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Süddeutsche Zeitung vom 4.

Dezember 2015

Der Nationalstaat ist tot, es lebe der Nationalstaat!

Kaum ein Land kämpft so mit dem Nationalbegriff wie Deutschland - Analyse einer Obsession.

Von Jörn Leonhard

Am 29. Mai 1949 zog Thomas Mann Bilanz. In seiner Rede über "Deutschland und die Deutschen"
formulierte er aus der Perspektive des Exils, was aus dem deutschen Nationalstaat nach zwei
Weltkriegen, Diktatur und Holocaust geworden war. Mann verwies auf eine verhängnisvolle
Kontinuität in der Geschichte Deutschlands, die er aus dem Zusammenhang von
Nationalstaatlichkeit, Krieg und Gewalt ableitete: "Durch Kriege entstanden, konnte das unheilige
Deutsche Reich preußischer Nation immer nur ein Kriegsreich sein. Als solches hat es, ein Pfahl im
Fleische der Welt, gelebt, und als solches geht es zugrunde."

Das vernichtende Urteil des Schriftstellers war der Logik des Rückblicks geschuldet, es entstand aus
der tiefen inneren Erschütterung über den nationalsozialistischen Unrechtsstaat.

Weil der Nationalstaat durch zwei Kriege und beispiellose Gewalt jede Legitimation eingebüßt hatte,
wurden in beiden deutschen Gesellschaften alternative Begründungen der Nation entwickelt, etwa in
der Rückwendung zur kulturellen Einheit der Deutschen in Literatur, Kunst und Musik, im Appell an
die Verantwortungsgemeinschaft der Deutschen für den Frieden in Europa oder seit den Siebziger
und Achtziger Jahren in der Neuentdeckung der Geschichte: Während die DDR Friedrich den Großen
neu entdeckte, wandte man sich in der Bundesrepublik den demokratischen Alternativen zum
autoritären Machtstaat zu, feierte deutsche Jakobiner im Zeitalter der Französischen Revolution, das
Hambacher Fest von 1832 und die Revolutionäre von 1848/49.

Die großen geschichtspolitischen Debatten der Bundesrepublik - sowohl die Kontroverse um die
"Alleinschuld" des Deutschen Reiches am Ausbruch des Ersten Weltkriegs als auch der
Historikerstreit um die Einzigartigkeit des Holocaust - verstärkten den kritischen Umgang mit Nation
und Nationalstaat. Die alternativen Formeln des Verfassungspatriotismus, der reflexhafte Verweis
auf Europa als Garantie dafür, nie wieder in die Gewaltgeschichte des Nationalismus zurückzufallen,
oder nach 1990 die Rede von der "Berliner Republik" als "postnationalem Nationalstaat", die Idee der
Läuterung, des Lernens aus der Geschichte auf dem "langen Weg nach Westen": All diese Formeln
unterstrichen vor allem eine tiefe und anhaltende Unsicherheit.

Die Flüchtlinge in Deutschland sollen sich anpassen - das fordern zumindest viele Politiker. Aber was
ist überhaupt typisch deutsch? Eine Straßenumfrage.

So reicht der Schatten der deutschen Katastrophengeschichte bis in die Gegenwart. Die
Denkmalslandschaft Berlins bildet diesen Umgang mit der Vergangenheit ab, die sich in den
ungezählten Opfern und dem Kampf um ihre öffentlich sichtbare Anerkennung widerspiegelt. Jede
Diskussion um eine Beteiligung deutscher Soldaten an "Auslandseinsätzen" - auch die jetzige -, die
rhetorischen Strategien, um Begriffe wie "Krieg" und "Gefallene" zu umgehen, überhaupt die
Schwierigkeit, eine Balance zwischen ökonomischer Macht und globaler Selbstpositionierung zu
finden - all das sind Symptome eben jener Verunsicherung.
Die Generation, die selbst noch die Erfahrung der Gewaltgeschichte bis 1945 teilte, verwies auf einen
besonderen "deutschen Sonderweg". Die vergleichsweise späte Gründung des deutschen
Nationalstaates 1871, sein Ursprung aus Krieg und Gewalt und nicht aus einer geglückten
demokratischen Revolution, ein politisch schwaches Bürgertum ohne historische Erfolgsmomente
wie 1776 in den Vereinigten Staaten oder 1789 in Frankreich - all dies legte eine negative Kontinuität
nahe vom Ende des 19. Jahrhunderts über die Katastrophe des Ersten Weltkriegs und die durch die
Niederlage belastete Republik von Weimar bis zum Gewaltregime der Nationalsozialisten, dem
Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust.

