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DIE BÜCHER DER KÖNIGE

Mit Erklärungen, das Innere Leben betreffend


von Madame Guyon

1981

Wortgetreuer Nachdruck nach der Originalfassung des 18. Jahrhunderts


DAS ERSTE BUCH SAMUEL

1. Kapitel 

4) Da eines Tages Elkana sein Opfer darbrachte, gab er seinem Weibe Peninna und allen
ihren Söhnen und allen ihren Töchtern ihren Teil vom Opfer.

5) Der Hanna aber gab er nur einen Teil, und war traurig, da er ihr solches gab, denn er
liebte sie. Der Herr aber hatte sie unfruchtbar gemacht.

Diese im Alten Testament übliche Zeremonie, den unfruchtbaren Weibern nur einen Teil des Opfers
zu geben; den fruchtbaren aber viele Teile, lehrt uns, dass die Personen, welche den Seelen Hilfe
leisten, mehr Opfer darbringen sollen und mehr Belohnungen zu gewärtigen haben. Personen, die
nur für ihre eigene Person die Heiligung erlangen, haben ihren Teil an der Seligkeit, die durch Jesus
Christus ist verdient worden. Denn Er ist das grosse Opfer, ja das reine und unschuldige
Schlachtopfer, von welchem die andern nur das Vorbild waren. Die Seelen aber, welche der
geistlichen Fruchtbarkeit teilhaftig geworden sind, die haben an dem Opfer Jesu Christi grösseren
Anteil, gleichwie sie auch an eben demselben Jesu Christo grösseren Anteil haben. Denn die Kreuze
der apostolischen Männer, der Väter der Seelen, sind unendlich grösser als die Kreuze der andern,
die nur für ihre eigene Person ihre Heiligung erlangen. Demnach spricht auch Jesus Christus, welcher
der Vater aller Vorerwählten ist, dass Er sich nicht für sich selbst heiligte (Joh.17,19), sondern Er
heiligte sich auch für sie. Auf gleiche Weise heiligt Gott die apostolischen Personen, die in einem
apostolischen Stand sind, nicht allein für sie selbst, sondern auch für diejenigen, welche sie in Jesu
Christo zeugen sollen.

Obgleich hier gemeldet wird, dass Hanna unfruchtbar gewesen, so sollte sie doch nicht allezeit
unfruchtbar bleiben; sondern Gott selbst wollte uns durch sie das Vorbild solcher Seelen geben, die
Er in sich selbst fruchtbar macht. Er bereitet sie zu durch eine lange Unfruchtbarkeit, und durch eine
heftige Probe, um Gott die Vorerwählten zu gebären. Denn obschon Jesus Christus alle
Vorerwählten auf dem Kreuz geboren hat, so teilt Er doch dieses mit allen Vätern in Jesu Christo,
welche Er sich seiner Vaterschaft zugesellt; wenigstens gibt Er dieses denjenigen, die Er zum Inneren
bestimmt.

Dieses ist eine Ausdehnung der Fruchtbarkeit Jesu Christi, welcher diese Personen teilhaftig werden,
gleichwie Er auch über sie seine Leiden ausbreitet und erstreckt, dass sie solche tragen müssen. Und
das ist auch dasselbe, wie Paulus in Kol.1,24 redet, was in uns dasjenige vollendet, was noch an den
Leiden Jesu Christi fehlt, und solches ist nichts anderes als diese Ausdehnung oder Ausbreitung auf
andere.
6) Peninna, welche über sie eifersüchtig war, bekümmerte sie auch, und quälte sie aufs
äusserste, sogar dass sie es ihr schimpflich vorwarf, dass der Herr sie unfruchtbar gemacht
hatte.
7) Dieses tat sie also alle Jahre, wenn die Zeit gekommen, in den Tempel des Herrn zu
gehen. Und Hanna fing an zu weinen und ass nicht.

Personen, welche sich von sich selbst eindringen, andern zu helfen, haben zwar einige Fruchtbarkeit.
Allein, dieses ist eine Frucht, die von Gott verworfen wird, und die Ihm nicht geheiligt ist. So sind
diese Personen auch ganz erfüllt mit Eigendünkel, mit Hochachtung ihrer selbst und dessen, was sie
sind. Gegen die inneren Personen aber hegen sie nichts als Verachtung, die ihnen ganz und gar
unnütz zu sein scheinen. Ja sie schmähen sogar die inneren Personen, und werfen ihnen vor, sie
wären zu allem Guten unnütz, vornehmlich wenn man zum Tempel des Herrn gehen soll. Sie werfen
ihnen vor, dass sie vor Gott treten mit leeren Händen, und ohne Vorbereitung. Sie hingegen würden
herzunahen voll guter Werke, die von ihnen ausgeübt worden seien.

Die Seelen, die durch die Blosse des Glaubens sehr geübt werden, werden auch durch die Verfolgung
der Kreaturen wacker umhergetrieben; eines kommt zum andern, um sie zu kreuzigen. Gleichwohl
sind diese so wacker geübten und so sehr gedemütigten Seelen Gott unendlich lieber als die andern,
welche sich selbst und ihre Werke so hoch achten. Und obgleich jene gekreuzigten Seelen eine
Zeitlang in der Bitterkeit und in den Tränen baden, und unfruchtbar sind, so werden sie doch (weil
der Herr an ihnen ein Wohlgefallen hat) hiedurch zubereitet, Gott zu seiner Zeit eine reife und
vortreffliche Frucht hervorzubringen.

8) Da sprach Elkana, ihr Mann, zu ihr: Hanna, warum weinst du? Warum issest du nicht?
Warum bekümmert sich dein Herz? Bin ich dir nicht mehr wert, als wenn du zehn Kinder
hättest?

Diese Worte, welche Elkana zu Hanna spricht, geben uns die Gütigkeit Gottes zu erkennen, um die
inneren Seelen im grössten Sturm ihrer Drangsale zu trösten. Gott gibt ihnen zu erkennen, dass die
Glückseligkeit, Ihn zu geniessen, mehr Wert ist als alle Werke, die sie hervorbringen könnten. Wenn
eine Seele begreifen könnte, wie gar weit nützlicher ihr der Genuss Gottes ist, obgleich im
Stillschweigen, Trockenheit und Dürre, als alles andere Wirken, und wie sehr das lautere, innere
Gebet über alles übrige erhaben ist, so würden ihr alle Beraubungen gar keinen Kummer machen.
Gott aber, der diese Seele im Leiden lassen will, verbirgt ihr eine Zeitlang alle diese Vorteile, entdeckt
sie ihr aber hernach, wenn Er sie fruchtbar macht.

9) Nachdem also Hanna zu Silo gegessen und getrunken hatte, stand sie auf; und der
Hohepriester Eli sass auf seinem Stuhl vor der grossen Türe des Tempels des Herrn.

Warum wird hier gesagt, dass Hanna aufgestanden, nachdem sie zu Silo gegessen und getrunken
hatte, oben aber wird gemeldet, dass sie weinte und nicht ass? Die Ursache ist darin zu finden, dass
die Worte ihres Mannes durch ihre Tröstungen sie sättigten, und ihr gleichsam zu einer Nahrung
dienten. Die Seele in der Nacht des Glaubens ist gleichsam aller Nahrung beraubt, indem sie alles
Trostes beraubt ist. Sobald sie aber von Gott getröstet wird, so findet sie sich völlig gesättigt. Sie
steht auf durch die Kraft dieser Nahrung, sie fasst ein neues Vertrauen, und naht sich zu dem Herrn.
10) Hanna, deren Herz mit Bitterkeit erfüllt war, bat den Herrn mit Vergiessung vieler
Tränen.

Eine Seele von diesem Stand kann sich nicht entbrechen, sich über ihre Unfruchtbarkeit zu
bekümmern. Denn obwohl die Liebkosungen ihres Bräutigams auf einige Augenblicke ihre
Schmerzen stillten, so werden solche doch nicht dadurch geheilt. Vielmehr mehrt sich öfters der
Schmerz, wenn sie daran denkt, dass sie ihrem Bräutigam mehr gefallen würde, wenn sie fruchtbar
wäre, und dass sie hiedurch sich dankbar erzeigen könnte für die Liebe und Zuneigung des
Bräutigams, deren sie unwürdig zu sein glaubt.

11) Sie tat aber ein Gelübde und sprach: O Herr der Heer scharen, wenn du würdigst deine
Magd in ihrer Trübsal an zuschauen, wenn du meiner eingedenk bist, wenn du deiner Magd
ein männliches Kind gibst, so will ich dir solches für alle Tage seines Lebens geben, und das
Schermesser soll nicht auf sein Haupt kommen.

Alle in der Blösse stehenden Personen, und die Verlangen tragen nach geistlicher Fruchtbarkeit,
begehren solches nur darum, um Gott zu verherrlichen. Sie sprechen, dass solches geschehen soll,
um Gott alle ihre. Werke zu heiligen, und solche nicht in Eigenheit zu haben noch zu tun, vielmehr
wollten sie alles Gute, das Gott sie zu tun machen würde, mit grosser Reinigkeit dem Herrn wieder
geben. O ihr um Christi willen arm gemachten Seelen! Verlangt nicht die geistliliche Fruchtbarkeit!
Entsteht aber euer Verlangen gegen euren Willen, so erduldet solches und wartet, bis der Herr selbst
euch diese Fruchtbarkeit zu der von Ihm hiezu bestimmten Zeit mitteilen wird. Alsdann wird es
geschehen, dass alle eure Werke rein und lauter sein werden.

12) Weil Hanna also lange Zeit im Gebet vor dem Herrn blieb, schaute Eli auf ihren Mund.

13) Hanna aber redete in ihrem Herzen, und man sah nur ihre Lippen sich bewegen, ohne
ein Wort zu hören. Daher glaubte Eli, sie habe sich voll getrunken.

Hanna war wahrhaftig eine innere Seele. Ihr Gebet war ein Gebet des Herzens, ein Gebet des
Grundes. Da solches kräftig war, so erlangte sie auch das, worum sie bat, gleichwie man dieses
hernach sehen wird. Eli, ob er schon der Hohepriester war, so war ihm doch diese Weise zu beten
unbekannt, und er verdammte solche in seinen Gedanken.

Sehen wir nicht auch noch heutzutage, dass die, welche die andern lehren sollten, eben dieselben
sind, welche das Herzensgebet aufs hartnackigste verdammen? Bis zu welchem Übermass erstreckt
sich nicht ihr Argwohn, den sie wider die Personen fassen, die auf diese Weise beten? Und weil sie
glauben, sie hätten das Recht ein Gebet zu verdammen, von welchem sie keine Erfahrung besitzen,
so glauben sie auch ein Recht zu haben, von den allerverborgensten Absichten und von den
allerunschuldigsten Werken ein verwegenes Urteil zu fällen.

Eli beschuldigte Hanna der Trunkenheit. Gleichwohl betrog er sich nicht, sie war wahrhaftig
trunken, es war aber eine Trunkenheit der Liebe und des Schmerzes. Hätte sie nicht in den göttlichen
Weinkellern (Hohel.1,3) getrunken, so würde ihr das Gebet des Herzens unbekannt gewesen sein.
Denn dieses Gebet kommt nicht her von der Unfruchtbarkeit noch von einer kalten Trägheit,
sondern von dem Übermass der Liebe oder des Schmerzes. Es ist die Heftigkeit dieser beiden
Leidenschaften, welche die Seele in das Stillschweigen versetzt. Ist ihre Liebe auf dem höchsten
Grad, so kann sie solche nur durch das Stillschweigen ausdrücken. Ist aber ihr Schmerz aufs
äusserste gestiegen, so kann sie solchen nicht entdecken, als nur im Stillschweigen. Demnach darf
man nicht meinen, dass die, welche vor Gott stillschweigen, solches aus einer kalten Trägheit und
Nachlässigkeit tun, oder dass sie zu nichts nütze wären. Welches Gebet kann feuriger sein? Welches
Verlangen heftiger und ausharrender? Welcher gute Erfolg vorteilhafter als dieser, den das stumme
Gebet der Hanna hervorbrachte?

14) Und er sprach zu ihr: Bis wann wirst du also trunken sein? Lasse den Wein ein wenig
ruhen, der dich verwirrt.

Fast alle Menschen, denen die Wirkungen der göttlichen Liebe unbekannt sind, schreiben einer ganz
anderen Leidenschaft dasjenige zu, was sie in jenen Seelen wahrnehmen, die in diesem heiligen Feuer
entzündet sind. Und da sie sich nicht einbilden können, dass eine gute Wirkung aus einer bösen
Ursache entstehen könnte, so fällen sie verkehrte Urteile über die Unschuld selbst. Obgleich das
Urteil, welches Eli über das Gebet der Hanna fällte, sehr verwegen war, so kann doch gleichwohl der
Rat, den er ihr erteilt, uns zu einer Unterweisung dienen. Er lehrt uns damit, man müsse das
allertugendhafteste Verlangen sich in uns setzen und beruhigen lassen, wenn es durch unsere
Heftigkeit in Bewegung gesetzt worden ist; und man müsse im Frieden den Willen Gottes erwarten,
ohne zu begehren, dass unsere unbedachtsamen Inbrünstigkeiten dasjenige erlangen, was der Wille
Gottes (so zu reden) nur ungern, und wegen unserer Schwachheit uns verleiht. Hanna war frei von
diesem Fehler. Ihr Verlangen war zwar feurig, allein es war solches auch dabei ruhig und unter dem
Willen Gottes gelassen und unterworfen, gleichwie solches aus der Antwort, die sie dem Eli gibt,
leicht zu ersehen ist.

15) Hanna aber sprach zu ihm: Verzeihe mir, mein Herr. Ich bin ein höchst bekümmertes
Weib. Ich habe keinen Wein getrunken noch etwas das Trunkenheit verursachen kann,
sondern ich habe meine Seele in der Gegenwart des Herrn ausgeschüttet.

Hanna zeigte durch diese Worte, dass es keine empfindliche Liebe war, die sie also zu tun und zu
handeln antrieb. Sie spricht: Ich habe von allem dem, was trunken machen kann, gar nichts
getrunken. Hiemit will sie soviel sagen: Ob ihr mich gleich auf diese Weise beten seht, so habe ich
dennoch heute gar keine empfindliche Gnade empfangen, und der Bräutigam hat mich nicht in
seinen Weinkeller geführt; sondern der Schmerz benimmt mir die Worte; und in dem Übermass
dieses meines Schmerzes kann ich nichts anderes tun, als meine Seele in der Gegenwart des Herrn
auszuschütten. Wein Gott, was sind das für vortreffliche Worte! Welchen Nachdruck haben sie, und
wie viele Dinge drücken sie aus! Dieses muss die Wirkung sein der Bekümmernisse, der Proben, der
Versuchungen und der geistlichen Unfruchtbarkeit, dass wir nämlich unsere Seele in der Gegenwart
des Herrn ausschütten. Wer ein Gefäss ausleert, der tut nichts anderes, als solches gegen die Erde zu
neigen, so wird es sich von selbst ausschütten, ohne dass man sich weiter damit zu bemühen braucht.
Auf gleiche Weise macht es auch derjenige, der seine Seele in der Gegenwart des Herrn ausschüttet.
Denn da er nichts anderes tut, als sich sanft zu Gott zu neigen, und da die Seele ihrem natürlichen
und aus dem Grunde kommenden Neigen und Sehnen folgt (sich mit ihrem Zentrum zu vereinigen),
so geschieht hiedurch, dass sie wie ein reines, lauteres Wasser unvermerkterweise gegen Gott
ausfliesst. Es ist eben als ob sie sprechen würde: Das Übermass meines Schmerzes ladet mich ein zu
beten. Sobald ich aber vor Gott bin, so verliere ich alle anderen Ideen oder Gedanken, und kann
nichts anderes tun, als dem Zug und der Neigung zu folgen, die Er selbst in mich gelegt hat, nämlich
in Gott einzufliessen und mich in Ihn zu verlieren; eben also wie ein mit Wasser angefülltes Glas sich
ausleert, ohne dass etwas von dem Wasser in ihm zurückbleibt. Ich will mich von mir selbst ganz
und gar entleeren, und mich in Gott verlieren. Dies ist alles, was ich begehre und verlange. Dieses
einzige wünsche ich mir, und auf diese Weise bete ich. Mein Gebet ist meine Neigung, und meine
Neigung ist mein Gebet. Sowohl das eine als das andere wird durch meine Liebe und durch meinen
Schmerz ausgeboren.
16) Glaube nicht, dass deine Magd gleich sei den Kindern Belials; denn nur das Übermass
meines Schmerzes und meines Kummers hat mich bis jetzt reden gemacht.

Hanna fährt fort, dem Eli zu erkennen zu geben, dass obschon die göttliche Liebe (wie auch die
menschliche Liebe) die Seele in das versetzt, was sie liebt, so sei doch der Unterschied zwischen
beiden unendlich gross. Es ist wahr, will sie sagen, dass meine Liebe gemacht hat, dass ich in das
übergegangen bin, was ich liebe, und dass meine Seele aus sich selbst, und aus dem Ort, den sie
beseelt, ausgeht, um in denjenigen Ort überzugehen, wo ihre Liebe wohnt. Allein, da meine Liebe
ganz und gar in Gott ist, so ist sie eine reine, keusche und ebensowohl ruhige und besänftigte Liebe,
als sie eine heftige und getreue Liebe ist. Eine solche Beschaffenheit hat die sinnliche Liebe nicht.
Darum, du, der du der Priester des Herrn bist, lerne einen Unterschied zwischen beiden zu machen.
Ja, ich will dir zudem sagen, dass alles, was du mich bis jetzt reden und tun gesehen, nur allein von
meinen Schmerzen herkommt.

17) Da antwortete ihr Eli: Gehe hin im Frieden. Der Gott Israels gebe dir deine Bitte, welche
du getan hast.

Die Hirten und Führer, welche in der Unwissenheit der inneren Wege, worin sie stehen, dennoch die
Rechtschaffenheit und Aufrichtigkeit des Herzens behalten, lassen sich (gleich wie Eli) durch die
Einfalt des Herzens rühren. Und wie auch ihr Urteil vorher mag gewesen sein, so erkennen sie
dennoch, dass Gott wahrhaftig in einer Seele wirkt, und sprechen zu ihr: Überlasse dich dem Herrn,
der dich ohne Zweifel führt, und welcher die Gebete erhören wird, die seine Liebe in dir
hervorbringt.

18) Hanna antwortete ihm: Wollte Gott, dass deine Magd Gnade vor deinen Augen fände!
Hierauf kehrte sie wieder zu ihrem Mann; sie ass, und ihr Angesicht war nicht
niedergeschlagen wie vorher.

Es ist in der in dem inneren Leben stehenden Seele etwas, das man nicht aussprechen kann, welches
ihr versichert, dass sie erhört worden ist, wenn sie wahrhaftig erhört ist. Sie kann nicht nur nicht
zweifeln, ihr Gebet sei bis zum Throne Gottes gestiegen, sondern sie ist auch sogar im Unvermögen,
fernerhin um dasjenige zu bitten, was sie vorher bat. Wollte sie sich aber zwingen, noch weiter darum
zu bitten, so würde ihr Herz demjenigen widersprechen, was ihre Lippen hervorbringen, und sie
würde in ihrem Innern gar keine Übereinstimmung mit ihrem Gebet finden. Dieses ist das
allergewisseste Kennzeichen, dass Gott das Gebet erhört hat, sofern das Gebet durch den Trieb
Gottes hervorgebracht worden ist.

19) Hernach, da sie des Morgens früh aufgestanden, beteten sie den Herrn an, kehrten
wieder heim und kamen in ihr Haus zu Rama. Elkana war bei seinem Weibe, und der Herr
gedachte an sie.

20) Bald hernach empfing sie und gebar einen Sohn, welchen sie Samuel nannte, weil sie ihn
von dem Herrn erbeten hatte.

Alle ausserordentlichen Kinder sind fast allezeit die Frucht einer langen Unfruchtbarkeit; wodurch
Gott zu erkennen geben will, dass sie von dem Willen Gottes sind geboren worden. Dieses Kind war
die Frucht der Gebete und Tränen seiner Mutter.
21) Elkana, ihr Mann, kam hernach mit seinem ganzen Haus, um dem Herrn ein
ausserordentliches Opfer zu bringen, und ihm sein Gelübde zu bezahlen.

22) Hanna aber ging nicht mit dahin, denn sie hatte zu ihrem Mann gesagt: Ich werde nicht
in den Tempel gehen, bis das Kind entwöhnt worden ist, und ich es hinführe, da mit ich es
dem Herrn darstelle, und es allezeit vor ihm bleibe.

Personen, die in den Wegen Gottes wohl unterrichtet sind, wissen wohl, dass Gott ihnen nur darum
Gnade erweist, um ihnen damit Gelegenheit und Mittel zur Aufopferung zu verleihen. Die Gnaden
Gottes zurückzubehalten, und solche Ihm nicht aufzuopfern, ist eine Eigenheit, und man macht sich
damit unwürdig, neue Gnaden zu erhalten. Dieses tat Hanna nicht. Sie opfert dem Herrn das Kind,
das sie von Ihm empfangen hat. Sie gibt es Gott zu einem unwiderruflichen Geschenk. Denn damit
ist sie nicht zufrieden, das Kind Gott darzustellen und es hernach wieder mit sich heimzuführen;
sondern sie bietet es dem Herrn dar, damit es allezeit vor dem Herrn bleibe.

Es ist anzumerken, dass hier gemeldet wird, wie Hanna nicht bei den allgemein verordneten Opfern
gewesen ist. Dieses lehrt uns, dass man nachlassen müsse, Gott die gewöhnlichen Opfer
aufzuopfern, wenn Er wichtigere Opfer von uns fordert. Es gibt Opfer, die für eine Zeitlang gut
sind; allein es kommt die Zeit eines andern Opfers, in welchem man Gott dasjenige darbietet, was Er
will, dass wir Ihm aufopfern sollen.

24) Und da sie ihn entwöhnt hatte, nahm sie mit sich drei Kälber, drei Mass Mehl, und ein
Gefäss mit Wein; und sie führte ihren Sohn nach Silo in das Haus des Herrn. Das Kind aber
war noch gar klein.

25) Und nachdem sie ein Kalb geopfert hatte, stellte sie ihn dem Eli dar.

26) Und Hanna sprach zu Ihm: Mein Herr, so wahr du lebst, ich bin das Weib, welches du
hier, den Herrn bittend, gesehen hast.

27) Ich bat ihn, mir dieses Kind zu geben, und der Herr hat mir gegeben, um was ich ihn
gebeten habe.

28) Darum übergebe ich ihm solches wieder in die Hände, damit der Knabe, solange er
leben wird, da bleibe. Also beteten sie allda den Herrn an, und Hanna betete mit diesen
Worten.

Hanna brachte Gott ihr Kind zum Opfer dar, durch den Willen den sie hatte, diesen Knaben dem
Herrn aufzuopfern. Nunmehr opfert sie ihn wirklich. Gott ladet eine lange Zeit zum Opfer ein und
macht, dass die Seele einen wesentlichen Willen und Entschluss fasst, solches zu tun, bevor es noch
zu der Vollziehung kommt. Nachdem sie aber das Opfer, das Gott ihr gegeben um Ihm solches
aufzuopfern, wirklich aufgeopfert hat, so soll sie weiter keinen Anspruch an solches mehr erheben.
Denn sie muss solches ein unverbrüchliches, unwiderrufliches und immerwährendes Opfer sein
lassen. Das Opfer, das einmal ist geopfert worden, bleibt immerwährend vor Gott, solange man
solches nicht widerruft. Dieses ist die Weise, wie wir Gott unsere Seelen aufopfern sollen. Wir sollen
solche Gott zum völligen Eigentum schenken, und dieses geschieht durch den Willen, welchen die
Seele hat, sich Gott zum Eigentum zu geben. Von dieser Zeit an bringt sie Gott das Opfer dar.
Ferner übergibt sie sich Gott durch eine unwiderrufliche Schenkung, und dieses nennt man
Übergabe. Hernach, wenn man die Seele Gott zum Eigentum einmal übergeben hat, so muss man
solche Ihm unaufhörlich lassen, ohne solche jemals wieder zu nehmen. Es ist nicht notwendig, dass
man zu Gott spreche: Herr, ich opfere dir diese Seele auf. Es ist auch nicht nötig, dass man sagt: Ich
habe dir meine Seele gegeben; gleichwie auch Hanna dies nicht mehr sagte; sondern es kommt darauf
an, dass man die Seele in den Händen Gottes lässt, damit Er mit solcher nach all seinem Willen
schalte und walte wie über eine Sache, an welcher die Seele selbst keinen Anteil mehr nimmt, und auf
welche sie auch auf keinerlei Weise einiges Recht, zu schalten, zu walten und zu ordnen hat, noch
nehmen soll.

2. Kapitel. 

1) Meine Seele springt oder jauchzt vor Freude in dem Herrn, und mein Gott hat mich mit
Herrlichkeit erfüllt. Mein Mund hat sich aufgetan um meinen Feinden zu antworten, weil
ich meine Freude in dem Heil habe, das ich von dir empfangen habe.

Warum schwieg Hanna still, als sie den Herrn um einen Sohn bat, und warum war ihr Gebet ein
Gebet des Stillschweigens? Darum, weil solches eine Bitte des Glaubens war, welche ohne das
Geräusch der Worte geschieht, in der Unterwerfung unter den Willen Gottes, ob sie schon durch
den Geist Gottes getrieben war, da sie dieses Gebet verrichtete. Wenn es darauf ankommt, Gott um
etwas zu bitten, so muss man stillschweigen, weil wir nicht wissen, was wir bitten sollen
(Röm.8,2526), noch wie wir es bitten sollen. Schweigen wir aber still, so bittet der Geist selbst für
uns mit unaussprechlichem Seufzen. Was bittet aber dieser Heilige Geist, der uns aufhilft in unserer
Schwachheit? Er bittet das, was gut und was vollkommen ist, weil er nur allein um den Willen Gottes
bittet, indem er uns lehrt, dass alle vollkommenen Gaben von dem Vater der Lichter kommen
(Jak.1,17). Demnach müssen alle unsere Gebete blosse Darstellungen vor Gott sein, und dabei mit
Ehrfurcht und Stillschweigen begleitet werden.

Auf diese Weise aber ist es nicht beschaffen mit den Danksagungen und mit dem Lied von der
Barmherzigkeit und der Erlösung. Denn solches wird mit Jauchzen, Frohlocken und Freuden der
Seele gesungen, da solches ein Lobgesang und ein Lied der Verherrlichung des Herrn ist. Die heilige
Jungfrau sang ihren Lobgesang bei der Elisabeth, und die Seligen singen in dem Himmel die ganze
Ewigkeit hindurch diesen wunderbaren Gesang, der mit dem Herzen und mit der Stimme gesungen
wird. Zu derselben Zeit geschieht diese wunderbare Zusammenstimmung des Mundes und des
Herzens, und dieses wunderbare Lied wird gesungen von einer Seele, die von aller Eigenheit und von
ihr selbst befreit und erlöst ist; von einer Seele, die (nachdem sie sehr unfruchtbar gewesen) sich nun
auf eine vortreffliche Weise fruchtbar findet; ja welche Seele ganz im Wirken ist um Gott zu
verherrlichen, jedoch ohne hiebei ihre blosse Einheit zu verlieren. Es ist ein Jauchzen in Freuden,
welches alle Seelen erfahren, die in Gott übergegangen sind. Alsdann wird diese Seele aus ihrer
Schmach herausgezogen. Sie ist nicht mehr, wie Jesaja sagt, weder unfruchtbar noch beschämt
(Jes.54, 4), und die Tage ihrer Schmach und Schande sind nun vorbei.

Solange die Zeit ihrer Schmach währte, hat sie bei der Verfolgung ihrer Feinde still geschwiegen.
Nun aber tut sie ihren Mund auf, um ihren Feinden zu antworten. Was antwortet sie aber? Das Lob
ihres Gottes. Sie verherrlicht ihren Herrn, und indem sie Ihn verherrlicht, antwortet sie damit auf
alles Schelten und Schmähen ihrer Feinde. Es ist eben, als ob sie zu ihnen spräche: Ihr habt mir
meine Unfruchtbarkeit und mein Vertrauen in Gott vorgeworfen. So schauet denn nun, wie eine
gerechte Sache ich gehabt habe, dem Herrn zu vertrauen. Er ist es, der mich mit tausend Gütern
erfüllt hat, und hat mich fruchtbar gemacht. Dieses hat Er darum getan, weil ich meine Freude in Ihn
allein gesetzt habe. Ich habe meine Freude nicht in den Kreaturen gesucht; darum habe ich die
Schmerzen und alle in seinem Dienst erduldete Arbeit allen Freuden der Welt vorgezogen; darum hat
Er mich auch mit Freuden erfüllt. Ich habe mein Heil in kein geschaffenes Ding gesetzt, wie gut und
heilig sie auch geschienen haben, sondern ich habe mein Heil in Gott allein gesetzt. Darum habe ich
auch in Gott ein völliges, sicheres und gewisses Heil gefunden; ein Heil, das nicht mehr in mir ist,
sondern in Gott, wo ich es auch nicht mehr verlieren kann.

Der Herr ist der einzige Heilige. O Herr, es ist solches kein anderes als du, und unser Gott ist der
einzige Starke.

Wenn eine Seele durch die in dem Weg des Glaubens auftauchenden Proben durchgegangen, und sie
in das neue Leben versetzt worden ist, so ist sie von dem Licht der Wahrheit erleuchtet, welches ihr
zu erkennen gibt, dass Gott der einzige Heilige ist; dass alle Heiligkeit in Gott eingeschlossen, und
dass ausser Gott nichts ist als Schwachheit, Lügen, Irrtum und Bosheit. Die, welche sich selbst heilig
glauben, betrügen sich unendlich und stehlen Gott die Ehre seiner Heiligkeit, worüber Er höchst
eifersüchtig ist. Hiedurch hören sie auf heilig zu sein, indem sie aufhören der Heiligkeit Gottes
teilhaftig zu sein. Denn nur allein diejenigen werden die Heiligen des Herrn sein, welche für Gott
und um seinetwillen gern alles haben verlieren wollen. Die Torheit derer, welche dem Herrn nicht
alles aufopfern wollen, ist soviel grösser, als Gott der einzige Starke ist, und Er allein kann dasjenige
ihnen erhalten, was Er ihnen gibt; und solches auch ihnen wieder hinwegreissen, wenn es Ihm gefällt.
O mein Gott! Du bist meine Kraft, nur allein in dir vermag ich Werke der Kraft und der
Herzhaftigkeit zu tun und auszurichten. Ausser dir aber ist nichts als Elend und Schwachheit.

3) Höret auf Ruhmredige zu sein mit trotzigen Worten. Euer früheres Reden gehe nicht
mehr aus eurem Mund. Denn der Herr ist der Gott aller Wissenschaft, und er erforscht den
Grund der Gedanken.

Hanna, die ganz durchdrungen ist von der Glückseligkeit, die sie nach ihren langwierigen
Widerwärtigkeiten geniesst, spricht zu allen Seelen, die von der Liebe ihrer selbst aufgeblasen sind:
Höret auf ruhmredig zu sein in euren Werken, denn ihr seid die Schwachheit selbst. Rühmt euch
dessen, was ihr getan habt, nicht mehr, und prahlt nicht mit der Kraft, die in euch ist. Diese früheren
Reden, durch welche ihr euch selbst etwas angemasst und zugeschrieben habt, lasset nicht mehr aus
eurem Hund gehen; dem der Herr ist der Gott aller Wissenschaft, der die Dinge nicht auf die Weise
der Menschen beurteilt oder richtet. Die ansehen urteilen nur nach dem Äussern, Gott aber erforscht
den Grund des Herzens. Er sieht die Gedanken und die Reinigkeit der Absicht, und solches gibt den
Werken ihren Wert. Denn die Werke, die von aussen einen grossen Schein haben, achtet Gott nicht,
wohl aber solche Werke, die mit grösserer Aufrichtigkeit, Rechtschaffenheit und Einfalt geschehen,
wie auch die Werke, so mit seinem heiligen Willen am meisten übereinkommen.

4) Der Bogen der Starken ist zerbrochen worden, und die Schwachen sind mit Kraft erfüllt
worden.

Mein Gott, wie sind das schöne Worte 1 Sie schliessen in sich die ganze Führung Gottes über die
Seelen. Gott schlägt alle diejenigen nieder, welche sich auf ihre eigenen Kräfte verlassen. Er zerbricht
ihren Bogen, d.h. Er reisst ihnen alle Stützen und alle Mittel hinweg, auf welche sie ihre Hoffnung
gründeten, damit sie ihr Vertrauen in Gott allein haben möchten. Mittlerweile aber, da Gott sie so
niederschlägt, stärkt Er die Schwachen. Er hebt sie aus dem Staub ihrer Vernichtigung wieder auf,
um sie mit Gütern zu überhäufen.

5) Die vorher mit Gütern erfüllt waren, haben sich ums Brot vermietet, und die Hungrigen
sind gesättigt worden. Die Unfruchtbare ist eine Mutter vieler Kinder geworden, und die
viele Kinder hatte ist schwach geworden.

Diejenigen, welche mit Gütern angefüllt sind, fallen in eine so grosse Armut, dass sie auch selbst die
Dinge nicht haben, die von unumgänglicher Notwendigkeit zu sein scheinen, um das Leben der
Gnade in ihnen zu erhalten. Dieses ist allgemein die Führung der Gnade, dass sie umso viel ärmer
macht, je mehr man mit Gütern angefüllt gewesen ist. Da aber Gott auf diese Weise arm macht, so
überhäuft Er zugleich diejenigen mit Gütern, welche in Mangel und in Armut sind. Er ist auch selber
die Ersättigung derer, die hungrig sind. In den Seligpreisungen (Matth.5,36) spricht Jesus nur die für
selig, welche arm und hungrig sind, und keineswegs die Reichen und Angefüllten. Denn die Reichen,
bevor sie arm gemacht werden, sind mehr zu beklagen als zu beneiden. Denn die nachfolgende
Armut ist umso viel unerträglicher, je mehr man vorher im Überfluss gelebt hat. Auf gleiche Weise
wird man nicht anders mit der geistlichen Fruchtbarkeit begnadigt, als nur nach dem Mass der sehr
grossen Unfruchtbarkeit, die man vorher erfahren hat.

6) Der Herr ist es der tötet und lebendig macht; er führt in die Hölle und führt wieder
heraus.

Es ist eben derselbe Gott, der, nachdem Er ein sehr überfliessendes Leben gegeben hat, solches
wieder wegnimmt und den Streich des Todes gibt. Dieser unschuldige Totschläger hat ein
Wohlgefallen, demjenigen das Leben wieder zu rauben, dem Er solches gegeben hatte, um die
Freude zu haben, dieses Leben ihm wieder von neuem zu geben. Demnach lasset uns durch eine
völlige und gänzliche Übergabe von Ihm töten und wieder lebendig machen. Man muss Ihn auf eine
gleiche Weise sowohl in dem einen als in dem andern machen lassen. Er ist es, welcher durch eine
ebenso strenge als liebenswürdige Gerechtigkeit die Seele ganz lebendig in eine Hölle eingehen
macht. Er ist damit nicht zufrieden, der Seele das Leben zu rauben, sondern Er selber führt sie auch
in die Hölle. Allein, o Liebe, wenn du deine Geliebte in die Hölle führst, so tust du es nur darum, um
die Freude zu haben, sie von dannen wieder herauszuführen, und damit sie dir auf eine zwiefache
Weise verpflichtet sei. Erstens hast du Sorge getragen, sie um deiner Ehre und Verherrlichung willen
(und zu ihrem eigenen Vorteil) hineinzuführen, und zweitens muss sie dir für deine Gütigkeit
verbunden sein, dass du sie wieder von dannen herausziehst.

7) Der Herr ist es, der arm macht, und welcher reich macht. Er ist es, der erniedrigt und
erhöht.

Die Art und Weise, wie die Schrift redet, zeigt uns genugsam, dass das Werk unserer
Vollkommenheit keineswegs eine Frucht unserer Arbeit ist; sondern dass solche eine Wirkung der
Macht und Barmherzigkeit Gottes ist. Er ist es, der einige Seelen durch den Überfluss führt, andere
aber durch den Mangel. Er ist es, der da erhöht, und solche Heilige macht, die einen grossen Schein
haben, und von jedermann hochgeachtet und anerkannt werden. Er ist es aber auch, der andere
Heilige verordnet, um gedemütigt und auf das allerschrecklichste erniedrigt zu werden. Er ist es, der
da erniedrigt um zu erheben, und der erhebt um zu erniedrigen.
8) Er zieht den Armen aus dem Staub, und den Bedürftigen vom Misthaufen, um ihn unter
die Fürsten zu setzen, und ihm einen Thron der Herrlichkeit zu geben. Dem Herrn gehören
zu die Fundamente der Erde, und er hat den Welt kreis auf solche gesetzt.

Es scheint, es werde hier ein Unterschied zwischen dem Armen und dem Bedürftigen gemacht. Das
Bedürfnis ist das Übermass der Armut. Die Armut bringt oder verwandelt in den Staub, das
Bedürfnis aber sogar in den Misthaufen. Der Staub ist das Symbol oder Gleichnis der Vernichtigung.
Wer in Staub verwandelt worden ist, ist gleichsam zu nichts gemacht worden. Er missfällt aber
darum doch nicht, und er macht nicht, dass das Herz vor ihm ekelt. Der Bedürftige aber, der durch
das Übermass des Mangels gleichsam zu einem Misthaufen des Elends und der Verfaulung ist
gemacht worden, hat noch etwas mehr, das niedriger und unwerter ist, und wovor man einen Greuel
hat. Demnach sind diese zwei Stände, ob sie schon dem Schein nach einander gleichen, dennoch
voneinander sehr verschieden.

Aus diesen beiden Ständen zieht Gott heraus. Warum aber zieht Er die Seele heraus? Um sie unter
die Fürsten zu setzen, d.h. unter die Heiligen. Er zieht auch die Seele von dem Misthaufen ihrer
Schmach, auf welchem sie durch eine vollkommene Überlassung ruhte, um ihr einen Thron der
Herrlichkeit zu geben. Dieser Thron verändert sich nicht, ob er sich schon unendlich verändert.
Dieses ist folgendermassen zu verstehen.

Der Wille des Herrn ist es, der da macht, dass die Seele ihren Thron und ihre Ruhe auf ihrem
Misthaufen findet; und eben derselbe Wille Gottes ist es gleichfalls, der da macht, dass sie ihre Ruhe
in der Herrlichkeit findet. Somit dient der Wille Gottes zu einem Thron, sowohl in der Erhebung als
in der Erniedrigung. Die Seele, wenn sie auf dem Misthaufen sitzt, sieht hierin nicht auf ihren
Nachteil, sondern allein auf das Wohlgefallen Gottes, welches macht, dass sie im Frieden auf
solchem ruht. Und in der Ehre und Herrlichkeit, die man ihr gibt, sieht sie ebensowenig auf ihren
Vorteil, sondern allein auf das Wohlgefallen Gottes, und auf die Ehre und Verherrlichung, die Gott
davon hat.

Diesem Gott der Herrlichkeit und Gütigkeit gehören die Fundamente der Erde, d.h. es gehört Ihm
alles, auch unser Bestandwesen, so dass Er solches sowohl vernichtigen und zerstören, als auch dass
Er das Fundament einer ewigen Verherrlichung darauf setzen kann.

9) Er wird die Füsse seiner Heiligen bewahren, und die Gottlosen werden in ihren
Finsternissen verstummen müssen, weil der Mensch niemals in seiner eigenen Kraft stark
sein wird.

Dieser Spruch unterweist uns auf eine vortreffliche Weise, wie sicher und vorteilhaft die Übergabe
ist. Die Sorge, welche Gott für diejenigen trägt, die sich Ihm übergeben, muss unser Vertrauen
stärken. Er bewahrt die Füsse seiner Heiligen, indem Er verhindert, dass sie sich nicht verirren, noch
in die Wege der Ungerechtigkeit wieder eingehen. Wenn wir uns selber führen, so werden wir öfters
falsche Schritte tun. Wenn aber Gott unsere Schritte bewahrt, so werden alle unsere Gänge in der
Gerechtigkeit und Billigkeit sein. Dies sind die Schritte seiner Heiligen, nämlich solcher Heiligen, die
alles was ihnen eigen ist verloren haben, und nur allein in der Heiligkeit des Herrn heilig sind.

Wenn aber Gott eine so grosse Barmherzigkeit über diese Heiligen walten lässt, so werden im
Gegenteil die Gottlosen mit grosser Scham und Schande verstummen müssen mitten in den
Finsternissen ihrer Verirrung. Warum aber dieses? Darum, weil sie sich selbst haben führen wollen,
und weil es unmöglich ist, dass ein Mensch jemals in seiner eigenen Kraft stark sein könnte. Denn
durch die Erfahrung und das Bekenntnis seiner Schwachheit muss er in die Kraft Gottes eingehen,
um von Gott beschirmt und vor dem Fall bewahrt zu werden.

10) Die Feinde des Herrn werden vor ihm erzittern. Er wird über ihnen donnern oben vom
Himmel herab. Der Herr wird die ganze Erde richten. Er wird demjenigen das Reich geben,
den er schon zum König gemacht hat, und wird das Reich seines Christus mit Herrlichkeit
überhäufen.

Wenn nun aber die Heiligen des Herrn, welche alle mit Eigenheit besessene Heiligkeit verloren
haben, aus Ehrfurcht und Untertänigkeit gegen die Heiligkeit Gottes; wenn, sage ich, diese Heiligen
des Herrn Ursache haben, ganz mit Vertrauen erfüllt zu sein, wegen der Barmherzigkeit des Herrn,
so sollen im Gegenteil die Gottlosen mit Schrecken erfüllt werden. Er wird über ihnen donnern oben
vom Himmel herab, denn Gott wird ihnen seinen gerechten Grimm zu fühlen geben, weil der Herr,
der ein Richter der ganzen Erde ist, nicht nach dem Schein, sondern nach der Wahrheit urteilt. Er
wird das Reich demjenigen geben, welchen Er zum König gemacht hat, indem Er ihn zum König
über seine Leiden macht, und verschafft, dass er hernach in sein Königreich eingeht, in welchem Er
ihn niedersetzt. Ja Er wird das Reich seines Sohnes in uns mit einer unsterblichen Herrlichkeit
überhäufen. Dieses aber zeigt uns, dass Gott nur allein an dem Reich Jesu Christi in uns ein
Wohlgefallen hat. Denn Er wird in dem zukünftigen Leben nur allein diejenigen verherrlichen, in
denen Jesus Christus in diesem Leben vollkommen und gänzlich geherrscht hat.

11) Elkana kehrte hernach wieder heim in sein Haus zu Rama. Das Kind aber diente in der
Gegenwart des Herrn vor dem Hohepriester Eli.

Wenn eine Person durch die Übung der Gegenwart Gottes anfängt, so kann man allezeit auf einen
glückseligen Fortgang in seinem folgenden Leben hoffen. Fast alle Personen, die Gott ganz
besonders angehören, sind gleich anfänglich durch den Geschmack und die Erfahrung der
Gegenwart Gottes ergriffen worden. Samuel war ein Kind, allein ob er gleich ein Kind war, so diente
er dennoch in der Gegenwart des Herrn, d.h. er verrichtete all sein Tun, indem er sich mit dieser
anbetungswürdigen Gegenwart Gottes beschäftigte. Die Heilige Schrift meldet, dass er vor dem
Hohepriester Eli war, welches anzeigt, dass er in seinem Betragen vollkommen war. Denn äusserlich
folgte er dem Gehorsam und innerlich beschäftigte er sich mit der Gegenwart Gottes.

12) Es waren aber die Kinder des Eli Kinder Belials, die den Herrn nicht kannten.

Es gibt sehr viele tugendhafte Personen, die so unglücklich sind, böse und ungeratene Kinder zu
haben; da indessen böse Menschen öfters Kinder haben, die Heilige sind. Eli ist von der Zahl der
ersteren. Es ist erstaunlich, dass nach dem Mass, als es Gott zulässt, dass ihm solche unartige Kinder
geboren werden, Gott ihm ein anderes Kind zusendet, und zwar ein heiliges. Also ersetzt es Gott,
und anstatt der Kinder, die nur nach dem Fleisch sind, gibt Er Kinder nach dem Geist.

17) Die Sünde der Kinder Elis war sehr gross vor dem Herrn, weil sie die Menschen von dem
Opfer des Herrn ab wendig machten.

Je mehr die Personen erhaben und in Würden sind, umso viel schwerer und greulicher sind ihre
Übeltaten und Laster, und dieses wegen des daraus erwachsenden Ärgernisses, vornehmlich wenn
diese Personen in grosser flacht und Ansehen stehen. Denn sie machen, dass die Schwachen
teilnehmen an ihren Übeltaten, und diejenigen, die einen redlichen Willen haben, machen sie von
dem Opfer des Herrn abwendig, und verhindern, dass sie solches Opfer verrichten können. Dieses
ist eine sehr grosse Sünde, wodurch Gott umso viel mehr beleidigt wird, da Er durch nichts so hoch
geehrt wird, als durch die Opfer.

18) Das Kind Samuel aber diente vor dem Herrn mit einem leinenen Ephod bekleidet.

Obgleich sich soviel Arges in dem Hause des Eli findet, so wurde doch Samuel von dieser
Verdorbenheit nicht angesteckt, weil er in der Gegenwart des Herrn wandelte. Das Hilfsmittel gegen
alle Übel ist diese Übung der göttlichen Gegenwart. Darum werden auch die Personen, welche sich
darin üben, von den bösen Geistern aus allen ihren Kräften bestritten, indem diese bösen Geister
entweder verdriessliche Kämpfe mit ihnen halten, oder diese Personen versuchen, oder ihnen
schreckliche Verfolgungen von Menschen auf den Hals laden.

20) Eli segnete Elkana und sein Weib und sprach zu Elkana: Der Herr gebe dir Kinder von
diesem Weib für das Pfand, das du in die Hände des Herrn gegeben hast.

21) Der Herr suchte hernach die Hanna heim, und sie empfing und gebar drei Söhne und
zwei Töchter. Das Kind Samuel aber wurde gross vor dem Herrn.

Gott gibt unendlich mehr wieder, als man Ihm gibt. Hanna gibt dem Herrn ein Kind, das sie von
seiner Hand empfangen hatte; Gott aber gibt ihr für solches wieder andere Kinder, eine grosse
Anzahl. Obgleich Gott selbst uns die Opfer zuteilt, welche Er will dass wir Ihm aufopfern sollen, so
unterlässt Er dennoch nicht uns dafür zu belohnen, als ob wir Ihm etwas von dem unsrigen gegeben
hätten. Darum geschieht es auch, dass der Opfernde findet, dass je mehr er opfert, Gott ihm auch
umso viel mehr zuteilt, um es zu opfern. Wenn wir uns unaufhörlich dem Herrn aufopfern, so
werden wir jederzeit neue Opfer haben. Opfern wir aber Gott das, was wir haben, nicht auf, indem
wir etwas zurückbehalten wollen, so verlieren wir solches, und werden dessen beraubt, was uns
zubereitet worden, um es dem Herrn wieder zu geben. David sprach: Was soll ich dem Herrn wieder
erstatten für alle Güter, die ich von Ihm empfangen habe? Ich will den Kelch des Heils nehmen
(Ps.115,34). Hiemit will er soviel sagen: Ich kann dem Herrn meine Dankbarkeit für seine Wohltaten
nicht anders bezeugen, als durch die Aufopferung eben dieser Güter, indem ich für mich nichts
anderes annehme als die Schmerzen und die Bitterkeit.

Indessen wurde Samuel gross vor dem Herrn durch den geistlichen Nutzen, welchen er unter der
Führung Gottes erlangte.

22) Eli aber war sehr alt; und da er vernahm, wie seine Kinder gegen das ganze Volk Israel
sich aufführten,

23) Sprach er zu ihnen: Warum tut ihr diese Dinge, die ich von euch höre, diese
abscheulichen Übeltaten, die ich von allem Volk vernehme?

24) Tut dieses nicht, meine Kinder; denn es ist ein böser Ruf wider euch, dass ihr macht,
dass das Volk die Gebote des Herrn übertritt.

25) Wenn ein Mensch gegen einen andern Menschen sündigt, kann er bei Gott wieder
ausgesöhnt werden. Sündigt aber ein Mensch wider den Herrn, wer wird für ihn bitten? Die
Kinder Eli aber hörten nicht auf die Stimme ihres Vaters, weil der Herr sie töten wollte.

Viele haben den Untergang der Kinder Eli demjenigen beigemessen, dass Eli solche nicht ernstlich
genug bestraft hat. Wären sie aber fähig gewesen, sich zu bessern, so hätten diese (obschon dem
Schein nach gelinden Worte) sie gar sehr rühren müssen. Es ist nicht allezeit die Strenge der
Bestrafung, welche eine Besserung wirkt, sondern vielmehr die Beschaffenheit des Herzens. Wenn
Gott die Bekehrung der Kinder durch die Strafreden der Eltern auswirken will, so gibt Gott dieser
Bestrafung eine gewisse Kraft und einen Nachdruck, welcher ins Herz dringt. Dieses aber darf man
dem der will oder läuft nicht zuschreiben, d.h. man muss es nicht der Art und Weise zuschreiben,
mit welcher ein Vater sich ausdrückt; sondern man muss es Gott allein beimessen, welcher die Kraft
mitteilt und macht, dass die Bestrafung ihre Wirkung erreicht. Will aber Gott der Bestrafung keine
Kraft mitteilen, so geschieht es (besonders wenn eine Person Gott angehört), dass wenn solche
bestrafen will, sie innerlich weder Beistimmung findet, noch Kraft, solches zu tun. Es scheint, man
sei eine Maschine, die man einige Worte aussprechen lässt. Es ist ein böses und ein solches Zeichen,
dass die Bestrafung nichts fruchten werde, wenn man sie auf diese Weise verrichtet. Die Sprache der
Schrift gefällt mir unendlich wohl, weil sie Gott alles, dem Menschen aber nichts zuschreibt. Wir sind
weit entfernt, es eben also zu machen; vielmehr schreiben wir allezeit den guten oder bösen Fortgang
der Dinge uns selbst oder andern zu. Es ist kein Übel in der Stadt, das der Herr nicht getan hat
(Arnos 3,6). Eine Seele, die in Gott ist, redet wie Gott. Sie würde sehen, dass alles zugrunde geht,
und könnte es sich doch nicht zuschreiben. Sie überlässt sich Gott samt allem, was ihr angehört, und
erwartet alles von Gott. Die andern hingegen schreiben die Tugend ihrer Kinder ihrer guten
Kinderzucht zu, und wenn sie andere im übrigen sehr tugendhafte Personen sehen, deren Kinder
verkehrt sind, so erheben sie sich deswegen und glauben, dass das, was bei ihnen Gutes ist oder
geschieht, ihnen selbst beigemessen werden müsste. Was aber bei andern übel geht, das müsse
ebenfalls der bösen Kinderzucht der Eltern zugeschrieben werden. Sie stellen sich selbst zum Muster
dar, und auf diese Weise erheben sie sich, und bauen ihr Ansehen auf den Untergang anderer. Die
Führung und das Betragen Gottes ist allezeit gerecht und wunderbar. Personen, die in Gott
wahrhaftig übergegangen sind, sehen die Dinge durch die Augen Gottes, und nicht durch ihre
fleischlichen und menschlichen Augen. Darum nehmen sie an der Vollkommenheit ihrer eigenen
Kinder keinen grösseren Anteil, als an der Vollkommenheit anderer Kinder. Ihre Kinder sind nur
diese, welche Gott ihnen aufladet, und diese liegen ihnen an dem Herzen. Sie tragen alle ihre
Schwachheiten und erdulden tausend und abertausend Qualen für sie. Dies geschieht nicht aus
eigener Wahl, sondern weil Gott solches also ordnet. Solche Väter und Mütter empfinden sehr wohl,
ohne es zu sagen, dass ihre leiblichen Kinder ihnen fremd sind, und dass ihnen andere an deren
Stelle gegeben werden, welche sie in Jesu Christo zeugen, welche sie innigst nähren, und sie für den
Herrn auferziehen. Samuel gibt uns davon in Ansehung des Eli einen sehr starken Beweis, nach dem
Mass, als Gott die Kinder Elis vertilgt und tötet, so geschieht es, damit in der Natur nichts
Lebendiges mehr übrigbleibt, und die Gnade allein Früchte der Gerechtigkeit hervorbringen möge;
dass Samuel, der in Ansehung des Eli ein adoptiertes oder angenommenes Kind war, in allen
Tugenden vollkommen wurde, gleichwie die folgenden Worte solches dartun.

26) Das Kind Samuel aber nahm zu und wuchs, und war Gott und den Menschen
angenehm.

Es gibt Personen, welche scheinen, dass sie nur durch den Tod oder durch das Missraten ihrer
leiblichen Kinder Jesu Christo vortreffliche Seelen zeugen können. Gleichwohl ruht diese Hoffnung
in ihren Herzen, dass wenn Gott nach aller Grösse seiner Ratschlüsse diese Väter und Mütter durch
die Verkehrtheit ihrer Kinder gedemütigt und zerstört haben wird, dass Gott alsdann eben diese
Kinder (Sach. 10,8), gleichsam durch den Schall einer Pfeife, aus ihrem Abweichen wieder rufen und
sammeln werde, um sie durch eine unendliche Barmherzigkeit selig zu machen.
27) Nach diesem kam ein Mann Gottes zu dem Eli und sprach zu ihm: Siehe, so spricht der
Herr: Habe ich mich nicht sichtbar dem Hause deines Vaters geoffenbart, da solches in
Ägypten unter der Herrschaft des Pharao war?

28) Ich habe solches aus allen Stämmen Israels erwählt, um mein Priester zu sein, um zu
meinem Altar zu nahen, und mir Rauchwerk darzubringen, und um das Ephod vor mir zu
tragen. Ich habe dem Haus deines Vaters Teil gegeben an allen Opfern aller Kinder Israels.

29) Warum hast du denn unter die Füsse getreten meine Opfer, und die Gaben, von welchen
ich befohlen, dass man solche im Tempel mir opfere? Und warum hast du deine Kinder
mehr geehrt als mich, um mit ihnen die Erstlinge der Opfer meines Volkes Israel zu essen?

Die Väter und Mütter würden in der Verkehrtheit ihrer Kinder nicht sündigen, wenn sie nicht durch
eine träge Nachlässigkeit und ein Wohlgefallen damit einstimmten, und solche dadurch beförderten.
Ja, sie gehen öfters noch weiter und teilen, wie Eli, mit ihren unartigen Kindern den aus deren bösen
und ungerechten Taten erwachsenen Vorteil, indem sie das Böse gutheissen und billigen, wieviele
Kinder gibt es, die Geizhälse sind, und ungerechtes Gut an sich reissen, und dabei von ihren Eltern
nicht nur entschuldigt werden, sondern welche auch mit ihren Kindern den Raub teilen? Sie dulden
dasjenige an ihren Kindern, was sie selbst zu tun sich durch noch einige übriggebliebene Billigkeit
nicht unterwunden haben würden. Es ist ihnen lieb, dass ihre Kinder dieses tun, und sie machen sich
nebst ihren Kindern eine Ehre aus dem, was sie durch die Schmach und den Schaden anderer Leute
erlangen. Sie essen mit ihren Kindern das Fett der Opfer der andern, die von ihnen sind beraubt
worden, und trinken das Blut des Volks. Dieses Übel ist so allgemein, dass man sich nicht wundern
darf, wenn man den Fluch des Herrn über diesen Kindern sieht.

30) Darum so spricht der Herr, der Gott Israels also: Ich habe vormals gesagt und versichert,
dass dein Haus und das Haus deines Vaters für allezeit vor meinem Angesicht dienen soll.
Nun aber, spricht der Herr, sei dies ferne von mir; sondern wer mich verherrlicht, den will
ich auch verherrlichen, und die mich verachten, sollen wieder in Verachtung fallen.

Obgleich diese Schriftstellen, wie schon gemeldet, die Abbildung solcher Väter sind, die allzu gelind
handeln, und wohl gar schwere Sünden begehen, so dienen sie uns doch auch zu einem wunderbaren
mystischen Vorbild der Eifersucht und des Zornes Gottes gegen eigenheitsvolle Seelen, welche mit
Gott die Opfer teilen. Es gibt wenig Seelen, welche Gott das ganze Opfer überlassen, und die nur
solche Brandopfer opfern, in welchen alles für den Herrn ist, ohne dass weder für den, der das Opfer
bringt, noch für den Priester, der das Opfer schlachtet, das mindeste übrigbleibt oder zurückbehalten
wird. Die Brandopfer sind die Opfer der reinen Liebe, die von allem eigenen

Nutzen oder Interesse ganz und gar los und frei sind. Alles wird darin durch das Feuer der göttlichen
Liebe verbrannt und verzehrt. O wie rar und selten sind diese Opfer! Was aber die gewöhnlichen
Opfer betrifft, so findet sich fast niemand, der den besten Teil Gott aufopfert. Öfters bringt man
solche Opfer, welche die Eifersucht Gottes erregen und seinen Grimm entzünden, und man glaubt
doch damit Opfer der Gerechtigkeit zu tun. Wir opfern Gott leichtlich dasjenige auf, was bös oder
weniger vortrefflich ist (Maleachi 1,8/14). Wo findet man aber solche, die das Beste aufopfern
wollen? Man findet Ordenspersonen und Personen in der Welt, die ihren Leib zum Opfer bringen.
Wo findet man aber solche, die ihren Verstand aufopfern? Es gibt noch welche, die ihren verkehrten
Willen aufopfern. Wo sind aber solche zu finden, die den guten Willen aufopfern? Man opfert den
Willen des Fleisches, niemals aber den Willen des Menschen.
Demnach ist das Opfer der meisten Menschen ein geteiltes Opfer. Es gibt auch kein anderes reines
und vollkommenes Opfer, ohne nur das Opfer, worin man von aller Eigenheit ganz und gar
losgemacht und befreit wird. David sprach zu Gott, er habe seinen Willen wunderbar gemacht
(Ps.15,3). Denn es geschah, da er allen Willen (auch sogar seinen guten Willen) für den Herrn
verloren hatte, dass ihm der Wille des Herrn mitgeteilt wurde, und der Wille des David war in den
Willen des Herrn übergegangen und überformt, und daher war sein Wille wahrhaftig wunderbar
geworden. Darum spricht auch Jesaja, dass Gott die Opfer, welche der Eigenwille schlachtet, gar
nicht achte (Jes.58,3 & 66,3).Das Opfer aber, welches Gott begehrt, ist dass man den eigenen Willen
selbst aufopfere, und dieses auch sogar in dem Guten, nach den Worten, dass Gott gehorchen besser
ist als das Fett der Lämmer zu opfern (1 .Sam.15,22). Das Fett aber bedeutet den besten Teil des
Opfers.

Demnach ist die Eigenheit die Quelle des Zorns Gottes; und solche verursacht, dass Gott unsern
Untergang und Zerstörung schwört, und dass Er unsere Opfer verwirft. Aus diesem Grund kommt
es, dass eine Menge Personen, die zwar angefangen haben sich Gott zu ergeben, gleichwohl für
immer aufgehalten bleiben. Alsdann gibt Gott die für solche Personen bestimmte und vorbehaltene
Barmherzigkeiten andern Seelen; und die Gnade des Innern kommt von einer Person auf eine
andere, die solche besser anwendet. Denn diese Gnade des Innern geht niemals verloren. Wie viele
Personen haben wir gesehen, denen Seelen von dem Herrn waren geschenkt worden, und welche zu
tragen Gott aufgelegt hatte, die zwar einen sehr guten Anfang gemacht, hernach aber plötzlich sind
hinweggerissen, und andere an ihren Platz gegeben worden, welche dasjenige empfingen, was jenen
ersten war bestimmt und vorbehalten gewesen? Denn Gott verherrlicht nur diejenigen, welche Ihn
verherrlichen werden; und wir können Ihn nicht wahrhaftig verherrlichen, ohne nur durch die
Verlierung aller Dinge, welches die vollkommene Vernichtigung ist. Gott versichert auch, dass Er
nur von den Kleinen geehrt werde. Derjenige, welcher mit oder bei Gott etwas vorbehält und
zurückbehält, ist Gottes unwürdig, denn er verachtet Gott, wie die Schrift redet.

31) Es wird eine Zeit kommen, dass ich deinen Arm abhauen werde, und den Arm des
Hauses deines Vaters, dergestalt, dass in deinem Haus niemals ein alter Mann sein wird.

Dieser Spruch ist, nach dieser Erklärung, wunderbar. Nachdem Gott seinen Grimm einmal gegen die
Eigenheit entzündet hat, so kommt die Zeit, dass Er den Arm abhaut, indem Er alle Kraft, die man
im Guten hatte, wegnimmt und niederschlägt. Denn da man sich dieser Kraft zu einer Stütze
bediente, so verhinderte solche, dass man von der Eigenheit nicht völlig losgemacht noch befreit
werden konnte. Ja, Gott reisst nicht nur diese Kraft hinweg, sondern Er entzieht auch alle Kräfte des
guten Willens, und dieses ist den Arm des Hauses unseres Vaters abhauen; da der Wille, so zu reden,
der Ort ist, woselbst das Leben unserer Seele wohnt. Und dieses Leben macht durch seine Treue,
dass der Wille entweder lebt oder stirbt; so dass dem Willen nichts mehr übrigbleiben wird von dem,
was er ehedessen gewesen, um ihm zu einem gewissen Kennzeichen zu dienen, ob er unschuldig
oder schuldig ist.

33) Gleichwohl will ich alle von deinen Nachkommen nicht ganz und gar von meinem Altar
entfernen, sondern ich werde machen, dass deine Augen matt werden, und deine Seele
austrocknen wird; und ein grosser Teil derer deines Hauses sollen sterben, ehe sie noch zum
männlichen Alter kommen.

Eine Person, welche ihre Eigenheit behält, erfährt alles Unglück, womit Eli hier bedroht wird.
Gleichwohl verlässt Gott solche Personen deswegen nicht ganz und gar. Denn wenn ich schon aus
Liebe, welche Gott gibt zu seiner einzigen Ehre, und für das was Ihn am meisten verherrlicht, aus
allem Vermögen trachte, den Menschen einzuflössen, dass sie sich von aller Eigenheit ganz und gar
losmachen lassen sollen, so glaube ich dennoch nicht, dass Seelen, welche von der Eigenheit nicht
losgemacht worden, verdammt sein werden. Keineswegs. Allein dieses weiss ich, dass neben dem
schrecklichen Fegfeuer, das sie werden erdulden müssen (und welches umso viel heftiger sein wird, je
mehr diese Seelen von dem Herrn begnadigt gewesen sind), dass, sage ich, solche Seelen auch noch
Gott eine unbeschreiblich grosse Verherrlichung rauben. Diese mit Eigenheit behafteten Seelen sind
demnach nicht ganz und gar vom Herrn geschieden, sofern sie nicht in den Tod einer wirklichen
Sünde fallen. Aber sie sind ohne wesentliche und wahrhaftige Lichter. Sie haben niemals das reine
Licht der Wahrheit; sie sind verdunkelt und werden, o Herr, das Licht in deinem Licht nicht sehen.
Sie fallen unvermerkterweise in eine gewisse Mattigkeit, worin kein Leben und keine Lebhaftigkeit
ist. Diese Seelen vertrocknen nach und nach, und die meisten fallen ganz und gar, und weichen ab
von dem Weg des Herrn.

34) Das Kennzeichen hievon wird sein, dass deine beiden Söhne zugleich auf einen Tag
sterben werden.

35) Und ich will mir einen treuen Priester erwecken, der nach meinem Herzen und nach
meiner Seele tun wird. Ich will ihm ein beständiges Haus bauen, und er soll allezeit vor
meinem Christo wandeln.

Die Gnade des Innern und die Gnade andere Seelen zu führen, wie schon gemeldet worden, wird
niemals einer Person entzogen, ohne dass Gott nicht zugleich solche Gnade einem andern gibt und
überträgt. Wenn wir auch nicht so viele Sprüche hätten, welche dieses beweisen, so müssten uns
dennoch die so gar vielfältigen Beispiele, welche man hievon in der Heiligen Schrift findet, uns
davon überzeugen. Das Priestertum wird den Kindern des Eli samt dem Leben genommen, und
Gott erweckt an ihrer Statt den Samuel, der nach dem Herzen Gottes tut, d.h. er wird allen Willen
Gottes mit einer völligen Treue vollbringen, ohne auf ein menschliches Ansehen zu achten. Dies
wird er im Verlauf dieser Geschichte zeigen, und uns dadurch belehren, dass die wahrhaftige Tugend
darin besteht, dass man sich allem Willen Gottes völlig unterwerfe, gleichwie Samuel dieses selber
sagt, nämlich, dass Gott gehorchen besser sei als das Fett der Schafe zu opfern. Wenn wir aber nach
der Quelle, aus welcher die Treue des Samuels geflossen, tiefer forschen, so werden wir sehen, dass
solche daher rührt, dass er in der Gegenwart des Herrn wandelte, welches ist vor Christo wandeln.
Wenn an unzähligen Orten der Schrift von einem beständigen Haus geredet wird, so soll dieses nicht
nach dem Buchstaben verstanden werden; da alle diese Häuser zerstört worden sind. Sondern man
muss es verstehen von der Festsetzung der Seele in Gott, welches die Frucht der Treue und der
Beugsamkeit unter allen Willen Gottes ist.

3. Kapitel. 

1) Der Knabe Samuel aber diente dem Herrn in der Gegenwart des Eli. Damals war das Wort
des Herrn rar und teuer. Gott offenbarte sich nicht klärlich.

Samuel diente Gott, indem er dem Eli gehorchte. Hiedurch zeigt uns die Schrift, dass die Gnade der
Kinder des Eli samt der Gnade ihres Priestertums wahrhaftig auf den Samuel übertragen worden
war. Die Schrift spricht überdies, dass das Wort Gottes damals rar war. Es gibt Zeiten, in welchen
Gott sich nur gar wenig offenbart; hingegen gibt es auch andere Zeiten, in welchen Gott sein
Wohlgefallen hat, sich übermässig mitzuteilen. Dieses Wort ist nichts anderes als die Mitteilung
Gottes, in welcher Gott seine Geheimnisse seinen Knechten offenbart. Dieses Wort ist ein
fruchtbares Wort, welches die Wahrheit ausgebiert, und in der Seele alles das wirkt, was Gott von der
Seele will und begehrt.

4) Der Herr rief dem Samuel, und Samuel antwortete: Hier bin ich.

5) Und er lief alsbald zum Eli und sprach zu solchem: Hier bin ich, denn du hast mich
gerufen.

Dieses Rufen Gottes zeigt eine besondere Berufung an, die Seelen zu führen. Die Antwort des
Samuel gibt seinen fertigen Gehorsam zu erkennen. Es ist eben als ob er spräche: Ich bin bereit, o
Herr, deinen Willen zu tun. Befehle was dir Wohlgefallen wird, siehe, hier bin ich. Die Schrift meldet
die gleichen Worte von Jesu Christo, welche Er spricht, da Er in die Welt kam, Er, der der Erlöser
der Welt und ihr Hirte war: Hier bin ich, und bereit alles zu tun, was dir Wohlgefallen wird
(Hebr.10,67).

Warum meldet die Schrift, dass Samuel hinging, den Eli zu fragen, was er wolle? Es ist nicht nur
darum, um uns zu zeigen, dass Samuel des Wortes Gottes noch nicht gewohnt war, sondern sie lehrt
uns überdies, dass die Berufung nicht nur durch den Führer bezeugt wird, sondern auch von Gott
selbst in den Grund des Herzens eingedrückt, und hernach durch den geistlichen Vater oder Führer
bestätigt werden muss. Was aber den Grund der Berufung betrifft, so muss solcher von Gott allein
kommen.

6) Der Herr rief den Samuel nocheinmal, und Samuel stand auf, ging hin zu dem Eli, und
sprach zu solchem: Hier bin ich, denn du hast mir gerufen. Eli sprach zu ihm: Mein Sohn,
ich habe dir nicht gerufen, gehe wieder hin und schlafe.

Wer wird nicht bewundern den fertigen Gehorsam des Samuel und seine Fertigkeit, der ihm
rufenden Stimme zu folgen? In einer solchen beugsamen Gemütsfassung soll eine Seele stehen, um
mit der Würde eines Hirten begnadigt zu werden. Alle welche nicht wie Samuel vom Herrn selbst
berufen worden, und diese Beugsamkeit nicht haben, sind Lohnknechte, und keine wahrhaftigen
Hirten. Die Stimme eines solchen Menschen wie Samuel, ist die Stimme Jesu Christi selbst. Darum
hören auch die Schafe diese Stimme. Sie redet bis in den Grund des Herzens. Es ist ein kräftiges
Wort, welches die auserkorenen und auserwählten Schafe sehr wohl verstehen.

7) Samuel aber kannte den Herrn noch nicht, und bis dahin war ihm das Wort des Herrn
noch nicht geoffenbart worden

Woher kommt es, dass hier gesagt wird, dass Samuel den Herrn noch nicht kannte, da doch oben
gemeldet wird, dass er vor dem Herrn diente, und allezeit in dessen Gegenwart war? Die Ursache
dessen ist, dass man den Herrn erst alsdann recht kennt, wenn man seine Stimme gehört hat, und
solche ist der Ausdruck Gottes selbst in uns. Welche Erkenntnis wir auch von Gott haben mögen,
entweder durch die Wissenschaft, oder durch die erleuchtete Vernunft, ja auch selbst durch den
Geschmack seiner Gegenwart, so ist dieses doch nicht eigentlich eine Erkenntnis, sondern die
wahrhafte Erkenntnis ist diese, welche das in uns ausgedrückte Wort uns mitteilt. Der Ausdruck des
Worts ist das Wort Gottes in uns. Gleichwie aber das Wort das Ziel der Erkenntnis des Vaters ist, so
kann keiner eine wahrhaftige Erkenntnis des Vaters haben, als nach der Ausdrückung des Worts in
uns. Darum sprach auch Jesus Christus zu dem Philippus: Wer mich sieht, der sieht den Vater
(Joh.14,9). Durch das Wort erkennen, und durch den Heiligen Geist lieben, solches ist die erhabene
und vortreffliche Erkenntnis und die reine Liebe.

8) Also rief der Herr den Samuel zum drittenmal, und Samuel stand auf und ging zu dem
Eli.

Es scheint, unser Herr berufe mit diesem dreifachen Ruf alle diejenigen, denen Er eine besondere
Berufung zum apostolischen Stand gibt. Da Gott will, dass David der Hirte von Israel sein soll, so
weiht und heiligt Er ihn dreimal mit seiner heiligen Salbung, wodurch die dreifache Berufung des
Davids angezeigt wird, indem er berufen wird zu einem Vater, zu einem Hirten und zu einem
Ausleger des Willens Gottes. Als Vater zeugt er Jesu Christo die Seelen; als Hirte weidet und nährt er
solche mit dem göttlichen Wort; und als Ausleger des Willens Gottes verkündigt er ihnen allen
Willen Gottes, und teilt ihnen eine geheime Kraft mit, solchen zu erfüllen.

Als Jesus Christus dem heiligen Petrus auftrug, seine Kirche zu führen, liess Er nicht ebenfalls an
solchen eine dreifache Berufung ergehen? Und gleichwie diese Kirche auf die Liebe sollte gegründet,
durch die Liebe beseelt und in der Liebe vollendet werden, so fragt Jesus Christus dreimal: Petrus,
hast du mich lieb? (Joh.21,15ff). Womit Er gleichsam zu solchem sagen will: Das Mass deiner
Berufung, um meine Herde zu führen, ist das Mass der Liebe, welche du zu mir trägst. Die am
meisten geläuterte Liebe zu mir ist das Zeichen der vollkommensten Berufung, andern zu helfen.
Petrus, hast du mich lieb? Weide meine Lämmer! Dies ist eine erste Liebe, welches eine Liebe der
Dankbarkeit ist. Solche verursacht, dass man sich aus Liebe zu Gott mit den Mühseligkeiten des
apostolischen Amts beladet. Petrus, liebst du mich? Dieses ist die zweite Berufung, die durch die
Liebe des Vertrauens ausgeboren wird, und macht, dass man hofft in Gott dasjenige zu finden, was
uns zu einem so wichtigen Amt fehlt. Und von solchem wird ebenfalls noch gesagt: Weide meine
Lämmer! Die dritte Berufung: Petrus, hast du mich lieb, bezieht sich auf die dritte Liebe, welche ist
eine Liebe der Übergabe, eine freiwillige, uneigennützige Liebe, eine reine Liebe, welche macht, dass
da man sich seinem Gott zum vollkommenen Eigentum gegeben, man bereit ist, auch unser Leben,
unsere Ehre, unsre Seele und alles übrige für seine Herde hinzugeben und aufzuopfern. Dieser Liebe
wird geantwortet: Weide meine Schafe. Dieses zeigt nicht nur eine Berufung an, um ein Hirte der
Seelen zu sein, sondern es bezeichnet überdies eine Gnade der Mitteilung, welche macht, dass
nachdem man berufen worden, man auch einen priesterlichen Grad erlangt, durch welchen man
eben dieselbe Gnade der Fruchtbarkeit auch andern und solchen Seelen mitteilt, welche selbst schon
zum apostolischen Stand gelangt, und imstande sind, den andern zu helfen. Dieser dreifache Ruf
zeigt demnach eine ausserordentliche Berufung an und eine weit überfliessende Gnade. Johannes
drückt diese Gnade, die er empfangen hatte, in seinem Evangelium auf eine andere Weise aus, indem
er spricht: Ich rede zu euch, ihr jungen Leute (womit er von gewöhnlichen Seelen redet, aus welchen
die Herde besteht), weil eure Sünden euch vergeben sind, und da ihr in dem Stand der Gnade steht,
so seid ihr lebendige Glieder der Herde Jesu Christi. Ich schreibe euch, ihr Väter, weil ihr erkannt
habt denjenigen, welcher von Anfang ist, wodurch er von der Erkenntnis redet, die durch die
Mitteilung des Worts ausgeboren wird, gleichwie gemeldet worden; und welche das sicherste
Kennzeichen der geistlichen Vaterschaft ist. Und endlich schreibt er auch den jungen Kindern, d.h.
den einfältigen und kindlichen Seelen, weil sie die göttliche Vaterschaft erkannt, und deren
Wirkungen empfangen haben. Dies ist die dreifache Berufung, wovon hier die Rede ist.
9) Da erkannte Eli, dass der Herr das Kind rief, und er sprach zu Samuel: Gehe hin und
schlafe; und wenn man dich nocheinmal ruft, so antworte: Rede, Herr, denn dein Knecht
hört. Also kehrte Samuel wieder an seinen Ort und schlief ein.

Eli erkannte, dass der Herr sich dem Samuel mitteilte. Es steht dem erleuchteten Führer zu, zu
urteilen, wenn es Gott wahrhaftig ist, der da wirkt, und wann es Zeit ist still zu schweigen, um Gott
reden zu lassen. Es währt öfters eine lange Zeit, dass Gott durch eine ganz liebevolle Einladung die
Seele zum Stillschweigen einladet. Ihre Unwissenheit aber verhindert sie, die Stimme Gottes
anzuhören, und sich deren Wirkung zu überlassen. Fast alle Anhänger in der Liebe machen es also,
wenn Gott sie einladet, dass sie Ihm zuhören sollen, indem Er ihnen einen Anfang einer liebevollen,
inneren Sammlung gibt, dass sie sich erheben und sich wohl gar ins Äusserliche ergiessen. Haben sie
aber einen erfahrenen Führer, so wird solcher sie lehren, dass das Wort Gottes das Stillschweigen
erfordert, und dass man sagen müsse: Rede, Herr, denn dein Knecht hört. Es ist eben als ob er
spräche: Bis hieher, o Herr, habe ich nicht begriffen, dass ich mich gegen deine innige Wirkung nicht
anders betragen soll, als indem ich in Ruhe bleibe, und dass ich dein Wort anders nicht empfangen
kann, als durch mein Stillschweigen. Nunmehr aber, da ich durch deinen Diener hierin unterrichtet
worden bin, so verspreche ich dir ein genaues Stillschweigen, und eine immerwährende
Aufmerksamkeit. Rede, o Herr, dein Knecht hört. Sobald Gott anfängt sich einer Seele mitzuteilen,
so begehrt Er nur von ihr die Aufmerksamkeit auf Gott, und das Stillschweigen. Hernach wenn die
Seele dieses tut, so lehrt Er sie allen seinen Willen.

10) Der Herr kam abermals, und da er nahe bei ihm war, rief er ihn, wie er ihn das vorige
Mal gerufen hatte: Sa muel, Samuel. Samuel antwortete ihm: Rede, o Herr, denn dein
Knecht hört.

Nachdem Samuel die gewisse Versicherung erhalten, nicht nur seiner künftigen Berufung zum Stand
eines Hirten, sondern auch dass er zum inneren Stillschweigen die Berufung empfangen, so wankt
und zweifelt er nicht, sondern tut ohne Widerrede das, was man ihm sagt. Seine Unterwerfung, sich
unterrichten zu lassen, ist vollkommen. Demnach spricht er zu Gott: Rede, o Herr, nunmehr bin ich
unterwiesen, dass du mich mit einer so grossen Gnade beehrst. Ich will dir unaufhörlich zuhören.
Dein Wort soll in mir nicht mehr vergeblich sein. Durch meinen willfährigen Gehorsam, solches
anzuhören, wird solches in mir alle Frucht ausgebären, welche du, o Herr, davon verlangen wirst.

11) Der Herr sprach zu Samuel: Siehe, ich tue eine Sache in Israel, dass wer es hören wird,
der wird darüber erstaunen.

12) An demselben Tag will ich wahr machen alles, was ich gegen den Eli und gegen sein
Haus geredet habe. Ich will anfangen und vollenden.

Ist es nicht wunderbar, dass Gott vielmehr mit dem Samuel als mit dem Eli redet, obschon Samuel
nur ein Kind ist? Eli ist hier das Vorbild einer Person, die zu einem grossen Innern berufen worden
ist, welche aber um nichtswürdiger Dinge willen sich auf dem Weg aufgehalten und stillgestanden ist.
Deswegen wurde er von den göttlichen Mitteilungen ausgeschlossen. Doch hindert solches nicht,
dass er die zu ihm kommenden Seelen in den Anfängen des inneren Weges unterweisen kann, wie er
auch den Samuel unterrichtet hat, dass er Gott hören und stillschweigen soll. Samuel aber, ob er
schon noch ein Kind ist, so wird er doch von den Geheimnissen Gottes durch Gott selbst
unterrichtet. Dieses zeigt uns, dass Gott keinen Augenblick verweilt, sich einer Seele mitzuteilen,
wenn solche vollkommen beugsam ist, und dass Gott sich im Gegenteil von denjenigen absondert,
welche aufhören beugsam zu sein.
Woher kommt es aber, dass Gott spricht, dass Er wahrmachen werde, was Er gegen das Haus des
Eli geredet, und dass Er vollenden werde, was Er angefangen habe? Die Ursache dessen ist, dass die
Bedrohungen Gottes mit Bedingungen geschehen; so dass wenn der, gegen welche solche ergehen,
wieder zu Gott kehrt, und in die Ratschlüsse oder Vorhaben Gottes eingeht, so werden die
Drohungen nicht erfüllt. Bleibt aber der Mensch in sich selbst stehen, und geht nicht mehr ein in das
Vorhaben der Barmherzigkeit Gottes, so wird der Ratschluss der Gerechtigkeit ihn treffen. Und
gleichwie es manchmal geschieht, dass eine blosse Strafe verursacht, dass der Mensch wieder zu
seinem Gott kehrt, so hört Gott alsdann auf zu schlagen, und vollendet dasjenige nicht, was Er zu
tun beschlossen hatte. Darum spricht Gott, Er werde es mit dem Eli nicht also machen, sondern die
Strafe vollstrecken und vollenden.

13) Denn ich habe ihm zuvor gesagt, dass ich sein Haus für allezeit um seiner Missetat
willen strafen wolle. Denn er wusste, dass seine Kinder Böses taten, und er hat sie nicht
gestraft.

Aus diesem Spruch sind verschiedene Lehren zu ziehen. Zum ersten, dass man sorgfältig sein soll,
die Kinder nach ihrem Stand zu bestrafen, vornehmlich wenn Gott solches zu tun befiehlt. Es finden
sich Personen, denen Gott alle Macht und allen kräftigen Nachdruck über ihre Kinder so
hinwegnimmt, dass sie genötigt sind die Pein zu tragen, die sie darüber leiden, ohne dass sie ihre
Kinder zu bessern vermögen. Wenn aber Gott die Gewalt gibt, ja wenn Gott einladet, solche zu
gebrauchen, und man solches durch eine weichliche Zärtlichkeit unterlässt, so ist man mitschuldig an
allen Übeltaten, die sie begehen. Man muss in den Lastern der Kinder des Eli die Umstände
betrachten, welche so beschaffen sind, dass ihr Vater keine Entschuldigung hat. Denn da er der
Hohepriester war, so stand es bei ihm, seinen Kindern das Priestertum zu nehmen, weil sie solches
missbrauchten, und sich dessen zu ihrem Geiz und zu ihrer Geilheit bedienten. Die Obern sind
schuldig an den öffentlichen Lastern und Übeltaten derer, die unter ihnen stehen, und müssen solche
verantworten.

16) Also rief Eli dem Samuel, und sprach zu ihm:

17) Was hat der Herr zu dir gesprochen? Verhehle es mir nicht, ich bitte dich. Der Herr tue
dir nach aller seiner Strengigkeit, wenn du mir etwas von allen Worten verhehlst, die zu dir
sind geredet worden.

18) Da sagte ihm Samuel alles, was er gehört hatte, und verhehlte ihm nichts. Eli antwortete:
Er ist der Herr, er tue alles, was seinen Augen wohlgefällt.

Dieses zeigt uns beides, sowohl die Treue als auch die Herzhaftigkeit des Samuels, alles zu sagen, was
der Herr zu ihm geredet hatte. Es zeigt aber auch die sehr standhafte und weit sich erstreckende
Übergabe des Eli. Denn obgleich die Schwachheit, die er für seine Kinder hatte, strafbar war, so ist
doch gewiss, dass keine stärkere Gelassenheit, sich dem Gericht Gottes zu unterwerfen, zu finden ist,
als diese Gelassenheit, worin er zu stehen scheint, da man ihm den gänzlichen Untergang seines
Hauses und den Verlust seiner Kinder verkündigt; ja so einen schrecklichen Verlust, dass der Herr
(V.14) geschworen hatte, Er würde nicht besänftigt werden, weder durch Opfer noch Geschenke.
Gleichwohl aber spricht Eli: Der Herr tue, was Ihm Wohlgefallen wird. Ich bekenne, dass ich
schuldig bin an dem Laster meiner Kinder; und dennoch willige ich ein und übergebe mich zu einer
Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit, beides, für sie und für mich, wenn nur Gott seinen Willen
vollbringt, und seine Verherrlichung zieht aus meinem Untergang und aus dem Untergang meiner
Kinder.
19) Samuel aber wuchs an Alter, und der Herr war mit ihm, und keines seiner Worte fiel auf
die Erde.

Nichts macht die Seele in der wahrhaften Gottseligkeit mehr zunehmen, als wenn sie Gott
gegenwärtig hat. Gott weicht nicht von demjenigen, welcher in seiner Gegenwart zu bleiben trachtet.
Welches sind aber die Früchte der Gegenwart Gottes in einer Person, die bestimmt ist, andern zu
helfen? Dieses ist die gewiss wirkende Kraft seiner Worte, welche alle zu ihrer Zeit Frucht bringen,
weil sie Worte des Lebens sind.

20) Und das ganze Israel von Dan bis Beerseba erkannte, dass Samuel der getreue Prophet
des Herrn war.

21) Der Herr fuhr fort in Silo zu erscheinen. Denn in Silo offenbarte er sich dem Samuel, und
gab ihm sein Wort zu erkennen. Und alles was Samuel zu dem Volke redete, wurde erfüllt.

Dies ist eine Bestätigung dessen, was ich vorher gemeldet, nämlich dass die gewiss wirkende Kraft
der Worte das Kennzeichen ist, dass Gott in einer Seele wohnt. Dieses Wort ist auf eine zweifache
Weise gewiss wirkend und kräftig; die eine, wenn solches in den Grund des Herzens eindringt, und
dieses ist das allernotwendigste. Die zweite Weise besteht in der Erfüllung der Prophezeiungen.
Denn obschon die Prophezeiung eine freie Gnade ist, und keineswegs notwendig zur Heiligkeit, so
ist doch solche unter allen freien Gnadengaben diejenige, welche das gewisseste Kennzeichen der
Heiligkeit ist.

4. Kapitel. 

1) Das Volk Israel zog aus gegen die Philister zu streiten, und das Heer lagerte sich bei dem
Stein des Beistands.

2) Und da die Schlacht gehalten wurde, flohen die Israeliten, und die Philister verfolgten
solche, und töteten derer bei viertausend Mann.

Es ist vergebens, dass man Beistand sucht ausser bei Gott. Nichts vermag uns vor seinem Grimm zu
verdecken. Man muss sich Gott übergeben. Dieses ist das allerbeste Mittel, Ihn zu entwaffnen. Ja
man muss sich Gott so übergeben, dass man nicht einmal gedenkt zu erlangen, dass Er die Waffen
niederlege.

4) Da also das Volk nach Silo gesandt hatte, Hess man kommen die Lade des Bundes des
Herrn der Heerscharen, der Ober den Cherubinen sitzt.

5) Da die Lade des Bundes des Herrn in das Lager gekommen war, jauchzte das ganze Volk
Israel.

7) Da fürchteten sich die Philister und sprachen:


8) Wehe uns, denn es war keine so grosse Freude gestern und vorgestern. Wer wird uns von
der Hand dieses mächtigen Gottes erretten? Dieses ist der gleiche Gott, welcher ganz
Ägypten schlug.

Die Philister hatten Ursache, die Gegenwart der Lade zu fürchten, denn sie wussten nicht, dass Gott
ein rächender Gott, und nicht ein beschützender Gott für Israel war. Wenn Gott zornig ist, und man
zur heiligen Kommunion naht, so dient dies öfters, dass die Strafe, die Er uns zubereitet, desto eher
kommt.

10) Also lieferten die Philister eine Schlacht und Israel wurde geschlagen; alle flohen in ihre
Zelte.

11) Die Lade Gottes wurde genommen, und die beiden Söhne des Eli wurden getötet.

Es ist vergeblich, dass man Hilfe in Gott sucht, wenn Er unseren Untergang beschlossen. Ich
verstehe aber hier nicht, dass man ewiglich verloren gehe, sondern unsere geistliche Zerstörung. Je
mehr wir Gott bitten, und von Ihm Hilfe begehren, umso viel weniger hat Gott Mitleid. Er lässt uns
alles hinwegrauben, auch sogar seine Gegenwart. Wo sollte man denn Hilfe suchen oder erlangen,
wenn wir sie nicht in Gott finden? Notwendigerweise muss seine Barmherzigkeit seiner
Gerechtigkeit Platz machen.

12) An eben demselben Tag kam ein Mann mit zerrissenen Kleidern nach Silo gelaufen.

16) Der sprach zu Eli: Ich komme wieder aus der Schlacht. Eli sprach zu ihm: Was ist
geschehen, mein Sohn?

17) Dieser Mann, der die Botschaft brachte, antwortete ihm: Israel ist vor den Philistern
geflohen; der meiste Teil des Volks ist erwürgt worden; deine beiden Söhne Hophni und
Pinehas sind getötet, und die Lade Gottes ist genommen worden.

Es ist erstaunlich, dass dieses Volk, welches bis hieher eine so grosse Kraft gehabt, um so viele Siege
zu erhalten, solange Gott sie beschützte, nunmehr fast ohne Widerstand flieht und sich überwinden
lässt, sobald Gott aufhört für sie zu sein. Wir sind unseren Feinden sehr schrecklich, solange Gott
uns auf eine besondere Weise beschützt. Sobald Er uns aber uns selbst überlässt, o Gott, wie gross
ist alsdann unsere Schwachheit! Öfters helfen wir selbst zu unserer Niederlage. Gleichwohl sind wir
so blind, dass wenn wir siegen, wir uns insgeheim den Sieg zuschreiben. Es ist eine Wirkung der
Barmherzigkeit Gottes, dass Er unsere Niederlage zulässt. Ohne dieses würden wir nicht genugsam
begreifen, weder unsere Schwachheit, noch wie sehr wir Gott nötig haben.

18) Sobald er die Lade Gottes erwähnte, fiel Eli hinter sich von seinem Stuhl, und brach den
Hals, so dass er starb.

Eli war vorbereitet auf den Untergang seines Hauses und den Verlust seiner Kinder. Darum war sein
Schmerz mit eben derselben Gelassenheit unterstützt, die er zeigte, da Samuel ihm solches vorher
verkündigte. Darum war auch dies nicht die Ursache seines Todes. Weil er sich aber zu dem Verlust
der Lade nicht hatte zubereiten können, so verursachte solches, dass er das Leben einbüsste. Ob wir
auch gleich alles verlieren, was wir besitzen, wenn wir nicht auch die Gegenwart Gottes und seine
wahrnehmliche Stütze verlieren würden, so würden wir niemals sterben. Wir sind zu allem zubereitet,
ausgenommen zu dem Verlust dessen, was unsern Begriff übersteigt, und welches gleichwohl in uns
unsere innigste und allerzarteste Unterstützung ist.
19) Des Pinehas Weib, die Schwiegertochter des Eli, war damals schwanger und es war Zeit,
dass sie gebären sollte. Und da sie die Botschaft gehört, dass die Lade Gottes war
genommen worden, und ihr Schwiegervater und Mann tot wären, wurde sie von den Wehen
überfallen und gebar.

21) Und sie nannte ihren Sohn Ikabod, denn sie sprach: Israel hat seine Herrlichkeit
verloren.

22) Sie sagte aber, Israel habe seine Herrlichkeit verloren, weil die Lade war geraubt worden.

Die Herrlichkeit Israels, oder der inneren Seele, kann nicht anders als in der Gegenwart ihres Gottes
sein, welche durch die Lade vorgebildet wird, gleichwie anderswo gesagt wird, dass Israel allda seine
Kraft findet. Sobald diese Gegenwart sich verliert, so geraten wir in die äusserste Schwachheit und
Unvermögen, dass wir dasjenige nicht mehr tun können, was wir zuvor taten. Wir hören auf, unsern
Feinden furchtbar zu sein, ja unsere Feinde erfreuen sich vielmehr über unsere Niederlage. Zu
derselben Zeit sollen wir wohl mit dem königlichen Prophet sprechen: Herr, weiche nicht von mir,
und gestatte nicht, dass meine Feinde sich über mich freuen (Ps.34,2224). Alsdann geschieht es, dass
diejenige, welche wie eine Königin der Völker gewesen, nun ein Gegenstand der Schmach und
Schande wird, und genötigt Tribut zu bezahlen (Klagel.1,1). Wenn du, o mein Gott, uns mit deiner
Gegenwart begnadigst, so ist uns alles leicht. Sobald du aber diese deine Gegenwart uns entziehst, so
fallen wir in eine tödliche Kälte, welche (so zu reden) diesen göttlichen Saft, der unsern Werken das
Leben gibt, zu Eis macht, und unsere Seele wird wie ein in voller Blüte stehender Baum, welcher
durch einen einzigen Nachtfrost aller seiner Blätter und Blüten beraubt wird.

5. Kapitel.

1) Da die Philister die Lade Gottes genommen hatten,

2) Setzten sie solche in den Tempel des Dagon.

Die grösste Schmach, welche man Gott anzutun vermag, besteht darin, wem man Ihn und zugleich
auch die Sünde und die unordentliche Liebe zu uns selbst in einem Herzen beisammen wohnen
machen will. Dies kann unmöglich beisammen stehen. Das eine muss dem andern Platz machen.
Gleichwohl ist der Sünder glückselig, wenn er diese Gegenwart Gottes in sein Herz einführen kann!
Diese heilsame Arbeit ist es, welche den Frieden gibt, und den Menschen mit seinem Gott versöhnt.

3) Den folgenden Tag, da die Leute von Asdod vor Tag aufstanden, fanden sie dass Dagon
mit dem Angesicht auf die Erde vor der Lade des Herrn gefallen war. Sie hoben ihn auf und
setzten ihn wieder an seinen Platz.

O wunderbare Wirkung der Gegenwart meines Gottes 1 Sobald sie sich in einer Seele offenbart, so
stürzt sie die Sünde und alles, was ihr hinderlich ist, zu Boden. Glückselig ist die Seele, welche in die
Ratschlüsse und das Vorhaben Gottes einwilligt, sich auf die Seite Gottes schlägt, und alles in ihr
einreissen und zerstören lässt. Wehe aber der Seele, welche Gott mit ihrer Eigenliebe
zusammenkoppeln will, und das wieder aufrichtet, was Gott niederstürzt! Denn gleichwie Gott und
dieser unselige Dagon unmöglich beisammen bestehen können, so muss einer dem andern weichen.
Selig ist der Mensch, wenn die Sünde der Gnade in ihm Platz macht, und wenn die Liebe zu uns
selbst der Liebe Jesu Christi die Stelle überlässt. Wehe aber, und abermals wehe uns, wenn Gott
weicht und den Platz überlässt! Wir sehen, wem Personen im Anfang die Erstlinge des inneren
Geistes gehabt, und die süsse Gegenwart Gottes geschmeckt haben, hernach aber solches alles
fahren lassen, dass diese Personen nachher ärger werden als andere, und weniger zu bekehren sind.
Die Ursache dessen ist, weil sie die Lade und den Dagon haben zusammenkoppeln wollen. Und da
sie ein so hohes Gut, das Gott ihnen durch die Erstlinge seines inneren Geistes und durch seine
süsse Gegenwart verliehen hatte, zu ihrem Heil wohl hätten anwenden sollen, so haben sie durch
eine unerhörte Bosheit solches verachtet, indem sie sich nicht selbst verleugnen wollten. Sie hätten
wohl gern diese göttliche Gegenwart mit der Weltfreude und Eigenliebe zusammen verknüpfen
wollen. Da sie aber solches nicht haben tun können, haben sie die Wollüste der Welt und die
Eigenliebe Jesu Christo vorgezogen.

4) Da sie auch des folgenden Tages sehr früh aufgestanden waren, fanden sie den Dagon auf
der Erde liegen auf seinem Angesicht, aber der Kopf und die beiden Hände waren
abgehauen, und lagen auf der Türschwelle.

Dieses ist die Wirkung der Gegenwart Gottes in einer Seele, nämlich dass solche macht, dass die
eigenen Vernunftsüberlegungen und das eigene Wirken, durch den Kopf und die Hände des Dagon
vorgebildet, fallen. Was ist aber für ein Gutes, das daraus kommt, wenn man Gott machen lässt?
Dieses, dass Gott alsdann die Stelle einnimmt, und alles in der Seele tut. Gewöhnlich aber geschieht
es, dass die Priester und Führer alle Sorge dahin richten, den Kopf und die Hände des Dagon wieder
an ihren Platz zu setzen, indem sie machen, dass man das vernünftige Überlegen und das eigene
Wirken zur Hand nimmt, und gebraucht, und also muss Gott den Platz verlassen, und seiner Kreatur
weichen. Allein ehe Gott dieses tut, wie grosse Pein lässt Er nicht erdulden!

Indessen ist hiebei zu merken, dass der Kopf und die Hände des Dagon auf der Türschwelle liegen
bleiben. Damit wird uns gelehrt, dass das vernünftige Überlegen und die eigene Wirksamkeit uns
dienen sollen, in das Innere uns einzuführen, jedoch müssen wir sie auf der Türschwelle lassen, ohne
solches würden wir in dem Weg des Geistes niemals etwas ausrichten können.

5) Nur allein der Rumpf des Dagon war an seinem Platz geblieben. Aus dieser Ursache
geschieht es bis auf den heutigen Tag, dass die Priester des Dagon, und alle welche in
seinen Tempel eingehen, nicht auf die Türschwelle treten.

Gott zeigt uns hiedurch, dass nur das Haupt und die Hände des Dagon schädlich sind, d.h. nur das
Raisonieren oder das vernünftige Überlegen, und das eigene Wirken ist schädlich. Wenn aber diese
abgehauen sind, so bleibt nur der Rumpf übrig. Dieses ist der Ort, wo das Herz seinen Sitz hat, und
kann keinen Schaden bringen; vielmehr wenn der Rumpf Gott dargestellt bliebe, würde er mit Geist
und Leben beseelt werden. Allein wie weit sind die Priester dieser Zeit hievon entfernt. Denn anstatt
dass man diese Gnade zum Heil wohl anwenden sollte, so machen sie es eben also wie die Priester
des Dagon: Sie wollen nicht über die Schwelle gehen, und lassen auch andere nicht darüber
hingehen, indem sie sich dem Innern widersetzen, und wollen nicht, dass man weder die
Vernunftsüberlegungen oder das Raisonieren, noch die Übungen verlasse. Auf diese Weise geschieht
es, dass das, was durch ein Wunder der Allmacht Gottes geschehen war, um die Menschen zu
unterweisen, dass er im Geist und in der Wahrheit angebetet sein will (Joh.4,24), dass, sage ich,
solches eben diesen Menschen dient, um sich dem Reich und der Herrschaft Jesu Christi in den
Seelen zu widersetzen. Sagt man nicht: Dieser Weg sei gefährlich? Denn sobald die Gegenwart
Gottes in eine Seele komme, könne solche nicht mehr wirken? Darum setzt man sich dagegen,
anstatt zu sagen: Die Seele ist in das Unvermögen zu wirken gesetzt worden, weil Gott selbst wirken
will. Demnach ist dieses das Zeichen, dass man Gott den Platz überlasse, und Ihn machen lassen
muss. Allein anstatt dieses zu tun, streitet man gegen Gott, und hieraus entstehen schreckliche
Peinlichkeiten.

6) Es war aber die Hand des Herrn schwer Ober Asdod, und er verderbte das Land. Er
schlug auch die Leute der Stadt und vom Land mit dem Blutfluss; und man sah in der
ganzen Stadt eine Verwirrung von Toten und Sterbenden.

Nichts zieht die Ungnade Gottes mehr nach sich, als wenn man verhindern will, dass Er nicht über
unser Herz den Sieg erhalte, dass Er nicht unser eigenes Wirken daraus verbanne, und dass Er nicht
sein göttliches Bewirken anstatt des unsrigen in unser Herz einführe. Dies erregt Gottes Ungnade,
wenn man es verwehren will. Ja daher kommt es eben, dass Gott die Ihm widerstrebenden Seelen
mit so viel Peinlichkeiten heimsucht, bis endlich Gott ganz und gar von diesen Seelen weicht. Man
wundert sich über zwei Dinge, welche allen Seelen widerfahren, welche die Erstlinge des inneren
Geistes gehabt haben, in solchen aber nicht eingegangen sind, nämlich dass solche Personen ihr
ganzes Leben hindurch streiten, und schreckliche Peinlichkeiten erdulden; weil diese Personen die
ganze übrige Zeit ihres Lebens in dem äussersten Unvermögen und Dunkelheiten zubringen. Oder
solche Personen verlassen den Weg Gottes ganz und gar, ohne Hoffnung, in solchen wieder
einzutreten, indem sie durch vergebliche Anstrengungen ermüdet und abgemattet worden sind. All
dieses Übel kommt nur daher, dass anstatt man diese Seelen hätte anweisen sollen, sich nach der
Gnade zu richten, und ihr Betragen mit der Gnade übereinstimmend zu erweisen, so wendet man sie
vielmehr davon ab.

Es wird beigefügt, dass man in der ganzen Stadt eine Verwirrung von Sterbenden und Toten
gesehen, was ist wohl die Ursache, dass fast alle Menschen durch die Sünde sterben? Es ist der
Mangel des Innern. Ich habe ein sehr grosses Mitleid mit den Sündern; nämlich mit solchen, die aus
Schwachheit und nicht aus Bosheit sündigen. Denn diese letzteren stossen alle Heilmittel freiwillig
von sich und begehren keine solche. Was aber die Sünder betrifft, die von ihrer Sünde gern
loskommen wollten, aber keine Kräfte haben, diese jammern mich aufs äusserste. Man schreit
unaufhörlich gegen sie, und gibt ihnen doch keine Heilmittel zur Heilung. Man macht es wie
Personen, die einen Menschen sehen, der ertrinkt. Sie schreien und rufen aus allen Kräften und
schelten ihn, weil er ertrinkt; sie reichen ihm aber die Hand nicht um ihn zu erretten. Es ist
vergeblich die Sünder zu schmähen, wenn man ihnen nicht zugleich zeigt, wie sie zum inneren Leben
gelangen sollen. Denn dieses ist das einzige Mittel für ihr Übel.

7) Als die Leute von Asdod diese Plage sahen, sprachen sie untereinander: Lasset die Lade
des Gottes Israels nicht unter uns bleiben, denn seine Hand ist schwer auf uns und auf
Dagon, unserm Gott.

O ein Unglück, das mit Tränen nicht genug beweint werden kann! Nachdem die Gnade in einem
Herzen lange Zeit gekämpft, im den Dagon daraus zu verjagen, und nachdem der innere Geist
vielmehr hätte die Oberhand behalten als weichen sollen, so vertreibt man solchen aus dem Herzen,
und dämpft diesen Geist, von welchem Paulus doch sagt und so sehr empfiehlt, dass man ihn nicht
dämpfen soll (1 .Thess.5,19). Die Hand des Herrn ist nur darum schwer auf uns, weil wir Ihm nicht
Platz machen, und weil wir nicht vielmehr dem Rat des Petrus folgen, welcher zu uns spricht:
Demütiget euch unter die gewaltige Hand Gottes (1 .Petr.5,6). Anstatt aber, dass wir uns diesem
inneren Geist unterwerfen, und ihm den Platz überlassen sollten, so streiten wir wider solchen, bis
dass er aus dem Herzen gar verbannt worden, und man spricht stets bei sich selbst, es sei unmöglich
ein so unglückliches Leben, bei dem gar keine Freude sei, zu führen. Darum sei es besser, diesen
Weg fahren zu lassen. Dies tun auch fast alle Menschen.

8) Nachdem sie die Fürsten der Philister hatten kommen lassen, sprachen sie zu solchen:
Was machen wir mit der Lade des Gottes von Israel? Die von Gath antworteten: Man führe
sie von einer Stadt in die andere. Also führten sie die Lade des Gottes Israels von einem Ort
zu dem andern.

Wenn die Seelen durch den Widerstand, da sie Gott widerstreben, in grosse Pein und Leiden geraten,
so unterlassen sie nicht, sich wegen ihres Standes zu befragen. Und alsdann gibt man ihnen den Rat,
die Lade Gottes herumzuführen, d.h. allerlei Übungen anzustellen. Allein, ach! weit entfernt, dass
sie dadurch genesen könnten, vielmehr verschlimmert sich ihre Plage dadurch sehr, und wird noch
unheilbarer.

9) Da sie also solche von einem Ort zu dem andern führ ten, reckte der Herr seine Hand
über eine jede Stadt aus, und schlug die Einwohner mit dem Blutfluss, von dem Kleinsten
bis zum Grössten.

Der Herr streut Bitterkeiten auf alle äusseren Übungen. Man tut sie mit Ekel, ja sie erwecken wohl
gar Versuchungen, da Gott die Seelen hiedurch nötigen will, dass sie in ihr Inneres eingehen sollen.
Anstatt aber, dass man durch diese Gnaden oder durch die Strafen sich sollte zurechtweisen lassen,
so bleibt man vielmehr verhärtet und verstockt.

10) Hernach sandten sie die Lade Gottes nach Ekron. Und da sie dahin kam, schrien alle
Leute der Stadt: Sie haben die Lade des Gottes von Israel zu uns geführt, damit sie uns und
unser ganzes Volk töte.

Man hat das Gemüt fast aller heutigen Christen mit vergeblichen Schreckbildern erfüllt, indem man
die inneren Wege für gefährlich ausschreit, welche Furcht aber gewiss durch nichts anderes als durch
das Einblasen des bösen Geistes herkommen kann. Man flieht die im Inneren Leben stehenden
Personen wie die Pest und spricht, sie würden machen dass man sterbe. Ja, sie machen dass man sich
selbst abstirbt, wie auch allen eitlen Dingen der Welt; und dieses ist es, was man am meisten fürchtet.
Allein, spricht nicht die Schrift: Die Schritte dessen, der den Frieden verkündigt, sind lieblich
(Jes.52,7), indem die Schrift von denen redet, welche das Innere lehren? Wenn man das Innere lehrt,
so verkündigt man den Frieden, denn es ist gewiss, dass nur allein dieser Weg den Frieden zu bringen
vermag.

11) Also sandten sie zu allen Fürsten der Philister, welche, da sie sich versammelt hatten,
sprachen: Sendet die Lade Gottes von Israel wieder hinweg, und lasst sie wieder dahin
kehren, wo sie war, damit sie nicht uns und unser Volk töte.

O verkehrter Entschluss! Anstatt dass man Gott allein in uns regieren und wirken lassen sollte, so
ratet man vielmehr, Ihn hinwegzusenden, und den Weg des Innern zu verlassen. Geben nicht die
Priester (welche die Fürsten des Volks sind), heutzutage eben diesen Rat, anstatt dass sie untersuchen
sollten, woher die Verwirrung des Innern und die Quelle des Übels kommen könnte? Täten sie
dieses, so würde man gleich sehen, dass es daher kommt, weil man Jesus Christus und den Beelzebub
in einem Herzen zusammen hegen und verbinden will; welches aber unmöglich geschehen kann.
Denn Beelzebub muss daraus verbannt werden, damit Jesus Christus darin regiere. Anstatt aber
dieses zu tun, so verdammt man das Innere. Ja man scheut sich nicht auszuschreien, dass dieser Weg
gefährlich und eine Quelle der Sünden sei; und man müsse den Seelen wehren, dass sie sich nicht in
diesen Weg begeben. O erbärmliche Blindheit! O mein Gott, verändere das Herz der Hirten, damit
die Schafe mit der himmlischen Speise genährt werden.

12) Denn eine jede Stadt war mit Schrecken des Todes erfüllt, und die Hand Gottes liess sich
schrecklich bei ihnen empfinden. Die welche nicht starben, wurden mit dem Blutfluss
geschlagen, und das Geschrei einer jeden Stadt stieg bis zum Himmel.

Es ist wahr, Gott straft nichts mit grösserer Strenge, als wenn man seine Gnade zurückstösst, und
vornehmlich, wenn man die Gnade des Innern nicht annehmen will. Wir kämpfen gleich den
Philistern eine lange Zeit, um diese heilsame Lade zu erlangen. Sobald wir solche aber erlangt haben,
so erschrecken wir vor der Eifersucht eines Gottes, der allein sein, und unser Herz ohne Teilung
besitzen will. Anstatt dass wir alle fremde Liebe, die unser Götze ist, aus unserem Herzen verbannen,
und Gott den Platz überlassen sollten, so wollen wir das nicht fahren lassen, was Gott zuwider ist.
Und da wir die flacht Gottes empfinden, der alles, was sich seinem Reich entgegensetzt, bestreitet, so
treiben wir Gott von uns hinaus, und ziehen eine eingebildete Freude, eine törichte Ehre, ein eitles
Vergnügen seiner reinen Liebe vor. O ein Verlust, der mit allen unsern Tränen nicht genugsam
beweint werden kann!

6. Kapitel. 

2) Die Philister Hessen ihre Priester und ihre Wahrsager kommen und sprachen zu solchen:
Was sollen wir mit der Lade des Herrn anfangen? Sie antworteten ihnen:

3) Wenn ihr die Lade des Gottes Israels wieder heimsendet, so sendet sie nicht leer hinweg,
sondern erstattet ihr das, was ihr derselben für eure Sünden schuldig seid. Alsdann werdet
ihr genesen und erkennen, warum seine Hand sich nicht von euch abzieht.

Es ist wohl getan, dass man dem Herrn Gelübde und Gebete bringe, wenn man niedergeschlagen ist
von Pein und Schmerzen, weil Gott seine Barmherzigkeit uns versagt. Ein grosses Unglück und Übel
aber ist es, wenn man Gott nötigt von uns zu weichen. Wieviele Christen gibt es heutzutage, die, ob
sie gleich von Gott geschieden und in Sünden leben, dennoch wohl zufrieden sind, und glauben sie
wären in guter Sicherheit, weil sie einige Gelübde tun, und eine besondere Andacht zu der heiligen
Jungfrau oder zu einigen Heiligen tragen? Allein obschon dieses eine an sich selbst gute Sache ist, so
kann ihnen doch eine Andacht nichts nützen, die sie in den gröbsten Sünden und Lastern sicher
macht, und die sie über einen unschätzbaren Verlust tröstet, nämlich dass sie Gott verloren haben?
Sollte man nicht vielmehr den Dagon vertilgen, und den wahren Gott anbeten, und das Innere samt
der Verleugnung seiner selbst ergreifen? Alsdann würden sie die Gegenwart Gottes geniessen und
behalten, und befreit sein von allen diesen Übeln.
5) Machet Bilder von Gold gleich den krank gewesenen Gliedern, und machet goldene
Bilder von Ratten, die euer Land verwüstet haben. Hiemit werdet ihr den Gott von Israel
verherrlichen, so wird er seine Hand wieder von euch wenden.

Wachen es die Christen heutzutage nicht auf die gleiche Weise? Anstatt dass sie sich Gott zum
Eigentum geben, sich von Ihm in ihnen selbst regieren lassen, sich selbst verleugnen, ihr Kreuz alle
Tage ihres Lebens tragen, und Jesu Christo nachfolgen sollten, so setzt man alle Frömmigkeit in die
äusseren Zeichen der Gelübde und Opfergeschenke, welche, ob sie gleich in sich selbst gut sind,
dennoch niemals der Grund einer christlichen Frömmigkeit sein können; wohl aber können sie die
Frucht eben dieser Gottseligkeit sein. Indessen geschieht es doch, dass Gott, der kein Gutes ohne
Belohnung bleiben lässt, sogar Sündern die Heilung von Krankheiten gewährt, nachdem sie Gelübde
und Gebete getan. Alsdann glauben solche Personen, sie wären deswegen heilige Leute, ob sie gleich
in Sünden ganz begraben sind. Diese Personen sehen nicht, dass Gott ein zeitliches Gut, das sie Gott
darbringen, mit einem andern zeitlichen Gut, nämlich mit der Gesundheit bezahlt und belohnt. Man
sieht aber auch allgemein, dass sehr unvollkommene Personen solche Gaben erlangen, da indessen
eine an Gott höchst übergebene Seele lange Zeit heftige Schmerzen ohne Linderung erdulden muss,
da Gott eine solche an Ihn übergebene Seele besser erhört, wenn Er sie wie Jesus Christus kreuzigt.
Die zeitlichen Gnaden sind für die Sünder, und die Leiden sind für die Heiligen.

