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V1: Gegenstandsbestimmung / Grundbegriffe

1. Gegenstandsbestimmung / Grundbegriffe
1.1. Allgemeines
1.2. Grundrelationen im Satz und ihre Darstellung
1.2.1. Konstituenz und Konkomitanz/Dependenz
1.2.1.1. Konstituenz
1.2.1.2. Konkomitanz/Dependenz
1.2.2. Zum Verhältnis von Konstituenz und Dependenz
Literatur

1.1. Allgemeines
Bußmann (1990) führt zur Syntax aus:

(1) Teilbereich der Semiotik (auch: Syntaktik), der sich mit der Anordnung und
Beziehung von Zeichen beschäftigt, wobei abstrahiert wird von den
Beziehungen des Sprechers zu den Zeichen (vgl. Pragmatik) sowie von den
Relationen der Zeichen zu ihrer Bedeutung und zur außersprachlichen
Wirklichkeit (vgl. Semantik).

(2) Teilbereich der Grammatik natürlicher Sprachen (auch: Satzlehre): System


von Regeln, die beschreiben, wie aus einem Inventar von Grundelementen
(Morphemen, Wörtern, Satzgliedern) durch spezifische syntaktische Mittel
(Morphologische Markierung, Wort- und Satzgliedstellung, Intonation u.a.)
alle wohlgeformten Sätze einer Sprache abgeleitet werden können. Die
syntaktische Beschreibung beruht auf spezifischen Methoden der
Satzanalyse, vgl. Operationale Verfahren (wie Umstellprobe, Ersatzprobe)
und Kategorienbildung (wie Satztypen, Satzglieder). Die Grenzen zu
anderen Beschreibungsebenen, insb. zu Morphologie und Semantik sind
fließend, ihre Präzisierung ist daher theorieabhängig.

Die Definitionskomponenten geben wichtige Vorgaben für die Gestaltung der


Vorlesung:

a) Grammatik/Syntax dient der Beschreibung von Regeln (ist ein System


von Regeln)

Szatmári Petra 2015 (2017) 1


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b) Syntax muss alle wohlgeformten, d.h. korrekten Sätze einer


natürlichen Sprache erzeugen können (was zugleich bedeutet sie darf
keine inkorrekten Sätze erzeugen)

c) Syntax operiert auf Grundelementen (woraus sich die (enge)


Verbindung zur Morphologie und zum Lexikon ergibt)

d) Syntax operiert mit Kategorien

e) Syntax wendet zur Satzanalyse spezifische Methoden (operationale


Verfahren/Tests) an.

(Einige Bereiche werden ausführlicher behandelt, andere spreche ich im


Rahmen dieser Vorlesungsreihe nur kurz an.)

Eine Grammatik als Beschreibung der Regeln, die dem Sprachgebilde


innewohnen, wird als beschreibende oder deskriptive Grammatik bezeichnet.
Beschreibende Grammatiken haben – im Rahmen ihrer gesteckten Ziele –
vollständig zu sein und die sprachlichen Fakten darzustellen (nicht zu
bewerten!). Auf den Ergebnissen der deskriptiven Grammatik beruht die
normative Grammatik. Normative Grammatiken greifen Bereiche der
Unsicherheit, neuralgische Punkte des Sprachgebrauchs heraus, legen dem
Sprachbenutzer bestimmte Varianten nahe und warnen ihn vor anderen.

Der Aufbau einer Grammatik kann sich wahlweise an zwei entgegengesetzten


Darstellungsweisen orientieren: Sie kann von den kleinsten Elementen der zu
beschreibenden Sprache ausgehen und zu zunehmend größeren aufsteigen (=
aszendente Darstellungsweise) oder umgekehrt, von den größten Einheiten (Satz
oder Text) ausgehend zu den kleinen Einheiten hinabsteigen (= deszendent).1

