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VERFORMBARKEIT 1

FESTIGKEIT 2
HÄRTE UND ABRIEB 3
POROSITÄT UND WECHSELWIRKUNG MIT FEUCHTIGKEIT 4
HYGRISCHE UND THERMISCHE EIGENSCHAFTEN 5
ELEKTRISCHE UND OPTISCHE EIGENSCHAFTEN 6
STATISTIK 7
23. Oktober 2002, ibwk ETHZ, rmf & stm
Inhaltsverzeichnis

1 VERFORMBARKEIT

1.1 Elastische Verformung unter einachsiger Belastung 7

1.1.1 Definition 7
1.1.2 Mathematische Beschreibung des Spannungs-Dehnungsdiagramms 9
1.1.3 Messverfahren zur Bestimmung des E-Moduls 9
Nach SIA 162.1 Nr. 3 9
Nach Eurocode 2 10
Der statische E-Modul 10
Der dynamische E-Modul 11
1.1.4 Charakteristische Werte 13
1.1.5 Charakteristische Spannungs-Dehnungs-Diagramme von Baustoffen 14

1.2 Querdehnzahl 15

1.2.1 Definition 15
1.2.2 Messmethoden 16
1.2.3 Charakteristische Werte 17

1.3 Schubmodul 17

1.3.1 Definition 17
1.3.2 Messmethoden 18
DIN 53294 18
1.3.3 Charakteristische Werte 19

1.4 Zeitabhängiges Materialverhalten 20

1.4.1 Kriechen 20
Messmethoden 23
1.4.2 Charakteristische Werte 24
1.4.3 Relaxation 24

1.5 Dämpfung 25

1.5.1 Definition 25
1.5.2 Messmethoden 28
1.5.3 Charakteristische Werte 29

2 FESTIGKEIT

2.1 Zentrische Zugfestigkeit 31

2.1.1 Definition 31
2.1.2 Messmethoden 31
Biegezugfestigkeit 32
Spaltzugfestigkeit (Brasilianerversuch) 32
2.1.3 Charakteristische Werte 33

3
2.2 Druckfestigkeit 34

2.2.1 Definition 34
2.2.2 Messmethoden nach SIA 34
2.2.3 Charakteristische Werte 35
2.2.4 Vergleich von Zugfestigkeit und Druckfestigkeit 36

2.3 Dynamische Beanspruchung 36

2.3.1 Dauerschwingfestigkeit und WÖHLERkurve 36


2.3.2 Kurzzeitschwingfestigkeit 36
2.3.3 SMITH-Diagramm 36
2.3.4 Dauerbruch 38
2.3.5 MINER-Regel 39
2.3.6 Kerbschlagversuch 39

2.4 Mehrachsige Festigkeit 41

2.5 Linear elastische Bruchmechanik 41

2.5.1 Das Kriterium von GRIFFITH 41


2.5.2 Einfluss der Probengrössen auf die Festigkeit 44

3 HÄRTE UND ABRIEB

3.1 Härte 49

3.1.1 Definition 49
3.1.2 Messmethoden 49
Härteprüfung nach MOHS 49
Härteprüfung nach BRINELL 49
Härteprüfung nach VICKERS 50
Härteprüfung nach SHORE 50
3.1.3 Charakteristische Werte 51

