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Japanische Gesellschaft fur Germanistik

„Der Schmerz trägt keine Bedeutung" (Paul Valery).


Erzählungen eines anti-therapeutischen
Realismus als Provokation der
I<ulturwissenschaften
Helmut LETHEN

In Hegels Vorrede zur Phänomenologie des Geistes finden sich zwei Sätze, die sich
sinngemäß folgendermaßen wiedergeben lassen: „Nicht das Leben, das sich vor
der I<älte scheut und vor Verwüstung rein bewahrt, sondern das sie erträgt und
in ihr sich erhält, ist das Leben des Geistes. Macht gewi.nnt der Geist nur, indem
er der I<älte des Negativen ins Angesicht schaut, bei ihr verweilt."
Allerdings ist bei der Wiedergabe der Sätze insgeheim eine kleine Veränderung
vorgenommen worden, die nötig geworden war, um ihnen so etwas wie den
Mut zu einem Leben in der Entfremdung entnehmen zu können. Unvermittelt
ist aus Hegels Aussage über den Umgang mit dem Negativen eine Verhaltens-
regel geworden. Der Grad der Korrektur wird deutlich, wenn wir an den Gedan-
ken Hegels im Originalwortlaut erinnern: „Aber nicht das Leben, das sich vor
dem Tode scheut und vor der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt
und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes." Und weiter heißt es: Der
Geist gewinnt seine Macht nur, „indem er dem Negativen ins Angesicht schaut,
bei ihm verweilt. Dieses Verweilen ist die Zauberkraft, die es in das Sein
umkehrt". 1)
Ist hier etwa eine gravierende Fälschung vorgenommen worden? Aus dem
finalen Zustand der Todesstarre wurde vermittels einer kleinen semantischen
Operation - die Ersetzung des Worts „Tod" durch das Wort „Kälte" - ver-
sucht, das „Negative" zu einem l'vfedium des Lebens und einer Richtschnur des
Verhaltens zu machen. Der „Tod", von dem im Original die Rede ist, ist ja bei
Hegel offensichtlich auch nicht das physiologische Ende des Lebens. Der Begriff
bezeichnet vielmehr ein unverzichtbares Element der Arbeit des Geistes (das
aus romantischer Sicht als tödlich gegolten haben mag). Er weist auf ein Element,
das für Hegel zur „Energie des Denkens" gehört.

1) Georg Friedrich Wilhelm Hegel, Phänomenologie des Geistes, Hamburg ~Ieiner)


1988, s. 26.

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Der Zusammenschluss von Kälte und Negativität erlaubt es, die kulturhisto-
rischen Implikationen des Großen Dankchorals aus Brechts Hauspostille zu erschlie-
ßen. Dort heißt es:

Lobet die Kälte; die Finsternis und das Verderben!


Schauet hinan:
Es kommet nicht auf euch an
und ihr könnt unbesorgt sterben. 2l
Vor dem Hintergrund der Überlegungen von Bertolt Brecht können Hegels
Sätze durchaus als Ermutigung gelesen werden. Eine Wegstrecke durch die I<.:.älte
analytischen Denkens im Medium der sozialen Entfremdung zurückzulegen, ist
nicht nur unumgänglich, sondern auch notwendig, um Erfahrungen zu machen
und aus ihnen zu lernen. I<.:.älte, gedacht als Negation von ,bürgerlicher Wärme',
gehört zur Sinnesschulung in der Moderne. Frei nach Brecht: Dem ewigen
Lamento über die „Kälte der Welt", ist eine Haltung entgegenzusetzen, die sich
mimetisch der I<.:.älte angleicht. Das galt ihm als notwendige Voraussetzung, um
schließlich Subjekt in den Umwehen der Entfremdung werden zu können.
In dem hier vorgestellten Thema des Schmerzes wird eine weitere kleine V er-
schiebung vorgenommen. Die Aufmerksamkeit richtet sich nunmehr auf Kör-
perzustände, die gewöhnlich als negativ empfunden werden, in der Literatur
Ende des 19. Jahrhunderts aber plötzlich eine positive Umdeutung erfahren.
Ebenso wie im Fall der „Kälte" sei als Devise ausgegeben, auf dem Moment
des Aushaltens der Negativität zu beharren. Im Gegensatz zu einer vorherr-
schenden konstruktivistischen Strömung der Kulturwissenschaft verweilt der
Essay bei der physiologisch bedingten Empfindung, die im Extremfall sogar
sprachresistent ist und selbst den eloquenten Kulturwissenschaftler in Ratlosig-
keit zurücklässt.

1. Der Streit
In einem Nachtrag zu seinem Buch Einbahnstraße aus dem Jahre 1928 schreibt
Walter Benjamin:

Wäre nicht jede I<rankheit heilbar, die sich auf einem genügend breiten,
tiefen Strome des Erzählens verflössen ließe? Es fällt darauf ein noch
helleres Licht, wenn man bedenkt, daß Schmerz sich nicht erzählen läßt,
gewissermaßen als Damm die Lebenssäfte absperrt, die als Nebenflüsse in
den großen epischen Strom des Daseins - des erzählbaren Lebens -

2) Bertolt Brecht, Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd. 11,
Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1988, S. 77.

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münden wollen. 3)

„Wenn man bedenkt, daß Schmerz sich nicht erzählen läßt" - diese Beob-
achtung von Benjamin trifft gegenwärtig ins Zentrum einer hitzigen Debatte in
den Kulturwissenschaften. Ich betrachte sie als einen Einwurf gegen den Main-
stream, der die deutschen Kulturwissenschaften im letzten Jahrzehnt beherrschte
und die man in der Parole „Auch Schmerz ist eine kulturelle Konstruktion!"
zusammenfassen könnte. Um den Schmerz gibt es nämlich einen aufschluss-
reichen Richtungskampf, an dem Mediziner, Neurowissenschaftler, kognitive
Psychologen, Soziologen, Literaturwissenschaftler und Philosophen beteiligt sind.
Seine extremen Pole könnte man folgendermaßen bestimmen:

1. Schmerz durchschlägt alle Zeichensysteme. Er ist von keiner kulturellen


Grammatik geprägt. Schmerz ist ein Indiz des vor-diskursiven Körpers.
Im Schmerz legt der Körper den Makel der Medialität ab.
2. Die Gegenreaktion ist ebenso entschieden: _L'\lle Äußerungsfonnen des
Schmerzes stammen aus einem alten Archiv rhetorischer Formeln. Dass
Schmerz als Durchgriff auf die Unmittelbarkeit des I<örpers erscheint,
ist nur ein medialer Effekt. Auch im Namen des Schmerzes gibt es nur
Ausschnitte aus einer Bibliothek zu sehen.

