Sie sind auf Seite 1von 198

Zum Buch

Nachdem Hitlers Überfall auf die Sowjetunion im Jahre 1941 mißlun-


gen war, besaß die deutsche Wehrmacht weder die Kraft noch die Re-
serven für eine erneute Offensive gleichen Ausmaßes. Daher wurde
das Angriffsziel bei der Sommeroffensive 1942 auf die Ölfelder im
Kaukasus begrenzt. Nachdem man sie in Blitzkriegmanier erobert
hatte, wollte man nun auch Stalingrad einnehmen, das Tor zum
Norden und zum Ural. Damit begann eine sechs Monate währende
Schlacht, die nach anfänglichen deutschen Erfolgen zum Kessel von
Stalingrad führte, in dem mehr als 250000 deutsche und verbündete
Soldaten steckten, für die es kein Entkommen mehr gab. Erschöpft
und halb verhungert mußten sich General Paulus und die Reste seiner
Armee am 31.1.1943 ergeben. Die nun folgende Gefangenschaft
überlebten die meisten nicht: Nur 5000 Soldaten sahen die Heimat
wieder, die letzten von ihnen erst 1955.
Geoffrey Jukes, der sich einen Namen als Ostfront-Experte gemacht
hat, legt hier einen umfassenden Bericht über dieses dramatische Rin-
gen vor.

2
Stalingrad.
Die Wende
im
Zweiten
Weltkrieg
Geoffrey Jukes

Moewig
3
scanned by

3. Auflage
Titel der Originalausgabe: Stalingrad: The Tuming Point
erschienen im Verlag Pan/Ballantine, London/New York
Aus dem Englischen von Wulf Bergner
© 1968 by Geoffrey Jukes
© 1982 der deutschen Übersetzung
by Verlagsunion Pabel-Moewig KG, Rastatt
Umschlagentwurf und -gestaltung: Werbeagentur Zeuner, Ettlingen
Umschlagfotos: Archiv VPM
Fotos im Innenteil: Archiv VPM
Printed in Germany 1996
Druck und Bindung: Elsnerdruck, Berlin
ISBN 3-8118-7276-1 (60er-Kassette)

4
Die entscheidende Schlacht
Einleitung von Sir Basil Liddell Hart

Der Kampf um Stalingrad war die längste Schlacht des Zweiten


Weltkriegs und erwies sich als die wichtigste. Geoffrey Jukes,
der sich einen Namen als Ostfront-Experte gemacht hat, hat einen
Bericht über dieses gewaltige Ringen geschrieben, der seinem
Thema gerecht wird.
Nachdem Hitlers Überfall auf die Sowjetunion im Jahre 1941
knapp mißlungen war, besaß die Wehrmacht weder die Kraft
noch die Reserven für eine erneute Offensive des gleichen
Ausmaßes wie im Vorjahr, aber Hitler wollte sich nicht damit
zufriedengeben, in der Defensive zu bleiben und seine
Landgewinne zu konsolidieren. Deshalb hielt er nach einer
Offensivlösung Ausschau, durch die sich mit beschränkten
Mitteln mehr als ein beschränktes Ergebnis erzielen ließ. Da die
deutschen Kräfte nicht mehr für eine Offensive auf breiter Front
ausreichten, konzentrierte er sich auf den Südabschnitt, um an
das Öl im Kaukasus heranzukommen - das beide Seiten
brauchten, um einen Bewegungskrieg führen zu können. Falls die
Besetzung der Ölfelder gelang, konnte er seine Truppen nach
Norden einschwenken und den dadurch lahmgelegten russischen
Armeen vor Moskau in den Rücken fallen oder sogar gegen die
hinter dem Ural aufgebaute neue sowjetische Kriegsindustrie
vorstoßen lassen. Die Sommeroffensive 1942 war jedoch
riskanter als die des Jahres 1941, denn durch diesen Stoß nach
Süden stand eine 1500 Kilometer lange Nordflanke praktisch
überall sowjetischen Gegenangriffen offen.

5
Anfangs erwies die deutsche Blitzkriegstechnik sich wieder
einmal als erfolgreich - zum fünftenmal seit der Eroberung
Polens im Jahre 1939. Im Abschnitt Kursk-Charkow gelang ein
rascher Durchbruch, nach dem General Ewald von Kleists 1.
Panzerarmee sich wie eine Flutwelle in den Korridor zwischen
den Flüssen Don und Donez ergoß. Sie stieß über den unteren
Don, das Tor zum Kaukasus, vor und besetzte innerhalb von
sechs Wochen die westlicheren Ölfelder bei Maikop.
Der russische Widerstand war unter dem Eindruck dieser
Offensive zusammengebrochen, und Kleist war in den späteren
Stadien seines Vorstoßes kaum noch auf Gegenwehr gestoßen.
Dies war die schwächste Stunde der Sowjetunion. Ihre
neuaufgestellten Armeen waren erst zum Teil kampfbereit und
nur unzulänglich ausgerüstet - vor allem mit Artillerie.
Zum Glück für die Russen zersplitterte Hitler seine Kräfte,
indem er den Kaukasus und Stalingrad an der Wolga, das Tor
zum Norden und zum Ural, angreifen ließ. Und als die ersten
Angriffe von General Paulus' 6. Armee auf Stalingrad Mitte
August abgewehrt wurden - allerdings nur mit knapper Not -, zog
Hitler immer mehr Truppen aus dem Kaukasus ab, um sie in die
Schlacht um Stalingrad zu werfen. Er konnte es nicht ertragen,
vor „Stalinstadt“ zum Stehen gebracht zu werden, und steigerte
sich in eine Manie hinein. Hitler dezimierte seine Truppen bei
dem Versuch, die Stadt doch noch zu nehmen, und verlor sein
ursprüngliches Hauptziel, die Besitznahme der wichtigen
Ölfelder des Kaukasus, aus den Augen. Als Kleist von Maikop
aus gegen das Ölgebiet von Baku vorstieß, traf seine Armee auf
zunehmenden Widerstand einheimischer Verbände, die jetzt ihre
Heimat verteidigten, und wurde zusehends geschwächt, weil sie
Einheiten für Paulus' Kampf um Stalingrad abstellen mußte.
In Stalingrad wurde die russische Abwehrfront unter den
Hammerschlägen deutscher Angriffe zusammengeschmiedet,
während die Direktheit und die damit verbundene
6
Offensichtlichkeit der feindlichen Angriffe dem sowjetischen
Oberkommando ihre Abwehr erleichterten. Die deutsche
Kräftekonzentration zog außerdem Reserven vom
Flankenschutz ab, der bereits Mühe hatte, die übermäßig lange
Front zu schützen - über 600 Kilometer von Woronesch den
Don entlang bis zu dem Punkt, an dem er sich bei Stalingrad der
Wolga nähert, und von dort aus ebensoweit bis zum Terek im
Kaukasus. Der deutsche Generalstab erkannte die damit
verbundenen Risiken und warnte Hitler im August 1942, daß es
unmöglich sein werde, den Don als Verteidigungslinie zu
halten - aber Hitler ignorierte diese Warnung in seiner
Besessenheit, Stalingrad zu erobern.
Die Lage der sowjetischen Verteidiger erschien immer
gefährdeter und sogar verzweifelt, als der Belagerungsring sich
schloß und die Deutschen ins Herz der Stadt vorstießen. Der
kritischste Tag war der 14. Oktober 1942. Die Russen standen
unterdessen so dicht an der Wolga, daß sie nicht mehr elastisch
verteidigen und Gelände preisgeben konnten, um Zeit zu
gewinnen. Unter der Oberfläche arbeiteten jedoch grundlegende
Faktoren zugunsten der Verteidiger. Die Kampfmoral der
deutschen Angreifer war durch schwere Verluste und ihre
wachsende Enttäuschung angeschlagen, so daß die
Gegenoffensive, zu der die Russen mit frischen Truppen gegen
die von Rumänen und anderen kampfschwächeren Verbündeten
gehaltenen deutschen Flanken antreten wollten, Erfolg versprach.
Diese Gegenoffensive brach am 19. November in vollem
Umfange los.
An mehreren Stellen stießen Angriffskeile in die deutschen
Flanken vor, um Paulus' 6. Armee abzuschneiden. Am 23.
November vereinigten sich die beiden sowjetischen
Angriffsspitzen: Damit waren über eine Viertelmillion
deutscher und verbündeter Soldaten ein gekesselt. Hitler

7
gestattete keinen Rückzug, und eine Befreiungsoffensive im
Dezember 1942 blieb liegen. Selbst dann verweigerte Hitler der
6. Armee die Genehmigung zum Ausbruch nach Westen, bis es
dafür zu spät war, und die Versorgung des Kessels aus der Luft
erwies sich als unzureichend.
Das Ende kam - das Ende einer über sechsmonatigen
Schlacht -, als Paulus und die Masse der Überlebenden seiner
erschöpften und beinahe verhungerten Armee sich am 31.
Januar 1943 ergaben, während der Nordkessel sich noch zwei
Tage länger hielt.
Geoffrey Jukes' Buch profitiert von seiner eingehenden
Kenntnis sowjetischer Quellen - vor allem der sechsbändigen
Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges der UdSSR sowie
der seitdem veröffentlichten Memoiren einiger sowjetischer
Heerführer.
Diese amtliche Darstellung enthielt sehr viel mehr
Tatsachenmaterial als die rein propagandistischen Schil-
derungen, die während des Krieges und in den ersten
Nachkriegsjahren veröffentlicht wurden. Sie korrigie rte die bis
dahin herrschende völlig überzogene Vorstellung von Stalins
dominierendem Einfluß auf die Entscheidungen des
sowjetischen Oberkommandos. Andererseits ist zu
berücksichtigen, daß die revidierte Fassung aus der Ära
Chruschtschow stammt und mit seiner Unterstützung
veröffentlicht wurde, so daß sie dazu neigt, seinen Einfluß auf
die Schlacht um Stalingrad zu stark herauszustellen, während
sie andererseits Stalins Rolle herunterspielt. Außerdem wurde
der Einfluß Marschall Schukows, der zu Stalins Zeit in den
Hintergrund gedrängt, aber nach dem Tod des Diktators erneut
gewürdigt worden war, von Chruschtschow und seinen
Gefolgsleuten wieder unterdrückt. Nach Chruschtschows Sturz
ist er seinen Verdiensten entsprechend gewürdigt worden,
seitdem 1965 eine einbändige Zusammenfassung der ur-
8
sprünglich sechsbändigen Darstellung Inhalt und
Schlußfolgerungen der früheren Ausgabe beträchtlich verändert
hat. Außerdem durfte Schukow seine eigenen Me moiren
schreiben - oder wurde sogar dazu ermuntert -, die
bedeutsamerweise einigen Behauptungen widersprechen, die
Marschall Tschuikow in seiner früheren Schilderung der
Schlacht um Stalingrad aufgestellt hatte.
Dieser lange Prozeß der Geschichtsklitterung und der
Verdrehung geschichtlicher Tatsachen für Propagandazwecke ist
beim Studium von Berichten und Darstellungen aus sowjetischen
Quellen zu berücksichtigen. Er rät auch zur Vorsicht in bezug auf
dort gemachte Angaben über Kräfteverhältnisse und Verluste, die
allerdings eher auf Tatsachen zu basieren scheinen als die früher
veröffentlichten weniger detaillierten Zahlen.

9
„Warum Stalingrad?“

Die große europäische Ebene erstreckt sich von der Küste des
Ärmelkanals durch die Niederlande, Deutschland, Polen und die
Sowjetunion bis zu den Ausläufern des Urals. Gelegentlich
verwandelt sie sich in sanft gewelltes Hügelland, als wolle sie
ihren Charakter ändern, um dann stets wieder in eintönige
Flachheit zurückzuverfallen.
Diese im Norden durch Nord- und Ostsee und im Süden -
zumindest bis in die Ukraine - durch Gebirge begrenzte Ebene
ist seit Jahrhunderten die Bühne gewesen, auf der zuerst die
europäischen Völkerstämme, Kelten, Teutonen und Slawen,
dann religiöse Fanatiker und schließlich die weniger
ideologisch verhafteten, aber deshalb nicht weniger
kriegerischen Armeen der Nationalstaaten, die ihnen
nachfolgten, die blutigen Dramen aufgeführt haben, an denen
die Geschichte Europas bedauerlicherweise so reich ist.
Wegen des Fehlens beherrschender Höhen sind die wichtigsten
Verteidigungsbarrieren auf dieser Ebene zwangsläufig ihre
großen Flüsse: Rhein, Elbe, Oder, Weichsel, Bug, Düna, Dnjestr,
Dnjepr, Don, Wolga und ihre Nebenflüsse, die dort nach Norden
oder Süden fließen. Und an den Ufern des gewaltigsten dieser
Ströme, der Wolga, und ihres kaum geringeren Nachbarn, des
Dons, kam es Ende 1942 und Anfang 1943 zu dem großen
Schlachtenkomplex, der unter dem Begriff „Stalingrad“ in die
Geschichte eingegangen ist.
Hier, wo die weiten Kornfelder der Ukraine in die Steilufer
und Schluchten des Wolgabeckens übergehen, prallten die
Armeen zweier militanter Ideologien im Kampf um eine Stadt
10
aufeinander, die ursprünglich nicht als wichtiges militärisches
Ziel gegolten hatte, aber durch den Symbolgehalt ihres Namens
und die Hartnäckigkeit ihrer Verteidiger zum
Kristallisationspunkt der Anstrengungen beider Seiten wurde
und den Traum von einem Großgermanischen Reich im Osten
zum Einsturz brachte.
Allerdings war dies nicht das erste Mal, daß die Rote Armee
die Deutschen zum Stehen gebracht hatte. Die unaufhaltsame
Flut der deutschen Eroberer hatte sich im Sommer 1941 über das
europäische Rußland ergossen, wie sie sich im Vorjahr über
Westeuropa ergossen hatte, und eine schlecht ausgerüstete,
schlecht ausgebildete und schlecht geführte Division der Roten
Armee nach der anderen hatte das Schicksal der Polen,
Franzosen, Holländer, Belgier, Jugoslawen und Griechen geteilt:
Einkreisung und Gefangennahme. Sie hatten zusätzlich das harte
Los barbarischer Mißhandlungen in der Gefangenschaft zu
ertragen, da die Sowjetunion nicht zu den Unterzeichnerstaaten
der Genfer Konvention über die Behandlung von
Kriegsgefangenen gehörte und weil der Russe in der
schrecklichen Rassenhierarchie der Nazis, an deren Spitze das
„Herrenvolk“ der Deutschen stand, gemeinsam mit dem Juden
ganz unten stand. Die deutsche Achtung vor Recht und Gesetz,
die bestenfalls eine einigermaßen korrekte Behandlung der in
West- und Nordeuropa gemachten Kriegsgefangenen bewirkte,
führte schlimmstenfalls zu einer Tendenz, mehr auf den
Buchstaben als auf den Geist des Gesetzes zu achten, was im
Osten unvorstellbare Folgen haben sollte.
Es gab keine legalen Barrieren, die die Sieger daran
gehindert hätten, mit brutalsten Methoden gegen die hilflosen
Massen russischer Kriegsgefangener vorzuge hen, die zu
Hunderttausenden in den Lagern starben. Etwa 5500000
Offiziere und Mannschaften der Roten Armee gerieten während
des Krieges in deutsche Gefangenschaft - drei Viertel davon im
11
Jahre 1941 -, und etwa 4000000 fanden bis Kriegsende den
Tod. Die Zivilbe völkerung wurde kaum besser behandelt, vor
allem nicht, nachdem die Wehrmacht weiter nach Osten
vorgestoßen war und die besetzten Gebiete der Zivilverwaltung
mit ihrer Gestapo, ihren Einsatzgruppen (Erschießungs-
kommandos) und ihren Konzentrationslagern übergeben hatte.
Das hatte in den besetzten Gebieten zu einer Abkühlung der
Begeisterung für den Nationalsozialismus als Erlösung von den
Schrecken von Stalins Herrschaft geführt und in den unbesetzten
Gebieten den Widerstandswillen gestärkt, denn die drakonische
Strenge des Stalinismus wurde immerhin durch die Aussicht auf
eine bessere Zukunft gemildert, die sich bereits in Form der
durch die Fünfjahrespläne eingeleiteten industriellen Revolution
abzeichnete. Stalin strafte die Russen mit Knutenhieben, aber
Hitler benützte für diesen Zweck Skorpione, und der
Nationalsozialismus bot den Slawen lediglich die Aussicht auf
ein Helotendasein in den deutschen Wehrdörfern, die errichtet
werden sollten, um den Osten zur Kornkammer des
Tausendjährigen Reiches zu mache n.
Obwohl viele zur Zusammenarbeit mit den Deutschen bereit
waren, weil sie einen deutschen Sieg für unvermeidbar hielten,
persönlich unter dem Stalinismus gelit ten hatten, ihre
Angehörigen ernähren wollten oder den Wunsch hatten, das
russische Joch abzuschütteln (diese Begründung traf vor allem
auf einige der nichtrussischen Minoritäten zu, aus denen über
ein Drittel der sowjetischen Bevölkerung besteht), war für die
meisten Russen die eigene Diktatur das erheblich kleinere der
beiden möglichen Übel. Als die Kommunistische Partei
geschickt Beweise für die von Nazis verübten Greueltaten
veröffentlichte und Konzessionen machte, um den Patriotismus
zu fördern und religiöse Gefühle für die gemeinsame Sache
einzuspannen, wuchs der sowjetische Widerstand, und die

12
Bevölkerung stellte sich hinter Stalin, wie sie es in
Friedenszeiten nie getan hatte.
Trotz brillanter Siege im Sommer und Herbst 1941 mußten
die Deutschen deshalb feststellen, daß die Rote Armee und das
Stalin-Regime noch keineswegs am Ende waren, als der Winter
kam. Von den drei Hauptzielen - Leningrad, Moskau und
Kiew - waren die beiden ersten bei Wintereinbruch noch nicht
genommen, und - noch bedrohlicher - die sowjetischen Truppen
wurden merklich besser geführt, weil die alte Garde der
stalinistischen Generale in den Hintergrund gedrängt und durch
jüngere Männer mit moderneren Auffassungen und besserer
militärischer Ausbildung ersetzt worden war.
Der hervorragendste Vertreter dieser neuen Generation war
zweifellos der ehemalige Generalstabschef, Armeegeneral
Georgij Konstantinowitsch Schukow, der es seiner
Entschlußfreudigkeit und seinem Durchsetzungsvermögen
verdankte, daß er jetzt in entscheidende Positionen gelangte. Im
Oktober 1941 entsandte Stalin ihn nach Leningrad, wo er in
dreitägiger hektischer Aktivität Ordnung in die bis dahin
chaotische Verteidigungsorganisation brachte und die Abwehr so
organisierte, daß sie selbst unter anderer Führung einer über
900tägigen Belagerung standhalten konnte. Von dort aus wurde
er dringend nach Moskau zurückgerufen, das sich in
unmittelbarer Gefahr befand, erobert zu werden.
Sein Einsatz und sein Rat als Oberbefehlshaber der
sowjetischen Westfront (der Moskau verteidigenden
Heeresgruppe) und Angehöriger der „Stawka“ (des
sowjetischen Oberkommandos) trugen nicht nur dazu bei, den
deutschen Angriff zurückzuschlagen, sondern ermöglichten
sogar eine improvisierte Gegenoffensive, die das Wetter und die
Erschöpfung der Deutschen ausnützte, um die Wehrmacht
zurückzuwerfen, die deutsche Heeresgruppe Mitte bis an den
Rand des Zerfalls zu bringen und Deutschland in diesem Krieg
13
die erste große Niederlage in einer Landschlacht zuzufügen.
Danach war die Wehrmacht nie mehr imstande, wie 1941 eine
strategische Offensive entlang der gesamten Ostfront zu führen.
Schukows Offensive blieb jedoch wegen Mangels an Nachschub
liegen, und beide Seiten legten eine Kampfpause ein, um Bilanz
zu ziehen. Die deutschen Generale schienen die Bedeutung
dieses Rückschlags nicht recht zu erfassen. Sie erklärten sich die
Niederlage als Folge von Hitlers Schwanken in bezug auf die zu
setzenden Prioritäten, des Herbstschlamms oder des strengen
Winters - als ob Stalin niemals durch das Schwanken und die
Fehlentscheidungen von Generalen der Roten Armee behindert
worden sei, als ob Regen und Schnee nicht auf Herrenmenschen
wie Untermenschen gefallen seien und als ob der Einsatz
deutscher Truppen in einem Bewegungskrieg, der bei
Temperaturen geführt werden sollte, die alle Schmierstoffe
erstarren ließen, so daß Fahrzeuge und Geschütze
bewegungsunfähig waren, nicht einen Mangel an
Führungsqualitäten bewiesen habe, für den sie verantwortlich
waren.
Wenn die sowjetischen Truppen zweckmäßige Win-
terkleidung besaßen, während die Deutschen keine hatten,
mußte sich irgendein Sündenbock dafür finden lassen. Man
hätte glauben können, Stalin sei es mit seiner
Geheimhaltungswut gelungen, nicht nur die Stärke der
Reserven der Roten Armee zu tarnen, sondern auch die Strenge
der russischen Winter zu verheimlichen. Aber das würde sich
alles ändern, wenn die nächste Sommeroffensive anlaufen
konnte. Die Schlacht um Moskau war nicht von der
sowjetischen Generalität gewonnen worden - den Sieg hatte
„General Winter“ davongetragen (mit Unterstützung des
Führers). Unterdessen hatten die Deutschen nützliche
Erfahrungen bei Abwehrkämpfen sammeln können, die ihnen
ihre angriffsorientierte Ausbildung nicht vermittelt hatte.
14
Auf diese Weise beruhigt, übersahen die deutschen Generale
die eigentliche Lektion des Winterfeldzugs: daß der Erfolg des
gesamten Ostfeldzugs davon abhing, ob es gelang, die Rote
Armee zu zerschlagen, bevor sie imstande war, schnelle
Panzerverbände zu bekämpfen - was im Grunde genommen
bedeutete, daß sie bis zum Winter 1941 niedergeworfen werden
mußte. Es gab bereits Anzeichen dafür, daß die
selbstmörderischen sowjetischen Versuche, den Deutschen
standzuhalten, die zwangsläufig zur Einkesselung ganzer Armeen
geführt hatten, bei durch den Menschenmangel geförderter
nüchterner Überlegung aufgegeben wurden. Sobald die Russen
ihre Lehren aus dem Sommerfeldzug 1941 gezogen hatten (was
Schukow bereits getan hatte, wie sein Befehl zeigte, mit dem er
während der sowjetischen Gegenoffensive vor Moskau
kategorisch Frontalangriffe gegen Stützpunkte verbot und statt
dessen Umgehungsangriffe anregte), würde die Rote Armee in
der bevorstehenden Offensivperiode schwerer zu fassen sein.
Die sowjetische Führung, insbesondere Stalin, überschätzte
allerdings die Bedeutung der bisher kaum merklichen
Veränderung des strategischen Gleichge wichts, wie die
Deutschen sie ihrerseits unterschätzten, und wollte mit einer
Offensive auf ganzer Frontbreite an Schukows Erfolg
anknüpfen.
Die Ereignisse, aus denen sich später zwangsläufig die
Schlacht um Stalingrad entwickelte, begannen am 5. Januar
1942. An diesem Tag wurde Schukow aus seinem Hauptquartier
an der Westfront (im sowjetischen militä rischen Sprachgebrauch
bedeutet „Front“ eine Heeresgruppe) zu einer Stawka -
Besprechung beordert, auf der über zukünftige Operationen
diskutiert wurde. Bei dieser Gelegenheit legte Stalin einen Plan
für eine Generaloffensive entlang der gesamten Front zwischen
Leningrad und Schwarzem Meer vor.

15
Schukow war sich darüber im klaren, daß die Deutschen trotz
der schweren Niederlage, die sie im mittleren Frontabschnitt
erlitten hatten, und des weniger bedeutsamen Rückschlags, den
sie im Süden hatten hinnehmen müssen, nach wie vor ein starker
und gefährlicher Gegner waren. Deshalb plädierte er für eine
Großoffensive in der Mitte der langen Front, wo die deutsche
Heeresgruppe Mitte am meisten angeschlagen war. Aber Stalins
Entschluß stand fest, und nach der Besprechung erklärte
Marschall Schaposchnikow, der Chef des Generalstabes,
Schukow: „Sie hätten sich Ihre Gegenargumente sparen können;
der Oberbefehlshaber hatte bereits entschieden. Die Befehle sind
schon erteilt...“
„Aber warum hat er dann unsere Meinung hören wollen?“
„Das weiß ich auch nicht, mein Lieber, das weiß ich auch
nicht“, antwortete Schaposchnikow seufzend. Er war ebenfalls
gegen eine Generaloffensive.
Einige Tage später begann die Offensive, die jedoch nirgends
stark genug war, um einen durchschlagenden Erfolg zu erzielen.
Statt dessen brachte sie an einigen Frontabschnitten
katastrophale Mißerfolge, so daß die Rote Armee im
kommenden Sommer um so schwächer würde antreten müssen.
Noch schlimmer war die damit verbundene Stärkung der
Kampfmoral des deutschen Ostheeres, das seine ersten großen
Abwehrschlachten geschlagen und dabei Erfahrungen gesammelt
hatte, die seine Offensivausbildung ihm ursprünglich nicht
vermittelt hatte. Auf diese Weise vertat die Rote Armee ihre
Chance, in der Frontmitte einen Durchbruch zu erzielen, so daß
ein weiterer Sommerfeldzug auf russischem Boden unver-
meidlich wurde. Beide Seiten begannen mit der Planung ihrer
Offensiven, die beide im Süden der langgestreckten Front
stattfinden sollten.
Durch die Winterkämpfe war eine vielfach ein- und
ausgebuchtete Frontlinie entstanden: Leningrad wurde belagert,
16
ein Teil der Krim befand sich noch in sowjetischer Hand, und
südlich von Charkow sprang die sowjetische Front bei
Barwenkowo weit vor. Deshalb beabsichtigte die Stawka,
Leningrad und die belagerte Festung Sewastopol auf der Krim
zu entsetzen und einen Großangriff aus dem Frontvorsprung bei
Barwenkowo sowie nördlich davon zu führen. Dieser
Großangriff sollte der Mittelpunkt der ganzen Sommeroffensive
sein und auf die Zurückgewinnung von Charkow abzielen.
Vorgesehen war der Einsatz von Kräften zweier Heeresgruppen
- der Südwest- und der Südfront - unter dem Oberbefehl von
Marschall S. K. Timoschenko, einem Bürgerkriegsveteran, der
nach dem Debakel im Winterkrieg gegen Finnland
Volkskommissar für Verteidigung geworden war und eine
rücksichtslose Reorganisation der Roten Armee durchgeführt
hatte.
Die Offensive aus dem Frontvorsprung bei Barwenkowo sollte
in Form einer Zangenbewegung durch die 6. Armee (General A.
M. Gorodnjanski) stattfinden, die vom Nordrand der
Ausbuchtung nach Charkow vorstoßen würde. Aus dem Gebiet
um Wolschansk im Nordosten der Stadt würde ihr General D. I.
Rjabischows 28. Armee mit Teilen der benachbarten 21. und 38.
Armee entgegenkommen. Eine Kampfgruppe unter Befehl von
Generalleutnant L. W. Bobkin würde aus dem Frontvorsprung
nach Westen in Richtung Krasnograd angreifen, um der 6. Armee
bei ihrem Vorstoß nach Norden den Rücken freizuhalten. Und
damit die deutschen Kräfte im Süden des Frontvorsprungs nicht
abgezogen werden konnten, sollten die 9. Armee
(Generalleutnant F. M. Charitonow) und die 57. Armee (General
K. P. Podlas) zu begrenzten Offensiven antreten, mit denen die
Deutschen festgenagelt werden sollten.
Dieser Angriffsplan war verhältnismäßig leicht vor-
ausberechenbar: Er ergab sich aus dem Frontverlauf und der
Tatsache, daß Charkow die zweitgrößte russische Stadt in
17
deutscher Hand sowie das deutsche Fernmelde- und
Nachschubzentrum im Süden war. Trotzdem hätte der
sowjetische Plan nicht unbedingt fehlschlagen müs sen; viele
noch biederere Vorhaben sind unter günstigen Voraussetzungen
geglückt. Der grundlegende Fehler lag woanders: Der
sowjetische Angriffsplan paßte wie bestellt zu den deutschen
Offensivplänen.
Mit seinem Sommerfeldzug verfolgte Hitler weit ehrgeizigere
Pläne als Stalin, aber bevor er an ihre Verwirklichung gehen
konnte, mußte die Wehrmacht die Voraussetzungen dafür
schaffen. Der sowjetische Brückenkopf auf der Krim und der
Einbruch bei Barwenkowo sollten beseitigt werden. Während
Timoschenko in dem Frontvorsprung Angriffskräfte
zusammenzog (darunter etwa 600 Panzer, zwei Drittel seiner
gesamten Panzerkräfte), konzentrierte Generalfeldmarschall
Fedor von Bock, der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Süd,
die Masse seiner 6. Armee (Generaloberst Friedrich Paulus) im
Norden der Ausbuchtung und stellte die 1. Panzerarmee
(Generaloberst Ewald von Kleist) im Süden bei Barwenkowo
auf. Das bedeutete, daß Timoschenkos beste Waffen - die
mittleren Panzer des Typs T 34 und die schweren Panzer des
Typs KW 1, die allen deutschen Panzern zumindest gleichwertig,
wenn nicht sogar überlegen waren - nach Westen ins Leere
stoßen würden, während die eigentliche Bedrohung sich hinter
ihnen entwickelte: das Unternehmen „Fridericus“ zur Front-
begradigung.
Keiner der beiden Oberbefehlshaber ahnte, was der andere
vorhatte, aber Bock konnte von Glück sagen, daß seine
Angriffsvor bereitungen nicht abgeschlossen gewesen waren,
bevor Timoschenkos Panzer ins Leere stie ßen, denn sonst wäre
seine Heeresgruppe Süd ernsthaft gefährdet gewesen.
Tatsächlich eröffnete Timoschenko seine Offensive am 12. Mai
1942 und kam Bock damit etwa eine Woche zuvor. Anfangs
18
schien Timoschenkos südlicher Arm gut voranzukommen
(obwohl der Vorstoß im Norden von Anfang an sehr schwierig
war), und aus der Sicht des sowjetischen Marschalls war
lediglich beunruhigend, daß seine im Süden angreifenden Pan-
zerbrigaden auf verhältnismäßig schwachen Widerstand stießen.
Wohin waren die Deutschen verschwunden?
Diese Frage wurde am 17. Mai beantwortet, als Stoßtrupps, die
den Auftrag hatten, Art und Stärke der an der Südflanke
stehenden Kräfte aufzuklären, mit Gefangenen aus der 1.
Panzerarmee zurückkamen. Timoschenko erkannte, daß er in
eine Falle geraten war und daß seine Armeen mit jeder Stunde in
noch größere Gefahren hineinstießen; er rief die Stawka an und
bat um Erlaubnis, das Vormarschtempo drosseln zu dürfen,
während er seine Kräfte umgruppierte, um dieser neuen
Bedrohung entgegentreten zu können. Diese Erlaubnis wurde
nicht erteilt. Charkow sollte um jeden Preis zurückerobert
werden.
Die sowjetische Offensive war nicht ohne Auswirkungen auf
Bocks Entscheidungen geblieben. „Fridericus“ war als
gewöhnliche Zangenbewegung geplant gewesen, in deren
Verlauf die eingebrochenen russischen Kräfte von Norden und
Süden her abgeschnitten werden sollten. Aber das war nicht
mehr möglich, weil die im Norden stehende Wiener 44.
Infanteriedivision unter sehr starken sowjetischen Druck geriet,
dem sie kaum standhalten konnte, so daß an keinen Vorstoß von
Norden her zu denken war.
Bock entschied sich deshalb mit einigen Bedenken, das
Unternehmen „Fridericus“ mit nur einem Angriffskeil
durchzuführen: Lediglich die 1. Panzerarmee würde von Süden
her in die Ausbuchtung vorstoßen und dabei von Infanterie der
17. Armee unterstützt werden. Dazu wurden zwei
Panzerdivisionen, eine motorisierte Division und acht
Infanteriedivisionen südlich von Barwenkowo
19
zusammengezogen und am Morgen des 17. Mai 1942 in die
Schlacht geworfen - einen Tag früher, als das als
Zangenbewegung geplante Unternehmen „Fridericus“ hätte
beginnen sollen.
Anfangs gab es Schwierigkeiten beim Durchbruch durch die
russischen Stellungen, aber am Nachmittag des 22. Mai
erreichte die 14. Panzerdivision das Südufer des Donez bei
Bayrak und stellte dadurch die Verbindung zu der bedrängten
44. Division her. Damit war der Kessel geschlossen. Er enthielt
den größten Teil von Timoschenkos Kampfgruppe, denn
obwohl der Marschall am 19. Mai von der Stawka die Erlaubnis
zum Abbruch der Offensive erhalten und General Kostenko,
seinen Stellvertreter, nach vorn geschickt hatte, um ihn den
Rückzug organisieren zu lassen, war Kleist zu rasch vorange-
kommen.
Einzelnen sowjetischen Einheiten gelang der Durchbruch
nach Osten, aber die Mehrzahl der eingekesselten Kräfte wurde
zerschlagen: 29 sowjetische Divisionen waren vernichtet, viele
andere schwer angeschlagen. Drei Armeen - die 6., 9. und 57.
Armee - waren mit ihren Oberbefehlshabern
zugrundegegangen. Nur Charitonow, der Oberbefehlshaber der
9. Armee, und sein Stab waren im letzten Augenblick
ausgeflogen worden. Kostenko war tot; Bobkin und seine
Kampfgruppe existierten nicht mehr. Die 9. Armee, die sich
unter Charitonows Oberbefehl bei den Abwehrschlachten im
Herbst des Vorjahres ausgezeichnet hatte, würde bei den
zweifellos bevorstehenden Abwehrkämpfen sehr fehlen. Zwei
Drittel der Panzer waren verlorengegangen.
Dabei war das nur ein Unternehmen zur Frontbegradigung
gewesen. Die eigentliche deutsche Sommeroffensive stand erst
bevor.
Viele der deutschen Generale waren gegen den Überfall auf
die Sowjetunion gewesen, weil sie die keineswegs besiegten
20
Engländer in ihrem Rücken fürchteten und damit rechneten, daß
England eines Tages zum Ausgangspunkt einer Invasion
Europas werden würde, die den von Deutschland zu
vermeidenden Zweifrontenkrieg nach sich ziehen mußte.
Da der ehrgeizige Feldzugsplan des Jahres 1941, der eine
Offensive auf ganzer Front vorgesehen hatte, weder die
erwartete Vernichtung der Roten Armee noch den
Zusammenbruch von Stalins Diktatur gebracht hatte, mußten
die Generalstäbler sich eingehender mit den militärischen,
politischen und wirtschaftlichen Voraus setzungen des
Rußlandfeldzuges befassen, um dann zu entscheiden, wo sie mit
schwächeren Kräften zu einem Hauptstoß ansetzen wollten.
Auch Hitler war mit politischen und wirtschaftlichen
Realitäten beschäftigt, denn der 1941 wider Erwarten nicht
errungene Sieg verstrickte Deutschland zwangsläufig in einen
langen Krieg, in dem es jetzt drei große Industrienationen gegen
sich hatte - darunter einen Koloß wie die Vereinigten Staaten.
Im Sommer und Herbst 1941 hatte das Stalin-Regime
Niederlagen überstanden, die alles übertrafen, was im Ersten
Weltkrieg zum Sturz der Zarenherrschaft geführt hatte.
Abgesehen von den bereits erwähnten Gründen war es eine
Tatsache, die Hitler vielleicht klarer als seine Generale sah, daß
Rußland durch die Industrialisierung kriegstüchtiger geworden
war, als es unter den Zaren jemals hatte sein können. Viele der
neuen Schwerindustrien der Sowjetunion - vor allem die großen
Stahlwerke im Ural, zum Beispiel in Magnitogorsk - befanden
sich für absehbare Zeit außerhalb des Wirkungsbereichs
deutscher Waffen, und die Produktionskapazität der
sowjetischen Panzerfabriken hinter dem Ural war durch aus den
westlichen Gebieten gerettete Maschinen erhöht worden. Auch
die sowjetische Flugzeugproduktion stieg stetig an.
Nachdem der Überfall auf die Sowjetunion nicht zum Sieg
geführt hatte, war es deshalb wahrscheinlich, dass der russische
21
Bär - falls er nicht bald erlegt wurde - auf die Dauer siegreich
bleiben würde, zumal er jetzt die Industriemacht Amerika hinter
sich hatte.
Aber der Wirtschaftsriese Sowjetunion hatte eine eindeutige
Achillesferse: Die sowjetischen Ölvorkommen lagen vor allem
im Kaukasus, und von den Ölfeldern um Maikop, Grossnij und
Baku aus gab es nur wenige Hauptrouten, auf denen es die
Umschlagplätze erreichen und später die Rad- und
Kettenfahrzeuge der Roten Armee antreiben konnte. Eine
Bahnstrecke führte über Rostow. Eine weitere zweigte in
Tichorezk von der ersten ab und führte nach Stalingrad; eine
dritte verlief an der Westküste des Kaspischen Meeres von
Baku über Grossnij nach Astrachan, wo sie Anschluß an das
innerrussische Eisenbahnnetz fand. Der letzte und wichtigste
Transportweg war die mächtige Wolga, auf der riesige
Ölmengen direkt von Baku aus verschifft wurden.
Mit der Einnahme von Rostow wäre die erste Route
unterbrochen gewesen. Sobald Maikop und Grossnij, die beide
nördlich des Kaukasus lagen, sich in deutscher Hand befanden,
waren die zweite und dritte Eisenbahnstrecke unbenutzbar. Und
wenn erst einmal deutsche Truppen an der Wolga standen, war
die letzte Route gesperrt, was den Kollaps der sowjetischen
Wirtschaft und den Zusammenbruch der Roten Armee bewirken
mußte. Gelang es sogar, den Kaukasus zu überqueren und Baku
zu nehmen, konnte Deutschland mit russischem Erdöl einen
langen Krieg führen, ohne auf die rumänischen Ölfelder bei
Ploesti angewiesen zu sein, die von sowjetischen Bombern von
der Krim aus (solange dort noch ein sowjetischer Brückenkopf
existierte) oder von englischen oder amerikanischen
Langstreckenbombern aus dem Mittleren Osten angegriffen
werden konnten.
Allein diese Gründe hätten Hitler veranlassen müssen, das
Hauptgewicht der deutschen Sommeroffensive 1942 in den
22
Süden zu legen. Aber es gab noch weitere: Deutschland hielt
den Westteil des Charkower Industrie gebiets besetzt, aber der
Ostteil - das Kohle - und Stahlrevier des Donbass-Gebiets -
befand sich nach wie vor in sowjetischer Hand. Ein Vorstoß
zur Wolga würde mitten durch dieses Gebiet führen und seine
Industriekapazität für Deutschland nutzbar machen.
Außerdem konnte eine erfolgreiche Offensive im Süden sich
politisch bezahlt machen. Unter Umständen gelang es, die
Türkei zur Aufgabe ihrer Neutralität zu veranlassen, denn
obwohl die amtliche türkische Politik im allgemeinen auf der
Seite der Alliierten stand, war die Bevölkerung wegen der
Waffenbrüderschaft im Ersten Weltkrieg sehr
deutschfreundlich. Indem die Deutschen den Erbfeind der
Türken besiegten, an der türkisch-russischen Grenze erschienen
und die durch den Iran führende Nachschubroute von Amerika
in die Sowjetunion unterbrachen, so daß der Iran nicht mehr
fürchten mußte, unter die Herrschaft dieser beiden Mächte zu
geraten, konnte Deutschland zu einem Machtfaktor im Mittleren
Osten werden. Falls die Türken mitspielten, konnten die
Deutschen die englische Position im Mittleren Osten gefährden,
indem sie zu den Ölfeldern am Persischen Golf vorstießen und
später den Suezkanal erreichten, um die englische 8. Armee in
Nordafrika in die Zange zu nehmen.
Das waren selbstverständlich langfristige Überlegungen.
Anfang 1942 standen die deutschen Generalstäbler vor der
bescheideneren, aber noch immer gewaltigen Aufgabe, die
Positionen zu erreichen, von denen aus sie vielleicht daran
gehen konnten, diese verlockenden Ideen zu verwirklichen, die
ihre Existenz der zügellosen Phantasie Hitlers verdankten. Nach
den Verlusten durch die Winterschlachten fiel es den Deutschen
nicht leicht, die lange Ostfront zu halten. Durch einen Vorstoß
nach Südosten in Richtung Kaukasus würde sich die Front noch
mehr verlängern, und die dorthin entsandten Kräfte standen
23
nicht als Eingreifreserve zur Verfügung, falls der Russe in
anderen Frontabschnitten Einbrüche erzielte; außerdem waren
sie in Gefahr, durch einen sowjetischen Gegenstoß, der entlang
des Dons in Richtung Rostow denkbar war, abgeschnitten zu
werden.
In diesem Fall würden die deutschen Kräfte sich hastig aus
dem Kaukasus und vom Kuban zurückziehen müs sen. Deshalb
mußten Nordflanke und Rücken des Angriffskeils vor dieser
Bedrohung geschützt werden, wobei sich die Frage erhob, wo
dieser Flankenschutz eingesetzt werden sollte. Zu
berücksichtigen war dabei, daß die deutschen Truppen bereits
sehr auseinandergezogen waren und daß die verhältnismäßig
schlecht ausgerüsteten, unzulänglich ausgebildeten und nicht
sonderlich begeisterten rumänischen, italienischen und
ungarischen Truppen, die als Deutschlands Verbündete im
Osten standen, für dieses Unternehmen benötigt wurden.
Schon ein flüchtiger Blick auf die Karte läßt die Ideallinie
erkennen. Südlich des Verkehrsknotenpunktes Woronesch biegt
der Don nach Osten ab, um bei Serafimowitsch wieder nach
Süden zu fließen, bis er schließlich endgültig nach Westen strömt
und ins Asowsche Meer mündet. Die Wolga biegt ihrerseits
zwischen ihrer Mündung bei Astrachan und Stalingrad nach
Westen aus. Jede am Don verlaufende Verteidigungslinie mußte
deshalb den Fluß bis zu einem Punkt östlich von Serafimowitsch
vor sich haben - und von dort bis zur Wolga waren es nur etwa
70 Kilometer. Lediglich dort konnte die Rote Armee angreifen,
ohne zuvor in feindlichem Feuer einen breiten Strom
überschreiten zu müssen, so daß die Wolga im Bereich Stalingrad
sich als Angelpunkt des Ostflügels der deutschen Flankensiche-
rung geradezu anbot.
Dort ist der Fluß etwa 1,5 Kilometer breit. Die Schiffahrt auf
der Wolga konnte durch Bomben und Artilleriefeuer unterbunden
werden, und etwaige sowjetische Angriffsversuche über den Fluß
24
hinweg würden durch dieses natürliche Hindernis erschwert
werden. Stalingrad brauchte nicht gleich genommen zu werden:
Die vom Norden abgeschnittene Stadt würde sich unmöglich
lange verteidigen lassen.
Deshalb existierte kein eigener Plan zur Eroberung Stalingrads.
„Anfangs war Stalingrad für uns nur ein Name auf der Karte“,
sagte Kleist nach dem Krieg, und wie die Stadt allmählich aus
ihrer Nebenrolle in die Hauptrolle hineinwuchs, zeigt sich in
Hitlers Feststellungen und Weisungen im Laufe des Jahres, in
dem politische, wirtschaftliche und militärische Faktoren seinen
brillanten, aber wirren Geist beschäftigten und um Vorherrschaft
rangen.
Der im vorigen Winter entworfene Angriffsplan des
Oberkommandos des Heeres (OKH) hatte lediglich einen
kleineren Vorstoß im Süden vorgesehen. Das Schwergewicht
sollte im Norden liegen, wo Leningrad genommen und die
Verbindung zu den Finnen hergestellt werden sollte. Dieser
Plan wurde abgelehnt, aber das Unternehmen gegen Leningrad
fand sich in allen späteren Entwürfen wieder, und diese
Tatsache sollte sich dann auf die Kämpfe an der weit entfernten
Wolga auswirken.
Am 28. März 1941 legte der Chef des Generalstabes des
Heeres, Generaloberst Franz Halder, ein brillanter Stratege, der
ungewöhnlicherweise nicht aus dem preußischen Generalstab,
sondern aus der alten bayerischen Armee hervorgegangen war
(und - was noch ungewöhnlicher war - schon 1938 zu den
Hauptfiguren eines fehlgeschlagenen Attentatsversuchs auf
Hitler gehört hatte), bei einer Besprechung in Hitlers
Hauptquartier Wolfsschanze bei Rastenburg in Ostpreußen den
überarbeiteten Operationsplan für die Sommeroffensive vor. Er
hatte den Decknamen „Operation Blau“ erhalten (seit dem
Fehlschlagen des Unternehmens „Barbarossa“ benützte der

25
Generalstab wieder Farben als Decknamen) und sah eine
zweistufige Offensive vor.
Die deutsche Sommeroffensive war ungewöhnlich, weil sie
von einer zurückweichenden Front aus geführt werden sollte, so
daß die am weitesten westlich stehenden Kräfte sich zuerst in
Bewegung setzen mußten. Sie würden aus dem Raum Kursk-
Charkow nach Südosten den Don entlang vorstoßen,
Timoschenkos Armeen vom Fluß abschneiden und sich hinter
sie schieben. Im richtigen Augenblick würden weitere deutsche
Kräfte am Südostende der Angriffsfront aus Stellungen am
Mius nach Osten angreifen, um die sowjetische Südfront nach
Nordwesten abzudrängen. Die beiden Angriffskeile wür den sich
westlich von Stalingrad vereinigen, die sowjetischen Fronten -
Südwest und Süd - einkesseln und erst nach Abschluß dieser
Phase nach Süden in den Kaukasus und zu den Ölfeldern
vorstoßen.
Hitler akzeptierte diesen Angriffsplan, aber er war nicht mit
der dafür ausgearbeiteten Weisung einverstanden, sondern
bestand darauf, sie selbst zu formulieren, wobei er stärker auf
Einzelheiten einging, als dies bisher üblich gewesen war. („Die
Weisung hat ... Befehlscharakter, ist aber vom Befehl dadurch
unterschieden, daß die Art der Ausführung der gegebenen
Richtlinien den untergeordneten Dienststellen und
Kommandobehör den überlassen wird“, schreibt Walther
Hubatsch - aber Hitler mißtraute seinen Generalen vor alle m
seit dem Winterdebakel.)
Deshalb gibt uns die Weisung Nr. 41 vom 5. April 1942
einen recht guten Einblick in Hitlers Überlegungen zu diesem
Zeitpunkt. Er führte darin aus, zunächst seien „alle greifbaren
Kräfte zu der Hauptoperation im Süd-Abschnitt zu vereinigen
mit dem Ziel, den Feind vorwärts des Dons zu vernichten, um
sodann die Ölgebiete im kaukasischen Raum und den Übergang
über den Kaukasus selbst zu gewinnen“.
26
An anderer Stelle hieß es: „Auf jeden Fall muß versucht
werden, Stalingrad selbst zu erreichen oder es zumindest so
unter die Wirkung unserer schweren Waffen zu bringen, daß es
als weiteres Rüstungs- und Verkehrszentrum ausfällt.“ Damit
waren die Prioritäten gesetzt. Während „alle greifbaren Kräfte“
zusammenge faßt werden sollten, um die sowjetischen Armeen
im Süden zu vernichten, sollte nur „versucht werden, Stalingrad
selbst zu erreichen“ oder so nahe heranzukommen, daß die
Stadt beschossen werden konnte.
Für diese Operation wurden Bock starke deutsche Kräfte
unterstellt. Die nördlichen Umklammerungsverbände am Don
bestanden aus der 4. Panzerarmee (Generaloberst Hermann
Hoth) und der 6. Armee (Generaloberst Paulus); ihr südliches
Gegenstück wurde aus der 1. Panzerarmee (Kleist) und der 17.
Armee (Generaloberst Richard Ruoff) gebildet. Dazu würde die
11. Armee (Generaloberst Erich von Manstein) stoßen, sobald
sie die Krim gesäubert und die Festung Sewastopol genommen
hatte. Die der Heeresgruppe Süd unterstehenden verbündeten
Verbände waren die rumänische 3. und 4., die italienische 8.
und die ungarische 2. Armee, so daß Bock insgesamt über 89
Divisionen, davon neun Panzerdivisionen, verfügte.
Anfang Mai 1942 unterstanden den beiden sowjetischen
„Achsen“ (Hauptquartiere, denen mehr als eine Heeresgruppe
unterstand) im Süden - Südwest- und Nordkaukasus - 78
Divisionen (davon 14 Kavallerie divisionen) und 17
Panzerbrigaden, die auf dem Papier für eine Verteidigung
dieses Gebiets hätten ausreichen müssen.
Aber diese Zahlenangaben müssen vorsichtig analy siert
werden. Erstens betrug die Soll-Stärke einer sowje tischen
Division nur zwei Drittel bis drei Viertel der Stärke einer
Division der Achsenmächte. Zweitens waren der Rotarmist und
seine Leutnante und Hauptleute den Deutschen in jeder
Beziehung - nur in bezug auf persönlichen Mut nicht -
27
unterlegen. Drittens war die sowjetische Taktik noch immer
schematisch und umständlich. Viertens hatten die sowjetischen
Panzertruppen keine Erfahrung mit tiefen Vorstößen in
feindliche Gebiete; Blitzkriegstaktiken kannten sie lediglich aus
Büchern, während die deutschen Kommandeure sie seit 1939
erfolgreich anwendeten, so daß ihre Erfahrungen, was Führung
und Versorgung schneller Panzer- und motorisierter
Infanterieverbände betraf, ihre schlechteren Panzer mehr als
wettmachten. Die deutschen Panzer - hauptsächlich PzKw III
und IV - waren dem schweren russischen KW 1 und vor allem
dem mittleren T 34 (dem wohl erfolgreichsten Panzer des
Zweiten Weltkrieges) in bezug auf Panzerung, Bewaffnung und
Beweglichkeit unterlegen.
Die sowjetischen Kräfte waren durch den deutschen
Umfassungsangriff bei Barwenkowo im Mai weiter geschwächt
worden: Dort waren 29 sowjetische Infanteriedivisionen und
zwei Drittel von Timoschenkos Panzern vernichtet worden, so
daß die Deutschen ihre Offensive mit etwa achtfacher
Panzerüberlegenheit begannen. Weiterhin wurden bei der
Eroberung der Krim fünf sowjetische Armeen mit mindestens
15 Divisionen vernichtet, so daß das Anfang Mai vorhandene
relative Kräftegleichgewicht bis Ende Juni nicht mehr existierte
und eine deutsche Großoffensive im Süden Erfolg versprach.
Es würde zu weit führen, die Entwicklung des Kräfte -
gleichgewichts während der Kämpfe vor der Schlacht um
Stalingrad in allen Einzelheiten zu verfolgen. Wir können uns
mit der Feststellung begnügen, daß die am 12. Juli 1942
aufgestellte sowjetische „Stalingradfront“ aus 38 Divisionen
bestand, von denen 14 weniger als 1000 Mann und weitere
sechs weniger als 4000 Mann stark waren - bei einer Soll-Stärke
von 15000 Mann.

