginnt
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gibt keine eine historische Sicht wieder. die Autorin in Alexanders Kindheit und
Das liegt besonders an der schwieri- behandelt die wichtigsten politischen
gen Überlieferung, die Alexander so Stationen seiner Karriere. Die Betrach-
darstellte, wie es gerade passte, erklärt tung wird nicht nur auf die Antike
Sabine Müller in ihrer Einführung und beschränkt, sondern bis in die Moderne
weist darauf hin, dass vieles davon ausgedehnt. Im letzten Kapitel werden
Konstruktionen seien. Im Buch werden die seit der Antike über Alexander kur-
diese Bilder entschlüsselt und anhand sierenden Mythen entzaubert.
seiner Politik die historische Person Der Band ist natürlich nicht die
Alexanders nachgezeichnet. Dennoch erste Veröffentlichung zu Alexander
ist es nicht als Biographie zu verstehen, dem Großen, dafür eine umfangreiche
vielmehr wird herausgestellt, dass Untersuchung unter verschiedenen
Alexander kein Einzelakteur war, son- Blickwinkeln, die besonders aufgrund
dern sich in der Tradition seiner langen der quellenkritischen Betrachtung neue
Dynastie bewegte und innerhalb dieser Sichtweisen eröffnet. Insofern ist das
politischen Strukturen agierte. Der Buch für Einsteiger sowie Kenner eine
kritische Umgang mit den unterschied- empfehlenswerte Lektüre.

91
ü ANTIKE WELT 2/20
Bitte beachten Sie, dass sich die Ausstellungsdaten und Öffnungszeiten der einzelnen Museen kurzfristig ändern können.

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Pergamonmuseum Liebieghaus Skulpturensammlung
Der Babel-Bibel-Streit Bunte Götter – Golden Edition. Die Farben
TONGEREN bis 28. März 2020 der Antike
Gallo-Römisches Museum Der sog. Babel-Bibel-Streit – ein Streit zwischen bis 30. August 2020
Dacia Felix. Die ruhmreiche Vergangenheit Theologen und Altorientalisten, 1902 ausgelöst Die Ausstellung widmet sich erneut der Polychromie
Rumäniens durch einen Vortrag des Assyrologen Friedrich antiker Statuen, diesmal erweitert um die neuesten
bis 26. April 2020 Delitzsch (1850–1922) – wird vorgestellt: zu sehen Forschungsergebnisse – besonders der naturwissen-
Geöffnet: Di–Fr 9–17 Uhr, Sa+So 10–18 Uhr sind sowohl die Objekte, die den Forschern damals schaftlichen Analysen – der letzten Jahre. Zu sehen
Kielenstraat 15 zur Verfügung standen, als auch selten gezeigte sind etwa 100 Objekte aus internationalen Museen
www.galloromeinsmuseum.be Objekte aus den Depots, die für die Überlegungen und aus dem Bestand des Liebieghauses, darunter
s. a. den Beitrag in AW 5/2019, S. 96. Delitzschs wichtig waren. 60 Rekonstruktionen aus den letzten Jahren wie auch
Geöffnet: Mo–So 10–18 Uhr, Do 10–21 Uhr des 19. Jhs., sowie 22 Grafiken.
Am Kupfergraben 5 Geöffnet: Di, Fr, Sa, So 10–18 Uhr,
www.smb.museum.de Mi+ Do 10–21 Uhr
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www.liebieghaus.de
BERLIN
KOPENHAGEN Neues Museum
Ny Carlsberg Glyptotek Momentaufnahmen – Nubien um 1900 HERNE
BES. Demongod – Egyptes beschermer bis 30. August 2020 LWL-Museum für Archäologie
30. April bis 20. September 2020 Die Ägyptologen Georg Steindorff, Ludwig Borchardt PEST!
«Bes. Dämon Gott – Ägyptischer Beschützer» stellt und Heinrich Schäfer unternahmen 1900 eine bis 10. Mai 2020
den ägyptischen Gott Bes vor. Außer als Statuen Reise nach Nubien. Die fotografische Dokumentation Präsentiert wird die Geschichte der Pest von der Stein-
ist er auch auf Amuletten, Möbeln, Säulen, Vasen dieser Reise galt als verschollen – bis 2015 ca. zeit über die Spätantike und dem Mittelalter bis
und Geschirr dargestellt. 300 Fotos im Fotoarchiv des Ägyptischen Museums zur heutigen Zeit sowie ihre globalen Auswirkungen.