Es ist deutlich, dass hier offenbar über zwei verschiedene Phänomene geurteilt
wird. Einmal über das physiologisch bedingte Empfinden, ein andermal über
Performanzformen des Schmerzes. Insofern könnte man beide Positionen
nebeneinander bestehen lassen - wenn klar wäre, wie sich Kommunikations-
formen des Schmerzes und das Ereignis in der Erfahrungswelt des Betroffenen
zueinander verhalten. Das wirft die weitere Frage auf, ob Kulturwissenschaften
überhaupt etwas über den Schmerz jenseits seiner Äußerungsformen sagen
können. Ich finde nämlich, es gibt Dinge in der Welt, über die die Kulturwis-
senschaften ruhig auch mal schweigen könnten, weil sie nicht kompetent sind.

II. Die Kulturwissenschaftliche Wende


1991 erscheint das Buch Culture ef Pain von David B . .i\1orris 4), ehemals Pro-
fessor für Englische Literatur an der Universität von Iowa, 2003 Schmerz des
Straßburger Soziologen David Le Breton. 5) Das 4. Kapitel in Le Bretons Buch

3) \Valter Benjamin, Erzählen und Heilung. Aus der Nachtragsliste der Einbahnstraße.
I<::.ritische Gesamtausgabe Bd. 8, hg. von Detlev Schöttker, Frankfurt am Main (Suhrkamp),
S. 208.
4) Ich zitiere nach der deutschen Übersetzung: David B. Morris, Geschichte des Schmer-
zes. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1996.
5) David Le Breton, Schmerz. Eine Kulturgeschichte. Zürich und Berlin (Diaphanes) 2003.

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trägt den provozierenden Titel „Die soziale Konstruktion des Schmerzes". Beide
Bücher werfen die Frage auf, ob ein physiologisches Ereignis sozial konstruiert
sein kann. Die Antwort der beiden J(ulturwissenschaftler besteht aus Begrün-
dungen, die hier vereinfacht wiedergeben werden:
• Schmerz kann nicht als rein physiologische Reaktion definiert werden.
Was ein Individuum empfindet, ist kein direkter „Bewusstseinsabdruck"
der Verletzung. Schmerz verhält sich nicht proportional zur Schwere einer
Verletzung. Die menschliche Physiologie funktioniert niemals im luftleeren
Raum des Biologischen. Sie ist vielmehr vom Raster sozialer und kultu-
reller Symbole gezeichnet. 6)
•Jede Gesellschaft hat den Schmerz in ihr Weltbild integriert und ihm einen
Sinn zugesprochen, der ihm seine unmittelbare Nacktheit nimmt. Die
kollektive Bedeutung, die dem Schmerz zugesprochen und die ritualisier-
ten Bekundungen, durch die er sich den anderen mitteilt, sind zugleich
symbolische Abwehrmechanismen, auf die der Mensch zurückgreifen kann,
um sein Leiden unter Kontrolle zu bekommen.7)

Beide Wissenschaftler haben ihre Standpunkte mit zahlreichen Fallgeschichten


unterbaut.
Die kurze Reise durch die Literatur des Schmerzes soll Ende des 19.Jahrhun-
derts beginnen, weil es um eine Überprüfung der wichtigen These von Elaine
Scarry geht, Schmerz sei ein „sprachresistenter Gegenstand". Es geht um einen
Satz, den Paul Valery schon Ende des 19. Jahrhundert in seine Cahiers schrieb:
„Der Schmerz trägt keine Bedeutung." Das ist ein Satz, der den Schmerzdiskurs
mehrerer Jahrhunderte umstürzt. Er bezeichnet den vorläufigen Endpunkt eines
Reduktionsprozesses. Im Laufe des 19. Jahrhunderts haben empirische Wissen-
schaften den Schmerz allmählich aus dem Rahmen christlicher Sinngebung
herausgelöst. Erst jetzt kann der Schmerz auf ein physiologisches Moment
reduziert werden, auf einen „elektrischen Impuls", der durch die Nerven schießt.
Jetzt kursieren die ersten Erzählungen, in denen der Schmerz nur eines bedeu-
tet, nämlich: nichts. 8)

III. Zwei bekannte Geschichten


A) Joris-Karl Huysman Gegen den Strich (1884)
Man stelle sich einen Mann vor, dessen Arbeit hauptsächlich darin besteht,
sich mit all seinen Sinnen von seiner Umwelt zu unterscheiden, um sich in der

6) Ebd.
7) Morris, a.a.O., S. 121.
8) Ebd., S. 390.