6) Warum verstockt ihr eure Herzen, wie Ägypten und wie Pharao sein Herz verstockte?
Sandte er nicht endlich die Kinder Israel von sich, als er war geschlagen worden, und liess er
sie nicht ziehen?

In dem Rat der Weisen unter den Philistern muss man über ihre schreckliche Blindheit erstaunen.
Denn wenn sie den Gott Israels für den wahrhaftigen Gott erkannten, warum beteten sie Ihn nicht
an, und warum unterwarfen sie sich nicht seinem Reich und seiner Herrschaft? Wieviele erleuchtete
Personen geben andern den Rat, dass sie die Strafe des Herrn vermeiden sollten; sie sagen ihnen aber
nicht, dass man diesen Herrn anbeten, lieben und Ihm folgen muss? Wenn es viel ist, so trachtet man
den Zorn Gottes durch einige Geschenke zu besänftigen. Weit entfernt davon, dass man die
Gegenwart Gottes wünschen und verlangen sollte, so bittet man vielmehr Gott, Er wolle von uns
weichen, damit man in einem bösen Leben fortfahren möge. Die Gegenwart Gottes in einer Seele,
die nicht getreu ist, ist eine wahrhaftige Plage durch die immerwährende Bestrafung des Gewissens.
Um nun dieses Nagen und Beissen des Gewissens auszulöschen, so entfernt man sich von Gott, und
dämpft den Geist Gottes.

7) So nehmet denn einen Wagen, den ihr ganz neu machen lassen sollt, und spannet zwei
Kühe daran, die säugende Kälber haben, und die noch kein Joch getragen; ihre Kälber aber
sperret in den Stall.

8) Nehmet alsdann die Lade des Herrn, und setzet solche auf den Wagen. Tut auch auf die
Seite ein Kästlein mit den goldenen Bildern, die ihr ihm bezahlt habt für eure Sünde, und
lasset sie hingehen.

9) Wenn sie auf dem Weg, der nach BethSemes führt, hingeht, so wird dieses ein Zeichen
sein, dass es der Gott Israels ist, der euch alle diese grossen Übel getan hat. Gehet sie aber
nicht dahin, so werden wir erkennen, dass es seine Hand nicht gewesen, die uns geschlagen
hat, sondern dass uns diese Übel von ungefähr getroffen haben.
Man begehrt ausserordentliche Zeichen, um die Macht Gottes zu unterscheiden, und seine
Vorsehung zu erkennen, anstatt sich seinem Reich und seiner Herrschaft zu unterwerfen. Man ist
weit entfernt, sich zu bestreben und zu bearbeiten, dass man die Gegenwart Gottes und die innere
Sammlung erhalte und bewahre. Vielmehr zieht man den Dagon der Lade vor, und man glaubt allem
ein Genüge geleistet zu haben, wenn man einige äussere Zeremonien mitmacht; und wenn solches
geschehen, lebt man ohne Sorgen.

Gleichwohl wäre sehr zu wünschen, dass die Priester heutzutage einen gleichmässigen Rat erteilten
und man eine Probe von der Wahrheit machen würde. Man nehme eine anfangende Seele, die noch
nicht weder unter dem Joch der Sünde noch unter dem Joch der Busse gewesen, und richte in dieser
Seele die Sammlung auf. Man setze sie in die Lade des Friedens, und lehre sie das innere
Herzensgebet, so wird man durch den grossen Fortgang, welche sie in diesem Weg haben wird,
sehen, ob dieser Weg des inneren Gebets von Gott ist.

12) Die Kühe aber gingen stracks vor sich, den geraden Weg, der nach BethSemes führt.

Sobald eine Seele in der Weise, Gott zu finden, unterrichtet ist, so lauft sie mit grossen Schritten in
dem Weg der Tugend. Alsdann kann man leicht urteilen, dass dieser Weg von Gott ist, und dass er
keineswegs aus menschlichen Erfindungen ist geschmiedet worden, und dass man Gott widersteht,
wem man die Seelen gefangen hält. Die erste Frucht des inneren Gebets besteht darin, dass alle
natürliche LiebesZärtlichkeit und die Liebe zu den Ergötzlichkeiten überwunden wird; gleichwie man
sieht, dass diese Kühe sich von der Bahn, in welche sie eingegangen sind, nicht abwenden lassen, um
ihre Jungen zu säugen. Wenn uns die Schrift die Beständigkeit dieser Tiere vor Augen stellt, welche
sich von ihrem Weg nicht abwenden lassen, sich auch nicht umwenden und zurückkehren, so lehrt
sie uns dadurch die Treue, die man haben muss, wenn man die Lade des Herrn, welche nichts
anderes als der innere Geist ist, trägt. Man muss weder zur Rechten noch zur Linken wandeln,
sondern allezeit in einem und eben demselben Weg fortschreiten, so dass die allerzärtlichste und
notwendigste Liebe (gleichwie Mütter und Säugammen eine so notwendige und zärtliche Liebe
besitzen), uns nicht abhalten noch bewegen soll, dass wir hinter uns zurücksehen. Darum sprach
Jesus Christus, da Er von dem inneren Königreich redete: Wer die Hand an den Pflug gelegt hat, und
wieder hinter sich zurückkehrt, der ist nicht geschickt zum Königreich Gottes (Luk.9,62).

13) Zu derselben Zeit schnitten die von BethSemes Weizen in einem Tal; und da sie ihre
Augen aufhoben, und die Lade sahen, freuten sie sich sehr, sie zu sehen.

Es gibt viele vervielfältigte Seelen in guten Wirksamkeiten, welche den Vorgeschmack des inneren
Lebens empfinden, und dadurch mit Freuden erfüllt werden.

14) Der Wagen kam auf den Acker des Josuas, des BethSemiters, und blieb darauf stehen. Es
war daselbst ein grosser Stein; und die BethSemiter hieben das Holz des Wagens in Stücke,
legten die Kühe darauf, und opferten sie dem Herrn zum Brandopfer.

Wenn der Friede des Herrn und die Erstlinge des inneren Lebens in eine Seele kommen, so findet
diese Seele sich gleich getrieben, dem Herrn, ihrem Gott, alle Dinge aufzuopfern. Es ist anzumerken,
dass diese Seele schon ein Brandopfer opfert, welches zu erkennen gibt, dass sie die Erstlinge der
reinen Liebe hat.
15) Die Leviten nahmen die Lade des Herrn herab, samt dem Kästlein das dabei war, und in
welchem die goldenen Figuren waren, und setzten sie auf den grossen Stein. Da opferten die
BethSemiter denselben Tag Brandopfer, und schlachteten Opfer dem Herrn.

Dieser Vers ist eine Bestätigung des vorhergehenden, und zeigt, wie man alles dem Herrn aufopfern
müsse, sobald Er erscheint. Es ist auch die Eigenschaft des inneren Gebets, dass es von allen Dingen
losmacht; und wenn es diese Wirkung nicht hat, so ist es kein wahrhaftiges, inneres Gebet. Wenn
eine Person, die vorgibt mit dem inneren Gebet begnadigt zu sein, nicht geneigt ist zu der
immerwährenden Abtötung, zu der Verleugnung ihres eigenen Geistes und ihres eigenen Willens, so
ist es nur ein in der Einbildung bestehendes Innere, das kein Wesen hat.

19) Der Herr aber strafte die Leute von BethSemes, weil sie die Lade des Herrn gesehen
hatten, und er tötete desselben Tages siebzig der Vornehmsten der Stadt, und
fünfzigtausend vom Volk; und sie weinten alle, dass der Herr das Volk mit einer so grossen
Plage geschlagen hatte.

Unter diesem Spruch liegt ein tiefes Geheimnis verborgen. Es würde schwer genug fallen, den Fehler
dieses Volks zu ergründen, wenn man die Führung Gottes nicht kennt. Gott will und begehrt zwar,
dass man die Lade auf und annehme, und dass man Ihm Brandopfer opfere; allein Er will nicht, dass
man die Lade anschaut. Dies zeigt uns, dass sobald Gott eine Seele mit seiner göttlichen Gegenwart
begnadigt, Gott auch begehrt, dass sie in einen blinden Glauben eintrete, und nicht so kühn sein soll,
das Anschauen ihres Verstandes und ihres vernunftgemässen Überlegens auf das zu richten, was
Gott tut. Es ist eine unmögliche Sache, wenn man das eigene, vernunftgemässe Überlegen nebst der
reinen Einwirkung Gottes zugleich haben und erhalten will. Wenn Gott anfängt in einer Seele zu
wirken, um seine Wohnung in ihr aufzurichten, so wird von nichts als von Tod und von Zerstörung
geredet. Gott straft das eigene Anschauen mit grosser Strenge.

20) Da sprachen die von BethSemes: Wer wird in der Gegenwart dieses Herrn und dieses so
heiligen Gottes bestehen können? Und bei welchem unter uns wird er wohnen können?

Es ist wahr, o Gott! dass du ein eifersüchtiger Gott bist. Du kommst nur darum in eine Seele, um
allda das zu zerstören, was sich deinem Reich widersetzt. Hierin besteht die Sicherheit, durch den
Weg des Innern zu wandeln, weil Gott keine Teilung duldet. Er vertilgt und zerstört alles. Daher
kommt es auch, dass niemand in diesem Weg wandeln will, weil man sich nicht genugsam verleugnen
noch sich selbst absterben will. Man schreit einen Weg für gefährlich aus, welchen man allein aus
blosser Zaghaftigkeit und Feigheit fürchtet.

Diese Stelle der Schrift ist wunderbar: Wer wird in der Gegenwart dieses Herrn und dieses so
heiligen Gottes bestehen können? Es kommt aber nicht darauf an, o mein Gott, dass man in deiner
Gegenwart bestehe. Vielmehr muss man durch diese göttliche Gegenwart vernichtigt sein, und alles
muss weichen, und Gott den Platz überlassen. Das Licht dieser Wahrheit verursachte, dass David
sprach: Die Stimme des Herrn zerbricht die Zedern, das ist seine göttliche Gegenwart; denn Er teilt
sich den Menschen nur durch sein Wort mit.

Was in diesem Vers beigefügt wird: Bei welchem unter uns wird er wohnen können? zeigt an, dass
dem Volk zu derselben Zeit die Erkenntnis gegeben wurde, welch grosse Reinigkeit die Wohnung
Gottes in uns erfordert. Wenn Gott durch einen vorlaufenden Geschmack seiner Gegenwart in
unserer Seele gleichsam nur vorbeigeht, so ist solches eine Gnade, welche zu Zeiten auch selbst den
Sündern erwiesen wird. Wenn aber Gott seine Wohnung in einer Seele machen soll, gleich wie Er es
an so vielen Orten in der Schrift verheisst (3.Mose 26,1112 & Hesek.37,27 & 2.Kor.6,16), so wird
hiezu eine sehr grosse Reinigkeit erfordert. Was ist aber dieses für eine Reinigkeit? Gleichwie die
Schrift niemals besser als durch die Schrift selbst erklärt werden kann, so lasst uns schauen, was sie
an einem andern Ort davon redet: Wenn jemand den Willen meines Vaters tut, zu solchem werden
wir kommen und unsere Wohnung in Ihm machen (Joh.14,23). Demnach besteht die grösste
Reinigkeit in der Verleugnung unseres Eigenwillens, um einzig und allein das zu tun, was Gott will.

21) Also sandten sie Leute zu den Einwohnern von KirjathJearim, und Hessen ihnen sagen:
Die Philister haben die Lade des Herrn wieder hergeführt, kommet und führet sie zu euch.

Also machen es die meisten Christen, die sich nicht selbst verleugnen wollen. Sie schütteln das Joch
des Herrn von ihren Schultern. Sie wollten wohl gern die Süssigkeit seiner Gegenwart geniessen,
allein sie wollen die durch solche verursachte Zerstörung nicht erdulden. Darum verlassen sie den
Weg des inneren Lebens und der wahren wesentlichen Tugend, welche sie doch gleichwohl andern
anraten. Wieviele Priester sind hierin schuldig, indem sie andern eine Vollkommenheit anraten,
welche sie selbst nicht annehmen wollen. Wie schrecklich dieses auch ist, so ist dieses gleichwohl
noch etwas Gutes im Vergleich zu dem, was heutzutage geschieht, da auch sogar die Priester selbst
verhindern und machen, dass man nicht in dem Weg der Tugend wandelt. Sie machen, dass man die
Gegenwart Gottes als das grösste von allen Übeln ansieht und fürchtet. Es ist wahr, dieses ist ein
Übel für solche Personen, die sich nicht selbst verleugnen wollen. Denn Jesus Christus und Belial
können nicht zugleich an einem Ort zusammen bestehen. Die Schrift spricht in der Offenbarung
(12,7) von einem Streit im Himmel zwischen Michael und seinen Engeln und dem Drachen.
Entweder muss der Drache weichen, oder Jesus Christus muss sich entfernen. Bis es aber dahin
kommt, leidet die Seele eine unaussprechlich grosse Qual. Wenn aber Jesus Christus in uns den Sieg
erhalten, und durch sein Leben über unsern Tod triumphiert hat, so ist solches eine unschätzbare
und unaussprechlich grosse Glückseligkeit. Glückselig ist derjenige, der diesen verborgenen Schatz
einmal entdeckt hat'. Er verkauft alsdann alles, um solchen zu besitzen. Diese Erkenntnis und Liebe
Jesu Christi war es, welche den heiligen Franziskus entblösst und aller Dinge beraubt, welche so viele
heilige Einsiedler ganz lebendig begraben, und so viel heilige Märtyrer ihres Lebens beraubt hat.

7. Kapitel 

1) Die Leute von KirjathJearim kamen, und führten die Lade des Herrn mit sich. Sie setzten
sie in das Haus des Abinadabs zu Gabaa, und sie heiligten seinen Sohn Eleasar, damit er die
Lade des Herrn hütete.

Diese Lade, welche denen den Tod bringt, die sich begnügen, nur ihrer Neugier ein Genüge zu
leisten, ohne ihr Herz durch eine wahrhaftige Bekehrung zuzubereiten, teilt das Leben und
tausenderlei Gutes denen mit, welche sie mit Freuden aufnehmen, und sie mit Ehrfurcht bewahren.
Das Innere verursacht denjenigen den Tod, welche sich begnügen lassen, ihren Verstand mit eitlen,
seltsamen Dingen und mit ausstudierten und herbeigesuchten Worten zu erfüllen, und die durch die
Augen des Verstandes alles erforschen wollen, anstatt ihr Herz damit zu nähren. Hieraus nimmt man
Anlass, das Innere in einen üblen Ruf zu bringen, da man doch vielmehr diejenigen, welche einen
Missbrauch davon machen, verurteilen und danach trachten sollte, sich dieses zunutze zu machen,
und einen diesem Missbrauch entgegengesetzten Weg zu ergreifen. Hätten die Einwohner von
Kirjath Jearim abgeschlagen, die Lade zu sich zu holen, weil die von BethSemes dadurch so hart
heimgesucht worden, so würden sie keinen so grossen Vorteil dadurch erlangt haben, als ihnen
widerfahren ist. Wenn man von dem Innern die Hoffart und den Vorwitz verbannt, so werden alle
Übel davon verbannt.

2) Die Lade des Herrn aber blieb lange Zeit zu KirjathJearim, und es waren schon zwanzig
Jahre vergangen, als das ganze Haus Israel anfing, ihre Ruhe in dem Herrn zu suchen.

Nach grossen Revolutionen und Veränderungen, und nach grossen Stürmen findet man den Frieden
und eine ruhesame Stille. Die Lade ist in einem einzigen Haus, dieses ist der Geschmack des Innern
und die Ruhe in Gott. Es vermehrt sich solches, wie das ausgegossene Oel sich ausbreitet. Darum
wird der Name Gottes, oder der innere Geist dem ausgegossenen Oel sehr wohl verglichen
(Hohel.1,2).

Nachdem die Lade in dieser Stadt zwanzig Jahre lang gewesen war, fing das ganze Volk an seine
Ruhe in dem Herrn zu suchen. O welch eine glückselige Ruhe ist es, die man bei dir, o Herr, findet!
Alle andere Ruhe ist eitel Verdruss und Unruhe. Dieses Suchen ist umso viel vorteilhafter, da
derjenige, der die Ruhe in dem Herrn sucht, allezeit gewiss ist, dass er sie finden werde. Glückseliger
Tod, glückselige Verfolgung, welche gegen das Innere geschieht, wenn sie zu seiner Zeit dir Frucht
ausgebiert, dass das ganze Volk Gottes seine Ruhe in dem Herrn sucht! Dieses wird ganz ohne
Zweifel geschehen. Ja, du weisst es, o Herr Jesu!

3) Da sprach Samuel zu dem ganzen Haus Israel: Wenn ihr von ganzem Herzen zu dem
Herrn wiederkehrt, so tut die fremden Götter mitten aus euch hinweg. Haltet eure Herzen
dem Herrn bereit, so wird er euch von der Hand der Philister erretten.

Die Bekehrung ist nicht vollkommen, solange wir an einer Kreatur oder an uns selber kleben bleiben.
Gott, wie schon gemeldet worden, duldet keine Teilung. Wenn wir Gott in unser Herz aufnehmen,
und unsere Ruhe in Ihm suchen wollen, so müssen wir aus unserem Herz alles, was Gott zuwider ist,
verbannen. Tun wir aber dieses nicht, so bleibt es weit entfernt, dass wir unsere Ruhe in Gott finden
sollten, vielmehr werden wir alsdann daselbst nur Verwirrung und Unruhe des Todes finden. Um
aber einer Schwierigkeit in dieser Sache abzuhelfen, welche den meisten Menschen ein Hindernis
setzt, dass sie sich nicht Gott ergeben, ist es notwendig, diese Schwierigkeit hier vorzutragen.

Man spricht, weil keine Vermischung mit Gott bestehen kann, so muss man denn warten, sich Gott
zum Eigentum zu geben, bis man gereinigt worden ist. Hierauf antworte ich, dass man sich auf diese
Weise Gott niemals ergeben würde, weil man nur durch Gott gereinigt werden kann. In eben
derselben Zeit, da man sich Gott zum Eigentum gibt, und in dieser Schenkung verharrt, geschieht
auch die Reinigung. Sich Gott zum Eigentum geben, und einen aufrichtigen Willen haben von Gott
selbst sich reinigen zu lassen, solches ist das Mittel von Gott gereinigt zu werden. Denn das blosse
Herzunahen Gottes reinigt die Seele, und die Reinigkeit der Seele zieht Gott stets mehr zu ihr.
Demnach muss man sich mit einem aufrichtigen Willen zu Gott nahen; gleichwie auch der Friede
nur solchen Menschen gegeben wird, die einen guten Willen haben (Luk.2,14). Diese sind es, welche
die Ruhe und die Reinigkeit in dem Herrn, ihrem Gott, finden.

Darum fügt Samuel bei: Haltet eure Herzen dem Herrn bereit. Ihr habt nichts anderes zu tun, als
eure Herzen Gott darzubringen, mit einem aufrichtigen Willen, Ihn in euch wirken zu lassen. Er
selbst wird euch von der Hand eurer Feinde erretten. Dieses einfältige Darstellen mit einem
aufrichtigem Willen und mit einem Herzen, das von allem Willen zu sündigen leer ist, ist genug. Gott
tut das übrige, und zwar mit einer unendlich grossen Gütigkeit. Man setzt aber allezeit voraus, dass
dieses ein wahrhaftiger, aufrichtiger Wille ist, und nicht eine Verstellung.

4) Also warfen die Kinder Israel hinaus den Baal und die Astaroth, und dienten nur dem
Herrn.

Hier haben wir das Kennzeichen einer aufrichtigen Bekehrung und der Rechtfertigung und
Aufrichtigkeit des Willens, nämlich wenn man die Todsünde ausbannt, wie auch die ungeordnete
Liebe zu den Kreaturen (welches eine Art der Abgötterei ist), und wem man auch die Gelegenheit zu
sündigen meidet und verlässt. Auf diese Weise treiben wir die fremden Götter aus uns hinaus. Sobald
Gott in ein Herz kommt, so verbannt Er gar bald alles übrige aus diesem Herzen. Man glaubt es sei
eine Demut, wenn man Gott den Eingang ins Herz versagt, weil solches nicht rein genug ist. Keiner
kann dieses Herz reinigen, als Gott selbst. Darum ist es weit entfernt, dass solches eine Demut sein
sollte, vielmehr ist es ein Eigendünkel. Lasset uns Gott unser Herz, so wie es beschaffen ist,
hingeben, und zu Ihm sprechen: Herr, ich habe für mich nichts als das Nichts und die Sünde. Ich
vermag dir nichts anderes zu geben als ein unreines Herz. Ich wünsche wohl, dass es rein wäre;
gleichwohl aber gebe ich dir es hin, so wie es ist. («lache es so, wie du es begehrst.

O göttliche Sonne, wie gar bald hast du die Finsternis dieses Herzens, das sich dir auf diese Weise
hingibt, zerteilt! O heilige Feuersglut, wie bald hast du es durch die Heftigkeit deiner göttlichen Liebe
gereinigt, und wie blind ist der Mensch, wenn er glaubt, er könne sich durch sich selbst reinigen! O
Mensch, wer du auch bist, gib dich Gott zum Eigentum hin, und bilde dir nicht ein, dass du durch
dich selbst dich reinigen könntest. Gib dich Gott hin, so wirst du gar bald so sein, wie dein Gott dich
begehrt.

5) Und Samuel sprach zu ihnen: Versammelt alle Kinder Israel zu Mizpa, so will ich den
Herrn für euch bitten.

6) Und sie versammelten sich zu Mizpa. Sie schöpften Wasser und gossen es aus vor dem
Herrn. Sie fasteten denselben Tag und sprachen: Wir haben vor dem Herrn gesündigt.

Diese Stelle zeigt vortrefflich wohl, dass die Gegenwart Gottes in einer Seele die vollkommene
Bekehrung wirkt. Denn indem die heilige Schrift uns hier meldet, was die Kinder Israel taten, so lehrt
sie uns eben hiedurch die Kennzeichen einer vollkommenen Bekehrung. Dieses zeigt, dass die Ruhe,
welche man in Gott sucht, und die man auch unfehlbar in Gott findet, keineswegs eine unfruchtbare
Ruhe noch ein Müssiggang ist, sondern es ist eine fruchtbare und wirkende Ruhe.

Samuel bat für das Volk. Gott erteilt öfters vielen Personen die Gnade des Innern, wenn dergleichen
von Gott auserkorene Seelen für diese Personen beten.

Die Israeliten schöpften Wasser und gössen es aus vor dem Herrn. Dieses zeigt nicht nur die
Untersuchung ihrer Fehler an, und dass sie sich aufrichtig wegen dieser Fehler anklagten, sondern es
zeigt auch ferner, dass ihr Wille ganz ausgeleert ist von aller Anklebung und Neigung zur Sünde;
gleichwie wir sehen, wenn man ein Gefäss mit Wasser ausgiesst, dass davon weder Geruch noch
Farbe übrigbleibt. Auf diese Weise ist es mit andern flüssigen Dingen nicht bewandt. Darum wenn
der Wille durch das Suchen der Ruhe in Gott und durch die Erstlinge des Innern aufrichtig
gewonnen wird, so behält dieser Wille nicht die mindeste Neigung zur Sünde mehr.
Hernach fasteten sie. Dieses ist nicht nur von einem äusserlichen Fasten zu verstehen (denn die
Personen, die sich dem Innern ergeben, ergeben sich auch wahrhaftig der Abtötung der Begierden),
sondern dieses Fasten bezeichnet auch noch überdies, dass sie sich von allen Gelegenheiten zur
Sünde entfernen.

Endlich klagen sie sich auch an wegen ihrer Sünden, welches die Aufrichtigkeit ihrer Busse zu
erkennen gibt, kraft welcher man sich vor Gott schuldig und strafbar erkennt, und vor den
Menschen sich anklagt.

7) Da die Philister hörten, dass die Kinder Israel in Mizpa versammelt waren, zogen ihre
Fürsten aus gegen Israel. Da die Kinder Israel dieses vernahmen, fürchteten sie sich vor den
Philistern.

Sobald man in die Laufbahn des inneren Weges eingeht, geschieht es, dass die Feinde (welche uns bis
dahin in Ruhe gelassen) nunmehr anfangen uns anzufallen. Allein es muss weit entfernt sein, dass die
Versuchung uns abschrecken sollte, den Weg der Tugend zu ergreifen. Vielmehr ist uns solches ein
Zeugnis eben dieser Tugend. Denn der Teufel streitet nicht wider das, was schon sein ist. Nichts jagt
einer anfangenden Seele einen so grossen Schrecken ein, als das Herzunahen ihrer Feinde.

8) Sie sprachen zu Samuel: Unterlasse nicht, für uns zu dem Herrn, unserm Gott, zu
schreien, damit er uns von der Hand der Philister errette.

Clan nimmt seine Zuflucht zu dem Führer, damit er eine baldige Hilfe von Gott erbitte. Man begehrt
von Ihm seinen Schutz sehr inständig; denn man ist noch nicht in der Übergabe unterwiesen, weil es
die Zeit hiezu noch nicht ist.

9) Samuel nahm ein säugendes Lamm, und opferte solches ganz dem Herrn zum
Brandopfer, und er schrie zu dem Herrn für Israel, und der Herr erhörte ihn.

Das für die Sünde aller Menschen erwürgte Lamm dem Herrn darbringen, ist das Mittel, wahrhaftig
erhört zu werden. Die Väter der Seelen, wenn sie wahrhaftig in dem inneren Leben stehen, haben
durch eine ihnen besonders verliehene Gnade die Macht, von den Versuchungen zu befreien. Ihr
blosses Herzunahen schlägt die Feinde ihrer Kinder zu Boden.

Warum aber nahm Samuel ein Lamm, das noch säugte? Dies geschah um uns zu erkennen zu geben,
dass der Schrecken, der die Kinder Israel wegen des Herzunahens ihrer Feinde überfallen hatte,
daher kam, weil sie noch gar zart in der Tugend, und gleichsam noch wie Kinder waren, die an den
Brüsten ihrer Mutter lagen, welche durch die mindeste Begebenheit in Schrecken gesetzt und
getrieben werden, sich in dem Schoss der Mutter zu verbergen.

10) Als Samuel sein Brandopfer opferte, fingen die Philister den Streit an wider Israel. Bald
aber donnerte der Herr mit einem schrecklichen Knall über den Philistern, und schlug sie
mit Schrecken, so dass sie durch Israel geschlagen wurden.

In der Zeit des Gebets und der Opfer geschieht es, dass man am heftigsten um den Feinden
angefallen wird. Der Teufel tut dies, um die Seelen mutlos zu machen und zu verhindern, dass sie im
Gebet nicht ausharren. Allein man muss einen freudigen Mut fassen, und das, was man vorher tat, zu
tun fortfahren, so wird der Herr nicht unterlassen, unsere Feinde niederzuschlagen.
Woher kommt es, dass hier der Sieg den Israeliten zugeschrieben wird, ob es gleich durch den
ausserordentlichen, von dem Herrn gesandten Donnerknall geschah, dass die Feinde in die Flucht
getrieben wurden? Die Ursache dessen ist, weil Gott diesen anfangenden Seelen die Freude eines
wahrnehmlichen Sieges lässt, um sie in seinem Dienst zu unterstützen und ihnen dazu einen Mut zu
machen; welches Gott bei sehen weit gekommenen Seelen nicht tut, gleichwie wir solches an vielen
Stellen der Schrift gesehen haben, wo aller Sieg dem Herrn zugeschrieben wird. Ja, Gott will nicht
einmal, dass die Kreatur dabei mit Hand anlege, gleichwie solches bei der Eroberung Jerichos
geschah.

11) Nachdem die Israeliten aus Mizpa einen Ausfall getan, verfolgten sie die Philister und
schlugen sie.

Dies war ein sehr vollständiger Sieg, und zeigt, in welch grosser Sicherheit derjenige ist, der seine
Ruhe in Gott setzt, und welcher ebensowohl nach des Herrn Wille sich zum Streit zu waffnen weiss,
als in eben diesem göttlichen Willen zu ruhen.

12) Und Samuel nahm einen Stein, und setzte solchen zwischen Mizpa und Sehen; und er
nannte diesen Ort den Stein der Hilfe. Denn, sprach er, der Herr ist bis hieher uns zur Hilfe
gekommen.

Es ist gerecht und billig, öffentliche Zeichen der Dankbarkeit wegen einer so herrlichen Wohltat zu
geben. Dieser Stein ist uns ein Zeichen der Treue Gottes in Ansehung derer, die in Ihm vertrauen.

13) Dazumal wurden die Philister gedemütigt, und sie durften sich nicht mehr unterstehen,
in das Land der Israeliten zu kommen. Denn die Hand des Herrn war auf den Philistern,
solange Samuel das Volk regierte.

Wenn wir durch unsere Anstrengungen mit Hilfe der Gnade unsere Feinde in die Flucht treiben, und
man hernach die Wut sieht, mit welcher sie uns von neuem anfallen, so scheint es, diese Feinde
hätten nur geruht, um neue Kräfte zu bekommen. Wenn aber Gott selbst diese Feinde verjagt, so
fürchten sie dessen mächtige Hand so sehr, dass sie nicht wieder in den Streit zu kommen begehren.
Ein wahrhaft tugendhafter Soldat, der den Herrn fürchtet, ist eine grosse Hilfe. Denn er lehrt
diejenigen, die unter seiner Führung stehen, dass sie sich nicht auf ihre Kräfte, sondern auf den
Herrn verlassen und vertrauen sollen. Wehe dem, der sich auf die Menge seiner Pferde und seiner
Wagen verlässtl Glückselig aber ist der, welcher sich nur auf den Herrn verlässt! Dem er findet in
Gott eine allezeit neue Kraft.

8. Kapitel. 

4) Alle Ältesten von Israel versammelten sich und kamen zu Samuel nach Rama.

5) Und sie sprachen zu ihm: Setze einen König über uns, gleichwie alle Völker haben, damit
er uns richte.
7) Und der Herr sprach zu ihm: Höre die Stimme des Volks in allem, was sie dir sagen; denn
du bist es nicht, den sie verwerfen, sondern mich verwerfen sie, damit ich nicht über sie
regiere.

Es ist schwer, eine reine und lautere Führung zu erdulden. Denn da die Menschen über das, was sie
selbst tun, eifersüchtig sind, so wollen sie die Arbeit ihrer Hände sehen. Was Gott durch sie tut,
solches vergnügt sie eine Zeitlang, wenn ein in die Augen fallendes Wunderwerk ihnen zu einem
Zeugnis dient. Sobald aber eine ganz nackte Führung ihnen keine Stützen übrig lässt, so suchen sie
eine andere Führung. Gott sieht dieses für eine Schmach an, die man Ihm antut, und versichert, Er
sei es, den man verwerfe. Woher kommt es aber, dass man eine nackte Führung verwirft? Es
geschieht durch die Eigenliebe, wie auch dadurch, weil man sich in eine so grosse Abhängigkeit von
der Führung Gottes begeben hat, dass man von einem Augenblick zum andern nicht weiss, was man
tun soll. Trotzdem ist es weit entfernt, dass diese so reine Führung eine Anklebung eines Menschen
an den andern verursachen sollte, weil der Mensch durch diese so lautere Führung sich einzig und
allein an Gott hängt und klebt. Darum, wem man diese reine Führung verlassen will, so ist es nicht
der Führer, den man verwirft und verlässt, sondern man verwirft allein Gott, da der Führer hiedurch
nichts anderes fordert oder verlangt, als dass Gott wahrhaftig über uns regieren möge.

8) Also haben sie allezeit getan, seit dem Tage, da ich sie aus Ägypten geführt habe, bis
jetzt. Wie sie mich verlassen, und fremden Göttern gedient haben, eben also handeln sie
auch mit dir.

Es gibt viele Seelen, denen unser Herr die Barmherzigkeit erzeigt hat, dass Er sie aus der
Vielfältigkeit Ägyptens herausgezogen, und ihnen eine einfältige Führung gegeben hat. Allein, weit
entfernt, dass diese Seelen sich zu Gott führen lassen sollten, so verlassen sie vielmehr Gott
unaufhörlich, wenigstens tun sie es mit ihrem Verlangen und Willen; und also bringen sie ihr ganzes
Leben damit zu, dass sie bauen und wieder niederreissen. Man erstaunt ganz, dass, ob sie gleich sehr
erfahrene Personen zu ihren Führern haben, sie dennoch nicht fortschreiten, sondern allezeit so
bleiben wie sie sind. Allein die Ursache dessen ist, dass sie sich niemals vollkommen und lauterlich
Gott überlassen; und am Ende sieht man, dass sie ihre Führung verändern, und wahrnehmlichere
Regeln und Gesetze, wie auch eine solche Führung zu haben begehren, die ihnen mehr zum
Vergnügen gereicht.

9) So höre denn das, was sie dir sagen. Gleichwohl verkündige ihnen vorher das Recht des
Königs, der über sie regieren soll.

10) Samuel verkündigte wieder dem Volk, das einen König von ihm gefordert hatte, alles was
der Herr zu ihm geredet hatte.

Gott erhört öfters, wenn man eine menschliche Führung von Ihm begehrt, und man glaubt sodann
eine grosse Gnade empfangen zu haben. Allein, ach Gott! welch ein grosses Unglück ist dieses, wenn
man sich der liebenswürdigen Führung unseres Herrn entzieht, um uns von Kreaturen führen zu
lassen, welche uns von der Führung Gottes abziehen. Alsdann werden wir Sklaven, da wir doch
vorher frei waren. Sind wir aber so glückselig, eine menschliche Führung zu verlassen, so können wir
alsdann mit allem Recht sagen: Herr, fremde Herren haben über uns geherrscht ohne dich, so
verschaffe demnach, dass da wir in dir sind, nur deiner eingedenk sein mögen (Jes.26,13). Ein
wahrhafter Führer, gleichwie Samuel, eignet sich die Seelen nicht zu. Er trägt sie im Gegenteil
vielmehr zu Gott, und dient zu nichts anderem, als nur diese Seelen zu Gott zu führen. O wie hoch
wäre zu wünschen, dass dieses alle Führer täten. Allein statt dessen kann man sagen, dass die Führer
tyrannische Könige geworden sind, welche die Seelen beherrschen, und weit davon entfernt sind, sie
zu Jesu Christo zu führen.

Dieses ist im Verlauf dieses Buches leicht zu sehen, wo es scheint, dass diese Völker den Neigungen
ihrer Könige allezeit blindlings gefolgt sind. Sind diese Könige tugendhaft gewesen, so war auch das
Volk tugendhaft. waren sie unter gottlosen Königen, so war auch das Volk gottlos. In den
Königreichen gibt das Beispiel der Könige fast allezeit den Ausschlag, entweder von den Tugenden
oder den Lastern der meisten ihrer Untertanen.

Gott, aus unendlich grosser Güte, bevor Er diesem blinden Volk ihre Bitte gewährt, will ihnen allen
vorher verkündigen, was daraus entstehen werde, damit sie die ihnen drohenden Übel und alles
Unglück sich selbst beimessen, und ihre Schuld daher freiwillig sein möge. Gleichwohl ist die
Gütigkeit Gottes so gross, dass Er diesen Seelen, ungeachtet der Blindheit ihrer Wahl, dasjenige
aussucht, was ihnen am besten ist; und Er erwählt ihnen die besten Könige. Dieses ist noch etwas
Gutes in dem Verlangen, da wir durch Menschen geführt zu werden begehren, wenn wir den Herrn
um einen Führer bitten. Gott wird uns einen bessern geben, als alles, was wir durch uns selbst
würden erwählen können.

11) Er sprach ferner: Er wird eure Kinder nehmen, um seine Wagen zu führen.

13) Eure Töchter werden ihm seine Salben zubereiten müssen, und seine Köchinnen und
Bäckerinnen sein.

14) Er wird auch das nehmen, was das Beste ist von euren Feldern und Weinbergen und
Olivengärten, und sie seinen Knechten geben.

Obgleich Gott die Tyrannei der Könige zeigt, welche an Gottes Statt herrschen wollen, wie auch die
Gefangenschaft, in welcher sie die Seele halten, so unterlässt Er doch auch dabei nicht, uns dasjenige
zu lehren, was wir heutzutage unsern Königen und allen unumschränkten Fürsten schuldig sind. Sind
wir aber in so vielen Dingen den Königen der Erde verpflichtet, was sind wir dann nicht diesem
unserm göttlichen König schuldig? O König der Herrlichkeit, komme über uns zu regieren! Dein
Reich komme! D ihr ewigen Tore tut euch auf, damit der König der Herrlichkeit in solche eingehe
(Ps.23,7). O ihr Christen, lasst uns Ihm unsere Herzen öffnen, um zu machen, dass dieser König der
Herrlichkeit in solche eingehe; ja diesen König der Herrlichkeit, der gar bald über die ganze Erde
regieren soll. Komme, HERR JESU!

18) Ihr werdet alsdann schreien gegen euren König, den ihr euch werdet erwählt haben; und
der Herr wird euch nicht erhören, weil ihr euch selbst einen König begehrt habt.

19) Das Volk wollte die Rede des Samuels nicht hören. Nein, sprachen sie, wir wollen einen
König haben, um über uns zu regieren.

Samuel gibt zu erkennen, dass nachdem man eine menschliche Führung zum Nachteil dessen, was
man Gott schuldig ist, erwählt hat, die Reue komme, und man zu Gott alsdann schreie, weil man von
dieser Tyrannei erlöst zu sein wünscht; dass Gott alsdann nicht erhöre. Dieses ist die Ursache, dass
man eine so grosse Menge Seelen findet, die unter der Gefangenschaft seufzen, da sie doch zu einer
vollkommenen Freiheit sind geschaffen worden. Diese Freiheit aber findet sich nur in der Übergabe
an die göttliche Vorsehung, von welcher diese Seelen sich freiwillig abgezogen haben. O wenn die
Seelen innerlich von Jesu Christo sich recht wollten führen lassen, o welchen Frieden! welche
Freude! welche Freiheit! Man ächzt und seufzt, indem man niedergedrückt ist durch die allzuschwere
Last, welche die (ansehen auflegen. Alle Führer führen die Seele nach ihrer eigenen Weise, nach dem
Mass, als diese Führer mild oder streng sind, anstatt dass sie Jesus Christus sollten führen lassen,
welcher der wahre Hirte der Seelen ist. Johannes lehrt seine Jünger nichts anderes, als dass sie Jesus
Christus suchen sollen (Joh.1,36). O wahrlich, die Hirten, die eben dieses tun, sind wohl recht die
wahren Hirten.

Nichts ist erstaunlicher, als dieses hartnäckige Volk sprechen zu hören: Nein, wir wollen einen König
haben. Es ist eben, als ob sie sprächen: Nein, wir wollen nicht die Führung Gottes, sondern wir
wollen die Führung der Menschen.

20) Wir werden sein wie andere Völker, unser König wird uns richten, er wird an der Spitze
von uns herziehen, er wird für uns streiten in allen unseren Kriegen.

Ist es nicht eine empfindliche Führung, welche die Menschen begehren? O Herr, wenn du nicht ein
verborgener Gott (Jes.45,15), sondern greiflich und empfindlich wärest, wer würde dir nicht folgen?
Allein man begehrt etwas, das uns vergnügt. Eben dieses Volk, welches versicherte, dass du o Gott
allezeit an der Spitze ihres Heeres herzögest, welchem du verliehen, dass es so wundervolle Siege
erhalten, welches allein durch deine Macht die Völker der Erde gebändigt hat, das die Mauern von
Jericho durch dein blosses Herzunahen hat fallen gesehen, dem du in der Nacht als eine Feuersäule,
und am Tag zu einer Wolkensäule gedient, um es auf gleiche Weise sowohl vor der allzu dicken
Finsternis, als auch vor dem allzu brennenden Licht zu decken und zu bewahren; eben dieses Volk
ist es, das dich nunmehr verwirft und begehrt, wie die übrigen Menschen, welche dich nicht kennen,
geführt zu sein, da ihm doch die Süssigkeit und der Vorteil deiner Führung nicht unbekannt ist! Die
Ursache aber, welche man gewöhnlich anführt und dadurch sich entzieht, in das Innere einzugehen,
besteht darin, dass man spricht, man müsse dem gewöhnlichen Weg folgen, und es so wie die andern
machen. Wie? Diesen gewöhnlichen Weg, welcher der Weg der Verdammnis ist, und von welchem
eben diejenigen, die solchen anraten, sprechen, dass so wenig Personen auf solchem selig werden! Ist
es nicht die grösste Torheit, diesem Weg zu folgen? Es ist eben, als ob jemand sagte: Folget nur dem
bekannten, grossen Weg; fast alle, die darauf wandeln, gehen verloren. Allein, hieran ist nichts
gelegen. Es ist doch dieser grosse, gewöhnliche Weg besser als jener Fusssteig, welchen ihr vor euch
sehet. Obgleich fast alle Personen, die in solchen eingehen, zu einem glückseligen Ende gelangen,
und man in solchem niemand verloren gehen sieht, ohne nur die, welche diesen Fusssteig verlassen,
so hütet euch wohl, auf solchem zu wandeln, weil es ein einsamer, verlassener Weg ist, auf welchem
wenige wandeln.

21) Da Samuel die Antwort des Volks gehört hatte, brachte er solche vor den Herrn.

Warum redet die Schrift also? Wusste der Herr die Antwort des Volks nicht, ehe Samuel solche vor
Ihn brachte, da doch Gott die Gedanken erkennt, ehe solche ausgedrückt werden? Die Ursache
dessen ist, weil Gott nicht alle Seelen unmittelbar durch sich selbst führt. Diesen in mittelbarer Weise
geführten Seelen gibt Gott gewöhnlich einen Mittler, weil sie eine empfindliche Führung haben
müssen, und weil sie sich fürchten, dem Herrn sich zu übergeben. Darum begehrte das Volk von
dem Mose: Der Herr rede nicht mit uns, sondern du rede mit uns (2.Mose 20,19). Gott gibt eine
mittelbare Führung, solange bis der Mensch aus eigener, freier Wahl und Willen sich Gott übergibt,
damit Gott in dem Punschen wirke, handle und selbst nach seinem Willen den Menschen regiere und
führe. Nachdem aber die Seele sich wahrhaftig an Gott übergeben hat, und zu Ihm spricht: Rede, o
Herr, dein Knecht hört, fängt man an die unmittelbare Führung Gottes zu erfahren, welche für die
Seele ein wahrhaftes Paradies ist.
22) Und der Herr sprach zu ihm: Tue das, was sie dir sagen. Setze einen König, um sie zu
regieren. Also sagte Samuel zum Volk, dass ein jeder heim in seine Stadt kehren sollte.

Obgleich Gott dieses Volk erhört, so geschieht dieses doch mit Schmerzen. Wieviele Personen
erlangen das, worum sie in hartnäckiger Weise bitten, und deswegen glauben, sie stünden in grossen
Gnaden bei Gott? Gleichwohl ist es ein Unglück für sie, dass sie das erlangen, um was sie bitten.

Woher kommt es, nachdem Gott zu Samuel gesprochen, das zu tun, was das Volk begehrte, und
ihnen einen König, sie zu regieren, zu geben, dass Samuel einen jeden nach seiner Stadt heimsendet?
Es geschieht, um uns zu erkennen zu geben, dass diese Seelen niemals aus ihnen selbst ausgehen
werden, weil sie eine mittelbare, empfindliche Führung der reinen, lautern Führung Gottes
vorgezogen haben.

9. Kapitel. 

2) Kis hatte einen Sohn namens Saul, der ein sehr schöner Mann war, und unter allen
Kindern Israels war kein Schönerer als er. Er war einen Kopf grösser als alles Volk.

Es geschieht nicht ohne Geheimnis, dass die Schrift das Äusserliche des Sauls so genau beschreibt.
Wenn Gott eine Person gibt, um diejenigen zu führen, die sich Ihm nicht ohne Vorbehalt übergeben
wollen, so gibt Er allezeit dieser Person in ihrem äusseren Wesen etwas Ansehnliches, das in die
Augen leuchtet, um diejenigen damit zufrieden zu stellen, die auf empfindliche und solche Dinge
sehen, die am meisten in die Augen fallen. Clan sieht allgemein, dass Führer, welche den grössten
Anhang haben, auch etwas Ansehnliches besitzen. Sie haben eine Gabe zu predigen, sich beliebt zu
machen und den Ohren zu schmeicheln. Allein, ach, wie selten schaffen sie Nutzen! Man kann
sagen, dass sie wie Pauken sind, deren hohler Schall sich in die Ferne ausbreitet; allein das Inwendige
ist ganz leer. Wenn Gott einen Hirten erwählen will, der grossen Nutzen schaffen soll, so handelt Er
ganz anders, welches man bemerken kann bei der Salbung Davids, welcher das Israel, wie einen
einzigen Mann, führen und wieder heimführen sollte. Gott spricht bei dieser Gelegenheit; Er handle
nicht wie die Menschen, welche nach dem äussern Schein urteilen, sondern Er richte nach der
Wahrheit, weil Er den Grund des Herzens sehe (1.Kön. 16,7). Demnach haben die Führer, die von
den Seelen erwählt werden, ausserordentliche Gaben, welche in die Augen leuchten und ein
Wohlgefallen erwecken. Die von Gott erwählten Hirten aber besitzen nur (gleich wie David) die
Aufrichtigkeit des Herzens und die Einfalt; weil Gott öfters ein Wohlgefallen hat, ihre grossen
Gemütsgaben durch schreckliche Unvermögenheiten niederzureissen, und den Schein ihrer
Tugenden durch Verleumdungen zu verdunkeln.

9) Vordem war in Israel die Gewohnheit, dass die, welche zu fragen gingen, sprachen: Lasst
uns zum Seher gehen. Denn der, welcher heutzutage ein Prophet genannt wird, wurde
damals der Seher genannt.

Dieser Unterschied unter den Propheten und Sehern ist sehr merkwürdig. Die Seher sind diejenigen,
welche klare, deutliche und lichtvolle Erkenntnisse dessen haben, was sie sagen. Die Propheten aber
reden gewöhnlich nicht durch Gesichte, sondern durch die lautere Eingebung des Heiligen Geistes,
welche auch umso viel reiner und lauterer ist, als sie einfältiger ist.

10) Saul antwortete seinem Knecht: Das was du sagst, ist gut. Komm lasst uns dahin gehen.
Also gingen sie in die Stadt, wo der Mann Gottes war.

Dieser Prophet, der durch blosse Eingebung des Heiligen Geistes redet, ist allezeit der Plann Gottes.
Woher kommt aber dieses? Hierin besteht eben der Unterschied zwischen dem Seher und dem
Propheten. Denn die Seher entdecken in ihren empfindlichen Gesichten nur das, was die Engel
ihnen offenbaren. Der Prophet aber, welcher wahrhaftig ein Prophet ist, ist von Gott selbst
erleuchtet.

11) Da sie den Hügel hinaufstiegen, der zur Stadt führt, trafen sie Dirnen, welche
hinausgingen, Wasser zu schöpfen. Und sie sprachen zu ihnen: Ist der Seher hier?

12) Diese antworteten ihnen:

13) Sobald ihr in die Stadt werdet eingegangen sein, werdet ihr ihn sehen, ehe er zur Höhe
hinaufgeht, um zu essen. Und das Volk wird nicht essen, bis dass er gekommen ist, weil er
das Opfer segnen muss, und hernach werden die essen, welche berufen worden. So steigt
nun jetzt hinauf, denn heute werdet ihr ihn finden.

Dieser Spruch hat einen sehr tiefen Verstand. Die wahrhaftigen Propheten sind die Hirten der
Seelen, und lassen solche nicht leer von sich gehen, sondern geben ihnen die wahrhaftige Nahrung.
Einem bösen Hirten ist es genug, wenn er die Milch seiner Schafe trinkt, und sich mit ihrer Wolle
bekleidet, ohne ihnen Weide zu verschaffen. Der wahre Hirte aber handelt nicht also, sondern er
führt die Schafe auf vortreffliche Weide, wo er sie auf eine herrliche Weise fett macht. Damit aber
ein Hirte seine Herde wohl zu nähren vermag, muss er es machen wie Samuel. Er muss auf die Höhe
der Beschauung steigen, nicht um zu sehen, sondern um zu essen. Dieses lehrt uns, dass das innere
Gebet des wahren Hirten nicht ein solches Gebet ist, das da dient, grosse Erkenntnisse von
erhabenen Dingen zu erlangen. Sein inneres Gebet ist in der Höhe, da solches in Gott selbst ist.
Allda isset er und wird davon ernährt, besonders da er daselbst den Geist des Worts schöpft, um
solchen allen seinen Schafen mitzuteilen. Alsdann sind die Schafe versichert, bei ihrem Hirten eine
wahre, wesentliche Nahrung zu finden. Gleichwie sie erwarten, dass er solche ihnen gebe, und die
Schrift versichert, dass sie hier noch nicht gegessen hatten.

Es ist dieses auch ein Vorbild der heiligen Kommunion, welche die wahren Hirten ihrem Volk
geben, nachdem sie selbst davon gegessen haben. Sie sind weit entfernt, ihnen das Brot des Lebens
zu versagen, da sie selbst ihre Schafe einladen, zu kommen und davon zu essen.

Es wird beigefügt: So steige denn jetzt hinauf, denn heute wirst du ihn finden. Denn er unterlässt
niemals, andern die Nahrung auszuteilen, welche er selbst empfangen hat, nicht um solche in
Eigenheit zu besitzen, sondern um sie ihnen mitzuteilen.

14) Also gingen sie hinauf in die Stadt. Und da sie in die Mitte kamen, sahen sie den Samuel,
der ihnen entgegen kam, und bereit war, in die Höhe hinaufzugehen.

Es ist ein grosser Vorteil, diese wahren Hirten zu finden, da man gar bald ihrer Gnade mit teilhaftig
wird.
15) Der Herr aber hatte dem Samuel die Ankunft des Sauls geoffenbart, einen Tag bevor er
kam.

17) Da Samuel den Saul angesehen hatte, sprach der Herr zu ihm: Dieses ist der Mann, von
welchem ich dir gesagt habe. Dieser wird über mein Volk regieren.

18) Da nahte sich Saul zu dem Samuel an dem Tor und sprach zu ihm: Ich bitte dich, sage
mir, wo ist das Haus des Sehers?

19) Samuel antwortete dem Saul: Ich bin der Seher. Steige vor mir hinauf in die Höhe, denn
du sollst heute mit mir essen, und morgen früh will ich dich wieder heimsenden. Ich will dir
alles sagen, was du auf dem Herzen hast.

Dies ist die rechte Weise, einen Hirten von Israel kräftig zu unterweisen, wenn man ihn lehrt, das
innere Gebet zu verrichten. Darum spricht Samuel zu Saul: Steige auf die Höhe. Ergib dich von nun
an der Beschauung, und sobald ich bei dir sein werde, will ich dich mit mir essen lassen, indem ich
dir den Geist des Worts, mit dem ich erfüllt bin, mitteilen werde, damit du solchen den Völkern
ausspendest, welche der Herr dir anvertrauen will. Gleichwie aber das grösste Kennzeichen zur
Mission, oder zur Sendung die Seelen zu führen, die Unterscheidung der Geister, und die Erkenntnis
ihres Inwendigen ist, so ist dieses die Ursache, dass Samuel zu dem Saul spricht, er werde ihm alles
sagen, was er in dem Herzen habe.

20) Und was die Eselinnen betrifft, die du verloren hast, darum bekümmere dich nicht; denn
sie sind wieder gefunden worden. Und wessen wird sein alles, was das Beste in Israel ist?
Wird es nicht dein sein und deines Vaters ganzem Haus?

Wenn alle verordneten Hirten Sorge trügen, wie Saul, nach jenen Seelen zu laufen, welche sich
verirren, und wie Eselinnen das Joch der Ungerechtigkeit tragen, das Joch des Herrn aber nicht
tragen wollen, so würden sie bald von Gott erwählt werden, Israel, d.h. die auserwählten Seelen zu
führen.

Samuel gibt dem Saul zu verstehen, dass alles, was das Beste ist in Israel, für ihn sein werde. Denn da
der Hirte auf seine Schafe das Übermass seiner Fülle ergiessen soll, so muss er in äusserstem
Überfluss und in einem sehr erhabenen Grad das haben, was die andern nur tropfenweise besitzen.
Darum geschieht es auch, wenn die Schrift überhaupt von jenen Seelen redet, dass sie sagt: Wenn wir
kaum ein kleines Tröpflein eurer Grösse haben entdecken können, wie sollten wir den Strom eurer
lieblichen Wonne begreifen?

21) Saul antwortete ihm: Bin ich nicht von dem Stamm Benjamin, welcher der Kleinste in
Israel ist; und ist nicht mein Geschlecht das Geringste dieses ganzen Stammes? Warum
redest du denn also zu mir?

Die allerwesentlichste und nötigste Gemütsverfassung, um den Seelen mit Nachdruck und Kraft zu
helfen, ist die niedrig gesinnte Meinung, die man von sich selbst hat. Eine Person, die von Gott
erwählt wird andern zu helfen, und die sich selbst wahrhaft kennt, erstaunt über nichts so sehr, als
über das, was man ihr von dem Vorhaben Gottes in Ansehung ihrer sagt. Und auch hierin besteht
ein Unterschied zwischen dem Stand des Glaubens und dem Stand der Lichter. In dem Stand des
Glaubens wird man zu dem Vorhaben Gottes genommen, wenn man es am wenigsten von sich
selbst hofft; in dem Lichtsstand aber erwartet man alles von der Gütigkeit des Herrn. Maria, deren
Glaube der allerreinste und der allernackteste war, spricht: Wie kann dies geschehen? (Luk.1,43), weil
sie eine so geringe Hochachtung von sich selbst hatte. Gleichwohl verhindert dieses Misstrauen
seiner selbst nicht die Unterwerfung unter den Willen Gottes; denn je mehr man von seinem Nichts
überzeugt ist, umso eine grössere Überzeugung hat man von der Macht Gottes, welcher alles aus
Nichts macht. Darum fügt auch die heilige Maria bei: Ich bin des Herrn Magd, mir geschehe nach
deinem Wort!

10. Kapitel. 

1) Samuel aber nahm eine kleine Flasche mit Oel, und goss sie über das Haupt des Sauls;
und er küsste ihn und sprach zu ihm: Der Herr ist es, der dich zum Fürsten über sein Erbteil
salbt, und du wirst sein Volk befreien von der Hand seiner Feinde, mit denen sie umgeben
sind.

Es wäre wenig, die Eigenschaften eines Hirten zu haben, wenn man nicht auch durch die Salbung
der Gnade geweiht wäre, um die Gnade den andern mitzuteilen. Dieses ist das Zeichen der Mission
oder Sendung. Darum wird auch von Jesu Christo, dem wahren Hirten unserer Seelen, gemeldet,
dass Er mit dem Oel der Freuden ist gesalbt worden (Hebr. 1,9), höher als alle diejenigen, die an
dieser Eigenschaft des Hirten teilhaben. Man salbt die Könige, um sie damit zu lehren, dass sie nicht
nur Könige sein sollen (welche Würde darin besteht, dass sie ihre souveräne Macht gebrauchen
können), sondern dass sie auch Hirten seien, und alles anwenden und dahingehen sollen, um ihre
Herde zu erretten.

6) Der Geist des Herrn wird über dich kommen. Du wirst mit den Propheten prophezeien,
und wirst in einen andern Menschen verwandelt werden.

Wenn Gott einen Menschen erwählt, um solchen zum Hirten zu machen, so verwandelt Er solchen
wahrhaftig in einen andern Menschen. Er erfährt, ob er gleich in Ansehung seiner selbst sich
unwissend und schwach befindet, dass gleichwohl, wenn es darauf ankommt andern zu helfen, er
eine göttliche Kraft in sich findet, und dass er ganz und gar verändert ist. Spricht nicht Paulus, dass
die Völker, an welche er schrieb, von ihm sagten: Er ist ein kleiner Plann, der kein grosses äusseres
Ansehen hat; gleichwohl aber ist aus seinen Briefen zu erkennen, dass er eine ausserordentlich grosse
Kraft und Autorität hat (2.Kor.10,10). Gott gibt ihnen auch zuzeiten einige Wissenschaft des
Zukünftigen, welches eine Art der Prophezeiung ist, und wodurch sie erlangen, dass jedermann ihren
Worten glaubt. Allein dieses ist eine vorbeigehende Gabe.

7) Wenn dann alle diese Zeichen dir widerfahren, so tue alles, was dir am ersten unter die
Hände kommt, weil der Herr mit dir ist.

Wenn der Geist Gottes sich einer Seele bemächtigt, so soll sie mit einer grossen Treue alles tun, was
ihr am ersten vorkommt; denn da der Herr ihr Urgrund oder Grundlage wird, so wird Er auch der
Urgrund ihrer Bewegungen. Diese Stelle ist wundervortrefflich. Das was uns am meisten besitzt, ist
auch die Quelle unserer ersten Bewegungen. Darum, wenn man von den Gemütsneigungen einer
Person urteilen will, so muss man von den ersten Bewegungen ihres Herzens das Urteil fällen,
welche öfters gegen ihren Willen dasjenige offenbaren, wohin ihre Vorliebe gerichtet ist. Sind wir mit
uns selbst und mit der Natur ganz und gar erfüllt, so sind die ersten Bewegungen von der
verdorbenen Natur. Die gleichen Bewegungen offenbaren sich auch durch die Zuneigung zu
irdischen Dingen, oder durch die Leidenschaft und Liebe zu einer Kreatur. Demnach muss man
gegen diese ersten Bewegungen streiten, und der Vernunft und der Gnade Raum geben, damit solche
die Oberhand bekommen. Wenn aber Gott sich des Herzens bemächtigt hat, welches an den durch
Samuel beschriebenen Zeichen zu erkennen ist, oh, alsdann muss man den ersten Bewegungen
folgen, weit entfernt, dass man solche bestreiten müsste. Denn darin folgt man Gott; und man würde
Gott widerstreben, wenn man die ersten Bewegungen, wie man vorher tat, bestreiten wollte. Hiezu
aber wird erfordert, dass Gott mit uns ist, und dass wir Gott in uns wirken und handeln lassen.

8) Du sollst vor mir hingehen nach Gilgal, wo ich zu dir kommen will, damit du dem Herrn
ein Opfer opferst, und ihm Friedensopfer schlachtest. Du sollst sieben Tage lang auf mich
warten, bis dass ich zu dir komme und dir verkündige, was du tun sollst.

Alsdann ist es Zeit, Gott Opfer zu opfern, welches aber Friedensopfer sind. Dieses hat eine
zweifache Bedeutung. Erstens, dass die Seele alsdann einen tiefen Frieden schmeckt. Denn wenn
man dem Willen Gottes blindlings folgt, und dasjenige ohne Aufschieben noch Wanken tut, was
Gott eingibt, so verursacht solches der Seele eine grosse Heiterkeit und ruhsame Zufriedenheit.
Zweitens geschieht es, wenn man Gott alles aufopfert (was man glaubt, dass Er von uns begehre), so
ist der Friede, den man empfindet, gleichsam ein Zeugnis, dass Gott an diesem Opfer ein
Wohlgefallen, und solches gnädig angenommen hat. Als Noah bei seinem Ausgang aus der Arche
Gott opferte, gab sein Opfer einen lieblichen Geruch von sich (1.Mose 8,21). Wenn das Opfer Gott
ein süsser Geruch ist, so macht Er, dass die Seele, die solches bringt, dessen Süssigkeit riecht und
empfindet.

Die sieben Tage, welche Samuel begehrt, dass Saul ihn erwarten soll, zeigen an die Zeit des Streits
und der Reinigung, welche dieser friedensvollen Geniessung Gottes vorangehen muss.

9) Da also Saul sich von dem Samuel wandte, und seinen Weg ging, da veränderte Gott ihm
sein Herz, und gab ihm ein anderes Herz, und alle diese Zeichen widerfuhren ihm
desselben Tages.

Die Bekehrung, welche Gott wirkt, ist vollkommen und kräftig in dem Augenblick, da Gott solche
wirkt; und man kann sagen, es sei keine vollkommene Bekehrung, wenn das Herz nicht ganz und gar
verändert ist. Es kann aber nicht vollkommen verändert werden, ohne nur durch das Innere, wenn
(nach den Worten des Propheten) Gott dieses steinerne Herz hinwegnimmt, und uns ein fleischernes
Herz gibt (Hesek. 11,19). Alsdann findet sich dieses Herz so gar verändert, dass man sich selbst nicht
mehr kennt. Clan erfährt, dass dieses Herz der Tempel des Heiligen Geistes geworden ist; und
alsdann widerfahren uns alle diese Zeichen, welche die Kennzeichen sind, dass der Heilige Geist in
der Seele wohnt. Und wo der Heilige Geist ist, da sind auch seine Früchte; und wo seine Früchte
sind, muss man schliessen, dass der Heilige Geist daselbst wohnt.

10) Da er mit seinem Knecht auf dem Hügel war, der ihm war angezeigt worden, kam ihm
ein Haufe Propheten entgegen. Da ergriff ihn der Geist des Herrn, und er prophezeite
mitten unter ihnen.

Hat nicht unser Herr gesprochen: Wenn einige unter euch in meinem Namen versammelt sein
werden, so bin ich mitten unter ihnen (Matth.18,20). Vor der Zukunft Jesu Christi, des Königs des
Friedens, geschah alles mit Heftigkeit, und die Gegenwart Gottes wurde durch diese in die Augen
leuchtenden Zeugnisse erkannt. Seit aber Jesus Christus gekommen ist, den Menschen eines guten
Willens den Frieden zu bringen, so ist das Zeichen seiner Gegenwart dieser Friede und diese Weite,
die man beide zugleich erfährt, wie auch eine gewisse Übereinstimmung des Herzens, welche zu
erkennen gibt, dass man durch eben diesen Geist Jesu Christi belebt ist.

11) Alle welche ihn vorher gekannt hatten, als sie sahen, dass er unter den Propheten war
und prophezeite, sprachen untereinander: Was ist dem Sohn des Kis widerfahren? Ist Saul
auch ein Prophet?

Die Ankunft Gottes in ein Herz und die vollkommene Veränderung des Herzens lassen sich durch
äusserliche Kennzeichen genugsam erkennen. Man sieht eine erstaunliche Veränderung, und man
fragt, was denn dieser Person widerfahren sei? Sie ist nicht mehr die gleiche Person. Wie! Ist sie denn
schon vollkommen geworden?

17) Samuel versammelte das ganze Volk vor dem Herrn zu Mizpa.

18) Und er sprach zu den Kindern Israel: So spricht der Herr, der Gott Israels: Ich habe euch
aus Ägypten geführt und habe euch befreit von der Hand der Ägypter, und von der Hand
aller Könige, die euch quälten.

Obgleich Gott die Bitte dieses Volks erhörte, da es einen König begehrte, so ist doch leicht zu
erkennen, dass Gott sie mit Unwillen erhört. Gott erhört öfters die Bitten, welche wir vor Ihn
bringen, und gleichwohl ist diese Gewährung des Begehrens eine Strafe. Dennoch aber unterlässt
Gott nicht, solches mit allen möglichen Vorteilen zu tun, und soviel als die Sache, welche wir bitten,
dessen fähig ist; welches man denn für eine grosse Gnade achtet. Gleichwie aber Gott die Übergabe
unserer Selbsten ganz und gar in seine Hände unendlich mehr liebt, und sich damit weit höher geehrt
achtet, als mit allen Bitten, die wir zu tun vermögen, so lässt Er dieses Volk durch Samuel an alle
Gnaden erinnern, die Er ihnen erzeigt, da es sich an Gott überlassen hatte. Er zeigt ihnen, wie Er sie
aus der Gefangenschaft Ägyptens geführt, welches sehr wohl die Gefangenschaft der Sünde
vorbildet; ja wie Er sie auch noch errettet habe von der Unterdrückung der andern Könige, d.h. von
der Tyrannei ihrer Leidenschaften, und dass Er dieses Volk zum König über diejenigen gemacht,
deren Sklaven sie vorher gewesen.

19) Ihr habt heute euren Gott verworfen, welcher allein euch von allen Übeln und von allem
Elend erlöst, die euch niederdrückten. Ihr habt gesagt: Wir wollen dich nicht hören, sondern
setze einen König über uns. So stellet euch nun dar vor dem Herrn, ein jeder in seinem
Stamm und in seinem Geschlecht.

Gott beklagt sich, dass dieses Volk Ihn verworfen habe, ob es gleich in der Tat scheint, dass sie
nichts anderes als den Willen Gottes tun. Wieviele Personen, die sich von dem guten Fortgang ihres
Unternehmens betrügen lassen, glauben den Willen Gottes zu tun, da sie doch nur ihren eigenen
Willen tun? Es ist Gott verwerfen, wenn man sich seiner süssen und liebevollen Führung entzieht,
um eine menschliche Führung zu ergreifen. O Gott, man setzt ein Misstrauen in deine Gütigkeit, und
man fürchtet sich zu verirren, wenn man dir folgt. Hingegen glaubt man in guter Sicherheit zu sein,
wenn man der Führung eines gelehrten und in grossem Ansehen stehenden Mannes folgt! Wer ist
wohl, der so viele Gütigkeit hat für unsere Seele, wie du, o Gott, der du versicherst, dass zwar eine
Mutter ihr Kind verlassen könne, du aber werdest uns nimmermehr verlassen? (Jes.49,15). Wer hat
wohl grössere Weisheit und Wissenschaft, als du, o Gott, in welchem alle Schätze der Weisheit eines
Gottes eingeschlossen sind? (Kol.2,3). Wer vermag eine Sache besser zu ergründen, um solcher einen
guten Ausschlag zu geben, als du, o Gott, der du unsere Bedürfnisse erkennst, ehe wir solche von dir
erbitten? (Matth.6,8). Wo werden wir auch eine grössere Liebe finden, als in dir, o Gott, der du die
Menschen so sehr geliebt, dass du ihnen deinen einzigen Sohn gegeben (Joh.3,16), und solchen dem
Tod übergeben hast, um die Menschen loszukaufen. Wo ist auch eine grössere Macht als in
demselben, der den Himmel und die Erde gemacht, und dem alle Nationen gehorchen? Bist du es
nicht, o Gott, der du uns unsere Sünden vergibst, der unser Leben vom Tode loskauft, der unsere
Jugend erneuert wie den Adler, und der unsere Krankheiten und Machtlosigkeiten trägt? (Ps.102, 35).
Und man fürchtet, sich unter deiner Führung zu verirren, man scheut, o mein Gott, sich dir
anzuvertrauen! Es scheint, dieses Misstrauen einer geringen, von Kot zusammengebackenen Kreatur,
müsste das Herz ihres Gottes verwunden, und dass Er dadurch mehr beleidigt werde, als durch
tausend schwache Fehler, in welche man durch eine bezaubernde Neigung hingerissen wird. Gott
erlöst uns von allem unserem Elend, wenn wir uns Ihm überlassen. Gleichwohl hören wir Ihn nicht
an. wenn Er uns zu dieser völligen und gänzlichen Übergabe einladet, und wir begehren eine
empfindliche Führung! Wohl billig und mit Gerechtigkeit beklagt sich Gott darüber, und spricht zu
uns, dass wir Ihn verlassen haben, Ihn, der da ist die Quelle des lebendigen Wassers, um unsern
Durst zu löschen aus löcherichsten Zisternen, die kein Wasser halten können (Jer.2,13).

21) Und da Samuel über alle Geschlechter des Stammes Benjamin das Los geworfen hatte,
fiel das Los auf das Gechlecht Matri, und endlich traf es den Saul. Da suchten sie ihn und
fanden ihn nicht.

Obschon Saul wusste, dass er erwählt war um König zu sein, und dass die Versammlung nur um
seinetwillen gehalten wurde, so tat er doch keinen Schritt deswegen, und übereilte nichts, sondern er
verbarg sich vielmehr. Hieraus sollen wir zwei grosse Lehren ziehen. Erstens, dass ob man gleich
durch Prophezeiungen der Ämter und Würden versichert ist, zu welchen Gott uns bestimmt, man
gleichwohl sich nicht selber in diese Ämter eindringen soll, sondern dass man vielmehr warten
müsse, bis Gott selbst zu seiner Zeit das vollstreckt, was Er hat verheissen lassen. Dieses ist das
rechte Mittel, niemals durch ausserordentliche Erkenntnisse und Prophezeiungen betrogen zu
werden. Denn sind diese Einsichten und Prophezeiungen wahrhaftig, so werden sie allezeit erfüllt
werden, ohne dass sich die Kreatur einmischen muss. Sind sie aber nicht wahrhaftig, und man
unternimmt nichts in Absicht auf diese Einsichten, so können sie nichts schaden. Die zweite Lehre
ist, dass man die Würden allezeit mehr fliehen als suchen soll. Allein wo findet man solche, die sich
verbergen, um sie zu vermeiden?

Ich weiss, dass es öfters ein verschmitzter Hochmut ist, wenn man sich verbergen und eine Würde
nicht annehmen will, von der man versichert ist, dass man dazu bestimmt worden, und welche uns
nicht fehlen kann. Allein in dieser heutigen Welt hat es hiemit keine Not, und das heftige Streben
nach diesen Würden, und die Sorgfalt, sich dazu zu empfehlen, bewahrt wohl für diese Art des
Hochmuts.

22) Und da sie den Herrn gefragt hatten, um zu erfahren, ob er kommen würde, antwortete
der Herr: Ihr werdet ihn in seinem Haus versteckt finden.

Die Gütigkeit Gottes ist wunderbar, um Antwort zu geben auf alles, auch auf die kleinsten Dinge,
um welche Er gefragt wird. Eben also handelt Gott auch noch jetzt mit denen, welche gleich ihr
Anliegen vor Gott bringen, in allem was sie tun und unternehmen. Man sagt, man lebe nicht mehr in
jenen Zeiten, in welchen Orakel ausgesprochen und göttliche Aussprüche erlangt wurden. Das ist
zwar wahr, was äusserliche Orakel und äusserliche göttliche Aussprüche betrifft. Allein wir haben in
unserem Inwendigen in uns selbst ein immerwährendes Orakel, und wir müssen nur dem folgen, was
solches uns sagen wird. Glückselig ist derselbe, in welchem der Heilige Geist wohnt! Denn der
Heilige Geist lässt uns nicht unwissend bleiben in demjenigen, was wir tun sollen. Ein solcher
Mensch hat in sich einen Geist der anzeigt, und welcher bestraft und verbessert. Dieser Geist zeigt
ihm an auf eine so zarte weise in dem gegenwärtigen Augenblick, das was Gott von ihm will und
fordert. Und eben derselbe Geist bestraft ihn auch und bringt ihn wieder zurecht, wenn dieser
Mensch sich verirrt oder etwas tut, was Gott nicht will. Je getreuer man ist, diesem Geist zu folgen,
umso getreuer ist auch dieser Geist, den Menschen nicht verirren zu lassen. Die Ursache aber, dass
so wenige Menschen diesen Geist kennen und unterscheiden, ist dass fast alle Menschen diesen
einfachen und einfältigen Geist dämpfen, obgleich Paulus so sehr davor warnt (1.Thess.5,19).

In diesem Vers wird ferner gemeldet, dass Saul in seinem Haus verborgen war. Dies zeigt keineswegs
eine Flucht an, denn solches wäre ein Widerstreben gegen den souveränen Willen Gottes gewesen;
sondern es zeigt solches an die Geringachtung seiner selbst, welche macht, dass man sich zu allem
unfähig und ungeschickt glaubt, ob man gleich zu allem bereit ist. Wer sorgfältig ist, sich durch die
Sammlung in sich selbst eingeschlossen zu halten, der ist in Sicherheit, dass weder die Freude
(welche durch das Wohlergehen entsteht), noch die Niedergeschlagenheit (welche gewöhnlich durch
die Widerwärtigkeit entsteht) hervorscheint.

23) Da liefen sie hin und brachten ihn; und da er unter dem Volk stand, war er einen Kopf
grösser als alles übrige Volk, von den Schultern bis über das Haupt.

24) Da sprach Samuel zu dem ganzen Volk: Wahrlich ihr seht, welchen der Herr erwählt hat.
Denn im ganzen Volk ist keiner ihm gleich. Da schrie das ganze Volk: Es lebe der König!

Die eifrige Begierde dieses Volks, einen König zu haben, ist zu verwundern. Ob nun gleich dieses
heftige Verlangen Gott missfällt, so gibt doch Gott ihnen einen der allerbesten Könige, denn hier
wird dessen Vortrefflichkeit ausgedrückt. Ob wir gleich meistenteils nicht wissen, worum wir bitten,
noch was wir bitten sollen, noch wie man bitten muss, so ist doch die Gütigkeit Gottes so unendlich
gross, dass Er nicht unterlässt, uns (wiewohl ungern) zu erhören und dasjenige zu geben, was das
Beste in demselben ist, worum wir Ihn bitten.

Nichts gibt einer in ihrer Bitte erhörten Person ein grösseres Vergnügen, als wenn sie die Güte und
Vortrefflichkeit desselben sieht, was ihr kraft ihrer Bitte gegeben wird. Allein, ein wenig Geduld. Wer
hätte nicht aus allen diesen Umständen schliessen sollen, dass Saul der Beste unter allen Königen
sein würde? Allein, wie war sein Ende? Alles was zur Welt gehört, hat im Anfang einen grossen
Schein und vortrefflichen Glanz. Die Folgen aber, die hernach kommen, sind gewöhnlich kläglich.
Hingegen was von Gott kommt, scheint im Anfang nichtig und verächtlich zu sein, am Ende aber ist
es eine Quelle des Segens.

Der Gerechte ist wie ein kleines Licht, das nach und nach aufgeht, und bis zu seinem vollkommenen
Tag wächst. Lasset uns die Regierung Davids mit der Regierung Sauls vergleichen. Wir sehen, wie gut
es ist, wenn man sich Gott überlässt, und dass dasjenige, was Gott selbst für uns erkiest, über allen
Vergleich besser ist als das, was wir selbst von Gott erbitten. Saul wird auf eine herrlich in die Augen
leuchtende Weise zum König gemacht, und mit allen Kennzeichen der erhabensten Tugend
versehen; gleichwohl wird er verworfen und fällt ab. David aber hat gar keinen äusseren Schein und
steigt auf den Thron, nicht anders als durch immerwährende Verfolgungen, und durch die äussersten
Niedrigkeiten und Schmach. Dennoch ist er ein Heiliger, und sein Leben ist mit der ihm
verheissenen Unsterblichkeit erfüllt. Saul war das Vorbild der starken Hirten, welche die Herden
durch sich selbst führen, und über die Völker zu regieren scheinen, weil ihre Autorität fest besteht.
David aber ist das Vorbild derer, welche zu Jesu Christo führen, und anders nicht als durch eben
diesen Jesus Christus führen. O Jesus! sei du unser König, da du in die Welt gekommen bist, ein
König zu sein (Joh. 18,3637), d.h. über uns und in uns zu regieren. Denn eben die gleiche Schrift,
welche versichert, dass Jesus Christus der König ist, spricht auch, sein Reich sei nicht von dieser
Welt. Die Welt regiert nur über den Leib; Jesus Christus aber regiert über die Herzen. Dort, in dem
Herzen, richtet Er sein Königreich auf, und regiert über alles übrige.

25) Hernach sprach Samuel aus vor dem Volk das Gesetz des Königreichs, welches er in ein
Buch schrieb, und legte es hin vor dem Herrn. Hernach liess er das ganze Volk von sich,
und sandte einen jeden nach Hause.

26) Saul kehrte auch heim nach Gibea, und mit ihm ein Teil des Heeres, deren Herz Gott
gerührt hatte.

27) Die Kinder Belials hingegen sprachen, wie sollte uns dieser erlösen können? Und sie
verachteten ihn, und brachten ihm keine Geschenke. Saul aber tat, als hörte er sie nicht.

Samuel unterliess nichts, um diesem Volk zu erkennen zu geben, wie übel es getan, dass sie die
Führung der Menschen der Führung Gottes vorgezogen hatten. Dessen ungeachtet handelt er
dennoch wie ein vortrefflicher Hirte, wenn solcher sieht, dass seine Herde sich verirrt und unter
einer andern Führung wandeln will. Er zeigt, wie übel und nachteilig sie wider sich selbst handeln.
Hernach aber gibt er ihnen alle notwendigen Mittel, um dieser andern Führung, ohne sich zu
verirren, zu folgen. Die vor Gott hingelegten Gesetze des Königreichs waren nicht nur die Regeln,
wie man sich gegen den König betragen muss, sondern dieses diente gleichsam zu einem
immerwährenden Zeugnis in den folgenden Zeiten, wie ein grosses Unrecht dieses Volk getan, dass
sie Gott und die Lieblichkeit seiner Beherrschung verlassen, um der Beherrschung einer Kreatur
Folge zu leisten.

Es wird gemeldet, dass Samuel einen jeden nach Hause sandte. Dieses ist eben als ob gesagt würde:
Weil Samuel sah, wie ungerecht dieses Volk handelte, dass es eine menschliche Führung der Führung
Gottes vorzog, so begriff er wohl, dass diese Leute allezeit Sklaven der verdorbenen Natur bleiben
würden, welches unser Haus und die Heimat des sündigen Adams ist, in welchem wir wohnen, bis
dass Gott uns aus uns selbst herauszieht. Gott aber zieht nur diejenigen von dannen heraus, die sich
zu Ihm führen lassen. Daher ist leicht zu urteilen, dass man niemals sich selbst verlassen werde,
wenn man sich der göttlichen Führung entzieht. Darum muss man diese Personen heim in ihr Haus
senden, und ihnen wenigstens beibringen, wie sie in dem Streit ihrer selbst, wovon sie sich nicht
befreien lassen wollen, die Seligkeit erlangen sollen. Dies taten diejenigen, deren Herz nach ihrem
begangenem Fehler von Gott gerührt war, da sie dem Saul folgten.

Dieses ist auch das Beste, das man tun kann, nachdem man seinen Weg verlassen hat. Es gibt
Personen (welche durch einen Hochmut getrieben werden, der der ewigen Verdammnis wert ist), die,
wenn sie sich aus ihrem früheren Stand verfallen sehen (anstatt dass sie durch Niedrigkeit und
Demut die Gemütsverfassung, worin sie stehen, wohl und zu ihrem Heil anwenden sollten), alles
verlassen und in Freigeisterei und in ein wildes, ungezähmtes Leben fallen. Solche Personen sind in
allem heftig und fallen von einem Extrem ins andere. Notwendigerweise müssen diese Personen sich
nur aus einer Liebe zu ihrer eigenen Vortrefflichkeit, die aber von Gott verworfen wird, zur
Gottseligkeit begeben haben. Daher sind sie in sich selbst wieder gefallen, wie auch in ein freches,
unbändiges Leben, welches gewöhnlich das Kennzeichen des Hochmuts ist. Wenn eine demütige
Person glaubt, aus eigener Schuld ihre Gabe verloren zu haben, so trachtet sie diesen Verlust zu
ihrem Heil wohl zu gebrauchen. Sie bleibt in ihrem niedrigen Grad gedemütigt, und macht sich also
sowohl ihre Demütigung als ihren Fehler wohl zunutze. Diese Personen gehen gar bald wieder in
ihren früheren Stand ein, und erlangen dasjenige auch wohl mit Vorteil wieder, was sie verloren
hatten. Und wenn sie auch zu ihrem früheren Stand nicht mehr gelangten, so wären sie ebensowohl
zufrieden.

Man muss, gleichwie Saul, sich auf eine kurze Zeit stellen, als wüsste man nichts von der Argheit der
Gottlosen, um sie durch Sanftmut und Geduld zu gewinnen, und sie auf den rechten Weg zu führen.

11. Kapitel. 

1) Ungefähr einen Monat später zog Nahas, der König der Ammoniter, ins Feld und stritt
wider Jabes in Gilead. Und alle Einwohner von Jabes sprachen zu ihm: Mache einen Vertrag
mit uns, so wollen wir dir unterworfen sein.

Es ist nur Gott allein, der uns ganz und gar von dem Anfall unserer Feinde befreien kann.
Gewöhnlich lässt uns Gott einige Feinde übrig, damit wir solche bestreiten sollen. In diesem Fall
muss man unermüdlich gegen solche kämpfen. Denn wenn wir, gleichwie dieses törichte Volk, mit
diesen Feinden einen Vertrag machen und ihnen unterworfen bleiben wollen (da wir doch
geschaffen worden sind, sie zu beherrschen), so würden wir gar bald empfinden müssen, wie gross
ihre Tyrannei ist.

2) Der König der Ammoniter antwortete ihnen: Dieses ist der Vertrag, den ich mit euch
machen will: Ich will euch allen das rechte Auge ausstechen, und will euch zur Schmach
machen dem ganzen Israel.

Von diesem Feind darf man auf keinen bessern Vertrag hoffen. Das rechte Auge bedeutet die reine,
lautere Absicht, welches auch in dem Evangelium einigermassen also erklärt wird, wenn unser Herr
spricht: Wenn dein Auge einfältig ist, so wird dein ganzer Leib licht sein

(Matth.6,22), wodurch Jesus Christus anzeigt, dass die aufrichtige Absicht allen unsern Werken den
wert verleiht. Mit dieser aufrichtigen Absicht verwundete die Braut den Bräutigam, wenn es heisst:
Du hast mich mit einem deiner Augen verwundet, meine Schwester, meine Braut (Hohel.4,9).
Demnach fürchtet der Feind nichts so sehr, als die aufrichtige Absicht einer Seele. Darum trachtet
der Feind ihr anfänglich eine Unaufrichtigkeit, der Aufrichtigkeit zuwider, einzublasen, und gibt der
Seele das eigene Interesse oder Eigennutzen, oder die Hoffart zur Nebenabsicht, damit dieses der
Beweggrund von allem diesem sein soll, was sie tut. Und dieses bedeutet eigentlich, das rechte Auge
ausstechen. Denn gleichwie die aufrichtige Absicht nicht nur fertig bringt, dass die Seele in Ansehung
alles dessen erleuchtet wird, was die Verherrlichung Gottes lauter und rein betrifft, so verleiht ihr
solche auch in diesen Dingen ein gewisses zartes und tief eindringendes Licht, welches stets subtiler
und scharfsehender wird. Umgekehrt werden diejenigen allezeit und täglich blinder, deren Absichten
unlauter und unaufrichtig sind. Clan sticht ihnen das rechte Auge aus, damit sie die Wahrheit nicht
so, wie sie ist, sehen können, und man lässt ihnen nur das linke Auge, so dass, da sie nur durch einen
falschen Schimmer sehen, ihnen die Lügen und das Falsche Wahrheit zu sein scheinen. Denn da die
Aufrichtigkeit bei ihnen erloschen ist, so sind sie hernach nicht mehr geschickt mit dem Bogen zu
schiessen, um wider ihre Feinde zu streiten. Denn da sie ihre Feinde nicht mehr kennen, so halten sie
öfters ihre Freunde für Feinde.

Es ist wohl wahr, dass solche Personen die Schmach und Schande von Israel sind. Denn nichts auf
der Welt ist dem Innern mehr zuwider, als die Verstellung. Die Aufrichtigkeit ist das gewisseste
Kennzeichen des inneren Geistes, gleichwie die Verstellung der Beweis ist, dass der Teufel eine
solche Seele besitzt. Wo Gott ist, da ist Wahrheit. Will man erfahren, ob Gott eine Person besitzt? so
setze man sie auf die Probe durch die Wahrheit, und nicht durch alles übrige. Wo die Lüge ist, da
wohnt der Teufel. Ich rede aber nicht von Lügen, die aus Übereilung geschehen, in welche alle
Menschen leicht fallen können, da alle Menschen Lügner sind (Ps.115,11). Sondern ich rede von
Arglistigkeiten und Betrügereien, welche die Werke des Teufels sind. Hingegen ist eine Übereilung
gegen die Wahrheit das Kennzeichen der Natur eines schwachen Menschen. Die Verstellungen und
Arglistigkeiten aber sind Werke des Geistes der Finsternis.

3) Die Ältesten von Jabes antworteten ihm: Gib uns sieben Tage Zeit, damit wir Boten zu
ganz Israel senden, und wenn sich niemand findet, der uns beschützt, so wollen wir uns dir
ergeben.

Dieses ist das Mittel, das man ergreifen soll, wenn man in solchen Dingen versucht wird, dass man
die Knechte des Herrn und innere Personen um Hilfe anruft. Sich sieben Tage Zeit zu nehmen,
bedeutet, dass man sich einer mühsamen Bussübung ergeben soll. Es ist eben, als hätten die
Einwohner von Jabes geantwortet: Wenn wir alles, was in unserem Vermögen steht, werden getan
und um Hilfe gefleht haben; und wenn wir alsdann gleichwohl noch die Schwächsten sind, und euch
nicht widerstehen können, so wollen wir euch über uns herrschen lassen. Alle wirksamen Personen
müssen es also machen, und ihre Bussübungen umso mehr verdoppeln, je mehr sie versucht werden.
Auch müssen sie ihre Zuflucht zu Gott und zu seinen Knechten mit allem möglichen Eifer und
Inbrunst nehmen. Wenn sie dieses tun, so unterlässt Gott niemals, ihnen Hilfe zu leisten, und ihnen
den Sieg über ihre Feinde zu geben.

4) Da die Boten nach Gibea kamen, wo Saul wohnte, statteten sie vor dem Volk ihren
Bericht ab. Da hob alles Volk ihre Stimme auf und weinte.

5) Saul aber kam heim vom Feld hinter seinen Ochsen her, und er sprach: Was ist dem Volk,
dass es also weint. Da erzählte man ihm das, was die Einwohner von Jabes ihnen hatten
sagen lassen.

6) Sobald er diese Worte gehört hatte, ergriff ihn der Geist des Herrn, und er kam in einen
grossen Zorn.

In diesen Versen sind viele Umstände wohl zu merken. Die äusserste Trostlosigkeit des Volkes Israel
zeigt eine vollkommene und reine Liebe, denn sie befürchteten, diese schwachen Personen möchten
unter der Versuchung erliegen, da sie eine so schreckliche Strenge sahen. Denn für die Seelen ist
nichts höher zu fürchten, als dass sie in Gefahr stehen, das Licht der Wahrheit zu verlieren. Der
Schmerz dieses Volks wurde auch noch verursacht durch die Erkenntnis des Unrechts, das diese
Gottlosen gegen Gott taten, indem sie dieses Volk unterdrückten.
Was würde es uns aber helfen, über unsere versuchten und verfolgten Brüder zu weinen, wenn wir
ihnen keine Hilfe leisten? Wir können wohl für unsere Brüder seufzen, aber nur allein der wahre
Hirte kann sie von der Tyrannei des Feindes erretten. Darum wird auch gesagt, dass Saul in einen
grossen Zorn kam, welches den Eifer ausdrückt, der ihm gegeben wurde, um diese armen
Bekümmerten zu retten. Hiebei aber ist wohl zu merken, dass er in diesen heiligen Zorn erst kam,
nachdem der Heilige Geist ihn ergriffen hatte. Obgleich ein Hirte sein Verlangen genugsam
empfindet, welches er hat um den Seelen zu helfen, so empfindet er sich dennoch mit einem ganz
ausserordentlichen Eifer bewaffnet, wenn die Seelen seine wirkliche Hilfe nötig haben.

Obschon Saul zum König gesalbt war, so unterlässt er dennoch nicht, sich mit den geringsten
Dingen zu beschäftigen. Ein wahrer Hirte muss von sich selbst nicht gross halten, er muss auch
ebensowenig etwas vernachlässigen, sondern sich mit Demut auf die niedrigsten Dinge legen, indem
er, gleichwie Saul, sich des Pflugs bedient, um die bösen Gewohnheiten in den Seelen auszurotten,
wie auch indem er die Waffen ergreift, um sie gegen ihre Feinde zu beschützen. Hat nicht Jesus
Christus, der wahre Hirte unserer Seelen, mit der Pflugschar seines Worts gearbeitet? Hat Er nicht
unsere Schwachheiten und Krankheiten getragen? Er ist Bürge für uns geworden, da Er unsere
Schulden bezahlt hat, gleichwie geschrieben steht, dass Er bezahlt habe, das was Er nicht verschuldet
hatte (Ps.68,5).

7) Da nahm er seine zwei Ochsen, hieb sie in Stücke, und sandte sie durch die Boten von
Jabes in alle Länder Israels, und sprach: Also soll man den Ochsen aller derer tun, die nicht
zu Feld ziehen, um dem Saul und Samuel zu folgen. Und die Furcht des Herrn kam auf das
ganze Volk, und sie zogen alle bewaffnet aus, eben als ob sie ein einziger Mann gewesen
wären.

Es ist eine Zeit, in der man ackern soll, und eine andere Zeit, in welcher man das, was zu dieser
Arbeit gehört, aufopfern muss. Wenn man unsere Feinde zu bestreiten hat, so muss man die
Pflugschar verlassen, um die Waffen zu ergreifen. Saul sendet seine zerstückten Ochsen zu allem
Volk, um damit zu zeigen, dass die Liebe Jesu Christi erfordere, dass wir zu Zeiten unsere eigene
Arbeit verlassen sollen, um zum Heil unserer Brüder zu arbeiten. Diejenigen, welche (wenn es Gott
begehrt) die Sorge für ihre eigene Vollkommenheit nicht fahren lassen wollen, um an der
Vollkommenheit ihrer Brüder zu arbeiten, sind wert, dass man ihnen auch die Mittel, an ihrer
eigenen Vollkommenheit zu arbeiten, hinwegnimmt. Ein wahrer Christ muss die Seligkeit seines
Bruders ebensoviel beherzigen, als seine eigene, und muss ihm dienen, wenn er es bedarf, ohne sich
selbst anzusehen. Tut er dieses, so wird es ihm vergolten werden. Tut er es aber nicht, so wird er mit
allem Recht bestraft.

Saul fordert das Volk zusammen, nicht allein um zu streiten, sondern er spricht, um dem Saul und
dem Samuel nachzufolgen. Die Hirten sollen vorn an der Spitze bei allen Unternehmungen sein, die
zum Heil der Völker geschehen.

Es ist zu bewundern, wie ein so grosses Volk sich so vereinigt, dass die Schrift meldet, sie waren wie
ein einziger Plann. Dies zeigt an, dass sie nur einen Geist, ein Herz und eine Seele hatten. Die
Vereinigung und Einigkeit derer, die etwas unternehmen, macht, dass es ihnen wohl gerät; da
hingegen die Uneinigkeit und Zerteilung verursacht, dass alle Werke zugrunde gehen. Daher wird
auch gemeldet, dass die Furcht des Herrn auf sie gefallen war. Die Furcht ist zweierlei. Es gibt eine
Furcht, die eigennützig ist und um Lohnes willen entsteht, nämlich wenn wir für uns selbst fürchten,
und wenn das eigene Interesse die Bewegursache dieser Furcht ist; und dies ist eigentlich die Furcht
des Menschen. Allein es gibt auch die Furcht des Herrn, wenn man fürchtet, Gott werde durch
unsere Missetaten oder durch die Sünden anderer beleidigt, oder Gott werde in uns und in andern
nicht genug verherrlicht.

8) Da Saul sein Volk musterte zu Besek, fanden sich drei mal hunderttausend Mann von den
Kindern Israels, und dreissigtausend Mann von Juda.

Der Anfang der Regierung des Sauls ist mit einem sehr blühenden Glück. Das allzugrosse
Wohlergehen ist öfters eine Vorbedeutung vieler Widerwärtigkeiten. Da Gott selbst für Israel stritt,
und dieses Volk seiner göttlichen Führung überlassen war, wollte Gott fast keine Menschen zu den
grössten Siegen haben. Ja Gott will nicht einmal, dass die wenigen, die Er von solchen erwählt, selber
Hand ans Werk legen, gleichwie man solches in den Büchern Mosis und im Buch der Richter
angemerkt hat. Nachdem aber dieses Volk eine menschliche Führung begehrt und erlangt hat, so
werden alle Siege mit einer grossen Zurüstung und durch zahlreiche Kriegsheere erlangt. Alles was
Gott selber tut, geschieht ohne grossen Schein noch grossen Ruf. Die Werke der Menschen aber
fallen sehr in die Augen.

9) Da antworteten sie den Boten, die von Jabes gekommen waren: Also sollt ihr zu den
Einwohnern von Jabes in Gilead sagen: Morgen sollt ihr errettet werden, wenn die Sonne in
ihrer Kraft sein wird. Die Boten brachten diese Nachricht den Einwohnern von Jabes,
worüber sie sich sehr freuten.

Wenn die Übel aufs höchste gekommen, und man an der Hilfe am meisten verzweifelt, so ist die
Erlösung am nächsten. Den Einwohnern von Jabes wurde gesagt, sie würden errettet werden, wenn
die Sonne in ihrer Kraft ist. Das heisst, wenn man von dem Feind, der der Teufel des Mittags
genannt wird (Ps.90,6), am heftigsten gequält wird, und die Versuchungen am stärksten sind, alsdann
wird man durch eine ebenso schnelle als kräftige Hilfe errettet und befreit.

11) Da der folgende Tag kam, teilte Saul sein Heer in drei Teile, und er fiel mit
anbrechendem Tag mitten in das Lager der Ammoniter, und sie wurden niedergehauen, bis
die Sonne in ihrer Kraft war. Die welche entrannen, wurden hin und wieder zerstreut, so dass
keine zwei beieinander blieben.

Das glückliche Ergehen gleicht dem Eifer des Sauls. Die Feinde werden zerstört, wenn man sich mit
denen vereinigt, die Gott uns zu führen bestimmt hat, um die Feinde zu überwinden. Vor diesen von
Gott gegebenen Führern fliehen die Feinde, und dürfen sich in langer Zeit nicht unterstehen, die
Seele wieder anzufallen.

12) Da sprach das Volk zu Samuel: Wer sind denn die, welche gesagt haben: Soll Saul unser
König sein? Gebet uns diese Leute heraus, dass wir sie nun töten.

Nichts kann eine kräftigere Überzeugung geben, dass Gott die Seelen durch den Führer führt, als die
Wacht, die der Führer hat, die Versuchung zu stillen, und wenn er die Feinde fliehen macht. Die
empfindlichen Personen werden durch diese empfindlichen Zeugnisse gewonnen, und in ihrem
übermässigen Eifer wollten sie wohl alle diejenigen verurteilen, welche nicht so wie sie handeln, und
nicht eben derselben Führung folgen.
13) Saul aber sprach zu ihnen: Heute soll niemand sterben; denn dieses ist der Tag, an
welchem der Herr Israel erlöst hat.

Die Antwort des Sauls ist vortrefflich. Er handelt wie ein vortrefflicher Führer, welcher wohl sieht,
dass der Eifer, der diese Leute antreibt, nicht nach der Erkenntnis ist. Zugleich aber lehrt er diesen
Völkern zwei Dinge: Erstens, dass man den Sieg nicht dem Mensehen, sondern Gott beimessen soll.
Zweitens, dass man in der Verurteilung dieser Personen, welche aus Unwissenheit seine Führung
verworfen haben, sich nicht übereilen müsse. Das Heil, das Gott gegenwärtig dem Israel auf eine so
herrliche Weise verliehen, sei kräftig genug, um diejenigen, welche abgewichen, wieder
herbeizuführen. Überdies lehrt er uns, Gott wolle nicht den Tod des Sünders, sondern dass er lebe
und sich bekehre. Die allzugrosse Strenge macht, dass sich die Sünder noch mehr entfernen, als dass
sie sich dadurch sollten herbeilocken lassen.

14) Hernach sprach Samuel zum Volk: Kommt, lasst uns nach Gilgal gehen, und allda die
Erwählung des Königs erneuern.

15) Da war alles Volk zu Gilgal, und sie erkannten daselbst den Saul für ihren König in der
Gegenwart des Herrn. Da selbst schlachteten sie dem Herrn Friedensopfer; und Saul und
alle Israeliten freuten sich daselbst gar sehr.

Die Geduld des Sauls führt das ganze Volk wieder herbei, da sie hingegen durch eine strenge
Bestrafung rebelliert haben würden. Das Vorbild und die Werke müssen machen, dass die Sünder zu
den Führern zurückkehren, und nicht dass man durch Drohen ihnen eine Furcht einjagt. Es gibt
Personen, welche die Seelen dadurch an sich ziehen, dass sie solche überreden, dass alle anderen
Führer sie in die Verdammnis stürzen. Sie verschliessen den Weg zum Himmel, dass man nicht
hineingelangen kann, und stellen sich, als ob ihnen die verborgenen Wege bekannt wären, damit man
genötigt werde, ihnen zuzulaufen. Wenn aber die durch eine angemasste Strenge betrogenen Seelen
die Wahrheit erkennen würden, so würden sie sehen, dass man vielmehr denen folgen müsse, welche
sie in den Stand setzen, Gott Friedensopfer zu bringen, d.h. in Gott allein eine vollkommene Ruhe
zu finden. Alsdann kann man sich wahrhaftig erfreuen. Denn alle dieselben, welche in dir, o Herr,
sind, die sind wie Leute, die vor Freuden entzückt sind (Ps.5,12).

12. Kapitel. 

1) Da sprach Samuel zu dem ganzen Volk Israel: Ihr sehet, dass ich getan habe, alles was ihr
von mir begehrt habt, und dass ich einen König über euch gesetzt habe.

Ein vollkommener Führer, wie Samuel, und der kein Zuchtmeister, sondern ein Vater in Jesu Christo
ist; wenn ein solcher sieht, dass die ihm anvertrauten Seelen ihn verlassen, um eine andere Führung
anzunehmen, die ihrer Vernunft sicherer zu sein scheint, so soll er sich damit begnügen, diesen
Seelen ihr Unrecht, dass sie also handeln, nebst dem Übel vor Augen zu stellen, welches aus ihrer
Wahl ihnen zuwachsen soll. Nachdem er ihnen aber diese Vorstellung getan, so wird er durch sein
selbstloses Gemüt und durch die göttliche Liebe gedrungen, das zu geben, was man von ihm
begehrt. Gleichwie es eine Eigenheit und ein Kennzeichen des Hochmuts sein würde, solche
Personen führen zu wollen, die sich von unserer Führung losreissen; eben also würde man auch die
Liebtätigkeit und die Wahrheit verletzen, wenn man ihnen nicht den Schaden zeigte, den sie sich
selbst zufügen, indem sie sich losreissen, wenn man nämlich die Gnade, die man hat, diese Seelen zu
führen, in sich empfindet. Eine Person, die in ihrem Grund erkennt und weiss, dass Gott ihr für eine
Seele ein väterlich gesinntes Herz verleiht, wie auch eine sehr grosse Unterscheidung, soll (ohne sich
zu fürchten gegen die Demut zu handeln) jener von ihr sich abwendenden Seele den Schaden
vorhalten, den sie sich durch ihr Abweichen selbst zufügt. Hat man es ihr aber vorgehalten, und
diese Seele will gleichwohl uns verlassen, so muss man sie gehen lassen, ohne deswegen einen
Unwillen auf sie zu werfen. Auch muss man ganz bereit sein, sie wieder anzunehmen, wenn sie
wieder zu uns kehrt.

2) Nun zieht euer König vor euch her. Ich aber bin alt und ganz grau, und meine Kinder
sind unter euch. Da ich nun von meiner Jugend an bis auf diesen Tag unter euch gelebt
habe, so bin ich jetzt hier bereit, von meinem ganzen Betragen Rechenschaft zu geben.

Samuel selbst ermahnt, dass sie denjenigen folgen sollen, welche sie sich zu ihrer Führung erwählt,
nachdem sie ihn verlassen haben. Auf diese Weise muss es ein selbstloser Hirte machen. Er muss
diejenigen die sich von ihm abgezogen haben, antreiben, mit einer sehr grossen Treue denen zu
folgen, welche sie sich zu ihrer Führung erwählt haben, damit ihre Leichtsinnigkeit sie nicht
veranlasse, abermals eine Veränderung zu machen. Er spricht zu ihnen: Ich habe euch von meiner
Jugend an geführt, ich muss euch wohl kennen und mehr lieben als jeder andere. Kleine Kinder sind
unter euch. Dieses ist ebensoviel, als ob er spräche: Ja ich will auch, dass diejenigen, welche mir
getreu geblieben sind, eure Freunde sein sollen und mit euch Umgang pflegen mögen. Hierin soll
man den wahrhaften Geist Gottes erkennen, nämlich, wenn ein Führer in nichts auf sich selbst sieht.
Doch hindert dieses nicht, dass man zum Heil eben dieser Seele verbunden sei, ihnen (gleich wie
Samuel tut) zu zeigen, dass man bereit ist, Gott Rechenschaft zu geben wegen der Führung, die man
mit ihnen gehalten hat; dass man sie allezeit durch den geraden Weg geführt habe, und sie darauf
wandeln liess, und dass, wenn man einen bessern Weg gewusst hätte, ihnen einen solchen gezeigt
haben würde. Was Samuel hier spricht: Ich bin schon ganz grau, zeigt an, dass er ihnen zu erkennen
geben wollte, dass er sowohl die Erfahrung, als auch eine reine göttliche Liebe habe, sie zu führen.

3) So redet denn nun vor dem Herrn und vor seinem Christo (Gesalbten), ob ich von jemand
einen Ochsen oder Esel genommen; ob ich jemand Unrecht getan durch falsch angedichtete
Übeltaten; ob ich jemand durch Gewalt unterdrückt habe; ob ich Geschenke angenommen,
von wem es sein möchte, so will ich dafür das Urteil tragen und euch solches wieder
erstatten.

Ein selbstloses Gemüt ist das grösste Kennzeichen der Redlichkeit und Rechtschaffenheit eines
Führers. Die Gemütsgaben bei einem Führer mögen so vortrefflich hervorleuchten als sie immer
wollen, so muss man solchen doch nicht trauen, sobald man bei ihm ein Interesse oder einen
Eigennnutzen bemerkt. Wer nicht ohne Eigennutzen ist, der hat keine freie, selbstlose noch reine
Liebe; und folglich ist er auch nicht geschickt, eine Seele in dem Weg der reinen und selbstlosen
Liebe zu führen. Denn keiner kann das geben, was er selbst nicht hat. Es ist ein edler, grossmütiger
Zug, der Gottes würdig ist, wenn solcher macht, dass man alle Vergeltungen, die nicht Gott selbst
sind, verachtet. Ein solcher Mensch treibt dieses so hoch, dass er begreift, ob er auch um Gottes
willen alles tue, und obwohl, nach der Schrift zu reden, Gott eine sehr überfliessende Vergeltung sei,
so tue er doch alles dieses nicht um einiger Vergeltung willen; sondern er sieht die Gnade, Seelen zu
führen, an als eine freie Gabe Gottes, die umsonst gegeben wird, und dass man solche niemals
verdienen könne. O Gott, dir zu dienen, ist eine übergrosse Vergeltung. Und wenn man auch
ewiglich die Strenge deiner Gerechtigkeit empfinden sollte, so sollte man doch dieses für eine
allzugrosse Belohnung achten, dass du uns hast würdigen wollen, unsere geringen Dienste, welche
Früchte deiner Gnade waren, anzunehmen. Paulus gibt den Gläubigen, denen er gedient hatte, zu
erkennen, dass er ihnen umsonst und ohne Interesse gedient (Apg.20,33 & 1.Thess.2,5). Das Mass
unseres selbstlosen Gemüts in Ansehung Gottes ist das Mass des selbstlosen Gemüts, das wir in
Ansehung der Kreaturen haben. Paulus zeigt, dass er sowohl das eine als das andere besessen, er, der
sich dargeboten hatte, verbannt und von Jesu Christo geschieden zu sein um seiner Brüder willen
(Rom.9,3).

4) Sie antworteten ihm: Du hast uns nicht unterdrückt, weder durch fälschlich angedichtete
Übeltaten, noch durch Gewalt, und du hast von niemand etwas genommen.

Samuel fordert dieses Zeugnis vom Volk nicht sowohl zu seiner eigenen Rechtfertigung, als um sie
zu unterrichten, welche Eigenschaften diejenigen haben sollen, welche sie in den folgenden Zeiten
führen würden. Um ein vortrefflicher Führer zu sein, ist es damit noch nicht genug, wenn man ohne
Eigennutzen ist, obgleich ein vollkommen und aufrichtig selbstloses Gemüt das Kennzeichen ist,
dass der Führer vom Geist Gottes in Besitz genommen ist. Ich sage aber, dass dieses wahrhaftig und
in Aufrichtigkeit also sein muss; denn viele Personen stellen sich, als besässen sie ein solches
selbstloses Gemüt, da sie doch alles dasjenige an sich ziehen, was sie von sich zu stossen sich stellen
und scheinen wollen. Mit dieser greulichen Heuchelei aber erlangen sie doppelten Vorteil. Erstens,
dass sie vor den Menschen selbstlos scheinen, und zweitens fehlt es ihnen dabei doch nicht, mit allen
Gütern überhäuft zu werden.

Darum spricht Samuel, er habe keine Geschenke angenommen. Denn der Geiz der Führer hat zwei
Stufen. Einige begnügen sich damit, dass sie Geschenke annehmen. Andere aber sind noch
lasterhafter, indem sie Geschenke fordern, und also verkaufen sie das Blut Jesu Christi, und treiben
mit der Seligkeit und mit der Ausspendung der Gnaden Jesu Christi einen schändlichen Handel. Wie
darf ein solcher Mensch sich erkühnen, die Verleugnung mit Entsagung des Irdischen solchen
Personen zu predigen, die doch selbst die Zeugen seines Geizes sind? Wie kann man standhaft
darauf bestehen, um zu machen, dass diese Personen in dem Weg der Wahrheit wandeln, wenn
unsere Begierden und Absichten auf ihre Wohltaten gerichtet sind? Wird man nicht bei der ersten
Gelegenheit nachgeben, und den Eigennutzen der Wahrheit vorziehen?

Überdies muss man auch die Sünder durch eine unfreundliche Strenge nicht unterdrücken, indem
man ihnen ein solches Joch aufbürdet, das man selbst zu berühren sich nicht getraut. Man muss
ihnen auch keine falsch erdichteten Sünden aus solchen Dingen machen, die keine Sünden sind.
Wenn man aber die Sünder in solchen Dingen zu sehr überlastet, und sie erkennen, dass man ihnen
falsch erdichtete Sünden aufladen will, so werden sie eben dadurch frecher, wahrhafte Sünden zu
begehen; und es kostet hernach gar grosse Mühe, zu machen, dass sie die Wahrheit erkennen. Hiebei
muss man auch nicht unterlassen, ihnen das zu erkennen zu geben, was gewiss Sünde ist, und was
Gott kraft der Gnaden, die Er ihnen erweist, von ihnen fordert.

5) Samuel sprach ferner: Demnach sei der Herr heute der Zeuge gegen euch, wie auch sein
Christus, dass ihr nichts in mir gefunden habt. Da antwortete ihm das Volk: Ja, sie sollen
Zeugen sein.

6) Samuel sprach zum Volk: Der Herr, der den Moses und den Aaron gemacht, und unsere
Väter aus dem Ägyptenland geführt hat, der sei Zeuge.
7) So stellt euch nun in seine Gegenwart, damit ich euch vor ihm zum Gericht lade, und
euch vorrücke alle Barmherzigkeiten, die er euch und euren Vätern getan hat.

O wie wohl redet Samuel, und wie schön drückt er ein wahrhaftiges Vaterherz aus! Samuel war
überzeugt, dass die Israeliten ein grosses Übel begangen, dass sie die lautere Führung Gottes
verlassen hatten, um einer menschlichen Führung zu folgen. Daher kann er es auch nicht lassen, sich
darüber aufs äusserste zu betrüben. Er wusste wohl, dass er dieses Volk nicht durch seinen eigenen
Geist geführt hatte, sondern durch den Geist Gottes, ja dass er sie zu Gott selbst geführt hatte,
welcher das Ende und Ziel ist, wohin alle wahrhaftige Führungen endlich führen sollen. Er wusste
aber auch, dass diejenigen, von denen sie in den künftigen Zeiten würden geführt werden, sie durch
ihren eigenen Weg führen würden, und nicht durch den Weg, welchen Gott ihnen im besonderen
erwählt hat, gleichwie das Folgende in der Schrift dieses aufzeigen wird. Denn die Völker nahmen
ebensoviel Weisen an, als es ihren Königen gefiel, ihnen zu geben. Hatten sie gute Könige, so war
auch das Volk gut; hatten sie aber böse Könige, so waren sie ebenfalls böse. Dies erregte den Eifer
des Samuels, dass er zu ihnen sprach: Weil ihr selbst Zeugen seid, dass ich jederzeit aufrichtig und
rechtschaffen mit euch gehandelt habe, und dass ich nur ein reines Werkzeug in der Hand Gottes
gewesen, um euch den Willen Gottes zu verkündigen und zu machen, dass ihr solchem Folge leisten
möchtet, so war es also Gott selbst, der euch durch mich führte. Gleichwie nun dieses die Wahrheit
ist, und ihr selbst mir hierüber Zeugnis geben müsst, so kommt mit mir jetzt vor Gericht, damit ich
euch die ungewöhnlichen Gnaden vor Augen lege, welche Gott euch erzeigt, da ihr euch zu Ihm
führen liesset, und damit ihr hieraus erkennen möchtet, wie unendlich gross das Unrecht ist, das ihr
begangen, indem ihr euch dieser so weisen und ganz liebevollen Führung entzogen habt (weil solche
weniger empfindlich war), um euch durch eine Kreatur führen zu lassen, die nur ihre eigene Ehre
und ihr eigenes Interesse in allem demjenigen ansehen wird, was diese Kreatur von euch begehren
oder fordern wird; da hingegen Gott nur euer Heil und Bestes in Betracht zieht.