Geöffnet: Di–So 10–17 Uhr auftauchten, die nun erstmals der Öffentlichkeit Geöffnet: Di, Mi, Fr 9–17 Uhr, Do 9–19 Uhr,
Dantes Plads 7 gezeigt werden. Sa, So, Feiertag 11–18 Uhr
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Anschließend in Hannover, 5. 11. 2020 – 11. 4. 2021. Fr–So 10–18 Uhr www.lwl-landesmuseum-herne.de
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DEUTSCHLAND Museum Herxheim
Tatort Talheim – 7000 Jahre später: Archäologen
und Gerichtsmediziner ermitteln
AALEN bis 19. Juli 2020
Limesmuseum Aalen Geöffnet: Do+Fr 14–19 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr
Der Tod aus dem Nichts – Antike Geschütze Untere Hauptstr. 153
29. März bis 1. November 2020 www.museum-herxheim.de
Geöffnet: Di–So 10–17 Uhr
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Museum Schloss Wilhelmshöhe
Mythos Wasser zwischen Antike und Gegenwart
BAD HOMBURG 15. Mai bis 13. September 2020
Römerkastell Saalburg Die Museumslandschaft Hessen Kassel zeigt zum
Hammer! Handwerken wie Kelten und Römer Themenjahr «Wasser» fünf Ausstellungen in
3. April bis 19. Juli 2020 fünf Museen: WasserLust im Schloss Wilhelmshöhe,
Geöffnet: Mo–So 9–18 Uhr WasserGeister in der Neuen Galerie, WasserMeister
Saalburg 1 im Hessischen Landesmuseum, WasserScheu im
www.saalburgmuseum.de Westpavillon der Orangerie und WasserPracht im
Schloss Wilhelmsthal. Es geht um die lebensspendende
Kraft des Wassers, um die symbolische Bedeutung
BAD MERGENTHEIM in Religion, Geschichte und Kultur, aber auch
Deutschordenmuseum um Gefahren und Bedrohungen des Wassers. Be-
Rom lebt! Mit dem Handy in die Römerzeit sonders die ersten beiden Teil-Ausstellungen span-
14. März bis 20. September 2020 nen den Bogen von der Antike bis in die Gegenwart.
Geöffnet: März Di–Sa 14–17 Uhr, So 10.30–17 Uhr; «Nubien»: Ludwig Borchardt mit einer Fluchtstange als Geöffnet: Di–So 10–17 Uhr, Mi 10–20 Uhr
ab April Di–So 10.30–17 Uhr Maßstab neben einem Kuppelgrab am Gebel Adde, www.museum-kassel.de
Schloß 16 Ph. 5986 (© Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches
www.deutschordensmuseum.de Museum und Papyrussammlung).
KONSTANZ
Archäologisches Landesmuseum Baden-
BERLIN Württemberg
Altes Museum CHEMNITZ Stadt – Land – Fluss. Römer am Bodensee
Starke Typen. Griechische Porträts der Antike Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz bis 12. April 2020
verlängert bis 27. September 2020 Leben am Toten Meer Funde aus Bregenz, Eschenz sowie vielen anderen
Marmorporträts aus München und Nachgüsse der bis 29. März 2020 Fundorten rund um den Bodensee zeigen das Ent-
Bronzen von Riace aus dem Liebieghaus in Frank- Geöffnet: Di, Mi, Fr 9–17 Uhr, Do 9–19 Uhr, stehen größerer und kleinerer Siedlungen in römischer
furt am Main sowie Objekte aus den eigenen, sonst Sa, So, Feiertag 11–18 Uhr Zeit: Gebäude aus Steinmauern und Ziegeldächern,
magazinierten Beständen der Antikensammlung Europaplatz 1 Wasserleitungen, Mosaike und Bodenheizungen so-
geben ein umfassendes Bild zur Porträtkunst der www.smac.sachsen.de wie ein dichtes Netz von Verkehrswegen zu Wasser
Antike. Dabei werden verschiedene Aspekte wie s. a. die Beiträge in AW 6/2019. und zu Land.
Idealvorstellungen, Anlass und Ort der Aufstellung, Geöffnet: Di–So 10–18 Uhr
die unterschiedlichen Bildträger (Statue, Relief, Benediktinerplatz 5
Vase) sowie die programmatischen Absichten be- ELLWANGEN www.konstanz.alm-bw.de
rücksichtigt. Alamannenmuseum
Geöffnet: Mo–Mi 10–18 Uhr, Do 10–21 Uhr, Gut betucht – Textilerzeugung bei den Alamannen
Fr–So 10–18 Uhr bis 11. Oktober 2020 LEIPZIG
Am Lustgarten Geöffnet: Di–Fr 14–17 Uhr, Sa+So 13–17 Uhr Ägyptisches Museum Georg Steindorff
www.smb.museum.de Haller Straße 9 Heliopolis – Kultzentrum unter Kairo
www.alamannenmuseum-ellwangen.de bis 3. Mai 2020