1
Vor allem strukturalistische Grammatiken gehen deszendent vor.

Szatmári Petra 2017/2018 2


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a d Laut, Phonem > Phonetik/Phonologie


s e
z s
e z Wort, Wortform >Morphologie/Lexikologie
n e
d n
e d Satz > Syntax
n e
t n
t Text > Textgrammatik/Textlinguistik
Häufig werden die Termini Syntax und Grammatik gleichgesetzt. Der Terminus
Syntax stammt aus dem Griechischen (syn-taxis) und heißt ursprünglich
„Zusammensetzung“ oder „Anordnung“. Demzufolge kann Syntax zunächst
aufgefasst werden als Anordnung/Kombination von Wörtern/Lexemen zu
Sätzen. Dies ist eine engere Lesart der Syntax.

Die weitere Lesart identifiziert die Syntax mit dem semiotischen Begriff
Syntaktik, der sich generell auf die Zusammenstellung von Zeichen bezieht.
Damit ist die Ausweitung der Kernbedeutung der Syntax (= engere Lesart =
Kombination von Wörtern zu Sätzen) verbunden, wodurch der Terminus Syntax
auf alle Beschreibungsebenen der Formseite des sprachlichen Zeichens bezogen
wird und somit folgende Unterteilung erfährt:

Phono-Syntax: als Lehre vom Inventar an Lauten als den kleinsten


bedeutungsunterscheidenden Einheiten und deren mögliche Verbindbarkeit
zu Silben.

Morpho-Syntax: als Lehre vom Inventar an Morphemen als den kleinsten


bedeutungstragenden Einheiten und deren mögliche Verbindbarkeit zu
Wörtern.

Wort-Syntax: als Lehre vom Inventar an Wörtern und deren mögliche


Verbindbarkeit zu komplexen Ausdrücken unterhalb der Satzgrenze und zu

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Sätzen. (Demnach ist die sog. Wort-Syntax die Ebene, die uns bei der
Betrachtung der Syntax in erster Linie interessiert.)

Text-Syntax: als transphrastische2 (= satzübergreifende) Syntax, die sich mit den


kombinatorischen Prozessen und Regeln oberhalb der Satzgrenze befasst.

Die Syntax als Teilgebiet der Sprachwissenschaft steht nach einer anderen
Auffassung dem Lexikon gegenüber, denn das Lexikon enthält die Elemente
(Lexeme), die zu Sätzen kombiniert werden. Bedeutung und Identität der
Lexeme sind jedoch ohne Berücksichtigung ihrer Kombinationsmöglichkeiten
nicht feststellbar, wie an folgendem Beispiel demonstriert werden soll.

das Auge, -n (‚Sehorgan des Menschen und der Tiere)


Er hat große Augen.
Er macht große Augen. (‚staunen’)
Er öffnete endlich die Augen.
Er öffnete ihr endlich die Augen. (‚aufklären’)
Er schloss die Augen.
Er schloss die Augen für immer. (‚sterben’)
das Auge des Gesetzes (= Polizei)

Es wird deutlich, dass die Grenze zwischen Grammatik und Lexikon nicht
scharf zu ziehen ist.3 Syntaktische Regeln sind eng mit der Semantik verbunden,
denn es geht ja auch immer darum, dass die Syntax wohlgeformte (sprich:
korrekte) Zeichenkombinationen beschreibt. Aus diesem Grunde ist sie letztlich
auch auf die Bedeutung gerichtet.4

Allerdings ist die syntaktische Struktur eines Satzes nicht gleichzusetzen mit der
Bedeutung eines Satzes. Die syntaktische Struktur eines Satzes kann z.B.
mehrdeutig sein, was zu unterschiedlichen Interpretationen des Satzes führt, vgl.

2
trans.. + grch. phrastikos ‚dem Ausdruck dienend’
3
Nach Heringer (1996) behandelt Grammatik „das Generellere, Regelhaftere, Konstantere, das Universellere, im
Lexikon findet sich das Speziellere, das Idiosynkratischere, das Flexiblere, das Spezifischere”.
4
Chomskys Beispiel „Farblose grüne Ideen schlafen wütend.” Zitiert nach Eroms 2000: 56) ist nicht aus
syntaktischen Gründen schwer akzeptabel.