3.2 Abrieb (Verschleiss) 52

3.2.1 Definition 52
3.2.2 Messmethoden 52

4 POROSITÄT UND WECHSELWIRKUNG MIT FEUCHTIGKEIT

4.1 Porosität 53

4.1.1 Definition 53
Messmethode 55
4.1.2 Charakteristische Werte 55

4
Inhaltsverzeichnis

4.2 Porengrössenverteilung 56

4.2.1 Definitionen 56
4.2.2 Messmethoden 57

4.3 Kapillare Wasseraufnahme 58

4.3.1 Definition 58
4.3.2 Hydrophobierung 60

4.4 Wassereindringkoeffizient B und Wasseraufnahmekoeffizient A 61

4.4.1 Definition 61
4.4.2 Messmethoden 62
Wasseraufnahmekoeffizient A 62
Wassereindringkoeffizient B 63

4.5 Kapillarkondensation 64

4.5.1 Definition 64
4.5.2 Sorptionsisotherme 65

4.6 Wasserdampfpartialdruck 68

4.7 Wasserdampfdiffusion 68

4.7.1 Definitionen 68
4.7.2 Messmethoden für den Permeabilitätskoeffizienten 69
4.7.3 Charakteristische Werte 71

4.8 Dampfleitfähigkeit 71

4.9 Diffusionswiderstandszahl 71

4.9.1 Definition 71
4.9.2 Charakteristische Werte 72

5 HYGRISCHE UND THERMISCHE EIGENSCHAFTEN

5.1 Schwinden und Quellen (Hygrische Verformungen) 77

5.1.1 Kapillarschwinden 77
5.1.2 Trocknungsschwinden 78
5.1.3 Schrumpfen (Chemisches Schwinden) 81
5.1.4 Karbonatisierungsschwinden 81
5.1.5 Endogenes Schwinden 82

5.2 Thermische Verformungen 83

5.2.1 Definition 83
5.2.2 Messmethode 83
5.2.3 Charakteristische Werte 84

5
5.3 Thermische Leitfähigkeit 85

5.3.1 Definition 85
5.3.2 Charakteristische Werte 86

5.4 Spezifische Wärmekapazität 87

5.4.1 Definition 87
5.4.2 Charakteristische Werte 87

5.5 Wärmeeindringzahl 88

5.5.1 Definition 88
5.5.2 Charakteristische Werte 88

6 ELEKTRISCHE UND OPTISCHE EIGENSCHAFTEN

6.1 Elektrischer Widerstand 91

6.1.1 Definitionen 91
6.1.2 Charakteristische Werte 91

6.2 Dielektrizitätskonstante 92

6.2.1 Definition 92
6.2.2 Charakteristische Werte 92

6.3 Permeabilität 93

6.3.1 Definition 93
6.3.2 Charakteristische Werte 93

6.4 Bedeutung der optischen Eigenschaften im Bauingenieurwesen 93

6.4.1 Allgemeine Definitionen 93


6.4.2 Transmissionsgrad 94
6.4.3 Reflexionsgrad 95
6.4.4 Absorptionsgrad 95
6.4.5 Charakteristische Werte 96

6.5 Lichtverteilung 96

6.6 Wärmestrahlung 97

7 STATISTIK

7.1 Definition 99

6
Elastische Ver-
formung unter

1 VERFORMBARKEIT einachsiger Be-


lastung

1.1 ELASTISCHE VERFORMUNG UNTER EINACHSIGER BELASTUNG 1

Verformbarkeit
1.1.1 Definition

Der Elastizitätsmodul (abgekürzt E-Modul) ist definiert als das Verhältnis


der einem Körper aufgebrachten Spannung σ zu dessen elastischer Deh-
nung εel.

F
σ = --- (1.1)
A

σ = Spannung [N/mm2]
F = aufgebrachte Last [N]
A = Querschnittsfläche [mm2]

∆l
ε el = ----- (1.2)
l0

εel = elastische Längenänderung [-]


∆l = Längenänderung [mm]
l0 = Länge des Prüfkörpers ohne Belastung [mm]

∆l

l0

Abbildung 1.1: Schematische Darstellung eines Druckversuches

In der graphischen Darstellung eines Spannungs-Dehnungs-Diagramms ist der E-Modul


die Steigung der Geraden. Er ist ein Mass für die Steifigkeit eines Stoffes, d.h. je grösser
der E-Modul desto steifer ist der Werkstoff.

7
Elastische Ver-

∆σ
formung unter

tan α = ---------- = E
einachsiger Be-
(1.3)
∆ε el
lastung

α = Steigungswinkel
∆σ = Differenz der Spannungen
∆εel = Differenz der elastischen Dehnungen
E = E-Modul

Bei Beton wird der E-Modul in der Regel als Sekantenmodul (Abbildung 1.2) bestimmt.
Nach einer Be- und Entlastung zwischen einer unteren Prüfspannung (Druckspannung im
Probekörper = 0.5N/mm2) und einer oberen Prüfspannung (etwa 1/3 der Würfeldruck-
festigkeit) wird aus dem Belastungsast der E-Modul bestimmt (SIA 162/1).