Es kommt mir in den Sinn, hier anzumerken, dass als Gott selbst diese Völker führte, die
Belohnungen weit grösser waren, die Sorgfalt Gottes war ungewöhnlicher, und die Feinde wurden
ohne Streit und allein durch die flacht Gottes erlegt. Allein wie streng war auch der Zorn Gottes
gegen dieses undankbare Volk, wenn es von Gott abwich? Der schwere Zorn Gottes gegen ein Volk,
das Er liebt, und welches Er sich erwählt hat, zeigt an die Grösse seiner Liebe zu diesem Volk. Je
mehr wir unsere Freunde lieben, umso mehr wird unser Herz durch ihre Treulosigkeit verletzt, Man
verletzt den Augapfel Gottes, wenn wir Ihn beleidigen, nachdem wir seine Wohltaten mit einem
solchen Übermass erfahren, dass wir sie erschöpft haben würden, wenn sie nicht unerschöpflich
wären. Was die andern Seelen betrifft, an solchen duldet Gott die Sünden und Übeltaten, ohne
solche fast anzusehen. Ja, Er verstellt sogar eine Zeitlang seinen Zorn, als ob Er solches nicht achte.
Solche Seelen aber, die Er als sein Eigentum ansieht, an solchen duldet Er nicht die mindeste
Untreue, ohne seinen Zorn hierüber hervorbrechen zu lassen. Warum aber dieses? darum, weil Er
dadurch verwundet wird. O Gott! dein Grimm, den ein undankbares Herz gleich auf seine Untreue
empfinden muss, ist das Kennzeichen deiner Liebe! Glückselig sind diejenigen, welchen du in diesem
Leben nichts ungestraft hingehen lassest! Denn solches ist das Kennzeichen, dass du ihnen ewiglich
verzeihen und Barmherzigkeit widerfahren lassen wirst. Es scheint, Gott bekümmere sich nicht um
das, was die andern Seelen tun; da Er hingegen einen unabgetöteten Anblick in seinen Kindern
scharf bestraft. Die Führung Gottes über seine Kinder ist nach dem Betragen der Väter wohl zu
beurteilen: Die Väter dulden die Fehler ihrer Kinder nicht ohne äusserste Ungeduld, da sie
mittlerweile über die Torheiten anderer, die sie nichts angehen, nur lachen. Darum spricht auch Gott,
dass er lachen werde über die verstockten Sünder (Spr.1,16), welche seine Gütigkeit verachten, und
sein Joch abgeschüttelt haben.
8) Ihr wisset, auf welche Weise Jakob nach Ägypten zog, dass eure Väter zum Herrn schrien
und dass der Herr den Moses und Aaron sandte, dass er eure Väter aus Ägypten führte, und
sie in dieses Land einsetzte.

Samuel legte ihnen unwidersprechliche Zeugnisse vor Augen, damit sie den Vorteil sehen möchten,
wenn man von Gott unmittelbar geführt wird. Die Väter und Hirten, welche Gott selbst gibt, ziehen
die Seelen nicht ab von dieser unmittelbaren Führung; vielmehr dienen sie und machen, dass man in
dieser unmittelbaren Führung auf eine nackte Weise wandelt. Moses war ein wahrhaftiger Vater. Hat
er nicht das Volk in seinem Busen getragen? Hat er es nicht so, wie eine Säugamme tut, genährt? Das
Kennzeichen aber, dass diese Führung des Moses unmittelbar war, ist, dass er selbst nicht stritt,
sondern während dem Streit nur seine Hände emporhielt (2.Mose 7,11), um diesem Volk zu zeigen,
dass der Sieg nicht dem Gebrauch und Kraft ihrer Waffen sollte beigemessen werden, sondern der
Macht Gottes, der alle unsere Werke in uns tut. Darum geschah es auch, sobald Moses nachliess
seine Hände in die Höhe zu halten, dass das Volk auch aufhörte sieghaft zu sein. Wenn du, o Herr,
für uns zu streiten aufhörst, so werden wir auch aufhören zu überwinden. Wenn du aber selbst
unsere Feinde bestreitest, so werden sie auch vor dem Streit selbst geschlagen werden.

9) Hernach vergassen sie ihren Gott, und er gab sie in die Hände des Siseras, des
Feldhauptmanns des Kriegsheers von Azor, in die Hände der Philister, und in die Hände
des Königs von Moab, welche gegen sie stritten.

Wenn es vorteilhaft und heilsam ist, sich ohne Widerstand zu Gott führen zu lassen, und Gott an der
Spitze der Kriegsheere zu haben; so bringt es hingegen grossen Schaden, wenn man Gottes vergisst
und von Ihm abweicht. Sobald man sich von Gott entfernt, geht man verloren. Wenn man aber zu
Gott naht, wird man erhalten und errettet. Sobald Gott uns nicht mehr führt, fallen wir unter eine
tyrannische Beherrschung, welche macht, dass wir wieder nach unserer ersten Freiheit seufzen, und
sie nötigt öfters, dass wir zu Gott wiederkehren.

10) Hernach schrien sie zum Herrn und sprachen zu Ihm: Wir haben gesündigt, weil wir den
Herrn verlassen haben, um dem Baal und der Astaroth zu dienen. Nun aber errette uns von
der Hand unserer Feinde, so wollen wir dir dienen.

Wenn man unterlässt Gott zu dienen, so geschieht es gewöhnlich um der Eigenliebe zu dienen.
Diese aber tyrannisiert uns alsdann, und nimmt uns so gefangen (wozu auch noch die Menschen
kommen, welche durch das Joch ihrer Führung uns einschränken), dass man genötigt wird, wieder zu
Gott zu kehren. Man sieht, dass es nur Gott ist, der uns von so schrecklichen Feinden befreien und
erretten kann; und alsdann fasst man den festen Entschluss, Gott allein zu dienen.

11) Hernach sandte der Herr den JerubBaal, Bedan, Jephta und Samuel. Er errettete euch
von der Hand der Feinde, die euch umgaben, und ihr habt in einer völligen Sicherheit
gewohnt.

Der Sünder und ein treuloser Mensch werden von Gott wieder zu Gnaden angenommen, wenn und
zu welcher Zeit sie zu Gott wiederkehren wollen. O mein Gott, es scheint, dass du dem Menschen
alsdann gut genug bist, wenn er sonst nicht fortzukommen weiss. Du bist niemals der erste, um den
Menschen zu verlassen. Ist aber der Mensch so treulos und so gar undankbar gewesen, dich zu
verlassen, und er will wieder zu dir kehren, so findet er dich allezeit bereit, ihn wieder aufzunehmen.
Es ist wohl zu merken, dass die Schrift spricht, dass nachdem sie wieder zu Gott kehrten, Gott sie
von ihren Feinden errettete, und sie in völliger Sicherheit wohnten.
Du bist es nur allein, o mein Gott, der du uns von unseren Feinden in einem Augenblick befreist und
machst, dass wir in einer völligen Sicherheit wohnen. Welcher hat das Vermögen, den Frieden und
die Sicherheit zu geben, die du gibst, wenn dieser Mensch nicht von dir selbst ist gesandt worden?
Und wenn du einen solchen Menschen zum Heil deines Volks sendest, so dient er ihnen nur
insofern er ein Werkzeug in deiner Hand ist, das durch sich selbst keine eigene Bewegung hat,
sondern welches nur alles und jedes Bewegen annimmt, das ihm von seinem Beweger gegeben wird.
Indessen scheuen sich die verwegenen Menschen nicht zu uns zu sagen, dass wir uns verirren, wenn
wir uns auf eine solche Weise Gott überlassen. Hingegen wenn wir ihrer Führung folgen, so würden
sie uns nicht verirren lassen. O welch eine schreckliche Blindheit!

12) Allein, da ihr sähet, dass Nahas, der König der Kinder Ammon, gegen euch zog, da
sprächet ihr zu mir: Nein, wir wollen nicht tun, was du uns sagst, sondern wir wollen einen
König haben, um über uns zu herrschen; obgleich damals der Herr, euer Gott, euer König
war, der euch be herrschte.

Wieviele Personen sehen wir heutzutage, welche sich eine Zeitlang der Führung Gottes überlassen
hatten, solange sie in gutem Wohlergehen wandelten? Wenn sie aber die Verfolgung sehen, oder dass
der Feind sich blicken lässt, o so verlassen sie sogleich die Führung Gottes, um sich in die Arme der
Menschen zu werfen, auf deren Kraft und Wissenschaft sie mehr Vertrauen haben, als auf die
Gütigkeit und auf die Macht Gottes. Dieses NEIN, welches die Schrift ohne etwas Vorhergehendes
hier setzt, ist gleichsam eine Verwerfung Gottes. Es ist ebensoviel als ob sie sagten: Herr, wir wollen
deine Führung nicht mehr, sondern wir wollen von Menschen geführt werden. Ja wir sind so gar
unglückselig, einen König und einen Tyrannen zu erwählen, eben zu der Zeit, da Gott in uns
regierte. D eine beweinenswerte Sache, wenn eine Person, welche die Süssigkeit der Regierung Jesu
Christi geschmeckt hat, bis dahin verfällt, dass sie sich von fremden Meistern beherrschen lässt!
Wenn Leute, welche diese Last niemals gedrückt, und welche die Süssigkeit des Reiches Gottes in
dem Grund ihres Inwendigen nie geschmeckt, sich führen lassen durch diese Menschen, die zu ihnen
sprechen: Kommt zu uns, wir werden euch nicht in die Irre führen; darüber wundere ich mich gar
nicht. Wenn aber solche Personen, in welchen Gott sein Reich aufgerichtet hatte, ein solches tun, o
dieses scheint unbegreiflich zu sein!

13) Nunmehr habt ihr euren König, welchen ihr erwählt und begehrt habt. Ihr sehet, dass
der Herr euch einen König gegeben hat.

Samuel fügt bei, dass ob ihr gleich dieses getan habt, so hat Gott dennoch nicht unterlassen, euch
eine solche Person zu erwählen, die sich am besten für euch schickt. Also ist Gott weit entfernt, euch
zu verlassen, ob ihr gleich auf so ungerechte Weise eine menschliche Führung der Führung Gottes
vorgezogen habt.

14) Wenn ihr den Herrn fürchtet, wenn ihr ihm dient, wenn ihr seine Stimme hört, und wenn
ihr euch gegen sein Wort nicht empört, so werdet ihr glückselig sein, ihr und der König, der
über euch herrscht, wenn ihr dem Herrn, eurem Gott, folgt.

Welche Treulosigkeit man auch gegen Gott begangen, so kann man doch allezeit wieder zu Ihm
kehren und Ihm dienen, wenn man nur seine Stimme hört und darauf merkt. Wenn man das innere
Gebet nicht verlässt, und wenn man nicht nachlässt auf Gott aufmerksam zu sein, in welches Elend
man auch gefallen sein möchte, so verlässt Gott uns niemals.

Es gibt zwei Arten, die Stimme Gottes zu hören: Erstens, wenn man in dem Innern seiner selbst
aufmerksam auf Gott bleibt; und dieses ist die beste und kräftigste Weise. Die andere ist das Lesen.
Gleichwie man aber aufmerksam auf Gott sein muss, um dieses göttliche Wort zu hören und zu
unterscheiden, eben also muss man auch getreu sein, diesem göttlichen Wort, wenn es sich
geoffenbart hat, zu folgen, es mag auch kosten was es wolle. Wenn man dem göttlichen Eingeben
nicht folgt, so ist man rebellisch gegen das Wort. Hingegen ist man unendlich glückselig, wenn man
dem Wort getreu ist, weil solches einen unaussprechlich grossen Frieden gibt. Diejenigen hingegen,
die darin ungetreu sind, fallen in schreckliche Unruhe und Verwirrung, gleichwie geschrieben steht:
Wer hat Gott widerstehen und im Frieden leben können? Durch dieses mittel folgt man Gott
unfehlbar, und dieses vor allem, wenn die führende Person selbst diesem Wort getreu ist.

15) Wenn ihr aber die Stimme des Herrn nicht hört, und wenn ihr euch empört gegen sein
Wort, so wird die Hand des Herrn auf euch sein, wie sie auf euren Vätern gewesen ist.

Wenn man glückselig ist, wenn man das Wort Gottes hört, und solchem mit aller Treue Folge leistet,
so ist man hingegen unglückselig, wenn man das Wort Gottes nicht hört. Darum geschieht es auch,
dass Samuel, nachdem er diesem Volk versichert hat, wie sehr glückselig es durch diese Treue sein
werde, ihm auch das äusserste Unglück vor Augen legt, in welches es durch seine Treulosigkeit werde
gestürzt werden. Die Strafe beschreibt er in wenigen Worten. Er spricht nämlich: Die Hand des
Herrn wird über euch sein, gleichwie sie über euren Vätern gewesen ist. Diese Hand des Herrn,
welche für uns eine Hand der Hilfe und des Schutzes gewesen war, da sie uns aus tausend Gefahren
errettete, als wir unsere Hand durch die Übergabe und Treue nach solcher ausstreckten, diese Hand
sage ich, kann aber auch schwer auf uns werden. Es kann weit entfernt sein, dass wir sie bereit finden
sollten, uns aus dem Abgrund herauszuziehen, sondern wir werden vielmehr empfinden, dass sie auf
unserem Haupt als eine schwere Last liegt, die uns noch mehr in solchen Abgrund hinunterdrückt.
Ist dieses alsdann nicht das allergrösste Unglück, das zu finden ist? Darum bekümmert sich auch
David aufs äusserste darüber, als die Hand des Herrn schwer auf ihm war (Ps.37,3). Wie! diese Hand,
welche allezeit bereit war, mich aus dem unglückseligen Stand herauszuziehen, in welchen die Sünde
mich gestürzt hatte, ist denn nun eben diese Hand mir zu einer so schweren Last geworden, dass sie
mich hindert, mich wieder aufzurichten?

Ich will aber gleichwohl hiemit nicht sagen, dass Gott den Sünder an seiner Bekehrung hindere.
Gott, dessen Güte so gross ist, versichert, dass Er den Sünder wieder auf und annehmen wolle, so
oft er wieder zu Ihm kehren will. Darum gibt uns dieses zu erkennen, dass Gott die Sünde durch die
Sünde selbst straft; gleichwie man ein in einen Unflat gefallenes Kind auf diesem Unflat lange hält,
um durch dessen Gestank zu verhindern, dass das Kind ein andermal nicht mehr zu diesem Unflat
nahen, noch in solchen fallen möge. Gleichwohl ist es sehr wahrhaftig, und nach einem gewissen
Verstand ganz natürlich, dass derjenige, welcher die Stimme des Herrn nicht hört, und gegen sein
Wort rebelliert, in eine solche Verstockung kommt, dass er sich nicht mehr bekehren kann. Denn
gleichwie nur ein Mittel der Bekehrung ist, nämlich dass man die Stimme Gottes höre (entweder
wenn sie durch Eingebungen oder durch Gewissensrührungen in unserem Innern uns rührt, oder
wenn solche äusserlich durch gute Ermahnungen und das Lesen anklopft und sich empfinden lässt),
also muss man diese Stimme Gottes allezeit hören, um sich zu bekehren. Demnach ist das
allergrösste von allem Übel und Unglück, wenn man diese Stimme Gottes nicht hört noch darauf
merkt.
16) Nun aber merket auf, und betrachtet wohl, wie grosse Dinge der Herr vor euren Augen
tun wird.

17) Ist nicht jetzt die Weizenernte? Ich will aber anrufen den Herrn, so wird er lassen
donnern und regnen; damit ihr wisset und sehet, welch grosses Übel ihr vor dem Herrn
getan habt, dass ihr einen König begehrt habt.

Obgleich Samuel grosse Sorgfalt trägt, dieses Volk zu lehren, wie es seine Pflicht in demjenigen
Stand beobachten soll, den es sich selbst erwählt hat, so kann er sich doch nicht enthalten, das
Unglück, welches er über dem Haupt dieses Volks schweben sieht, zu beseufzen, und dieses Volk
über den ungerechten Vorzug zu bestrafen, dass es eine menschliche Führung der göttlichen
Führung vorzieht. Was er sagt ist vortrefflich. Ist es nicht an dem, spricht er, dass man einernten
soll? Ihr alle wäret nun an dem, dass ihr die Frucht eurer Arbeit hättet einsammeln sollen, und Gott
wollte euch nun eine überfliessende Vergeltung geben. Damit ihr aber das Unrecht erkennen möget,
das ihr euch selbst zufügt, indem ihr einen König begehrt habt, so will ich beten, damit der Donner
komme. Es ist eben als ob er spräche: Der Weizen, welcher das Vorbild des unerschaffenen und ins
Fleisch gekommenen Worts ist, ist nun an dem, dass er eingesammelt werde. Ihr sollt nun Jesus
Christus zum König bekommen. Er ist bereit, nunmehr in dem Innersten eurer Seele zu regieren.
Mit diesem wesentlichen Wort sollt ihr nun gesättigt werden. Dieser Weizen der Auserwählten ist es,
der euch nun zur Nahrung dienen soll. Allein eben in derselben Zeit, da ihr dieses höchste Gut, das
unter allen das grösste ist, nämlich die Besitzung eben dieses ewigen Worts, geniessen solltet, verlasst
ihr solches, um die Stimme des Menschen zu hören, die sehr wohl dem Donner verglichen wird,
welcher ein grosses Getön macht, die Gemüter erschreckt, ja sie wohl gar betäubt, dabei aber doch
nur ein leerer Schall ist, welcher nichts ausdrückt, ob er sich gleich durch seinen starken Knall und
Donnerstrahl furchtbar macht.

Der Unterschied zwischen dem Wort Gottes und dem Wort des Menschen ist dieser, dass das Wort
Gottes ein Wesen und eine Nahrung ist, welche das Leben erhält und unterhält, ja wodurch dieses
Leben jeden Augenblick vermehrt wird. Das Wort des Menschen hingegen schlägt an, erschreckt
und betäubt, und kann auch gar kein Leben mitteilen. Darum besteht auch der Unterschied zwischen
Personen, welche sich durch den göttlichen Geist führen lassen, und zwischen den von Menschen
geführten Personen darin, dass die vom Geist Gottes geführten Personen ein tiefes, verborgenes und
stillruhiges Leben haben; dass sie gesättigt werden durch dieses Wort, welches sie in allerlei
Tugenden wachsen macht, und dass sie die Stimme ihres Hirten unaufhörlich in ihrem Innern hören.
Die von Menschen geführten Personen hingegen sind allezeit in Schrecken, Entsetzen und
Verwirrung, ohne jemals die Ruhe zu schmecken, welche der Herr allein seinen Kindern geben kann.

18) Da schrie Samuel zum Herrn, und der Herr liess an demselben Tag donnern und regnen.

19) Und das ganze Volk fürchtete sehr die Macht des Herrn und des Samuels.

Die Wirkung des Entsetzens, womit man die Gemüter der Sünder rührt, besteht nur darin, dass sie
dadurch erschreckt und in Furcht gesetzt werden. Wir sehen aber nicht, dass sie deswegen mehr
lieben. Die Furcht vermag wohl das Herz des Menschen zu rühren, niemals aber wird sie solches
vollkommen verändern.
19) Und sie sprachen miteinander zu Samuel: Bitte den Herrn, deinen Gott, für deine
Knechte, damit wir nicht sterben. Denn zu allen früheren Sünden haben wir noch diese
dazugetan, dass wir um einen König gebeten haben.

Dieses Volk, welches das Volk Gottes war, und welches vor dieser Königswahl den Charakter der
göttlichen Kindschaft an sich trug, nennt sich nunmehr einen Knecht Samuels. Es bittet, eine
Fürbitte für sie einzulegen. Was bittet es aber? Dass es nicht sterbe. Sie waren weit entfernt, Gott zu
bitten, dass Er selbst ihr König sein wolle.

Sie waren weit entfernt, dass sie ihre Übertretung bereuen oder nachlassen sollten, einen andern
König zu begehren, vielmehr begehren sie nur, dass sie nicht sterben müssten. Gar niemals kann die
Furcht durch sich selbst erhabenere Gedanken oder grossmütige Entschlüsse ausgebären. Nur für
sich selbst fürchtet man, und alle durch die Furcht verursachten Schmerzen sind Schmerzen, die mit
Eigenheit behaftet sind, die allein durch die Liebe zu uns selbst entstehen. Denn wenn man nur Gott
zu missfallen fürchtete, ohne sich zu bekümmern, was deswegen über uns kommen möchte, so wäre
solches keine Furcht mehr, sondern Liebe.

Dieses Volk sagte weiter: Über alle anderen Übel, die wir getan, haben wir auch noch dieses Übel
beigefügt. Alle Übel, wie schrecklich sie auch sein mögen, können leichtlich wieder gut gemacht, und
ihnen abgeholfen werden, wenn man nur nicht von der Führung Gottes abweicht. Das grösste Übel
aber unter allen ist, wenn man der Führung Gottes sich entzieht.

20) Samuel antwortete dem Volk: Fürchtet euch nicht. Es ist wahr, dass ihr all dieses Übel
getan habt; allein verlasset nur nicht den Herrn, und dienet ihm von eurem ganzen Herzen.

Es ist kein Übel so gross, das nicht auch ein Heilmittel haben sollte. Das allersicherste von allen
Hilfsmitteln ist, dass man Gott nicht verlasse, nämlich dass man durch eine mit Willen begangene
Sünde sich von Gott nicht trenne. Es gibt Leute, welche zuerst die Führung Gottes verlassen, und
von der Übergabe an seine göttliche Vorsehung abweichen. Hernach, wenn sie den grossen
Unterschied mit Schmerzen empfinden, welcher zwischen der Führung Gottes und der
menschlichen Führung ist (und dass die menschliche Führung sie in Unruhe und Verwirrung setzt),
so fällt es ihnen fast unerträglich schwer, diese Qual zu erdulden. Daher fallen sie in schreckliche
Verzweiflung, weil sie ihren rechten Ort und ihre Stelle nicht wieder finden können, und sich wie
Personen fühlen, deren Glieder allenthalben verrenkt sind. Oder aber sie stürzen sich in Freigeisterei
und in ein freches Weltleben. Wie gross auch der Fehler gewesen sein mag, den man begangen, wenn
man nur fest an Gott hangen bleibt, und sich Gott von neuem übergibt, so ist nichts zu fürchten,
und man kommt leichtlich wieder zurecht.

21) So wendet euch demnach nicht ab von dem Herrn, um den eitlen Dingen zu folgen, die
euch nicht helfen noch euch erretten werden, weil sie eitel sind.

Dieser Spruch ist ein unumstösslicher Beweis dessen, dass wenn man sich nicht zu Gott führen lässt,
und Gott nicht ganz ohne Vorbehalt zu eigen angehört, so tue man nichts anderes als den eitlen
Dingen zu folgen. O du Mensch, es sind nicht deine eigenen Werke, ob man gleich arbeiten muss; es
sind auch nicht die Menschen, ob man schon solchen Untertan sein soll, welche dich erlösen oder
selig machen werden. Wenn die eitlen Dinge dich weder von deinen Feinden noch von dir selbst
befreien und losmachen können, so ist es nur Gott, die allerhöchste Wahrheit, welche dieses zu tun
vermag. Vielleicht aber sind die Werke des Menschen nicht eitel? Höre was der weise Mann spricht:
Ich habe alle Dinge auf Erden gesehen, und habe gesehen, dass sie eitel waren. Eitelkeit der
Eitelkeiten! Alles ist Eitelkeit! (Pred.1,2/14). Der Mensch aber ist doch vielleicht nicht eitel? Eben
diese Heilige Schrift wird dir antworten: Der Mensch ist ein Abgrund der Eitelkeit (Ps.38,6). So lasst
uns demnach bei den eitlen Dingen nicht aufhalten. Die Wissenschaft ist Eitelkeit, ja selbst die
Weisheit der Menschen ist eine Torheit vor Gott (1 .Kor.3,19). Bei der allerhöchsten Wahrheit aber,
welche Gott ist, lasst uns halten und fest stehenbleiben.

22) Der Herr wird sein Volk nicht verlassen um seines grossen Namens willen; weil er
geschworen hat, dass er euch zu seinem Volk machen wolle.

Nimmermehr verlässt Gott diejenigen, welche sich Ihm anvertrauen, und sich Ihm übergeben. Wenn
auch gleich die Güte Gottes nicht so unendlich wäre, als sie es wirklich ist, und wenn auch schon die
Liebe Gottes zu den Menschen nicht so übermässig gross wäre, so würde Gott dennoch die Ihm
übergebenen Seelen erhalten und sie nicht verlassen, und dieses um seiner eigenen Ehre und Glorie
willen, wie auch darum, damit diejenigen zuschanden werden, welche sagen, es sei ein gefährlicher
Weg, sich Gott zu überlassen.

23) Was mich betrifft, da sei Gott vor, dass ich diese Sünde gegen ihn tue, und jemals
aufhören sollte, für euch zu beten. Ich werde allezeit euch den guten und geraden Weg
lehren.

Der Unterschied zwischen einem apostolischen Menschen, der von Gott erwählt ist, um die Seelen
in den ganz inneren Wegen zu führen, und zwischen solchen Leuten, die sich aus eigener Anmassung
(andere zu führen) eindringen, und hierin nur auf ihren eigenen Nutzen sehen; der Unterschied
zwischen diesen beiden, sage ich, ist dieser, dass die wahren apostolischen Personen jederzeit bereit
sind, die Seelen wieder auf und anzunehmen, in welches Abweichen sie auch geraten, und wie
oftmals sie gleich ihre Führung und ihr Betragen geändert, so lehren sie ihnen doch allezeit den
geraden Weg. Sie versagen niemals, ihnen einen guten Rat zu geben, wann und wo sie solchen von
ihnen begehren, weil sie ihnen allezeit die Wahrheit sagen. Sie entfernen sich auch niemals von den
Seelen, die von ihnen abgewichen sind, ja sie unterlassen auch nicht für solche zu bitten. Die andern
hingegen, die nicht apostolische Menschen sind, werden oftmals Feinde und Verfolger derjenigen,
die sich von ihrer Führung losmachen. Es ist eine grosse Sünde gegen Gott, wenn man dieses tut;
denn es ist ein Kennzeichen, dass diese Leute die ihnen anvertrauten Seelen sich als ein Eigentum
angemasst und zugeeignet haben.

24) So fürchtet denn den Herrn, und dient ihm in der Wahrheit und von eurem ganzen
Herzen. Denn ihr habt gesehen die Wunder, die er unter euch getan hat.

Diese Unterweisung ist vortrefflich. Wandelt, spricht Samuel zu diesem Volk, durch die Furcht, da
ihr durch einen Weg, der nichts als lauter Liebe ist, nicht habt wandeln wollen. Gleichwohl aber
wandelt so auf diesem Weg der Furcht, dass ihr dem Herrn in der Wahrheit dient, gleich wie Er
bedient sein will. Nicht dass ihr den eitlen Dingen folgt, sondern dass ihr dem Herrn selbst, der die
wesentliche Wahrheit ist, folgt. Man muss Gott dienen in der Wahrheit, d.h. um seiner selbst willen,
ohne davon jemals abzuweichen. Man muss Gott nicht nur halb dienen, sondern von ganzem
Herzen. Und dieses zu tun, seid ihr umso viel mehr verpflichtet, je mehr ihr seine Gütigkeiten
erfahren habt, und selbst gesehen die wunderbaren Dinge, die Gott um euretwillen getan hat, als ihr
Ihm dientet.
25) Wenn ihr aber verharrt, Übles zu tun, so werdet ihr alle zusammen umkommen, ihr und
euer König.

Allein, wenn ihr den Rat, welchen ich euch gebe, von euch stosst, und wenn ihr euch nicht von
neuem Gott zum Eigentum übergebt, sondern in dem Übel verharrt, indem ihr euch von Gott stets
noch mehr entfernt, so werdet ihr alle zusammen umkommen, ihr und eure Führer. Es geschieht
dieses auf besagte Weise nur allzuviel. Spricht nicht die Schrift an einem andern Ort, dass diejenigen,
welche sich von dir, mein Gott, entfernen, untergehen werden? (Ps.72,27). Dieses ist ganz unfehlbar.
Gleichwie das Herzunahen Gottes uns errettet und selig macht, so verursacht seine Entfernung uns
den Untergang. Denn wenn wir uns von der Quelle des Lebens entfernen, so müssen wir
notwendigerweise sterben. Wenn man sich von der Sonne der Gerechtigkeit entfernt, so geht man
ein in die Finsternis der Sünde.

13. Kapitel. 

1) Saul war ein Kind, ein Jahr alt, da er anfing zu regieren, und er regierte zwei Jahre über
Israel.

Diese beiden Sätze, nach dem buchstäblichen Wortverstand genommen, scheinen ganz und gar
falsch zu sein. Also muss dieser Spruch einen mystischen Sinn haben. Allein welchen? Diesen, dass
Gott die Zahl unserer Tage nur nach derselben Zeit rechnet, die wir zu seinem Dienst anwenden,
und welche wir in kindlicher Einfalt zubringen. Hat Gott nicht selbst gesprochen: Wem ihr nicht
werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht eingehen in das Königreich der Himmel? (Matth. 18,3).
Saul war ein Kind, da er zu regieren anfing, denn um ein König unserer Leidenschaften zu sein, muss
man ein Kind sein, Man dient Gott nicht wahrhaftig, ohne nur durch diese Kindheit. Die Kindheit
setzt uns in Freiheit, denn sie macht, dass Gott in uns regiert. Gleichwie wir eben denselben
Leidenschaften unterworfen sind, und gleichwie unser WIR SELBST uns beherrscht, sobald wir
anfangen gegen Gott zu rebellieren, also können wir auch nicht über uns selbst regieren, als nach
dem Mass, als Gott in uns herrscht und regiert. Gott aber kann nicht in uns regieren, als nur durch
die geistliche Kindheit.

Es wird beigefügt, dass Saul nur zwei Jahre über Israel regierte, weil er nur in derselben Zeit Gott
unterworfen und wahrhaftig König war. Gleichwie man aber ein Hirte des Volkes Gottes nicht sein
kann, ohne nur wenn man Gott vollkommen unterworfen ist, also war auch Saul nur allein in
derselben Zeit seiner Unterwerfung unter Gott ein König und Hirte von Israel. Die ganze übrige
Zeit seiner Regierung aber war nur eine tyrannische Herrschaft. Es gibt Könige, und es gibt auch
Tyrannen. Die Könige regieren in den Herzen ihrer Untertanen wahrhaftig, und man leistet ihnen
Gehorsam mit Freuden und mit Treue. Die Tyrannen aber werden gehasst, und herrschen nur über
die Leiber, die unter der Last eines Joches schmachten, das sie mit Unwillen tragen. Ein König, der
wohl und glückselig zu herrschen begehrt, muss selbst Gott sehr wohl unterworfen sein. Dieses aber
hindert nicht, dass man den Königen gehorsam sein muss, sie mögen sein wie sie wollen. Ein böser
König soll niemals böse Untertanen machen, ob es gleich gewiss ist, dass ein guter König in den
Herzen seiner Untertanen gleichwie den Kindern geliebt wird; da hingegen ein böser König auch an
seinen leiblichen Kindern rebellische Untertanen haben wird.

5) Die Philister versammelten sich, um wider Israel zu streiten, und hatten in ihrem Heer
dreissigtausend Wagen, sechstausend Reiter und eine unzählbare Menge Fussvolk, wie der
Sand, der am Ufer des Meeres ist.

Diese unzählbare Menge Feinde gibt uns zu erkennen, dass wenn wir Gott dienen wollen, wir uns
auf Versuchungen gefasst machen müssen (Sir.2,1).

Dieses zeigt auch, dass man weit mehr Kämpfe auszuhalten habe, wenn man unter der Führung der
ansehen steht, als wenn man der Führung Gottes vollkommen übergeben ist.

6) Da kamen die Israeliten in grosse Nöte, denn das Volk war sehr niedergeschlagen. Daher
verbargen sie sich in die Höhlen, in die verborgensten Örter, in die Felsen, in die Gruben
und in die Zisternen.

Eine an Gott Übergebene Seele fürchtet sich nicht vor der Menge der Feinde. Spricht nicht David:
Wenn ich auch ein zum Streit gerüstetes Kriegsheer sehen würde, so würde ich mich doch nicht
fürchten, ihre Nacht würde meinen Mut verdoppeln? (Ps.26,3). Und an einem andern Ort sagt er: Ich
werde das nicht fürchten, was ein Menschen mir tun kann (Ps.117,6). Es gibt eine grosse Anzahl
Sprüche, die eben das gleiche ausdrücken. Wenn der Herr für uns streitet, was haben wir alsdann zu
fürchten? Wenn wir aber von der Übergabe unter seine göttliche Führung ausgegangen und
abgewichen sind, so finden wir uns mit einer Menge Feinde umgeben, und sind schon überwunden,
ehe der Kampf seinen Anfang nimmt. Ja, anstatt vor unseren Feinden zu bestehen und
standzuhalten, fliehen wir vielmehr. Gleichwohl ist der beste Rat für solche Seelen, die Gott nicht
genugsam übergeben sind, dass sie in die Einsamkeit fliehen. Die allernötigste Einsamkeit ist, dass
wir in unser eigenes Herz einkehren, und darin in der Gegenwart Gottes gesammelt bleiben. Ohne
diese Einsamkeit des Herzens sind alle anderen Einsamkeiten von geringem Nutzen.

Hier werden viele Arten, sich zu verbergen, angezeigt, welche für den wirksamen Weg sehr gut sind.
In die Höhlen sich verbergen ist, wenn man sich in eine tiefe Demut versenkt. Nichts ist
notwendiger, damit man nicht überwunden werde, als das Misstrauen seiner selbst. Sich in die
verborgenen Örter verbergen, ist wenn man sich in die Einsamkeit begibt, und sich von der Welt
und von den Gelegenheiten, Gott zu beleidigen, absondert. In die Felsen sich verbergen ist, dass
man sich der Waffen des Gebets bedient, und dass man eingehe in die Wunden Jesu Christi als in die
Felsenlöcher, um sich dort zu verbergen, wozu die Braut von Jesu Christo eingeladen wird (Hohel.
2,14). In die Zisternen sich verbergen ist, dass man sich der Busstränen bediene, um den Sieg über
unsere Feinde zu erlangen.

7) Saul war noch zu Gilgal; alles Volk aber, das ihm folgte, war sehr erschrocken.

Die Gegenwart des Menschen, wie heilig er auch in seiner Führung zu sein scheint, gibt keine
gründliche Versicherung, wenn man mit Feinden umgeben ist. Nur allein die Gegenwart Gottes und
die Übergabe unter seine Führung vermag ein festes Vertrauen und eine Versicherung zu geben.
Dieses verursachte, dass David sprach: Der Herr ist mein Licht und mein Heil, was sollte ich
fürchten? Der Herr ist der Beschützer meines Lebens, vor was sollte mir grauen? (Ps.27,1). Meine
Feinde, sagt er an einem andern Ort, müssen mit Schanden zurückweichen. Und warum, o heiliger
König? Darum, weil ich all mein Vertrauen in den Herrn gesetzt habe (Ps.30,2/18).
8) Da wartete er sieben Tage lang, wie Samuel ihm befohlen hatte. Da aber Samuel verzog
nach Gilgal zu kommen, verliess ihn das Volk nach und nach.

9) Da sprach Saul: Bringet mir das Brandopfer und die Friedensopfer, und er opferte das
Brandopfer.

Das wahrhaftige Mittel, gewöhnliche Seelen in der Beständigkeit zu erhalten, ist den Frieden der
Seele für sie zu erbitten; allein es ist nicht allezeit zuträglich, dass man dieses tue. Plan muss bei
gewissen Seelen der Beunruhigung ihre Zeit lassen, das auszuwirken, wozu sie ist gegeben worden,
und den Augenblick Gottes erwarten, welcher aus allem seine Verherrlichung zu ziehen weiss, und
auf eine so viel herrlichere Weise davon befreit, je grösser und schrecklicher die Not zu sein scheint,
in die man geraten ist. Das Brandopfer soll nur von einer reinen Seele, und die von sich selbst ganz
und gar losgemacht ist, Gott geopfert werden; denn dieses ist das einzige Opfer des Herrn, ohne
Zerteilung, ohne Ausnahme und ohne Verteilung, allwo das Schlachtopfer für die Ehre und
Herrlichkeit des Herrn verbrannt und verzehrt wird.

10) Da er das Brandopfer vollendet hatte, kam Samuel; und Saul ging ihm entgegen, ihn zu
grüssen.

11) Da sprach Samuel: Was hast du getan? Saul antwortete ihm: Ich sah, dass die Israeliten
einer nach dem andern mich verliessen, und dass du nicht kämest an dem Tag, von dem du
mir gesagt hattest, und dass die Philister zu Mikmas sich versammelt hatten.

12) Da sprach ich: Die Philister kommen mich zu Gilgal anzufallen, und ich habe den Herrn
noch nicht versühnt. Da ich also durch die Notwendigkeit gedrungen war, habe ich das
Brandopfer geopfert.

Es würde schwer fallen, hier zu ergründen, worin die Missetat des Sauls bestanden, wenn man ihn
nicht als den Hirten von Israel betrachten würde. In diesem Amt begeht er sehr wichtige Fehler, die
das Herz Gottes mehr verwunden, als wenn er Fehler begangen, die seine Person betroffen, ob
solche gleich mehr in die Augen gefallen wären. Der erste Fehler besteht darin, dass er dem Willen
Gottes vorkommt und vorlauft. Ein wahrhafter Hirte soll sich allen eigenen Treibens und aller
Geschäftigkeit enthalten, und in keiner Sache der Ordnung und dem Willen Gottes vorlaufen,
sondern den Augenblick des Herrn erwarten, welcher kommt, wenn es Ihm beliebt. Man raubt Gott
eine Ehre und Verherrlichung, worüber Er eifersüchtig ist, wenn man durch ein übereiltes
Vorhersehen oder Vorsichtigkeit dem Augenblick der Vorsehung Gottes vorlauft. Dieser Fehler ist
bei einem Führer von so gar grosser Wichtigkeit, dass die ganze Sicherheit der menschlichen
Führung ankommt auf diese Abhängigkeit von dem göttlichen Augenblick. Ein Führer, der dem
göttlichen Augenblick nicht überlassen ist, ist weit entfernt andere zu lehren, dass sie sich diesem
göttlichen Augenblick überlassen sollen. Gleichwohl aber soll das ganze Betragen eines Christen auf
diesen göttlichen Augenblick gerichtet sein und davon abhangen. Der zweite Fehler, welchen Saul als
Hirte beging, war dass er Anlass gab, dass das Volk in Misstrauen fiel, da doch Gott dieses Volk
allezeit durch ein solches Vertrauen geführt hatte, dass Gott, um sie im Glauben zu befestigen, sein
Wohlgefallen hatte, sie erst dann zu erretten, wenn die Not aufs äusserste gestiegen war. Dieses
waren zwei sehr wichtige Fehler für einen Führer; und ob sie gleich gering zu sein scheinen, so sind
sie doch dem ganzen Fundament der inneren Führung ganz und gar zuwider. Ist es nicht ein
Misstrauen gegen Gott, wenn man glaubt, dass Gott in der Not verlasse? Der dritte Fehler des Sauls
war, dass er in das Recht des Priestertums Eingriff getan, und das Brandopfer vor der Zeit geopfert
hatte. Einer der das Volk führen kann, ist darum nicht auch imstande, Opfer zu opfern, und
besonders nicht das Brandopfer, das nur allein durch die reine Liebe geopfert werden soll.

Saul scheint eine Entschuldigung zu geben, gegen welche nichts einzuwenden ist. Er spricht: Das
Volk verliess mich, ich bin dazu genötigt worden, als ich in äussersten Nöten war. Diese
Entschuldigung würde vortrefflich sein, für einen Menschen gegen einen andern Menschen. Gegen
Gott aber, gegen seine Gütigkeit und Weisheit ist es eine unendlich grosse Beleidigung. Unsere
Übereilung und die Unruhe unseres Gemüts bringen uns in diese äussersten Nöte, keineswegs aber
der Verzug des Herrn; denn seine Hilfe kommt zu so gar rechter Zeit, dass derjenige, der
vollkommen überlassen ist, und die Hilfe des Herrn ohne eigenes Treiben erwartet, findet, dass diese
seine Hilfe nicht schicklicher noch zu gelegenerer Zeit hätte kommen können. Diese Übereilung in
einem Hirten ist ein grosses Übel, denn eben diese Übereilung bläst er auch seinen Schafen ein,
vornehmlich wenn es eine Sache von grosser Wichtigkeit ist, da er von seiner natürlichen Übereilung
hingerissen wird. Der Geist des (ansehen ist allezeit treibend, der Geist des Herrn aber ist langmütig.
Dieser Fehler ist von so gar grosser Wichtigkeit, dass dadurch der Mensch zum Urheber eines Werks
gemacht wird, welches Werk ohne diesen Fehler Gott selbst zum Urgrund gehabt haben würde.

13) Samuel sprach zu Saul: Du hast töricht gehandelt, und hast nicht bewahrt das Gebot,
welches du von dem Herrn, deinem Gott, empfangen hast. Und wenn du diesen Fehler nicht
begangen hättest, so würde nunmehr der Herr dein Königreich über Israel für immer
bestätigt haben.

Gleichwie der von Saul begangene Fehler ein solcher Fehler war, der sein Volk und die Führung und
Regierung der Herde des Herrn betraf, also wird er auch mit einer solchen Strafe belegt, die sich auf
seinen Fehler bezieht. Ein Führer, der sich unterstehen will, durch seine eigene Bewegung und durch
seine natürliche Übereilung solche Seelen zu führen, die nur durch die Abhängigkeit vom Geist der
Gnaden sollen geführt werden; ein solcher Führer verdient diese Strafe, nämlich dass er des Geistes
der Führung beraubt, und dass dieser Geist einem andern gegeben werde. Dies geschieht auch
jederzeit und unfehlbar. Darum merket auch die Schrift an, dass Saul nur zwei Jahre über Israel
regierte. Durch diesen Fehler geschah es, dass er aufhörte als ein Hirte über Israel zu regieren,
obgleich sein äusseres Reich ihm damals noch nicht hinweggenommen wurde.

Wenn Gott einen blinden Gehorsam von gewöhnlichen Seelen fordert, welchen grossen Gehorsam
fordert Er dann nicht von denen, die von Ihm bestimmt sind, andere zu führen? Man führt sie auf
eine menschliche Weise, wenn man sie aus eigener Bewegung und Trieb führt. Hingegen führt man
sie auf eine göttliche Weise, wenn man die Seelen mit der allergenauesten Abhängigkeit von der
Bewegung der Gnade führt. Darum ist es von der äussersten Wichtigkeit, dass Personen, welche
bestimmt sind andere zu führen, diese Bewegung des Geistes Gottes zu kennen und zu
unterscheiden lernen. Tun sie es aber nicht, so werden sie nur eine menschliche Führung hegen und
davon nicht abgehen; die Seelen aber werden sie niemals zu Jesu Christo führen. Überdies muss auch
ein Führer allem eigenen Wirken so gar tot und abgestorben sein, dass er von sich selbst und durch
sich selbst niemals sich unterfange, etwas Eigenes zu wirken, ja auch nicht einmal das Brandopfer zu
opfern.

O teure und wunderbare Zärtlichkeit der Liebe ! Wer wird dich begreifen? Derjenige und diejenigen,
denen du dich zu verstehen gibst. Gott wird einer Seele, die er in dem Tod hält, nicht zulassen, dass
sie auch nur das mindeste Werk oder Wirken aus sich selbst und durch sich selbst tue. Sobald sie
wirken will ohne einen besonderen Befehl Gottes, so wird sie wie in eine Hölle Verstössen. O welch
eine schreckliche Eifersucht eines Gottes! Allein, wird man sagen, es geschieht um Gott zu
verherrlichen; es ist um seinen Zorn zu sühnen. Das hindert nicht, Gott will dich in dem Tod, und
Er begehrt nichts anderes von dir. Sein Wille ist allem Guten, es sei was es wolle, vorzuziehen.
Würde wohl ein Knecht seinem Herrn angenehm sein, wenn er ihm solche Dienste leistete, die der
Herr nicht von ihm begehrt? Es ist weit besser und der Billigkeit gemässer, dass man aus Gehorsam
ruhe, als an den wichtigsten Dingen zu arbeiten. Gleichwohl will man dieses nicht erkennen, und
noch weniger ausüben.

14) Aber dein Reich wird inskünftig nicht bestehen. Der Herr hat sich einen Mann nach
seinem Herzen ausersehen, und ihm befohlen, dass er der Herzog seines Volks sein soll,
weil du nicht beobachtet hast das, was dir ist befohlen worden.

Nichts ist zärtlicher als dieser Geist der Führung, oder der Geist um die Seelen zu führen. Sobald
man ausgeht von der Abhängigkeit, in welcher man unter Gott stehen soll, so wird dieser Geist der
Führung verloren. Ich rede aber hier von diesem eingegossenen Geist, von dem apostolischen Geist,
welcher verschafft, dass die Person, die damit bekleidet ist, die Seelen führt mit einer solchen
Abhängigkeit vom Geist Gottes, dass sie um alles in der Welt nicht wird zugeben wollen, dass weder
ihre eigene Vernunft noch ihr natürliches Licht sich unter die Führung mische. O wie rar und selten
sind diese Führer! Und eben dieses ist die Ursache, dass die Seelen fast unter allen Führern so gar
schlechten Fortgang haben. Man findet Zuchtmeister genug, allein Väter in Jesu Christo findet man
keine. Diejenigen, welchen Gott diesen Geist der Führung oder den Geist Gottes zur Führung
gegeben, und die solchem mit der höchsten Treue folgen, diese Personen werden seiner göttlichen
Vaterschaft zugesellt, und zeugen Jesus Christus in den Herzen derer, die zu ihnen nahen, indem sie
ihnen den Geist des Worts mitteilen.

Der FührerGeist oder der Geist der Führung wird niemals verloren. Sobald er von einer Person
weicht, so ruht er auf einer andern. Darum wollte unser Herr, dass man einen andern Apostel für
den Judas erwählte, wie es heisst in Apg. 1,20, dass sein Bistum einem andern sollte gegeben werden.
Eben daher sucht Gott selbst einen andern anstelle des Sauls, wie Samuel spricht.

Dieser Mensch, welchen Gott sucht nach seinem Herzen, ist ein solcher, der nicht durch die
Vernunft wirkt und handelt, sondern durch den Glauben. Wenn Saul nicht räsoniert hätte, so würde
er wohl geglaubt haben, dass Gott ihm zur rechten Zeit Beistand leisten würde. Gott begehrt ferner
einen solchen ansehen, der ganz nach allem seinem Willen ist, und der über keinen Willen Gottes
räsoniert; der auch keine Wahl noch Vorzug habe weder für dieses noch für jenes, was Gott will, und
der da wirkt und handelt nach dem Herzen Gottes. Um nach dem Herzen Gottes zu sein und zu
handeln, muss man das Herz Gottes kennen. Es ist nur allein der Geist Gottes, welcher dasjenige
kennt, was in dem Herzen Gottes vorgeht. So muss man denn also diesem Geist Gottes übergeben
sein.

Gott spricht, Er habe sich einen solchen Menschen schon auserlesen, obgleich der Fehler erst ist
begangen worden. Dieses zeigt die freiwillige Erwählung und die Allwissenheit Gottes an, welcher
die Dinge erkennt, ehe sie sind. Gleichwohl, obschon das Wissen Gottes unfehlbar ist, so bestimmt
es doch nicht die Sache. Die Allwissenheit Gottes ist kein Grund, dass eine Sache geschehen muss.
Gott sieht die Sache, wie sie sein wird, und weil sie sein wird. Denn in Gott ist nur eine gegenwärtige
Zeit, ohne Vergangenes und Zukünftiges.

Es wird wiederholt, dass dem Saul, weil er von Gott nicht abhangen wollte, die Führung des Volkes
Israel genommen wird. Heisst es nicht, dass Gott sich einen Mann erwählt, um das Haupt seines
Volkes zu sein, weil Saul nicht getan hat, das was Gott ihm befohlen hatte?
15) Und da Saul das Volk, das bei ihm geblieben war, zählte, fand er ungefähr sechshundert
Mann.

19) Es war aber kein Schmied in allen Landen von Israel. Denn die Philister hatten diese
Vorsicht gebraucht, damit die Hebräer keine Schwerter noch Spiesse schmieden könnten.

Nur sechshundert Mann zu haben, sich gegen eine solche unzählbare Menge Feinde zu beschützen,
welche die Heilige Schrift dem Sand am Ufer des Meeres vergleicht; und dass überdies diese wenigen
Leute, die allein beschützen können, von Waffen und von Werkmeistern, deren zu verfertigen, ganz
entblösst sind; ist ein solches nicht genug, um seiner Niederlage versichert zu sein? Ja, ist es nicht
eine rechte Verwegenheit, auf diese Weise den Streit anzufangen? O Herr! wenn du für uns streitest,
und wenn wir deiner Führung überlassen sind, so werden wir ohne Waffen und ohne zu streiten
überwinden. Ohne ein solches aber werden wir gewiss überwunden werden, wie zahlreich auch die
Beschützer sein mögen, die wir haben können.

Das erste, was der Feind tut, ist dieses, dass er denen, die ihm unterworfen sind, alle Waffen
hinwegnimmt, womit sie sich hernach beschützen könnten, gleichwie er ihnen alle Mittel raubt,
Waffen zu verfertigen. Diese Waffen aber sind das Gebet, die Almosen und das Fasten. Solange wir
imstande sind uns zu beschützen, haben wir keine anderen Waffen als diese, und ohne solche
würden wir allezeit überwunden werden.

Es ist aber notwendig, hier eine Sache zu erklären, welche (weil man sie nicht versteht) viele
Schwierigkeiten verursacht und jederzeit verursachen wird; nämlich, dass Gott eben dasselbe tut, was
auch der Feind tut, wiewohl auf eine ganz andere Weise. Sobald man dem Teufel unterworfen ist, so
nimmt er gleich anfangs alle Waffen hinweg. Es ist auch kein Überwinder, der die Überwundenen
nicht entwaffnen sollte. Alsdann muss man ohne Schutzwehr bleiben und alles erdulden, was diese
Feinde mit uns machen und tun wollen. Geben sie aber hernach Waffen, so tun sie solches, damit
man sich derer für sie und in ihrem Dienst bediene, nicht aber gegen sie. Gott macht es eben also
mit denen, die Ihm unterworfen sind. Zuerst entwaffnet Er von allem dem, was man gegen Ihn
gebrauchen könnte. Hernach macht Er Waffen der Gerechtigkeit aus eben denselben Waffen der
Ungerechtigkeit. Wenn aber Gott in uns vollkommen ein Sieger ist, und als ein souveräner
Oberherrscher in uns regiert, so nimmt Er uns alle Waffen ganz und gar hinweg. Und wenn uns
Gott nicht von neuem bewaffnet, so haben wir keine Waffen mehr, um uns gegen unsere Feinde zu
beschützen, und dieses aus Ursachen, die Gott allein bekannt sind. Gleichwie aber ein überwundener
Feind nichts mehr zu fürchten hat, wenn er unter der Gewalt eines sehr mächtigen Königs steht,
eben also haben auch wir weiter gar nichts zu fürchten, sobald wir die Überwundenen des
Allerhöchsten sind. Lasst uns die Waffen nicht mehr ergreifen, denn sie würden unserem
Überwinder verdächtig sein. Hingegen lasst uns Ihm so überlassen bleiben, dass nur Er allein es ist,
der uns beschützt. Hierüber ist Er eifersüchtig.

Wenn Personen die Überwundenen des Herrn sehen, und anmerken, das solche so ganz und gar
ohne Waffen sind, so glauben sie es wären solche, die von dem Feind überwunden worden; und
dieses ist die Ursache aller Irrtümer, weil man den äusserst grossen Unterschied, der zwischen beiden
ist, nicht erkennt.

22) Als der Tag des Streits gekommen, hatten ausser dem Saul und dem Jonathan, seinem
Sohn, keiner von allen, die ihnen folgten, einen Spiess noch ein Schwert in der Hand.
In den Streit zu ziehen, um eine unzählbare Menge Feinde zu bekriegen, und ohne Waffen zu
kommen, ist dies nicht eine Torheit? Gleichwohl ist es eben das, was die meisten Christen heutzutage
tun. Sie leben so dahin und sind mit einer Menge Feinde umgeben, gegen welche sie sich nicht
beschützen können, ohne nur durch das innere Gebet; und gleichwohl verrichten sie niemals dieses
Gebet I Saul und Jonathan taten bei dieser Gelegenheit das, was alle Hirten tun sollen, nämlich sich
zu waffnen, um für die Herde zu streiten und solche zu beschützen. Die Waffen der Hirten sollen
das Gebet und das Vertrauen in Gott sein.

Es ist zu merken, dass dieses Volk, nachdem es um einen König so sehr inständig gebeten hatte, und
geglaubt, ihren Feinden dadurch besser gewachsen zu sein, dass eben dieses Volk sich entwaffnet
findet an demselben Tag, da es kämpfen soll. Wenn man Massregeln und Vorsorge trifft so lange
vorher, so findet man gewöhnlich, dass in der Gelegenheit alles mangelt; da hingegen diejenigen, die
sich an Gott übergeben, allezeit zum Streit gewaffnet sind, weil der Herr ihr einziger Schutz ist.

14. Kapitel. 

1) Es geschah an einem Tag, dass Jonathan zu einem Jüngling sprach, der sein Waffenträger
war: Komm und lass uns

bis ins Lager der Philister gehen, welches drüben an jenem Ort ist, den du siehst. Und er sagte
seinem Vater nichts davon.

Der unverzagte Mut, der durch die Übergabe eingegeben wird, hat seinesgleichen nicht, weil er durch
ein vollkommenes und vollendetes Vertrauen ausgeboren wird. Jonathan begnügt sich nicht damit,
zu seinem Schutz bereit zu sein, um durch die Menge seiner Feinde nicht überwunden zu werden,
sondern er untersteht sich sogar, diese Feinde anzufallen. Nur die Übergabe allein kann so
edelmütige Entschlüsse einblasen, weil die Übergabe von allem eigenen Interesse so gar frei und los
macht, dass man für sich selbst nichts fürchten kann in einer Sache, die man für Gott unternimmt.
Diese herzhaften Seelen blasen auch denen, die zu ihnen nahen, einen herzhaften Mut ein, um zu
machen, dass man ihnen nachfolgt.

4) Der Ort aber, wo Jonathan zu dem Lager der Philister überzugehen trachtete, hatte auf
beiden Seiten zwei sehr hohe und sehr jähe Felsen, die spitzig wie Zähne in die Höhe
stiegen.

Warum gibt die Schrift eine so genaue Beschreibung von diesen Felsen, welches nicht nötig zu sein
scheint, wenn sie uns nicht damit zu erkennen geben will, es sei kein Ort, wie fürchterlich er auch
scheinen möchte, zu welchem eine durch die Übergabe beseelte Person nicht sollte gelangen
können? Wenn sie solche Dinge unternimmt, so ist es ihr einerlei, ob sie darin umkomme, oder ob
ihr die Sache glücklich vonstatten geht. Dieser abscheuliche Felsen ist uns ein schönes Vorbild der
abscheulichen Wege, wodurch der Glaube und die Übergabe eine Seele führen. Es ist da nichts als
Felsen und abscheuliche Abgründe. Von welcher Seite man diese Wege anschaut, sieht man
allenthalben nichts anderes als Bilder des Todes, sowohl wenn man diese fast unersteiglich hohen
Felsen anschaut, als auch wenn man auf die Feinde das Auge wendet, die hinter diesem Felsen auf
uns lauern. Eine grosse Übergabe aber überwindet alle diese Gefahren.

6) Jonathan sprach zu dem Jüngling, seinem Waffenträger: Komm, lasst uns in das Lager
jener Unbeschnittenen gehen, vielleicht wird der Herr für uns streiten. Denn es ist ihm
ebenso leicht, den Sieg zu geben durch eine grosse Anzahl, als durch eine kleine.

Ich glaube nicht, dass man einen Glauben finden könne, dessen Entschlüsse fester und unverzagter
sind, als der Glaube des Jonathan. Die Worte dieses Spruchs sind von einer solchen Kraft und
Nachdruck, dass man solchen, ohne sie zu verringern, nichts beifügen kann. Jonathan mit einem
solchen unverzagten Wut, der einer wahrhaftig übergebenen Seele würdig ist, überwindet die
allergrössten Gefahren. Es ist wahr, o mein Gott, dass es dir nicht schwerer ist, uns mit wenigen zu
erretten als mit vielen. Unsere Schwachheit und unsere Kraft ist gleich vor dir, das eine gilt
ebensoviel vor dir, wie das andere. Allein obgleich dieses wahrhaftig und gewiss ist, wer ist davon
genugsam überzeugt, dass er mit einem solchen Glauben handle, und sein Betragen damit
übereinstimme? Gleichwohl ist es wahrhaftig, dass Gott weder unsere Stärke noch andere Vorteile
nötig hat, um in uns und mit uns zu tun und zu handeln, wie es Ihm wohlgefällt. Denn seine Macht
in uns ist keineswegs gerichtet oder abgemessen weder nach der Kraft noch nach der Schwachheit
der Kreatur, sondern allein nach dem Glauben und auf die Übergabe, Gott kann dem Glauben
nichts versagen. Spricht nicht Jesus Christus im Evangelium: Dir geschehe nach deinem Glauben?
(Matth.9,29). Das Mass des Glaubens und der Übergabe ist auch das Mass des Beistands und der
Hilfe, die Gott verleiht. Eine solche Seele unternimmt alles mit Herzhaftigkeit, weil sie nicht
unschlüssig ist noch zweifelt. Sie weiss, dass Gott alles vermag, und dieses ist genug. Je mehr sie an
ihren eigenen Kräften verzagt, umso mehr hofft sie auf die Kraft Gottes.

Warum wiederholt die Schrift, dass der Waffenträger Jonathans ein Jüngling war? Es geschieht
darum, um die Herzhaftigkeit Jonathans zu zeigen, der auf den Jüngling nicht vertrauen oder mit ihm
rechnen konnte, weil solcher noch wenig Erfahrung hatte. Es geschieht auch um damit anzuzeigen,
dass der Waffenträger sein Lehrling war.

7) Sein Waffenträger sprach zu ihm: Tue alles was dein Herz begehrt. Gehe wohin du willst,
ich will dir allenthalben folgen.

Der Waffenträger zeigt uns durch seine Antwort, wie sein Herz den Bewegungen seines eigenen
Herzens und dem Verlangen der Seele mit der grössten Treue folgen müsse. Denn dieses ist es
eigentlich, was die Schrift hiemit sagen will. Es ist eine gewisse Neigung, die von Gott in die Seele
eingedrückt wird, um etwas zu tun oder nicht zu tun. Diese Bewegungen sind vom Geist Gottes, und
man muss eine grosse Herzhaftigkeit haben, um solchen ohne Räsonieren oder Vernünfteln Folge zu
leisten. Es ist dieses auch ein Beispiel für anfangende Personen, und die einen aufrichtigen Willen
haben, Gott anzugehören. Diese Personen sollen ihrem geistlichen Führer nachfolgen in dem Weg,
den er ihnen vorschreibt, wie schrecklich und schwer solcher ihnen auch scheinen möchte.

Die Seelen, die im Innern weit gekommen, müssen eine grosse Treue beweisen, den Bewegungen
ihres Herzens zu folgen, damit sie den Geist nicht dämpfen oder auslöschen. Personen, die keine
Erfahrung haben, betrügen sich hierin gar sehr, wenn sie sprechen, man müsse gegen seine inneren
Bewegungen allezeit angehen. Dieses ist zwar wahr in den anfangenden Seelen; denn da sie ganz in
die Natur versenkt sind, so sind auch ihre Bewegungen natürlich. Mit den weit gekommenen Seelen
verhält es sich anders, denn ihre Bewegungen kommen von Gott. Paulus ermahnt gar sehr, den Geist
nicht zu dämpfen (1 .Thess.5,19). Man muss sehr getreu sein, um seinen Bewegungen zu folgen,
sonst wird man tausend Gelegenheiten, den Willen Gottes zu tun, verlieren, und man wird dessen
Bewegungen nach und nach ersticken.

8) Jonathan sprach: Wir gehen hin zu diesem Volk. Wenn sie uns werden wahrgenommen
haben,

9) Und zu uns sprechen: Bleibt da stehen, bis dass wir zu euch kommen, so lasst uns auf
unserm Platz bleiben, und nicht zu ihnen hingehen.

10) Sprechen sie aber: Steiget herauf, so lasst uns hinauf steigen. Denn dieses wird das
Kennzeichen sein, dass sie der Herr in unsere Hände übergeben hat.

Von dieser Zeit an war Jonathan unterwiesen in der Übergabe unter die Vorsehung Gottes, wo alle
Dinge ganz natürlicherweise zu geschehen scheinen von einem Augenblick zum andern, wie es Gott
in dem gewöhnlichen Lauf ordnet. Indessen ist doch alles übernatürlich und göttlich. Denn was ist
natürlicher als dieses, wenn man zwei Männer sieht, die durch unersteigliche0erter vor einem
Kriegsheer sich darstellen, dass man zu ihnen sagt, sie sollen herbeikommen, um zu erkennen, was
sie dazu antreibt? Gleichwohl ist nichts ausserordentlicher, als allein zu kommen, und einer solche
Menge Feinde Trotz zu bieten. Allein hierin steckt das Geheimnis: Was das grösste und
übernatürlichste ist, solches ist verborgen unter dem natürlichsten und unter dem gewöhnlichsten.
Ein jeder Augenblick zeigt uns den Willen Gottes, auch in den allerausserordentlichsten
Unternehmungen. Gott aber unterlässt niemals eben hiedurch zu verschaffen, dass die Dinge, ja auch
solche Dinge glücklich vonstatten gehen, welche die verwegensten und mit grösstem Unverstand
geführt zu sein scheinen. Jonathan demnach, ohne sich über etwas zu beratschlagen, spricht, dass
dieser göttliche Augenblick, und dieses ganz natürliche Wort, ihm das Kennzeichen des Willens
Gottes sein soll.

11) Als die Besatzung der Philister sie wahrgenommen hatte, sprachen die Philister: Siehe,
die Hebräer sind aus ihren Höhlen gekrochen, worin sie sich versteckt hatten.

12) Da redeten die vordersten im Lager und sprachen zu Jonathan und zu seinem
Waffenträger: Steige herauf. Da sprach Jonathan zu seinem Waffenträger: Lasst uns
hinaufsteigen, folge mir, denn der Herr hat sie in die Hände Israels gegeben.

Weil eine herzhafte Übergabe die Vollendung des vollkommenen Vertrauens ist, so wankt man
niemals in der Gelegenheit. Und ob man auch gleich im allgemeinen gleichgültig ist, ob die Dinge,
die man unternimmt, wohl oder übel ausschlagen, so kann man doch in keinen Zweifel eingehen. Es
ist eine geheime Lieberzeugung, welche weder den mindesten Zweifel, noch die mindeste
Unentschlossenheit zulässt.

Jonathan spricht nicht: In unsere Hände wird der Herr unsere Feinde geben; denn Jonathan schreibt
sich selbst nichts zu; sondern er sagt: Gott hat sie in die Hände Israels gegeben. Dieses ist eben als
ob er spräche: Die Übergabe allein kann die Feinde vertilgen; und um dieser Übergabe willen hat
auch Gott die Feinde in ihre Hände hingegeben.

13) Da stieg Jonathan, und kletterte mit Händen und Füssen hinauf, und sein Waffenträger
hinter ihm nach. Da sah man bald einige fallen vor Jonathan, und die andern vor seinem
Waffenträger, welcher sie tötete.
14) Dieses war die erste Niederlage der Philister. Jonathan und sein Waffenträger töteten
gleich anfangs bei zwanzig Mann auf einem Acker, halb so gross als ein paar Ochsen in
einem Tag pflügen konnten.

15) Da breitete sich das Geschrei davon aus auf dem Land im ganzen Heer. Und es fiel ein
Schrecken auf alle Leute des Lagers, die auf die Plünderung ausgegangen waren. Das ganze
Land kam in Verwirrung, und es wurde offenbar, dass Gott das Wunder getan hatte.

Je mehr Schwierigkeiten sich finden, dem Weg der Übergabe zu folgen, umso viel grösser muss auch
die Herzhaftigkeit sein, diese Schwierigkeiten zu überwinden. Wievielmal gehen wir durch solche
unersteigliche Örter, wohin kein anderer als eine vollkommen übergebene Seele wird gelangen
können? Es sind Felsen und abscheuliche Abgründe, und durch diese Örter muss man durchgehen,
um einer so grossen Menge Feinde Trotz zu bieten. Dieses ist ein sehr schönes Vorbild der
wahrhaften Übergabe. Muss man nicht durch die äussersten Trockenheiten und Blossen durchgehen,
und wandern durch rauhe und beschwerliche Örter, solange der Weg des Glaubens währt? Und
wenn es scheint, der Untergang sei nun ganz und gar unvermeidlich, so geschieht es, dass Gott die
Wunder seiner Macht und Güte sehr herrlich ausbreitet, und wunderbare Dinge tut, um diejenigen,
die in Ihm vertrauen, zu erretten, ihre Feinde aber zu vertilgen. Diese Erkenntnis der Gütigkeit
Gottes gegen die Menschen, verursachte, dass Moses ausrief mit einer liebe und ehrfurchtsvollen
Verwunderung (welches zu erkennen aus der Unordnung seiner Worte, wodurch solche einen
herrlichen Nachdruck bekommen): Ewiger Gott, Gott voll Mitleid und Gnade, langsam zu strafen,
gross an Langmütigkeit und an Treue, barmherzig. (2.Mose 34,6).

Mit welcher Gütigkeit unterstützt Gott nicht die Übergabe des Jonathans, welche heutzutage für eine
Verwegenheit angesehen werden würde? Der einzige Anblick einer an Gott vollkommen
übergebenen Seele schlägt ihre Feinde zu Boden.

Deine Hand allein, o mein Gott, tut dieses alles. Es ist leicht zu sehen, dass dieses Wunderwerk um
des Jonathans Glauben willen geschehen, und um seiner Treue willen, den Bewegungen der Gnade
zu folgen. Wenn er auch nur ein wenig räsoniert hätte, würde er wohl einen so kühnen Entschluss
gefasst haben, ganz allein hinzugehen, um ein unzählbares Kriegsheer anzufallen? Die Schrift spricht,
dass es sei gewesen wie der Sand um Ufer des Meeres. Würde eine solche Tat nicht für eine Torheit
gehalten werden?

Es ist anzumerken (Vers 20), dass sie sich selber untereinander mit ihren eigenen Waffen erwürgten.
Gott vertilgt öfters eine Sünde durch eine andere Sünde. Jesus Christus hat den Schein der Sünde
getragen, um uns von der wirklichen Sünde zu befreien.

16) Als die Wächter Sauls, die zu Gibea in Benjamin waren, ihre Augen dahin richteten,
sahen sie eine grosse Menge auf dem Platz liegen, und andere, die zerstreut hier und dorthin
flohen.

17) Da sprach Saul zu denen, die bei ihm waren: Suchet und sehet, wer aus unserem Lager
hinausgegangen ist. Und als sie suchten, fand es sich, dass Jonathan und sein Waffenträger
nicht da waren.

18) Da sprach Saul zu Ahija: Frage die Lade Gottes, denn die Lade Gottes war damals mit
den Kindern Israels.
Woher kommt es, dass Jonathan, der so voll Glaubens ist, ein so wichtiges Werk unternimmt, ohne
den Herrn um Rat zu fragen; da doch Saul solches tut, welcher einen viel kleineren Grad des Innern
hatte als Jonathan? Die Ursache dessen ist, dass es eine Zeit gibt, wo Gott will, dass man Ihn auf eine
wirksame Weise um Rat fragt, und nichts unternehme, ohne die Unternehmung durchs Gebet Gott
vorher aufzuopfern, und Gott um seine Gnade anzuflehen, um seinen Willen zu erkennen, und Ihn
zu bitten, dass Er unserem Unternehmen ein glückliches Gedeihen verleihen wolle. Allein, obwohl
diese Weise zu handeln zu dem gewöhnlichen Betragen der Christen erfordert wird, so gehört sie
doch nicht für eine vollkommen übergebene Seele. Denn da Gott sich über eine solche Seele zum
absoluten Herrn und Oberherrscher gemacht hat, so bewegt Er sie so, dass Er ihr keine Zeit gibt,
einen Rat zu holen; ansonst Gott vielmehr ihre mindeste Unentschlossenheit, Zweifel oder
Bedenklichkeit bestrafen würde. Gott will, dass eine solche Seele bei der ersten Bewegung seines
Willens gehorche. Diejenigen, welche angefangen haben zu entdecken, dass Gott sie innerlich
bewirkt, die haben nicht nötig einen Rat einzuholen, sondern sie müssen nur folgen ohne Wanken
noch Unentschlossenheit, und ohne Widerstreben. Als erstes muss man erkennen, ob eine Person
durch den Heiligen Geist regiert und geführt wird, und ob sie seine Stimme in dem Allerinnersten
ihrer Seele unterscheidet. Denn was die Personen betrifft, die im Glauben wandeln, bei solchen ist
der Eindruck Gottes in dem Innersten ihrer Seele. Und eben hierauf beruht die Sicherheit, diesen
göttlichen Bewegungen zu folgen, da der Teufel in dieses Heiligtum nicht eingehen kann, da er doch
die Lichter des Verstandes wohl nachmachen kann.

Was ist die Ursache, dass man in ausserordentlichen Unternehmungen die Lade Gottes um Rat
fragte? Es geschah, weil die Lade das Vorbild des Friedens ist. Es steht geschrieben, dass wo der
Friede ist, da ist Gott (Ps.75,3). Wenn man sieht, dass das, was man für Gott oder um Gottes willen
unternimmt (indem man glaubt den Willen Gottes zu tun), den Frieden gibt, so ist dieses ein
Kennzeichen, dass wir tun, was Gott von uns will und begehrt. Wenn man aber dabei in Verwirrung
und Unruhe kommt, und man wahrnimmt, dass diese Unruhe sich vermehrt, je mehr man in dem
Willen, eine Sache zu tun, und in deren Vollziehung fortschreitet, so ist dies ein Kennzeichen, dass
man gegen den Willen Gottes tut und handelt.

19) Indem Saul zum Priester redete, entstand ein grosser Lärm in dem Lager der Philister,
welcher allmählich stärker wurde und heller erschallte. Da sprach Saul zu dem Priester:
Ziehe deine Hand ab.

20) Bald hernach machte Saul ein grosses Geschrei und alles Volk, das bei ihm war, und sie
kamen bis zum Ort des Streits. Da fand es sich, dass die Philister sich selbst mit ihren
eigenen Schwertern erwürgt, und eine sehr grosse Niederlage erlitten hatten.

Personen, die wahrhaftig Gott angehören, und seiner göttlichen Vorsehung übergeben sind, vertilgen
nicht nur ihre eigenen Feinde, sondern Gott verleiht ihnen auch, dass sie die Feinde ihrer Brüder
vertilgen. Das blosse Zunahen einer solchen GnadenSeele macht, dass bei den andern die
Versuchung sich verliert. Es ist zu merken, dass die Philister sich mit ihren eigenen Waffen
vertilgten. Öfters verschafft Gott durch seine Gütigkeit, dass dasjenige, was Gelegenheit zu einem
Fall geben würde, in einer an Gott recht wohl überlassenen Seele zu einem Sieg und Vertilgung der
Sünde wird. In diesem Sinn ist es gewiss, dass wenn wir in Sünden gefallen, wir solchen Fall
gebrauchen können, unsere Sünden zu vertilgen. Denn die daraus entstehende Beschämung und die
wirksamen Demütigungen oder Demut über unsere Sünden müssen das Gegengift gegen eben
dieselbe Sünde sein. Gott lässt öfters zu, dass ein Stolzer in tierische Sünde fällt, um die Sünde des
Hochmuts in ihm zu heilen.
21) Auch die Hebräer, die vor einigen Tagen bei den Philistern waren, und bei ihnen im
Lager sich befanden, kamen und vereinigten sich wieder mit den Israeliten, die mit dem
Saul und Jonathan waren.

Es gibt schwache Seelen, die sich nach allen Winden umwenden, und sich durch den Strom der
Ungerechtigkeit hinreissen lassen, mehr aus Schwachheit als aus Bosheit. Diese Personen kehren
leicht wieder auf den rechten Weg, sobald sie sehen, dass man ihnen Hilfe leistet. Unter diesen
Leuten gibt es so schwache, dass sie der Gottseligkeit nachfolgen, wenn solche hochgeachtet wird,
und sie wieder verlassen, wenn sie verlästert und verfolgt wird. Denn sie stehen allezeit auf der Seite,
die am stärksten und mächtigsten ist.

22) Auch alle Israeliten, die in den Bergen Ephraim sich versteckt hatten, da sie hörten, dass
die Philister flohen, kamen sie und vereinigten sich mit ihren Brüdern.

Es gibt zweierlei Personen, die sich fürchten vor der Verfolgung, welche über diejenigen ergeht, die
sich der Gottseligkeit und vornehmlich dem inneren Leben (durch die Israeliten vorgebildet)
ergeben. Einige von diesen Personen verlassen den Weg der Wahrheit ganz und gar, gleichwie oben
gemeldet, um dem Weg der Ungerechtigkeit zu folgen. Andere hingegen verlassen zwar solchen
nicht, allein sie haben nicht Mut genug, um die Wahrheit Gottes zu bekennen. Darum verbergen sie
sich sehr sorgfältig, und wollen sich nicht für das Innere erklären. Gleichwohl ist dieses eine sehr
grosse Ungerechtigkeit. Denn öfters gibt man damit Ursache, dass andere innere Seelen
zugrundegehen, da sie der Verfolgung bloss dargestellt bleiben, weil man ihnen keinen Beistand
leisten will. Es geschieht allezeit, dass solche Leute, die sich verborgen hatten, als die Frömmigkeit
verfolgt wurde, sich wieder offenbaren und zu den andern gesellen, wenn die Frömmigkeit wieder in
Hochachtung kommt. O wie wenige sind ihrer, die wie Jonathan sich für das Heil ihrer Brüder
freiwillig der Gefahr darstellen und sich hineinbegeben.

23) An demselben Tag errettete der Herr das Israel, und die Feinde wurden verfolgt bis nach
BethAwen.

Nichts ist erquicklicher als die Weise, wie die Schrift redet. Sie eignet alles Gott zu. Und weit
entfernt, dass sie der Kreatur etwas zuschreiben sollte, so sagt sie nichts von Jonathan, dass er Israel
befreit habe, sondern dass Gott das Israel errettet habe. Dieses zeigt uns, dass eine sehr stark an Gott
überlassene Seele nur ein blosses Werkzeug in der Hand Gottes ist, dessen sich Gott mit einem so
viel besseren Fortgang bedient, als dieses Werkzeug nichts von sich selbst tut, sondern dass es der
Hand und dem Willen Gottes nur blosserdings folgt.

24) Und die Israeliten taten sich zu Saul. Da schwur Saul vor dem Volk und sprach:
Verflucht sei der Mann, der bis an den Abend Brot isst, bis ich mich an meinen Feinden
gerächt habe. Da ass das ganze Volk kein Brot.

25) Da kamen sie in einen Wald, wo die Erde mit Honig bedeckt war.

26) Und als das Volk hineinging, sah es diesen Honig auf der Erde fliessen, keiner aber
brachte ihn mit der Hand an den Mund, denn das Volk fürchtete sich vor dem Schwur des
Königs.

27) Da aber Jonathan nicht gehört hatte den Eid, den sein Vater vor dem Volk getan hatte,
tunkte er die Spitze seines Stabs, den er in der Hand hatte, in den Honigseim, und tat ihn
mit der Hand in den Mund, da wurden seine Augen erleuchtet.
28) Da sprach einer vom Volk zu ihm: Dein Vater hat das Volk beschworen und gesagt:
Verflucht sei, wer heute essen wird. Sie waren aber alle äusserst abgemattet.

29) Jonathan antwortete: Mein Vater hat das Volk irre gemacht. Ihr selbst habt gesehen, dass
meine Augen erleuchtet worden sind, weil ich ein wenig Honig gekostet habe.

Dieses ist ein schönes Vorbild des Gebet des Herzens. Das Herz des Menschen ist eine Erde, wie
Jesus Christus selbst es also vergleicht. Auf dieser Erde fliesst öfters der schmackhafte Honig der
himmlischen Tröstungen und Süssigkeiten, die den anfangenden Seelen notwendig sind, um sie zu
stärken in dem Streit, den sie gegen ihre Feinde auszuhalten haben. Allein gewöhnlich geschieht es,
dass die Führer hierin dem Saul nachfolgen, und die Seelen diesen Honig nicht wollen kosten lassen,
bis sie alle ihre Feinde vertilgt haben. Sagt man nicht vom Herzensgebet, es sei das Gebet der
Vollkommenen, und man müsse alle seine Feinde vertilgt haben, wenn man sich solchem widmen
wollte? Indessen ist es gewiss, dass man seine Feinde nicht wahrhaftig vertilgen kann, ohne nur
vermittelst dieser Speise des schmackhaften Honigs; denn ohne solchen fällt man in Schwachheit
und Mattigkeit.

Es ist anzumerken, dass Jonathan vom Honig kostete, weil er vom Verbot nichts wusste. Wie aber
kostete er solchen? An der Spitze seines Stabs, und nur im Vorbeigehen. Gleichwohl wurden seine
Augen erleuchtet. Auch der vorbeigehende Geschmack des inneren Gebets unterlässt nicht den
Verstand von der Wahrheit zu erleuchten; und das gewisse Licht ist dasselbe, welches durch den
Geschmack des Herzens kommt; es ist solches ein Licht der Erfahrung. Was empfunden wird ist
ganz etwas anderes, als was man uns mit Worten zu erklären sucht. Darum wird anderswo gesagt:
Schmecket, so werdet ihr sehen, wie süss der Herr ist (Ps.33,9).

Als Jonathan das Verbot vernahm, das sein Vater durch einen unbedachtsamen Eifer getan hatte,
tadelte er solchen und sprach: Mein Vater verwirrt jedermann durch sein Verbot. Denn die, welche
schwach geworden sind, würden durch diese Hilfe, die ihnen ohne sie zu suchen gekommen war,
gestärkt worden sein. Diese Süssigkeit wäre ihnen sehr nützlich gewesen, da ich, der ich in einem
weit stärkeren Stand bin, dadurch erleuchtet worden bin.

31) An demselben Tag wurden die Philister von den Hebräern geschlagen ... und das Volk
war ganz ermüdet.

32) Und fiel auf die Beute, nahmen Schafe, Ochsen und Kälber, und sie schlachteten solche
auf der Erde, und das Volk ass das Fleisch mit dem Blut.

Dies ist gewöhnlich die Folge, dass wenn man die schwachen Seelen verhindert, die Süssigkeiten des
Gebets zu schmecken (unter welchem Vor wand solches auch sein möchte), so schwächt man sie so
sehr, dass man sie auf eine gewisse weise nötigt, sich mit verbotenen Dingen zu nähren, wenn man
ihnen diejenigen versagt, die erlaubt sind. Eine jede Sache hat seine Zeit; und es gehört unter die
Haushaltung oder Ausspendung des Geistes Gottes, einem jeden das zu geben, was für ihn sich im
besonderen schickt. Gleichwie man die Seelen aufhält fortzuschreiten, wenn man ihnen gestattet,
sich mit den empfindlichen Süssigkeiten zu beschäftigen zu derselben Zeit, wenn Gott sie davon
herausziehen will, eben also verursacht man ihren Untergang, wenn man ihnen diese empfindliche
Süssigkeit hinwegnehmen will, wenn Gott sie noch darinnen hält, und dass sie deren nötig haben.
Der menschliche Geist fällt allezeit und in allen Dingen in das Übermass. Personen, die viel von
Süssigkeiten und Lichtern halten, wollten wohl alle Menschen dahinein haben, und sie bei solchen
aufhalten. Hingegen solche Personen, die durch den Glauben geführt werden, wollen öfters
schwache Seelen hindern, diese Süssigkeiten und Lichter zu schmecken. Hiedurch schwächen sie
aber solche so sehr, dass sie das Fleisch mit dem Blut essen, indem sie sich den sinnlichen Wollüsten
ergeben. Der apostolische Stand allein hat die würde und Eigenschaft, allen alles zu sein, wie Paulus
(1 .Kor.9,22), und mich zu geben den Kindern, das Brot aber den Männern. Will man einem Kind
Brot geben, so tötet man es damit. Gibt man aber einem grossen, starken Mann nichts als Milch, so
schwächt man ihn damit. Der Geist Gottes gibt mit guter Unterscheidung einem jeden, was ihm
nötig ist.

37) Saul fragte den Herrn, und der Herr antwortete ihm nicht.

41) Saul sprach zu dem Herrn: Gib uns zu erkennen, woher es kommt, dass du nicht
geantwortet hast deinem Knecht. Ist die Missetat in mir oder in meinem Sohn Jonathan, so
entdecke es uns; oder wenn sie in deinem Volk ist, so heilige solches.

42) Das Los fiel auf den Jonathan, und das Volk war ausser Gefahr.

Diese Schriftstelle ist es wert, dass wir sie mit der grössten Aufmerksamkeit betrachten. Das Wölk
beging eine sehr grosse Missetat gegen das Gesetz Gottes, indem es das Fleisch mit dem Blut ass,
welches ganz und gar verboten war. Jonathan aber tunkte nur seinen Stab in den Honig, und wusste
nichts von dem Verbot seines Vaters. Gleichwohl verzeiht Gott dem Volk, und ist nicht über solches
erzürnt. Hingegen schweigt Er still und antwortet nicht mehr, um seinen Zorn gegen den Jonathan
anzuzeigen. O ja, die mindeste Untreue einer Seele von einer so hohen Gnade beleidigt Gott weit
mehr als die allerschwersten Sünden der gewöhnlichen Seelen! Die gewöhnliche Strafe Gottes gegen
die inneren Seelen ist das, dass Er ihnen nicht mehr antwortet. Etwas Gewisses in dem Inneren, das
man nicht nennen kann, aber wohl unterscheidet, und das da machte, dass man Ihm folgte, solches
findet man nicht mehr. Und dieses ist das gewisse Kennzeichen für eine Seele von diesem Grad, dass
sie Gott missfallen hat, und dass sie nicht mehr so ist, wie Gott will und es begehrt.

43) Und Saul sprach zu Jonathan: Bekenne mir, was du getan hast. Da bekannte Jonathan
alles und sprach zu ihm: Ich nahm ein wenig Honig an der Spitze meines Stabes, den ich in
meiner Hand trug, und ich habe davon geschmeckt, und darum sterbe ich nun!

Ob es gleich geschienen, dass es nützlich, ja selbst notwendig gewesen, weil Jonathan so gar kraftlos
war, dass er sich mit ein wenig Honig der Süssigkeiten und Tröstungen erquickte, so geschah es
doch, dass Gott darüber zornig wurde, weil er eine Seele einer grossen Übergabe und eines grossen
Glaubens war. Warum aber dieses? Es geschah nicht weil er den Honig genommen hatte, sondern
(wie es sehr wohl erklärt wird) weil er den Honig, als er ihn nahm, geschmeckt hatte. Dieses ist
ebensoviel gesagt: Weil ich mich bei dem Geschmack des Honigs aufgehalten, und daran mein
Wohlgefallen gehabt, muss ich nun um dieses kleinen Geschmacks willen, des Wortes Gottes und
des Lebens beraubt sein. O ja, Gott straft einen kleinen Geschmack durch eine Entfernung, die
schwerer als der Tod ist, wie auch durch die Beraubung des wahrhaftigen Lebens.

44) Saul sprach: Gott handle mit mir nach aller seiner Strengigkeit, wenn du nicht stirbst,
Jonathan.

Diese Tat des Sauls war die grossmütigste seines ganzen Lebens. Er schlägt sich auf die Seite Gottes,
und spricht zu Jonathan, dass er sterben müsse. Die Führer, um die Ratschlüsse Gottes zu
unterstützen, müssen es eben also mit den starken Seelen machen, sie in dem Tod lassen, und sie
nicht von dannen herausziehen. Gleichwie aber der Vorsatz des Sauls nicht lauter, sondern mit
Eigennutzen v/ermischt war, so war seine Tat Gott nicht angenehm.
Dieser Vater stellt vor die Unvorsichtigkeit der Führer, welche machen, dass ihre Beichtkinder
gewisse verwegene Gelübde tun. Hiedurch aber flechten sie solche unvermerkterweise ein, dass sie
darin in Sünde fallen, wenn sie die gelobten Dinge zu halten nicht vermögen; weil solche Dinge keine
Sünde gewesen wären, wenn ihr Gelübde sie nicht dazu machte. Hierin muss man sehr vorsichtig
verfahren. Es ist besser man tue keine Gelübde, als dass man etwas verwegenerweise gelobe.

45) Da sprach das Volk zu Saul: Was! Soll Jonathan sterben, der jetzt das Volk auf eine so
wunderbare Weise erlöst hat? Dieses soll nicht geschehen ... Es soll kein Haar von seinem
Haupt zur Erde fallen, denn heute hat er mit Gott gearbeitet. Also wurde Jonathan vom Volk
errettet, dass er nicht sterben musste.

Alle gewöhnlichen Seelen, die keine Erfahrung in den Wegen Gottes haben, können nicht begreifen,
welchen Fehler Jonathan habe begehen können. Man sieht und beurteilt die Fehler nach seinem
eigenen Stand, nicht aber nach dem Stand derer, die sie begehen. Und hierin betrügt man sich gar
sehr.

Die Menge der Personen, die unsern Tod verhindern wollen, ist nicht zu zählen. Wie, spricht man,
sollen so wunderbare Seelen sterben? Ja, diese Seelen, die in allen Tugenden so vollkommen
scheinen, sollen sie sterben? Allein man sieht nicht, dass der Tod eine Frucht eben dieser Tugend
sein würde. Wenn man die wahrnehmbaren Gaben des Herrn mit aller Treue wohl anwendet, so
wird man eben wegen dieser Treue dieser Gaben beraubt; gleichwie zu dem Tobias gesagt wurde:
Weil du Gott angenehm warst, musstest du auf die Probe gesetzt werden (Tob.12,13). Der innere
Tod ist nichts anderes als eine Beraubung aller wahrnehmbaren Stützen, nicht aber eine wirkliche
Beraubung dessen, was uns zum Leben der Gnade notwendig ist. Alsdann ist dieses Leben der
Gnade grösser, allein es ist auch tiefer und mehr verborgen.

Unsere Sinne machen es ebenso wie die Israeliten. Solange sie können, widersetzen sie sich dem Tod
unserer selbst, weil sie hiedurch ihres Lebens beraubt werden. Denn alle Dinge, die ihr Leben
erhalten, werden ihnen entzogen. Wie, sprechen sie, nachdem wir durch die Hilfe der Tröstungen so
viele Feinde vertilgt haben, sollen wir nun eben dieser Tröstungen beraubt werden? Demnach
arbeiten sie aus aller ihrer Kraft, diesen Tod zu verhindern, worin die Vernunft ihnen getreulich
Beistand leistet, indem sie urteilt, der Tod sei ebenso schädlich, als er in der Tat der Seele grossen
Vorteil bringen würde. Obgleich das ausgesprochene Todesurteil gegen die Seele nicht sogleich
vollzogen wird, so geschieht es dennoch, dass es von derselben Zeit an seinen Anfang nimmt. Auch
Adam starb nicht an dem gleichen Tag, da er von der verbotenen Frucht ass, obgleich zu ihm
gesprochen worden war, du wirst sterben. Alle Mühe und Anstrengung der Vernunft ist dahin
gerichtet, dass sie trachtet die Seele aus diesem Stand des Todes zu ziehen, um sie wieder lebendig zu
machen.

15. Kapitel. 

1) Nach diesen Dingen kam Samuel und sprach zu Saul: Der Herr hat mich gesandt, um
dich zum König Ober Israel zu salben; so höre denn die Stimme des Herrn.
3) Ziehe wider den Amalek, schlage ihn und vertilge alles, was sein ist. Schone seiner nicht,
begehre nichts von allem, was ihm angehört; sondern erwürge alles vom Mann bis zum
Weib, sowohl die kleinen Kinder als die an den Brüsten säugen, die Ochsen, die Schafe, die
Kamele und die Esel.

Es ist unmöglich, wahrhaftig König zu sein und in der Kirche zu regieren, wenn man die Stimme
Gottes nicht kennt, und wenn man solche nicht von der Stimme der Vernunft und der Natur zu
unterscheiden weiss. Denjenigen, welche diese Unterscheidung nicht machen, könnte man das sagen,
was Paulus zu den Christen seiner Zeit sagte, dass sie den Leib des Herrn von den andern Speisen
nicht zu unterscheiden wussten (1.Kor.11 ,29). Es ist von der allergrössten Wichtigkeit einer Seele,
dass sie um ihrer selbst willen wohl dieses innere Wort zu unterscheiden wisse, welches alles sagt,
ohne etwas zu erklären. Für die andern aber ist es noch von weit grösserer Wichtigkeit.

Die Salbung des Sauls, welche Samuel hier erneuert, ist gleichsam eine Bestätigung seines
Königsstandes.

Man wird in der Sendung oder Mission, um andern zu helfen, nur zu dem Ende bestätigt, um ihre
Eigenliebe ohne Ausnahme zu vertilgen, wie auch alles was von der Eigenliebe abhangt, die sehr
wohl durch den Amalek vorgebildet wird. Es ist eine zweifache Berufung. Die eine, um den Sündern
zu helfen, dass sie sich bekehren, und sie in die Erstlinge des Geistes einzuführen; die andere geht
dahin, um die Eigenliebe ganz und gar zu vertilgen, und zu v/erschaffen, dass die Seelen allen
Dingen ohne Ausnahme absterben. Es ist auch eine zweifache Salbung, und die letzte von diesen
Salbungen ist angeheftet an die Treue, dass man die Seelen nicht verschone, und ihnen keine Stütze
gebe, wenn Gott will, dass sie deren beraubt sein sollen. Wehe denen, spricht Hesekiel, welche
Kissen unter die Ellenbogen des Hauses Israels legen! (Hesek. 13,18). Der Führungsgeist entzieht
sich von einem Apostel, wenn er diejenigen verschont, welche Gott zu verschonen verboten hat. Die
Konfirmation (oder Bestätigung), die in der Kirche nach der Taufe gegeben wird, geschieht um die
Seele in dem Stand eines Christen zu befestigen, und sie gegen ihre Feinde zu stärken. Eben also ist
die Bestätigung, die nach der Erneuerung eines Standes gegeben wird, um die Seele in diesem Stand
zu befestigen, und sie gegen ihre Feinde unüberwindlich zu machen. Darum befiehlt Gott dem Saul
nach dieser zweiten Salbung, er solle ziehen gegen den Amalek, welcher das Vorbild der Eigenliebe
ist, um ihn ganz und gar zu vertilgen. Denn die Eigenliebe (gleichwie Amalek in Vers 2), hält die
Seelen auf in allen ihren Wegen, und verhindert sie, dass sie von der Vielfältigkeit Ägyptens nicht zu
der Einfalt und in die Übergabe übergehen können.

Demnach spricht Gott zu dem Saul: Nunmehr, da ich dich bestätigt habe, indem ich dir eine neue
Kraft gegeben, so ziehe hin und schlage den Amalek, diesen unversöhnlichen Feind, und mit
welchem anders kein Friede bestehen kann, als dass er vertilgt werde. Allein hüte dich wohl, seiner
zu schonen, in was es auch sei, und unter welchem Vorwand es heissen möge. Begehre auch nicht
etwas von den Gütern, die der Eigenliebe angehören. Die grössten Dinge müssen so wenig
verschont bleiben wie die kleinsten. Denn wenn die Eigenliebe nur in etwas besteht, was es auch sein
möge, so wird sie augenblicklich wieder stärker als vorher werden. Gleichwohl ist dieses das
gewöhnliche Übel der Seelen, dass sie sich selbst und ihre Eigenliebe unter gutem Vorwand und aus
guter Meinung erhalten wollen.

9) Saul aber samt dem Volk verschonte den Agag und behielt zurück von dem Besten der
Schafe, der Ochsen, der Widder, der Gefässe und Kleider, und überhaupt alles was das
schönste war. Und sie wollten es nicht vertilgen, sondern sie vertilgten nur alles, was gering
und verworfen war.
Fast alle Seelen, die bis hieher gelangt sind, sündigen in diesem Stück. Sie bleiben hier still stehen,
weichen zurück und öfters gehen sie gar verloren. Sie wollen zwar wohl die Eigenliebe in allem, was
mangelhaft, unvollkommen und verächtlich ist, vertilgen. Dies scheint ihnen vernünftig und billig zu
sein, und ihr Herz unterwirft sich solchem gar gern. Allein, auch die Eigenliebe in allem was gut ist
zu zerstören, o hiezu können sie sich nicht hingeben.

Die Schrift gibt ein vortreffliches Verzeichnis alles dessen, was Saul zurückbehielt. Als erstes behielt
er den König; nichts scheint so billig zu sein als dieses. Dieser König ist die Liebe zur eigenen
Gerechtigkeit. O wer dieses nicht zurückbehielte, würde glauben eine Ungerechtigkeit zu begehen.
Und wer solchen vertilgte, würde glauben, eine gottlose Tat zu begehen. Gleichwohl muss dieses am
meisten vertilgt werden, insofern es der Eigenliebe angehört. Denn dieses ist ihr König, und solange
dieser bleibt, wie gebunden und angefesselt er auch scheinen möchte, kann er in kurzer Zeit wieder
die Oberhand gewinnen, und der absolute Herrscher des ganzen Volks werden.

Das Zweite, welches man gegen den Willen Gottes behält, sind die besten Herden, d.h. die Werke
und Übungen, die gut zu sein scheinen, welche aber nicht mehr gut sind, wenn Gott sie nicht von
uns fordert. Allein wie? Deren beraubt zu sein, ist dies nicht eine unmögliche Sache? Man bewahrt
sie ja um Gott zu verherrlichen, und um Ihm solche aufzuopfern. O arme Blinde, die wir sind! Gott
will diese Opfer des eigenen Willens nicht. Die Opfer, welche Gott begehrt, sind diese, dass man
Ihm eben diesen eigenen Willen aufopfert, gleichwie David dieses sehr wohl anmerkt: Wenn du
Opfer begehrt hättest, würde ich dir solche wohl bringen, allein ich weiss, dass sie dir nicht
angenehm sind (Ps.50,18). Alle Dinge haben ihre Zeit. Durch die Schafe werden hier angezeigt die
Werke der Sanftmut, und durch die Ochsen die Werke der Kraft und der Herzhaftigkeit. Alles dieses
ist gut und Gott angenehm, wenn Er es annimmt, und von uns fordert und will. Allein diese Dinge
sind Gott ein Greuel, wenn sie in der Eigenheit geschehen.

Sie behalten ferner die besten Kleider zurück, welches der Gebrauch gewisser Tugenden ist. Allein
alles dieses muss vertilgt werden. Nicht, als ob diese Dinge nicht in sich selbst gut und heilig wären,
sondern weil sie der Eigenliebe angehören. Denn hier ist eine Sache anzumerken, die von wichtiger
Folge ist, nämlich dass das Vorhaben Gottes niemals gewesen, der Seele den Gebrauch der
Tugenden, insofern sie Tugenden sind, abzunehmen, weil Gott die Tugenden als von Ihm selbst
ausgegangene Teile liebt. Und wenn die Seelen die Tugenden mit eben derselben Reinigkeit, als sie
von Gott ausgegangen sind, empfangen, und sie auf diese Weise gebrauchen könnten, würde Gott
sie ihnen niemals hinwegnehmen. Vielmehr würde Er eben hierin seine Lust und sein Wohlgefallen
haben, gleichwie Gott dieses hernach tut, wenn Er, nachdem Er die Seele der Tugenden beraubt hat,
solche ihr wieder gibt. Es ist aber nötig, dieses ausführlich zu erklären.

Die Tugenden gehen rein, lauter und ohne Vermischung von Gott aus. In Gott ist alles dieses Gott
selbst. Allein, sobald sie von Gott ausgegangen sind, um in eine umschränkte und geschaffene Sache
oder Kreatur einzugehen, so werden die Tugenden Geschöpfe. Die Tugenden, die von Gott
ausgegangen sind, und in Gott empfangen oder aufgenommen werden, sind Gott. Zum Beispiel: Die
von Gott ausgegangene und in Gott aufgenommene oder empfangene Liebe macht einen Gott. Alle
Tugenden, die von Gott ausgehen und in eben denselben Gott aufgenommen oder empfangen
werden, sind Gott; weil in Gott alles Eins und unzerteilbar ist, und nicht unterschieden werden kann.
In Gott ist die Gerechtigkeit Gott. Diese Gerechtigkeit durch Gott den Vater, Gott dem Sohn
mitgeteilt, ist Gott, weil er solche mitteilt ganz wie Er selbst ist ohne Unterscheidung, und ohne
Vorbehalt. Denn wenn einiger Unterschied oder Vorbehalt wäre, so wäre der Sohn nicht Gott, wie
der Vater. Allein eben diese Tugenden ausser Gott, und durch die Kreaturen ausgeübt, werden zu
Kreaturen. Doch verhindert dieses nicht, dass sie die Reinigkeit ihres Ursprungs behalten, wenn sie
in einem Geschöpf aufgenommen oder empfangen werden, das ganz rein, einfältig und ohne
Vermischung ist; gleichwie dieses geschieht, wenn eben diese Tugenden in einer vernichtigten Seele
aufgenommen oder empfangen werden. Eine solche vernichtigte Seele empfängt die Tugenden rein
und lauterlich und erhält sie auch auf gleiche Weise. Denn da Gott in diesem vernichtigten Grund ist,
so empfängt auch Gott selbst diese Tugenden in Ihm selbst. Er teilt sie mit, Er empfängt sie und
macht damit eine immerwährende Ebbe und Flut. Wenn aber die Tugenden in einer Seele
aufgenommen oder empfangen werden, die noch mit der Liebe ihrer selbst angefüllt und voll
Eigenheit ist, so geschieht es allmählich, dass diese aus einer so schönen und reinen Quelle
ausgegangenen Wasser durch ihren Aufenthalt an einem durch die Eigenheit so fauligen und
verdorbenen Orte ebenfalls einen Unflat an sich nehmen, und selbst so unflätig werden, dass dem
Herzen davor ekelt. Demnach gehen die göttlichen Tugenden von Gott ganz rein und lauter aus.
Wenn sie aber in diese eigenheitsvolle Seele kommen und von ihr empfangen werden, so verderben
sie nach und nach, und dieses mehr oder weniger, je nachdem die Eigenheit stark ist. Ja, sie
vermischen sich endlich so sehr mit der Eigenheit, dass diese Tugenden sich gar in die Eigenheit
selbst verwandeln. Dieses klare Wasser verwandelt sich endlich in Kot, ob es gleich von sich selbst
ganz rein und lauter ist.

Demnach geht das Vorhaben Gottes nicht dahin, die Seele von den Tugenden, insofern sie
Tugenden sind, zu entblössen, sondern da sie sich mit der Eigenheit vermischt, in solche verwandelt,
und mit der Eigenheit zu einem Ding geworden; Gott aber diese Eigenheit der Seele hinwegnehmen
will, so muss Er ihr notwendigerweise zu gleicher Zeit auch den Gebrauch aller dieser göttlichen
Tugenden hinwegnehmen, so dass ihr von solchen auch nicht eine einzige bleibe. Ich verstehe aber
hier die MoralTugenden, soviel den Gebrauch derselben betrifft, nicht aber was den Habitum oder
das einwohnende Wesen derselben betrifft. Denn wenn von solchen etwas übrig bliebe, wie wenig es
auch wäre, und wie notwendig solches scheinen möchte, so würde damit eine Quelle der Eigenheit
und ein Sauerteig der Verdorbenheit übrig bleiben, der sogleich und bis ins Unendliche alle
Tugenden, welche Gott in die Seele legen würde, verderben würde. Die Seelen demnach, welche sich
davon nicht ganz und gar entblössen lassen, und die allezeit unter einigem Vorwand, welcher es auch
wäre, wirken wollen, solche Seelen können niemals zu der gänzlichen Reinigkeit und Überformung,
die erfordert wird, gelangen. Denn diese Eigenheit, welche so gering und unwahrnehmbar scheint, ist
dennoch genug bis ins Unendliche, um alles dasjenige zu verderben, was Gott hineinlegen würde.
Und dieses macht die Notwendigkeit des Fegfeuers und die Ursache, warum Seelen, die ausser
diesem so heilig sind, so lange Zeit in dem Fegfeuer bleiben. Denn wenn eine Seele (welches doch
unmöglich ist), mit der mindesten Eigenheit in den Himmel eingehen könnte, so würde sie, so zu
reden, das ganze Paradies anstecken und vergiften. Hieraus ist abzuleiten, dass notwendigerweise für
die Eigenheit ein Fegfeuer ist, eben als wie eine Hölle für die Sünder ist.

Da nun also diese Eigenheit eine so gar böse Eigenschaft ist, welche alles was das Beste ist, verdirbt
und vergiftet, so muss sie notwendigerweise ausgerottet werden, anders würde sie alles verderben, ja
sie würde Gott selbst verderben, wenn Er nicht unverderblich wäre. Daher kommt es auch, dass
Gott durch sich selbst niemals in einer mit Eigenheit behafteten Seele wohnt, wie heilig sie auch
scheinen möchte. Zwar wohnt Gott durch seine Gaben in einer solchen Seele. Wenn Er aber selbst
hineinkommen soll, so muss Er zuvor eben diese Gaben und Gnaden hinaustreiben, weil sie die
Eigenheit an sich genommen haben. Und in diesem Sinn wird gesagt, dass Gott in einer bösen Seele
nicht wohnt.

Dieses vorausgesetzt, so sage ich, dass Gott der Seele den Gebrauch der Tugenden nicht
hinwegnimmt, insofern sie als Tugenden angesehen werden, sondern Er nimmt sie nur insofern
hinweg, als die Seele sich deren in Eigenheit angemasst, solche verdorben und vergiftet hat. Auch
nimmt Gott die Tugenden zu keinem andern Ende hinweg, als damit Er selbst kommen, und diese
Tugenden in Ihm geben möge. Alsdann sind die Tugenden frei von aller Gefahr, wiederum
verdorben zu werden.

Die von Gott ganz rein und lauter ausgehenden Tugenden, welche in einem vernichtigten Grund
aufgenommen und empfangen werden, werden wieder zu Gott gesandt ebenso rein und lauter, als sie
von Gott ausgehen. Wenn aber die Seele in Gott über formt ist, so geschieht es, dass eben dieselben
Tugenden Gott werden für die Seele ohne Unterscheidung. Das Kreuz ist Gott, die Liebe ist Gott,
alles ist Gott in vollkommener Einheit. Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, denn Gott ist
Liebe (1.Jon.4,16). Wenn die Seele zu dieser Einheit wieder gelangt, so kann sie keine Tugend von
Gott in Unterscheidung mehr sehen; und alsdann sind die Tugenden in der Reinigkeit ihres
Ursprungs, und in der Wiedervereinigung mit ihrem Ende. Allein dieses geschieht niemals, als
insofern die Seele erst vorher deren ist beraubt worden, entweder in jenem Leben durch das Feuer,
oder in diesem Leben durch die MoralVernichtigung, welche gleichsam ein Fegfeuer der Liebe ist,
wie man es überhaupt nennen kann, welches man aber keineswegs begreifen wird ohne nur allein
durch die Erfahrung.

10) Da kam das Wort des Herrn zu Samuel und sprach zu ihm:

11) Es reut mich, dass ich den Saul zum König gemacht habe, weil er mich verlassen und
meine Befehle nicht er füllt hat. Darüber wurde Samuel traurig, und schrie zum Herrn die
ganze Nacht.

Nichts ist fähiger, zu machen, dass Gott die Barmherzigkeiten gereut, die Er uns erzeigt hat, als
unser Ungehorsam. Reute es Ihn nicht den Menschen gemacht zu haben, als solcher gegen die
Befehle Gottes rebellierte? (1.Mose 6,6). Gott sagt, Saul habe Ihn verlassen, weil er Ihm ungehorsam
gewesen. Gleichwie das Kennzeichen unserer Vereinigung mit Gott, und des unverbrüchlichen
Anhangens der vollkommenen Liebe, die blinde Unterwerfung ist zu allem was Gott befiehlt, eben
also ist auch unser Ungehorsam ein Beweis dessen, dass wir uns von Gott entfernt haben. Die Weise,
wie Gott redet, ist wunderbar. Um sich nach unserer Grobheit zu bequemen, spricht Er, es reue Ihn,
eben als ob nicht alle seine Werke voll Weisheit wären, und als ob Er nicht erkannt hätte, dass der
Mensch seine Gnade missbrauchen würde. Wenn Gott über etwas bewegt werden könnte, würde es
der Missbrauch eben dieser Gnade sein. Er gibt Gnaden, die mit Bedingungen verknüpft sind,
gleichwie die Gnaden, die Seelen zu führen. Sobald aber der Führer selber der Führung Gottes nicht
folgt, um zu verschaffen, dass die andern solcher folgen, so entzieht Gott ihnen diesen Geist der
Führung. Alsdann geschieht es, dass eben die gleichen Personen, welche vorher in den Seelen
grossen Nutzen schafften, sich ganz trocken finden, ohne andern weiter helfen zu können, wie sehr
sie sich auch dazu anstrengen wollen. Die Seelen ihrerseits, wenn sie die für sie sich schickende
Nahrung nicht mehr finden, so entfernen sie sich, weil sie ausgetrocknet sind, und kehren nicht
wieder zu ihren Führern.

12) Und er stand auf vor Tag, damit er früh zu dem Saul käme, und man sagte ihm, dass
Saul zu dem Karmel gekommen, allwo er sich einen Triumphbogen habe aufrichten lassen,
und als er von dannen gekommen, sei er nach Gilgal hinabgestiegen. Also kam Samuel zu
dem Saul, welcher dem Herrn von den Erstlingen der Beute, die er von Amalek mit sich
gebracht, Brandopfer brachte.

Nichts zeigt die Eigenheit mehr an, als was Saul hier tut. Er lässt sich einen Triumphbogen
aufrichten, nachdem er Gott einen offenbaren Ungehorsam erwiesen. Er schreibt sich das Werk
Gottes zu und gibt sich die Ehre eines Sieges, den Gott allein erhalten hat. Man macht den Anfang
mit Dingen, die nichts zu sein scheinen. Man behält das Beste von der Beute des Amalek zurück
gegen den Willen Gottes, um Gott, wie man vorgibt, Brandopfer davon zu opfern. Man betrügt sich
selbst, und weil man Gott etwas von geringem Wert gibt, so glaubt man, es sei nun erlaubt, alles
übrige zu behalten. Wieviele Mönche gibt es, welche glauben alles getan zu haben, wenn sie dem
Herrn etwas von zeitlichen Gütern aufgeopfert haben, da sie indessen ihren eigenen Geist und ihren
Eigenwillen allezeit behalten! Andere Personen in der Welt begnügen sich damit, Opfer des Fastens
und anderer Bussübungen zu bringen, da sie indessen niemals sich selbst verleugnen, noch sich selbst
absterben wollen. Dies ist ein schrecklicher Missbrauch. Diese Opfer werden von dem Herrn nicht
angenommen.

13) Als Samuel zu dem Saul kam, sprach Saul zu ihm: Gesegnet seiest du dem Herrn. Ich
habe das Wort Gottes er füllt.

Schlachtopfer, die der Herr von dir fordert? Fordert er nicht vielmehr, dass man seiner Stimme
gehorche? Denn Gehorsam ist besser als Opfer, und ihn hören ist besser als das Fett der Schafe
opfern.

Samuel gibt eine Antwort, die würdig ist auf Marmor gegraben zu werden. Es ist, spricht er, Gott
wenig gelegen an allem Opfer, und an allen grossen Dingen, die du für Gott tun könntest. Hat Er
wohl deren nötig, oder fordert Er solche? Befiehlt Gott nicht vielmehr, dass man seiner Stimme
gehorche? Alle diese grossen und guten Dinge haben keinen Wert, ohne nur insofern sie mit dem
Willen Gottes übereinstimmen. Sind sie aber dem Willen Gottes zuwider, so werden sie eben
dadurch böse.

Der Wille Gottes ist über alle Gesetze, über alle Tugenden, über alle Gaben und über alle Gnaden.
Daher geschieht es, dass derjenige, welcher den Willen Gottes tut, der tut auch alles übrige, ja er
vollbringt und tut solches in einem sehr erhabenen Grad. Handelt er aber gegen den Willen Gottes,
so sündigt er auch in den guten Dingen, und zwar aus dieser Ursache, weil die Dinge nur insofern
gut sind, als sie nach dem Willen Gottes geschehen. Ist aber dieser Wille Gottes solchen guten
Dingen zuwider, so werden sie eben dadurch böse. Ein jedes Ding hat seine Zeit und Stunde. Man
muss den Willen Gottes tun, wie Gott will, in der Zeit da Gott will, und auf die Weise als es Ihm am
meisten wohlgefällt. Tut man eine befohlene Sache, und tut sie anders als sie ist befohlen worden, so
beleidigt man dadurch den Herrn, der es befohlen, weit entfernt, dass man Ihm damit gehorsam
wäre. Eine befohlene Sache ausser der Zeit tun, und zu einer solchen Zeit, da man sie nicht mehr
begehrt, solches heisst Übles tun. Wenn wir Juden werden wollten, aus der Ursache, weil das Gesetz
der Juden ehemals gut gewesen, würde dieses nicht etwas Böses sein? Dieses Gesetz ist gut und
notwendig gewesen, um uns in das Gesetz der Gnade einzuführen; nachdem aber das Gesetz der
Gnade gekommen, so muss man, wie Paulus spricht, das was vom Alten ist verlassen, weil das was
alt wird, untergehen soll und nahe an seinem Ende ist (Hebr.8.,13).

Samuel fährt fort an eben demselben Ort zu erklären, dass der Gehorsam besser sei als alle Opfer,
und dass der einzige Wille Gottes allem übrigen vorzuziehen sei, gleichwie Jesus Christus selbst
solches erklärt hat (Hebr.10,67). Samuel spricht: Gott hören in der Stille des Gebets, und in der
Vollziehung von allem seinem allerhöchsten Willen ist besser als alle und die grössten Opfer, ja es ist
besser als das Fett der Schafe opfern. Das Fett bedeutet das Beste von dem Besten.
23) Denn es ist eine Art der Zauberei, dem Willen Gottes zu widerstreben, und es ist wie die
Sünde der Abgötterei, wenn man sich nicht unterwerfen will.