Doch solche Meistererzählungen sind vom Ergebnis her erzählt, sie folgen der Logik des Rückblicks,
und sie verkürzen in der Suggestion den Blick auf die vielen offenen Momente der vergangenen
Zukunft, sei es 1871 oder 1918. Der Nationalstaat von 1871 war um 1900 sehr viel mehr als nur ein
autoritärer Machtstaat. Er war auch ein Fortschrittsmodell als Rechts-, Verwaltungs- und Sozialstaat,
als Gehäuse einer Wissensgesellschaft, die ein hohes Maß an globaler Vernetzung kennzeichnete.
Und all das waren Errungenschaften, die ohne bürgerliche Modernitätsansprüche nicht zu erklären
waren.

Geht man den Ursprüngen von Nationen und Nationalstaaten nach, dann stößt man nicht allein in
Europa auf lauter Sonderwege. Die alte Vorstellung von westlichen Modellen mit erfolgreichen
Revolutionen, egal ob 1689, 1776 oder 1789, und einer langen deutschen Defizitgeschichte von
Nation und Nationalstaat in Deutschland ist suggestiv, aber sie greift in dieser Einseitigkeit nicht.

Auch andere Nationalgeschichten sind alles andere als homogen, friedlich und per se erfolgreich:
Großbritannien erlebte in seinem Kolonialreich und in Irland gewaltsame Krisen. Das Erbe der
Revolution von 1789 spaltete die französische Gesellschaft lange in deux France. Und mit der
Unabhängigkeit von 1776 wurden in Amerika viele Konflikte vertagt, die später im Bürgerkrieg
wieder blutig hervortreten sollten.

Was also bleibt vom typisch deutschen Umgang mit der Nation? Die Antworten der Historiker im
Blick auf das 19. Jahrhundert als Inkubationszeit von Nation und Nationalstaat sind so vielfältig wie
ihre ganz eigenen Perspektiven. Thomas Nipperdey begann seine Geschichte des deutschen 19.
Jahrhunderts mit dem Satz "Am Anfang war Napoleon". Hans-Ulrich Wehler antwortete darauf in
seiner Gesellschaftsgeschichte mit einem programmatischen "Am Anfang war keine Revolution". Und
Heinrich August Winkler ergänzte die Trias in seinem Buch über den "Langen Weg nach Westen" mit
dem Verweis: "Am Anfang war das Reich".

Egal, ob man die Besonderheit in der vielfältigen Auseinandersetzung mit dem Erbe der
Französischen Revolution in Deutschland sah oder der napoleonischen Flurbereinigung der
deutschen Territoriallandschaft, im Manko einer bürgerlichen Revolution oder im langen Schatten
des Reichsgedankens und der föderalen Vielfalt seit dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation:
Schon die Erbschaften und Leitmotive im Blick auf das 19. Jahrhundert sind und bleiben umstritten.
Gerade das markiert eine deutsche Besonderheit im Umgang mit der Nation, und es erklärt auch
einen Teil der deutschen Obsession mit eben dieser Geschichte.

Im Blick auf die Gewalterfahrungen seit 1914 und 1939/41 sollte sich das gebrochene Verhältnis zu
Nation und Nationalstaat zuspitzen. In der ideologischen Übersteigerung von Nation und Reich
markierte 1945 schließlich das Ende des klassischen deutschen Nationalstaates. Erst die doppelte
Erfahrung von zwei Zerfallskriegen mit beispiellosen Opferzahlen hat Nation und Nationalstaat und
das ihnen zugeordnete Legitimationspotenzial infrage gestellt.

Für keine Gesellschaft dürfte das so paradigmatisch gelten wie für die deutsche: Es war auch die
verdichtete Katastrophengeschichte des frühen 20. Jahrhunderts zwischen 1914 und 1945, die
Westdeutschland und nach 1990 das wiedervereinigte Deutschland für neue Formen transnationaler
Integration und für einen bewussten Souveränitätsverzicht geöffnet haben. Dieser Verzicht wurde
gleichsam zur Staatsräson der Bundesrepublik, nämlich als Voraussetzung für jede Rückkehr auf die
politischen Bühnen nach 1945.

Ohne Zweifel trug diese bewusste Distanzierung von der eigenen Nationalgeschichte dazu bei, dass
Europa, aus dessen kontinentaler Mitte der Zusammenhang von Krieg und Nation im 18. Jahrhundert
im Wesentlichen entstanden war, ein Friedensraum wurde.

Bis zum Ende des Kalten Krieges sah Deutschland sich als friedlich, europäisch integriert. Und jetzt?

1945 endete für Deutschland das Zeitalter der totalisierten und totalen Kriege. In der Nische des
Kalten Krieges, in dem sich Bedrohungsgefühl, Stabilität aus Abschreckung und Gewaltfreiheit
verbanden, entwickelte sich ein komplizierter Umgang mit der Gewaltgeschichte der eigenen Nation.
So setzte sich die schon nach 1918 begonnene Debatte um die Kriegsschuld Deutschlands 1914 in der
frühen Bundesrepublik nach 1949 fort und wurde zu einem entscheidenden Referenzpunkt der
geschichtspolitischen Selbstpositionierung der Westdeutschen nach der Erfahrung zweier
Weltkriege.