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Er beobachtet die Frau mit dem Fernglas.


→ (a) Welche Frau? – die mit dem Fernglas (= Attribut)
→ (b) Wie/Womit beobachtet er die Frau? – mit dem Fernglas
(= Instrument)

Korrekte Sätze einer natürlichen Sprache sind aus den Grundelementen des
Lexikons aufgebaut, die nach bestimmten Regeln – also nicht beliebig – zu
einem Satz kombiniert werden.

Diese Grundelemente sind als sprachliche Zeichen in zweifacher Beziehung in


das System eingebunden: Sie gehen syntagmatische und paradigmatische
Beziehungen ein.5

der Ball der Kinder, der Kittel der Krankenschwester, der Oma gratulieren

Syntagmatisch bezieht sich auf mögliche Bindungen des sprachlichen Zeichens


in horizontaler Richtung, im Nacheinander mit anderen sprachlichen Zeichen.
Es handelt sich somit um eine von links nach rechts geordnete Kombination in
einem zeitlichen bzw. räumlichen Rahmen.

Diesen syntagmatischen Beziehungen stellt de Saussure assoziative


Beziehungen gegenüber. Außerhalb des (gesprochenen) Satzes – so de Saussure
– assoziieren sich die Wörter, die irgendetwas unter sich gemeinsam haben, im
Gedächtnis. Heute wird statt assoziativ die Bezeichnung paradigmatisch
verwendet.

Paradigmatische Beziehungen (grch. Paradigma ‚das Beispiel’, ‚das anstelle


von etwas Gezeigte’) wirken in vertikaler Richtung. Dabei geht es darum, dass
die Zeichen, die an einer bestimmten Position oder in einer bestimmten Funktion
in Äußerungen auftreten, auf alle Zeichen verweisen, die an derselben Position
bzw. in derselben Funktion stehen können. Solche Zeichen sind Vertreter einer
5
Diese Einsicht geht auf den Begründer des Strukturalismus den Genfer Sprachwissenschaftler Ferdinand de
Saussure („Cours de linguistique générale“ 1916, postum) zurück. Er spricht von „Anreihungen und
Syntagmen“, die auf dem linearen Charakter der Sprache beruhen, dadurch erhalt ein Glied seinen Wert, wenn es
in einer Anreihung bzw. Syntagma aufscheint, dadurch, dass es dem vorausgehenden oder dem nachfolgenden
oder beiden gegenübersteht.

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Paradigmaklasse. Semantische und grammatische Paradigmenklassen können


unterschieden werden. Semantische Paradigmen enthalten Elemente, die
aufgrund ihrer semantischen Eigenschaften dieselbe Funktion oder Position in
einem Syntagma einnehmen, vgl.
Karin musiziert.
arbeitet.
spielt.
(Paradigmaklasse: intransitive Verben, d.h. sehr
abstrakte sem. Merkmale können eine Rolle bei der Zuordnung
spielen)

Maria Gemüse.
DieTochter von Doris kauft einen Salat.
Frau isst Torte.
………………………………………………………………..……….
Der Nachbar isst Torte.
Das Kind

Ein Paradigma besteht somit aus austauschbaren Elementen in gleich bleibender


Umgebung (= Distribution). Paradigmen als Klassen können extensional (durch
Aufzählung in Listenform) oder intensional (durch Charakterisierung auf der
Basis gemeinsamer Merkmale) definiert werden.6

Ein Element – ein Wort, ein Satz usw. – wird nur dann hinlänglich (zureichend)
beschrieben, wenn seine Syntagmatik und Paradigmatik dargelegt werden.

M.a. W.: im syntagmatischen Bezug gilt „ sowohl-als auch“ (d.h. es wird kombiniert)

im paradigmatischen Bezug ein „entweder- oder“….