Wenn Gott sich nicht selbst dieser Redensarten durch den Wund seines Propheten bediente, so
würden sie so hart und ausserordentlich scheinen, dass man Mühe haben würde, sie zu fassen. Er
spricht, es sei wie die Sünde der Zauberei, wenn man widerstrebe. Dieses Wort WIDERSTREBEN
drückt alle Dinge so wunderschön aus, dass nichts Deutlicheres und Klareres kann gefunden werden.
Wenn Gott die Seele von ihrer Eigenheit entblössen will, so entsteht aller Widerstand, den die Seele
dagegen tut, nur aus einer gewissen natürlichen Widerstrebung, welche eine Kreatur hat, um sich
nicht berauben zu lassen. Diese Widerstrebung treibt die Seele, dass sie gegen den Willen Gottes
zurückbehalten will, was Gott ihr nicht lassen, sondern ihr abnehmen will. Dieses wird der Zauberei
oder Magie sehr wohl verglichen. Was tut aber* die Magie? Sie hält eine Person an eine Sache so
gebunden und so bezaubert, dass nichts sie davon loszureissen vermag. Was tut denn das
Widerstreben? Es hält die Seele an das was sie besitzt, so gebunden, dass sie sich davon nicht
entblössen oder sich solches abnehmen lassen kann. Darum wird dieses einzige Widerstreben mit der
Sünde der Zauberei sehr wohl verglichen. Allein diese Widerstrebung verursacht auch noch eine
andere Sünde, nämlich diejenige, dass man sich nicht unterwerfen will. Und dieses auf die
Widerstrebung folgende Übel wird der Abgötterei verglichen. Denn weil diese Seele durch ihre
Widerstrebung ihre Entblössung versagt und sich nicht will entblössen lassen, so hangt sie einer
Sache übermässig an, indem sie solche Gott vorzieht, und eben hierin begeht sie eine Abgötterei.
Demnach verursacht die Widerstrebung den Abschlag und Widerstand, um in die Entblössung nicht
einzuwilligen; gleichwie durch eine Gegenwirkung das Hinreissen und Geneigtheit zu einer Sache die
Einwilligung zu solcher nach sich zieht. Dieses wird in diesem Spruch so genau ausgedrückt, dass es
unmöglich ist, es nicht also zu begreifen.

23) Und weil du hast das Wort des Herrn verworfen, so hat der Herr dich verworfen. Er will
nicht mehr dass du König seiest.

Es ist unmöglich, dass derjenige, der Gott nicht gehorcht, die Menschen beherrschen könne. Darum
spricht auch Samuel, da er zu Saul redet: Weil du dem nicht gehorcht hast, was Gott wollte, so hat
Gott dich verworfen, damit du nicht mehr regierest. Nunmehr wirst du deiner Eigenliebe und deinen
Leidenschaften unterworfen sein.

24) Und Saul sprach zu Samuel: Ich habe gesündigt.

25) Ich bitte dich aber, trage jetzt meine Sünde, und komme wieder mit mir, dass ich den
Herrn anbete.

26) Samuel antwortete ihm: Ich will nicht mit dir gehen, weil du das Wort des Herrn
verworfen hast. So hat dich der Herr verworfen und er will nicht mehr, dass du König seiest.

28) Er hat das Königreich Israel abgerissen, und hat es aus deinen Händen genommen, um
es einem andern und bessern, als du bist, zu geben.

30) Und Saul sprach: Ich habe gesündigt. Allein ehre mich nur jetzt vor den Ältesten meines
Volks und vor dem Israel, und kehre mit mir um, damit ich den Herrn, deinen Gott, anbete.

Jedermann verwundert sich, dass Gott, der so voll Barmherzigkeit ist, dem Saul nicht verzeiht, da er
doch niemals die Vergebung einer Sünde versagt. Die Ursache dessen ist, dass die Vergebung, welche
Saul begehrt, nicht herkam aus einer Reue, dass er Gott beleidigt, sondern sie entstand aus einer
durch die Eigenliebe verursachten Beschämung, durch eine Reue, die voll Eigenheit war, und nur auf
seinen Eigennutzen sah. Er bekümmerte sich wenig darum, dass Gott durch seine Widerstrebung
war verunehrt worden, sondern er fürchtete sich vielmehr, dass er das Königreich verlieren möchte.

Saul war demnach weit entfernt, die Beschämung über seinen Fehler nach aller Grösse, wie es nötig
war, zu tragen (welches die wahre Busse solcher Seelen ist), als Samuel zu ihm sprach, dass Gott sein
Königreich einem andern und bessern, als er sei, gegeben habe. Dies ist ebensoviel, als wenn er
sprechen würde: Gott nimmt die Gnaden und Begünstigungen, die er dir erzeigt hat, und gibt sie
einem andern. Denn anstatt dass Saul durch eine Einwilligung und Umfassung des Willens Gottes
hätte froh sein sollen, und seine Freude daran haben, dass Gott die ganze Grösse seiner
Gerechtigkeit über ihn ergösse und ausübte, so begehrt er im Gegenteil, dass Samuel seine Sünde
trage, und dass er selbst darüber keine Beschämung haben möge.

Wenn man das ganze Gewicht der Gerechtigkeit Gottes gerne tragen und erdulden will (auch wenn
man keine Vergebung der Sünden erlangt), o dieses ist die vollkommene Gemütsfassung und die
wahre Busse, welche eine solche Seele in ihren Grad wieder zurückversetzt, ja sie noch weit höher
bringen kann, indem sie ihr alle Eigenheit hinwegreisst, und sich dieses Fehlers bedient, um zu
verschaffen, dass die Seele sich selbst abstirbt. Saul aber, der weit entfernt von dieser Busse war,
sagte zu Samuel: Nun wohl, ich habe gesündigt, allein verbirg nur meinen Fehler, und ehre mich vor
den Ältesten meines Volks, vor dem Israel. Er will zwar die Sünde, allein er will nicht die
Beschämung der Sünde, und dennoch will er noch Gott anbeten, und so scheinen, wie er vorher war.
Und dieses ist der Unterschied zwischen der Sünde des Davids und der Sünde des Sauls, und der
Unterschied zwischen diesen Bussen. Die Sünde des Sauls war eine Sünde der eigenheitsvollen
Anhänglichkeit an eine Sache (welches unter allen Sünden die gefährlichste ist), es war eine Sünde
des Verstands und des Willens. Die Sünde Davids hingegen war eine SchwachheitsSünde, eine Sünde
des Fleisches, welche weit entfernt war, ihn in der Eigenheit zu stärken und solche in ihm zu
erhalten. Vielmehr wurde ihm dadurch die Eigenheit aus dem Herzen gerissen, durch den guten
Gebrauch, den er hernach davon machte. David entschuldigte seine Sünde nicht wie Saul, er legte
nicht die Busse auf den Nathan; er will sich nicht der Strafe entziehen. Vielmehr trägt er die völlige
Beschämung seiner Sünde, und schämt sich nicht vor den Menschen, sich als einen Übeltäter
darzustellen. Sein Schmerz entsteht aus keiner andern Ursache, als dass er Gott beleidigt, ohne sich
um sein eigenes Interesse oder seinen Eigennutzen zu bekümmern. Darum war auch seine Busse
Gott umso viel angenehmer, je weiter sie von der Eigenheit entfernt war, die bei der Busse des Sauls
sich befand, und welche machte, dass Gott solche verwarf.

29) Der Triumphierer in Israel wird nicht verzeihen, und er wird unerbittlich bleiben, ohne
sich dessen, was er getan hat, gereuen zu lassen. Denn er ist kein Mensch, dass ihn etwas
gereue.

Dieser Spruch geht nicht auf den Saul als auf eine Privatperson (denn zu welchem Übermass auch
unsere Sünden gestiegen, so können wir doch allezeit Barmherzigkeit erlangen), sondern der Spruch
bezieht sich auf die Würde eines Hirten, und auf den Geist des Führers oder der Führung, welcher
dem Saul abgenommen wurde. Wenn man einmal wegen Ungehorsam dessen ist beraubt worden, so
wird er nicht wieder gegeben. Die Gnade der Führung aber geht niemals verloren. Sobald diese
Gnade einer Person abgenommen wird, so wird sie einer andern gegeben. Es ist dieses der Mantel
des Elias. Ich rede hier aber nicht von den gewöhnlichen Führungen, sondern von dem
apostolischen Geist. Sobald solcher apostolische Geist dem Judas abgenommen wird, so wird er dem
Matthias gegeben, gleichwie geschrieben steht: Sein Bistum wird einem andern gegeben werden
(Apg.1,20). Eben also, da gesagt wird, dass das Königreich des Sauls einem andern soll gegeben
werden, der besser ist als er, so wird hier von David geredet. Der Ratschluss Gottes in Ansehung
dieser Dinge ist unwiderruflich. Mit den Fehlern aber, welche die Personen im besonderen betreffen,
ist es anders bewandt. Wegen dieser Fehler erlangt man Vergebung. Was aber solche Fehler betrifft,
da ein Führer die ihm anvertrauten Seelen veranlasst, dass sie sich dem Gott gebührenden Gehorsam
und der Übergabe unter seine Vorsehung entziehen; ein solcher Fehler muss öffentlich bestraft
werden, also dass der Geist der Führung einer solchen Person abgenommen wird. Darum bedient
sich auch die Schrift eines vortrefflichen Ausdrucks, um das festzusetzen, was ich hier gesagt habe,
nämlich: Der Triumphierer in Israel wird nicht verzeihen. Damit will die Schrift soviel sagen:
Derjenige, der in diesen Seelen schon sogar triumphiert hatte, dass er der absolute Oberherrscher
von ihnen war, und da diese Seelen allen seinen Willen ohne Widerstreben taten und vollbrachten,
sollte dieser Triumphierer einen solchen Fehler verzeihen, nämlich diesen, dass man diese Seelen
lehrt, aus dem Gehorsam, den sie Gott schuldig sind, auszugehen? Sollte Gott dir diesen Fehler
verzeihen, da du doch vielmehr dich in den Tod dahingehen solltest, um denen dir anvertrauten
Seelen diesen Gehorsam einzuprägen.

32) Und Samuel sprach: Führet den Agag, den König von Amalek, zu mir. Und da sie ihn
brachten, war er sehr fett und zitterte sehr. Und Agag sprach: Muss denn ein bitterer Tod
mich also scheiden?

Dieses ist ein sehr schönes Vorbild. Die Eigenliebe hatte sich in der eigenen Gerechtigkeit verborgen
und befestigt. Darum spricht die Schrift, dass Agag, der König und Oberhaupt der Eigenliebe, sehr
fett war, weil die Eigenliebe durch die eigene Gerechtigkeit sehr wohl gemästet wird. Er zitterte sehr.
Nichts ist furchtsamer als die Eigenheit, denn da sie das, was sie hat, erhalten will, so fürchtet sie
etwas davon zu verlieren. Und dieses macht sie so furchtsam und zittern. Da hingegen die Seelen, die
ohne Eigenheit sind, welche nichts haben, und nichts für sich selbst wollen noch begehren, auch für
sich nichts fürchten können.

Diese Eigenliebe hingegen fürchtet alles. Daher spricht sie auch: Wie! Muss man umkommen? Muss
der bittere Tod mich von der Seele scheiden, an welcher ich so fest hing? Denn es wird nicht gesagt,
wird der bittere Tod mich vertilgen? Oder, soll ich umkommen und sterben? sondern, soll der bittere
Tod mich also scheiden? um zu zeigen, dass kein innerer Tod sein kann, ohne nur in der völligen
und gänzlichen Scheidung der Eigenliebe und der Eigenheit, damit durch diese Scheidung alles was
der Seele eigen ist, vertilgt und hinweggenommen werde, und Gott allein in der Seele bleibe. Diese
Scheidung verursacht den Tod. Allein, sie ist nur der Eigenliebe grausam, keineswegs aber dem
Geist, welcher durch diesen Tod ein neues Leben empfängt.

33) Samuel sprach: Gleichwie dein Schwert gemacht, dass die Weiber ohne Kinder sein
mussten, also muss auch deine Mutter ohne Kinder sein. Und Samuel hieb ihn in Stücke vor
dem Herrn.

Samuel spricht: Auf gleiche Weise wie dein Schwert gemacht hat, dass die Weiber ohne Kinder sein
mussten, indem du die Seele unfruchtbar machtest, und sie verhindertest, dass sie kein Gutes, das
Gott angenehm wäre, ausgebären konnte, eben also wenn du selbst getötet wirst, so wird auch deine
Mutter ohne Kinder bleiben, weil die Eigenliebe ihrer liebsten Ausgeburt sich hiedurch beraubt
findet. Und Samuel hieb ihn vor dem Herrn in Stücke, ohne das geringste Ganze daran zu lassen.
Denn da dieses Ungeheuer von der Schlange ist ausgebrütet worden, so geschieht es, wenn man es
bloss zerteilt, dass es sich gar bald wieder zusammenfügt, sich wieder vereinigt und ein neues Leben
erlangt. Darum muss man es vor Gott in Stücke zerhauen, und zwar in so gar kleine Stücke, dass sie
kein Leben in sich erhalten können, um sich wieder zusammenzufügen.
Es ist hier wohl zu merken, dass Saul gestraft wird wegen einer dem Schein nach guten Tat, nämlich
dass er den Agag beim Leben erhielt; weil er es gegen den Willen Gottes tat, da hingegen die Sorgfalt
des Samuels, diesen König hinzurichten, belohnt wird.

35) Von diesem Tag an sah Samuel den Saul nicht mehr bis an den Tag seines Todes.
Gleichwohl aber beweinte Samuel den Saul, weil es den Herrn reute, dass er ihn zum König
über Israel gesetzt hatte.

Dieser Vers bestätigt die Erklärung des 29. Verses. Denn es ist gewiss, dass es Gott nur reute, dass er
dem Saul die Führung seines Volks gegeben hatte. Nichts ist Gott so lieb und angenehm als eine
Seele, die Ihm vollkommen unterworfen und übergeben ist. Eine solche Seele achtet Gott wie seinen
Augapfel. Wenn man nun die Seelen von dem Weg der Übergabe abwendet, so missfällt man Gott
aufs alleräusserste. Wie viele Führer gibt es in dieser Zeit, welche die Seelen abziehen von der
Übergabe, kraft welcher sie der Führung Gottes überlassen bleiben sollen! O wie rar und selten sind
die zu finden, welche die Seele in dieser Übergabe unterhalten und stützen.

16. Kapitel. 

1) Und der Herr sprach zu Samuel: Bis wie lange wirst du über den Saul weinen, weil ich ihn
verworfen habe, und nicht mehr will, dass er über Israel regiere? Fülle dein Hörn mit Oel,
und komme, damit ich dich zu dem Isai, dem Bethlehemiter sende. Denn unter seinen
Kindern habe ich mir einen König auserwählt.

Gott fordert einen so grossen Tod von den Seelen, die Er für sich selbst erwählt (wie auch andere zu
führen), dass Er ihnen nicht gestattet, ein anderes Interesse als das Interesse Gottes anzunehmen
oder zu ergreifen, es mag auch der Vorwand beschaffen sein wie er wolle, und wäre es gleich unter
dem Vorwand der Seligkeit, der Ewigkeit und der Liebtätigkeit. Was ist lobenswürdiger als zu
beweinen, dass Gott den Saul verstösst, nachdem Er ihn zum Hirten über Israel erwählt hat?
Gleichwohl wird dieses von Gott nicht gnädig aufgenommen. Eine Seele, die sich selbst wahrhaftig
tot und abgestorben ist, soll sein wie die Seligen, welche kein Verlust der Kreaturen, wären es auch
ihre nächsten Verwandten, rühren kann. Denn die Seligen freuen sich, dass die Gerechtigkeit Gottes
sowohl in ihnen als in andern erfüllt werde, weil sie in der Kreatur weiter kein Interesse mehr
ansehen, sondern sie sehen allein auf den Willen Gottes. Sie erfreuen sich in dem Willen Gottes über
die Seligkeit und über die Bekehrung der Seelen; allein sie können sich nicht bekümmern, wenn die
Seelen verlorengehen, weil Gott durch seine Gerechtigkeit in ihnen verherrlicht wird. Und wenn
Paulus wohl ein ANATHEMA (ein Fluch) für seine Brüder sein will, so tut er dieses in Ansehung
Gottes, wenn solcher dadurch verherrlicht werden sollte, und nicht um menschlicher Interesse
willen. Denn nach den Gesetzen der Liebtätigkeit und Liebe, insofern man solche von Seiten des
eigenen Interesses betrachtet, soll man sich selbst und seine Seligkeit einem jeden andern vorziehen.
Von der Seite Gottes aber würde ein Augenblick der Verherrlichung Gottes verursachen, dass wir
uns für jedermann zu einem ANATHEMA machen Hessen. Hierin liegt auch der Unterschied
zwischen den Personen, welche andern helfen ohne kraft eines Standes in dem apostolischen Leben
zu sein, und zwischen den wahrhaftig apostolischen Seelen. Denn jene, die das apostolische Leben
nicht kraft eines Standes haben, die tragen für den Nächsten eine solche Liebe, die auf den Nächsten
selbst gerichtet ist. Sie haben eine mitleidende Zärtlichkeit für ihn, und es ist ihnen schmerzhaft,
wenn er verlorengeht. Und alles dieses von seiten des Sünders genommen, ist eine gute Sache. Allein
es ist doch gleichwohl nicht die Vollkommenheit der reinen Liebe, die nur Gott allein zum
Gegenstand, Endzweck und Ende hat. Die Seele, die in dem apostolischen Stand sich befindet,
würde tausendmal Seele und Leben um ihrer Brüder willen hingeben, ohne gleichwohl ihre Brüder
anzusehen als in dem Willen Gottes, der die Seele auf diese Weise einteilt und ordnet. Allein obgleich
die Seele in einer so vollkommenen Liebe gegen ihre Brüder steht, so kann doch deren Untergang sie
weder verwirren noch in Unruhe setzen. Dies ist ein Stand, welchen man erfahren muss, um solchen
zu begreifen.

Sobald eine Seele eine Gnade von sich stosst (vornehmlich wenn es die Gnade der inneren
Entblössung ist), so wird diese Gnade gleich einer andern Seele gegeben. Niemals geht das mindeste
von allem dem verloren, was von Gott ausgeht, um den Menschen ausgespendet zu werden. Öfters
geschieht es, dass Gott die Gnade des Glaubens von einem Königreich auf ein anderes überträgt und
versetzt, und alles findet sich in Gott. Gleichwohl verhindert dieses nicht, dass diese Personen um
ihres Zurückstossens willen nicht sollten bestraft werden, weil es an ihnen lag, dass diese Gnade
verlorenging.

Derjenige, der von Gott auserkoren wurde, war ein Bethlehemiter, weil er nicht durch sich selber,
sondern in Jesu Christo und durch Jesus Christus regieren sollte. Gott spricht nicht: Ich habe einen
von seinen Söhnen zu einem König über mein Volk gesetzt, sondern ich habe mich versehen mit
einem König aus seinen Kindern; und dieser König ist Jesus Christus, der sich unter seinen Kindern
findet, und von welchem David nur das Vorbild war. Wenn David von sich selbst redet, so nennt er
sich öfters den Christus, da er sich von Jesu Christo nicht mehr unterscheiden konnte. Denn David
war es nicht mehr, der da lebte, sondern es war Jesus Christus, der in ihm lebte. Darum nennt sich
auch Jesus Christus den Sohn Davids, und nicht den Sohn eines andern.

6) Und als sie hineingegangen waren, sprach Samuel, indem er den Eliab sah: Ist dieser
nicht vor dem Herrn der Christ des Herrn?

7) Der Herr sprach zu Samuel: Siehe nicht an seine gute Gestalt, noch die Grösse seines
Leibes, denn ich habe ihn verworfen. Ich beurteile die Dinge nicht, wie die Menschen sie
sehen. Denn der Mensch sieht nur das, was von aussen scheint, der Herr aber sieht auf das
Herz.

Es ist gewöhnlich so, dass die Menschen auf die äusseren und gross scheinenden Dinge achten.
Grosse Dinge fallen in die Augen, so dass auch sogar die am weitesten gekommenen Personen sich
öfters darin irren. Samuel wurde gleich von dem gross scheinenden, äusseren Wesen des Eliab
eingenommen. Gott aber zeigt ihm wohl, dass man sich hiebei nicht aufhalten soll. Er spricht zu
dem Samuel: Siehe nicht an das Äussere dieses Menschen, noch sein Betragen, noch was in seiner
Aufführung herrlich zu sein scheint, noch auf die Grösse seines Leibes, welches die grossen und
herrlichen Taten sind, welche ihm in der Welt eine Hochachtung erwecken, denn ich habe ihn
verworfen. Ich habe ihn nicht erwählt, Hirte über Israel zu sein, noch auch folglicherweise mir ganz
und gar anzugehören. Ich sehe die Dinge nicht, wie die Menschen solche ansehen. Die Menschen
urteilen nach dem äusseren Schein, darum betrügen sie sich auch gewöhnlich. Der Herr aber sieht
das, was das allerverborgenste im Herzen ist, und dieses nur allein achte ich.
10) Da führte Isai seine sieben Söhne vor den Samuel, und Samuel sprach zu ihm: Gott hat
keinen von ihnen erwählt.

11) Da sprach Samuel zu Isai: Sind dieses alle deine Söhne? Er antwortete: Es ist noch ein
Kleiner übrig, welcher die Schafe hütet. Und Samuel sprach zu Isai: Sende hin und lasse ihn
holen, denn wir werden uns nicht zu Tische setzen, bis dass er gekommen.

Isai achtete nur diese seine sieben Söhne, weil er glaubte, David sei zu nichts geschickt. Er verwarf
denjenigen, welchen Gott erwählt hatte, und erwählte diejenigen, welche Gott nicht wollte. Als
Samuel sah, dass man ihm nur von diesen redete, fragte er, ob denn diese sieben Söhne alle Söhne
des Isai seien, und ob keiner mehr übrig wäre? Isai antwortete, er habe noch ein kleines Kind, d.h.
einen einfältigen, unschuldigen Menschen, wie ein Kind, das nichts Äusseres noch einen grossen
Schein hat, und das man daher zu den geringsten Geschäften gebraucht. Allein, ob er gleich ganz
klein war, so weidet er doch die Schafe. Solche Leute aber begehrt Gott nicht. Darum spricht Samuel
zu dem Isai: Sende geschwind hin und lasse ihn herbeiholen. Denn wir werden uns nicht zu Tische
setzen, d.h. wir werden in die geheiligte Ruhe nicht eingehen, bis dieser der Erste darin ist, da er dazu
bestimmt ist, dass er die andern dahinein führen soll.

12) Also liess Isai ihn holen und brachte ihn vor ihn. Er war aber rötlich, eines angenehmen
Wesens, und schön von Angesicht. Der Herr sprach: Salbe ihn, denn dieser ist es.

Man lässt diesen kleinen, ganz einfältigen und unschuldigen Hirten holen. Er war schön von
Angesicht, weil sein Anschauen, das nur Gott allein zum Gegenstand hat, schön, aufrichtig und
rechtschaffen war. Auch war sein äusseres Wesen sehr anmutig, weil Gott ihn zum
allersanftmütigsten und leutseligsten Menschen gemacht hatte. Und Gott spricht zu Samuel: Stehe
auf und salbe ihn mir, denn dieser ist es, den ich mir erwählt habe, und er wird mein Volk nach
meinem Willen führen.

13) Demnach nahm Samuel das Hörn voll Oel, und salbte ihn mitten unter seinen Brüdern.
Von dieser Zeit an war der Geist des Herrn allezeit in David.

14) Aber der Geist des Herrn wich von Saul, und ein böser Geist vom Herrn quälte ihn.

15) Und die Knechte Sauls sprachen zu ihm: Der böse Geist des Herrn macht dich unruhig.

David wurde mitten unter seinen Brüdern zum König gesalbt, womit soviel gesagt wird, dass er
mitten aus seinen Brüdern erwählt wurde, um dem Herrn auf eine besondere Weise geheiligt zu sein.
Dieses geschieht öfters in Klöstern, dass eine Seele darin von Gott erwählt wird, um in die Wege
Gottes auf eine besondere Weise, mehr als andere, einzugehen. Eben dergleichen geschieht öfters
auch in einer Stadt, dass eine Seele auf eine sehr vortreffliche Weise darin erwählt wird. Ja öfters
geschieht ein solches in einem ganzen Königreich.

Von dem Augenblick an, als David gesalbt wurde, war der Geist des Herrn allezeit in ihm. Man
bemerkt den Unterschied zwischen ihm und Saul. Es wird nicht gesagt, dass der Geist des Herrn in
den Saul gesandt wurde, um allezeit darin zu bleiben, sondern es wird nur von ihm gesagt: Der Geist
des Herrn habe ihn ergriffen. Diese Redensart zeigt eine geschwinde und vorbeigehende Sache an.
Allein der Ausdruck, den die Schrift bei dem David gebraucht, zeigt eine dauerhafte und
immerbleibende Sache an. Gott spricht nicht zu den Aposteln, dass der Geist sie ergreifen würde,
sondern dass der Geist Gottes ihnen werde gesandt werden.
Darum wich der Geist des Herrn von dem Saul; denn weil Saul voll Eigenheit steckte, so konnte der
Geist Gottes nicht in ihm wohnen; und der böse Geist quälte ihn von dem Herrn. Gott sendet
diesen voll Eigenheit steckenden Personen die bösen Geister, die solche quälen müssen. Er
gebraucht die bösen Geister als Werkzeuge, um zu machen, dass diese Seelen gedrungen werden,
wieder zu Gott zu kehren. Dieses ist eine höchst nützliche Peitsche, wenn man durch die Uebergabe,
durch die Gelassenheit und durch die Ueberlassung solche wohl zu gebrauchen weiss. Saul aber tat
das Gegenteil, und wurde unruhig über diesen bösen Geist. Seine Eigenheit wurde immer stärker,
indem er an der Liebe seiner selbst und seines eigenen Interesses auf eine ungeordnete Weise klebte,
welches auch seine Knechte gar wohl selbst erkannten.

16) Der König befehle, so sollen deine Knechte, die um dich sind, einen Mann suchen, der auf der
Harfe spielen kann, damit er darauf spiele, wenn der böse Geist vom Herrn dich wird ergriffen
haben, damit dieses dich erleichtere.

Die Knechte Sauls gaben ihm einen sehr guten Rat, nämlich dass Saul über die Besitzung des bösen
Geistes sich weder bekümmern, noch in seinem Gemüt damit beschäftigen sollte, sondern er sollte
sich vielmehr dem Willen Gottes überlassen, damit der böse Geist allen seinen Zorn an ihm ausüben
möchte nach aller Grösse derjenigen Gewalt, die Gott dem bösen Geist hiezu gegeben hat. Es wird
gewiss eine grosse Herzhaftigkeit dazu erfordert, damit das Herz, gleich einer Harfe, das Lob Gottes
allezeit erschallen lasse, und dieses durch die Gleichförmigkeit unseres Willens mit dem Willen
Gottes, um alles dasjenige zu wollen, was Gott zulässt und wie Er es zulässt.

Aus welcher Ursache meint man wohl, dass die Knechte Sauls diesen Geist den bösen Geist vom
Herrn nannten? Kann der Herr wohl einen bösen Geist haben? 0 die Ursache dessen ist, dass die
Knechte Sauls wohl unterwiesen waren, dass man das, was uns widerfährt, niemals anders als von
Seiten Gottes ansehen müsse. Denn es ist Gott, der alles Uebel der Pein wirkt oder zusendet. In dem
allerhöchsten Willen Gottes müssen wir gut und wohl getan finden und erkennen, alles, was dieser
allerhöchste göttliche Wille über uns verhängt und geschehen lässt; und dieses müssen wir niemals
von Seiten der Kreatur ansehen. Oefters nimmt man es auf eine menschliche Weise, wenn man sagt,
man solle sich abwenden und sich nicht beschäftigen mit allem dem, was in uns vorgeht; und man
glaubt, man müsse in dem Geschaffenen seinen Zeitvertreib suchen. Allein hiedurch geht alles
verloren, und man wird sinnlich anstatt geistlich. Man kann unschuldige Ergötzungen suchen, ja man
soll dieses tun, wie Spazierengehen und dergleichen, allein man muss keine schädlichen Lustbarkeiten
suchen. Darum rieten auch diese wohlerfahrenen Knechte zu keinen lasterhaften Lustbarkeiten,
sondern zu den allerunschuldigsten, nämlich der Musik des Harfenspiels zuzuhören.

18) Einer von den Knechten Sauls sprach: Ich habe den Sohn Isais gesehen, der wohl auf der Harfe
spielen kann. Es ist ein sehr starker Mann, geschickt zum Krieg, klug in seinen Worten, ein schöner
Mann, und der Herr ist mit ihm.

Die Gütigkeit Gottes ist wunderbar, um den Menschen alles zu geben, was ihnen nötig ist, um sie
aus ihrer Verirrung loszureissen. Er lässt zu, dass ein Knecht den Rat gibt den David zu nehmen,
weil, spricht er, David sehr wohl auf der Harfe spielt. Wohl auf der Harfe spielen ist mit Gott in allen
Dingen vollkommen übereinstimmen, ja mit dem Willen sogar mit Gott übereinstimmen, dass,
sobald Gott eine Sache gewollt hat, dass auch die Seele solches ebenfalls wolle. Sobald man wohl
gestimmte Saiten gerührt hat, so antworten sie sich in eben demselben Ton.

Die Knechte sprachen, David sei stark und mächtig, weil er den Geist Gottes in sich habe, der ihn
mit seiner Kraft bewaffnet. Er sei ein Kriegsmann, der schon in Kämpfen geübt und seine Feinde zu
bestreiten wisse. Er ist klug in Worten, indem er nichts redet, als was Gott ihn reden macht. Dieses
sind alles Eigenschaften, die eine Person haben muss, um geschickt zu sein, den Seelen dieses
Standes zu helfen, und sie aus ihrer Eigenheit herauszuziehen.

21) Also kam David zu dem Saul und stand vor ihm. Und Saul liebte ihn sehr, und machte ihn zu
seinem Waffenträger.

David, dieser Mann nach dem Herzen Gottes, kam zu dem Saul und stand vor ihm als ein Mittler
zwischen Gott und dem Saul. Gleichwie er das Vorbild Jesu Christi war, so war er auch in Jesu
Christo der Mittler. Saul liebte ihn sehr, weil Gott sich allezeit lieben macht in allen Personen, in
denen Er wohnt. Und er wurde sein Waffenträger, um seine Waffen zu tragen. Hierin liegt ein
grosses Geheimnis. Denn da David das Vorbild Jesu Christi, und Jesus Christus in David als seinem
Vater, von dessen Samen Er entsprossen ist, eingeschlossen war, so gibt die Schrift uns zu erkennen,
dass in so schrecklichen Ständen Jesus Christus alle Waffen tragen solle. Die Kreatur muss sich nicht
unterbinden, sich durch eigene Anstrengung oder eigenes Wirken zu befreien. Sondern sie muss alle
ihre Kraft und Hoffnung in Jesus Christus setzen, und von Ihm die Erlösung erwarten, welcher sie
auch von allen ihren Feinden erlösen wird, wenn sie sich Ihm nur übergibt, und von sich selbst keine
Kraft erwarten will. Gott allein durch Jesus Christus ist uns zu allen Dingen genug.

23) So oft als der böse Geist vom Herrn den Saul ergriff, so nahm David die Harfe und spielte
darauf mit seiner Hand. Da fand sich Saul erleichtert und es wurde besser mit ihm; denn der böse
Geist wich von ihm.

Dies bedeutet, dass David den Willen des Sauls nahm, und solchen nötigte durch eine liebliche
Harmonie, sich dem Willen Gottes gleichförmig zu machen, damit solcher niemals von demjenigen
abwich, was man von ihm wollte. Und sobald auch dieses geschehen war, fand sich Saul erleichtert,
und es wurde besser mit ihm. Denn nichts besänftigt all unser Uebel mehr, als diese
Gleichförmigkeit unseres Willens mit dem Willen Gottes. Sobald die Seele übergeben und gelassen
bleibt, um alle Anfälle der bösen Geister zu erdulden (wenn solches der Wille Gottes sein sollte), so
weicht der böse Geist von ihr, denn er kann die Gleichförmigkeit unseres Willens mit dem Willen
Gottes nicht ertragen.
17. Kapitel. 

4) Und ein Mann, der ein Hurenkind war, namens Goliath, ging aus dem Lager der
Philister.
10) Er sprach: Heute habe ich dem Kriegsheer von Israel Hohn gesprochen. Gebt mir einen
Mann, der mit mir allein kämpfe.

Goliath war ein Riese. Die Schrift spricht, dass er ein Hurensohn gewesen sei, weil alle seine Kraft in
ihm selbst war, und er die Kraft Gottes gestohlen hatte, um sich solche zuzueignen. Er war stark in
seinem Hochmut, und sprach Hohn allen andern Menschen, weil er sich unüberwindlich glaubte. Er
legte seiner Kraft bei, den glücklichen Ausschlag des Kampfes und das Heil eines ganzen Volks.
Dieses ist wohl recht das Vorbild des menschlichen Hochmuts. Leute, die sich stark wie die Riesen
zu sein glauben, meinen dass andere ebenso leicht wie Fliegen zu überwältigen wären.

26) Da sprach David zu den Männern, die um ihn waren: Was wird man demjenigen geben,
welcher diesen Philister töten wird, und der die Schmach von Israel wegnimmt? Denn wer
ist dieser unbeschnittene Philister, dass er dem Heer des lebendigen Gottes Hohn sprechen
darf?

Im Gegensatz zu Goliath ist David das Vorbild einer kleinen und demütigen Seele, die sich nicht auf
ihre Kräfte verlässt, sondern die alles von Gott erwartet. Daher geschieht es auch, dass je kleiner und
schwächer David sich sieht, umso viel grösser seine Herzhaftigkeit ist, weil er überzeugt ist, dass alle
Kraft allein in Gott ein­geschlossen ist. Da er nun den trotzigen Hochmut des Goliath nicht dulden
kann, so spricht er: Wer ist dieser Unbeschnittene, dieser Freche und Verwegene, der sich untersteht,
dem Heer des lebendigen Gottes Hohn zu sprechen? Er soll wissen, dass er es mit Gott und nicht
mit Menschen aufgenommen hat. Diese Redensart, das Heer des lebendigen Gattes, ist ebensoviel als
ein streitender, rächender und zerstörender Gott. Er wird es mit Gott, der da lebt, zu tun haben, und
nicht mit einem Götzen, wie sein Hochmut es ihm eingab.

28) Eliab aber, sein ältester Bruder, wurde zornig gegen ihn, und sprach zu ihm: Warum
hast du die wenigen Schafe, die wir hatten, in der Wüste verlassen? Ich kenne deinen
Hochmut und die Bosheit deines Herzens, und dass du nur um den Streit zu sehen hieher
gekommen bist.

Es ist allgemein so, dass die Brüder und besten Freunde die Einfalt eines Herzens nicht erkennen,
und das für Hochmut halten, was doch nur eine Wirkung ihrer Aufrichtigkeit und Rechtschaffenheit
ist. Eine Seele, die in dem was sie redet und unternimmt, nichts als die Ehre Gottes allein sucht, und
die sich begnügen lässt, der Bewegung des Heiligen Geistes zu folgen, redet nichts anderes als was
Gott sie reden macht. Gleichwohl wird sie angeklagt, als ob sie hochmütig sei, weil man glaubt, dass
der Hochmut der Grund ihres Tuns und Wirkens sei. Ja man geht wohl noch weiter und schreibt es
der Bosheit des Herzens zu. Gleichwohl ist keine reinere Absicht zu finden, als die Absicht des
Davids in der Frage, die er damals tat. Es war ein anderer Geist als der seinige, welcher durch seinen
Mund redete, wie der Erfolg solches wohl anzeigt. Das Heil von Israel hing ab von dieser Frage, und
von der Treue, dieser Eingebung zu folgen. Darum liess David sich auch nicht irre machen, und fuhr
fort in dem, was er angefangen hatte, indem er seinem Bruder antwortete:
29)Was habe ich getan? Ist es nicht erlaubt zu reden?
30) Und da er von ihm gegangen, kam er auf eine andere Seite, und redete allda eben diese
Worte, und das Volk antwortete ihm wie vorher.

Es ist von der äussersten Notwendigkeit, dem Zug Gottes zu folgen, und keine menschliche Absicht
oder Furcht muss fähig sein, uns darin aufzuhalten. Alles kommt auf diese Treue an, wozu eine
grosse Herzhaftigkeit erfordert wird. Wenn David, wegen dem Spott des Eliabs, sein Unternehmen
hätte fahren lassen, so würde er sich dem Vor­haben Gottes entzogen haben, und Gott wäre nicht in
ihm verherrlicht worden. Es gibt viele Personen, die nicht das sagen, was Gott ihnen zu sprechen
eingibt. Sie fürchten, wenn es nicht vonstatten gehen sollte, so möchte es zu ihrer Schmach
gereichen. Es ist aber das eigene Interesse, welches macht, dass man die Dinge herauszusagen
fürchtet. Was ist aber daran gelegen, dass wir uns geirrt haben oder betrogen werden? Ist es nicht
recht und billig, dass man es lieber wage in einer Sache sich zu betrügen, als dass man sich in Gefahr
setze, den Willen Gottes nicht zu tun? David bekümmert sich wenig darum, ob man seine Sachen
gut heisse oder verdamme, wenn nur Gott in ihm verherrlicht wird.

31)Als aber verschiedene Leute die Worte Davids hörten, wurden sie dem Saul wieder
gesagt.
32)Und als Saul ihn hatte vor sich kommen lassen, sprach David also: Niemand erschrecke
vor dem Hohnsprechen die­ses Philisters. Dein Knecht ist bereit, hinzugehen und mit ihm
zu kämpfen.

David lässt es nicht bei blossen Worten bewenden, sondern indem er der Bewegung folgt, die ihn
antreibt, so bietet er sich an, diesen Riesen zu bestreiten, ob er gleich noch sehr schwach ist. Was
ihm aber einen solchen Heldenmut erteilt, ist das, dass er sich nicht auf seine eigene Kraft verlässt,
sondern vielmehr auf die Kraft Gottes, und also konnte er sprechen, wie Paulus hernach gesprochen:
In meiner Schwachheit finde ich meine Stärke (2.Kor.12,9).

33) Und Saul sprach zu David: Du kannst diesem Philister nicht widerstehen, noch
wider ihn streiten, weil du noch ganz jung bist; dieser aber ist von seiner Jugend auf allezeit
im Krieg gewesen.
Die menschliche Klugheit antwortet wie Saul dem David, und spricht zu ihm: Wie, du! der du noch
in der Kindheit bist, solltest du einem Mann widerstehen können, der von Kindesbeinen an sich im
Streit geübt hat? 0 wie so gar entsetzlich irrt man sich! Dieser Mensch hat durch seine eigenen Kräfte
gestritten, darum ist er schwach geworden und weit davon entfernt, dass ihn solches gestärkt haben
sollte. Gleichwie aber David nur durch die Kraft Gottes kämpfte, so geschah es, je mehr er dem
Schein nach schwach und von allem entblösst war, umso viel mehr war er mit der Kraft Gottes
erfüllt. Eben dieses wird auch machen, dass er hernach sprechen wird: Du kommst zu mir mit
Schwert und Schild, ich aber komme zu dir im Namen des Herrn.
34) David antwortete ihm: Dein Knecht führte öfters die Herde seines Vaters. Es kam zu
Zeiten ein Löwe und ein Bär, die einen Widder von der Herde hinwegtrugen.
35) Da lief ich ihnen nach, schlug sie, und riss ihnen den Widder aus ihrem Rachen hinweg.
Und wenn sie sich über mich machten, fasste ich sie bei der Gurgel, erstickte sie und tötete
sie.
36) Auf diese Weise habe ich einen Löwen und einen Bären getötet. Dieser unbeschnittene
Philister soll ebenso sein wie einer von diesen.

David zeigt dem Saul, dass hier nichts für ihn zu fürchten sei, weil sein Vater die Sorge für seine
Schafe ihm schon anvertraut habe. Dieses aber zeigt seine Berufung an, um der Hirte von Israel zu
sein, wie auch die Gütigkeit Gottes über ihn, und sein Wachstum, ob er gleich noch so jung von
Jahren war. Der Teufel ist der brüllen­de Löwe, welcher den Raub sucht, um solchen zu
verschlingen. Der Bär ist das Sinnbild der Sünde. David spricht: Ich verfolgte das eine und das
andere von diesen Tieren, ich verjagte sie, indem ich sie schlug. Und wenn sie ihren Grimm wider
mich kehrten, so erstickte ich sie. Die Sünde in den Seelen ersticken ist das Kennzeichen eines
wahrhaften Hirten, welcher sich damit nicht begnügt, wenn er seine Herde von den Händen des
Teufels und der Sünde errettet (indem er macht, dass die Seelen wieder zu Gott kehren), sondern er
erstickt auch
David fügt bei: Weil ich nun alle diese Dinge durch die Kraft Gottes getan habe, so hoffe ich auch
diesen Goliath, dieses Ungeheuer des Hochmuts, durch die göttliche flacht wohl niederlegen und
vertilgen zu können.

36) Ich will gegen ihn gehen und machen, dass die Schmach des Volkes aufhört. Denn wer
ist dieser unbeschnittene Philister, dass er dem Heer des lebendigen Gottes fluchen darf?

37)Und David fügte bei: Der Herr, der mich errettet hat von den Klauen des Löwen und von
dem Rachen des Bären, der wird mich auch aus den Händen dieses Philisters er­retten. Da
sprach Saul zu David: Gehe hin, der Herr sei mit dir!

In diesem Vers finden sich zwei höchst merkwürdige Dinge. Das erste ist das Vertrauen, welches
David in Gott zu haben zu erkennen gibt, und welches Vertrauen ihm den Mut gibt, den
allerstärksten und fürchterlichsten Feind, der damals auf Erden war, anzufallen. Denn David war
damals mit einem brennenden Eifer entzündet, Gott zu ver­herrlichen, da er sah, wie Gott durch die
Frechheit dieses Stolzen geschmäht wurde. Wie, spricht David, darf er sich erkühnen, dem Heer des
lebendigen Gottes Hohn zu sprechen, da er doch mit allem seinem Hochmut vor Gott kaum ein
dürres Blatt ist, das der Wind davonführt! Ich hoffe, dieser starke Gott, in dessen Hände ich mich
ohne Vorbehalt übergeben habe, werde sich meines Armes bedienen, und dieses Ungeheuer des
Hochmuts vertilgen.
Das zweite, was in diesem Vers merkwürdig ist, besteht darin, dass obgleich David mit Eifer zu
kämpfen so sehr erfüllt war, und seine Sendung von Gott selbst hatte, er sich doch dessen nicht
bediente, sondern wartet, bis der, welcher das Recht hat ihm äusserlich den Auftrag zu geben, ihm
solchen erteilt. Dies ist die hierarchische Ordnung der Kirche.

38)Und Saul zog dem David seine Waffen an, und setzte einen Helm von Erz auf sein
Haupt, und er bekleidete ihn mit einem Harnisch.
39)David sprach zu Saul: Ich kann auf diese Weise nicht gehen, weil ich es nicht gewohnt
bin, und tat sie wieder hinweg.

Die meisten Führer begehen eben diesen Fehler des Sauls. Sie wollen zwar, dass diese grossmütigen
Seelen grosse Dinge unternehmen, wenn Gott sie dazu beruft. Allein sie wollen dabei diese Seelen
mit ihren Waffen bekleiden, und ihnen ihren Helm aufs Haupt setzen; dh. sie wollen sie bekleiden
mit gewissen Massregeln der Klugheit; sie wollen ihnen ihren eigenen Geist geben und sie mit ihren
eigenen Gedanken anfüllen, welches eben soviel ist, als ihnen einen Helm aufs Haupt setzen.
Die an Gott übergebene Seele aber, wie grosse Gewalt sie sich auch deswegen antut, kann dennoch
auf diese Weise nicht handeln, weil sie eine Gewohnheit angenommen, die dieser ganz entgegen ist.
Gleichwohl aus Gehorsam und Beugsamkeit lässt sie sich damit bekleiden; allein sie wird gleich
genötigt, solche wieder von sich wegzulegen, weil sie sich dadurch aufgehalten befindet. Ja, durch
eben diese Erfahrung, die sie nun hierin macht, begreift sie noch weit besser, dass sie nicht wandeln
kann um allen Willen Gottes zu vollbringen, wenn sie mit ihrer einfältigen und nackten Uebergabe
nicht bekleidet ist.

40) Er nahm seinen Stab, den er allezeit in der Hand trug, und erwählte sich fünf glatte
Steine aus dem Strom, die er in seine Hirtentasche tat, die er anhatte. In der Hand aber hielt
er die Schleuder; also ging er gegen den Philister.

Der Stab, welchen David allezeit in seinen Händen trug, ist ein schönes Sinnbild der Uebergabe an
Gott. Bei dieser Gelegenheit erneuert David seine Uebergabe. Sein Glaube wurde reiner und lauterer,
und sein Vertrauen wuchs. Dennoch hatte dieses Vertrauen nur bloss allein das Interesse Gottes zur
Absicht, und David war wohl zufrie­den, in dieser Gelegenheit umzukommen, wenn nur Gott
dadurch verherrlicht, sein Feind aber vertilgt würde. Demnach war die Uebergabe die einzige Stützte
Davids, und er wollte in nichts Geschaffenem eine Stütze nehmen. Er erwählte sich fünf glatte Steine
aus dem Strom, wodurch angezeigt wird, dass seine Uebergabe und seine ganze Kraft in Jesu Christo
eingeschlossen war. Die Seele muss in Jesu Christo streiten und ihre Feinde vertilgen. In seinen
heiligen Wunden, durch die fünf Steine des Davids vorgebildet, findet die Seele ihr Heil und ihre
Seligkeit. Nicht als ob die Seele eben ausdrücklich an diese heiligen Wunden gedächte, sondern weil
sie durch den Glauben, durch die Hoffnung und durch die reine Liebe alles Heil für sich selbst
übergeben hat, so findet sie unfehlbar eben dadurch das Heil des Erlösers. Diese Steine waren klar
und aus dem Strom genommen, weil solche sich in dem Strom der Uebergabe finden, wie auch in
der Reinigkeit und Blösse des Glaubens. Denn sobald eine Seele an aller ihrer eigenen Kraft
verzweifelt, und daher sich Gott ergibt, so ist sie durch diese Uebergabe mit der Kraft Gottes in Jesu
Christo, und mit dem Heil Gottes durch Jesus Christus überkleidet.
David tat diese Steine in seine Hirtentasche, um zu zeigen, dass alle seine Kraft, um seine eigenen
Feinde zu bestreiten, in den Verdiensten Jesu Christo auf eine vorlaufende Weise eingeschlossen war.
Es zeigt aber auch, dass er in den heiligen Wunden Jesu das fand, was ihm nötig war, seine Herde zu
führen, und dass er dieser seiner Herde nichts als von ihm selbst herrührend oder ihm angehörend
zu geben begehrte, sondern dass alles, was er für seine Herde tat (entweder sie zu nähren oder sie zu
beschützen), in Jesu Christo oder durch eben denselben Jesus Christus geschah.
Die Schleuder, die er in seine Hand nahm, bedeutet sehr wohl die Vollstreckung des Willens Gottes
in einer gänzlichen und völli­gen Absagung von aller Eigenheit und in einer vollkommenen
Ueber­gabe, ja dieses über alle Furcht, über alle Gefahren, Zweifel,Wanken und Bedenken. Es
kommt alles an auf diese Vollstreckung. Es ist viel, wenn man sich zu allem Willen Gottes übergibt.
Aber alles was man tun kann ist dieses, dass man auch in der völligen Gleichförmigkeit mit diesem
göttlichen Willen alles tut und vollbringt, was dieser göttliche Wille von uns fordert.
42) Und als der Philister den David angesehen hatte, verachtete er ihn. Er war aber ein
Jüngling, rötlich und sehr schön von Angesicht.

Goliath machte es, wie es die hoffartigen Leute gewöhnlich ma­chen. Denn da sie mit sich selbst
angefüllt und aufgebläht sind von ihren früheren Siegen, so verachten sie die Unschuld und Einfalt
des Gerechten, ob solcher gleich eine für die letzten Zeiten zubereitete Lampe ist. David war sehr
schön wegen der Aufrichtigkeit, Redlich­keit und Rechtschaffenheit seines Herzens.

43)Und er sprach zu ihm: Bin ich denn ein Hund, dass du zu mir kommst mit einem
Stecken? Und er fluchte dem David bei seinen Göttern.
44)Und fügte bei: Komme her zu mir, so will ich dein Fleisch den Vögeln des Himmels und
den Tieren der Erde zu fressen geben.
45)David aber sprach zum Philister: Du kommst zu mir mit Schwert, Spiess und Schild. Ich
aber komme zu dir im Namen des Herrn der Heerscharen, des Gottes der Völker von Israel,
dem du heute Hohn gesprochen hast.

Die einfältigen Seelen haben keine anderen Waffen als das Kreuz und die Uebergabe. Daher
geschieht es, dass sie von den stolzen und hochmütigen Personen verachtet werden. Goliath spricht
zu dem David: Bin ich ein Hund, dass du auf diese Weise wider mich streiten willst? Warum nimmst
du nicht eben solche Waffen, wie ich habe? Und wenn du auch dergleichen hättest, würde ich dich
dennoch überwinden. Komm, spricht dieser Verwegene, so will ich dein Fleisch den Vögeln des
Himmels und den Tieren der Erde geben.
Dies drückt sehr wohl aus die Verfolgung, welche die durch Hochachtung ihrer selbst aufgeblasenen
Personen den einfältigen Seelen erwecken, indem sie die tugendhaften Personen (durch die Vögel
des Himmels vorgebildet) gegen diese einfältigen Seelen aufhetzen, da jene tugendhaften Leute ein
gutes Werk zu tun glauben, wenn sie diese einfältigen Seelen verfolgen, weil man ihnen falsche und
erlogene Dinge von solchen beibringt. Zu gleicher Zeit aber hetzt man auch sinnliche Weltleute
gegen diese Unschuldigen auf, welche als reissen­de, fleischfressende Tiere diese einfältigen Seelen
anfallen, und nicht nachlassen, bis sie solche durch die greulichsten Verleumdungen zerrissen haben.

Auf alle diese Schmähworte antwortet David nicht. Es scheint, er höre seine Schmachreden nicht.
Und da er all sein eigenes Interes­se wegen dem einzigen Interesse Gottes vergisst, so begnügt er sich
damit, dass er seinem Feind den Unterschied ihrer beider Waffen vor Augen stellt, damit man durch
den glücklichen Ausgang, den sie haben sollen, besser urteilen möge, welche Waffen die kräftigsten
gewesen. Er spricht: Du kommst zu mir mit dem Schwert deiner eigenen Kraft, auf welche du
vertraust; mit dem Spiess deiner Rache, indem du für ein eigenes Interesse streitest, und nur auf
deine Ehre siehst. Dein Hochmut aber dient dir zu einem Schild. Allein was mich betrifft, ich erwarte
keine Kraft noch Stärke von mir selbst. Ich suche weder mein Interesse, noch meine Ehre, noch
meine Rache. Der Schild, der mich bedeckt, ist der Glaube, mein Schwert ist die Kraft Gottes, in
welche ich mein ganzes Vertrauen gesetzt habe. Mein Spiess ist die gänzliche Entsagung aller
Eigenheit, denn ich habe kein anderes In­teresse, als nur allein das Interesse Gottes. In dieser
Rüstung so­wohl, als auch in einer gänzlichen und völligen Uebergabe meiner selbst (ohne mich um
den Ausgang zu bekümmern), setze ich alles auf die Spitze, was ich bin und vermag. Auf diese Weise
komme ich zu dir im Namen des Herrn der Heerscharen, in welchen das Israel sein ganzes Heil und
seine Seligkeit setzt. So wisse demnach, dass es nicht ein Mensch ist, dem du Hohn gesprochen hast,
sondern es ist der Herr selbst.
46) Der Herr wird dich heute in meine Hände geben, dass ich dich schlagen, den Kopf dir
abhauen, und die toten Leiber der Philister den Vögeln des Himmels und den Tieren der
Erde geben werde; damit die ganze Erde erkenne, dass ein Gott in Israel ist.

Dieser ganze Vers drückt die Gedanken eines Herzens, das lauterlich liebt, sehr wohl aus. Der Herr,
spricht David, wird dich mir unterwerfen, dich der du geglaubt hast, du wärest stärker als der Herr,
und meinst über Gott selbst zu triumphieren ! Durch diesen Gott will ich dich schlagen und dir dein
Haupt abhauen, in welchem dieser unerträgliche Hochmut wohnt, der dich dahingebracht, dass du
deine Kraft der göttlichen Gewalt vorgezogen hast. Darum will ich die toten Leiber der Philister, die
der Herr vertilgt haben wird, vor den Augen der Gerechten und der Sünder darstellen. Dennoch
werde ich nicht um meinetwillen also handeln, sondern damit man erkenne, dass ein Gott in Israel
ist, welcher denjenigen hilft und sie erhält, die sich Ihm ohne Vorbehalt übergeben haben; ja dass
dieser Gott für sie streitet, und den gewissen Sieg erhält.

47) Damit diese ganze Menge der Menschen erkenne, dass der Herr nicht durch Schwert
noch Spiess errettet; denn sein ist der Krieg, und er wird euch in unsere Hände geben.

Es ist, spricht David, keineswegs mein eigenes Interesse, wel­ches ich suche, wenn ich um den Sieg
bitte. Sondern ich will allen Menschen zu erkennen geben, dass der Herr diejenigen, welche sich Ihm
übergeben, durch seine Gütigkeit errettet, und nicht durch Schwert und Spiess, mit welchen Waffen
man sowohl anfallen als sich auch beschützen kann; sondern da Er der Herr der Heerscharen ist, so
ist es genug, wenn man sich Ihm übergibt, Ihn von ganzem Herzen sucht, und nicht auf unser
eigenes Interesse achtet. Damit wird Gott dahingebracht, dass Er uns den Sieg über einen Feind
verleiht, der, wenn man Gott zum Beistand hat, umso viel weniger zu früchten ist, je mehr er es
denen zu sein scheint, welche die Dinge mit fleischlichen Augen anschauen.

48) Als demnach der Philister dem David entgegentrat, und er nahe bei ihm war, beeilte sich
David und lief gegen ihn, um solchen zu bestreiten.
49) Er tat seine Hand in seine Tasche, nahm damit einen Stein, schleuderte solchen mit
seiner Schleuder, und schlug damit dem Philister in die Stirn. Der Stein fuhr in die
Stirn des Philisters, der mit dem Angesicht auf die Erde fiel.
50) Also erhielt David den Sieg gegen den Philister mit einer Schleuder und mit einem Stein,
und legte ihn zur Erde und tötete ihn. Und da er kein Schwert in seiner Hand hatte
51)Lief er und trat über den Philister, und mit seiner Hand zog er dessen Schwert aus der
Scheide, und brachte ihn um, indem er ihm den Kopf abhieb. Da aber die Philister sahen,
dass ihr Stärkster tot war, flohen sie davon.

Dieses zeigt uns, wie das Vertrauen in Gott und die vollkommene Verleugnung alles eigenen
Interesses den Sieg erhält über das Stüt­zen auf seine eigene Kraft. Du hast es uns, o Herr, in deiner
ganzen göttlichen Schrift wohl gesagt, dass der mensch aus seiner eigenen Kraft niemals stark sein
wird (1.Kön.2,9).
David tat seine Hand in seine Tasche, welche der Ort war, wo er die geheimnisvollen Steine
aufbehielt, um die Herde Jesu Christi zu beschützen. Diese Tasche bildet sehr wohl die vollkommene
Entblössung von aller Stütze in sich selbst vor. Sobald wir keine Stütze mehr in den geschaffenen
Dingen haben, so finden wir uns gleichsam angefüllt mit einer allezeit gegenwärtigen Hilfe. Es
scheint, wir hätten die Kraft Gottes zu eigen, welche allezeit bereit ist, zu ver­schaffen, dass wir den
Sieg erhalten. 0 wie wahrhaftig ist es, was Paulus bezeugt hat, dass wir unsere Kraft in unserer
Schwachheit finden (2.Kor.12,910), denn je mehr wir in uns selbst schwach sind, umso viel stärker
sind wir in Jesu Christo. David nahm nur einen Stein, ob er gleich deren fünf zu sich gesteckt hatte,
um zu zeigen, dass dieses nicht durch die Vielfältig­keit derjenigen Betrachtung gewirkt wird, da man
Jesus Christus auf eine verschiedene Weise ausser Ihm selbst betrachtet; sondern es wird in der
Blösse des Glaubens gewirkt, wo das Deutliche von Jesu Christo in die vollkommene Einheit Gottes
allein, ohne Vielfältigkeit der Unterscheidungen, gebracht worden; weil alles Deutliche in Jesu
Christo (insofern es auf solche Weise bekannt und angesehen wird) in der vollkommenen
Entblössung eingeschlossen ist. Diese vollkommene

Entblössung wird durch diese Hirtentasche vorgebildet, worin alles in die gänzliche und völlige
Einheit gebracht ist. Die fünf Steine waren in dem Stein, den David nahm, eingeschlossen, gleichwie
dieser Stein in den fünf Steinen mit inbegriffen war. Demnach ist es dieser einzige Stein, welchen
David nimmt, und in die Schleuder der Vollstreckung des Willens Gottes legt, welche den Stein ohne
Widerstand in die Stirne dieses Stolzen schleudert, und dadurch zu den Füssen des Davids
niedergeschlagen wird. Auf diese Weise geschieht es, dass die Seele, wenn sie getreu ist den Willen
Gottes zu vollstrecken (in einer völligen Ueberlassung ihrer selbst ganz und gar), den Sieg über ihre
gefährlichsten Feinde erhält.

David hatte kein Schwert, er war von allen Kennzeichen der Kraft entblösst, damit der Sieg nur Gott
allein mächte zugeschrieben werden. Eine von reiner Liebe durchdrungene Seele würde mehr
verabscheuen, sich selbst etwas vom Sieg, den Gott erhält, zuzueignen, als zu sehen, dass alle Teufel
ihre tyrannische Herrschaft über sie ausübten. Man kann sehr unschuldig und doch leiblich vom
bösen Geist besessen sein; allein in der Eigenheit kann man nicht stehen, ohne dabei Gott sehr zu
missfallen. Denn die Eigenliebe ist die Quelle aller unrechtmässigen Anmassungen, und die
Eigenheit ist die Bewahrerin aller Räubereien. Darum beraubt David sich selbst aller Waffen, und
gebraucht deren keine, damit man sich nicht möchte einbilden, als ob er zu dem Werk Gottes etwas
beigetragen habe.
Er läuft aus einer Standhaftigkeit des Glaubens und ausserordentlichen Herzhaftigkeit über dieses
auf die Erde gefällte Ungeheuer, und bedient sich der eigenen Waffen des Goliaths, um ihn zu
vertilgen, indem er solchem den Kopf mit seinem eigenen Schwert abhaut. Auf diese Weise zeigt
David, dass die Stütze, welcher dieser Hochmütige auf seine eigene Kraft hatte, die Ursache seines
Todes war; gleichwie die Uebergabe in die Hände Gottes, welche David hatte, die Ursache seines
Sieges war.
Hernach wird gemeldet, dass die Philister geflohen, als sie gesehen, dass ihr Stärkster tot war. Alle
anderen Feinde sind sehr schwach, wenn ihr Oberhaupt überwältigt wird.

53) Und die Kinder Israel kehrten wieder zurück von dem Nachjagen der Philister, und
plünderten ihr Lager.

Nachdem die Kinder Israel den übrigen Philistern nachgejagt waren, kehrten sie wieder zurück zu
ihrer ersten Ruhe; und sie plünderten das Lager. Dieses ist nichts anderes, als dass man mit Eigenheit
in dem Guten ruht, welches Gott in uns und durch uns tut. Dieses aber ist ein Fehler, welchen fast
alle Anfänger begehen.

54) Und David nahm den Kopf des Philisters, und brachte solchen nach Jerusalem, und
seine Waffen legte er in seine Hütte nieder.
David macht es nicht so wie das übrige Volk, denn er trägt den Kopf, das Oberhaupt aller Feinde,
nach Jerusalem, welches die heilige Stadt Gottes ist, indem er Gott den Sieg und die Verherrlichung
von allen Dingen beilegt, und mit Treue und Reinigkeit Gott alles dasjenige wiedergibt, was er von
Gott empfangen hatte. Ueberdies legte er seine Waffen in seiner Hütte nieder, dh. erliess auch sogar
die Waffen oder Mittel seines Sieges in der Ruhe, ohne zu gedenken, sich deren von neuem zu
bedienen, sofern Gott es nicht aufs neue verordnet, oder ihm durch seine Vorsehung Gelegenheit
dazu gibt. Es ist anzumerken, dass die Schrift von den Kindern Israels meldet, dass solche selbst
wieder in die Zelte kehrten, indem sie ihre Ruhe in diesem Sieg fanden, und auch ihren Verstand
selbst damit beschäftigten. David hingegen begnügt sich damit, die Waffen in seine Zelte zu tun.
Dieses aber zeigt an ein Aufhören von allem eigenen Wirken, da er sogar auch alles Vorgegangene
vergass, und es in dem Schoss der Vorsehung liess.

57) Und Abner nahm ihn, und führte ihn vor den Saul, da er den Kopf des Philisters in seiner
Hand hatte.
58) Und Saul sprach zu ihm: Jüngling, von welchem Stamm bist du? David sprach: Ich bin
der Sohn deines Knechtes Isai, des Bethlehemiters.

Eine an Gott übergebene Seele bleibt entblösst, dennoch aber lässt sie sich durch die Vorsehung so
führen, dass sie keine Gnade Gottes verbirgt, weil sie sich solche nicht zueignet. Sie weiss, dass alle
Verherrlichung Gott allein gebührt. Und in dieser Gemütsfassung geschah es, dass David den Kopf
des Goliath in die Stadt trägt, um allein seinen Gott damit zu verherrlichen. Wenn er solchen vor den
König bringt, so geschieht solches, um ihm gleichsam Rechenschaft von dem zu geben, was Gott
durch ihn getan, nachdem er ihm den Auftrag oder Sendung dazu erteilt hatte. Saul fragt nach
seinem Geschlecht, er nennt ihn einen Jüngling, gleichsam aus Erstaunen über seine Redlichkeit und
Einfalt, wie auch über den grossen Grad seines geistlichen Wachstums. David antwortete ihm, er sei
von dem Stamm Juda, von dem kleinen Ort Bethlehem. Dieser Ort war dem Schein nach klein, in
der Tat aber sehr gross, weil der Messias aus solchem ausgehen sollte. Es ist eben als ob David
spräche, dass er in Kraft eben dieses Messias so grosse Dinge getan habe.

18. Kapitel. 

1) Als David aufhörte mit dem Saul zu reden, verband sich die Seele Jonathans mit der Seele
Davids, und Jonathan liebte ihn wie seine Seele.
3)David und Jonathan machten zusammen einen Bund, denn er liebte ihn wie seine Seele.

Die Worte Davids waren Pfeile, welche das Herz des Jonathans verwundeten, weil Jonathan in einer
guten Gemütsfassung stand. Er war schon mit einem sehr grossen Vertrauen in Gott erfüllt, wie wir
oben (Kap.14,1) gesehen haben. Es erfreute ihn sehr, dass er in David einen Menschen fand, der
noch mehr an Gott übergeben war als er, gleichwie seine Worte und Taten solches zu erkennen
gaben. Diese Gleichförmigkeit der Gemüter stiftete eine sehr innige Verbindung zwischen diesen
zwei grossen Seelen. Man kann nicht genugsam beschreiben, welch eine starke, innere Verbindung
oder Gemeinschaft Gott zwischen solchen Personen stiftet, die wahrhaftig dem inneren Leben
ergeben sind. Es ist etwas, ich weiss nicht was, welches das Innerste der Seele gewinnt, und diese
beiden Seelen zu einer in Gott macht. Dieses ist die Frucht des Gebets Jesu Christi: Nein Vater, dass
sie eins seien (Joh.17,2122). Weder das Geblüt noch die natürliche Freundschaft können jemals
dahingelangen, solche Vereinigungen zu stiften. Personen, die vorher sich niemals gesehen hatten,
finden sich bei der ersten Zusammenkunft mehr vereinigt, als mit allen ihren Verwandten, weil die
Vereinigung von der Gleichförmigkeit des Innern entspriesst, welches weit inniger ist als alle
natürlichen Verbindungen. Nachdem man diese Vereinigung der Seele erfahren, macht man einen
ewigen Bund; und es scheint leichter zu sein, sich von sich selbst zu scheiden, als von diesen
Personen geschieden zu werden.

4)Jonathan zog seinen Rock aus, den er anhatte, und gab solchen dem David, wie auch das
übrige seiner Kleidung, samt seinem Schwert, seinem Bogen und seinem Gürtel.

Dass Jonathan dem David zuliebe sich beraubte, zeigt an eine gewisse Mitteilung aller Dinge, die
zwischen inneren Personen geschieht, so dass eine gegen die andere, weder im Aeusserliehen noch
im Innern, sich nichts zurückbehält. Sie entdecken einander was in ihnen am Verborgensten ist,
sowohl ihr eigenes Elend, als auch die Gnaden, womit Gott sie zu begnadigen Gefallen hat, welches
durch die Waffen und Kleidung sehr wohl vorgebildet wird.

5) David ging hin allenthalben, wohin Saul ihn sandte, und er verhielt sich weise in allen
seinen Unternehmen. Und Saul setzte ihn über etliche Soldaten. Er wurde vom Volk geliebt,
und vornehmlich von den Knechten des Sauls.

Es ist in der Schrift kein Wort ohne Notwendigkeit gesetzt. Sie lehrt uns, dass David allenthalben
hinging, wohin Saul ihn sandte. Der Gehorsam ist allezeit das gewisseste Kennzeichen eines wahren
Innern gewesen. Die Art und Weise, wie David in den Geschäften, die Saul ihm auftrug, sich
verhielt, zeigt an die in diesem Stand verliehene Freiheit, um alles wohl und glücklich zu verrichten,
was Gott von diesen Personen in dem Stand und Beruf fordert, wohin seine Vorsehung sie zu setzen
Gefallen hat. Ja sie haben sogar eine gewisse Leichtigkeit, alle Menschen zu vergnügen, und dieses
vornehmlich in den Anfängen des inneren Lebens. Dieses aber macht sie sehr beliebt, vornehmlich
bei Personen, die mit ihnen gleiche Gedanken hegen.

7)Die Weiber in ihrem Tanzen und Singen antworteten einander und sprachen: Saul hat
tausend erschlagen, und David hat zehntausend erschlagen.

Die Einfalt, mit welcher diese Weiber den Unterschied ausdrücken, den sie zwischen den Siegen des
Davids und den Siegen des Sauls setzen, zeigt uns den Unterschied zwischen den Vorteilen der
Seelen, die noch in ihrer Eigenheit stehen (ob sie gleich sonst in gutem Stand sind), und derjenigen,
die von ihrer Eigenheit schon losgemacht worden sind, und nur Gott allein anschauen und zum
Beweggrund alles dessen haben, was sie unternehmen, und von welchen Werken auch Gott der
Urgrund sein will. Dieser Unterschied besteht demnach darin, dass die in der Eigenheit stehenden
Seelen zwar einige ihrer Feinde durch ihre grosse Mühe und Arbeit schwach machen, wo hingegen
die andern Seelen ihre Feinde ganz und gar, und ohne solche anzufallen, vertilgen. Die Ursache
dessen ist, dass sie durch die Verleugnung ihrer selbst den Hochmut geradezu in seiner Festung
anfallen. Dieser Hochmut aber ist das Oberhaupt und die Quelle aller Uebel unserer Seele.
8)Dieses Wort brachte den Saul in einen grossen Zorn, und missfiel ihm gar sehr. Sie haben,
sprach er, dem David zehntausend Mann, mir aber nur eintausend gegeben. Was ist ihm
noch übrig, als dass er König sei?

Aus der Eigenheit entspriesst ein tödlicher Neid und Eifersucht. Sie macht neidisch über die
Gnaden, welche Gott den andern erweist. Die Weise, wie Saul sich ausdrückt, zeigt ein sehr
boshaftes und mit Hoffart angefülltes Herz an. Ein Herz aber, das von allem eigenen Interesse los
ist, beträgt sich ganz anders. Es ist ebensowohl zufrieden, dass Gott andern seine Gnade erweist, als
wenn es selbst deren von Gott gewürdigt würde. Ja eine solche, von allem Eigennutzen entfernte
Seele würde von ganzem Herzen einwilligen, dass Gott auch die Gnade, die Er ihr verliehen,
wegnehme, um solche andern auszuteilen, wenn Er damit mehr verherrlicht würde.

9)Von demselben Tag an und hernach sah Saul den David nicht mehr mit guten Augen an.

Seelen, die von Gott besonders begnadigt sind, können fast nicht vermeiden, den Neid und die
Verfolgung solcher Personen sich zuzuziehen, die in hoher Würde stehen und mit Gütern des
Glücks überhäuft sind. Diese sind oft mit Neid erfüllt gegen Personen, die meistenteils nichts als die
Schmach und das Elend zu ihrem Teil haben. Hierin aber sieht man sehr deutlich den grossen
Unterschied zwischen den zeitlichen Gnaden und den inneren Gaben. Denn die zeitlichen Gnaden
können die Herzen so wenig befriedigen, dass sie nicht einmal vermögen, den Neid gegen andere
auszulöschen, in Personen, die doch mit zeitlichen Gnaden in grösstem Ueberfluss überhäuft sind.
Da hingegen die dem inneren Leben ergebenen Personen auch nicht einmal die Würde und
Glückseligkeit der grössten WeltMonarchen beneiden. Diese inneren Personen finden sich vergnügt
mitten in den grössten Unglücksfällen.
Wenn man diese inneren Personen verfolgt, so glaubt man nur Menschen zu verfolgen. Allein, man
verfolgt Gott selbst in ihnen. Wenn die Seele in der Tugend noch zart ist, so lässt Gott geschehen,
dass sie von jedermann gepriesen wird. Allein nach dem Mass, als sie in der Tugend wächst, findet
sie, dass sie von eben denselben Personen verdammt wird, von denen sie vorher war gepriesen
worden.

10) Den folgenden Tag aber ergriff der böse Geist des Herrn den Saul, und er prophezeite
mitten in seinem Haus. David aber spielte auf der Harfe, wie alle anderen Tage. Und da
Saul einen Wurfspiess in seiner Hand hatte,
11) Schoss er solchen nach dem David.

Was die Schrift hier meldet, zeigt wohl recht, dass keine Sicherheit in allen Lichtern ist, wie erhaben
solche auch sein mögen, da auch die Gabe der Prophezeiung vom bösen Geist herkommen kann, da
doch diese Gabe, nach Paulus, über alle anderen freien Gnadengaben erhaben ist (1 .Kor.12,28).
Dieses bezeugt uns auch, dass wir uns bei nichts aufhalten sollen, ohne nur bei dem nackten, blossen
Glauben, der von allen und jeden Zeugnissen entblösst ist.
Saul will den David erstechen, so gar heftig wurde er durch die Eigenliebe aufgebracht. Kein
Uebermass der Gewalttätigkeit ist so gross, wozu die geistliche Eifersucht eine in der Eigenheit
steckende Seele nicht antreiben und hineinstürzen sollte. Die Eifersucht der weltlichen Liebe ist bei
weitem nicht so heftig, dass sie so viele Uebel stiften sollte. Die geistliche Eifersucht erstreckt sich
auf Manns und Weibspersonen, ja auf ihre besten Freunde. Ein Führer soll aus seiner Führung
diejenigen wegtreiben, die auf ihre geistlichen Brüder oder Schwestern eifersüchtig sind. Dies ist eine
rechte Pestilenz in einer Herde. Es ist nichts so abscheulich, in das solche Personen sich nicht
hineinreissen lassen sollten. Gleichwie aber die Sünden des Geistes weit tiefer eingewurzelt sind, und
weit schrecklichere Folgen haben als die Sünde des Leibes, so ist auch die Eifersucht, die aus der
Eigenheit entspriesst, weit schrecklicher als die aus der weltlichen Liebe herkommende Eifersucht.
Man soll niemals Glauben beimessen einem Zeugnis, das diese geistlicheifersüchtigen Personen
entweder gegen ihre Führer oder gegen ihre geistlichen Mitbrüder oder Schwestern abstatten; denn
es ist keine Verleumdung so gross, welche diese Neidischen nicht erdenken sollten, um sich zu
rächen.

Die Führer, welche solche Personen unter ihre Führung bekommen, sollen sich nicht einbilden, dass
sie solche von diesem Laster abbringen. Nimmermehr wird dieses geschehen, es sei denn dass eine
solche Eifersucht nur als eine blosse Probe auf die Seele kommt, sie aber sonst niemals mit diesem
Laster behaftet gewesen ist. Wenn aber die Seele diese Probe mit allen ihren Umständen ihrem
Führer ungescheut bekennt, und wenn sie niemals andere Personen aus dem Trieb ihrer Eifersucht
anklagt, sondern wenn sie vielmehr mit Demut ihre Schwachheit bekennt, so wird eine solche
Eifersucht niemals einige Uebel nach sich ziehen, und ist nur bloss aus einer Probe entstanden,
welche über diese Seele kam, weil sie von diesem Laster sehr war entfernt gewesen, und sich dessen
zu einer Stütze und Kraft bedient hatte. Hingegen werden jene eigenheitsvollen Neidhämmel ihre
Eifersucht nur sehr schwer bekennen, sich selten deswegen anklagen, und den Fehlern allezeit auf
diejenigen schieben, auf welche sie eifer­süchtig sind. Man findet in ihnen nichts als Unruhe,
Verwirrung und Ueberlegungen, niemals aber entdeckt man bei ihnen ein offenherziges, aufrichtiges
Bekenntnis der mindesten Umstände dieser Eifersucht. Ich bitte Gott, diejenigen zu erleuchten,
welche solche Seelen führen. Denn dieses ist von der äussersten Wichtigkeit, und eine Ursache,
wodurch den Knechten Gottes tausend Kreuze widerfahren.

12) Und Saul fürchtete den David, weil der Herr mit David war.
Reine und unschuldige Seelen, ob sie schon schwach und gering geachtet sind, machen sich doch
fürchten von ihren Feinden, wie stark und mächtig solche auch sein möchten. Diese Furcht aber
entspriesst nur daher, weil Gott mit ihnen ist, daher auch die Furcht dieser Feinde mit einer Art
grimmiger Wut vermischt ist. Das kommt daher, weil sie aus der Erfahrung wissen, dass eben dieser
Gott, der wegen ihrer Treulosigkeit von ihnen gewichen, in diesen reinen Seelen wohnt.

16) Allein das ganze Israel und Juda liebte den David, weil er vorne an ihrer Spitze wandelte.

Die einfältigen Personen liebten den David, weil er den Geist


Gottes hatte. Er wandelte vorn an ihrer Spitze, als der da in der Gnade ihnen voranging und grösser
war, welches anzeigte, dass er auch einmal an Würde und Macht über sie erhaben sein sollte.

17) Und Saul sprach zu David: Du siehst die Merab, meine älteste Tochter. Ich will sie dir
zur Ehe geben, sei nur herzhaft und streite für den Dienst des Herrn. Es sprach aber Saul
bei sich selbst: Ich will ihm kein Leid tun, aber ich will machen, dass er in die Hände der
Philister fällt.

Saul macht es wie die geistlichen Personen, die durch ihre Ei­genheit abgefallen sind. Sie schmeicheln
den Personen, gegen welche sie am meisten erbittert sind, unter dem Vorwand, dass sie es gut mit
ihnen meinen, und ein völliges Vertrauen in sie setzen. Gleichwohl haben sie mit dieser arglistigen
Verstellung keine andere Ab­sicht, als diese einfältigen, inneren Seelen in Gefahr und ins Ver­derben
zu stürzen. Sie dürfen zwar selbst die Hände nicht an sie legen, gleichwohl wünschten sie zu sehen,
dass sie gar (wenn es möglich wäre) durch die Klauen der bösen Geister zerrissen würden. Dieses
aber rührt her von der greulichen Eifersucht, wovon eben gesagt worden ist.

18) David sprach zu Saul: Wer bin ich, und was ist das Haus meines Vaters, und das Leben,
das ich in Israel geführt habe, um der Schwiegersohn des Königs zu werden?

Die Demut des David dient zu einer grossen Unterweisung. Er wusste, dass er König sein sollte, und
Gott hatte ihn zum König sal­ben lassen. Gleichwohl redete er niemals von dieser Gnade. Vielmehr
bezeugte er bei allen Gelegenheiten, wie gering und schlecht er sei, und fand sich unwürdig, des
Königs Schwiegersohn zu sein, ob er gleich der wahre König war, da Saul nicht mehr König war, als
nur in der äusseren Figur.

20) Michal aber, des Sauls zweite Tochter, hatte den David lieb. Und als dieses dem Saul
verkündigt wurde, gefiel es ihm wohl.

Die Liebe, welche Michal zu dem David trug, zeigt an, dass ihr Gemüt einige Gleichheit mit dem
Gemüt des David hatte. Saul aber hatte ihm seine älteste Tochter versprochen, die er hernach aus
einer Treulosigkeit einem andern gab. Gott verordnete dieses also, weil er die Kleinheit liebt. Gott
erwählt allgemein die Jüngsten, wenn er ein besonderes Vorhaben hat. Jakob und David selbst sind
ein Beweis dessen, was ich hier sage.

21) Saul sprach: Ich will ihm diese geben, damit sie ihm zum Untergang gereiche, und er in
die Hände der Philister falle.

Nichts ist so arg als die Bosheit eines Herzens, welches von seiner Aufrichtigkeit, Rechtschaffenheit
und Einfalt abweicht, um fernerhin nur noch mit Arglist und Doppelherzigkeit zu handeln. Ein
solches Herz wird schlimmer als es je gewesen ist. Saul bedient sich sogar einer scheinenden Wohltat,
um dem David das Leben zu rauben. Er will lieber seine Tochter in einen schmerzhaften
Witwenstand stür­zen, als seiner Leidenschaft des Neids und des Hasses kein Genüge zu leisten.

22) Saul gab seinen Knechten diesen Befehl: Redet mit David als von euch selbst, und sagt
ihm: Du gefällst dem König, und alle seine Knechte lieben dich. So gedenke denn, dass du
des Königs Tochtermann werdest.

Saul braucht alle Kunstgriffe eines arglistig verstellten Geistes, um den David zu überraschen. Er will
ihn überreden, dass er ihn liebe und hochhalte. Gott aber, der die Einfältigen bewahrt, lässt nicht zu,
dass David einen Fehler begeht. Du, o Herr! bist die vorsichtige Bewahrung desjenigen, der sich dir
übergibt. Du selber redest für ihn. Die Arglist gegen eine einfältige und an Gott übergebene Person
ist ein stumpfer Pfeil, der gegen einen Felsen abgeschossen wird.
23)David sprach zu ihnen: Glaubet ihr, es sei etwas Geringes, des Königs Schwiegersohn zu
sein, ich, der ich ein armer, schlechter Mann bin?

Ein wahrhaft Demütiger wird sich niemals in Herrlichkeit erheben, ob er gleich Gelegenheit hat, dass
er sich mit Recht rühmen könne. Darum sind auch alle arglistigen Ränke sehr vergeblich, wenn sie
gebraucht werden, eine übergebene Seele zu überraschen, welche Gott selbst bewahrt, und für sie
sorgt. Die Einfalt und Redlichkeit machen alle arglistigen Ränke der boshaften Klugheit zunichte.
Personen, die allezeit gerade und redlich handeln, fangen diejenigen selbst, welche sie zu überraschen
trachten. Denn ist wohl eine kluge Vorsichtigkeit zu finden, die solche wohl ausgedachte Ausdrücke
in der Antwort geben könnte, als die Demut dem David hier eingibt?

24)Die Knechte Sauls sagten ihm dieses wieder.


25)Saul aber sprach zu ihnen: Ihr sollt zu dem David sagen: Der König braucht keine
Heiratsgabe für seine Tochter, er begehrt stattdessen nur hundert Vorhäute der Philister von
dir, damit der König sich an seinen Feinden räche. Aber der Vorsatz des Sauls war, den
David in die Hände der Philister zu überliefern.

Saul verheisst dem David nur darum seine Tochter, damit er solche in eine sehr grosse Gefahr
stürzen möge. Er gedenkt nicht, dass er Gott rächen wolle, sondern er will sich selbst rächen. Wieviel
Hass und Rache findet man in diesem Zeitalter, der mit dem Eifer für die Ehre Gottes bemäntelt ist?
0 grosser König und grosser Prophet, ja um eben soviel grösser, als du kleiner gewesen bist, darf ich
es wohl sagen, dass du derjenige Knecht Gottes gewesen bist, der in dem Alten Testament von Gott
am meisten geliebt worden ist? 0 wenn man die Herrlichkeit dieses Erzvaters wüsste, wie auch die
hohe Oberstelle, die er in dem Himmel besitzt, wegen der Tiefe seiner Vernichtigung!

27) Wenige Tage hernach zog er aus mit den Leuten, die unter seinem Befehl standen. Und
da er zweihundert Philister getötet hatte, brachte er dem König die Vorhäute, die er ihm
hinzählte, damit er sein Schwiegersohn würde. Und Saul gab ihm seine Tochter Michal zum
Weibe.

Wie schwach sind doch alle listigen Ränke der Menschen gegen Seelen, welche Gott in seinem
Schutz hält! Saul glaubte den David in den Tod zu stürzen, und er gibt ihm Gelegenheit zu einem
grossen Sieg. Saul fordert nur das Leben einer gewissen Anzahl Feinde, und David tötet zweimal so
viel, weil Gott mit ihm war. Saul wird endlich gezwungen, die dem David geschehenen
Uerheissungen zu erfüllen, und zu erkennen, dass Gott der Beschützer des Davids ist. 0 wie gar
recht, o grosser Prophet, hast du gesungen: Wenn ich auch sehen sollte, dass ein gerüstetes Heer
wider mich stritte, so wollte ich mich doch nicht fürchten; ihre Anzahl würde meine Herzhaftigkeit
verdoppeln, weil der Herr mit mir ist, der Herr ist mein Licht und mein Heil, was sollte ich fürchten?
Der Herr ist der Beschützer meines Lebens, wovor sollte mir grauen? (Ps.26,13).

29) Saul fing an den David mehr zu fürchten; sein Hass gegen ihn vermehrte sich täglich.

Weil die in Eigenheit stehenden Seelen die Tugend derjenigen Personen kennen, welche von Gott
auf eine ganz genaue Weise beschützt werden, und dass Gott selbst sie führen will, so kann solche
Erkenntnis diese in Eigenheit stehenden Seelen wohl dahin bringen, dass sie jene an Gott
übergebenen Personen fürchten, und besorgen, solche Personen einmal in grosser Glückseligkeit
und Erhebung zu sehen. Diese Furcht aber, anstatt dass solche ihr Herz gegen diese an Gott
übergebenen Seelen verändern sollte, macht vielmehr, dass sie solche hassen, und ihren Grimm
gegen solche verdoppeln. 0 wer mag die Bosheit einer eigenheitsvollen Seele ergründen? Dieses ist
die Quelle der grössten Laster und Greueltaten. Wenn diese Personen ihre Eigenheit mit Willen
behalten haben (ungeachtet dass Gott beschlossen hatte, solche in ihnen zu vertilgen, auch ihnen
deswegen grosse Gnaden erwiesen hatte), so geschieht es, dass diese einzige Treulosigkeit, auch ohne
andere scheinende Sünde, die Quelle aller Uebel ist. Und solches kann aus dem heiligsten Menschen
in der Welt in einem Augenblick einen Teufel machen, gleichwie diese Treulosigkeit aus dem ersten
Engel den grössten unter den Teufeln gemacht hat. Wenn die Menschen begreifen könnten, was die
Eigenheit ist, wozu würden sie sich nicht viel lieber hingeben, als solche zu behalten? Die Eigenheit
ist eben dieselbe Schlange, welche kam von Anbeginn der Welt, um solche zu vergiften. Diese
Schlange verbirgt sich in unserem Busen, und wächst darin, ohne dass man sie gewahr wird. O
Entsagung und Befreiung von aller Eigenheit, du bist die Mutter der Unschuld, und du allein kannst
verschaffen, dass die Seele wieder in ihren Ursprung kehrt! Wenn wir uns Gott ohne Vorbehalt zu
übergeben wüssten, so würden wir uns hiedurch allmählich von diesem abscheulichen Ungeheuer
befreit befinden.

19. Kapitel. 

1) Saul aber redete zu dem Jonathan, seinem Sohn, und zu allen seinen Bedienten, um sie zu
reizen, den David zu töten. Jonathan aber, sein Sohn, liebte ihn gar sehr.

Die Eigenliebe verwandelt sich öfters in eine grimmige Wut gegen die Freunde Gottes. Es ist
unglaublich, wie weit sie geht. Das Beispiel des Sauls ist davon ein sehr überzeugender Beweis, da sie
den Saul dahin brachte, dass er auch den Jonathan und seine Knechte zu bewegen trachtete, den
David zu töten. Gott lässt öfters zu, dass die von Ihm geliebten Menschen verfolgt werden; allein, Er
überlässt sie doch nicht gänzlich dem Grimm ihrer Feinde.
Jonathan hütete sich wohl, etwas gegen den David zu unternehmen. Er war mit ihm durch
allzustarke Bande vereinigt und verbunden, nämlich durch die innere Gleichförmigkeit. Die
GnadenVereinigungen sind weit stärker als die Vereinigungen und Verbindungen der Natur.

2) Jonathan kam und sagte dieses dem David, und sprach zu ihm: Saul, mein Vater, sucht
dich zu töten. Also bitte ich dich, dass du auf deiner Hut seiest. Morgen früh gehe heimlich
fort und verberge dich.

Jonathan bedient sich des unseligen Rats seines Vaters zu nichts anderem, als den David zu warnen,
dass er sich verbergen möge, um der Verfolgung seines Vaters zu entfliehen. Es ist vergeblich, wenn
man trachtet das Kreuz zu vermeiden; denn alle Kreuze, die von der göttlichen Vorsehung uns
zubereitet werden, müssen uns widerfahren.

4)Jonathan redete günstig für den David vor Saul, seinem Vater, und sprach zu ihm: Herr,
tue dem David, deinem Knecht, kein Leid; denn er hat dir kein Uebel getan, vielmehr hat er
dir sehr wichtige Dienste geleistet.
5)Er hat sein Leben in die äusserste Gefahr gegeben; er hat den Philister getötet, und der
Herr hat das ganze Israel auf eine wunderbare Weise erlöst. Du hast es gesehen und hast
dich gefreut. Woher kommt es denn nun, dass du sündigen und unschuldig Blut vergiessen
willst, indem du den David tötest, der ohne Schuld ist?

Es gibt wenig Seelen, die eine genügsame Treue und Grossmut besitzen, um unschuldige Personen,
wenn sie verleumdet werden, zu verteidigen, und Gutes von ihnen zu reden; vornehmlich wenn es
von grossen und mächtigen Personen geschieht, denen man nicht gerne missfallen will. Die
Schmeichler machen sich eine Schuldigkeit daraus, denjenigen übel nachzureden, die durch die
Verleumdung unterdrückt werden; und nur sehr wenige Personen finden sich, die bloss still dazu
schweigen, weit entfernt, dass sich Leute zu ihrer Verteidigung finden sollten.

Es gibt dreierlei Personen, welche die Unschuldigen verleumden, wenn sie solche von mächtigen
Personen unterdrückt sehen. Die ersten tun es aus Bosheit und durch eine besondere Feindschaft,
indem sie trachten die Bitterkeit und den Hass zu vermehren, den man gegen diese Unschuldigen
gefasst hat. Die zweite Gattung (welche sich gar einbilden, Gott hiedurch sehr zu verherrlichen) tun
solches, weil sie dem Bösen, das man von diesen Unschuldigen sagt, Glauben beilegen.

Sie tun es auch entweder auf eine spöttische Weise, oder aus einer übel beschaffenen Gefälligkeit.
Endlich und zum dritten gibt es auch Personen, welche zwar das Gute in diesen unschuldig
Verfolgten erkennen. Allein aus Furcht, oder um den Grossen und Mächtigen zu gefallen,
unterlassen sie es doch nicht, Uebles von ihnen zu reden. Solche Personen aber, die Herzhaftigkeit
genug haben, um diese Unschuldigen zu verteidigen, finden sich fast gar nicht. Trotzdem geschieht
es öfters, dass eine liebtätige Entschuldigung, oder eine zur rechten Zeit gegebene Erinnerung den
guten Namen, ja wohl gar das Leben einem Unschuldigen erhält. Ich glaube, dass Personen, welche
anhören, dass ein Unschuldiger verleumdet wird, und ihn nicht verteidigen, oder welche die
Fallstricke sehen, die man dem Unschuldigen legt, und ihn nicht davor warnen, fast ebenso strafbar
sind wie diejenigen, welche dieses tun.

6) Als Saul die Worte des Jonathan hörte, wurde er besänftigt und schwur: So wahr der Herr
lebt, er soll nicht sterben.

Saul wird durch die Stimme des Jonathan besänftigt, dass er schwört, er wolle den David nicht töten
lassen. So wahrhaftig bekräftigt eine sanftmütige, beherzte und gerechte Vorstellung, um das
empfangene oder beschlossene Uebel abzuwenden, und zu verhindern, dass es nicht ausgebrütet
wird.
7) Jonathan brachte den David von neuem zu dem Saul, und er blieb bei dem Saul, wie er
vorher gewesen war.

Jonathan ist damit nicht zufrieden, dass er für den David redet, sondern er versöhnt ihn auch noch
mit seinem Vater, und macht, dass er die frühere Stelle wieder erlangt, die er hatte, ehe er bei dem
König in Ungnade gefallen war. Die christliche Liebtätigkeit soll alles dieses mit noch grösserer
Vollkommenheit ausüben; allein wo sind die, welche dies also tun?

8) Und es ward wiederum Krieg, und David zog gegen die Philister und stritt wider sie. Er
schlug ihrer eine grosse Menge und jagte sie in die Flucht.

0 mein Gott, wie führst du deine Knechte wunderbarI Kaum sind sie von einer Uebung und Probe
befreit, erweckst du ihnen schon wieder eine andere. Kaum war David dem Tod entronnen, den Saul
ihm zubereitet hatte, so erweckst du ihm schon wieder andere Feinde. Eben diese Führung hält Gott
mit allen Seelen, die zu einer erhabenen Gnade berufen sind. Gott lässt es öfters zu, dass die
Mächtigen der Erde (und Personen, die ehemals tugendhaft waren) sich zusammen vereinigen, um
diese Seelen zu verfolgen.

Haben sie einen Augenblick Friede von dieser Seite, so waffnet Gott die ganze Hölle wider sie. Man
wird schwerlich eine Sache glauben, welche doch gleichwohl ihre Gewissheit hat, nämlich dass der
Krieg, der durch begeisterte und grausame Menschen erweckt und geführt wird, weit schrecklicher
und blutiger ist, als der Krieg von allen Teufeln. Die Teufel fürchten die Kraft Gottes, die in diesen
Seelen verborgen ist, so dass, sobald diese Seelen erscheinen, der Teufel und seine Rotte vor ihnen
flieht. Hingegen erhitzt sich der Neid und die Bosheit eines Menschen viel hartnäckiger, um sie zu
verfolgen. Und wenn man diesen unschuldigen Seelen gleich nicht ans Leben kommen kann, so
raubt man ihnen doch ihre Ehre. Und je mehr ihre Verfolger sehen, dass sie unschuldig sind, und
von Gott beschützt werden, umso grimmiger werden sie gegen solche. Ihre Sanftmut und Geduld
erbittert sie, weit entfernt, dass sie sich dadurch sollten gewinnen lassen.

9) Es geschah, dass der böse Geist des Herrn abermals den Saul ergriff. Er sass in seinem
Haus und hatte einen Spiess in seiner Hand. Und als David auf der Harfe spielte,
10) Trachtete er ihn mit dem Spiess an die Mauer zu spiessen. David aber wendete sich ab
und wich vor dem Angesicht des Sauls, und der Spiess fuhr in die Mauer, ohne ihn zu
verwunden. Da entrann David und setzte sich dieselbe Nacht in Sicherheit.

Kaum hatte David den Sieg im Streit gegen die Philister erhalten, da der ergrimmte Teufel schon
wieder in den Saul fährt, indem er die Versicherung hat, dass er in dem Leib eines bösen Menschen
stärker ist, als mit allen seinen Legionen. David würde keine Ruhe haben, wenn er nicht gelernt, die
Ruhe in dem Kreuz selbst zu finden. Die Versöhnungen, die mit neidischen und eifersüchtigen
Leuten geschehen, welche die Gerechtigkeit der Kinder Gottes nicht erdulden können, weil sie ihre
Ungerechtigkeit verdammt, diese Versöhnungen sind von keiner Dauer. Es sind nur wenige Tage
verflossen, dass Saul endlich verhiess, er wolle den David nicht töten lassen. Gleichwohl wendet er
heute alle Macht an, in seinem äussersten Grimm den David zu töten. Was hat aber David seit dieser
Zeit getan? Nichts anderes als den Willen Gottes, indem er die Feinde des Sauls vertilgte. Er hat für
ihn sein Leben in Gefahr gebracht, und für dieses wird er als ein Uebeltäter angesehen.
Es ist bei dem Beispiel des Davids anzumerken, dass alle menschliche Macht und Bosheit zusammen
genommen den Knechten des Herrn nicht schaden kann, wenn es Gottes Wohlgefallen ist, sie zu
beschützen.

11) Saul aber sandte seine Wächter in das Haus des Davids, dass sie ihn bewachen und des
Morgens früh töten sollten. Michal aber, Davids Weib, sagte ihm dieses alles wieder und
sprach zu ihm: Wenn du dich diese Nacht nicht errettest, so wirst du morgens des Todes
sein.

Dieser Vers bestätigt, was ich am Ende des vorigen gemeldet, nämlich dass obgleich die
Verfolgungen der Feinde Gottes gegen seine Knechte noch so grausam und anhaltend sein mögen,
sie dennoch diese Knechte Gottes nicht ins Verderben zu stürzen vermögen, weil die Güte Gottes
weit grösser ist als die Bosheit der Menschen; und Gott weit mehr Mittel hat, seine Knechte zu
erhalten, als seine Feinde Schliche erdenken können, sie zu vertilgen.

Wenn der Krieg gegen eine dem inneren Leben ergebene Person einmal angezündet ist, so endigt er
nicht eher als mit dem Leben dieser Person, ja öfters währt dieser Krieg auch noch nach ihrem Tod.
Es ist damit bewandt wie mit einer heftigen Feuersbrunst, die alle Augenblicke grösser wird, weit
entfernt, dass sie verlöschen sollte, bis sie alles verzehrt hat, was den Brand nährte. Ich bitte die
Personen, welche diese Schriften lesen werden (wenn es Gottes Wille ist, dass sie einigen zu Gesicht
kommen), anzumerken, dass ein inneres Leben nicht so bald aufgerichtet ist, als man es sich
einbildet, und dass die Personen, welche glauben eine grosse Vollkommenheit erlangt zu haben,
ohne vorher äusserlich und innerlich äusserst schwere Leiden erduldet zu haben, sich gar sehr
betrügen.

Dieses ist klar zu ersehen durch die ganze Folge der Geschichte des Davids, der so vortrefflich im
inneren Leben gestanden. Die wahrhaftig inneren Seelen sind alle Augenblicke in dem inneren Tod,
wie solches Paulus erfahren hat. Sie sterben täglich und können doch nicht sterben (1.Kor.15,31).
Man muss aber sehen, wie David sich unter so häufigem Kreuz verhält. Er rechtfertigt sich nicht
weder gegen den Saul noch bei andern. Die Schrift gedenkt dessen mit keinem Wort. Wenn er sich
aber hernach bei dem Saul rechtfertigt, so geschieht es nur in Ansehung solcher Dinge, welche die
Ruhe des Sauls selbst betreffen. Ja er beklagt sich nicht einmal bei dem Jonathan, seinem innigen
Freund, und bezeugt nicht den mindesten Eifer dagegen. Seine Geduld ist unüberwindlich, er scheint
bei so vielen Uebeln wie unempfindlich zu sein. Seine Liebe wird dadurch nicht verändert, er liebt
seine Verfolger nicht weniger, als ob sie seine innigsten Freunde wären. Wie kann aber dieses alles
möglich sein? Die Ursache dessen ist, dass David diese Dinge nur in Gott ansieht, und so, dass sie
von der Hand Gottes kommen. Daher bleibt sein Wille mit dem Willen Gottes vereinigt, und er
kann nichts anderes wollen, als was Gott tut und zulässt.

12) Michal aber liess ihn vom Fenster herab. David entrann, floh und errettete sich.

Die Nachstellungen und Anschläge des Sauls sind ebenso vergeblich, wie diejenigen, welche man
gegen Paulus fasste. Der eine wie der andere wurde durch das gleiche Mittel errettet (Apg.9,25). Die
Vorsehung verlässt nicht und fehlt niemals in der Not. In ausserordentlichen Gefahren verleiht sie
auch eine ausserordentliche Hilfe.
14)Saul sandte früh Soldaten, um den David zu fangen; und man liess ihm sagen, er sei
krank.
15)Da sandte er noch andere, die ihn sehen sollten, und sprach zu ihnen: Bringet ihn zu mir
in seinem Bett, damit er sterbe.

Die Worte Sauls zeigen eine äusserste Grausamkeit an, denn er konnte sich ja vorstellen, dass wenn
David krank war, seine Krankheit durch überhäuften Schmerz entstanden sein mochte, in welche
eine so heftige Verfolgung ihn gestürzt hatte.
Man konnte mit Wahrheit sprechen, dass David in seinem Bett ruhte, ob er gleich äusserlich nicht in
seinem Bett war. Die Liebe zu dem Willen Gottes ist das Bett der Ruhe solcher Seelen, die an Gott
übergeben sind.

Saul begehrt, dass man ihn auch ganz krank bringe, um ihn töten zu lassen. Man arbeitet an nichts so
sehr und mit grösserem Eifer, als die inneren Seelen aus ihrer Uebergabe an den Willen Gottes
herauszuziehen, welches ebensoviel ist als sie in den Tod zu stürzen. Gleichwohl dient dieses zu
nichts anderem, als diese Seelen in ihrer Uebergabe noch zu befestigen.

16) Da die Leute hinkamen, fanden sie ein Bild im Bett, dessen Haupt mit einem Ziegenfell
bedeckt war.

Dieses ist ein Sinnbid, dass man die Wahrheit des inneren Standes niemals erkennt. Seelen, die mit
einem wahrhaften Innern begnadigt sind, scheinen von aussen wie ein durch die Einbildungskraft
formiertes Bild, welches nicht wahrhaftig sein kann. Die Tierfelle, die auf dem Haupte des Bildes des
Davids waren, bezeichnen das Urteil, welches die Klugen und Weisen der Welt von den inneren
Personen fällen, nämlich dass sie keinen Verstand haben, es seien hirnlose Leute, oder einfältige
Tröpfe, welche sich gewisse Stände einbildeten, die nur Erfindungen von gewissen im Kopf
verrückten Weibern wären.

19)Einige kamen dem Saul Nachricht zu geben und sprachen zu ihm: David ist zu Najoth in
Rama.
20)Da sandte Saul Soldaten um den David zu fangen. Da aber die Soldaten einen Haufen
Propheten gesehen, die prophezeiten, und Samuel, der ihnen vorstand, wurden sie selbst
vom Geist des Herrn ergriffen, und fingen an wie die andern zu prophezeien.
Wohin fliehst du, o David, o Vorbild des Lammes ohne Makel! Wohin fliehst du, sage ich, vor diesen
Wölfen, die dich verfolgen? Du fliehst zu den Knechten des Herrn, um bei ihnen einigen Trost zu
finden. Samuel war der einzige, der den David kannte, und der folglierweise imstande war, seinem
Herzen Erleichterung zu geben; und auch allda sucht man ihn. Könnte man ihn aus dem Schoss
Gottes selbst herausreissen, so würde man es tun. O Blindheit der Menschen!
Aber o unendliche Weisheit meines Gottes! Um deine Ratschlüsse und Vorhaben hinauszuführen,
und diejenigen zu erhalten, die dir angehören, sahen die von Saul gesandten Soldaten David unter
der Zahl der Propheten, und den Samuel, der über ihnen war. Damit wurde zu erkennen gegeben,
dass es Samuel war, der unmittelbar von Gott empfing, und dessen Gott sich bediente, um sich den
andern mitzuteilen. Daher wird auch gesagt, dass der Geist des Herrn über diese Männer herabstieg,
sobald sie zu ihm nahten. 0 schönes Vorbild der Mitteilungen der Knechte Gottes gegen diejenigen,
die zu ihnen nahen! Geschieht es nicht oft genug, dass die ausgesandten Kundschafter, um in
Worten zu fangen, selbst gefangen werden, indem sie auf eine empfindliche Weise erkennen, dass
der Geist Gottes in diesen seinen Knechten ist? Ja dieses geht öfters sogar so weit, dass diese selbst
den Weg annehmen, welchen sie vorher aus Unwissenheit oder aus Menschengefälligkeit verdammt
hatten.

21)Da Saul dieses vernommen, sandte er andere Männer, welche auch prophezeiten wie die
ersten. Er sandte sie zum drittenmal.die prophezeiten auch. Da wurde er sehr zornig.
22)Er ging selbst nach Rama.
23)Er wurde selbst vom Geist des Herrn ergriffen. Er prophezeite im Gehen bis er nach
Najoth bei Rama kam.
24)Er zog auch seine Kleider aus und prophezeite mit den andern vor dem Samuel; und
blieb nackt auf der Erde liegen den ganzen Tag und die ganze Nacht. Daher ist dieses
Sprichwort aufgekommen: Ist Saul auch ein Prophet geworden?

Dieses geschieht nicht nur einmal, sondern mehrmals, weil der Geist Gottes solche Personen
leichtlich gewinnt, die nicht leidenschaftlich für etwas begeistert sind. Gleichwohl geschieht es, dass
alle diese Dinge, welche ein Gemüt rühren sollte (wenn es auch nur ein wenig nach der Gnade wäre),
zu nichts anderem dienen, als einen solchen, der leidenschaftlich für etwas begeistert ist, noch mehr
in den Harnisch zu jagen. Saul beschuldigt alle seine Boten, dass sie verzagte Leute wären, weil sie
ihm den David nicht hatten bringen können. Er wird aber bald aus eigener Erfahrung sehen, was
man gegen solche ausrichten kann, die von Gott selbst bewahrt werden.

Man spricht allgemein, dass die inneren Personen jedermann gewinnen würden; dass sobald man mit
ihnen gesprochen, man sie auch nicht mehr verdammen könne. Dieses aber hält man für eine Arglist.

0 Blindheit der Menschen! Sie sind es nicht, die gewinnen, sondern der Geist Gottes, der in ihnen ist,
und sich auf diejenigen ergiesst, die zu ihnen nahen. Dies gibt die Schrift zu erkennen, wenn sie
spricht, dass der Geist Gottes sie mit Ungestüm ergriff. Saul geht selbst hin und wird wie die andern
gefangen. Dieses geschieht allgemein auf diese Weise, mit welchem Grimm man auch besessen sein
mag, wenn man mit diesen einfältigen, aufrichtigen und leutseligen Menschen redet, die ohne
Verstellung sind. Die Wahrheit ist in ihrem Mund so kräftig, dass sie allezeit den Sieg erhält. Darum
steht auch geschrieben, dass die Kraft der Wahrheit alle anderen Kräfte übersteigt. Der Geist Gottes,
der in diesen Seelen ist, nötigt, dass man dieser Kraft weichen muss, welcher nichts widerstehen
kann; dass man die Wahrheit bekennen und sich von solcher überzeugen lassen muss, ob man gleich
deshalb noch nicht gewonnen ist.

Saul zieht sich nackt aus, er redet die Sprache der andern, welches anzeigt, dass er auf einige
Augenblicke in den Stand wieder einging, aus welchem er durch seine Sünde gefallen war. Allein er
ging in diesen Stand ein nur aus einer Ueberzeugung seines Verstandes, keineswegs aber durch die
Bekehrung des Herzens. Dieses ist leicht zu beweisen durch den geringen Nachdruck, welche diese
empfangene Gnade auf den Saul hatte. Sobald er eine so heilige Gesellschaft verlassen hatte, verfiel
er wieder in den früheren Hass gegen den David, und verdammte eben dieselben Dinge, welche er
kurz vorher erfahren und gut geheissen hatte.
20. Kapitel. 

1) David floh weg von Najoth bei Rama. Er kam mit Jonathan zu reden und sprach zu ihm:
Was habe ich getan? Welche Uebeltat habe ich begangen? Was ist meine Schuld gegen
deinen Vater, dass er mir also das Leben rauben will?

Wer sollte nicht niedergeschlagen sein von einer so langwierigen Verfolgung? David flieht zu dem
Jonathan, mit dem er so innigst vereinigt war. Er entdeckt sich ihm auf eine recht herz rührende
Weise. Ach, spricht er, du, dem ich mich allein anvertraue, wirst du es mir nicht entdecken, was ich
denn Uebles getan habe? Habe ich wohl in etwas gefehlt, was ich deinem Vater schuldig bin? Er
trachtet nach meinem Leben, und was mich am meisten schmerzt, ist dieses, dass es scheint, er wolle
mich aus der Ordnung Gottes herausziehen, dessen Willen ich tausendmal höher achte als mein
Leben. Wer sollte die Führung Gottes über sein Leben nicht bewundern? Gott lässt ihn zum König
salben, und ihm durch den Wund seines Propheten verkündigen, dass Er ihn erwählt habe, um über
sein Volk zu regieren. Was ist ihm denn aber seit dieser Zeit widerfahren? Kreuze, Umstürze und
greuliche Verfolgungen. Ja er ist ein grösserer Sklave als kein anderer aus dem Volk.
Also o Herr, handelst du jederzeit; wenn du grosse Dinge verheissest, so kommt nichts anderes als
Zerstörungen und schmähliches Elend. Allein durch eben dieses vollführst du deine Verheissungen.
Es ist wahr, die Demütigungen sind Stufen, hinunterzusteigen. Allein hernach dienen eben diese
Stufen zu einer Leiter des Aufsteigens, um die Seele nach deinem Willen, o mein Gott, zu erheben.
David wird nicht bestürzt über sein Unglück, er beklagt sich nicht darüber, er verzagt nicht an deinen
Gnaden, und glaubt, dass du, o Gott, sein Glück in einem Augenblick verändern kannst.

2)Jonathan sprach zu ihm: Nein, du wirst nicht sterben.


3)David antwortete ihm: Ich schwöre bei dem Herrn, und schwöre bei deinem Leben, es ist
nur ein Schritt zwischen dem Tod und mir.

Jonathan, um den David zu trösten, will ihn überreden, Saul habe keinen Vorsatz ihm das Leben zu
nehmen. Denn wer könnte sich einbilden, dass er so gar boshaft sei, als er es in der Tat ist? David
aber versichert dem Jonathan, dass es wahr sei. Er bedient sich sehr nachdrücklicher Worte. Er
spricht: Der Tod und ich sind nur einen Grad oder Schritt voneinander getrennt, weil zwischen dem
Stand des Todes und dem Stand eines Sterbenden nur ein gewisser Grad ist, welcher den
Unterschied macht zwischen dem Tod und dem Leben.

8) Tue deinem Knecht diese Gnade, weil du gewollt hast, dass wir einander in der
Gegenwart des Herrn Freundschaft gelobten, dass wenn ich etwas schuldig bin, so töte du
mich selbst. Allein nötige mich nicht vor deinem Vater zu erscheinen.

David redete dieses zu dem Jonathan zu dem Ende, um ihm kraft des Bundes, den Gott zwischen
ihnen beiden gestiftet hat, zu bewegen, einiges Mitleid mit ihm zu haben. Es ist eben, als ob er zu
ihm spräche: Du bist es, der es gemacht hat, dass ich diese Vereinigung, deren ich mich unwürdig
befinde, angenommen. In David ist der Stand einer solchen Seele sehr klar zu sehen, die von allen
Seiten verfolgt, und zugleich durch die Blösse des Glaubens niedergedrückt ist.
Diese Seele sagt zu ihrem GnadenFreund alles, was der Schmerz ihr in den Sinn gibt; und gleichwie
es ihr jederzeit unbekannt ist, ob nicht alles dieses aus ihrer eigenen Schuld über sie kommt, so
fürchtet sie, ihre Sünde möchte wohl die Quelle so vieler Unglücke sein. Ach, spricht sie, töte mich,
vertilge in mir diesen Leib der Sünde, wenn er die Ursache meiner Uebel ist.
Allein nötige mich nicht vor deinem Vater zu erscheinen. Einer Person in diesem Stande fällt nichts
so schwer, als vor denjenigen zu erscheinen, die sie verfolgen. Man empfindet eine gewisse
Schwachheit, die man wohl erfährt, aber nicht ausdrücken kann.

13)Wenn mein Vater in seiner Bosheit gegen dich verharrt, so will ich dir Nachricht davon
geben, und dich fortschicken, dass du in Frieden gehen kannst; und der Herr sei mit dir,
gleichwie er mit meinem Vater gewesen ist.
14)Wenn ich lebe, so handle mit mir mit der Gütigkeit, welche der Herr fordert. Wenn ich
aber sterbe,
15)So sollst du deine Gütigkeit und dein Mitleid von meinem Haus nimmermehr abziehen,
wenn der Herr die Feinde Davids bis zum letzten von der Erde hinwegreissen wird.