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künstlichen Existenz des „Ästheten" zu sonnen. Das könnte gut gehen, wenn
er nicht „am ganzen Leibe schmerzempfindlich" wäre. Der Mann in solch para-
doxer Verfassung ist der Held in Huysmans Roman Gegen den Strich. Das Buch
erscheint 1884 und wird sofort als „Bibel der Dekadence" begrüßt oder verrissen.
Nach wüst urbanen Jahren hat der Held sich von der Welt abgewandt, fern
von Paris ein „nachbarloses Gemäuer" gekauft und für seinen exzentrischen
Geschmack eingerichtet. In seinem Domizil hat er, wie es heißt, weder den
„Blitzschlag der Liebe", noch den „Blitzschlag der Religion" zu fürchten 9l. Er
geht auf Nummer sicher.
Vor dem Blitzschlag des Schmerzes kann er, wie sich bald herausstellt, aller-
dings auch hier nicht sicher sein. An der Überempfindlichkeit des Nlannes kann
kein Zweifel sein, wenn wir erfahren, dass er von frühester Jugend auf „von
unerklärlichem Widerwillen, einer Art Schauder gemartert" worden war, „der
ihm eisig über den Rücken rieselte und ihm die Zähne aufeinanderschlug, wenn
er sah, wie ein Hausmädchen nasse Wäsche auswrang". 10)
Schon früher litt der Held sporadisch an Schmerzanwandlungen, die er jedoch
durch Opiumextrakte, Flucht oder Abtauchen in die Anonymität der Masse
auffangen konnte. Im übrigen tröstet er sich mit der Erkenntnis, dass Schmerz
ein Ergebnis der Erziehung sei. Ordinäres jammern ist entschieden unter seinem
Niveau.11l Zur Dämpfung schmerzlicher „Sensationen der Nerven" erfindet er
merkwürdige Simulationsspiele z.B. des übertriebenen Zitterns, um dem Schmerz
sozusagen motorisch Auslauf zu geben.
Im Grunde sucht er Heilung in der Bibliothek. Die Mittel seiner Diätetik
findet er in seinen Bücherregalen. Wie sollten Baudelaire und Mallarme kein
erlösender Balsam für Seele und Köper sein, empfindet er die Schriften der
beiden doch als „Fleischextrakt der Literatur". Freilich: „Diese Mittel wirkten
leider nicht mehr, seitdem seine Leiden echt waren. " 12l
Während uns die Beschreibungen seiner Genüsse in die künstlichen Paradiese
der Dekadenz der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts versetzen, könnten die Cha-
rakterisierungen seiner somatischen Empfindungen aus einem Formblatt für
Schmerzdiagnosen stammen, mit dem die Ärzte heute noch dem Schmerz auf
die Spur kommen wollen: der Schmerz durchbohrt seine Schläfen13l, treibt Holzkeile
in seinen Nacken 14l oder schneidet sein Gesicht entzwei 15l. Zuweilen wirft er aber

9) Joris-Karl Huysmans, Gegen den Strich. München (dtv) 2003, S. 194.


10) Ebd., S. 105.
11) Ebd., S. 92.
12) Ebd., S. 204.
13) Ebd., S. 144.
14) Ebd., S. 135.
15) Ebd., S. 105.

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selbst den Ästheten unter sein Niveau, wenn er anlässlich einer Extraktion beim
Zahnarzt beginnt, „wie ein Tier zu blöken, das man mordet". 16) Alles weist auf
einen unterschwelligen Mechanismus hin, der unter den Feinheiten des kultu-
rellen Gewebes, mit dem der Held sich umhüllt, lagert. Dieser Mechanismus ist
nicht geheimnisvoll. Er lässt sich, wie der Roman zeigt, mühelos in die Sprache
der Mediziner übersetzen. Tatsächlich trifft unser Held jetzt auf wackere Ver-
treter der damaligen Schulmedizin: dem ersten gelingt es, die Magenneurose des
Sensiblen mittels eines Dampfkochtopfes, der echtes Rindfleischextrakt herstellt,
vorläufig zu kurieren. Da für ihn an Austausch mit der Mitwelt nicht zu denken
ist, kommt diese Therapie ihm sogar entgegen. Eine Gesprächstherapie wäre
naturgemäß das Letzte, was der Liebhaber der Distanz sich wünscht. Er hat
Glück: Der rettende Arzt ist erfreulich wortkarg, will keine Geschichten hören,
betrachtet stattdessen aufmerksam seinen Urin, „in dem gewisse weiße Schlieren
ihm eine der wichtigsten Ursachen für die Neurose anzeigten. Er schrieb ein
Rezept auf und ging wortlos, eine baldige Rückkehr ankündigend". 17J Das tut
dem Helden gut. Welches Entsetzen hätte ihn gepackt, wenn er schon einem
Arzt der Ära Freuds begegnet wäre, der ihn als sprechenden Patienten behandelt
hätte. Nein, der Ästhet hat Glück; das Peptonklistier, das ihm verschrieben wird,
begeistert ihn über alle Maßen: weil es ein technischer Apparat Zfir künstlichen
Ernährung ist. Der Heilerfolg ist beträchtlich. Sein Magen „entschließt sich"
prompt zu funktionieren. Soweit so gut. Seine Heilung wird allerdings ernsthaft
gefährdet, als ihm in Übereinstimmung „mit der Meinung aller Neurosenspezi-
alisten" empfohlen wird, da die geistige Seite der Krankheit „nicht in den che-
mischen Machtbereich der Medikamente falle", wieder „in das Gemeinschafts-
leben einzutauchen". Er, der Mailarme und Verlaine versteht, soll zurück in die
niedere lVIitwelt, in der geweihtes Öl mit Geflügelfett verdorben und die Hostien
aus Kartoffelmehl hergestellt werden. Bei dieser Vorstellung schüttelt ihn der
Ekel, der Nähesinn par excellence.
In Huysmans Roman des Jahres 1884 werden wir zu Zeugen eines Kurz-
schlusses des nervösen Lebensstils mit Praktiken der Physiologen. Da versucht
einer, seine Existenz im Reich der Künstlichkeit einzurichten und stürzt ohne
subtile Vermittlungen ins Reich der Physiologen. Der Schmerz wirkt in dieser
Erzählung wie ein Kippschalter, mit dem die toxische Illumination des ftn de
siecle jederzeit aufs Neonlicht des medizinischen Befundes umgeschaltet werden
kann. Die zweite Schmerzgeschichte ist von

16) Ebd., S. 66.


17) Ebd., S. 246.