σ σ

σ
σi
o

σt
3

σu
1
2
ε ε

1 Ursprungstangentenmodul (grösstmöglicher E-Modul) E1


2 Ursprungssekantenmodul E2 = f(σi)
3 Sekantenmodul E3 = f(σo,σu)
4 Tangentenmodul E4 = f(σt)
Abbildung 1.2: Definition der verschiedenen E-Moduli

Bei den meisten Baustoffen handelt es sich bei der Beziehung zwischen σ und ε allerdings
nicht um eine Gerade, sondern um eine Kurve. Dieses Werkstoffverhalten wird als nicht-
linear-elastisch bezeichnet. Ein linear-elastisches Materialverhalten wird durch einen ein-
zigen E-Modul charakterisiert (Abbildung 1.3).

σ isc
h
st
e la
ear
tlin
nich
ch
is
st
la
re
ea
lin

h
sc
la sti
re
ea
h tlin
nic
ε

Abbildung 1.3: σ-ε-Diagramm für linear-elastische und nichtlinear-elastische Werkstoffe

8
Elastische Ver-
formung unter
1.1.2 Mathematische Beschreibung des Spannungs-Dehnungsdiagramms einachsiger Be-
lastung
Um das Werkstoffverhalten von Baustoffen zu beschreiben bedient man sich häufig einer
analytischen Formulierung des Spannungs-Dehnungs-Diagramms. Die mathematische Be-
schreibung des σ-ε-Diagramms für den Baustoff Beton ist mit einer Vielzahl von Funktio-
nen möglich. Eine mögliche Beschreibung ist die folgende Funktion:

σ = a⋅ε ⋅e
b c⋅ε
(1.4)
1
mit den Bedingungen a, b, c ≠ 0 und a > 0, 0 < b < 1, c < 0
Für einen weggesteuerten Druckversuch an Beton ist das Spannungs-Dehnungs-Dia-

Verformbarkeit
gramm in Abbildung 1.4 schematisch dargestellt. In diesem Diagramm sind die für den
Beton charakteristische Bruchspannung bei Punkt A und die Spannung bei Punkt C, bei
der sich der Wendepunkt im abfallenden Ast des σ-ε-Diagrammes befindet, eingezeich-
net.

σ
A

ε
Abbildung 1.4: Weggesteuertes σ-ε-Diagramm eines Betons

1.1.3 Messverfahren zur Bestimmung des E-Moduls

Nach SIA 162.1 Nr. 3


Für die Prüfung können Prismen, Zylinder oder Bohrkerne eines Materials mit einer Höhe,
die mindestens dem zweifachen Durchmesser der Probe entspricht, verwendet werden.
Der Prüfkörper wird geometrisch zentriert und vorgängig mindestens einmal bis zur
Oberspannung beansprucht. Die anschliessende Ausgangsmessung wird bei einer Unter-
spannung von 0.5N/mm2 durchgeführt, danach wird der Druck kontinuierlich bis zur
Oberspannung gesteigert. Die Oberspannung ist entsprechend der erwarteten höchsten
Gebrauchsspannung oder der gewählten Vorspannung festzusetzen, sollte jedoch nicht
grösser als ca. ein Drittel der Würfeldruckfestigkeit sein.

σ2 – σ1 σ2 – σ1
E 21 = -----------------
- * = -----------------
E 12 - (1.5)
εE ε *
E

σ1 = Unterspannung
σ2 = Oberspannung
εE = mittlere Dehnung bei der Entlastung
εE* = mittlere Dehnung bei der Belastung

9
Elastische Ver-
formung unter

σ
einachsiger Be-
lastung

σ2

g
un
st
ng

tla
tu

En
las
Be
σ1

ε
εE
ε E*
Abbildung 1.5: Schematisches σ-ε-Diagramm zur Bestimmung des E-Moduls von Beton

∆σ
E = -------
εE
E-Modul (als Entlastungssekantenmodul aufgetragen)

∆σ
E * = -------
εE *
Verformungsmodul (als Belastungssekantenmodul aufgetragen)

Nach Eurocode 2
Im Eurocode 2 (Planung von Stahlbeton- und Spannbetontragwerken) wird keine Mess-
methode speziell erwähnt. Es wird allerdings darauf hingewiesen, dass der E-Modul von
Beton nicht nur von der Festigkeitklasse, sondern auch von den Eigenschaften der ver-
wendeten Zuschläge abhängt (vgl. Werkstoffe III). Es wird empfohlen, wenn noch keine
Werte vorliegen oder eine hohe Genauigkeit erforderlich wird, für eine gegebene Beton-
klasse den Ursprungssekantenmodul nach folgender Formel zu berechnen:

E cm = 9500 ⋅ 3 fck + 8 (1.6)

Ecm = mittlerer E-Modul des Betons [N/mm2]


fck = Betonfestigkeitsklasse in [N/mm2]

Die Gleichung (1.6) ist vor allem bei Beton anzuwenden, der unter Normalbedingungen
nachbehandelt und vorwiegend aus quarzithaltigen Zuschlägen hergestellt wurde.
Der statische E-Modul
Der statische E-Modul kann mit Hilfe eines Drei-Punkt-Biegezugversuches bestimmt wer-
den. Die Durchbiegung wird mittels einer µm-Messuhr bei bekannter Länge L und Kraft
F sowie bekanntem Flächenträgheitsmoment I des freiaufliegenden Probekörpers ge-
messen (Abbildung 1.6).

10
Elastische Ver-
formung unter
3
F⋅L
einachsiger Be-
w = --------------------- (1.7)
48 ⋅ E ⋅ I
lastung

w = Durchbiegung [mm]
F = Einzellast [N ]
L = Länge des Trägers [mm]
E
I
=
=
E-Modul [N/mm2]
Flächenträgheitsmoment [mm4] 1
Somit ergibt sich für den statischen E-Modul (Tangentenursprungsmodul):

Verformbarkeit
3
F⋅L
E = --------------------- (1.8)
48 ⋅ I ⋅ w

Bei prismatischem Querschnitt eines Trägers gilt für das Flächenträgheitsmoment:

3
b⋅h
I = ------------ (1.9)
12

b = Breite des Prismas [mm]


h = Höhe des Prismas [mm]

l
Abbildung 1.6: Drei-Punkt-Biegezugversuch zur Bestimmung des statischen E-Moduls

Der dynamische E-Modul


Für Werkstoffe, die bereits bei geringen Krafteinwirkungen keinen linearen Zusammen-
hang zwischen Spannung und Verformung zeigen, ist die Bestimmung des statischen
E-Moduls mit Fehlern behaftet. Durch das Aufbringen von periodischen Belastungsände-
rungen auf einen Prüfkörper, bei dem die Verformungen der Probe vernachlässigbar klein
gehalten werden, lässt sich der sogenannte dynamische E-Modul ermitteln. Da das Mate-
rial durch die Schwingungen keinerlei Strukturänderungen erfährt, entspricht der dyna-
mische E-Modul der Steigung der Tangente im Nullpunkt des Spannungs-Dehnungs-Dia-
gramms (Tangentenursprungsmodul). Der dynamische E-Modul stellt eine echte Werk-
stoffkenngrösse dar und eignet sich besonders gut für die Charakterisierung von Baustof-
feigenschaften und deren Veränderungen durch äussere Einflüsse. Für die Prüfung des
dynamischen E-Moduls eines Materials werden Ultraschall-Geräte eingesetzt (Arbeitsbe-
reich zwischen 10 kHz und 1 MHz).

11
Elastische Ver-
formung unter
einachsiger Be-
lastung Sender l Empfänger

Probekörper

Laufzeit t

Abbildung 1.7: Aufbau zur Bestimmung des dynamischen E-Moduls

Zwischen der longitudinalen Schallgeschwindigkeit vl und dem dynamischen E-Modul be-


steht folgender Zusammenhang:

2 ( 1 + ν ) ⋅ ( 1 – 2ν ) –6
E dyn = ul ⋅ ------------------------------------------ ρ ⋅ 10 (1.10)
1–ν

Edyn = dynamischer E-Modul [N/mm2]


ul = longitudinale Schallgeschwindigkeit [m/s]
ν = Querdehnzahl (vgl. Abschnitt 1.2) [-]
ρ = Dichte [kg/m3]

An dieser Stelle sei angemerkt, dass es prinzipiell möglich ist, die Querdehnzahl ν mit Hil-
fe einer kombinierten Prüfung von Longitudinal- und Transversalwellen zu eliminieren. In
der Praxis ergeben sich dabei allerdings etliche Probleme. Für die praktische Bestimmung
von Edyn ist es daher zweckmässig, statt der Schallgeschwindigkeit den Schallweg und die
Schallaufzeit einzusetzen. Damit ergibt sich:

2
l ⋅ρ
E dyn = -----------
2
(1.11)
t

Edyn = dynamischer E-Modul [N/mm2]


l = Probenlänge [mm]
ρ = Dichte [kg/m3]
t = Laufzeit [µs]

Der dynamische E -Modul ist für Mörtel und Beton i.a. ungefähr 25% grösser als der sta-
tische E-Modul. Der dynamische E-Modul kann auch aus der Resonanzfrequenz bestimmt
werden. Ein Probekörper der Länge l wird in der Mitte eingespannt und in die Grund-
schwingung versetzt. Die zugehörige Frequenz f wird ermittelt. Bei bekannter Dichte ρ
des Werkstoffes kann der dynamische E-Modul Edyn mit Gleichung (1.12) berechnet wer-
den.

2 2
E dyn = 4 ⋅ ρ ⋅ l ⋅ f (1.12)

Edyn = dynamischer E-Modul [N/mm2]


l = Probenlänge [mm]
ρ = Dichte [kg/m3]
f = Frequenz [µs-1]

12
Elastische Ver-
formung unter
einachsiger Be-
lastung

Schwingung
Schwingung

l
Abbildung 1.8: Aufbau zur Bestimmung des dynamischen E-Moduls aus der Resonanzfrequenz
1

Verformbarkeit
1.1.4 Charakteristische Werte
Tabelle 1.1: Statische E-Moduli einiger Baustoffe

Statischer E-Modul
Werkstoffgruppe Werkstoff
[N/mm2]

NICHTMETALLISCHE Normalbeton 25000 ÷ 60000


ANORGANISCHE WERK-
Leichtbeton 10000 ÷ 20000
STOFFE
Ziegelstein 4000 ÷ 13000
Kalksandstein 6000 ÷ 12000
Zementsandstein 9000
Mauerwerk 1000 ÷ 15000
Zementstein 20000 ÷ 30000
Glas 50000 ÷ 85000
METALLE Stahl 210000
Aluminium 60000 ÷ 72000
ORGANISCHE WERK- Fichte: ⊥ Faser 540
STOFFE
|| Faser 11000
Eiche: ⊥ Faser 1000
|| Faser 13000
Buche: ⊥ Faser 1500
|| Faser 16000
Polyvinylchlorid (PVC):hart 3000
weich 30
Polystyrol (PS) 3200
Epoxidharz (EP) 2000 ÷ 3500
Kautschuk 30 ÷ 50

13
Elastische Ver-
formung unter
einachsiger Be- 1.1.5 Charakteristische Spannungs-Dehnungs-Diagramme von Baustoffen
lastung

Abbildung 1.9: σ-ε-Diagramme verschiedener Baustoffe

Abbildung 1.10: σ-ε-Diagramme für Holz und Beton

14
Querdehnzahl

1.2 QUERDEHNZAHL

1.2.1 Definition

Die Querdehnzahl ν ist definiert als das Verhältnis von Querdehnung εq zu


Längsdehnung εl. Dabei wirkt die Belastung (Zug oder Druck) in Längsrich-
tung.
1
∆q
ε q = ------- (1.13)
q0

Verformbarkeit
εq = Querdehnung [-]
q0 = Breite des Prüfkörpers [mm]
∆q = Längenänderung in Querrichtung [mm]

∆l
ε l = ----- (1.14)
l0

εl = Längsdehnung [-]
l0 = Länge des Prüfkörpers [mm]
∆l = Längenänderung in Längsrichtung [mm]

Damit ergibt sich für die Querdehnzahl ν:

ε
ν = ----q- (1.15)
εl

F
Fläche A

∆l

l0

q0
/2 ∆q
1
/2 ∆q
1

Abbildung 1.11: Ermittlung der Querdehnzahl ν

15
Querdehnzahl

1.2.2 Messmethoden

Am Prüfkörper werden sowohl in Längs- als auch in Querrichtung Dehnmessstreifen


(DMS) angebracht. Während der einachsialen zentrischen Belastung des Prüfkörpers wer-
den die Dehnungen in beiden Richtungen aufgezeichnet und das Verhältnis der beiden
ergibt die Querdehnzahl ν. Während einer Belastung eines Prüfkörpers kommt es zu ei-
ner Volumenänderung ∆V. Bei einem Druckversuch resultiert eine Volumenabnahme
(-∆V), während bei einem Zugversuch eine Volumenzunahme (+∆V) der belasteten Probe
resultiert. Diese Volumenänderung kann man mit Hilfe der Längsverformung εl und der
Querverformung εq unter Vernachlässigung von Gliedern höherer Ordnung berechnen.