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ANTIKE WELT 2/20
AUSSTELLUNGSKALENDER

Seit 2012 finden in Heliopolis Ausgrabungen eines WIT TELSHOFEN STRASSBURG


ägyptisch-deutschen Teams statt, im Frühjahr LIMESEUM Archäologisches Museum
2017 ging der Bericht von dem spektakulären Fund GENERATIONES – Die Soldaten Roms Bedienungsanleitung: Das bewegte Leben der
einer Kolossalstatue des Pharaos Psammetich I. bis 13. September 2020 archäologischen Sammlung
durch die Presse. Nun werden zusammen mit Origi- Die Veränderungen der Ausrüstung römischer bis 31. Dezember 2020
nalobjekten aus Heliopolis, Leihgaben des Ägyp- Soldaten im Laufe der Jahrhunderte werden aus- Geöffnet: Mo, Mi, Do, Fr 12–18 Uhr,
tischen Museums Berlin, die ersten Grabungsergeb- führlich erläutert. Sa+So 10–18 Uhr
nisse präsentiert: Statuetten heliopolitanischer Geöffnet: Di–Fr 10–16 Uhr, Sa+So 11–17 Uhr Place du Château 2
Priester und Beamter und auch Bauteile aus dem Römerpark Ruffenhofen 1 www.musees.strasbourg.eu
Inneren des Sonnentempels geben einen Überblick www.roemerpark-ruffenhofen.de
über dessen Aussehen und Geschichte. www.limeseum.de
Geöffnet: Di–Fr 13–17 Uhr, Sa+So 10–17 Uhr
Goethestraße 2 GROSSBRITANNIEN
www.aegyptisches-museum.uni-leipzig.de WÜRZBURG
Martin von Wagner Museum der Universität / 
Antikensammlung CHICHESTER
MÜNCHEN MUS-IC-ON! – Klang der Antike The Novium Museum
Museum für Abgüsse Klassischer Bildwerke bis Juli 2020 Mystery Warrior: The North Bersted Man
Lebendiger Gips – 150 Jahre Museum für Abgüsse Geöffnet: Di–Sa 10–17 Uhr, So 10–13.30 Uhr bis 26. September 2020
Klassischer Bildwerke Residenzplatz 2 a Der «Mystery Warrior», der geheimnisvolle Krieger,
bis 24. Juli 2020 www.museum.uni-wuerzburg.de wurde vor 12 Jahren entdeckt. Es handelt
Geöffnet: Mo–Mi, Fr 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr s. a. den Beitrag in AW 1/2020, S. 8–12. sich dabei um das wohl am besten ausgestattete
Katharina-von-Bora-Straße 10 Kriegergrab aus dem 1. Jh. v. Chr., das je in England
www.abgussmuseum.de gefunden wurde. Nach Jahren der Konservierung
s. a. den Beitrag in AW 1/2020, S. 94. und wissenschaftlichen Analyse werden die Artefakte
FRANKREICH nun das erste Mal ausgestellt.
Geöffnet: Mo-Sa 10-17 Uhr
MÜNCHEN Tower Street
Residenz München AIX-EN-PROVENCE www.thenovium.org
Archäologische Staatssammlung zu Gast Musée Granet
in der Residenz München: Antike Gemmen aus Pharaon, Osiris et la momie: l’Egypte ancienne
Bayern à Aix-En-Provence
bis 26. April 2020 17. April bis 20. September 2020 GRIECHENLAND
Obwohl die Archäologische Staatssammlung In der Ausstellung «Pharao, Osiris und die Mumie:
wegen Sanierungsarbeiten bis voraussichtlich 2021 Das alte Ägypten in Aix-En-Provence» wird die
geschlossen sein wird, ist nun ein kleiner Teil der gesamte altägyptische Sammlung des Musée Granet THESSALONIKI
Sammlungen – nämlich eine Auswahl der antiken gezeigt und damit verdeutlicht, dass Aix-en- Archäologisches Museum
Gemmen – in der Residenz zu sehen. Provence eine Sammlung besitzt, deren Exponate Από τον Νότο στον Βορρά: Αποικίες των
Geöffnet: Mo–So 10–17 Uhr mit denen des Louvre oder des British Museum Κυκλάδων στο Βόρειο Αιγαίο
Residenzstraße 1 gleichbedeutend sind. bis 31. August 2020
www.archaeologie-bayern.de Geöffnet: Di–So 12–18 Uhr In der Ausstellung «Von Süden nach Norden: Kolo-
Place Saint Jean de Malte nien der Kykladen in der nördlichen Ägäis» geht es
www.museegranet-aixenprovence.fr um die Kolonisation der nördlichen Ägäis Mitte des
MÜNCHEN 7. Jhs. v. Chr. Dabei stehen zwei Inseln im Vorder-
Staatliche Münzsammlung grund: Andros (mit seinen vier Kolonien Akanthos,
Die silberne Stadt. Rom im Spiegel seiner LAT TES Sane, Stageira, Argilos) und Paros (mit Thasos und
Medaillen Musée Archéologique Henri Prades deren Tochterkolonien Neapolis, Oisyme und Galep-
bis 3. Mai 2020 L’aventure phocéenne. Grecs, Ibères et Gaulois en sos). Die neuesten Ergebnisse, auch anthropologi-
Seit Beginn der Neuzeit erscheinen antike römische méditerranée nord-occidentale scher und archäobotanischer Studien, werden mit
Bauten auf Medaillen. bis 6. Juli 2020 ca. 470 Funden vorgestellt.
Geöffnet: Di–So 10–17 Uhr «Das phokäische Abenteuer. Griechen, Iberer und Geöffnet: Mo–So 8–20 Uhr
Residenzstraße 1 Gallier im nordwestlichen Mittelmeerraum»: Manolis Andronikos Straße 6
www.staatliche-muenzsammlung.de Es geht um das Aufeinandertreffen dieser drei Völker www.amth.gr
im Gebiet zwischen Nikaia (Nizza) und Emporion
(Ampurias) in der Zeit vom 8.–1. Jh. v. Chr., speziell
SPEYER um die Navigation im Mittelmeer, Wirtschaftsbe-
Historisches Museum der Pfalz ziehungen, kulturellen Austausch und die Gründung
Medicus – Die Macht des Wissens von Kolonien.
bis 21. Juni 2020 Geöffnet: Mo, Mi–Fr 10–12 Uhr und
Dargestellt wird die Entwicklung der Medizin vom 13.30–17.30 Uhr, Sa+So 14–18 Uhr
Altertum bis zur Gegenwart: das medizinische Route de Pérols 390
Wissen der antiken Völker, die Verbreitung dieser http://museearcheo.montpellier3m.fr
Kenntnisse über Rom und Byzanz in den arabischen Kapitell mit Inschrift, Paros, 525–500 v. Chr. (© Minis-
Raum und die Rückkehr nach Europa im 11. Jh., try of Culture & Sports).
wo besonders in den Klöstern die Heilkunst ausge- PARIS
übt wurde. Grand Palais / Salon d’honneur
Geöffnet: Di–So 10–18 Uhr Pompéi
Domplatz 25. März bis 8. Juni 2020
www.museum.speyer.de Seit 2010 läuft ein groß angelegtes Projekt zur Siche- ITALIEN
rung und Restaurierung von Pompeii verbunden
mit neuen Ausgrabungen. In drei Themenbereiche
VÖLKLINGEN gegliedert werden die Forschungsergebnisse AGRIGENT
Weltkulturerbe Völklinger Hütte dieser letzten Jahre nun präsentiert. Zunächst ge- Valle dei Templi und Museo archeologico regionale
PharaonenGold – 3000 Jahre altägyptische ben präzise 3D-Rekonstruktionen einen lebendigen «Pietro Griffo»
Hochkultur Eindruck der Stadt. Dann wird die Katastrophe Costruire per gli dei. Il cantiere nel mondo classico
verlängert bis 26. April 2020 des Vesuvausbruchs eingehend behandelt und zuletzt bis 17. Mai 2020
Die 150 goldenen Exponate aus Pharaonengräbern wird die Geschichte der Ausgrabungen seit dem «Bauen für die Götter. Die Baustelle in der klassischen
stammen aus der Zeit von ca. 2680 bis 1320 v. Chr. 18. Jh. vorgestellt. Neben altbekannten Funden sind Welt»: In Agrigent ist ein Lehrpfad eingerichtet
und geben einen Einblick in die Welt der Pharaonen auch erstmals die Funde der jüngsten Grabungen worden, der vom Tempel der Iuno bis zum Tempel
und ihrer besonderen Beziehung zu Gold. zu sehen. der Dioskuren führt. Sowohl dort als auch im
Geöffnet: Mo–So 10–18 Uhr Geöffnet: Mi–Mo 9–18 Uhr Museum wird der Besucher über die Steinbrüche,
Rathausstraße 75–79 Avenue du Général-Eisenhower 3 den Transport und die Bearbeitung des Materials
www.voelklinger-huette.org www.grandpalais.fr bis zum fertigen Tempel unterrichtet.