DIE Beispiele zeigen – jedes Wort:

auferlegt seiner Umgebung Restriktionen/Einschränkungen, d.h. es ist nicht


völlig frei kombinierbar.

verlang z. B. weitere Elemente

lässt andere unter bestimmten Bedingungen zu bzw.


6
Mit anderen Worten gilt im syntagmatischen Bezug ein „sowohl-als auch“ (d.h. es wird kombiniert) und im
paradigmatischen Bezug ein „entweder-oder“ (d.h. es wird ausgeschlossen/exkludiert).

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schließt andere aus

Vorkommenrestriktionen (nach Tesniére) Konnexionen

Konnexionen = nach Engel (1994)geregelte VORKOMMENSRELATIONEN


…..

1.2. Grundrelationen im Satz und ihre Darstellung

Zwischen den Wörtern, die zu einem Satz kombiniert werden, bestehen


bestimmte Grundrelationen. Für die sprachlichen Elemente lässt sich nämlich
angeben, ob sie

(a) miteinander vorkommen müssen


(b) zusammen vorkommen können oder
(c) nicht miteinander vorkommen.
Als Beispiele könnte man anführen (a) Hund – bellen7, blond – Haar; (b) Hund –
ziehen; (c) das Helbig’sche Beispiel Er stirbt manchmal. (manchmal drückt
Frequentativität aus, sterben dagegen ist ein punktuelles Verb).

Die Beispiele zeigen, dass jedes Wort seiner Umgebung


Restriktionen/Einschränkungen auferlegt, d.h. es ist nicht völlig frei
kombinierbar. Es verlangt z.B. weitere Elemente, lässt andere unter bestimmten
Bedingungen zu bzw. schließt andere aus. Solche Vorkommensrestriktionen
werden in Anlehnung an Tesnière Konnexionen genannt. Konnexionen sind
nach Engel (31994) geregelte Vorkommensrelationen.

Je nachdem wie dieser Konnexionsteil in den Grammatiken aufgebaut ist,


können die beiden wichtigsten konkurrierenden Prinzipien Konstituenz und
Konkomitanz unterschieden werden.

1.2.1. Konstituenz und Konkomitanz/Dependenz

7
In diesem Sinne lassen sich auch die von Coseriu (1967) erwähnten lexikalischen Solidaritäten hier
einordnen. So kommt z.B. das Verb „bellen” in unmittelbarer Nähe zum Nomen „Hund” vor, mit Coserius
Worten: das Nomen Hund ist mit dem Verb bellen solidarisch. Diese lexikalischen Solidaritäten stellen keine
hierarchischen Beziehungen dar, d.h. es lässt sich nicht sagen, dass das Nomen Hund das Verb bellen
regiert/fordert oder umgekehrt.

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1.2.1.1. Konstituenz

Die Organisation des Konnexionsteils nach dem Prinzip der Konstituenz liegt
der sog. Konstituentenstrukturgrammatik/Phrasenstrukturgrammatik, auf die die
generative Grammatik beruht (vgl. Chomsky), zugrunde.

Konstituenz stellt Konnexionen mithilfe der Teil-Ganzes-Relation dar, d.h.


zwischen 2 und mehr Elementen besteht die Relation „besteht aus“. Die
Zerlegung des Satzes ergibt einfachere und komplexe Gliederungseinheiten, die
als Konstituenten bezeichnet werden. Es wird das Verhältnis einer Konstituente
zu ihrer Oberkategorie beschrieben. Die höchste Oberkategorie ist der Satz, mit
dem Kategoriensymbol ‚S’ versehen. Das bedeutet, dass der Satz das höchste
Element einer hierarchisch-syntaktischen Struktur ist. Wird nun ein Satz in die
längsten Folgen, in die man ihn sinnvoll zerlegen kann, aufgeteilt, erhält man
die unmittelbaren Konstituenten. Die werden wiederum in ihre unmittelbaren
Konstituenten, den Unterkonstituenten, zerlegt, bis zuletzt nur noch einzelne
Wörter als die kleinsten von der Syntax analysierten Einheiten übrig bleiben.
Mehrteilige Konstituenten benennt man nach ihrer zentralen Wortart als Phrase,
vgl. Nominalphrase, Präpositionalphrase usw.