∆V = ε – 2 ε = ε ⋅ ( 1 – 2ν )
-------- l q l (1.16)
V

für ν = 0.5 → ∆V = 0

Die bei einem einachsialen Druckversuch an Beton in der mittleren Zone des Prüfkörpers
entstehende Längsstauchung und Querdehnung sind in der Abbildung 1.12 dargestellt.
Die Annahme einer konstanter Querdehnzahl ν würde in einem Druckvesuch zu einer
ständigen Volumenabnahme im Probekörper führen. Diese Annahme ist jedoch nur bis zu
einer gewissen Grenzspannung σgr ≈ 0.8 · fc zulässig. Überschreitet die Belastung diese
Grenzspannung σgr, so kommt es zur Ausbildung von Rissen parallel zur Krafteinleitung,
die schliesslich zu einer Zerstörung des Prüfkörpers führen.
Diese Risse führen zu einer Zunahme der Querdehnung εq, was eine Vergrösserung der
Querdehnzahl ν zur Folge hat. Dies ist aus der Abbildung 1.13 ersichtlich.

Längsspannung σ

instabile Phase
fc
Gefügezerstörung
~0,9 fc

~0,8 fc
Gefügeauflockerung

~0,65 fc

stabile Phase
Grenze für "vollständig" ~0,33 fc
elastisches Verhalten
Veränderung
des Volumens

Querdehnung εq Längsstauchung εl
-1‰ 0 +1‰ +2‰

Abbildung 1.12: σ-ε-Diagramm eines Betons unter einachsialem Druck

F > Fgr

Risse

Abbildung 1.13: Rissausbildung unter einachsialem Druck

16
Schubmodul

1.2.3 Charakteristische Werte


Tabelle 1.2: Querdehnzahlen einiger Baustoffe

Werkstoffgruppe Werkstoff Querdehnzahl ν [-]

NICHTMETALLISCHE Beton i.a. 0.18


ANORGANISCHE WERK-
Mörtel 0.18 ÷ 0.22
STOFFE
Ziegelstein
Ton
0.22
0.50
1
Gips 0.34
Glas 0.25

Verformbarkeit
METALLE Stahl 0.27 ÷ 0.30
Aluminium 0.34
ORGANISCHE WERK- Nadelholz (Mttlewert) 0.21
STOFFE
Laubholz (Mittelwert) 0.28
Plexiglas 0.36
Polystyrol (PS) 0.32
Epoxidharz (EP) 0.36
Kautschuk 0.50

1.3 SCHUBMODUL

1.3.1 Definition

Der Schubmodul G ist der Quotient aus Schubspannung τ und zulässiger


elastischer Schubverformung (Winkeländerung) γ

τ
G = -- (1.17)
γ

G = Schubmodul [N/mm2]
τ = Schubspannung [N/mm2]
γ = Winkeländerung [rad]

Die Abbildung 1.14 veranschaulicht die Schubspannung τ = F/A und die daraus resultie-
rende Winkeländerung γ am Beispiel eines Würfels mit der Kantenlänge l. Die
Abbildung 1.15 zeigt die zur Schubspannung τ zugehörige Winkeländerung im linear-ela-
stischen Bereich.
Der Schubmodul G lässt sich bei linear-elastischem Werkstoffverhalten aus dem E-Modul
und der Querdehnzahl ν gemäss der Gleichung (1.18) bestimmen.