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B) Paul Valery Monsieur Teste (1893)


I<aum zehn Jahre nach Huysmans Roman erkennt ein anderer Schriftsteller
einen anderen Umgang mit dem Schmerz. Paul V alery lässt sich auf den ratio-
nalen Nervendiskurs der Ärzte ein und gibt ihm eine stoische Wende. Er wünscht
sich für das Nervensystem eine besondere Schaltung, die es „mit Sicherungen"
versieht, „die bei zu heftiger Erregung, und wenn der Wille es wünscht, die
Verbindungen zwischen den Zentren und den Auslösern der Emotionen unter-
brechen und die Störung auf die 1Vulleitung umlenken". 18)
Diese Lösung entwirft Paul Valery 1893 für seine Versuchsperson Edmont
Teste. 19) Im Vergleich mit dem kostbaren Designe des Interieurs des Helden in
Huysmans Roman wohnt Teste ärmlich. Wir finden ihn in einem kleinen, not-
dürftig möblierten Appartement: „In dem grünlichen, nach Minze riechenden
Zimmer war rings um die Kerze bloß das trostlose abstrakte .i\1obiliar - Bett,
Uhr, Spiegelschrank, zwei Armstühle-, als seien es Vernunftwesen", kurz: eine
„frostige Kammer", rein und distinkt, ein kartesianisches Logis. 20l
Monsieur Teste geht davon aus, dass die „Intensität der Gefühle" sich nicht
zum Austausch zwischen den Menschen eignet. Spontane Äußerungen Leiden-
schaften adeln den Menschen nicht. Sie machen ihn nur durchschnittlich. Pro-
filieren kann man sich nur durch den Scharfsinn des grauen Intellekts. 21 l
Teste ist ein Typ, der die Mitwelt mit einem „Trennungsblick" betrachtet, der
„extreme I<älte" ausstrahlt und auch in schlimmer Lage nicht klagt, sondern
stattdessen die „Knöpfe an der Jacke des Henkers" zählt. 22l
Erlaubt sich solch ein Mustertyp der reflexiven „Kälte" Schwächen? Von Zeit
zu Zeit gestattet er sich Liebe, die, wie Madame Teste berichtet, für ihn darin
bestehe, „miteinander tierisch-töricht sein zu können mit jeder Freiheit zu
Dummheit und Bestialität".
Teste liegt vor allem daran, dass die Souveränität seines rationalen Denkens
durch nichts zu Fall zu bringen ist. Man ahnt, das böse Ende naht. Am Abend
nach einem Theaterbesuch schweigt lvlonsieur Teste plötzlich: „Er litt Schmer-
zen". Nun dürfen wir Monsieur Teste beim Zubettgehn beobachten: „Er zog
sich in aller Ruhe aus. Sein hagerer Körper badete sich in Betttüchern und war
wie tot. Dann dreht er sich und tauchte tiefer in das zu kurze Bett." Teste hebt
erst einmal zu einem lv1onolog über seine I<örperwahrnehmung als Kind an,
klammert sich an die Behauptung, sich auch physisch „in- und auswendig zu

18) Paul Valery, Cahiers/Hefte. Frankfurt am Main (S. Fischer) 1992, S. 116.
19) Paul Valery, Monsieur Teste. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1992.
20) Paul Valery, Cahiers/Hefte Bd. 6, S. 364.
21) Ebd., S. 351.
22) Ebd., S. 338.

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kennen", erklärt seine Liebe zum vertrauten Leinentuch, das ihn umschmiege
„wie Sand", wenn er sich tot stelle. Bis - „Ah". Seine Rede stockt, als ob er
plötzlich einen „Materialfehler" in dem ihn umhüllenden Laken spüre. Valery
markiert die Unterbrechungen im Text mit drei Punkten ... Es sei „Nichts
Besonderes" meint der Held, höchstens ein Zufall ... , der nicht länger als eine
Zehntelsekunde ... dauere, nichts Nachhaltiges also.
Die Wiederholungen der Auslassungspunkte, die Einbrüche des pochenden
Schmerzes markieren, geben dem Text einen gewissen Taktschlag: ... Mehr
nicht. Es herrscht Ausdruck:leere. - Schlaf wird ersehnt.
Die Unterbrechungen des Textes öffnen kein Fenster zu existentiellen Abgrün-
den oder verdunkelten Geschichten der Psyche. Weder Psychoanalytiker noch
andere Schmerztherapeuten können frohlocken. „Wenn der Schmerz plötzlich
einbricht, erhellt er keine Vergangenheit: er illuminiert nur die gegenwärtigen
Körperzonen. Er ruft lokalen Widerstand hervor" und reduziert „das Bewusst-
sein auf eine kurze Gegenwart, auf einen zusammengeschnurrten, seines künf-
tigen Horizonts beraubten Augenblick" .23l
Die beiden letzten Sätze sind Schlussfolgerungen von Jean Starobinski. Er zog
daraus 1984 die Quintessenz des Abends mit Monsieur Teste, und er schloss
sich Valerys Erkenntnis an: „Die Intensität des Schmerzes" lasse sich „umgekehrt
an der Freiheit bemessen, die sie einem lässt", ihn auszudrücken. Er ermahnt
uns, n1it Valery die Grenzen der Psychoanalyse zu akzeptieren. Und er zitiert
Freud, der, nachdem ihm ein Furunkel aufgeschnitten worden war, an Fließ
geschrieben habe, das Empfindungsmaterial dieses Schmerzes könne erzählend
nicht bewältigt werden: „es tut zu weh".
Der Schmerz findet in dieser Geschichte keinen Ausdruck - außer den drei
Auslassungspunkten, die auf eine Wirklichkeit jenseits der Zeichenwelt zeigen.
Er durchkreuzt sprachlos den Anspruch seines Helden, „Herr seiner Gedanken
zu sein". Extremer physischer Schmerz wird - so die Logik des Textes - als
lokales Körperereignis vom Psychischen abgespalten. Im Gegensatz zur Neurose
bildet dieser physische Schmerz beim besten Willen zur Sinngebung keine erzäh-
lerische Ausgestaltung. Solch ein Schmerz hat, Valery zufolge, „keine Bedeutung".
„Der Schmerz trägt keine Bedeutung." Der lapidare Satz bezeichnet den
historischen Endpunkt einer Entwicklung, in der der Schmerz aus seinen tradi-
tionellen kulturellen Codierungen gelöst wurde. Schmerz erscheint zum ersten
Mal als ein „sprach-resistenter Gegenstand". 24) Die Möglichkeit, einen solchen Satz

23) Jean Starobinski, Kleine Geschichte des Körpergefühls. Konstanz (Universitätsverlag)


1987, s. 111.
24) Morris, a.a.O., S. 13.