28
General Paulus in einer Stellung vor Stalingrad
29
Panzer schließen den Belagerungsring (oben), in dem sich
motorisierte Infanterieeinheiten bewegen (unten)

30
Die 21., 28. und 30. Armee, die im Mai an der Charkow-
Offensive beteiligt gewesen waren, verfügten gemeinsam über
21 Divisionen, die offiziell als „Restdivisionen“ bezeichnet
wurden, und die 4. Panzerarmee besaß bei ihrer Aufstellung am
22. Juli 80 Panzer, die bis zum 10. August restlos
verlorengingen. Die russische Dampfwalze stand hier nicht
mehr unter Dampf, und daß die Rote Armee in diese Klemme
geraten war, hatte sie vor allem der mißlungenen Offensive aus
dem Frontbogen bei Barwenkowo zu verdanken.

31
„Der Russe ist erledigt“

Am 28. Juni 1942 griff Generalfeldmarschall von Bock mit der


4. Panzerarmee in Richtung Woronesch an, das ein wichtiger
Knotenpunkt sowjetischer Querverbindungen hinter der Front
war. Zwei Tage später setzte er die 6. Armee in Marsch, die
nach Nordosten zu dem gleichen Ziel vorstieß, um einen Kessel
bei Stari Oskol zu bilden und die sowjetische 6., 21. und 40.
Armee einzuschlie ßen. Die beiden deutschen Armeen würden
hinter ihnen stehen, während die ungarische 2. Armee den Weg
nach Westen blockierte.
Timoschenko weigerte sich jedoch, die ihm zugedachte Rolle
zu spielen. Aus sowjetischen Quellen geht nicht hervor, ob er
die deutschen Absichten kannte, obwohl das der Fall gewesen
sein kann, weil am 19. Juni der 1. Generalstabsoffizier von der
23. Panzerdivision, Major i. G. Reichel, auf einem Flug zum
benachbarten Korpshauptquartier vor den russischen Linien
hatte notlanden müssen. Reichel hatte Unterlagen über die Ziele
der ersten Phase der „Operation Blau“ bei sich gehabt, die nicht
wieder beigebracht werden konnten. Das führte dazu, daß sein
Korpskommandeur, General Stumme, und sein
Divisionskommandeur, General von Boineburg-Lengsfeld,
abgelöst und später wegen dieses Verstoßes gegen die
Geheimhaltungsbestimmungen vor ein Kriegsgericht gestellt
wurden.
Reichels Unterlagen waren höchstwahrscheinlich den Russen
in die Hände gefallen, womit allerdings noch keineswegs gesagt
war, daß die andere Seite sie für echt hielt. Täuschungsmanöver
dieser Art sind im Krieg nicht selten, und in den Jahren 1939-45
32
wurden viele solcher „Zufallsfunde“ kritisch unter die Lupe
genommen.
Angesichts der sowjetischen Unterlegenheit im Südabschnitt
der Front und der Weigerung der Stawka, ihre Reservearmeen
aus dem Mittelabschnitt abzuziehen (das sowjetische
Oberkommando glaubte damals noch, die deutsche
Hauptoffensive müsse unbedingt Moskau gelten), blieb
Timoschenko gar nichts anderes übrig, als sich zurückzuziehen,
sobald die deutschen Panzerdivisionen rollten. Sie hatten den
Auftrag, seine Kräfte einzukesseln und zu vernichten. Hätte er
nach den ersten Durchbrüchen standgehalten, hätte er damit
dem Gegner in die Hände gespielt.
Woronesch mußte jedoch gehalten werden, denn sein Fall
hätte die sowjetischen Querverbindungen gefährdet. Noch
schlimmer war, daß die Deutschen nach der Einnahme dieser
Stadt die Möglichkeit gehabt hätten, hinter der Brjansk-Front
nach Norden auf Moskau vorzustoßen. Die Stawka wußte nicht,
daß Moskau keineswegs zu den für 1942 festgelegten deutschen
Operationszielen gehörte, und die Tatsache, daß der Gegner
zuerst Woronesch nehmen wollte, stärkte die Auffassung derer,
die in den bei Reichel erbeuteten Dokumenten ein
großangelegtes Täuschungsmanöver sahen.
Deshalb wurden die sowjetischen Reserven nach Woronesch
geworfen: Zwei Infanteriearmeen und eine Panzerarmee
bezogen am Ostufer des Dons Stellung, während eine weitere
Panzerarmee vom rechten Flügel der benachbarten Brjansk-
Front abgezogen und in das Gebiet südlich von Jelez verlegt
wurde, um die deutsche 4. Panzerarmee von der Seite und von
hinten zu fassen. Der Ausgang dieses Unternehmens stand auf
Messers Schneide, denn die 4. Panzerarmee hatte schon am 2.
Juli die Eisenbahnstrecke Kastornoje - Stari Oskol erreicht und
schwenkte ein, um die sowjetische 40. Armee abzuschneiden,
während die am 30. Juli in den Kampf geworfene 6. Armee am
33
Abend des 2. Juli nur 40 Kilometer von Stari Oskol entfernt war
und zur Ein schließung der sowjetischen 21. und 28. Armee
ansetzte.
Zumindest diesmal reagierte die Stawka rasch. General F. I.
Golikow und eine Gruppe von Stabsoffizieren richteten hastig
ein neues Hauptquartier bei Woronesch ein, um den deutschen
Angriff von dort aus abzuwehren, und der Chef des
Generalstabs, Generaloberst A. M. Wasiljewski, flog sofort von
Moskau ins Hauptquartier der Brjansk-Front. Alle
Vorbereitungen konnten gerade noch rechtzeitig getroffen
werden. Die Deutschen erkämpften sich am 6. Juli einen
Brückenkopf jenseits des Dons, kamen aber gegen die in
ausgebauten Stellungen liegenden sowjetischen Truppen nicht
weiter voran und gerieten selbst in Gefahr, vor Woronesch
abgeschnitten zu werden, als die Reserven der Brjansk-Front
am gleichen Tag aus dem Raum südlich von Jelez zum
Gegenangriff antraten. Das XXIV. Panzerkorps und drei
Infanteriedivisionen mußten zur Abwehr dieser neuen
Bedrohung abgestellt werden, wodurch Woronesch gerettet war.
Dadurch war die deutsche Führung vor die erste schwierige
Entscheidung gestellt. Die Hartnäckigkeit, mit der die Rote
Armee Woronesch verteidigte, war auf die Befürchtungen der
Stawka zurückzuführen, nach dem Fall der Stadt sei ein Vorstoß
gegen Moskau zu erwarten, aber da die Deutschen in
Wirklichkeit nicht die Absicht hatten, nach Norden
vorzudringen, war die Einnahme von Woronesch weniger
wichtig als die Umklammerung von Timoschenkos Armeen.
Während die Divisionen der 4. Panzerarmee versuchten, die
Stadt zu nehmen - eine Aufgabe, für die sie nicht geeignet
waren, weil sie dabei ihre Beweglichkeit nicht ausnützen
konnten -, setzten die Armeen der Südwestfront sich hinter
starken Nachhuten unauffällig ab: in intakten Verbänden und
mit allen schweren Waffen.
34
Hitler neigte im allgemeinen dazu, seinen Generalen
Entscheidungen vorzuschreiben, aber in diesem Fall zeigte er
sich ungewöhnlich gleichgültig. Als er am 3. Juli in Bocks
Hauptquartier erschien, sagte er lediglich, er „bestehe nicht
mehr“ auf der Einnahme von Woronesch. Bock ließ sich jedoch
von der Tatsache beeinflussen, daß seine Angriffsspitzen bereits
am Stadtrand standen, und führte den Angriff fort. Als weitere
sowjetische Reserven an die Front geworfen wurden und der
Gegner eine neue Heeresgruppe (Woronesch-Front) aufstellte,
durfte der deutsche Druck nicht nachlassen, weil sonst zu
befürchten war, daß die verstärkten sowjetischen Kräfte die
Heeresgruppe Süd seitlich und von hinten angreifen würden.
Auf diese Weise blieben große Teile der 4. Panzerarmee bis
zum 13. Juli vor Woronesch eingesetzt, ohne daß es ihnen
gelungen wäre, den Ostteil der Stadt zu nehmen oder die
sowjetischen Nachschublinien nördlich des Dons zu
unterbrechen. In der Zwischenzeit zogen Timoschenkos
Armeen sich beinahe unbelästigt über die Steppe zurück. Hitler
verlor schließlich die Geduld, entließ Bock und machte ihn
seither für das Fehlschlagen dieser Offensive und für die ein
halbes Jahr später kulminierende Katastrophe von Stalingrad
verantwortlich.
Schon vor Bocks Entlassung beschloß Hitler (am 6. Juli), die
Heeresgruppe Süd zu teilen: Die Heeresgruppe A (List) sollte
zum Kaukasus vorstoßen, während die Heeresgruppe B (Bock)
auf die Wolga angesetzt werden würde. Jetzt ordnete er diese
Teilung an, verlegte sein Hauptquartier von Rastenburg in die
ukrainische Stadt Winniza und revidierte den gesamten
Operationsplan drastisch, indem er am 23. Juli 1942 die
Weisung Nr. 45 erließ. Bevor wir uns jedoch mit dieser
Weisung befassen, muß die militärische Lage - wie Hitler sie
sah und wie sie in Wirklichkeit war - skizziert werden.

35
Der schwache sowjetische Widerstand, auf den die 4.
Panzerarmee und die 6. Armee bei ihrem Vormarsch nach
Osten gestoßen waren, hatte Hitler zweifellos überrascht. Seine
Truppen erreichten in den Weiten der Ukraine Tagesleistungen,
die an die ersten triumphalen Wochen des Vormarsches im
vergangenen Sommer erinnerten. Selbst seine Generale, die
manchmal versuchten, Hitler auf den Boden der Tatsachen
zurückzuholen, scheinen in die allgemeine Euphorie verfallen
zu sein.
Als Hitler seinem Generalstabschef Halder am 20. Juli 1942
erklärte: „Der Russe ist erledigt“, konnte dieser vielleicht
skeptischste aller Generale nur antworten: „Ja, so sieht's aus,
das muß ich zugeben.“
Niemand konnte leugnen, daß die Rote Armee sich im Süden
mit geradezu panikartiger Geschwindigkeit absetzte, aber aus
der Tatsache, daß sie sich standzuhalten weigerte, um nicht
eingekesselt zu werden, und ihr gesamtes schweres Gerät
mitnahm, war zu schließen, daß dies ein hastiger, aber
organisierter Rückzug auf eine leichter zu verteidigende Linie
war. General Warlimont, der stellvertretende Chef des
Wehrmachtführungsstabes im Oberkommando der Wehrmacht
(OKW), hat später erklärt: „Wir warteten noch immer auf einen
wirklich großen Sieg; wir hatten den Eindruck, der Feind sei
noch immer nirgends zum Kampf gestellt worden, wie die
geringe Anzahl von Gefangenen und die geringen Mengen von
erbeutetem Kriegsmaterial bewiesen.“ Damit hatte er recht, aber
nichts läßt erkennen, daß er oder seine Vorgesetzten - mit
Ausnahme Halders - auf diese Lage anders als mit Schweigen
reagiert hätten.
Hitler wollte zugegebenermaßen bis lange nach Stalin grad
nichts davon hören, daß die Rote Armee vielleicht doch nicht
erledigt sei, und ließ den Chef der Abteilung Fremde Heere Ost
(des für die Rote Armee zuständigen militärischen
36
Nachrichtendienstes) viele Monate später, als das Ende des
Dritten Reiches sich bereits ankündigte, auf seinen
Geisteszustand hin untersuchen, weil er in einer Ausarbeitung
Zahlen genannt hatte, die der Führer für weit übertrieben hielt.
Man hätte wahrscheinlich sehr mutig und wenig karrierebewußt
sein müssen, um dem obersten Krie gsherrn ins Gesicht zu
sagen, daß der Gegner noch nicht am Boden liege. Trotzdem
erscheint es merkwürdig, daß es kaum deutsche Generale gab,
die Bedenken gegen die optimistische Lagebeurteilung Hit lers
und seines Stabes äußerten, denn die wahre Lage war
keineswegs so rosig.
Andererseits stand es auch um die Rote Armee nicht gerade
zum besten. Die sowjetische Öffentlichkeit war wegen der
scheinbar endlosen Rückzüge zutiefst bedrückt, und die
„Rückgratlosigkeit“ der Truppen im Süden und ihrer Generale
wurde offen mit dem Durchhaltewillen der Verteidiger von
Leningrad und Moskau verglichen. Dadurch entstanden
zwischen im Süden eingesetzten Generalen und den ihnen
zugeteilten Offizieren der Stawka jahrelang anhaltende
Spannungen, denn wenn Timoschenko im Mai sofort die
Erlaubnis erhalten hätte, seine aussichtslos gewordene
Offensive abzubrechen, hätten seine Truppen den deutschen
Angriff leichter abwehren können. Stalin und die Stawka waren
die eigentlichen Schurken in diesem Stück; das wußten die
Generale im Süden, aber die Öffentlichkeit ahnte nichts davon.
Sie und der einfache Rotarmist sahen nur, daß von Tag zu Tag
größere Teile der sowjetischen Schwerindustrie, die erst vor
kurzem unter schweren Opfern aufgebaut worden war, den
deutschen Eroberern überlassen wurden.
Die in den großen Donbogen zurückmarschierende
sowjetische Infanterie war deshalb in deprimierter, unsicherer
Stimmung, die sich keineswegs durch mahnende Resolutionen
verbessern ließ, die von kriegswilligen zivilen Körperschaften
37
tief im Hinterland verabschiedet wurden. Die Kampfmoral hatte
einen Tiefstand erreicht, und viele sowjetische Offiziere haben
berichtet, wie sie in diesen schlimmen Julitagen, in denen die
Schlacht um Stalingrad begann, mit der Pistole in der Hand an
einer Brücke oder Straßenkreuzung stehen, Versprengte zu Ad-
hoc-Einheiten zusammenfassen und sich ihre phantasievollen
Ausreden anhören mußten, mit denen sie ihrer Erfassung zu
entgehen versuchten.
Trotzdem verlief der Rückzug im allgemeinen geordnet, und
für seine Länge gab es eine einleuchtende Erklärung: Das am
besten zu verteidigende Gebiet lag am Ostrand des großen
Donbogens, und das Rückzugs tempo wurde durch die
Geschwindigkeit bestimmt, mit der die Armeen der
Stawka - Reserve im Süden eingesetzt werden konnten. Diese
Armeen hatten bekanntlich im Mittelabschnitt gestanden, um
notfalls Moskau verteidigen zu können; sie waren alle nördlich
der Linie Borisoglebsk - Saratow eingesetzt und wurden erst
Anfang Juli nach Süden in Marsch gesetzt.
Vernünftigerweise mußten sie im Gebiet des Donbogens
hinter Timoschenkos zurückgehenden Armeen aufgestellt
werden - und genau dort setzte das sowjetische Oberkommando
sie ein. Dramatischer wäre es gewesen, diese Armeen einzeln in
den Kampf zu werfen, so schnell sie herangebracht werden
konnten, aber ihre Aufstellung in vorbereiteten Positionen war
militärisch vernünftiger. Und es bedeutete natürlich auch, daß
sie nicht als Kampfverbände an der Front identifiziert wurden,
was die Deutschen in ihrem Glauben bestätigte, die Rote Armee
besitze keine operativen Reserven mehr. Die auf dieser irrigen
Annahme basierenden deutschen Maßnahmen sollten sich als
für die Wehrmacht katastrophal erweisen, denn der Russe war
noch keineswegs „erledigt“, sondern hatte erst richtig zu
kämpfen begonnen.

38
Hitler fürchtete als erstes, der unmittelbar bevorstehende
Zusammenbruch der Roten Armee werde die Engländer und
Amerikaner zu einem dramatischen Entlastungsangriff in Form
einer Invasion in Westeuropa veranlassen. Er hatte im Mai und
Juni 1942 zwölf Divisionen aus dem Westen abgezogen und zur
Verstärkung der Sommeroffensive nach Rußland verlegt. Jetzt
hielt er die SS-Panzergrenadierdivision „Leibstandarte Adolf
Hitler“ zurück und befahl am 9. Juli ihre Verle gung in den
Westen, um ihr später die motorisierte Infanteriedivision
„Großdeutschland“ folgen zu lassen. Dann machte er sich
Sorgen wegen eines möglichen sowjetischen
Entlastungsangriffs gegen die Heeresgruppe Mitte, die er durch
die 9. und 11. Panzerdivision verstärken ließ.
Am 11. Juli 1942 verfügte Hitler in seiner Weisung Nr. 43:
„Nach der Säuberung der Halbinsel Kertsch und der Einnahme
von Sewastopol ist es die nächste Aufgabe der 11. Armee,
unter Aufrechterhaltung der Sicherung der Krim, bis spätestens
Mitte August alle Vorbereitungen für einen Übergang mit der
Masse der Armee über die Straße von Kertsch zu treffen mit
dem Ziel, beiderseits der Westausläufer des Kaukasus in
südostwärtiger und ostwärtiger Richtung vorzustoßen.“
Einige Tage später widerrief er diese Anordnungen jedoch
und schickte die ganze Armee mit Ausnahme eines Korps nach
Norden, wo die Festungsstürmer mithelfen sollten, Leningrad
zu erobern (ein Unternehmen, das schon im ersten Entwurf des
Operationsplans für die Sommeroffensive enthalten und damals
vernünf tig gewesen war, während es in der endgültigen Fassung
fehl am Platz war, weil der Angriffsschwerpunkt sich nach
Süden verlagert hatte).
Um das Maß an unsinnigen Befehlen vollzumachen, wies
Hitler die 4. Panzerarmee, die gegen Stalingrad vorstieß, am 13.
Juli an, nach Südosten einzuschwenken und Kleists 1.
Panzerarmee bei der Gewinnung von Flußübergängen über den
39
unteren Don östlich von Rostow zu unterstützen. Die 4.
Panzerarmee war eben erst von ihren Aufgaben vor Woronesch
entbunden worden, um ihren in der ursprünglichen Direktive
genannten Auftrag durchzuführen; jetzt wurde sie erneut davon
abgehalten und sollte Kleist unterstützen, dessen 1.
Panzerarmee (die den südlichen Zangenarm bildete) erst vor
vier Tagen zum Angriff angetreten war.
Noch schlimmer wurde alles dadurch, daß Kleist gar keine
Unterstützung brauchte, denn am gleichen Tag ordnete die
Stawka einen allgemeinen Rückzug der Südfront über den Don
an (nur bei Rostow nicht), so daß Hoths Angriff praktisch ins
Leere stieß. Die Übergänge über den Don wurden fast nicht
verteidigt, und auf den Zufahrtsstraßen drängten sich die
Fahrzeuge von Kleists 1. Panzerarmee, die von Hoths Panzern
am raschen Vormarsch in den Kaukasus gehindert wurde. Nach
dem Krieg behauptete Kleist, wenn die 4. Panzerarmee nicht
nach Süden abgedreht worden wäre, hätte sie Stalingrad Ende
Juli kampflos nehmen können. Das ist zweifelhaft, denn
Panzerdivisionen sind für die Einnahme von Großstädten wenig
geeignet, und aus der Stawka - Reserve wären vermutlich starke
Kräfte - vor allem die bereits im Raum Stalingrad stehende 62.
und 64. Armee - freigegeben worden, wenn die Stadt von einer
Panzerarmee statt von der überforderten Infanterie der 6. Armee
angegriffen worden wäre.
Ungeachtet des Wahrheitsgehalts von Kleists Aussage kann
kein Zweifel daran bestehen, daß die 4. Panzerarmee in Kleists
Operationsgebiet nicht gebraucht wurde, und mindestens ein
sowjetischer Fachmann (Marschall Jeremenko) ist so weit
gegangen, ihr Einschwenken als „grobe strategische
Fehlkalkulation“ zu bezeichnen. Auch diesmal weist nichts
darauf hin, daß deutsche Generale Einwendungen gegen die
Angriffsplanung erhoben hätten - auch wenn sie später davor
gewarnt haben wollten -, denn sie wußten nichts von dem
40
Rückzugsbefehl des sowjetischen Oberkommandos und hofften,
starke feindliche Kräfte abschneiden zu können, obwohl die
bisherigen Ergebnisse enttäuschend gewesen waren. Selbst als
der südliche Zangenarm (1. Panzerarmee und 17. Armee) sich
in Bewegung gesetzt hatte, hatte er die Südfront lediglich vor
sich hergetrieben, denn wie die Südwestfront nach Woronesch
ausgewichen war, wich die Südfront nach Rostow aus, so daß
ein weiterer Einkreisungsversuch fehlgeschlagen war.
Das Oberkommando der Wehrmacht klammerte sich jedoch
weiterhin an die Überzeugung, daß die Rote Armee erledigt sei,
und Hitler erließ jetzt - am 23. Juli 1942 - seine Weisung Nr. 45
- ein angesichts der damaligen Lage überraschendes
Schriftstück. Die logische Reihenfolge der ursprünglichen
Planung - zuerst die Wolga, dann der Kaukasus - war
aufgegeben worden; statt dessen sollten nun beide Ziele
gleichzeitig genommen werden. Auch genügte es nicht mehr,
Stalingrad „unter die Wirkung unserer schweren Waffen zu
bringen“, sondern die Stadt sollte besetzt und die Wolga
gesperrt werden. Was die kaukasischen Ölfelder betraf,
genügten Maikop und Grossnij plötzlich nicht mehr, obwohl die
Einnahme von Grossnij die Möglichkeit geboten hätte, die
sowjetischen Öltransporte auf der Eisenbahn von Baku aus zu
sperren. Nun sollten die Hauptölfelder genommen werden,
obwohl dazu der Kaukasus überschritten werden mußte: ein
langgestreckter Gebirgszug mit nur wenigen Pässen in über
3000 Meter Höhe und engen Schluchten, in denen einige
wenige Verteidiger ganze feindliche Divisionen aufhalten
konnten.
Die 4. Panzerarmee stand weiterhin an den Donübergängen,
und obwohl sie im Norden gebraucht wurde, verstrichen sechs
Tage, bevor ihr Operationsbefehl geändert wurde. Als es Hoth
am 29. Juli gelang, die ersten Panzer über den Don zu bringen,
trafen neue Befehle für ihn ein. Er sollte eine Division
41
zurücklassen, die Verbindung mit Kleist halten würde, und mit
der 4. Panzerarmee den Fluß Aksai überschreiten, um Stalin-
grad von Süden her anzugreifen. Diese Stadt begann jetzt, die
Phantasie der Deutschen zu beschäftigen.
Die Rote Armee hatte keineswegs untätig abgewartet, wofür
die Deutschen sich als nächstes entscheiden würden, denn auch
wenn Hitler und seine Generale in der Beurteilung der
strategischen Bedeutung dieser Stadt schwankten, stand ihre
Bedeutung aus sowjetischer Sicht nie in Zweifel. Sie war
„Stalins Stadt“ - und Namen können wichtig sein. Hatte Hitler
nicht das Panzerschiff Deutschland umtaufen lassen, weil er die
Auswirkungen einer möglichen Versenkung auf die deutsche
Kampfmoral fürchtete? Außerdem hatte Stalin im Jahre 1920
dort (damals hieß die Stadt noch Zarizyn) eine wichtige Rolle
im Kampf gegen die Weißen Armeen General Denikyns
gespielt.
In späteren Jahren war die Stadt zu einem Schaustück der
Sowjetunion ausgebaut und ein Industriegigant geworden, der
sich 40 Kilometer weit am Westufer der Wolga erstreckte.
Stalingrad hatte 600000 Einwohner, die in zahlreichen Fabriken
arbeiteten, von denen drei - das Stahlwerk „Roter Oktober“, die
Rüstungsfabrik „Barrikaden“ und das Stalingrader
Traktorenwerk - im Nordteil der Stadt nacheinander am Fluß
lagen und mit ihren im Westen anschließenden
Arbeitersiedlungen in der bevorstehenden Schlacht eine
wichtige Rolle spielen würden.
Obwohl Stalingrad mit Gebäuden in dem von Stalin
bevorzugten Zuckerbäckerstil überladen war, die als besonderer
Gunstbeweis des Diktators gelten konnten, waren seine
Einwohner trotzdem stolz auf ihre Stadt mit Parks und
Spazierwegen am Fluß, zahlreichen in die Wolga mündenden
Wasserläufen und den großzügigen Bauten im Stadtkern, die
allen eine bessere Zukunft zu verheißen schienen. In der hier
42
etwa 1,5 Kilometer breiten Wolga lagen zahlreiche Inseln; ihr
Westufer war hoch und steil, hing an einigen Stellen über und
enthielt dort viele Höhlen. In der Stadt selbst ragten niedrige
Hügel auf - vor allem der 102 Meter hohe Mamajew Kurgan
(Mamais Grabhügel), von dem aus man einen guten Blick über
das Stadtzentrum hatte. Obwohl es in Stalingrad keine
Wolgabrücke gab, verkehrten leistungs fähige Auto- und
Eisenbahnfähren, und der bedeutende Flußhafen wurde noch
wichtiger, nachdem die Deutschen am 25. Juli Rostow erobert
und die dortigen Eisenbahnverbindungen abgeschnitten hatten.
Daß die Rote Armee diese Stadt nicht ohne weiteres aufgeben
würde, war nur logisch.
Die Verteidigung des Raumes Stalingrad wurde jetzt
umorganisiert. Die Südwestfront war aufgelöst und ihre
Heeresgruppen waren der Stawka direkt unterstellt worden; die
neue Woronesch-Front, die gebildet worden war, um Bocks
Vorstoß nach Norden aufzuhalten, wurde General N. F.
Watutin, früher stellvertretender Chef des Generalstabs,
unterstellt, während an der Spitze der im Norden
anschließenden Brjansk-Front General F. I. Golikow, ebenfalls
ein früherer stellvertretender Chef des Generalstabs, stand.
Beide Ernennungen waren auf Schukows Einfluß
zurückzuführen, denn Watutin und Golikow waren in jüngster
Vergangenheit seine Untergebenen gewesen und sollten später
wichtige Rollen spielen, als Schukow immer größeren Einfluß
auf die Schlacht um Stalingrad nahm. Die Einheiten der
aufgelö sten Südwestfront sollten nach ihrem Rückzug in den
Donbogen von der neuen Stalingrad-Front aufgenommen
werden, die aus Truppen der Stawka-Reserve gebildet wurde.
Die neue Front wurde am 12. Juli 1942 offiziell aufgestellt
und anfangs von Timoschenko befehligt, aber es war klar, daß
er würde gehen müssen - nicht wegen Unfähigkeit, denn er
hatte den Rückzug zum Donbogen insgesamt geschickt und
43
umsichtig geleitet, sondern weil diese neue Front zu wichtig
war, als daß sie einen Oberbefehlshaber hätte haben dürfen,
dem der Geruch von Niederlagen anhing. Außerdem gehörte
Timoschenko zu der älteren Generation sowjetischer Heer-
führer, die jetzt moderner ausgebildeten Männern Platz machen
mußten. Deshalb erhielt Timoschenko am 22. Juli ein
entsprechendes Kommando in dem wichtigen, aber im
Augenblick weniger hektischen Nordwestsektor der langen
Front; sein Nachfolger wurde Generalleutnant W. N. Gorodow,
der erst vor drei Tagen den Oberbefehl über die 64. Armee
übernommen hatte, die aus der Stawka-Reserve in den
Donbogen entsandt worden war und jetzt dort ihre Stellungen
bezog.
Die deutsche Heeresgruppe B hatte für den Angriff auf
Stalingrad drei Kampfgruppen gebildet und ihnen folgende
Ziele gesteckt: Die aus zwei Panzerdivisionen, zwei
motorisierten Divisionen und vier Infanteriedivisio nen
bestehende nördliche Gruppe sollte am 23. Juli aus dem Raum
Golowski-Perelasowski angreifen, um die große Donbrücke bei
Kalatsch im Rücken der westlich des Dons stehenden
sowjetischen Kräfte zu besetzen. Die mittlere Gruppe, eine
Panzer- und zwei Infanteriedivisionen, sollte am 25. Juli aus
dem Raum Obliwskaja -Werchne-Aksenowski ebenfalls gegen
Kalatsch vorstoßen. Während diese beiden Gruppen die
sowjetischen Kräfte im Donbogen festhielten, sollte die 6.
Armee den Gegner von Westen her aufrollen, um den Weg zur
Wolga freizukämpfen. Diese Gelegenheit sollte die dritte
(südliche) Gruppe ausnützen, die am 21. Juli den Don bei
Zimljansk überschreiten und einen großen Brückenkopf bilden
würde, um dann von Süden aus nach Stalingrad vorzustoßen,
während die beiden anderen Gruppen nach Durchführung ihres
Auftrags am Donbogen westlich und nordwestlich von
Stalingrad die Wolga erreichen sollten.
44
Für diese Aufgaben standen dem Oberbefehlshaber der
Heeresgruppe B, Generaloberst Freiherr von Weichs, Einheiten
zur Verfügung, die etwa 30 Divisio nen entsprachen - allerdings
weniger als zwei Drittel deutsche Verbände -, sowie über 1200
Flugzeuge, so daß die Angreifer etwa doppelt so stark wie die
sowjetischen Verteidiger waren. Bei Abwehrkämpfen war
dieses Verhältnis aus der Sicht der sowjetischen Kommandeure
keineswegs hoffnungslos. Viel schlimmer war, daß sie -
hauptsächlich wegen der Verluste bei der Charkow-Offensive -
nur etwa die Hälfte der Panzer und Geschütze sowie ein Drittel
der Flugzeuge der Deutschen besaßen. Dazu kam noch, daß fast
300 der 400 Flugzeuge ihrer 8. Luftflotte veraltete Maschinen
waren, denn die besten neuen Flugzeuge - Jäger Jak 1, leichte
Bomber Pe 2 und das hervorragende Schlachtflugzeug Il 2
(Sturmowik) - standen erst in geringer Zahl zur Verfügung. Das
bedeutete, daß die Deutschen praktisch die absolute
Luftherrschaft im Kampfgebiet besaßen.
Von diesen 30 Divisionen konnte Weichs etwa 20 (darunter
nur eine rumänische) gegen die sowjetischen Kräfte im
Donbogen einsetzen. Später kam noch ein Korps dazu, als die
italienische 8. Armee Anfang August einzutreffen begann und
ihren Sektor am Don beidseits von Weschenskaja übernahm.
Die sowjetischen Truppen bestanden aus der 62. und 64.
Armee, der 1. Panzerarmee (die 160 Panzer besaß) und der 4.
Panzerarmee (mit 80 Panzern), während in der Nordwestecke
des Donbogens die 1. Gardearmee stand, der lediglich die
Aufgabe zufiel, südlich des Flusses bei Kremskaja einen
Brückenkopf zu halten. Alle Armeen, die den deutschen Angriff
aufhalten sollten, waren jedoch Neuaufstellungen, und die
beiden Panzerarmeen waren besonders unerfahren, weil sie erst
seit dem 22. Juli 1942 existierten.
Abgesehen von einigen Gefechten zwischen dem XIV.
Panzerkorps und vorgeschobenen Einheiten der 62.
45
Schützenarmee, zu denen es ab 17. Juli entlang des Flusses
Tschir kam, blieben größere Kämpfe bis zum 23. Juli aus. An
diesem Tag griffen fünf deutsche Divisionen den rechten Flügel
der 62. Armee nördlich von Manojlin an, während die 64.
Armee am Fluß Zimla angegriffen wurde. Nach dreitägigen
Kämpfen durchbrach des XIV. Panzerkorps die Stellungen der
62. Armee, stieß nach Kamensk am Don vor und umging die
62. Armee damit von Norden her. Die sowjetische
1. Panzerarmee, die hinter der 62. Schützenarmee stand,
versuchte den deutschen Verband abzuschneiden, indem sie
hinter ihm nach Norden vorstieß, während die sowjetische 4.
Panzerarmee ihn abzudrängen versuchte, aber da beide Armeen
erst seit fünf Tagen existierten, aus einer heterogenen Mischung
aus Panzern und nichtmotorisierter Infanterie bestanden,
unzulänglich ausgerüstet waren und unter dem Befehl von
Infanterieoffizieren standen, die keine Panzerführer waren,
bestand wenig Aussicht auf einen Erfolg ihrer Angriffe. Sie
schlugen tatsächlich fehl, zumal sie keineswegs koordiniert
abliefen, mit schwacher Artillerieunterstützung vorgetragen
wurden und ohne Luftunterstützung auskommen mußten.
Während dieser ungenügend vorbereitete und schlecht
geführte Angriff sein unvermeidliches Ende nahm, trieb das
XIV. Panzerkorps einen Keil zwischen die 62. und 64. Armee
und stieß am Westufer des Dons aus Südwesten nach Kalatsch
vor. Das sowjetische Oberkommando war wegen dieses
Durchbruchs im Süden sehr besorgt und wies Gorodow am
28. Juli an, die südliche Verteidigungslinie im Gebiet der
Landbrücke zwischen den beiden Flüssen, d. h. zwischen
Logowski am Don und Raigorod an der Wolga, zu verstärken.
Daraufhin ließ er am 1. August die 57. Schützenarmee und
einige seiner Reserveeinheiten entlang dieser Linie in Stellung
gehen und erhielt außerdem den Oberbefehl über die 51.
Schützenarmee, die das Gebiet südlich des Wolgabogens halten
46
sollte: von den Sarpa-Seen bis zu der Stelle, wo die Front in der
Kalmückensteppe nach Rostow hin auslief. Auf diese Weise
war eine rund 700 Kilometer lange Stalingradfront entstanden,
die schwer zu überblicken war, so daß beschlossen wurde, eine
neue Heeresgruppe - die Südostfront - zu bilden, die die
Südhälfte von Gorodows Bereich übernehmen sollte. Die Suche
nach einem geeigneten Oberbefehlshaber begann sofort.
Unterdessen hatte die Lage vor dem Donbogen sich etwas
beruhigt, denn obwohl die schnellen deutschen Kräfte den Fluß
erreicht und tiefe Einbrüche in die Stellungen der 62. Armee
erzielt hatten, hatten die unerprobten Truppen aus der Stawka-
Reserve sich gut gehalten, und weder die 6. Armee noch die 4.
Panzerarmee war imstande, ohne Umgruppierung die Donfront
zu durchbrechen oder die 62. Armee einzuschließen. Die Masse
der deutschen 4. Panzerarmee war jetzt von ihrem zwecklosen
Vorstoß zu den Donübergängen im Süden zurück, so daß Hoth
am 31. Juli im Raum Zimljansk eine Offensive gegen die 51.
Schützenarmee eröffnen konnte, die mit fünf schwachen
Infanteriedivisionen eine 200 Kilometer lange Front von
Werchne-Kurmajorskaja bis Orlowskaja zu halten versuchte.
Hoth durchstieß die Verteidigungslinie der 51. Armee, die
einen hastigen Rückzug zu der Eisenbahnstrecke Tichorezk-
Krasnoarmeisk begann, so daß er am 2. August Kotelnikowo
erreichte. Zwischen ihm und Stalingrad lagen jetzt nur noch 135
Kilometer mit unbedeutenden natürlichen Hindernissen, zu
denen vor allem die Flüsse Aksai und Myschkowa gehörten.
Bei der Stalingrad-Front hatte es inzwischen personelle
Veränderungen gegeben: Die 62. Schützenarmee war von
General A. I. Lopatin übernommen worden, während der
stellvertretende Oberbefehlshaber der 64. Schützenarmee,
General Wassili I. Tschuikow seine Armee Generalleutnant M.
S. Schumilow übergeben hatte. Tschuikow meldete sich im
Hauptquartier in Stalingrad, bekam Streit mit Gorodow (von
47
dessen Qualitäten als Frontbefehlshaber er nicht viel hielt) und
kehrte zur 64. Armee zurück, um einen Bericht über den
Rückzug einiger ihrer Verbände über den Tschir zu schreiben,
für den er als Oberbefehlshaber verantwortlich gewesen war.
Am Morgen des 2. August bat Schumilow ihn zu sich,
berichtete ihm von Hoths Durchbruch, der die Flanke der
ganzen Armee bedrohte, und schlug ihm vor, den Befehl im
Südabschnitt zu übernehmen.
Tschuikow, der froh war, keinen Bericht für Gorodow
schreiben zu müssen, machte sich sofort auf den Weg. Im
Südabschnitt entdeckte er zwei zur 51. Armee gehörende
Schützendivisionen, die sich auf dem Marsch nach Stalingrad
befanden, um wieder zu ihrer Armee zu stoßen, zu der die
Verbindung abgerissen war. Ihnen hatten sich zwei
Werferregimenter mit Katjuscha-Raketenwerfern (den berühmt-
berüchtigten „Stalinorgeln“) angeschlossen. Alle vier Einheiten
waren durch die Verluste, die sie bei Hoths Angriffen erlitten
hatten, schwer angeschlagen und besaßen keine Funkgeräte
mehr. Tschuikow unterstellte sie sich, baute mit ihnen eine
Verteidigungslinie hinter dem Aksai auf und stärkte ihnen mit
einer Brigade Seesoldaten den Rücken. Als er die se
Maßnahmen dem Fronthauptquartier meldete, erfuhr er, daß die
208. Schützendivision aus Sibirien im gleichen Raum
ausgeladen werde und ihm ebenfalls unterstellt sei - wenn es
ihm gelinge, ihren Stab zu finden, dessen Aufenthaltsort
unbekannt sei.
Nach mehrstündiger Suche stellte Tschuikow fest, daß die
Truppenausladung schon am Vortag begonnen hatte, wobei vier
Züge von deutschen Flugzeugen angegriffen worden waren;
durch diese Angriffe waren die Überle benden zersprengt
worden. Auf dem Bahnhof Tschilekow fand er mehrere weitere
Züge, aus denen Teile der Division ausgeladen wurden, als
plötzlich 27 deutsche Flugzeuge erschienen und den Bahnhof
48
bombardierten, wobei die Sibirier schwere Verluste erlitten.
Tschuikow, dessen Funkgerät dabei zerstört wurde, fluchte auf
Gorodow, weil er nicht dafür gesorgt hatte, daß die Division
Luftunterstützung erhielt, sammelte Versprengte, bildete
Einheiten aus ihnen und erteilte ihnen Aufträge.
Mit dieser improvisierten Streitmacht organisierte er die
Verteidigung am Aksai und schickte Spähtrupps aus, die
bestätigten, daß die Masse von Hoths 4. Panzerarmee weit nach
Osten ausbog - offenbar mit der Absicht, Stalingrad von Süden
her anzugreifen. Tschuikows Divisionen am Aksai wurden am
6. August 1942 angegriffen, aber sie konnten die deutsche und
rumänische Infanterie zurückschlagen und hielten ihre
Stellungen, bis sie am 17. August im Zuge der allgemeinen
Zurücknahme der sowjetischen Front den Rückzugsbefehl
erhielten. Tschuikow hatte gelernt, wie man deutschen
Angriffen standhielt, und sollte seine neuerworbenen
Kenntnisse später in entscheidenden Stadien der Schlacht
anwenden können.
An der Hauptfront im Donbogen hatte sich die Lage für die
Rote Armee nach dem mißlungenen Gegenangriff
verschlechtert. Die 62. Armee hatte den größten Teil ihrer acht
Schützendivisionen verloren, die sich in kleinen Gruppen
durchschlugen, aber große Teile ihrer Ausrüstung zurückließen,
so daß eine zeitraubende Neuaufstellung und Neuausrüstung
unumgänglich war. Als Ersatz hatte die 62. Armee einige
Divisionen der aufgelösten 1. Panzerarmee sowie eine nach
dem deutschen Durchbruch zwischen den beiden Armeen nach
Norden abgedrängte Division der 64. Armee aufgenommen. Die
große Donbrücke bei Kalatsch war durch einen kühnen
Handstreich deutscher Sturmpioniere unbeschädigt genommen
worden, so daß deutsche Panzer jetzt auf die Landbrücke
zwischen Don und Wolga vorstoßen konnten. Gorodow hatte

49
sich als Oberbefehlshaber schlecht eingeführt und würde die
bisherigen Stellungen nicht mehr lange halten können.
Am 16. August war der letzte Brückenkopf am Don zwischen
Kamensk und Werchne-Kurmajorskaja aufgegeben worden,
aber weiter im Norden, entlang des von Westen nach Osten
gerichteten Flußlaufs vor dem großen Donbogen, hielten die 1.
Garde- und die 21. Schützenarmee mehrere Positionen am
Südufer zwischen Kletskaja und Serafimowitsch und konnten
sie sogar noch ausdehnen, während die Rumänen der 3. Armee
unbeirrt in der Defensive blieben. Diese „vergessenen“
Brückenköpfe, die weder OKW, OKH noch Heeresgruppe B
Sorgen zu machen schienen, sollten sich als entscheidend
erweisen, als die Augusthitze dem Novemberschnee gewichen
war.