Die Zerlegung erfolgt immer binär. Diese Methode, d.h. die Analyse in
unmittelbare Konstituenten, wird auch IC-Analyse (”immediate constituent
analysis“) genannt.

Bei dieser Analyse kann ein einzelnes Element mehrmals aufscheinen, z.B. die
NP.

Das Ergebnis der Analyse kann graphisch auf verschiedene Art und Weise
festgehalten werden:

(a) als Kastendiagramm


(b) als Klammerung
(c) als Baumgraph

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(a) Kastendiagramm (Beispiel nach Grewendorf/Hamm/Sternefeld 31989: 156)

Karl liest ein Buch


Karl | liest | ein Buch
Karl | liest | ein Buch
Karl | liest | ein | Buch

S
NP | VP
NP | V | NP
NP | V | Det | N
Karl | liest | ein | Buch

(b) Klammerung

[ [Karl] [[liest] [[ein] [Buch]] ]

Die Klammerung kann weiter durch Subskripte (skriptum = s Geschriebene)


angereichert werden. Diese dienen zur Bezeichnung der jeweiligen Konstituente.
Das sind sog. indizierte (oder: etikettierte) Klammerungen:8

[ [Karl]NP [[liest]V [[ein]Det [Buch]N]NP ]

(c) Baumgraph (Strukturbaumform)

In der Konstituentenstrukturgrammatik (oder auch Phrasenstrukturgrammatik


oder auch Taxonomische Grammatik)9 wird der Satz mithilfe von
Phrasenstrukturregeln (PS-Regeln) beschrieben. Diese Regeln sind
Anweisungen für den sukzessiven (= allmählichen) Aufbau von Sätzen. Diese
Regeln werden mittels Pfeilnotationen notiert, wobei der Pfeil im Sinne der Teil-
8
Index, Indizes = Kenn-, Unterscheidungsziffer, tiefer gestellt nach dem Buchstaben
9
Dabei handelt es sich um einen Grammatiktyp des amerikanischen Strukturalismus. Von der
Transformationsgrammatik wird der gesamte amerikanische Strukturalismus mit dem Oberbegriff
Taxonomische Grammatik zusammengefasst. Taxonomie (grch. Taxis = Ordnung) ist allgemein ein Verfahrem
zur Erstellung von Ordnungsschemata für die Einordnung von Einzelphänomenen. Taxonomisch wurde der
amerikanische Strukturalismus wegen seiner Grundoperationen, die in Segmentierung (Zerlegung) und
Klassifizierung der so erhaltenen Teile bestanden, bezeichnet.

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Ganzes-Relation zu lesen ist als „besteht aus“/„kann ersetzt werden durch“: Es


handelt sich dabei um folgende 3 Phrasenstrukturregeln (in Form von
Ersetzungsregeln):

S → NP VP
NP → D N
VP → V NP
Die Regeln dieser Minigrammatik werden ergänzt durch lexikalische oder
terminale Regeln. Terminal deshalb, weil diese eine Ableitung beenden, denn
sie kommen nicht auf der linken Seite einer Ersetzungsregel vor. Lexikonregeln
geben an, welche sprachlichen Zeichen zu welcher Klasse linguistischer
Einheiten gehören, vgl.

D → ein
N → Karl, Buch
V → liest
Da sich diese Regeln theoretisch immer wieder auf sich selbst anwenden lassen,
d.h. rekursiv sind, können mit solchen rekursiven Regeln im Prinzip unendlich
viele Sätze erzeugt (generiert) werden.