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zu formulieren, setzt gewaltige Abräumarbeiten voraus. Physiologen und Ana-


tomen haben im 19. Jahrhundert scheinbar endgültig die christliche Semantik
aus dem kulturellen I<::örper entfernt. V alerys Satz „Der Schmerz trägt keine
Bedeutung" befindet sich in der Nachbarschaft von Nietzsches Diktum „Gott
ist tot". Mit diesen Sätzen legt sich die Kälte des Weltalls auf unsere I<nochen. 25l
Valery spricht einen unerträglichen Gedanken aus oder vielmehr einen Gedanken,
der seine Unerträglichkeit zum Indiz der Wahrheit macht.
Jetzt bleibt vom Schmerz nichts als ein stumpfer Widerstand, den das Bewusst-
sein, wie Valery schreibt, einer „lokalen Disposition des Körpers entgegensetzt". 26l
An dem hier skizzierten, spärlich beleuchteten Nullpunkt der Sinngebung in
den 80er und 90er Jahren des 19. Jahrhunderts werden die Weichen für eine
kulturelle Schmerzbearbeitung gestellt, die im 20. Jahrhundert dominieren wird:
Die Umdeutung des Schmerzes als Medium des I<::ontakts mit dem „Urgrund
des Seins" im Ersten Weltkrieg.

IV. Schmerz und Krieg


Als der berühmte Chirurg Ferdinand Sauerbruch und der Pädagoge Hans
Wenke 1937 die Schrift ,,Wesen und Bedeutung des Schmerzes" herausgeben,
können sie auf eine Zeit unermesslichen I<riegsleidens zurücksehen. Die Wei-
marer Republik war ein Zeitraum gewesen, in dem man mit zwei gegenläufigen
Strebungen fertig werden musste: Der Krieg hatte der Sinngebung des Schmer-
zes mächtigen Auftrieb gegeben, die Niederlage hatte die Menschen der uner-
träglichen Gewissheit ausgeliefert, dass alles Leid umsonst gewesen war. In den
Wissenschaften der Republik kursierten zwar sehr unterschiedliche Konzeptionen
des Schmerzes, die Republikgegner waren sich allerdings einig, dass der „Libe-
ralismus" gegen den Schmerz nicht mehr aufzubieten habe als die Narkose.
Seltsamerweise wird der I<rieg in Sauerbruchs und Wenkes Kapitel „Ärztliche
Erfahrungen über den Schmerz" nur in Zusammenhang mit einem erstaunlichen
Phänomen der Herabsetzung des Schmerzes erwähnt, das die Chirurgen früher
„Wundstupor" nannten:

Wer als Arzt im Felde unsere braven I<::ameraden zu betreuen hatte, der
weiß aus hundertfältiger Beobachtung, dass viele unter der Last und den
Strapazen des Dienstes oder der zermürbenden Wirkung von andauernder
Spannung und Gefahr, von Erschütterung und Schreck, sich selbst verloren.
Dann reichte ihr Denken nicht einmal mehr für die primitiven vegetativen
Lebensfunktionen aus. In einer solchen Verfassung war kein Raum mehr

25) Ebd.
26) Starobinski, a.a.O„ S. 98.

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für die Schmerzempfindung, so dass notwendige Eingriffe ohne künstliche


Betäubung möglich waren. 27)

Dass der „seelische Wundstupor" nicht nur ein Zeichen der Erschöpfung
sondern auch eine Begleiterscheinung des Heldenmuts sein konnte, erläutert
Sauerbruch am Beispiel eines Leutnants. Dieser war so erregt von der Lebens-
gefahr, die während eines nächtlichen Sturmtruppangriffs drohte, dass er die
Amputation seines Arms, die ohne Betäubung durchgeführt wurde, kaum bemerkt
habe.
Dass der Chirurg sich in Erinnerung an die Materialschlachten ausgerechnet
auf diese Form herabgesetzter Schmerzempfindung konzentriert, mag sympto-
matisch für die zwei Jahrzehnte nach dem Krieg gewesen sein, die vom Willen
gekennzeichnet waren, sich gegen den Schmerz zu immunisieren. Die Faszination
des Phänomens „Wundstupor" verknüpfen die Autoren einerseits mit dem
„altpreußischen Ideal soldatischer Erziehung", andererseits mit Nietzsches These
vom Schmerz als „arterhaltendem Wert". Vor allem aber scheinen sie im Bann
von Ernst Jüngers Schrift Über den Schmerz zu stehen, die drei Jahre zuvor
erschienen war. Der Schmerz erscheine bei Jünger als der „eigentliche Urgrund
des Lebens". 2s) „Disziplin" bezeichne Jünger als „die Form, durch die der Mensch
die Berührung mit dem Schmerz" und damit seinen Kontakt mit dem Elemen-
tarreich des Lebens aufrecht erhalte. 29)
Ernst Jünger hatte die Wahrnehmung des Schmerzes von jeder Empathie
reinigen wollen. Er hatte empfohlen, die Frontlinie des Schmerzes aufzusuchen,
um an ihr die Haltung der Apathie und die Kälte des Blicks zu stählen. Man
mag Jüngers Essay als ein Symptom für soldatische Apathie abschätzig beurtei-
len. Mich interessiert eher seine hellsichtige Diagnose, die er dem Liberalismus
der Weimarer Republik stellt. Der Liberalismus ist für ihn eine Gesellschaftsform,
die den Schmerz aus den Binnenräumen der Gesellschaft an die Ränder vertreibt,
wo in Kliniken, Gefängnissen und Kasernen Spezialisten des Schmerzes ihre
Arbeit verrichten, während die Massenmedien Bilder des Schmerzes in den Innen-
raum der Gesellschaft einspeisen, wo sie wie Drogen inhaliert werden. Die Arbeit
des stoischen Bewusstseins ist dabei kaum mehr erforderlich. Die Abspaltung
des Schmerzes ist der Flucht technischer Bilder in populären Zeitschriften und
Magazinen überantwortet. Ataraxia stellt sich im massenmedialen Raum auto-
matisch her. Die neuen Medien sind Empathieentsorgungsgeräte.
Als Martin Heidegger während des Zweiten Weltkriegs Jüngers Traktat liest,

27) Ferdinand Sauerbruch, Hans \Venke, \Vesen und Bedeutung des Schmerzes. Berlin
Qunker & Dünnhaupt) 1936.
28) Ebd., S. 110.
29) Ebd.