93
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ANTIKE WELT 2/20
AUSSTELLUNGEN-
EXTRA
HEIDELBERG

Kurpfälzisches Museum
Heidelberg
Herkules – unsterblicher Held Abb. 1
Hercules im
bis 12. Juli 2020 Kampf mit der
Amazonenköni-
Geöffnet: Di–So 10–18 Uhr gin Hippolyte.
www.museum.heidelberg.de Bronzener
Wagenaufsatz
aus dem konstan-
tinischen Kastell
Köln-Deutz, nach
310/315 n. Chr.
(© LVR-Landes-
Museum Bonn,
Foto: J. Vogel).

HERKULES  –  UNSTERBLICHER  HELD


von Dr. Renate Ludwig sucht und seine komplizierte Bezie-
hung zu Frauen selbst im Wege.

H erkules, der griechische Herakles,


ist eine der ältesten und be-
liebtesten antiken Sagengestalten.
In der Antike Gegenstand religiö-
ser Verehrung, galt er im Mittelalter
und in der Frühen Neuzeit als mäch-
Aber er inspirierte auch bedeutende tiger Streiter für das Gute. Schon Kai-
Künstler der Renaissance und des ser Commodus ließ sich in Gestalt
Barock, wie Michelangelo und Dürer des göttlichen Helden mit Löwenfell
oder Rubens und Tiepolo. Die grie- und Keule darstellen. Auch die Men-
chischen Bildhauer Myron, Polyklet, schen der nachfolgenden Jahrhun-
Skopas und Lysipp haben berühmte derte erblickten in ihm den Inbegriff
Statuen des Helden geschaffen. von Stärke und Tapferkeit, aber auch
Episoden aus dem Dodekathlos, dem einen unkontrollierten, ichbezoge-
Abb. 2 Herakles und Athena. Attisch-schwarz-
figurige Amphora mit Deckel, Maler von Vatikan Zyklus seiner zwölf Taten, erschei- nen Genussmenschen. Es entstan-
342, um 540 v. Chr. (© Antikenmuseum Basel nen auf dem Zeustempel von Olym- den ganz neue Interpretationen der
und Sammlung Ludwig).
pia (460–450 v. Chr.), während Figur – als philosophisches Muster-
auf dem Fries des Athener-Schatz- beispiel enthaltsamer Lebensführung,
hauses in Delphi (510–500 v. Chr.) als christlicher Nothelfer, als plumper
der Streit zwischen Herakles und wie lüsterner Muskelprotz.
Apollon um den Dreifuß dargestellt Die Ausstellung wurde gemeinsam
ist. Daneben sind die Taten belieb- mit dem Swiss Lab for Culture Projects
tes Motiv in der griechischen Vasen- in Lugano konzipiert und zeigt her-
malerei sowie in der klassischen ausragende Leihgaben aus Basel, Ne-
und moderneren Glyptik. apel und Rom sowie aus großen deut-
Nachdem Herkules sich am sprich- schen Museen, wie etwa Bonn, Mainz,
wörtlich gewordenen Scheideweg München und Stuttgart. In Heidelberg
für ein mühsames, aber tugendhaftes selbst begegnet er an vielen Stellen:
Leben entschieden hatte, bestand etwa auf seine Keule gestützt auf dem
er unzählige Abenteuer. So kämpfte Marktplatz oder als Ausgrabungsfund
er gegen die Kentauren und die Rie- aus einem 2000 Jahre lang verschüt-
sen. Er stieg sogar in die Unterwelt, teten Brunnen. Die jahrhundertelange
besiegte dort Kerberos, den schreckli- Erfolgsgeschichte des Herkules dauert
chen Höllenhund, und brachte ihn an, solange der Halbgott neben
in der Oberwelt. Schließlich wurde er seiner physischen Stärke auch Tugend
Abb. 3 Die zwölf Herkulestaten auf der für seine «übermenschlichen» und Willenskraft symbolisiert. Erst
Cathedra Sancti Petri. Kopie nach dem Original
im Hauptaltar von St. Peter in Rom, 875 n. Chr. Leistungen in den Kreis der olympi- als streitbarer Kraftprotz, zu dem ihn
(© Römisch-Germanisches Zentralmuseum schen Götter aufgenommen. Aller- die Filmindustrie der Nachkriegszeit
Mainz , Foto: O. Pilko).
dings stand er sich häufig durch seine stilisierte, büßte er im 20. Jh. etwas
mangelnde Selbstbeherrschung, die von seiner Vorbildfunktion und allge-
Neigung zur Trunkenheit, seine Streit- meinen Faszination ein.