Um die Hierarchien der Konstituenten deutlicher erkennbar zu machen, können


die Zusammenhänge durch Baumgraphen dargestellt werden:

NP VP

V NP

Det N

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Karl liest ein Buch


(Diese Darstellung stammt aus der Mathematik.) Die Wörter werden abstrakt
durch Kategoriensymbole dargestellt. Die Verbindungslinien werden als Kanten
oder Äste bezeichnet. Die Verzweigungspunkte nennt man Knoten. Die
Baummetapher bewirkt dann weiter, dass der S-Knoten Wurzel und die Wörter
an einem nicht-verzweigenden Ast Blätter genannt werden. In der
linguistischen Literatur werden die Bäume üblicherweise „verkehrt herum“
repräsentiert.

Als entscheidende Kennzeichen der Konstituenz lassen sich festhalten:

1. Sie ist eine Teil-Ganzes-Relation. Damit folgt sie einer seit Aristoteles
tradierten Regel, die besagt, dass ein Satz aus 2 Hauptteilen besteht,
nämlich dem Satzgegenstand und was darüber ausgesagt wird (=Subjekt
und Prädikat).

2. Sie stellt den Satz in seiner Linearität dar. Der Satz wird als Wortkette
abgebildet, deren Teile, die durch Einteilung gewonnen wurden,
gleichwertig sind.

1.2.1.2. Konkomitanz/Dependenz

Wenn wir den gegebenen Satz Karl liest ein Buch. hinsichtlich seiner geregelten
Vorkommensrelationen analysieren, können wir festhalten, dass Karl und Buch
vorkommensmäßig mit liest auftreten können. Das lässt sich durch ein
Diagramm darstellen. Darin werden die einzelnen Elemente mit Symbolen
beschrieben (V – liest; Esub – Karl; Eakk – ein Buch), dadurch bekommen wir
folgende Beziehung/folgendes Konkomitanzdiagramm:

Karl liest ein Buch


Esub − V − Eakk

Ein Konkomitanzdiagramm enthält also nur simultan auftretende Elemente, die


auch nur einmal repräsentiert werden. Zwischenkategorien, wie z.B. NP, fehlen

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im konkomitanziellen Diagramm. (Implizit sind diese Zwischenkategorien auch


im konkomitanziellen Diagramm auffindbar: Jedes Nomen mit seinen
abhängigen Elementen bildet eine Nominalphrase).

Ein Konkomitanzdiagramm enthält häufig nur „präterminale“ Kategorien, d.h.


für jedes Symbol kann nur noch das Endelement (meist das Wort) eingesetzt
werden.

Die Anordnung der Elemente im Konkomitanzdiagramm ist in der Vertikalen


verbindlich gerichtet. Bestimmten Elementen wird der höchste oder ein höherer
Platz zugewiesen, andere werden tiefer angesetzt. Dabei werden die höheren
Kategorien als regierende und die tieferen als regierte/abhängige/dependente
bezeichnet. Diese vertikale Ordnung der Konkomitanz hängt eng mit dem
Prinzip der Dependenz zusammen, das (nach manchen schulpraktischen
Vorläufern) vor allem von Lucien Tesnière in die moderne Grammatik
eingeführt wurde. Das dependenzielle Verfahren kann durch die Umwandlung
des Konkomitanzdiagramms in ein Dependenzdiagramm veranschaulicht
werden, vgl.

Konkomitanzdiagramm: Esub − V − Eakk


Dependenzdiagramm:
V (Esub Eakk)

Esub Eakk

liest (Esub Eakk)

Karl ein Buch

Der Satz ist demzufolge eine hierarchische Struktur, die aus verschiedenen
Stufen besteht. Auf jeder Stufe wird ein Element als dominierendes/regierendes,

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als Regens, betrachtet, von dem die anderen Elemente, die Dependentien,
abhängig sind. Die dependenzielle Struktur des Satzes kann durch einen
Baumgraphen veranschaulicht werden. Dabei drücken die Kanten des
Dependenzbaumes Abhängigkeitsrelationen aus.

Nach Engel liegt Dependenz dann vor, „wenn Konkomitanz in eine bestimmte
(vertikale) Richtung gebracht wurde“, m.a.W. Dependenz ist gerichtete
Konkomitanz (Engel 31994: 28).

