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dabei zeigen, daB hierfür Kant keine Anleitnmg bieten kann.

Daher waren auch Ist aber diese Vorstellung von Zeit zulanglich, um das zu begreifen, was
die Versuche (Medicus, Troeltsch u. a.) vergeblich, Kants Kategorientafel durch die Zeit und die zeitliche Form, die Zeitlichkeit des$en ausmacht, was wir als
Prinzipien zu erganzen, die das "Apriori der Geschichte" enthalten als den Geschichte erfahren, die zeidiche Struktur also, die es ermoglicht, daB es für
Inbegriff der Bedingungen der Moglichkeit der Erfahrung von Geschichte als uns überhaupt so etwas wie ,,Geschichte" gibt? Ist es überhaupt moglich, Ge­
Geschichte, weil der Grund dieser Schwierigkeit tiefer liegt und nicht im Bereich schichte in ihrem Wesen zu begreifen, wenn ihre Gegebenheiten als ein Nach­
der transzendentalen Analytik, sondern bereits in dem der transzendentalen einander in der Zeit vorgestellt werden? Ist die Zeit als Form des Nacheinander
Asthetik aufgesucht werden muB: Kants Begriff der Zeit gibt nicht die Moglich­ eine nur als solche hinz,unehmende und nicht weiter auf den Grund ihrer Mog­
keit an die Hand, die Zeit der Geschichte und diese selbst als teleologische Ein­ lid1keit befoagbare, so daB eine Frage nach einem anderen Begriff von Zeit als
heit eines Geschehens zu begreifen. Der Begriff der Zeit wird in der Kritik des diesem aristotelisch-kantis chen sich überhaupt erübrigte?
theoretischen Erkenntnisvermogens entwickelt im Hinblick auf das Subjekt als DaB dies nicht der Fall ist, sondern daB der Grund der Moglichkeit, unseren
vorstellend-denkendes, aber nicht als ein solches, das ineins handelndes Subjekt ,,inneren Zusrand" als ein Nacheinander von Vorstellungen zu erfahren, einer
ist. Wenn aber die Geschichte der Zusammenhang von Geschehnissen ist, der aus noch weiteren Aufklarung zuganglich ist, hat zum ersten Male Husserls phano­
dem Handeln von Menschen entspringt, so muB es die Aufgabe sein, einen menologische Analyse des ZeitbewuBtseins gezeigt12• Heiddeggers Analyse der
Begriff von Zeit zu gewinnen, der die Zeit des Handelns und damit die Zeit Zeit in ,,Sein und Zeit" kann in einem bestimmten Sinne als Weiterfüh.rung
der Geschichte verstehen laBt. Erst ,dann wird die Dimension gewonnen sein, dieser Untersuchung verstanden werden. Sie hat ,an <len P,unkt geführt, von dem
in der das Problem des Endes der Geschichte exponiert werden kann. her die Zeidichkeit der Weltgeschichte abgeleitet werden kann. Die Geschichts­
Dazu ist anzuknüpfen an den letzten Satz der Anmerkung zur Vorrede der philosophie sowie ihr Kritiker Lowith haben merkwürdigerweise weder von
zweiten Auflage der K. d. r. V. (B XLI). Sie bezieht sich auf das in der 2. Aufl. Husserls noch von Heiddeggers Analyse der Zeit Kenntnis genommen. Das gilt
eingefügte Kapitel "Widerlegung des Idealismus", das zeigen soll, ,,wie , das auch für ,die einzige Untersuchung, die in den letzten Jabren dem P.roblem der
BewuBtsein meines Daseins in der Zeit mit dem BewuBtsein eines Verhaltnisses Zeit der Geschichte gewidmet wurde, Rich. Schaefflers umfangreiches Werk über
zu etwas auBer mir identisch verbunden ist" (S. XL). Diese Anmerkung schlieBt: ,,Die Struktur der Geschichtszeit", in dem zwar ausführlich die ersten Teile
,,Das Wie? laBt sich hier eben so wenig weiter erklaren, als wie wir über­ von Heideggers Analyoik des Daseins erortert werden, nicht aber die Unter­
haupt das Stehende in der Zeit denken, dessen Zugleichsein mit dem Wechselnden suchungen der Temporalitat und die Ableinung der Zeit der Weltgeschichte aus
den Begriff der Veranderung hervorbringt". Mit der Rede von dem "BewuBt­ der z-eidichen Struktur des Daseins.