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ANTIKE WELT 2/20
AUSSTELLUNGSKALENDER

Geöffnet: Mo–So 8.30–20 Uhr ROM Herausragende Leihgaben und neue wissenschaftliche
Contrada San Nicola 12 Kolosseum und Forum Romanum Erkenntnisse stellen das Leben der Gladiatoren,
https://www.parcovalledeitempli.it Carthago. Il mito immortale ihre Waffen und den Ablauf der Gladiatorenspiele
bis 29. März 2020 vor.
Die Ausstellung «Karthago. Der unsterbliche Mythos» Geöffnet: Di–So 10–17 Uhr
BOLOGNA bietet einen umfassenden Überblick über die St. Alban-Graben 5
Museo Civico Archeologico Geschichte und Kultur Karthagos von der phönizi- www.antikenmuseumbasel.ch
Etruschi. Viaggio nelle terre dei Rasna schen Gründung, den Punischen Kriegen über die s. a. die Beiträge in AW 5/2019, S. 8–23.
bis 24. Mai 2020 Neugründung als Colonia Iulia Concordia Carthago
«Die Etrusker. Eine Reise in die Gebiete der Rasna» bis zur augusteischen Zeit und dem Aufkommen
führt den Besucher durch alle etruskischen Gebiete: des Christentums. Mehr als vierhundert Exponate BERN
Latium, Umbrien, Toskana, aber auch die weniger aus renommierten italienischen und ausländischen, Historisches Museum Bern
bekannten in der Poebene und Kampanien. Mit rund insbesondere nordafrikanischen Museen werden Homo migrans – Zwei Millionen Jahre unterwegs
1000 Objekten aus 60 italienischen und interna- präsentiert sowie bisher noch nicht gezeigte Funde bis 28. Juni 2020
tionalen Museen werden die wichtigsten Merkmale der Soprintendenza del Mare siciliana. Die Ausstellung bietet einen Überblick über die Ge-
der Kultur und Geschichte des etruskischen Volkes Geöffnet: Mo–So 8.30–16.30 Uhr schichte und Beweggründe der Ein- und Auswanderer
vorgestellt. www.parcocolosseo.it in der Menschheitsgeschichte, von den Anfängen
Geöffnet: Di–Do 9–18.30 Uhr, Fr 9–22 Uhr, vor zwei Millionen Jahren bis in die Gegenwart der
Sa+So 10–18.30 Uhr Schweiz.
Via dell‘Archiginnasio 2 ROM Geöffnet: Di–So 10–17 Uhr
www.etruschibologna.it Mercati di Traiano / Museo dei Fori Imperiali Helvetiaplatz 5
Civis Civitas Civilitas – Roma antica modello di città www.bhm.ch
bis 6. September 2020
In der Ausstellung sind 58 hauptsächlich von Italo
Gismondi in den 30er Jahren des 20. Jhs. angefertigte FRIBOURG
Modelle aus dem Museo della Civiltà Romana zu BIBEL+ORIENT Museum / Universität Freiburg
sehen. Gegliedert in sieben Themen – Foren, Kurien, Marches à suivre. 5000 Jahre Prozessionen
Kapitol, Tempel; Brunnen, Nymphäen, Bäder; The- und Pilgerreisen
ater und Amphitheater; Triumph- und Ehrenbögen, bis 30. Juni 2020
Stadttore; Märkte; Gräber und Denkmäler; Brücken, Geöffnet: Di–Fr 15–17 Uhr, So 14–17 Uhr
Aquädukte, Zisternen, Wasserschlösser – ist Avenue de l’Europe 20
eine Reise durch Rom sowie durch andere Städte www.bible-orient-museum.ch
des Römischen Reiches möglich. s. a. den Beitrag in AW 6/2019, S. 96.
Geöffnet: Di–So 9–19 Uhr
Via IV Novembre 94
www.mercatiditraiano.it ZUG
Museum für Urgeschichte(n)
Gesundheit! 7000 Jahre Heilkunst
bis 17. Mai 2020
ÖSTERREICH Archäologische Funde aus den Kantonen Luzern
und Zug zeigen beispielhaft, welche Krankheiten
und Heilmittel bei Ausgrabungen nachgewiesen
WIEN werden können. Ergänzt werden sie durch einen
Kunsthistorisches Museum / Münzkabinett Überblick über die Nutzung von Heilpflanzen
Böse Kaiser von der Jungsteinzeit bis in die Neuzeit.
bis 4. Oktober 2020 Geöffnet: Di–So 14–17 Uhr
Eine interessante Gegenüberstellung der literari- Hofstraße 15
«Etruschi»: Kopf eines Jünglings aus Fiesole, ca. schen und numismatischen Quellen zeichnet ein un- www.museenzug.ch/urgeschichte
330 v. Chr. Florenz, Museo Archeologico Nazionale terschiedliches Bild der römischen Kaiser: während
(Polo Museale della Toscana). die Münzen den Herrschern als wichtiges Mittel
zur Selbstinszenierung dienten, liefern die antiken
Schriftsteller subjektive Schilderungen, Anek- USA
doten und Gerüchte.
FORLÌ Geöffnet: Mo–So 10–18 Uhr, Do 10–21 Uhr
Musei San Domenico Maria Theresien-Platz MALIBU
Ulisse. L’arte e il mito www.khm.at The J. Paul Getty Museum / Getty Villa
bis 21. Juni 2020
Die Ausstellung «Odysseus – Kunst und Mythos» Assyria: Palace Art of Ancient Iraq
beleuchtet mit Meisterwerken von der Antike bis bis 5. September 2022
zum 20. Jh., einschließlich der zeitgenössischen Leihgaben aus dem Britischen Museum in London
Filmkunst, welche Bedeutung die Geschichte des zeigen die hohe Qualität und die lebensnahen
Odysseus in allen Bereichen der Kunst zu allen Darstellungen des assyrischen Hoflebens auf den
Zeiten besaß. Reliefs vom 9. bis 7. Jh. v. Chr.
Geöffnet: Di–Fr 9.30–19 Uhr, Sa+So 9.30–20 Uhr
Piazza Guido da Montefeltro 12 Mesopotamia
www.mostraulisse.it 18. März bis 27. Juli 2020
Mesopotamien, das «Land zwischen den Flüssen» im
heutigen Irak, war die Heimat der alten Sumerer,
PADUA Babylonier und Assyrer. Ausgestellt werden Objekte
Centro Culturale Altinate San Gaetano «Böse Kaiser»: Aureus, geprägt 192 n. Chr. in Rom: Vs.: aus drei Jahrtausenden, von der Zeit um 3200 v. Chr.
L’Egitto di Belzoni Büste des Commodus mit dem Löwenfell des Herkules; bis zur Eroberung Babylons durch Alexander den
bis 28. Juni 2020 Rs.: Commodus als Herkules bei der rituellen Neugrün- Großen im Jahr 331 v. Chr.
Die Stadt Padua widmet die Ausstellung «Das Ägyp- dung Roms (© KHM-Museumsverband).
ten des Belzoni» dem fast vergessenen Forscher, Geöffnet: Mi–Mo 10–17 Uhr
Ingenieur und Pionier der modernen Archäolo- 17985 Pacific Coast Highway
gie Giovanni Battista Belzoni (1778–1823). Im www.getty.edu
Mittelpunkt stehen die drei Reisen Belzonis nach SCHWEIZ
Ägypten, von denen auch seine Zeichnungen und die
originalen Fundstücke stammen.
Geöffnet: Mo–Do 9–19 Uhr, Fr+Sa 9–24 Uhr, So BASEL
9–20 Uhr Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig Hinweise auf Sonderausstellungen
Via Altinate 71 Gladiator. Die wahre Geschichte können Sie gerne an diese Adresse schicken:
www.legittodibelzoni.it bis 22. März 2020 ak@wbg-wissenverbindet.de