50
Jeremenko übernimmt den Befehl

Ursprünglich ging es Stalin nicht darum, einen Ersatz für


Gorodow, sondern einen Oberbefehlshaber für die neue
Südostfront zu finden, aber die Verschlechterung der Lage, die
eine Folge von Gorodows unbefriedigender Führung der
Schlacht im Donbogen war, verlieh der Ernennung des Mannes,
der die neuaufgestellte Heeresgruppe übernehmen sollte,
besondere Bedeutung.
Am 1. August 1942 diskutierte ein stämmiger sowjetischer
General in einem Zimmer eines Moskauer Krankenhauses, in
dem er sich von einer Beinverwundung erholte, mit seinem
Arzt. Er versuchte, den Arzt davon zu überzeugen, daß er
wieder dienstfähig sei, und nach hitziger Diskussion über die
Rechte von Patienten gegenüber ihren Ärzten hatte der
aufgebrachte Chefarzt den General aufgefordert, seine
Fähigkeit, ohne Stock zu gehen, unter Beweis zu stellen. Nach
fünf oder sechs Schritten standen ihm Schweißperlen auf der
Stirn, und sein Bein wurde gefühllos.
„Genug, genug!“ rief der Arzt triumphierend aus. „Jetzt steht
fest, mein lieber Generaloberst, wer den Heilungsfortschritt
falsch eingeschätzt hat. Ihre Verwundung muß erst ganz
ausheilen.“
Der General gab verlegen zu, er habe der Stawka bereits die
Wiederherstellung seiner Dienstfähigkeit gemeldet.
„Um so schlimmer für Sie“, antwortete der Mann in Weiß.
„Ohne Bestätigung des behandelnden Arztes wird Ihre Meldung
nicht einmal gelesen.“

51
Nachdem der Bluff mißglückt war, verlegte der General sich
auf einen emotionalen Appell. „Sagen Sie, Professor, Hand aufs
Herz, könnten Sie mit einer fast ausgeheilten Verwundung wie
meiner ruhig im Hintergrund bleiben, auch wenn Sie wüßten,
daß Hunderte von Menschen an ihren Wunden sterben und auf
Ihre Hilfe warten - auf Ihre, Professor, die nur Sie ihnen bringen
können?“
Der Professor dachte darüber nach, ohne diese Frage direkt
zu beantworten. „Gut“, sagte er schließlich, „wenn Sie mir Ihr
Ehrenwort geben, daß Sie sich strikt an meine Vorschriften
halten, habe ich nichts gegen Ihre Entlassung einzuwenden.“
Der General verbrachte den Rest des Tages damit, das Gehen
ohne Stock zu üben, während er auf einen Anruf wartete . Gegen
Mitternacht rief der Sekretär des Volks kommissars für
Verteidigung an. „Ihre Meldung ist vorgelegt worden. Kommen
Sie sofort in den Kreml.“
Er ließ seinen Krückstock in Stalins Vorzimmer stehen und
betrat langsam den Konferenzraum des Staatlic hen
Verteidigungskomitees. Stalin, der eben ein Telefonge spräch
beendete, warf ihm einen prüfenden Blick zu und fragte: „So,
Sie fühlen sich also wieder gesund?“
„Ja, ich bin wiederhergestellt“, meldete der General. Ein
anderes Komiteemitglied warf ein, daß er noch hinke, aber der
General tat sein Hinken als Bagatelle ab, obwohl es ihm noch
zu schaffen machte.
„Gut, dann sind Sie also wieder einsatzbereit“, stellte Stalin
fest. „Wir brauchen Sie gerade jetzt sehr dringend. Kommen
wir gleich zur Sache. In Stalingrad hat sich die Lage so
verschlechtert, daß wir Maßnahmen zur Stärkung dieses äußerst
wichtigen Frontabschnitts und zur Verbesserung der dortigen
Truppenführung treffen müssen. Wir haben beschlossen, die vor
kurzem neugebildete Stalingradfront zu teilen. Das Staatliche

52
Verteidigungs komitee will Ihnen den Oberbefehl über eine der
beiden Fronten anvertrauen. Was halten Sie davon?“
„Ich bin bereit, an jedem Platz zu kämpfen, an den Sie mich
stellen“, antwortete der 39jährige Generaloberst Andrej
Iwanowitsch Jeremenko.
Jeremenko gehörte zu Stalins bevorzugten Nothelfern und
hatte schon mehrere schwierige Aufgaben übertragen
bekommen, deren Lösung nicht immer gelungen war. Aber er
war strategisch begabt und ein draufgänge rischer Optimist, der
an Herausforderungen wuchs. Sein Optimismus war manchmal
stärker als seine nüchterne Überlegung, und Jeremenko neigte
vielleicht dazu, sich als Mann des Schicksals zu sehen, aber die
Situation verlangte Tatkraft, die er unzweifelhaft besaß. Jere-
menko fuhr sofort zum Generalstab, um sich in die Lage im
Süden einweisen zu lassen, und kam in der gleichen Nacht in
Stalins Arbeitszimmer zurück.
Nach längerer Diskussion über die Vorteile einer ungeteilten
Front (logischerweise unter seinem statt unter Gorodows
Oberbefehl) beugte er sich Stalins Entscheidung und bat um die
nördlichere der beiden Fronten, Weil die lange deutsche
Donfront sich sehr gut für einen Gegenangriff eigne, der seinem
Temperament besser entspreche als ein Verteidigungsauftrag.
„Ihr Vorschlag hat etwas für sich“, gab Stalin zu, „aber das
sind Zukunftsvisionen. Im Augenblick müssen wir die deutsche
Offensive zum Stehen bringen.“
Er machte eine Pause, um sich die Pfeife zu stopfen, und
Jeremenko beeilte sich, ihm zuzustimmen.
„Sie erfassen die Lage richtig“, fuhr Stalin fort, „deshalb
schicken wir Sie zur Südostfront, um den Gegner aufzuhalten,
der aus dem Raum Kotelnikowo nach Stalingrad vorstößt. Die
Südostfront muß aus dem Nichts geschaffen werden - und das
so schnell wie möglich. Sie haben damit Erfahrung. Sie haben
die Brjansk-Front aus dem Nichts geschaffen. Gehen oder
53
vielmehr fliegen Sie morgen nach Stalingrad und stellen Sie die
Südostfront auf.“
Jeremenko traf am Morgen des 4. August 1942 in Stalingrad
ein und wurde von einem Wagen abgeholt, den sein „Mitglied
des Militärrats“ ihm geschickt hatte. Dieser Politkommissar, der
für Schulung, Kampfmoral und Betreuung der Truppe zuständig
war, für reibungs lose Zusammenarbeit mit örtlichen
Parteidienststellen zu sorgen hatte und auch den
Oberbefehlshaber diskret auf seine Linientreue hin überwachen
würde, war der Erste Parteisekretär in der Ukraine und hatte
schon mit Timoschenko in gleicher Funktion
zusammengearbeitet. Der Politkommissar stand im Rang eines
Generals und war ein kleiner, sehr stämmiger Mann mit
volkstümlicher Überschwenglichkeit, die nach dem Krieg
weltweit bekannt werden sollte. Er hieß Nikita Sergejewitsch
Chruschtschow.
Jeremenko erhielt vier Tage Zeit zur Aufstellung der
Südostfront, deren Kommando er am 9. August übernehmen
sollte. Die Grenze seines Zuständigkeitsbereichs (und zugleich
die Grenze von Gorodows Stalingrad-Front) folgte von
Kalatsch aus dem Tal der Zariza, die mitten durch die Stadt
fließt und in die Wolga mündet. Jeremenkos Hauptquartier war
der erst Anfang des Jahres erbaute unterirdische Zarizyn-
Bunker.
Der neue Oberbefehlshaber hatte kaum mit der Organisation
seines Stabes begonnen, als seine Reaktio nen bereits auf die
Probe gestellt wurden: Am 7. August stießen Hoths Panzer von
Süden auf Stalingrad zu, brachen in die linke Flanke der 64.
Armee ein und kamen bis auf 30 Kilometer an die Stadt heran.
Jeremenko hatte keine Unterstützung von der Stalingrad-Front,
die selbst in schweren Abwehrkämpfen stand, zu erwarten, und
seine beiden anderen Armeen (51. und 57. Schützenarmee)
verfügten nur über einen Bruchteil ihrer Sollstärke. So
54
entsprach die 51. Armee lediglich einer kompletten Division,
denn ihre beiden anderen Divisionen standen mit Tschuikow am
Aksai und waren zu weit entfernt, um eingreifen zu können.
In Stalingrad brach eine Panik aus, so daß drakonische
Maßnahmen ergriffen werden mußten, um die Zivilisten von
den für den Militärverkehr benötigten Straßen fernzuhalten.
Danach wurde eine improvisierte Kampfgruppe aus Panzern,
Pakgeschützen und Katjuscha-Raketenwerfern aufgestellt und
Hoth entgegengeworfen, um ihn bei Abganerowo aufzuhalten.
Nach den ersten Gefechten am 9. August folgten tagelange
Kämpfe, in denen Hoth zum Stehen gebracht wurde, so daß er
den Versuch, von Süden nach Stalingrad durchzubrechen,
vorerst aufgeben mußte. Damit hatte Jeremenko die erste
Feuerprobe bestanden, aber ab 10. August, als die Kämpfe bei
Abganerowo ihren Höhepunkt erreichten, sollte er auf noch
schwerere Proben gestellt werden.
An diesem Tag kam es auf dem linken Flügel der Stalingrad-
Front, dicht an Jeremenkos rechtem Flügel, zu einer ernsten
Krise, als General Lopatins 62. Armee bei einem versuchten
Gegenangriff mit drei ihrer Divisionen in Schwierigkeiten
geriet. Obwohl sie den Deutschen einige Verluste beibrachten,
wurden sie selbst auf drei Seiten eingeschlossen und konnten
sich nur schwer und unter großen Verlusten aus dieser
Umklammerung retten. Obwohl der deutsche Vormarsch
zunächst am Westufer des Dons zum Stehen gebracht worden
war, blieb die Lage kritisch, weil die logische feindliche
Stoßrichtung genau entlang der Grenze zwischen den
sowjetischen Heeresgruppen „Stalingrad“-(Front) und
„Südost“-(Front) verlief. Das brachte Koordinierungs-
schwierigkeiten zwischen zwei gleichberechtigten Ober-
befehlshabern mit sich - vor allem in bezug auf die Verlegung
von Reserven, von denen Jeremenko damals keine besaß, so
daß er auf Gorodow angewiesen war (der ebenfalls keine hatte).
55
Jeremenko meldete diese Schwierigkeiten der Stawka, was zu
dem vielleicht unerwarteten Ergebnis führte, daß er am
Spätabend des 13. August zum Oberbefehlshaber beider
Fronten ernannt wurde - mit Gorodow als seinem Stellvertreter
für die Stalingrad-Front und Golikow (zuletzt an der Brjansk-
Front) als seinem Stellvertreter für die Südostfront. Damit war
er zum örtlichen Oberbefehlshaber aufgestiegen, und obwohl
sein Hauptquartier häufig Besuch von hohen Stawka-Offizieren
erhielt, wurden alle dringenden Entscheidungen von ihm getrof-
fen. Seine Fähigkeit, blitzschnelle Entscheidungen zu treffen,
mußte sich bald bewähren, denn Paulus bereitete den bisher
gefährlichsten Angriff auf Stalingrad von Norden, Westen und
Süden vor.
Hitler wurde allmählich unruhig, weil es seinen Generalen
nicht gelang, Stalingrad zu nehmen, und Paulus war eifrig
bemüht, den Befehlen seines Herrn und Meisters
nachzukommen. Da der für die Eroberung der Stadt gesetzte
Termin - der 25. August - rasch näherkam, gab die 6. Armee am
19. August die Operationsbefehle für die Einnahme von
Stalingrad heraus, nach denen der Angriff am 23. August um
4.30 Uhr beginnen sollte. In der ersten Phase sollte ein
Angriffskeil aus dem XIV. und III. Panzerkorps sowie der 60.
Infanteriedivision (mot.) unter Befehl von General der Panzer
Hube aus Brückenköpfen beidseits von Wertjatschi über die
Landbrücke zwischen Don und Wolga vorstoßen. Sobald diese
Kräfte die nördlichen Vorstädte von Stalingrad (Spartakowka,
Rynok und Lataschinka) erreicht hatten, würden sie nach Süden
in die Stadt eindringen, während nachfolgende Einheiten den
von ihnen eroberten Korridor verbreiterten. Die 4. Panzerarmee
sollte von Süden nach Stalingrad vorstoßen, sobald die Stadt im
Norden abgeriegelt war, und General von Seydlitz' LI.
Armeekorps würde von Kalatsch aus nach Osten angreifen, im
Norden Verbindung mit der Nachhut von Hubes Kampfgruppe
56
halten und versuchen, Stalingrad auf der Grenze zwischen der
sowjetischen 62. und 64. Schützenarmee zu erreichen, um einen
Keil zwischen sie zu treiben.
Hubes Kampfgruppe trat wie geplant zum Angriff an und
überrannte die gegnerischen Stellungen durch Schlagkraft,
Beweglichkeit und überlegene Taktik. Weit im Südosten stiegen
gewaltige Rauchwolken auf: Dort brannte Stalingrad nach den
Angriffen der Luftflotte 4, die an diesem Tag bei
Terrorangriffen, die an Warschau und Rotterdam erinnerten,
über 2000 Einsätze flog. Am frühen Nachmittag hatten Hubes
Männer die Stadt in Sicht, und gegen Abend war der
improvisierte Verteidigungsring, in dem Arbeiterinnen aus der
Geschützfabrik „Barrikaden“ Pakgeschütze bedienten, auf
breiter Front durchbrochen, und die deutschen Panzer erreichten
nördlich von Rynok das hochgelegene westliche Wolga ufer.
Dort bereiteten die Panzerbesatzungen sich auf die Kämpfe des
nächsten Tages vor, an dem Stalin grad bestimmt fallen würde.
Aber sie konnten nicht ahnen, daß Jeremenko dabei war, ein
Wunder zu vollbringen, indem er eine schon fast eroberte Stadt
in eine Festung verwandelte.
Jeremenko war an diesem Morgen mit der Meldung geweckt
worden, daß die Deutschen an der Grenze zwischen der 62.
Schützenarmee und der 4. Panzerarmee (die nur noch aus
Infanterieeinheiten bestand, weil sie ihre Panzer in der Schlacht
am Donbogen verloren hatte) angriffen. Bei Tagesanbruch
alarmierte er deshalb Oberst Sarajow, den Kommandeur der 10.
NKWD-Division, einer Polizeitruppe ohne schwere Waffen, die
aber trotzdem den 50 Kilometer langen inneren Vertei-
digungsring um Stalingrad zu besetzen hatte, weil dafür keine
regulären Truppen abgestellt werden konnten.
Um 8 Uhr telefonierte Jeremenko mit dem Stab der 62.
Armee und ließ sich einen Lagebericht geben, aus dem klar
hervorging, daß die Deutschen schnell nach Stalingrad
57
vorstießen. Um 9 Uhr rief der Stabschef der 8. Luftflotte,
General Selesnow, an und meldete: „Unsere Aufklärer berichten
von schweren Kämpfen im Raum Malaja Rossoschka. Überall
sind Brände zu beobachten. Die Aufklärer haben zwei
Panzerkolonnen mit jeweils etwa hundert Fahrzeugen
festgestellt. Dahinter folgen Massen von motorisierter
Infanterie. Alles bewegt sich auf Stalingrad zu. Die Spitzen der
Kolonnen haben unsere Stellungen bei Malaja Rossoschka
durchbrochen. Starke feindliche Luftstreitkräfte bombardieren
unsere Truppen, um den Kolonnen den Weg zu ebnen.“
Jeremenko verlor keine langen Worte. „Meine Entscheidung:
Lassen Sie sofort sämtliche Flugzeuge der Stalingrad-Front
starten. Führen Sie einen wuchtigen Schlag gegen die
feindlichen Panzer- und Lkw-Kolonnen.“ Danach rief er
Generalleutnant T. T. Chrjukin, den Kommandeur der
Luftstreitkräfte der Südostfront, an und befahl ihm, sämtliche
Schlachtflugzeuge gegen Hubes Panzerkolonnen einzusetzen.
Als nächstes rief Jeremenko seinen Panzerkommandeur,
General Schtewnow, und seinen Ia, General Ruchle, zu sich.
Das Telefon klingelte erneut. Diesmal war Chruschtschow
am Apparat. „Was gibt's Neues?“
„Keine erfreulichen Nachrichten.“
„Ich komme sofort ins Hauptquartier.“
Die nächste Meldung kam von Oberst Rainin, dem
Kommandeur der Flakabteilungen, der berichtete, seine
Horchgeräte in Bolschaja Rossoschka hätten die Geräusche von
Hubes Panzern aufgenommen. Jeremenko wies ihn an, seine
Batterien zur Panzer- und Flugzeugbekämpfung bereitzuhalten,
weil die Stadt bestimmt bald bombardiert werde.

58
Am Anfang: Sperrfeuer

Die ersten Gefangenen werden gemacht

59
Erbitterte Schlacht im Don-Bogen
60
Inzwischen waren Schtewnow und Ruchle eingetrof fen.
Jeremenko befahl Schtewnow, die Reste zweier Panzerkorps,
die zur Umgruppierung und Auffrischung in die Etappe
geschickt werden sollten, zusammenzukratzen und mit ihnen
den deutschen Vormarsch aufzuhalten - eine vergebliche
Hoffnung, denn diese beiden Korps verfügten gemeinsam über
weniger als 50 Panzer, hauptsächlich veraltete T 70. Ruchle
wurde angewiesen, die entsprechenden Einsatzbefehle
herauszugeben.
Nun war es elf Uhr, und Chruschtschow war eingetroffen, um
zu berichten, die Parteiorganisationen und Arbeiterformationen
seien bereit, an der Verteidigung der Stadt mitzuwirken, und
warteten auf Aufträge. Das im Hauptquartier herrschende
Unbehagen war fast mit Händen greifbar, und Jeremenko mußte
sich zusammenreißen, um inmitten aller hektischen Aktivität
ruhig und gelassen zu wirken. Das Telefon klingelte erneut. Der
Nachschubführer, Generalleutnant Korschunow, meldete
besorgt, ein ganzer Zug mit Munition, Verpflegung und
Truppen sei von deutschen Panzern zusammengeschossen
worden.
„Die feindlichen Panzer stoßen nach Stalingrad vor. Was
sollen wir tun?“ „Ihre Pflicht!“ antwortete Jeremenko scharf.
„Drehen Sie bloß nicht durch!“
Der NKWD-Oberst Sarajow kam herein.
„Die feindlichen Panzer stehen rund fünfzehn Kilometer vor
Stalingrad und stoßen rasch auf den Norden der Stadt zu“,
erklärte Jeremenko ihm.
„Ja, ich weiß“, bestätigte Sarajow mit leiser Stimme.
„Was haben Sie bisher veranlaßt?“
„In Übereinstimmung mit Ihren früheren Befehlen habe ich
die beiden Regimenter im Norden und Nordwesten in
Kampfbereitschaft versetzt.“

61
Jeremenko veranlaßte außerdem, daß das Reserveregiment
aus dem Vorort Minina in die Geschützfabrik „Barrikaden“ in
dem gefährdeten Abschnitt verlegt wurde.
Dann rief sein Stellvertreter für die Südostfront, General
Golikow, mit weiteren Hiobsbotschaften an. Die deutsche 4.
Panzerarmee war um sieben Uhr zum Angriff von Süden her
angetreten; bis zum Mittag hatte sie den Bahnhof Tinguta und
das Ausweichgleis bei Kilometer 74 genommen. Die 38.
Schützendivision war teilweise eingeschlossen, aber an anderen
Stellen waren die deutschen Angriffe abgewehrt worden, und
ein Gegenstoß zum Bahnhof Tinguta wurde vorbereitet. „Gut,
weitermachen. Die 56. Panzerbrigade aus der
Südostfrontreserve soll sich zum sofortigen Eingreifen
bereithalten.“
Essen wurde aufgetragen, aber Jeremenko hatte keine Minute
Zeit. Aus Moskau rief der stellvertretende Chef des
Generalstabs an, um sich zu erkundigen, wie die Lage sich
entwickle. Während Jeremenko mit ihm sprach, meldete sich an
einem anderen Apparat General Lopatin, der Oberbefehlshaber
der 62. Schützenarmee.
„Bis zu 250 Panzer und ungefähr 1000 Lkw mit Infanterie -
haben mit sehr starker Luftunterstützung ein Regiment der 87.
Schützendivision vernichtet und sind nördlich von Malaja
Rossoschka in die rechte Flanke der 35. Garde-
Schützendivision eingebrochen“, berichtete Lopatin.
„Ja, ich weiß. Unternehmen Sie sofort alles, um die
Einbruchstelle abzuriegeln, den Feind von der mittleren
Verteidigungslinie zurückzudrängen und die Lage wie -
derherzustellen.“
Oberst Rainin meldete, seine Flakbatterien wehrten östlich
von Orlowka Panzerangriffe ab und hätten einige Verluste
erlitten, und Oberst Sarajow berichtete, das 282. Regiment der
10. NKWD-Division stehe östlich von Orlowka im Kampf mit
62
deutschen Panzern und motorisierter Infanterie. Jeremenko ging
in Gedanken den Zustand seiner Reserven durch; er verfügte
über einige besonders gute Einheiten, die sich bereits ausge-
zeichnet hatten, aber die Reserven waren nicht sonderlich stark:
eine Panzerbrigade, eine Infanteriebrigade (mot.), etwas mehr
als eine Panzerjägerbrigade und eine Schützenbrigade, die noch
auf dem Marsch war. Das Klingeln des Telefons unterbrach
seine Überlegungen. Diesmal war Malyschow, der Minister für
Panzerproduktion und Vertreter des Staatlichen
Verteidigungskomitees, am Apparat. Er sprach von den
Stalingrader Traktorenwerken aus, in der jetzt Panzer gebaut
wurden.
„Von der Fabrik aus können wir Kämpfe im Norden der Stadt
beobachten. Flakgeschütze wehren Panzer ab. Das
Fabrikgelände ist bereits von mehreren Granaten getroffen
worden. Die feindlichen Panzer stoßen nach Rynok vor. Wir
haben die wichtigsten Anlagen zur Sprengung vorbereitet.“
„Sprengen Sie vorerst noch nichts. Verteidigen Sie die Fabrik
mit allen Mitteln. Alarmieren Sie die Arbeiterbataillone und
lassen Sie den Feind nicht ins Werk. Unterstützung ist bereits
unterwegs.“
Malyschow übergab den Hörer Generalleutnant Feklenko.
„Ich bin hier im Panzer-Ausbildungszentrum. Ich habe ungefähr
2000 Mann und 30 Panzer. Ich habe beschlossen, die Fabrik zu
verteidigen.“
„Ein richtiger Entschluß. Ich ernenne Sie zum
Abschnittskommandeur. Organisieren Sie sofort die
Verteidigung der Fabrik mit Kräften des Ausbildungszentrums
und den Arbeiterbataillonen. Zwei Brigaden, eine Panzer- und
eine Schützenbrigade, sind zu Ihnen unterwegs.“
Dann traf der Pionierführer der Südostfront, von seinem
Nachschuboffizier begleitet, ein, um stolz zu melden, daß die
Pontonbrücke über die Wolga von der Traktorenfabrik aus in
63
zehn Tagen, zwei Tage früher als geplant, fertiggestellt worden
sei. Die Brücke war knapp drei Kilometer lang.
„Ausgezeichnet! Danken Sie den Männern, die sie gebaut,
und den Offizieren, die die Arbeiten überwacht haben -
besonders dem Genossen Stepanow und den anderen. Was die
Brücke betrifft, befehle ich ihre Zerstörung.“
Die beiden Pionieroffiziere wechselten einen Blick, aus dem
zu erkennen war, daß sie an Jeremenkos Geisteszustand
zweifelten.
„Ja, ja, zerstören Sie sie augenblicklich!“ Er erklärte ihnen,
warum diese Zerstörung notwendig war, und die beiden
verließen das Hauptquartier, um seinen Befehl durchzuführen.
Als sie gingen, kamen die Artilleriegenerale Degtja row und
Subanow herein, um zu melden, die Deutschen stünden dicht
vor den Hauptmunitionslagern. Sie erhielten den Auftrag, dafür
zu sorgen, daß möglichst viel Munition an sichere Orte
verlagert wurde.
Dann trafen erfreulichere Meldungen ein. Oberst Gorochow
meldete das Eintreffen seiner 124. Schützenbrigade auf dem
jenseitigen Wolgaufer. „Schaffen Sie Ihre Brigade so rasch wie
möglich herüber und marschie ren Sie zur Traktorenfabrik.
Melden Sie sich dort bei Genosse Feklenko. Ihre Einsatzbefehle
erhalten Sie von ihm.“
Jeremenko versuchte nochmals, endlich zu frühstüc ken
(inzwischen war es fast 18 Uhr), aber das Telefon klingelte
erneut. Oberst Rainin meldete: „Starke deutsche
Bomberverbände aus Westen und Südwesten im Anflug auf
Stalingrad. Sie werden in drei bis fünf Minuten über der Stadt
sein. Fliegeralarm ist gegeben, unsere Batterien sind feuerbereit,
und die Jagdflieger starten.“
„Gut, weitermachen“, sagte Jeremenko so ruhig wie möglich,
obwohl sein Herz schneller schlug und ihm der Schweiß auf der
Stirn stand. „Starke Verbände“ - das bedeutete Gruppen von 30
64
bis 40 Flugzeugen, jedenfalls über 100 Maschinen (tatsächlich
waren es etwa sechsmal mehr, weil viele der deutschen
Flugzeuge mehrere Einsätze flogen). Als die Luftwaffe angriff,
stießen Hubes Panzer von Rynok aus nach Süden vor. Zuerst
schlug ihnen Granatwerfer- und Flakfeuer entgegen. Wenig
später kamen die Panzerjägerbataillone mit Pakgeschützen nach
vorn und bezogen rasch Stellungen am Suchaja Metschetka,
einem Bach etwa einen Kilometer nördlich des Traktorenwerks.
Nach stundenlangen erbitterten Kämpfen zogen Hubes Panzer
sich zurück, um Treibstoff und Munition für den nächsten
Kampftag aufzunehmen. Gleichzeitig wurden die
hartbedrängten Verteidiger des Traktorenwerks verstärkt.
Jetzt konnte Jeremenko endlich frühstücken.

65
Der Tod einer Stadt

Die nach den deutschen Luftangriffen ausgebrochenen Brände


wüteten die ganze Nacht hindurch, und am nächsten Morgen
schien die Sonne über einer verwüsteten Stadt. In den letzten
zwei Monaten hatte es kaum geregnet, und die hauptsächlich
aus Holz gebauten Häuser in den Vororten waren in Flammen
aufgegangen, so daß dort in ganzen Straßenzügen nur noch die
gemauerten Kamine wie unzählige Grabsteine standen. Im
Stadtzentrum und in den Industrievierteln, in denen die
Gebäude massiver waren, wirkte auf den ersten Blick vieles
normaler, aber dann zeigte sich, daß hinter manchen Fassaden
nur noch ausgebrannte Ruinen lagen. Mehrere Öltanks waren
brennend geplatzt und hatten ihren Inhalt in die Wolga
ergossen, wo das brennende Öl einen stromabwärts treibenden
Teppich bildete. Die Kaianlagen und viele der dort liegenden
Binnenschiffe waren in Flammen aufgegangen. Das
Telefonnetz funktionierte nicht mehr, weil die hölzernen
Telegraphenmasten verbrannt waren, und selbst der Asphalt der
Straßendecken war in Brand geraten. Das Wasserleitungsnetz
war frühzeitig durch Bombenangriffe zerstört worden, so daß
die Feuerwehr in den meisten Fällen nur hilflos zusehen konnte,
wie Gebäude niederbrannten.
Wegen der Nähe der vorgeschobenen deutschen Feld-
flugplätze konnten die Bomber jeweils mehrere Einsätze
fliegen, so daß Stalingrad an diesem Tag von rund 2000
Maschinen bombardiert worden war. Am Morgen des 24.
August 1942 lag die Stadt in Trümmern, und Tausende von
Stalingradern waren im Bombenhagel umgekommen. Obwohl
66
nach dem Krieg von vielen deutschen Autoren behauptet wurde,
die Luftangriffe hätten rein militärischen Zielen gegolten, hatte
es sich in erster Linie um einen Terrorangriff gehandelt.
Natürlich behinderte Trümmerschutt auf den Straßen die Verle -
gung von Jeremenkos Reserven zu gefährdeten Frontab-
schnitten, und natürlich bestand theoretisch die Möglichkeit,
das sowjetische Hauptquartier durch einen Bombentreffer
auszuschalten, aber in Wirklichkeit standen in der Stadt nur
wenige Truppen, weil die meisten in den Verteidigungsgürteln
um Stalingrad eingesetzt waren.
Die Erfahrungen der westlichen Alliierten bei Monte Cassino
und in Caen zeigten später, daß die Zerstörung großer Gebäude
einen entschlossenen Verteidiger begünstigen kann, indem sie
die Angreifer behindert, und aus dieser Sicht war die deutsche
Bombardierung Stalingrads ein Fehler. Man fragt sich
unwillkürlich, wie der Kampf ausgegangen wäre, wenn die
Luftflotte 4 statt dessen Präzisionsangriffe gegen die Einheiten
der 10. NKWD-Division, Feklenkos Männer auf dem Gelände
des Traktorenwerks oder Golikows Panzer, die sich bei Tinguta
zum Gegenstoß sammelten, geflogen hätte. Denn als die
deutschen Bodentruppen am Morgen des 24. August ihren
Angriff wiederaufnahmen, stießen sie auf felsenfeste
Gegenwehr und ließen sich in ihrer Enttäuschung über die
offenbar verpaßte Gelegenheit dazu verleiten, immer mehr
Truppen in den Kampf um Stalingrad zu werfen und die
Gefahren, die ihrer Nordflanke am Don drohten, weitgehend zu
ignorieren. Zu Besorgnis bestand vorläufig noch kein Anlaß,
denn am 23. August hatten Hubes Einheiten ihre ursprünglichen
Angriffsziele erreicht: Sie hatten die Landbrücke zwischen Don
und Wolga überquert und Stellungen erreicht, von denen aus
Stalingrad und die Wolga im Wirkungsbereich ihrer schweren
Waffen lagen. Außerdem hatten sie einen Keil in die Stalingrad-
Front getrieben und die Bahnstrecken unterbrochen, die für die
67
Querverbindungen der Verteidiger fast unerläßlich waren. Aber
der deutsche Korridor über die Landbrücke war noch immer
ziemlich schmal, und Jeremenko hoffte, ihn unterbrechen zu
können, um die Geschlossenheit seiner Front
wiederherzustellen.
Als Hube am Morgen des 24. August am Suchaja Metschetka
mit Panzern und Infanterie angriff, hielten Feklenkos
buntgemischte Verstärkungen - von Gorochows
Schützenbrigade bis hin zu Stalingrader Arbeiterbataillonen -
sich so gut, daß die Deutschen den ganzen Vormittag lang nicht
vorankamen und am Spätnachmit tag durch einen Gegenangriff
zwei Kilometer weit zurückgedrängt wurden.
Unterdessen galten die meisten deutschen Luftangriffe nicht
den sowjetischen Stellungen im entscheidenden Nordabschnitt,
sondern dem eigentlichen Stadtge biet. Das machte Jeremenkos
und Chruschtschows Aufgabe nicht leichter, denn sie mußten
dafür sorgen, daß Frauen, Kinder und alte Menschen so rasch
wie möglich über die Wolga evakuiert wurden. Die Unruhe und
Verwirrung bei der Zivilbevölkerung veranlaßten Jeremenko
am 25. August, das Kriegsrecht über Stalingrad zu verhängen;
aber jede Bombe, die auf die Stadt fiel, konnte nicht auf
Feklenkos Truppen nördlich des Traktorenwerks fallen, und
seine Männer nutzten diesen Vorteil nach Kräften.
Als der Angriff im Norden liegenblieb, versuchte die
sowjetische 6. Armee jetzt, von Westen vorzustoßen. Im Schutz
des Morgennebels überquerten am 25. August 25 Panzer und
eine Infanteriedivision den Don südlich von Rubeschnoje, um
Stalingrad-Mitte anzugreifen. Der Angriff wurde von der 169.
Panzerbrigade und der 365. Garde-Schützendivision unter
Befehl von Jeremenkos Stellvertreter für die Stalingrad-Front,
Generalleutnant Kowalenko, zum Stehen gebracht. Die
sowjetische Kampfgruppe stieß dann zu der teilweise
eingeschlossenen 87. Schützendivision bei Bolschaja
68
Rossoschka vor und entsetzte sie. Eine Gruppe von 33 Soldaten
der 87. Schützendivision - wie so viele der besten sowjetischen
Soldaten aus Sibirien und dem Fernen Osten - hatte sich zwei
Tage gegen 70 deutsche Panzer gehalten und 27 von ihnen
vernichtet - viele davon mit Molotow-Cocktails, die von
sowjetischen Autoren (wegen der unerwünschten Erinnerungen
an den sowjetisch-finnischen Winterkrieg 1939/40) prosaisch
als „Brandflaschen“ bezeichnet wurden. Obwohl die meisten
Angehörigen dieser Gruppe keine Kampferfahrung besaßen,
wurde lediglich ein Mann verwundet, und obwohl dies
keineswegs charakteristisch für sowjetische Operationen war,
die wegen der taktisch ungeschickten Führung auf unterer
Ebene oft zu unnötig schweren Verlusten führten, war es ein
Hinweis, wie der Kampf geführt werden sollte.
Nachdem die Deutschen vorerst in den Außenbezir ken von
Stalingrad zum Stehen gebracht worden waren, konzentrierte
Jeremenko sich auf den Gegenangriff, den er unbedingt führen
wollte. Jeremenko hatte sich vorgenommen, den Korridor des
XIV. Panzerkorps zur Wolga abzuschneiden oder das Korps
vielleicht sogar zu vernichten, indem er seine Nachschubwege
von Norden her mit der 21. Schützenarmee und der 1. Garde-
Armee angriff (in der UdSSR bezeichnete das vorgesetzte Wort
„Garde“ eine Formation, die sich im Kampf ausgezeichnet
hatte. Sie erhielt bessere Ausrüstung, und ihre Angehörigen
bekamen mehr Sold; sie bestand jedoch nicht aus eigens
ausgesuchten Soldaten wie die „Garde“-Einheiten anderer
Streitkräfte).
Schon am 24. August hatten zwei Divisionen der 21. Armee
erste Angriffe gegen die deutschen Stellungen bei
Serafimowitsch und Kletskaja geführt, während Teile der 1.
Garde-Armee bei Nowo-Grigorjewskaja angegriffen hatten; sie
hatte ihren Brückenkopf auf dem rechten Donufer ausgeweitet,
ohne jedoch Hubes Kampfgruppe abschneiden zu können. Am
69
25. August traten mehrere Divisionen der 63. Schützenarmee
aus dem Raum Jelanskaja -Simowskij zum Angriff an, stie ßen
nach Süden vor und eroberten einen weiteren Brückenkopf
jenseits des Dons. General Kowalenkos Kampfgruppe war
inzwischen durch zwei weitere Schützendivisionen und einige
Panzer verstärkt worden und setzte am 26. August zu einem
weiteren Gegenstoß aus dem Raum Samofalowka an, um die
Deutschen von einigen beherrschenden Höhen zu vertreiben.
Dieser schlecht koordinierte Angriff endete jedoch wegen
fehlender Artillerieunterstützung und starker deutscher
Luftangriffe mit einem völligen Mißerfolg.
Dann griff General Schtewnow mit Teilen der 62. Armee bei
Gorodischtsche und Gumrak an. Dadurch wurde die Gefahr
eines deutschen Vorstoßes, der aus Nordwesten nach Stalingrad
hätte führen können, vor erst gebannt, aber auch dieser Angriff
war nur teilweise erfolgreich, so daß Jeremenko seinen
Lieblingsplan eines Angriffs entlang der Nordflanke der 6.
Armee wegen unzulänglicher eigener Kräfte aufgeben mußte.
Erst nach dem Krieg sollte Jeremenko erfahren, wie nahe er
dem Erfolg gewesen war: Der Kommandierende General des
XIV. Panzerkorps, General von Wietersheim, war wegen der
exponierten Lage von Hubes Abteilung am Wolgaufer, wo sie
zeitweise abgeschnitten war und nur aus der Luft versorgt
werden konnte, so beunruhigt, daß er um Erlaubnis bat, sie
zurückziehen zu dürfen, was ihm Generaloberst von Weichs,
der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B, aber nicht gestattete.
Nun entstand jedoch eine neue Bedrohung im Südabschnitt.
Die deutsche 4. Panzerarmee hatte seit dem 19. August
versucht, die sowjetische Verteidigungslinie um Stalingrad in
der Südecke bei Tundutowo zu durchbrechen. Sie war jedoch
kaum vorangekommen und hatte schwere Verluste erlitten - vor
allem ihre 24. Panzerdivision -, weil die sowjetischen
Stellungen auf den Höhenzügen zwischen Beketowka und
70
Krasnoarmeisk an der Wolga gut angelegt waren und von
mehreren Divisionen der 64. Armee mit Panzerunterstützung
gehalten wurden. Hoth hatte deshalb die Angriffe eingestellt,
und während Jeremenko mit Gegenstößen im Norden und
Nordwesten von Stalingrad beschäftigt war, wurden die Panzer
und Panzergrenadiere der 4. Panzerarmee unauffällig vom
Süden in den Südwesten verlegt und im Raum Abganerowo
umgruppiert. Von dort aus traten sie am 29. August bei
Tagesanbruch zum Angriff gegen die 126. Schützendivision der
64. Armee an. Hoth wollte einen Keil in die Mitte der 64.
Armee treiben und dann hinter den sowjetischen Stellungen
zwischen Beketowka und Krasnoarmeisk nach rechts
schwenken, um das Wolga ufer und die Höhen südlich von
Stalingrad zu gewinnen und den linken Flügel der 64. Armee
abzuschneiden.
Der deutsche Angriff kam jedoch besser als erwartet voran.
General von Hauenschilds 24. Panzerdivision durchbrach die
sowjetische Front bei Gawrilowka mit wirkungsvoller
Unterstützung der Stukas der Luftflotte 4 und stieß in den
Rücken der 62. und 64. Armee vor. Dadurch änderte sich die
Lage schlagartig. Aus dem Versuch, den linken Flügel der 64.
Armee abzuschneiden, hatte sich die Möglichkeit entwickelt,
den rechten Flügel der 64. Armee und vielleicht die gesamte 62.
Armee einzukesseln. Dazu mußte die deutsche 4. Panzerarmee
auf die vorgesehene Schwenkung verzichten und weiter nach
Norden vorstoßen, während die 6. Armee ihr nach Süden
entgegenkommen mußte. Wenn dieses Manöver gelang, war der
Fall Stalingrads unvermeidlich, weil keine Truppen mehr zur
Verteidigung der Stadt zur Verfügung standen. Aber die
Heeresgruppe B würde rasch handeln müssen, denn Jeremenko
erkannte diese Gefahr ebenfalls.
Generaloberst von Weichs, der Oberbefehlshaber der
Heeresgruppe B, reagierte schnell auf die veränderte Lage: Am
71
30. August mittags ließ er der 6. Armee einen Befehl
übermitteln, in dem es hieß, jetzt hänge alles davon ab, daß die
6. Armee mit möglichst starken Kräften in südöstlicher
Richtung angreife, um die westlich von Stalingrad stehenden
feindlichen Kräfte im Zusammenwirken mit der 4. Panzerarmee
zu vernichten. Am nächsten Tag drängte Weichs erneut auf eine
rasche Vereinigung der beiden Angriffsspitzen, der ein Vorstoß
ins Herz der Stadt folgen müsse.
Aber Paulus war nicht von der Stelle zu bringen. Obwohl
Jeremenkos Gegenangriffe hinter den Erwartungen des
sowjetischen Oberbefehlshabers zurückge blieben waren, hatten
sie Wietersheim und Paulus davon überzeugt, daß ihre
Nordflanke sich in sehr prekärer Lage befinde. Die russischen
Gegenangriffe hielten an, und Paulus befürchtete einen
Zusammenbruch seiner Nordfront, wenn er seine schnellen
Kräfte für einen Vorstoß nach Süden abstellte. Der sowjetische
Druck gegen die 6. Armee ließ erst am 2. September nach;
daraufhin schickte Paulus seine Panzer sofort Hoth entgegen.
Am 3. September hatte auch Seydlitz' Infanterie Verbindung
mit den Angriffsspitzen der 4. Panzerarmee, womit der
Einschließungsring geschlossen war. Aber der
Umfassungsangriff hatte einen Schönheitsfehler: Die Rote
Armee war erneut aus der Umklammerung entkommen. Was
war passiert?
Jeremenko hatte nic ht erkannt, daß Hoth die Absicht hatte,
den linken Flügel der 64. Armee abzuschneiden, und die
deutschen Absichten erraten, bevor die Deutschen sich selbst
zur Änderung des Angriffsziels entschlossen. Als Weichs und
Hoth ihren unerwarteten Erfolg ausnützten und weiter nach
Norden vorstießen, war aus dem Hauptquartier der Stalingrad-
Front bereits ein Strom von Befehlen hinausgegangen, die auf
eine Räumung des äußeren Verteidigungsringes um Stalin grad
hinausliefen. Der rechte Flügel der 64. Armee wurde in der
72
Nacht zum 30. August zurückgenommen und besetzte
hauptsächlich den mittleren Verteidigungs ring, während die 29.
und 204. Schützendivision in die Armeereserve überwiesen
wurden. Die 62. Armee begann ihren Rückzug in der nächsten
Nacht und bezog Stellungen in der mittleren Verteidigungszone
nördlich der 64. Armee. Dieser notwendig gewordene Rückzug
bedeutete allerdings, daß Stalingrad nun auf allen Seiten von
den Deutschen hart bedrängt wurde.
Durch eine seltsame Kombination aus voreiligem
Optimismus und fast hellseherischen Fähigkeiten war es
Jeremenko jedoch gelungen, die Masse seiner Kräfte zu retten.
Seine Gegenangriffe waren fehlgeschlagen, aber sie hatten
einen wichtigen Zweck erfüllt: Sie hatten Paulus' 6. Armee in
den entscheidenden Tagen vom 30. August bis zum 2.
September festgenagelt. Jeremenko hatte die deutschen
Absichten ursprünglich falsch beurteilt, aber er hatte die
Möglichkeiten, die sich dem Gegner boten, rascher erkannt als
die Deutschen, so daß seine 62. und 64. Armee weiterkämpfen
konnten. Aber wie lange noch?
Diesmal waren sie nur mit knapper Not der Vernichtung
entgangen, und der verstärkte deutsche Druck im Südabschnitt
erzwang am 2. September den Rückzug auf die innere
Verteidigungslinie. Dabei setzten die Deutschen erstmals
Sturmgeschütze ein. Obwohl Jeremenko behauptete, die
erhofften Ergebnisse seien ausgeblieben, forderte er sofort
selbst welche an. Er machte sich offenbar Sorgen wegen der
Wirkung dieser Waffen auf seine Truppen, die noch nie
Sturmgeschütze gesehen hatten und deren Bewegungsraum von
Tag zu Tag mehr eingeengt wurde.
Stalingrad bot jetzt ein grausiges Bild der Zerstörung. Die
Stadt war seit dem 23. August täglich bombardiert worden, und
die Luftangriffe am 2. September waren besonders schwer

73
gewesen, so daß eine kilometerweit sichtbare Rauchwolke über
Stalingrad stand.
Aus militärischer Sicht noch schlimmer war jedoch die
Tatsache, daß die Wolgafähren, die allen Nachschub
herantransportieren mußten, ständig bombardiert und von
Artillerie beschossen wurden. Nachts schossen die Deutschen
Leuchtgranaten und erschwerten den Fährverkehr, der ohnehin
fast nur mehr nachts abgewickelt werden konnte, durch
Artilleriefeuer zusätzlich. Irgendwie gelang es trotzdem,
Munition, Verpflegung und Truppen in die belagerte Stadt zu
schaffen, wo sie dringend benötigt wurden: Die 62. und 64.
Schützenarmee befanden sich seit Mitte Juli fast
ununterbrochen im Einsatz und mußten Anfang September
dringend aufge frischt werden. Außerdem stand jetzt das nächste
Stadium der Schlacht - der Kampf auf der inneren Linie - bevor.