Darin lag und liegt die besondere Bedeutung der Fischer-Kontroverse der Sechziger, des
Historikerstreits der frühen Bundesrepublik. Die Debatte entzündete sich an der Position des
Hamburger Historikers Fritz Fischer, der eine Hauptverantwortung des Deutschen Reiches für den
Ausbruch des Ersten Weltkriegs feststellte.

Nicht Weltmachtambitionen Deutschlands stießen Europa in den Abgrund des Ersten Weltkriegs: Der
australische Historiker Christopher Clark schildert, wie es zur Katastrophe von 1914 kam. Sein Buch
"The Sleepwalkers" ist eine Wucht.

Nation und Nationalstaat als Referenzen in der Krise

Wie stark seine Thesen offensichtlich in der deutschen Öffentlichkeit bis in die Gegenwart
weitergewirkt haben, zeigte die Debatte des letzten Jahres. Christopher Clarks Buch "Die
Schlafwandler" wurde in Deutschland zwischen den Polen einer historischen Entlastung Deutschlands
und dem Beharren auf "Alleinschuld" und "Schuldstolz" kontrovers diskutiert - offenbarte aber vor
allem die anhaltende Verunsicherung, die sich im kollektiven Bewusstsein angesichts von zwei
Weltkriegen eingegraben hat und auch nach 100 Jahren nicht verschwunden ist.

Schließlich stellten und stellen seit dem Ende des Kalten Krieges neue Kriege die deutsche
Selbstdeutung als friedlicher europäisch integrierter, postnationaler Staat infrage. Erfolgte das Ende
des Kalten Krieges noch im Zeichen relativ gewaltfreier Übergänge, so folgten aus dem Ende der
Sowjetunion neue national und ethnisch begründete Gewalterfahrungen an den europäischen
Rändern. Die Zerfallszonen der ehemaligen Imperien der Habsburgermonarchie, des Osmanischen
Reiches und des Zarenreichs oder der Sowjetunion sind die Schlachtfelder dieser neuen Kriege
geworden - Jugoslawien in den Neunzigerjahren, die Ukraine und der Nahe Osten in unserer
unmittelbaren Gegenwart.

In diesen Kriegen gilt nicht mehr die Symmetrie des Kalten Krieges auf der Basis der atomaren
Abschreckung. Für die Integration West-, Süd- und Ostmitteleuropas zwischen den Fünfziger und
Neunzigerjahren war es das erfolgreichste Friedensprojekt der neueren Geschichte, indem es die im
Namen von Nationen geführten Kriege der Vergangenheit durch Kooperation und Integration
überwand. Nun ist dieses Projekt selbst in eine Krise geraten.

Viele entdecken heute die eigene Geschichte wieder - als Flucht oder um daraus zu lernen

So erleben wir seit dem Ende des Kalten Krieges eine ganz eigene Gleichzeitigkeit des historisch
Ungleichzeitigen, die gerade die deutsche Verunsicherung im Umgang mit der Nation verstärkt.
Einerseits gibt es viele Hinweise auf die Beschleunigung der supranationalen Integration und der
Erosion des tradierten Souveränitätsbegriffs von Nationalstaaten. Wir erleben, wie der
überkommene Nationalstaat des langen 19. Jahrhunderts in Westeuropa historisiert wird und aus
zwei Richtungen an Bedeutung verliert - durch Souveränitätstransfers etwa an die Institutionen der
Europäischen Union und zugleich durch neue Regionalismen, die sich wie in Schottland oder
Katalonien zu Unabhängigkeitsbewegungen steigern.

Andererseits wirken Nation und Nationalstaat weiterhin als vielerorts entscheidende Referenzen in
der Krise, sei es bei der Garantie von Spareinlagen oder der Sicherung von Staatsgrenzen. Die
Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen hat noch eine andere Dimension: Das Modell der
supranationalen Integration in Europa ist auf die Exekutive, auf Institutionen fixiert und weist ein
erhebliches Demokratiedefizit auf. Es vermittelt wenig emotionale, politisch-symbolische
Überzeugungskraft.

In dieser Bündelung von Umbrüchen gehen in der Gegenwart viele Sicherheiten verloren. Das mag
erklären, warum so viele Deutsche die eigene Geschichte wiederentdecken: manchmal als Flucht aus
der bedrängenden Unübersichtlichkeit, manchmal auf der Suche nach Selbstvergewisserung und
nach Lehren aus der Geschichte. Sie werden lernen müssen, dass man aus den Wegen und Umwegen
von Nation und Nationalstaat in der Vergangenheit keine einfachen Handlungsanweisungen für die
Gegenwart ableiten kann. Man sieht nur mehr.

Jörn Leonhard ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte Westeuropas an der Universität Freiburg.
Zuletzt erschien von ihm das Buch "Die Büchse der Pandora - Geschichte des Ersten Weltkrieges" (Beck-Verlag).