Jonathan zeigt dem David, dass dieses nicht ein Fehler, der in ihm sei, dass es ihm in der Tat ein
wenig schwer fiele zu glauben, dass der Hass seines Vaters so stark sei. Wären aber die Dinge
beschaffen, wie man glaube, so wolle er ihm von allem Nachricht erteilen. Und um zu zeigen, wie so
gar los von allem eigenen Interesse er ist, wünscht er ihm auch sogar die Güter, welche sein Vater
hat, und gibt ihm zu erkennen, wie wohl ihm bekannt sei, dass das Königreich ihm verheissen
worden. Nach den Gesetzen der Natur gebührt das Königreich dem Jonathan, nach den Gesetzen
der Gnade aber wird es dem David gegeben. Eine Seele, die stark übergeben ist, sucht nichts für sich
selbst, weder Ehre noch Vorteile. Sie erfreut sich so sehr, wenn Gott in andern verherrlicht wird, als
wenn es in ihr selbst geschieht. Sie bittet nur diesen getreuen Freund, den sie mit Freuden sich
vorgezogen sieht, in dem geistlichen Leben, wenn sie es nötig hat, ihr Hilfe zu leisten.
Diese Weise sich auszudrücken, wenn ich noch lebe, zeigt an, dass die Seele eine Führung nur
solange nötig hat, als sie in dem Leben des Adams lebt. Nachdem aber dieses Leben Adams in ihr ist
vertilgt worden, so ist eine Führung ihr weiter nicht nötig. Sie wünscht nur, dass man für ihre Familie
oder Geschlecht sorgen möge. Was ist dieses für eine Familie? Nach dem Geistlichen sind es die
Seelen, die man Jesu Christo gewonnen hat, und die etwa noch der Hilfe bedürftig sind.
Der Glaube des Jonathan ist vortrefflich. Er zweifelt nicht, Gott werde die Verfolger Davids von der
Erde hinwegnehmen. Er weiss wohl, dass Gott eine Zeitlang seine Knechte in der Unterdrückung
lässt; allein es ist ihm auch nicht unbekannt, dass eine andere Zeit kommt, in deren Gott sie befreit.
Diese Erkenntnis treibt ihn an, zu dem David zu sprechen: Lässt Gott zu, dass ich aus meinem Haus
vertrieben werde, so bin ich es zufrieden. Alle Gnade, die ich alsdann begehre, ist das, dass Gott
mich von den Feinden Davids absondere, und dass er eingedenk sein möge, dass ich ihm nicht
zuwider bin, indem ich keine anderen Gedanken hege, als wie dieser mein Freund.

17) Und Jonathan fing an und schwur dem David, denn er liebte ihn wie seine Seele.
Obgleich die Vereinigungen der inneren Personen selten schwach werden, so hat Gott doch auch
sein Wohlgefallen, diese Vereinigungen oftmals zu erneuern. Also erneuert Jonathan mit dem David
den Bund, welchen Gott zwischen ihnen gestiftet hat. Da Jonathan den David wie seine Seele liebte,
konnte er wohl mit ihm nicht vereinigt sein? Darum schwört er ihm auch einen ewigen Bund. Der
Ausdruck, dessen die Schrift sich bedient, um die Liebe des Jonathan zu dem David anzuzeigen, ist
sehr nachdrücklich; und nichts kann eine grössere und innigere Vereinigung und die genaue
Verbindung der ganzen Seele anzeigen, als es durch diese Worte geschieht. Gott selbst stiftet solche
Vereinigungen, die bis zur Einheit sich erstrecken. Jesus Christus redet von diesen Vereinigungen,
wenn er spricht: Mein Vater, dass sie eins sind, wie du und ich eins sind (Joh.17,22). Diese
Vereinigungen sind so rein, so einfältig und von allem so losgemacht, als wenn sie bloss unter
Geistern wären. Sie sind geschieden von allen Formen, Gestalten oder Bildern, ja auch öfters von
allem Empfindlichen und was unterschieden werden kann.

19) Jonathan sprach zu ihm: Du sollst geschwind kommen, dich am Tag der Arbeit zu
verbergen, und sollst sitzen bei dem Felsen, den man Asel nennt.

Der Tag der Arbeit, von welchem Jonathan hier redet, ist nichts anderes als der Tag der Trübsal und
der Verfolgungen. Bei einem Felsen sitzen zeigt an, dass man in der Arbeit und in den Schmerzen
seine Ruhe finden soll, und dass wir fest und unbeweglich wie ein Fels sein sollen, um ohne
erschüttert zu werden, alles Unglück und alle Ungnade auf und anzunehmen, die von Gott uns
zubereitet sind. Jonathan sagt nicht zu dem David, dass er sich auf den Felsen setzen solle, sondern
bei dem Felsen. Dieses aber gibt zu erkennen, dass er noch nicht in der Festigkeit war, die er
inskünftig haben sollte, indem er noch nicht frei war von den Abwechslungen, die in dem geistlichen
Leoen stets aufeinander folgen. Gleichwohl, wenn in der Zeit der Trübsale die Sinne in Unruhe und
Verwirrung sind, so muss der Grund der Seele dennoch fest bleiben und in der Unterwerfung unter
den Willen Gottes.

20) Ich werde drei Pfeile gegen diesen Felsen schiessen, eben als ob ich mich übte, nach
dem Ziel zu schiessen.

Die drei Pfeile, welche Jonathan gegen den Felsen schiesst, bilden sehr wohl vor drei Stände, durch
welche Gott die Seele durchgehen lässt, bevor Er sie in einen gewissen Stand des Bestandwesens
setzt, in welchem die Seele von obgesagten Abwechslungen mehr befreit ist. Diese drei Pfeile sind
demnach dreierlei Proben, welche die Seele gleichwie in einem Fegfeuer reinigen; und diese Proben
sind die so scheinende Unreinigkeit; die Versuchungen zu der Gottlosigkeit; und eine Art der
Narrheit. Alle Personen, welche von den inneren Proben und Peinlichkeiten geschrieben haben,
handeln von diesen Arten der Peinlichkeiten. Diese drei Proben beziehen sich auf die drei
theologischen Tugenden, die in diesem Fegfeuer gereinigt und von der Eigenheit geschieden werden
sollen, welche die Seele durch den Umgang der Eigenliebe stets an sich nimmt.

Die Liebe wird gereinigt in den Anfällen, die man gegen die Reinigkeit aushalten muss, weil solche
Anfälle eine stolze Seele aufs ausserste demütigen; und Paulus versichert, dass sie ihm zugesandt
worden, damit er sich nicht überhebe um seiner grossen Offenbarungen willen (2.Kor.12,7). Diese
Demütigung verschafft, dass man eine gewisse geheime Liebe verliert, die man für sich selbst und zu
seiner eigenen Gerechtigkeit trägt. Diese Versuchung oder so scheinende Unreinigkeit reinigt die
Liebe, wie das Gold durch das Feuer geläutert wird. Dies macht dass man viel leiden muss, und es
demütigt schrecklich. Gleichwohl ist es das Fegfeuer der Liebe, in welchem die Liebe ganz rein für
Gott wird durch den Hass und Abscheu, welchen die Seele wider sich selbst fasst in dem Abgrund
des Kots, in welchen sie versenkt ist; gleichwie David, nachdem er es erfahren, solches in seinen
Psalmen beschreibt (Ps.68,3/15 & 39,3).

Der zweite Pfeil ist die Versuchung zu der Gottlosigkeit oder von gotteslästerlichen Gedanken,
wodurch man eine so gar grausame Qual erduldet, dass die Seele, die damit gequält wird, schon
wirklich in der ewigen Hölle zu sein glaubt. Alle die finsteren und abscheulichsten Gedanken
kommen der Seele so vor, als ob sie förmlich in dieselben einwillige. Was ist zu tun für eine Seele in
dieser äussersten Not? Denn wenn die Seele zu Gott ihre Zuflucht nehmen will, so kann sie es in
dieser Zeit nicht tun. Es ekelt ihr vor den heiligsten Dingen; ja sie glaubt gar den Glauben verloren
zu haben. Dieses aber ist das Fegfeuer des Glaubens, welcher, da er hiedurch schrecklich entblösst
wird, auch eben durch dieses aufs höchste rein und lauter gemacht wird. Es kann nicht
ausgesprochen werden, wie sehr diese Pein eine solche Seele quält, die getreu ist und eine unendlich
grosse Ehrfurcht vor eben diesen Dingen hat, gegen welche sie nichts als Verachtung zu empfinden
sich einbildet.

Der dritte Pfeil oder die dritte Probe für die Seele ist eine Art der Narrheit, womit sie gepeinigt wird.
In dieser Probe empfindet sich die Seele ganz wütend; ihre Gedanken sind finster und mit
Verzweiflung angefüllt. Alle Personen, die zu dieser Seele nahen, und denen sie sich entdeckt,
urteilen (wenn sie keine Erfahrung haben) Uebles von ihr, und halten sie für eine Närrin und
betrogen. Gott lässt es öfters zu, dass solche Seelen in die Hände unwissender Personen geraten,
welche ihnen vieles Leid antun. Dieses ist das Fegfeuer, in welchem die Hoffnung von aller Eigenheit
gereinigt wird. Denn vor derselben Zeit, obgleich die Hoffnung sehr stark und nur auf die göttliche
Macht gegründet zu sein schien, so war doch in der Versicherung eben dieser Hoffnung eine
geheime und unbekannte Stütze, wodurch solche mit der Eigenheit befleckt und unvollkommen
wurde. Eben also war es auch mit den andern Tugenden beschaffen. Obgleich die Reinigkeit der
Liebe für Gott war, so war doch in der Reinigkeit eben dieser Liebe selbst eine Versicherung, die
gleichsam ein Gewölk war, welches die gänzliche Durchdringung dieser Liebe, die Gott selbst ist,
verhinderte.

Mit dem Glauben hatte es eine gleichmässige Beschaffenheit; obgleich dieser Glaube, wie es schien,
sich auf die Macht Gottes gründete, so diente doch die Versicherung dieses Glaubens der Seele zu
einer Stütze, und verhinderte sie dadurch an der Verlierung in Gott, und in die vollkommene
Uebergabe zu fallen. Diese Stände reinigen kräftiglich; allein sie sind schrecklich, weil sie nur damit
reinigen, indem sie dem Schein nach besudeln, und diese innere Reinigkeit nicht anders geben, als
indem es scheint, dass sie solche vielmehr hinwegnehmen. 0 Heiligkeit meines Gottes! wie gross bist
du!

0 Reinigkeit meines Gottes! vor dir ist die scheinende Reinigkeit des Menschen nichts als
Unreinigkeit. Du bist so sehr eifersüchtig von dir selbst, dass du vielmehr alle scheinende oder
wahrgenommene Heiligkeit niederschmeissest, als eine mit Eigenheit befleckte Heiligkeit zu dulden,
weil solche sich deiner Heiligkeit in uns widersetzt.

Du bist wahrhaftig der allein Heilige in dir selbst, und ausser dir in allen deinen Werken. Alles, was
nicht deine eigene Heiligkeit ist, ist Verdorbenheit.
Nun aber soll die Seele sehr getreu sein, um diese drei Stände in einer gänzlichen Aufopferung und in
einer völligen und gänzlichen Uebergabe in die Hände Gottes zu tragen, indem sie sich absolut in
diesen Ständen lässt. Denn alle Versuche, die sie tun würde, um aus diesem Abgrund auszugehen,
wird zu nichts anderem dienen, als sie nur noch mehr darin zu versenken. Sagte nicht der königliche
Prophet, dass er in einem Abgrund des Kots versunken sei, aus welchem er sich nicht herausziehen
könne? (Ps.68,3). Derjenige, der dahinein gesetzt, muss auch wieder herausziehen, gleichwie das
Gold, das im Schmelztiegel ist, sich nicht selbst da herauszieht.

Alle Anstrengungen der Kreatur sind zu derselben Zeit nicht nur sehr unnütz, sondern auch sehr
schädlich, weil durch diese Anstrengungen der Wille sich abzieht von der Vereinigung mit dem
Willen Gottes, welchen Willen Gottes in der Zulassung dieser Peinlichkeiten die Seele lieben soll.
Zudem zieht sich die Seele ab von dem geraden und festgestellten Anschauen, das sie in Gott allein
haben soll, wie auch von der Liebe seiner Ordnung, um sich aufzuhalten und zu beschäftigen mit
dem, was im untern Teil der Seele geschieht. Dieses aber kann sie nicht tun ohne sich auch zugleich
von Gott abzuwenden, ob sie solches gleich für Gott zu tun, und Ihm damit zu gefallen glaubt.
Hiedurch nun macht sie sich schwach, und gleichwie sie nur darum von ihrem lautern Anschauen in
Gott abgeht, um das anzuschauen, was in ihr geschieht, so ist alsdann dieses Anschauen höchst
gefährlich. Denn da die Seele von aller eigenen Kraft entblösst ist, und sie in sich nichts als
Schwachheit findet, so macht dieses Anschauen, dass sie sich mit ihrem Uebel beschäftigt.

Diese Beschäftigung aber vermehrt eben das Uebel, so dass sie sich in Gefahr gibt zu sündigen,
entweder durch die Belustigung oder durch die Verzweiflung. Wenn die Seele das, was in ihr vorgeht,
allzusehr betrachtet, so ist zu fürchten, dass der untere Teil der Seele die Einwilligung der Seele nach
sich zieht, und sie hinreisst, die Belustigung zu suchen. Hingegen wenn die Seele sich mit Eigenliebe
betrachtet, so wird der Schmerz, den sie darüber hat, sich so unflätig zu sehen, sie in Verzweiflung
stürzen, gleichwie dieses ziemlich reinen Seelen widerfahren ist. Die Seele, die sich nicht selbst
anschaut, ist sicher vor allen diesen Unfällen. Ihr Wille bleibt mit dem Willen Gottes vereinigt, und
ihr Anschauen in Gott gerichtet. Sie verachtet alles, was im unteren Teil vorgeht, und hiedurch ist sie
sicher und verdeckt vor der Sünde. Denn um zu sündigen müsste sie ihren Willen von dem Willen
Gottes abziehen, weil der Wille Gottes keien sündlichen Willen, ohne solchen auszustossen, dulden
kann. Sie müsste auch, wenn sie sündigte, ihr Anschauen von Gott abwenden. Denn derjenige, der
kein Anschauen und Absicht hat, ohne nur auf Gott, der kann keine Absicht für die Sünde hegen.

Die Personen, welche in solchen Proben sind, sollen demnach lernen, dass sie nichts anderes tun
sollen, als sich dem Willen Gottes zu übergeben und zu überlassen, um diese Proben in der ganzen
Weite der Ratschlüsse Gottes über sie in einer völligen Aufopferung zu erdulden und auszuhalten, so
dass sie sich niemals wieder nehmen, es mag auch kommen was da wolle, und dass sie niemals das
Ende davon begehren. Ja sie müssen zufrieden sein, die ganze Ewigkeit hindurch darin zu bleiben,
wenn dies das Wohlgefallen Gottes wäre, und dieses ohne Absicht noch Zurücksehen auf sich selbst,
um weder ihren Stand noch das anzusehen, was in ihnen vorgeht, wie abscheulich es ihnen auch
scheint. Sie müssen aufgeopfert bleiben für alles, was Gott wollen wird, und für so lange Zeit, als es
Gott gefallen möchte, indem sie die Ueberlegungen, und sich wieder zu nehmen, mehr als den Tod
meiden müssen.

Alle Qualen der Seele entstehen von den Ueberlegungen, wie auch daher, dass sie nicht getreu ist, um
sich Gott zu lassen, nachdem sie sich dazu übergeben hat. Durch ihre Ueberlegungen kommt sie in
Furcht und Zweifel, und durch das Wiedernehmen weicht sie ab von ihrer Uebergabe. Durch das
eine aber und durch das andere stürzt sie sich in sehr grosse Verwirrungen und Qualen, indem sie ihr
Leiden gar sehr verlängert. Würde sie aber getreu sein, sich Gott zu lassen, so würden sich diese
Peinlichkeiten bald endigen. Das ganze Leben einer solchen Seele streicht vorbei zu bauen und
wieder niederzureissen, ohne weiter fortzuschreiten. 0 ihr Seelen, die ihr unter den verdoppelten
Streichen ächzt, seid ja nicht so verwegen, dass ihr selbst Hand an das Werk legen wollt. Ihr verderbt
alles, indem ihr glaubt es wohl zu machen. So lasset demnach Gott alle Sorge über sein Werk; wendet
euch nicht ab weder zur Rechten noch zur Linken, Gott selbst wird eure Schritte leiten und führen.

0 ihr Führer, ihr Diener des Herrn, in deren Hände Gott solche Seelen vertraut; quälet diese Seelen
nicht, vielmehr habt mit ihnen grosses Mitleid. Die Hand des Herrn ist schwer genug über ihnen,
darum leget nicht auch die Hände an sie, ohne nur um sie zu trösten. Sie sind öfters nur allzusehr
überzeugt, dass sie sündigen; und da sie mit aller ihrer Sorge nicht verhindern können, diese
Peinlichkeiten zu empfinden; ja da auch selbst ihre Anstrengungen, um sich davon zu befreien, diese
Peinlichkeiten nur vermehren, so muss man sich wohl hüten, ihre Skrupel zu vermehren. Denn
notwendigerweise wird man sie in eines dieser beiden Uebel stürzen, wenn man aus übel
begründetem Skrupel ihnen sagt, dass sie sündigen. Denn da sie, wie gemeldet, durch keine
menschliche Gewalt oder Anstrengung diese Stände verhindern können, so setzt man diese Seelen
entweder in Verzweiflung (wenn sie sehen, dass sie das, was man sagt dass es Sünde sei, nicht
verhindern können), oder aber man macht dass sie sündigen, indem man sie in die Notwendigkeit
setzt das zu tun, oder vielmehr zu leiden, was man ihnen sagt, dass es Sünde sei. Eine gute Tat, die
mit entschlossener Absicht zu sündigen getan wird, ist wahrhaftig eine Sünde, gleichwie eine an sich
selbst mangelhafte Tat nicht böse sein kann wegen der Reinigkeit des Vorsatzes, womit man solche
tut, wie auch wegen der Einfalt und Unschuld, und weil man Gott wohl zu gefallen begehrt.
Manchmal quält man diese arg bekümmerten Seelen so, dass man sie in Wahnwitz fallen macht.

Der grösste Beweis ihrer Unschuld ist die äusserst grosse Pein, die sie um dieser Stände willen
erdulden. Diese Pein aber dauert umso viel länger, als man ihnen hierin entgegen ist, und sie
vermindert sich auch umso viel mehr, je mehr sie sich an Gott übergeben, um diese Stände so lange
zu erdulden, als es Gott gefallen wird sie zuzulassen, welche Ueberlassung an Gott sie tun müssen
mit Glauben ohne Glauben, mit Herzhaftigkeit ohne Herzhaftigkeit, und mit Liebe ohne Liebe, die
ihnen ein Genüge leisten.

Es ist anzumerken, dass David nahe genug bei dem Felsen blieb, während Jonathan, der das Vorbild
des Armes Gottes war, seine Pfeile abschoss. Dieses Sitzen des Davids zeigt die Ruhe an, in welcher
die Seele bleiben soll, wenn Gott sie auf diese Weise auf die Probe setzt.

Jonathan spricht zu David: Du sollst am Tage der Arbeit gegen den Felsen hinabsteigen, und
daselbst sollst du sitzen bleiben. Dies zeigt an, dass man in diese Stände der Demütigung eingehen
soll durch eine Uebergabe, welche Gott fordert, dass sie schnell und kräftig von der Seele vollbracht
werde. Darum steht geschrieben, du sollst hinuntersteigen mit grosser Geschwindigkeit, weil Gott
das Ueberlegen in den Uebergaben, die er von dieser Seele begehrt, nicht gestattet. Und obgleich die
Aufopferung freiwillig ist, kraft welcher die Seele sich selbst Gott zu allem hingibt, so ist dennoch
gewiss, dass die Seele sich geneigt befindet, diese Aufopferung zu tun, ohne mit sich selbst darüber
Rat zu halten. Es ist dieses eine Nachahmung der freiwilligen Aufopferung, womit Jesus Christus, als
Er auf die Welt kam, sich selbst zum Opfer hingab (Hebr.10,2/12). Zu derselben Zeit sieht die Seele
die Dinge, wozu sie sich hingibt, nicht mit Unterscheidung an, sondern sie opfert sich auf zu allen
Strengigkeiten der göttlichen Gerechtigkeit, um nicht verschont zu werden, gleichwie Hiob tat.

Sobald die Seele in diese Stände eingegangen ist, muss sie darin in Ruhe bleiben, gleichwie David
sitzen blieb, nachdem er zu dem Felsen gelangt war, welcher die Festigkeit und Dauerhaftigkeit
dieser Ruhe anzeigt. Es ist damit nicht genug, dass man sich für eine kurze Zeit in den Händen
Gottes lässt, sondern man muss darin bleiben, solange die Pfeile geschossen werden. Es ist nicht
genug sitzen zu bleiben, wenn man ein oder zwei Pfeile schiesst, man muss darin bleiben, solange als
das Pfeilschiessen dauert. Wacht man es anders, so steht nichts Geringeres darauf, als das Leben
selbst dabei einzubüssen.

21)Ich will meinen kleinen Knaben senden, um die Pfeile aufzulesen.


22)Wenn ich zu ihm spreche: Die Pfeile sind von dir ab hinwärts, lese sie auf, so komme zu
mir, denn alles wird im Frieden für dich sein, und du wirst nichts zu fürchten haben, der
Herr lebt! Spreche ich aber zu dem Knaben: Die Pfeile sind jenseits von dir, so gehe hin im
Frieden, weil der Herr haben will, dass du wiederkehrst.

Wenn Gott anfängt zu schlagen, so kann man noch zu Ihm kehren, Ihm seinen Stand vorstellen, und
Ihm seine Peinlichkeiten fast ausführlich vor Augen legen, weil Gott eine zu diesem Stand sich
schikkende Gemütsverfassung erteilt, bevor Er die Seele in eben denselben Stand festsetzt. Diese
Beschaffenheiten des Gemüts sind gleichsam ein Versuch der Sache, die da kommen soll, allein sie
halten nicht an. Es ist gleichsam der Blitz, der dem Donner vorangeht. Wenn aber der Donner auf
etwas fällt, so folgt der Blitz hernach, und läuft dem Donner nicht zuvor.

Da demnach diese Gemütsverfassung noch entfernt ist, und die Seele so bald noch nicht in den
Stand eingeht, so ist das Uebel noch nicht gross, und man hat keine Ursache darüber zu erschrecken.
Die Seele in diesem Stand würde die Pfeile Gott gar gern selbst wiederbringen, und durch eine
grossmütige Uebergabe Ihm solche darbieten, damit Er sie verwunde.

0 ihr, die ihr euch mit Herzhaftigkeit übergebt, seid versichert, dass die noch entfernte Einsicht der
Verwundung sehr weit von der Wunde selbst verschieden ist; und dass wie gross auch die Uebergabe
gewesen, die ihr gehabt habt um euch Gott aufzuopfern, so wird es euch doch sehr schwer fallen,
euch in der Aufopferung zu lassen,

wenn ihr die Schärfe und Strengigkeit seiner Pfeile empfinden werdet.
Jonathan spricht zu dem David: Wenn ich sage, die Pfeile sind jenseits hinausgefahren, so gehe hin
im Frieden, denn der Herr hat dich gehen lassen. Das was von gleichmässigen Zeiten gesagt wird,
bedeutet sehr verschiedene Dinge. Wenn man wirklich in die Pein eingeht, so bleiben die Pfeile nicht
daselbst, sondern sie gehen hindurch, und gehen weiter. Sie dringen ein bis in das Mark der Gebeine,
bis dass sie vorbeigegangen sind. Wenn sie aber vorbei sind, so lässt Gott die Seele; ja es scheint,
Gott lasse sie sogar an sie selbst über, dass Er sie nicht mehr zurückhalte.

0 Gott, was wird diese Seele alsdann anfangen? Bis hieher hast du sie unter dem Schatten deiner
Flügel verdeckt gehalten, nun aber lassest du sie gehen. Dieses hier ist die allerentsetzlichste Probe
der Seele. Vormals wurde sie gewahr, dass Gott sie unterstützte, nunmehr aber dünkt es sie, Gott
habe sie verlassen, und dass sie sich selbst alles Uebel herbeigezogen, das ihr widerfährt. Vormals,
wird sie sprechen, erkannte ich wohl, dass mein Wille daran keinen Teil hat; und etwas, das ich nicht
zu nennen weiss, erhielt mich noch. Nunmehr aber, da Gott in diesen Ständen mich an mich selbst
überlassen hat, ach, so glaube ich, ich täte dieses alles mit Willen! Nein, nein, o trostlose Seele! Es ist
nicht also wie du denkst. Gott stand dir niemals mehr bei als nun. Es ist wahr, Er nimmt dir das
Empfindliche dieses seines Beistands hinweg, dass du solchen nicht fühlst, weil dieses dir eine Stütze
sein würde, welche du verlieren musst.

Denn dein Wille war niemals vom Bösen so sehr geschieden, als er es nun ist. Allein diese Scheidung
des Willens ist dir verborgen. Denn da Gott deinen Willen in den Seinigen gleichsam verloren hat
(also dass du keinen Willen mehr findest, zu was es auch auf der Welt sein möchte), so ist dieses die
Ursache, dass du nicht empfinden kannst, dass dein Wille von dem was du erduldest, geschieden ist.
Gleichwohl aber vermag doch dein Wille in alle diese Dinge, die du erduldest, nicht einzugehen, da
dein Wille nicht mehr als ein Eigenwille noch als ein von dem Willen Gottes abgesonderter Wille
erscheint. Dieses nun ist die Ursache, dass du glaubst alles das zu wollen, was in dir vorgeht.
Indessen ist es doch wahr, dass da dein Wille mit dem Willen Gottes vereinigt ist, dass was du willst,
eine göttliche Zulassung ist.

Dieses ist der Stand der aufs allerhöchste gestiegenen Aufopferung, und zeigt an, dass solcher bald
zu seinem Ende gelangt. Allein es ist der Stand, der am allerschwersten und am allerentsetzlichsten
zu erdulden ist, und wo fast alle Seelen sich wieder nehmen, da sie sich nicht so ganz und gar oder
absolut überlassen können. Durch ihr Wiedernehmen aber verursachen sie sich einen unersetzlichen
Verlust, und verlängern oder endigen ihren Stand. Sie verlängern solchen, indem sie dessen
Vollendung verhindern.

Damit aber endigen sie ihren Stand, weil sie sich wieder nehmen. Jesus Christus am Kreuz, das
Muster aller Opfer, ist zugleich beides, die Wahrheit und das Vorbild dieser Aufopferung. Er ist die
Wahrheit dieses Opfers, da alle und jede Stände keine Wahrheit haben, ohne nur insofern sie in Jesu
Christo eingeschlossen sind. Er ist auch das Vorbild dieses Opfers, weil Er als unser Muster alle
Stände und Opfer durchgegangen ist. Jesus Christus demnach, als ein Vorbild dieses Opfers, bleibt
am Kreuz. Und da dieses Opfer fast unendlich war, und Er diese abscheuliche Verlassung seines
Vaters erduldete, so sprachen die Juden zu ihm: Steige vom Kreuz herab, so wollen wir an dich
glauben.

Noch jetzt finden sich Personen, welche in Ansehung dieser Seelen das Amt der Juden verrichten,
indem sie diese am Kreuz hangenden Seelen dahin bringen wollen, dass sie sich wieder nehmen, und
von ihrem Kreuz herabsteigen; wobei sie diesen Seelen versichern, wie sie hiedurch glauben würden,
dass ihr Stand von Gott sei, wenn sie ihr Kreuz verliessen und aus Gehorsam von solchem
herabstiegen.

0 wie sehr verachtete Jesus Christus diesen Glauben, welchen sie an Ihn haben wollten, weil Jesus
Christus wusste, wie hoch die Ueberlassung und Verlassung in dem Opfer seinen Vater verherrlichte.
Man verrichtet kein Opfer, wenn man solches nicht lässt vollenden. Ja man tut damit vielmehr Gott
eine Schmach an. Darum hat man die Vollendung der Opfer für eine so gar wesentliche Sache
allezeit gehalten, dass die Kirche, in welcher alle Stände sich eingeschlossen finden, niemals ein
Opfer unvollkommen lässt.

So sehr aber diese Verlassung von Gott in dem Opfer wesentlich zum Opfer gehört und Gott
verherrlicht, so schwer ist solche zu ertragen, besonders wenn man nahe bei dessen Vollendung ist.
Denn zu derselben Zeit scheint die Verlassung von Gott aufs höchste gestiegen zu sein. Darum
geschah es auch, dass Jesus Christus, welcher sich über keine äusserliche Marter oder Verschmähung
beklagt, sich gleichwohl über diesen Stand beklagt, um uns zu erkennen zu geben, wie höchst schwer
solcher zu erdulden sei. Er beklagt sich nicht um dadurch Erleichterung zu haben, sondern um uns
von der aussersten Strengigkeit dieses Standes eine Unterweisung zu geben: Mein Gott, mein Gott,
spricht Jesus Christus, warum hast du mich verlassen? Er nennt Ihn nicht mehr mit diesem süssen
Vaternamen, weil alle seine väterlichen Süssigkeiten in Strengigkeiten, ja in die äussersten
Strengigkeiten verwandelt sind, Mein gerechter Gott, will Er sagen, du tust alles mit Gerechtigkeit.

Mein rächender Gott, du rächst an mir alle von den Menschen gegen deine Grösse und Majestät
begangenen Missetaten mit einer so grossen Strengigkeit, die nicht auszusprechen ist. 0 gerechter und
rächender Gott, warum hast du mich verlassen, und in so viele äussere und innere Qualen
dahingegeben? 0 wie wahrhaftig ist es, dass diese Verlassung die Aufopferung streng und schrecklich
macht! Allein, o trostlose Seele, betrachte zu deinem Trost das was darauf folgt: Indem er das Haupt
neigt, spricht Er: Es ist vollbracht. Kaum hat Er sich über diese abscheuliche Verlassung beklagt, als
das Opfer vollendet ist. Eben also stirbt auch die Seele und lässt das Leben am Kreuz, und unter den
Händen der Liebe.

Die Personen, welche dieses lesen werden, und in diesem Opfer sind, werden sagen, dass ich mich
irre, und dass ihr Opfer sich hier nicht vollendet habe. Ich antworte, dass entweder ihr Opfer noch
nicht bis zu diesem Grad gelangt, oder dass sie sich in etwas wieder genommen haben; oder weil sie
sich nicht ganz und völlig überlassen haben, und also von dem Kreuz herabgestiegen sind,
indem sie einige Versicherung ausser Gott gesucht haben; und dieses verlängert oder verhindert die
Vollendung des Opfers.

Wenn aber eine Seele getreu ist, in diesem äusserst schweren Stand (ob sie gleich dem Tode nahe ist)
sich zu überlassen, ohne sich zu bewegen, und ohne ein Hilfsmittel zu suchen, und also im Frieden
der göttlichen Gerechtigkeit übergeben bleiben würde, ohne Versicherung zu suchen in was es auch
sein möge, eine solche Seele, sage ich, würde notwendigerweise durch diesen Stand alsbald vollendet
werden.

Dieses wird in den Opfern unserer Altäre ausgedrückt, weil diese Opfer sich alsbald vollenden, als
die Spezies durch die Verdauung sich vernichtigen. Auf gleiche Weise, sobald keine Stützen mehr
vorhanden, um dieses Opfer zu unterhalten, muss es notwendigerweise durch die Vernichtigung der
bestehenden Stützen sich endigen. Dieses aber geschieht, wenn Gott die Seele zu verlassen scheint,
indem Er der Seele diese geheime Stütze hinwegnimmt, welche, indem sie die Seele bestehen machte,
sie erhielt, und ihre völlige und gänzliche Vernichtigung dadurch verhinderte. Endigt sich aber das
Opfer nicht, so ist es darum, weil die Vernichtigung durch einige Stützen, oder weil man einige
Versicherung sucht, aufgehalten und verhindert wird.

Das Ende des Opfers ist die gänzliche und völlige Verlierung, welche, da sie der Seele alle und jede
Stütze hinwegnimmt (indem sie an allen Dingen verzweifelt), verursacht, dass die Seele
glückseligerweise in Gott wiedergefunden wird. Dieses aber geschieht niemals ohne nur nach dem
inneren oder mystischen Tod, wenn die Seele in einem so abscheulichen Stand ruhig und zufrieden
bleibt, und nicht mehr hofft, jemals von dannen herauszukommen. Alsdann geschieht es, dass ihre
kalte und zerstreute Asche durch die göttliche Macht wieder lebendig gemacht wird.

27)Nachdem der zweite Festtag gekommen war, blieb der Platz des Davids noch leer. Und
Saul sprach zu seinem Sohn: Warum ist der Sohn Isais weder gestern noch heute zum Essen
gekommen?
28)Jonathan sprach zu Saul: Er bat mich inständig, ihm zu erlauben nach Bethlehem zu
gehen.
30) Da wurde Saul zornig gegen den Jonathan und sprach zu ihm: Du Hurensohn, ich weiss
wohl, dass du den Sohn Isais liebst, zu deiner Schande und zu deiner infamen Mutter
Schande.

Man redet allgemein Uebles von der Vereinigung, welche die wahren Knechte Gottes unter sich
haben. Gleichwohl ist solches die Wirkung einer mächtigen Gnade, und die Frucht der Gebete Jesu
Christi, welche diese Einheit von Gott seinem Vater für die Seinigen erbeten hat. Gleichwohl
schreibt man es einer Schwachheit zu, und glaubt sogar, es wären lasterhafte Anhänglichkeiten, ob
solches gleich eine Frucht einer sehr reinen Liebe ist.

31) Denn solange der Sohn Isais auf Erden leben wird, wirst du niemals sicher sein, weder
für dein Leben, noch wegen deines Rechts zur Krone. So lasse ihn denn nun kommen, und
führe ihn zu mir, denn er muss sterben.

Die Art und Weise, wie Saul von dem David redet, da er ihn den Sohn Isais nennt, zeigt einen
rasenden Hass an, welcher macht, dass es einem schwer fällt, den Namen der gehassten Person
auszusprechen. Saul gibt dem Jonathan zu erkennen, dass es sein Interesse erfordere, den Tod des
David zu befördern, und glaubt, er könne den Jonathan damit gewinnen, wenn er zu ihm spräche:
Jonathan, es steht nichts Geringeres darauf als der Verlust des Königreichs. Kannst du wohl eine
Freundschaft erkaufen, die dir niemals anders als nachteilig fallen kann? Warum hältst du so eifrig die
Seite einer Person, die den Tod verdient? Die Worte des heiligen Textes lauten: Er ist ein Sohn des
Todes. Dieser Ausdruck, der nur einem Bösewicht zuzukommen scheint, schickt sich dennoch sehr
wohl für den David. Er ist ein Sohn des Todes, da Gott ihn in dem allerstrengsten und bittersten
Tod hält, der wohl gefunden werden mag.

32)Jonathan antwortete dem Saul, seinem Vater: Warum aber soll er sterben? Was hat er
getan?
33)Da nahm Saul einen Spiess, um ihn zu durchstossen. Hiedurch erkannte Jonathan, dass
sein Vater beschlossen hatte, den David zu töten.

Es ist unmöglich, dass ein Gnadenfreund sich aus Antrieb des eigenen Interesses lässt abwendig
machen. Wenn er dieses eigene Interesse fahren lässt, um sich Gott zu geben, so wird er von
demjenigen nicht mehr bewegt, was man gegen ihn sagen oder tun könnte. Er kennt die Wahrheit
der Vereinigung, die auf Gott allein gegründet ist; und solche besteht umso viel stärker, je mehr man
sie zu zerstören sucht. Jonathan scheut sich nicht, sich für den David zu erklären. Dieses aber tut er
auf eine so leutselige Weise, dass er damit auch die Steine hätte zum Mitleid bewegen können. Er
spricht: Was hat er denn getan, dieser unschuldige Mann? Und warum soll er sterben? 0 Jonathan, du
weisst noch nicht was dir die Vereinigung, in welcher du mit dem David stehst, kosten soll! Die
Vereinigung, die man mit Gnadenseelen hat, führt bei sich eine Gleichförmigkeit des Standes und
des Kreuzes. Weil David ein Freund ist, so musst du auch wohl an seinem Kreuz teilhaben.

Allein, wie weit erstreckt sich doch die Wut einer Seele, welche Gott verlassen hat, und die von lauter
Hass besessen ist? Saul ist nicht damit zufrieden, dass er David töten will, der doch der
Unschuldigste und der Allerbekümnerteste unter den Menschen ist, er will auch noch seinen Grimm
über seinen eigenen Sohn ausgiessen, und solchen töten, weil er den David liebt. 0 Saul, darin irrst du
dich nicht. Du würdest den David in dem Jonathan, und den Jonathan in dem David getötet haben;
denn ihre so starke und innige Vereinigung hat aus ihren beiden Herzen nur ein Herz gemacht.

Jonathan erkannte durch das üble Verfahren des Sauls wohl, dass der Tod des Davids beschlossen
war, weil seine Eifersucht alltäglich heftiger wurde. Man kann nicht glauben, wie grosses Uebel und
Schaden die geistliche Eifersucht anrichtet, und wozu sie sich nicht gebrauchen lässt. Mit diesen
andächtigen Eifersüchtigen ist nichts zu tun, als dass man die Zeit verliert, und sich selbst in Gefahr
begibt, ihre tolle Wut bei Gelegenheit zu erfahren. Es ist also das kürzeste, sie an andere zu weisen
(um sie zu führen), denn diese Eifersucht entspriesst verkehrten Neigungen oder aus einer
übermässig grossen Eigenliebe.

Die Geduld des Davids kann den Saul nicht gewinnen, er wird alle Tage grausamer. Nach dem Mass,
als Gott dieses Schlachtopfer (nämlich den David) durch seine Pfeile im Innern zerstört, übt Gott
auch solches von aussen durch schreckliche Verfolgungen.

Gewöhnlich geschieht es, dass Gott die inneren und äusseren Kreuze miteinander verknüpft. Die
Demütigungen und Verfolgungen gesellen sich sehr wohl zu den schrecklichen Vernichtigungen des
Innern. Gott tut dieses, um die Kreatur auf alle Art und Weise zugrunde zu richten und zu verlieren.

Dies geschieht vor Gott, indem sie nur den Zorn Gottes fühlt und erfährt; und vor den Augen der
Kreaturen, indem die Seele nichts sieht als dass sie verurteilt, verleumdet und verfolgt wird; und
endlich auch vor ihren eigenen Augen, indem die Seele sich nur eitel Sünde zu sein glaubt.
Gleichwohl werden von Gott nur sehr wenige Personen auf diese Weise aufs äusserste geübt, und
zwar nur solche Seelen, die Gott sich am meisten und auf eine ganz besondere Weise zum Eigentum
erkoren hat.

41) David stand auf von dem Ort, wo er war, und fiel nieder zur Erde und betete dreimal an.
Hernach, als sie sich gegrüsst und geküsst hatten, weinten sie alle beide, David aber am
meisten.

David stand auf von dem Ort, wo er war, um im rechten Ernst sein Todesurteil zu empfangen.
Allein, spricht die Schrift, er wirft sich zu gleicher Zeit nieder auf die Erde, welches seine
Vernichtigung anzeigt, wie auch seine Einwilligung, um sich ganz zu überlassen in dem Opfer, in
welches er durch eine völlige Unterwerfung unter den Willen Gottes eingeht. Die dreimalige
Anbetung, die er verrichtete, bezieht sich auf diese drei Arten von Opfern, wovon geredet worden
ist. Es ist gleichsam eine neue Einwilligung, um die ganze Grösse dieser drei Opfer zu tragen, indem
er den höchsten und souveränen Willen Gottes in Zulassung dieser Stände anbetet. Sie weinen alle
beide. Wie sollte es auch wohl möglich sein, bei einem so jämmerlichen Stand nicht zu weinen? Der
Schmerz war aufs höchste gestiegen,sowohl von seiten des Innern als auch des Aeussern. Es war
nichts als Tod auf allen Seiten.

42) Da sprach Jonathan zu David: Gehe hin im Frieden, und alles was wir beide im Namen
des Herrn geschworen haben, das bleibe fest und gewiss; und der Herr, wie wir geredet
haben, sei Zeuge zwischen dir und mir, zwischen deinem Samen und meinem Samen
ewiglich.

Obgleich die in Gott gemachten Vereinigungen die stärksten unter allen sind, so haben sie doch
diese Eigenschaft, dass sie (weil nichts Menschliches sie verbindet) auch ohne Anklebung sind. Die
Gegenwart macht sie nicht stärker, gleichwie auch die Abwesenheit ihnen keine Veränderung
verursacht.

Daher scheidet man voneinander ohne Mühe, wenn Gott es also verordnet. Das einzige, das man
wünscht, ist das, dass man den Frieden in den alleräussersten Kreuzen und Widerwärtigkeiten
behalten möge, weil dieser Friede ein gewisser Beweis ist, dass man sich von dem Willen Gottes
nicht entfernt hat. Jonathan und David erneuern den Eid, den sie sich im Namen und zur
Verherrlichung Gottes einander geschworen haben, und wünschen beiderseits, dass solcher bestehen
und festbleiben möge, ohne jemals davon abzufallen. Der Ausdruck, dessen sie sich bedienen, zeigt
an, dass da ihre Vereinigung nur auf den Willen Gottes gegründet worden, so sei das Mittel, um Gott
in ihnen zu behalten, dass sie diese von Gott gestiftete Vereinigung bewahren.

21. Kapitel. 

1) Nach diesem ging David nach Nob zu dem Hohepriester Ahimelech. Ahimelech
verwunderte sich, als er ihn sah, und sprach zu ihm: Warum kommst du allein?
6) Also gab ihm der Hohepriester das geheiligte Brot, denn es war kein anderes daselbst als
die Schaubrote, welche vor dem Herrn waren hinweggenommen worden.

Du fängst an, o David, von den Broten zu essen, welche nur den Priestern zu essen erlaubt ist; und
du fürchtest dich nicht, heilige Dinge zu entheiligen und das Gesetz Moses zu brechen? Nein, nein,
du selbst bist der Priester, welchen Gott geheiligt hat, um Gott die allerschrecklichsten
Aufopferungen darzubringen. Darum fängst du an, dein Priestertum über dich selbst auszuüben; und
indem du diese Uebung anfängst, ist es gerecht und billig, dass du dich mit dem heiligen Brot der
Priester ernährst. Du selbst bist der Opferpriester und das Schiachtopfer.gleichwie mein göttlicher
Herr und Meister solches sein sollte. Du opferst dich auf dem Herrn, und der Herr opfert dich auf.
Jesus Christus, dessen Vorbild du bist, hat eben dieses getan. Er hat sich seinem Vater mit seiner
eigenen Hand aufgeopfert, als Er das heilige Sakrament des Altars einsetzte, und sich selbst ass, Er,
als das wahrhaftige heilige Brot, von welchem die andern nur das Vorbild waren; um durch dieses
Opfer, da Er sich selbst aufopferte, in dasjenige Opfer einzugehen, welches sein Vater tun und Ihn
am Kreuz aufopfern sollte. Dieses soll uns lehren, dass man das Brot des Abendmahls den Seelen
nicht hinwegnehmen soll, die in diesem Stand des Opfers sind. Vielmehr muss man sie damit nähren,
und dieses heilige und göttliche Brot gibt Kraft um aufgeopfert zu bleiben.

8) David sprach ferner zu dem Ahimelech: Hast du hier nicht einen Spiess oder ein Schwert?
Denn ich habe weder mein Schwert noch meine Waffen mit mir genommen, weil des Königs
Geschäft eilig war.
9) Der Priester sprach zu ihm: Es ist hier kein anderes als dasselbe, womit du den Goliath
geschlagen. David antwor tete: Es ist kein besseres, gib es mir.

David begehrt Waffen vom Priester, um sich damit vor so vielen Feinden zu beschützen, oder um
sich wenigstens ein wenig in Sicherheit zu setzen. Allein der Priester Gottes spricht zu ihm, es seien
keine anderen Waffen als dieselben, womit er den Goliath geschlagen. Welches sind denn die
Waffen, womit David den Goliath niederschlug? Es waren solche das Vertrauen in Gott, die
Uebergabe und der Glaube. In der Zeit des Opfers darf man keine anderen Waffen als diese haben.
Man muss nicht nur in Gott vertrauen, und sich dazu übergeben, sondern man muss sich zudem in
den Händen Gottes lassen, ohne für sich selbst Sorge zu tragen, und wie eine vergessene Sache sein,
um welche man sich nicht mehr bekümmert. David sah wohl , dass dies das beste war, und dass für
ihn nichts anderes zu tun sei, als sich unter den Händen Gottes zu lassen, dessen Hilfe er so oftmals
erfahren hatte. Darum bekennt er auch, dass in der Welt keine besseren Waffen als diese seien.

10) Also entfloh David damals vor dem Zorn des Sauls, und er kam zu Achis, dem König von
Gath.

Es ist nicht genug für den David, dass er durch das, was er innerlich erfährt, zerstört wird, noch dass
er die Verfolgung der Menschen erdulde, er muss auch noch umherziehen und umherirren, ohne
bleibenden Ort, ohne Wohnung, und ohne zu wissen, wohin er seinen Fuss setzen soll. Hiedurch
wird die Entblössung des Glaubens sehr wohl ausgedrückt. Wenn Gott eine Seele bis aufs äusserste
treiben und vernichtigen will, so lässt Er sie in der Wüste umherirren, wie die Kinder Israel. Ja, Gott
tut noch mehr als dieses. Denn in der Zeit der äussersten Verlierung lässt Er ihr mit grossem
Uebermass dasjenige erfahren, was unser Herr von sich selbst spricht: Die Vögel haben Nester und
die Füchse Gruben, des Menschen Sohn aber hat nicht, wo er sein Haupt hinlege (Matth.8,20).
Dieses erfährt man auf eine dreifache Weise. Erstlich von Innen, da durch das völlige Opfer alle
Stützen hinweggenommen werden, gleichwie man dieses durch das, was oben davon gemeldet
worden, hat sehen können. Und was die Seelen betrifft, die gleichwie David von Gott auf eine
besondere Weise erwählt werden, für solche sind hierin gar keine Grenzen noch Schranken, um aus
ihnen Wunder der Vernichtigung zu machen. Die zweite Weise ist vor den Menschen, indem Gott
diesen Seelen alle Unterstützung und allen Trost hinwegnimmt, und macht, dass sie bei allen
Menschen die Hochachtung verlieren. Ja diese wird ihnen gar ohne alles Erbarmen hinweggerissen,
damit ihnen keine Ruhe in keiner Kreatur in der Welt bleibt. Die dritte Weise ist, wenn Gott auch
noch ein umherirrendes und umherziehendes Leben dazu fügt, welche Lebensart unter allen am
meisten demütigt, indem solche ihnen gar keine bleibende Stätte lässt; gleichwie Paulus solches wohl
erfahren hatte. Dies gereicht zur äussersten Beschämung und fällt sehr schwer zu ertragen. Man
muss an allen Orten und trotzdem an keinem sein. Man wird für einen Flüchtling gehalten, von
welchen Personen man eine gar üble Meinung hegt.

Auf diese dreifache Weise ist David zu gleicher Zeit bekümmert worden. Fast alle Personen, welche
Gott durch diese Wege führt, erfahren nur einen Teil dieser Stände. Allein, diese Stände alle
zusammen zu erfahren, solches ist eine Gnade, die Gott seinen liebsten und grössten Günstlingen
vorbehält. Es muss auch Gott in eine Seele einen erstaunlich grossen Glauben gelegt haben, wie auch
eine sehr grosse Uebergabe und Herzhaftigkeit, um in einem solchen Stand zu bestehen, besonders
wenn er lange Zeit währt. Ein solcher Stand ist sehr schrecklich und vernichtigt mächtig. David ist in
keiner Sache geschont worden. Und gleichwie sein Inneres das allergrösste Innere unter den Heiligen
des Alten Testaments gewesen, also musste er auch ohne Schranken und ohne Barmherzigkeit
zerstört werden.

13) David verstellte sein Angesicht vor den Philistern, er taumelte und fiel unter ihren
Händen, er stiess sich an die Pfosten der Türe, und der Speichel floss ihm auf den Bart.
14) Da sprach Achis zu seinen Bedienten: Ihr sehet ja wohl, dass dieser Mann ein Narr ist;
warum habt ihr ihn denn zu mir geführt?
15) Fehlt es uns an Unsinnigen, dass ihr auch noch diesen hiehergebracht habt, damit er in
meiner Gegenwart rase?

Die Schrift erzählt dieses, und Gott wollte, dass David ein Narr zu sein schien, um von aussen einen
von den Ständen auszudrücken, welche man in dem Opfer erfährt, von welchem wir oben Meldung
getan haben. Dieses aber währt nicht lange. Gewöhnlich kommt dieser Stand anders nicht, als wenn
man sich Gott nicht genugsam lässt. Gleichwohl gibt es auch Seelen, die diesen Stand wahrhaftig
erfahren. Darum ist es auch geschehen, dass Jesus Christus, der allerlei Stände getragen hat, um sie
alle zu heiligen, bei dem Herodes für einen Narren hat gehalten sein wollen, um die Personen zu
trösten, welche sich in diesem Stande befinden möchten. Ist Er nicht den Juden ein Aergernis und
den Heiden eine Torheit gewesen? (1 .Kor.1,23). Hier kann man die Gleichförmigkeit anmerken,
welche sich zwischen Jesu Christo und dem David findet. Jesus Christus wird vor dem Herodes für
einen Narren gehalten, David aber vor dem Achis.
22. Kapitel. 

1) Da ging David aus von Gath und floh in die Höhle Adul lam. Da seine Brüder und seines
Vaters ganzes Haus dieses erfuhren, kamen sie auch dahin zu ihm.
2) Und alle, welche in Trübsal waren, beschwert und durch Schulden gedrückt, die kamen
zu ihm, und er wurde ihr Fürst.

Alle bekümmerten Personen verfügen sich zu dem David, welcher in eine Höhle geflohen war, um
die Wut seiner Feinde zu vermeiden, und darin einige Ruhe zu finden. 0 grosser Prophet, du wirst
ebensowenig eine bleibende Stätte haben als dein Herr und Meister. Allein, ob es dir gleich an einem
Zufluchtsort fehlt, so wirst du doch selbst die Zuflucht aller Betrübten sein. Alle die in Trübsal sind,
werden mitten in ihren Schmerzen aufs höchste erfreut, wenn sie andere Personen finden, welche
eben die gleichen Unterdrückungen und Leiden erdulden. Dieses stiftet unter ihnen eine sehr starke
Vertraulichkeit und Freundschaft.

Es wird gemeldet, dass David ihr Fürst gewesen, weil keiner unter solchen ihm gleich war; ja er war
durch die Grösse seiner Pein ebenso hoch über sie erhaben, als ein König über seine Untertanen
erhaben ist. Er war auch ferner ihr König in der Uebergabe und Ueberlassung, denn die andern
fanden sich durch ihre Peinlichkeit unterworfen, weil ihre Ueberlassung nicht vollkommen war.
David aber triumphierte über die Peinlichkeiten selbst, und dieses wegen seiner Einförmigkeit mit
dem Willen Gottes. Er ist auch noch darin ihr König, weil er, ob er schon unter allen Menschen das
schwerste Leiden erduldet, dennoch alle anderen tröstet, ohne ihnen seine Pein zu erkennen zu
geben. Er überwältigte seine Schmerzen aus Mitleid über die Schmerzen der andern. Er regiert, weil
sie ihm gehorchen und ihm folgen.

Eben also geht es jederzeit unter den inneren Seelen; gleichwohl regieren sie nur über diejenigen,
welche ihnen ähnlich sind, und eben also bekümmert sind, gleichwie sie.

5) Der Prophet Gad sprach zu David: Bleibe nicht in dieser Festung. Gehe da heraus und
gehe in das Land Juda. Also begab sich David weg von diesem Ort, und kam in den Wald
Hereth.

Gott kann nicht dulden, dass David einen Zufluchtsort habe; darum sendet Er seinen Propheten zu
ihm. Alle Führer sollten mit den von ihnen geführten Personen, wenn sie in diesem Stand sind, eben
auf diese Weise verfahren, und ihnen alle Schlupfwinkel und Zufluchtsörter abschneiden. Allein sie
tun ganz das Gegenteil. Sie unterstützen solche, sie schwächen ihnen die Wahrheit und verhindern
sie dadurch, ihnen selbst abzusterben. Gleichwohl bezeugt Gott seinen Zorn darüber, wenn Er
spricht: Wehe euch, die ihr Kissen unter die Ellbogen des Hauses Israel legt (Hesek.13,18). In der
Festung bleiben ist, wenn man sich in eine Art der Versicherung oder Sicherheit setzt; solche aber
wird nicht für dich sein, o heiliger König! Du darfst keine andere Versicherung haben als die
Verlierung. Wenn du aber in das Land Juda gehst, dh. wenn du dich Gott ohne Vorbehalt übergibst,
so wirst du durch die Verlierung aller Versicherung in Sicherheit sein. Sobald die Seele ihre Stützen
verlässt, so geht sie ein in die Kraft Gottes, durch das Land Juda ausgedrückt. Je mehr die Seele alle
Stützen in ihre Kraft und in ihre Gerechtigkeit verliert, umso vielmehr findet sie dieselben in Gott.
7)Saul sprach zu seinen Knechten: Wird auch der Sohn Isais euch allen Felder und
Weinberge geben? Wird er euch zu Obersten und Hauptleuten machen,
8)Dass ihr euch alle wider mich verbunden habt, und ist keiner, der mir einige Nachricht
gebe? Auch mein Sohn selbst hat mit dem Sohn Isais einen Bund gemacht. Und keiner
unter euch ist der mein Unglück beklagt, noch mir etwas verkündigt. Und mein eigener
Sohn hat aus meinen Knechten mir einen Feind erweckt.

Saul verfolgt den David aus allen seinen Kräften, und David tut nichts anderes, als dass er flieht.
Dennoch beklagt sich Saul über ihn, als ob David ihm tausend Uebel zugefügt, da indessen der
Verfolgte im Stillschweigen bleibt. Die Unruhe und der Argwohn sind allezeit bei der Eifersucht und
bei den Uebeltaten, da indessen die verfolgte Unschuld eine ruhige Heiterkeit des Gemüts zur
Gesellschafterin hat. Es ist genug, tugendhaft zu sein, um Trübsal zu haben. Die Tugend und eine
erhabene Gnade teilen der Seele einen gewissen Charakter mit, welcher, indem er sich von
ihresgleichen lieben macht, zu gleicher Zeit den Neid, die Eifersucht, den Hass und den Grimm bei
denjenigen erweckt, die eben dieselben Vorteile nicht besitzen.

9) Doeg, der Edomiter, der dabei stand, sprach: Ich sah den Sohn Isais zu Nob, bei dem
Hohepriester Ahimelech, dem Sohne Ahitubs;
10) Welcher den Herrn für ihn gefragt hat, und ihm Lebensmittel und das Schwert Goliaths
gegeben hat.

Es finden sich solche tückische Schmeichler nur allzuviel, welche aus Eigennutzen, oder um sich bei
vornehmen Leuten lieb zu machen, solche verfolgte und an Gott übergebene Personen anklagen. Ist
denn dieses eine so grosse Uebeltat, wenn man zum Priester Gottes geht, ihn um Rat zu fragen, und
Nahrung von ihm zu empfangen? Gleichwohl wird David deswegen als um einer Uebeltat willen
angeklagt, und eben dasselbe wirft man auch den inneren Seelen vor. Man spricht, sie sehen den
Priester Gottes; was wollen diese Personen? Warum brauchen sie so vielen Rat? Warum so viele
Gebete? Warum gibt ihnen der Priester das heilige Brot des Abendmahls? Dieses muss man nicht
leiden.

11) Da sandte der König hin, und Hess den Hohepriester Ahimelech holen, und mit ihm alle
Priester vom Haus seines Vaters, die zu Nob waren.
12)Da sprach Saul zu dem Ahimelech: Höre du Sohn des Ahitubs. Ahimelech antwortete
ihm: Was beliebt meinem Herrn?
13)Saul fügte bei: Warum habt ihr euch wider mich verschworen, du und der Sohn Isais? Du
hast ihm Brot und ein Schwert gegeben, und hast Gott für ihn um Rat gefragt, damit er
gegen mich aufstünde.

Wenn man misstrauisch oder argwöhnisch ist, so wird man durch alles in Sorge gesetzt und
aufgebracht. Man sendet hin, diesen ehrwürdigen, frommen Priester zu holen, um ihn als einen
Uebeltäter zu verhören, der eine schreckliche Uebeltat begangen; er hat sich gegen seinen König
verschworen. 0 dieses ist eine Missetat, die nicht genug bestraft werden kann. Aber auf diese Weise
handelt man, wenn man die Knechte Gottes verleumden will. Man beschuldigt sie lügenhafterweise,
als ob sie greuliche Fehler begangen. Dieses bringt man vor, als ob es gewisse Wahrheiten wären,
obgleich alles nur erdichtet ist, und aus der Einbildung einer misstrauischen Person herkommt. Wie
aber beweisen sie denn diese erdichteten Uebeltaten? Wenn alles wohl beleuchtet worden, so läuft es
dahinaus, dass man die heilige Kommunion allzu oft gegeben, dass man das innere Gebet angeraten,
und Waffen gegeben, um sich wider die Feinde Gottes zu beschützen, welche Waffen das Vertrauen
und die Uebergabe an Gott sind. Sind dieses denn Beweise grosser Missetaten? Ach können wohl so
heilige und unschuldige Dinge einen Menschen schuldig oder strafbar machen?

14)Ahimelech antwortete dem König: Ist auch wohl einer unter den Knechten, der dir so
getreu ist wie David? Er, der des Königs Schwiegersohn ist, der in deinem Befehl wandelt,
und so grosse Gewalt in deinem Hause hat?
15)Ist es heute das erstemal, dass ich den Herrn für ihn gefragt habe? Ich war weit entfernt,
hierin etwas wider dich zu tun. Der König fasse keinen so üblen Argwohn wider mich und
von meines Vaters ganzem Haus.
16)Der König sprach zu ihm: Ahimelech, du musst des Todes sterben, du und deines Vaters
ganzes Haus.

Ahimelech, du sagst eine Wahrheit, die dich teuer zu stehen kommen wird.Er will den verfolgten
David entschuldigen. Dieses nötigt ihn, dem König vorzustellen, dass unter allen seinen Dienern
keiner so getreu ist wie David. Dieses ist sehr wahrhaftig, denn je mehr man Gott getreu ist, umso
viel getreuer ist man auch gegen seinen Fürsten. Nun aber, welcher grösserer Beweis der Treue ist zu
finden als die Liebe zu Gott und die Geduld in Trübsalen? Dieser fromme Priester gibt die lautersten
Kennzeichen, um die Wahrheit dessen, was er vorträgt, zu beweisen. Erstlich sagt er, ist David der
allergetreuste in seinem Weg unter allen, welche darauf wandeln. Er handelt nicht mit einer
knechtischen Furcht, sondern mit der Liebe eines Sohnes. Er gehorcht allem Willen Gottes ohne
Widerstreben.

Ja, er tut auch alles, was man ihm befiehlt, mit weit grösserer Vollkommenheit als jeder andere.
Dieses sind die allergewissesten Kennzeichen der Heiligkeit einer Seele. Aber alles dieses ist doch
unvermögend, ein vergälltes Herz zu gewinnen. Es ist genug, um für einen Uebeltäter gehalten zu
werden, wenn man einen Unschuldigen verteidigt, oder wenn man nur ihn nicht anklagt; und damit
macht man, dass man in dessen Unglück mit verwickelt wird. Man muss sterben. Ja, was noch mehr
ist, der Hass erstreckt sich sogar über die Personen, welche mit einer so unschuldig verfolgten
Person entweder durch das Geblüt oder durch Freundschaft verbunden sind.

17) Der König sprach zu seinen Trabanten, die um ihn wa ren: Wendet euch und tötet die
Priester des Herrn. Aber die Knechte des Königs wollten nicht ihre Hände an die Priester
des Herrn legen.

0 unmenschlich grausamer König ! Du willst aus deinen Knechten lauter Heiligtumsschänder


machen, damit sie dir ähnlich sein mögen. Du willst sie zu Gesellen deiner Uebeltaten haben, und
dass sie deiner Rache sich teilhaftig machen sollen. Allein sind sie gleich zu schwach, dir zu
widersprechen, so sind sie doch auch nicht boshaft genug, um dir in solchen Dingen zu gehorchen.
Und dass sie dir diesen Gehorsam versagen, solches sollte dir zu einer Lehre dienen. 0 da sei Gott
vor, wird ein solcher frommer Mann sprechen, dass ich meine Hände in das Blut des Priesters
Gottes tauchen, und meine Zunge dazu dienen sollte, ihm das Leben der Ehre (oder seinen ehrlichen
Namen) zu nehmen, welches dem Leibesleben noch vorzuziehen ist. Dieses kann ich nicht tun, weil
dies ein frommer Mensch und ein Diener Gottes ist.
18) Da sprach der König zu Doeg: Gehe und werfe dich auf die Priester. Und Doeg, der
Edomiter, wandte sich und warf sich auf die Priester, und tötete an demselben Tag
fünfundachtzig Mann, welche das leinene Ephod trugen.

Der grausame Verfolger, weit entfernt sich zu bekehren, oder durch die abschlägigen Antworten und
durch das ihm gegebene Beispiel seiner Knechte sich rühren zu lassen und in sich zu schlagen, dieser
grausame Verfolger wird immer wütender. Und da er wohl vermutete, dass derjenige, der die Priester
des Herrn so heimtückisch angeklagt,
auch grausam genug sein würde, um diese Priester zu erwürgen, so befiehlt Saul ihm solches; und die
Redensart, deren er sich hiezu bedient, zeigt zur Genüge den Grimm, womit er entzündet ist.
Wieviele Personen gibt es doch, welche jetzt eben also verfahren, wenn sie gegen die inneren Seelen
in Harnisch gebracht sind. Keine Verleumdung ist ihnen zuviel, um solche gegen diese unschuldigen
Seelen zu gebrauchen, und ihnen damit das Leben der Ehre und des guten Namens zu rauben, ja
öfters wohl das natürliche Leben dazu.
Doeg, der allerboshafteste Mensch, vollstreckt den Willen seines Herrn so wohl, dass er eine so
grosse Anzahl Priester tötet. Sie waren alle mit dem leinenen Ephod bekleidet, um die Reinigkeit und
Unsträflichkeit ihres Lebens damit anzuzeigen; gleichwie die grosse Anzahl bedeutet, dass alle
Personen, die mit ihnen vereinigt sind, auch an ihrem Martyrium teilhaben sollen.

19) Hernach ging er nach Nob, welches die Stadt der Priester war, und schlug mit der
Schärfe des Schwertes die Männer, Weiber, kleine Kinder und Säuglinge; auch tötete er die
Ochsen, die Esel und die Schafe.

Keine Verfolgung ist so schrecklich als die Verfolgung gegen die wahrhaftigen Knechte des Herrn.
Es wird nicht nur keiner verschont, wie einfältig und unschuldig er ist (wäre es auch nur ein
Anfänger im inneren Leben, gleichwie die säugenden Kinder), sondern man verschont auch nichts
von allem dem, was ihnen angehört. Man ist damit nicht zufrieden, ihnen allen die Ehre und den
guten Namen zu rauben, sondern man trachtet sie auf alle Art und Weise zu verderben.
Wenn David dies ausser Gott angesehen hätte, so würde er vor Leid gestorben sein. Denn einem
grossmütigen Herzen scheinen alle Verfolgungen, die uns selbst betreffen, nichts zu sein im
Vergleich zu jenen Verfolgungen, womit man die Führer und Freunde, welche die Gnade mit uns
vereinigt hat, um unsertwillen belegt. Dieses ist der schwerste und schrecklichste Streich der
Verfolgung. Man würde tausendmal Ehre und Leben hingeben, um die mit uns vereinigten Personen
hierin zu verschonen und zu erhalten, welche um unsertwillen verfolgt werden. Man kann nicht
glauben, wie schwer dieses einem guten und edelmütigen Herzen zu ertragen ist. Gleichwohl muss
man sich wohl hüten, die Dinge ausser Gott anzusehen, und sich darüber zu bekümmern,
ebensowenig als um die Dinge, die uns selbst widerfahren. Sondern man muss von ganzem Herzen
wollen das was Gott will und zulässt, sowohl über uns selbst, als auch über andere um unsertwillen.
Jesus Christus, das wahre Muster aller inneren Seelen (gleich wie David das vortrefflichste Vorbild
dieses liebenswürdigen Originals gewesen ist), hat die Verfolgung und den Tod der unschuldigen
Kinder, die man um seinetwillen erwürgte, erdulden wollen, damit auch wir diese Dinge mit
grösserer Geduld ertragen sollen. Gleichwie in Jesus Christus nichts sein sollte, das vorher nicht in
David vorgebildet worden, so muss auch noch diese Gleichförmigkeit sich finden, dass man um
seinetwillen so viele Leute tötet, und dass Saul die Stelle des Herodes vertritt, gleichwie David es wie
Jesus Christus macht, nämlich alles zu leiden und machen zu lassen.
20)Einer von den Söhnen des Ahimelechs,namens Abjathar, entrann und floh zu David;
21)Und verkündigte ihm, dass Saul die Priester des Herrn getötet habe.

Gott lässt es allezeit geschehen, dass einige Personen aus der Niederlage und aus dem Schiffbruch
entrinnen, um solches zu verkündigen. Blieben uns die Verfolgungen verborgen, so wären sie keine
Verfolgungen mehr. Als Hiob vom Teufel verfolgt wurde, entrann jederzeit der eine oder andere von
seinen Knechten, der ihm seinen Verlust ankündigte. Gott lässt keine Verfolgung vorübergehen,
ohne es diesen auserwählten Seelen bekannt machen zu lassen. Diejenigen, welche es ihnen
verkündigen, verwundern sich öfters, dass ob sie gleich den Vorsatz gefasst, diese böse Nachricht zu
verschweigen, sie dennoch davon reden müssen, ohne dass sie daran gedenken. Denn da Gott in
diese auserkorenen Seelen seine Kraft gelegt hat, so handelt Er mit ihnen als Gott, und schont ihrer
im geringsten nicht.

22) David sprach zu Abjathar: Ich wusste es wohl, weil Doeg, der Edomiter, an jenem Tag
dort war, dass er es dem Saul ausser Zweifel sagen würde. Ich bin schuldig an dem Tod des
ganzen Hauses deines Vaters.

Es ist wunderbar und wohl zu merken, wie wohl David sich zu mässigen weiss. Er bricht nicht aus
weder in Klagen noch in Scheltworte gegen diejenigen, welche dieses Uebel getan haben; und sein
Schmerz über die Getöteten bricht ebenfalls mit keinem Uebermass hervor. Mit einer vollkommenen
Gelassenheit (die Gottes wohl würdig ist, der den David besitzt) erzählt er nur, dass er es wohl
vermutet habe, dass Doeg (gegen welchen er weder schmäht noch ihn schilt) es dem Saul wieder
sagen würde. Hernach kehrt David sich wider sich selbst in der äussersten Demütigung, die er
innerlich trägt, und klagt sich an über alle diese Mordtaten. Ja er glaubt, er sei an allem schuldig. 0
mein Gott! Vergönne mir zu sagen, dass wenn Hiob der geduldigste Mensch gewesen in dem
Zeitalter, in welchem er lebte, so ist gewiss David der geduldigste in allen Zeitaltern gewesen, welche
der Menschwerdung Jesu Christi vorangegangen sind; und es ist zwischen der Geduld des Davids
und der Geduld der andern Patriarchen fast ein ebenso grosser Unterschied, als zwischen der Geduld
Jesu Christi und der Geduld der Heiligen. Doch ist dieses zu verstehen mit der Proportion, ohne
Proportion, die zwischen einer Kreatur und Gott ist.

Ich bekenne, dass Hiob ein Spiegel der Geduld ist, aber alle seine Schmerzen sind nur auf ihn selbst
gerichtet. Er lässt sich von Gott berauben und entblössen, allein er will doch unschuldig scheinen,
und kann sich nicht schuldig geben. David hingegen nimmt, wie sein Meister, die Sünden auf sich,
die er nicht begangen hat. Die Ursache, warum David sich also schuldig zu sein glaubt, ist, weil er in
sich selbst eine Ueberzeugung seiner Verlierung trägt. Und gleichwie die Verlierung, die er innerlich
erduldete, weit grösser war als alles, was von aussen davon schien, so drang ihn dieses, dass er sich an
allem schuldig zu sein glaubte. Ich weiss, und es ist auch wahrhaftig, dass die Entschuldigungen des
Hiobs aus der Gewissheit seiner Unschuld entsprangen. David aber klagt sich an, weil eben dieselbe
Unschuld ihm verborgen ist. Es sind in dem einen und in dem andern verschiedene Stände, die in
einer inneren Seele sich zutragen.

23) Bleibe bei mir und fürchte nichts. Wenn jemand nach meinem Leben trachtet, der trachte auch
nach dem deinigen, und du sollst mit mir erhalten werden.
Alles was man in diesem Stand tun kann, besteht darin, dass man denen um unsertwillen verfolgten
Personen aus allen Kräften Beistand leiste, und sie aufnehme. Man soll mit Jesu Christo sagen: Weil
ihr in meiner Trübsal bei mir verharrt habt, so habe ich euch ein Königreich bereitet, gleichwie mein
Vater mir ein solches bereitet hat (Luk.22,2829). Oder, welches ebensoviel sagen will: Ihr seid um
meinetwillen unterdrückt worden, daher sollt ihr auch mit mir gleicher Glückseligkeit teilhaftig
werden. Weil wir in dem Schmerz und Leiden einander Gesellschaft geleistet, so müssen wir auch in
der Herrlichkeit einander Gesellschaft leisten. Dieses ist ebenfalls eine Gleichförmigkeit des Standes
zwischen Jesu Christo und dem David.

23. Kapitel. 

1) Hernach wurde dem David angesagt: Siehe, die Philister streiten wider Kehila und
plündern die Tennen.
2)Da fragte David den Herrn und sprach zu ihm: Soll ich gegen die Philister ziehen, und
werde ich sie schlagen? Der Herr antwortete ihm. Ziehe hin, du wirst die Philister schlagen
und Kehila erretten.

Die Liebtätigkeit des Davids ist sehr gross. Hatte er nicht Feinde genug, denen er auf allen Seiten
Widerstand tun musste? Daher hatte er keine Ursache, sich noch mehr Lasten aufzubürden, und
noch andere Feinde anzufallen, um seine Brüder aus ihrer Unterdrückung loszureissen. War er nicht
weit mehr zu beklagen als sie? Sollte er nicht denken, solange Saul mit einem andern Krieg
beschäftigt sei, würde solcher aufhören, ihn zu verfolgen? Dieses sei des Sauls Sache, ihm müsste
man überlassen, sein Königreich zu erhalten; es sei besser, an seine eigene Sicherheit zu denken, als
jene Feinde anzufallen? Nein, nein, David ist allzu edelmütig, um sich durch das eigene Interesse
bewegen zu lassen. Seine Liebe ist allzu rein und allzu rechtschaffen, um sich selbst noch anzusehen.
Es ist genug, dass er Gott um Rat fragt, und dessen Wille erkenne, um solchen zu folgen, sollte man
ihn gleich für verwegen halten. Also sollen sich die inneren Personen betragen. Sie müssen von aller
Eigenheit so gar los und frei sein, dass, ohne sich selbst anzuschauen, noch die Uebel, die sie
erdulden, noch auch ebensowenig den Schaden, der ihnen daraus erwachsen könnte, dass sie allezeit
bereit sind, die andern zu unterstützen, und zu trachten, sie von ihren Feinden zu erretten. Darum
verspricht auch Gott dem David, dass Er sie erretten werde, um seiner Liebtätigkeit willen.

5) Da ging David hin mit seinen Leuten nach Kehila. Er stritt wider die Philister, und tat
eine grosse Schlacht an ihnen. Er führte ihre Herden hinweg, und errettete die Einwohner
von Kehila.

Gott verschafft, dass die Liebtätigkeit des Davids siegreich ist, indem Er durch ihn dieses Volk aus
der grossen Gefahr, worin es war, errettete. 0 Gott, wie wunderbar bist du! Du bedienst dich der
Notwendigkeit, in welcher dein Knecht steckt, dass er muss flüchtig und umherirrend sein, um
unendlich viele Leute zu erretten. Gott schlägt und trifft mit einem Pfeil verschiedene Ziele, und
dieses ist die wunderbare Haushaltung der Weisheit Gottes. Won aussen sieht
man nichts als einen verfolgten David, der vor seinen Unterdrückern flüchtig ist. Man erkennt aber
nicht, dass Gott eben hiedurch ein wunderbares Innere in dieser Seele aufbaut, und dass Er sich
dieser Ausläufe und dieser Flucht bedient, um vielen das Heil dadurch zu neben, indem einige aus
der Tyrannei der Sünde losgerissen werden. Andern leistet man Hilfe, den Streit auszuhalten, und
ihre Feinde zu überwinden; diesen bläst man den Mut ein um fortzuschreiten, und im Weg
auszuhalten; jenen andern eröffnet man den Weg der Uebergabe und des Glaubens. Kurz, es steht
nur Gott zu, solche Wunder zu tun, welche in Ihm verborgen bleiben, bis es Gott gefällt, solche zu
offenbaren.

7)Als Saul vernahm, dass David nach Kehila gekommen war, sprach er: Der Herr Gott hat
ihn in meine Hände gegeben. Er ist gefangen, weil er in eine Stadt eingegangen ist, welche
Tore und Schlösser hat.
8)Er befahl also dem Volk, dass es wider Kehila ziehen und den David und seine Leute darin
belagern sollte.

0 greuliche Blindheit der Verfolger! Und o wie schrecklich lang ist der Stand, in welchem die
Verfolgung währt! David befreit den Saul von seinen Feinden, und Saul bedient sich eben desselben,
um den David anzufallen, so gar wahrhaftig ist es, dass ein leidenschaftliches Gemüt sich aller Dinge
zu seinen feindseligen Absichten bedient! Ja Saul glaubt gar Gott einen Dienst zu erweisen und Ihn
zu verherrlichen, wenn er einen Menschen, der Gott so lieb ist, vertilgt. Seine Torheit kommt gar auf
den höchsten Grad, dass er sich überredet, Gott werde hierin auf seiner Seite sein. Der Herr, spricht
er, wird ihn mir überantworten, damit ich ihn strafe; er wird meinen Händen nicht entrinnen können.
Er nimmt alle seine Leute mit sich, um den David zu vertilgen, den besten Freund, den er in der
Welt hatte, mit welchem er als wie mit seinem ärgsten Todfeind handelt. Die eine grosse Gnade von
Gott besitzenden Seelen haben für ihre Verfolger eine sehr grosse Liebe, ja sie würden wohl das
Leben für solche hingeben. Gleichwohl glaubt man von ihnen allezeit das Gegenteil, und man
verfolgt diese so getreuen Seelen mit der äussersten Strengigkeit. Allein warum ein ganzes Königreich
wider einen einzigen Mann zu waffnen, der die Sanftmut selbst ist, und welcher von einer Schar
solcher Seelen begleitet wird, die in eben derselben Trübsal leben gleich wie er? Die Ursache aber ist,
dass er auch noch hierin das Vorbild Jesu Christi in seinem Leiden sein soll (Matth.25,55). Ihr seid zu
mir gekommen, spricht der göttliche Meister, als wie zu einem Strassenräuber, der ich doch alle Tage
bei euch gewesen bin aus Liebe meines Herzens, und vermittelst der Sorge meiner Vorsehung.

9) Da wurde David angesagt, dass Saul sich heimlich rüstete, ihn zu vertilgen, und er sprach
zum Priester Abjathar: Bringe das Ephod.
10) Und David sprach: Herr Gott von Israel, dein Knecht hat sagen gehört, dass Saul sich
rüste nach Kehila zu kom men, um diese Stadt um meinetwillen zu zerstören.

David ist bekümmert, dass Saul die Stadt zerstören will, die er kurz vorher mit so grosser Sorgfalt
erhalten hatte. Er wendet sich aber nur zu Gott. Und wie tut er dieses? Mit dem Priester, den Gott
ihm gegeben hat. Die Führung, welche Gott mit den inneren Seelen hält, ist sehr wunderbar. Gott
bedient sich ihrer, viele gute Seelen in ihren Stand wieder herzustellen (wovon diese Stadt das
Vorbild ist), und sie aus den Sünden und aus dem Elend loszureissen, um sie in den Weg Gottes
eingehen zu machen. Sobald nun dieses geschehen, so kommen die Personen, welche über jene
Seelen zu gebieten haben, und welche solche in dem Guten erhalten sollten; diese, sage ich, kommen
mit ebenso grosser Gewaltsamkeit als ihre ersten Feinde, um das Gute ihnen zu rauben. Es ist genug,
dass dieses Gute ihnen durch den David ist erworben worden, um ihren Argwohn zu erwecken, und
verdächtig zu sein, und dass man es ihnen daher hinwegnehmen will. 0 wunderbare Führung der
Weisheit meines GottesI Dieses findet sich also fast in allen Seelen, welche von Gott zu einem
erhabenen Innern bestimmt sind, und durch welche Gott am meisten Gutes stiften will.
11) Werden die Einwohner von Kehila mich in seine Hände übergeben? Und wird Saul
kommen, wie dein Knecht hat sagen gehört? Herr Gott von Israel, gib dieses deinem Knecht
zu erkennen. Der Herr antwortete: Saul wird kommen.
12)David sprach ferner: Werden die von Kehila mich übergeben in die Hände des Sauls? Der
Herr antwortete ihm: Sie werden dich in seine Hände übergeben.

0 wie gut ist es, o Herr, dass man sich deiner Führung überlässtl Du sorgst und ordnest alles wohl in
der Zeit der Not, wenn man sich nur auf dich allein, und nicht auf eine Kreatur stützt und verlässt.
Denn, nach der Vernunft zu denken, was wäre natürlicher,
als sich solchen Personen anzuvertrauen, die ihr Leben und alle Güter, die sie besassen, der
Liebtätigkeit des Davids zu danken hatten, der sie aus der Hand ihrer Feinde herausgerissen hatte?
Sollten diese Leute nicht tausendmal ihr Leben für das seinige wagen, qleichwie er sein Leben für sie
gewagt hatte? Allein, Unbestand und Undankbarkeit der Kreaturen!

Sobald man ihren Erlöser verfolgt, von welchem sie wissen, dass er ihnen soviel Gutes getan,
gleichwie sie dessen kräftige Wirkung zu ihrer Errettung erst kürzlich erfahren hatten, so vergessen
sie alle Wohltaten, verleugnen ihren Erretter, und sind bereit, ihn in die Hände seiner Feinde zu
übergeben. Eben dieses geschieht allgemein. Ob man gleich den Knechten Gottes aufs höchste
verbunden ist, so verurteilt man sie dennoch, und würde sie gar zu ihrem Verderben hingeben, wenn
Gott durch seine Vorsehung sie nicht aus der Gefahr herausziehen würde.
Bei dieser Gelegenheit kann man sehen, dass die Vorsehung, wie einige sich einbilden, uns niemals
verlässt, wenn man nur von aussen dem Rat derer folgt, welche Gott zu unserer Führung uns
gegeben hat.

David hat auch noch diese Gleichförmigkeit mit Jesu Christo, dass er durch eben dieselben
übergeben wird, die er zu erretten doch gekommen war. Denn solche würden ihn seinen Feinden
wirklich übergeben haben, wenn Gott, der ihn zu einem viel längeren Tod bestimmte, ihn nicht
davor bewahrt hätte.

14) Also wohnte David in der Wüste, in sehr festen Oertern, und blieb auf dem Berg in der
Wüste Siph, welches ein finsterer Berg war. Saul suchte ihn unaufhörlich, Gott aber gab ihn
nicht in seine Hände.

David wohnte in der Wüste. Dieser Ort drückt sehr wohl den abscheulichen Stand aus, in welchem
die Seele eingeschränkt ist, weil darin weder Hilfe noch Stützen sich finden. Gleichwohl ist er doch
in einem sehr festen Ort, wegen der Uebergabe, in der er wandelt, und kraft welcher Gott genötigt
wird, ihn zu bewahren. Diese seine Uebergabe dient ihm zu einem unüberwindlichen Schloss, weil
Gott selbst solches bewahrt. Der Berg, wo David wohnte, war finster. Dieses hat einen sehr tiefen
Sinn. Es war ein Berg wegen der Erhabenheit der Seele, welche umso viel mehr Gottes eigen ist, je
mehr sie von den Kreaturen verlassen und verfolgt wird. Gleichwohl ist dieser Berg finster, weil die
Seele darin in einer so schrecklichen Dunkelheit sich befindet, dass sie sonst nichts sieht als ihre
Gefahr und ihre Verlierung ohne einige Versicherung. Dessen ungeachtet ist doch eben dies der Ort,
wo Saul samt seinem ganzen Heer den David die Tage seines Lebens suchte, und ihn doch nicht
fangen konnte. Denn Gott schützte und erhielt den David. Niemals übergab Gott ihn in die Hände
seiner Feinde. 0 Uebergabe, du bist sicherer als alle festen und wohlbewaffneten Städte!
15)David wusste, dass Saul ausgezogen war, ihn zu verderben. Daher blieb er in der Wüste
Siph in dem Wald.
16)Jonathan, der Sohn Sauls, machte sich auf und kam zu ihm; und stärkte ihm seine Hände
in Gott, und sprach zu ihm:
17)Fürchte dich nicht, denn Saul, mein Vater, wird dich nicht finden. Du wirst der König von
Israel werden, und ich will der Zweite nach dir sein. Mein Vater weiss dieses selbst wohl.

Gott lässt seinen Freunden nichts verborgen bleiben von allem dem, was sie in der Wüste, in welcher
sie wohnen, bekümmern kann. Allein gleichwie die Gütigkeit Gottes unermesslich ist über die,
welche Er selbst in Kümmernis setzt, so begnügt sich Gott nicht damit, dass Er sie durch einen
geheimen Weg unterstützt, sondern Er sendet ihnen überdies einen Freund, der teilnimmt an ihren
Schmerzen, und dessen Seele mit ihrer Seele einige Gleichheit hat, um sie zu trösten. Jonathan macht
sich auf, seinen lieben David zu besuchen; und mit der aufrichtigsten und grossmütigsten Liebe, die
nur zu finden ist, wagte er alles, um ihm die Wahrheit seiner Liebe zu erweisen. Die Schrift spricht,
dass er seine Hände gestärkt habe, welches bezeichnet, dass er seinen bekümmerten unteren Teil der
Seele unterstützte; jedoch stärkte er ihn in Gott, indem er ihm einen Mut einsprach, sich von neuem
dem göttlichen Willen zu überlassen, mit der Versicherung, Gott werde ihn nicht ganz und gar
seinen Feinden übergeben; und dass solche gar keine Gewalt über ihn haben werden. Er müsse zwar
den Kelch trinken, allein er werde dennoch über Israel regieren.

Dieses bezieht sich vortrefflich wohl auf das, was Jesu Christo im Oelgarten widerfuhr, wo der Engel
zu ihm kam, seinen unteren Teil zu stärken. Ich weiss indessen wohl, dass hier eben derselbe
Unterschied sich findet, als wie zwischen der Kopie und dem Original, und wie zwischen dem
Vorbild und der Wahrheit. Allein man muss auch bedenken, dass alles was Jesus Christus im Alten
Testament vorbildet, in dem Willen und in Geheimnissen erfüllt wurde, das Wesen aber für das
Original aufbehalten blieb. Zum Beispiel das Opfer des Isaaks
wurde in einem vollkommenen Willen, dieses Opfer zu vollziehen, erfüllt; jedoch geschah es im
Geheimnis, indem Isaak ganz am Leben blieb. Alle Stände Jesu Christi geschehen wesentlich in
David, wiewohl auf eine mystische Weise.

18) Also machten sie beide einen Bund vor dem Herrn.
Es gibt Zeiten, in welchen Gott will, dass man den Bund erneuere, den Er selbst gemacht
hat, gleichwie auch Gott die Empfindung seiner innigsten Vereinigung öfters erneuert.
19)Es kamen aber die von Siph zu Saul, und sprachen zu ihm: Weisst du nicht, dass David
unter uns verborgen ist, in dem stärksten Ort des Waldes?
20)Wenn du ihn denn zu finden begehrst, so darfst du nur kommen; wir aber wollen ihn in
die Hände des Königs überliefern.

Kaum hat der Engel Jesus Christus gestärkt, und ist weggegangen, so kommt schon Judas, um ihn in
die Hände der Fürsten der Priester zu überliefern. Jonathan hat kaum von dem David Abschied
genommen, so gehen diese Männer hin, dem Saul zu verkündigen, wo David ist. Ja sie bieten sich gar
an, ihn dem Saul, seinem Verfolger, in die Hände zu überliefern. Allein, o mein Gott, deine Weisheit
weiss wohl alle die törichte Hoffnung dieser eigennützigen Personen über einen Haufen zu werfen,
welche den Unschuldigen nur um ihres Nutzens willen, den sie erhoffen, übergeben wollen! 0 Gott,
du wirst ihn wohl aus ihren Händen zu erretten wissen. Es ist anzumerken, dass die mystischen
Opfer, welche gleichsam ein Ausdruck des wahrhaftigen Opfers Jesu Christi waren, ohne Blut zu
vergiessen gewesen sind; und zwar um damit zweierlei anzuzeigen. Das eine, dass sie nur das Vorbild
Jesu Christi waren; die Vorbilder aber sind nicht belebt und leiden nicht. Das andere, dass diese
Opfer kein anderes Verdienst hatten als in dem Blut Jesu Christi. Denn in dem Tod Jesu Christi
wurde das erfüllt, was hier nur vorgebildet wurde. Darum vergiessen weder Isaak noch David ihr
Blut, weil ihr Blut in Jesu Christo eingeschlossen war. In dem Opfer des Altars vergiesst man kein
Blut, weil das Blut am Kreuz ist vergossen worden. Darum wird dieses Opfer des Altars ein
Memorial, das ist ein GedächtnisOpfer, und wird ein nicht blutiges Opfer genannt. Mit den
persönlichen Opfern, die nicht mystisch noch nach dem Vorbild geschehen, hat es diese Bewandtnis
nicht. Auf die persönlichen Opfer, sowohl im alten als im neuen Gesetz, ist die Vergiessung des
Bluts allezeit gefolgt, gleichwie dieses bei den Makkabäern und bei den christlichen Märtyrern zu
sehen ist.

21) Saul antwortete ihnen: Gesegnet seid ihr dem Herrn, weil ihr zum Mitleid gegen mich
seid bewogen worden.
Derjenige, welcher einen Unschuldigen so grausam Verfolgt, der sich nur durch die Flucht und durch
die Uebergabe verteidigt, glaubt, er sei unglücklicher und beklagenswürdiger als der von ihm
verfolgte; und hierauf gründet sich seine Klage. Allein, Saul, du hast ganz recht. Es ist wahr, dass die
Verfolger der inneren Seelen mehr zu beklagen sind als die von ihnen verfolgten, weil die Verfolger
tausenderlei Unruhe, Verdruss, Qual und Verwirrung erdulden. Der Neid und die Eifersucht nagt an
ihnen, der Grimm hält sie besessen, sie haben keine Ruhe, während die an Gott übergebenen Seelen
eine vollkommene Ruhe in dem Willen Gottes mitten in ihrer Flucht und ihren Verfolgungen finden.
Saul redet wie der Allerfrörrmste und wie der am meisten bekümmerte unter den ansehen: Gesegnet
seid ihr dem Herrn, spricht er, weil ihr Mitleid habt mit meinem Unglück! 0 schreckliche Blindheitl
Kann Gott solche Verrätereien und Ungerechtigkeiten segnen?

22)So geht nun, bitte ich euch, und wendet allen Fleiss an;
23)Merkt die Oerter wohl, wo er gewohnt ist sich zu verbergen; und wenn ihr von allem
Gewissheit habt, so kommt und sagt es mir, dass ich mit euch gehe.
Wenn gleich alle Begebenheiten des Lebens Jesu Christi nicht in einer geraden Folge in David
ausgedrückt sind, so sind sie es dennoch auf eine Weise, dass sie in einer oder der andern Zeit sich in
dieser getreuen Kopie des göttlichen Originals vorgebildet finden. Alles was Saul hier redet, wurde
nicht eben dieses auch von Herodes zu den Weisen gesagt, gleichwie man solches im
MatthäusEvangelium sehen kann? (Matth.2,8).

25) Also ging Saul mit seinen Leuten hin, ihn zu suchen. Da dieses dem David angesagt
wurde, entwich er auf den Felsen in der Wüste Maon, worin er blieb. Als Saul dies hörte,
ging er in die Wüste Maon, ihn daselbst zu verfolgen.

Saul fährt fort, den David zu verfolgen. Hat man wohl jemals eine so langwierige und heftige
Verfolgung gesehen? Was tut aber David in einer so grossen Gefahr? Er entweicht in den Felsen.
Was bedeutet dieses anderes, als dass er in der Uebergabe an Gott fest
blieb, und zu allem bereit war, was Gott wollen oder zulassen könnte. Je mehr es ihm scheint, an
aller Errettung verzweifeln zu müssen, umso viel mehr überlässt er sich Gott mit einer unversehrten
Standhaftigkeit, ohne sich jemals wieder zu nehmen. Wo sollte man wohl eine in ihrer Uebergabe so
gelassene, standhafte und wie ein Felsen unbewegliche Seele in einem so sehr schrecklichen Stand
finden? 0 dies ist die vollkommene Uebergabel Dennoch bei all dieser Beständigkeit wohnt David in
der Wüste des nackten Glaubens, wo er für sich selbst weder Stütze noch Labsal hat. In dieser
abscheulichen Wüste wird er von seinen Feinden mit noch grösserer Heftigkeit verfolgt.
26) Saul wandelte an einer Seite des Berges und David mit seinen Leuten auf der andern
Seite. Da verzweifelte David den Händen Sauls entrinnen zu können, denn Saul und seine
Leute umringten den David und die bei ihm waren, ringsherum auf allen Seiten, um sie zu
fangen.

Bis so weit musste es kommen, o David ! Nun bist du von allen Seiten von deinen Feinden umringt.
Diese gehen dir scharf zu Leibe, dass es keine Möglichkeit mehr gibt zu entrinnen. Wirst du denn
nun nicht von deiner Uebergabe abweichen? Dieses ist ein Streich, der deine Uebergabe vollkommen
auf die Probe stellen wird. Alles Hoffen muss entrissen werden, es muss gar keine Hoffnung
übrigbleiben, aus diesen Uebeln herauszukommen; und gleichwohl in dieser ganz allgemeinen
Verzweiflung musst du doch die Hoffnung nicht verlieren.

Es würde für den David etwas Geringes gewesen sein, wenn die Feinde ihn bloss von aussen
umringt hätten, wenn er nicht auch innerlich in eben dieser Not gestanden hätte. Alles was uns eine
so äusserst grosse Verfolgung scheint, ist nur das Vorbild dessen, was innerlich in dem David sich
zuträgt. 0 wie wohl wird der Stand der an Gott übergebenen Seelen hier ausgedrückt! Sie sind von
aussen und von innen von ihren Feinden umringt; sie sind so umlagert, dass ihnen gar keine
Hoffnung mehr übrigbleibt. Es muss ihnen auch gar keine Hoffnung mehr übrigbleiben, denn
solange man noch auf einen Ausweg sehen oder hoffen kann, ist die Uebergabe noch nicht in ihrer
Vollkommenheit, indem solche noch nicht aufs äusserste getrieben ist. Dieses hier ist wahrhaftig der
Ort, wo die Seele mit einer unverbrüchlichen Treue sich in den Händen Gottes lassen und überlassen
muss. Sie muss warten, bis Gott selbst durch einen Streich seiner Vorsehung sie befreit. Sie muss
dabei ebensowohl zufrieden sein, ob sie in die Hände ihrer Feinde fällt (wenn dieses der Wille Gottes
ist), oder ob sie aus dieser Gefahr entrinnt. Bis hieher blieb dem David noch einige Hoffnung sich zu
erretten, nun aber, wo soll er hinfliehen? Es ist keine Ausflucht mehr übrig, er ist von allen Seiten
umringt, er kann an keinen Ort hinfliehen, ohne sogleich in die Hände seiner Feinde zu fallen. Wenn
es bis dahin gekommen, so ist die Seele genötigt zu sterben, indem sie alle Stütze samt aller
Hoffnung, zu was es auch wäre, verliert. Indem sie an sich selbst ganz absolut verzweifelt, so ist sie
auf eine absolute Weise gedrungen, aus sich selbst auszugehen, um in Gott überzugehen.

Allein man muss sehr getreu sein, gleichwie David, damit man das Opfer seiner selbst nicht störe
oder unterbreche noch verwirre durch das Wiedernehmen oder durch die Ueberlegungen! Wenn
David in Ueberlegungen eingegangen wäre, was würde er wohl gesagt haben? Würde er nicht alle
ihm geschehenen Verheissungen und alle anfänglichen Begnadigungen für Betrug gehalten haben?
Man verheisst ihm, ihn zu einem König zu machen, und gleichwohl scheint sein Tod ihm ebenso
nahe als unvermeidlich zu sein. Man verheisst ihm Kronen, und er findet nichts als Dornen. Man
verheisst ihm Hoheiten, und er erfährt nichts als schmähliche Niedrigkeiten. Man lässt ihn hoffen, er
werde der glückseligste unter den Menschenkindern werden, und er ist der unglückseligste unter den
Menschen. Allein bei allen diesen Vernünfteleien und Ueberlegungen hält David sich nicht auf. Nur
eine Sache ist es, die er weiss (alles andere ist ihm unbekannt), nämlich dass er sich Gott übergeben
hat, damit Gott seinen Willen an ihm vollbringen möchte. In dieser Uebergabe an Gott bleibt er, und
verlässt sich selbst, und dieses ist alles, was er nötig hat. Um alles andere bekümmert er sich nicht, er
denkt nicht daran, ob Gott ihn befreien werde oder nicht. Er bleibt ohne Sorge noch Bekümmernis
um sich selbst. 0 Uebergabe, die du die allervollkommenste unter allen Uebergaben bist!
27)Allein zu eben derselben Zeit kam ein Bote zu Saul, und sprach zu ihm: Eile dich zu
kommen, denn die Philister sind mit grosser Menge dir ins Land gefallen.
28)Da liess Saul nach, dem David nachzujagen, um gegen die Philister zu ziehen. Darum
wurde dieser Ort der Fels der Scheidung genannt.

Je mehr David sich Gott überlässt, umso viel mehr ist auch Gott getreu. Hat wohl jemals die
Vorsehung eine an Gott überlassene Seele in der Not stecken lassen? Und kommt sie nicht in der
angenehmen Zeit zu Hilfe? (2.Kor.6,2). Es ist wahr, Gott treibt die Dinge zum aussersten, um die
Treue derer, die Er liebt, auf die Probe zu setzen. Er treibt ihre Uebergabe soweit sie nur gehen
kann, um ihre Uebergabe und ihren Glauben durch die schleunige Hilfe, die Er ihnen gibt, zu
stärken. Wenn ihr Stand nicht zur völligen Verzweiflung gestiegen wäre, so würde die Hilfe Gottes
und seine Gütigkeit ihnen nicht so sichtbar scheinen. Obgleich David bis zur selben Zeit wohl
geglaubt hatte, dass Gott seine Zuflucht sei, so konnte er doch auch dabei glauben, sein Heil
bestünde in der Flucht, oder wenigstens konnte er glauben, etwas dazu mit beigetragen zu haben. In
dem Stand aber, wohin es nun mit ihm gediehen, kann er sein Heil nichts anderem beimessen, als
einer wunderbaren Wirkung der Vorsehung und der Güte Gottes.

Es ist wohl zu merken, dass das, was Gott für solche Seelen tut, die Ihm in einem sehr erhabenen
Grad übergeben sind, dass, sage ich, dieses wie ganz natürlich geschieht, und nicht durch gross
scheinende Wunder, gleichwie bei denjenigen, die durch den Weg der Lichter geführt werden. Ist
wohl etwas natürlicher, als dass, wenn ein feindliches Heer in ein Königreich einfällt, man einen
verfolgten Menschen fahren lässt, der ohnedies kein Uebel anrichten, und den man allezeit wohl
wieder finden kann, um jenen weit gefährlicheren Feinden entgegenzuziehen und ihnen Einhalt zu
tun? In allem diesem scheint gar nichts ausserordentlich zu sein; und gleichwohl ist eben darin das
Wunder der Weisheit Gottes. Gott hat mit Jesu Christo eine ganz natürliche Führung gehalten. Da
Er will, dass Er in einem Stall geboren werde, so lässt Er zu, dass sich kein Ort findet, um die heilige
Jungfrau zu beherbergen. Da es an der Zeit ist zu gebären, und sie nicht weiss wo sie hin soll, so wird
sie genötigt, in einen Stall, der damals eben leer war, einzukehren. Mit den andern Geheimnissen des
Lebens Jesu Christi hat es eine gleiche Bewandtnis. Sie geschahen alle durch eine Vorsehung, die
ganz gewöhnlich zu sein schien, und eben hierin besteht die Schönheit dieses Standes.

24. Kapitel. 

1) Als David von diesem Ort weggegangen war, wohnte er zu Engedi, welches ein sehr
sicherer Ort ist.
2) Da aber Saul vom Nachjagen der Philister zurückgekehrt war, sagte man ihm, dass David
in der Wüste Engedi sei.

Nachdem Gott den David oder den inneren Menschen, sobald die Not aufs höchste gestiegen,
befreit hat (gleich wie man dieses wohl hat anmerken können), so bewahrt ihn Gott einige Zeit in der
Wüste Engedi, welches an einem Ort der Schrift (Hohel.1,13) als ein Vorbild der Wohnung des
Friedens und der Liebe genommen wird. Allda ist die Seele in einer völligen Sicherheit. Gleichwohl
geniesst sie diese Frist nur darum, um sie zu neuen Kämpfen zuzubereiten, und sie zu stärken, einen
neuen, nicht weniger grausamen und schrecklichen Krieg auszuhalten. Es finden sich nur allzuviele
Feinde derjenigen Ruhe, welche David geniesst. Darum wecken sie den Saul wieder auf und erinnern
ihn, dass er einen Feind habe, den er nur darum in Ruhe gelassen, damit er sich gegen eine Menge
anderer Feinde zur Wehr setzen konnte. Ja sie unterrichten ihn, wo der Ort ist, an welchem David
wohnt.

3) Da nahm Saul dreitausend Mann auserlesenes Volk aus ganz Israel, und kam den David
und seine Leute zu suchen auf unersteiglichen Felsen, wohin nur wilde Geissen steigen
können.

Saul verliert keine Gelegenheit, den David zu verfolgen. Die Schrift spricht, dass er die stärksten
Männer mit sich nahm. Dies ist eine ganz natürliche Schilderung dessen, was man gegen die inneren
Personen vornimmt. Man nimmt gelehrte, starke und scharfsinnige Geister, um die Knechte des
Herrn mit soviel grösserer Heftigkeit zu verfolgen. Ja man geht ihnen nach, sie in den unersteiglichen
Oertern aufzusuchen; denn man greift an ihren Glauben, ihre Beständigkeit und ihre Festigkeit. Das
was das sicherste in ihnen ist, wird am meisten verdammt. Diese also angefallenen Seelen werden
genötigt an Oertern zu wohnen, wo nur wilde Tiere wohnen. Im allgemeinen sind die [ansehen für
einen so hohen Stand ungeschickt, weil solcher nur denen bekannt sein kann, welche (gleichwie
David) Tiere vor Gott geworden sind (Ps.72,23); und zwar wilde Tiere, die von allen Kreaturen ganz
und gar geschieden sind. Diese Tiere, welche in den Wüsteneien und steilen Felsen wohnen, waren
Böcke. Der Bock war ein solcher, der nachdem er mit den Sünden des ganzen Volks beladen war, in
die Wüste gejagt wurde (S.Mose 16,21). Jetzt ist auch David wie dieser weggesandte Bock, der die
Sünden aller andern trägt, und der, wie jener Bock, mit dem Fluch des ganzen Volks in die Wüste
geflohen ist. Hierin ist er auch das Vorbild Jesu Christi, der für unsere Sünden ein Fluch geworden
ist (Jes.53,6 & Gal.3,13).

4)Es war daselbst eine Höhle, in welche Saul hineinging, seine Füsse zu bedecken. David
aber und seine Leute hatten sich in dem Innersten dieser Höhle verborgen.
5)Da sprachen die Leute Davids zu ihm: Siehe, das ist der Tag, von welchem der Herr zu dir
geredet hat: Ich will deinen Feind in deine Hände übergeben, damit du mit ihm nach
deinem Wohlgefallen handelst. Da nahte sich David leise zu dem Saul, und schnitt ihm den
Zipfel an seinem Rock ab.

Diese Höhle, welche dem David zu einem Zufluchtsort diente, war eine Wohnung der Nachteulen
und der wilden Tiere. Gleichwohl achtete er sich glückselig, unter den grimmigen Tieren einen
Zufluchtsort zu finden, welchen die Menschen ihm versagten. Saul kommt sich selbst in die Hände
derer zu überliefern, die er verfolgte. Dies war eine schöne Gelegenheit für den David, sich zu
rächen, und sich auf einmal in Sicherheit zu setzen gegen allerlei Verfolgungen. Er versicherte sich
hiedurch das Königreich, das Gott ihm verheissen hatte. Gott selbst scheint durch die Vorsehung
den Saul in die Hände Davids zu überliefern. Ja, es schien, die Klugheit erforderte dieses, und dass
David hierin einem geoffenbarten Willen Gottes folgte. Hierin war er auch noch durch den Rat
seiner Freunde unterstützt. Wieviele solche falsche Freunde finden sich auch noch heutzutage,
welche raten, man solle sich gegen die Verleumdung durch andere Verleumdungen in Sicherheit
setzen? Ist man nicht, sprechen sie, verpflichtet, seine Ehre zu retten und zu verteidigen? 0 wie weit
war David von solchen menschlichen Absichten entfernt ! Welche Uebel er auch erdulden muss,
sowohl innerlich als äusserlich, so hütet er sich doch wohl, sich selbst zu verteidigen. Er will lieber
ohne Hilfe verlorengehen, als sich selbst seine Errettung verschaffen. Muss nicht allezeit der Wille
Gottes erfüllt werden? Und auch noch hierin ist er ein schönes Vorbild Jesu Christi, welcher, als
seine Feinde zu Boden geschlagen waren, solche wieder aufrichtet (Joh.18,6), und sich zu denjenigen
wendet, die ihn antreiben wollten, sich zu verteidigen, indem Er spricht: Nein, nein, lasset sie
machen. Wenn ich wollte, so könnte ich meinen Vater bitten, mir zwölf Legionen Engel zu senden.
Ich muss aber das leiden, was Er will, und muss den Kelch trinken, den Er mir zubereitet hat. David
ist damit zufrieden, dass er den Zipfel des Mantels des Sauls abschneidet, zu einem Kennzeichen und
Zeugnis dessen, was er getan hat; wie auch zu gleicher Zeit zu einem Vorbild des Ohres, das dem
Knecht des Hohepriesters abgehauen wurde.

6) Hernach schlug dem David das Herz darüber, dass er den Zipfel an des Sauls Rock
abgeschnitten hatte.
7) Und er sprach zu seinen Leuten: Da sei Gott vor, dass Ich dieses meinem Herrn tun
sollte, der der Gesalbte des Herrn ist, dass ich meine Hände an ihn legen sollte; weil er der
Gesalbte des Herrn ist.

Dem David, weil er den Zipfel an des Sauls Rock abgeschnitten hatte, schlug das Herz, zu einem
Zeichen nicht des Schmerzes, sondern zu einem Zeichen der Freude, weil er dieses Zeugnis seiner
Treue erlangt, die er für seinen Gott und für seinen König hatte. Und er sprach zu seinen Leuten:
Gott bewahre mich davor, dass ich dem, welchen der Herr gesalbt hat, einiges Leid zufüge. Er ist
nicht mein Feind. Ich sehe ihn nicht an für meinen Feind, ob ich gleich das Unglück habe, von ihm
für einen Feind geachtet zu werden. Ich sehe alles dieses in Gott an. Er ist Ihm geweiht, und ist ein
Werkzeug, dessen Gott sich bedient, um mich zu züchtigen. 0 da bewahre mich Gott, dass ich die
Hand an ihn legen sollte! Die inneren Seelen, welche alles in Gott ansehen, haben einen grossen
Vorteil über diejenigen, von denen sie verfolgt werden. Sie haben keine Galle noch Widrigkeit gegen
sie; ja es geschieht im Gegenteil, dass je mehr sie verfolgt werden, umso viel mehr lieben sie ihre
Verfolger, weil sie die Hand Gottes sehen, die unter allem diesem verborgen ist. Gott ist es, sprechen
sie, ja der höchst liebens und anbetungswürdige Gott ist es, welcher mich schlägt und züchtigt. Dies
erfüllt sie mit zärtlicher Liebe gegen ihre Verfolger. Man würde von ganzem Herzen sein Leben für
sie hingeben.

Dieses ist der Unterschied, der sich zwischen Personen findet, die alles in Gott sehen, und zwischen
denen, die alles in den Kreaturen sehen. Wie grosse Gewalt sich auch die letzteren antun, so fällt es
ihnen doch höchst schwer zu verzeihen. Ja wenn man seinem Feind nichts Uebles antun will, so
achtet man dies als eine Vollkommenheit. Es gibt wohl auch Seelen dieser Gattung, welche durch
eine äusserste Gewalt sich überwinden, ihren Feinden Gutes zu tun; aber wie! es sind doch allezeit
Feinde, und das Herz widerspricht öfters durch die Pein, die es erduldet, der Guttat, welche die
Hand leistet. Mit den inneren Seelen aber, die alles in Gott ansehen, ist es ganz anders bewandt. Sie
lieben wahrhaftig ihre Verfolger, welche sie ihre Feinde nicht nennen können. Sie empfinden eine
wahrhafte Liebe gegen solche, so dass sie ohne Mühe und mit einer sehr grossen Vollkommenheit
die Ratschläge des Evangeliums ausüben.

8) Durch diese Worte hielt David die Gewaltsamkeit seiner Leute auf, und wehrte ihnen,
dass sie nicht den Saul überfielen.

Dieser Mann, dessen Sanftmut keine Schranken hat, stillt sogar den Zorn seiner Leute, und wehrt
ihnen, dem Saul einiges Leid zuzufügen. Wieviele Personen gibt es, welche (da sie selbst sich an ihren
Verfolgern nicht rächen wollen) doch sehr froh sind, dass andere es tun? Sie haben hierin eine subtile
und geheime Ehre, dass sie ihren Verfolgern keinen Schaden haben zufügen wollen, und zugleich
auch eine verborgene Freude, dass sie sich durch andere davon befreit sehen. Dieses ist eine subtile
Eigenliebe, von der auch sehr tugendhafte Leute nicht ganz und gar befreit sind. Also macht es
David nicht. Er begnügt sich nicht damit, dass er sich durch seine eigenen Hände nicht will befreien,
sondern er will auch nicht, dass eine Kreatur zu seiner Befreiung etwas beitragen soll. Er hat auch
noch diese Gleichförmigkeit mit Jesu Christo, dass er verhindert, dass man ihn beschütze
(Joh.18,11).

9) David folgte ihm nach; und da er aus der Höhle heraus gegangen war, schrie er ihm nach
und sprach: Mein Herr und mein König. Da sah Saul sich um, und David bückte sich tief
vor ihm bis zur Erde.

Die Weise, wie David verfährt, ist höchst grossmütig. Zu solchen Heldentaten ist ein Mensch nicht
wohl geschickt, wenn er nicht ganz und gar Gottes Eigentum ist. Er geht hin, wie Jesus Christus, sich
in die Hände seiner Feinde und derer zu überliefern, die er kurz zuvor mit Gefahr seines Lebens
erhalten. Hiemit aber tut er zwei grosse Taten, denn nicht nur rächt er sich nicht an dem Saul, und er
verhindert nicht nur, dass man ihm kein Leid tut, sondern er überliefert sich auch noch in die Hände
dessen, der einige Augenblicke vorher in seiner Gewalt war. Man kann, o grosser König, von dir
sagen, wie von deinem Herrn und freister, dass du dich dem Tod überlieferst, weil du es so gewollt
hast (Joh.10,18).

10) Er sprach zu ihm: Warum hörst du die Worte derer, welche zu dir sagen, David suche
nichts anderes als Gelegenheit, dich zu verderben?
11)Jetzt siehst du mit deinen Augen, dass der Herr dich heute in der Höhle in meine Hände
gegeben hat. Man gab mir die Gedanken ein, dich zu töten; mein Auge aber hatte Mitleid
mit dir. Denn ich sprach in mir selbst: Ich will meine Hand nicht legen an meinen Herrn,
weil er ist der Christ des Herrn.

Diese Worte sind vortrefflich schön und sehr erbaulich. Warum, spricht David, hörst du das Wort
der Menschen? Er misst dem Saul selbst die Schuld nicht bei, sondern den übelgesinnten Menschen,
die dieses ihm raten. Diese Menschen, spricht David, versichern dir, dass ich dir nach dem Leben
trachte. Du selbst aber siehst hier, dass ich jetzt eine günstige Gelegenheit dazu hatte, ich wollte aber
dieses nicht tun. Es ist wahr, dass auf Anstiften anderer die Gedanken davon mir aufgestiegen sind;
allein mein Auge, das ist das Licht, womit Gott mich erleuchtet, und welches macht, dass ich alle
Dinge in Gott ansehe, dieses Licht hat mir ein Mitleid gegen dich gegeben, ja es hat solches meine
Ehrfurcht und zärtliche Liebe gegen dich wieder aufgeweckt. Ach, habe ich gesprochen, ich werde
mich wohl hüten, denjenigen anzutasten, dessen mein Gott sich zu einem Werkzeug mich zu üben
bedient. Er ist in meinen Augen geweiht, er ist der Christ des Herrn, indem er ein Mittel ist, das Gott
geweiht hat, um all seinen göttlichen Willen an mir zu vollstrecken.

12) Mein Vater, schaue und erkenne du selbst, ob dieses, was ich in der Hand habe, nicht
der Zipfel deines Rocks ist, und dass, als ich solchen abschnitt, ich meine Hand nicht an
dich habe legen wollen. Also sehe und betrachte du selbst, dass ich an keinem Uebel noch
Ungerechtigkeit schuldig bin, und dass ich nicht gegen dich gesündigt habe; und
gleichwohl trachtest du auf alle Weise mich zu töten.