74
Das Ringen um die Behauptung der Stadt

Unterdessen war es nicht mehr richtig, den Nordteil von


Jeremenkos Befehlsbereich als „Stalingrad-Front“ zu
bezeichnen, denn er war - außer der 62. Schützenarmee - von
der Stadt abgeschnitten. Diese Armee wurde deshalb der
Südostfront unterstellt, so daß eine Heeresgruppe nördlich des
deutschen Einbruchs stand - die etwa 400 Kilometer lange
Stalingrad-Front zwischen Babka am Don und Jersowka an der
Wolga, die fünf Armeen umfaßte: 1. Garde-Armee und 21., 24.,
63. und 66. Schützenarmee - während eine zweite Heeresgruppe
südlich davon eingesetzt war. Diese Südostfront bestand aus
vier Armeen, der Stalingrad verteidigenden 62. Schützenarmee,
der 64. und 57. Schützenarmee südlich davon und der noch
weiter im Süden stehenden 51. Schützenarmee, die den
verhältnismäßig ruhigen Abschnitt hinter den Zaza-,
Barmanzak- und Sarpa-Seen zu halten hatte, wo die Front in der
Kalmückensteppe auslief, in die nur gelegentlich Spähtrupps
beider Seiten vorstießen. Da es sich als unmöglich und
vielleicht auch unklug erwies, eine ganze Heeresgruppe aus
einem unterirdischen Bunker in der Zariza-Schlucht nur wenige
Kilometer hinter der Front führen zu wollen, überquerten
Jeremenko und Chruschtschow unauffällig die Wolga, fuhren
etwa 40 Kilometer nach Norden und kehrten aufs Westufer
zurück, wo sie ihr neues Hauptquartier in dem Dorf Malaja
Iwanowka errichteten. Dort erhielten sie Anfang September
hohen Besuch: Armeegeneral Schukow und Generaloberst
Wasiljewski erschienen als Vertreter der Stawka, des
sowjetischen Oberkommandos. Sie stellten Fragen, holten
75
Auskünfte ein, besuchten die Front und begutachteten sogar die
Brückenköpfe jenseits des Dons, ohne jedoch - nicht einmal
Jeremenko - zu verraten, wozu sie das alles taten. Schukow und
Wasiljewski waren in Stalins Auftrag unterwegs, um die
Eignung der Brückenköpfe als Aus gangspunkte für eine große
Gegenoffensive zu erkunden, und durften mit niemand über
ihren Auftrag sprechen. Im Jahre 1920 war die Weiße Armee
General Denikyns hier durch einen ähnlichen Angriff vernichtet
worden, an dessen Planung Stalin maßgeblich beteiligt gewesen
war, so daß alte Erinnerungen wach wurden, wenn er auf den
Lagekarten Paulus' gefährlich lange Nordflanke betrachtete.
Aber als er die Lage am 2. September 1942 eingezeichnet
sah, verflog der Gedanke an einen gewaltigen Handstreich
zumindest vorläufig. Für dieses Unternehmen waren
zeitraubende Vorbereitungen nötig, und die gegenwärtige Lage
ließ befürchten, Stalingrad werde sich nicht lange genug halten
können, um auf diese Weise entsetzt zu werden. Deshalb funkte
Stalin an Schukow in Malaja Iwanowka:
„Die Lage in Stalingrad verschlechtert sich. Der Feind steht
drei Werst (etwa drei Kilometer) vor Stalingrad. Stalingrad
kann heute oder morgen fallen, wenn die nördliche
Kräftegruppe nicht sofort Hilfe bringt. Veranlassen Sie die
Kommandeure der nördlich und nordöstlich von Stalingrad
stehenden Einheiten, den Feind sofort anzugreifen und den
Stalingradern zur Hilfe zu eilen. Es darf kein Zögern geben.
Zögern kommt jetzt einem Verbrechen gleich. Werfen Sie alle
Flugzeuge in den Kampf, um Stalingrad zu helfen. In Stalingrad
selbst gibt es nur noch sehr wenige Flugzeuge.
Bestätigen Sie sofort den Empfang (dieses Funkspruchs) und
melden Sie die ergriffenen Maßnahmen.
J. Stalin“
Stalins Marschälle und Generale konnten oft mit ihm über
einzelne Befehle diskutieren, aber diesmal gab es keine
76
Widerrede; Stalin wollte, daß die 24. und 66. Schützenarmee,
die soeben aus der Stawka-Reserve im Raum Samofalowka-
Jersowka-Losnoje eingetroffen waren, sofort in den Kampf
geworfen wurden. Gewiß, sie waren noch nicht voll ausgebildet
und bestanden hauptsächlich aus älteren Reservisten (die
Verschwendung sowjetischer Soldaten im Jahre 1941 und bei
Unternehmen wie der Charkow-Offensive des Jahres 1942
zeigte noch immer Nachwirkungen), aber sie waren bisher
kaum eingesetzt worden und ihrer Soll-Stärke deshalb viel
näher als die südlich von ihnen stehenden Armeen. Deshalb
griffen sie am 5. September an und sollten erneut versuchen,
den deutschen Korridor zwischen Don und Wolga zu
durchstoßen.
Das gelang nicht, aber die Deutschen mußten einen Teil ihrer
Kräfte im Norden einsetzen, um diese Angriffe abzuwehren.
Dadurch verringerte sich der Druck auf die 62. und 64. Armee,
die an den Stadtgrenzen von Stalingrad eine neue
Verteidigungslinie aufzubauen versuchten. Die „innere
Verteidigungslinie“ klang gut, aber sie war an vielen Stellen
nicht viel mehr als ein Strich auf Jeremenkos Karte. Dort
mußten erst Drahthindernisse angelegt, Minen verlegt und
Schützengräben und Stellungen ausgehoben werden. Aber dafür
standen nicht unbegrenzt viele Arbeitskräfte zur Verfügung,
denn viele der Schützendivisionen entsprachen kaum noch
kriegsstarken Kompanien: Die 87. Division hatte noch 180
Mann, bei der 112. Division waren es 150, und die 99.
Panzerbrigade bestand aus 120 Mann ohne Panzer.
Dieser Krise war General Lopatin, der Oberbefehlshaber der
62. Schützenarmee, schließlich nicht mehr gewachsen. Er war
im Laufe der Schlacht immer pessimistischer geworden, obwohl
er sich bisher gut gehalten hatte, aber als er jetzt die Wolga im
Rücken und überlegene feindliche Kräfte vor sich hatte, ließ
sein Durchhaltewillen nach. Lopatin kam zu dem Schluß,
77
Stalingrad sei nicht länger zu halten, und nahm Teile seiner
Einheiten ohne Befehl von oben zurück, so daß er abgelöst
werden mußte. Generalleutnant N. I. Krylow, der Chef seines
Stabes, vertrat ihn zunächst, aber da gute Stabschefs fast so
schwer zu finden sind wie gute Armeeoberbefehlshaber, konnte
das nur eine vorläufige Lösung sein, und Jeremenko sah sich
nach einem Nachfolger für Lopatin um.
Im Hauptquartier der 64. Schützenarmee gab es keine
Führungskrise. Generalleutnant M. S. Schumilow, der den
Oberbefehl am 30. Juli 1942 übernommen hatte, war ein
fähiger, ruhiger Mann, der keine optimistischen oder
pessimistischen Exzesse kannte. Sein Stellvertreter war General
Wassili Iwanowitsch Tschuikow, der Oberbefehlshaber der 64.
Armee ge wesen war, als sie im Raum Tula aufgestellt und
ausgebildet worden war, und sie vor Stalingrad befehligt hatte,
bis Schumilow ihn abgelöst hatte. Er war keineswegs das
„fünfte Rad am Wagen“, aber da Schumilow ein sehr fähiger
Oberbefehlshaber war, war Tschuikow entbehrlich. Auf diese
Weise wurde Tschuikow der Oberbefehlshaber der 62.
Schützenarmee und rückte damit in den Augen der sowjetischen
Öffentlichkeit in die vorderste Reihe der Verteidiger von
Stalingrad auf.
Tschuikow war damals 42. Er war bei Kriegsausbruch
sowjetischer Militärattaché in China gewesen und erst im März
1942 in die Heimat zurückgekehrt, wo er sich seit Juli an der
Front bewährt hatte. Tschuikow war entschlußfreudig,
gewissenhaft und ein Optimist. Stalin mußte seine Ernennung
selbstverständlich genehmigen, aber er fragte Jeremenko
lediglich: „Kennen Sie ihn gut genug?“ Als Jeremenko
antwortete, er kenne Tschuikow als einen Offizier, auf den man
sich verlassen könne, war Stalin damit einverstanden, ihm die
62. Armee zu geben, die Tschuikow dann am 12. September
übernahm.
78
Tschuikow hatte sich nach eigener Aussage in seinen
wenigen Wochen an der Front intensiv mit der Kampfweise der
Deutschen auf dem Schlachtfeld auseinandergesetzt. Obwohl er
Respekt vor ihren koordinierten Angriffen mit Flugzeugen,
Panzern und Infanterie hatte, hielt er sie oft für zu langsam und
zu unentschlossen. Da er eine Armee übernahm, die bald rechts
und links abgeschnitten sein und einen breiten Fluß im Rücken
haben würde, und da Jeremenko unmöglich jede seiner
Entscheidungen kontrollieren konnte, besaß Tschuikow weit
mehr Handlungsfreiheit als andere sowjetische
Armeeoberbefehlshaber, so daß seine Ansichten über die
richtige Kampfweise seiner Armee doch sehr wichtig waren.
Er war der Ansicht, die deutschen Erfolge seien vor allem auf
das erstklassig koordinierte Zusammenwirken von Elementen -
Flugzeuge, Panzer und Infanterie - zurückzuführen, die jeweils
gar nicht qualitativ überragend seien. In den Kämpfen an Don
und Aksai war ihm aufgefallen, daß die Panzer erst angriffen,
wenn die Luftwaffe über den sowjetischen Stellungen war, und
daß die Infanterie erst folgte, wenn die Panzer ihre Ziele
erreicht hatten. Nach Tschuikows Überzeugung kam es deshalb
darauf an, diesen Handlungsablauf mit irgendwelchen Mitteln
zu durchbrechen. Außerdem glaubte er, eine gewisse
Abneigung der deutschen Infanteristen gegen Nahkämpfe
entdeckt zu haben, weil sie oft schon aus 700 bis 800 Meter
Entfernung das Feuer eröffneten.
Aus diesen beiden Faktoren - der Abhängigke it von
Koordination und der Abneigung gegen Nahkämpfe - zog
Tschuikow den Schluß, es sei am besten, mit den eigenen
Truppen immer dicht am Feind zu bleiben. Auf diese Weise
konnte die Luftwaffe nicht angreifen, ohne die eigenen Kräfte
zu gefährden, und der sonst übliche Handlungsablauf war
durchbrochen, so daß die deutsche Infanterie im Nahkampf
gegen einen Gegner antreten mußte, der nicht schon durch
79
Bomber und Panzer angeschlagen war. Oder wie Tschuikow es
später einmal ausdrückte:. „Jeder deutsche Soldat muß das
Gefühl haben, von der Mündung einer russischen Waffe
bedroht zu sein.“
Der neue Oberbefehlshaber hatte den Eindruck, diese Taktik
müsse sich in der Stadt leicht verwirklichen lassen, wodurch die
Deutschen ihren Trumpf - die Luftwaffe - eingebüßt hätten,
falls die 62. Schützenarmee willens und imstande sei, die
Angreifer in Nahkämpfe zu verstricken.
Tschuikow übernahm seine neue Armee unter wenig
verheißungsvollen Umständen, die sein Vertrauen in die
Durchführbarkeit seiner Ideen keineswegs stärkten. In
Stalingrad wußte niemand, wo sich das Hauptquartier der 62.
Armee befand. Jeremenko vermutete es in dem Bunker in der
Zarizyn-Schlucht, in dem er bis vor kurzem mit seinem
Frontstab untergebracht gewesen war, aber dort war es nicht, so
daß Tschuikow durch die Stadt irrte, über die provisorischen
Straßensperren staunte, die keinen Lkw und erst recht keinen
Panzer aufhalten konnten, und schließlich einen Offizier fand,
der ihm sagen konnte, wo sein Hauptquartier zu finden war. Er
führte Tschuikow zum Fuß des Mamajew Kurgan, und der neue
Oberbefehlshaber stieg den Hügel zu Krylows Gefechtsstand
hinauf, wo der Stabschef dem Kommandeur einer Panzereinheit
einen telefonischen Anpfiff verpaßte, weil er ohne Befehl von
Höhe 107 ans Wolgaufer zurückgegangen war, so daß sein
Gefechtsstand jetzt hinter dem Armeehauptquartier lag.
Solche selbständigen Absetzbewegungen hätten das Ende
von Tschuikows Vorhaben bedeutet, die Deutschen in
Nahkämpfen zum Stehen zu bringen. Deshalb wurde der
betreffende General herbeizitiert, und Tschuikow beschuldigte
ihn persönlicher Feigheit, erklärte ihm, jeder zukünftige Befehl
dieser Art werde als Verrat und Desertion geahndet, und gab
ihm bis vier Uhr Zeit, seinen Gefechtsstand wieder auf Höhe
80
107 einzurichten. Als General Golikow, der stellvertretende
Frontbefehls haber, eintraf, bekam der Panzerkommandeur
seinen dritten Anpfiff, womit aller guten Dinge drei waren.
Tschuikow bat Golikow aus mehreren Gründen als erstes um
einige zusätzliche Divisionen. Ihm standen nach sowjetischen
Erkenntnissen zwischen elf und 14 verstärkte deutsche
Divisionen gegenüber, die von etwa 1000 Flugzeugen der
Luftflotte 4 unterstützt wurden. Die 62. Schützenarmee bestand
aus wenig kampfkräftigen Einheiten, darunter drei
Panzerbrigaden, die gemeinsam nur einen Panzer besaßen (die
beiden panzerlosen wurden wenig später über die Wolga
zurückge führt, um neu ausgerüstet zu werden), mehrere Infante-
riedivisionen in Bataillonsstärke, Oberst Sarajows 10. NKWD-
Division (ohne schwere Waffen) und zwei vollständigen
Schützenbrigaden. Die deutsche Luftflotte 4 besaß die völlige
Luftherrschaft über Stalingrad, und die Lage im
Armeehauptquartier wurde dadurch erschwert, daß General
Lopatiri, der völlig gebrochene ehemalige Oberbefehlshaber,
noch immer dort herumlungerte und seine früheren
Untergebenen mit seinem Pessimismus ansteckte.
Tschuikow brachte ihn dazu, Stalingrad zu verlassen, aber
der Schaden war bereits angerichtet, denn die Artillerie -,
Panzer- und Pionierführer im Stab der 62. Armee meldeten sich
wenig später krank und verschwanden über die Wolga. Durch
intensive Agitation der Kommissare und Generale sowie einen
mitreißenden Tagesbefehl Jeremenkos und Chruschtschows
gelang es, die gesunkene Kampfmoral wieder einigermaßen zu
heben, aber das allein genügte nicht. Golikows Fürsprache hatte
Erfolg, denn nun trafen erhebliche Verstärkungen ein: Ab 13.
September sollten innerhalb von 14 Tagen nicht weniger als
zehn Schützendivisionen, zwei Panzerkorps und acht
Panzerbrigaden aus der Stawka-Reserve eintreffen, und die 62.
Armee würde mindestens die Hälfte der Infanterie erhalten.
81
Tatsächlich wurden ihr innerhalb von drei Tagen 10000 Mann
und 1000 Tonnen Nachschub zugeführt.
Damit diese Verstärkungen die Stadt erreichen konnten,
mußten die Wolgakais geschützt werden, die im Augenblick in
Schußweite deutscher Artillerie lagen, weil der von der 62.
Armee gehaltene Brückenkopf an der schmalsten Stelle nur
etwa fünf Kilometer breit war. Außerdem kam ein Gegenangriff
Tschuikows Absichten entgegen, weil er seine Truppe in engen
Kontakt mit den Deutschen bringen und Einsätze der
feindlichen Luftwaffe erschweren würde. Nach Tschuikows
Auffassung sollte das Niemandsland nicht breiter sein, als man
eine Handgranate werfen konnte.
Er blieb mit Krylow bis zwei Uhr auf, um den Angriffsplan
auszuarbeiten. Die Armee würde sich auf beiden Flügeln aktiv
verteidigen und in der Mitte angreifen, um den Bahnhof
Rasguljajewka zurückzuge winnen und entlang der nach
Südwesten führenden Bahnstrecke bis zu der scharfen Biegung
bei Gumrak vorzustoßen, wo sie den Bahndamm als
Panzerhindernis neben sich hatte, während sie in Richtung
Gorodischtsche und Alexandrowka angriff. Die notwendigen
Umgruppierungen sollten sofort vorgenommen werden, damit
der Angriff am nächsten Tag, dem 14. September, beginnen
konnte.
Tschuikow ging mit dem Bewußtsein ins Bett, gute Arbeit
geleistet zu haben. Um 6.30 Uhr wachte er durch
Bombendetonationen und Artilleriefeuer auf. Die Deutschen
waren ihm zuvorgekommen.
Seydlitz' LI. Armeekorps stieß mit zwei Angriffskeilen gegen
die Stadtmitte vor: Zwei Panzerdivisionen, eine motorisierte
Division und drei Infanteriedivisionen grif fen von
Gorodischtsche nach Südosten und von Pestschanka nach
Nordosten an. Am Nachmittag waren die vorgeschobenen
sowjetischen Stellungen überrannt, und die Deutschen hatten
82
die Maschinen-Traktoren-Station, ihre Arbeitersiedlung und die
Siedlung am Flugplatz erobert, während der südliche
Angriffskeil mit großer Mühe vor Kuporosnoje und dem
Wolgaufer zum Stehen gebracht worden war. Noch schlimmer
war, daß Tschuikow nur eine ungefähre Vorstellung vom
Verlauf der Kämpfe hatte, weil sein Gefechtsstand auf dem
Mamajew Kurgan den ganzen Tag von deutschen Geschützen
und Granatwerfern beschossen wurde, so daß nahezu sämtliche
Nachrichtenverbindungen ausfielen und der Oberbefehlshaber
um 16 Uhr fast keine Verbindung mehr zu seinen Truppen
hatte.
Selbst Tschuikow, der in seiner Berichterstattung bewußt
nüchtern bleibt, schildert diese Lage als „etwas beunruhigend“.
Tatsächlich wurden die Angreifer am Westrand der
Geschützfabrik „Barrikaden“ und des metallurgischen Werks
„Roter Oktober“ aufgehalten, aber das wußte Tuschuikow nicht.
Er wußte nur, daß es unmöglich war, den Kampf von diesem
Gefechtsstand aus zu le iten, deshalb arbeitete er mit seinem
Stab hastig einen begrenzten Angriffsplan für den nächsten
Morgen aus und verließ mit seinen hungrigen Untergebenen
(das Frühstück war einer Bombe zum Opfer gefallen; das
Mittagessen hatte einen Granatwerfer-Volltreffer erhalten) die
Höhe 102, um in den Zarizyn-Bunker umzuzie hen. Dort
konnten sie jedoch nur drei Tage bleiben, was bedauerlich war,
denn der zehn Meter unter der Erde liegende Bunker war viel
sicherer als die Unterstände auf dem Mamajew Kurgan und bot
erheblich mehr Platz.
Das waren wichtige Überlegungen, denn diese Schlacht
konnte nicht aus der Ferne dirigiert werden. Der Brückenkopf
war so klein, daß die Reaktion auf feindliche Vorstöße rasch
erfolgen mußte, was vom anderen Wolgaufer aus nicht möglic h
gewesen wäre. Außerdem besaß die Rote Armee kein
Unterwasserkabel, um Telefonleitungen durch die Wolga legen
83
zu können. Statt dessen verwendeten die Fernsprechbautrupps
gewöhnliche Kabel, die alle paar Tage erneuert werden mußten.
Es erwies sich schon als schwierig genug, die Verbindungen
zwischen Tschuikows Gefechtsstand, dem Fronthauptquartier
und den jenseits der Wolga stehenden Teilen der 62. Armee
(Artillerie, Flugzeuge und Nachschubeinheiten) zu halten, so
daß das überla stete Fernmeldenetz vermutlich
zusammengebrochen wäre, wenn das Hauptquartier der 62.
Armee ebenfalls aufs Ostufer des Flusses verlegt worden wäre.
Natürlich konnte auch über Funk geführt werden, aber der
Funkverkehr konnte gestört oder von dem ausgezeichneten
deutschen Horchauswertedienst mitgehört werden. Außerdem
waren Funkgeräte fast so schwer zu bekommen wie
Unterwasserkabel - die meisten sowjetischen Panzer kämpften
noch ohne Funk. Im übrigen war für einen General von
Tschuikows Charakter der persönliche Kontakt zur Truppe
wichtig, deshalb behielt er seinen Gefechtsstand in der
Kampfzone bei - wie Schukow bei der Verteidigung von
Moskau -, um die Kampfmoral der Truppe nicht durch den
Anblick eines in die Etappe zurückgehenden Generals zu
schwächen.
Der Armeestab erreichte den Bunker kurz vor drei Uhr am
14. September 1942. Um drei Uhr begann die Armeeartillerie
mit der Beschießung der deutschen Stellungen; eine halbe
Stunde später traten Teile der 62. Schützenarmee zum
Gegenangriff an. Tschuikow telefonierte mit Jeremenko, um
ihm diese Tatsache mitzuteilen und ihn um Luftunterstützung
ab Tagesanbruch zu bitten. Der Frontoberbefehlshaber sagte sie
ihm zu und konnte Tschuikow die erfreuliche Mitteilung
machen, daß Verstärkungen nach Stalingrad unterwegs waren:
Generalle utnant Rodimzows 13. Garde-Schützendivision würde
im Laufe des Tages auf dem Ostufer bei dem Fährhafen
Krasnaja Sloboda eintreffen. Tschuikow setzte sofort mehrere
84
Stabsoffiziere zum Empfang dieser Division in Marsch, bevor
Krylow und er sich wieder ihrer unmittelbaren Aufgabe
zuwandten - dem Gegenangriff.
Von der Front liefen schlechte Nachrichten ein. Der
Gegenangriff war liegengeblieben, und die Deutschen stießen
ihrerseits in Richtung Hauptbahnhof vor. Falls sie ihn
erreichten, bestand die Gefahr, daß sie einen Keil durch die 62.
Armee treiben und den Fährhafen besetzen würden, bevor
Rodimzows Division über die Wolga gelangen konnte.
Stalingrads Schicksal hing erneut an einem seidenen Faden,
während die Deutschen hinter ihren Panzerspitzen
lastwagenweise Infanterie ins Stadtzentrum schafften.
Tatsächlich schienen viele der Deutschen zu glauben, die Stadt
sei schon so gut wie erobert, und Tschuikows Männer sahen
„betrunkene Deutsche, die von ihren Lastwagen sprangen,
Mundharmonika spielten, wie verrückt durcheinanderbrüllten
und auf der Straße tanzten“. Die Front war bis auf etwa einen
Kilometer an Tschuikows Bunker herangerückt, und der
Fährhafen war ernstlich gefährdet.
Tschuikows letzte Reserve aus 19 Panzern stand am
südlichen Stadtrand. Er beorderte ein Bataillon - neun Panzer -
zu seinem Gefechtsstand, und während es unterwegs war, stellte
Krylow aus Stabsoffizieren und der Stabswache zwei
Stoßtrupps auf. Als die Panzer nach zwei Stunden eintrafen,
wurden sechs von ihnen mit dem ersten Stoßtrupp in Marsch
gesetzt, um die Straßen zwischen Hauptbahnhof und Fährhafen
zu sperren. Die drei anderen Panzer und der zweite Stoßtrupp
sollten die sogenannten „Spezialisten-Häuser“ (eine Werkssied-
lung) zurückerobern, wo die Deutschen schwere MGs in
Stellung gebracht hatten, mit denen sie den Fährhafen und den
Fluß beherrschten.
Um 14 Uhr traf Rodimzow nach gefährlicher Fahrt durch die
Stadt ein, um sich zu melden und seine Befehle
85
entgegenzunehmen. Seine 13. Garde-Schützendivision erreichte
mit rund 10000 Mann fast ihre Soll-Stärke, aber ihr fehlten
Waffen und Munition. Über 1000 Mann hatten keine Gewehre,
und obwohl Golikow den Auftrag hatte, die fehlenden Waffen
bis zum Abend zum Fährhafen Krasnaja Sloboda bringen zu
lassen, konnte niemand dafür garantieren, daß sie tatsächlich
eintreffen würden, bevor die Division nach Stalingrad
übersetzte. Tschuikow befahl sofort, die Waffen der auf dem
Ostufer eingesetzten Nachschubeinheiten der 62. Armee seien
zu sammeln und Rodimzows Gardeschützen zu übergeben. Der
Divisionskommandeur erhielt den Auftrag, seine Pakgeschütze
und Granatwerfer über die Wolga zu schaffen und seine
restliche Artillerie auf dem Ostufer zurückzulassen, wo sie
weniger gefährdet war. Ihr Feuer würde dann durch in
Stalingrad eingesetzte Artilleriebeobachter geleitet werden.
Rodimzow wurde der Frontabschnitt zwischen Höhe 102 im
Süden und dem Fluß Zariza im Norden zugewie sen. Zwei seiner
Regimenter sollten die Deutschen aus der Stadtmitte, der
Werkssiedlung und dem Hauptbahnhof zurückwerfen; ein
drittes Regiment sollte den Mamajew Kurgan (Höhe 102)
halten, und ein Infanteriebataillon würde als Reserve in der
Nähe des Gefechtsstandes bleiben. Tschuikow wies Rodimzow
an, seinen Befehlsstand in bereits existierenden Unterständen
am Wolgaufer einzurichten. Als der Divisionskommandeur
einwandte, er wolle seinen Gefechtsstand nicht hinter dem der
Armee haben, versicherte Tschuikow ihm gelassen, sobald er
seinen Auftrag ausgeführt habe, könne er mit nach vorn gehen.
Rodimzow fuhr über die Wolga zurück, um die nötigen
Vorbereitungen zu treffen. Seine Division würde in der
Abenddämmerung nach Stalingrad übersetzen, in etwa fünf
Stunden. Es war jetzt 16 Uhr, und Tschuikows angeschlagene
Divisionen würden ihre Stellungen weitere zehn bis zwölf
Stunden halten müssen. Reserven gab es keine mehr - selbst die
86
Stabsoffiziere und die Stabswache kämpften an der Front. Noch
in die Schlacht geworfen werden konnten lediglich Teile von
Oberst Sarajows 10. NKWD-Division; sie war jedoch keine
Heereseinheit, und Sarajow und der Armeeoberbefehlshaber
konnten sich nicht leiden. Einerseits äußerte Tschuikow sich
verächtlich über die „Befestigungen“ - Bunker und
Barrikaden -, die Sarajow als „Kommandeur der Garnison
Stalingrad“ hatte errichten lassen; andererseits neigte Sarajow
dazu, sich als gleichberechtigt zu betrachten, bis Tschuikow
schließlich seinen höheren Dienstgrad herauskehren mußte.
„Ihre Division ist in die 62. Armee eingegliedert worden,
verstanden? Sie haben den Anordnungen des Militärrats der
Armee widerspruchslos zu gehorchen. Soll ich beim
Fronthauptquartier anrufen, um die Situation zu klären?“
Sarajow gab sich geschlagen. „Ich betrachte mich als Soldat
der 62. Armee“, antwortete er.
Dieser Punkt war also geklärt, aber damit war das Problem
der fehlenden Reserven noch längst nicht gelöst. Die NKWD-
Einheiten waren dafür nicht entbehrlich, aber Sarajow hatte
auch bewaffnete Polizisten, Feuerwehrmänner und
Fabrikarbeiter unter seinem Befehl. Sie waren unzulänglich
bewaffnet, aber immerhin etwa 1500 Mann. Tschuikow wies
Sarajow an, einige massive Gebäude - vor allem im Stadtkern -
mit jeweils 50 bis 100 Mann zu besetzen und bis zur letzten
Patrone verteidigen zu lassen. Waffen und Nachschub würden
sie aus Beständen der 62. Schützenarmee erhalten.
Von der Front gingen nur spärliche Meldungen ein, und der
Kampfverlauf ließ sich oft am besten beurteilen, wenn man am
Bunkerausgang Puschkinstraße ins Freie horchte. Dazu
brauchte man keine sonderlich guten Ohren, denn die deutsche
71. Infanteriedivision war bis auf 500 Meter an den Bunker
herangekommen. Die Front schien jetzt zu halten - allerdings
nur mit knapper Not. Einer von Tschuikows
87
Regimentskommandeuren galt seit vormittags als vermißt, aber
die Kampfmoral der Verteidiger war so angeschlagen, daß
niemand sicher wußte, ob er nicht einfach seine Männer im
Stich gelassen hatte.
Gegen Abend traf Major Chopko ein, um zu melden, daß sein
letzter Panzer in der Nähe des Hauptbahnhofs abgeschossen
worden sei. Tschuikow schickte ihn umgehend mit dem Befehl
zurück, seine Stellung mit den etwa 100 Mann, die ihm noch
geblieben waren, und dem Panzer - der nicht mehr fahren, aber
noch schießen konnte - zu verteidigen, bis sie von Rodimzows
Männern abgelöst wurden.
In der Abenddämmerung ließen die Kämpfe nach, so daß
Tschuikow und sein Stab eine erste Bilanz ziehen konnten. Die
Deutschen waren bis zum Mamajew Kurgan und zur Bahnlinie
vorgedrungen und hatten den Hauptbahnhof erreicht, der sich
allerdings noch in sowjetischer Hand befand. Sie hatten
zahlreiche Gebäude im Stadtzentrum besetzt, die in der Mitte
der 62. Armee eingesetzten Einheiten fast völlig vernichtet und
den Beobachtungsposten auf Höhe 102 zerstört. Im
Südabschnitt waren sie aufgehalten worden, aber alles deutete
darauf hin, daß sie einen erneuten Angriff vorbereiteten.
Trotz aller Anstrengungen erwies es sich als unmöglich, die
ganze 13. Garde-Schützendivision nachts über die Wolga zu
transportieren. Reichlich zwei Drittel wurden jedoch nach
Stalingrad gebracht und bezogen dort sofort die vorgesehenen
Stellungen. Sie kamen gerade rechtzeitig, denn am nächsten
Morgen gingen die deutschen Angriffe weiter: Teile der 71., 76.
und 295. Infanteriedivision stießen gegen Hauptbahnhof und
Mamajew Kurgan vor, während im Südabschnitt der erwartete
deutsche Angriff losbrach, der von Einheiten der 14. und 24.
Panzerdivision und der 94. Infanteriedivision geführt wurde.
Die Luftwaffe unterstützte diese Angriffe sehr aktiv, und
Rodimzows Gardeschützen standen in schweren
88
Erstes Eindringen in die Stadt
89
Artillerie zum Feuerschutz

Infanterie rückt in die Stadt vor

90
Ausgebrannter Hangar; der Flughafen ist schnell in deutscher Hand

Der Rückweg ist weit

91
Der Vormarsch ist gestoppt, erstmals
müssen Stellungen bezogen werden
92
Abwehrkämpfen, bevor sie Zeit gehabt hatten, sich richtig zu
orientieren.
Der Hauptbahnhof wechselte tagsüber viermal den Besitzer
und befand sich abends wieder in russischer Hand, während an
anderen Stellen die Deutschen erfolgreicher waren. Sie hielten
trotz wütender Angriffe durch Rodimzows 34. Regiment, das
dabei von Panzern unterstützt wurde, weiterhin die
Werkssiedlung, von der aus sie den Fährhafen weiterhin unter
Feuer nehmen konnten. Außerdem fügten sie Oberst Batrakows
Infanteriebrigade schwere Verluste zu und drängten sie - sowie
Teile der NKWD-Division - zur Baumschule zurück, während
Dubjanskis Garde-Schützendivision an den Westrand der Stadt
südlich der Zariza abgedrängt wurde.
Der Kampf um den Mamajew Kurgau ging den ganzen Tag
mit wechselndem Erfolg weiter. Dieser in deutschen und
sowjetischen Generalstabskarten als Höhe 102 eingetragene
Hügel beherrschte das gesamte Stadtzentrum, so daß beide
Seiten ihn unbedingt in ihren Besitz bringen wollten. Die Höhe
102 blieb bis zum Ende der Schlacht um Stalingrad so erbittert
umkämpft, daß sie den ganzen Winter lang schneefrei war - der
Schnee schmolz in der Hitze detonierender Bomben und Grana-
ten. Den ganzen 15. September lang verteidigten Rodimzows
Gardeschütten die Höhe 102 verbissen gegen Teile dreier
deutscher Divisionen (22. Panzerdivision, 71. und 295.
Infanteriedivision). Gegen Abend bestand die Gefahr, daß sie
ihre Stellungen nicht mehr würden halten können, deshalb ließ
Tschuikow nachts auch das letzte Regiment (das 46. Garde-
Schützenregiment) der Division über die Wolga transportieren.
Zu den Problemen, mit denen der Oberbefehlshaber zu
kämpfen hatte, kamen jetzt noch physische Erschwernisse, weil
deutsche MG-Schützen an der Zariza lagen und das
Armeehauptquartier beschießen konnten, so daß es gefährlich
war, den Bunker zu verlassen. Die Stabswache kämpfte jetzt in
93
der Nähe des Bunkers, in den Verwundete gebracht wurden.
Die dort herrschende drangvolle Enge wurde dadurch verstärkt,
daß gegen Abend zahlreiche Offiziere und Mannschaften mit
angeblich „dringenden Aufträgen“ hereinkamen, um Schutz vor
den unaufhörlichen Luftangriffen und den Feuerüberfällen der
deutschen Artillerie zu finden.
Da der Bunker keine wirksame Lüftung besaß, war die Luft
bald zum Schneiden, so daß Tschuikow die Einrichtung eines
weiteren Gefechtsstandes am Wolgaufer gegenüber der
Südspitze der Insel Saitewski befahl, um von dort aus auch den
Kampf des rechten Armeeflügels im Norden von Stalingrad
leiten zu können.
Auch in dieser Nacht flauten die Kämpfe ab. Das 42.
Regiment kam über die Wolga und bezog am Fuß der Höhe 102
Stellungen neben den Männern der jetzt sehr stark dezimierten
112. Schützendivision. Bei Tagesanbruch beschoß sowjetische
Artillerie zehn Minuten lang die deutschen Stellungen, bevor
das 42. Garde-Schützenregiment und ein Regiment der 112.
Division in einem Hagel aus Bomben und Werfergranaten zum
Sturm auf den Mamajew Kurgan antraten.
Nach erbitterten Nahkämpfen blieben die Russen Sieger und
gruben sich erneut auf dem Hügel ein, aber dieser Sieg hatte
schwere Opfer gekostet: Von den 30 Mann des vordersten
Infanteriezuges hatten nur sechs die Höhe 102 erreicht, und die
dahinter folgenden Einheiten hatten kaum geringere Verluste
erlitten. Trotzdem gelang es ihnen, den fast augenblicklich
vorgetragenen deutschen Gegenstoß abzuwehren und die
wichtige Höhe zu behaupten. Der Schwerpunkt der Kämpfe
verlagerte sich jetzt zum Stalingrader Hauptbahnhof.
Dort lag ein Bataillon von Rodimzows 13. Garde-
Schützendivision in Stellung, seitdem es in der Nacht zum 15.
September über die Wolga gekommen war. Am Morgen des 17.
September wurde es von starken deutschen Infanteriekräften
94
mit etwa 20 Panzern angegriffen und aus dem Bahnhof sowie
den umliegenden Gebäuden vertrieben. Die Russen gruppierten
um, traten zum Gegenstoß an und eroberten den Hauptbahnhof
zurück - um ihn anschließend wieder zu verlieren. So ging es im
Laufe des Tages viermal hin und her, aber bei Anbruch der
Dunkelheit befand das Bahnhofsgelände mit den ausgebrannten
Panzern und Hunderten von Gefallenen sich wieder in
sowjetischer Hand. Die Erschöpfung beider Seiten und die
hereinbrechende Nacht erzwangen zunächst eine Kampfpause.
In dieser Nacht verließ Tschuikow den Zarizyn-Bunker,
dessen Ausgänge unter dem Störfeuer deutscher MG-Schützen
der 71. Infanteriedivision lagen, um den neuen Gefechtsstand zu
beziehen. Der Marsch durch die Stadt, in der deutsche MG-
Nester und Panzer lauerten, wäre zu gefährlich gewesen.
Tschuikow und sein Stab überquerten deshalb die Wolga nach
Krasnaja Sloboda, fuhren zur Fähre 62 und wollten mit einem
gepanzerten Motorboot zu dem neuen Gefechtsstand
übersetzen. Unterwegs schlug der Politkommissar Gurow vor,
sie sollten essen und ein Bad nehmen, aber während der
Armeeoberbefehlshaber noch ein Glas Tee trank, ging die
Nacht zu Ende - und damit ihre Chance, ans andere Ufer
zurückzukommen, weil die Fähren nur nachts verkehrten. Nun
folgte eine wilde Jagd zum Landungs steg, und Tschuikow
gelang es, mit einem Sprung die letzte Fähre zu erreichen, die
schon abgelegt hatte. Im neuen Gefechtsstand mußte er
allerdings feststellen, daß mehrere seiner Stabsoffiziere auf dem
Ostufer „verschwunden“ waren. So schlecht war es damals
noch um die russische Kampfmoral bestellt.
Der neue Gefechtsstand lag unter dem überhängenden
Wolgaufer unterhalb mehrerer Öltanks. Vor ihm lagen im
seichten Wasser mehrere halbversunkene Schleppkähne, auf
denen Tschuikows Stab sich einrichtete, während
Politkommissar und Stabschef in der Nähe in offenen Gräben
95
unterkamen. Vorerst mußten alle im Freien arbeiten, bis die von
Pionieren in Angriff genommenen Unterstände fertig waren,
und niemand wußte, ob die Öltanks voll oder leer waren. Im
Vergleich zu dem zweckmäßig eingerichteten Zarizyn-Bunker
war dies ein deutlicher Abstieg, aber der Bunker war nicht mehr
„sicher“ gewesen, falls man das überhaupt von irgendeinem
Punkt des Brückenkopfes sagen konnte, und der neue
Gefechtsstand war zumindest zwei Kilometer von der Front
entfernt.
Bei Tagesanbruch griff die deutsche Luftwaffe wieder an,
und die Kämpfe flammten erneut auf, aber um acht Uhr
verschwanden von Richthofens Flugzeuge von der Bildfläche.
Die Stalingrad-Front hatte nördlich der Stadt mit einem
Erkundungsvorstoß begonnen, der jedoch bald festlief, und um
14 Uhr griffen die deutschen Flugzeuge wieder in Massen an. In
der Pause zwischen den Luftangriffen bauten die Verteidiger
auf dem rechten Flügel der Armee ihre Stellungen aus, und ihre
Kameraden auf der Höhe 102 kamen gute 100 Meter voran. In
der Frontmitte verschlechterte sich die Lage etwas: Der
Hauptbahnhof, der in fünf Tagen 15mal geräumt und
wiedererobert worden war, blieb am Abend des 18. September
in deutscher Hand, und Tschuikow konnte keine Reserven
zusammenkratzen, um ihn zurückzuerobern, denn General
Rodimzows stolze 13. Garde-Schützendivision war zerschlagen.
Aber sie war nicht vergebens geopfert worden; sie hatte
Stalingrad am 14. September zweifellos gerettet, und noch jetzt
kämpften ihre Überlebenden einzeln oder in kleinen Gruppen in
den Trümmern der Stadt weiter. Durch ihren Tag und Nacht
erbittert geführten Kampf veränderten sie allmählich den
Charakter dieser Schlacht und verwirklichten Tschuikows
Forderung, jeder deutsche Soldat müsse „das Gefühl haben, von
der Mündung einer russischen Waffe bedroht zu werden“. Aber
als Infanteriegroßverband existierte die 13. Garde-Schüt-
96
zendivision seit ihren in den ersten Kampftagen erlitte nen
schwersten Verlusten nicht mehr.
Südlich von Stalingrad fiel Kuporosnoje, so daß die
Deutschen das Wolgaufer an einer weiteren Stelle erreichten.
Dadurch war die 62. Armee noch enger eingeschlossen.
Gleichzeitig wurde der Fährverkehr noch mehr behindert, und
den Artillerie - und Nachschubeinheiten auf dem Ostufer
drohten neue Gefahren. Die dortigen Batteriestellungen waren
besonders wichtig, weil der verkleinerte Brückenkopf nicht
mehr genügend Platz für Feldartillerie - und Haubitzenbataillone
bot. Jeremenko mußte deshalb die zur Auffrischung aus
Stalingrad herausgezogenen Einheiten auf dem Ostufer
zusammenziehen, um sie im Raum Sredne-Pogromnoje und bei
Gromki das Wolgaufer gegenüber den von den Deutschen
besetzten Uferabschnitten verteidigen zu lassen.
Die Lage der 62. Schützenarmee erschien jetzt verzweifelt, so
daß Jeremenko am 19. September einen großangelegten
Entlastungsvorstoß unternahm, mit dem die deutschen
Stellungen im Raum Gumrak-Gorodischtsche durchbrochen
und eine Verbindung zur 62. Armee hergestellt werden sollte.
Tschuikows 62. Armee sollte sich mit drei Infanteriedivisionen
und einer Panzerbrigade, die nach Nordwesten und Westen in
Richtung Rynok und Orlowka vorstoßen sollten, an diesem
Entlastungsangriff beteiligen. Der Angriff schlug fehl,
Tschuikow äußerte sich später sehr kritisch über Jeremenkos
Befehlsgebung: Er behauptete, das Unternehmen sei überhastet
geplant worden, die beteiligten Kräfte schlecht ausgebildet und
falsch verteilt gewesen, der Vorstoß sei zum falschen Zeitpunkt
und gegen die noch ausgeruhte Masse der deutschen 6. Armee
geführt worden und Jeremenko habe trotz der deutschen Luft-
überlegenheit tagsüber angreifen lassen.
Obwohl Tschuikow für die meisten Fehlentscheidungen
General Gorodow, den ehemaligen Frontkommandeur,
97
verantwortlich machte, galten seine Vorwürfe auch Gorodows
Vorgesetztem Jeremenko. Unbestreitbar ist, daß Tschuikow und
Jeremenko viel von dem Primadonnenhaften an sich hatten, das
bei erfolgreichen Generalen häufig anzutreffen ist, und daß
Jeremenkos autobio graphische Schilderungen von mehreren
anderen Generalen angezweifelt worden sind, aber in diesem
Fall dürfte es schwierig sein, die volle Berechtigung von
Tschuikows Kritik nachzuweisen. Er gibt selbst zu, daß Paulus
noch nicht die ganze 6. Armee in den Kampf um Stalingrad
geworfen hatte, und deutet an, der Gegenangriff der Stalingrad-
Front hätte bis dahin aufgeschoben werden müssen.
Zieht man Tschuikows eigene Angaben über die Stärke
seiner 62. Armee am 19. September 1942 heran, erscheint es
zweifelhaft, ob sie einem Frontalangriff der 6. Armee so lange
hätte widerstehen können, daß die Stalingrad-Front zu einem
Gegenangriff hätte antreten können. Trotzdem steht fest, daß
der Gegenangriff liegenblieb, ohne daß die 6. Armee Einheiten
aus der Front vor der 62. Armee - mit Ausnahme von Flugzeu-
gen - hätte abziehen müssen. Das beweist jedoch nur, daß der
Angriff schlecht geführt wurde, denn über seine Notwendigkeit
ist damit kein Urteil gefällt, und die beiden eigens für den
Gegenangriff zugeführten Divisio nen (Gorischnijs und Batjuks)
sollten sich als ebenso wertvoll wie zuvor Rodimzows
erweisen. Die Stalingrad-Front griff am 20. September erneut
an, und am 21. September um 2 Uhr teilte Jeremenko
Tschuikow telefonisch mit, eine Panzerbrigade habe soeben die
deutschen Stellungen durchbrochen und werde sich im Raum
Orlowka mit der 62. Armee vereinigen. Der Stab der 62. Armee
wartete die ganze Nacht auf diese Erfolgsmeldung, aber
Jeremenkos Optimismus erwies sich als verfrüht - um vier
Monate und fünf Tage.
Der Südteil der Stadt befand sich jetzt zum größten Teil in
deutscher Hand, aber am südlichen Stadtrand erhob sich ein
98
riesiges Gebäude: der Getreidesilo, der von etwa 30
Gardeschützen und 18 Mann „Marineinfanterie“ (nicht
Seesoldaten, sondern Seeleute, die zum Wehrdienst gepreßt
worden waren, als das sowjetische Oberkommando dringend
Soldaten brauchte) verteidigt wurde. Die Seeleute erkämpften
sich überall, wo sie eingesetzt wurden, einen hervorragenden
Ruf, und die im Getreidesilo kämpfenden waren besonders zähe
Kerle aus dem Eismeer, die am Abend des 17. September
dorthin entsandt wurden, um die aus Gardeschützen bestehende
Besatzung zu verstärken.
Der Getreidesilo wurde von einem deutschen Bataillon
angegriffen, und der Kampf wogte fünf Tage hin und her.
Schließlich waren Teile dreier deutscher Divisionen (24.
Infanteriedivision (mot.), 14. Panzerdivision, 94.
Infanterie division) eingesetzt, aber der Getreidesilo wurde erst
am 22. September, als kaum noch ein Verteidiger lebte und die
Überlebenden kein Wasser und keine Munition mehr hatten,
von den Angreifern gestürmt.
Dieses Gefecht zeigte in kleinerem Maßstab, wie starke
Kräfte die Deutschen würden aufwenden müssen, um ganz
Stalingrad zu erobern, wenn die Stadt nur entschlossen
verteidigt wurde. Aber die Erstürmung des Getreidesilos
bedeutete, daß nun praktisch der ganze Südteil von Stalingrad in
deutscher Hand war, obwohl auf dem Bahnhofsgelände kleinere
Gruppen russischer Soldaten im Rücken der Deutschen
weiterkämpften.
In der Stadtmitte war die Lage kritisch. Am 21. September
versuchten deutsche Truppen mit Panzerunterstützung das linke
Zariza-Ufer zu gewinnen, was ihnen auch gelungen wäre, wenn
die sowjetische Artille rie auf dem Ostufer der Wolga nicht
schweres Sperrfeuer geschossen hätte, und am 22. September
mußten Rodimzows Männer den Fährhafen auf dem Westufer
räumen. Fast alle rückwärtigen Verbindungen der 62. Armee
99
waren jetzt dem deutschen Feuer ausgesetzt, und die Fähren
konnten nur noch im Norden der Stadt anlegen - und auch das
nur nachts. Batjuks frische Division erhielt den Auftrag, die
deutschen Kräfte im Bereich des mittleren Fährhafens zu
vernichten und das Zariza-Tal unter ihre Kontrolle zu bringen.
Tschuikow ließ Batjuk zu sich kommen und wies ihn in die
Verwendung kleiner Kampfgruppen ein, weil er nicht wußte, ob
Batjuk etwa versuchen würde, wie in Friedenszeiten erheblich
größere geschlossene Einheiten in den Kampf zu schicken.
Aber Batjuk, der sich schon mit den Eigentümlichkeiten des
Straßenkampfes in Stalingrad vertraut gemacht hatte, bevor
seine Division die Wolga überschritten hatte, beruhigte seinen
Oberbefehlshaber mit der Versicherung: „Ich bin
hergekommen, um zu kämpfen, nicht um zu paradieren. In
meinen Regimentern stehen Sibirier...“ Daraufhin ließ
Tschuikow ihn gehen, damit er seinen Auftrag ausführen
konnte.
Innerhalb einer Stunde - am 23. September um zehn Uhr -
wurden Batjuks Männer in den Kampf geworfen und griffen am
Wolgaufer entlang vorstoßend den Fährhafen an, während
Rodimzow mit 2000 Mann Verstärkung nach Norden
vorzustoßen versuchte. Aber die Deutschen waren zu gut
eingegraben und konnten ihre Stellungen in zweitägigen
erbitterten Kämpfen behaupten. Trotzdem konnte Paulus'
6. Armee nicht weiter in die Stadt eindringen, und am Abend
des 24. September flauten die Kämpfe allmählich ab. Die 62.
Armee war durch einen deutschen Keil in zwei Hälften
gespalten worden, aber sie war noch längst nicht vernichtet.