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ANTIKE WELT 2/20
VORSCHAU

DAS NÄCHSTE HEFT ERSCHEINT


ROM IM UMBRUCH
AM 22. 5. 2020
3.20
Zeitschrift für
TITELTHEMA
Archäologie und
Kulturgeschichte

EIN SPÄTANTIKES HAND- von Marko Jelusic und Anna Kaiser


BUCH DES STAATS- UND VERWAL-
TUNGSAUFBAUS – ÜBER
DIE GLAUB WÜRDIGKEIT DER
NOTITIA DIGNITATUM

ANTIKE KARTOGRAPHIE – von Silke Diederich


KARTENDARSTELLUNGEN IN DER
NOTITIA DIGNITATUM

Rom im FABRICAE UND DIE WAFFEN-


PRODUKTION IM 4. JH. N. CHR.
von Jonathan Coulston

Umbruch € 12,90 (D)


€ 14,90 (A) / sFr 25,–
DAS SPÄTANTIKE GRENZHEER IN von Michael Zerjadtke
DER NOTITIA DIGNITATUM
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INDIEN DEUTSCHLAND PALÄSTINA


Die spätantike Route Archäologen auf Jericho – eine Geschichte
des Christentums auf Fotografien des der Innovationen trotz
den Subkontinent 19. Jahrhunderts widriger Umstände

DER DUX BRITANNIARUM UND von Rob Collins


DIE ARCHÄOLOGISCHEN BEFUNDE

Weitere Inhalte und IMPRESSUM

Infos finden Sie unter Chefredaktion: Holger Kieburg


Redaktion: Anna Ockert, Gabriele Lebek (Titelthema),
Abo- und
Leserservice: IPS Datenservice GmbH

www.antikewelt.de
Dr. Anemone Zschätzsch (Ausstellungskalender). Postfach 13 31
D-53335 Meckenheim
Korrespondentin in Rom: Dr. Maria-Aurora v. Hase Salto Tel.: 0 22 25 / 70 85-361; Fax: 0 22 25 / 70 85-399

und auf Facebook. Endlektorat: Walter Wöstheinrich e-mail: aw@aboteam.de


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Melanie Jungels, TYPOREICH – Layout- und Satzwerkstatt, Nierstein D-53334 Meckenheim
Gesamtverantwortung: Dr. Beate Varnhorn Tel.: 0 22 25 / 88 01-0; Fax: 0 22 25 / 88 01-199