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notiert er auf einem Handzettel: „Eine Abhandlung Über den Schmet'ZJ die gar nie
und nirgends vom Schmerz handelt." 30) Zwar beschreibe Jünger den Schmerz
als Element des Willens zur Macht, er schwinge sich aber als homo militaris auf eine
Kommandohöhe („J. redet überall in der Sprache d. Wehrmachtberichtes"31J), von
der aus er über den Schmerz als einen Gegenstand verfügen zu können glaube.
Im Text finde sich keine Öffnung für das Wesen des Schmerzes, sondern viel-
mehr eine Haltung oder ein Ethos, das den Schmerz zum Probierstein des Hero-
ismus mache. Könne man dieser Art Heroismus, fragt Heidegger, nicht auch
triviale Namen geben, z.B. die der Abstumpfung, Unwissenheit und Gleichgültigkeit? 32)
Jünger wisse sich dem Schmerz nie ausgeliefert, wie man dem Willen zur Macht
ausgeliefert sei. Er entleere ihn vielmehr, um die soldatische Haltung zum Schmerz
zum kulturellen Wert zu machen: „Deshalb kommt zum Schluß der Ladenhüter
aller verendenden Metaphysik: die Sinn-gebung."331 Heidegger entdeckt, dass
Jünger im Diskurs neusachlicher Sentimentalität bleibt, insofern seine Rede von
der nötigen Härte und Kalte sich provokativ gegen die Welt bürgerlicher Emp-
findsamkeit absetzt, also die Bindung an sie nie verliert. So überrascht es uns
nicht, dass Heidegger die Sinnsuche des Schmerz-Traktats als Form einer Narkose
bezeichnet, die der konservativen Kulturkritik bis heute als Kennzeichen des
flachen Liberalismus gilt. „J. handelt nur von einer nicht verstandenen metaphys.
Narkose. Die Bewegung gegen den Schmerz ist die Bewegung zur Besinnungslosig-
keit innerhalb der unbedingten Sinnlosigkeit."34l Für Heidegger ist das sichtbare
Anzeichen der Besinnungslosigkeit, auf die bei Jünger alles hinausläuft: die Rüs-
tung.

V. Schmerz als sprachresistenter Gegenstand


Am Abend des Herrn Teste im Jahre 1893 hatte der Schmerz seinen literari-
schen Auftritt als sprachresistenter Gegenstand im relativ harmlosen Tviilieu des
Gedankenexperiments und medizinisch in den Grenzen der Neuralgie. Im 20.
Jahrhundert überschreiten die Arten der Schmerzzufügung alle historisch bekann-
ten Formen. Wer aber gegenwärtig den Schmerz als sprachresistenten Gegenstand
bezeichnet, setzt sich den Angriffen von Kulturwissenschaftlern aus. Kommu-
nikationswissenschaftler, analytische Philosophen, J\lediziner und Medientheo-
retiker wehren den Gedanken eines sprachresistenten Gegenstands ebenso entschieden
ab wie Schmerztherapeuten, die in ihren Kliniken die Bedeutung der Sprache

30) Martin Heidegger, Zu Ernst Jünger. Gesamtausgabe, IV. Abteilung: Hinweise und
Aufzeichnungen. Band 90. Frankfurt am Main (Klostermann) 2004, S. 436.
31) Ebd., S. 446.
32) Ebd., S. 452.
33) Ebd., S. 437.
34) Ebd., S. 458.

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zu schätzen gelernt haben. Eins steht offenbar fest: Als außersprachliches Ereig-
nis kann Schmerz kein Gegenstand der Kulturwissenschaften sein, solange sich
diese auf Diskurse des Schmerzes konzentrieren. Wenn Schmerz mitgeteilt wird,
unterliegt die Mitteilung kulturellen Codes. Färben diese aber nicht auch auf den
Schmerz selbst ab?
1985 erschien das Buch von Elaine Scarry Bocfy in Pain. 35) In den Archiven
von Amnesty International fand sie eine Datenbank des Schmerzes: Protokolle des
Geheimdienstes, Memoiren der Folter, ärztliche Diagnosen. Nach der Auswertung
kommt sie zur der Überzeugung, dass extremer Schmerz durch 1Vichtkommuni-
zjerbarkeit gekennzeichnet ist. Er bietet nicht nur der Sprache Widerstand, sondern
zerstört sie. Der Schmerz ist nicht von oder nach etwas: Schmerz ist nur er selbst. Schmerz
sei definitiv nicht im Medium symbolischer I<:.onstruktionen „in die Welt" zu
holen; denn er bedeute Weltverlust.
Scarry beschreibt diesen Umstand in einer einfachen Skizze: Wenn man spre-
che, greife das Ich über die G·renzen des Körpers hinaus und besetze einen
Raum, der größer sei als der K.örper. 36) Extremer physischer Schmerz zerstöre
das Vermögen zur symbolischen Erweiterung des Leibraums des Individuums.
Er reduziere es auf die reine Gegenwart des K.örpers. Mit dem Verlust der
Fähigkeit zur Objektivierung im ausgedehnten Personalraum falle der Betroffene
aus der Sphäre des intersubjektiven Austauschs hinaus. Seines symbolischen
Raumbildungsvermögens beraubt, öffne sich der Schmerzerfüllte der Macht. Für
deren Agenten sei die gesamte Gefühlswelt des Opfers dann eine „externalisierte
Landkarte", die sie nach den Regeln ihrer Kunst bearbeiten.
Elaine Scarry steht, wie gesagt, mit dieser Einstellung im Reich der deutschen
Kulturwissenschaften auf verlorenem Posten. Die I<:.ritik ist auch nicht von der
Hand zu weisen: Immer, so heißt es, speichert ein Individuum die verspürten
Empfindungen nicht einfach ab, „sondern transformiert sie in seine eigenen
Kategorien, die es mit anderen Mitgliedern seiner Bezugsgruppe teilt, die zugleich
aber seine persönliche Note tragen". 37) Und Jakob Tanner betont in seiner
Rezension: „Immer und nicht nur in Zuständen extremen Schmerzes - besteht
eine Kluft zwischen dem Schweigen des realen Korpers und dem Sprechen über den
!Jmbolisch konstruierten Korper. Durch nichts ist sie zu überbrücken. Aber die Indi-
viduen eigneten sich im Austausch miteinander die von ihnen mit anderen geteilte
Lebenswelt an, in der sie eigene Körpererfahrungen für andere verständlich