David gebraucht den Vaternamen, um seine zärtliche Liebe auszudrücken, und den Saul zum Mitleid
zu bewegen. Hein Vater, spricht er, du, den ich mit eben derselben Ehrfurcht und zärtlichen Liebe
ansehe, als ob du mein Vater wärest, siehe hier ist das Kennzeichen meiner Unschuld. Als ich das
Stück von deinem Mantel abschnitt, stand es nur bei mir dich zu töten, wenn ich hätte so lasterhaft
sein wollen, als wie man es dir hat beibringen wollen. Aber ich war weit entfernt, die Hand an dich
zu legen. Nun siehst du, dass ich gegen dich keinen bösen Willen hege. Ich wollte dir kein Leid
zufügen, und gleichwohl trachtest du auf alle Weise mich zu töten. Stellst du mich nicht alle Tage in
Gefahr, meinen Gott durch die Sünde zu verlieren, wenn Er mich durch seine Gütigkeit nicht
erhalten würde? David führt diese unschuldigen Klagreden, um uns begreiflich zu machen, dass
wenn es darauf ankommt, den Nächsten zufrieden zu stellen (der sich über uns zu beklagen Ursache
zu haben glaubt), so müsse man ihm seine Unschuld dartun, um dessen eigener Ruhe willen, und
dies mit grosser Liebe und Sanftmut, um ihm den Widerwillen, den er gegen uns hat, zu benehmen.
Hernach aber muss man den Erfolg Gott überlassen. Jesus Christus entschuldigte sich vor dem
Hohepriester und bezeugte einmal seine Unschuld, und dass Er ihn nicht habe beleidigen wollen
(Joh.18, 23).

13)Der Herr sei Richter zwischen dir und mir. Ich will warten, bis er mich an dir rächt nach
seinem Wohlgefallen. Ich aber will meine Hand niemals an dich legen.
14)Von den Bösen kommen böse Taten nach dem alten Sprichwort.

David bedient sich eben derselben Ausdrücke, welche alle Unschuldige gebrauchen. Sie sprechen,
Gott werde Richter der Wahrheit sein. Bin ich ein Uebeltäter, spricht dieser heilige König, so wolle
Gott mich strafen. Bin ich aber unschuldig, so ist die Rache Ihm aufbehalten. Ich aber will mich
niemals rächen, weder auf eine direkte noch indirekte Weise. Ich überlasse mich Gott, damit Er alles
tue, was Ihm Wohlgefallen wird. Er fügt bei, dass sich die Untreue durch die Treulosigkeiten zu
erkennen gibt. Wäre ich treulos, so würde man es in dieser Gelegenheit wohl gesehen haben.

17) Nachdem Saul den David also hatte reden hören, sprach er zu ihm: Ist es nicht deine
Stimme, die ich höre, o mein Sohn David? Und Saul hob seine Stimme auf und weinte.

Man muss wohl härter als Marmor sein, wenn man durch eine so übermässig grosse Gütigkeit, und
durch solche liebreiche Worte nicht gerührt werden sollte, zumal da man auch die Wirkungen einer
so grossen Liebtätigkeit mit dabei sieht. Saul wird für diesen Augenblick gerührt, welches uns zeigt,
dass das Gute, das man seinem Feind tut, dessen Bekehrung öfters zu wirken vermag. Des Sauls
Tränen aber sind nur geringe Ueberbleibsel eines menschlichen Herzens, denn der Hass bleibt in
seinem Herzen dennoch fest gewurzelt.

18) Er fügt bei: Du bist gerechter als ich, denn du hast mir Gutes erzeigt, ich aber habe dir
Böses vergolten.
Saul selbst gibt der Wahrheit Zeugnis. Gott zwingt öfters seine Feinde selbst, dass sie die Wahrheit
zu gewissen Zeiten bekennen müssen, und dass sie gegen ihren Willen die Lobredner derer sein
müssen, die von ihnen sind verfolgt worden.

19)Du hast eine grosse Probe deiner Liebe zu mir gegeben, denn da der Herr mich in deine
Hände überliefert, hast du mir das Leben erhalten.
20)Denn wer ist der, der seinen Feind zu seinem Vorteil findet, und lässt ihn gehen ohne
ihm Schaden zu tun?

Der Herr selbst vergelte dir diese Gütigkeit, welche du mir heute erwiesen hast. Wer ist derselbe,
spricht Saul, der seinen Feind in seiner Gewalt hat, und solchem doch keinen Schaden zufügt? Es ist
ein solcher, der in Gott seine Feinde in der Gleichheit mit seinen Freunden findet. Saul selbst gibt
die Beschreibung einer wahrhaftigen Liebtätigkeit und einer vollkommenen Geduld. Es ist gewiss,
dass David in dieser Gelegenheit sein Leben für seinen Feind hingegeben; denn indem er dem Saul
das Leben erhält, so setzt er eben damit das seinige in Todesgefahr. Also ahmt er auch noch hierin
seinen Meister nach, der für diejenigen stirbt, die ihn kreuzigen, indem Er sie mit Gutem überhäuft
für das Böse, das sie Ihm zufügen (Rom.5,7). Man wird kaum einen Menschen finden, der sein
Leben für eine tugendhafte Person in Gefahr setzt. Jesus Christus aber und sein getreuer Knecht
geben ihr Leben dar für ihre grausamsten Verfolger.
Und weil ich gewiss weiss, dass du regieren und das Königreich Israel besitzen wirst,

22) So schwöre mir bei dem Herrn, dass du meinen Samen nach mir nicht vertilgen, noch
den Samen meines Vaters Haus ausrotten wirst.

Gewiss zu glauben, dass ein Mann regieren soll, dass alle Verfolgungen, die man ihm antut, nur zu
seiner Ehre ausschlagen und dienen, dass Gott diesen Mann zum König auserkoren, und dass er uns
vieles Uebel zufügen kann; dessen alles ungeachtet aber diese Person mit unmenschlicher
Grausamkeit verfolgen, ist dieses nicht der grösste Wahnsinn? Gleichwohl ist es eben dieselbe
Narrheit, in welche Saul durch seine Eifersucht und Blindheit gestürzt wird. Alle Personen, welche
die Knechte des Herrn verfolgen, erkennen in der Tat und in ihrem Herzen die grosse Würdigkeit
derselben. Der Hass aber gegen diese Knechte Gottes macht sie blind. Darum sind sie ohne
Entschuldigung, wie die Schrift redet (Joh.15,22), weil sie Jesus Christus verfolgt haben, ob sie gleich
Proben und Kennzeichen genug davon hatten, wer Er war; gleichwie auch Saul den David verfolgte,
ob er gleich die Ratschlüsse Gottes in Ansehung desselben wohl erkannte. Weil aber die Verfolger
sich selbst blind machen durch ihre Leidenschaft und ihren Hass, so wissen sie nicht was sie tun
(Luk.23,34); so dass man sprechen muss, um diese beiden Sprüche zusammen zu vereinigen, dass,
obgleich die Verfolger die Wahrheit und das Gute erkennen, das in diesen Knechten Gottes ist, so ist
ihnen doch unbekannt, welch ein grosses Uebel und Schaden sie sich selbst zufügen.

25. Kapitel. 

5) David sandte zehn Jünglinge, zu welchen er sprach: Gehet hin zu dem Nabal auf den
Karmel, grüsset ihn freundlich von mir,
6) Und sprecht zu ihm:
8) Gib deinen Knechten und deinem Sohn David alles, was dir beliebt.

David durch den Hunger gedrückt, findet sich genötigt, hinzusenden und Lebensmittel zu suchen.
Sie werden ihm aber versagt. Zu wem sendet er denn? Zu einem Mann, dessen Güter David selbst
erhalten und beschützt hatte. Er musste wohl einige Armut erdulden, um die Armut seines Meisters
vorzubilden, und er musste auch wie Jesus Christus in der Wüste den Hunger erdulden. Zwischen
Jesu Christo und dem David finden sich diese zwei Gleichheiten, die eine, dass man ihm die Hilfe
versagt, gleichwie man auch Jesu Christo die Wohnstätte versagte, da er noch im Leibe seiner Mutter
war; und hernach bei den Samaritern (Luk.2,7 & 9,53). Die andere Gleichheit besteht darin, dass
David durch diesen Hunger den Hunger Jesu Christi in der Wüste vorbildete.
10) Nabal antwortete den Knechten Davids: Wer ist David, und wer ist der Sohn Isais? Es
gibt heutzutage viele Knechte, die von ihren Herren weglaufen.
Wer ist dieser David? Ist es nicht der Sohn Isais? Wer ist dieser Mensch? Ist Er nicht der Sohn
Josephs? (Jon.6,42). Diese Reden haben eine solche Gleichheit miteinander, dass sie keiner Erklärung
bedürfen. 0 Gott, es ist jetzt nicht das erstemal, dass man deine Knechte verspottet !
Nichts zieht mehr die Verachtung herbei, als wenn man mit Trübsal umgeben ist. David wird nur
seiner Trübsal wegen verachtet. Wie, o David, der du unter allen Menschen Gott am meisten
übergeben bist, ist es nicht genug, dass du von dem Herrn verfolgt wirst, musst du auch noch gleich
einem flüchtigen Sklaven, der dem Grimm seines Herrn entlaufen, von den Kreaturen geschmäht
werden? Nein, nein, damit war es noch nicht genug; und weil mein Herr und Meister die Gestalt
eines Knechtes und eines Sklaven hat annehmen wollen, so musst du ebenfalls für einen solchen
gehalten werden. Die inneren Seelen, welche ein Spiel der Vorsehung sind, und durch eben dieselbe
Vorsehung von einem Ort zu dem andern hingesandt werden, werden öfters für Flüchtlinge
gehalten. In dem inneren Leben ist nichts, das David nicht wesentlich erfahren haben sollte,
gleichwie er auch das Leben Jesu Christi im Sinnbild ausgedrückt hat.

14) Da wurde der Abigail, dem Weib des Nabal, von einem ihrer Knaben angesagt: Siehe,
David hat aus der Wüste Boten gesandt, unsern Herrn zu segnen, und er hat sie
angeschnauzt.
15) Diese Leute sind uns nützlich gewesen, sie haben uns kein Leid zugefügt. Solange wir
bei ihnen in der Wüste gewesen, haben wir nichts von unserer Herde verloren.
16)Sie dienten uns zur Mauer sowohl bei Tag als bei Nacht, in der Zeit da wir mitten unter
ihnen gewesen sind mit unsern Herden.
17)Darum gedenke, was du zu tun hast; denn die Bosheit deines Mannes hat den höchsten
Grad erreicht.
Ich habe die ganze Rede dieses Knechtes angeführt, um zu zeigen, dass die Redlichkeit des
Davids ihnen bekannt war. Sie waren Zeugen, dass David ihren Herrn beschützt hatte.
Darum erduldeten sie mit Widerwillen die Undankbarkeit und Verachtung, die man ihrem
Wohltäter zufügte.
18) Da eilte Abigail und nahm zweihundert Brote, zwei Schläuche mit Wein, fünf Widder,
fünf Mass Mehl, hundert Pakete Rosinen und zweihundert Pakete getrocknete Feigen, und
lud sie auf Esel.
20) Und da sie auf einem Esel ritt, und den Berg herabkam,
23) Und den David sah, stieg sie herab von ihrem Esel.
24)Und sie warf sich zu seinen Füssen und sprach zu ihm: Mein Herr, diese Missetat falle
auf mich. Erlaube nur deiner Magd zu reden.
25)Lasse das Herz meines Herrn und meines Königs über die Ungerechtigkeit des Nabal
nicht zürnen, denn er ist ein Narr, und sein Name zeigt seine Torheit an. Ich aber, deine
Magd, habe die Knaben nicht gesehen, die mein Herr gesandt hat.

Abigail ist das starke Weib, das ihr Haus erhält und verhindert, dass es nicht falle (Spr.31). Dieses
Weib war wie alle Weiber, welche Gott heilig machen will. Gott hatte ihr den allerunvernünftigsten
Mann gegeben; ihre Sanftmut aber bringt alles wieder zurecht. Sie macht es nicht wie gewisse
Weiber, welche die Fehler ihrer Männer zu verteidigen trachten; vielmehr bestrebt sie sich, das
wieder gutzumachen, was ihr Mann verdorben hatte. Sie hält den David für einen König» indem sie
durch einen prophetischen Geist erkannte, dass er ein König werden sollte. Es ist zu merken, dass
sie ihren Mann verurteilt, weil er es so verdient; und dass sie ihn durch eben diese Verurteilung
rechtfertigt, indem sie sich anerbietet, seine Sünde zu tragen, und für ihn bittet. Die wahre
Liebtätigkeit besteht nicht darin, solche Dinge zu rechtfertigen, die offenbarlich strafbar sind, denn
hiemit würde man den Lastern schmeicheln, und das Wesentliche der Liebtätigkeit verletzen. Die
wahre Liebtätigkeit aber besteht darin, dass man selbst die Sünde anderer trägt, für sie bittet, bis man
Vergebung für sie erlangt hat. Also handelte Jesus Christus, welcher, indem Er die Sünde
verdammte, für den Sünder gestorben ist.

30)Wenn dann der Herr das grosse Gute wird getan haben, das er dir vorher verkündigt hat,
und wenn er dich zum Herzog über Israel wird eingesetzt haben,
31)So wird das Herz meines Herrn keinen Skrupel darüber haben, dass du unschuldig Blut
vergossen, und dich selbst gerächt hast. Und wenn Gott dich mit Wohltaten wird überhäuft
haben, so wirst du, mein Herr, deiner Magd eingedenk sein.

Die ganze Rede der Abigail ist so vernünftig und wahrhaftig, wie auch so kühn, dass man urteilen
kann, dass sie vom Geist Gottes in Besitz genommen war. 0 wie grosse Kraft und Nachdruck hat
eine zu rechter Zeit gegebene Erinnerung bei einem guten Herzen! Gott bedient sich eines Weibes,
um dem David den Fehler, in welchen er gefallen war, zu erkennen zu geben; weil die Sanftmut,
Einfalt und Demut des Davids ihn neigte, die Bestrafung anzunehmen, woher sie auch kommen
möchte, da er nicht dieses Weib ansah, sondern Gott in ihr. Sie zeigt ihm die Sünde, die er begehen
wollte, da er unschuldig Blut zu vergiessen vorhatte; ja da er es vergiessen wollte, um sich selbst zu
rächen. Dieses aber war weit entfernt von der Gemütsverfassung, die er bis dahin gehabt hatte.
Dieses muss uns zu erkennen geben, dass solange die Natur lebt, so kann sie sich durch die ersten
Bewegungen des Zorns oder der Rache dahinreissen lassen, ohne jedoch an die Rache mit
Ueberlegung zu gedenken, sondern nur indem man sich durch die Heftigkeit des Eifers hinreissen
lässt.
Nachdem wir aber die Schwachheit der Kreatur gesehen haben,so müssen wir zugleich die Sicherheit
der Uebergabe betrachten, und wie grosse Sorge Gott trägt, die Fälle derjenigen zu verhüten, die sich
Ihm zum Eigentum gegeben haben. Dieses erkannte David auch gleich, als er zu diesem Weib
sprach:

32)Gelobt sei der Herr, der Gott Israels, welcher dich heute mir entgegengesandt hat! Deine
Rede sei gesegnet.
33)Und du selbst sei gesegnet, dass du mich verhindert hast, unschuldiges Blut zu
vergiessen, und mit meiner eigenen Hand mich zu rächen!
34)Aber vielmehr lebt der Herr Gott Israel, der mich verhindert hat, Uebles zu tun.

Alle diese Worte drücken sehr wohl aus die Freude einer Seele, die sich durch eine wunderbare
Wirkung der Vorsehung losgerissen sieht von der Gelegenheit zu sündigen, wohinein sie sich
begeben hatte. Alsdann kann sie Gott nicht genugsam preisen, wie auch das Mittel, dessen Gott sich
bedient hatte, um die Seele zu verhindern, dass sie Gott nicht beleidigte. Und da die Seele in die
Wahrheit versetzt ist, so sieht sie alles in Gott an. Sie kann weder das Gute noch das Böse von seiten
der Kreatur ansehen, ohne zu sehen, dass sie damit einen Fehler begehen würde. Daher tut sie
solches nicht, sondern sieht alles in Gott an. Die Ursache aber, dass David fast eine Sünde durch die
Selbstrache beging, war dies, dass er für einen Augenblick sein Gesicht von Gott abwandte, und aus
seiner Ueberlassung an Gott ausging, um nur die Kreatur und das Uebel, das ihm durch solche
zugefügt wurde, anzusehen. Er sah an das ihm zugefügte Unrecht als von dem Nabal kommend, und
nicht dass es herkam von einer Verordnung der Vorsehung. Und eben hierin sündigen diese Seelen
am meisten, indem sie abweichen von ihrer Ueberlassung, wie auch von dem Anschauen auf Gott in
allen Dingen. Gott aber, aus einer besonderen Gütigkeit, trägt eine grosse Sorgfalt für diese Seelen,
und gibt ihnen ihren Irrtum zu erkennen.

Es ist aber auch noch dieses ein Fehler, wenn man das Gute, das uns erzeigt wird, ansieht als ob es
aus einer andern Quelle und nicht von Gott herkomme. Darum geschah es auch, dass sobald David
die Abigail gesegnet hatte, und ihr gedankt, dass sie ihn an seiner Selbstrache verhindert, er sogleich
erkannte, dass er Gott damit Schmach zugefügt, und sich darüber bestrafend, spricht er: Es ist
vielmehr der Herr selbst, der mich verhindert hat Uebles zu tun, welchen ich preisen soll, da der
Herr sich deiner nur als eines sehr schwachen Werkzeugs dazu bedient hat.

35) David nahm von ihrer Hand an alles, was sie mit sich gebracht hatte; und er sprach zu
ihr: Gehe hin im Frieden.

Gott bediente sich dieses Weibes, um dem David nicht nur im Geistlichen behilflich zu sein, sondern
auch in leiblichen Bedürfnissen beizuspringen. Die Hilfe Gottes fehlt auch niemals weder im
Geistlichen noch im Leiblichen, und versorgt durch eine Wirkung seiner Vorsehung. Die göttliche
Vorsehung beschämt die erstaunliche Blindheit gewisser geistlicher Personen, die zwar ihre Seele und
ihr geistliches Interesse Gott übergeben wollen, dabei aber so närrisch sind, dass sie um ihre
zeitlichen Güter bekümmert sind.

Sie tragen dafür eine übermässige Sorge, und beschäftigen sich unaufhörlich damit unter dem
Vorwand, man müsse sich mit dem Notwendigen versorgen, sich in allem wohl vorsehen und auf
seine Sicherheit bedacht sein. Man müsse Prozesse führen, und sich gegen zugefügtes Unrecht und
Schikanen verteidigen. Man muss dieses tun, wenn es die Ordnung Gottes ist, und wenn die
Wohlfahrt einer Familie darauf beruht. Allein wenn man sieht, dass Vater und Mutter gegen ihre
Kinder Prozesse führen, nicht für das Notwendige, sondern um mehr oder weniger zu haben, o
darüber muss man billig erstaunen. Auch das ist erstaunlich, wenn man Geistliche sieht, die nur
arbeiten, um Geld und Gut zusammenzuscharren, da sie doch ihr Notwendiges schon haben; ja
geistliche Personen, die sich Gott zu grossen Dingen übergeben haben, und wollen Gott ihr
zeitliches Interesse nicht anvertrauen, und es sie verdriesst, wenn andere solches tun. Es finden sich
aber auch andere, die im Gegenteil alles zeitliche Interesse gern verleugnen, ihr geistliches Interesse
aber wollen sie Gott niemals übergeben, und glauben sie würden es besser erhalten als Gott. Glaubt
mir nur, wer ihr auch sein mögt, die ihr dieses leset: Die Uebergabe, die nicht ganz ist, soll für keine
Uebergabe gehalten werden. Die Uebergabe muss ganz sein. Man muss von dem, was man übergibt,
nichts zurückbehalten, es mag sein was es wolle. Die Uebergabe muss allgemein sein und sich über
alle Dinge erstrecken.

Das wahrhaftige Mittel sich in Sicherheit zu setzen ist dieses, dass man sich durch eine völlige
Uebergabe in die Hände Gottes anvertraut. 0 wahrlich! Er wird uns weit besser bewahren, als wir uns
selbst nicht bewahren werden. Wie weit besser ist unser Interesse aufbewahrt in den Händen Gottes,
als in den unsrigenl ! getreue Seele, du wirst in den Händen Gottes so sicher sein, wie in einer
unüberwindlichen Festung (Ps.70,3). 0 wie wohl und glückselig wirst du darin sein! Allein ach leider!
Man fürchtet verloren zu gehen, wenn man sich Gott anvertraut! Man will sich zwar wohl Gott
übergeben, allein nur insofern, dass man dabei seine Seele in seinen eigenen Händen allezeit habe
und halte. Hiedurch aber fügt man der Güte und der Macht Gottes eine grosse Schmach zu, und sich
selbst tut man einen unersetzlich grossen Schaden.
38) Zehn Tage hernach wurde Nabal vom Herrn geschlagen, und er starb.

0 ihr, die ihr fürchtet euch an Gott zu übergeben, kommt und schaut bis wie weit sich seine
Vorsehung über diejenigen erstreckt, die sich Ihm überlassen. Rächt Er seine Freunde nicht besser,
als sie sich selbst hätten rächen können? Spricht Er nicht, dass die Rache Ihm vorbehalten sei
(B.Mose 32,35). Wenn wir uns selbst nicht rächen, sondern uns seiner Führung ganz und gar
überlassen, o wie weit besser tut Er dieses als wir selber! Wir können uns ohne Sünde zu begehen
nicht rächen; Gott aber rächt uns mit Gerechtigkeit. Diese ganze Führung und Betragen zeigt uns die
Nützlichkeit und Notwendigkeit der Uebergabe, und zwar sowohl in den allgemeinen Dingen als
auch in den besonderen Begebenheiten.

39) Als David den Tod des Nabais vernommen, sprach er: Gelobt sei der Herr, der meine
Schmach an dem Nabal gerächt hat, und der mich, seinen Knecht, bewahrt hat vor dem
Uebel, das ich zu tun bereit war; und welcher gemacht, dass die Bosheit des Nabais wieder
auf seinen Kopf gefallen ist. Hernach sandte David zu der Abigail, und liess mit ihr reden,
dass er sie zum Weibe nehmen wollte.

Nichts weckt die Uebergabe mehr auf, und nichts bestätigt solche mehr, als solche merkwürdige
Begebenheiten der Vorsehung. Sie erleuchten die Seele gar sehr. David sieht, wie übel er würde getan
haben, wenn er sich selbst gerächt hätte, und wie grossen Vorteil es bringt, wenn man all sein
Interesse in die Hände Gottes übergibt. David bewundert auch zugleich die Gütigkeit, die Gott für
ihn getragen, da Er ihn verhindert sich selbst zu rächen, und eine Uebeltat zu begehen. Er bewundert
auch die Sorgfalt Gottes, dass Gott selbst ihn gerächt, und ihn aus der Schmach und aus der Schande
gerissen. 0 wie süss sind diese Streiche der Vorsehung für diese Seelen, und wie sehr vereinigen sie
solche mit Gott!

Was aber das allerwunderbarste hiebei ist, besteht darin, dass alle diese Zerstörungen, in welchem
nichts als übereilter Eifer, Zorn und Rache hervorscheint; dass alle diese Zerstörungen von Gott
gebraucht werden, dem David eine Gemahlin zuzubereiten. So sehr wahrhaftig und gewiss ist es,
dass in den Händen Gottes alles wohl gelingt. 0 wunderbare Haushaltung der Weisheit meines
Gottes! Es scheint, du schlägst nur eine Seite und triffst doch die andere. Du tust viele Streiche mit
einem Schlag. Du wolltest diese Herzen zusammen vereinigen, darum erwecktest du ihnen einen
Krieg. So muss es geschehen, dass David den Vorsatz fasst, den Mann der Abigail zu töten, damit
solche seine Säugamme und seine Gemahlin werde.

0 Gott, dir allein kommt es zu, so grosse Dinge zu tun! 0 wenn man begreifen könnte die Reinigkeit
der Vereinigungen, welche Gott zubereitet; und wenn man wüsste die Heiligkeit der Ehen, die von
Gott selbst gestiftet werden, wenn man sich Gott anvertraut, und nur seinen Willen zum Endzweck
hat, ohne das Fleisch anzuhören; ja, wenn man dieses begreifen möchte, man würde darüber
erstaunen. Nichts ist heiliger und erhabener als die Ehen der alten Patriarchen. Sie waren sehr rein in
ihrem Ehestand, daher sorgte auch Gott selbst für sie in diesem Stück, und erwählte ihnen
Gemahlinnen, die sich für ihren Stand schickten. Jeder Ehestand, der auf diese Weise angetreten
wird, ist in der Heiligkeit seiner Einsetzung, und in seinem Endzweck. Wenn man wüsste sich zu
verehelichen durch die Vorsehung und in einer völligen Ueberlassung unter die Führung Gottes,
welcher zu einem so heiligen Stand bestimmt (denn Gott macht Heilige in allen Ständen), o wie sehr
würde ein solcher Ehestand zur Heiligung gereichen! Er würde die innere Gnade der heiligen
Einsiedler bei sich führen. Darum ist es auch Gottes Wohlgefallen gewesen, dass von allerlei Stände
und von allerlei Hantierung so viele verheiratete Heilige, sowohl Männer als Weiber gewesen sind,
um damit zu zeigen, dass man in allen Ständen die Heiligung erlangen kann. Dasjenige, was man
öfters glaubt eine Verhinderung der Heiligkeit zu sein, solches ist ein grosses Mittel zur Heiligkeit.

41)Da warf Abigail sich nieder zur Erde, und sprach: Deine Magd wird gerne dienen, die
Füsse der Knechte meines Herrn zu waschen.
42)Hernach stand Abigail geschwind auf, und setzte sich auf einen Esel, und fünf Mägde,
die sie bedienten, gingen mit ihr. Und sie folgte den Boten Davids und wurde sein Weib.

Die Schrift führt alle diese Umstände an, um uns von der wahrhaften Demut einen Unterricht zu
geben. Die wahre Demut achtet sich unwürdig der Gnaden, die man ihr erzeigen will, gleichwohl
aber stösst sie diese Gnaden nicht zurück. Sie eilt sich vielmehr das zu tun, was man von ihr begehrt,
und geht hin an den Ort, wo sie benötigt wird. Die gleiche Demut, welche macht, dass man sich der
angebotenen Gnade unwürdig achtet, macht auch, dass man solche als eine hohe Wohltat annimmt.
Eine Gnade aus Demut nicht annehmen, solches ist vielmehr ein Hochmut als Demut. Also machten
es die alten Philosophen, und durch eine wahre, doch mit dem Schein der Demut bedeckten
Eitelkeit, erhoben sie sich über dasjenige, was sie nicht annahmen oder von sich stiessen. Denn es ist
gewiss, dass wenn man eine Gnade annimmt, man sich solcher gleich macht, ob man gleich von
seiner Unwürdigkeit überzeugt bleibt; eben also wenn man diese Gnade nicht annimmt, so erhebt
man sich über solche. Denn die Gnade hat allezeit diesen Grad der Niedrigkeit, dass sie in unserer
Wahl bestanden, ob wir solche haben annehmen wollen oder nicht. Die Seele aber hat diesen Grad
der Erhebung, dass sie die Gnade zurückgestossen hat, unter welchem Vorwand es auch sein
möchte. Die wahre Demut hält sich nicht hoher Gnade würdig, und stösst solche auch nicht von
sich, wenn sie ihr angeboten wird. Sie empfängt und nimmt an auf gleiche Weise alles was man ihr
gibt, das Hohe und das Niedrige, das Süsse und das Bittere.

44) Saul gab die Michal, das Weib des Davids, dem Palti.
Saul hat noch nicht genug an allem Uebel und Unrecht, das er dem David zugefügt. Er raubt ihm
auch noch sein Weib, um sie einem andern zu geben. Dies ist ein sehr schmerzlicher Streich für den
David, welchen er aber doch wie die andern aushalten muss. Wie, o Herr, eben dasselbe Weib, das er
so lieb hatte, um welcher willen und um sie zu besitzen, er sich in so viele Gefahr begeben, eben
diese liebe Michal raubst du ihm! Du selbst, o Gott, stiftest die Vereinigungen, und zerreissest solche
auch. Du zertrennst, du vereinigst. Du tust alles was dir wohlgefällt. Und durch solche seltsame
Dinge heiligst du deine Freunde.

26. Kapitel. 

1) Die von Siph kamen zu dem Saul nach Gibea und sprachen zu ihm: David hat sich in dem
Hügel Hakila, der der Wüste gegenüberliegt, verborgen.
2) Saul nahm alsbald zu sich dreitausend Mann, die er aus ganz Israel erwählte, und ging
hin den David in der Wüste zu suchen.
Sobald David in der Wüste verborgen wohnt, wo er einen Augenblick Ruhe hat, ungeachtet der
Anfälle seiner Feinde, so geschieht es dass diese unruhigen, zänkischen Geister, welche Feinde sind
der stillen Ruhe, die die Knechte Gottes in der Einsamkeit schmecken, hingehen, um dem Saul den
Ort anzuzeigen, wo David sich befindet, und hiedurch dessen Zorn und die Verfolgung wieder
aufwecken. Wie, Saul, hast du denn schon vergessen, dass du diesem Menschen, welchen du als
deinen grausamsten Feind verfolgst, dein Leben zu danken hast? Hast du schon die von ihm
empfangene Wohltat aus der Acht geschlagen; ja hast du das Zeugnis schon vergessen, das du seiner
Unschuld zu geben bist genötigt worden? Ja, spricht Saul, ich will dieses alles vergessen, und
aufhören mitleidig zu sein, um wieder grausam zu werden. Ich muss ihn in der Wüste und in seiner
Uebergabe selbst verfolgen. Vielleicht werde ich das durch Gewalt erlangen, was ich mit
Gerechtigkeit nicht haben kann. Und wenn das Glück mir hold ist, dass David mir in die Hände fällt,
so werde ich ebenso grosse Freude haben ihm das Leben zu rauben, als er gehabt hat mir mein
Leben zu erhalten. Aber Saul, du betrügst dich, du wirst an einer an Gott übergebenen Seele nichts
gewinnen. Gott ist stärker als du bist; und du wirst nur dazu dienen müssen, dass David aufs neue
über dich triumphiert.

5) Da stand David heimlich auf und kam bis zu dem Ort, wo Saul war. Und er bemerkte den
Ort, wo die Zelte des Sauls und des Abners, des Sohnes Ners, des Feldherrn des Heeres war.
Und da er sah, dass Saul und seine Leute, die um ihn in seinem Zelt waren, schliefen,
6) Sprach er: Wer will mit mir gehen in das Lager Sauls. Da sprach Abisai zu ihm: Ich will
mit dir gehen.
7)Also gingen David und Abisai in der Nacht unter die Leute des Sauls, und sie fanden Saul
liegen und schlafen in seinem Zelt.
8) Da sprach Abisai zu David: Gott überliefert deinen Feind heute in deine Hände. Ich will
ihn mit meinem Spiess an die Erde spiessen, ein einziges Mal, dass ein zweiter Stoss nicht
mehr nötig sein wird.

Ein solcher Rat, wie ihn Abisai gibt, nämlich einen schädlichen Feind aus dem Weg zu schaffen, ist
ganz natürlich. Dieser Rat scheint auch umso viel rechtmässiger zu sein, da Saul das ihm von David
erhaltene Leben nur dazu anwendet, ihn mit grösserer Bitterkeit zu verfolgen. Es scheint, es sei eine
Verwegenheit und eine Unterlassung, die Gelegenheiten der Vorsehung sich zunutze zu machen,
wenn man den Saul nicht aus dem Wege räumt. Nein, nein, man irrt sich hierin. Die Vorsehung gibt
dem David die Gelegenheit nicht darum, dass er seinen Feind töten soll, sondern damit er solchen
durch eine neue Wohltat überwinde.

9) David sprach zu ihm: Töte ihn nicht, denn wer wird seine Hand an den Christ des Herrn
legen und unschuldig sein?

Es ist dem David nicht genug, seinem Verfolger kein Leid zuzufügen, sondern er selbst wird auch
noch dessen Advokat und Beschützer. Hierin ahmt er seinen Meister ebenfalls nach. David erhielt
zweimal über den Saul den allergrössten Sieg, oder vielmehr Gott erhielt diesen Sieg durch den
David. Es wird eine ganz vollkommene Geduld und eine ganz vollkommene Uebergabe erfordert,
wenn man auf diese Weise sich betragen soll. Allein, wie, David, wenn du deinen Feind nicht tötest,
und er erwacht, wird er dann nicht glauben, du seiest gekommen, ihn hinterlistig zu ermorden, und
wird er nicht einen Schein der Gerechtigkeit haben, dich erwürgen zu lassen? Hieran ist nichts
gelegen. Ich will lieber unschuldig sterben, als schuldig leben. Denn könnte ich wohl ohne Sünde
denjenigen aus dem Weg räumen, welchen Gott geweiht hat, um mich zu kreuzigen?
10) Und er sprach ferner: Es lebe der Herr. Es sei dass der Herr selbst den Saul schlage, oder
dass der Tag seines Todes komme, oder dass er in einer Schlacht umkomme, sonst wird er
nicht sterben.
11) Gott bewahre mich davor, die Hand zu legen an den Christ des Herrn. Nimm nur seinen
Spiess, der über seinem Haupt ist, und seinen Becher, und lasst uns gehen.

Was noch mehr ist, David schwört, es möge Saul ihm antun was er wolle, so werde er doch niemals
seine Hand an solchen legen. Wenn Gott wolle, dass Saul sterbe, so sei er mächtig genug ihn sterben
zu machen. Tue aber Gott dieses nicht, und dass auch weder der natürliche Tod, noch sonst ein
Zufall den Saul aus dieser Welt nimmt, so werde solchem das Leben nicht geraubt werden. Die
Ehrfurcht, welche David für den Saul hat, obschon Saul der gottloseste unter den Menschen,
gleichwohl aber gesalbt ist, zeigt an, welche Ehrfurcht wir für gekrönte und gesalbte Häupter haben
müssen, welche Mängel sie auch an sich zu haben scheinen mögen; und dass es eine Verwegenheit
und eine schreckliche Uebeltat ist, wenn man ihnen Schaden zufügen will, unter dem Vorwand, dass
sie lasterhaft oder Tyrannen seien. Es sind gesalbte Personen, an welche man niemals die Hand
legen, noch auch selbst übel von ihnen reden soll. Gott weiss wohl was sie sind, wir aber sollen
allezeit für sie eine unverletzliche Ehrerbietung tragen, und sie stets mit Gefahr unseres Lebens
verteidigen. Gleichwohl hindert dieses nicht, dass man ihnen bei Gelegenheit das, worin sie fehlen,
mit Sanftmut und Liebe wohl zu erkennen neben kann, wenn die Umstände und Gelegenheit sich so
fügen. Ja Gott bedient sich öfters einer solchen Liebtätigkeit, um zu machen, dass sie in sich
schlagen. Es ist allezeit der Wille Gottes gewesen, dass man für die gesalbten Personen eine sehr
grosse Ehrerbietung trage. Darum lässt Gott auch dieses dem Volk durch den Samuel anbefehlen, als
Saul zum König gesalbt wurde. Hat Er dieses nicht selbst befohlen, wenn Er will, dass man dem
Kaiser gebe, was des Kaisers ist (Matth.22,21), obgleich der damalige Kaiser ein Ungläubiger war?
Der heilige Paulus schreibt ein ganzes Kapitel davon (Röm.13).
Also nahm David den Spiess des Sauls mit sich, um zu zeigen, dass es in seiner Macht gestanden,
solchen zu töten; allein er habe das Böse durch Gutes überwunden. Ferner nimmt er den Becher, um
zu erkennen zu geben, dass er aus dem Becher des Grimmes und der Ungerechtigkeit nicht
getrunken, sondern dass er in der Sanftmut des Friedens geblieben sei.

14)Und David rief laut dem Volk und dem Abner und sprach: Abner, antwortest du nicht?
Da antwortete Abner: Wer bist du, der da schreit und solchen Lärm gegen den König macht?

15)David sprach zu ihm: Bist du nicht ein herzhafter Mann, und wer ist dir gleich in Israel?
Warum hast du denn den König, deinen Herrn, nicht bewacht? Denn einer von dem Volk ist
gekommen, den König, deinen Herrn, zu töten.
16)Ich schwöre bei dem Herrn, ihr alle verdient den Tod, dass ihr euren Herrn nicht besser
bewahrt habt, welcher ist der Christ des Herrn. So sehet nun hier den Spiess des Königs und
sein Trinkbecher, der zu seinem Haupte war.

David ist damit nicht vergnügt, seinem Feind das Leben zu erhalten, sondern er gebraucht auch noch
alle Massregeln der Klugheit, sein Leben für die Zukunft in Sicherheit zu setzen. Er zeigt der Wache
des Sauls das Unrecht, das sie getan, eine gesalbte Person also in Gefahr zu setzen. Hievon redet
David mit der äussersten Ehrerbietung, und auf eine Weise, welche zeigt, dass solches ihm vom
Herzen kommt. Kommt und sehet, spricht er, die Kennzeichen eurer Opfer zu versiegeln, welche
Gott von mir erfordert.
Kommen aber deine Verfolgungen von den Menschen her, die dich gegen mich reizen, so betrachte,
bitte ich, dass sie keinen andern Vorsatz haben, als zu machen, dass ich aus meinem Weg ausgehe,
damit ich nicht wohnen möge in dem Erbteil des Herrn, welches eine Wohnung des Friedens und
der ruhesamen Stille ist. Ja ihr Vorsatz ist, dass sie mich durch ihre Verfolgungen zwingen wollen,
aus meiner Ueberlassung in den Willen Gottes auszugehen, um (so zu reden) fremden Göttern zu
dienen, indem sie mich von neuem meinen eigenen Uebungen unterwerfen, welche ob sie gleich zu
ihrer Zeit gut sind, dennoch in Ansehung meiner fremde Götter geworden sind, weil Gott selbst
mein Gott, mein Teil und mein Führer sein will.

20) So werde denn nun mein Blut nicht vor dem Herrn auf die Erde vergossen. Musste denn
der König von Israel zu Feld gehen, um einen Floh zu suchen; oder wie man einem
Feldhuhn auf den Bergen nachläuft?

David fährt fort und spricht: Ist es wahr, dass du auf Anstiften der Menschen gekommen bist, so
vergiesse mein Blut nicht auf die Erde; es würde dies Gott nicht angenehm sein. Gedenke auch, o
König von Israel, dass du soviel Volk versammelt hast, um einen Floh zu verfolgen, dh. eine Person,
die von keinem Ansehen ist, und die sich selbst aufs äusserste verachtet. Es ist gewiss, dass in der
äussersten Vernichtigung, in welche die Seele gesetzt wird, sie sich selbst so gering schätzt, dass sie
sich nicht erzürnen kann über das Uebel, das man ihr zufügt. Sie glaubt es widerfahre ihr recht, oder
vielmehr, sie glaubt sich dessen unwürdig. Ja sie verwundert sich, dass so hohe und vornehme
Personen sich so herunterlassen wollen sie zu verfolgen. Und diese Verwunderung treibt sie dazu an,
einen Vergleich zu machen, wodurch die Sinnlosigkeit der Verfolgung, welche man ihr zufügt,
angezeigt wird; nämlich weil sie so gar niedrig und gering ist. David spricht: Dass der König von
Israel herabgekommen, einen Floh zu verfolgen. Solches ist eine für ihn viel zu unwürdige Sache,
zumal er dieses mit solcher Heftigkeit tut, als wie man einem Feldhuhn auf den Bergen nachjagt.
Dieser Ausdruck ist sehr lebhaft, und ist ebensoviel, als ob er spräche: Dass ein König von Israel
herabkommt, um mächtige Feinde zu bestreiten, um grosse Feldschlachten zu halten und
anzuordnen, darüber darf man sich nicht wundern. Allein, dass er sich diese Mühe gibt um der
geringsten und schwächsten Kreatur willen, darüber muss ich mich billig verwundern.

21) Und Saul antwortete ihm: Ich habe gesündigt, komme wieder mein Sohn David. Ich will
dir hinfort kein Uebel mehr zufügen, weil mein Leben heute teuer gewesen ist vor deinen
Augen. Denn es ist am Tag, dass ich töricht gehandelt, und in der Unwissenheit vieler
Dinge gewesen bin.

Nichts kann ein verhärtetes Herz mehr rühren als die Demut und die Sanftmut. Saul erkennt auch
noch diesen Fehler, wozu er wider seinen Willen durch die Gütigkeiten des Davids gezwungen wird.
Er bittet ihn, dass er wieder zu ihm kommen solle, mit der Versicherung, er wolle ihm kein Uebel
mehr zufügen. Alle Bussen des Sauls sind von keiner Dauer. Sie währen nur einen Augenblick, weil
er kein Misstrauen in sich selbst setzt. Er versichert, dasjenige nicht mehr zu tun, was er schon so
vielmal zu unterlassen versprochen, und gleichwohl hört er nicht auf, es noch ferner zu tun. Er sollte
vielmehr zu Gott seine Zuflucht nehmen, und die Gnade von Ihm erbitten, nicht mehr in seine
Sünden und Uebeltaten zu fallen. Auch sollte er den David selbst dahin vermögen, für ihn zu beten.

Gleichwohl war er in jenem Augenblick erleuchtet, gleichwie die Redensarten, deren er sich bedient,
solches zu erkennen geben. Es ist offenbar, spricht er, dass ich eine Torheit begangen, indem ich so
übel mit dir verfahren bin. Deine Tugend sehe ich ganz klar, wie auch die Güte deines Wesens. Viele
Dinge, die ich nicht wusste, sind mir entdeckt worden, und dringen mich zu bekennen, dass alles was
ich in Ansehung deiner getan habe, eine Wirkung meiner Torheit und meines Hochmuts und
EhrNeides ist, indem ich mich dem Willen Gottes nicht unterwerfen will. Dieses gibt klar und
deutlich zu erkennen, dass Gott an seinem Ort es niemals fehlen lässt, die Gnade zu der Bekehrung
zu geben, und eine Seele über ihre Abweichungen und Verirrungen zu erleuchten. Es ist kein Sünder
so verhärtet, dem Gott solchen Lichtsstrahl nicht senden sollte, und wodurch er von seinem Irrtum
überzeugt werden könnte. Allein, ach leider! wenn sie gleich durch diese göttlichen Rührungen
bewegt werden, so ist es doch nur für einen Augenblick. Sobald die durch diese Rührung
entstandene Bewegung vorbei ist, so fallen sie wieder in ihr früheres Abweichen, und vergessen alles,
was sie verheissen hatten!

22) David sprach hernach: Siehe hier ist der Spiess des Königs. Einer von seinen Leuten
komme herüber und hole ihn.
23) Aber der Herr wird einem jeden wieder geben nach seiner Gerechtigkeit und nach
seinem Glauben.

David benützt die Worte des Königs nicht zu seinem Vorteil. Ja er gibt ihm nicht einmal zu
erkennen, dass er unrecht habe. Er verteidigt sich nicht, wie Seelen einer mittelmässigen
Vollkommenheit solches tun könnten; sondern eben als ob er tot oder unempfindlich wäre, spricht
er, man komme die Waffen des Königs wieder zu holen. Ich gebe ihm die Waffen wieder, damit,
wenn es Gottes Wille ist, er sie noch ferner gegen mich gebrauche. David wusste allzuwohl, wie
wenig auf die Verheissungen der Kreaturen, die sich auf sich selbst stützen, zu bauen sei, um sich
dabei aufzuhalten. Vielmehr wendet er sich auf die Seite nach Gott, in welchen allein er sein
Vertrauen gesetzt hatte, und spricht, dass Gott einem jeden nach seiner Gerechtigkeit geben werde,
dh. nach der Gerechtigkeit Gottes, welcher alles mit Gerechtigkeit tut; oder nach dem Mass, als Gott
seine eigene Gerechtigkeit in uns finden werde. Darum spricht David nicht, nach unserer
Gerechtigkeit, sondern nach seiner Gerechtigkeit, welche nichts anderes als die Gerechtigkeit Gottes
in uns ist, und nach dem Glauben, welchen wir in diese Gerechtigkeit haben.

27. Kapitel. 

1) David sprach bei sich selbst: Ich werde gewisslich eines Tages in die Hände Sauls fallen.
Ist es nicht besser, ich errette mich und fliehe in das Land der Philister, damit Saul verzage
mich zu finden, und aufhöre mich in allen Ländern Israels zu suchen! Ich will mich also aus
seinen Händen losreissen.

Die Flucht des Davids ist voller Geheimnis; und ob es gleich anfänglich scheint, es geschehe aus
einem Misstrauen, das er in die Gütigkeit Gottes und in dessen Vorsehung setzte, so ist dem doch
nicht also. Diese Flucht war durch eben dieselbe Vorsehung Gottes angeordnet. Dieses musste also
geschehen, damit David ein vollkommeneres Vorbild Jesu Christi wäre. Jesus Christus flieht vor dem
Herodes, und David flieht vor dem Saul. Wohin fliehen sie aber sowohl der eine als der andere? Sie
fliehen zu ihren Feinden. Die inneren Personen finden öfters einen viel sichereren Zufluchtsort bei
den grössten Sündern, als bei denen, welche (ob sie schon dem Schein nach Knechte eben desselben
Herrn sind) dennoch nicht in eben demselben Weg sich befinden.
2) David stand auf und ging mit seinen sechshundert Mann zu dem Achis, dem König von
Gath. David und seine Familie gehen zu dem König von Gath; Jesus und seine Familie
gehen in das Königreich Aegypten.

9) David tötete alles, was er in dem Land antraf, ohne am Leben zu lassen weder Mann noch
Weib.

Es scheint, David fliehe nur um die Verfolgung zu vermeiden; Gott aber bedient sich seiner, um
seine Feinde zu vertilgen. David erobert mehr und hat mehr Sieg in seiner Flucht, als er in allen
seinen grossen Schlachten hatte. Da er mitten unter seinen Feinden lebte und mit ihnen umging,
vertilgte er deren unendlich mehr, als wenn er von ihnen wäre abgesondert gewesen. Eben also
erwarb Jesus Christus mehr Seelen in Aegypten, als in dem ganzen Land Juda, weil Er zu derselben
Zeit den Samen zur Bekehrung der Heiden ausstreute.

Es ist kein Stand in dem inneren Leben, der nicht in David eingeschlossen wäre, als ein Vorbild Jesu
Christi, in welchem alle Gaben und Gnaden eingeschlossen sind. Oefters verdammt man die
Personen, welche eine lange Zeit die Wüste des Glaubens bewohnt haben (gleichwie David die
wüsten Oerter und ödesten Berge); hernach aber kommen und mit den Kreaturen Umgang pflegen.
Man klagt sie an, als ob sie in einem Verfall stünden. Mit welchen Personen haben sie aber einen
solchen Umgang? Wäre es mit frommen, gottesfürchtigen Personen, mit Israeliten, so würde man
nichts dagegen zu sagen haben. Aber dass sie hingehen, bei den Philistern zu wohnen, dass sie mit
Weltleuten Umgang pflegen, ein solches will man ihnen nicht gutheissen. Gleichwohl ist es eben
dasselbe, dessen Gott sich bedient, seine Feinde zu vertilgen. 0 mein Gott, wie sehr sind deine
Ratschlüsse und Vorhaben den Menschen verborgen! Ja du würdest nicht Gott sein, wenn deine
Weisheit nicht Mittel hätte, sich deren zu bedienen, welche alle Klugheit dieser Menschen betrügen
und niederreissen. Diese in Gott übergebenen Personen zerstören das Reich des Satans durch
solchen Umgang und Gesellschaft mehr, als sie durch ihre frühere Einsamkeit getan hatten. Lasst
uns Gott machen, Er wird alle Dinge zu seiner Verherrlichung und zu unserem Vorteil wohl
auszuführen wissen.

29. Kapitel. 

6) Achis rief den David und sprach zu ihm: Der Herr lebt, welcher weiss, dass ich dich
allezeit gut und gerecht vor mir erfunden habe; und dass ich kein Böses in dir gefunden
habe seit dem Tage, da du zu mir gekommen, bis jetzt. Allein du gefällst nicht den Fürsten.
7) So kehre denn wieder zurück und gehe hin im Frieden, damit du die Augen der Fürsten
der Philister nicht beleidigst.

Diese Worte des Achis zeigen, dass die Fürsten öfters genötigt werden, solche Dinge zu tun, die sie
nicht tun würden, wenn es nicht geschähe aus Gefälligkeit gegen diejenigen, die um sie sind. Die
Herren tun öfters Ungerechtigkeiten, um ihren Dienern zu gefallen. Sie erkennen in der Tat die
Tugend der verfolgten Personen, und gleichwohl werden sie genötigt sie zu entfernen, weil sie den
Fürsten nicht gefallen. 0 wenn man wüsste wie gefährlich das Ansehen auf (ansehen ist, man würde
darüber erschrecken. Diese Menschengefälligkeit oder Menschenfurcht richtet alles Verderben an.
War es nicht in Absicht auf Menschen, dass Pilatus Jesus Christus verurteilte? (Joh.19,4). Ich kenne,
spricht er, keine Ursache des Todes in diesem Menschen, ich sehe kein Uebel noch Böses an ihm;
gleichwohl um der Juden willen lässt er ihn in die Hände seiner Feinde übergeben. Er weiss, dass Er
gerecht ist, und wascht deswegen seine Hände (Matth. 27,24). Achis bezeugt auch, dass David
gerecht und unschuldig sei, und doch unterlässt er nicht, ihn samt seinem Leben bei dem Saul in
Gefahr zu setzen.

8) David sprach zu Achis: Was habe ich getan? Was hast du in deinem Knecht gefunden,
von der Zeit an als ich zu dir gekommen bin, dass du mir nicht erlauben willst, mit dir zu
ziehen, und gegen die Feinde meines Herrn und meines Königs zu streiten?
9) Achis antwortete dem David: Ich weiss, dass du gut vor meinen Augen bist, wie ein Engel
Gottes; allein die Fürsten der Philister haben beschlossen, dass du dich nicht bei ihnen in
der Schlacht einfinden sollst.

Gott will, dass Leute, die am wenigsten Menschliches an sich haben, und zu den Gottlosesten
gehören, die Heiligkeit des Davids erkennen, da er inzwischen von seinen eigenen Brüdern verurteilt
und verfolgt wird. Es ist dieses eine ganz anbetungswürdige Führung der Vorsehung Gottes über
seine Freunde. Die Zöllner und Sünder, die kanaanäischen Weiber und die Abgöttischen geben
Zeugnis von der Heiligkeit Jesu Christi, während die Juden Ihn verdammen.

Die Samariter loben und bewundern ihn, die Juden aber verlästern ihn. Ein unzüchtiges Weib
erkennt ihn für den Messias, die Juden aber verurteilen ihn, weil Er gesagt, dass Er der Messias sei.
Dieses sind auch noch Uebereinstimmungen, die sich zwischen Jesu Christo und dem David finden,
wie man solches leicht anmerken kann. Auch die Erfahrung der inneren Personen stimmt damit
überein, indem sie dort, wo sie sich befinden, allezeit von ihren Brüdern und von frommen Leuten
mehr als von andern verfolgt werden, wenn diese inneren Personen in einem weltlichen Stand leben.
Sind sie aber in Klöstern, so werden sie von ihren eignen Mönchen am meisten verfolgt. Gott
gebraucht jedes und alles, um seine Auserwählten zu heiligen. Im allgemeinen lässt Gott zu, um sie
mehr leiden zu machen, dass ihre Tugend denjenigen unbekannt bleibt, mit denen sie umgehen; und
sehr öfters geschieht es, dass obgleich ihre Tugend ihnen bekannt ist, sie doch durch ein Geheimnis
der Vorsehung nicht unterlassen, diese inneren Seelen zu verfolgen.

30. Kapitel. 

1) Drei Tage hernach kam David mit seinen Leuten nach Ziklag, und fanden, dass die
Amalekiter solche eingenommen und mit Feuer verbrannt hatten.
3)Da nun David und seine Leute gefunden, dass die Stadt verbrannt, und ihre Weiber, ihre
Söhne und ihre Töchter gefangen hinweggeführt waren,
4)Fingen sie alle an zu schreien und zu weinen, bis keine Tränen mehr fliessen wollten.

Ist wohl eine Probe zu finden, o grosser König, durch welche du nicht hast durchgehen müssen?
Dieses ist die schwerste und bitterste unter allen, die du ausgestanden. Es scheint, mein Gott, dass du
alle deine Fluten versammelst, um deinen Knecht zu überschwemmen. Und was das wunderbarste in
dem Leben dieses heiligen Königs ist, besteht darin, dass weder ein innerer Stand (welcher es auch
sein möchte), noch ein äusseres Kreuz zu finden ist, das dieser heilige König nicht getragen hat.
Dieses ist so gar allgemein für alle Dinge, dass man nichts zu erfahren vermag, ja dass man nichts
erkennen kann, das man in David nicht findet.

Daher ist er auch ein vollkommenes Vorbild Jesu Christi. Darum finden sich alle Stände in David
ausgedrückt, gleichwie sie auch alle in Jesu Christo eingeschlossen sind. Ich bin sicher, dass alle,
welche mit Nachdenken dasjenige lesen werden,
was von David erzählt wird, auch zugleich ihren eigenen Stand darin finden werden, und dieses mit
einer so viel vollkommeneren Uebereinstimmung, je weiter sie im inneren Leben gekommen, und je
grösser ihre Gleichförmigkeit mit Jesu Christo ist.

Demnach fand David bei seiner Wiederkunft, dass der Ort, der ihm zu einer Zuflucht gedient hatte,
zerstört und verbrannt war. 0 grosser Heiliger, was wirst du denn nun anfangen? Es ist für dich kein
Zufluchtsort mehr da vorhanden, er ist in Asche verwandelt wor­den. Diese Verbrennung zeigt an
die Vernichtigung. 0 wie schwer ist es, solche zu ertragen! wo ist nun die Beständigkeit Davids
geblie­ben? Bei allen andern Anfällen hat er nicht geweint, und diesen Un­stern beweint er und ist
untröstlich. Die Ursache dessen ist, dass kein grösseres Leid sein kann, weil diese Vollendung das
Vorbild der Vernichtigung und die Gemütsverfassung zum neuen Leben ist.

Ehe man stirbt, und ehe das Opfer des Todes vollendet wird, ist noch eine Vollendung des Lebens,
gleichwie schon angemerkt worden ist, die übereinstimmt mit dem Consummatum est des Kreuzes.
Aber diese Vollendung ist die Vollendung des Lebens, die durch den Tod gewirkt wird. Die
Vollendung aber, von welcher ich hier rede, ist die Vollendung des Todes. Der Augenblick, welcher
die Auferstehung Jesu Christi hervorbrachte, machte auch die Vollendung seines Todes, indem sein
Tod sich in demselben Augenblick endigte; gleichwie der Augenblick seines Todes die Vollendung
seines Lebens gewirkt hatte, nämlich dass sein Leben in demselben Augenblick sich endigte. Darum
steht geschrieben: 0 Tod, ich will dein Tod sein (Hosea 13,14). Der Tod des Todes ist das neue
Leben, gleichwie der Tod des Lebens eben dieser Tod ist.

Dieses ist ein Stand, der wesentlich in der Seele vorgeht, und Vernichtigung genannt wird, weil die
Ueberbleibsel des Todes vertilgt sind, und weil diese Vernichtigung zum Ende bringt, was der Tod
nicht hatte vollenden können. Zum Beispiel: Der Tod scheidet die Seele von dem Leib, allein er lässt
den Leib noch ganz. Die Vernichtigung aber zerstört und verwandelt in Asche; und dieses ist
eigentlich die Vollendung des Todes, weil dieser Stand näher bei der Wiederauferstehung ist. Dies ist
so, dass wenn wir wieder werden auferstanden sein, der Tod selbst zu seinem Ende gekommen oder
vollendet sein wird; gleichwie dieser Tod alle Dinge vollendet hat, oder ein Ende aller Dinge gewesen
ist. Nun aber musste dieser Stand in David vorgebildet werden, ehe er König wurde, und die
Verheissungen in ihm ihre Erfüllung erlangten. Ein kurz zuvor gestorbener Leib hat mehr Hoffnung
wieder aufzustehen, als ein Leib der schon im Sarg liegt; und ein im Sarg liegender Leib hat grössere
Hoffnung der Wiederauferstehung als ein Leib, der unter die Erde verscharrt ist. Der Leib aber, der
durch die Verwesung ganz in Asche verwandelt worden ist, hat keine andere Hoffnung als in dem
Keimlein der Un­sterblichkeit, das in ihm ist. Darum ist die Verzweiflung der Seele nicht völlig und
absolut, bis dass die Seele ist vernichtigt worden.

Jesus Christus hat uns Beispiele von diesen Wahrheiten geben wollen, in drei Personen, welche Er
auferweckt hat. Die erste (Matth. 9,24) rechnet er nur für eine eingeschlafene Person. Ihr Tod und
ihre Wiederauferweckung war so leicht, als sie schnell geschahen. Die zweite war die
Wiederauferweckung des Kindes der Witwe zu Nain (Luk. 7,14), welches Kind schon auf der
Totenbahre lag, und dies kostete ein wenig mehr; jedoch bei weitem nicht soviel als die
Wiederauferweckung des Lazarus, welcher der dritte war (Jon.11,33ff). Jesus Christus entsetzte sich;
alles verzweifelte, dass dieses geschehen könnte, weil der Leib schon in der Verwesung war.

Dieser Stand geht der gänzlichen und völligen Vernichtigung voran. Es ist zu merken, dass Jesus
Christus keinen von denen, die durch die Verwesung schon in Asche waren verwandelt worden,
wieder auferweckte, ohne nur durch seinen Tod (Matth.27,5253), und nach seinem Tod. Hieraus
aber kann man von dem Unterschied dieser Dinge urteilen. Die Seele in dem Stand der Asche oder
der Vernichtigung behält gar keine Hoffnung jemals wieder aufs neue belebt zu werden. Sie hat kein
Leiden mehr weder über den Tod, noch über den Gestank ihrer Verfaulung; allein sie hofft auch
weiter auf kein Leben mehr. Sie ist gegen alles un­empfindlich, jedoch dieses auf eine tote Weise, und
nicht auf eine angefüllte und lebendige Weise, gleichwie solches nach der Wieder­auferstehung
geschieht. Dieses ist die Vollendung des Todes, durch die Wohnung Davids vorgestellt, welche
durch das Feuer verzehrt wurde. Und diese Wohnung ist ein Ueberrest der Stütze oder der
Hoff­nung wieder lebendig zu werden, welche nun durch diesen Brand zer­stört und verzehrt wird.

Die Weiber und Kinder Davids wurden weggeführt. Die Weiber bedeuten solche Personen, die
durch die Gnade und durch die Natur mit uns am meisten vereinigt sind; und die Kinder sind
diejenigen, welche wir in Jesu Christo gezeugt haben. Alles dieses verlässt uns und weicht ganz und
gar von uns. Gott raubt solche hinweg, und mit ihnen das, was uns übrig blieb von dem
allerverborgensten und geheim­sten Wirken, das man wegen seiner Einfalt nicht einmal wahrnahm.
Alles dieses geht auf diese Weise in der Seele vor. Es musste solches auch in dem David geschehen,
um vorzubilden, dass Jesus Christus alle seine Jünger verlor, welche durch die Furcht bei dem
Anblick seines Todes Ihm entrissen wurden.

6) David war äusserst bekümmert, denn das Volk wollte ihn steinigen. Denn alle waren sehr
bekümmert und voll von Schmerzen, weil sie ihre Söhne und ihre Töchter verloren hatten.
Er setzte aber seine Kraft und sein Vertrauen in den Herrn seinen Gott.

Wenn David nicht in Gefahr gewesen wäre, wie sein Meister ge­steinigt zu werden, so würde etwas
in ihrer Aehnlichkeit fehlen. David war gleich anfangs höchst bekümmert, sein Herz aber fand sich
fast ebenso bald in seinem Gott gestärkt. Dies ist die gewöhnliche Führung, welche Gott mit solchen
Seelen hält, die stark in Ihm sind, nämlich dass Gott schafft, dass sie nicht nur ihre eigenen
Schmerzen, sondern auch die Schmerzen aller derjenigen tragen müssen, welche durch die Führung
ihnen unterworfen sind.

Aus dem was die Schrift von dem einen und dem andern meldet, kann man den Unterschied ihres
Standes sehen. Das Volk oder die gewöhnlichen Seelen bekümmern sich über die Verlierung ihres
Wirkens, und in ihrer Bekümmernis darüber fallen sie auf die Kreatur. Es ist der Führer, sprechen
sie, der hieran schuld hat. Denn er führt uns durch einen bösen Weg. David trägt nicht nur seine
Verlierung, welche weit grösser als die Verlierung der andern war, sondern er erträgt auch alle ihre
Peinlichkeiten. Kann wohl etwas jämmerlicher sein für eine Person, die sich schon selbst verloren zu
sein glaubt, wenn sie sehen muss, dass auch die andern ihre Verlierung ihr vor­werfen? Allein auf
welche Weise beträgt sich David? Klagt er jemand darüber an? Beklagte er sich bei Gott deswegen?
Nein, er stärkt sich in Gott in dem höchsten Grad seiner Verlierung durch eine noch viel grössere
Uebergabe, und durch die Vereinigung seines Willens mit dem Willen Gottes, welcher alle diese
Dinge tut und zulässt.
18)Also brachte David alles wieder, was die Amalekiter geraubt hatten, und er befreite auch
seine beiden Weiber.
19)Und es blieb nichts zurück von dem Kleinsten bis zu dem Grössten, sowohl der Söhne
und Töchter, als von dem ganzen Raub. Und David brachte alles wieder, was sie geraubt
hatten.

Indem David das wieder erlöste, was er verloren hatte, und indem er so viele Personen befreit, so
bildet er damit sehr wohl vor, wie der Seele alles wieder gegeben wird, weil Gott alles wieder
erstattet, nachdem Er es der Seele hinweggenommen hat.

Denn Gott beraubt und entblösst die Seele nicht auf alle Zeit; es geschieht solches nur, um die
Eigenheit ihr abzunehmen, so dass wenn diese Eigenheit der Seele ist entrissen worden, so gibt Gott
ihr alle Dinge wieder. Darum merkt die Schrift an, dass nichts fehlt und alles wieder gegeben wurde.
Ja David trug auch Beute davon, gleichwie solches von Jesu Christo nach seiner Auferstehung gesagt
wird (Kol. 2,15).

21)David kam hernach zu den zweihundert Mann, welche müde und stehen geblieben
waren, und nicht hatten folgen können, welchen er auch befohlen hatte, am Ufer des
Stromes Besor zu bleiben. Diese kamen ihm und denen, die mit ihm waren, entgegen. Da
David zu ihnen kam, grüsste er sie friedlich.

22)Was aber böse und verdorbene Leute waren von denen, die mit David gezogen, sprachen:
Weil sie nicht mit uns gezogen sind, so wollen wir ihnen auch nichts geben von der Beute,
die wir gemacht haben. Ein jeder begnüge sich damit, dass man ihm sein Weib und seine
Kinder wieder gebe, und hernach gehe er hin.

David kam wieder zu denen, die (ob sie schon einen guten Willen hatten) dennoch ihm nicht
nachfolgen konnten, weil sie durch einen so langen Weg allzusehr ermüdet waren. Und wie hätten sie
dem folgen können, der mit Riesenschritten lief? Er hatte befohlen, sie sollten ein wenig ruhen in
dem Stillschweigen des inneren Gebets, und bei dem Fluss der Gnaden, um ihnen Erquickung und
neue Kräfte wieder zu geben. Dieses ist eine schöne Unterweisung für die Führer, damit sie die
Seelen nicht über ihr Vermögen antreiben, sondern sie zu Zeiten rasten und der Erquickung und
Ruhe geniessen lassen. Dieser kleine so scheinende Aufenthalt ist für sie ein Gutes, und nicht ein
Uebel; er stärkt ihnen den Mut, und verleiht ihnen Kraft, um mit erneuten Kräften ihren Weg
fortzusetzen. Hingegen wenn man sie mit allzugrosser Strenge antreibt, so macht man damit, dass sie
ausser Atem kommen, dass sie in Ohnmacht sinken, ja dass sie öfters gar an der Gnade sterben,
anstatt dass sie sich selbst absterben sollten. Wenn sie aber ein wenig rasten, so bekommen sie neue
Kräfte, und sind dadurch imstande, ihren Weg mit Herzhaftigkeit fortzusetzen. Ein ge­sunder,
ausgeruhter Mann kommt in einem Tag weiter, als ein abgematteter und ausgemergelter Mann in drei
Tagen kommen wird. Hierin ist die Weisheit des Führers zu erkennen, wenn er von den Seelen
nichts fordert, das sich über ihre Kräfte erstreckt. Die Schrift gibt uns auch zu erkennen, dass diese
Männer dem David wieder entgegenkamen, um damit zu zeigen, dass ihr Stillstand keine
Abweichung, sondern eine Ruhe war. Darum grüsste David sie auch friedlich.
Gleichwie aber der Meid und der Hochmut sich in alle Dinge mischt, so geschah es, dass viele von
denen, die den David begleitet hatten, durch ihre Siege aufgeblasen wurden, und ein eitles
Wohlgefallen an ihrer Treue hatten. Ja sie gingen darin so weit, dass sie das, was sie hatten, den
andern nicht mitteilen wollten. Somit massten sie sich der Gnaden Gottes in Eigenheit an. Es gibt
viele Personen, die es eben also machen, welche die Gnaden, die Gott ihnen erzeigt, in sich selbst
behalten, und solche andern nicht mitteilen wollen. Dieses ist eine grosse Treulosigkeit. Man masst
sich dadurch die Gnaden Gottes zum Eigentum an. Es ist eine boshafte Eifersucht, welche macht,
dass wir nicht wollen, dass andere zunehmen und wachsen, weil es uns dünkt, sie hätten noch nicht
soviel gearbeitet wie wir. Die Arbeiter im Weinberg (Matth.20,1112), taten sie nicht eben dasselbe, als
der Meister ihnen gab, was er ihnen verheissen hatte? Denn sie konnten nicht erdulden, dass er die
andern, die nicht soviel gearbeitet hatten wie sie, auf die gleiche Weise belohnte. Wir sollten froh
sein, dass unserem Bruder aus reiner Gnade und ohne Mühe das gegeben wird, was wir nur nach
vieler Arbeit erhalten haben. Dies ist die aufrichtige Liebtätigkeit und selbstlose Liebe.

23) David aber sprach zu ihnen: Nicht also meine Brüder! So müsst ihr nicht handeln mit
dem, was der Herr in unsere Hände gegeben hat. Denn er ist es, der uns erhalten, und die
Räuber, die uns zu berauben gekommen waren, in unsere Hände überliefert hat.

David gibt ihnen zu erkennen, dass man sich die Güter Gottes zueignet, wenn man auf diese Weise
handelt. Gott sei es, der den Sieg erhalten habe, und nicht die Kreatur, deren Gott sich nur als eines
Werkzeugs bedient habe. Es stehe Gott zu, die Dinge zu geben und auszuteilen, wie es Ihm
wohlgefalle. Nein, spricht David, so wie ihr es begehrt, soll es nicht sein; sondern sowohl denen, die
in den Streit ziehen, als denen, welche das Gerät bewahren, sollen gleiche Teile, einem wie dem
andern gegeben werden. Wir sollen der gehabten Mühe und Arbeit wegen keinen Vorzug begehren
wollen, sondern Gott die Gnaden nach seinem Wohlgefallen austeilen lassen. David macht es wie
sein Meister, welcher denen, die erst spät in die Arbeit getreten waren, ebensoviel geben wollte, als
denen, die viel gearbeitet hatten, gleichwie Er auch diese Arbeiter bestrafte und ihnen ihre Härte und
Eifersucht vorhielt.

26) Nachdem David nach Ziklag gekommen war, sandte er von der genommenen Beute den
Aeltesten von Juda, die seine Verwandten waren, und liess ihnen sagen: Empfanget diesen
Segen von dem Raub der Feinde des Herrn.

Dieser Spruch zeigt die Treue Davids, um nichts zurückzubehalten von demjenigen, was Gott ihm
gibt. Er teilt es mit jenen Personen von Juda, welches die inneren und übergebenen Seelen sind, die
alles von Jesu Christo erwarten, da Jesus Christus ihre Kraft und ihre Stütze sein soll. Daher wird Er
auch der Löwe vom Stamm Juda genannt (Offb. 5,5), eben als ob gesagt würde, die Kraft Juda,
welcher keine Kraft mehr hat, ohne nur in Gott, nachdem er von aller eigenen Kraft entblösst
worden. Diese Seelen sind recht bereit, den Segen der von den Feinden erlangten Beute zu
empfangen, dh. die Gnade unter sich zu verteilen, die Gott dem David gegeben hat, nicht für ihn,
sondern für die andern.

In diesem Stand behält auch die Seele nichts für sich selbst, sondern sie teilt alles aus ohne etwas für
sich zurückzubehalten. Diejenigen, welche einen so gar entblössten Stand zu sehen nicht gewohnt
sind, erstaunen, dass diese grossen Seelen von göttlichen Dingen so freimütig reden. Sie
beschuldigen solche öfters einer Eitelkeit; allein es ist nichts weniger als dieses, vielmehr ist es eine
Wirkung dessen, weil sie von aller Eigenheit völlig befreit sind. Sie sind wie ein reiner und sauberer
Kanal, der das Wasser nur zu dem Ende empfängt, um solches wieder auszuteilen. Sie wissen, dass je
mehr diese Wasser fliessen, umso viel reiner sind sie; und wenn sie faul werden, solches nur darum
geschieht, weil sie sich aufgehalten haben, und in ihren Röhren stillgestanden sind. Dieses aber kann
nicht geschehen, sofern die Röhren keine Ausbuchtungen haben und so glatt und eben sind, dass sie
nichts zurückbehalten können. Sie müssen durch eine völlige Befreiung von aller Eigenheit so eben
und glatt sein, dass die Wasser sich an keiner Seite an etwas anhängen und stehenbleiben können.
Diese Röhren müssen auch herabhängend und fallend gelegt sein, welches die Vernichtigung sehr
wohl ausdrückt. Dieses war der Stand Davids, als er also diese Beute oder den Raub austeilte. Es ist
solches auch das Vorbild Jesu Christi, der in der Wüste das Brot austeilte, nachdem Er solches
vermehrt hatte. Dieses stellt vollkommen wohl vor die Austeilung des Worts der Gnade. Darum
nennt David das, was er austeilt, den Segen des Herrn.

31. Kapitel. 

1) Die Schlacht wurde gehalten zwischen den Philistern und den Israeliten.
3) Und die ganze Gewalt des Streits fiel auf den Saul.
4) Und Saul nahm sein Schwert und fiel darein.

Der Tod des Sauls ist ein trauriges Bild des schrecklichen Todes einer Person, welche, nachdem sie
die Uebergabe und den Weg Gottes verlassen, wohinein sie durch göttliche Güte war geleitet
worden, nun herumirrt und aus einer Sünde in die andere fällt. Sie fällt aus einer Untreue in eine
andere weit ärgere Treulosigkeit, aus der Sünde in schwere Uebeltat, aus dieser Uebeltat in
Uerachtung und Entheiligung der göttlichen Dinge, und aus dieser Sünde wieder in andere greuliche
Laster und Schandtaten. Und wenn diese Seele sich endlich von allen ihren Feinden angefallen sieht,
und wegen ihrer Gewissensbisse an keinem Ort einige Ruhe finden kann, so endigt sie ihr Leben in
der Verzweiflung. So war der Tod des Judas beschaffen, welcher, als er von der Führung seines
guten Meisters abgewichen war, von der Eigenheit in den Geiz fiel, aus dem Geiz fiel er in ein
Vergehen gegen Heiliges, da er seinen göttlichen Herrn und Meister verriet, und endlich kam er gar
in Verzweiflung. In demjenigen, was die Schrift von dem Saul erzählt, hat man eine Folge von allerlei
Laster und Greueltaten anmerken können. Ist nicht eben dieses einigen Seelen widerfahren, worüber
die ganze Welt sich verwundert hat? Man hat ihre Fälle dem Weg der Uebergabe beigemessen; allein
sie sind vielmehr durch einen Mangel der Uebergabe entstanden.

Es ist wahr, dass diese Personen ehemals durch den Weg der Uebergabe waren geführt worden, wie
auch Saul. Allein es ist nicht weniger wahrhaftig, dass alle diese Uebel nur aus dieser Ursache auf sie
gefallen sind, weil sie den Weg der Uebergabe verlassen haben, und weil sie daher gefallen sind in
Verwirrung und Unruhe, die umso viel grösser waren und ihnen zu ertragen umso viel schwerer
fielen, als ihr Friede vorher grösser und ausgebreiteter gewesen ist. Wenn diese aus dem Weg der
Uebergabe also gefallenen Personen erfahrene Führer finden, so werden sie in diesen Weg der
Uebergabe leicht wieder eingehen. Finden sie Führer, die viele Skrupel machen, und keine Erfahrung
besitzen, oder auch nur solche Führer, die furchtsam sind; welche machen, dass sie ihre früheren
Uebungen wieder ergreifen, so hat man Ursache, für sie sehr besorgt zu sein. Denn da sie das nicht
mehr tun können, was sie im Anfang taten (weil bei ihnen alle wirksamen Kräfte erschöpft worden
sind), und da sie auch andernteils nicht wieder eingehen in ihre Uebergabe, so sind sie eben als ob sie
zwischen Himmel und Erde hängen würden, weil sie ausser der Ordnung Gottes sind, soviel solche
sie betrifft. Dies aber verursacht schreckliche Unruhe und Verwirrungen, so dass sie öfters aus
Verzweiflung sich in die Sünde stürzen, oder aber sie rauben sich selbst das Leben. Es wird eine
grosse Vorsichtigkeit und Weisheit erfordert, dass man diese in solchem Stand befindlichen Seelen
nicht quält, dass man sie nicht in eine wirksame Bussübung wieder einflechte, sondern dass man
ihnen vielmehr eine solche Bussübung auflege, die mit ihrem Grad übereinkommt, nämlich das man
sie anweist, dass sie sich der göttlichen Gerechtigkeit überlassen und preisgeben müssen, damit
solche alle ihre Strengigkeit über sie ausübe, indem sie sich überlassen und hingeben, alle ihre Gaben
zu verlieren, dabei aber doch das, was man ihnen sagt, mit einer unverbrüchlichen Treue tun, und
Gott unter dem Schwert seiner Strengigkeit und seines Zorns ohne Widerstreben unterworfen
bleiben. Oefters haben sich solche Seelen in ihrem Abweichen von Gott so sehr entfernt, dass sie
von keiner Wiederkehr mehr hören wollen. Für diese muss man beten und sie Gott überlassen.

6) An demselben Tag starb Saul, und mit ihm drei von seinen Söhnen, sein Waffenträger
und alle, die um ihn herum waren.

Nachdem Gott den David durch eine so lange Kette von Verfolgungen vernichtigt hat, gleichwie
man solches wohl hat sehen können, so rächt Er ihn selbst und befreit ihn auf einen Tag von allen
seinen Feinden. Gott ist damit nicht zufrieden, ihn zu rächen, ihn aus der Unterdrückung
loszureissen, und alle seine Feinde zu vertilgen, sondern Er nimmt auch noch zudem alle diejenigen
hinweg, welche das Königreich ihm hätten bestreiten, und ihn verhindern können, es in Ruhe zu
besitzen. Dabei aber lässt ihm doch Gott allezeit gewisse äussere Feinde, um seine Untertanen zu
üben, und sie dadurch zu nötigen, ihre Zuflucht allezeit zu Gott zu nehmen, weil sie dessen Hilfe
unablässig nötig haben, und ihr Vertrauen auf Gott umso viel mehr zu setzen, je mehr sie ihr
Bedürfnis und die Kraft seiner göttlichen Hilfe erfahren.
0 Saul, in welchem Stand bist du nun, und was hast du mit deiner so langen, so grausamen und so
ungerechten Verfolgung erlangt? Nunmehr musst du darüber die strenge Strafe erfahren. David
hingegen, ist solcher nicht unendlich besser gerächt, als er solches selbst hätte tun können, wenn er
seiner Rache den Zügel hätte schiessen lassen? Und welche große Frucht
sammelt er nicht von seiner Gedult? O Mein heiliger König,we ser ist dein Ergehen von dem
Schicksal des Saulus verschieden! Derjenige, der mit so großer Strenge über ich hergefahren,
wird ewiglich der Schemel deiner Füsse sein. Du wirst über seine Bosheit triumphieren ,
gleichwie er über deine Gedult triumphiert hat.

DAS ZWEITE BUCH SAMUEL.

1.Kapitel. 

11)Da zerriss David seine Kleider, und alle die bei ihm waren taten eben dasselbe.
12)Sie weinten und trugen Leid, und beklagten den Saul, und den Jonathan, seinen Sohn.

Wenn David eine völlige Einförmigkeit seines Willens mit dem Willen Gottes in allen ihm von dem
Saul zugefügten Verfolgungen gezeigt hat, indem er diese Verfolgungen mit der höchsten Geduld
getragen, so hat er die Grossmütigkeit seiner Seele nicht weniger in der Weise zu erkennen gegeben,
nach welcher er die Botschaft von dem Tod des Sauls aufgenommen. Dieses ist ein so grosses
Kennzeichen seiner Vernichtigung, dass man wohl nicht leicht ein grösseres finden wird. Er liess sich
durch keine Bewegung der Freude hinreissen, da er einen Tod vernahm, der ihm das Leben und das
Königreich versicherte, und wodurch er aus dem elendesten Menschen zu dem glückseligsten, und
aus einem Sklaven zu einem König gemacht wurde. Er fand sich durch diesen Tod in einem neuen
Leben der Süssigkeit und des Friedens; anstatt dass er vorher allenthalben das Bild des Todes vor
sich sah, der ihm alle Augenblicke unvermeidlich schien. Er war stets auf der Flucht ohne Ruhe noch
Rast, und allenthalben umherirrend, um sein Leben aus der Gefahr des Todes zu erretten.
Eine so erstaunliche Veränderung des Standes veränderte doch nicht das Herz dieses grossen
Heiligen, weil er in Gott fest gegründet, und in einer sehr grossen Unbeweglichkeit war. Daher, ohne
an das zu gedenken, was ihn betraf, beweint er nur den Tod dieses Königs und seines Volks. Warum
aber weinst du, o grosser König? Ohne Zweifel beweinst du den Tod und den Verlust dieser Seele.
Nein, nein, seine Liebtätigkeit gestattet ihm nicht, ein solches Urteil zu fällen. Er beweint den Saul als
den grössten von seinen Freunden, weil es eben derselbe ist, der ihm das meiste Gute zuwege
gebracht hat. Die Glückseligkeit und der Wert des Kreuzes scheint einer Seele, die dessen Grösse zu
schätzen weiss und erkannt hat, unschätzbar zu sein. David verliert an dem Saul das grösste Mittel zu
leiden; wie sollte er darüber nicht Schmerzen empfinden? Bekümmere dich aber nicht, grosser
Prophet, das Kreuz wird dir nicht fehlen. Gott wird sich hinfort alles und jedes bedienen, dir einen
so grossen Vorteil zu verschaffen.

13) David sprach zu dem Jüngling, der ihm diese Botschaft brachte:
14)Wie hast du dich nicht gefürchtet, deine Hand an den Christ des Herrn zu legen, und ihn
zu töten?
15)Und David rief einen von seinen Leuten, und sprach zu solchem: Werfe dich auf diesen
Menschen und töte ihn. Da schlug solcher denselben, dass er starb.

Die Gerechtigkeit des Davids ist nicht weniger wunderbar, als seine Mässigung. Dieser Jüngling
gedachte es mit einem eigennützigen Mann zu tun zu haben, der es ihm belohnen würde, dass er ihn
von einem so fürchterlichen Feind befreit. David aber zeigte ihm, dass er ihn nicht für einen solchen
achtete; und da er von allem eigenen Interesse befreit war, sahr er nur auf die Person, welche getötet
worden war. David erkannte sehr wohl, dass dieser Jüngling den Mord nicht begangen; er wollte aber
hierin ein Beispiel geben, dass man die Schmeichler nicht anhören soll, die sich bei den Grossen
dieser Welt mit Uebeltaten beladen, die sie doch nicht begangen, wenn diese gern sehen, dass ihre
Feinde zugrunde gerichtet werden. David ist hierin ein Beispiel für gekrönte Häupter, die von allem
eigenen Interesse so gar frei sein sollen, um ohne Unterschied die Uebeltaten allenthalben zu strafen,
wo solche sich antreffen lassen. Sobald sie anfangen zu regieren, müssen sie auch anfangen gerecht
zu sein.
Er lehrt auch hiemit die inneren Seelen, dass sie in der Befreiung von ihren Peinlichkeiten niemals
die mindeste Freude schmecken sollen, und dass sie mit einer gleichen und gerechten Liebe die
Personen, von denen sie unterdrückt werden, ebensoviel lieben sollen, als solche, von denen sie
erhalten und unterstützt werden, da die einen sowohl als die andern dieses durch die göttliche
Ordnung der Vorsehung tun, welche das, was uns nötig ist, erkennt, da die Personen, die uns Leid
zufügen, öfters die nützlichsten für uns sind.

17)David aber machte diese Klage über den Tod des Sauls und des Jonathans, seines
Sohnes.
18)Betrachte, o Israel! die, welche mit Wunden durchstochen, gefallen sind.
19) Die Edelsten aus dir sind auf deinen Bergen getötet worden! Wie sind die Tapfersten
gefallen und gestorben? 22) Der Pfeil des Jonathans ist niemals zurückgekehrt, er ist allezeit
von dem Blut der Toten gefärbt worden; und das Schwert des Sauls ist niemals vergeblich
gezückt worden.

David begnügt sich nicht an der heldenmässigen Tat, die er verrichtet. Er führt nicht nur keine Klage
über das ihm von dem Saul zugefügte Unrecht, sondern er sagt auch alles, was zu dessen Lob
gereicht. Gleichwie er für ihn alle Ehrerbietung getragen, da er noch lebte, so sagt er auch nach
dessen Tod nichts von ihm, als was dazu gereicht, das Gedächtnis Sauls in Ehren zu halten. 0 grosser
König, fürchtest du dich nicht, dir selbst bei deinem Volk zu schaden? Denn wenn du das Andenken
des Sauls so sehr erhebst, so werden sie glauben, er habe dich mit allem Recht verfolgt. Je mehr sie
dessen Andenken verehren, umso viel weniger Ehrfurcht werden sie für dich haben. Du bist von der
Politik jenes Kaisers weit entfernt, der, wie man vorgibt, einen lasterhaften Menschen zu seinem
Nachfolger erwählte, damit man den Verlust der früheren Regierung desto mehr beklagen möchte.
Weisst du nicht, dass wenn Untertanen unter einem König sehr tyrannisiert worden sind, und sie
nach dessen Tod einen gütigen und gerechten König bekommen, dass dieses ihnen eine soviel
grössere Liebe für ihren neuen König gibt, je grösser die neue Freiheit ist, worin sie sich nun
befinden? Es scheint, alle deine Sorge sei dahin gerichtet, deinen Vorgänger zu erheben, dich aber zu
erniedrigen. David antwortet: Ich lasse ihm Recht widerfahren, die Liebtätigkeit macht mich blind,
sowohl in Ansehung seiner Fehler, als auch in Ansehung dessen, was mich betrifft, um nur seine
guten Eigenschaften zu betrachten, gleichwie auch die Vernichtigung gemacht, dass ich vergessen
habe, was ich bin, und solche lässt mich nur den gegenwärtigen Stand sehen. Dieses Betragen ist sehr
lehrreich, und zeigt den inneren Seelen, dass es nicht genug ist, sich über ein besseres Wohlergehen
durch die Freude nicht hinreissen zu lassen (und diejenigen schweigen zu machen, die gegen unsere
Verfolger reden), sondern dass man auch keine Gelegenheit verlieren müsse, das Gute von ihnen zu
sagen, was wir an ihnen erkennen. Es ist kein Mensch so böse, der nicht etwas Gutes hat, das zu
loben würdig ist.

26) Dein Tod durchdringt mich mit Schmerzen, Jonathan, mein Bruder, o Schönster unter
den Fürsten, der würdig ist, geliebt zu werden mit einer grösseren Liebe, als mit einer
solchen, die man für die Weiber hat. Ich liebte dich wie eine Mutter ihren einzigen Sohn
liebt.

David kann sich nicht enthalten, den Schmerz seines Herzens über den Tod Jonathans zu
erkennen zu geben. Er beschreibt seine guten Gemütseigenschaften, und nennt ihn seinen Bruder,
wegen der Vereinigung und Gleichförmigkeit ihres Standes. Er redet von der Schönheit seiner
Seele, die so gross war, dass sie die gewöhnlichen Seelen übertraf. Darum spricht auch David, er
sei weit liebenswürdiger gewesen als die Liebe der Weiber, indem er eine Seele hatte, die durch
eine sehr vollkommene Uebergabe weit erhaben war über jene schwachen und weibischen
Seelen, die nur auf ihren eigenen Nutzen sehen, und sich niemals über sich selbst
hinausschwingen, um nur das einzige Interesse Gottes zu ihrem Augenmerk zu haben. Er spricht
ferner: 0 mein lieber Jonathan, ich liebte dich, wie eine Mutter ihren einzigen Sohn liebt! Du
warst mein einziger Gnadensohn, denn ich habe keinen unter solchen, die dir zu vergleichen
wären. Es ist hart, wenn man sich solcher Seelen beraubt sehen muss, auf deren (von Gott
empfangene) Gnade man fast alle seine Hoffnung gründete. Gott aber nimmt sie bisweilen von
dieser weit hinweg, entweder weil Er vorher sieht, dass sie ins Verderben geraten könnten, oder
weil sie nicht in den Tod ihrer selbst eingehen nach aller Grösse der Vorhaben und Ratschlüsse
Gottes.

2. Kapitel. 

1) Nach diesen Dingen fragte David den Herrn und sprach zu ihm: Soll ich hingehen in eine
der Städte Juda? Der Herr sprach zu ihm: Gehe hin. Da fragte ihn David: Wohin soll ich
gehen? Der Herr antwortete ihm: Gehe nach Hebron.

Der Schmerz des Davids ist kein weibischer und verzagter Schmerz. Nachdem er in Ansehung der
Toten seine Pflicht getan, bleibt er nicht niedergeschlagen; vielmehr bereitet er sich mit einer völligen
Gleichgültigkeit, allen Willen Gottes zu vollziehen, es sei nun sich mit dem Königreich zu beladen,
oder solches fahren zu lassen. Den Anfang macht er damit, dass er Gott in einer so wichtigen Sache
um Rat fragt, welches zu erkennen gibt, wie sehr er sich in allem zu massigen weiss.Er übereilt sich
nicht und hat kein treibendes Verlangen, ein Königreich zu besitzen, das ihm seit so langer Zeit war
versprochen worden, und das ihn schon so viel gekostet hatte. Er hält sich nicht auf mit allem was
sich zugetragen, noch bei den Lichtern oder Verheissungen, sondern allein bei dem einzigen Willen
Gottes, und bei dem göttlichen Augenblick, welches die einzige und sichere Regel und Richtschnur
der übergebenen Seelen ist. Dieses zieht die Seele aus einer gewissen Eigenheit und eitlen Freude
heraus, die sie sonst in dem Besitz der Dinge empfindet. Denn David
hatte ja Versicherung und Gewissheit genug gehabt, dass Gott ihn zum König wollte und erwählt
hatte. Gleichwohl hält er sich dabei nicht auf. Er war in einer solchen Gleichgültigkeit, dass er bereit
war, niemals an das Königreich zu gedenken, wenn dieses also der Wille Gottes sein würde. Da er
auch die Regierung dieses Königreichs über sich nahm, so geschah solches nur allein in eben
demselben Willen Gottes, ohne dass er sich selbst dabei ansah.

4) Da kamen die vom Stamm Juda nach Hebron, und salbten daselbst den David, damit er
über das Haus Juda regiere.

Die ganze Folge der Geschichte des Davids, bis zu dem Besitz seines Königreichs, ist ein schönes
Vorbild der Widerwärtigkeiten, die man durchgehen muss, bevor man zu dem neuen Leben gelangt.
Man sieht auch, dass der Stand eines wirklichen und tiefen Todes nicht so bald vorbeigegangen ist,
als man solches sich einbildet. 0 wie sehr betrügen sich die Seelen, die im Stand des Glaubens ein
wenig festgesetzt sind, wenn sie glauben, bis hieher gelangt zu seinl Wieviele Tode, wieviele Qualen
und Peinlichkeiten, wieviele Vernichtigungen und wieviele Opfer muss man nicht durchgegangen
sein! Denn nach allen diesen Dingen wird erst das neue Leben gegeben, nach eben derselben Lehre
des Paulus, welcher spricht, dass derjenige, in dem der alte Mensch zerstört worden ist, neu gemacht
ist (Röm.6, 68). Es ist aber zu merken, dass er nur dadurch neu gemacht ist, weil alles, was zum
Leben Adams gehört, für ihn vorbei ist. Demnach ist dieses ein neues Leben und ein neues Reich.
Wissen wir nicht, dass der Sohn Gottes durch allerlei Trübsal hat müssen wieder auferstehen und in
seine Herrlichkeit eingehen? (Luk.24,26).
Eben also ist es auch geschehen, dass David, sein mystisches Vorbild, in die Herrlichkeit seines
Reiches eingegangen ist. Allein, über wen regiert denn Jesus Christus? Ueber die inneren Seelen, da
sein Reich nicht von dieser Welt ist. Das Königreich Jesu Christi in dieser Zeit ist nichts anderes, als
die Seelen, welche durch das Innere vom Aeusseren, und von der Welt abgesondert sind. Ueber
welche regiert David? Ueber die Menschen von Juda, welches diejenigen sind, die wahrhaftig
bestimmt sind, das Reich Gottes aufzurichten. Sie selbst salben den David, um damit zu zeigen, dass
obgleich das Reich Gottes in uns von dem göttlichen Ratschluss herrührt, von welchem wir dazu
bestimmt worden, so müsse doch eben dieses Reich freiwillig sein, und wir selbst müssen Gott zu
unserem König erwählen, und uns seinem süssen und sanften Reich aus ganz freiem und
ungezwungenem Willen unterwerfen.
5)Da sandte David Boten zu denen von Jabes, und Hess ihnen sagen: Gesegnet seid ihr dem
Herrn, dass ihr diese Barmherzigkeit an dem Saul, eurem Herrn, getan und ihn begraben
habt.
6)Nun wird der Herr euch wieder vergelten nach seiner Barmherzigkeit und nach seiner
Wahrheit; und ich selbst will euch vergelten diese Tat, die ihr getan habt.

David setzt keine Schranken in dem Zeugnis seiner Wohlgewogenheit gegen den Saul. Er lobt und
segnet diejenigen, welche dem Andenken Sauls das erwiesen hatten, was ihm gebührte. Ja er
versichert ihnen, Gott werde es ihnen wieder vergelten nach seiner Barmherzigkeit und nach seiner
Wahrheit. Damit will er sagen, dass Gott, um ihnen diese Wohltat zu vergelten, sie durch seine
Barmherzigkeit in seine Wahrheit versetzen wird, welche Er selbst ist. Oder Gott wird sie in den
Weg seiner Wahrheit versetzen, welcher Weg die Uebergabe ist. Was auch mich betrifft, fügt David
bei, will ich euch mit Gutem überhäufen, weil ihr diese Wohltat einer mir so lieben Person erwiesen
habt. Kann wohl die Liebtätigkeit höher getrieben werden?

7) Lasset den Mut nicht sinken und seid fest. Denn obschon Saul euer König tot ist, so hat
mich doch das Haus Juda gesalbt, um König zu sein.

David tröstet sie, verspricht ihnen seinen Schutz, und ermahnt sie, tugendhaft zu sein. Zugleich gibt
er ihnen auch zu erkennen, wenn sie es mit dem Interesse Gottes und mit ihm halten wollten, so
würden sie Ursache haben, wohl zufrieden zu sein. Gleichwohl lässt er ihnen ihre Freiheit, und alles
was er tut, geschieht mit Sanftmut und ohne Gewalttat.

10) Isboseth, der Sohn des Sauls, war vierzig Jahre alt, da er anfing über Israel zu regieren,
und er regierte zwei Jahre. Zu derselben Zeit diente allein das Haus Juda dem David.

Wenn David sein Gemüt so gar hoch zu massigen gewusst hat, als beim Anfang der Regierung sein
Feind umkam, so ist diese seine Mässigung nicht geringer in dem Besitz seines Reiches. Konnte er
nicht Gewalt gebrauchen, oder aber durch Gewinnung der Vornehmsten in Israel den Besitz eines
Königreiches ergreifen, das ihm nicht entgehen konnte, da Gott es ihm gegeben hatte? War er nicht
versichert, dass alles ihm glücklich vonstatten gehen würde? Allein, an alles dieses
denkt David nicht, sondern er besitzt das Königreich wie Gott es ihm verleiht, und in der Zeit, da
Gott es ihm gibt, und will durch sich selbst nicht einen einzigen Schritt tun, um sich ein grösseres
Reich, oder einen erhabeneren Stand zu verschaffen. Diese allerhöchste Gleichgültigkeit und diese
feste Beständigkeit, dieses sein Betragen um keiner Ursache und Vorwand willen zu verändern,
verurteilt aar sehr das Betragen gewisser geistlicher Personen, welche (wenn sie erkannt haben, dass
Gott etwas von ihnen fordert) stets probieren, ob es ihnen vonstatten gehen will. Sie trachten (direkt
oder indirekt, oder durch andere Mittel und Wege) ihr Vorhaben zu einem glücklichen Ende zu
bringen, und also erwarten sie niemals in Geduld noch in einem Stand der Verlierung, dass Gott
selbst seinen Willen vollbringe. Die Stunde muss gekommen sein. Dieses hat uns Jesus Christus
gelehrt, da Er sagte: Meine Stunde ist noch nicht gekommen (Joh.2,4). Demnach muss man diese
Stunde erwarten. Andere begehen einen andern Fehler, der darin besteht, dass wenn Gott
angefangen, sie in den Besitz dessen zu setzen, was Er ihnen verheissen hat, sie es selbst vollenden
wollen, und die Grenzen dieser Besitzung bis zu dem Ziel ausbreiten, das Gott ihnen bestimmt hat.

Allein sowohl die einen als die andern fehlen und irren sich hierin, weil Gott ihnen die Dinge nicht
darum zu erkennen gegeben, um sie anzutreiben, dass sie solche vollstrecken sollten, sondern sie
sollen die Dinge in Gott lassen, und Gott die Sorge überlassen, alles zu tun und alles zu vollziehen.
Jesus Christus kam in die Welt, um das Reich des Satans zu zerstören und sein Reich auszubreiten.
Gleichwohl bleibt Er dreissig Jahre verborgen, ohne zu gedenken, wie Er sein Reich vergrössern
möge. Und als Er daran arbeitete, geschah es auf eine so umschränkte Weise, dass man sagen kann,
Er habe in seinem Leben fast nichts getan. Hiemit aber wollte Er uns zeigen, wie wir uns betragen
sollen in der Vollstreckung der Dinge, die Gott von uns fordert. David blieb in der Wüste verborgen
von der Zeit an, da ihm das Königreich war verheissen worden, um auch hierin wie in dem übrigen
das Vorbild seines Meisters zu sein. Und als er anfängt von seinem Reich Besitz zu nehmen, so bleibt
er abermals eine lange Zeit, ohne zu gedenken, dieses sein Reich zu vergrössern, indem er alles der
Sorge der Vorsehung überlässt.

Es wird gemeldet, dass nur allein das Haus Juda dem David folgte. Dieses Haus Juda wird allezeit für
die an Gott gar sehr übergebenen Seelen genommen, welche, da sie alle ihre eigene Kraft verloren,
nun keine Kraft mehr haben, als nur in Gott. Solche Personen sind es, die dem Führer, der ihnen
von Gott gegeben worden, mit Standhaftigkeit folgen, nachdem sie in der göttlichen, reinen
Lieh vereinigt sind.

11) Er blieb zu Hebron sieben und ein halbes Jahr, und war König nur über diesen einzigen
Stamm.

In dieser Zahl der Jahre steckt ein Geheimnis, und zeigt durch die Länge der Zeit, wie Gott nichts
übereilt. Er tut alles mit Geduld, ja Er wartet viele Jahre, seine Verheissungen zu erfüllen, um zu
machen, dass die Seelen alles Verlangen, alle Lust und alle Begierde, zu was es auch sein möge,
verlieren.

3. Kapitel. 

1) Der Krieg war lang zwischen dem Haus Saul und dem Haus David. David nahm stets zu
und stärkte sich je mehr und mehr; hingegen wurde das Haus Sauls alle Tage schwächer.

Der Ratschluss und die Führung Gottes ist dem menschlichen Geist unerforschlich. Nachdem Gott
den David in einer völligen Ruhe gelassen, und er ohne Sorgen war, sein Königreich zu vermehren,
so nötigt Gott ihn nun, dass er seine Untertanen für sich streiten, und die Waffen ergreifen lassen
muss, um das ganze Israel seinem Reich zu unterwerfen. Eben also macht es auch Jesus Christus.
Nachdem Er lange Zeit in dem Stillschweigen und in der Einsamkeit geblieben, so kommt Er mit
dem Satan zu streiten, und ihn aus allen Orten herauszujagen, wo er seine Herrschaft aufgerichtet
hatte; so dass man Ihm auch schuld gibt, Er treibe die Teufel aus durch Beelzebub. Und damals gab
Er ihnen zu erkennen, dass ein jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, zerstört werden würde. Versichert Er
nicht, dass Er gekommen sei, um die Macht der Finsternis zu zerstören? Auf diese Weise versucht es
David, das Reich des Adams zu zerstören, um in seiner Person das Reich Jesu Christi aufzurichten.
Er streitet nicht als ein gewöhnlicher Mensch, sondern als Jesus Christus selbst; und dieses ist das
apostolische Leben, welches erst lange Zeit hernach kommt, nachdem man in dem Frieden in Gott
allein ist festgesetzt worden. Darum merkt die Schrift sehr wohl an, dass das Haus Davids, welches
eigentlich das Reich Jesu Christi ist, sich stets mehr ausbreitete, und alle Tage stärker wurde. Dieses
ist der Unterschied zwischen dem Reich der Kreatur und dem Reich Jesu Christi. Das Reich der Welt
wächst und stärkt sich plöztlich und auf einmal, hernach nimmt es nach und nach wieder ab. Das
Reich Jesu Christi hingegen scheint im Anfang nichts zu sein, gleichwohl wächst es
unvermerkterweise und breitet sich unendlich weit aus. Jesus Christus hat selbst in dem Gleichnis
mit dem Senfkorn dieses vortrefflich wohl angezeigt (Matth.13,31).

8) Abner wurde sehr zornig über die Vorhaltung des Isboseth, und sprach zu ihm:
9) Gott tue mir nach aller seiner Strengigkeit, wenn ich dem David nicht zuwegebringe, was
der Herr ihm geschworen hat.

Gott bedient sich aller Dinge, seinen Willen zu vollbringen. Ein Unwille, ein Fehler, der dem Abner
vorgehalten wird, macht, dass er die Seite des Hauses Sauls verlässt, um auf die Seite Davids zu
treten. Gott bedient sich öfters unserer Sünden, um zu machen, dass wir die Herrschaft des Teufels
verlassen, und uns dem Reich Jesu Christi unterwerfen.

12) Da sandte Abner Boten zu David, und liess ihm sagen: Wem anders als dir gehört dieses
ganze Land? Hernach liess er beifügen: Wenn du mich willst in deine Freundschaft
aufnehmen, so soll meine Hand mit dir sein, und ich will machen, dass ganz Israel dir
anhange.
13)David antwortete ihm: Es sei also, ich will Freundschaft mit dir machen, aber ich begehre
eine Sache von dir. Du wirst mein Angesicht nicht sehen, wenn du nicht vorher die Michal,
die Tochter Sauls, zu mir gebracht hast. Hernach sollst du kommen und mein Angesicht
sehen.

Die Boten, welche Abner zu dem David sendet, und das ganze in diesen zwei Versen ausgedrückte
Betragen des einen und des andern, sind wie mich dünkt, ein sehr lebhaftes Vorbild der Bekehrung
einer Seele, die sich mit ihrem Gott versöhnen will. Sie sendet ihre Gebete zu Gott. Sie bittet die
Heiligen, für sie bei Gott eine Fürbitte einzulegen. Das sind diese günstigen Abgesandten, welche die
Gebete der zu ihnen ihre Zuflucht nehmenden Menschen vor den Thron Gottes als ein Rauchwerk
darbringen (Apg.5,8). Gott, dessen Gütigkeit unendlich ist, will von diesem Augenblick an diesem
Sünder gerne verzeihen, und die Schmach vergessen, welche dieser Sünder Gott angetan hat. Ja von
eben diesem Augenblick an will Gott auch Freundschaft mit ihm machen, ihm alle seine Missetaten
vergeben, und ihn wieder mit sich versöhnen. Allein, spricht Gott, meine Liebkosungen zu geniessen
und mein Angesicht zu sehen (welches einen sehr erhabenen Stand anzeigt), wird niemals
geschehen, es sei denn, dass man mir die Braut, die man mir geraubt hat, wieder gebe. Diese Braut ist
keine andere als die Wahrheit, welche die Braut der Barmherzigkeit und der reinen Liebe ist, und
diese ist Gott selbst. Dieser Ehestand wird in der Schrift in dem folgenden Spruch ausgedrückt: Die
Barmherzigkeit und die Wahrheit sind sich begegnet (Ps.85,1011). Diese Zusammenkunft aber zeigt ihre
Vereinigung an.

Alle Menschen stehlen Gott seine Wahrheit, indem sie sich unrechtmässigerweise das anmassen, was
doch nur Gott gebührt. Diese Wahrheit bezieht sich direkt auf Gott, insofern man alle Dinge Gott
zueignen soll, da alle Menschen nur Lügner sind. Nun aber hat man diese Wahrheit Gott geraubt, um
sie einer Kreatur zu geben, indem man auf eine menschliche Führung mehr als in Gott vertraut. Das
was das Zutrauen erweckt, ist die Wahrheit einer Sache, und nicht ihre Unbeständigkeit, noch ihre
Betrüglichkeit. Demnach will Gott, dass man Ihm diese Wahrheit wieder gebe, und durch eine
gänzliche und völlige Uebergabe sich zu Ihm führen lasse. Darum wird gesagt, dass nach der
glückseligen Zusammenkunft der Barmherzigkeit und der Wahrheit sich beide einander angeschaut;
hernach wird beigefügt, dass sie die Gerechtigkeit und den Frieden hervorgebracht haben, welches
die Vollendung des Ehestandes ist. Wenn die Wahrheit der Seele begegnet, so macht solche, dass die
Seele genötigt wird, die Gerechtigkeit Gottes wieder zu erstatten, indem sie hinfort nichts mehr der
Kreatur zueignet. Alsdann wird die Seele in das Licht der Wahrheit versetzt, welche Gott die
Gerechtigkeit, die man Ihm geraubt hatte, wieder erstattet. Hieraus aber wird der Friede geboren, der
sich mit dieser Wahrheit vereinigt und solche küsst, gleichwie der königliche Prophet spricht. Dieser
Kuss ist die Vollendung des geistlichen Ehestandes, in welchem die Seele zu einem Ding mit ihrem
Gott gemacht wird, gleichwie Jesus Christus solches für seine Apostel wünscht, da Er spricht: Wein
Vater, dass sie eins seien, gleichwie du und ich eins sind, und dass alles in der Einheit vollendet ist (Jon.17,21 ).

14) Hernach sandte David Boten zu dem Isboseth, dem Sohne Sauls, und liess ihm sagen:
Gib mir wieder mein Weib Michal, die ich geehelicht habe für hundert Vorhäute der
Philister.

Jesus Christus begehrt von uns allen, soviel unser sind, diese Wahrheit, die Ihn soviel gekostet hat.
Denn Er ist nur darum in die Welt gekommen, um die Wahrheit hineinzubringen, welche vor seinem
Kommen in die Welt unbekannt war. Daher fordert David mit so heftigem Verlangen seine Michal
wieder, besonders da er uns die Liebe zeigen wollte» welche Gott zu der Wahrheit hat, und wie
schmerzlich es Gott ist, wenn man Ihm diese Wahrheit raubt. Diesen übermässigen Schmerz gibt
David zu erkennen durch seine heftige Begierde, dieselbe wieder zu haben.

15) Isboseth sandte sogleich hin und liess sie holen, und nahm sie ihrem Mann Palti hinweg,
16) welcher ihr nachging und weinte.

Alle diese Umstände zeigen uns zur Genüge, welche Anklebung die Menschen an der Wahrheit
haben, nachdem sie solche Gott geraubt haben, um sich deren als ein Eigentum anzumassen. Man
gibt vor, die Wahrheit bestünde in dem, was gut und heilig ist, und man bedient sich auch solcher
Mittel, die gerecht zu sein scheinen, um die Wahrheit zum Eigentum zu behalten. Allein, dass man
die Wahrheit in ihren Ursprung wiederkehren lasse, o hiezu will man sich nicht verstehen. Es steht
geschrieben, dass der Heilige Geist kommen sollte, um Zeugnis zu geben, dass Jesus Christus die
Wahrheit ist (Joh.16,1314). Paulus versichert, dass nur Gott wahrhaftig ist und alles übrige Lüge sei
(Röm.3,4). Demnach muss man die Wahrheit zu Gott wiederkehren lassen, und für uns müssen wir
nichts zurückbehalten, als die Wahrheit des Ausdrucks, indem wir versichern, dass nur allein Gott
wahrhaftig ist. Eine Person, der die Wahrheit hinweggenommen wird, bekümmert sich darüber aufs
äusserste, und indem die Wahrheit wieder zu Gott kehrt, so sieht sie diese Wiedererstattung an als
einen Verlust. Sie tut alles, was sie kann, um zu verhindern, dass die Wahrheit nicht von ihr
weggehen möge, und wollte sie wohl gerne zurückbehalten; wenigstens geht sie ihr nach durch ihre
Begierden. Gleichwohl muss die Wahrheit zu ihrem Prinzip oder Urgrund, welcher Gott ist,
wiederkehren. Ehe und bevor dieses geschieht, bleibt sie allezeit in einem gewaltsamen Stand, nach
dem Zeugnis des Paulus, welcher versichert, dass wir die Wahrheit gefangen halten (Röm.1,18). Michal
kehrt wieder zu dem David, dem sie geraubt worden war, um wider ihren Willen einem andern
unterworfen zu sein.

17)Hernach sprach Abner zu den Aeltesten von Israel: Es ist schon lange Zeit, dass ihr den
David zum König zu haben gewünscht habt.
18)So tut es nun, weil der Herr zu David geredet und gesprochen hat: Ich will durch meinen
Knecht David mein Volk Israel von der Hand der Philister und aller seiner Feinde erretten.

Sobald die Seele durch das Licht der Wahrheit erleuchtet worden ist, gibt sie eben dieser Wahrheit
Zeugnis. Wusste Abner nicht seit langer Zeit, dass David über Israel regieren sollte? Gleichwohl
unterlässt er nicht, sich seinem Reich zu widersetzen. Nunmehr aber trägt er alles dazu bei, was in
seinem Vermögen steht. Es ist kein Christ so verkehrt, der nicht wohl wisse, dass Jesus Christus
gekommen ist, um König zu sein, und dass Er in uns regieren soll. Allein anstatt dass er sich seinem
Reich unterwerfen und übergeben sollte, so weicht er davon ab, und verhindert auch öfters die
andern, sich diesem Reich zu untergeben, ob sie schon Neigung hiezu zu haben bezeugen. Sobald
aber diese Leute durch dieses schöne Licht der Wahrheit erleuchtet werden, so werden sie Prediger
derer, welche sie verhindert hatten, sich diesem Reich Jesu Christi zu unterwerfen; gleichwie man
dies an dem Beispiel des Paulus sieht, der aus einem Verfolger ein Apostel wurde. Abner macht es
eben auf dieselbe Weise. Dieser Mensch, der dem David so zuwider war, versichert, dass David allein
den Sieg über alle Feinde von Israel haben, und dass Israel ohne den David allezeit seinen Feinden
unterworfen bleiben werde.

20) Er kam von 20 Mann begleitet. David machte ihm und denen, die mit ihm gekommen
waren, ein Gastmahl.
23) Und er sandte sie wieder von sich im Frieden.

Gleichwie diese ganze Erklärung nur aus Sinnbildern besteht, so kann man sagen, dass das Gastmahl,
welches David dem Abner machte, sehr wohl gewisse süsse und liebliche Gnaden vorstellt, womit
Gott die Personen begünstigt, welche in seinen Dienst eintreten. Hernach sendet er sie wieder hin im
Frieden, indem ihnen Gott einen Vorgeschmack desjenigen Friedens gibt, welcher die Glückseligkeit
der inneren Seelen ausmacht mitten in den grössten Verfolgungen. Diese Führung hält Gott fast
allezeit mit den Seelen, die sich zu Ihm bekehren.
David ist auch noch hierin in der Gleichförmigkeit mit Jesu Christo, welcher mit der höchsten
Gütigkeit diejenigen an und aufnimmt, von welchen Er die grösste Schmach erlitten. Er setzt kein
Misstrauen in sie, gleichwie andere Menschen, welche in dieser Einfalt nicht stehen, einer dem andern
nicht trauen. Vielmehr begegnet er ihnen auf das allerliebreichste.

24) Da ging Joab hin zu dem König, und sprach zu ihm: Was hast du getan? Abner ist zu dir
gekommen; warum hast du ihn wieder weggesandt, warum hast du ihn gehen lassen?
27) Und da Abner zu Hebron angelangt war, ging Joab mit ihm auf die Seite mitten im Tor,
um mit ihm verräterisch zu reden. Und er stach ihn in den Bauch und tötete ihn, um den
Tod seines Bruders Asael zu rächen.