Wissenschaftlicher Beirat:
Prof. Dr. Werner Eck, Köln (Alte Geschichte, römische Kaiserzeit),
Abonnementpreis (6 Hefte jährlich und drei zusätzliche
Prof. Dr. Thomas Fischer, Köln (Provinzialrömische Archäologie),
Sonderthemenhefte):
Prof. Dr. Hans-Joachim Gehrke, Freiburg (Alte Geschichte),
€ 96,– (D) / € 102,– (EU) / € 106,– (Welt) inkl. Porto
Prof. Dr. Friedrich-Wilhelm von Hase, Mannheim (Italische Vor-
7.20 und Frühgeschichte, Etruskologie), Prof. Dr. Henner von Hesberg, Ermäßigtes Studentenabonnement:
Zeitschrift für
Archäologie und Rom (Klassische Archäologie), Prof. Dr. Thomas O. Höllmann, € 80,– (D) / € 86,– (EU) / € 90,– (Welt) inkl. Porto
München (Ferner Osten), Prof. Dr. Hartmut Leppin, Frankfurt a. M. (nur mit Bescheinigung)
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Kulturgeschichte

(Alte Geschichte, Spätantike), Prof. Dr. Joseph Maran, Heidelberg Preis der Einzelnummer: € 12,90 (D) zzgl. Porto. *ggf. zzgl. MwSt.
(Ur- und Frühgeschichte), Dr. Ralf-B. Wartke, Berlin (Archäologie
im Vorderen Orient). Bankverbindung:
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Manuskripte senden Sie bitte an die Redaktionsadresse. IBAN: DE80 5085 0150 0000 7496 80 (Kto.-Nr. 749680),
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der Antike Die WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) ist ein wirtschaft-


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licher Verein gemäß § 22 BGB durch staatliche Verleihung des


ANTIKE WELT erscheint sechsmal jährlich bei der WBG Landes Hessen und wird im Register der Stadt Darmstadt geführt.
(Wissenschaftliche Buchgesellschaft).
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen,
vorbehalten. Nachdruck nur mit Genehmigung des Verlages.
Vorschau auf das nächste Sonderheft der Anzeigenverwaltung: Namentlich gekennzeichnete Beiträge erscheinen in Verantwor-
ANTIKEN WELT Agentur Hanne Knickmann tung der Autoren und stellen nicht unbedingt die Meinung der
Buch | Literatur | Wissenschaft Redaktion dar.
Umberto Pappalardo mit einer Einleitung von Römerstraße 45
Masanori Aoyagi D-69115 Heidelberg Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitglieder
Tel.: 0 62 21 / 673 42 50 der WBG ermöglicht.
ZU EHREN DES ZEUS – Die Olympischen Fax: 0 62 21 / 673 42 51
Spiele der Antike Lithos: Layout l Satz l Bild, Gensingen
e-mail: hk@hanne-knickmann.de
Druck: Nikolaus Bastian Druck und Verlag GmbH, Föhren
www.hanne-knickmann.de
Erscheinungstermin: 15. 4. 2020
Zulassungsnummer im Postzeitungsdienst: 1 Y 9316 F;
Zurzeit gelten die Mediadaten 2019, gültig seit September 2018. ISSN: 0003-570-X; ISBN: 978-3-8053-5239-0; -5245-1 (PDF)

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ANTIKE WELT 2/20
GEFLÜGELTE WORTE

ZITATE AUS DER ALTEN WELT – WOHER SIE KOMMEN UND WAS SIE BEDEUTEN

SUNT LACRIMAE RERUM


«Es sind Tränen da für die Dinge» von Klaus Bartels

D ie mythische Erzählung der Vergilischen Aeneis beginnt an einem Tiefpunkt dieser römischen
Odyssee. Ein Seesturm hat die Flotte des aus Troja flüchtigen, von hohen Schicksalssprüchen
nach Latium gesandten Aeneas versprengt; einige wenige Schiffe haben an der libyschen Küste in
Die Zitate
Vergil, Aeneis 1, «Schon
Schwereres …»: Vers 199
und 208 f.; «Ich bin Ae-
einer von Felsen geschützten Bucht Zuflucht gefunden. Aeneas spricht den Gefährten Mut zu: neas …»: 378 f. und 384;
«Ihr habt schon Schwereres erduldet; ein Gott wird auch diesem ein Ende setzen.» Aber die Zuver- die Bildwerke: 450 ff.; sunt
lacrimae rerum …: 462 –
sicht ist bloßer Schein: «Von ungeheuren Sorgen krank, täuscht er in seiner Miene Hoffnung vor, Odysseus und Demodo-
kos: Homer, Odyssee 8,
unterdrückt er tief im Herzen den Schmerz.» 72 ff. und 485 ff. – Priamus
und Achilleus: Homer, Ilias
Als Aeneas mit dem getreuen Achates die Gegend erkundet, tritt seine Mutter Venus ihm in Gestalt 24, 507 ff. – Scipio Africa-
einer jungen Jägerin gegenüber. Sie berichtet von Dido, der Herrin des Landes, und dem neu­ nus in Karthago: Appian,
Libyke 132, vgl. hierzu:
gegründeten Karthago. Aeneas stellt sich vor: «Ich bin Aeneas, der fromme, … mein Ruhm reicht Jahrtausendworte – in die
Gegenwart gesprochen,
über den Äther hinaus …», und doch: «Unbekannt, bedürftig durchstreife ich hier Libyens ausgewählt, übersetzt und
vorgestellt von Klaus
Wüsten …» Und Venus verheißt ihm, ehe sie sich im Entschwinden zu erkennen gibt, eine gastliche Bartels, 2. Auflage, Reihe
Aufnahme, aber ihr Zuspruch tröstet ihn nicht: «Grausam», sei sie, klagt Aeneas die Mutter an: Paradeigmata 50, Rombach
Verlag, Freiburg i. Br. 2019,
grausam, da sie sich einem Händedruck und der «wahren Worte» zwischen Mutter und Sohn ent- Seite 38 f.

ziehe.