E
G = ------------------------- (1.18)
2 ⋅ (1 + µ)

17
Schubmodul

γ
l

Abbildung 1.14: Deformation eines Würfels durch Schubkräfte

tan = G

Abbildung 1.15: Schubspannung als Funktion des durch Schubkräfte erzeugten Schubwinkels γ
im elastischen Bereich

1.3.2 Messmethoden

DIN 53294
Der Probekörper wird zwischen zwei Schneideplatten geklebt und die ganze Schubvor-
richtung zentrisch in die Prüfmaschine eingebaut. Nun wird der Probekörper bei gleich-
förmiger Vorschubgeschwindigkeit stossfrei beansprucht. Dabei müssen mindestens
10 aufeinanderfolgende Wertepaare von Kraft und Schubverformung in einem Bereich
von etwa 30% der Kraft beim Versagen gemessen werden. Insgesamt sind mindestens
drei Proben zu prüfen und die Ergebnisse zu mitteln.

h ∆F
G = ----------- + ------- (1.19)
l 1 ⋅ b ∆v

G = Schubmodul [N/mm2]
h = Probekörperhöhe [mm]
l1 = Probekörperlänge [mm]
b = Probekörperbreite [mm]
∆F = Kraftdifferenz [N] zwischen zwei Messpunkten der Verschiebung
∆v = Verschiebungsdifferenz [mm] zwischen zwei Messpunkten der Kraft

Der Schubmodul G kann auch mit folgender Methode bestimmt werden: der eingespann-
te Stab mit der Länge l und Radius r wird eine Torsionbelastung aufgezwungen. Gemes-
sen wird dann der Auslenkungswinkel ϕ.

18
Schubmodul

2 l
G = --- ⋅ ------------
-⋅D (1.20)
π r4 ⋅ ϕ

G = Schubmodul [N/mm2]
l = Länge des Probekörpers [mm]
r = Radius des Probekörpers [mm]
ϕ = Auslenkungswinkel [rad]
D = Drehmoment [Nmm] 1

Verformbarkeit
Abbildung 1.16: Versuchsanordnung zur Bestimmung des Schubmoduls G

ϕ
r

l
Abbildung 1.17: Versuchsanordnung zur Bestimmung des Schubmoduls G

1.3.3 Charakteristische Werte


Tabelle 1.3: Schubmoduli einiger Werkstoffe

Schubmodul G
Werkstoffgruppe Werkstoff
[N/mm2]
NICHTMETALLISCHE Beton 3 000 ÷ 27 000
ANORGANISCHE WERK-
Gips 13 000
STOFFE
Ziegelstein 800 ÷ 3 600

19
Zeitabhängiges

Tabelle 1.3: Schubmoduli einiger Werkstoffe (Forts.)


Materialverhal-
ten

Schubmodul G
Werkstoffgruppe Werkstoff
[N/mm2]

Kalksandstein 2 700 ÷ 3 600


Zementsandstein 3 500
METALLE Stahl 80 000
Aluminium 25 000
ORGANISCHE WERK- Fichte 500
STOFFE
Eiche 1 000
Buche 1 000
Polystyrol (PS) 1 500
Epoxidharz (EP) 1 200
Kautschuk 10

1.4 ZEITABHÄNGIGES MATERIALVERHALTEN

1.4.1 Kriechen

Unter Kriechen versteht man den zeitabhängigen Verformungszuwachs


εk(t) unter konstanter Spannung σ.

∆l k ( t ) ∆l tot ( t ) – ∆l el
ε k ( t ) = --------------
- = --------------------------------
- (1.21)
l0 l0

l0 = Länge des Prüfkörpers [m]


∆lel = elastische Verformung unmittelbar nach der Belastung [m]
∆lk(t) = zeitabhängige Verformung [m]
∆ltot(t) = totale Verformung = ∆lel + ∆lk(t) [m]

F = const. F = const.
Fläche A Fläche A

∆lel
∆lk(t) ∆ltot(t)

l0

t=0 t>0
Abbildung 1.18: Belastung einer Probe während eines Kriechversuches

Belastet man einen Prüfkörper aus Beton mit einer Spannung σ0, so stellt sich die dazu
gehörige elastische Dehnung εel ein. Lässt man dann σ0 über längere Zeit wirken, so tritt