Diese Richtung ist allerdings nicht naturgewachsen oder durch die Sprache
gegeben, sondern eine willkürliche Entscheidung des Grammatikers. Und in der
Dependenzgrammatik wurde entschieden, dass dem Verb der höchste Platz im
Diagramm zukommt.

Kennzeichen der Konkomitanz/Dependenz sind also

1. Ausgangspunkt der Satzanalyse ist das Verhältnis der Konstituenten eines


Satzes zueinander. Es wird beschrieben als Abhängigkeitsverhältnis, d.h.
als Verhältnis zwischen Regens und seinen Dependentien.

2. Oberkategorien wie S, NP, VP sind in der dependenziellen Schreibweise


nur implizit vertreten und erscheinen nicht im Baumgraphen.

1.2.2. Zum Verhältnis von Konstituenz und Konkomitanz/Dependenz

Wenn eingangs festgestellt wurde, dass Konstituenz und


Konkomitanz/Dependenz konkurrierende Prinzipien sind, so bedarf diese
Aussage einer Präzisierung, denn es gibt unterschiedliche Auffassungen darüber,
ob es sich bei Konstituenz und Konkomitanz/Dependenz um komplementäre
oder alternative Prinzipien zur Darstellung des Basisteils einer Grammatik
handelt.

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Während Engel (1974: 58) und Vater (1994: 119) sie als sich gegenseitig
ausschließende Alternativen ansehen,10 hält z.B. Heringer (1996) (so auch
bereits Baumgärtner 1970: 53ff.) sie für komplementäre Darstellungsweisen.11

Uzonyi (1996: 125) argumentiert ebenfalls dafür, dass die beiden Verfahren sich
eher komplementär verhalten und sich eine „Konvergenz in der Entwicklung der
Theorien, die sie verwenden, erkennen lässt“. Er unternimmt den Versuch, beide
Theorien ineinander zu überführen, d.h. Abhängigkeitsdiagramme in
Konstituentendiagramme umzuwandeln.12 Dabei zeigt er auf, welche
zusätzlichen Informationen notwendigerweise hinzugefügt werden müssten,
damit eine Konversion in die andere, bestimmte Ambiguitäten besser erklärende
Variante erfolgen kann.13 Z.B. ist die Projektivität, d.h. die Abbildbarkeit auf der
Horizontalen im Dependenzdiagramm nicht gegeben, den es gibt die Wortfolge
der Oberflächenstruktur nicht wider, vgl. (Beispiele bei Uzonyi 1996: 127-128):

schläft
|
Kind
|
das

In der UK-Struktur kann dies aber verdeutlicht werden:

(a) (b)

S S

VP NP NP VP

10
Ágel (1993: 21) ist der Auffassung, dass beide nicht richtig miteinander vergleichbare Forschungsrichtungen
repräsentieren.
11
Dazu heißt es bei Heringer (1996: 28): „Die Tatsache, daß immer wieder dependentielle Teile in
konstitutionellen Syntaxen emuliert werden (und umgekehrt), spricht eher dafür, daß die beiden Ansätze letztlich
Unterschiedliches leisten.”
12
Ähnliches versuchen auch Vater 1975 bzw. Schmidt 1991, vgl. Eroms (2000: 68).
13
Eroms (2000: 68) hebt in diesem Zusammenhang hervor, dass Uzonyi (1996) „zu Recht darauf hin[weist],
dass gerade bei solchen vergleichen und Konversionen bestimmte Informationsdefizite der einen oder der
anderen Theorie deutlich werden“.

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V D N D N V
| | | | | |
Schläft das Kind? Das Kind schläft.

Diese Mangel könnte dadurch behoben werden, dass man die Position angibt,
die das Element in der analysierten Konstruktion einnimmt, vgl.