100
Hitler wechselt seine Mannschaft aus

Während in den Ruinen von Stalingrad um den Besitz der Stadt


gekämpft wurde, hatten sich im Führerhauptquartier
dramatische Ereignisse abgespielt. Auch die Offensive gegen
die kaukasischen Ölfelder hatte sich kurz vor dem Ziel
festgelaufen, und Hitler, der seinen Generalen nie recht traute,
war auf der Suche nach Sündenböcken. Er entsandte einen der
wenigen Generale, denen er vertraute, Generaloberst Jodl, den
Chef des Wehrmachtsführungsstabes im OKW, ins Haupt-
quartier der Heeresgruppe A, um ihn feststellen zu lassen,
weshalb Generalfeldmarschall List, ihr Oberbefehlshaber, nicht
besser vorankam. Jodl berichtete nach seiner Rückkehr, List
habe sich genau an Hit lers Befehle gehalten, aber
Geländeschwierigkeiten und starker russischer Widerstand
hätten seinen Vormarsch entscheidend behindert.
Hitler bekam einen seiner Wutanfälle und befahl die
Ablösung Jodls, aber Jodl, der der Überzeugung war, „ein
Diktator dürfe aus psychologischer Notwendigkeit heraus
niemals an seine eigenen Fehler erinnert werden, um sein
Selbstbewußtsein zu erhalten“, verstieß nie mehr gegen sein
eigenes Gebot und wurde nicht abgelöst. Aber List mußte am
10. September 1942 gehen. Ebenfalls abgelöst wurde General
von Wietersheim, der Kommandeur des XIV. Panzerkorps, dem
General von Schwedler, der Kommandeur des IV. Panzerkorps
folgte - Wietersheim, weil er dagegen protestiert hatte, daß
seine Panzer den Korridor über die Landbrücke zwischen Don
und Wolga offenhalten sollten, obwohl das eine Aufgabe für die
Infanterie gewesen wäre; Schwedler wegen der „defätistischen“
101
Feststellung, die Konzentration so starker Kräfte am Ende eines
Korridors mit langen, verwundbaren Flanken könne sich als
sehr gefährlich für die 6. Armee erweisen. Diese Entlassungen
standen jedoch im Schatten der Verabschiedung des Chefs des
Generalstabs des Heeres, Generaloberst Halder, die am 24.
September erfolgte.
Im Generalstab des Heeres machte man sich bereits
Gedanken über den bevorstehenden Winter und versuchte
vorherzusagen, wo die Rote Armee zu ihrer Winteroffensive
antreten würde. Da sie nach allgemeiner Überzeugung in der
Frontmitte stattfinden würde, bemühten Halder und
Generalfeldmarschall von Kluge, der Oberbefehlshaber der
Heeresgruppe Mitte, sich um Verstärkungen, die jedoch wegen
der sich abzeichnenden Krise im Süden nicht zur Verfügung
standen. Vor der Front der Heeresgruppe Mitte wurden fast
täglich neue sowjetische Divisionen festgestellt, die jeweils nur
einige Tage lang eingesetzt waren und dann nach Kluges und
Halders Überzeugung in der Reserve hinter der Frontmitte
verschwanden.
Die persönlichen Beziehungen zwischen Hitler und Halder
hatten sich seit Monaten verschlechtert, und eine an sich
unbedeutende Auseinandersetzung wegen dieser
verschwindenden sowjetischen Divisionen eskalierte ins
Maßlose, so daß Halder am 24. September 1942 abgelöst
wurde. Sein Nachfolger, General der Infanterie Zeitzler, wurde
vielen. besseren und ranghöheren Generalen vorgezogen; seine
Stärke war Transport- und Nachschubplanung. Hitler brauchte
einen Mann, der Truppen und Material dorthin bringen konnte,
wo er - Hitler - sie haben wollte, und Zeitzler war der richtige
Mann dafür. So schloß er sich der Clique geschmeidiger Jasager
an, die allmählich OKW und OKH beherrschte, und Hitler
konnte von nun an einen viel direkteren Einfluß auf die

102
Operationen des Heeres ausüben, als Halder ihm jemals
gestattet hatte.
Hitlers Chefadjutant, General Schmundt, wurde zum Chef
des Heerespersonalamts befördert, wozu Paulus (der sich in
seiner ganzen Karriere als ebensoguter Höfling wie Soldat
erwies) ihm in einem Glückwunschschreiben gratulierte. Auch
das sollte ungeahnt große Auswirkungen auf den Lauf der
Schlacht um Stalingrad haben, denn Schmundt vertraute ihm
daraufhin an, er sei als Kandidat für die Nachfolge von Jodl als
Chef des Wehrmachtführungsstabes im Gespräch. Paulus wurde
zu verstehen gegeben, die rasche Einnahme von Stalin grad
könnte seine Chancen erheblich verbessern, so daß er sich
gedrängt fühlte, über die Ruinen von Stalingrad ins Zentrum der
Macht um Hitler zurückzukehren, wo er sich zweifellos wohler
gefühlt hätte, weil er eher zum Stabsoffizier als zum Heerführer
taugte.
Die Auseinandersetzung wegen der verschwindenden
sowjetischen Divisionen hatte mehr mit Stalingrad zu tun, als
die Deutschen damals ahnten. Obwohl Stalins Hof durchaus so
byzantinisch sein konnte wie Hitlers, herrschte in der Stawka im
allgemeinen nicht die von Intrigen geschwängerte fieberhafte
Atmosphäre des Führerhauptquartiers. Das manchmal
erschreckend langsam reagierende sowjetische Oberkommando
wurde eher durch zielbewußte Gedankenarbeit als durch hekti-
sche Aktivität charakterisiert, und Stalin mischte sich weniger
als Hitler in die Operationsführung ein. Die Stawka interessierte
sich, was die Berechtigung der Befürchtungen General von
Schwedlers bewies, für die lange, nur ungenügend geschützte
Donflanke der Deutschen, und Armeegeneral Schukow und
Generaloberst Wasiljewski hatten als Vertreter des sowjetischen
Oberkommandos Anfang September die russischen Brücken-
köpfe jenseits des Dons besucht.

103
Nach ihrer Rückkehr nach Moskau trugen sie ihre
Beobachtungen auf einer Besprechung vor, bei der ein
vorläufiger Plan für eine Gegenoffensive erarbeitet wurde. Im
Zusammenhang mit diesem Plan tauchten dann neue
sowjetische Divisionen im mittleren Frontabschnitt auf, um
danach gleich wieder zu verschwinden. Sie erhielten ihre
„Feuertaufe“ in verhältnismäßig ruhigen Abschnitten, um dann
in die Reserve zurückgezogen zu werden, wie die Deutschen
ganz richtig vermuteten. Aber diese Reserve wurde nicht im
Mittelabschnitt gebildet. Statt dessen wurden die neuen
Divisionen in den Raum Stalingrad verlegt, wo ein großer
Umfassungsangriff geplant war, durch den die 6. Armee, die 4.
Panzerarmee und möglichst große Teile der verbündeten
Armeen eingekesselt und vernichtet werden sollten.
Die Aufmerksamkeit der Deutschen mußte weiterhin auf
Stalingrad konzentriert bleiben, was voraussetzte, daß die Stadt
gehalten wurde. Stalingrad als großen Fleischwolf zu
betrachten, wie es die Deutschen 1916 im Fall Verdun getan
hatten und wozu Paulus bereit zu sein schien, war weder eine
elegante noch angesichts des Menschenmangels der Roten
Armee mögliche Lösung. Außerdem war der Brückenkopf
Stalingrad jetzt so klein, daß die Versorgung starker
sowjetischer Kräfte fast unlösbare Nachschubprobleme
aufgeworfen hätte, und die zusammengedrängten Massen wären
durch die feindliche Luftwaffe und die deutsche Infanterie,
deren Kampfkraft trotz aller Schwächen ihrer oberen Führung
sehr beachtlich war, entscheidend dezimiert worden.
Der Entschluß, keinen Abnützungskampf zu führen, wurde
deshalb nicht ganz freiwillig gefaßt, aber diese Kampfweise
wäre auch auf den erbitterten Widerstand Schukows gestoßen,
der im Vorjahr vor Moskau gezeigt hatte, wie man einen
überlegenen Gegner in die Flucht schlagen konnte - und der
dabei Frontalangriffe gegen feindliche Stützpunkte kategorisch
104
verboten hatte. Deshalb erhielt die 62. Schützenarmee nur
soviel Ersatz, wie sie brauchte, um ihre Stellungen zu halten.
Die große Mehrzahl der vom 1. September bis 1. November
1942 aus der Stawka -Reserve nach Süden verlegten Divisio nen
kam nicht nach Stalingrad, sondern wurde in Aufmarschräumen
nördlich des Donbogens bereitgestellt. Tschuikow forderte viel
Ersatz an und erhielt rund zehn Divisionen, aber fast dreimal so
viele - 27 Divisionen - standen in den Aufmarschräumen hinter
der Stalingrad-Front bereit.
Auch die Befehlsverhältnisse mußten neu geregelt werden.
Jeremenko wurde von seiner Doppelaufgabe entbunden, und die
Fronten erhielten verwirrende neue Bezeichnungen: Die
Stalingrad-Front wurde zur Don-Front und unterstand
Generalleutnant K. K. Rokossowski, während die Südostfront
zur Stalingrad-Front wurde, deren Oberbefehlshaber Jeremenko
blieb. Gleichzeitig wurde eine neue Heeresgruppe, die Süd-
westfront, unter Generalleutnant Watutin aufgestellt. Sie sollte
später rechts neben Rokossowskis Don-Front eingesetzt
werden, aber ihre Existenz wurde vorläufig noch
geheimgehalten, während ihre Einheiten in den
Bereitstellungsräumen ausgerüstet wurden und die Offensive
übten.
Der Erfolg des sowjetischen Plans hing von zwei Faktoren
ab: Erstens mußte sich die Einschätzung der Stawka, der
deutsche Angriffsschwung sei jetzt gebrochen und die
Deutschen verfügten über keine strategischen Reserven, die
einer russischen Offensive entge gengeworfen werden könnten,
als richtig erweisen; zweitens mußten die 62. und 64.
Schützenarmee weiterhin starke deutsche Verbände im Raum
Stalingrad fesseln können. Das hing wiederum davon ab, ob es
der 62. Armee gelang, die Stadt zu halten, denn sobald
Stalingrad gefallen war, konnte die 6. Armee eigene Kräfte und

105
die Panzer der 4. Panzerarmee zum Schutz ihrer langen
Nordflanke abstellen.
Der russische Brückenkopf auf dem Westufer der Wolga
umfaßte jetzt nur noch den Nordteil von Stalin grad mit dem
Traktorenwerk, der Geschützfabrik „Barrikaden“, dem
metallurgischen Werk „Roter Oktober“ und einigen kleineren
Fabriken, die nördlich der Höhe 102 (Mamajew Kurgan) am
Wolgaufer aufgereiht waren, und den unmittelbar westlich
davon liegenden Arbeitersiedlungen. Aus zwei Motiven
heraus - Hoffnung auf Beförderung und Angst vor dem
bevorstehenden Winter, der sich bereits ankündigte - begann
Paulus am 4. Oktober seinen bisher schwersten Angriff.
Obwohl die Stimmung bei der Masse der 62. Schützenarmee
gut war, gab es in einzelnen Fällen noch immer Schwierigkeiten
mit der Kampfmoral der Truppe. Ende September erschienen
Tschuikow die über Funk eingehenden Meldungen zweier
Brigaden verdächtig, die von der Armee abgeschnitten waren
und selbständig südlich der Zariza kämpften. Nachforschungen
zeigten, daß Kommandeur und Stab dieses Verbandes ihre
Truppe im Stich gelassen und sich auf der Wolgainsel Golodnij
eingerichtet hatten, wo sie gefälschte Kampfberichte
fabrizierten und ans Armeehauptquartier funkten. Tschuikow
verschweigt, welche Strafe er damals für angemessen hielt, aber
man kann vermuten, daß die Beteiligten an die Wand gestellt
wurden.
Tschuikows Eingreifen kam jedoch zu spät, denn am 26.
September räumte eine der im Stich gelassenen Brigaden ihre
Stellungen, forderte Fähren an und ging über die Wolga zurück.
Die zweite Brigade wurde zurückgezogen, bevor sie diesem
Beispiel folgen konnte, und nach Norden in den Fabrikbezirk
verlegt, wo sie sich unter Führung neuer Offiziere bewährte.
Durch diesen Rückzug waren jedoch deutsche Kräfte vor dem
linken Flügel der 62. Armee frei geworden, die nun einen
106
erneuten Angriff auf den Mamajew Kurgan, den Angelpunkt
des Südabschnitts vorbereiteten.
Die Zuversicht der Deutschen erreichte jetzt ihren
Höhepunkt - zumindest bei der kämpfenden Truppe. Die
deutsche Luftüberlegenheit war nach wie vor erdrückend, denn
obwohl weiter nördlich zwei neue sowjetische Luftflotten
aufgestellt wurden, blieben diese neuen Verbände für die
Gegenoffensive reserviert und wurden nicht eingesetzt, um den
Gegner nicht vorzeitig zu warnen. Für den letzten
entscheidenden Ansturm wurden aus Deutschland
Verstärkungen herangeführt - vor allem Spezialeinheiten wie
Pionier- und Flammenwerfertrupps -, und die Belagerer
machten sich kaum die Mühe, die beabsichtigten neuen
Angriffe zu tarnen. Manche deutsche Soldaten, vor allem die
bisher noch nicht eingesetzten Einheiten, waren so
selbstbewußt, daß sie zu den russischen Stellungen (die sich oft
auf der gegenüberliegenden Straßenseite oder im benachbarten
Gebäude befanden) hinüberriefen: „Iwan! Morgen peng-peng!“
Auf diese Weise warnten sie den bedrängten Gegner, der dann
seine Abwehr organisieren konnte.
Der russische Brückenkopf war jetzt so zusammengedrängt,
daß fast jeder Winkel mit Handfeuerwaffen bestrichen werden
konnte, so daß Bewegungen im Freien tagsüber beinahe
selbstmörderisch waren. Geländegewinne und -verluste bei den
Straßenkämpfen wurden in Metern gemessen, und die
wirkungsvollsten Formationen waren der einzelne
Scharfschütze und die Sturmgruppe mit Maschinenpistolen,
Handgranaten, Molotow-Cocktails, MGs und Panzerbüchsen
oder einem leichten Pakgeschütz.
Da der Aufenthalt im Freien zu gefährlich gewesen wäre, gab
es in Stalingrad eigentlich keine Straßenkämpfe, denn meistens
wurde in den Ruinen gekämpft. Die Sturmgruppen bestanden
wiederum aus Sturmtrupps mit jeweils sechs bis acht Mann. Sie
107
brachen in Gebäude ein und waren leicht mit Sturmgewehren,
Handgranaten, Dolchen und Spaten bewaffnet.
Sie wurden von einer Verstärkungsgruppe unterstützt, die der
Sturmgruppe nach dem Eindringen Feuerschutz gab und
verhinderte, daß der Gegner Verstärkungen heranführte. Zu
diesem Zweck waren die Verstärkungsgruppen schwerer
bewaffnet - mit schweren MGs, Granatwerfern, Panzerbüchsen
oder Pakgeschützen, Brechstangen, Pickeln und
Sprengladungen. Außerdem wurde eine Reservegruppe
eingesetzt, um die Sturmgruppen zu unterstützen, die Flanken
gegen feindliche Angriffe zu sichern und notfalls den Rückzug
der Sturmund Verstärkungsgruppen zu decken. Diese
hochspezia lisierten Gruppen kämpften sehr erfolgreich, und die
geringe Größe der Grundeinheit, des Sturmtrupps, ermöglichte
die Bildung unterschiedlich großer und wechselnd
zusammengesetzter Sturmgruppen je nach Art und Umfang des
Angriffsziels.
In der Verteidigung wurden die Sturmgruppen so eingesetzt,
daß die Panzerabwehrmittel im Erdgeschoß konzentriert waren;
die MGs standen in den oberen Stockwerken, und die Infanterie
hielt alle Ebenen - auch den Keller - besetzt. Dank ihrer
speziellen Struktur und Taktik erwies die 62. Armee sich auch
bei zahlenmäßiger Unterlegenheit im Nahkampf als überlegen,
und Paulus' Vernachlässigung des Bedürfnisses nach
Entwicklung solcher Methoden zeigte erneut, mit welchem
Mangel an Einfallsreichtum die deutsche Führung an die
Schlacht um Stalingrad heranging. Die geschickte und listige
Kampfweise von Tschuikows Truppen beantworteten die
Deutschen lediglich damit, daß sie immer mehr Kräfte am Ende
des Korridors über die Landbrücke zwischen Don und Wolga
zusammenzogen - genau dort, wo Schukow sie haben wollte.
Tschuikow war es gelungen, die 62. Schützenarmee in ein
Heer erstklassiger Häuserkämpfer zu verwandeln, und seine
108
Taktik, möglichst nah am Feind zu bleiben, machte sich bezahlt.
In vielen der am heftigsten umkämpften Abschnitte mußte die
deutsche Luftwaffe hilflos zusehen oder riskieren, bei ihren
Angriffen auch eigene Truppen zu bombardieren. Aber jetzt
deutete vieles darauf hin, daß ein deutscher Großangriff bevor-
stand. Die 62. Armee würde all ihre Geschicklichkeit und all
ihren Kampfwillen benötigen.
Sowjetische Aufklärungstätigkeit und die mangelhafte
Tarnung der deutschen Angriffsabsichten ließen spätestens am
26. September erkennen, daß Paulus aus dem Raum
Gorodischtsche-Rasguljajewka angreifen wollte, um durch die
Arbeitersiedlungen der Fabriken „Barrikaden“ und „Roter
Oktober“ und durch die Fabriken selbst bis zur Wolga
vorzustoßen. Da Tschuikow sich darüber im klaren war, daß
jeder deutsche Angriff seinen ohnehin schon beschränkten
Bewegungsraum weiter einengen würde, und weil er wußte, daß
Verstärkungen nach Stalingrad unterwegs waren (General
Smechotworows 193. Schützendivision würde den Fluß am
Abend des 27. September überqueren; am 30. September sollte
General Gurtiews 308. Schützendivision eintreffen; am 3.
Oktober würde General Scholudows 37. Garde
Schützendivision folgen), wollte er versuchen, Paulus'
Angriffsvorbereitungen zu stören. Zu diesem Zweck ließ er
seine auf dem Ostufer der Wolga stehende Artillerie Sperrfeuer
schießen und verstärkte seine Truppen im Nordabschnitt, wo im
Augenblick nur die abgekämpfte 112. Schützendivision und
eine sehr dezimierte Panzerbrigade standen.
Auch die Lage am Mamajew Kurgan war wieder
besorgniserregend, denn die Deutschen waren von Westen und
Süden bis auf knapp 100 Meter an die Höhe 102
herangekommen. Ein energischer Gegenstoß konnte dort die
Lage klären; unter Umständen brachte er sogar Paulus'
Angriffsplan gegen die Fabriken durcheinander, indem die
109
Deutschen Truppen in die Stadtmitte umdirigieren mußten -
wobei diese Verstärkungen auf der Straße Gumrak-Stalingrad
ins Feuer der sowje tischen Artillerie geraten würden.
Andererseits mußte die Masse der 62. Armee in ihren
Stellungen bleiben, um den Großangriff der 6. Armee
abzuwehren, so daß schließlich nur die angeschlagenen
Divisionen der Generale Gorischnij, Batjuk und Rodimzow
eingesetzt werden konnten.
Tschuikow fürchtete noch immer, seine Untergebenen
könnten zu der in Friedenszeiten geübten Taktik des Angriffs
mit geschlossenen Formationen zurückkehren, und hielt deshalb
in seinem Angriffsbefehl (Armeebefehl Nr. 166 vom 26.
September 1942) fest: „Ich warne alle Einheits- und
Verbandskommandeure nochmals davor, Kampfhandlungen mit
geschlossenen Formationen wie Kompanien und Bataillonen
durchzuführen. Die Offensive muß in der Hauptsache mit
kleinen Gruppen organisiert werden, die mit
Schnellfeuerwaffen, Handgranaten, Brandflaschen und
Panzerbüchsen ausgerüstet sind...“
Nach einstündiger Artillerievorbereitung trat die Infanterie
am 27. September um sechs Uhr zum Sturm an, aber nach
anfänglichen Erfolgen blieb der Angriff gegen acht Uhr nach
Stuka-Angriffen liegen. Um 10.30 Uhr begann ein deutscher
Großangriff gegen den Mamajew Kurgan und die
Werkssiedlung des metallurgischen Werks „Roter Oktober“.
Beteiligt waren daran drei deutsche Divisionen, die 24.
Panzerdivision, die 100. Infanteriedivision und die 389.
Infanteriedivision, von denen die 100. neu und die 389.
aufgefrischt war. Tschuikow war Paulus nur um viereinhalb
Stunden zuvorgekommen, und für die 62. Armee hatte die
kritischste Phase begonnen.
Die deutsche Luftwaffe bombardierte den gesamten
Brückenkopf und vernichtete den Stützpunkt von Gorischnijs
110
95. Division auf dem Mamajew Kurgan. Das
Armeehauptquartier unter dem überhängenden Wolga ufer war
den ganzen Tag Luftangriffen ausgesetzt, und das offene
Ölreservoir neben den Öltanks über Tschuikows Hauptquartier
begann zu brennen und verfinsterte die Sonne mit beißend
schwarzen Rauchwolken. Gegen Mittag funktionierten die
Feldtelefone nur noch sporadisch, und die Funkverbindungen
rissen ab. An der Front war offenbar eine Krise entstanden, aber
vom Hauptquartier aus ließ sich nicht feststellen, wie schwer sie
war.
Die Führungsspitze der 62. Armee machte sich deshalb selbst
auf den Weg, um Erkundungen einzuholen: Tschuikow bei
Batjuks Division, Krylow bei Gorischnijs und Gurow bei der
Panzerbrigade. Als sie zurückkamen, mußten sie feststellen, daß
viele ihrer Stabsoffiziere das Hauptquartier verlassen hatten, so
daß sie darauf angewiesen waren, selbst eine Lagebeurteilung
zu erstellen. Aber es dauerte bis in die Nacht hinein, bevor sie
sich ein vollständiges Bild von der Lage machen konnten. Im
Norden hatten die Deutschen die Minenfelder überwunden, die
Vorposten der 112. Schützendivision überrannt, die Verteidiger
an einigen Stellen fast zwei Kilometer weit zurückgedrängt und
die Werkssiedlung der Geschützfabrik „Barrikaden“ erreicht.
Im Mittelabschnitt war Gorischnijs Division unter schweren
Verlusten vom Mamajew Kurgan zurückgeworfen worden, und
ihre Überreste hielten sich mit knapper Not auf den
Nordosthängen. Noch ein Großkampftag dieser Art, dachte
Tschuikow, dann liegen wir in der Wolga.
Chruschtschow rief aus dem Fronthauptquartier an, und
Tschuikow erklärte ihm, trotz aller Verteidigungsanstrengungen
der 62. Armee gewinne die deutsche Übermacht an Menschen
und Material allmählich die Oberhand, aber sein Militärrat sei
dabei, einen Plan zur Vernichtung der aus dem Raum

111
Rasguljajewka nach Stalingrad vorstoßenden feindlichen
Kräftegruppe auszuarbeiten und in die Tat umzusetzen.
„Welche Unterstützung brauchen Sie?“ fragte
Chruschtschow.
„Ich will mich nicht über unsere Luftwaffe beschweren, die
heldenhaft kämpft, aber der Gegner besitzt die Luftherrschaft.
Die Luftwaffe ist bei diesem Angriff seine Trumpfkarte.
Deshalb bitte ich um mehr Unterstützung auf diesem Gebiet!“
Chruschtschow erklärte ihm, die Front tue bereits ihr Bestes,
aber er versprach Tschuikow, sich um verstärkte
Luftunterstützung zu bemühen.
In der Nacht zum 28. September wurden die Einheitsführer
und Politkommissare in die Unterstände, Bunker und
Schützengräben geschickt, um den Kampfwillen ihrer Truppe
zu stärken, während zwei von Smechotworows Regimentern
über die Wolga gebracht und in Stellungen am Westrand der
Arbeitersiedlung des metallurgischen Werks „Roter Oktober“
eingewiesen wurden. Die russische Artillerie beschoß den
Mamajew Kurgan die ganze Nacht lang, damit die Deutschen
sich nicht auf Höhe 102 eingraben konnten, und für den
kommenden Tag wurde ein Gegenangriff vorbereitet, den
Batjuks Division und die Reste von Gorischnijs Division führen
sollten.
Am 28. September bei Tagesanbruch kamen die deutschen
Bomber wieder und warfen alles ab, was sich nur einigermaßen
dazu eignete (unter den abgeworfenen Gegenständen befand
sich anscheinend keine Küchenspüle, aber mit den Bomben
regnete es Eisenstücke, Pflüge, Traktorenräder und leere
Kanister auf Tschuikows Männer herab). Die Luftwaffe flog
pausenlos Angriffe auf russische Stellungen, die Wolgafähren
und das Armeehauptquartier. Fünf der sechs für Nachschub-
transporte eingesetzten Fähren wurden außer Gefecht gesetzt,
das brennende Öl aus den Lagertanks erreichte den Unterstand
112
des Militärrates, und Tschuikows Koch Glinka wurde in dem
Granattrichter verwundet, der ihm als Küche diente.
Trotzdem glaubte Tschuikow, einen Hoffnungsschimmer
entdecken zu können. Er hatte den Eindruck, die deutschen
Angriffe seien schlecht koordiniert und weniger wuchtig als
früher. Außerdem hatte Chruschtschow sich wie versprochen
für bessere Luftunterstützung eingesetzt, und der
Luftflottenchef, Generalleutnant Chrjukin, sorgte dafür, daß die
62. Armee besser als je zuvor unterstützt wurde, so daß der
Gegenangriff zur Wiedergewinnung des Mamajew Kurgan mit
einiger Aussicht auf Erfolg geführt werden konnte. Die Höhe
102 konnte nicht zurückgewonnen werden, aber auch die
Deutschen konnten sich dort nicht halten, so daß der umkämpfte
Hügel vorläufig zu einem von beiden Seiten mit Artillerie
beschossenen Niemandsland wurde.
Die 62. Schützenarmee hatte sich in den Kämpfen am 28.
September achtbar gehalten, aber ihre Position war noch immer
sehr gefährdet, so daß die Stawka von ihrem früheren Beschluß
abrückte, die 62. Armee möglichst wenig zu verstärken, zumal
ein Angriff auf Kuporosnoje, den die 64. Armee am 27.
September geführt hatte, fehlgeschlagen war, so daß die 62.
Armee weiterhin isoliert blieb. Jetzt wurden zusätzliche
Truppen nach Stalingrad geworfen - allerdings keine Schützen-
oder Panzerdivisionen für die 62. oder 64. Armee. Statt dessen
kamen vor allem MG-Bataillone und „Festungstruppen“ (nicht
für den Bewegungskrieg geeignete Einheiten, die hauptsächlich
aus älteren Männern bestanden), die allerdings nicht für die
Stadt vorgesehen waren.
Das sowjetische Oberkommando hatte befohlen, die Inseln in
der Wolga und das Ostufer des Flusses zwischen Sredne-
Pogromnoje und Gromki zu befestigen. Die Artillerie auf dem
Ostufer wurde umgruppiert und in die Verteidigung
einbezogen; sie unterstützte jedoch weiterhin die in Stalingrad
113
kämpfende Truppe. Aus der Stawka-Reserve wurden neun MG-
Bataillone und eine Schützendivision zum Ostufer in Marsch
gesetzt. Dort entstand das Befestigte Gebiet Nr. 159 mit zwölf
MG- und Artilleriebataillonen und anderen Formationen,
darunter der 43. Pionierbrigade, die sofort mit der Verminung
des Ostufers begann.
Falls den Deutschen hier ein Durchbruch gelang, so daß sie
auf dem Ostufer nach Norden vorstoßen konnten, waren die
sowjetischen Divisionen in ihren Aufstellungs räumen westlich
der Wolga und nördlich des Dons gefährdet. Der großartige
Plan einer Einschließungsoperation wäre damit gescheitert: Die
Jäger wären zu Gejagten geworden. Deshalb mußte eine
Riegelstellung hinter der 62. Armee eingerichtet werden.
Da die meisten Fähren außer Gefecht gesetzt waren, war es
jetzt schwieriger, Soldaten und Munition über die Wolga nach
Stalingrad zu schaffen, wo noch viele Verwundete lagen, die
nachts nicht hatten evakuiert werden können. Auf der anderen
Seite brachten die Deutschen frische Infanterie - und
Panzerkräfte heran, um die Siedlung des Werks „Roter
Oktober“ endlich zu nehmen, und im „Orlowka-
Frontvorsprung“ auf dem rechten Flügel der 62. Armee
entwickelte sich die Lage kritisch.
Dieser Frontvorsprung reichte nördlich von Stalingrad sieben
bis acht Kilometer weit in das deutsch besetzte Gebiet hinein
und erreichte unmittelbar östlich von Orlowka seine größte
Breite von etwa zwei Kilometern. Die dort eingesetzten
deutschen Truppen (Teile der 16. Panzerdivision, der 60.
Infanteriedivision (mot.) sowie der 100. und 389.
Infanteriedivision) beschränkten sich darauf, die Nordflanke der
6. Armee gegen einen Durchbruchsversuch Jeremenkos zu
sichern. Solange die Russen in dem Frontvorsprung sich ruhig
verhielten, machten die Deutschen sich ihretwegen keine allzu
großen Sorgen. Andererseits konnte Tschuikow keine Kräfte für
114
dramatische Aktionen in einem verhältnismä ßig abgelegenen
Frontsektor einsetzen, vermied es deshalb, den Gegner dort zu
provozieren, und beschränkte sich darauf, den Frontvorsprung
verhältnismäßig schwach zu besetzen. Trotzdem sah Paulus in
seinem Weiterbestehen eine gewisse Gefahr. Falls Jeremenko
ein Durchbruch gelang, war der deutsche linke Flügel bei
Lataschanka an der Wolga abgeschnitten, und falls Tschuikow
eine seiner neuen Divisionen in den Frontvorsprung verlegte,
war die Flanke der die Fabriken angreifenden deutschen
Truppen gefährdet.
Mit Beginn der Angriffe auf den Nordteil der Stadt, in dem
die Fabriken lagen, wurde es Zeit für Paulus, den
Frontvorsprung bei Orlowka beseitigen zu lassen. Die dort
stehenden schwachen russischen Kräfte waren rasch überrannt,
und angesichts von Meldungen über Konzentrationen von
Panzern und Infanterie der deutschen 14. Panzerdivision und
der 94. Infanteriedivision, die auf erneute Angriffe auf das
Traktorenwerk und die Geschützfabrik schließen ließen,
gelangte Tschuikow zu der Ansicht, die vorgeschobenen
Stellungen seien nicht länger zu halten. Er zog deshalb den
größten Teil von Andrjusenkos Infanteriebrigade ab, verstärkte
sie durch ein Panzerjägerregiment und zwei Kompanien aus
Gorochows Brigade und traf Vorbereitungen für einen
Gegenangriff, der in drei Tagen gegen die Werkssiedlung der
Geschützfabrik „Barrikaden“ geführt werden sollte.
Gurjows 39. Garde-Schützendivision überquerte die Wolga
in der Nacht zum 1. Oktober 1942. Sie besaß nur die Hälfte
ihren Soll-Stärke, aber sie erwies sich als so kampfstark, daß
Tschuikow sich dafür entschied, sie zwischen der Silikatfabrik
und der Sujowskaja -Straße einzusetzen, um sie für den
Gegenangriff auf die Werkssiedlung zur Verfügung zu haben.
Am nächsten Tag kam es bei Smechotworows Division, ihrem
linken Nachbar, zu einem tiefen Feindeinbruch, so daß Gefahr
115
bestand, daß die Deutschen in das metallurgische Werk „Roter
Oktober“ durchbrechen würden. Deshalb wurden die
Gardeschützen hinter Smechotworows Division eingesetzt, um
die Fabrikgebäude in Festungen zu verwandeln. Am 1. Oktober
wurde Andrjusenkos 3. Bataillon, das als einziges nicht
zurückgezogen worden war, im Orlowka-Frontabschnitt
eingeschlossen. Das Bataillon besaß nur 200 Schuß
Gewehrmunition pro Mann und Verpflegung für zwei Tage.
Trotzdem hielt es sich fünf Tage lang, und am 7. Oktober
schlugen sich 120 Überlebende, die 380 Gefallene und
Verwundete zurückließen, wieder zur 62. Armee durch.
Die Lage der 62. Schützenarmee verschlechterte sich jetzt
rasch. Smechotworows Division hatte seit ihrem Eintreffen
Pech gehabt. Schon am ersten Tag hatte sie drei Regiments- und
drei Bataillonskommandeure verloren und war in kaum einer
Woche auf weniger als 2000 Mann zusammengeschrumpft.
Zum Glück traf jenseits der Wolga bereits eine weitere Division
für Stalingrad ein: Oberst Gurtjows 308. Schützendivision, die
hauptsächlich aus Sibiriern bestand.
In Batjuks und Rodimzows Abschnitten im Stadtzentrum
konnten die stärker werdenden deutschen Angriffe gerade noch
abgewehrt werden. Ein deutsches Bataillon hatte in russischen
Uniformen versucht, durch eine Schlucht zur Wolga
vorzustoßen, war jedoch entdeckt und vernichtet worden.
Smechotworows Division wurde zurückgedrängt, die Deutschen
kamen näher an das metallurgische Werk „Roter Oktober“
heran, und Tschuikows Hauptquartier wurde erneut angegriffen.
Seitdem das Ölreservoir oberhalb des Armeehauptquartiers
vor über einer Woche in Brand geraten war, hatte der Stab unter
einer ölig-schwarzen Rauchwolke leben und arbeiten müssen,
die das Hauptquartier jedoch immerhin vor deutschen
Flugzeugen tarnte.

116
Am 2. Oktober beschoß und bombardierte der Gegner
Tschuikows Hauptquartier energisch, wobei die Öltanks
getroffen wurden, so daß sich brennendes Öl über das
Armeehauptquartier, die auf Grund liegenden Schleppkähne
und in die Wolga ergoß. Die Telefonleitungen gingen in
Flammen auf, und die Funkgeräte arbeiteten nicht mehr
einwandfrei. Da es keine Ausweichmöglichkeit gab, ließ
Krylow den Stab die noch intakten Unterstände beziehen und
versuchte, die Verbindung zur Truppe über Funk
aufrechtzuerhalten. Die Ölbrände wüteten noch tagelang, und
die Beschießung ging weiter, so daß nicht an Schlaf zu denken
war, aber nach Tschuikows Darstellung empfanden er und seine
Mitarbeiter vor allem General G. F. Sacharows Schikanen als
störend: Jeremenkos Stabschef stellte ständig über Funk Fragen,
die lediglich beweisen sollten, ob das Armeehauptquartier noch
existierte.
Von nun an verstärkte der deutsche Druck sich stetig. Im
Norden der Stadt wurde die sowjetische Front langsam
zurückgedrängt, und das metallurgische Werk „Roter Oktober,
war das Ziel direkter deutscher Angriffe. Bisher hielten
Tschuikows Männer sich noch, aber am 4. Oktober zeichnete
sich eine neue Bedrohung ab, als russische Spähtrupps
feststellten, daß hinter der fünf Kilometer langen Front
zwischen der Metschetka und der nördlich davon gelegenen
Höhe 107 drei deutsche Infanteriedivisionen und zwei
Panzerdivisionen bereitgestellt wurden.
Am Vortag hatte Tschuikow die Nachricht erhalten, daß die
37. Garde-Schützendivision (Generalleutnant Scholudow) in der
kommenden Nacht mit dem Übersetzen nach Stalingrad
beginnen werde. Wegen der Knappheit an Transportraum mußte
sie ohne ihre Pakgeschütze über die Wolga kommen, und da der
Divisionsstab aus ungeklärten Gründen nicht in dieser ersten
Nacht mitfahren konnte, wurden die Regimenter dem
117
Armeehauptquartier direkt unterstellt und rechts neben
Gurtjows Männern eingesetzt, um die Traktorenfabrik
verteidigen zu helfen. In der nächsten Nacht wurden sie durch
die leichten Panzer der 84. Panzerbrigade verstärkt - die
mittelschweren Panzer konnten nicht über den Fluß gebracht
werden. Da diese leichten Panzer keine Chance gegen die
deutschen Pzkw III und IV hatten, wurden sie eingegraben und
gaben den Verteidigern durch ihr Feuer Rückhalt.
Die Verstärkungen waren gerade noch rechtzeitig
eingetroffen, denn sie hatten eben erst ihre Stellungen bezogen,
als am 4. Oktober der deutsche Großangriff auf die
Traktorenfabrik begann, der von Teilen der 14. Panzerdivision,
der 60. Infanteriedivision (mot.) und der 389. Infanteriedivision
geführt wurde. Die 37. Garde-Schützendivision verteidigte sich
so geschickt, daß der deutsche Angriff liegenblieb.
Am 6. Oktober trat eine Kampfpause ein, weil die Deutschen
ihre Truppen umgruppierten. Jeremenko, der daraus schloß, die
Angreifer seien erschöpft, drängte Tschuikow, am nächsten Tag
mit der 37. Garde-Schützendivision einen Gegenangriff zu
führen, zu dem es jedoch nicht kam, weil die Deutschen erneut
mit zwei Infanteriedivisionen und zahlreichen Panzern
angriffen. Die Gardeschützen wurden langsam zurückgedrängt,
aber sie ließen sich jeden Meter Raumgewinn blutig bezahlen,
so daß die Angreifer an diesem Tag lediglich einen einzigen
Häuserblock in der Arbeitersiedlung der Traktorenfabrik
erobern konnten. Um 18 Uhr erzielten die Katjuscha-
Raketenwerfer mit einem Zufallstreffer einen unerwarteten
Erfolg, als ein ganzes deutsches Bataillon westlich der über die
Metschetka führenden Eisenbahnbrücke durch eine einzige
Salve vernichtet wurde. Damit betrugen die deutschen Verluste
an diesem Tag fast vier Bataillone - ein hoher Preis für einen
Wohnblock.