sein meines Daseins in der Zeit" ist das BewuBtsein meiner selbst seiner Form An diese Untersuchungen ist also anzuknüpfen, um die Frage nach der Zeit
nach bezeichnet, und das sagt, hinsichdich der Zeit ,als der ,,Form des inneren der Geschichte wenigstens in ihren Grundzügen zu beantworten. Es konnen
Sinnes", das ist der Weise des Anschauens unserer selbst und unseres inneren daher Husserls und Heideggers Zeitanalysen nicht in ihrem gesamten Zusam­
Zustandes. Wir sind uns seiner als eines Nacheinander unserer Vorstellungen menhang erortert, sondern nur diejenigen Gedanken aus ihnen herausgehoben
bewuBt. Als diese Form des Nacheinander hat die Zeit nur eine Dimension, die werden, die für die Klarung des Problems der Geschichtszeit von Bedeutung
im Bilde der Linie darstellbar ist. Diese Form ist die Bedingung jeder moglichen sind. Inwiefern ergibt sich aus Husserls Analyse, daB der Grund der Moglichkeit
Bestimmung und Unterscheidung des Zeitinhaltes als eines beharrenden oder eines BewuBtseins des Nacheinander unserer Vorstellungen sehr wohl einer
wechselnden und sich verandernden, sowie als eines gleichzeitigen oder nach­ Befragung zuganglich �st? Der Ansatz hierzu liegt in Husserls Aufweisung des
einander erfolgenden. Kants weitere Fragen nach der Zeit beziehen sich nur auf
retentionalen BewuBtseins: Wir erfahren jederzeit, das ,,Zurücksinken" des
diese Bestimmungsmoglichkeiten des Zeitinhaltes innerhalb ihrer als der aprio­ jetzt BewuBten in das ,,Soeben", das als solches noch für eine kurze Spanne
rischen Form. Das Wie? wird als ein nicht weiter befragbar,es hingenommen, behalten ist, so daB es bekanntlich moglich ist, z. B. einige bereits erklungene
und diese Gegebenheit der Form des Nacheinander unserer Vorstellungen als Glockenschlage noch ,,nachzuzahlen". In diesem Zurücksinken in das Soeben,
letzte Tatsache festgestellt. Damit hat sich aber Kants Begriff von der Zeit dessen wir uns bewuBt sind, liegt die Wurzel der Unterscheidung von ,,gegen­
grundsatzlich in ,dem Rahmen gehalten, der bereits durch die aristotelische Zeit­
wartig" un.d ,,gewesen". Im Soebcn entgleitet uns das jeweils jetzt IlewuBte.
analyse abgeste ckt war, so daB die philosophische Frage nach der Zeit von
BewuBtsein ist also nicht jeweils ein punktuelles BewuBtsein von Prasenz, eine
Aristoteles bis Kant und wohl auch Hegel grundsatzlich keinen Schritt weiter
getan hat - abgesehen von einem Ansatz in Augustinus' Confessiones, der 12 Vorlesungen zur Phanomenologie des inneren ZeitbewuBtseins, hg. von Heidegger,
aber geschichtlich wirk,ungslos geblieben ist und nicht als philosophisches Pro­ Jhrb. Hir Philosophie und Phanom. Forschg., XI, 1928; kricische Neuausgabe in
blem verstanden wurde. ,,Husserliana" Bd. X, 1966.
schichte. Das Denkwürdige wird aufbewahrt, nicht im Inneren der Gemüter; schon daseienden Tatsachen werden daraufhin befragt: Wohin führen sie, was
es ist sinnenfallig da, in den Reden und Liedern, oder leibhaft verkorpert in ermoglichen und was verschlieBen sie an Moglichkeiten für unser Handeln?
den Denkmalern, die etwa an eine gründende und eine Verpflichtung stiftende Dieser teleologische Sinn dieses Geschehens ist also nicht etwas erst nachher von
Macht erinnern. In diesem Sinne sagt Dilthey: ,,Geschichte ist Erinnerung", und auBen Herangebrachtes, sondern er liegt darin, daB das vergangene Geschehen
die Struktur der Erinnerung kann AufschluB geben über die Struktur der Zeit mit seinen jetzt daseienden Resultaten das ist, inmitten dessen wir zu handeln
der Geschichte. Die Erinnerung vergegenwartigt nicht alles und jedes, das einmal haben.
gewesen ist, sondern in erster Linie das, was als von Bedeutung im gegen­ Wie ist danach die Kontinuitat der Geschichte zu begreifen? Als die Einheit
wartigen Leben gilt und das heiBt, als der Sinnerfüllung dienend, nach der es des Geschehens, so wie sie jederzeit in der Besinnung auf die Moglichkeiten
strebt. Die Erinnerung macht also sozusagen Sprünge. Was hilft ihr auf die des Handelns in seiner Situation im Rückgang auf die Bedingungen, unter denen
Sprünge? Eben dieses Absuchen der jeweils gegebenen Situation, die aus Bedin­ sie diese geworden ist, erst immer wieder hergestellt wird, aus welchem Grunde
gungen so geworden ist, die im Gewesenen angelegt sind. Sie wird abgesucht auch die Geschichte immer wieder einmal neu geschrieben werden muB. Es gibt
daraufhin, wie uns dieses schon Daseiende Mi:iglichkeiten gegenwartigen Han­ nicht für unsere Erfahrung zuerst das Geschehen in seinem sinnlosen Nach­
delns gibt oder verschlieBt, was es für die Führung unseres Lebens jetzt und hier einander, in dem wir uns nachtraglich finden, sondern seine Vorstellung als
bedeutet. Dieses Denkwürdige ist es, was zu behalten und in der Erinnerung Nacheinander mit meBbarem zeitlichem Abstand ist immer zugeordnet auf
zu vergegenwartigen gesucht wird. Wenn aber in dieser Weise Geschichte sich in eine jeweilige Gegenwart hin, von der her die erinnernde Besinnung ,, Wie ist es
Erinnerung konstituiert, und wenn die Erinnerung Sprünge macht, so folgt so gekommen?" zurückgeht. Jede Chronologie hat Bezug auf eine Gegenwart
daraus für die Zeit der Geschichte, da/J sie nicht die Form eines kontinuierlichen und ihren Abstand zu einem für diese Gegenwart als maBgeblich festgestel!ten
Geschehens als eines Nacheinander des Erfolgens in lückenloser Kausalitat ist. erinnerten Ereignis.