35) Elaine Scarry, Body in Pain. Tue Making and Unmaking of the World. New York/
Oxford (Oxford Univ. Press) 1985.
36) Elaine Scarry, Der Körper im Schmerz. Die Chiffren der Verletzlichkeit und die
Erfindung der Kultur, Frankfurt am Main 2009 (S. Fischer), S. 52.
37) Le Breton, a.a.O., S. 133.

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„Der Schmerz trägt keine Bedeutung" (Paul Valery). 21

machen. " 38l


\Vie wäre es sonst zu verstehen, dass sich Elaine Scarry mit Hilfe eines Archivs
von Texten ein Bild vom Weltverlust der Opfer machen könnte. Im Augenblick
seiner Schilderung ist der Schmerz sprachlich konstruiert. Die l(onstruktionen
werden in Texten gespeichert, in Archiven behütet. Nachträglich können die
Textspeicher von uns beliebig animiert werden. Die Sprachformen, in denen
Schmerz kommuniziert wird, sind relativ stereotyp. Das bedeutet nun aber kei-
neswegs, dass der Schmerz selbst zum Stoff kultureller Archive geworden ist.
Es gibt zwar ein erstaunlich stereotypes Arsenal sprachlicher Wendungen des
Schmerzes; sie zeigen aber auf eine Wirklichkeit von Empfindungen, deren
schiere Präsenz nachträglich in Stereotypen aufgehoben wird, weil den Individuen
zuvor die Ausdrucksfähigkeit genommen wurde.

VI. Bibliothek oder Physiologie


Ich möchte zum Schluss die Zuspitzung des Richtungskampfs um die Evidenz
des Schmerzes an zwei Dokumenten erläutern.
Heiko Christians hat 1999 eine Arbeit vorgelegt, in der er mit großer Gelehr-
samkeit das Archiv der europäischen Literatur auf die Topik der Rede vom
Schmerz hin untersucht. Er überprüft, mit welchen Verfahren der Effekt der
Evidenz des Schmerzes im Lauf der Zeit erzeugt wird und entdeckt eine erstaun-
lich konstante Topik der Rede, mit ihrem unheimlich begrenzten rhetorischen
Repertoire. Die Archive sind angefüllt mit Texten, in denen der Schmerz „blitz-
artig" das Netz der Rede zerreißt, um einen Durchblick auf unterschwellig
Reales zu gewähren:

Der Schmerz ist im Augenblick seiner Schilderung eine Konstruktion, ist


immer nur als Text kommunikabel. Noch der extreme, kaum durch ein
„Flackern" oder eine „Entspannung" unterbrochene Schmerz, den nach
übereinstimmenden Berichten ein Knochenbruch verursacht, sperrt den
Betroffenen dadurch ein. Da solcherart geplagte, als mit „aufgerissenen"
Augen oder als „schrill quäkendes Schlachtferkel" beschriebene Opfer
befindet sich [ ... ) mitten im Meer von Fiktionen. [ ... ] Wenn sich ein
Mensch vor Schmerzen „Wie ein Tier" am Boden windet, und damit die
ihn im Reich der Lebewesen erst konstituierenden Unterschiede des auf-
rechten Gangs und der artikulierten Rede selbst nicht mehr machen kann,
klappern die Textwebstühle um so lauter. 39)

38) Jakob Tanner, Körpererfahrung, Schmerz und die Konstruktion des Kulturellen. In:
Historische Anthropologie, H. 2, 1994.
39) Heiko Christians, Über den Schmerz. Eine Untersuchung von Gemeinplätzen, Berlin
(Akademie Berlag) 1999, S. 21