118
Danach trat eine viertägige Kampfpause ein; aber beide
Seiten waren sich darüber im klaren, daß in Zukunft noch
erbitterter gekämpft werden würde. Die 62. Armee traf alle
Vorbereitungen, um weitere deutsche Angriffe auf die
Traktorenfabrik abwehren zu können. Jeremenko befahl einen
Gegenangriff am Westrand der Arbeitersiedlung, der am 12.
Oktober von der 37. Garde-Schützendivision und einem
Regiment von Gorischnijs Division geführt wurde.
Bezeichnend für die Spannungen zwischen den beiden
wichtigsten sowjetischen Protagonisten ist es, daß Tschuikow
schreibt: „Wir erwarteten keine großen Erfolge von dem
Gegenangriff, hatten aber den Ein druck, daß der
Frontoberbefehlshaber diesmal nicht von der 62. Armee
zwecklose Angriffsoperationen verlange“ (Hervorhebung durch
den Verfasser). Und weshalb hielt er Jeremenkos Befehl
„diesmal“ für vernünftig? Tschuikow hatte die Mitteilung
erhalten, daß die 62. Armee demnächst mit gekürzten
Munitionsmengen werde auskommen müssen - für einen
sowjetischen General stets ein untrügliches Zeichen, daß
anderswo eine Großoffensive bevorstand. Die geplante
Gegenoffensive wurde streng geheimgehalten - auch Jeremenko
hatte erst vor knapp zwei Wochen von dem „Plan Uranus“
erfahren -, aber dieser Hinweis war unverkennbar.
Nach Stalingrader Maßstäben war der Gegenangriff recht
erfolgreich, denn Scholudows Männer kamen über 300 Meter
weit voran, während Gorischnijs etwa 200 Meter
dazugewannen - aber dann kam ihr Angriff zum Stehen. Sie
kämpften den ganzen 13. Oktober lang, ohne einen Schritt
weiterzukommen, und am 14. Oktober ließ Paulus fünf
Divisionen, darunter zwei Panzerdivisionen, zum Sturm auf das
Traktorenwerk und die Geschützfabrik antreten.
Der 14. Oktober brachte die schwerste Krise der 62.
Schützenarmee.
119
Der Angreifer...
120
... und der Verteidiger
121
Am 27. September bombardiert die Luftwaffe
das offene Ölreservoir am Wolga Ufer

Die Fabriken stehen jetzt im Mittelpunkt des Angriffs

122
Starke T-34-Panzerverbände werden in Zangen-Stellung gebracht.

Letzter Versuch, die Stadt zu erobern: deutscher Infanterie-Angriff

123
Die deutsche Luftwaffe flog fast 3000 Einsätze, während die
14. und 24. Panzerdivision, die 60. Infanteriedivision (mot.) und
die 100. und 389. Infanteriedivision gegen Scholudows,
Gorischnijs und Gurtjows Divisionen und die 84. Panzerbrigade
anstürmten.
Kurz vor Mittag gelang es den Deutschen, in Scholu dows
Frontabschnitt einzubrechen: Etwa 180 Panzer ergossen sich
durch die Lücke; ein Teil von ihnen griff die Traktorenfabrik
an, der Rest stieß entlang der Metschetka vor, um der
benachbarten 112. Schützendivision in den Rücken zu fallen.
Der Kampf wogte den ganzen Tag lang unübersichtlich hin und
her, aber gegen Mitternacht hatten die Deutschen die
Traktorenfabrik von drei Seiten eingeschlossen und kämpften in
den Werkshallen. In der näheren Umgebung der Fabrik la gen
etwa 3000 deutsche Gefallene - Ostpreußen der 24.
Panzerdivision und Hessen der 389. Infanteriedivision - sowie
Hunderte von Scholudows Gardeschützen. In dieser Nacht
evakuierten die Wolgafähren 3500 russische Verwundete - die
höchste Zahl, die an irgendeinem Tag der Schlacht um
Stalingrad transportiert werden mußte.
Der deutsche Angriff ging am nächsten Tag weiter. Paulus
warf nun auch die 305. Infanteriedivision in die Schlacht, um
seine Geländegewinne am Wolgaufer nach Norden und Süden
ausweiten zu können. Er war dem Erfolg sehr nahe: Die 62.
Schützenarmee war durch einen Keil gespalten worden, die 24.
Panzerdivision hatte am Nordrand der Traktorenfabrik das
Wolgaufer erreicht, und Tschuikows Nordgruppe (drei
Infanterie brigaden und die wenigen Überlebenden der 112.
Division) war in dem Vorort Spartakowka eingeschlossen.
Scholudows 37. Garde-Schützendivision war aus der
Traktorenfabrik abgedrängt worden und kämpfte in kleinen und
kleinsten Gruppen in der dazugehörigen Arbeitersiedlung
weiter.
124
Auch Gorischnijs Division hatte schwere Verluste erlitten,
und die deutschen Angriffsspitzen standen nur noch 350 Meter
von Tschuikows Hauptquartier entfernt. Die Telefonleitungen
brannten nicht nur dort, sondern auch in dem
Ausweichgefechtsstand jenseits des Flusses, so daß ein völliger
Ausfall der Verbindungen zur Armee und Frontartillerie auf
dem Ostufer drohte. Tschuikow mußte mit der Möglichkeit
rechnen, daß sein Hauptquartier diesmal zerstört werden würde,
und bat Jeremenko um Erlaubnis, mehrere Abteilungen seines
Stabes aufs Ostufer verlegen zu dürfen, wobei er sich
verpflichtete, mit Gurow und Krylow in Stalingrad zu bleiben.
Aber Jeremenko stimmte nicht zu. Das Bild des - wenn auch
nur teilweise - über die Wolga zurückgehenden Armee-
hauptquartie rs hätte die Truppe in diesem entscheidenden
Augenblick demoralisiert.
Tschuikow und sein Stab blieben also, wo sie waren, und die
deutschen Angriffe wurden in der Nacht zum 17. Oktober
erneut zum Stehen gebracht. Scholudows und Gorischnijs
Divisionen hatten am 15. Oktober 75 Prozent ihrer Stärke
verloren, aber die Verluste der Angreifer waren ebenfalls so
hoch, daß Paulus' Offensive sich festlief. Die 6. Armee hatte
Mühe, ihre Verluste zu ersetzen: Paulus hatte bereits von der
Heeresgruppe B, die selbst kaum über Reserven verfügte, und
sogar beim Ersatzheer in der Heimat Ersatz anfordern müssen
und konnte nun nicht mit weiteren Verstärkungen rechnen,
während die Russen ihre Menschenreserven noch nicht völlig
ausgeschöpft hatten. Ein Regiment von General Ljudnikows
138. Schützendivision war bereits über die Wolga nach
Stalingrad gekommen. Die beiden anderen überschritten den
Fluß in der Nacht zum 17. Oktober und wurden sofort als
Verstärkung in den von Scholudows und Gorischnijs
Divisionen gehaltenen Frontabschnitten eingesetzt.

125
Tschuikow war sich darüber im klaren, daß er keinen
Frontabschnitt für längere Zeit vernachlässigen durfte. Die
Deutschen zogen starke Kräfte für einen Angriff auf das
metallurgische Werk „Roter Oktober“ zusammen, so daß die
62. Armee sich auf Abwehrkämpfe vorbereiten mußte.
Weiterhin vermutete Tschuikow, daß Paulus beabsichtige, in
dem ruhigeren Abschnitt südlich der Fabriken zur Wolga
durchzubrechen, während die Masse der sowjetischen Truppen
in den Fabriken kämpfe, aber in diesem Fall scheint er seinem
deutschen Gegenspieler allzu viel Raffinesse zugetraut zu
haben.
Jeremenko hatte am 15. Oktober nicht selbst mit Tschuikow
gesprochen, und da er befürchtete (er gibt keinen Grund für
diese Befürchtung an, aber vermutlich basierte sie auf dem
Ersuchen, Teile des Armeehauptquartiers über die Wolga
zurücknehmen zu dürfen), Tschuikow sei in niedergeschlagener
Stimmung (alles andere wäre ein Wunder gewesen, aber
Jeremenkos - oft unangebrachter - Optimismus war berüchtigt),
beschloß er, ihm einen Besuch abzustatten. Tschuikow war
davon nicht sonderlich begeistert, weil er Besuche von Vorge-
setzten für lästig und störend hielt, aber das Gespräch verlief in
kameradschaftlicher Atmosphäre, und als Jeremenko bei
Tagesanbruch abfuhr, versprach er, mehr Soldaten und
Munition zu schicken. Tschuikows Laune besserte sich jedoch
keineswegs, als er am nächsten Tag eine Mitteilung über eine
Munitionszuteilung erhielt, die lediglich für einen einzigen
Großkampftag ausreichte. Als die Zuteilung auch nach
energischen Protesten nur geringfügig erhöht wurde, stand fest,
daß eine wirkliche Großoffensive bevorstand.
In der Nacht zum 18. Oktober verlegte die 62.
Schützenarmee ihr Hauptquartier erneut - diesmal ans
Wolgaufer etwa einen Kilometer südlich der Bannij-Schlucht
und gleichweit vom Mamajew Kurgan entfernt. Dort blieb es
126
bis zum Ende der Schlacht um Stalingrad. Die Deutschen
stießen weiter in Richtung auf das metallurgische Werk „Roter
Oktober“ vor und überrannten am Spätvormittag des 18.
Oktober Smechotworows rechten Flügel, so daß einige
Einheiten der benachbarten Divisionen Gurtjows in Gefahr
gerieten, abgeschnitten zu werden. Um das zu verhindern,
befahl Tschuikow einen Rückzug um 200 bis 300 Meter, womit
er zum erstenmal seit der Übernahme des Armeeoberbefehls
einen Rückzugsbefehl erteilt hatte.
Der 19. und 20. Oktober waren nach Stalingrader Maßstäben
verhältnismäßig ruhige Tage. Die Deutschen griffen weiterhin
die isolierte sowjetische Nordgruppe bei Spartakowka an und
hielten ihren Druck auf die Fabriken aufrecht, ohne jedoch
sichtbare Erfolge zu erzielen. Paulus erhielt keinen Ersatz mehr,
konnte aber Truppen aus ruhigeren Frontabschnitten der 6.
Armee in den Kampf schicken, während die 62. Armee
erheblich größere Schwierigkeiten zu überwinden hatte, um
Verstärkungen an die Front bringen zu können.
Als durch sowjetische Aufklärung neue deutsche
Truppenkonzentrationen in der Arbeitersiedlung der
Geschützfabrik „Barrikaden“ festgestellt wurden, mußten die
Nachschubeinheiten der 62. Armee ausgekämmt werden. Die
Beschlagschmiede, Schneider, Schuhma cher, Mechaniker und
Kammerunteroffiziere wurden zu Infanteriekompanien
zusammengefaßt und über die Wolga nach Stalingrad geworfen.
Am 21. Oktober griffen die Deutschen erneut die
Geschützfabrik „Barrikaden“, das metallurgische Werk „Roter
Oktober“ und die letzten Fähren der 62. Armee an, ohne jedoch
erwähnenswerte Erfolge zu erzielen. Am nächsten Tag nahm
die Wucht ihrer Angriffe jedoch zu, als Paulus die 79.
Infanteriedivision mit Panzerunterstützung in den Kampf
schickte. Gegen Abend war die russische Front bei der
Geschützfabrik durchstoßen: Die Deutschen drangen über den
127
Gleisanschluß in die Fabrik ein, und eine mit Sturmgewehren
ausgerüstete Kompanie der 79. Infanteriedivision hatte die
Nordwestecke des Stahlwerks „Roter Oktober“ erreicht. Am
nächsten Morgen wurde der Druck nochmals verstärkt, und am
Spätnachmittag befanden sich zwei Drittel der Geschützfabrik
in deutscher Hand, während kleine Gruppen von Angreifern mit
Maschinenpistolen in die Hallen der Fabrik eingedrungen
waren.
Die Kräfte beider Seiten ließen rasch nach. Paulus mußte
damit rechnen, alle fünf Tage eine Division zu verlieren - im
Kampf um die Fabriken waren die Verluste sogar noch höher -,
und konnte diesen starken Druck nicht unbegrenzt lange
aufrechthalten. Andererseits war ein Keil zwischen die
Verteidiger getrieben worden, die Traktorenwerke und der
größte Teil der Geschützfabrik befanden sich in deutscher
Hand, und um das metallurgische Werk „Roter Oktober“ wurde
gekämpft, während die 37. Garde-Schützendivision und die
308. und 193. Schützendivision der 62. Armee fast nicht mehr
existierten, weil sie gemeinsam nur noch wenige hundert Mann
stark waren.
Am 25. Oktober gingen die Angriffe gegen die Nordgruppe
in Spartakowka weiter. Die Ortsmitte mußte aufgegeben
werden, und Gorochows Truppen wichen an den Fluß zurück.
Aber nach zweitägigen Kämpfen, in denen die Geschütze der
Wolgaflotte der sowjetischen Kriegsmarine ein Blutbad unter
den Angreifern anrichteten, wurde die 6. Armee zurückge-
drängt. Weiter südlich sah es aus Tschuikows Sicht schlimm
aus, denn Teile der deutschen 79. Division stießen zum
metallurgischen Werk „Roter Oktober“ vor und erreichten den
Gefechtsstand von Gurjows 39. Garde-Schützendivision, in den
sie Handgranaten warfen. Tschuikow entsandte rasch eine
Kompanie seiner Stabswache, die die Lage bereinigte, aber
nicht ins Armeehauptquartier zurückkonnte und bei Gurjows
128
Division verbleiben mußte. Noch schlimmer war, daß am
gleichen Tag, dem 27. Oktober, deutsche MG-Schützen
zwischen den Fabriken „Barrikaden“ und „Roter Oktober“ auf
weniger als 350 Meter an die Wolga herankamen, so daß der
letzte Landungssteg, den die Fähren der 62. Armee benützen
konnten, im Feuer der Deutschen lag.
Zum Glück hatte eine weitere sowjetische Division -
Sokolows 45. Schützendivision - in der vorigen Nacht
begonnen, die Wolga zu überqueren, und zwei ihrer Bataillone
waren bis zum Morgen des 27. Oktober nach Stalingrad
gelangt. Sie wurden zwischen den beiden Fabriken eingesetzt
und hatten den Auftrag, die Deutschen vom Fluß fernzuhalten,
was ihnen bis zum Abend gelang, bevor sie auf dem linken
Flügel etwa 100 Meter zurückgedrückt wurden. An diesem
einen Tag hatte die 45. Division die Hälfte ihrer beiden ersten
Bataillone verloren, und die Anlandung ihrer restlichen
Einheiten erwies sich als sehr schwierig und langwierig; sie
würde noch zwei bis drei Tage dauern. Aber konnte die 62.
Schützenarmee sich noch so lange behaupten? Paulus hielt jetzt
neun Zehntel von Stalingrad, und jeder Quadratmeter des
russischen Zehntels lag unter deutschem Feuer. Tschuikows
Männer hielten lediglich den Mamajew Kurgan, einige
Fabrikgebäude und einen schmalen Uferstreifen, der zwar
mehrere Kilometer lang, aber nur wenige hundert Meter breit
war.
Unglaublicherweise konnten sie sich nicht nur behaupten,
sondern sogar einen kleinen Gegenangriff mit drei
zusammengeflickten Panzern führen. Die Kämpfe hielten bis
zum 30. Oktober an, aber die deutschen Angriffe wurden immer
schwächer. Die 62. Armee hatte sich doch als standfester
erwiesen.

129
„Auch auf unserer Straße wird gefeiert
werden“

Die 6. Armee griff noch mehrmals an, und Tschuikow mußte


noch mehrere Krisen meistern - aber keine war mehr so
schlimm wie die, die seine Armee bereits überstanden hatte.
Nun stand fest, daß die deutsche Offensive ihre im Frühjahr
gesteckten Ziele nicht erreichen würde; der Winter würde bald
einsetzen, und die Wehrmacht war durch den im Sommer
geführten Abnützungskrieg schlecht auf ihn vorbereitet.
Die Soldaten der 62. Schützenarmee konnten nicht wissen,
daß Hitler schon am 14. Oktober die Einstellung sämtlicher
Angriffsoperationen mit Ausnahme von Sta lingrad und einem
kleinen Abschnitt der Kaukasus-Front befohlen hatte. Aber sie
wußten - nicht offiziell, denn die Vorbereitungen für die
Gegenoffensive wurden streng geheimgehalten, sondern aus
„Latrinenparolen“ -, daß ein Großunternehmen bevorstand.
Weitere Hinweise lieferten die gekürzten Munitionszuteilungen,
die häufigen Besuche von Stawka-Beauftragten und Stalins
Rede am 7. November, dem 25. Jahrestag der Oktober-
revolution, mit der geheimnisvollen Feststellung: „Auch auf
unserer Straße wird gefeiert werden.“
Jeremenko teilte Tschuikow mit, die Deutschen seien dabei,
ihre Offensive gegen die 62. Armee einzustellen und Truppen
aus der Stadt auf die Flügel und in rückwärtige Gebiete zu
verlegen. Das taten sie im Augenblick noch nicht, aber
Tschuikow deutete diese Mitteilung als Aufforderung, die 6.
Armee durch Störangriffe in Stalingrad festzuhalten.
Schumilow trat mit seiner 64. Armee im Süden bei Beketowka
130
zu einer begrenzten Offensive an, die scheinbar dazu dienen
sollte, die 62. Armee zu entsetzen, während sie in Wirklichkeit
den Zweck hatte, die Aufmerksamkeit der Deutschen von den
Ereignissen nördlich des Dons abzulenken.
Was nördlich des Dons vorging, durfte dem Gegner
allerdings nach Möglichkeit nicht bekannt werden. Die Stawka-
Abgesandten - Armeegeneral Schukow und Generaloberst
Wasiljewski - waren Anfang November erneut im
Hauptquartier der Don-Front erschienen und hatten einen neuen
Besucher mitgebracht: Generaloberst N. N. Woronow, den
Artillerieführer der Roten Armee. Am 3. November 1942
begann Schukow die letzte Runde von
Kommandeursbesprechungen bis hinunter zu den
Divisionskommandeuren - zuerst im Hauptquartier der 5.
Panzerarmee der neuen Südwestfront, dann für die
Kommandeure der Don-Front und schließlich für die
Kommandeure des südlichen Umfassungsarms im
Hauptquartier der Stalingrad-Front.
Die Rote Armee plante eine Großoffensive und hatte
entsprechend starke Verbände dafür bereitgestellt. Von Westen
nach Osten standen am Don zwischen Weschenskaja und dem
großen Donbogen sowie von dort bis Jersowka an der Wolga
fünf Armeen - die 5. Panzer- und 21. Schützenarmee der
Südwestfront und die 65., 24. und 66. Schützenarmee der Don-
Front. Im Süden hatten die verstärkte 57. und 51.
Schützenarmee der Stalingrad-Front bereits die schmalen
Landbrücken zwischen den dortigen Seen besetzt. Insgesamt
bestanden die Offensivkräfte aus über einer Million Mann mit
13541 Geschützen und Granatwerfern, 894 Panzern und 1115
Flugzeugen. Daß die Deutschen bis zuletzt kaum etwas von
ihrer Existenz wußten und die Stoßrichtung dieser Kräfte zu
spät erkannten, spricht für die wirksame Geheimhaltung
innerhalb der Roten Armee und die geschickten
131
Täuschungsmanöver der Russen, aber auch gegen das
Urteilsvermögen der Abteilung Fremde Heere Ost im OKH, auf
deren Feindlagebeurteilungen Hitler und seine Generale bauten.
Diese gewaltige Streitmacht war keineswegs zu groß für den
beabsichtigten Zweck. Zahlenmäßig war sie den im
Angriffsraum stehenden deutschen und verbündeten Armeen
sogar leicht unterlegen, denn diese Kräfte bestanden ebenfalls
aus etwas über einer Million Mann mit rund 10000 Geschützen
und Granatwerfern, 675 Panzern und etwa 1200 Flugzeugen, so
daß die Rote Armee nur in bezug auf Artillerie und Panzer klar
überlegen war. Unter Berücksichtigung dieser Tatsache und um
den Gegner an seiner schwächsten Stelle zu treffen, wollten
Schukow und die anderen Stawka-Generale ihre Panzer,
Geschütze und Flugzeuge zum Angriff gegen die rumänischen
Verbände rechts und links der 6. Armee und der 4. Panzerarmee
konzentrie ren - gegen die rumänische 3. Armee am Don und die
rumänische 4. Armee westlich der Seen im Süden von
Stalingrad.
Von den beiden rumänischen Armeen war bekannt, daß sie
schlecht ausgerüstet, unzufrieden (nur wenige Rumänen
begriffen, was sie tief in Rußland zu suchen hatten) und oft mit
den Deutschen zerstritten waren. Außerdem hatte Hitler sich
wegen des Mangels an deutschen Truppen, der eine rumänische
Beteiligung am Rußlandfeldzug wünschenswert gemacht hatte,
der Forderung des rumänischen Staatschefs, Marschall Anto-
nescu, beugen und die rumänischen Verbände geschlos sen
einsetzen müssen - gegen den Rat seiner Generale, die ihnen
„Korsettstangen“ aus deutschen Truppen einziehen wollten. Die
Ausrüstung der Rumänen war beklagenswert schlecht, vor
allem in bezug auf Panzer und Panzerbekämpfungsmittel, und
die italienische 8. Armee, die unmittelbar westlich der
rumänischen 3. Armee stand, befand sich in kaum besserer
Verfassung, so daß auf wenig Unterstützung vom Flügel her zu
132
hoffen war, falls dem Feind ein Einbruch bei den Rumänen
gelang.
Wegen ihrer unzulänglichen Ausrüstung und ihres Mangels
an Begeisterung für die gemeinsame Sache hatten die Rumänen
nichts gegen die russischen Brückenköpfe auf dem westlichen
Donufer bei Serafimowitsch und Kletskaja unternommen, aber
sie hatten sie sorgenvoll beobachtet, wobei ihnen trotz aller
sowjetischen Tarnungsversuche nicht entgangen war, daß die
dort liegenden Truppen verstärkt wurden. Der rumänische
Oberbefehlshaber, Generaloberst Dumitrescu, hatte mehrmals
vor der von diesen Brückenköpfen ausgehenden Gefahr
gewarnt, und obwohl er sich nicht dazu hatte hinreißen lassen,
seine Truppen für ihre Beseitigung anzubieten, hatte er deutsche
Panzer und Panzerjäger für den Frontabschnitt seiner 3. Armee
angefordert.
Hitler hielt die Brückenköpfe der Roten Armee westlich des
Dons für nicht weiter gefährlich. Sein normaler Drang, die
Russen abzuschreiben, bevor die Ereignisse diesen Schluß
erlaubten, wurde durch eine im September erstellte
Feindlagebeurteilung bekräftigt, die der Roten Armee „keine
nennenswerten operativen Reserven“ mehr zuschrieb. Aus
unserer Sicht erscheint dieses Urteil vermessen, aber als es
gefällt wurde, lebten in den deutschen besetzten Gebieten der
UdSSR etwa 40 Prozent der sowjetischen Gesamtbevölkerung,
die Verluste der Roten Armee waren bereits höher als ihre
Stärke bei Kriegsausbruch, und die Einziehung älterer
Reservisten, Seeleute und sibirischer Arbeiter lieferte Grund zu
der Annahme, der „russischen Dampfwalze“ gehe der Dampf
aus. Trotzdem wirft die Art und Weise, wie diese Einschätzung,
die auf unzulänglichen Quellen basierte und durch
Vermutungen angereichert worden war, von Hitler und dem
OKH zu einem Glaubensartikel erhoben wurde, ein

133
bezeichnendes Licht auf die Arbeitsmethoden im
Führerhauptquartier.
Obwohl Hitler die rumänischen Befürchtungen nicht
sonderlich ernst nahm, erklärte er sich bereit, die angeforderten
Panzer- und Panzerjägerverbände zur Verfügung zu stellen, und
entsandte das XLVIII. Panzerkorps am 10. November in den
Frontabschnitt der rumänischen 3. Armee. Der erste Schnee
dieses Winters war bereits gefallen, als das zeitweilig aus der 4.
Panzerarmee herausgelöste Korps mit Teilen der 14.
Panzerdivision nach Serafimowitsch in Marsch gesetzt wurde.
Das Panzerkorps bestand aus der deutschen 22.
Panzerdivision und einer rumänischen Panzerdivision, die beide
nicht sonderlich kampfkräftig waren. Es verfügte über
zahlreiche veraltete tschechische Panzer, aber nur wenige der
besseren deutschen Pzkw III und IV; sein
Panzergrenadierregiment war vor einigen Monaten
abkommandiert worden, und sein Sturmpionierbataillon
kämpfte in Stalingrad. Das XLVIII. Panzerkorps hatte seit
September untätig hinter der italienischen 8. Armee gelegen,
und weil Sprit knapp war, waren viele der Panzermotoren seit
zwei Monaten nicht mehr angelassen worden. Außerdem waren
die Panzer eingegraben und mit Stroh und Schilf getarnt und
vor Frost geschützt worden.
Als die deutsche Division ihren Marschbefehl erhielt,
sprangen 65 ihrer 104 Panzer nicht an, und selbst nach
intensiven Bemühungen waren nur 42 zum Laufen zu bringen.
Die Erklärung dafür war einfach: Das Stroh hatte Mäuse
angelockt, die auch ins Innere der Fahrzeuge gelangt waren und
die Isolierung der Elektrokabel angenagt hatten, so daß beim
Anlassen Kurzschlüsse entstanden, die mehrere Panzer in Brand
setzten. Die andere Einheit - die rumänische 1. Panzerdivision -
hatte nicht mit diesem Problem zu kämpfen, aber von ihren 108

134
Panzern waren 98 veraltete Pzkw 38 (t), die den sowjetischen
T 34 oder KW 1 nicht standhalten konnten.
Als das XLVIII. Panzerkorps von Ausfällen geplagt in den
zugewiesenen Frontabschnitt einrückte, betrachteten wohl nur
wenige seiner schwitzenden Soldaten diese Episode als gutes
Vorzeichen für die bevorstehende Schlacht, und ihre Stimmung
hätte sich erst recht nicht gebessert, wenn sie gewußt hätten,
daß diese Ansammlung maroder Vehikel genau in
Angriffsrichtung der sowjetischen Panzerspitzen postiert wurde:
vor General P. L. Romanenkos 5. Panzerarmee, einem
kampfstarken Verband mit Hunderten von T 34, dem damals
besten mittelschweren Panzer der Welt.
Der November 1942 begann schlecht für die Deutschen. Am
4. November begann Rommels Afrikakorps seinen langen
Rückzug nach Tripolis, und am 8. November landeten die
Anglo-Amerikaner in Französisch-Nordafrika. Hitler hie lt es für
erforderlich, Restfrankreich zu besetzen, wofür Truppen
benötigt wurden, die notfalls an der Ostfront, an die noch so
viele deutsche Divisionen aus Westeuropa verlegt werden
sollten, hätten eingesetzt werden können.
Auf dem Höhepunkt der dadurch entstandenen Krise und
während die Heeresgruppe B allmählich erfaßte, in welcher
Gefahr sie schwebte, verließ Hitler das Führerhauptquartier in
Winniza, um am 8. November, dem Vorabend des Jahrestages
des Bürgerbräu-Putsches vom 9. November 1923, im Münchner
Bürgerbräukeller zu sprechen. Was waren die Katastrophe in
Nordafrika und die kritische Lage an der Ostfront im Vergleich
mit der Gelegenheit, alte Erinnerungen aufzuwärmen und eine
irreführende Rede über die deutschen Erfolge unter seiner
Führung zu halten, in der er den Alten Kämpfern verkünden
konnte, Stalingrad sei „fest in deutscher Hand“?
In Stalingrad stand Tschuikow unterdessen vor einem neuen
Problem - dem Eisgang auf der Wolga. Da der Strom dort schon
135
sehr breit ist und zudem verhältnismäßig weit südlich liegt,
kann es Wochen oder gar Monate dauern, bis er zufriert. Sobald
die Temperaturen auf -15 Grad Celsius fallen, treiben gewaltige
Eismassen die Wolga hinunter und machen sie völlig
unpassierbar; erst wenn die Temperaturen noch weiter sinken,
frieren die Eisschollen zu einer geschlossenen Eisdecke zusam-
men, über die dann sogar Kraftfahrzeuge fahren können. Das
Eis war jetzt in Bewegung, und Tschuikow fürchtete, Paulus
könnte zu einer weiteren Offensive antreten, solange die
Nachschubtransporte der 62. Armee auf diese Weise behindert
seien. Deshalb hatte er sein Möglichstes getan, um die letzten
Tage, in denen die Wolga schiffbar war, auszunützen und
bescheidene Vorräte anzulegen. Für diese Transporte hatte
Tschuikow strikte Prioritäten festgelegt: zuerst Soldaten und
Munition, dann Verpflegung und zuletzt Winterbekleidung.
Irgendwie gelang es Tschuikow jedoch nicht, dem
Nachschubdienst klarzumachen, daß ein frierender, hungriger
Soldat mit Munition besser war als ein warm gekle ideter,
gutgenährter Soldat ohne Munition. Der stellvertretende
Nachschubführer der Roten Armee, General Winogradow, der
die Versorgung vom Ostufer aus leitete, setzte eigene
Prioritäten und überschwemmte die 62. Armee mit
Wintermützen und Filzstiefeln, bis ihre Lager von Bekleidung
und Verpflegung überquollen. Tschuikow mußte sich
schließlich hilfesuchend an Chruschtschow wenden, damit
Winogradow abgelöst wurde, und die 62. Armee machte sich
daran, möglichst viel Munition zu erbetteln, zu entleihen oder
zu stehlen. Ehemalige Seeleute und Fischer aus ihren Reihen
bauten Boote und Flöße, mit denen die herkömmlichen Trans-
portmittel ergänzt wurden, solange die Wolga schiffbar blieb.
Auch Verpflegung wurde nach Stalingrad gebracht, und
Tschuikow sammelte einen Notvorrat von zwölf Tonnen

136
Schokolade an, von dem seine Armee notfalls ein bis zwei
Wochen leben konnte.
Spähtrupps bestätigten, daß Paulus seine Verbände erneut
umgruppierte, um Stalingrad mit einer letzten Kraftanstrengung
doch noch zu nehmen. Dazu brachte er die letzte bisher noch
nicht eingesetzte Division der 6. Armee - die 44.
Infanteriedivision - in die Stadt. Die deutsche Offensive stand
allem Anschein nach unmittelbar bevor, und Tschuikows
Befürchtung, daß Paulus losschlagen würde, sobald die
Schiffahrt auf der Wolga eingestellt werden mußte, erwies sich
als völlig gerechtfertigt.
Am 11. November 1942 um 6.30 Uhr trat die 6. Armee zu
ihrem letzten Sturm auf Stalingrad an. Paulus setzte dafür
sieben Divisionen (14. und 24. Panzerdivision, 100.
Jägerdivision und 44., 79., 305. und 389. Infanteriedivision)
sowie Teile der 161. und 294. Infanteriedivision ein, die mit
Flugzeugen aus Rossosch und Millerowo herantransportiert
worden waren. Sie griffen auf einer fünf Kilometer breiten
Front zwischen Wolchowstrojewskaja -Straße und Bannij-
Schlucht an und bewiesen erstaunlichen Elan, wenn man
berücksichtigte, daß sie alle in den Kämpfen der vergangenen
Wochen hohe Verluste erlitten hatten. Tschuikows 62. Armee
verteidigte sich offensiv, und die abgeschnittene Nordgruppe
unter Befehl von Oberst Gorochow versuchte, den deutschen
Angriffsdruck durch einen Gegenstoß von der Eisenbahnbrücke
über die Metschetka-Mündung in Richtung Traktorenfabrik zu
vermindern.
Nach fünfstündigen erbitterten Nahkämpfen, die in
Stalingrad die Regel geworden waren, setzte Paulus seine
taktische Reserve ein, überrannte den rechten Flügel von
Gorischnijs 95. Division und erreichte auf dem Gelände der
Geschützfabrik „Roter Oktober“ auf einem gut einen halben
Kilometer breiten Streifen die Wolga. Ljudnikows 138.
137
Schützendivision war jetzt von der 62. Armee abgeschnitten,
die dadurch in drei Teile aufgespalten war: Gorochows
Nordgruppe in Spartakowka, Ljudnikows Division an der
Wolga nördlich der Geschützfabrik und die Masse der Armee
südlich der Einbruchstelle bis zum Mamajew Kurgan.
Aber diesmal fehlte die Spannung, die sonst an kritischen
Tagen die 62. Armee beherrscht hatte, denn die Verteidiger
wußten, daß dies Paulus' letzte Kraftanstrengung war, und
obwohl es zu schweren Kämpfen kam, war die Unterstützung
der Angreifer durch ihre Luftwaffe nicht mehr so wirkungsvoll
wie im Oktober, weil Richthofens Piloten statt 3000 Einsätzen
pro Tag nur noch etwa ein Drittel dieser Zahl flogen.
In den Kämpfen am 11. und 12. November waren die
sowjetischen Verluste sehr hoch (das 118. Garde-
Schützenregiment war bei Angriffsbeginn 250 Mann stark und
verlor in den ersten fünfeinhalb Stunden 244 Mann), aber
diesmal wußten alle, daß die Wende unmittelbar bevorstand.
Tatsächlich lief der deutsche Angriff sich am Abend des 12.
November fest, obwohl nach wie vor erbittert gekämpft wurde
und die Lage von Ljudnikows Division äußerst kritisch blieb.
Tschuikow verlegte sich darauf, ihm über Funk mitzuteilen, daß
Verstärkungen in Marsch gesetzt seien. Das war ein reiner
Bluff, der für die deutschen Horchstellen bestimmt war, denn
Tschuikow konnte im Augenblick keinen Mann entbehren, und
Ljudnikows Division würde sich selbst retten müssen, indem sie
von Gebäude zu Gebäude zurückging, bis die eigenen Linien
wieder erreicht waren. Nun setzten überall in Stalingrad
Gegenangriffe der 62. Schützenarmee ein: Block für Block,
Haus für Haus, Zimmer für Zimmer. Dabei wendete sich das
Blatt fast unmerklich.
Am Abend des 18. November waren Tschuikow und seine
Stabsoffiziere zu einer ziemlich trübseligen Besprechung in
ihrem Unterstand versammelt. Sie machten sich Sorgen wegen
138
der schwindenden Mannschaftsstärken, weil Jeremenko sein
Versprechen, der 62. Armee frisch eingezogene Truppen zur
Verfügung zu stellen, nicht gehalten hatte.
Das Telefon klingelte. Das Fronthauptquartier rief an: „In
Kürze wird ein Befehl durchgegeben. Halten Sie sich zum
Mitschreiben bereit.“
Sie sahen sich fragend an. Um welchen Befehl konnte es sich
handeln? Plötzlich schlug Gurow, das politische „Mitglied des
Militärrats“, sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Ich
hab's! Das ist der Befehl für die große Gegenoffensive!“
Er hatte recht. Die Südwest- und die Don-Front würden am
kommenden Morgen aus dem Raum Kletskaja angreifen und zu
der großen Donbrücke bei Kalatsch vorstoßen. Die Stalingrad-
Front sollte am 20. November aus dem Raum Raigorod zum
Angriff in Richtung Kalatsch antreten, und die 62. Armee
erhielt den Auftrag, die deutschen Kräfte in Stalingrad durch
Gegenangriffe zu binden, damit sie nicht in gefährdete
Frontabschnitte verlegt werden konnten.
Schukow hatte seine Falle geschickt aufgebaut. Jetzt war er
dabei, sie zuschnappen zu lassen.

139
Schukows Falle schnappt zu

Für die Deutschen der 6. Armee und der 4. Panzerarmee begann


der 19. November 1942 wie viele andere Tage in letzter Zeit.
Vor ihnen lag die mit großen Eisschollen bedeckte Wolga, und
hinter ihnen ragten die stehengebliebenen Kamine der
Stalingrader Vorstädte wie ankla gend erhobene Finger zum
Himmel auf.
Als es hell wurde, kam es zu den gewohnten Schußwechseln.
Der Morgen war neblig, so daß weder die eigene noch die
sowjetische Luftwaffe in die Kämpfe eingriffen. Am Tag zuvor
hatten sie erneut angegriffen, aber der Schwung der Vorwoche
war dahin. Es sah so aus, als würden sie den ganzen Winter
damit verbringen, sich Zentimeter für Zentimeter gegen die
zähen Iwans in Tschuikows Sturmgruppen voranzukämpfen -
ein stumpfsinniges Geschäft im Vergleich zu dem Bewe-
gungskrieg im vergangenen Sommer.
Sie konnten nicht ahnen, daß der Bewegungskrieg 110
Kilometer nordwestlich von ihnen erneut begonnen hatte. Ab
7.30 Uhr beschossen Woronows Geschütze und Granatwerfer -
insgesamt 3500 Rohre - 80 Minuten lang die Stellungen der
rumänischen 3. Armee. Dann wurde das Feuer nach hinten
verlegt, und aus dem Nebel stürmte sowjetische Infanterie in
mehreren Angriffswellen gegen die verwirrten Rumänen an und
wurde dabei von über 200 T 34 der 5. Panzerarmee begleitet,
die den linken Flügel der Rumänen durchstießen, während das
4. Panzerkorps von Tschistjakows 21. Schützenarmee den
rechten Flügel angriff. Anfangs schienen die Rumänen ihre
Stellungen halten zu können, aber die T 34 brachen bald durch.
140
Gemischte Panzer- und Kavallerieverbände stießen ins
rückwärtige Gebiet der 3. Armee vor, zerschossen
Stabsquartiere, zersprengten Reserveeinheiten, bevor sie nach
vorn gebracht werden konnten, und verhinderten einen
geordneten Rückzug der in vorderster Front kämpfenden
Truppen.
Der rumänische Widerstand brach zusammen. Die
Divisionen lösten sich auf und fluteten in panischer Flucht nach
hinten. Die sowjetische Infanterie marschierte unbeirrbar weiter
und brachte mitleiderregende Gruppen rumänischer Gefangener
ein, während die Panzerkräfte sich sammelten, um ihre nächsten
Aufträge auszuführen. Das 1. Panzerkorps sollte nach Südosten
zum Don vorstoßen, Angriffsziel für das 26. Panzerkorps war
Kalatsch mit der großen Donbrücke, und das 4. Panzerkorps
würde in Richtung Golubinski angreifen. Ihre Stoßrichtung
führte in den Rücken der 6. Armee, und zwischen ihnen und
ihren Angriffszielen stand lediglich das unzulänglich
ausgerüstete XLVIII. Panzerkorps mit seinen von Mäusen
angeknabberten Panzern. Es wurde anfangs nach Nordosten in
Marsch gesetzt, um das russische 4. Panzerkorps aufzuhalten,
erhielt dann aber den Befehl, umzukehren und nach Nordwesten
zu marschieren, denn von dort griff eine viel größere und
gefährlichere Streitmacht an: das 1. und 26. Panzerkorps der 5.
Panzerarmee.
Das XLVIII. Panzerkorps tat sein Bestes, aber die Mäuse
hatten zu gründliche Arbeit geleistet, und die deutschen
Panzerbesatzungen hatten mit einer weiteren Schwierigkeit zu
kämpfen: Sie hatten keine Schneestollen an ihren Panzerketten,
so daß die bewegungsfähigen Fahrzeuge fast unlenkbar über die
verschneite Steppe rutschten. Trotzdem gelang es ihnen, sich
Romanenkos Panzern in den Weg zu stellen und einige von
ihnen abzuschießen, aber die 5. Panzerarmee war ihnen zehn-
fach überlegen und hatte es eilig. Sie wich nach rechts und links
141
um das Hindernis aus, nahm den Verlust von zehn Prozent ihrer
Panzer als unvermeidbar hin und rasselte nach Südosten davon,
ohne sich aufhalten zu lassen. Am 20. November bei
Tagesanbruch erreichte das 26. Panzerkorps das Dorf
Perelasowski und zerstörte das Hauptquartier des rumänischen
V. Armeekorps. Die 5. Panzerarmee hatte vier Tage Zeit für den
Vorstoß nach Kalatsch - und hatte bereits über ein Drittel der
Strecke dorthin zurückgelegt.
Bei Tagesanbruch am 20. November sollte auch Jeremenkos
Vorstoß beginnen: aus Süden in Richtung Kalatsch mit der 51.
Armee und aus Südosten in den Rücken der in Stalingrad
stehenden deutschen 6. Armee mit der 57. Armee. Auch hier
würden die sowjetischen Angriffsspitzen in die von Rumänen
gehaltenen Frontabschnitte hineinstoßen. Jeremenko befehligte
die kleinere Streitmacht - zwei Armeen im Gegensatz zu den im
Norden eingesetzten fünf Armeen - und hatte nicht den
Oberbefehl über die nördliche Heeresgruppe erhalten, von dem
er in Moskau geträumt hatte, aber er befehligte immerhin eine
Großoffensive, und wie er später schrieb, „gab es nichts
Angenehmeres für alle, die die Bitterkeit des Rückzuges und die
blutigen Mühen einer viele Monate dauernden Verteidigung
kennengelernt hatten“. Jeremenkos Offensive wurde ebenfalls
von zwei Angriffsspitzen vorgetragen. Auf dem rechten Flügel
sollten Teile der 64. und 57. Schützenarmee mit sechs
Divisionen in die Flanke der 6. Armee hineinstoßen; sobald
ihnen der Einbruch gelungen war, würde das 13. Schnelle
Korps zu dem Fluß Tscherwlenaja vorstoßen, um die in
Stalingrad eingesetzten deutschen Truppen abzuschneiden. Auf
dem linken Flügel sollte die 51. Schützenarmee eine Lücke
freikämpfen, durch die das 4. Schnelle Korps und das 4.
Kavalleriekorps nach Sowetski und Kalatsch vorstoßen
konnten, um den Einschlie ßungsring um die Masse der
Heeresgruppe B zu schlie ßen. Jeremenko gegenüber lag das Vl.
142
Armeekorps der rumänischen 4. Armee: vier Infanterie - und
Kavallerie divisionen, die durch die deutsche 24.
Infanteriedivision (mot.) verstärkt wurden.
Auch hier herrschte dichter Nebel, und der für acht Uhr
vorgesehene Angriff mußte zunächst auf neun Uhr und später
auf zehn Uhr verschoben werden. Dann löste sich der Nebel
auf, und um zehn Uhr gaben Katjuscha-Salven das Signa l zur
Artillerievorbereitung der Offensive. Bis 15 Uhr waren die
rumänisch-deutschen Stellungen auf ganzer Linie
durchbrochen, und die Schnellen Truppen verschwanden mit
Höchstgeschwindigkeit am Horizont.
Der Schlüssel zum Erfolg der Operation lag natürlich in dem
Vorstoß der sowjetischen Panzer- und Kavalleriekorps nach
Kalatsch. Aber mit diesen Kräften ließ sich der
Einschließungsring nur provisorisch schließen; wirklich
einkesseln konnten den Gegner nur starke Infanterieverbände.
Aus diesem Grund sah der sowjetische Angriffsplan im
Nordsektor, wo Schukow persönlich den Oberbefehl
übernommen hatte, eine Anzahl von Sekundärangriffen vor, mit
denen die Verteidiger weiter aufgesplittert werden sollten,
während andere dazu dienten, eine „äußere
Einschließungsfront“ zu schaffen, die deutsche Entsatzversuche
abwehren konnte. Während Romanenkos Panzerkorps nach
Südosten in Richtung Kalatsch vorstießen, marschierte seine
Infanterie nach Südwesten und Süden, um das Ostufer des
Flusses Tschir zu erreichen. Gleichzeitig nagelten die 65. und
24. Armee von Rokossowskis Don-Front die deutschen
Divisionen im kleinen Donbogen fest, während die
verbleibende 66. Armee die Nordflanke der 6. Armee auf der
Landbrücke zwischen Don und Wolga angriff.
Die deutsche Heeresgruppe B hatte geahnt, daß sich entlang
ihrer Nordflanke etwas zusammenbraute, aber Jeremenkos
Angriff südlich von Stalingrad war eine völlige Überraschung.
143
Der einzige größere deutsche Verband im Südraum war die 29.
Infanteriedivision (mot.) unter Befehl von Generalmajor Leyser.
Sie litt anfangs wie das XLVIII. Panzerkorps im Norden unter
widersprüchlichen Befehlen und wurde von zurückge henden
Rumänen behindert, aber in ihre Panzer waren zumindest keine
Mäuse gekommen. Am Morgen des 20. November entsandte
Generaloberst Hoth, der Oberbefehlshaber der 4. Panzerarmee,
die Division nach Norden, um sie den Einbruch von Teilen der
sowjetischen 57. und 64. Armee abriegeln zu lassen.
Tatsächlich gelang es ihr, das sowjetische 13. Schnelle Korps
aufzuhalten und zurückzuschlagen, so daß der feindliche
Vormarsch vorläufig zum Stehen kam.
Während dieser Kämpfe erhielt Hoth die Nachricht, die
rumänische Front sei weiter südlich von der sowjetischen 51.
Armee durchbrochen worden, und traf Vorbereitungen, die
Division dorthin zu entsenden, um sie auch diesen Einbruch
abriegeln zu lassen. Inzwischen hatte der kommandierende
General des sowjetischen 4. Schnellen Korps von dem
schweren Rückschlag erfahren, den die eigenen Kräfte weiter
nördlich erlitten hatten, und machte im Raum Seti halt, weil er
glaubte, dort zur Verteidigung übergehen zu müssen. Da sein
Korps den südlichen der nach Kalatsch zielenden Umfas-
sungsarme bildete, bestand die Gefahr, daß die ganze Offensive
liegenblieb. Tatsächlich wurde die 24. Infanteriedivision (mot.)
jedoch in den Raum Stalingrad zurückbeordert, um die dortige
Südflanke verteidigen zu helfen, weil die russische Offensive
trotz des zeitweiligen Rückschlags, den das 13. Schnelle Korps
erlitten hatte, wieder in Gang gekommen war.
Jeremenko stand jetzt nur noch vor dem Problem, das 4.
Schnelle Korps wieder voranzubringen. Er löste es, indem er
einen Stabsoffizier mit dem Flugzeug zu General Wolski, dem
Korpskommandeur, schickte und ihm die „kategorische
Forderung“ überbringen ließ, seinen Auftrag auszuführen.
144
Wolski gehorchte und machte keine Schwierigkeiten mehr: Er
setzte seinen Vormarsch am 22. November fort und erreichte
Kalatsch 24 Stunden später. Sein Korps hielt sich so gut, daß es
zum „Garde“-Panzerkorps aufstieg.
Die langsame Reaktion der Deutschen auf diese
Umwälzungen an den Flanken der 6. Armee verlangt eine
Erklärung, denn das deutsche Heer war zu Recht auf seine
hervorragende Stabsarbeit und seine rasche Reaktionsfähigkeit
in Krisensituationen stolz. Den ganzen Herbst über hatte die 6.
Armee leichtsinnigerweise einen immer größeren Teil ihrer
Kräfte in Stalingrad konzentriert und die sowjetische Fähigkeit,
diese Tatsache auszunützen, unterschätzt. Da das Dritte Reich
in diesem Monat bereits auf anderen Kriegsschauplätzen Krisen
erlebt hatte, hätten seine Führer eigentlich auf ihren Posten sein
und Tag und Nacht arbeiten müssen, um Lösungen für alle
diese plötzlich aufgetauchten Probleme zu finden.
Aber dort waren sie keineswegs! Hitler war nach der
Münchner Jahresfeier auf den Obersalzberg bei Berchtesgaden
gefahren. Das Wehrmachtsführungsamt war dort in
provisorischen Unterkünften am Ortsrand untergebracht, und
die Operationsabteilung des OKW stand mit ihrem Sonderzug
auf dem nahe gelegenen Salzburger Hauptbahnhof, während das
Oberkommando des Heeres (OKH) sich weit über 1000
Kilometer entfernt in den ostpreußischen Wäldern bei
Angerburg befand. Auch das Oberkommando der Luftwaffe
(OKL) befand sich dort, obwohl wie üblich niemand genau
wußte, wo der Oberbefehlshaber der Luftwaffe,
Reichsmarschall Hermann Göring, steckte (wie sich dann
herausstellte, war er gerade in Paris). Noch schwieriger wurde
alles durch die Tatsache, daß auch das Hauptquartier der 6.
Armee sich auf dem Umzug befand. Bis zur Eröffnung der
sowjetischen Gegenoffensive war es in Golubinski, westlich des
Dons, untergebracht gewesen, aber es sollte in feste Gebäude in
145
Nischne-Tschirskaja umziehen - etwa 65 Kilometer
flußabwärts, wo der Tschir in den Don mündet.
Die neuen Gebäude sollten das Hauptquartier der 6. Armee
im kommenden Winter aufnehmen und verfügten über
ausgezeichnete Fernmeldeverbindungen zur Heeresgruppe B
sowie zu OKH und OKW. Als das Hauptquartier in Golubinski
durch das Vordringen von Romanenkos Panzern und noch mehr
durch den Vormarsch des vor Tschistjakows 21. Armee
operierenden 4. Panzerkorps gefährdet war, wurde es deshalb
am 21. November hastig geräumt.
Die wilde Flucht durch die Nacht endete am Morgen des 22.
November mit der Ankunft in Nischne-Tschir skaja. Paulus
behauptete, er sei nach Nischne-Tschirskaja ausgewichen, um
die dortigen ausgezeichneten Fernmeldeverbindungen zu nützen
und sich ein Bild von der Lage zu verschaffen, bevor er sein
Hauptquartier in den entstehenden Kessel zurückverlegte, aber
Hitler vermutete, er wolle seine Armee im Stich lassen, und
wies ihn an, sein Hauptquartier sofort auf den Flugplatz von
Gumrak am Nordwestrand von Stalingrad zu verlegen.
Unabhängig von dem Wahrheitsgehalt solcher Vermutungen
wurde die 6. Armee in den entscheidenden Tagen vom 21. bis
23. November unzulänglich geführt, während die russischen
Kräfte schnell und unaufhaltsam vorstießen, um die 200
Kilometer breite Lücke zwischen den Fronten Romanenkos und
Jeremenkos zu schließen. Zu einem Zeitpunkt, an dem
Geschwindigkeit und Koordination lebenswichtig waren, wenn
aus der drohenden Katastrophe noch etwas gerettet werden
sollte, fuhren Paulus und sein Stab auf vereisten Straßen durch
die Donsteppe. Es berührt eigenartig, daß Paulus seinen ganzen
Stab nach Nischne-Tschirskaja mitgenommen hatte, obwohl er
dort nur ein paar Telefongespräche führen wollte, aber jeder
Kommandeur hat eben seine eigenen Methoden.