J. Lohmann hat darauf hingewiesen, daB der Gedanke der lückenlosen Reihe Was folgt daraus für den Sinn der Rede vom Ende der Zeit? Die Anti­
der causae efficientes ein spater, erst in der Stoa entwickelter ist 16• Die alten nomie von Ende und Endlosigkeit der Zeit und damit des Geschehens in der
Historiker fragten nicht nach der attÍa im Sinne der c ausa efficiens, sondern Zeit ergibt sich erst, wenn sozusagen dogmatisch Zeit als Form eines an sich
als nach dem, was etwas verschuldet hat. Die Analyse des Zufalls in der aristo­ abrollenden Geschehens miBverstanden wird. Aber auch wenn sie kritisch auf
telischen Physik kann dies bestatigen. Es gibt für Aristoteles keine lückenlose die Form der Erscheinungen reduziert wird, kann zwar die Idee eines Endes
Reihe der ahtm. Die Frage nach der Zeit der Geschichte ist also nicht die aller Dinge als eine Idee der praktischen Vernunft erwiesen werden, aber die
Frage ,, Wie wird aus dem Geschehen Geschichte?" - als oh für unsere Erfahrung Beziehung dieser Idee auf das Handeln, insofern als es als solches seine Wir­
zuerst der lückenlose Zusammenhang eines kausalen Geschehens ware, vor­ kungen in der sinnlichen We!t hat, kann nicht hergestellt werden, weil die Zeit
gestellt in dem Nacheinander unserer Vorstellungen, und es dann darauf an­ der Geschichte nicht darin aufgeht, Forro der Vorstellung eines kontinuierlichen
kame, die Kriterien dafür zu finden, was daraus als Geschichtstatsache aus­ Nacheinander gemaB der Kategorie der Kausalitat zu sein. Was Zeit ist, er­
gewah!t und relevant wird. Es ist vielmehr umgekehrt zu fragen - eine Art schlieBt sich primar nicht im denkend-vorstellenden Verhalten, sondern nur
Kopernikanischer Wendung - wie kommt es von der ursprünglichen Erfahrung sofern dieses das Denken eines handelnden Wesen ist. Nur in bezug darauf ist
von Zeitlichkeit unseres Daseins in der Welt zur Vorstellung der lückenlosen zeitliche Form und Zeitbestimmung moglich und nicht dadurch, daB das durch
Zeitreihe als der Form eines gemaP der Kategorie der Kausalitat vorgestellten die Sinne Gegebene sich einer gegebenen apriorischen Form des Nacheinander
Ablaufs eines kontinuierlichen Geschehens? Diese Ableitung hat bereits Husserl einfügt.
in seiner Zeitanalyse durchgeführt, und Heidegger hat daraus die Konsequenzen Wo ereignet sich demgemaB das Ende der Geschichte, wenn seiner Vorstel­
für die Frage nach der Zeit der Weltgeschichte gezogen. Die Kontinuitat der lung - und das bleibt bestehen - keine objektive Realitat entspricht, weil
Geschichte, so wie wir sie als Geschichte erfahren, beruht also nicht in der Kon­ sowohl Ende wie Endlosigkeit keine Gegenstande moglicher Erfahrung sind?
tinuitat eines lückenlosen Kausalgeschehens, einer ,,Universalzeit" (Schaeffler), Dazu ist zu sagen: So wie die Geschichte ihre Kontinuitat und Einheit nicht
der die Geschichtszeit eingeordnet ware, sondern sie beruht in ihrer Finalitat, i n si eh hat, weil es Geschichte nur durch das Handeln der Menschen gibt,
die aber nicht die Finalitat einer gottlichen Vorsehung ist, sondern über die in und weil ihre Kontinuitat jeweils immer neu hergestellt wird, dort wo das
der Freiheit des Handelns entschieden wird. Die in der Situation gegebenen, Handeln das Vergangene auf das künflig zu Verwirklichende bezieht, kann
16 " Vom ursprünglidien Sinn der Aristotelischen Syllogistik", Lexis II, 2, insbes. S. 225, über das Ende als Sinn und Ziel des Geschehens nur jeweils im Ereignis des
und .Das Verhaltnis des abendlandisdien Mensdien zur Sprache", Lexis III, 1, Handelns entschieden werden. Die Erwartung, von der solcher Ausgriff auf
s. 18 ff. das Künftige geleitet ist, kann dort, wo er zum Wagnis des Widerstandes gegen