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22 Helmut LETHEN

Der Ausdruck „schrill quäkendes Schlachtferkel" ist Jean Amerys Erinnerun-


gen an die Tortur, der er im Juli 1943 bei der Gestapo in Brüssel ausgeliefert
war, entnommen. 40l Amerys Essay aus dem Jahre 1964 entspricht der von Elaine
Scarry zwei Jahrzehnte später theoretisch erläuterten Sprachsituation: Der extreme
Schmerz, so berichtet Amery, zerstört das Vermögen zur symbolischen Aus-
weitung des Körperraums. Nach dem Verlust des „Weltvertrauens" liegt die
Gefühlswelt des Gequälten auch in seinem Fall wie eine „externalisierte Land-
karte" für jeden Zugriff offen. Amery erinnert sich, am Kulminationspunkt der
Qual „wie ein schrill quäkendes Schlachtferkel" geschrien zu haben. Kein Zwei-
fel: Die Arbeit der sprachlichen Rekonstruktion zwingt Amery, aus dem Archiv
der Ausdrucksformeln die Tierbildkarte zu ziehen.
Was sollte daran verdächtig sein? In der Tortur haben wir es mit dem totalen
Entzug der M:itwelt zu tun. Die Tierbildkarte wird in der Rekonstruktion der
Erinnerung gezogen. Sie zeigt auf ein Ereignis, das subhuman und sprachresistent
war und bleibt. „Der Schmerz war, der er war",41 ) sagt Amery. Allerdings arbei-
ten seine Reflexionen mit einem Kunstgriff, der Erkenntnisse über die Medialität
des Ausdrucks einbezieht. Natürlich orientiert sich der Mensch, Amery zufolge,
in einer Welt der Formeln. Er führt über zwanzig Hinweise und Anspielungen auf
Kommunikationsmuster des Schmerzes an, von der etymologischen Herleitung
des Wortes „Tortur", Protokollen von Gefolterten, die er in der Neuen Weltbühne
in den 30er Jahren vor seiner Inhaftierung las, Graham Greenes I<:ommentaren
zu Fotografien von Folterungen in Vietnam, kriminologischen Abhandlungen
über die Folter in Algerien, Hannah Arendts „Eichmann in Jerusalem" bis zu
physiologischen Abhandlungen eines Professors für Chirurgie am College de
France. Diese Vorstellungsmuster umgeben ihn, sie gehören zur vertrauten
Textumwelt, die sich anbietet, um den aktuellen Vorgang der Peinigung zu
erfassen und ihn im Rückblick zu rekonstruieren. Im extremen Schmerz jedoch
wird diese Zeichenwelt durchschlagen. Um diesem Weltverlust im Schmerz Evidenz
zu verschaffen, inszeniert Amery den Ausfall der im Archiv gelagerten Formeln:
Es wäre ohne alle Vernunft, hier die mir zugefügten Schmerzen beschreiben
zu wollen. War es „ wie glühendes Eisen in meinen Schultern", und war
dieses „wie ein mir in den Hinterkopf gestoßener stumpfer Holzpfahl?"
- ein V ergleichbild würde nur für das andere stehen, und am Ende wären
wir reihum genasführt im hoffnungslosen Karussell der Gleichnisrede. Der
Schmerz war, der er war. Darüber hinaus ist nichts zu sagen.42)

40) Jean Amery, Die Tortur. In: Jean Amery, Jenseits von Schuld und Sühne. Stuttgart
(Klett-Cotta) 1977, S. 46--73.
41) Ebd. S. 63
42) Ebd.

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„Der Schmerz trägt keine Bedeutung" (Paul Valery). 23

Aber er sagt eben sehr viel dazu, vergegenwärtigt das Ereignis, indem er die
I<:.ette fehlschlagender Formeln zitiert, die versagenden Register der Sprache
vorführt, um das Ereignis als ein \Viderfahrnis jenseits des Archivs vorzustellen.
Das Ereignis des Schmerzes ist eine Falltür in der Bibliothek. Im imaginierten
Sturz fand Amery die Tierbildkarte in einer der Karteien der gespeicherten
Affektkataloge. Die braucht er, um - mitten im Archiv - auf das nicht archi-
vierbare Erlebnis zu zeigen.
Für dieses Schmerzerleben trifft zu, was schon Valery cartesianisch begriff:
Es illuminiert nur Körperzonen, reduziert das Bewusstsein, erhellt keine Ver-
gangenheit, raubt den Horizont und dampft den Menschen auf die reine Gegen-
wart des I<örpers ein. Amery denkt dies radikal zu Ende. Obwohl er auf
Heidegger, Bataille und Sartre anspielt, versagt er sich jede existenzialistische
Aufladung des Ereignisses. Es eignet sich einfach nicht dazu, sich als ein Beispiel
für das Gewahrwerden des „eigentlichen Seins" des Menschen in einer existen-
zialistischen Erzählung aufzulösen. \Venn Max Scheler konstatiert, dass ein Dasein
ohne Schmerz zu metaphysischem Leichtsinn verführe, so zeigt die Geschichte,
dass ein Dasein, das den Schmerz als Grenzsituation begrüßt, zum Existenzia-
lismus verführt - einer besonderen Spielart metaphysischen Leichtsinns.

VII. Stoischer Schluss


Warum nicht länger in der frostigen Kammer des Monsieur Teste verweilen?
Denn aus dem „Nichts" an Bedeutung trat der Schmerz immerhin als motori-
sches Phänomen zutage, was sich schon an den Vokabeln „Bohrens", „Schnei-
dens" und „Treibens", die Huysman im Einklang mit den Physiologen des 19.
Jahrhunderts zur Beschreibung verwandte, ablesen ließ. Schmerz war hier nichts
als ein psychisch getönter Bewegungsimpuls, der gegen einen Widerstand vor-
dringt, da der Ausweg versperrt ist. 43) Ein „motorisches Phänomen", dessen
Sinnlosigkeit in Redewendungen wie „die Wände hochgehen" nicht symbolisch
aufgeladen, sondern nur mimetisch wiederholt wird. In ihrem motorischen
Gebaren gleichen sich Monsieur Teste und Huysmans Held. Auch Monsieur
Teste „erwartet", wie es heißt, den Schrei, in den er sich hineinlegen könnte,
um „aus der Haut zu fahren". Der Schmerz führt in beiden Fällen nicht zu
symbolischem Ausdruck, sondern zu Bewegungen, in denen sich das Selbst in
völliger Gegenwart verliert. 44l Das scheint als Erklärungsmodell nicht viel zu
sein. Vielleicht erklärt es aber, warum sich dem Zeitalter extremen Schmerzes
im 20. Jahrhundert die Signaturen des „\Veltverlusts" und der „Verlassenheit"
als Erkennungsmerkmale aufprägen konnten. Und warum das „Trauma" zum

43) Vgl. Hermann Schmitz, Die Aufhebung der Gegenwart. Bonn (Bomrier) 2005, S. 153ff.
44) Ebd.

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Inbegriff eines Schmerzes geworden ist, der nicht aus der Haut fahren lässt und
durch keine symbolische Praxis aufgehoben werden kann.
Hier ist kein Heroismus angesagt, der das Negative aushalten soll. Nur auf
den Nutzen, beim Negativen geduldiger zu verweilen, ehe man Zuflucht zu
symbolischen l(onstruktionen und ihren therapeutischen Versprechen sucht, sei
hingewiesen. Vielleicht nur eine neue Wendung des Stoischen?

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