Es finden sich nur allzuviele Personen, welche gleichwie Joab (unter dem Vorwand der Ehre und des
Interesses ihres Herrn, welcher Gott ist) den Frieden nicht dulden können, welchen Gott den
sündigen Seelen zu schmecken gibt, wenn ihre Busse aufrichtig ist. Sie beklagen sich darüber bei
Gott, und sprechen zu Ihm, Er solle diese Sünder nicht so bald annehmen, sie würden dadurch nur
mehr Freiheit haben, Ihn zu beleidigen. Daher fassen sie einen bitteren Eifer, der aber vor Gott ein
Greuel ist. Sie gebrauchen auch allerlei Ränke, um zu machen, dass diese Seelen ihren Weg verlassen,
und hiedurch verursachen sie ihren geistlichen Tod. Denn weil sie durch die Salbung der Gnade
nicht mehr unterstützt werden, so kehren sie wieder zu der Sünde. Ist nun dieses der grosse Dienst,
den diese Eiferer Gott leisten? Hätten sie statt dessen jene Seelen im Frieden ihren Weg fortsetzen
lassen, so würden solche Gott mit Beständigkeit gedient haben und darin verharrt sein. So aber raubt
man ihnen das Leben, weil man sie aus ihrem Frieden herausziehen will. 0 du recht grausame
Liebtätigkeit, kannst du diesen heiligen Namen wohl tragen, den du so wenig verdienst? Die Welt ist
mit solchen falschen Eiferern ganz angefüllt, welche die Seelen, die sich dem Innern ergeben wollen,
auf diese Weise plagen und ins Verderben stürzen.
Es ist hier zu merken, dass Joab sich mit dem Mantel der Ehre und des Interesses des Davids
bedeckt. In der Tat aber tut er es nur, um seinen Hass und seine Rache auszuüben. Eben also
machen es auch jene falschen Eiferer, welche die Leute überreden wollen, dass sie es täten, um für
das Interesse Gottes zu streiten. In der Tat aber haben sie keinen andern Endzweck, als ihre eigenen
Meinungen und ihre eigenen Begriffe zu behaupten, welche durch diese Führung und Wege des
Innern bestritten und zerstört werden.

28)Als David erfuhr, was geschehen war, sprach er: Ich bin unschuldig vor dem Herrn
ewiglich, ich und mein Königreich, an dem Blut Abners.
29)Sein Blut falle auf den Joab, und auf das Haus seines

Vaters; und es müssen ewiglich in seinem Haus nicht aufhören Leute, die einen schändlichen Fluss
haben, die aussätzig sind, die am Stab gehen, die unter dem Schwert fallen, und die ihr Brot betteln.
David war erzürnt über den Joab, gleichwie seine Worte solches zu erkennen geben. Dies ist ein
Vorbild des Zornes Gottes über diejenigen, welche die Seelen aus dem inneren Weg herausziehen. Ja,
Gott gibt öfters Proben dieses seines Zorns durch die Strafe, die Er an denjenigen ausübt, welche
dieses tun. Er gibt zu erkennen, dass die einfältigen und übergebenen Seelen, welche sein Königreich
sind, keinen Teil an diesem Betragen und dieser Führung haben, weil sie eine ganz andere Führung
halten mit den Sündern, die sich ihrer Führung anvertrauen. Daher sind auch ihre Bekehrungen
dauerhaft, wenn man die Seelen nicht von ihnen abwendet.

Diejenigen aber, welche die Seelen also irre machen, und von den inneren Wegen abwenden, werden
erstlich einen schändlichen Fluss bekommen, dh. sie werden nichts hervorbringen, das Gott
angenehm ist. Ueberdies werden sie aussätzig werden, und der Hunger und Krieg wird über sie
kommen. Diese drei Plagen sind geistlich. Die Sünde ist der Aussatz, der sie ganz bedecken wird.
Der Teufel, die Welt und ihr eigenes Fleisch werden einen sehr heftigen Krieg wider sie erregen, in
welchem sie unterliegen werden. Gott wird auch seine Gnaden und die Ausflüsse seiner Gütigkeit
ihnen entziehen, welches ihnen gleichsam ein Hunger sein wird, wodurch sie in Ohnmacht
dahinsinken werden. Denn wenn sie die Gnaden Gottes begehren, werden solche ihnen mit
Gerechtigkeit versagt werden, weil sie die andern verhindert haben, an solchen Anteil zu nehmen.

32) Nachdem Abner zu Hebron war begraben worden, erhob der König David seine Stimme,
und weinte auf seinem Grab, und das ganze Volk weinte auch mit ihm.

Wenn Gott Schmerzen haben könnte, würde es Ihm unendliche Schmerzen erwecken, wenn man
Ihm eine Seele entreisst, welcher Er die Süssigkeit seiner Liebe hat zu schmecken gegeben. Die
Freunde Gottes werden dieserhalb mit Schmerzen ganz durchdrungen. David zeigt durch seinen
Schmerz und durch seine Tränen zur Genüge, welchen Abscheu er vor dieser Greueltat und
Verräterei habe. 0 wie weit war sowohl er als sein göttlicher Meister davon entfernt, ein solches
Betragen gut zu heissen. Sprach nicht David in seinem Herzen mit Jesu Christo: Wehe euch, die ihr nicht
wollt eingehen in das König
reich Gottes, und verhindert auch die andern, in solches einzugehen?

34) Deine Hände sind nicht gebunden, und deine Füsse nicht mit Eisen gefesselt gewesen;
sondern du bist gestorben, wie herzhafte Männer vor den Kindern der Ungerechtigkeit
fallen.

Um zu zeigen, dass die Wiederkehr des Abners wahrhaft gewesen, beschreibt David alle Umstände
einer aufrichtigen Busse, um dadurch zu erkennen zu geben, dass die Ursache seines Falles nicht eine
verstellte Bekehrung gewesen ist: Deine Hände waren nicht gebunden, spricht David. Du warst bereit,
allerlei gute Werke zu verrichten. Deine Füsse waren nicht mit Eisen gefesselt, dh. sein Herz war mit keinen
unordentlichen Neigungen bestrickt. Also hinderte ihn nichts, in dem Wege Gottes zu laufen,
sondern er ist gestorben durch die Bosheit derer, die ihn von seinem Wege abgewendet haben.
Er fügt bei, dass er gestorben sei wie die Männer, die vor den Kindern der Ungerechtigkeit fallen. Dies zeigt
an, dass jene Leute die Gewohnheit haben, auf diese Weise mit allen Seelen zu verfahren, welche
anfangen in den inneren Weg einzugehen. Hierin aber sind sie gleich den Spinnen, die ihr Gewebe
ausspannen, um die unschuldigen Fliegen zu fangen, welche nur gedenken zu fliegen, ohne Schaden
anrichten zu wollen.

36)Alles Volk hörte diese Worte, und alles was der König getan hatte, gefiel ihnen gar sehr
wohl.
37)Und das Volk samt dem ganzen Israel wurde an demselben Tag überzeugt, dass der
König an dem Tod des Abners keinen Teil hatte.

Wenn solche Personen fallen, welche angefangen haben sich Gott zum Eigentum zu geben, so sagt
man, der Weg, den diese Seelen hätten ergreifen wollen, sei schuld an ihrem Fall. Allein eben
hiedurch beschuldigt man Gott selbst, da es Gott ist, der in diesen Weg einführt. Auch dessen
ungeachtet spricht man damit nichts anderes als dieses: Diese Person ist gefallen, weil sie zu früh auf
Gott vertraut hat. Wenn sie einen andern Weg eingeschlagen hätte, würde ihr dieses nicht
widerfahren sein. Gott aber, um seiner eigenen Ehre willen, gibt zu erkennen, dass diese Busse
wahrhaftig und keineswegs verstellt gewesen. Dies ist leicht zu beweisen, denn es gibt nur zwei
Dinge, welche machen, dass eine Seele aus ihrer eigenen Schuld fällt: Entweder eine Verstellung oder
Scheinbusse; oder weil sie nicht in den guten und wahrhaften Weg eingegangen ist. Gott gibt zu
erkennen, dass die Busse dieser Seele aufrichtig gewesen, und dass ihr Weg gut war; dass Er diese
Seele nicht sich selbst überlassen habe, und dass Er keine Schuld habe, dass sie verloren gegangen;
sondern dass bloss allein die Bosheit der Personen, welche die Seelen von dem inneren Weg
abwenden, Ursache sei, dass sie verlorengehen.
Die noch schwachen Seelen sind froh, wenn sie die wahre Ursache vernehmen, warum diese Fälle
sich zugetragen. Denn dieses treibt sie an, sich Jesu Christo mit so viel stärkerem Eifer zu übergeben,
je mehr sie sich vorher gescheut hatten, dieses zu tun. Denn wie die rebellischen Untertanen des
Davids (wie auch seine ihm am meisten unterworfenen Untertanen) in einer grossen Bestürzung
waren, ehe David ihnen bezeugt hatte, dass er an dem Tod des Abners ganz und gar unschuldig sei,
so merkt die Schrift an, dass die Erkenntnis dieser Unschuld des Davids seine Untertanen mit
Freude erfüllte.

4. Kapitel. 

5) Die Söhne des Rimmons gingen in das Haus des Isboseths, als er auf seinem Bett schlief.
7)Sie töteten ihn mit dem Schwert, nahmen sein Haupt und gingen den Weg durch die
Wüste.
8)Sie brachten das Haupt des Isboseths zu dem David nach Hebron.
9)Aber David sprach zu ihnen: Ich schwöre bei dem Herrn, der meine Seele aus allem Uebel
errettet hat, womit sie umgeben war.
10) Da ich denjenigen töten liess, der mir sagte, dass Saul tot war, und glaubte mir eine gute
Botschaft zu bringen, und einen grossen Lohn erwartete;
11) Dass ich vielmehr jetzt, da diese bösen Leute einen unschuldigen Mann in seinem Haus
auf seinem Bett getötet, dessen Blut rächen werde an euch, die ihr solches vergossen habt?
Alle diese Umstände in der Geschichte des Davids zeigen seine Gerechtigkeit und Billigkeit. Er gibt
durch seine Worte zu erkennen, dass er sich niemals eines menschlichen Mittels habe bedienen
wollen, um seine Ruhe und die Besitzung seines Königreichs in Sicherheit zu setzen; und dieses
ebensowenig, als er gedacht, sich durch menschliche Mittel aus seinen äusserst grossen Trübsalen
loszureissen; sondern dass Gott allein bloss durch seine Gütigkeit ihn davon befreit habe; und dass
er daher weit entfernt sei, seine Ruhe durch eine Uebeltat auf festen Fuss zu setzen; da er dieses
nicht einmal durch eine unschuldige Tat tun würde, wenn solche dem besonderen Befehl Gottes
zuwiderliefe; ja, dass er diejenigen habe strafen lassen, die sich gerühmt, etwas zu dem Tod des Sauls
(obschon auf eine unschuldige Weise) beigetragen zu haben, da doch Saul selbst sich sehr
verschuldet hatte; wieviel mehr werde er eine so unerhörte Uebeltat verabscheuen, da sie einen
unschuldigen Menschen in seiner Ruhe getötet.

12) Also befahl David seinen Knechten, sie zu töten. Und sie hieben ihnen ihre Füsse und
ihre Hände ab, und hingen sie über den Fischteich.

David wollte diese Leute, die durch eine Uebeltat seine Gunst zu erlangen vermeinten, exemplarisch
bestrafen, um jedermann damit zu erkennen zu geben, wie sehr er solche Greueltaten verabscheue,
und damit keiner solche begehen möchte, unter dem Vorwand, dass er solches ungestraft gelassen.
Er zeigt hiedurch, wie gross sein Vertrauen in Gott war, weil er nicht dulden konnte, dass irgendeine
Kreatur etwas zu seiner Ruhe beitragen sollte. Denn er wollte alles von der Hand Gottes allein
erwarten, wohl vergnügt, den Frieden auch nimmermehr zu erlangen, und von denen, welche Gott
ihm zu unterwerfen verheissen hatte, allezeit verfolgt zu werden, wenn Gott hieran ein Wohlgefallen
haben sollte. Er liess ihnen die Füsse abhauen, um zu zeigen, dass alle, welche mit Schmeichelei zu
Werke gehen, in dem Weg der Ungerechtigkeit wandeln. Auch liess er ihnen die Hände abhauen, um
seinen Abscheu damit zu erkennen zu geben, welchen er hatte gegen alle Uebeltaten, die mit Bosheit
und Betrügerei begangen werden.

5. Kapitel. 

1)Damals kamen alle Stämme Israels zu dem David nach Hebron, und sprachen zu ihm: Wir
sind dein Gebein und dein Fleisch.
2)Es ist schon lange, da Saul noch unser König war, dass du Israel in den Streit und wieder
zurückgeführt hast; und du bist es, zu dem der Herr gesagt hat, du sollst der Hirte meines
Volkes Israel sein, und du sollst Herzog über Israel sein.

Alle Stämme Israels versammeln sich endlich unter dem einzigen Hirten, damit diese Worte in David
wie in seinem Meister erfüllt würden: Es wird nur ein Hirte und eine einzige Herde sein (Joh.10, 16).
Sie sprachen zu ihm: Du bist Gebein von unserem Gebein, und Fleisch von unserem Fleisch,
wodurch sie anzeigen wollten, dass ihre Furcht vor seiner Gerechtigkeit nicht so gross sei, als das
Vertrauen auf seine Gütigkeit. Dieses bildete auch sehr wohl vor, dass wenn Jesus Christus das
Fleisch des Menschen würde an sich genommen haben, alsdann würde der Mensch seine Strengigkeit
nicht mehr fürchten, sondern nur allein in seine Barmherzigkeit hoffen können. Denn wie sollte Er
das Fleisch von seinem Fleisch, und das Gebein von seinem Gebein nicht lieben? Das ewige Wort
wollte das Fleisch des Menschen an sich nehmen, damit der Mensch mehr Vertrauen und keine
Furcht mehr haben möchte, sich zu Gott zu nahen, der sich ja zu einem Menschen, gleichwie wir,
hat machen wollen.
Die Stämme Israels sprachen zu David: Als Saul noch unser König war, unterliessest du ja nicht, das
Israel zu führen, als der wahrhaftige Hirte; und du machtest sie ein und ausgehen, um vortreffliche
Weide zu finden. Wieviel mehr denn jetzt, da Gott selbst dich eingesetzt hat, im seine Herde zu
führen, sollst du eine ganz besondere Sorgfalt über sie tragen? Dieses ist für die Christen sehr
tröstlich. Denn wenn Gott eine ganz besondere Sorgfalt für das jüdische Volk getragen, wieviel mehr
wird Er für das Christenvolk sorgen, über welches Er ist zum Hirten gemacht worden, gleichwie Er
selbst dieses sagt: Ich bin der gute Hirte (Joh.10,11). Allein, o göttlicher Hirte! Wieviele Böcke sind in
deiner Herde? Woran soll man denn deine Schafe erkennen und unterscheiden? Dies ist sehr leicht,
wenn man bei den Worten Jesu Christi bleibt: Meine Schafe, spricht Er, hören meine Stimme
(Joh.10,27). Diejenigen, welche die Stimme Jesu Christi hören, welche auf diese Stimme aufmerksam
sind, welche Jesus Christus kennt, und welche Ihn kennen, diese sind die wahrhaftigen Schafe Jesu
Christi, und solche wird Er nicht hinausstossen. Verirren sie sich aus Schwachheit, so wird Er
hingehen, sie zu suchen. Er wird sie auf seinen Achseln tragen, ja Er wird sie mit sich selbst ernähren
und speisen.

3) Sie salbten den David zum König über Israel.

Diese Salbung ist die besondere Berufung zu einem apostolischen Hirten. Darum wird von Jesu
Christo gemeldet, dass Er durch die Salbung gesalbt wurde, das Evangelium zu predigen (Luk.4,18).
Dieses ist das Amt eines Apostels. Es ist auch solches die Ursache, warum
David dieses letztemal gesalbt wurde. Denn David wurde dreimal gesalbt: das erstemal als Priester
(1.Sam.16,33), das zweitemal als König (2.Sam.2,4), und das drittemal als Hirte. Zum Priester wurde
er gesalbt, um einzutreten in den Stand des Opfers, in welchen er auch sogleich einging, gleichwie
man solches durch die Zerstörungen hat sehen können, die ihm widerfuhren. Die zweite Salbung
war, als sie ihn zum König über Juda salbten, damit er in Absicht auf Jesus Christus über dieses
innere Volk regierte, das seinem Gehorsam unterworfen war. Das drittemal aber wurde er gesalbt,
dass er Hirte sein sollte, gleichwie die Worte solches zur Genüge anzeigen, welche die Israeliten zu
ihm sprachen, da sie ihn salbten.

4) David war dreissig Jahre alt, da er anfing zu regieren.

Jesus Christus war dreissig Jahre alt (Luk.3,23), da Er anfing durch sein apostolisches Leben das Amt
eines wahrhaftigen Hirten zu verrichten. Dieses zeigt uns, dass man sich in dieses Amt nicht durch
sich selbst eindringen müsse; sondern man muss die Mission oder Sendung vom Heiligen Geist
erwarten, wie auch die Zeit, welche durch die Vorsehung bestimmt wird. 0 wie glückselig würden die
Schafe sein, wenn sie nur durch solche Hirten geführt würden, welche Gott durch eine besondere
Berufung dazu bestimmt hat!

6) David, samt allen denen die bei ihm waren, zog nach Jerusalem gegen die Jebusiter, die
darin wohnten. Die Belagerten sprachen zu David: Du wirst nicht hereinkommen, bevor du
die Blinden und Lahmen von dannen verjagt hast. Womit sie sagen wollten, dass er niemals
hineinkommen würde.

Es ist höchst merkwürdig, dass sobald David zum Hirten über dieses grosse Volk gemacht worden,
er solches sogleich nach Jerusalem in die heilige Stadt führt. Die grösste und vornehmste Sorgfalt, die
ein wahrer Hirte haben soll, besteht darin, dass er seine Schafe in ihr Inneres führt. Fast ein jeder von
solchen, die sich nur durch die Regeln der menschlichen Vernunft führen, sprechen eben dasselbe,
was die Jebusiter sagten; nämlich: man werde nicht in das Innere gelangen, wenn man nicht vorher
alles Mangelhafte hinweggetan. Hiedurch halten sie die Seelen auf und verhindern sie, dass sie
niemals dahin gelangen. Denn es ist wahrhaftig, dass kein gewisseres Mittel ist, seine Fehler zu
verbessern, als wenn man sich dem inneren Leben ergibt; gleichwie auch kein anderes Mittel war, die
Blinden und Lahmen aus Jerusalem wegzuschaffen, als durch Eroberung der Stadt.
Allein, wollte Gott, wir wären alle blind und lahm, damit wir nicht mehr mit eigenen Schritten
gingen, sondern uns führen Hessen durch einen blinden Glauben, wohin man uns führen wollte! Die
irdischen Seelen wandeln, wie sie selbst wollen. Die inneren Seelen aber lassen sich führen durch die
Vorsehung, wohin solche sie führen will. Dieses sind die Blinden und Lahmen, welche gezwungen
werden, zu dem Gastmahl des Hausvaters einzugehen (Luk.14,21).

7) David eroberte das Schloss Zion, welches nun die Stadt Davids ist.

David, der getreue Hirte, unterlässt wohl nichts, seine Herde in dieses himmlische Jerusalem, in den
Tempel des Friedens, einzuführen. Zu seiner Wohnung aber erwählt er sich das Schloss Zion.
Welche Bedeutung hat dieses Schloss? Es ist die Ruhe der Seele in Gott, wo sie in einem
unüberwindlichen Schloss ist. Jerusalem stellt sehr wohl die Ruhe vor, welche die inneren Seelen
(jedoch die gewöhnlichen inneren Seelen) in ihrem Grund finden, wenn sie darin durch die
Sammlung wohnen. Die Wohnung Davids aber in Zion zeigt an, dass der wahrhaftige Führer weit
über sich und in Gott selbst wohnen soll, wo er sicher und bedeckt ist gegen allen Irrtum und
Betrug. Daher kann man auch sagen, dass gleichwie Zion die ganze Kraft oder Nacht von Jerusalem
war, also auch wenn der Führer so glückselig ist, dass er sich selbst verlassen und in Gott
übergegangen ist, so ist er die ganze Kraft derer, die unter seiner Führung stehen. Sie finden in ihm
einen Zufluchtsort, der allezeit gegenwärtig oder bereit und von wesentlicher Kraft ist.

9) David nahm seine Wohnung in dem Schloss, und nannte solches die Stadt Davids.
10) Er nahm allezeit zu, und wuchs je mehr und mehr, und der Herr, der Gott der
Heerscharen, war mit ihm.

Obschon die Seele, die sich selbst verlassen hat, und durch eine besondere Barmherzigkeit in Gott
übergegangen ist, sich in einer unüberwindlichen Zitadelle befindet, so unterlässt sie deswegen doch
nicht, unaufhörlich zuzunehmen, und fast bis ins Unendliche zu wachsen, weil sie keine anderen
Grenzen hat, als Gott selbst. Es wird auch von Jesu Christo gemeldet, dass Er in der Weisheit
gewachsen vor Gott und vor den Menschen (Luk.2,52); welches nur von seiner heiligen Menschheit
verstanden werden kann, deren Verdienste sich alle Tage, ja alle Augenblicke den Menschen zugut
vermehrten.

Die Personen, welche sich eingebildet, dass eine in Gott gelangte Seele nicht mehr zunehmen würde,
haben sich gewiss geirrt. Zum Beweis ihrer Meinung sagen sie, dass weil Gott das Ende und Ziel aller
Dinge sei (gleichwie Er auch deren Prinzip oder Urgrund ist), so könne man nicht weiter
fortschreiten. Dieses ist zwar wahr in einem Verstand, da es gewiss ist, dass man nicht weiter gehen
kann, als dass man in Gott gelange. Dennoch aber, weil Gott unermesslich ist, so kann man in eben
diesem Ende oder Ziel allezeit weiter fortschreiten, und dieses bis in das Unendliche, ohne darin
jemals Schranken oder Grenzen zu finden oder anzutreffen. Es ist gleich wie eine zum Meer gelangte
Person, welche sich in das Meer stürzt. Wenn das Meer unendlich wäre, so würde sie allezeit und mit
einer unglaublichen Geschwindigkeit weiter fortschreiten können, ohne jemals aufzuhören in eine
noch grossere Tiefe hinunterzufallen. Es ist wahr, dass dieses Weiterkommen kein Fortgehen ist,
sondern es ist ein unwahrnehmliches Gewicht, welches macht, dass man mit einer erstaunlichen
Geschwindigkeit fortkommt, ohne eine Bewegung von Seiten der Kreatur, als nur dieses Gewicht
oder Hinunterneigen. Wollte sich die Kreatur aber bewegen, in der Meinung hiedurch besser
fortzuschreiten, so würde eben diese Bewegung, solange sie dauert, sie auf dem Wasser erhalten und
unterstützen. Dies kann man in einem natürlichen Gleichnis bei dem Beispiel eines Schwimmers
feststellen.

12) Und David erkannte, dass der Herr ihn zum König über Israel bestätigt, und sein Reich
erhöht hatte über sein Volk Israel.

Es ist, wie anderswo gemeldet worden, ein grosser Unterschied zwischen dem, in einen Stand gelangt
zu sein, und in eben demselben Stand festgesetzt worden zu sein. Darum macht David einen grossen
Unterschied zwischen dem, dass er König ist, und zwischen dem, dass er als König ist bestätigt
worden. Er war König, sobald Samuel ihn dazu gesalbt hatte. Er gelangte aber zum Besitz seines
Königreichs nicht eher, als da er über Israel gesalbt wurde; und endlich wurde er in seiner
königlichen Herrlichkeit nur durch Gott selbst bestätigt, und erst hernach, als er in dem Schloss Zion
war.

17) Als die Philister hörten, dass David zum König über Israel wäre gesalbt worden,
versammelten sich alle, um ihn zu bekriegen. Da David dieses hörte, begab er sich in das
Schloss Zion.

Ein so würdiger Hirte bleibt nicht lange ohne Streit. Wenn er für sich selbst keinen Krieg mehr zu
führen hat, so muss er solchenfür seine Herde führen und erdulden. Wieviele reissende Wölfe
kommen nicht, um ihm seine Herde und sein Königreich zu rauben? Der Teufel hat zu allen Zeiten
alle seine Kräfte angewendet, das Reich Gottes zu bestreiten, und er wird dieses fernerhin tun, bis
dass es dem Herrn gefällt, ihm für eine Zeitlang die Wacht zu nehmen (Offb.20, 23), in welcher Zeit
er wird angeschlossen sein, damit er der Erde keinen Schaden zufüge.

Was tut aber David in diesem so allgemeinen Anfall? Er begibt sich in das Schloss Zion, dh. er bleibt
in seiner Ruhe in Gott, überlassen zu allen Begebenheiten der Vorsehung, und ebensowohl
zufrieden, sein Königreich zu verlieren, als solches zu erhalten. Gleichwohl aber, da es ihn aber nicht
allein betrifft, weil er kein eigenes Interesse für sich selbst mehr hat, so ist er auch ganz bereit, die
Waffen zu seinem Schutz zu gebrauchen, wenn Gott es ihm befiehlt; und um dieses mit gutem
Fortgang zu tun.

19) David fragte den Herrn, und sprach zu ihm: Soll ich gegen die Philister ziehen, und wirst
du sie in meine Hände geben? Der Herr sprach zu ihm: Ziehe hin, denn ich will sie gewiss
in deine Hände geben.

Wenn der Führer in einer völligen Unterwerfung und Abhängigkeit von dem Willen Gottes und von
dessen Geist ist, so ist es Gott, der in einem solchen Führer alle seine Werke tut. Man kann leicht
anmerken (an der Weise wie David Gott anfragt), dass er ganz bereit war, sich nicht zu beschützen,
wenn solches der Wille Gottes gewesen wäre. Allein wie! o David, ist dies eine Sache, die man erst
beraten muss? Denn wenn du dich nicht verteidigst, so wirst du, oder doch wenigstens deine Herde,
unfehlbar niedergeschlagen werden. Hieran ist nichts gelegen, antwortet er. Ich will lieber meine
Herde verlieren, als solche gegen den Willen Gottes zu beschützen.
Der Herr antwortete dem David: Ziehe hin und streite! Hüte dich aber, den Sieg weder deiner
Wachsamkeit noch der Kraft deines Volks zuzuschreiben. Denn ich werde es sein, der deine Feinde
in deine Hände dir überliefern wird, um nach deinem Willen mit ihnen zu handeln. Je mehr wir Gott
unser Interesse übergeben, je mehr Sorgfalt trägt Gott für dasjenige, so uns angeht. Denn wenn wir
kein eigenes Interesse mehr haben, so wird unser Interesse das Interesse Gottes, gleichwie sein
Interesse das unsrige geworden ist. 0 mein Gott, du bist wahrhaftig ein eifersüchtiger Gott! Du willst
alles tun, damit man dir die Ehre deiner Werke nicht entziehe.

20) Also kam David nach BaalPerazim, wo er die Philister schlug und sprach: Der Herr hat
meine Feinde vor mir zerteilt, gleichwie die Wasser sich zerteilen. Darum wurde dieser Ort
BaalPerazim genannt.

David, als ein getreuer Hirt, geht hin die Feinde seiner Herde zu schlagen. Gleichwie aber die Treue
gegen Gott ihm nicht weniger notwendig war als die Treue, die er als Hirte seiner Herde schuldig war
(da die Treue gegen Gott die Quelle aller Treue gegen die Menschen ist), so will er nicht, dass man
ihm den Sieg zuschreiben soll, welchen er durch einen mächtigen Beistand der Güte Gottes nun
erhalten hat. Darum sagt er, der Herr habe seine Feinde vor ihm zerteilt, gleichwie man die Wasser
zerteilt. Gott gebraucht den Hirten, der äusserlich streiten muss, da Gott indessen durch eine
geheime Kraft eben dieselben Feinde vertilgt, die Er von aussen angreifen lässt; wobei man
gleichwohl mit Herzhaftigkeit kämpfen muss, wenn Gott solches befiehlt.

Damit auch David das Vertrauen, welches dieses Volk in Gott haben soll, fester setzen und es dazu
bringen möge, dass es nur Gott allein alle Siege zueigne, die es in den folgenden Zeiten über seine
Feinde erhalten sollte, und damit auch dieses Volk nicht glauben möge, die Siege kämen her von der
Hand und von dem Hirtenstab des Hirten, so nennt er diesen Ort BaalPerazim; damit in den
folgenden Zeiten dieses ihnen ein GedächtnisMal der Hilfe sein möchte, welche Gott denen
widerfahren lässt, die sich Ihm wahrhaftig übergeben.

23) Zu einer andern Zeit fragte David den Herrn und sprach zu ihm: Soll ich hinaufziehen
gegen die Philister, und willst du sie in meine Hände geben? Der Herr antwortete ihm:
Ziehe nicht hinauf, sondern komme von hinten über sie, so will ich vor dir herziehen, um
das Heer der Philister zu schlagen.

Dieser Vers bestätigt, was in der Erklärung des vorhergehenden Verses ist gemeldet worden. Gott
unterweist selbst die Seelen, die Ihm übergeben sind, und lehrt sie allen seinen Willen, indem Er sie
nur in den Stand setzt, seinen Willen zu vollstrecken. Hernach aber tut und wirkt Gott alles selbst. Er
wandelt vor ihnen her wie ein verzehrendes Feuer, um alles dasjenige zu verbrennen, was dem
Frieden seiner Herde und dem Reich des souveränen Hirten im Wege steht und solches verhindert.

6. Kapitel. 

1) David versammelte abermals alle auserlesenen Männer von Israel, an der Zahl
dreissigtausend;
2) Und er machte sich auf und zog hin mit allem Volk, das bei ihm war, um herbeizuholen
die Lade Gottes, vor wel cher angerufen wird der Name des Herrn der Heerscharen, der
über den Cherubinen sitzt.

David nimmt die auserlesenen Männer von Israel mit sich, um die Lade Gottes herbeizuholen. Dies
zeigt eine besondere Berufung an, Gottes Eigentum zu sein, durch den Weg der Uebergabe in seine
Führung. Die grosse Menge, welche David mit sich nimmt, gibt zu erkennen, dass viele Berufene zu
diesem Weg sein würden, wenn sich getreue und selbstlose Hirten fänden, um die Seelen in diesen
Weg einzuführen. Statt dessen aber werden die Personen, welche in diesem Weg wandeln wollen,
durch eben dieselben angefallen und bestritten, die sie in diesen Weg einführen sollten. Denn es ist
gewiss und wahrhaftig, dass gleichwie Gott alle Menschen zur Seligkeit beruft, so beruft Er auch alle
Menschen, seiner (als des letzten Ziels) zu geniessen. Man gelangt aber darum nicht dazu, weil man
erstens nicht getreu ist, und ferner, weil man statt wahrhaftiger Hirten öfters nur Mietlinge findet,
worüber Jesus Christus sich im JohannesEvangelium beklagt (Joh.10,12).

David führt mit sich alle die vom Stamm Juda, weil dieser Stamm im besonderen dazu bestimmt war,
die einzige Verherrlichung und Ehre Gottes zu bekennen, und durch seine Vernichtigung der
Allmacht Gottes das Homagium oder seine pflichtmässige Unterwerfung zu leisten und abzustatten.
Dieses Volk, das allergetreuste unter allen, folgte allezeit seinem rechtmässigen Hirten, ohne von
solchem abzuweichen. Und eben dieses war die Quelle der Treue dieses Volkes. Wären wir getreu bei
Jesu Christo, als kleine Schäflein bei ihrem Hirten zu bleiben, so würde Er uns auf vortreffliche
Weide führen (Joh.10,4). Er würde durch seinen Hirtenstab uns zurechtweisen und trösten. Er würde
uns niemals verirren lassen und uns beschützen vor dem hungrigen Wolf und vor dem brüllenden
Löwen, welchen Er die Zähne zerbrechen würde; ja nichts würde Macht haben, uns zu beschädigen.
Lasst uns also den Schluss machen, dass all unser Gutes und Heil von der Gegenwart Jesu Christi
herkommt, gleichwie all unser Uebel nur daher entsteht, dass wir uns von Ihm entfernen.

Dieses ganze Volk begleitete den David, um die Lade Gottes herbeizuführen. Dieses ist uns ein
schönes Bild von dem, was den Seelen widerfährt, die getreu sind, nicht von ihrem Hirten sich
abzuwenden. Er führt sie zu Gott, und macht, dass sie dessen innige Vereinigung erfahren, durch die
Gleichförmigkeit ihres Willens mit dem Willen Gottes, welches ihnen die Liebe und das
Wohlgefallen Gottes zuzieht, durch welches Wohlgefallen und Liebe Gott sein ewiges Wort in diesen
Seelen zeugt. Er ist es, der die Lade des wahren Bundes ist, nicht nur der Wiederversöhnung des
Menschen mit Gott, sondern auch das Wohlgefallen Gottes über den Menschen.

3) Sie setzten die Lade des Herrn auf einen neuen Wagen.

Dies gibt uns zu erkennen, dass Gott mit Wohlgefallen nur auf einem solchen Herzen ruht, das von
sich selbst und von aller Eigenheit losgemacht und frei ist, und welches in Ihm durch eine ganz reine
und lautere Liebe wieder erneuert worden ist.

5) David, von dem ganzen Volk Israel begleitet, spielte vor dem Herrn auf allerlei
musikalischen Instrumenten, auf der Harfe, auf der Leier, auf der Trommel, auf Zimbeln
und Pauken.

Die in Gott wieder erneuerte Seele kommt zu einem solchen Stand der Unschuld, dass sie weiter
nichts anderes tut, als in der Gegenwart des Herrn zu spielen, wie ein kleines Kind auf dem Schoss
seiner Mutter spielt. 0 wie lieblich und angenehm ist dieses kindliche Spiel dem Herrn! Ja es ist Ihm
umso viel angenehmer, weil es von der Harmonie des Innern begleitet wird, welches ein süsser und
lieblicher Zusammenklang und Uebereinstimmung des Willens des Menschen mit dem Willen Gottes
ist. Diese Seele hat keine andere Bewegung mehr als die Bewegung, welche Gott ihr gibt; und zwar
so, dass sie in der Hand Gottes wie ein reines Instrument ist, auf dem Gott diejenige Harmonie
macht, die Ihm angenehm ist. Wenn die Seele zu dieser ganz kindlichen, reinen Unschuld gelangt ist,
so ist sie in einer so gar völligen Freiheit, dass sie in der Gegenwart des Herrn unaufhörlich spielt,
weil die grössten Peinlichkeiten nur ein Spiel für sie sind. Von der Weisheit wird gemeldet, dass sie in
Gott vor allen Zeiten auf diese Weise spielte (Spr.8,3031). 0 welche grosse Weisheit, auf diese Weise
zu spielen ! Diese heilige Freude kommt vom Stand der Unschuld, in welchen man wiederkehren
muss, um in Gott in unsern Ursprung einzugehen (Matth.18,3).

6) Ussa aber reckte die Hand aus zur Lade Gottes und hielt sie; denn die Ochsen traten aus
und machten, dass sie auf die Seite hing.
7) Da entbrannte der Zorn Gottes gegen den Ussa, und schlug ihn wegen seines Frevels,
dass Ussa daselbst vor der Lade des Herrn tot niederfiel.

O Gott, wie bist du so eifersüchtig! Und wohin erstreckt sich nicht deine Eifersucht? Auch bis zu
den allerunschuldigsten Dingen! Es sind vornehmlich zwei Dinge, über welche Gott unendlich
eifersüchtig ist. Das eine ist seine Wirkung, und das andere seine Heiligkeit. wenn eine Seele von
Gott so hoch begnadigt worden ist, dass Er gerne der Urgrund und das Prinzip ihres Wirkens sein
will, so wird die Eifersucht Gottes aufs höchste beleidigt, wenn eine solche Seele (unter welchem
guten Vorwand es auch sein möchte), durch sich selbst wirken will. Ueber seine Heiligkeit aber ist
Gott noch mehr eifersüchtig, so dass wenn Gott eine Seele in Ihm selbst durch seine eigene
Heiligkeit heiligen will, o alsdann ist alle eigene Gerechtigkeit Ihm ein Greuel. Der Tod des Ussa ist
nicht so sehr eine Strafe für seine Person, als ein Beispiel für uns. Sobald man seine Hand ausreckt
über die Heiligkeit Gottes, um diese Heiligkeit als ein eigenes Gut sich anzumassen, so wird man
schuldig vor Gott, und man erweckt seine Eifersucht. Dieses ist die Ursache, warum Gott die
Kreatur durch solche entsetzliche Umstürzungen zerstört, und dass Er in diese Kreatur nicht eher
kommt, als bis sie von aller eigenen Heiligkeit entblösst und beraubt worden ist, damit die einzige
Heiligkeit Gottes in dieser Kreatur allein regiere und bestehe.

9) Damals fürchtete sich David sehr vor dem Herrn und sprach: Wie sollte die Lade des
Herrn zu mir kommen?

Obgleich die Furcht des Davids von seiner Demut herkommt, indem er durch die Strafe des Ussas
die Heiligkeit Gottes so sah wie sie ist, und sich daher nicht würdig achtete, dass diese Heiligkeit bei
ihm wohnen sollte, so war dies dennoch eine Schwachheit bei ihm, welche Gott zuliess, um seinen
Stand hernach mehr zu bestätigen. Die Heilige Schrift sagt, dass David sich damals fürchtete. Dies ist
ein Kennzeichen, dass er bis anhin mit Einfalt und Liebe gehandelt hatte. Dieser Unfall aber machte,
dass er in Ueberlegung einging, und die Ueberlegung setzte ihn in Furcht. Die Furcht aber hielt ihn
auf und machte, dass er auch noch in andere Fehler fiel, welche Gott endlich zu seiner Ehre und
Verherrlichung zu gebrauchen wusste.

10) Und er wollte nicht, dass man die Lade zu ihm in die Stadt David brächte.

Die allerirrigste und gefährlichste Demut ist diejenige, welche gewiisse Seelen dahin bringt, dass sie
sich der Uebung der Gegenwart Gottes nicht ergeben wollen. Es ist aber nichts anderes als bloss die
Furcht, den weltlichen Freuden und Lustbarkeiten abzusterben, welche sie hieran verhindert; und
diese Furcht bedecken sie mit dem Namen der Demut. Der Fehler des Davids war sehr gross, dass er
die Lade Gottes bei sich nicht aufnehmen wollte. Dieses war gleichsam die Gegenwart Gottes, seine
reine Einwirkung, ja auch sogar seine Heiligkeit nicht annehmen wollen, da doch seine Seele durch
eine vollkommene Entblössung und Ledigkeit hiezu war zubereitet worden.

11) Also blieb die Lade des Herrn in dem Hause des ObedEdoms.
12) Und es wurde dem David angesagt, dass der Herr den ObedEdom und alles was ihm
angehörte, gesegnet hatte, wegen der Lade Gottes. Also ging David hin in das Haus des
ObedEdoms, und holte von dannen die Lade des Herrn in die Stadt Davids mit einer
grossen Freude.

Es gibt wohl wenig Seelen, die sich nicht fürchten, wenn sie die Reinigkeit sehen, die man haben
muss, um den Gott aller Heiligkeit in sich zu tragen, und ein blosses, lauteres Instrument seines
allerhöchsten Willens zu sein, ohne sich davon etwas zuzueignen. Gleichwohl wenn man diejenigen
Seelen betrachtet, in welchen Gott wohnt, dass sie mit so vielem Segen überhäuft, und gelangt sind
zu einer so erhabenen Vollkommenheit; und wenn man dieselben mit denjenigen Seelen vergleicht,
die in eine eigenheitsvolle Heiligkeit sich versenkt haben, und wie die Strausse nur auf der Erde
herumflattern; so übergibt man sich Gott von neuem. Und da man nun auch durch seinen eigenen
Fehler unterwiesen worden ist, so geht man mit einer neuen Freude dieser Lade entgegen, welche zu
empfangen man sich so sehr gefürchtet hatte. Gott hat diese Schwachheit in dem David zugelassen,
damit alles, was in dem inneren Leben sich begibt, auch in ihm sich zutragen möchte; oder vielmehr,
Gott hat es zugelassen, um uns durch sein Beispiel zu unterweisen, damit wir durch einige Furcht
uns niemals einer so grossen Gnade entziehen, oder solche von uns ablehnen sollten. Vielmehr
sollen wir uns ohne Widerstreben zu allem demjenigen neigen und uns führen lassen, was Gott von
uns und durch uns will. Alles was erhaben scheint, solches ist nur erhaben in Ansehung von uns; in
Gott aber ist es eine Gerechtigkeit, die Er sich selbst widerfahren lässt, und für uns ist es die
allerwahrhafteste Demut, wenn solche der Kreatur nichts lässt, sondern alles für Gott aufbewahrt
und Ihm zueignet.

14) David mit einem leinenen Ephod bekleidet, tanzte vor der Lade aus aller seiner Macht.

Die Freude einer Seele, welche in sich eben denselben reinen und heiligen Gott findet, welchen zu
empfangen sie sich so sehr gefürchtet hatte, diese Freude übertrifft alles, was man davon
aussprechen kann; ja es ist mehr eine Entzückung als eine Freude. Alsdann sieht die Seele, welchen
vortrefflichen Nutzen die Verlierung aller Dinge ihr gebracht hat; denn hiedurch geschieht es, dass
die Heiligkeit und die Gerechtigkeit Gottes in ihr regieren. Wenn sie dieses entzückende Vergnügen
erfährt, weiss sie nicht mit welchen Worten sie ihre Freude genugsam ausdrücken soll. Diese
unaussprechliche Entzückung der Heiligen in der Heiligkeit Gottes wird machen, dass sie die ganze
Ewigkeit hindurch singen werden: Heilig, heilig, heilig (Offb.4,8), indem sie erkennen, dass keine
andere Heiligkeit und keine andere Gerechtigkeit ist, als die Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes, weil
alles andere nichts als Unflätigkeit ist. Ihr Vergnügen wird unaussprechlich gross sein, dass kein
Heiliger in dem Himmel mit einer eigenen Heiligkeit bekleidet ist, und dass sie alle nur eine und eben
dieselbe Heiligkeit haben werden, nämlich die Heiligkeit Gottes. Sie werden aber mehr oder weniger
von dieser Heiligkeit haben, je nachdem sie sich in diesem Leben arm machen und von aller
Eigenheit entblössen Hessen. Diejenigen hingegen, in welchen in diesem Leben noch einige
eigenheitsvolle Heiligkeit übriggeblieben war, die werden davon in dem Feuer des Fegfeuers gereinigt
worden sein. Und diese Freude war es ohne Zweifel, welche machte, dass dieser grosse Prophet vor
Vergnügen hüpfte und tanzte. Das Herzunahen dieser Heiligkeit heiligte den Johannes, und machte,
dass er in dem Leib seiner Mutter vor Freuden hüpfte (Luk.1,4447). Es war auch die Besitzung der
Heiligkeit Gottes in ihm selber in der ganzen Grösse und Weite, die eine reine Kreatur in sich fassen
kann (wiewohl ohne solches anders in sich zu fassen als in Gott selber), welche die göttliche Maria
auf eine vortreffliche Weise entzückte.

16) Michal, die Tochter Sauls, schaute durch das Fenster, und sah den König David, dass er
vor dem Herrn tanzte und hüpfte, und verachtete ihn in ihrem Herzen.

Wieviele (auch sogar geistliche Personen) gibt es doch, welche, wenn sie die ganz heilige Freude und
Freiheit der in Gott gelangten Seelen sehen, sich daran ärgern und sie verachten, wie Michal den

David verachtete! Und gewöhnlich geschieht es, dass das Kennzeichen piner erhabenen
Vollkommenheit für einen grossen Fehler angesehen wird. David, der diese ganz himmlische Freude
erfahren hatte, ruft aus: Alle die, welche in dir sind, o Herr, sind wie Personen, die vor Freuden
entzückt sind (Ps.86,7 & 5,12). 0 glückselige Entzückung, welche den Menschen von sich selbst
hinwegreisst, und ihn allezeit mehr in Gott versenkt!

18)David segnete das Volk im Namen des Herrn der Heerscharen.


19)Und er kehrte auch wieder heim, um sein Haus zu segnen. Und Michal, die Tochter
Sauls, kam dem David entgegen und sprach zu ihm: Es ist heute dem König von Israel eine
grosse Ehre gewesen, da er sich vor den Mägden seiner Knechte so entblösst hat, und nackt
geschienen, wie ein Schalksnarr es tun würde.

David verrichtet das Amt eines Fürsten, indem er das Volk im Namen dessen segnet, der ihn solches
zu führen, eingesetzt hatte. Dieser Stand der Uebersetzung der Seele in Gott gibt der Seele eine
heilige Kühnheit. Die ganze Welt, die von den in der Weltliebe blind gemachten und von der
göttlichen Wahrheit nicht erleuchteten Menschen als etwas Grosses angesehen wird; diese ganze
Welt scheint einer solchen Seele ein Pünktlein zu sein im Vergleich zu der unermesslichen Weite, die
sie in Gott findet. Dieses verhält sich wahrhaftig also. Denn da die Seele alle eigene Grossheit und
alle in ihr selbst genommene Freude verloren hat, so hat sie weder andere Freude, noch andere
Grossheit, als die Freude und Grossheit Gottes.

Die mit einer fleischlichen Klugheit angefüllten Menschen können diesen Stand nicht leiden. Sie
verdammen solchen und verachten diejenigen, welche so glückselig sind, diesen Stand zu besitzen. Ja
sie halten ihnen diesen Stand als Uebel vor, wie Michal dem David. Allein was wirft man ihnen vor?
Dieses, dass, da sie von allem, was nicht Gott ist, entblösst worden, sie in einer vollkommenen
Entblössung sich befinden. Es ist wahr, dass alles, was man an diesen Seelen wahrnehmen kann, nur
ein völliges Leersein ist, wie auch dieses, dass sie von allen Dingen auf eine allgemeine Weise
vollkommen losgemacht sind. Man wird aber an diesen Seelen nicht gewahr, dass dieses ihr Leersein
mit der Fülle Gottes selbst angefüllt ist.
21) David antwortete der Michal: Ja, vor dem Herrn, der mich vielmehr als deinen Vater und
dessen ganzes Haus erwählt, und mir geboten hat, der Herzog zu sein über sein Volk in
Israel,

22) Will ich tanzen und noch nichtswerter scheinen, als ich geschienen habe. Ich will
verächtlich sein in meinen Augen, und ich werde noch herrlicher scheinen vor eben
denselben Mägden, von denen du geredet hast.

Nichts dient zu einem grösseren Beweis der Vernichtigung Davids, als die Antwort, die er der Michal
gab. Er sprach: Es ist dieses vor dem Herrn geschehen, der mich erwählt hat vor deinem Vater,
welcher weit entfernt war, aus Liebe zu Gott ein Narr zu werden, denn er wurde vielmehr aus einer
eitlen Klugheit gegen die Gebote Gottes rebellisch, und eben hiedurch machte er sich unwürdig der
Barmherzigkeiten Gottes. Um demnach meinen Gott zu ehren, will ich tanzen und mich vor Ihm
erfreuen. Wenn ich auch einigen Vorzug über diese Völker habe, so ist es mein Gott, der mir diesen
Vorzug verliehen, und mir befiehlt, ihr König und ihr Hirte zu sein. Damit ich nun meiner Berufung
auf eine recht kräftige Weise ein Genüge leiste, so will ich wie ein unschuldiges und von aller Bosheit
befreites Kind in der Gegenwart des Herrn spielen; und da ich weit entfernt bin, mich wegen der mir
von Gott erwiesenen innern und äussern Gnaden zu erheben, so will ich mich noch nichtswerter
machen, wenn es mir nur möglich ist.

Durch dieses Wort nichtswertig oder geringschätzig will David nicht nur sagen, dass er sich noch
mehr demütigen werde, sondern dass er sich auch noch verächtlicher machen wolle. Dieses ist der
Charakter der vollkommenen Demut, die fast allen Menschen unbewusst ist, und welche auch nicht
von denen ausgeübt wird, die solche kennen. Es gibt wohl Personen, die sich selbst verachten, allein
sie würden sich aufs äusserste grämen, wenn sie von andern verachtet werden sollten. Noch andere
Personen gibt es, deren Tugend so weit geht, dass sie auch um Gottes willen verachtet zu werden
erdulden. Wo findet man aber solche Seelen, die sich gern verächtlich machen wollen? Denn es wird
wohl ein Mensch verachtet, und erduldet solches auf eine tugendhafte Weise, allein er ist doch dabei
überzeugt, dass er nicht verächtlich ist.

Wenn ich könnte, wollte mein heiliger König ferner sagen, wenn ich es dahin bringen könnte, mich
ganz und gar zu zerstören, um meinen Gott zu verherrlichen, o mit welcher Freude wollte ich dieses
tun! Die vollkommene Armut des Geistes macht, dass die Seele sich leer von allem Guten findet,
und sich daher nichts anderes als das

Elend zuschreiben kann. Durch diese Armut lernt die Seele sich selbst erkennen. Bis hieher, je mehr
die Seele sich dem Schein nach demütigte umso viel weniger kannte sie sich selbst. Denn diese
erkannte Demut war noch etwas Gutes, welche der Seele ihr Nichts und ihr Leersein von allem
Guten, das in ihr ist, ganz und gar verbirgt. Diejenigen, welche glauben, dass dieser Weg zu einem
eitlen Hochmut Anlass gäbe, weil er eine heilige Freiheit verleiht, betrügen sich gar sehr. Denn da die
Seele gar kein Gutes in sich sieht, so ist es daher gewiss, dass sie sich auch kein Gutes zuschreiben
kann. Die Beraubung von allem macht sie frei und leicht. Einem Reisenden gibt nichts eine grössere
Leichtigkeit, als wenn er sich von seiner Last entladen sieht, unter deren Bürde er seufzt. Die
vollkommene Freiheit kommt her von der vollkommenen Armut, und noch mehr von der
geistlichen als von der leiblichen Armut. Denn wer nichts hat und doch dabei etwas begehrt, der ist
mit seiner eigenen Armut beladen.

Was auch noch ferner der Seele eine Freude ohne Abwechslung verursacht, solches ist der Hass, den
sie gegen sich selbst trägt. Je mehr sie sich selbst hasst, umso viel mehr ist sie vergnügt, wenn sie
nichts hat, damit Gott für sich selbst alle Ehre und Verherrlichung in ihr besitzen möge.

David fährt fort zu der Michal zu sagen: In dieser Vernichtigung ist es, dass ich herrlich erscheinen
werde vor den Mägden, wovon du geredet hast. Denn da sie demütiger sind als du bist, so sind sie
auch mehr imstande, die wahre Ehre zu unterscheiden, welche nur von Gott allein kommen kann.

23) Aus dieser Ursache hatte Michal, die Tochter Sauls, keine Kinder von dem David bis an
ihren Tod.

Um die Michal zu strafen, macht Gott sie unfruchtbar. Dieses lehrt uns, dass, um geistliche Kinder
aufzuziehen, der Hochmut vertilgt sein müsse, weil der Hochmut ein Vater der Lügen und ein Feind
der Wahrheit ist. Wie kann man andern die Wahrheit lehren, wenn man selbst sie nicht kennt?

7. Kapitel. 

1)Nachdem der König in seinem Haus bestätigt war, und der Herr ihm den Frieden auf
allen Seiten von allen seinen Feinden gegeben hatte,
2)sprach er zum Prophet Nathan: Siehst du nicht, dass ich in einem Haus von Zedern
wohne, und dass die Lade des Herrn nur Felle von Tieren zur Decke hat?

3) Nathan sprach zu ihm: Gehe hin und tue alles, was du in deinem Herzen hast, denn der
Herr ist mit dir.

Sobald Gott den David in der Ruhe bestätigt hat, denkt David daran, Gott ein Haus zu bauen. Er
dient hiemit den Fürsten und andern vornehmen Personen zu einem grossen Beispiel, wie grosse
Sorgfalt sie für die Kirchen tragen sollen. Sie haben prächtige Paläste, wenn auch sogar das Heiligtum
in der äussersten Armut und der nötigsten Dinge beraubt ist.

Die zweite Weise, dass David dem Herrn ein Haus bauen wollte, war, dass er als Hirte nach all
seinem Vermögen zu der Heiligung der ihm von Gott anvertrauten Seelen etwas beitragen wollte,
um aus diesen Seelen lebendige Steine zu machen (1.Petr.2,5), welche durch die Einigkeit ihrer
Herzen und Geister geschickt wären, dem Herrn einen Bau auszuführen. Dieser lebendige Tempel
ist es, welchen Gott weit höher schätzt, als alle anderen Tempel. Es ist kein Christ, der nicht der
Tempel des Heiligen Geistes sein könnte (1 .Kor.3,16 & Hebr.3,6), in welchem Gott zu wohnen ein
Wohlgefallen hat. Wenn die Christen in der göttlichen Liebe wahrhaftig vereinigt wären, so würden
sie alle lebendige Tempel sein, und würden alle zusammen nur ein Haus ausmachen, welches die
Kirche ist.

Nathan versichert dem David, dass er sowohl an dem einen als an dem andern Tempel arbeiten
könne nach der Bewegung seines Herzens, weil Gott mit ihm sei. Und da er von dem Geist Gottes
bewegt und getrieben werde, könne er nicht fehlen, wenn er dieser Bewegung Folge leiste. Es dünkt
mich hier der Ort zu sein, um zu erklären, wie notwendig es ist, der Bewegung des Geistes Gottes zu
folgen.
Diese Bewegung, ob sie sich schon einem jeden unter uns auf eine verschiedene Weise zu empfinden
gibt, ist doch gleichwohl nicht eine besondere Bewegung, welche macht, dass ein jeder unter uns
dieses oder jenes glaubt oder sich einbildet, sondern es ist die Bewegung der Kirche selbst. Denn
gleichwie die Kirche nur vom Heiligen Geist belebt wird, so hat sie auch keine andere Bewegung als
dieselbe, welche der Heilige Geist ihr gibt. Eben auf diese Weise ist es auch mit einem Christen
bewandt, wenn solcher von dem Heiligen Geist belebt und beseelt wird; er hat keine andere
Bewegung als die des Heiligen Geistes. Nun ist aber diese besondere Bewegung keine andere, als die
allgemeine Bewegung der Kirche. Um demnach alle irrigen Meinungen auf die Seite zu räumen, muss
man die Bewegung des Heiligen Geistes so ansehen, dass sie zwei Wirkungen hervor

bringt, oder vielmehr, dass sie in der Seele zwei Aemter oder Verrichtungen hat, welche, ob sie gleich
verschieden, doch eine und eben dieselbe Sache sind. Die erste Verrichtung des Heiligen Geistes in
der Seele betrifft den Glauben. Nun aber ist dieser Glaube und die Lehrsätze (oder Glaubensartikel
der Kirche) eine so allgemeine Bewegung für alle Menschen, dass wer Lehrsätze von diesem
allgemeinen Glaubensartikel in Unterscheidung annehmen oder haben würde, eben dadurch in dem
Irrtum sein würde. Und diese besonderen Bewegungen, die jener allgemeinen Bewegung der Kirche
entgegenlaufen, machen den Irrtum und die Ketzer. Es sind dieses abscheuliche Wirkungen einer
übel geordneten Bewegung in dem geordneten Lauf des Weltbildes.

Es ist aber auch eine andere Bewegung, welche dasjenige zum Endzweck hat, wozu ein jeder von uns
bestimmt ist nach dem Vorhaben Gottes, nach der Berufung, wozu Gott beruft, und nach der
Führung unseres Lebens. Ob nun gleich diese Bewegungen für einen jeden verschieden sind, wegen
der Verschiedenheit der Stände, so ist doch diese Mannigfaltigkeit der Bewegungen, die nur wegen
ihrer verschiedenen Verrichtungen verschieden sind, in Ansehung des Ganzen in einem
wunderbaren Zusammenhang und Ordnung. Um sich besser begreiflich zu machen, muss man sich
eines Vergleichs mit einem menschlichen Körper bedienen.

Der menschliche Körper hat eine allgemeine Bewegung, die darin besteht, dass die Seele den ganzen
Körper belebt und lebendig macht. Es besteht aber auch eine Generalordnung, welche macht, dass
dieser Leib seine Bewegung durch Organe empfängt. Diese Organe sind die edelsten Teile, und sind
über die andern Teile und Glieder gesetzt. Ein jeder weiss, dass das Haupt auf die Glieder seinen
Einfluss hat, dass das Herz der Sitz des Lebens ist, und dass die Lunge zum Atemholen dient. Und
also ist es mit allen übrigen Teilen des Leibes. Die allgemeine Bewegung des Leibes ist demnach zu
leben, belebt zu werden, und die Einflüsse vom Haupt zu empfangen usw. Wenn diese allgemeine
Bewegung fehlen oder unterbrochen werden sollte, es sei auch so wenig als es wolle, so müsste man
sterben. Zudem gibt es auch eine besondere Bewegung, die einem jeden Glied des Leibes eigen ist,
und welche den Gliedern gegeben worden ist, um zu wirken, wie es seine Natur und sein Amt
erfordert. Die Bewegung der Hand und ihre Verrichtung ist von der Bewegung und Verrichtung des
Fusses verschieden. Wenn alle Glieder des Leibes nicht allein eine gleiche, allgemeine Bewegung
(nämlich zu leben und bewegt zu werden) haben würden, sondern auch noch überdies alle eine
gleiche Bewegung zu ihren Verrichtungen, so ist es gewiss, dass diese grosse Einförmigkeit, die so
nötig ist für das Allgemeine der Dinge, abenteuerlich werden würde, in Ansehung der besonderen
Dinge. Denn gleichwie es wahrhaftig ist, dass wenn eines der Glieder aufhören sollte, von diesem
allgemeinen Geist belebt zu werden, es ein faules Glied, das man abschneiden müsste, oder
wenigstens ein durch Gicht erstarrtes Glied werden würde; eben also ist es auch wahrhaftig, wenn
alle Glieder das Amt des Fusses oder der Hand verrichten wollten, dass diese allzu allgemeine
Ordnung eine Unordnung werden würde.
Eben auf diese weise ist es auch mit der Bewegung des Heiligen Geistes beschaffen. Der Glaube und
die Lehrsätze sind allgemein für alle, allein es gibt auch besondere Bewegungen des Heiligen Geistes,
welche sich beziehen auf die Berufung eines jeden und auf die Ratschlüsse und Vorhaben Gottes, in
Ansehung eines solchen Menschen.

Nun aber sage ich, dass eine äusserst grosse Treue erfordert wird, um der besonderen Bewegung der
Gnade zu folgen. Dies ist die Stimme des Hirten, welche das Schaf hört und versteht. Diese Stimme
ist zart. Wer diese Stimme nicht anhört, kam ihr auch nicht folgen. Je mehr man sie hört, umso viel
mehr lässt sie sich hören. Je mehr man auch dieser Stimme mit Treue Folge leistet, umso viel mehr
offenbart sie sich.

Diese Stimme, oder diese Bewegung (denn die Stimme der Inspiration oder des Einblasens ist ihre
Bewegung, und die Bewegung der Inspiration ist ihre Stimme) ist es, welche die Bekehrung wirkt,
und die Seele bis zu ihrem Ende und Ziel führt, sofern sie getreu ist, dieser Bewegung zu folgen.
Gott schweigt niemals, ohne nur durch unsere Untreue. wenn wir seiner Stimme nicht gehorchen, so
schweigt Er. Der königliche Prophet, welcher eine Erkenntnis dieser Wahrheit hatte, redet zu den
Sündern; Heute, wenn ihr seine Stimme höret, so verstocket eure Herzen nicht (Ps.94,8). Und wenn
er in dem Sinn derjenigen redet, die schon bekehrt worden, und der Bewegung der Gnade folgen, so
spricht er zu Gott: Herr, schweige nicht in Ansehung meiner (Ps.28,1). Paulus ermahnt uns, den
Geist nicht zu dämpfen (1 .Thess.5,19). Dieses ist nicht allein so zu verstehen, dass man den Geist
nicht dämpfen soll durch Verlierung der Gnade, sondern auch, dass man ihn nicht damit dämpfe,
indem man aus Treulosigkeit seiner Bewegung nicht folgt.

Man wird aber auf dieses einwenden und sagen: Wie kann ich aber diese Bewegung erkennen? Und
kann ich nicht diese Bewegung für eine natürliche Bewegung nehmen und halten. Oder kann es nicht
geschehen, dass ich mich von der Natur überraschen lasse eben damit, wenn ich glaube der Gnade
zu folgen? Es ist leicht hierauf zu antworten: Erstlich ist die Bewegung Gottes allezeit dahin
gerichtet, um die verdorbene Natur zu zerstören, wie auch zu der Verleugnung seiner selbst, und um
die Eigenliebe und das Leben Adams zu vertilgen. Auf dieses ist die Bewegung Gottes allezeit
gerichtet, und hiezu macht sie den Anfang mit den allergröbsten Dingen, worauf die subtilen und
geistlichen Dinge folgen. Was im Anfang nur eine leichte Bewegung war, wird hernach ein
verzehrendes Feuer, um alle Uneinigkeiten zu verbrennen. Denn je subtiler und geistlicher die
Unreinigkeiten werden, umso viel schwerer sind sie zu vertilgen. Nun aber können diese
Uneinigkeiten nicht vertilgt werden, ohne nur dadurch, wenn man der Bewegung des Geistes Gottes
folgt, welche die Seele allmählich fort und bis zu dem Angesicht des Herrn führt.

Die Bewegungen des Herrn haben auch noch diese Eigenschaft (ob sie schon bei einigen zarter, bei
andern aber wahrnehmbarer sind), dass sie vor der Seele nicht verbergen, dass es Gott ist; besonders
aber dann, wenn man sich nicht säumt, diesen Bewegungen Folge zu leisten. Ich gebe zu, dass man
in der Folge nicht weiss, dass es Gott gewesen, der diese Bewegung gegeben hat. Ja man weiss es
auch nicht, wenn man wankt und unentschlossen ist, dieser Bewegung Folge zu leisten. Denn die
wankende Unentschlossenheit nimmt die Gewissheit hinweg. Dieses aber entsteht aus einem Mangel
oder Fehler. Wenn aber die Bewegung oder Inspiration ist vollzogen worden, so wird alle Gewissheit
hinweggenommen. Und dieses ist notwendig, um zu verschaffen, dass die Seele durch einen blinden
Glauben, und durch eine völlige Uebergabe in die Hände Gottes wandle, so dass ob man gleich
durch diesen Weg höchst sicher wandelt, uns doch seine Sicherheit verborgen bleibt. Und da diese
Unwissenheit stets tiefer und grösser wird, weil die Bewegungen in einer gereinigten Seele weniger
Spuren nach sich lassen, als in einer andern Seele, so verursacht dieses, dass man allezeit im Glauben
und in der Uebergabe, nicht aber in Gewissheit wandelt.
Man kann wohl Gewissheit für andere haben, niemals aber für sich selbst, ob es gleich wie oben
gemeldet wahr ist, dass Gott es der Seele allezeit zu erkennen gibt, dass Er es sei, der etwas von ihr
begehre. Allein dieses ist nur zu der Zeit, wenn Er es von der Seele fordert oder begehrt.

4) Aber in der folgenden Nacht redete der Herr zu dem Nathan, und sprach zu ihm:
5) Gehe hin zu meinem Knecht David, und sage ihm: Siehe, so spricht der Herr: Solltest du
mir ein Haus bauen, dass ich darinnen wohne?

In welchem Stand eine Seele sein möge, so hat Gott sein Wohlgefallen, dass sie die Diener seines
Worts, die Propheten und die getreuen Freunde Gottes um Rat frage. David war ja ein weit grösserer
Prophet als Nathan, weil auf der ganzen Erde keiner ihm gleich war. Und dennoch gefällt es Gott so
wohl, dass er den Propheten Nathan um Rat fragt, dass Gott durch eben denselben Propheten mit
ihm reden will: Gehe hin, spricht Gott, zu meinem getreuen Knecht, welchen ich mir auserwählt
habe, und sage ihm: Solltest du mir ein Haus bauen, um darin zu wohnen? Dies gibt zu erkennen,
dass wie heilig ein Mensch auch sein möge, so könne er dennoch Gott nicht ein Haus bauen. Er
kann wohl die Steine dazu zubereiten (wie David tat), allein das Haus aufzubauen, dieses muss Gott
selber sein, der es tut. Es ist vergeblich, dass man arbeite, eine Stadt zu bauen, wenn der Herr sie
nicht selbst baut (Ps.126,1).

6) Seitdem ich die Kinder Israel aus Aegypten geführt habe, habe ich kein Haus gehabt bis
auf diesen Tag, sondern ich habe allezeit unter den Zelten und unter den Hütten gewandelt.

Wenn Gott spricht, dass Er in keinem Haus gewohnt habe von dem Tage an, da Er das Volk aus
Aegypten geführt, so gibt Gott hiemit zu erkennen, dass Er für sich keiner Wohnung bedürfe, und
dass Er (ausser der Ruhe, welche Gott von Ewigkeit in sich selbst nimmt) auch noch eine sehr
angenehme Ruhe in den wohl zubereiteten Seelen finde. Gott ruht in denjenigen, die ihre Ruhe in
Gott finden.

Zwischen den Häusern und Zelten ist dieser Unterschied, dass die Häuser fest stehen und dauerhaft
sind, die Zelte aber nicht. Und hierin besteht auch der Unterschied zwischen gewöhnlichen Seelen,
die aber dennoch in der Ruhe des inneren Gebets stehen, und zwischen solchen Seelen, die schon
sehr weit gekommen sind. Die ersteren sind zwar wohl die Wohnung Gottes, aber auf eine Weise,
die der Veränderung unterworfen ist, weil sie von der Eigenheit noch nicht befreit worden, obschon
ihr Wille mit dem Willen Gottes gleichförmig ist. Allein solche Seelen wie David hatte es seit Mose
nicht gegeben. Gleichwie aber David dasjenige Blut in sich schloss, von welchem Jesus Christus
sollte gebildet werden, so schickte sich dieser Spruch wunderschön für ihn, da der Heilige Geist
niemals auf einer Kreatur also geruht hat, wie auf Jesu Christo.

Jesus Christus war von aller Ewigkeit her die Ruhe seines Vaters, und der Gegenstand alles seines
Wohlgefallens. Er hat auf Erden ein ganz reines und unverwesliches Haus gesucht, um darinnen zu
wohnen bis ans Ende aller Zeiten. Dieses Haus ist nichts anderes als die Kirche, die in sich selbst
ganz rein ist, ob sie gleich durch das ungeordnete Wesen ihrer Kinder ganz ungestalt gemacht
worden ist.
7) An allen Orten, wohin ich mit den Kindern Israels ge zogen bin, da ich einigen von den
Stämmen befohlen habe, mein Volk zu führen, habe ich auch zu solchen gesagt: Warum
habt ihr mir kein Haus von Zedern gebaut?

Gott zeigt dem David, dass weder an allen Orten, wohin Er gezogen, noch unter dem Volk Israel,
wo Gott Ruhe gefunden und sein Wohlgefallen gehabt hat, Er gleichwohl niemand gefunden (auch
sogar diejenigen nicht, denen Er befohlen, sein Volk zu regieren), zu dem Er gesprochen habe:
Warum habt ihr mir kein Haus gebaut? Wie aber, mein Gott, hast du dir nicht zu den Zeiten Ptosis
eine Wohnung aufbauen lassen? Dieses ist wahr; allein dieses war eine Wohnung, die nicht
feststehend war, und welche so wie das Volk ihren Ort veränderte. Es ist nur David, dem ich
befohlen habe, mir ein festes und dauerhaftes Haus zu bauen. Jesus Christus ist dieser heilige
Tempel, in welchem Gott in der Fülle seiner selbst allezeit gewohnt hat. Er ist auch der einzige Hirte,
welcher die Seelen so zu führen vermag, dass sie nicht nur vorbeigehende Wohnungen, sondern
auch, dass sie dauerhafte und immerwährende Wohnungen sind, in welchen Gott ununterbrochen
wohnt. Ueberdies müssen diese Häuser von Zedern sein, deren angenehmer Geruch Gott zu einem
lieblichen Weihrauch diene, weil das Haus selbst Gott ein immerwährender süsser Geruch ist.

Dieses Haus, von welchem hier geredet wird, ist noch weit mehr die Kirche, welche durch Jesus
Christus gebaut und durch sein Blut fest gegründet werden sollte, als der Tempel Salornos. Diese
ganz reine und ganz heilige Kirche ist ein Zedernhaus, dessen guter Geruch durch die Zeit weder
verloren geht noch geschwächt wird. Diese Kirche aber ist nichts anderes, als die Vereinigung und
Einigkeit der Gläubigen, welche in einem und eben demselben Geist Gott einen Gottesdienst leisten,
wie Er dessen würdig ist.

8) Nun aber sollst du dieses zu meinem Knecht David sa gen: Siehe, so spricht der Herr der
Heerscharen: Ich habe dich von der Weide genommen, da du den Herden folgtest, um
Herzog über mein Volk Israel zu werden.

Die Sorgfalt, die Gott trägt, um David an den Ort zu erinnern, woher Er ihn genommen, und zum
König erhoben hat, damit er sich nicht
selbst einige der Gnaden zuschreibe, die Gott ihm erzeigt hat, und damit er solche nicht in Eigenheit
besitzen möge; dieses dient uns zu einer grossen Unterweisung, um uns begreiflich zu machen, dass
weder die grossen Gemütsgaben, noch die Geschicklichkeit, noch der Stand, noch sonst ein Vorteil
oder Vorzug bei Gott angesehen werde, wenn Er sich apostolische Männer erwählt. Gott macht
einen König aus einem Schafhirt, und den Grundstein seiner Kirche aus einem Fischer. Denn Gott
bedient sich gewöhnlich der schwächsten Dinge, damit die Ehre und der Ruhm von allem Gott allein
zugeschrieben werde. 0 mein Gott! dies ist ja wohl die Wirkung deiner Eifersucht, welche sich über
alle Dinge ohne Ausnahme erstreckt; und wenn du eine Seele für dich selbst zu deinem Eigentum
willst, so verbirgst du sie vor den Augen aller Menschen. Ja, du verbirgst sie vor ihr selbst, und willst,
dass sie sich selbst so ganz und gar unbekannt sei, damit sie dir nichts von demjenigen stehle, was in
ihr nur für dich selbst ist.

Allein, o Gott, wie weit erstreckt sich nicht deine Eifersucht? Es scheint, du seiest in dieser Seele
über dich selbst eifersüchtig, zum wenigsten bist du so eifersüchtig über deine Gaben, dass du diese
Seele von allem entblössest. Alsdann kann sie recht zu dir sagen: Du hast mich meiner Herrlichkeit
und meiner Schönheit beraubt. Allein, o höchst beglückte Seele, um die Eifersucht eines Gottes zu
erwecken, solltest du dich nicht billig darüber erfreuen, dass Gott dir deine Ehre und deinen Ruhm
nur um deswillen hinwegnimmt, damit Er sich selbst verherrliche? Er nimmt dir deine Schönheit nur
darum hinweg, um selbst deine Schönheit zu werden. Allein zu derselben Zeit ist dies der Seele
verborgen. Wer seine eigene Ehre und seinen eigenen Ruhm besitzt, der kann solches verlieren.
Derjenige aber, dessen Ehre und Ruhm ganz und gar in Gott ist, der kann diese Ehre und diesen
Ruhm nimmermehr verlieren. Gott ist über seine Ehre und über seine Schönheit in uns eifersüchtig,
so dass Gott eher Himmel und Erde wider eine solche Seele waffnet, als zuzugeben, dass sie sich das
mindeste von seiner Ehre oder von seiner Schönheit zueignen würde. D wahrlich, mein Gott, du bist
ein eifersüchtiger Gott!

9) Ich bin mit dir gewesen allenthalben, wo du bist hingegangen. Ich habe alle deine Feinde
vor dir her ausgerottet, und habe deinen Namen herrlich gemacht, wie den Namen der
Grossen, die auf Erden sind.

Gott begnügt sich nicht daran, zu zeigen, dass Er den David zu so grossen Dingen erwählt habe,
indem Er solchen durch eine Wirkung seiner Gütigkeit aus einem geringen Stand und aus dem
Staube gezogen, und ihn zur königlichen Würde erhoben. Er gibt auch überdies zu erkennen, auf
welche Weise Er ihn geführt, seitdem Er ihn von den Herden genommen, um ihn zum Hirten von
Israel zu machen. Er zeigt, wie Er ihn in allen seinen Unternehmungen begleitet habe, ohne sich
jemals von ihm zu entfernen, indem Er ihn mit einer recht väterlichen Gütigkeit geführt habe.
Davon zeugt David auch selber, wenn er spricht: Du hast mich bei meiner rechten Hand ergriffen,
du hast mich nach deinem Willen geführt, und hast mich hernach machen eingehen in deine
Herrlichkeit (Ps.72,24). Dies ist auch die Weise, wie Gott die apostolischen Seelen führt, wie auch
diejenigen, in denen Er den Thron seiner Herrschaft aufrichten will.

Um auch zu zeigen, dass Gott durch eine zuvorkommende Gnade in diesen Seelen und für diese
Seelen alles getan habe (gleichwie Er in dem David und für den David durch eben diese
zuvorkommende Gnade alles getan hat), so fügt Gott bei: Ich habe alle deine Feinde vor dir her
vertilgt, damit alle Ehre und aller Ruhm mir bleibe. Ich habe mich auch nicht daran begnügt, dich
mit inneren Gnaden zu überhäufen, sondern dir sogar auch in der Welt eine solche Würde verliehen,
die man, menschlicherweise zu reden, eine Hoheit nennt, welche aber gleichwohl nur insofern vor
mir hoch und gross sein wird, als du darin demütig und klein bist, und insofern du keine andere
Grossheit finden wirst, als nur in mir allein.

10) Ich will mein Volk Israel in einen feststehenden Ort setzen, und will sie darin festsetzen,
und sie werden darin fest bleiben, ohne mehr bewegt noch beunruhigt zu werden. Und die
Kinder der Bosheit werden sie nicht mehr bekümmern, wie sie vorher getan haben.
11) Von der Zeit an, da ich Richter über mein Volk Israel gesetzt habe.

Nachdem Gott stets mehr zu erkennen geben will, dass das Haus, von welchem Er redet, und das
durch eine äussere Wohnung vorgebildet ist, nichts anderes als die Kirche und die Einigkeit seines
inneren Volks ist, so erklärt sich Gott hierüber auf eine so deutliche Weise, dass kein Zweifel hievon
übrig bleiben kann. Ich will, spricht Gott, mein Volk Israel in einen feststehenden Ort setzen. Allein,
welchen Ort willst du ihm denn geben? Ist dieses glückselige Volk nicht schon in dem verheissenen
Land? Bist du nicht an der Spitze vor ihm hergezogen, wie sein Hauptmann? Ich will, spricht Gott,
diesem Volk noch ein weit anderes Land geben, nämlich mich selbst; und in mir wird es auf eine
immerbleibende Weise wohnen. Dieses Volk wird meine Wohnung und ich die seinige sein. 0 Liebe!
dieses ist ja wohl also. Du bist die Wohnung der Seelen, in welchen du selbst wohnst. Gleichwie ein
leeres Gefäss in dem Meer von eben diesem Meer, wie in einem Haus, umgeben, eingeschlossen und
zugleich mit demselben Meer angefüllt sein würde, indem dieses Gefäss selbst dem Meer zu einer
Wohnung zugleich dienen würde, eben also ist es auch mit diesen Seelen bewandt. Gott ist ihre
Wohnung, und sie sind die Wohnung Gottes. Die Kirche, ist solche nicht in Jesu Christo
eingeschlossen? Gleichwohl wohnt doch Jesus Christus auch in dieser Kirche. Deine Seite, o meine
Liebe, wurde geöffnet, um dieser Kirche zur Wohnung zu dienen.
Durch die Wunde deiner Seite hast du für diese Kirche all dein Blut bis zum letzten Tropfen
erschöpft, und diese Wunde war gleichsam die Türe, um in dich einzugehen. In demselben
Augenblick, da dein Geist in dieser Kirche ruhte, wurde sie in dir selbst gegründet; und du wolltest
vermittelst der heiligen Eucharistie deine Wohnung in ihr nehmen. Damit auch das Geheimnis
deiner Wohnung in der Seele, und die Wohnung der Seele in dir, nicht schwer zu begreifen sein
möchte, hast du dich selbst in dir selbst aufgenommen.

Du hast dein inneres Volk erwählt, um deine Wohnung aus solchem zu machen, damit dieses innere
Volk in dir, und du in Ihm, bleiben möchte. Du wirst es auch in diesem Stand, wie du sprichst, fest-
setzen. Diese Redensart festsetzen zeigt eine immerbleibende Sache an. Wenn diese inneren Seelen
also in dir werden festgesetzt sein, so wirst du alsdann in ihnen wohnen. Alsdann wird es sein, dass
diese Kirche nicht mehr wird beunruhigt werden können, ebensowenig als diese in dir festgesetzten
Seelen, weil sie in dem Stand eines festen Friedens, der keiner Veränderung mehr unterworfen,
bestätigt worden ist.

Die Sünden, welche sehr wohl die Kinder der Bosheit genannt werden (denn die Sünde ist die Frucht
der Bosheit und Ungerechtigkeit), diese Sünden werden alsdann die Seele nicht mehr peinigen wie
vorher, weil die Sünde zu Gott nicht nahen, noch in seine Wohnung eingehen kann. Diese Seelen
werden demnach von der Sünde umso viel mehr entfernt sein, je näher sie bei Gott und in Ihm
festgesetzt sind. Denn Gott und die Sünde können nicht in einem Ort zusammen wohnen. Es wird
beigefügt, dass diese Völker nicht mehr wie vorher, da sie von den Richtern geführt wurden, werden
gequält werden. Wie rein und entfernt von allem Eigennutz die menschliche Führung sein mag, so ist
sie doch mit der Glückseligkeit der göttlichen Führung nicht zu vergleichen. 0 mein Gott, wie
glückselig sind diejenigen, welche durch dich selbst geführt werden! Ich bekenne zwar, dass man in
der göttlichen Führung äusserst grosse Leiden erdulden muss; allein diese Seelen haben auch den
Vorteil, dass es dir damit nicht genug ist, selbst ihr Führer zu sein, sondern du wirst auch ihr Gehen.

11)Ich will dir Friede mit allen deinen Feinden geben, und der Herr verkündigt dir, dass er
dir ein Haus machen wird.

Dieser Spruch bestätigt die Erklärung des vorhergehenden, in welchem versichert wird, dass die
Seele in dem Frieden werde festgesetzt werden. Dieses kann nicht anders sein, da der, welcher im
Frieden ist festgesetzt worden, auch notwendigerweise in Gott festgesetzt ist. Denn wenn die Seele
nicht in Gott bliebe, und Gott nicht in ihr, so wäre sie tausend Veränderungen und Abwechslungen
unterworfen, und könnte folglicherweise ihren Frieden nicht bewahren.
Das Haus aber, welches der Herr hier vorher verkündigt, dass es durch Ihn selbst gemacht werden
sollte, ist das geistliche KinderZeugen. Es wird der zu diesem hohen Stand gelangten Seele eine ge-
wisse Anzahl Seelen gegeben (welche Anzahl grösser oder kleiner ist, nach dem Mass ihrer Gabe),
und diese Seelen zeugt sie in Jesu Christo, und ernährt sie mit. der Milch seiner reinen Lehre.
Dies ist eine Verheissung der Aufrichtung der Kirche durch Jesus Christus, obgleich nach dem
buchstäblichen Verstand das beständige Reich des Hauses Davids bis auf Jesus Christus hiedurch
angezeigt wird.
12)Und wenn deine Tage vollendet sind, und dass du mit deinen Vätern wirst eingeschlafen
sein, so will ich deinen Sohn, der von deinem Leibe kommen wird, auf deinen Thron nach
dir setzen, und dem will ich sein Reich bestätigen.

Hiedurch wird angezeigt, dass dieser immerbleibende Stand sich ebensowohl auf die reinen und an
Gott ohne Vorbehalt überlassenen Seelen, als auch auf die Kirche sich erstreckt, welche durch Jesus
Christus ist gebildet worden, und von Ihm ausgegangen ist. Besteht diese Kirche nicht von
Geschlecht zu Geschlecht seit dem Tod Jesu Christi? Eben also wird auch die Gnade des Innern
bestehen bis ans Ende aller Zeiten in den durch Jesus Christus geborenen Seelen, welche aus seinem
Blut als ein ganz reiner in David genommener Same, ausgegangen sind. Dieses Keimlein von Jesu
Christo in den christlichen Seelen ist es, welches eben dieses Reich Jesu Christi in ihnen bestätigt.

13) Dieser wird ein Haus meinem Namen bauen! Und ich werde den Thron seines
Königreichs ewiglich bestätigen.

Dieses ist ein starker Spruch, um die stetige Dauer der Kirche und des inneren Reiches Jesu Christi
zu beweisen, dass daran kein Zweifel übrigbleibt. Diese durch Jesus Christus ausgeborene Kirche, die
Versammlung der Gläubigen, die in Jesu Christo und durch Jesus Christus vereinigt sind, wird
immerdar bleiben, sowohl in dieser als in jener Welt, wohin eben diese Christen aus dem Stand der
christlichen Streiter in den Stand des Triumphs und der Herrlichkeit überschreiten.
Ja ich darf sagen, dass diese drei Kirchen auch auf Erden anzutreffen sind, welches ich gleichwohl,
wie alle meine anderen Schriften, der Kirche unterwerfe. Die erste ist die streitende Kirche, wo die
Seele mit Streiten und Wirken ganz und gar beschäftigt wird.

Von solcher gelangt sie zweitens zu dem leidenden oder passiven Stand, in welchem die Seele nicht
mehr kämpft. Sie bewegt sich mit nichts anderem mehr, als mit einer ganz freien Einstimmung, und
dadurch erduldet sie die kreuzigenden und begünstigenden Einwirkungen Gottes, sowohl für das
Aeussere als das Innere. Alsdann sind die äusseren Kreuze sehr gross und sehr fortwährend, und da
solche von dem verzehrenden Feuer der göttlichen Gerechtigkeit begleitet sind, so verzehren und
reinigen sie durch die Heftigkeit ihrer Glut den Rost und die Eigenheit der Kreatur. Dieser Stand ist
sehr zerstörend, und weit schmerzhafter zu ertragen, als kein anderer. Denn der Mensch kann mit
aller seiner Mühe niemals dahin gelangen, sich einen Schmerz zu erwecken, der demjenigen gleich
wäre, den Gott ihm zu erdulden auflegt, es sei nun äusserlich durch solche Kreuze, die eine mächtige
und geschickte Hand für uns bestimmt hat, oder innerlich durch die brennende Bewirkung in dem
Innern.

Denn was Gott selbst in den Seelen wirkt, ist etwas ganz anderes, als was man sich aus eigener Wahl
zu leiden macht. Dieser Stand des leidsamen oder passiven Fegfeuers ist dem Stand gleich, worin die
Seelen im andern Leben ihr Fegfeuer erdulden, und wo die Seele sogar mit dem Willen Gottes
vereinigt bleibt, dass es nicht in ihrem Vermögen steht, alles dasjenige, was in ihr vorgeht, nicht zu
wollen, wie zerstörend solches auch sein möchte. Solange die Seele in dem Willen Gottes
verschlungen bleibt, kann sie nicht ansehen weder das was in ihr vorgeht, noch was sie duldet. Sie
kann auch, wenn sie nicht eine sehr grosse Untreue begeht, in keine Ueberlegung eingehen. Also
duldet sie nur bloss und auf eine nackte Weise alles, was Gott in ihr wirkt, sowohl
durch die Strenge seiner Gerechtigkeit, als auch durch die Süssigkeit seiner Liebe, da diese Seelen
mitten in den schrecklichsten Peinlichkeiten sich in einem völligen Vergnügen befinden. Hievon
kann man nachschlagen, was die heilige Katharina von Genua davon geschrieben hat; denn nichts
drückt den reinigenden Stand, von welchem ich rede, besser aus.
Drittens gelangt die Seele aus dieser leidenden Kirche unmittelbar darauf in die triumphierende
Kirche, welche Gott selbst ist, wo alles für eine solche Seele triumphiert, die weiter keinen andern, als
den Triumph Gottes selbst hat. Alle Schmerzen und alle Tränen sind nun vorbei (Offb.21,4) in
Ansehung dieser Seele. Sie ist erhaben über die Anfälle der Kreaturen, der Hölle und der Sünde
selbst, welche diese Seele nicht mehr berühren können, solange sie in Gott besteht, da Gott die
Sünde nicht dulden, noch solche bei Ihm bestehen kann.
Doch hindert dieses nicht, dass die Seele dessen ungeachtet nicht sollte fallen können, gleichwie der
böse Engel, der aus dem Himmel herabfiel. Und dieses ist der Unterschied, der sich zwischen dem
seligen Anschauen Gottes im Himmel, und zwischen den in Gott überformten Seelen hier auf Erden
befindet, dass diese letzteren noch abfallen und sündigen können, ob solches gleich sehr selten ist.
Gleichwohl ist es genug, dass dieses sein kann, um zu zeigen, dass in diesem Leben kein Stand der
völligen Gewissheit ist.

14) Ich will mit ihm als ein Vater handeln, und er soll mir als ein Sohn sein. Und wenn er
ungerecht handelt, will ich ihn züchtigen mit der Rute,womit man die Menschen züchtigt,
und mit Plagen, womit man die Kinder der Menschen straft;

15) Aber meine Barmherzigkeit soll nicht von ihm weichen, wie ich sie von dem Saul
genommen habe, den ich von meinem Angesicht Verstossen habe.

Dieses ist, nach dem buchstäblichen Verstand, von Salomo zu verstehen. Gott verhiess hiedurch
dem David, dass wenn Salomo Gott beleidigen würde, so würde Er ihn züchtigen mit der Rute,
womit man die Menschen züchtigt. Dies war nötig, weil Gott zuliess, dass Salomo in schreckliche
Torheiten fiel, nachdem er vorher in der höchsten Weisheit gestanden. Denn Salomo hatte sich in
seiner Weisheit überhoben, und solche sich selbst zugeschrieben, anstatt diese Weisheit anzuschauen
als Gott angehörend und nicht ihm, und die ihm folglicherweise durch Gott augenblicklich wieder
genommen werden konnte, der einen Strahl seiner Weisheit in ihn eingeschlossen hatte.

Auch die Menschen selbst hatten sich durch diesen in Salomo betrachteten Strahl der Weisheit so
verblenden lassen, dass anstatt zur Quelle hinaufzusteigen, sie sich von Gott abgewendet hatten, um
seine Weisheit nur in der Kreatur anzusehen. Um demnach diese Ehre, die Gott geraubt worden war
(indem man sie einem Menschen zueignete), in der Gegenwart aller Menschen meinem Gott wieder
zu erstatten, war es nötig, dass Salomo der Verkehrtheit seines Herzens und seines eigenen Geistes
überlassen wurde. Dadurch wurde allen Menschen zu erkennen gegeben, dass ausser Gott keine
Weisheit ist. Der Allerweiseste unter den Menschen kann der Allernärrischste werden, wenn Gott
dasjenige wieder nimmt, was Ihm angehört, und der Kreatur nur das, was ihr eigen ist, übriglässt. Ja
ich darf wohl sagen (welches ich gleichwohl der Kirche unterwerfe, wie auch dem Gutbefinden
erleuchteter Personen), dass Gott durch die Narrheit des Salomos mehr ist verherrlicht worden, als
durch alle seine Weisheit, weil seine Weisheit Gott nur insofern verherrlichen konnte, als man
erkannte, dass diese Weisheit von Gott herkam. Seine Torheit aber zeigte klar und notwendig, dass er
keine Weisheit gehabt, die ihm eigen gewesen, sondern dass alle wahrhaftige Weisheit in Gott ist.

Aus diesem Vers kann man schliessen, dass Salomo nicht verdammt ist. Ich habe geglaubt, ich
könnte meine Gedanken hierüber bloss sagen, weil die Kirche ihre Meinung hierüber niemals erklärt
hat. Ich glaube, dass Salomo um Davids willen, der ein Vorbild Jesu Christi war, die Seligkeit erlangt
hat, gleichwie wir alle in Jesu Christo und durch Jesus Christus die Seligkeit erlangen. Und hierin liegt
das Geheimnis Gottes, damit das Heil und die Seligkeit nicht der Weisheit des Menschen, sondern
der Gnade Gottes zugeschrieben werde, nämlich der Gnade Gottes, die uns durch Jesus Christus ist
gegeben und verdient worden. Dieses ist die Lehre des Paulus, der ein ebenso getreuer Nachahmer
seines göttlichen Meisters, als David ein vollkommenes Vorbild von Ihm gewesen ist. Der folgende
Satz: Meine Barmherzigkeit soll sich nicht von ihm entziehen, so wie ich solche von dem Saul
weggenommen habe, den ich von meinem Angesicht Verstossen habe, bestimmt ganz ausdrücklich
die Seligkeit des Salomos. Ja es ist ein so starkes Argument, dem man fast nicht widersprechen kann.
Dieses lässt sich auch sehr wohl solchen inneren Seelen zueignen, die an Gott vollkommen
überlassen sind.
Sie sind die wahrhaftigen Kinder Gottes, und dieses auf eine zweifache Weise. Erstens durch die
väterliche Gütigkeit, die Gott für sie trägt, indem Er sie nicht in der Sklaverei hält, sondern ihnen die
Freiheit der Kinder gibt. Die andere Weise ist, dass da Jesus Christus in diesen Seelen jederzeit
lebend und wirkend ist (weil sie nicht mehr leben, sondern Jesus Christus in ihnen lebt), so ist Gott
der Vater dieses Sohnes, der die Seele belebt, beseelt und treibt. So kommt es, dass derjenige, der
kein anderes Leben hat, als das Leben Jesu Christi, findet, dass er der Sohn Gottes ist. Wenn dieser
Mensch wegen seiner Schwachheit eine Sünde begeht, so will ich ihn züchtigen, spricht Gott, mit der
Rute, womit man die Menschen züchtigt, und mit Plagen der Kinder der Menschen. Die Weise, wie
Gott seine Kinder, die Ihn beleidigt haben, züchtigt, ist die, dass Gott gewisse Fälle zulässt, wodurch
sie sehr gedemütigt werden, wie auch gewisses Elend, welches (da dasselbe die Seelen aufs äusserste
beschämt) sie zugleich von der Eigenheit losmacht, die sich das anmasst und zuschreibt, und daran
ein Wohlgefallen hat, was doch Gott allein gebührt. Und dies ist die Plage (oder Wunde) der Kinder
der Menschen, mit welcher Gott durch schändliche Fälle den Hochmut straft, und diese Seelen
dadurch von der Stütze losreisst, die sie in sich selbst hatten.

Dadurch nötigt Er sie, sich Gott umso viel mehr zu überlassen, je mehr sie durch die Erfahrung
ihres Elends sehen, wie äusserst nötig ihnen der Schutz und die Hilfe Gottes ist. Es geschieht wohl,
dass ein Kind aus den Armen seiner Mutter sich losreisst, allein gehen und sich selbst halten und
unterstützen will. Aber wenn die Mutter sieht, dass das Kind nicht geschwind genug fortgeht, und sie
durch solches selbst aufgehalten wird (da das Kind viel weiter fortkommen würde, wenn es sich von
ihr tragen liesse), was tut sie alsdann? Sie zieht ihre Hand ab von dem Kind, und lässt das Kind einige
Augenblicke allein gehen. Alsdann fällt das Kind in den Kot, es besudelt sich und verletzt sich ein
wenig. Hiedurch wird es beschämt und kehrt wieder zu der Mutter, um von ihr gesäubert zu werden.
Es umfasst seine Mutter, damit sie es trage, und hat keine Lust mehr, allein zu gehen. Es drückt sich
an ihre Brust. Und wenn die Mutter sich stellt, als ob sie es wieder auf die Erde setzen wolle, so
weint es, bekümmert sich darüber, und lässt sich also von der Mutter hintragen, wohin es ihr gefällt.
Eben also handelt auch Gott mit seinen Kindern.

Er nimmt, um ihrer Fälle willen, seine Barmherzigkeit nicht von ihnen, gleichwie auch diese Mutter
ihre Liebe ihrem Kind nicht entzieht, weil sie es nur darum fallen lässt, um es beugsamer und
furchtsamer zu machen. Man kann sagen, dieses sei ein grosses Uebermass der Barmherzigkeit
Gottes, und nicht eine Beraubung seiner Barmherzigkeit. Es ist dies eine Wirkung der Gnade, und
nicht eine Entziehung der Gnade, oder vielmehr, diese Entziehung der Gnade und der
wahrnehmbaren Unterstützung wird verursacht durch eine noch weit grössere Gnade.
Gott zeigt durch den Vergleich mit dem Saul, welch ein Unterschied zwischen den Schwachheiten
seiner Kinder und den Fällen der Sünder ist. Gott lässt und erhält seinen Kindern seine
Barmherzigkeit, die verstockten Sünder aber stösst Er weit von sich weg. Die ersteren, die da kleine
Kinder sind, fallen nur aus Schwachheit, die andern aber fallen aus Bosheit.
16) Dein Haus wird feststehend sein; du wirst sehen, dass dein Königreich ewiglich besteht;
und dein Thron wird sich für alle Zeit befestigen.

Es ist hier klar, dass Gott von der Kirche redet, da der Thron Davids nicht ewiglich bleibt, sofern es
nicht also zu verstehen ist, dass der Thron Davids, als ein Vorbild Jesu Christi, ewig bestehen wird.
Die Kirche wird feststehend bleiben, auch selbst in dem Himmel, insofern sie ausmacht die
Vereinigung der Heiligen, welche umso viel mehr zu der Kirche gehören, je mehr sie Gott
angehören. Der Thron Jesu Christi wird allezeit in dieser Vereinigung der Heiligen und der
Gerechten feststehend bleiben.

Dieses kann auch noch von dem Innern eines Christen erklärt werden. Dieses getreue Haus ist die
feststehende Wohnung Gottes in der Seele. Gleichwie aber die Treue der Seele für Gott, und die
Treue Gottes für die Seele den Kreaturen nicht allezeit bekannt ist, so spricht Gott, getreu vor mir, weil
es Gott allein bekannt ist, worin diese Treue besteht.

Um aber auch zu zeigen, dass diese Treue nicht nur ewig sei, sondern auch, dass sie je mehr und
mehr fest und ununterbrochen sein werde, spricht Gott, dein Thron wird sich für alle Zeit befestigen.
Nichts zeigt uns so sehr die Wahrheit der Kirche, als das, dass sie nicht nur ewiglich bestehen,
sondern auch überdies ohne unterbrochen zu werden bestehen soll. Diejenigen demnach, welche
sagen, dass die Kirche eine Zeitlang aufgehört habe, sind wahrlich im Irrtum. Dieser Spruch, welcher
auf den materiellen Thron Davids nicht kann gedeutet werden, muss sie davon überzeugen. Denn da
der materielle Thron Davids nun schon seit so vielen Jahrhunderten nicht mehr besteht, so kann
dieser Spruch nur auf den mystischen Thron Jesu Christi bezogen und verstanden werden.

Und dieser mystische Thron ist seine stets bleibende und ohne Unterbrechung dauerhafte Kirche,
welche in dem Himmel die ganze Ewigkeit hindurch in einer gänzlichen Vollkommenheit
feststehend bleiben wird, da die drei Kirchen in der triumphierenden Kirche sich vereinigt finden
werden, gleichwie die drei theologischen Tugenden sich in der reinen göttlichen Liebe vereinigt
finden; und zwar alles dieses in Gott. Und gleichwie Jesus Christus seinen natürlichen Leib in den
Himmel hat tragen wollen, und machte, dass derselbe ebenso wie auf Erden besteht (doch die
Herrlichkeit ausgenommen, womit Er überkleidet ist, und welche macht, dass Er nun nicht mehr
leiden kann), eben also wird Er seinen mystischen Leib, welcher seine Kirche ist, mit der einzigen
Eigenschaft der Herrlichkeit und des Triumphs erhalten und beibehalten. Denn nachdem das Leiden
und der Streit von ihr genommen worden, bleibt sie rein und eine in Gott allein, und mit ihrem
Oberhaupt, welches Jesus ist, vereinigte Kirche.

Dieses Oberhaupt und diese Glieder werden im Himmel nur einen mystischen Leib und eine Kirche
ausmachen. Eben dieses geschieht auch hier, wiewohl unvollkommen, in den in Gott überformten
Seelen. Der Glaube und die Hoffnung finden sich in der reinen, göttlichen Liebe gleichsam
zusammen vereinigt, und in solche übergegangen, und diese reine, göttliche Liebe hält die Seelen mit
Gott vereinigt, ohne dass sie auf eine deutliche Weise weder an den Glauben noch an die Hoffnung
gedenken, indem sie durch ihren Stand und auch wesentlich dieses alles haben in der allerhöchsten
Liebe, welche Gott ist. Auf gleiche Weise finden sich auch der Streit und das Leiden in dem Triumph
Gottes in der Seele zusammen vereinigt, da Gott die Seele durch die Verlierung ihres Willens in den
Willen Gottes zieht, über allen Streit, und über das wirksame Leiden erhaben. Ich unterwerfe dieses,
gleichwie auch alles übrige.
18) Da ging David hin, sich vor dem Herrn niederzusetzen, und sprach: Wer bin ich, o Herr
mein Gott, und was ist mein Haus, dass du mich bis dahin gebracht hast, wo ich mich heute
befinde?

Diese Worte zeigen zur Genüge, wie erstaunt David hierüber gewesen, da er zugleich sein äusserst
grosses Elend und seine Niedrigkeit ansah. Denn mit einem Wort: Die allervollkommensten
Kreaturen sind nur darum so vollkommen, weil sie am meisten entblösst worden, und am meisten
nichts sind; und weil Gott, ihre Niedrigkeit anzusehen, sie zu einem so gar göttlichen Stand erhebt.
David sah damals auch auf die wesentliche und selbständige Vereinigung des GottWorts, welches die
menschliche Natur hat annehmen wollen, damit nach einem so grossen Vorrecht, man ohne
Verwegenheit nach allen Gnaden streben kömte, welche Gott erzeigen würde, und welche Gnade,
wie erhaben sie auch wären,
gleichwohl geringer sind als diese, und die nur darin so höchst vorteilhaft sind, weil sie sich auf diese
Gnade beziehen. Denn Gott gibt uns durch die selbstbestehende, wesentliche Vereinigung des
GottWorts zu erkennen dass der Endzweck des Menschen die Vereinigung mit seinem Gott sei, dass
er danach streben, und sich dahin führen lassen sollte. Und gleichwie die wesentliche und
selbstbestehende Vereinigung in Jesu Christo mit der Natur des Menschen geschah (als mit einer
solchen, die vom Bestandwesen so gar entblösst war, als nie eine Kreatur jemals entblösst gewesen,
und als auch nimmermehr eine grössere Entblössung sein wird), eben also sei es notwendig, damit
Gott mit der Seele sich wesentlich vereinige, dass sie von aller Stütze und aller Unterstützung
gänzlich entblösst sei.

Dieses ist demjenigen sehr klar, dem das Licht des Glaubens ist gegeben worden. 0 warum wird
dieses Geheimnis nicht von der ganzen Welt begriffen? Diese Erkenntnis stürzte den David in die
Verwunderung, sowohl über seine Armut, Blösse und Niedrigkeit, als auch über den
unaussprechlichen und erhabenen Stand der Vereinigung, in welchen er war geführt worden; als auch
über die Niedrigkeit der menschlichen Natur, mit welcher sich das ewige Wort wesentlich und auf
eine selbstbestehende Weise hat vereinigen wollen; und welche selbstbestehende Vereinigung umso
viel reiner war, je mehr entblösst sie gewesen; sie war auch umso viel mehr entblösst, je reiner sie
gewesen. Eben dieses findet man auch in dem heiligen Sakrament des Altars, welches umso viel
grösser und erhabener ist, je mehr es alles Bestandeswesen verliert. Denn das Brot kann nicht in den
Leib Jesu Christi verwandelt werden, ohne nur durch die Verlierung aller Stützen und alles
Bestandeswesens, und es behält nichts als die blossen Accidentien oder Zufallheiten.

19) Aber alles dieses, Herr mein Gott, hätte dir wenig zu sein bedünkt, wenn du nicht auch
deinem Knecht versichert hättest, dass sein Haus in den künftigen Zeiten fest bestehen
sollte; denn dieses ist das Gesetz Adams, o Herr mein Gott!

Gleichwohl, spricht David, so viele Gnaden, die du mir und der menschlichen Natur erzeigt hast,
würden sehr etwas Weniges sein vor deinen Augen, die voll Gütigkeit und Barmherzigkeit sind, ja sie
würden vor dir als nichts geachtet sein, wenn du nicht davon geredet hättest, das Haus deines
Knechtes festzusetzen, dh. sein Inneres für alle Zeiten festzusetzen, indem du es befestigst in der
Reinigkeit deiner Liebe.

Der wahre Sinn dieses Spruchs ist von der Kirche, welche ewiglich bleiben soll, um der Thron und
das Haus Jesu Christi zu sein. Gleichwie das Haupt auf den Leib wie auf seinen Thron gesetzt ist,
eben also findet sich Jesus Christus über seine Kirche, gleichwie auf einen allezeit dauerhaften und
beständigen Thron gesetzt.
Dieses ist das Gesetz Adams, o Herr! 0 wie wunderbar sind diese Worte! Erstlich bedeutet es dieses, dass
Adam darum sei geschaffen worden, um seines höchsten Guts durch die wesentliche Vereinigung zu
geniessen, und hiezu sind alle Menschen in dem Adam berufen. Ferner ist es auch noch hierin das
Gesetz Adams, dass, um zu der innigen Vereinigung mit Gott zu gelangen, man des Standes der
Unschuld des Adams teilhaftig sein muss. Man kann auch noch sagen, das Gesetz Adams sei hierin,
dass der Leib Jesu Christi aus dem reinen, unschuldigen Blut Adams gezogen worden. Als Gott die
Eva aus der Rippe des unschuldigen Adams zog, so wurde auch die göttliche Maria damit
herausgezogen, und Gott schied von derselben Zeit an diesen reinen Teil von der übrigen Masse,
welche hernach verdorben wurde; und von diesem Blut der Maria ist Jesus Christus gebildet worden.
Und dies verhält sich so, dass die wesentliche, selbstbestehende Vereinigung des GottWorts, die
Vereinigung der Seelen mit Gott in der Vollendung der Einheit,
und die Vereinigung Jesu Christi mit seiner Kirche in dem Gesetz Adams sich eingeschlossen
befinden, nicht aber in der Sünde Adams, doch in der entsprechenden Proportion, die dazu gehört.
Das Gesetz Adams war ein Gesetz der Gerechtigkeit, der Heiligkeit und der Unschuld. Und Adam
sündigte nur darin, weil er sich diesem Gesetz entzog, da er seinem Schöpfer ungehorsam wurde.
Um demnach den Menschen in die Vollkommenheit wieder herzustellen, war notwendig, ihn in das
Gesetz des Adams und in dessen Unschuld wieder einzusetzen. Und eben diese Gnade, als David
solche sah, machte, dass er darüber erstaunte. Seine Verwunderung drückt er nur auf eine verwirrte
Weise aus, indem er versichert ist, dass diejenigen, welche Erfahrung von diesem Stand haben, auch
den weiten Umfang eben dieses Standes begreifen werden. Dieses ist das Gesetz Adams, o Herr!
Hiemit redet David Gott an, um zu Ihm zu sprechen: Du allein, o mein Gott, kennst dieses Gesetz,
wie auch diejenigen, denen es zu offenbaren dir gefällt. Allen übrigen Menschen aber ist dieses
Gesetz unbekannt.

20) Was wird demnach David beifügen können, um noch mehr zu reden? Denn du kennst
deinen Knecht, o Herr mein Gott!

Durch diese Worte bestätigt David dasjenige, was jetzt vorgetragen worden, weil er uns zu erkennen
geben will, dass das, was von dem Gesetz Adams gemeldet worden, alles übrige in sich vereinigt.
Darum würde es überflüssig sein, hier etwas beizufügen, da Gott die Wahrheit dieser Dinge erkennt,
welche David zu derselben Zeit in seinem Grund erfuhr.
David erfuhr diese Dinge auch auf eine geheimnisvolle Weise, weil er das Vorbild Jesu Christi und
seiner Kirche war.

21) Du hast alle diese grossen Wunder getan um deines Worts willen, und nach deinem
Herzen; und du hast sie auch sogar deinem Knecht zu erkennen gegeben.

Diese Worte zeigen an die völlige Anwendung der Dreieinigkeit. Es geschieht, spricht David, um
deines Worts willen, welches dein GottWort ist, um dasselbe äusserlich zu offenbaren, und es durch seine
Wirkungen zu erkennen zu geben; und nach deinem Herzen, welches eigentlich dein Heiliger Geist
ist. Er ist es, der so wunderbare Dinge in den Seelen hervorbringt. Denn das GottWort wird in ihnen
als ein Wort hervorgebracht, und der Heilige Geist tut alle diese Dinge durch seine innige und
geheime Bewirkung, indem er den Willen des Menschen nimmt, um solchen in sich zu verwandeln,
so dass dieser Mensch keinen Willen mehr haben kann, dh. er unterscheidet seinen Willen nicht
mehr, sondern lässt sich bewegen und treiben von dem Heiligen Geist.
Dieses ist eben auch sowohl für Jesus Christus, welchen Gott als das GottWort offenbaren wollte, als
auch für die Kirche, in welcher alles geschieht durch eben dasselbe GottWort und durch die
Bewegung des Heiligen Geistes; und hierin besteht es, dass sie nicht fehlen kann.
Aber so wunderbare Dinge, und so unaussprechlich grosse Geheimnisse sind deinem Knecht
entdeckt worden, fügt David bei, durch das Licht, welches du ihm sowohl von dem Messias und von
der Kirche, als auch durch die Erfahrung gegeben, da er diese Dinge in ihm selbst erfahren hat. Es
wird gesagt: Du hast sie zu erkennen gegeben, um eine vergangene Zeit anzuzeigen, welches anzeigt, dass
das Licht öfters vor der Erfahrung hergeht. Die Erfahrung ist aber gleichwohl etwas ganz anderes,
als die lichtvolle Erkenntnis.

22) Darum, o mein Herr und mein Gott, bist du verherr licht worden in allen den Dingen,
die wir mit unsern Ohren gehört haben. Denn es ist nichts, das dir gleich wäre, und ausser
dir ist kein Gott.

Um dieser Dinge willen und durch solche bist du verherrlicht worden, o mein Gott! Du hast die
Kreatur von dem, was dein ist, entblösst, und ihr solches abgenommen, um zu zeigen, was sie ohne
dich sein würde, und dass in ihr nichts Gutes ist ausser dir.

Du bist in deinem GottWort unendlich verherrlicht worden, welches durch seine Fleischwerdung dir
die allererhabenste Ehre geleistet, welche du hast empfangen können, indem es dieses Mittel fand,
sich unter dich zu erniedrigen. Ein solches aber hätte ohne dieses niemals geschehen können, wegen
seiner vollkommenen Gleichheit mit dir. Du bist auch durch deine Kirche sehr verherrlicht worden;
und du wirst auch ebenfalls verherrlicht durch diese Seele, die eins mit dir geworden ist. Diese
dreifache Vereinigung hat ihr Ziel in einer einzigen, nämlich in der Verherrlichung des GottWorts, in
welchem du dich selbst ganz und völlig ausgedrückt hast, und du hast uns zu erkennen gegeben, dass
nichts dir gleich ist. Du bist allein Gott in allen Dingen, wie wir gehört und erfahren haben. Denn alles
vereinigt sich wieder in dir allein, als in dem letzten Ziel und Ende aller Dinge, gleichwie du auch
derselben Urgrund bist. Und damit es geschehe, dass Gott von dem Menschen eine wahrhaftige
Ehre erlangen möge, so muss der Mensch durch eine völlige und gänzliche Scheidung von aller
Eigenheit in sein Ende und in seinen Urgrund wieder einkehren.

23) Denn wo wird man auf der ganzen Erde ein Volk fin den, wie dein Volk Israel, das du
losgekauft hast, um aus solchem dein Volk zu machen, in welchem du deinen Namen
berühmt gemacht hast durch die Wunder, die du um ihretwillen getan hast,und in dessen
Gegenwart du schreck liche Wunderdinge getan hast, um sie aus der Dienstbar keit
Aegyptens herauszuführen, und um die Erde, das Volk und ihren Gott zu strafen.

David zeigt, dass kein Volk sei, das den an Gott übergebenen Seelen gleich sei. Dieses innere Volk ist
es, dem kein anderes auf der Erde gleich ist. Gott ist gekommen es loszukaufen. Und wie? Also dass
Er in ihre Seelen auf eine innige Weise gekommen; und diese göttliche Gegenwart setzt sie in eine
heilige Freiheit, und zieht sie heraus aus der Sklaverei der Sünde, deren sie unterworfen waren, indem
Gott die Fessel der Eigenliebe und der bösen Lust zerbricht.

Warum aber hat Er sie aus dieser Gefangenschaft losgekauft? Um aus ihnen für Ihn selbst ein Volk
zu machen, das sonst keiner Führung folge, als nur der Führung seines Willens und seiner Vorsehung,
und das Ihm diene nach seinem Gutbefinden, und nicht nach ihrer Phantasie. Er will ihnen einen
liebreizenden Namen geben, nämlich den Namen, dass sie seine Kinder sind, und welche nur darum
seine Kinder sind, weil sie allen seinen Willen ohne Widerstreben und ohne Wanken noch
Bedenklichkeit tun und vollbringen.
Aus welcher Ursache aber gibt Er ihnen diesen Namen? Darum, dass Er in ihnen wunderbare und
schreckliche Dinge tut. Auf Grund des heiligen Textes der Schrift kann man auch sagen, Er tue
abscheuliche Dinge. Sie sind umso viel wunderbarer, je mehr sie Abscheu erwecken. 0 wüsste man
die erstaunliche Weise, wie Gott diese Seelen übt, und das was Er ihnen von Aussen leiden und von
Innen erfahren lässt, man würde darüber erschrecken. Sie sind in den Händen Gottes wie ein
weiches Wachs. Gott übt und exerziert sie, wie es Ihm wohlgefällt. Zu Zeiten macht Er sie
abscheulich in ihren eigenen Augen, und in den Augen der Personen, welche wissen, was in ihnen
vorgeht. Zu einer andern Zeit sind sie wunderbar, und scheinen ganz göttlich zu sein. 0 Gott, dieses
ist sowohl wunderbar als auch abscheulich! Abscheulich auf Erden, welche deine Wunder nicht weiss
noch erkennt, ja auch abscheulich in den Augen derer, welche diese Dinge erfahren; wunderbar aber
vor dir. Dieses Volk ist demnach abscheulich und wunderbar, dieses Volk, das du für dich selbst aus
der Gefangenschaft losgekauft hast.

24) Denn du hast dir dieses Volk bestätigt, dass es dir ewiglich angehören soll, und du bist
ihr Gott geworden, o Herr mein Gott!