146
Allerdings war Paulus nicht völlig untätig gewesen. In
Stalingrad hatte er auf Befehl der Heeresgruppe B alle Angriffe
eingestellt und Teile der 14., 16. und 24. Panzerdivision aus der
Stadt herausgezogen, um sie am Don gegen die
Umfassungsarme der sowjetischen Südwest- und Don-Front
einzusetzen. Am Nachmittag des 22. November flogen Paulus
und der Chef seines Stabes, Generalmajor Arthur Schmidt, nach
Gumrak ins neue Hauptquartier der 6. Armee.
Die Ereignisse überschlugen sich jetzt fast. Die rumänische
Front war überall durchbrochen, und die sowjetischen
Angriffsspitzen stießen durch schneebedeckte Weiten rasch
zum Don vor. Um den Einschließungsring wirklich zu
schließen, mußte eine der beiden Spitzen den Fluß überqueren,
denn das Eis auf dem Don war noch nicht dick genug, um
Panzer und schwere Geschütze zu tragen. Es gab nur eine große
Donbrücke - die bei Kalatsch -, aber die Frage war, ob sie
genommen werden konnte, bevor die Deutschen sie sprengten.
Ein herkömmlicher Angriff wäre sinnlos gewesen, denn die
Sprengladungen waren bereits angebracht. Aussicht auf Erfolg
hatte lediglich ein Handstreich, durch den die Brückenwache
überrumpelt wurde.
Generalleutnant Rodins 26. Panzerkorps besetzte in der
Nacht zum 22. November das Dorf Ostrow. Von dort aus war
Kalatsch mit Panzern in etwa drei Stunden zu erreichen, falls
die Kolonne durchfahren konnte, ohne Verdacht zu erwecken.
Rodin wollte wenigstens den Versuch wagen und stellte eine
Kampfgruppe aus fünf Panzern, zwei Kompanien Infanterie auf
Lkw's und einem Panzerspähwagen zusammen. Führer dieser
Kampfgruppe war der Kommandeur der 14. Panzergre-
nadierbrigade, Oberstleutnant G. N. Filippow. Um drei Uhr
stand die Kolonne auf der Straße Ostrow-Kalatsch
marschbereit, und Filippow kletterte ins erste Fahrzeug.
„Lichter an!“ befahl er. Sie wollten sich als Deutsche ausgeben.
147
Die Brückenwache würde wohl nicht damit rechnen, daß eine
sowjetische Kolonne offen und mit eingeschalteten
Scheinwerfern auf die Brücke zurollen könnte.
Die nächsten drei Stunden waren fast unerträglich spannend,
während Rodins Panzerkorps sich marschbereit machte und auf
eine Meldung von Filippow wartete. Kurz vor sechs Uhr
erreichte die Kampfgruppe die Brücke und teilte sich: Der
zurückbleibende Teil sollte das diesseitige Ufer besetzen,
sobald das Zeichen dazu gegeben wurde, während der andere
Teil über die Brücke rollte und in der Dunkelheit verschwand.
Wenige Minuten später stieg auf dem anderen Ufer eine
Leuchtkugel hoch. Filippow und seine Männer hatten es
geschafft: Die Brücke befand sich unbeschädigt in russischer
Hand.
Die Kampfgruppe gab sich jedoch nicht damit zufrie den,
sondern versuchte auch noch, Kalatsch zu nehmen - aber das
war ein zu ehrgeiziges Vorhaben für zwei Kompanien Infanterie
und fünf Panzer. Die aufgeschreckten Deutschen drängten die
Angreifer zurück, schlossen sie ein und bemühten sich, die
Donbrücke zurückzuerobern. Filippows kleine Kampfgruppe
stand stundenlang unter schwerem Druck, bis Rodins 26.
Panzerkorps eintraf, um sie zu entsetzen und die Stadt zu
nehmen.
Während die Panzerkorps als Angriffsspitzen vorstie ßen,
um den Einschließungsring zu schließen, drängte sowjetische
Infanterie die im Norden eingekesselten Rumänen immer
weiter zusammen. Das rumänische IV. und V. Korps - beide
bei dem Dorf Raspopinskaja eingeschlossen - stellten die
ersten größeren Kriegsgefangenenschübe, als der
kommandierende General, Brigadegeneral Stanescu am
Abend des 23. November einen Parlamentär mit weißer Fahne
zu den Russen schickte, um Übergabeverhandlungen
anzubieten. Nachdem zufriedenstellende Bedingungen
148
ausgehandelt waren, kapitulierten seine fünf Divisionen, und
27000 Offiziere und Mannschaften marschierten in die Gefan-
genschaft.
Am Nachmittag des 23. November ereignete sich auch etwas
viel Bedeutenderes als die Kapitulation der beiden bei
Raspopinskaja eingeschlossenen rumänischen Korps, so
bedeutsam dieser Erfolg den beteiligten sowjetischen Kräften
auch erscheinen mochte. Um 16 Uhr sichteten die
Angriffsspitzen von Wolskis 4. Schnellem Korps, die eben die
Kolchosengebäude von Sowetski besetzt hatten, von Norden
herankommende Panzer. Anfangs war nicht klar zu erkennen,
ob das deutsche oder russische Panzer waren, aber als sie näher
kamen, waren die vertrauten gedrungenen Silhouetten unver-
kennbar. Es handelte sich um T 34 von General Krawtschenkos
4. Panzerkorps und damit die Angriffsspitzen der über Kalatsch
hinaus vorstoßenden Südwestfront.
Damit war der Einschließungsring um die 6. Armee und die
4. Panzerarmee geschlossen und mußte nur noch verstärkt
werden. Auch dazu wurde der entscheidende Schritt noch an
diesem Tag getan, denn abends erreichten die Infanteriespitzen
der 21. Armee den Don bei Kalatsch, nachdem die Stadt schon
um 14 Uhr nach einem gemeinsamen Angriff zweier
Panzerbrigaden Romanenkos gefallen war. Wie groß der
erzielte Erfolg in Wirklichkeit war, blieb vorerst sogar der
Stawka verborgen: Das sowjetische Oberkommando glaubte,
der Kessel enthalte etwa 85000 Mann deutsche und rumänische
Truppen, während in Wirklichkeit 22 deutsche und zwei
rumänische Divisionen mit zahlreichen Sondereinheiten -
insgesamt etwa 330000 Mann - eingeschlossen waren.
Das war der eigentliche Maßstab für die Leistung der 62.
Schützenarmee: Indem sie Stalingrad gehalten hatte, hatte sie
immer mehr deutsche Truppen in dieses Gebiet gezogen und die
Voraussetzungen für eine Einschlie ßungsoperation historischen
149
Ausmaßes geschaffen. Sie hatte stärkstem Feinddruck
widerstanden, und nun waren die Rollen umgekehrt verteilt -
aus den Belagerern waren Belagerte geworden, und die
eingeschlossenen Deutschen, Rumänen und Kroaten würden
nun alles erleiden, was die 62. Armee länger als sie erlitten
hatte, und zusätzlich unter Kälte, Hunger und Hoffnungslosig-
keit leiden, denn im Gegensatz zur 62. Armee verteidigten sie
nicht ihre Heimat und kämpften nicht an den Ufern eines
Flusses, der für die Russen ebenso geschichtsträchtig wie der
Rhein für die Deutschen ist.
Sie waren Soldaten einer Erobererarmee, deren Lei-
stungsfähigkeit auf dem Bewußtsein eigener Überlegenheit
basierte, wie die Ideologie ihrer politischen Führung auf einer
angeblichen rassischen Überlegenheit beruhte. Disziplin und die
Angst, als Gefangene in die Hände der russischen
Untermenschen zu fallen, hielten die deutschen Soldaten auf
ihren Posten, aber es dauerte nicht mehr lange, bis ihnen die
Möglichkeit, in einem sowjetischen Gefangenenlager zu
sterben, unendlich wünschenswerter erschien als die
Gewißheit, sonst an Kälte, Hunger, Krankheit oder einer
russischen Kugel sterben zu müssen.

150
Die rote Armee hält stand
151
27000 rumänische Offiziere und Soldaten
marschieren in die Gefangenschaft
152
„Die 6. Armee wird auch noch Ostern
eisern ihre Stellung halten“

Die ersten deutschen Reaktionen auf die Einschließung waren


uneinheitlich. Manche Truppenführer glaubten, Stalingrad solle
am besten sofort geräumt werden, solange ein Durchbruch nach
Westen noch möglich sei. Anderen widerstrebte es, die
Stalingrader Stellungen aufzugeben - nicht nur wegen der hohen
Verluste, mit denen sie erkämpft worden waren, sondern auch,
weil die Keller und Ruinen zumindest Schutz vor dem
grimmigen russischen Winter boten. Jedenfalls waren sich trotz
dieser unterschiedlichen Auffassungen alle darüber einig, daß es
darauf ankam, der 6. Armee Rückendeckung zu verschaffen.
Das war die erste Voraussetzung für zukünftige Aktionen, denn
weder Durchbruch noch Aushalten war möglich, wenn die Rote
Armee die deutschen Stellungen von rückwärts aufrollte.
Generaloberst Freiherr von Weichs setzte deshalb nicht alles
auf eine Karte, sondern befahl der 6. Armee schon am 21.
November, als sich eine Einschließung abzeichnete, „unter allen
Umständen“ Stalingrad und die Wolgafront zu halten und ihren
Ausbruch nach Westen vorzubereiten. Aber bevor an einen
Ausbruch zu denken war, mußten zahlreiche Probleme gelöst
werden - vor allem das Problem der Treibstoffversorgung.
Wegen der allgemeinen Spritknappheit waren alle deutschen
Verbände unterversorgt, denn der Kraftstoff ging vor allem an
die im Bewegungskrieg eingesetzten Einheiten. Seit September
hatten die 6. Armee und die 4. Panzerarmee keine größeren
Strecken mehr zurückzulegen gehabt und deshalb geringere
Treibstoffzuteilungen erhalten.
153
Auch die Munitionsbestände waren knapp, und Paulus
schätzte, daß die Verpflegung seiner Armee nur für sechs Tage
sichergestellt war. Am Abend des 22. November stellte er
deshalb in einem Funkspruch an die Heeresgruppe B fest, er
habe die Absicht, Stalingrad zu halten, was jedoch nur möglich
sei, wenn es gelinge, seine Front nach Süden abzuriegeln, und
wenn die Armee reichlich aus der Luft versorgt werde.
Gleichzeitig bat er um Handlungsfreiheit, um nötigenfalls die
Nordfront und Stalingrad räumen und ausbrechen zu können.
Die Antwort kam nicht von Weichs, sondern von Hitler selbst,
der jeglichen Ausbruchsversuch untersagte und hinzufügte:
„Die Armee darf überzeugt sein, daß ich alles tun werde, um sie
entsprechend zu versorgen und rechtzeitig zu entsetzen.“
Am Morgen des 23. November unternahm Paulus einen
erneuten Vorstoß, den Weichs unterstützte, indem er das OKH
auf die Unmöglichkeit einer Luftversorgung des Kessels
hinwies. Noch bevor die Antwort einging, besprach Paulus sich
mit seinen kommandierenden Generalen und ließ um 23.45 Uhr
einen Funkspruch an Hitler absetzen, in dem er darauf hinwies,
wie sehr sich die Lage seitdem Vortag verschlechtert habe. Im
Süden und Südwesten zeichneten sich feindliche Einbrüche ab.
„Die Armee geht in kürzester Zeit der Vernichtung entgegen,
wenn nicht unter Zusammenfassung aller Kräfte der von Süden
und Westen angreifende Feind vernichtend geschlagen wird.
Hierzu ist die sofortige Herausnahme aller Divisionen aus
Stalingrad und starker Kräfte aus der Nordfront erforderlich.
Unabwendbare Folge muß dann der Durchbruch nach
Südwesten sein, da Nord- und Ostfront bei derzeitiger
Schwäche nicht mehr zu halten. Uns geht dann zwar zahlreiches
Material verloren. Es wird aber die Mehrzahl wertvoller
Kämpfer und wenigstens ein Teil des Materials erhalten ... Bitte
aufgrund der Lage nochmals um Handlungs freiheit!“

154
Hitlers Antwort traf am nächsten Morgen in Form eines
Führerbefehls ein, den Paulus direkt erhielt. Darin wurde nicht
nur jeglicher Ausbruchsversuch untersagt, sondern auch
befohlen, daß die noch westlich des Dons stehenden Teile der 6.
Armee sich nach Osten - in den Kessel hinein - zurückzuziehen
hätten. Der Befehl schloß mit der Aufforderung, die
gegenwärtige Wolgafront und die gegenwärtige Nordfront unter
allen Umständen zu halten, und sicherte der 6. Armee zu, ihre
Versorgung werde durch die Luft erfolgen.
Die Frage der Luftversorgung, die bei Hitlers Überle gungen
eine entscheidende Rolle spielte, ist es wert, hier näher
untersucht zu werden. Wie bereits erwähnt wurde, glaubten die
sowjetischen Kommandeure, etwa 85000 Deutsche und
Verbündete eingeschlossen zu haben, während es in
Wirklichkeit rund 330000 Mann waren. Diese Zahl wurde erst
nach der Kapitulation des Kessels bekannt, und als sich die
Frage der Versorgung aus der Luft stellte, waren die Deutschen
sich keineswegs sicher, wieviel Mann versorgt werden mußten.
Der Operations stab rechnete mit etwa 400000; der
Generalquartiermeister, General der Artillerie Eduard Wagner,
ging von einer Verpflegungsstärke von 300000 Mann aus.
Unter diesen Umständen fand die Diskussion über die Zahl
der einzusetzenden Flugzeuge in einer Atmosphäre großer
Unsicherheit statt, und die schließlich festgelegten Zahlen
waren nur als annähernd gültig zu betrachten. Auf der
Grundlage der von General Wagner genannten Zahlen wurde
festgestellt, daß die eingeschlossene 6. Armee einen
Mindestbedarf von 600 Tonnen Nachschub pro Tag hatte, was
etwa 300 Ju 52 der Luftwaffe entsprach. Im Grunde genommen
stand von Anfang an fest, daß so viele Maschinen nicht
aufzutreiben sein würden. Schon die 300 für die Luftversorgung
notwendigen Flugzeuge konnten nicht zusammengezogen
werden - ganz zu schweigen von Ersatzmaschinen für Ju 52, die
155
möglicherweise durch Störungen ausfielen, bei Start oder
Landung auf Behelfsflugplätzen beschädigt wurden oder von
sowjetischen Jägern und sowjetischer Flak abgeschossen
werden würden. Dadurch erhöhte sich die Zahl der benötigten
dreimotorigen Transportmaschinen auf mindestens 500.
Angesichts dieser Tatsachen knüpfte Generaloberst
Jeschonnek, der Chef des Generalstabs der Luftwaffe, so viele
Vorbehalte an die Möglichkeit der Luftversorgung des Kessels
Stalingrad, daß klar war, daß er ihre Durchführbarkeit
bezweifelte. Göring setzte sich jedoch über die berechtigten
Bedenken seiner Untergebenen hinweg und verpflichtete sich,
indem er das tatsächlic h Mögliche mit großer Geste mißachtete,
daß seine Luftwaffe die 6. Armee aus der Luft versorgen werde.
Genau das wollte Hitler hören: Er befahl, Stalingrad zu halten,
und hoffte, Göring werde es irgendwie gelingen, die Luftwaffe
zu Wunderleistungen anzuspornen. Gleichzeitig machte Hitler
sich Hoffnungen, die wiedererstarkten Russen durch überlegene
deutsche Führungsarbeit zurückschlagen zu können, und
entschied sich am 20. November für einen Mann, der die Lage
bereinigen sollte: Generalfeldmarschall Erich von Manstein, der
Eroberer der Krim, der sich im Frankreich- und Rußlandfeldzug
als hervorragend begabt erwiesen hatte und jetzt im
Nordabschnitt der langen deutschen Front eingesetzt war.
Manstein erhielt vom OKH den Auftrag, zwischen den
Heeresgruppen A und B im Donbogen die neue Heeresgruppe
Don aufzustellen, die aus der 6. Armee, der 4. Panzerarmee und
der rumänischen 3. Armee bestehen sollte, um die sowjetischen
Angriffe zum Stehen zu bringen „und die bisher von uns
gehaltenen Stellungen“ zurückzuerobern. Berücksichtigt man,
daß zwei dieser drei Armeen bereits fast eingekesselt waren,
während die dritte von sowjetischen Panzerkräften zerschlagen
wurde, war das ein Auftrag, an dem selbst ein hochbe gabter
Heerführer wie Manstein scheitern mußte.
156
Manstein und sein Stab mußten aus Witterungsgründen mit
dem Zug fahren, und da die russischen Bahnstrecken (als
beliebtes Ziel für Sabotageakte der immer zahlreicheren
russischen Partisanen) häufig unterbrochen waren, traf er erst
am 24. November im Hauptquartier der Heeresgruppe B in
Starobelsk ein, wo er Weichs und seinen Chef des Stabes,
General der Infanterie von Sodenstern, in apathischer
Verzagtheit antraf. Er konnte nicht einmal feststellen, ob die 6.
Armee seinen vor der Abreise erteilten Befehl, die Brücke bei
Kalatsch unter allen Umständen zu halten, übermittelt
bekommen hatte. Aber das spielte auch keine Rolle, denn die
Brücke war vor zwei Tagen in russische Hand gefallen, und als
Manstein Nowotscherkask erreichte, wo er sein Hauptquartier
einrichten sollte, verfügte er über praktisch keine Truppen
mehr.
Fünf der sieben Divisionen der rumänischen 3. Armee hatten
bei Raspopinskaja kapituliert, und obwohl die in Stalingrad
eingeschlossenen Armeen noch existierten, war ihre
Bewegungsfreihe it durch den vor zwei Tagen ergangenen
Führerbefehl so eingeengt, daß Manstein nicht viel mit ihnen
anfangen konnte.
Noch schlimmer war, daß Schukow nicht untätig gewesen
war, während Mansteins Zug durch Rußland gerollt war. Er
hatte Infanterie über den Don geworfen, um zwei nach Osten
und Westen gerichtete Fronten besetzen zu lassen, die einen
Ausbruchsversuch der 6. Armee oder einen Entsatzversuch von
außen aufhalten konnten. Sie wurden durch Massen von
Artillerie, Raketenwerfer und über 1000 Pak wirkungsvoll
unterstützt.
Hier konnte keine brillante Improvisation helfen. Manstein
brauchte Truppen, um seinen Auftrag ausführen zu können.
Erschwerend wirkte sich aus, daß er annahm, die Russen hätten
die Absicht, zur Südküste nach Rostow vorzustoßen, wodurch
157
auch die Heeresgruppe A abgeschnitten gewesen wäre. In
Wirklichkeit erhielten Watutin und Jeremenko diesen Befehl
erst in einer späteren Phase des Unternehmens, und da der
Vorstoß nach Rostow als weniger wichtig als die Vernichtung
der 6. Armee galt, wurden weniger Kräfte dafür bereitgestellt,
so daß Jeremenko diesen Auftrag nicht ausführen konnte. So
stand Manstein erst später vor dem Problem eines sowjetischen
Vorstoßes nach Süden und konnte die ihm bis dahin gewährte
Atempause gut nutzen.
Während die Front der Heeresgruppe Don von einer bunten
Mischung aus Einheiten gehalten wurde, die aus
Nachschubeinheiten, Luftwaffen-Bodenpersonal und
zurückkehrenden Urlaubern aufgestellt wurden, bombardierte
Manstein das OKH mit Truppenanforderungen, die in den
ersten Dezembertagen zumindest teilweise erfüllt wurden. Er
erhielt die 11. Panzerdivision aus der OKH-Reserve, die 6.
Panzerdivision aus dem Westen, die 62., 294. und 336.
Infanteriedivision, zwei Luftwaffen-Felddivisionen und eine
Gebirgsdivision. Auch die Überreste des XLVIII. Panzerkorps
wurden in die Heeresgruppe Don eingegliedert, und als sich
zeigte, daß Schukow vorerst noch keinen Großangriff über den
Tschir hinweg vorhatte, sondern seine dort stehenden Kräfte nur
zur Verstärkung des Einschließungsrings einsetzte, während
seine sieben um Stalingrad zusammengezogenen Armeen sich
daranmachten, die 6. Armee zu vernichten, hatte Manstein eine
Atempause gewonnen.
Die deutschen Kräfte am Tschir, die jetzt zur Armeeabteilung
Hollidt (nach ihrem Oberbefehlshaber) zusammengefaßt waren,
konnten sogar ihren Brückenkopf bei Nischne-Tschirskaja
halten, der nur 40 Kilometer von der Westfront der 6. Armee
entfernt war. In der zweiten Dezemberwoche vereitelte die 11.
Panzerdivision alle sowjetischen Versuche, den Brückenkopf zu
beseitigen und über den Tschir zu gelangen. Brillant geführte
158
Gegenstöße beseitigten vorerst die Gefahr eines weiteren
sowjetischen Vordringens über den Tschir - allerdings verlor
die 11. Panzerdivision dabei etwa die Hälfte ihrer Panzer - und
verschaffte der Heeresgruppe Don die Möglichkeit, sich auf den
Entsatzversuch zu konzentrie ren, während Divisionen aus dem
Kaukasus, von nördlicheren Frontabschnitten, aus Polen und
aus dem Westen eintrafen.
Obwohl der deutsche Brückenkopf bei Nischne -Tschirskaja
der eingeschlossenen 6. Armee verhältnismäßig nahe war (etwa
40 Kilometer), hatte Manstein nicht die Absicht, den
Entsatzversuch dort anzusetzen, denn der Brückenkopf bot sich
geradezu dafür an, und den Russen würde es leichtfallen, dort
ihren Einschlie ßungsring zu verstärken. Außerdem hätte dabei
der Don unter feindlichem Feuer überschritten werden müssen,
so daß Manstein sich statt dessen für einen Angriff aus
Südwesten entschied, obwohl dort 120 Kilometer
zurückzulegen waren. In diesem Raum hatte Jeremenko
weniger Truppen stehen, deren Verstärkung länger dauern
würde, und statt des Dons mußten lediglich die kleineren Flüsse
Aksai und Myschkowa überschritten werden.
Der unter dem Decknamen „Wintergewitter“ vorbe reitete
Entsatzvorstoß sah vor, daß eine Armeegruppe unter Befehl von
Generaloberst Hoth und dem Stab der 4. Panzerarmee (der jetzt
arbeitslos war, weil die Masse dieser Armee bei Stalingrad
eingeschlossen war) geradewegs nach Stalingrad vorstoßen oder
- bei stärkerem russischen Widerstand - am Ostufer des Dons
nach Norden durchstoßen und den Brückenkopf bei Nischne-
Tschirskaja erreichen würde, wo sie sich mit dem XLVIII.
Panzerkorps vereinigen sollte, um Stalingrad auf dem kürzesten
Weg zu erreichen. Unabhängig von der je nach den Umständen
zu wählenden Variante sollte die 6. Armee auf das Stichwort
„Donnerschlag“ hin aus dem Stalingrader Kessel ausbrechen
und der Entsatzarmee Hoth entgegenkommen.
159
Das Unternehmen „Donnerschlag“ warf zusätzliche
Schwierigkeiten auf, da es äußerst unwahrscheinlich war, daß
die 6. Armee ihre gegenwärtigen Stellungen halten (wozu sie
durch einen Führerbefehl verpflichtet war) und der
Entsatzarmee entgegenkommen können würde. In seinem
Operationsbefehl ging Manstein über diese Tatsache hinweg,
um Hitler nicht ausdrücklich auf sie aufmerksam zu machen. In
Wirklichkeit hatte er vor, den Führer vor vollendete Tatsachen
zu stellen, indem er die 6. Armee entsetzte und unmittelbar
darauf aus ihrer exponierten Position zurückzog.
Es dauerte einige Zeit, bis die für „Wintergewitter“
vorgesehenen Einheiten zusammengezogen waren. Das LVII.
Panzerkorps kam von der Heeresgruppe A, die es nur sehr
ungern abgab, und mußte sich auf schlammigen Straßen zur
Verladung in Maikop durchkämpfen, weil im Süden noch kein
Frostwetter herrschte. Und in Maikop standen nicht genügend
Plattformwagen für seine Panzer bereit, die zum Teil - wie auch
die gesamte schwere Artillerie - zurückgelassen werden
mußten. Das OKW leistete hinhaltenden Widerstand, bevor es
die in Reserve gehaltene 17. Panzerdivision freigab, die dann
mit zehn Tagen Verspätung eintraf. Trotzdem standen
schließlich 13 Divisionen, darunter die 6., 17. und 22.
Panzerdivision, bereit, und Manstein, der den Entsatzvorstoß
nicht länger hinausschieben konnte, gab am 12. Dezember den
Angriffsbefehl. Hinter der Entsatzarmee warteten Hunderte von
Lkw's, Zugmaschinen und Bus sen, die der 6. Armee 3000
Tonnen Nachschub bringen sollten, sobald Hoths Panzer den
Weg nach Stalingrad freigekämpft hatten.
Anfangs war der sowjetische Widerstand nur leicht. Die 51.
Schützendivision bestand aus acht Divisionen, die von dem 4.
Schnellen Korps unterstützt wurden, und war selbstverständlich
zu schwach, um die deutsche Befreiungsoffensive aufzuhalten,
obwohl sie Hoths Vor stoß zumindest zu behindern versuchte,
160
was ihr auch gelang. Diese Verzögerung war wichtig, denn der
eigentliche Versuch, die Entsatzarmee Hoth aufzuhalten, sollte
an der Myschkowa zwischen Werchne-Kumski und Kapinski
unternommen werden, und die dafür vorgesehenen russischen
Kräfte mußten erst in diesen Raum transportiert werden.
Das war darauf zurückzuführen, daß weiter im Norden die
zweite Phase der sowjetischen Offensive (Unternehmen
„Saturn“) angelaufen war: Dort sollte eine Kampfgruppe, die
von Watutins Südwestfront und General Golikows Woronesch-
Front (die der bisherige Vertreter Jeremenkos in Stalingrad erst
vor kurzem übernommen hatte) gestellt wurde, in die
italienische 8. Armee am mittleren Don einbrechen, die am
Tschir stehenden deutschen Truppen vernichten und im Rücken
der Heeresgruppen A und Don nach Millerowo und Rostow
vorstoßen.
Was Manstein befürchtete, entsprach tatsächlich den
Absichten der Stawka - aber nicht in Form eines Vorstoßes von
Jeremenkos Stalingrad-Front zum Don (obwohl auch diese
Möglichkeit erwogen worden war). Die 2. Garde-
Schützenarmee war unter Befehl von General R. J. Malinowski
aufgestellt worden, um an dieser Offensive teilzunehmen; sie
hatte von Kalatsch aus nach Rostow und Taganrog vorstoßen
sollen, aber als sich abzeichnete, daß Hoths Befreiungsoffensive
ein ernsthaftes Unternehmen mit gewissen Erfolgsaussichten
war, wurde beschlossen, die 2. Garde-Schützenarmee an die
Myschkowa zu verlegen.
Die Armee war unverbraucht, statt aus vorhergegangenen
Schlachten angeschlagen zu sein, und bestand aus sechs vollen
Schützendivisionen, einem Panzerkorps und Spezialeinheiten.
Zu jedem der beiden Schützenkorps (mit je drei Divisionen)
gehörte ein Panzerregiment, und da es sich um eine Garde-
Schützenarmee handelte, war sie besser mit Artillerie, MGs und
Maschinenwaffen ausgestattet als andere russische Armeen.
161
Viele ihrer Mannschaften waren aus der Kriegsmarine
abkommandiert worden und bildeten das solide Rückgrat ihrer
Divisionen. Fraglich war nur, ob diese schlagkräftige Armee die
Myschkowa vor der Entsatzarmee Hoth erreichen konnte. Da
die 2. Garde-Schützenarmee nicht motorisiert war, würde die
Infanterie etwa 200 Kilometer weit marschieren müssen - und
das unter durch Nachtfröste und das tagsüber herrschende
Tauwetter erschwerten Bedingungen.
Die gemeinsame Offensive von Südwest- und Woronesch-
Front begann ohne die 2. Garde-Schützenarmee und wirkte sich
bald auf die weiter südlich geführte Schlacht aus. Die
italienische 8. Armee konnte nicht lange standhalten, und die
sowjetischen Verbände drängten die Armeeabteilung Hollidt
aus ihren Stellungen am östlichen Tschirufer - auch aus dem
Brückenkopf bei Nischne-Tschirskaja. Das bedeutete, daß eine
Unterstützung durch das XLVIII. Panzerkorps nicht mehr in
Frage kam und daß Hoth keine Möglichkeit mehr hatte, auf dem
Ostufer des Dons nach Norden vorzustoßen; jetzt ging es für die
Entsatzarmee um alles oder nichts. Ein gewisser Ausgleich
wurde dadurch erzielt, daß Manstein am 17. Dezember die 17.
Panzerdivision auf dem linken Flügel der Armeegruppe Hoth
einsetzte.
Dadurch verfügte Manstein über erheblich mehr Panzer, als
die ihm entgegengestellten sowjetischen Armeen, obwohl es
riskant war, den Entsatzversuch fortzuführen, weil die Front im
Nordwesten der Armeegruppe Hoth offenbar kurz vor dem
Zusammenbruch stand. Mit der Aufgabe des Entsatzvorstoßes
hätte man jedoch die gesamte 6. Armee aufgegeben, denn der
Zusammenbruch der deutschen Front am Tschir bedrohte die
Absprungflugplätze der Luftwaffe für die Versorgung des
Kessels Stalingrad. Die Versorgung aus der Luft erfolgte nicht
einmal entfernt mit den von Göring zugesagten Mengen, aber
ohne sie hätte die 6. Armee sich nur noch wenige Tage halten
162
können, so daß der Ausbruch so rasch wie möglich gelingen
musste.
Eigenartigerweise ließ Paulus jetzt keine große Begeisterung
mehr dafür erkennen: Er schien damit zufrieden zu sein,
geduldig zu warten, bis Hoth sich zu ihm durchgekämpft hatte.
Die Wahrscheinlichkeit für ein Gelingen des Entsatzvorstoßes
wurde jedoch stündlich geringer, denn Teile der 2. Garde-
Schützenarmee trafen bereits an der Myschkowa ein, die dort
stehenden sowjetischen Einheiten waren Malinowski unterstellt
worden, und das 7. Panzerkorps unter Führung des energischen
Panzergenerals P. A. Rotmistrow war ebenfalls eingetroffen.
Rechts neben der 2. Garde-Schützenarmee marschierte ein
schon angeschlagener, aber noch kampfkräftiger sowjetischer
Verband auf - die 5. Stoßarmee von General M. M. Popow.
Damit hatte Hoth das Wettrennen gegen die Rote Armee
verloren.
Die deutsche Befreiungsoffensive konnte nur noch Erfolg
haben, wenn die 6. Armee aus dem Kessel ausbrach und die an
der Myschkowa stehenden sowjetischen Sperrverbände von
hinten aufrollte. Manstein setzte sich mit Paulus in Verbindung,
der ausweichend antwortete, und wandte sich dann an Zeitzler
im OKH, um zu erreichen, daß der Generalstabschef sofort die
nötigen Schritte unternahm, um den Ausbruch der 6. Armee zur
4. Panzerarmee zu veranlassen - das heißt, er verlangte einen
Ausbruchsbefehl für Paulus oder zumindest die Rücknahme des
Führerbefehls, der die 6. Armee in Stalingrad festhielt. Als auch
dieser Versuch erfolglos blieb, entschloß Manstein sich nach
unzähligen vergeblichen Ferngesprächen und Funksprüchen am
Abend des 18. Dezember zu einer persönlichen Intervention. Er
schickte den Ic des Oberkommandos der Heeresgruppe, Major i.
G. Eismann, in den Kessel, um Paulus seine Auffassungen
vortragen zu lassen.

163
Eismann fuhr von Nowotscherkask zum Flugplatz
Morosowskaja, startete dort kurz vor Tagesanbruch und landete
um 7.50 Uhr auf dem Flugplatz von Gumrak, wo er sofort ins
nahe gelegene Armeehauptquartier gebracht wurde. Nachdem
er vorgetragen hatte, was aus Mansteins Sicht für einen
sofortigen Ausbruch sprach, beschrieb Paulus die
Schwierigkeiten dieses Unternehmens. Der Ia der Armee und
ihr Generalquartiermeister schlossen sich dieser Ansicht an,
unterstrichen aber persönlich, ein baldiger Ausbruch sei
möglich und unbedingt erforderlich.
Entscheidend für Einstellung und Haltung des
Armeeoberkommandos 6 wurde jedoch die Stellungnahme des
Stabschefs, Generalmajor Arthur Schmidt. Der überzeugte Nazi
Schmidt erwies sich als der starke Mann im Oberkommando,
der allmählich zum eigentlichen Führer der eingekesselten 6.
Armee wurde. „Der Ausbruch ist zur Zeit unmöglich und würde
eine katastrophale Lösung darstellen“, entschied er. „Die 6.
Armee wird auch noch Ostern eisern ihre Stellung halten ... Ihr
müßt sie nur besser versorgen!“ Eismann bemühte sich den
ganzen Tag lang, die beiden umzustimmen, aber seine
Vorstellungen blieben erfolglos, und Paulus zog sich schließlich
auf den Führerbefehl zurück, der ihm die Aufgabe von
Stalingrad verbot.
Als Eismann am Spätabend des 19. Dezember zurückkam,
spielte Manstein mit dem Gedanken, Paulus und Schmidt
abzuberufen, aber die Aussichten dafür, daß OKH und Hitler
diesem Vorhaben ohne lange Verhandlungen zustimmen
würden, erschienen ihm so gering, daß er dieses Vorhaben
aufgab. Am 20. Dezember versuchte er nochmals, Zeitzler dazu
zu bewegen, Druck auszuüben, was wieder nicht gelang.
Daraufhin erteilte die Heeresgruppe Don um 18 Uhr der 6.
Armee und der 4. Panzerarmee den Befehl für „das baldmög-
lichste Antreten der 6. Armee zum Durchbruch nach
164
Südwesten“. Erster Akt: „Durchbruch einer Panzerstoßgruppe
der 6. Armee ... bis zur Verbindung mit der 4. Panzerarmee, um
den Geleitzug mit den erwähnten Versorgungsgütern
durchzuschleusen.“ Zweiter Akt: „Unter diesen Umständen
zweiter Durchbruch, der sich unmittelbar an Wintergewitter`
anzuschließen hat. Auf ,Donnerschlag’ setzt die 6. Armee ihren
Durchbruch bis zur Vereinigung mit der 4. Panzerarmee unter
abschnittsweiser Räumung Stalingrads fort.“
Paulus' einzige Reaktion bestand darin, daß er endlose
Bedenken vorbrachte. Die Umgruppierung für den Ausbruch
sollte seiner Darstellung nach sechs Tage erfordern und große
Gefahren im Norden und Westen des Kessels mit sich bringen.
Weiterhin führte er den erheblich herabgesetzten Kräftezustand
der Truppe und die durch das Abschla chten der Pferde stark
herabgeminderte Beweglichkeit der Verbände an. Als Manstein
diese Bedenken nicht gelten ließ, brachte Paulus den schwer
widerlegbaren Einwand vor, der 6. Armee fehlten die
Betriebsstoffe für die zu überwindende Entfernung von über 30
Kilometer bis zur 4. Panzerarmee (unter Umständen sogar 50
Kilometer, falls das LVII. Panzerkorps den Myschkowa-
Abschnitt nicht mehr wesentlich überschreiten könne).
Da Paulus sich hinter technischen Schwierigkeiten
verschanzte und von Zeitzler keine Unterstützung zu erwarten
war, entschloß Manstein sich zu einem persönlichen Appell an
Hitler. Am Nachmittag des 21. Dezember rief er Hitler an, um
ihn zu veranlassen, dem Ausbruch der 6. Armee unter Aufgabe
von Stalingrad zuzustimmen. Aber Hitler gab ihm immer
wieder zur Antwort: „Was wollen Sie eigentlich? Paulus hat ja
nur für zwanzig oder höchstens dreißig Kilometer Sprit, er kann
ja - wie er selbst meldet - zur Zeit gar nicht durchbrechen!“
Damit war das Schicksal der 6. Armee besiegelt. Der
Armeeoberbefehlshaber argumentierte mit Treibstoffmangel
und dem Führerbefehl. Hitler weigerte sich, seinen Befehl zu
165
widerrufen, weil Paulus mit Treibstoffmangel argumentierte. So
führte der Blinde den Blinden ins Verderben.
An der Myschkowa war Hoth, der wie im Herbst 1941
altmodisch genug war, um der Überzeugung zu sein, die
Befehle des Oberkommandos einer Heeresgruppe seien dazu da,
um ausgeführt zu werden, seit einigen Tagen in erbitterte
Kämpfe mit Malinowskis 2. Garde-Schützenarmee verwickelt.
Seine Armeegruppe hatte den Fluß bei Nischne-Kumski
überschritten und mehrere sowjetische Einheiten in
Regimentsstärke eingeschlossen. Seine Männer kämpften mit
der für deutsche Soldaten charakteristischen Tüchtigkeit, aber
ohne große Hoffnung auf Erfolg. Ein abgefangener deutscher
Kurier erklärte dem Stabschef der 2. Garde-Schützenarmee,
General Birju sow: „Unsere Soldaten kommen sich wie zum
Tode verurteilt vor...“
Im Zuge ihrer Befreiungsoffensive kam die Armeegruppe
Hoth bis auf 35 Kilometer an die Stellungen der 6. Armee
heran, und die Soldaten der belagerten Armee konnten das
Mündungsfeuer der eigenen Artillerie sehen, das den
Nachthimmel im Süden erhellte, und die Abschüsse hören,
wenn der Wind richtig stand. So war es kein Wunder, daß sie in
diesen Tagen vor Weihnachten wieder zuversichtlicher waren.
Am 22. Dezember holte Hoth zu einem letzten Schlag aus und
ließ über 60 seiner Panzer ein Regiment der 24. Garde-
Schützendivision auf Malinowskis rechtem Flügel angreifen.
Das Regiment bestand hauptsächlich aus ehemaligen
Matrosen der Pazifikflotte, die ihre wattierten Jacken auszogen,
als wollten sie dadurch ihre Verachtung für den „milden“
Winter im europäischen Rußland demonstrieren, und bei weit
unter dem Gefrierpunkt liegenden Temperaturen in ihren
Matrosenwesten kämpften. Nach stundenlangem Kampf mußten
Hoths Panzer sich geschlagen geben und den Rückzug antreten.
Bei Einbruch der Dunkelheit faßte Malinowski in seinem
166
Gefechtsstand die Ereignisse dieses Tages zusammen: „Heute
haben wir den starken Feind zum Stehen gebracht. Jetzt werden
wir selbst zum Angriff übergehen!“
Am 24. Dezember trat die 2. Garde-Schützenarmee zum
Angriff an. Hoth führte eine Serie hartnäckiger
Rückzugsgefechte bis zu seinem Ausgangspunkt im Raum
Kotelnikowo, aber bis der Rückzug zum Stehen kam, war die
Armeegruppe weitere 100 Kilometer zurückgeworfen worden.
Die Soldaten an der Südfront der 6. Armee sahen das
Mündungsfeuer am Nachthimmel Nacht für Nacht weiter
zurückweichen, bis es endlich nicht mehr zu erkennen war.
Auch am Tschir, wo die deutschen Soldaten an der Westfront
des Stalingrader Kessels das Mündungsfeuer eigener Geschütze
in dem 40 Kilometer entfernten Brückenkopf bei Nischne-
Tschirskaja beobachtet hatten, wurde der Himmel dunkel - und
damit verdüsterten sich die Aussichten der 6. Armee.
Am Silvesterabend arbeitete Birjusow im Hauptquartier der
2. Garde-Schützenarmee, als ein Offizier ihm eine Einladung
Rotmistrows zu einer Neujahrsparty überbrachte. Der
Stabschef, ein nüchterner, ernsthafter Mann, hielt diese Feier
zunächst für eine unverzeihliche Frivolität. Aber dann überlegte
er sich die Sache doch anders und machte sich kurz vor
Mitternacht auf den Weg zu dem Gefechtsstand des
Panzergenerals in Kotelnikowo. Unterwegs kam er an einem
ausgebrannten deutschen Panzer vorbei und leuchtete ihn
neugierig mit seiner Taschenlampe ab. Der Panzer trug
Wüstentarnbemalung - weil er ursprünglich für Rommels
Afrikakorps bestimmt gewesen war. Birjusow zuckte mit den
Schultern - er hatte nicht allzu viel für die Anglo-Amerikaner
übrig - und ging weiter.
Er öffnete die Tür von Rotmistrows Befehlsstelle und blieb
verblüfft stehen. Alle hohen Offiziere bis hinauf zu Wasiljewski
vom Oberkommando standen um einen Weihnachtsbaum
167
herum, und auf einem Tisch la gen Berge von Obst, französische
Weine, holländischer Käse, Butter und Schinken aus Dänemark
und norwegische Konserven - alle mit dem Aufdruck „Nur für
Deutsche“.
„Nicht alle meiner Leute können Deutsch lesen“, sagte
Rotmistrow, „deshalb haben sie wegen ihres Mangels an
Bildung alles zusammengerafft. Aber wir müssen Hitler die
Kerzen zurückgeben, damit er sie als Totenlichter für die 6.
Armee anzünden kann.“
Wenige Tage zuvor hatte es auch bei der 6. Armee ein
Festmahl gegeben - das Weihnachtsessen: 200 Gramm Brot,
100 Gramm Fleischpaste, 25 Gramm Butter und 25 Gramm
Kaffee. Am zweiten Weihnachtsfeiertag hatte es als
Sonderzuteilung zwei Pferdefleischklößchen pro Mann
gegeben.

168
Das Ende der 6. Armee

In Stalingrad wurde die Kälte immer grimmiger. Die 62.