Mit-Leiden und Miteinander-Weinen


Nicht diese göttliche, sondern eine «neue», menschliche Begegnung ist es, die Aeneas bald darauf
erstmals Hoffnung schöpfen lässt. In den Bildwerken eines Tempels erkennt der Verzweifelte,
hier vermeintlich in die fremdeste Fremde Verschlagene unversehens Szenen des Trojanischen Krieges.
Er hält inne; er weint; «Sieh: Priamus!» ruft er Achates zu. Und dann fasst er das Ungeheure
dieser Wiederbegegnung mit dem Leiden dieses Krieges – an diesem Ort – in drei schlichteste Worte:
sunt lacrimae rerum, «Es sind Tränen da für die Dinge …», und drei weitere deuten die
ersten drei aus: … et mentem mortalia tangunt, «... und Menschliches berührt das Empfinden.»
Es sind jammervolle Bilder, die Aeneas da erblickt: wie der junge Troilos vom Wagen geschleudert
und von seinen Pferden zu Tode geschleift wird; wie die Troerinnen ihre Bittgebete an Athene
richten und die Göttin den Blick starr von ihnen abwendet; wie König Priamus, bittflehend die Hände
vorstreckend, Hektors Leichnam von Achilleus loskauft. Sunt lacrimae rerum: Diese drei Worte
werden hier zur Chiffre einer Menschlichkeit, in der «die Dinge», das Geschehene, das Erlittene ihre
Tränen finden, in der das menschliche Leiden im mitmenschlichen Mit­Leiden – griechisch:
der sympátheia – seine Erwiderung findet, in der Menschen einander im Weinen und Miteinander­
Weinen begegnen.
Die Szene und ihre Tränen stehen nicht allein. Vergil folgt hier einer Homerischen Szene, in der
Odysseus, schiffbrüchig bei den Phäaken gestrandet und noch unerkannt, den Sänger Demodokos
vom Krieg um Troja und dem Trojanischen Pferd singen hört und darob in Tränen ausbricht.
Und mit jenem «Sieh: Priamus!» erinnert Vergil gleich zu Anfang an die geradeso urmenschliche Schluss-
szene der Ilias, in der Priamus an seinen von Achilleus erschlagenen und nun losgekauften
Sohn, Achilleus an seinen eigenen frühen Tod und seinen eigenen alten Vater denkt und die beiden
Feinde «heftig» miteinander weinen. Und dann sind da noch – wieder in Karthago – die
«historischen» Tränen, die der jüngere Scipio Africanus 146 v. Chr. angesichts des brennenden
Karthago nicht zurückhalten kann. Der Sieger weint dort um die Feinde, und zugleich, wie
sein Freund Polybios als Augen­ und Ohrenzeuge bezeugt, um Troja – und zugleich um Rom.

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Die unglaubliche
Geschichte der
Felsenfestung
»Masada ist die wichtigste archäologische Stätte in
Israel, sie ist eine der meistbesuchten und sicherlich
die spektakulärste. Niemand kennt die Ausgrabungs-
stätte und ihren breiteren Kontext besser als Jodi
Magness. Es gibt nur wenige Archäologen, die ein sol-
ches Buch hätten schreiben können. Es ist ein echtes
Wunder an Klarheit und Zugänglichkeit. Dieses Buch
wird die kommenden fünfzig Jahre der unverzichtbare
Begleiter für alle sein, die diese Stätte besuchen.« -
Tessa Rajak, Autorin von "Josephus"

Jodi Magness
Masada
Der Kampf der Juden gegen Rom
Aus dem Engl. von Thomas Bertram.
2020. 400 S. mit 55 s/w, 16 farb. Abb. und 8 Kt.,
Bibliogr. und Reg., 14,5 x 21,5 cm, geb. mit SU.
wbg Theiss, Darmstadt.
36,00 €
ISBN 978-3-8062-4077-1

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Die anonymen
Architekten Roms
Die römische Armee war eines der ersten stehenden Heere
der Geschichte. Mit ihr wurde das römische Reich erobert und
beschützt. Aber die ersten Berufssoldaten hatten noch andere
Aufgaben: Durch ihre Hände ist ein Weltreich erbaut worden,
dessen architektonischen Höchstleistungen noch bis heute
faszinieren. Die detailreichen und wissenschaftlich fundierten
Rekonstruktionen zeigen die anonymen Architekten des Welt-
reiches bei ihrer technisch anspruchsvollen Arbeit: Straßen-
und Brückenbau, Kanalgrabungen und Isthmusbohrungen,
Aquädukt- oder Städtebau.

Jean-Claude Golvin
Gérard Coulon
Die Architekten
des Imperiums
Wie das Heer ein Weltreich er-
baute
Aus dem Franz. von Birgit
Lamerz-Beckschäfer.
2020. 176 S. mit 88 farb. Abb.,
24 x 29 cm.
wbg Zabern, Darmstadt.
40,00 €
ISBN 978-3-8053-5220-8

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