Du bist nicht damit zufrieden gewesen, o mein Gott, deinem inneren Volk vorbeigehende Gnaden
zu erweisen, sondern du hast es gesetzt und bestätigt, um ewiglich dir anzugehören, ohne dass etwas
dieses Volk abhalten könnte, ewiglich dein Eigentum zu sein; jedoch mit dem Vorbehalt, dass dieses
Volk allem deinem Willen, sowohl dem abscheulichsten als dem allerwunderbarsten Willen
überlassen bleibe. Du bist wahrhaftig ihr Gott geworden, o meine Liebe ! Denn du bist niemals mehr
der Gott deiner Kreatur, als dann, wenn sie dir nicht mehr widersteht.

25) Also nun, o Herr Gott, erwecke für allezeit das Wort, das du über deinen Knecht und
über sein Haus ausgesprochen hast, und tue, wie du geredet hast.

Es scheint, David begehre hier, dass Gott den Messias sende, welches ist sein Wort erwecken, da sein
Wort sein GottWort ist. 0 dass dieses GottWort komme und wohne auf eine unveränderliche Weise
in seiner Kirche, wie auch in den inneren Seelen, welche die Wohnung Gottes sind!
Er fügt bei: Tue, o Herr, wie du geredet hast. Gott kann nichts anderes reden als sein GottWort. Er
muss eben dieses GottWort in uns hervorbringen; und also tut Er nach seinem Wort. Da die
göttliche Maria antwortete: Mir geschehe nach deinem Wort (Luk.1,38), wurde das GottWort in ihr
Fleisch. Dieses GottWort bringt sich auch alsbald in der Seele hervor, wenn es in der Seele tut nach
seinem Wort, gleichwohl mit eben demselben Unterschied, welchen ich allezeit zwischen der
Menschwerdung Christi und den Bewirkungen der göttlichen Personen in der Seele gemacht habe.
Sobald die Seele ist von Gott gerührt worden, um Gott auf eine ganz besondere Weise anzugehören,
und ganz und gar innerlich zu sein, so hat sie einen äusserst starken Zug zu der Vereinigung mit
ihrem Gott. Alsdann lässt Gott ihr ein geheimes Wort hören, nämlich dass Er sein GottWort in ihr
hervorbringen werde. Darum spricht sie mit David zu Gott: Ach, Herr! tue wie du geredet hast! Mir
geschehe nach deinem Wort!

26) Damit dein Name ewiglich verherrlicht werde, und man sagen möge: Der Herr der
Heerscharen ist der Gott Israels, und das Haus deines Knechtes Davids wird ewiglich fest
bestehen vor dem Herrn.

Ich begehre, o mein Gott, diese Dinge nur darum von dir, damit dein Name ewiglich verherrlicht
werde, und damit man sagen möge, dieser Herr der Heerscharen, dieser seinen Feinden so mächtige
und furchtbare Gott, dieser so schreckliche Gott für diejenigen, deren Wille nicht mit seinem Willen
vereinigt ist, sei ein Gott voll Süssigkeit und Güte für die inneren Seelen, die allein seinem göttlichen
Willen ohne Vorbehalt übergeben und überlassen sind. Alsdann geschieht es, dass das Haus Jesu
Christi (durch das Haus Davids vorgebildet) feststehend bleiben wird, da Jesus Christus in ihnen
hervorgebracht worden auf eine dauerhafte Weise, welche den Veränderungen und Abwechslungen
der Anfänger nicht mehr unterworfen ist.
Es dünkt mich, es sei notwendig hier zu erklären, dass wenn man von einem bestätigten,
festbleibenden und dauerhaften Stand redet, man keinen solchen Stand darunter verstehe, worin man
nicht mehr sündigen könne. Dieses gehört nicht für dieses Leben, ohne eine ganz ausserordentliche
Gnade. Jesus Christus war von Natur in einem Stand, worin Er nicht sündigen konnte; Maria war
darin durch eine zuvorkommende Gnade, und andere Heilige durch eine Gnade der Heiligung. Die
Apostel wurden in der Gnade bestätigt. Dieses könnte auch noch in einigen Seelen sein; allein keiner
soll von sich achten, dass er diese Gnade habe, welche denjenigen, die sie besitzen, ganz und gar
unbekannt ist. Darum, zu welchem Grad ein Heiliger auch erhaben ist, so weiss er dennoch nicht,
ober er würdig sei der Liebe oder des Hasses.
Was man demnach durch einen feststehenden und bestätigten Stand sagen will, ist eine innere
Befestigung in.dem Willen Gottes, welche durch eine lange Gewohnheit der Gleichförmigkeit und
der Verlierung des Willens in den Willen Gottes, wie auch durch einen tiefen Tod seiner selbst
verursacht wird, wodurch die Seele losgemacht wird von den immerwährenden Abwechslungen, die
sie in den Anfängen erfahren hatte, und welche machten, dass sie in ihrem eigenen Herzen stets
kommende Widerstrebungen gegen die allerbrünstigsten Verlangen vorfand. Sie hatte einen
innerlichen Krieg in sich, welcher bald gestillt wurde durch die Empfindung einer schmackhaften
Gnade, die die Seele in einen tiefen Frieden setzte, bald aber wieder aufweckte durch die natürlichen
Empfindungen, welche die Seele mit so viel grösserer Gewalt beunruhigten, je tiefer ihr Friede
vorher gewesen war. Nachdem nun aber die Seele gewöhnt worden, nicht mehr auf die
Empfindungen zu sehen, noch durch solche ihr Betragen und Tun einzurichten (und da sie auch
überzeugt ist, dass sie ihren eigenen Willen dem allerhöchsten Willen ihres Gottes unaufhörlich
aufopfern müsste), so macht sie sich hievon eine solche Gewohnheit, dass dieser so vielmal
zurückgetriebene eigene Wille sich nicht mehr blicken lassen darf. Durch die Entziehung aller
Bewegung und alles seines Wirkens findet der eigene Wille keine Nahrung mehr, und stirbt somit
glückseligerweise in dem Willen seines Gottes.

Dieses nennt man die Verlierung des Willens, welches mehr ein Gewinn als ein Verlust ist. Es ist wie
bei einem Fluss, der sich ins Meer verliert. Er bleibt allezeit und nimmt, indem er in einen
vollkommenen Stand übergeht, die Eigenschaften und Bewegungen des Meeres an sich. Alsdann ist
die Wohnung Gottes feststehend in der Seele, da Gott durch seinen Willen in der Seele bleibt, nach
den Worten des Johannes: Wenn jemand mich liebt, der wird meinen Willen tun. Wir werden zu ihm kommen
und unsere Wohnung in ihm machen (Joh.14,23). Gott kommt erstlich zu der Seele, hernach wohnt Er in
ihr durch den Glauben und die Liebe, nach der Lehre des Paulus (Eph.3,17), und nach der
Verheissung, welche Gott der Seele durch seinen Propheten gegeben hat (Hosea 2,1920), dass Er die
Seele im Glauben ehelichen, und sich ewiglich mit ihr vermählen wolle. Was nur allein Verlobungen
sind, solches kann wieder zerrissen werden. Aber der Ehestand kann nicht mehr zerrissen noch
aufgelöst werden, und dieses auch sogar nach dem Gesetz Jesu Christi.

27) O Herr der Heerscharen, du hast deinem Knecht offen bart, Gott Israels, dass du ihm
sein Haus festsetzen willst. Darum hat dein Knecht ein Herz gefunden, um durch die ses
Gebet zu dir zu beten.

David ist vortrefflich in seinen Ausdrücken. Nichts ist klarer als die Weise, wie Er sich hier
ausdrückt, um zu erkennen zu geben, dass er in dem, was bisher gesagt worden, von dem Innern
habe reden wollen. 0 Gott der Heerscharen, spricht er, der du selbst für die dir übergebenen Seelen
streitest, du hast mir dieses Geheimnis offenbart. Du hast es zu dem Ohr meines Herzens geredet,
dass du mir ein Haus festsetzen willst. Ich habe es wohl begriffen, dass dieses von meinem Innern zu
verstehen ist, wo du selbst mein Haus bist, und wo ich dein Haus sein werde. Darum, sobald du mir
dieses Geheimnis offenbart hast, bin ich in mich selbst wieder eingegangen. Ich bin wiedergekehrt in
mein Herz, welches der Ort ist, wo du wohnst. Da habe ich in eben diesem Herzen einen Ort
gefunden, um zu dir zu beten. Aber wie? Also, dass mein Herz zu gleicher Zeit das Gebet und der
Ort des Gebets war. Dieses Gebet fand sich schon ganz in meinem Herzen getan, ohne dass ich
etwas anderes nötig gehabt hätte.

28)Mein Herr und mein Gott, du bist Gott. Deine Worte sind wahrhaftig, und du bist es, der
deinem Knecht diese Verheissung getan hat.

29)So fange demnach an, und segne das Haus deines Knechts, damit es ewiglich vor dir
bestehe, weil du es bist, o Herr mein Gott, welcher geredet hat, und der du den Segen über
das Haus deines Knechts für allezeit ausgießen wirst.

David bittet Gott durch die Wahrheit seiner Worte, dass Er seine Kirche festsetze, welche, wie
gemeldet worden, dieses Haus ist, das ewiglich bleiben soll. Er begehrt, dass Gott anfange, die Seele
in den Stand der göttlichen Unbeweglichkeit für allezeit festzusetzen, und dieses innere Haus auf eine
solche Weise zu segnen dass es allezeit in der Gegenwart Gottes und in Gott sei. Und um zu
erkennen zu geben, dass diese Stände ebenso wahrhaftig als unfehlbar sind, so versichert David, dies
sei keine Sache, die von dem Menschen gekommen, an der man zweifeln könne, sondern dass sie
von Gott gekommen, und dass dieses Haus mit dem Segen Gottes selbst werde gesegnet werden.

8. Kapitel. 

1) Hernach schlug David die Philister; er demütigte sie, und indem er machte, dass der
Tribut, den man ihnen zahlen musste, aufhörte, zerbrach er das Joch der Knechtschaft
Israels.

Wenn ich von David als von einem Menschen oder als von einem Leidenden rede, so rede ich von
ihm selbst. Rede ich aber von dem David, indem er etwas tut oder ausrichtet, so will ich damit von
Jesu Christo reden. Dieses soll vorausgesetzt bleiben: Alles was in David geschehen ist, ist in ihm als ein
Vorbild Jesu Christo geschehen.

Nach diesem, nach allen diesen Verheissungen, welche Gott für David, oder vielmehr für Jesus
Christus getan hat, geschah es, dass David die Philister schlug. Die Philister, als Feinde Gottes,
stellen die Sünde dar. Denn in der Natur findet sich nichts, das Gott entgegen wäre, als bloss die
Sünde. David schlug solche und demütigte sie, indem er ihnen die Macht nahm, die sie über seine
Herde gehabt hatten. Die vornehmste und erste Sorge eines Hirten soll sein, dass er seine Schafe von
der Sklaverei der Sünde befreit. David befreite sie von dem Joch, das ihnen aufgelegt war. Dieses
Joch ist die Verdorbenheit, die wir in Adam an uns genommen haben, es ist dieser Grund der
Eigenheit, welcher (indem er uns der Sünde unterwirft) macht, dass wir ihr zinsbar werden, wie sehr
wir uns auch dagegen hüten wollten. Denn Adam hatte uns alle der Sünde verkauft, um solcher
unterworfen zu sein, gleichwie solches Paulus in Rom.7,142425 zeigt. Wir tragen alle diesen Leib des
Todes an uns, von welchem wir nicht können befreit werden, ohne nur durch Jesus Christus, wie es
eben dieser Apostel versichert. David aber bildete das, was ich sage, sehr wohl vor, als er die Feinde
Gottes demütigte, und sie seinem Volk zinsbar machte, so dass sie solche nicht mehr zu fürchten
hatten.

0 Jesu, o allerhöchster souveräner Hirt der Seelen, welche du durch das Lösegeld deines Blutes
erkauft hast! Ja du allerhöchster Hirte dieser Seelen, welche dir zugelassen, alle deine erworbenen
Rechte in ihnen wieder zu nehmen und zu gebrauchen. Daher können sie auch nicht mehr die
allerstärksten und furchtbarsten Feinde fürchten, obgleich diese Seelen gegen dieselben einen
unendlich grossen Hass tragen; denn sie sind der Wachsamkeit ihres Hirten versichert! Hiedurch
geschieht, dass weil sie nichts fürchten können, dieses kein eitles Vertrauen auf sich selbst ist,
sondern ihre Sorgfalt besteht darin, dass sie von dem Hirtenstab ihres Hirten nicht abweichen, und
dass sie unter dem Schatten seiner Flügel wandeln, und dieses setzt sie in Sicherheit. Die Eigenheit,
die Begierlichkeit und die böse Lust sind alsdann wie eine Natter, der man das Gift genommen hat.
Alles übrige ist nützlich und dient sogar zu einem Gegengift.
Nachdem Jesus Christus in diesen übergebenen Seelen alles Gift und alle Argheit der Sünde
hinweggenommen, so bleibt weiter nichts übrig, als gewisse äusserliche Schwachheiten, die gegen die
Eigenliebe und gegen den Hochmut zu einem Gegengift dienen. Alle Menschen sind durch Jesus
Christus losgekauft worden, aber nicht alle werden seines Bluts teilhaftig. Es sind nur diejenigen,
denen es durch die Taufe verabreicht worden ist. Es ist aber ein grosser Unterschied unter einem
Christen, dem das Blut Jesu Christi bloss verabreicht worden, und zwischen einer Seele, in der Jesus
Christus auf eine absolute Weise regiert, und in der Er sich aller Rechte bedient, die Er sich über die
Seele durch seine Loskaufung erworben hat. Von dieser Seite rede ich, und derselben hat Jesus
Christus ihre Feinde unterworfen. Denn es ist gewiss, dass nach dem Mass, als Er über uns regiert,
und soviel wir keinen andern Willen haben als den seinigen, dass nach diesem Mass Jesus Christus
auch unsere Feinde uns unterwirft.

0 ihr Menschen, wollt ihr eure Feinde nicht mehr fürchten? 0 so lasst nur Jesus Christus in euch
triumphieren, so wird Er selbst in euch sieghaft sein über eben dieselben Feinde, denen ihr ehedem
unterworfen waret. Er wird in euch triumphieren, ihr werdet in Ihm überwinden. Sein Triumph wird
der eurige sein, und euer Sieg wird der seinige sein.

2) Er mass sie nach der Schnur, . . er setzte zwei Schnüre, eine für den Tod, die andere für
das Leben. Und Moab wurde dem David unterworfen,und zahlte ihm Tribut.

Es sind zwei Schnüre, das Gewissen eines Menschen damit zu messen. Die eine Schnur um zu töten,
wenn der Wille der Kreatur gegen den Willen ihres Gottes rebellisch ist, und sie auf eine boshafte
Weise Gott beleidigt. Die andere Schnur ist für das Leben, wenn der Wille des Menschen dem Willen
Gottes unterworfen ist, das Böse hasst, und diesem Willen nur Schwachheiten und einiger Schein der
Sünde übrigbleibt, welche, indem sie ihm eine äusserst tiefe Demütigung verursachen, ihm das Leben
geben. Dieses muss abgemessen werden nach der göttlichen Gerechtigkeit, damit der Mensch sich
nicht irre, oder eines für das andere nehme, und seine Freiheit (Gal.5,13) ihm nicht zur Gelegenheit
des Falles gereiche. Darum steht es auch nicht den Menschen zu, andere Menschen zu richten,
sondern Gott, dessen göttliche Gerechtigkeit das Leben aus dem Tod, und den Tod aus dem Leben
zu ziehen weiss.

Die Moabiter wurden dem David zinsbar. Dies bedeutet, dass gleichwie die Sünde Jesu Christo
unterworfen gewesen, und Ihm Tribut gezahlt hat, so hatte Adam durch eine Umkehrung der
Ordnung uns unterworfen, der Sünde Tribut zu bezahlen. Jesus Christus aber setzt uns wieder ein in
unser anfängliches Recht, und macht, dass die Sünden uns zinsbar werden, und dadurch zu unserem
Vorteil dienen muss. Je mehr Siege der Mensch über seine verdorbenen Neigungen und über die
Argheit der Natur erhält, umso viel mehr hat er Verdienste vor Gott. Ja selbst die Fehler, die er
begeht, dienen ihm damit, indem sie ihn demütigen, und das Misstrauen seiner selbst, wie auch das
Vertrauen zu Gott vermehren. Also muss denen, die Gott lieben, alles zum Besten dienen
(Rom.8,28).

Dennoch ist es Jesus Christus, der alle diese Vorteile in der Seele wirkt. Das was in seinen Händen
eine Quelle des Lebens ist, ist in unsern Händen eine Gelegenheit des Todes. Und das, was in unsern
Händen ein Schwert des Todes ist, ist in seinen Händen eine Frucht des Lebens. Hatte Adam dieses
nicht zu seinem Verderben erfahren? Denn da die Frucht des Lebens von ihrem Stamm abgesondert,
und in den Händen Adams war, so verursachte solche ihm den Tod. Dieses muss uns antreiben, uns
mit Gott vereinigt zu halten, und mit einer völligen Unterwerfung unter seinen göttlichen Willen
seiner göttlichen Führung gar sehr übergeben zu bleiben. Solange wir mit Gott werden vereinigt sein,
solange werden wir Ihn auch nicht beleidigen, und werden Früchte tragen,
wie die mit ihrem Weinstock vereinigte Rebe. Sind wir aber davon abgesondert, so dienen wir zu
nichts anderem, als verbrannt zu werden.

6) Syrien wurde dem David auch unterworfen, und gab ihm Tribut; und der Herr erhielt ihn
in allen Kriegen, in die er zog.
Dieses ist nur eine Bestätigung dessen, was gesagt worden. David fuhr fort, seinem Volk eben
dieselben Feinde zu unterwerfen, denen zuvor zinsbar gewesen war. Eben also muss ein eifriger
Hirte es machen. Er muss nicht nur die Seelen aus dem Sündenleben herausreissen, durch das was
man insgemein die Bekehrung nennt, sondern er muss sie auch überdies geistlich machen, und ins
Innere führen, indem er sie lehrt, das Fleisch durch das innere Gebet dem Geist zu unterwerfen.
Wenn der Mensch in dem Sündenleben steht, so ist sein Geist gleichsam ein Sklave der verdorbenen
Empfindungen. Wenn er sich aber stark im inneren Gebet übt, und dadurch eine Gewohnheit zum
Guten erlangt, so gewinnt der Geist die Oberhand, und wird ein Herr über solche, deren Sklave er
vorher war.

11. Kapitel.
2) Unter diesen Dingen geschah es, dass David des Nachmittags von seinem Bett aufstand.
Und da er auf dem Dache seines Hauses umherging, sah er ein Weib, das sich auf dem
Dach ihres Hauses badete, und dieses Weib war sehr schön.

Alle Umstände, welche der Sünde des Davids vorhergehen, werden hier aus einem besonderen
Vorhaben der Gütigkeit Gottes angezeigt, um uns dasjenige bekannt zu machen, woher die Fälle
solcher Personen verursacht werden, die Gott am meisten angehören. Die Fälle solcher Knechte
Gottes, die zu einem so gar erhabenen Stand der Vollkommenheit, wie David, gelangt sind, müssen
uns antreiben, bis ans Ende uns selbst zu misstrauen, und uns niemals von Gott abzusondern. Lasst
uns aber alles wohl erwägen.

David steht auf von seinem Bett, dh. er geht aus von seiner Uebergabe in die Hände Gottes, welches
dasselbe ist, was die ganze Ruhe der Seele ausmacht. Er steht auf des Nachmittags, dh. in der Kraft
seiner Lichter, und in der Fülle eines sehr erhabenen Standes, ging er heraus aus der Vergessung
seiner selbst, und aus dem Stand der Verleugnung und des Todes, den ein solcher Weg erfordert. Er
geht lustwandeln, indem er Ueberlegungen macht über die Gaben Gottes, und über den erhabenen
Stand, in welchen Gott durch seine Gnade ihn gesetzt hatte, und dadurch ging er ein in ein eitles
Wohlgefallen über eben diesen Barmherzigkeiten, welche ihn doch in einer völligen und gänzlichen
Vernichtigung halten sollten.

In dieser Gemütsverfassung des eitlen Wohlgefallens wird er sich gegenüber ein Weib gewahr; und
dieses Weib war schön. Nachdem David der Kraft beraubt war, die man nur in der Uebergabe und in
der Vernichtigung findet, so sah er alles dasjenige vor sich, was ihn fallen zu machen am
geschicktesten zu sein scheint. Wie sollte er denn auf diese Weise nicht fallen? Was hast du gedacht,
o David, dass du also ausgegangen bist aus deiner Ruhe und aus deiner Verlierung in Gott, um ein
Wohlgefallen zu nehmen an dem Stand, in welchen Gott dich gesetzt hat? Wieviele Uebel werden dir
hieraus erwachsen] Gleichwohl sieht man am Ende nichts anderes, als ein schönes Weib; denn dieser
erhabene Stand, ausser Gott und durch Ueberlegungen angeschaut, ist die Schwachheit selbst, und
wird folglicherweise sehr wohl einem schönen Weib verglichen.

Nichts ist schöner als dieses Zurücksehen auf die empfangenen Gaben und Gnaden. Allein es ist
auch nichts gefährlicher als dieses. Wenn die Seele begreifen könnte, in welches Unglück ihre eigenen
Ueberlegungen sie stürzen, so würde sie solche mehr fliehen als den Tod.

4) Nachdem David seine Leute hingesandt hatte, liess er sie holen, und da sie zu ihm kam,
schlief er bei ihr; und sie heiligte sich alsbald von ihrer Unreinigkeit.

Die Ueberlegung an sich selbst würde kein so grosses Uebel sein, wenn sie nicht eine lasterhafte
Einwilligung nach sich ziehen würde, welche macht, dass die Seele Gott das was Ihm gebührt, raubt,
um dieses sich selbst zuzueignen, und sich dessen anzumassen. Dieses ist wohl recht das Weib eines
andern rauben, wenn man Jesu Christo das raubt, was Er sich durch sein Blut so teuer erworben hat.
Es wird gemeldet, dass David bei der Bathseba schlief. Dieses zeigt an, dass er ruhte in seinen
Ueberlegungen und dem Zurücksehen, und in einem eitlen Wohlgefallen über seinen Raub. Ja, dieses
tat er lange Zeit und mit gutem Willen. Solches vermehrt die Sünde, und ist die Quelle unzählig vieler
Uebel. Eine vorbeigehende Ueberlegung macht nur eine geringe Verwüstung. Eine Ueberlegung
aber, die freiwillig geschieht, über welcher man ein Wohlgefallen hat, und sich daran belustigt, eine
solche ist die Quelle unendlich vieler Sünden. Denn Gott straft öfters durch schändliche Fälle einen
geheimen Hochmut und eine übermässige Liebe zu unserer eigenen Vortrefflichkeit.

Gott liess zu, dass David auf diese Weise fiel, damit er ein ewiges Zeichen aller inneren Seelen wäre,
woraus sie sehen sollten, wie grosse Verwüstung die eigenen Ueberlegungen verursachen, und mit
welcher grossen Sorgfalt man solche und das eigene Anschauen seiner selbst vermeiden müsse.
Dieses ist es, was eine Seele aus diesem Paradies fallen machen kann, denn die Ruhe in Gott ist ein
wahrhaftiges Paradies. Dieses mit einem eitlen Wohlgefallen begleitete Anschauen seiner selbst
machte, dass der Engel von dem obersten Himmel in die unterste Hölle hinabfiel.
Die Schrift fügt bei, dass sich Bathseba gleich darauf wieder heiligte, sobald sie ihre Sünde begangen
hatte. Dies soll uns zu einer Unterweisung dienen, und uns treiben, alsbald zu Gott wiederzukehren,
sobald wir gefallen sind, und dass wir in der Uebeltat und Sünde ja nicht lange steckenbleiben sollen.
Derjenige, der gleich wie Adam, unter dem Deckmantel einer falschen Demut sich nach seinem Fall
von Gott entfernt, der wird unvermeidlich aus einer Sünde und Laster in viele andere fallen.
5) Da sie wieder in ihr Haus gekommen war, erkannte sie, dass sie empfangen hatte, und sie
liess es David ansagen.

Es ist zu merken, dass hier gesagt wird, Bathseba sei wieder in ihr Haus gekehrt, und habe erkannt,
dass sie empfangen habe. Diese Wiederkehr in ihr Haus zeigt an, dass sie nicht in ihrer Sünde
blieb, und dass sie in ihre frühere Gemütsverfassung wieder einging.

Allein, o David, welche Empfängnis ist dieses? Was ist empfangen worden durch dieses denn eitles
Wohlgefallen an den Gnaden Gottes, und an dem Stand, in welchen Gott dich erhoben hatte; wie
auch durch diese deine Lust, die du an der Schönheit dieses Weibes gehabt hast? Eine Frucht des
Todes ist empfangen worden, gleichwie du es hernach erfahren wirst.

Wenn die Treue Davids uns zu einer wunderbaren Unterweisung gedient, um uns die Durchgänge zu
zeigen, durch welche die getreuen Seelen durchgehen müssen, wie auch, um den glückseligen Stand
darzustellen, zu welchem die Seelen in diesem Leben gelangen können, so wird sein Fall uns nicht
weniger dienen, um uns zu zeigen, welche Zerstörungen die Ueberlegungen anrichten, wie auch
welch ein grosses Unglück darauf folgt, wenn man von Gott ausgeht, um wieder in sich selbst zu
fallen. Denn dieses ist die Quelle aller Uebel, und der Schaden würde unheilbar werden,
wenn die Seele lange Zeit in sich selbst bliebe, und eben dadurch sich von Gott stets mehr entfernte.
Gott lässt schändliche Fälle zu, damit die Seele an sich selbst einen Abscheu habe, in einem Stand,
der so weit von demjenigen verschieden ist, in welchem sie vorher war, und dass sie daher sich selbst
geschwind verlasse, und zu demjenigen wiederkehre, der allein sie heilen und von allen ihren Uebeln
befreien kann.

Gleichwie aber die Seele sich freiwillig von Gott abgezogen hat, so lässt Gott sie eine Zeitlang in
dem Schmerz und in dem bösen Geruch ihrer Verdorbenheit, um in ihr den Abscheu, welchen sie
gegen sich selbst gefasst, mehr und mehr zu vermehren, und sie in der Uebergabe zu befestigen,
indem sie ihre Schwachheit nun besser erkennt, und wie sehr nötig sie den Beistand Gottes hat.

8) David sprach zu dem Urija: Gehe in dein Haus.


9) Aber Urija blieb die Nacht am Tor des Königs bei den andern Bedienten, und er ging
nicht in sein Haus.

Urija ist ein wahrhaftiges Bild einer beschauenden Seele. Sie schläft vor dem Haus ihres Herrn, dh.
sie ruht im Frieden und der Sammlung. Sie steigt aber nicht hernieder in ihr eigenes Haus, um durch
ein eitles Wohlgefallen sich selbst zu sehen und anzuschauen. Die Liebe hält sie ausser sich selbst so
stark entzückt, dass sie nichts anderes tut, als zu schlafen in diesem Schlaf, von welchem in dem
Hohelied geredet wird (Kap.5,2). Sie bleibt an der Türe des Hauses und wartet, bis man ihr solches
auftut.

10) David sprach zu dem Urija: Bist du nicht von ferne ge kommen? Warum bist du denn
nicht hinabgegangen in dein Haus?

Aus dem was David zu dem Urija sagt, ist leicht zu sehen, bis wohin das Abweichen unseres Herzens
uns hinreisst. Man fällt aus einem Fehler in einen andern und noch grösseren Fehler. Man stürzt aus
einem Abgrund in den andern. David, der mit Gnaden so überhäuft war, ist nicht zufrieden, eine
Treulosigkeit zu begehen. Er will auch noch den Urija in seine Sünde und Uebeltat einflechten. Er
will, dass die Frucht des Todes dem Urija beigemessen werde. Aber dieses wird nicht geschehen.
Denn da die Süssigkeit der Beschauung der Seele kein Zurücksehen gestattet (wenigstens wenn die
Beschauung stark ist), so bewahrt dieselbe die Seele vor der Sünde. Die Seele ist zu derselben Zeit in
der Liebe zu ihrem Gott so sehr trunken, dass sie an nichts anderes als an seine Liebe denken kann.
Alle Freuden und Lustbarkeiten der weit würden ihr zur Qual und Marter gereichen. Allein, Urija, du
könntest bei deinem Weib unschuldige Ergötzungen haben. Nein, nein, spricht er, ich bin so verliebt
in die Schönheit meines Gottes, dass die Schönheit meines Weibes, die ich liebe, und die ich ehedem
so hoch hielt, mir nunmehr nichts ist.

11) Urija antwortete dem David: Die Lade Gottes, Israel und Juda wohnen unter Zelten, und
Joab, mein Herr, und die Knechte meines Herrn, schlafen auf der Erde; und ich sollte in
mein Haus gehen, um zu essen und zu trinken und bei meinem Weib zu schlafen? Dies
werde ich nicht
tun.

Dieses ist wohl recht die Sprache einer beschauenden Seele. Sie ist so gar hungrig nach der
Bussübung und Abtötung, dass sie auch nicht die erlaubten Dinge geniessen kann. Wie? spricht sie,
mein Gott ist am Kreuz, wo Er keine andere Decke hat als den Himmel, sein Bett ist ein Bett der
Schmerzen, alle Knechte meines Gottes sind im Leiden und in einem beschwerlichen Stand, und ich
sollte in mein Haus gehen, um darin unschuldige Ergötzungen zu geniessen?
Für mich ist weiter keine andere Ergötzung als die Ruhe, die ich bei dem Haus meines Gottes
schmecke. Allein, Urija, was tust du? Diese Treue wird dir das Leben kosten. Hieran ist nichts
gelegen, spricht er, weil ich den Tod wünsche. Dieser Tod wird mir die Wohnung meines Gottes
aufschliessen, an deren Tor ich wohne, und in welche ich, ohne zu sterben, nicht eingehen kann.

14)David sandte durch den Urija einen Brief an den Joab mit diesen Worten:
15)Stellet den Urija an die Spitze eurer Leute, wo der Streit am heftigsten ist, und gebet
Befehl, dass man ihn verlasse, damit er umkomme.

In dieser Schriftstelle sind zwei Dinge zu sehen. Das eine, was eine Seele zu tun fähig ist, wenn sie
sich von Gott abwendet. David, in der Zeit seiner Verfolgungen, hatte sich auch nicht der gerecht
scheinenden Mittel zu seinem Schutz bedienen wollen, und nun schämt er sich nicht, auch die
grössten Uebeltaten zu gebrauchen, seine Sünde zu verbergen. 0 mein Gott, wie stark sind wir, wenn
wir an dir ankleben bleiben! Allein wie schwach sind wir ebenfalls, sobald wir uns von dir entfernen!
Was würden nicht die grössten Heiligen zu begehen fähig sein, wenn du einen Augenblick
nachliessest, sie zu beschützen?

Das andere, so bei diesem Vers anzumerken ist, ist dieses, dass die Treue in dem beschauenden
Stand die Gemütsverfassung ist, welche dem inneren Tod am nächsten vorhergeht. Je getreuer eine
Seele in diesem Stand gewesen, umso viel eher wird sie in den Stand des Todes eingeführt.

Auf welche Weise aber wird dieser Tod gewirkt? Man muss den Urija an die Spitze des Streits, dh.
wo er am stärksten ist, stellen. Ach wie bitter und schwer ist dieser Streit auszuhalten ! Je heftiger er
ist, je geschwinder folgt der Tod darauf. In dieser Begebenheit ist der Vorteil hierin, wenn man die
heftigsten Anfälle hat. Alles was der Kreatur Verlierung zu sein scheint, ist ihr Gewinn. Allein, wie
heftig der Streit auch sein möchte, so stirbt Urija doch darin nicht, wenn man ihn darin nicht
verlässt. Diese Verlassung von Gott und von allen Stützen wirkt den Tod. Denn wenn die Seele
durch diese Verlassung sich tödlich verwundet sieht, so wird sie genötigt, glückseligerweise zu
sterben. Sobald Jesus Christus am Kreuz gesprochen hatte: Mein Gott, mein Gott, warum hast du
mich verlassen, so verschied Er.
23) Der Bote sprach zu David:
24) Dein Knecht Urija ist tot.

Wenn dieser Tod ein heilsames Glück ist für den Urija, so ist er auch dabei die Folge und der grösste
Gipfel der Sünden des Davids. 0 David! wie weit bringt dich ein eigenes Anschauen, und ein eitles
Wohlgefallen? Es hat dich einen Ehebruch und einen Totschlag gekostet. Diese zweifache Uebeltat
kommt daher, dass du schon einen Ehebruch gegen Gott begangen hattest, als du dich von Gott
abgezogen, um der Güter zu geniessen, die Gott angehören, und da du dir die Gaben Gottes
zueignetest, und ein eigenes Wohlgefallen darinnen nahmst. Daher spricht auch David an einem
andern Ort in dem Abscheu, den er über diese Dinge hatte, Gott werde die ehebrecherischen
Seelen verderben (Ps.72,27). Du hattest einen Totschlag begangen, da du diesen Sohn des Todes,
welcher nichts anderes als die Sünde ist, bei dir hast eingehen lassen.

26)Das Weib Urija, als sie vernommen, dass ihr Mann tot war, beweinte sie ihn.
27)Und nach den Trauertagen liess David sie in sein Haus holen. Sie gebar ihm einen Sohn.
Aber diese Tat, die David begangen, gefiel dem Herrn gar übel.

Niemals ist eine Uebeltat mehr durchgetrieben, und mehr zu ihrem äussersten Ziel geführt worden,
als diese. Bathseba beweint einige Augenblicke einen Ehemann, an dessen Tod sie doch Ursache
war. Hierin ist sie ein Vorbild der Empfindungen, oder des unteren Teils der Seele. Dieser sinnliche
oder untere Teil der Seele erregt den oberen Teil, und lockt aus solchem die sündliche Einwilligung,
die zur Vollbringung der Sünde erfordert wird. Diese betrüglichen, verführerischen Empfindungen
sind die ersten Beunruhigungen der Uebel, welche sie auch verursachen. Man vergiesst einige
Tränen, aber ach, wie von gar geringer Dauer sind die Tränen, die nur allein durch die Beunruhigung
ausgetrieben werden, und wie so gar leicht fällt man wieder in eben dieselbe Sünde, welche man
beweint hatte.

Man war nur auf eine vorbeigehende Weise, oder aus Ueberlegung in die Sünde gefallen, und doch
verharrt man hernach in dem Uebel und in der Sünde, gleichwie von der Bathseba gemeldet wird,
dass sie in das Haus des Davids aufgenommen wurde, und ihm einen Sohn gebar. Was für ein Sohn
ist das aber anders als ein Kind des Todes ! Eine vorbeigehende Sünde hat kaum den Namen einer
Sünde; eine durch Gewohnheit bestätigte Sünde aber ist wahrhaftig ein Kind des Todes, und sehr
schwer zu vertilgen, wenn nicht Gott durch eine unendlich grosse Güte solche selbst vertilgt.

12. Kapitel. 

1)Da sandte der Herr den Nathan zu dem David. Und Nathan kam zu ihm, und sprach zu
ihm: Es waren zwei Männer in einer Stadt, der eine reich und der andere arm.
2)Der Reiche hatte eine grosse Anzahl Schafe und Ochsen.
3) Der Arme aber hatte gar nichts als ein Schäflein, das er gekauft, er hatte es genährt, und
es war mit seinen Kindern aufgewachsen, indem es von seinem Brot ass, aus seinem Becher
trank, und in seinem Schoss schlief, und er liebte es als wie seine Tochter.

0 Gütigkeit meines Gottes! dass du einer verirrten Seele die Mittel gibst, wieder zu dir zu kehren!
Dieses Gleichnis ist uns nicht nur gegeben, um die wirkliche Sünde des Davids anzuzeigen, sondern
auch um die Ursache seiner Sünde und Uebeltat zu erkennen zu geben, und wodurch fast alle
Personen sich verschulden, welche Gott mit so vielem Guten überhäuft. Wir müssen aber alle
Umstände untersuchen.

Der reiche Mann ist derselbe , den Gott mit seinen himmlischen Reichtümern bereichert hat, welcher
Mann, nachdem er seine eigenen Reichtümer verloren hat, so wie David, reich wird von den
Reichtümern Gottes. Jesus Christus ist der Arme, der sich aus Liebe zu uns zu dem Allerärmsten
unter den Menschen gemacht, um uns mit seinem Reichtum zu bereichern.

Warum aber hat Er sich ferner arm gemacht? Um ein Schäflein zu kaufen. Dieses Schäflein ist unsere
Seele. Er hat sie um den Preis alles seines Blutes und des All seiner selbst gekauft. Er will uns auch
an allen Reichtümern der Gottheit Anteil geben, wenn wir Ihm nur diese Seele, die Ihn soviel kostet,
lassen, damit Er mit ihr nach seinem Willen ordne und handle. Er nährt sie mit seinem heiligen
Fleisch, und sie wächst in dieser Nahrung. Wo aber wächst sie? in dem Schoss Gottes selbst, der sie
in sich versenkt und verliert und wo sie endlich mit Jesu Christo verborgen bleibt (Kol.3,3), Sie
wächst bei seinen Kindern, welches die Engel sind, weil sie ihnen zugesellt worden, und von eben
demselben Brot isst, gleichwie geschrieben steht: Das Brot der Engel ist zum Brot der Menschen
gemacht worden. Sie trinkt aus seinem Becher, welcher der Strom der göttlichen Wollüste ist. Sie
schläft in dem Schoss Gottes, da sie ihre Ruhe in Gott allein findet. Seitdem die Seele nicht mehr in
den Kreaturen ruht, so wird Gott allein auf eine unaussprechliche Weise ihre Ruhe.
In diesem geheimnisvollen Schlaf geschieht es, dass der Bräutigam beschwört, seine Geliebte nicht
aufzuwecken (Hohelied 3,5); man soll sie von diesem verliebten Aufmerken auf Ihn allein nicht
abziehen, weil sie dadurch von allen andern Gegenständen abgezogen wird, und sie dadurch alle ihre
Kraft und Aufmerksamkeit in Ihn allein vereinigt. Er liebt sie wie seine Tochter, die in Jesu
Christo gezeugt ist, und der Er alle Vorrechte der angenommenen Kinder, wovon Paulus redet,
gegeben hat.

4) Da aber ein Fremder zu dem Reichen kam, wollte er von seinen Schafen und Ochsen
nicht nehmen, um solchem ein Gastmahl zuzubereiten, sondern er nahm das Schaf dieses
Armen, und gab es seinem Gast zu essen.

In diesem Gleichnis können wir die Eigenliebe unter dem Bild dieses Fremden sehen. Diese
Eigenliebe wurde von der Schlange ausgeboren; und ob sie gleich dem Menschen so gar natürlich zu
sein scheint, so ist sie ihm doch fremd, da sie ihn aus der lauteren Ordnung seiner Schöpfung zieht.
Ueberdies war sie auch dem David fremd, weil Gott ihn gleichsam aus ihm selbst verjagt hatte. Allein
was geschieht? Sobald die Eigenliebe sich blicken lässt, so schont man der Gaben, Gnaden und
Gunstbezeugungen, welche man, als so gar wertvoll, erhalten will, und überliefert die Seele selbst,
ihre allerreinste Gnade, dieses so geliebte Schaf, damit sie der Eigenliebe und der Begierlichkeit zur
Speise und Weide diene; da diese Eigenliebe sich indessen unter den äusseren Gaben, die ihr allezeit
zum Schlupfwinkel dienen, verborgen zu sein glaubt. Allein man verliert Gott unvermerkterweise,
weil man die Seele aus seinem Schoss und aus ihrer liebevollen zu Gott allein gerichteten Neigung
zieht, und macht dadurch, dass sie in eitles Wohlgefallen ihrer selbst fällt. Auf diese Weise nun
geschieht es, dass das Schaf erwürgt wird.

5) Da wurde David sehr zornig über diesen Mann und sprach zu dem Nathan: Ich schwöre
durch den Herrn, dass derjenige, der dieses getan hat, des Todes würdig ist.

Gegen dich selbst, o David, bist du zornig geworden. Du selbst bist es, der den Tod ausgeboren hat.
Wieviele Leute gibt es heutzutage, welche ihren Eifer gegen eine eingebildete Sünde, die in Wahrheit
doch nur in ihnen selbst ist, entzünden? Und welche in andern solche Sünde, deren sie selber
schuldig sind, verdammen?

7)Da sprach Nathan zu David: Du selbst bist der Mann. Siehe, so spricht der Herr, der Gott
Israels: Ich habe dich zum König über Israel gesalbt, und habe dich von der Hand des Sauls
befreit.
8)Ich habe dir das Haus deines Herrn gegeben, und seine Weiber in deinen Schoss. Ich
habe dir das Haus Israel und Juda gegeben. Scheinen nun diese Dinge dir noch zu gering zu
sein, so bin ich bereit, deren noch viel Grössere hinzuzufügen.

Nichts ist geschickter, ein grossmütiges Herz, nach seiner Sünde, mehr mit Schmerz zu
durchdringen, als die Einsicht der Barmherzigkeiten, die Gott gegen solches erwiesen. Gott lässt dem
David durch den Nathan nicht gleich drohen, sondern Er lässt ihm nur seine Wohltaten vor Augen
legen. 0 GottLiebeI wie so gar kräftig ist doch diese Erfindung, ein solches Herz zu quälen, welches
ungeachtet seiner Missetaten, in welche es durch seine Blindheit und Leidenschaft hingerissen
worden, dich dennoch liebt! 0 wie ist die Marter einer Liebe, welche ein mit Schmerzen über seine
Fehler durchdrungenes Herz begnadigt, weit empfindlicher, als alle Strafen der äussersten
Strengigkeit! Diejenigen, denen die Strengigkeit dieser Strafe unbekannt ist, die wissen auch nicht,
was es sei, recht zu lieben. Ach! Herr, wie wohl erfährt man, nachdem man gefallen, dass es eine sehr
strenge Strafe ist, wenn man dich ebenso wohltuend und gütig, wie vor der Beleidigung, findet! Die
Seele begehrt von dir, dass du sie strafen wollest durch alles, was in deiner Gerechtigkeit am
strengsten ist. Sie spricht: Lass deinen Blitz und Donnerstrahl auf mich zuschiessen, zerschmettere
mich mit Schmerzen und verschone mich nur mit diesem heftigsten unter allen Schmerzen! Zeige
mir nicht das Uebermass der Gütigkeiten eines Gottes, welchen ich beleidigt habe! 0 welch eine
Marter, ohne Marter zu bleiben! 0 welche Strafe, nicht gestraft zu werden! 0 wie ist derjenige, der die
Zärtlichkeiten der Liebe nicht kennt, so gar weit entfernt, das was in den Schmerzen am bittersten
ist, zu empfinden!
Gott begnügt sich damit nicht, dem David durch den Nathan die Wohltaten vor Augen zu legen,
womit Er ihn überhäuft hat; sondern Er verheisst ihm auch noch, ihm weit grössere Gnaden zu
erweisen. Erlaube mir, meine Liebe, dass ich dich hierin grausam nenne. Du treibst deine
Grausamkeit so weit, als sie immer gehen kann. Dieses ist das Herz des Davids mit der tiefesten
Wunde verletzen. Gott straft die sich selbst liebenden Sünder nach ihren Fällen. Er droht ihnen, um
zu machen, dass sie wieder zu Ihm kehren. Seine Liebhaber aber straft Er damit, dass Er sie nicht
straft. Neue Wohltaten sind seine strengsten Strafen. Wenig Leute werden dieses begreifen, fast
einem jeden ist die Grossmut der Liebe unbekannt. Ach! warum wird dieses wenigstens doch nicht
von den Christen begriffen?

9) Warum hast du denn das Wort des Herrn verachtet, um das Uebel vor meinen Augen zu
tun? Du hast Urija, den Hethiter, getötet. Du hast ihm sein Weib genommen, und sie für
dich behalten, und hast ihn mit dem Schwert der Kinder Ammon erwürgt.
10) Darum wird auch das Schwert nicht aus deinem Haus hinweggehen.

Obgleich dieses jenem, was ich vorher gemeldet, entgegen zu sein scheint, so ist es doch nicht also.
Nachdem Gott durch seine Wohltaten gestraft hat, so bedient Er sich eben derselben Waffen, die
man Ihn zu beleidigen gebraucht hat, um solche dem Menschen zu einer stetigen Strafe zu machen.
Der Mensch ist gegen sich selbst zerteilt. Jener Friede, den er so lange Zeit geschmeckt hat, wird ihm
entrissen. Er findet in sich einen innerlichen Krieg der Liebe gegen die Liebe, und der Sünde gegen
die Sünde selbst. Allein es ist nötig, dass wir die Umstände der Vorrückungen untersuchen, welche
Gott dem David durch den Propheten tun lässt.
Du hast, spricht Gott, mein Wort verachtet. Hiemit verachtet man das Wort Gottes, wenn man aus
dem Stand seiner Uebergabe ausgeht, um sich zur Sünde hinreissen zu lassen. Diese Sünde wird
begangen in der Gegenwart des Herrn. 0 Sünder! wenn du dich den Augen Gottes entziehen
könntest in der Zeit, da du sündigst, so würde deine Schuld geringer sein. Aber Gott vor seinen
Augen zu beleidigen, und deinen Bruder in dem Schoss deines Vaters selbst zu töten, dieses ist ganz
unbegreiflich.

Allein, o David, konntest du auch wohl eine grössere Sünde begehen, als einen Ehebruch und einen
Totschlag? Es ist erstaunlich, dass eine Seele, die ihrem Gott so lieb war, und die in der Unschuld
und in der steten Treue gegen Gott gelebt hatte, so gar tief gefallen ist. Es bleibt in der Kreatur
allezeit ein Grund der Sünde, welche macht (zu welchem Grad der Heiligkeit sie auch erhoben
worden), dass sie dennoch allezeit fallen kann. Die Fälle dieser so gar erhabenen Seelen werden
gewöhnlich durch ein eitles Wohlgefallen ihrer selbst verursacht. 0 wie sehr dienen diese Fälle, eine
Seele zu vernichtigen! Denn man sieht nicht leicht, dass solche Seelen lange Zeit in der Sünde
verharren.

0 mein Herr! du nimmst gewöhnlich Seelen, in denen die Sünde mächtig und übermässig gewesen,
um deine Barmherzigkeit in ihnen auch übermässig und gross zu machen. Denn als so grosse Sünder
sind sie durch das Anschauen ihrer begangenen Sünden so gar sehr gedemütigt, dass sie weit entfernt
sind von sich selbst hoch zu halten; und die vergangene Sünde dient ihnen zu einem Gegengift gegen
den zukünftigen Hochmut. Aber, o Gott! wenn du unschuldige Seelen nimmst, ach! darf ich es wohl
sagen? so lassest du früh oder spät zu, dass sie fallen, entweder wirklich und in der Tat, oder nur dem
Schein nach; damit die Abscheu, die sie vor der von ihnen begangenen Sünde haben, sie verhindere,
dass sie sich nicht durch den Hochmut verderben, noch durch das eigene Vertrauen auf sich selbst
zugrundegehen.

Eben solche Dinge widerfahren auch denjenigen Personen, welche Gott andere zu führen bestimmt,
um sie durch ihre Erfahrung liebtätiger zu machen, damit sie Mitleid haben mit den ihnen
anvertrauten Seelen. Petrus wurde zum Oberhaupt der Kirche eingesetzt, und er sollte die andern im
Glauben stärken und bestätigen, auch seinen Glauben mit seinem Blut versiegeln. Gleichwohl macht
er den Anfang damit, dass er seinen Meister verleugnet. In Bezug auf den Glauben begeht er den
grössten Fehler durch diese Verleugnung, nachdem er zum Hirten der Herde Jesu Christi ist
eingesetzt worden. David soll das Volk Gottes führen. Kaum ist er aber zum König eingesetzt und in
seinem Hirtenamt bestätigt worden, so fällt er in zwei ganz abscheuliche Laster und Uebeltaten. 0
meine Liebe! Durch ihre eigenen Schwachheiten lehrst du sie, mit den Schwachheiten anderer
Mitleid zu haben. Das ist so gewiss, wie die Schrift spricht: Was weiss der, der nicht versucht worden
ist? 0 mein Gott! Du machst es mit ihnen wie mit dem Blindgeborenen, du erleuchtest sie durch den
Kot.

Man kann, o David, nicht nur zu dir, sondern auch zu allen, welche gleichwie du fallen, sagen, dass
das Schwert niemals aus deinem Hause hinweggehen werde. Denn die begangene Sünde wird wie ein
scharfes Schwert sein, welches, indem es dich unaufhörlich verwundet , machen wird, dass du zu
Gott wiederkehrst, und in Ihn wieder eingehst.

11) Siehe, so spricht der Herr: Ich will dir Uebel erwekken, die in deinem Haus entstehen
sollen. Ich will deine Weiber vor deinen Augen nehmen, und sie deinem Nächsten geben,
und er soll bei ihnen vor den Augen der Sonne schlafen.
Durch diesen ganzen Vers ist leicht zu sehen, dass sich Gott zur Strafe eben derselben Mittel
bedient, die man gebraucht hat, um Gott zu beleidigen. David hat einen Ehebruch und Mord
begangen. Darum wird gesagt, das Schwert werde von seinem Hause nicht ablassen. Und dieses ist
die Strafe des Totschlags. Hier aber wird gesagt, dass Gott die Weiber Davids einem andern geben
werde. Denn ob Gott schon verschafft, dass die Seele eine Frucht der Demütigung aus ihren Sünden
zieht, so unterlässt Er doch nicht, solche zu strafen. Und indem Er den Schuldigen verschont,
unterlässt Er doch nicht, die Sünden zu bestrafen. Er würde nicht Gott sein, wenn seine
Gerechtigkeit in dieser Strafe nicht hervorleuchten würde. Diese Versicherung tröstet die an Gott
übergebenen Seelen nach ihrem Fall, und treibt sie an, dass sie sich der göttlichen Gerechtigkeit zum
Raub überlassen, um alle ihre Strengigkeiten an ihnen auszuüben. Gott nimmt dem David weder
seine Güter noch sein Königreich; vielmehr macht Er es alle Tage mächtiger, und straft ihn nur
durch eben dieselben Dinge, womit er gesündigt hat; damit er auf gleiche Weise gepeinigt werde,
sowohl durch die Gütigkeiten Gottes, als auch durch das stetswährende Andenken seiner Sünde.
Diese Strafe von Gott, wenn solche von einer andern Eigenschaft wäre, würde diesen Seelen zu
einem Labsal dienen. Diese Seelen sind so gar entfernt, zu fürchten gestraft zu werden, dass sie viel
lieber (mehr als die Hölle) alles dasjenige fliehen, was die Vollstreckung der göttlichen Gerechtigkeit
über sie verhindern könnte. Ja aus dem unversöhnlichen Hass, den sie gegen sich selbst tragen,
schlagen sie sich auf die Seite Gottes. Sie stellen sich Ihm dar, damit Er ohne Mitleid noch
Barmherzigkeit auf sie zuschlage. Sie sind weit entfernt, etwas dazwischen zu bringen, um damit zu
machen, dass die Streiche nicht nach aller Strengigkeit auf sie fallen. Ja könnten sie vielmehr etwas
dazufügen, so würden sie es nicht unterlassen. Allein sie sehen wohl, dass alles, was sie selbst tun
wollten, nur den mächtigen Arm der Gerechtigkeit aufhalten würde, weit gefehlt, dass sie ihn
dadurch gegen sich antreiben. Darum tun sie nichts anderes, als dieser Strengigkeit dargestellt zu
bleiben, um alle ihre Streiche zu empfangen und anzunehmen.
Demnach, sei gesagt, straft Gott diese Seele durch ihr eigenes Haus, dh. bei ihr, in ihr und in ihrem
Inwendigen selbst ist diese Strafe. All ihr Elend und ihre Verdorbenheit, das sich ihr unaufhörlich zu
empfinden gibt, verursacht ihr unglaublich grosse Schmerzen. Aus diesem durch die Sünde
verdorbenen Ort geht ein so abscheulicher Gestank heraus, dass solcher tausendmal den Tod
verursacht, gleichwohl kann man nicht sterben.

Die Weiber Davids, die ihm geraubt worden, stellen die unschuldigen Ergötzungen sehr wohl vor.
Anstatt der Liebkosungen Gottes erfährt man nur seine Strengigkeiten. Denn da man einen so gar
grossen Abscheu vor sich selbst hat, so würden selbst die Liebkosungen Gottes der Seele die
grössten Strengigkeiten sein. Die Verwirrung überwältigt die ganze Seele. Es ist hier kein Friede
mehr. Entweder scheint Gott zornig zu sein (und zwar auf eine so schreckliche Weise, die man allein
durch die Erfahrung begreifen kann), oder man erfährt eine Kaltsinnigkeit von Seiten Gottes, die
noch weit schmerzhafter zu ertragen ist, als alle Strengigkeiten. Was auch noch mehr ist, ist das, dass
andere die Güter besitzen, die wir durch unsere Schuld verloren haben, und zwar so, dass wir es
sehen und erkennen und nicht daran zweifeln können. Diese Strafe aber ist nicht beschwerlich zu
ertragen. Vielmehr bringt es uns ein grosses Vergnügen, dass Gott zu unserem Nachteil in andern
verherrlicht wird. Was aber der Seele am beschwerlichsten fällt, ist dieses, dass sie gar keine
Versicherung der Versöhnung mit Gott hat. Die gewöhnlichen Sünder finden Gottes ausgebreitete
Arme bereit, um sie wieder auf und anzunehmen, wenn sie wieder zu Gott kehren. Diese Seelen
hingegen erfahren nichts anderes, als ein entsetzliches Zurückstossen von Gott.

Was soll demnach eine solche Seele tun? Sie muss der göttlichen Gerechtigkeit überlassen bleiben,
wohl zufrieden, dass solche ihr alles hinwegnimmt, und ihr niemals etwas wieder gibt, noch ihr
jemals verzeiht. 0 wie sehr wird Gott durch eine solche Gemütsverfassung verherrlicht, und wie bald
wird die Seele durch solche in ihren früheren Stand wieder hergestellt, ja sogar mit grösserem Vorteil
als vorher, wenn sie nur getreu ist, sich durch das verzehrende Feuer der göttlichen Gerechtigkeit
verbrennen und auffressen zu lassen, und wenn sie sogar auch alle Hefen der Schmach und
Beschämung austrinkt, welche durch ihren Fall über sie kommt ! Aber wie so gar schwer ist dieser
Stand zu ertragen, und wie gar entsetzlich zerstört er die Natur! Man findet fast keine Seelen, die
nach ihrem Fall diesen Stand in aller seiner Grösse und Weite tragen, und sich Gott überlassen
wollen. Dieses aber macht, dass sie aus ihrem Stand ausgehen, ihren Weg verlassen, oder aber ihr
übriges Leben zubringen, ihr eigenes Gewirk zu treiben und aufzurichten, und solches wieder
niederzureissen, und dabei in rasenden Unruhen und Verwirrungen zu bleiben.

12) Denn diese Tat hast du im Verborgenen begangen. Ich aber will es tun im Angesicht des
ganzen Israels, und im Angesicht der Sonne.

Ach dieses ist der letzte Streich der Busse. Wenn Gott eine Seele nicht verschonen will, und sie zu
einer erhabenen Vollkommenheit bestimmt, so macht Er, dass sie nach ihrem Fehler die daraus
entstehende Schmach, Schande und Beschämung öffentlich tragen muss. Gott ist damit nicht
zufrieden, sie durch geheime und verborgene Fehler zu demütigen, sondern Er entdeckt ihre Sünden
vor den Augen aller Welt und macht ihre Schande offenbar, so dass man daran nicht zweifeln kann.
0 David! du bist Gott allzu lieb, als dass Er deiner in Ansehung einer so erstaunlichen Busse
verschonen sollte. Nein, nein, du wirst nicht verschont bleiben. Alles was in der Busse am
schrecklichsten ist, das ist eben das rechte für dich. O wie schwer ist diese Schmach, Schande und
Beschämung zu ertragenI Je erhabener eine solche Person in der Würde ist, und je weiter sich ihr
Ansehen und guter Ruf ausgebreitet und festgesetzt hat, umso viel schrecklicher ist dieser Stand zu
ertragen. Was ist grösser als ein König? Ist wohl etwas mehr bekannt, als der Ruf von der Tugend
des Davids? Und was ist mehr befestigt, als sein Ansehen und sein Ruf? Seit langen Zeiten hat er sich
durch Heldentaten berühmt gemacht, gleichwohl aber muss er eben denjenigen zum Aergernis
dienen, die er erbaut hatte. Seine eigene Herde, ja die ganze Welt bis an ihr Ende muss wissen, dass
David ein Totschläger und Ehebrecher gewesen. O ihr stolzen Geister, die ihr Götzenknechte eurer
eigenen Gerechtigkeit seid, was wollt ihr hiezu sagen? Jesus Christus, obschon unschuldig, hat für
einen Missetäter wollen gehalten sein, und zwischen zwei Räubern einen schmählichen Martertod
erdulden, um alle diejenigen zu trösten, die den Stand einer bekannten schmachvollen Schande
tragen würden. Auch hierin ist einige Gleichheit des Davids mit seinem Meister, doch mit diesem
Unterschied, dass Jesus Christus, welcher kraft seiner Natur nicht sündigen konnte, nur die Schmach
und Schande des Scheins der Sünde, nicht aber die Schmach und Schande der Sünde selbst tragen
konnte.

Es gibt zweierlei Seelen, welche diesen Stand tragen: Die ersten, ob sie schon sehr unschuldig sind,
werden für Uebeltäter gehalten, und müssen dulden, dass sie als solche allenthalben ausgeschrieen
werden, und diese tragen den Schein der Sünde. Die andern hingegen sind wahrhaftig gefallen, und
Gott lässt zu, dass ihr Fall offenbar und bekannt werde, und diese tragen die Beschämung der
wirklichen Sünden. O ihr armen Seelen! die ihr, gleichwie David, bestimmt seid, eine unsterbliche
Scham über eure Sünde zu tragen. Duldet eben also, wie David, ohne Widerstreben, ohne
Entschuldigung, und ohne alle Rechtfertigung, ja auch ohne Ueberlegen darüber, was euch Gott für
Scham, Schmach und Schande vorbehalten hat.

Das Martyrium der Beschämung ist das allerentsetzlichste unter allen Martern, besonders wenn die
Beschämung eine lange Zeit währt. Eben darum hat auch Gott den David nach seinem Fall damit
wollen begnadigen. Jesus Christus, obschon unschuldig, hat dieses Martyrium tragen wollen. Man
sagt nicht, dass man sündigen müsste, um dieses Martyrium zu tragen. 0 nein, da sei Gott vor!
Diejenigen aber, denen dieses Unglück widerfahren ist, die sollen aufs höchste getreu sein, die
Beschämung in aller Grösse und Weite zu tragen, wie es dem Herrn gefallen wird. Es ist schon etwas
Grosses, die Beschämung einer Uebeltat, die man nicht begangen hat, zu tragen; und ich bekenne,
wenn man also allenthalben in üblen Ruf kommt, dass dieses ein immerwährendes Martyrium ist.
Gleichwohl aber findet man an dem Zeugnis unseres eigenen Gewissens eine grosse Hilfe. Es ist
auch nicht eigentlich eine wahrhafte Beschämung, ob solches gleich ein erhabenes Opfer ist. Denn
die Seele erfährt ein vollkommenes Vergnügen in der Versicherung ihrer Unschuld. Sie ist versichert,
dass Gott nicht ist beleidigt worden, ja vielmehr im Gegenteil, dass Gott in ihr sehr verherrlicht wird.
Sie hat eine Stütze in ihrer Gerechtigkeit, und dies ist eine sehr grosse Stütze. Was aber eine solche
Seele betrifft, die sich wegen einer wahrhaftigen Sünde so übel ausgeschrieen sieht, und die sich
umso viel mehr sündhaft und strafbar findet, je mehr man sie als eine solche ansieht; bei einer
solchen Seele ist die Beschämung von aussen nur für einen Schatten zu rechnen, im Vergleich zu der
Beschämung, die sie in ihrem Innern tragen muss. Ja die Beschämung von aussen dient auch sogar,
dass die Beschämung in ihrem Innern auf den äussersten Staffel getrieben wird. 0 wie schwer ist
dieses in einem Geist des Todes und der Uebergabe zu tragen, ohne sich wieder zu nehmen, ohne zu
fürchten, ohne sich über seinen Untergang zu bekümmern, und ohne einige Anstrengungen
anzuwenden, um durch eine heldenmässige Entschliessung sich in den Augen Gottes und in den
Augen der Menschen in seinen früheren Stand wieder herzustellen! Glaube mir nur, o du arme,
trostlose Seele, schlage hier deine Hand nicht an, und tue nichts; lass dich nur zerstören in aller
Grösse und Weite der Ratschlüsse Gottes, ohne daran zu gedenken, ob dein Unstern sich jemals
verändern werde. Gott wird tun, was Ihm Wohlgefallen wird. Aber man muss dieses weder hoffen
noch es begehren, noch es erwarten. 0 wie rein und lauter ist dieses!

13) David sprach zu dem Nathan: Ich habe gegen den Herrn gesündigt. Da sprach Nathan:
Der Herr hat deine Sünde übertragen, du wirst nicht sterben.

Dieses Bekenntnis Davids ist die Busse, welche Gott von einem Herzen in diesem Stand fordert. Er
bekennt seinen Fehler, und durch dieses Bekenntnis setzt er sich in die Gemütsverfassung, alle
Strafen zu erdulden, welche Gott ihm würde zusenden wollen, und sogar auch zu tun alles, was
Nathan ihm befehlen würde. Nathan aber wusste wohl, dass die Busse aller Bussen sei, den Streichen
der göttlichen Gerechtigkeit dargestellt zu bleiben. Darum sprach er zu ihm, seine Sünde sei
übertragen oder aufgeschoben. Er will ihm nicht versichern, dass sie vergeben sei, denn dieses
würde für diesen bekümmerten Schuldigen, den Gott auf keinerlei Weise verschonen will, ein allzu
grosser Trost gewesen sein, wenn er ihn der Vergebung seiner Sünde versichert hätte. Man sagt ihm
nur, die Sünde sei übertragen oder aufgeschoben, und er werde nicht sterben. Dieses bedeutet,
dass er nicht mehr sündigen werde, weil der Tod die Sünde ist, und weil die allergrösste Strafe der
Sünde darin besteht, wenn man wieder in die Sünde fällt. Demnach spricht Gott durch seinen
Propheten zu ihm, dieses Unglück werde ihm nicht widerfahren.
Wieviele Sünder sieht man, die ungeachtet ihres Schmerzes die Rebellion ihrer alten Gewohnheiten
empfinden, und in die Sünde, die sie vorher aus Bosheit getan, einige Zeit hernach wieder aus
Schwachheit fallen? Mit dir, o David, wird es nicht also gehen. Deine Sünde ist übertragen zu einem
andern Strafgericht, welches allezeit sehr süss sein wird, obschon die Ungewissheit der Vergebung
einen äusserst grossen Schmerz verursacht.

14) Aber weil du Ursache gegeben, dass die Feinde des Herrn gegen ihn gelästert, so wird
der Sohn, der dir gebo ren worden, sterben.

Es ist etwas um die Beschämung einer verborgenen Uebeltat; aber weit entsetzlicher ist die offenbare
Schande und Schmach darüber zu tragen. Aber nichts ist mit der Scham zu vergleichen, wenn man
für seine Missetat das Strafgericht leidet, und so weit kann die Beschämung gehen. 0 welchen grossen
Vorteil haben diejenigen, denen dieses Glück widerfährt, und welche einen mit dem Ratschluss
Gottes Übereinstimmenden guten Gebrauch damit zu machen wissen! Es wäre für den David nicht
genug gewesen, dass seine Sünde offenbar geworden, wenn nicht auch dabei seine Strafe allenthalben
bekannt geworden wäre. Aber dass seine Strafe der ganzen Welt offenbar wird, dieses macht sein
Gericht äusserst schwer. Wenn nur die Schmach und Schande bekannt ist, so sind einige Personen so
liebtätig, dass sie die Sachen im Zweifel lassen; vornehmlich bei Personen, die in hoher Würde
stehen. Wenn aber das Strafgericht bekannt gemacht wird, so kann man daran nicht zweifeln, will
man nicht die Gerechtigkeit einer Ungerechtigkeit anklagen. Hiemit wird das Martyrium der
Beschämung dem Martyrium des Schmerzes beigefügt. Jesus Christus hat in der Schmach und
Schande des Strafgerichts sterben wollen. Durch eine so entsetzliche Beschämung, und wenn man
solche wohl und heilsam anwendet oder gebraucht, geschieht es, dass dieser Sohn des Todes,
welcher die Sünde ist, wahrhaftig stirbt.

15) Nathan kehrte wieder in sein Haus, und der Herr schlug das kleine Kind, welches das
Weib des Urijadem David geboren hatte, und es war da keine Hoffnung mehr.

Nachdem Nathan so viele traurige Dinge verkündigt hatte, ging er wieder fort, denn David durfte
weder Versicherung noch Trost haben. 0 wie schwer und schmerzhaft scheint dieses Betragen,
gleichwohl aber ist es voll Barmherzigkeit! Denn hiedurch wird die Seele in ihren früheren Stand
wieder hergestellt, ja dieses noch mit Vorteil. Nein, solche Seelen müssen weder Stützen noch Trost
haben, besonders wenn ihr Geist ausserordentlich stark und grossmütig ist, und wenn man sieht,
dass Gott eine strenge Führung mit ihnen hält. Wäre aber dieses nicht, so müsste man sie trösten,
weil die Eigenliebe in ganz erstaunliche Verzweiflungen hineinstürzt. Was aber solche Seelen sind, in
denen die Eigenliebe schon sehr zerstört worden ist, diese tragen die allerentsetzlichste Pein mit
einem stillen, ruhigen Schmerz, ohne einige Rücksicht auf sich selbst, noch auf den Schaden, der
ihnen daraus entsteht. Sie müssen nur auf das einzige Interesse Gottes allein sehen, und (gleichwie
oben gemeldet worden) der göttlichen Gerechtigkeit dargestellt bleiben, ohne einige Absicht auf ihr
eigenes Interesse.
Das Kind, spricht die Schrift, wurde geschlagen, sobald Nathan nicht mehr da war; denn Gott wollte,
dass David allen Trostes in seiner Pein beraubt sein sollte, und das Kind war ausser aller Hoffnung.
Man glaubt oftmals, Gott werde nur drohen und also sich befriedigen lassen, ohne die Dinge zu
einer offenbaren wirklichen Schmach und Beschämung zu treiben, allein man betrügt sich. Es sind
gewöhnliche Seelen, denen Gott droht, und bei diesen begnügt Er sich daran, wenn sie die Strafe
annehmen. Allein, es gibt auch auserkorene Seelen, gleichwie David, bei welchen auf die Drohungen
die Strafen allezeit folgen. 0 Herr, schone nicht ein Herz, das ganz dein eigen ist. Wenn du deine
Knechte ohne Mitleid schlägst, so tötest du allezeit den Sohn des Todes, der nichts anderes ist als die
Sünde, und besonders der Hochmut, die Quelle aller Sünden und die Ursache allen Elends, durch
welches man gehen muss.

16) David bat den Herrn für das Kindlein. Er fastete und schlief auf der Erde.

Dies ist ein lebhaftes Bild einer Seele, welche, nachdem sie eine ziemlich lange Zeit in der Unschuld
gelebt, sich an eben dieser Unschuld mit einem eitlen Wohlgefallen belustigt hat, da sie nicht
genugsam begreift, dass dieses eine Frucht der Gnade, keineswegs aber eine Frucht ihrer Sorgfalt ist.
Gott lässt zu, dass sie in eine Sünde fällt, welche ihr keinen Zweifel übriglässt, dass sie nun diese
Unschuld verloren habe. Sie weint und bekümmert sich darüber, ohne einigen Trost anzunehmen.
Betrachtet man aber die Ursache ihres Schmerzes genau, so wird man sehen, dass sie gern ihre
Unschuld wieder haben möchte, und sich bekümmert, weil sie dieselbe verloren hat. Es ist ihr
eigenes Interesse, das sie beweint. Sie schmeichelt sich, dass sie durch ihre Sorge und Anstrengung
sich wieder herstellen werde, wie sie vorher gewesen. Ja sie geht so weit, dass sie glaubt, sie sei nicht
so gar schuldig, und ihre Wunde sei nicht tödlich. Allein, wie sehr betrügt sie sich! Und wie wird ihr
das, was folgt, solches wohl zeigen! Nein, nein, o Seele, die du mit allzu guter Meinung von dir selbst
so gar angefüllt bist. Deine Unschuld hat einen tödlichen Streich empfangen. Es ist dies ein Urteil
der göttlichen Gerechtigkeit. Gott hatte dich durch seine Gütigkeit in der Unschuld erhalten. Du
aber hast gesündigt. Darum musst du alle Folgen der Sünde tragen, nämlich die Beschämungen, die
Verwirrungen, und dass du ganz daran verzweifelst, dass diese Unschuld jemals wieder werde
hergestellt werden. Die Unschuld kann nicht
wieder hergestellt werden, obgleich Gott eine weit überfliessendere Gnade geben kann, nachdem
man die Unschuld verloren hat.

19) Da David sah, dass seine Bedienten heimlich unter einander redeten, erkannte er, dass
das Kind gestorben; und da er sie darum fragte, antworteten sie ihm, dass es tot sei.
20) Alsbald stand er auf von der Erde, er badete sich und salbte sich mit wohlriechendem
Oel, und nachdem er andere Kleider angezogen, ging er in das Haus des Herrn, um zu
beten und anzubeten.

Als David den Tod seines Kindes vernahm, kam er dadurch in die völlige Versicherung seines
Verlusts, und so, dass ihm kein Zweifel deswegen übrigblieb. Zu gleicher Zeit begab er sich auch in
eine völlige Entblössung von allem eigenen Interesse. Durch das Licht, das ihm zu derselben Zeit
gegeben wurde (wie auch, weil sein Geist sich ganz und gar zu diesem Opfer hingab), unterwarf er
sich diesem seinem Verlust oder Verlierung, indem er sich zu allen Strengigkeiten der Gerechtigkeit
Gottes übergab. In diesem Geist des Opfers nahm er die Verlierung seiner Unschuld auf sich, ohne
Hoffnung, solche wieder zu erlangen (ja auch ohne Verlangen, dass dieses geschehen möchte), da er
seine eigene Demütigung und die Verherrlichung, welche Gott dadurch erlangte, allem übrigen
vorzog. Dieses Opfer bewirkte, dass David von der Erde aufstand, welches bedeutet, dass eben
besagtes Opfer verschafft, dass die Seele aus sich selbst ausgeht. Das wohlriechende Oel, das David
gebrauchte, zeigt an, dass die Salbung der Gnade, welche David durch seine Sünde verloren hatte,
ihm damals wieder gegeben wurde. Das Bad bedeutet, dass die Seele alsdann gewaschen worden in
dem Blut des Lammes, und in den Wassern der Busse.

Ob ich aber gleich dieses auf eine Weise erklärt habe, die ganz wirksam zu sein scheint, so muss man
doch anmerken, dass alles dieses in David auf eine leidsame Weise geschah. Es war dabei nichts
Wirksames, als der Geist der Aufopferung seit dem Tod des Kindes. Dieser Geist der Aufopferung,
welchen David hatte, machte, dass er alles auf eine wirkende Weise wollte und annahm, ob es gleich
auf eine passive oder leidsame Weise vollzogen wurde.

Es wird ferner gemeldet, dass er andere Kleider anzog. Dieses zeigt die äusserliche Erneuerung an.
Gott setzte ihn durch seine Gütigkeit wieder in den Stand der Gnade, woraus er durch seine
freiwillige Sünde gefallen war, da er von der Uebergabe abwich. Nach diesen äusserlichen und
innerlichen Reinigungen, ging er wieder ein in das Haus des Herrn, was ist dieses Haus anderes, als
nur Gott allein, von wo er durch seine Missetat ausgegangen war? Also geht er wieder hinein, um zu
beten. Denn da David seit langer Zeit nur ein sehr reines Gebet hatte (weil Gott selbst sein Gebet
war), so musste er wieder in Gott eingehen, um zu beten, wie er vor seinem Fall gebetet hatte.

Die Busse des Davids war vollkommen in allen ihren(auch den allerstrengsten) Umständen. Darum
darf man sich nicht wundern, dass er so bald in seinen früheren Stand der Gnade wieder hergestellt
wurde, und dies, wenn ich es sagen darf, mit Vorteil, weil er durch all sein Elend und Beschämung
einen viel tieferen Grad der Vernichtigung erlangt hatte. Denn er war dazumal weit geschickter, Gott
anzubeten, weil seine tiefe Demütigung die allerhöchste Obermacht Gottes erkannte und verehrte. 0
heiliger Büsser! du konntest damals dasjenige wohl singen, was die Kirche hernach gesungen hat: 0
felix culpa, quae nobis tantum meruisti liberatoremi

21) Da sprachen seine Bedienten: Was ist dieses für ein Betragen? Als das Kind noch lebte,
fastetest du und weintest. Und nachdem es gestorben, bist du aufgestanden und hast
gegessen.
22) David antwortete ihnen: Ich habe für das Kind gefastet und geweint, solange es lebte,
weil ich sprach: Wer weiss, ob der Herr es mir nicht schenken und ihm das Leben erhalten
wird?
23) Nun es aber tot ist, warum soll ich fasten? Kann ich es auch wieder lebendig machen?

Diese Stellen zeigen sehr wohl an, dass nur allein die absolute Verzweiflung, dh. die Verlierung aller
und jeder Hoffnung, eine völlige und gänzliche Ueberlassung und Gelassenheit bewirken kann.
Solange noch ein Blick der Hoffnung übrig bleibt, so glaubt man allezeit, dass man noch etwas
erlangen werde. Man bittet und bekümmert sich, bis dass gar kein Mittel einiger Hoffnung mehr
übrigbleibt. Darum ist es ganz wahrhaftig, wenn man sagt, dass der Tod nicht vollkommen ist,
solange noch das mindeste Leben übrigbleibt. Drückt uns dieses Hiob nicht mit folgenden Worten
aus: Ich habe alle Hoffnung verloren und werde nicht mehr leben (Hiob 19,10). Das Kind des Davids ist, wie
gemeldet, ein schönes Vorbild des Standes, den David bis zu seinem Sündenfall getragen hat. Denn
solange David das Leben seines Kindes erhoffte, so hat er sich nicht zu seiner völligen Verlierung
übergeben. 0 gewiss, seine Uebergabe ist seiner Verlierung nur nachgefolgt, und ist ihr keineswegs
vorgelaufen.
Gleichwohl ist es nur das gänzliche und völlige Opfer, welches die Seele in den Stand, in welchem sie
vorher war, wieder herstellt; und dieses ist sehr wahrhaftig. Seine eigene Erfahrung machte, dass er
erleuchtet wurde, um die Wahrheit dieses Standes und das Opfer einzusehen, welches er tun sollte.
Dieses nötigte ihn auch zu sagen, indem er von dem Kind redet: Kann ich wohl machen, dass es
wiederkomme? Es ist sehr gewiss, dass diese einmal verlorene Unschuld niemals wieder gefunden
werden kann. Ob auch Gott eine weit vortrefflichere Gnade als die frühere geben kann, und ob es
auch gleich sehr wahrhaftig ist, dass sich büssende Heilige in dem Himmel befinden, die in
Herrlichkeit weit mehr erhaben sind als andere Heilige, die in der Unschuld gelebt haben, so kann
man es gleichwohl nicht mehr abwenden oder anders machen, dass die Unschuld verloren gegangen
und so auch die ursprüngliche Gnade. Die Seele muss wieder in ihr letztes Ende kehren, welches ihr
erster Ursprung ist, um solche wieder zu finden. Dieses ist die Ursache, dass David, indem er vom
Kind redet, spricht:

23) Vielmehr werde ich zu ihm gehen, als dass es wieder zu mir kommen sollte.

Obgleich dieses nach dem Buchstaben von dem natürlichen Tod zu verstehen, und David hiedurch
sagen wollte, er sei gewiss versichert, dass er sterben werde, das Kind aber werde nicht wieder
lebendig werden, so kann dieses doch auf die Unschuld, in mystischer Weise, gezogen und erklärt
werden. Wenn diese Unschuld einmal verloren worden, so wird sie nicht wieder lebendig. Sie kehrt
wieder in den Urgrund, von wo sie ausgegangen ist. Sie geht aus ihrer ursprünglichen Quelle nicht
mehr heraus, um wieder zu uns zu kehren. Wir müssen dahin gehen, und sie da suchen, so sie ist,
nämlich durch eine glückselige Verlierung in Gott, indem wir wieder eingehen in den Ort, von wo
wir ausgegangen waren, nämlich in Gott, wenn Er uns die Gnade erzeigen will, uns in seinen Schoss
wieder auf und einzunehmen. Hier ist anzumerken, dass bei allen jenen Verlierungen, die David hatte
erdulden müssen, er dennoch seine Unschuld allezeit erhalten hatte. Nachdem er sie aber in sich und
durch seine Schuld verloren hatte, so kann er sie nicht wieder finden, ohne nur in dem Urgrund, aus
welchem sie ausgegangen war. Auch Adam konnte diese Unschuld nicht wieder finden, als da er in
sein ursprüngliches Wesen wieder eingekehrt war. Allda fand er die Unschuld wieder, und zwar auf
eine weit vorteilhaftere Weise, weil sie in Gott nimmermehr verloren werden kann.

24) Hernach tröstete David sein Weib Bathseba, er wohnte ihr bei, und sie bekam einen
Sohn, welchen sie Salomo nannte. Der Herr liebte dieses Kind.

0 Gott! nur dir allein steht es zu, zu verschaffen, dass eben diese, welche kurz vorher eine Frucht des
Todes geboren hatte, nun das Leben ausgebären sollte! Wir verwandeln wegen der in uns steckenden
Verdorbenheit alles in Gift. In der Hand Gottes aber ist dieses Gift eine Gegengift. Diese
Vereinigung, welche ausserhalb deines Willens sündlich und lasterhaft war, und nur den Tod und die
Sünde ausgebären konnte, eben diese Vereinigung bringt das Leben und die Frucht des Friedens
hervor, von dem Augenblick an, als sie in deiner göttlichen Ordnung war. Ja ich wiederhole es: Die
gleiche Sache, welche ausserhalb Gott nur die Sünde und den Tod ausgebiert, bringt in Gott das Leben und die
Unsterblichkeit hervor. 0 David ! Ist dein Fehler nicht ebenso glückselig gewesen, als der Fehler des
Adams, weil er eben ein solches Heil ausgebiert? Denn nicht allein Salomo, der friedfertige König,
entspriesst aus dem Bett der Bathseba, sondern (und was noch mehr ist) auch Jesus Christus selbst,
der Gott des Friedens, welcher auf die Erde kommt, um den Menschen, die einen guten Willen
haben, den Frieden zu bringen! Es wird gemeldet, dass der Herr dieses Kind liebte. 0 ja, mein Gott,
du musstest dieses Kind, diesen friedfertigen König, wohl lieben, da das Blut deines Sohnes in ihm
eingeschlossen war. 0 wenn man ausdrücken könnte, welch grosser Vorteil dem David daraus
erwuchs, dass er die Schmerzen und die Demütigung seiner Sünden in der ganzen Grösse der
Ratschlüsse Gottes getragen hatte!
Wie aber David, fürchtest du nicht mehr, in Erblickung der Bathseba zu sündigen? Nein, denn diese,
die mir eine Gelegenheit zur Sünde war, war mir nur darum eine solche, weil sie einem andern an-
gehörte. Und da ich sie auch ausserhalb der Ordnung Gottes, und nicht in einer damit
übereinstimmenden Gemütsverfassung besass, so sündigte ich. Nunmehr aber, da ich sie in dem
Willen Gottes und in dessen Ordnung besitze, so ist sie mir keine Gelegenheit mehr zum Fall. 0
Gott, alsdann lassest du deine Macht herrlich hervorscheinen, wenn du aus dem Baum des Lebens
einen Baum des Todes machst, und wenn aus dem Baum des Todes der Baum des Lebens auf dem
Kalvarienberg hervorwächst! Machst du nicht aus deinem Baum des Todes eine Quelle des Lebens
für alle Menschen, gleichwie Adam ehedessen den Baum des Lebens zu einer Ursache ihres Todes
gemacht hatte?

25) Und Gott sandte den Propheten Nathan, der gab dem Kind den Namen Jedidjah (dem
Herrn liebenswürdig), weil der Herr das Kind liebte.

0 welch ein Vorteil, der alles andere übertrifft, wenn man von Gott geliebt wird! 0 Frucht einer
Vereinigung, die wieder unschuldig geworden, und die eben umso viel glückseliger ist, als die erste
Frucht unglückselig war! Wahrlich, o Herr! Alles was mit deinem göttlichen Willen übereinstimmt,
gefällt dir notwendigerweise, gleichwie du notwendigerweise hassest, das was deinem Willen zuwider
ist. 0 selig sind diejenigen, welche durch eine immerwährende Verleugnung ihrem eigenen Willen
absterben, und nur allein den Willen Gottes tun! Gott, welcher alles liebt, was von Ihm kommt, ist
der Urgrund alles dessen, was wir tun, wenn solches mit seinem heiligen Willen übereinstimmt. Nun
ist aber von den Werken, deren Urgrund Gott ist, die Verdorbenheit weggebannt. Denn ob wir
gleich schwache Werkzeuge sind, so unterlässt Gott nicht, dieser Werke unfehlbarer Urgrund zu sein,
und in allem demjenigen, was Gott ohne uns, obschon durch uns tut und wirkt, kann kein Fehler
noch Mangel sein; und zwar eben also, gleichwie auch kein Fehler noch Mangel in demjenigen sein
kann, was Gott in und auf das Nichts wirkt und schafft.
27) Joab sandte Boten zu dem David, und liess ihm sagen:
28) Versammle alles übrige Volk, und komme zur Belagerung der Stadt, und erobere solche,
damit, wenn ich solche zerstöre, man die Ehre des Sieges nicht mir zuschreiben möge.

Ich finde diese Tat des Joabs so voll Gerechtigkeit, dass ich solche vorzutragen, nicht habe
unterlassen können. Sie ist ein allzu lebhaftes Beispiel der Gerechtigkeit, um solches mit
Stillschweigen zu übergehen. Diese Gerechtigkeit aber besteht darin, dass man sich selbst nichts
zuschreiben noch zueignen soll. Sie unterweist uns, auf welche Weise man sich der Waffen Jesu
Christi selbst bedienen soll, wenn es den Sieg betrifft, damit dieser Sieg Ihm allein ganz und gar
zugeeignet werde, wir aber den Vorteil nicht haben können, zu sprechen, dass wir einen Sieg
erhalten, und damit man nur allein Jesu Christo allen unsern glücklichen Fortgang zueignen könne.
Dieses ist die selbstlose Liebe, welche die Ehre und Verherrlichung ihres Herrn und Meisters, und
nicht die ihrige sucht.

30) David nahm die Krone, die auf dem Haupt des Königs der Ammoniter war, welche ein
Talent wog. Sie war mit köstlichen Edelsteinen besetzt, und sie wurde dem David auf das
Haupt gesetzt.

Alle Personen, die einiges Recht, das Gott nur allein gebührt, sich anmassen, die massen sich seine
Autorität an, und gebrauchen solche unrechtmässigerweise. Darum muss man, soviel es in unserem
Vermögen steht, solche ihnen wieder nehmen, um sie Jesu Christo wieder zu geben. Jesus Christus
tut dieses öfters selbst, wenn Er den Seelen ihren unrechtmässigen Raub wieder abnimmt, und seine
Ehre sich selbst wieder erstattet, indem Er diese Seelen demütigt. Durch welches Mittel solches auch
geschieht, so ist es doch allezeit ein Heil und Glück für die Seele, welche also entblösst, und ihrer
unrechtmässigen Anmassung wieder beraubt wird, ob sie dies gleich für einen Verlust hält. Was
David hier tat, da er die Krone dieses Königs auf sein Haupt setzte, solches sollen wir in allen Siegen,
die wir erhalten, also tun, dass wir unser Oberhaupt damit bekrönen; dh. wir sollen dem Urheber
aller unserer Werke die Ehre und Verherrlichung geben und wieder erstatten.

13. Kapitel. 

1) Und als Tamar dem Ammon das Essen gebracht hatte, nahm er solches.
14)Und da er sie überwältigte, notzüchtigte er sie.
15)Bald aber darauf warf er einen grossen Hass auf sie, so dass der Hass gegen sie noch
grösser war als die Liebe, die er vorher zu ihr trug.

Obgleich Gott, wie gemeldet worden, die Seele in ihren früheren Stand der Gnade wieder herstellt,
so unterlässt Er doch nicht, sie nach aller Strengigkeit seiner Gerechtigkeit zu strafen. Ist dieses nicht
in dem Hause David eine abscheuliche Uebeltat, die gegen seine eigene Tochter begangen wird, um
den Ehebruch des Vaters zu bestrafen? Allein, dieses wird sich damit noch nicht endigen, weil Gott
eine zwiefache Wiedervergeltung auflegt für das gegen Ihn begangene Unrecht; zwar nicht von seiner
Seite, denn Gott erzeigt allezeit Gnade, sondern von seiten der Kreatur. Die Sünde, in Ansehung der
Kreatur, ist umschränkt und umgrenzt. Darum scheint es, dass die Rache, die Gott darüber ergehen
lässt, allemal die in der Sünde genommene Freude sehr weit übertrifft. In Ansehung Gottes aber ist
die Sünde unendlich gross, weil sie gegen eine unendlich grosse Gütigkeit begangen wird. Darum,
obgleich die Strafe in Ansehung der Kreatur äusserst gross ist, so ist sie dennoch voll unendlicher
Barmherzigkeit.
Dass der Hass des Ammons gegen die Tamar seine zu ihr vorher gehegte Liebe so sehr überstieg,
bedeutet zwei Dinge: Das erste, dass die Pein, die auf die Freude oder Ergötzung folgt, eben diese
Ergötzung unendlich weit übertrifft. Das zweite, dass nach einer wahrhaften Bekehrung, der Hass,
den wir gegen die Dinge haben sollen, die uns eine Gelegenheit zum Fall gewesen, die Liebe weit
übertreffen soll» die wir für eben diese Dinge gehabt hatten.

28) Absalom hatte seinen Knechten geboten, schlaget ihn und tötet ihn, und fürchtet euch
nicht.

Hier wird auch noch ein Totschlag in dem Hause Davids begangen, da einer von seinen Söhnen
seinen ältesten Sohn ermordete, und zwar denjenigen, welchen David am meisten liebte. Und dieses
geschah, um den an Urija begangenen Mord zu rächen. Es ist eine erstaunliche Sache, dass Gott die
begangenen Sünden durch solche Sünden straft, die man erdulden muss, und die von eben derselben
Art sind, als die begangenen Sünden waren. Eine Person, die Ungerechtigkeiten begangen, und sich
bekehrt, wird hernach durch Ungerechtigkeiten, die man wider sie ausübt, überhäuft, und also mit
allem übrigen; jedoch mit diesem Unterschied, dass zur Strafe für die begangenen Sünden, die
Sünden, die man erdulden muss, in weit grösserer Anzahl vermehrt werden.

30) Da die Söhne des Königs noch auf dem Weg waren, kam das Geschrei zu David:
Absalom habe alle Kinder des Königs getötet, so dass auch kein einziger übrig geblieben sei.

Die Streiche, womit Gott seine allerliebsten Diener schlägt, sind erstaunlich. Er will, dass ihnen
nichts verborgen bleibe von allem, was wider sie getan oder gesprochen wird; ja dieses auch mit
äusserst verdriesslichen Umständen, die ein falscher Ruf solchen beilegt. Denn Gott will, dass diese
seine liebsten Diener mit Pein und Schmerzen äusserst gedrückt werden. 0 mein Gott! könnte man
dich nicht einer Grausamkeit gegen David beschuldigen? Du machst, dass er die Schmach und
Schande samt der Pein des Strafgerichts erdulden muss. Du hängst ihn an den Galgen; und doch
nimmst du ihm nicht das Leben. Denn du begnügst dich nicht mit einem Tod, sondern begehrst
tausend Tode. Und wenn du eine Seele zum Tode verurteilst, so verlängerst du ihr das Leben, um zu
verschaffen, dass sie tausend und abertausend Tode erfahren muss. Wahrlich, du bist der Gott der
Rache!

37) David beweinte seinen Sohn alle Tage.

David beweint nicht allein den Tod des Amnions täglich, sondern auch noch und viel mehr jenen
Sohn der Ungerechtigkeit, nämlich seine Sünde, welche sich ihm täglich mehr vor Augen stellt, durch
die Strafe, welche Gott über ihn ergehen liess. Alle äusseren Schmerzen und alle Strafen würden
gering sein, wenn eben diese Strafen und Schmerzen nicht auch zugleich das Andenken der Sünde
wieder erweckten. Man sieht, dass man aus eigener Schuld die süssen Gütigkeiten des Herrn
verloren, und seinen Grimm gegen sich erregt hat. Ja, was noch das schmerzhafteste dabei ist,
besteht darin, dass man Ursache ist an so vielen Uebeltaten, die begangen werden. Eine Seele in
diesem Stand erduldet einen unbegreiflich grossen Schmerz, besonders wenn sie nichts hat, das ihr
versichert, dass Gott ihr vergeben habe. Allenthalben sieht sie nur das Bild ihrer Sünde und Missetat
ausgedrückt in allen Strafgerichten, die Gott ihr zusendet, ohne dass etwas ihr Versicherung gebe,
dass Gottes Ungnade dadurch versöhnt sei. Die Seele glaubt niemals etwas getan zu haben, das seine
Vergebung erlangen könnte, und ob sie auch gleich die Vergebung zu erlangen nicht verlangt, und
übergeben bleibt, solche nicht zu erlangen, so unterlässt das Andenken an ihre Sünde und Missetat
doch nicht, ihr allemal ein Grauen und Abscheu zu erwecken, so oft solches durch einige äusserliche
Vorfälle der Vorsehung sich wieder erneuert. Gott aber lässt es geschehen, dass dieses ihr öfters
widerfährt, um dieses Andenken bei ihr wieder zu erneuern.

Wer dieses nicht selbst erfahren, wird sich schwerlich vorstellen können, was dieses für Anfälle und
Bestürzungen sind. Es sind Pfeile des Todes, welche die Seele plötzlich anfallen, und sie aus ihrem
Todesschlaf wieder aufwecken. Der Schlaf dieser Seele nach ihrem Fall ist keineswegs ein völlig
süsser und salbungsvoller Friede, wie er es vorher war. Dennoch aber ist er ein Friede, der
dauerhafter und tiefer ist, wiewohl doch ein Friede des Todes. Ein Toter ist im Frieden, weil er des
Lebens beraubt worden ist. Ein lebendiger Mensch aber ist im Frieden, weil er die Früchte des
Friedens geniesst. Die Bestürzungen, von welchen ich hier rede, sind eben also, als ob Gott in der
Asche eines Toten wühlte, um dessen Gestank und Schmerzen wieder zu erneuern. Dieses kann
ohne die Erfahrung nicht begriffen werden. Es ist ein zweifaches Fegfeuer, welches, indem es das
Gold von dem Unflat reinigt, den es im Umgang mit den Kreaturen und durch die neue Sünde an
sich genommen hat, diesem Gold auch zugleich seinen ersten Glanz wieder gibt, und es zugleich zu
einem so hohen Grad verfeinert und erhöht, dass keine Kreatur weder seine Schönheit noch seinen
hohen Wert erkennen kann.

38) Absalom blieb drei Jahre zu Gesur, wohin er geflohen war.


39) Und der König David hörte auf, ihn zu verfolgen, weil er sich über den Tod des Ammon
getröstet hatte.

In dem Betragen des Absalom nach seiner Uebeltat kann man leicht den Unterschied sehen, der
zwischen seiner Gemütsbeschaffenheit, und der Gemütsbeschaffenheit des Davids war. David bleibt
nach seinem Fall allen Strengigkeiten der Gerechtigkeit Gottes dargestellt, ohne das mindeste davon
vermeiden zu wollen. Absalom hingegen flieht und vermeidet die Strafen. Die Furcht vor der Strafe
ist grösser als der Schmerz über die von ihm begangene Missetat. David fiel gleich aus Uebereilung in
die Sünde, Absalom aber ging zwei Jahre damit schwanger, und übte diese Uebeltat aus mit einem
wohlüberlegten freien Willen, und mit der äussersten Bosheit. Solange der Zorn des Königs währt,
flieht er, um von solchem keine Strafe erdulden zu müssen. Er will lieber das Anschauen seines
Vaters entbehren, als ihn um Verzeihung bitten, und sich einer geringen Strafe zu unterwerfen, die
ihm David auflegen würde.
14. Kapitel. 

1)Als Joab, der Sohn der Zeruja erkannte, dass das Herz des Königs sich zum Absalom
wandte,
2)Liess er von Tekoa eine kluge Frau kommen, und sprach zu ihr: Stelle dich bekümmert
und nimm ein Trauerkleid,
3)komme also vor den König, und rede dies und das mit ihm. Und Joab legte ihr in den
Mund alle Worte, die sie sagen sollte.

Gott wendet sich zuerst zu den Sündern, um sie anzutreiben, dass sie sich bekehren. Ohne dieses
Zukehren Gottes würde der Mensch sich niemals bekehren. Gott aber unterlässt niemals sich also zu
dem Menschen zu kehren, denn seine Gütigkeit ist so gross, dass Er von seiner Seite niemals
unterlässt, dem Menschen alle zu seiner Bekehrung dienlichen Mittel zu geben. Er ruft den
Menschen zu sich, Er sendet ihm unaufhörlich gute Eingebungen und ein Licht der Wahrheit, das
ihm seine Verirrung vor Augen stellt. Einige gebrauchen diese zuvorkommende Barmherzigkeit zu
ihrem Heil; die meisten aber wenden sich davon ab, um dieses göttliche Licht nicht zu sehen.

Sie verstopfen ihre Ohren, damit sie die süssen und lieblichen Einladungen dieser göttlichen Stimme
nicht hören. Es ist also die Schuld nicht auf seiten Gottes, dass die Bekehrung des Menschen
fehlschlägt, sondern das Herz des ansehen hat die Schuld, welches, da es frei ist, die Gnade von sich
stossen kann. Ich weiss wohl, dass Gott aus einer absoluten Autorität dieses rebellische Herz zu sich
reissen kann. Allein Gott tut dieses nicht, sowohl weil Er in diesem sündhaften ansehen eine Freiheit
respektiert und solche nicht zwingen will (welche Freiheit er dem Menschen verliehen, der sie aber
missbraucht), als auch, weil Gott hiezu nicht verpflichtet ist, sogar auch nicht einmal um dem
Verlangen ein Genüge zu leisten, das Gott hat, dass alle Menschen die Seligkeit erlangen sollen
(Luk.14,1623). Gott ladet einige ein zum Hochzeitsmahl, die Eingeladenen aber entschuldigen sich;
und die, welche nicht eingeladen waren, werden von Gott genötigt, hineinzugehen. Alles dieses aber
geschieht so, wie es Gott wohlgefällt.

Joab, indem er das tekoitische Weib nötigte, bei dem König für Absalom zu sprechen, tut dasjenige,
was die gutgesinnten Christen tun sollen. Man muss Gott bitten für die Sünder. Es gibt einige,
welche für gewisse Sünder so beten, dass sie unfehlbar erhört werden. Aber ach! öfters würde der
Zorn Gottes diesem Sünder nützlicher sein als dessen Versöhnung, gleichwie man dieses in der
Folge dieser Geschichte sehen wird. 0 meine Liebe, wieviele Christen gibt es, welche sich der Mittel
der Versöhnung nur dazu bedienen, dass sie sich tiefer verschulden, indem sie deine Gnade
missbrauchen! Dies gibt uns auch noch zu erkennen, dass die Gebete, welche aus eigener Bewegung
des Menschen kommen, ob sie gleich voll guten Eifers sind, und oftmals erhört zu sein scheinen,
gleichwohl nicht allezeit dazu dienen, Gott zu verherrlichen, welchem man alle Dinge überlassen
muss. Bittet man aber durch den Trieb des Geistes Gottes, so ist es ganz anders, weil es der Heilige
Geist ist, der in uns betet, und für uns alles das bittet, was heilig ist, was vollkommen ist, was Gott
verherrlicht, und mit seinem heiligen Willen übereinstimmt. Dieser Geist hilft uns in unseren
Schwachheiten auf, weil wir nicht wissen, was wir bitten sollen.

Es ist hier zu merken, dass Joab zu dem tekoitischen Weib sagt: Stelle dich, als ob du weinen
würdest. Dies ist uns ein Vorbild dessen, dass die meisten Gebete, welche ohne Zustimmung des
Herzens und des Geistes geschehen, nur den Schein der Gebete haben, und keine wirklichen Gebete
sind. Also ist es mit allen Gebeten beschaffen, die aus Ueberredung der Menschen, und ohne von
Gott dazu angetrieben worden zu sein, hervorgebracht werden.
13) Das Weib sprach zu dem König: Warum hat der König solche Dinge gedacht, um das
Volk sündigen zu machen, indem er denjenigen nicht wiederkommen lässt, der von ihm
verworfen ist?

Diese Weise zu beten ist die allerkräftigste, deren solche Personen sich bedienen können, welche
einige Gnade oder Gunst von Gott für den Nächsten erlangen wollen. Sie stellen Gott vor, seine
Ehre erfordere es, und es sei notwendig für das Heil der Seelen, dass Er diese Seele, für die sie bitten,
aus ihrem Verderben losreisse; und wenn gewöhnliche Seelen (durch das Volk vorgebildet) sehen
sollten, dass Gott ihr Gebet für allezeit so verwerfe, so würde dieses aus Verzweiflung und
Misstrauen an seiner Barmherzigkeit sie dahinbringen, dass sie Gott beleidigten.

14) Wir sterben alle, und das Leben des Menschen ist wie das Wasser, das auf der Erde
abfliesst, und nicht wieder kommt. Gott will auch nicht, dass die Seele verloren gehe; aber
gedenke daran und überlege es wohl, damit der, wel chen du von dir entfernst, nicht
verlorengehe.

Die Fortsetzung dieses Gebets ist in seinen Umständen vortrefflich. Es kann demnach nicht anders
sein, es muss erhört werden. Wir sterben alle, spricht sie, und was ist das Leben des
Menschen? Es ist ja ein Nichts. Soll denn eine so kurze Uebeltat mit einem ewigen Strafgericht
bestraft werden? Betrachte, o Herr, was ist die Schwachheit eines Menschen, dessen Leben wie
Wasser dahinfliesst. Dieser Vergleich ist so natürlich, dass es Vergnügen erweckt. Alle Lustbarkeiten
und Freuden der Erde fliessen dahin wie Wasser. Nur in dem Augenblick, da sie vorbeigehen und
abfliessen, wird man etwas davon gewahr. Sobald sie vorbeigegangen, bleibt nichts davon übrig;
ebensowenig als wie von dem abgeflossenen Wasser. Alle anderen flüssigen Säfte, wenn sie
ausgegossen werden, lassen etwas zurück, entweder einen Geruch oder eine Farbe, oder ein
Ueberbleibsel, das sich irgendwo anhängt; allein die Freuden und Wollüste fliessen ganz und gar ab
wie Wasser. Es bleibt nur ein grober und undeutlicher Begriff davon zurück. Und wenn sie vorbei
sind, kehren sie nicht wieder zurück. Ja, dieses Gebet stellt Gott auch vor, was Er getan, um den
Untergang des Menschen zu verhindern, damit er auch diesen errette für welchen gebetet wird. Wie?
ein Gott, der sich zu einem sterblichen Menschen, der leiden konnte, gemacht; der all sein Blut und
Leben für das Heil des Menschen hingegeben, sollte dieser Gott den Untergang des Menschen
wollen können?

17) Erlaube demnach deiner Magd, dich noch ferner zu bitten, dass das was der König, mein
Herr, befohlen hat, vollzogen werde als ein Opfer, das Gott ist gelobt worden! Denn der
König, mein Herr, ist wie ein Engel Gottes, der sich nicht verändert, ob man segne oder
fluche, weil der Herr, dein Gott, mit dir ist.

0 wahrlich, ein solches Gebet, das alle Eigenschaften eines wahrhaften Gebets hat, würde gewiss
erhört worden sein, wenn es durch die Bewegung des Geistes Gottes, und nicht durch menschliche
Ueberredungen wäre hervorgebracht worden! Diese Seele bietet sich zum Opfer dar für diejenigen,
für welche sie bittet. Ich will gerne, spricht sie zu ihrem Gott, ihre Sünde ganz tragen, und die Strafe
dafür leiden. Man kann nicht ausdrücken, bis wie weit der Eifer dieser Seele geht. Sie interessiert
Gott selbst in ihrem Gebet, damit sie von Ihm erhört werde, und zeigt Ihm, dass, da Er ebenso
unwandelbar sei als Er ist, so habe die Missetat seiner Kreatur Ihm keine Veränderung verursacht.
Und da Er der starke, mächtige und gütige Gott sei, so müsse Er die Schwachheiten seiner Kreatur
verzeihen.

18) Da sprach der König zu diesem Weib:


19) Ist es nicht wahr, dass alles, was du jetzt mit mir geredet, von dem Joab angestellt
worden ist? Da antwortete sie ihm: Mein Herr und mein König, ich schwöre bei deinem
Leben, das Gott erhalten wolle, es ist nichts wahrhaftiger als dieses, was du sagst. Denn in
der Tat ist es dein Knecht Joab, der mir dieses befohlen, und alle Worte, die ich zu dir
geredet, in den Mund deiner Magd gelegt hat.

David lässt an das tekoitische Weib diese Frage zu unserer Unterweisung ergehen; denn er erkannte
die Wahrheit gar wohl, ohne sie ihr abzufragen. Gott gibt uns hiedurch zu erkennen, dass dieses
Gebet darum mangelhaft gewesen, weil es durch den Trieb der Natur und nicht durch die Bewegung
der Gnade hervorgebracht worden. Ein solches war das Gebet der Mutter der Kinder des Zebedäus,
welches, ob es gleich dem Schein nach gut war, dennoch sehr unverschämt gewesen. Gleichwohl ist
Gott so gütig, dass Er diese Person nicht bekümmern will, sondern ihr dasjenige zugesteht, worum
sie gebeten hatte. 0 du Blinder? Du siehst noch nicht deinen Fehler, und du bist höchst vergnügt,
dass Gott dir deine Bitte zugestanden hat! Allein nur ein wenig Geduld.

21) Da sprach der König zu dem Joab: Ich tue dir die Gnade, worum du mich gebeten. Gehe
hin und hole meinen Sohn Absalom.

Gott gibt dieser Seele zu erkennen, dass Er gegen jenen Sünder, für welchen sie gebeten, nicht mehr
zornig sei, sein Zorn habe sich auf ihr Gebet hin gestillt, sie solle ihn demnach herbeiholen und
machen, dass er zu seiner Pflicht wiederkehre.

22) Da fiel Joab nieder zur Erde, und da er vor dem König liegen blieb, wünschte er ihm den
Segen vom Himmel, und sprach zu ihm: O mein Herr und mein König! Dein Knecht
erkennt an diesem Tag, dass er vor dir Gnade gefunden, weil du das, worum er dich gebeten
hat, getan hast.

Die Freude einer Seele ist äusserst gross, wenn sie also erhört worden ist. Sie findet nicht Worte
genug, ihre Dankbarkeit auszudrücken. Gleichwohl aber ist doch alles dieses in der Tat etwas sehr
Geringes, was so vorteilhaft, so gross und so vollkommen zu sein schien. Die Eigenliebe ist der
Urgrund dieser äusserst grossen Freude. Daher sieht man auch nicht, dass Joab sich darüber freut,
dass dem David die Wiederkunft seines Sohnes zur Ehre gereicht, oder zu einer Freude, weil er
seinen Sohn, den er liebt, wieder sehen werde; sondern des Joabs Freude und Erkenntlichkeit rührt
nur daher, dass er erhört worden ist.

Dieses muss uns überzeugen, wie schwach eine solche Seele ist, die in ihrem Gebet um etwas auf
eine so äusserst dringende Weise bittet. Und um uns diese Schwachheit zu zeigen, hat Gott gewollt,
dass Joab sich eines Weibes bedienen musste, um diese Bitte bei David vorzutragen.

Dieses Gebet rührt mehr her von der Natur als von der Gnade, es war ein menschliches Gebet und
nicht göttlich. Dieses ist auch die Ursache, warum die Bekehrungen, welche durch ein solches
menschliches und aus der Natur herrührendes Gebet erhalten werden, so gar nicht dauerhaft sind;
und dass es gewöhnlich geschieht, dass solche Sünder, wenn sie wieder zu ihrem früheren
Sündenleben kehren, weit ärger werden, als sie vor einer solchen Bekehrung gewesen sind. Denn
wenn unser Gebet nur das Bild eines Gebets ist, so kann es auch nicht anders, als das blosse Bild
einer Bekehrung erlangen. Solche Seelen, die auf eine so bloss menschliche Weise bitten, haben auch
überdies eine eigenheitsvolle Freude an diesen durch ihr Gebet erhaltenen Bekehrungen, und massen
sich die Ehre davon an.

Daher sind auch diese Bekehrungen von keiner Dauer. So ist es nicht bei den Bekehrungen, die
durch solche Gebete erlangt werden, die Gott selbst einer Seele einbläst, die in einem weit
gekommenen Grad der Verleugnung und Absterbung ihrer selbst steht. Es sind wahrhafte, tiefe und
solche Gebete, welche (wie Paulus sagt in Röm.8,25) der Heilige Geist in uns hervorbringt, daher sie
auch wahrhaftige Bekehrungen erhalten, gleichwie auch alle Ehre und Verherrlichung Gott allein
davon bleibt, da diese Seelen weit entfernt sind, sich etwas davon zuzuschreiben. Darum behalten
diese Bekehrungen die Natur ihres Urgrunds.

Der Urgrund der erstgemeldeten Bekehrungen war durch die Eigenliebe verdorben, obgleich die
Seelen, die also beten, es nicht glauben. Daher gelingen solche Bekehrungen gewöhnlich nicht. Was
aber die letztgemeldeten Bekehrungen betrifft, so sind sie beständig und dauerhaft, gleich wie Gott,
weil Gott der Urgrund und der Endzweck dieser Gebete ist. Was ist hieraus zu schliessen? Sollen wir
sagen, dass die unvollkommenen Seelen nicht für die Sünder beten sollen? 0 nein, da sei Gott vor,
dass wir solche Meinungen hegen sollten. Man möchte sie aber hiemit ermahnen, dass sie ihre
Absicht reinigen, und dem heftigen Treiben ihrer Natur absterben, damit sie Raum geben, dass Jesus
Christus selbst in ihnen beten kann, welcher allezeit erhört wird, wie Er dieses selbst bezeugt
(Jon.11,42).

23) Hernach stand Joab auf und ging nach Gesur, und führte den Absalom mit sich zurück
nach Jerusalem.
24) David sprach: Lass ihn in sein Haus kehren, aber mein Angesicht soll er nicht sehen.
Also kam er wieder in sein Haus, und sah den König nicht.

Eine der allergewissesten Kennzeichen einer wahrhaften Bekehrung ist die Gegenwart Gottes, hier
durch die Worte vorgebildet, das Angesicht des Königs Davids sehen. Allein dieses ist eine
Gnade, welche nicht so geschwind verliehen wird. Selig ist derjenige Sünder, welcher nach seiner
Bekehrung die Gegenwart seines Gottes schmeckt. Es ist sehr schwer, nachdem er dieses so grosse
Gut genossen, dass er sich durch den Strom der WeltEitelkeiten wieder hinreissen lassen sollte. 0
wenn doch alle diejenigen, welche an der Bekehrung der Sünder arbeiten, ihnen die Uebung der
Gegenwart Gottes einschärfen würden, wie vortreffliche Früchte ihrer Arbeit und Bemühung
würden sie nicht dadurch sehen und erlangen! Welch eine grosse Menge Menschen sieht man nicht
in den Missionen, welche Kennzeichen der Bekehrung von sich spüren lassen ! Allein wie wenig
dauert diese Frucht der Mission? Hingegen würde sie gewiss eine lange Dauer haben, wenn man den
Seelen die Gegenwart Gottes und das innere Gebet einschärfen würde.

25) Es war aber in dem ganzen Israel kein Mann, der so schön und so wohl gemacht war wie
Absalom. Von seiner FussSohle an bis auf sein Haupt war nicht der mindeste Fehler an ihm.

Die Schönheit des Leibes ist nicht allezeit ein Beweis der Schönheit der Seele, und öfters geschieht
es, dass eine verdorbene Seele einen schönen Leib bewohnt. Dieses ist ein natürliches Abbild eines
verstellten Aeussern, das einen grossen Schein von sich gibt. Nichts ist erstaunlicher als die
Heuchelei und der verstellte Schein der Frömmigkeit. Die Vollkommenheit, die sie zu haben scheint,
ist weit grösser, als die Vollkommenheit der Heiligen; denn da solche Seelen, die Gott in einem
hohen Grad zum Eigentum angehören, nur mit Gott beschäftigt sind, so können sie nicht darauf
denken, wie sie alle ihre Worte und Gebärden in Schranken halten wollen, um von aussen den Schein
der Gottseligkeit zu haben, gleichwie dieses solche Seelen tun, die mit Eigenliebe ganz angefüllt sind,
und allezeit darauf sinnen, zu verhindern, damit man äusserlich ihre Fehler nicht merken möge.

Es gibt Leute, die es in dieser Verstellung so hoch gebracht, dass man von dem Haupt an bis zu den
Füssen keinen Fehler an ihnen bemerken kann. Das ist, man findet nichts an ihnen und in allem
ihrem Tun und Lassen, worüber man sie bestrafen könnte. Allein sie sind übertünchte Gräber,
welche Totengebeine in sich einschliessen (Matth.23,27).

Die einfältigen Seelen scheinen nicht so vollkommen zu sein, weil sie wie ganz natürlich handeln. Sie
gedenken nur an das einzig Notwendige, nämlich, sich mit Gott vereinigt zu halten, um seinen
Willen zu vollbringen. Und wenn sie von aussen wohlgeordnet sind, wie sie denn wahrhaftig
wohlgeordnet sind, so geschieht solches durch den lebendigmachenden Urgrund, der in ihrem
Innern ist. Gleichwohl kann dieses nicht auf eine solche Weise sein, dass sich nicht einige klein
scheinende Fehler finden sollten. Die Einfalt dieser Seelen aber macht, dass ma