Schützenarmee war kein belagerter Vorposten mehr, sondern
bildete einen Teil des aus sieben Armeen bestehenden
stählernen Einschließungsringes. Zu ihren alten
Waffengefährten von der 64. Armee waren die 21., 24., 57., 65.
und 66. Armee gestoßen, die alle nur darauf warteten, den
Kessel gewaltsam liquidieren zu können. Tschuikow hatte
selbstverständlich weiterhin mit Proble men zu kämpfen, zu
denen der seit Wochen andauernde Eisgang auf der Wolga
gehörte, der Nachschubtransporte fast unmöglich machte. Die
62. Armee war zum Teil von „Nähmaschinen“ des Typs Pe 2
aus der Luft versorgt worden, aber diese Abwürfe waren immer
riskant: Einige hundert Meter zu weit bedeuteten, daß die
Ladung den Deutschen in die Hände fiel; einige hundert Meter
zu kurz bedeuteten, daß sie in der Wolga verschwand.
Am 16. Dezember 1942 wurde Tschuikow am Spät-
nachmittag durch ein lautes Bersten und Krachen aufgeschreckt.
Er stürzte aus seinem Unterstand ins Freie und sah riesige
Eismassen, die sich hinter der Saizewski-Insel hervor
flußabwärts schoben und alles demolierten, was ihnen im Weg
stand. Der Eiswall verringerte seine Geschwindigkeit jedoch
sichtlich und kam genau gegenüber Tschuikows Unterstand
zum Stehen. Nun war die Wolga endlich zugefroren, und bis
zum nächsten Morgen wurden Bohlenfahrbahnen übers Eis
gelegt, so daß die Nachschubtransporte jetzt verhältnismäßig
mühelos waren, daß die 62. Armee durch neue Einheiten ver-
stärkt werden konnte und daß die abgekämpftesten Divisionen
169
zu Ruhe und Auffrischung aus Stalingrad abgezogen werden
konnten.
Am 23. Dezember wurde die Verbindung zu Ljudnikows
abgeschnittener Division wiederhergestellt. Am nächsten Tag
wurden Sologubs, Smechotworows und Scholudows
Rumpfdivisionen und die Überreste zweier Schützenbrigaden
zur Auffrischung abgezogen und der Reserve überwiesen.
Gleichzeitig begann Gurjows Division damit, die in ihrer
Kampfkraft nachlassenden Deutschen aus dem Stahlwerk
„Roter Oktober“ zu vertreiben. Der Mamajew Kurgan sollte
gestürmt werden, aber die Deutschen hielten sich hartnäckig
und bewiesen in der Verteidigung, daß sie von der 62. Armee
gelernt hatten.
Trotz Hunger und hoffnungsloser Unterlegenheit kam es zu
keinem Zusammenbruch, solange die 6. Armee glauben konnte,
Manstein stoße zu ihr vor, um sie zu befreien. Selbst als diese
Hoffnung verflogen war, schwand die 6. Armee nur dahin,
anstatt zu zerbrechen. Im Dezember 1942 starben rund 80000
Mann, ein Viertel der Eingeschlossenen, an Verwundungen,
Hunger und Krankheiten, aber die Überlebenden kämpften
weiter, und der Oberbefehlshaber der sowjetischen Don-Front,
General Rokossowski, hielt es für erforderlich, den Kessel
durch eine systematische Operation zu liquidieren.
Der Angriffsschwerpunkt sollte im Westen liegen, wo
Batows 65. Armee und Tschistjakows 21. Armee versuchen
würden, den Stalingrader Kessel aufzuspalten. Schadows 66.
Armee und Galanins 24. Armee sollten zur gleichen Zeit von
Norden her angreifen, während Tolbuchins 57. Armee und
Schumilows 64. Armee im Süden zum Angriff antreten würden.
Die 62. Armee erhielt den Auftrag, den Deutschen so viel
zuzusetzen, daß sie keine Kräfte abziehen und den übrigen
Armeen entgegenstellen konnten; außerdem sollte Tschuikows
Armee verhin dern, daß die 6. Armee über die zugefrorene
170
Wolga nach Osten auswich. Als erster Angriffstag wurde der
10. Januar 1943 festgesetzt.
Der Stawka-Vertreter, Generaloberst Woronow, und
Rokossowski beschlossen jedoch, es zuerst mit einem Angebot
zu ehrenhafter Kapitulation zu versuchen, und entsandten am
8. Januar einen Parlamentär zur Nordfront der 6. Armee. Die
auf Papier mit dem Briefkopf des sowjetischen
Oberkommandos getippte Aufforderung zur Kapitulation war
eine interessante Mischung aus psychologischer Kriegsführung
des 20. Jahrhunderts und militärischen Höflichkeitsfloskeln des
18. Jahrhunderts. Der Text des Ultimatums lautete:
„AN DEN OBERKOMMANDIERENDEN DER BEI
STALINGRAD EINGESCHLOSSENEN DEUTSCHEN 6.
ARMEE, GENERALOBERST PAULUS, ODER SEINEN
VERTRETER IM AMT.
Die deutsche 6. Armee, Einheiten der 4. Panzerarmee und ihr
unterstellte Verstärkungseinheiten sind seit dem 23. November,
1942 vollständig eingeschlossen. Einheiten der Roten Armee
haben diese deutsche Kräftegruppe mit einem massiven
Einschließungsring umge ben. Alle Hoffnungen auf eine
Rettung Ihrer Truppen durch einen Angriff deutscher Kräfte aus
Süden und Südwesten haben sich als ungerechtfertigt erwiesen.
Die deutschen Truppen, die Ihnen zur Hilfe eilen wollten, sind
von der Roten Armee zerschlagen worden, und die Überreste
dieser Truppen ziehen sich nach Rostow zurück. Die deutschen
Transportstaffeln, die Ihnen Hungerrationen an Verpflegung,
Munition und Treib stoff bringen, haben wegen des
erfolgreichen schnellen Vormarsches der Roten Armee häufig
ihre Absprunghäfen wechseln und die Stellungen der
eingeschlossenen Truppen aus großen Entfernungen anfliegen
müssen. Außerdem erleiden die deutschen Transportstaffeln
schwerste Verluste an Maschinen und Besatzungen durch

171
Angriffe der russischen Luftwaffe. Ihre Unterstützung der
eingeschlossenen Truppen wird allmählich zu einer Fiktion.
Die Lage der eingeschlossenen Truppen ist ernst. Sie leiden
unter Hunger, Krankheiten und Kälte. Der strenge russische
Winter beginnt erst; strenger Frost, eisiger Wind und
Schneestürme stehen noch bevor, und Ihre Soldaten besitzen
keine Winteruniformen und leben unter schlimmen, ungesunden
Bedingungen.
Sie als Oberkommandierender und alle Offiziere der
eingeschlossenen Kräfte wissen recht gut, daß Sie keine reale
Möglichkeit haben, den Einschließungsring zu durchbrechen.
Ihre Lage ist hoffnungslos, und weiterer Widerstand wäre
völlig zwecklos.
Angesichts Ihrer aussichtslosen Lage und um sinnloses
Blutvergießen zu verhindern, schlagen wir Ihnen vor, folgende
Kapitulationsbedingungen anzunehmen:
1. Alle von Ihnen und Ihrem Stab geführten eingeschlossenen
deutschen Truppen stellen den Kampf ein.
2. Sie übergeben uns sämtliche Angehörige der Armee sowie
sämtliche Waffen und die gesamte Ausrüstung in
unbeschädigtem Zustand.
Wir garantieren allen Offizieren, Unteroffizieren und
Mannschaften, die den Kampf einstellen, Leben und Sicherheit
sowie nach dem Krieg Rückkehr nach Deutschland oder in
irgendein anderes Land ihrer Wahl.
Alle Angehörigen von Einheiten, die sich ergeben, behalten
ihre Uniform, Rangabzeichen und Orden, persönliches
Eigentum, Wertgegenstände und vom Stabsoffizier aufwärts
auch den Degen.
Alle Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften, die sich
ergeben, erhalten ab sofort normale Verpflegung. Alle
Verwundeten, Kranken und an Erfrierungen Leidenden erhalten
ärztliche Hilfe.
172
Wir erwarten Ihre Antwort am 9. Januar 1943 um 15 Uhr in
schriftlicher Form durch einen von Ihnen persönlich ernannten
Beauftragten, der mit einem leichten Fahrzeug mit weißer
Flagge auf der Straße von der Abzweigung Konny zum
Bahnhof Kotluban zu fahren hat.
Ihr Beauftragter wird von bevollmächtigten russischen
Offizieren am 9. Januar 1943 um 15 Uhr im Raum ,B’ 0,5 km
südöstlich der Abzweigung 564 erwartet.
Sollten Sie unsere Aufforderung zur Kapitulation ablehnen,
warnen wir Sie, daß Kräfte der Roten Armee und der Roten
Luftflotte dann gezwungen sein werden, die eingeschlossenen
deutschen Truppen gewaltsam zu liquidieren, und daß Sie die
Verantwortung für ihre Vernichtung tragen werden.“
Das Ultimatum war von Woronow, dem Vertreter des
sowjetischen Oberkommandos, und Rokossowski, dem
Oberbefehlshaber der Don-Front, unterzeichnet. Seine
beträchtliche psychologische Wirkung verdankte es seiner
Schilderung der noch zu erwartenden Schrecken dieses Winters,
seiner nüchternen, aber zutreffenden (und von Paulus
nachprüfbaren) Darstellung des Mißlingens des deutschen
Entsatzvorstoßes, dem Versprechen, alle Kriegsgefangenen
würden normal verpflegt und ärztlich versorgt, und seinem
altmodischen Flair, das an Grants Kapitulationsbedingungen für
Lee im Jahre 1865 bei Appomattox erinnerte und an
traditionelle Formen militärischer Höflichkeit anknüpfte, indem
zugesichert wurde, die Offiziere dürften außer Uniformen und
Rangabzeichen auch den Degen behalten. Um die Wirkung
dieser Aufforderung zur Kapitulation auf die Kampfmoral der
6. Armee zu verstärken, wurde das Ultimatum als Flugblatt über
allen Fronten abgeworfen.
So verlockend dieses Angebot auch sein mochte, so wenig
konnte es Paulus zur Kapitulation bewegen - falls er nicht nur
zu schwach war, um sich gegen den energischen Schmidt
173
durchzusetzen. Eine Kapitulation wurde abgelehnt, und
Woronow machte sich daran, die im letzten Absatz des
russischen Ultimatums ausgesprochene Drohung in die Tat
umzusetzen. Er wollte die Schlacht um Stalingrad rasch
beenden, denn die sieben dort stehenden sowjetischen Armeen
konnten anderswo besser eingesetzt werden, um die deutsche
Front im Süden zu zerschlagen. Das Unternehmen „Ring“, die
Aufspaltung und gewaltsame Liquidation des Stalingrader
Kessels, sollte nun anlaufen.
Das Unternehmen war sorgfältig geplant, denn die
sowjetische Führung hatte gesunden Respekt vor dem
deutschen Soldaten und richtete ihre Planung deshalb auf das
mit Sicherheit Erreichbare aus, das Hitlers Generale häufig - aus
Notwendigkeit oder Zweckmäßig keit - ignorierten. Hitler
verlangte ständig Wunder von seinen Truppen, die häufig
welche vollbrachten, aber die Stawka neigte dazu, nicht auf das
Übernatürliche zu vertrauen, wie es einem Werkzeug eines
ausdrücklich atheistischen Regimes auch besser anstand.
Für das Unternehmen „Ring“ standen dem sowjetischen
Oberkommando sieben Armeen zur Verfügung, während Paulus
über etwa zwei verfügte (6. Armee, Masse der 4. Panzerarmee,
zahlreiche Sondereinheiten, zwei rumänische
Infanteriedivisionen und ein Bataillon kroatischer Separatisten).
Aber die Stärke einer russischen Schützenarmee entsprach etwa
der eines deutschen Armeekorps, und zwei der sowjetischen
Armeen (die 62. und 64. Schützenarmee) erreichten bei weitem
nicht ihre Soll-Stärke. Tatsächlich waren die eingekesselten
deutschen Truppen geringfügig stärker und hatten etwas mehr
Panzer als die Einschließungskräfte, aber die Rote Armee besaß
eine artilleristische Überlegenheit von 3:2 und konnte dreimal
mehr Flugzeuge in den Kampf werfen.

174
Außerdem bestand ein gewaltiger Unterschied zwischen den
zweckmäßig uniformierten, gut verpflegten Truppen der Don-
Front, die einen bevorstehenden Sieg witterten, und den
frierenden, hungernden Soldaten der 6. Armee, wie die T 34
von Rokossowskis Panzerverbänden, die reichlich mit
Treibstoff und Munition versorgt wurden, nicht mit den
deutschen Pzkw III und IV zu vergleichen waren, die fast
unbeweglich und wehrlos waren, weil ihnen beides fehlte.
Trotzdem ging Woronow kein Risiko ein, und das Unternehmen
lief ab, als seien die Deutschen frisch und unverbraucht.
Die sowjetische Offensive begann am 10. Januar 1943 um
8.05 Uhr mit einer 45minütigen Artillerievorbereitung durch
Tausende von Geschützen und Granatwerfern; gleichzeitig
flogen Hunderte von Flugzeugen Luftangriffe. Punkt neun Uhr
begann die Erstürmung Stalin grads mit einem Angriff quer
durch die Stadt von Wertjatschi zum metallurgischen Werk
„Roter Oktober“, durch den der Kessel gespalten werden sollte.
Gleichzeitig wurden Sekundärangriffe von Zybenko zum
Bahnhof Basargino und von Jersowka nach Gorodischtsche
geführt.
Die gemarterte Erde von Stalingrad erbebte erneut unter den
Detonationen von Bomben und Granaten, und die aus früheren
Monaten vertrauten Namen - Rossoschka (Fluß), Pitomnik
(Flugplatz) und Zariza (Fluß) - tauchten wieder in den
Kriegsberichten auf. Aber diesmal schien der Film im
Zeitraffertempo abzulaufen, denn wo Paulus im Herbst
Divisionen eingesetzt hatte, die gegen gut verpflegte
Rotarmisten gekämpft hatten, setzte Woronow ganze Armeen
ein, die gegen einen hungernden, frierenden, demoralisierten
Feind kämpf ten, der keine Verpflegung, keine Munition und
keine Hoffnung mehr hatte. Unter diesen Umständen war es
erstaunlich, daß der deutsche Soldat überhaupt noch kämpfte,

175
aber er kämpfte weiter, obwohl er wußte, daß die Lage
aussichtslos war.
Trotzdem war nicht zu erwarten, daß es den Verteidigern
gelingen würde, den sowjetischen Ansturm abzuwehren. Was
Paulus in wochenlangen Kämpfen genommen hatte, eroberten
Woronow und Rokossowski in wenigen Tagen zurück. Die
russische Hauptstreitmacht (die gesamte 65. Armee sowie
Kampfgruppen der 21. und 24. Armee) erreichte am 13. Januar
das Westufer der Rossoschka; die Deutschen wurden von der
Tscherwlenaja zurückgedrängt und verloren am 14. Januar ihren
wichtigsten Nachschubflugplatz Pitomnik.
Am Abend des 16. Januar war der Stalingrader Kessel von
reichlich 1400 Quadratkilometer Fläche auf weniger als 650
Quadratkilometer zusammengedrückt worden. Für
Versorgungsflüge stand lediglich noch der Ausweichflugplatz
von Gumrak zur Verfügung, und wenn es der Luftwaffe nicht
gelungen war, wenigstens die absolute Mindestmenge von 300
Tonnen Nachschub pro Tag zu transportieren (an die für ein
Aushalten der eingeschlossenen Armee erforderlichen 600
Tonnen pro Tag war nie zu denken gewesen; die beste
Tagesleistung der Luftwaffe hatte bei 289 Tonnen gelegen),
solange es im Kessel zwei Flugplätze gab, war es aussichtslos,
die 6. Armee nur über den Flugplatz von Gumrak versorgen zu
wollen.
Die Szenen, die sich in diesen ersten Januartagen auf den
Flugplätzen abspielten, spotteten jeglicher Beschreibung.
Sobald eine Maschine gelandet und auf der mit Schnee
bedeckten holprigen Landebahn ausgerollt war, wurde sie hastig
entladen, weil sowjetische Artillerie häufig die Plätze beschoß,
sowjetische Jäger in Platznähe lauerten, um die schwerfälligen
deutschen Transporter bei Start oder Landung abzuschießen,
und T 34 in kleinen Gruppen durchbrachen und den Flugplatz
beschossen. Danach begann die Beladung, während
176
überforderte Transportoffiziere und Feldgendarmen
versuchten - oft mit schußbereiter Pistole -, die zum Ausflug
Berechtigten von den Drückebergern zu trennen - dem
verbundenen Offizier, der gar keine Verwundung unter seinem
Armverband hatte, dem Oberst, der sich selbst einen
Marschbefehl zur Heeresgruppe Don ausgestellt hatte, wo er
angeblich für einen „Sondereinsatz“ vorgesehen war, oder dem
Feldwebel, der sich seine Verwundung selbst beigebracht hatte.
Die auf Tragbahren liegenden Verwundeten warteten
unterdessen hilflos darauf, endlich eingeladen zu werden, und
fragten sich, falls sie bei Bewußtsein waren, ob sie überhaupt an
Bord kommen würden - und ob sie die Rudel sowjetischer Jäger
und das Feuer der schweren Flakbatterien rings um den Kessel
überstehen würden. Dann war die Maschine endlich beladen,
holperte ans Ende der Startbahn, startete mit Vollgas und hob
schwerfällig ab, wobei sich in mindestens zwei Fällen irgendein
armer Teufel am Leitwerk festhielt, bis seine Hände in der
Kälte kraftlos wurden und er in die Tiefe stürzte.
Das war die Wirklichkeit hinter den bombastischen
Meldungen des deutschen Rundfunks und dem Wehr-
machtsbericht, in dem von „hartnäckigem Widerstand gegen
weit überlegene feindliche Kräfte“ gesprochen wurde. An der
Front kämpften die Infanteristen unbeirrt weiter, aber der
Organismus hinter ihnen zerfiel bereits. Sie waren die
Eierschale, die verbirgt, daß das Innere schon faul ist, und diese
Eierschale sollte bald aufgeschlagen werden. Woronow und
Rokossowski waren bereits dabei, indem sie die zweite und
letzte Phase des Unternehmens „Ring“ einleiteten.
Am Abend des 17. Januar waren die Deutschen auf den
inneren Verteidigungsring um Stalingrad zurückge drängt, und
auf dem Schlachtfeld herrschte eine unheimliche Ruhe vor dem
Sturm, während die Heeresgruppe Don für den letzten Angriff

177
umgruppiert wurde. Gumrak fiel am 21. Januar in sowjetische
Hand, bevor am nächsten Tag die Endphase des Unternehmens
„Ring“ begann. Infanterie und massierte Artillerie - vor allem
letztere - spielten die Hauptrollen: In der Front der 21., 57. und
64. Armee stand alle fünf Meter ein Geschütz oder ein
Granatwerfer - 4100 auf einer Frontlänge von etwas über 20
Kilometer.
Keine Armee der Welt hätte dieser Angriffswucht lange
standhalten können, und am 25. Januar erreichten Truppen der
Don-Front die Stadtmitte. In der Arbeitersiedlung des
metallurgischen Werks „Roter Oktober“ und am Mamajew
Kurgan hatten die Panzer von Tschistjakows 21. Armee
plötzlich nicht mehr Deutsche, sondern Russen vor sich. Damit
war die Verbindung zwischen Don-Front und 62.
Schützenarmee hergestellt.
Jetzt hielt die 6. Armee nur noch 93 Quadratkilometer von
Stalingrad, und Paulus' Truppe war aufgespalten, wie es
Tschuikows 62. Armee wochenlang gewesen war. Ihre
Vernichtung war nur noch eine Frage von Tagen. Deutsche und
russische Generale und Militärwissenschaftler stimmen darin
überein, daß die 6. Armee bis etwa zum 24. Januar eine für die
Deutschen nützliche Funktion erfüllte, indem sie sowjetische
Armeen bei Stalingrad band. Vor allem Jeremenkos Offensive
in Richtung Rostow litt wegen des fortdauernden Widerstandes
der 6. Armee unter einem Mangel an Truppen, so daß es ihm
nicht gelang, der Heeresgruppe A den Rückzug aus dem
Kaukasus abzuschneiden. Aber am 24. Januar stand fest, daß es
der Heeresgruppe A gelingen würde, sich nach Rostow
abzusetzen und daß die 6. Armee, deren letzter Flugplatz -
Gumrak - vor drei Tagen in russische Hand gefallen war,
ohnehin nicht mehr imstande war, nennenswerte sowjetische
Kräfte an der Einschließungsfront zu binden.

178
Einige deutsche Kommandeure hatten bereits Kapitu-
lationsverhandlungen für ihre Einheiten mit den ihnen
gegenüberstehenden sowjetischen Verbänden aufgenommen,
obwohl das Armeeoberkommando solche eigenmächtigen
Verhandlungen ausdrücklich verboten hatte. Weiterer
Widerstand war sinnlos. Am 24. Januar um 16.45 Uhr erhielt
Manstein einen Funkspruch, in dem die 6. Armee unter
anderem meldete, daß in Stalingrad entsetzliche Zustände
herrschten, weil dort etwa 20000 Verwundete ohne ärztliche
Versorgung Schutz in den Ruinen suchten; zu ihnen komme
eine etwa gleichgroße Zahl von ausgehungerten Männern mit
Erfrierungen und von Versprengten, davon viele ohne Waffen.
Der letzte Widerstand am Südrand von Stalin grad werde am 25.
Januar geleistet werden, nur die Traktorenfabrik könne sich
etwas länger halten ...
Manstein unternahm einen letzten Versuch, Hitler in einem
Telefongespräch dazu zu bewegen, einer Kapitulation
zuzustimmen, aber das gelang ihm auch diesmal nicht. Major
von Zitzewitz, der OKH-Verbindungsoffizier in Stalingrad, war
am 20. Januar mit einem der letzten Flugzeuge, die in Gumrak
starten konnten, ausgeflogen worden und machte am 23. Januar
bei einem persönlichen Gespräch mit Hitler einen ähnlichen
Versuch. Aber Hitler hatte jetzt jeglichen Bezug zur Realität
verloren und sprach davon, ein einziges Bataillon der neuen
(und unerprobten) mittelschweren Panzer des Typs Panther von
der Heeresgruppe Don aus weit über 150 Kilometer durch
sowjetisch besetztes Gebiet nach Stalingrad vorstoßen und so
einen Korridor öffnen zu lassen. Zitzewitz war entsetzt, aber er
tat sein Bestes, um Hitler auf den Boden der Tatsachen
zurückzuholen. Er sprach von Hunger, Erfrierungen,
Nachschubmangel und unversorgten Verwundeten und stellte
zum Schluß kategorisch fest: „Den Truppen in Stalingrad kann
kein Kampf bis zur letzten Patrone mehr befohlen werden, weil
179
sie nicht mehr kampffähig sind und keine letzte Patrone mehr
haben.“
Hitler sah durch ihn hindurch. „Der Mensch erholt sich sehr
rasch“, sagte er und setzte einen Funkspruch an Paulus auf:
„Verbiete Kapitulation. Die Armee hält ihre Position bis zum
letzten Soldaten und zur letzten Patrone und leistet durch ihr
heldenhaftes Aushalten einen unvergeßlichen Beitrag zum
Aufbau der Abwehrfront und der Rettung des Abendlandes.“
So wurde die 6. Armee mit einer schmutzigen Lüge ins
Verderben geschickt. Sie leistete schon längst keinen Beitrag
mehr - und erst recht keinen unvergeßlichen - zum Aufbau einer
deutschen Abwehrfront. Und von den Völkern im besetzten
Westeuropa war nicht ohne weiteres zu erwarten, daß sie dem
Regime, das ihnen in den Jahren 1939 und 1940 ihre Freiheit
und Unabhängigkeit geraubt hatte, zubilligten, es leiste einen
Beitrag zur „Rettung des Abendlandes“.
Paulus hatte sein Hauptquartier von Gumrak verlegen
müssen, als die Russen den Flugplatz erobert hatten, und war
mit seinem Stab in den Keller des großen Warenhauses
„Uniwermag“ im Westteil der Stadt umgezogen. Am 30. Januar
erfuhr General Schumilow, der Oberbefehlshaber der 64.
Armee, in deren Abschnitt das Warenhaus lag, davon und setzte
sofort eine Kampfgruppe aus Panzern und motorisierter
Infanterie der 38. Motorisierten Brigade in Marsch und
verstärkte sie durch ein Pionierbataillon, das die um das
Kaufhaus herum ausgelegten Minen räumen sollte. Zu der
Kampfgruppe gehörte der Nachrichtenoffizier der Brigade,
Oberleutnant Iltschenko. Am 31. Januar um sechs Uhr hatte die
Kampfgruppe das Kaufhaus umstellt und begann mit der
Beschießung.

180
Schnelligkeit ist wesentlich, als die russische
Infanterie die Steppe am Don einnimmt

Russische Flak schließt den Ring um die Stadt

181
Von den ursprünglichen 91000 deutschen Kriegsgefangenen
sahen nur 5000 die Heimat wieder, die letzten erst 1955
182
Wenige Minuten später kam ein deutscher Offizier aus einem
Nebenausgang und gab sich als Parlamentär zu erkennen.
Iltschenko ging zu ihm hinüber, und der Deutsche sagte: „Unser
Chef möchte mit Ihrem Chef sprechen.“
„Unser Chef ist beschäftigt. Sie müssen mit mir verhandeln“,
antwortete Iltschenko. Er wurde mit zwei seiner Soldaten in den
Keller geführt, wo er mit Schmidt und Generalmajor Rosske aus
Paulus' Stab zusammen traf. Rosske erklärte ihm, über die
Kapitulation werde nur mit Vertretern des Front- oder
Armeeoberkommandos verhandelt. Das meldete Iltschenko über
Funk Schumilow, der sofort die Chefs seiner Operationsabtei-
lung und seiner Nachrichtenabteilung, die Obersten Lukin und
Ryschow, entsandte. Nach ihrer Ankunft verhandelten sie zuerst
mit Rosske und dann mit Schmidt, der behauptete, Paulus sei
seit dem Vortag nicht mehr ansprechbar, obwohl beide
Generale von Zeit zu Zeit nach nebenan verschwanden, wo
Paulus kettenrauchend und nervös zuckend auf seinem Feldbett
lag. Paulus' Stab weigerte sich, für den Nordkessel, der jetzt
unter Befehl von General Strecker stand, mitzuverhandeln. Was
den Südkessel betraf, waren die beiden Generale
kapitulationsbereit, wiesen aber darauf hin, daß sie keine
Möglichkeit hatten, den Befehl zur Einstellung der
Kampfhandlungen an die Truppe zu übermitteln.
Man einigte sich schließlich darauf, den Befehl durch
Offiziere beider Armeen überbringen zu lassen, und die
Obersten Ryschow und Mutowin aus dem Stab der 64.
Schützenarmee wurden als Begleiter der deutschen
Stabsoffiziere bestimmt. Erst als sie aufgebrochen waren, wurde
Oberst Lukin zu Paulus vorgelassen. Das Armeeoberkommando
erhielt eine Stunde Zeit zum Packen, und während die
Deutschen damit beschäftigt waren, traf Schumilows Stabschef,

183
Generalmajor Laskin, ein, um Paulus und Schmidt zu
Schumilows Hauptquartier in Beketowka zu bringen.
Schumilow erwartete sie ungeduldig und neugierig zugleich.
Endlich öffnete sich die Tür, und ein großer, grauhaariger Mann
in der Uniform eines Generalobersten betrat den Raum. Er hob
aus Gewohnheit den rechten Arm zum Deutschen Gruß, ließ ihn
dann verlegen sinken und sagte „Guten Tag“ statt „Heil Hitler!“
Schumilow bat ihn streng um einen Ausweis. Paulus kramte
in seinen Taschen und brachte sein Soldbuch zum Vorschein.
Schumilow, der entschlossen war, nichts zu riskieren, verlangte
ein Schriftstück, aus dem hervorging, daß Paulus der
Oberbefehlshaber der 6. Armee war. Zum Glück konnte Paulus
auch damit dienen (Schumilow schweigt sich darüber aus, was
er getan hätte, wenn das nicht der Fall gewesen wäre), und der
pedantische Oberbefehlshaber der 64. Schützenarmee
erkundigte sich zuletzt, ob es stimme, daß Paulus zum
Generalfeld marschall befördert worden sei. (Das stimmte
tatsächlich; Hitler hatte ihn in der Hoffnung befördert, daß
Paulus daraufhin kämpfend in den Tod gehen würde.)
Schmidt hatte mit wachsender Ungeduld zugehört und konnte
es nicht länger ertragen, aus dem Gespräch ausgeschlossen zu
sein. Mit den Umständen vielleicht nicht ganz entsprechendem
Stolz in der Stimme verkündete er feierlich: „Gestern ist
Generaloberst Paulus durch Führerbefehl der Rang eines
Generalfeldmarschalls, der höchste des Reiches, verliehen
worden.“
Schumilow, der als General alter Schule der Meinung war,
ein Stabschef habe nur zu sprechen, wenn er angesprochen
werde, wandte sich wieder an Paulus. „Dann kann ich also dem
Oberkommando melden, sagte er, „daß Feldmarschall Paulus
von Truppen meiner Armee gefangengenommen worden ist?“
„Jawohl“, antwortete Paulus knapp.

184
General Streckers Einheiten im Nordkessel konnten sich nur
wenig länger halten: Unter dem Druck der 62., 65. und 66.
Armee kapitulierten sie am 2. Februar ebenfalls. In Deutschland
wurde eine dreitägige Staatstrauer angeordnet, und sogar Hitler
schien einige Wochen lang das, Vertrauen in sein
Feldherrngenie verloren zu haben, so daß Manstein für gewisse
Zeit mehr Handlungsfreiheit als die meisten deutschen Generale
in diesem Jahr besaß. Er nutzte sie geschickt, brachte den zu
sehr auseinandergezogenen Armeen Golikows und Watutins
schwere Niederlagen bei und eroberte einen großen Teil des
nördlich des Dons verlorenen Geländes zurück. Aber die
Schlacht um Stalingrad war am 2. Februar 1943 zu Ende
gegangen, denn kein später errungener taktischer Erfolg konnte
ungeschehen machen, was sich an der Wolga ereignet hatte.
Die militärische Bedeutung dieses Sieges läßt sich zum Teil
in Zahlen ausdrücken. Fast fünf deutsche und verbündete
Armeen waren vernichtet worden: die gesamte 6. Armee, die
Masse der 4. Panzerarmee, fünf der sieben Divisionen der
rumänischen 3. Armee, fast die gesamte rumänische 4. Armee
und die Masse der italienischen 8. Armee. 32 Divisionen und
drei Brigaden wurden völlig zerschlagen; weitere 16 Divisionen
hatten über 50 Prozent Verluste, während viele andere den
größten Teil ihres schweren Geräts zurücklassen mußten, um
sich in Sicherheit bringen zu können. Die Gesamtzahl der
Gefallenen, Verwundeten, Vermißten oder Gefangenen auf
deutscher Seite wird sich nie genau feststellen lassen, aber die
Verluste der Deutschen und ihrer Verbündeten dürften in dem
Zeitraum von August 1942 bis Februar 1943 bei 1,5 Millionen
Mann gelegen haben. Weiterhin gingen etwa 3500 Panzer und
Sturmgeschütze verloren (was rund sieben Monatsproduktio nen
entsprach), zu denen noch eine Halbjahresproduktion an
Geschützen und Granatwerfern (ungefähr 12000 Stück) und
3000 Flugzeuge kamen (mindestens vier Monatsproduktionen).
185
Insgesamt hätte das von August bis Februar verlorene Gerät für
etwa 75 Divisionen ausgereicht.
Trotzdem beleuchten diese Zahlen nur einen Aspekt des
Ganzen. Deutsche Generale konnten die Niederlage
hinwegerklären, wie sie es nach der Schlacht um Moskau getan
hatten, indem sie auf Hitlers Fehler verwiesen, und nach dem
Krieg schlugen viele von ihnen diese Schlacht in ihren
Memoiren nochmals - und siegten diesmal. Wenn Halders
ursprünglicher Plan verwirklicht worden wäre; wenn Kleist und
Ruoff später in Marsch gesetzt worden wären, so daß Hoth und
sie die sowjetische Südfront hätten einkesseln können, anstatt
sie vor sich her in den Kaukasus zu treiben; wenn Hoth nicht
nach Süden geschickt worden wäre, um Kleist zu unterstützen,
der keine Hilfe brauchte; wenn Hitler keine Divisionen in den
Westen verlegt hätte; wenn diese und viele andere
Entscheidungen anders ausgefallen wären, wäre die
Entwicklung anders verlaufen.
Aber solche Schlußfolgerungen leiden unter einem fatalen
Fehler: Bei näherer Betrachtung stellt sich stets heraus, daß
unterstellt wird, der Gegner hätte das getan, was er in
Wirklichkeit getan hat, während im Alltag die Entscheidungen
beider Seiten auch von denen des Gegners beeinflußt werden.
Hätten die Deutschen andere Maßnahmen ergriffen, hätte auch
die Stawka anders reagiert - und das sowjetische
Oberkommando machte ebenfalls Fehler, vor allem mit der
Charkow-Offensive im Mai 1942.
Der später schreibende Historiker verfügt über Infor-
mationen, die dem Oberkommandierenden auf dem
Schlachtfeld nicht zugänglich gewesen sind, und jede Schlacht
ist ein dynamisches Ereignis, das häufig rasche, auf
unzulänglichen Informationen basierende Entschlüsse erfordert.
Es liegt in der Natur der Sache, daß einige von ihnen falsch sein
müssen - manche sogar katastrophal falsch. Wir können nur
186
feststellen, daß die Entscheidungen der sowjetischen Generale
öfter richtig waren als die der deutschen Generale und daß ein
geringerer Prozentsatz ihrer falschen Entschlüsse sich als
katastrophal erwies.
Allgemein betrachtet erscheinen die Flexibilität und der
Einfallsreichtum der sowjetischen Verteidigung und die
Kühnheit der hauptsächlich von Schukow und Wasiljewski
geplanten und geführten Gegenoffensive als das Ergebnis
hervorragender militärischer Fähigkeiten, wenn man sie mit den
einfallslosen Kopf-durch-die Wand-Methoden der
Oberbefehlshaber von Heeresgruppe B und 6. Armee
vergleicht, und die Entscheidung fiel durch überlegene
Führung, nicht durch zahlenmä ßige Überlegenheit. Die von der
Stawka eingegangenen Risiken machten sich bezahlt: Erstens
zeigte sich, daß sie tatsächlich imstande war, die 62.
Schützenarmee in ihrer vorgeschobenen Position zu versorgen,
und zweitens gelang es ihr, die für eine Gegenoffensive
erforderlichen Truppen von den Deutschen unbemerkt
zusammenzuziehen. Auf der anderen Seite ging die deutsche
Führung ein Risiko ein, als sie sich zutraute, einen Staat mit
einem doppelt so hohen Kräftepotential wie das eigene inner-
halb weniger Monate niederzuwerfen. Daß ihr das beinahe
gelungen wäre, spricht mehr für ihre Geschicklichkeit bei der
Ausführung dieses Vorhabens als für ihre Klugheit, mit der sie
sich dieses Ziel gesetzt hatte.
Auch auf sowjetischer Seite gab es Auseinandersetzungen
darüber - allerdings auf mehr persönlicher Ebene -, ob die
„südlichen Generale“ oder die „Moskowiter“ mehr zu diesem
Sieg beigetragen haben. Solange Stalin lebte, konnte es nicht zu
solchen Auseinandersetzungen kommen, weil alle Erfolge auf
sein Genie zurückzuführen waren. Aber sobald er von der
Bildflä che abgetreten war, brachen die Streitigkeiten mit um so
größerer Vehemenz aus, weil sie zehn Jahre lang unterdrückt
187
worden waren. Chruschtschow war seit Kriegsausbruch im
Süden tätig gewesen und fand deshalb, daß die Herabsetzung
der „südlichen Generale“ auch ihn persönlich betreffe.
Dabei ist nicht zu leugnen, daß einige der zur Bereinigung
der Lage nach Stalingrad entsandten Generale sich schon in der
Schlacht um Moskau ausgezeichnet hatten - Schukow,
Wasiljewski, Jeremenko, Golikow, Watutin, Rokossowski, G.
F. Sacharow (Jeremenkos Stabschef), Batow (65. Armee) und
Schadow (66. Armee) - und daß diese Männer führende Rollen
übernahmen. Schukow, der die sowjetischen Anstrengungen
koordinierte, und alle Frontoberbefehlshaber hatten schon vor
Moskau im Feld gestanden. Unter Chruschtschows Herrschaft
wurde die Rolle dieser Männer herabgespielt, während
andererseits die Rolle der „Einheimischen“, vor alle m die
Chruschtschows, übertrieben dargestellt wurde.
Ein Mann ist bisher noch gar nicht genannt worden: Georgij
Malenkow, der als Mitglied des Staatlichen
Verteidigungskomitees viel an der Stalingrad-Front war und
vermutlich eine bedeutendere Rolle als Chruschtschow spielte,
wenn es darum ging, Stalin auf dem laufenden zu halten und
dafür zu sorgen, daß der Parteiapparat zur Unterstützung der
Verteidiger von Stalingrad mobilisiert wurde.
Trotzdem ist über seine dortige Tätigkeit nur wenig oder
nichts bekannt, weil Malenkow nach seinem Sturz im Jahre
1955 zu einer Unperson wurde, die praktisch nie erwähnt und
deren Anwesenheit in Stalingrad ignoriert wird.
Trotzdem steht fest, daß Schukow die Hauptrolle spielte, als
es darum ging, die „Falle“ zu stellen und dann zuschnappen zu
lassen. Als Vertreter des sowjetischen Oberkommandos war er
der ranghöchste in der Schlacht um Stalingrad eingesetzte
Offizier, der sich keineswegs damit zufriedengab, lediglich eine
repräsentative Rolle zu spielen. Die 62. Armee war der Köder in
der Falle, und Tschuikows glänzende Führung, vor allem durch
188
die Entwicklung einer für Kleinformationen geeigneten
Kampfweise, die den in Stalingrad herrschenden Bedin gungen
entsprach (es hatte noch nie eine ähnlich massive und lange
Belagerung in einer Stadt gegeben), ermöglichte es seiner
Armee, sich zu behaupten und dadurch starke deutsche Kräfte
in exponierter Stellung so lange zu binden, daß die für eine
Gegenoffensive notwendigen Truppen zusammengezogen
werden konnten.
Ebenso ist es zweifelhaft, ob die 62. Armee ohne die
verzweifelten, aber sehr wirksamen Improvisationen
Jeremenkos am 23. August noch die Zeit gehabt hätte, ihre
besondere Kampfweise zu entwickeln, mit der sie sich gegen
deutsche Kräfte behauptete, die örtlich - vor allem in der Luft -
überlegen waren.
Sowjetische Quellen enthalten nur sehr spärliche Angaben
über die Verluste der Roten Armee, aber sie müssen erheblich
geringer als die der Deutschen gewesen sein, denn nach
deutschen Zahlenangaben sind seit Mai 1942 keine großen
Kesselschlachten mit vielen Gefangenen mehr geschlagen
worden. Nur wenige sowjetische Verwundete fielen in deutsche
Hand, Ausfälle durch Kälte oder Hunger waren im Vergleich zu
den Ausfällen auf deutscher Seite verschwindend gering, und
die einzigen Verluste durch Kampfhandlungen traten bei den in
Stalingrad eingesetzten Divisionen auf. Ihre Verluste waren
häufig sehr hoch, aber die meisten Verwundeten wurden über
die Wolga evakuiert, so daß für die Mehrzahl gute
Heilungschancen bestanden haben dürften. Was die Gefallenen
betraf, wurden bei der Umbettung der in Stalingrad bestatteten
Toten 147200 deutsche und 46700 russische Gefallene gezählt.
Von den 330000 Deutschen in dem ursprünglichen Kessel
(der erheblich mehr als nur die Stadt umfaßte) gingen nur 91000
Mann in Gefangenschaft. Diese Kriegsgefangenen waren durch
Kälte und Nahrungsmangel bereits sehr entkräftet, und die
189
ersten Typhusfälle waren schon vor der Kapitulation
aufgetreten. Nachdem die Männer in provisorische
Kriegsgefangenenlager im Raum Beketowka-Krasnoarmeisk
verlegt worden waren, brach eine Typhusepidemie aus, der etwa
50000 der geschwächten Überlebenden erlagen, und von den
restlichen Gefangenen fanden Tausende auf dem Marsch in
Gefangenenlager in Zentralasien den Tod. Die deutschen
Kriegsgefangenen wurden als Zwangsarbeiter eingesetzt, und
die letzten Stalingradkämpfer kehrten erst 1955 heim. Von den
ursprünglich 91000 Kriegsgefangenen sahen nur 5000 die
Heimat wieder.
Und wie reagierte Hitler auf die Katastrophe von Stalingrad?
Er war über die Kapitulation entsetzt und sagte voraus, die
Generale würden gefoltert und dazu gebracht werden, über
Radio Moskau gegen die deutsche Regierung zu sprechen.
Tatsächlich sprachen einige von ihnen im Rundfunk, aber sie
scheinen nicht gefoltert worden zu sein - zumindest erhob
keiner der nach dem Krieg heimkehrenden Generale den
Vorwurf, in sowjetischer Gefangenschaft ernstlich mißhandelt
worden zu sein. 24 Generale gingen in Stalingrad in Gefangen-
schaft, die die meisten von ihnen - im Gegensatz zu ihren
Männern - überlebten. Paulus war ein aktives Mitglied des
gegen den Nationalsozialismus kämpfenden „Bundes Deutscher
Offiziere“ (BDO), obwohl er so viel von einem Höfling an sich
hatte, daß nicht zu erkennen ist, ob er tatsächlich bekehrt
worden war oder sich nur einem neuen Herrn unterworfen
hatte - vielleicht letzteres, denn er zog es nach dem Krieg vor,
in der sowjetischen Besatzungszotte Deutschlands zu leben.
Außer den militärischen Konsequenzen dieser Niederlage -
am auffälligsten war die damit eingeleitete dauernde Änderung
des militärischen Stärkeverhältnisses, die dazu führte, daß die
Rote Armee, die im November 1942 bei Beginn ihrer
Gegenoffensive etwa so stark wie die Deutschen und ihre
190
Verbündeten gewesen war, siebeneinhalb Monate später bei
Kursk über doppelt so stark wie ihr Gegner war - gab es auch
wichtige politische Auswirkungen. In München, der
„Hauptstadt der Bewegung“, rebellierten die Studenten, und
obwohl ihr Widerstand brutal gebrochen wurde, bewies er, daß
der scheinbar hinter Hitler stehende deutsche Monolith Risse
bekommen hatte.
Von nun an war jeder an die Ostfront versetzte deutsche
Soldat ein Held und Märtyrer zugleich. Die deutschen
Hoffnungen, die Türkei zum Kriegseintritt auf der Seite der
Achsenmächte bewegen zu können, verblaßten im grellen Licht
der Realität ebenso wie der kühne Traum, in den Rücken der
Engländer gelangen, die Ölquellen der Alliierten im Mittleren
Osten besetzen oder die anglo-amerikanischen Lieferungen an
die Sowjetunion durch die Besetzung des Irans unterbrechen zu
können.
Als Ironie der Geschichte müssen wir es jedoch bezeichnen,
daß Deutschland nach diesem schicksalhaften Februartag in
Stalingrad noch zweieinviertel Jahre weiterkämpfen konnte.
Obwohl es die Ölfelder im Kaukasus nie in seine Hand bekam,
wurde es durch die Erfolge der deutschen Chemieindustrie bei
der Herstellung von synthetischem Treibstoff aus Kohle in die
Lage versetzt, seine Armeen und seine Volkswirtschaft in Gang
zu halten - allerdings zugegebenermaßen nicht ohne letztlich
auch kriegsentscheidende Engpässe, die allerdings mehr durch
alliierte Luftangriffe auf die Hydrierwerke als durch einen
Mangel an Rohmaterial oder an Produktionskapazitäten
hervorgerufen wurden. Hitlers Befürchtungen in bezug auf die
deutsche Ölversorgung, die ihn dazu bewogen hatten, es nicht
mit einer bloßen Unterbrechung der sowjetischen Ölversorgung
bewenden zu lassen, sondern seine Armeen so zu verzetteln,
daß sie sich zum Schluß weder im Kaukasus noch an der Wolga
halten konnten, waren übertrieben gewesen.
191
So stellte sich schließlich heraus, daß alles unnötig gewesen
war...

Der größte Vorteil auf russischer Seite war die überlegene


Kampfkraft der sowjetischen Panzer. Das Auftauchen der ersten
T 34 in einem frühen Stadium des Unternehmens „Barbarossa“
war für die Deutschen ein Schock. Später sollte der KW 1 sich als
ebenso kampfstark erweisen.

192
T 34: Gewicht 32 Tonnen. Geschwindigkeit: 55km/h. Panzerung
(maximal): 45mm bei 60°. Besatzung: 4 Mann. Bewaffnung: eine
7,62cm Kanone, zwei 7,62mm MG
193
KW 1: Gewicht 52 Tonnen. Geschwindigkeit: 35km/h. Panzerung
(maximal): 115mm vorn. Besatzung 5 Mann. Bewaffnung: eine
7,62cm Kanone, drei 7,62mm MG
194
Sturmowik: Geschwindigkeit: 400km/h. Bewaffnung: zwei 23mm
Kanonen, zwei 7,62mm MG, ein 12,7mm MG (hinten).
Bombenzuladung: 600kg. Besatzung: 2 Mann.
195
Pzkw III: Die Speerspitzen des deutschen Angriffs. Gewicht: 25,4t.
Geschwindigkeit: 45km/h. Panzerung (max.): 50mm. Besatzung: 5
Mann. Bewaffnung: eine 5cm Kanone, zwei 7,92mm MG
196
Pak: Sie würden den Angriff zum Stehen bringen. Gewicht: 1,6
Tonnen. Schussweite: 13500m. Geschoßgewicht: 6,25kg.

197
Katjuscha-Raketenwerfer („Stalinorgeln“) halfen mit, den ersten
Ansturm bei Abganerowo aufzuhalten. Sie schossen ihre Raketen in
Salven ab.
198