(a) (b)

schläft1 [V] schläft3 [V]


| |
Kind3[N] Kind2 [N]
| |
das2 [D] das1 [D]

Abschließen sei noch auf Tarvainen (1981) verwiesen, der feststellt, dass keines
dieser Prinzipien allein eine vollständige Strukturbeschreibung leisten könne,
sondern dass in beiden Fällen noch ein Transformationsteil notwendig sei, der
nicht als Spezifikum des einen oder anderen Darstellungsprinzips gelten könne
(Tarvainen 1981: 13).14

Literatur
Ágel, Vilmos (1993): Ist die Dependenzgrammatik wirklich am Ende?
Valenzrealisierungsebenen, Kongruenz, Subjekt und die Grenzen des syntaktischen
Valenzmodells. In: Zeitschrift für germanistische Linguistik 21, 20-70.
Altmann, Hans/Hahnemann, Suzan (1999): Syntax fürs Examen. Studien- und Arbeitsbuch.
Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
Baumgärtner, Klaus (1970): Konstituenz und Dependenz. Zur Integration der beiden
grammatischen Prinzipien. In: Steger, Hugo (Hg.): Vorschläge für eine strukturale
Grammatik des Deutschen. Darmstadt (Wege der Forschung 146), 52-77.
Bußmann, Hadumod (21990): Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart: Kröner.
Coseriu, Eugen (1967): Lexikalische Solidaritäten. In: Poetica 1, 293-303.
Engel, Ulrich (1974): Zur dependentiellen Beschreibung von Nominalphrasen. In: Engel,
Ulrich/Grebe, Paul (Hg.): Sprachsystem und Sprachgebrauch. Düsseldorf, 58-89.
Engel, Ulrich (31994): Syntax der deutschen Gegenwartssprache. Berlin: Erich Schmidt.

14
Welke (1995) formuliert ähnlich, wenn er feststellt, dass Konstituenz im Einzelnen nicht weniger umstritten
sei als Valenz, dass das Theta-Raster (Positionen, an die thematische Rollen verteilt werden, d.h. Subjekt und
Complemente) genau der Prädikat-Argument-Struktur oder Valenzstruktur (Positionen der Ergänzungen)
entspricht. Weiter heißt es bei ihm: „So wie die avancierte generative Grammatik nicht ohne Valenzstruktur
auskommt so kommt eine avancierte Valenzgrammatik nicht ohne Konstituentenstruktur aus“ (Welke 1995:
174).

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Eroms, Hans-Werner (2000): Syntax der deutschen Sprache. Berlin/New York: de Gruyter.
Fischer, Hans Dieter/Uerpmann, Horst ( 31987): Einführung in die deutsche
Sprachwissenschaft. Ein Arbeitsbuch. München: Ehrenwirth.
Grewendorf, Günther/Hamm, Fritz/Sternefeld, Wolfgang (31989): Sprachliches Wissen.
Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Heringer, Hans Jürgen (1996): Deutsche Syntax dependentiell. Tübingen: Stauffenburg
(Stauffenburg Linguistik). Kap.: 1.1.-1.4.
Tarvainen, Kalevi (1981): Einführung in die Dependenzgrammatik. Tübingen: Niemeyer.
Tesnière, Lucien (1980): Grundzüge der strukturalen Syntax. Herausgegeben und übersetzt
von Ulrich Engel. Stuttgart: Klett-Cotta.
Uzonyi, Pál (1996): Wieder einmal zur Kompatibilität von Dependenz und Konstituenz. In:
Jahrbuch der ungarischen Germanistik 1996, 119-138.
Vater, Heinz (1994): Einführung in die Sprachwissenschaft. München: Wilhelm Fink.
Welke, Klaus (1995): Dependenz, Valenz und Konstituenz. In: Eichinger, Ludwig M./Eroms,
Hans-Werner (Hg.): Dependenz und Valenz. Hamburg: Buske, 163-175.
Zifonun, Gisela (1995): Wieviele Valenzrelationen braucht eine Grammatik? In: Eichinger,
Ludwig M./Eroms, Hans-Werner (Hg.): Dependenz und Valenz. Hamburg: Buske, 177-
190.

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