20
Zeitabhängiges
Materialverhal-
ten

Zeit
1

Verformbarkeit
k
el zeitunabhängig, reversibel
el

k,r zeitabhängig, reversibel


k,irr zeitabhängig, irreversibel
τ
Zeit

Abbildung 1.19: σ-t- und ε-t-Diagramm eines Kriechversuches

mit der Zeit eine zunehmende Verformung εk(t) auf. Diese Erscheinung nennt man Krie-
chen. Werkstoffe, die dieses Werkstoffverhalten zeigen, bezeichnet man auch als vis-
ko-elastische Werkstoffe. Entlastet man den Körper nach einer gewissen Zeit, so geht der
elastische Verformungsanteil εel sofort zurück, es bleibt noch die Kriechverformung εk(t)
zurück. Im weiteren Verlauf der Zeit geht auch ein Teil dieser Kriechverformung langsam
zurück - der reversible Kriechverformungsanteil εk,r(t) - und nur der irreversible Kriech-
verformungsanteil εk,irr(t) bleibt erhalten.
Man unterscheidet drei Bereiche des Kriechens bzw. der Kriechgeschwindigkeit
(Abbildung 1.20). Im primären Bereich (I) nimmt die Geschwindigkeit stetig ab, im sekun-
dären (II) ist sie konstant (dεk/dt = const.), und im tertiären Bereich (III) nimmt sie progres-
siv zu (dεk/dt → ∞), bis ein Kriechbruch eintritt (Abbildung 1.21). Die Bruchzeitpunkte lie-
gen auf der Kriechbruchlinie. Es gibt also eine kritische Spannung σkrit, die als Dauer-
standgrenze bezeichnet wird, die entscheidend ist, um den Bruch zu erreichen.
σ > σkrit Verformung geht bis zum Bruch
σ < σkrit Kriechverformung
Die Kriechverformung kann mit einem Potenzgesetz idealisiert werden:

n
εk ( t ) = a ⋅ t (1.22)

In einer doppeltlogarithmischen Darstellung ergibt sich eine lineare Funktion, woraus die
zwei Parameter a (Ordinatenabschnitt) und n (Steigung der Geraden) ersichtlich werden.
Weiter darf der Temperatureinfluss nicht vergessen werden: je höher die Temperatur ist,
desto grösser wird die Kriechverformung. Den zeitabhängigen Quotienten aus Kriechver-
formung εk(t) und elastischer Verformung εel nennt man Kriechzahl ϕ(t).

εk ( t )
ϕ ( t ) = ----------- (1.23)
ε el

21
Zeitabhängiges
Materialverhal-
ten
ε (t)
Kr
iec
h
III b ru
c hlin
II ie
εel I
III
II
σ ≈ 0.7fc (= σkrit)
I
εel I
el
ε
Linearitatsgrenze: σ < 0.3fc
εel
t
Abbildung 1.20: Kriechen und Kriechgeschwindigkeit bei unterschiedlicher Belastung σ von Beton
ε(t)
Kr
ie ch
b ru c
h li n
ie
III
II
I
t

dt
III
I
II
τ1 τ2 t

Bruch
Abbildung 1.21: Kriechgeschwindigkeit
22
Zeitabhängiges

Unter der Annahme, dass die Kriechverformung asymptotisch einem Endwert ϕ0 zustrebt,
Materialverhal-
ten
ergibt sich folgende Beziehung:

σ
ε k ( ∞ ) = ϕ ( ∞ ) ⋅ ε el = ϕ ( ∞ ) ⋅ --- (1.24)
E

und daraus folgt:


1
ε tot = ε el ⋅ ( 1 + ϕ ) (1.25)

Verformbarkeit
Die Zunahme der Verformung ε(t) mit der Zeit bedingt auch eine Abnahme des E-Modul.
Der E-Modul für Langzeitbelastung E*(t) (Verformungsmodul) kann man mit Hilfe des fol-
genden Zusammenhangs berechnen:

* σ σ
E ( t ) = --------- = ------------------------ (1.26)
ε(t ) ε el + ε k ( t )

Den Verformungsmodul E*(∞) für Langzeitbelastung (t → ∞) kann man mit Hilfe des fol-
genden Zusammanhangs berechnen:

* E
E ( ∞ ) = ---------------------- (1.27)
1 + ϕ(∞)

In einfachen Fällen kann das Kriechen bei Beton berücksichtigt werden, indem man für
E*(∞) den Wert von E/3 annimmt. Dies bedeutet eine Endkriechzahl von ϕ(∞) = 2. Wenn
die Last weggenommen wird, tritt das Rückkriechen ein, wobei die Verformung abnimmt.
Dieses Phänomen kann mit folgender hyperbolischer Funktion dargestellt werden:

a⋅t
ε rk = ----------- (1.28)
b+t

εrk = Rückkriechverformung
a = Rückkriechverformung bei t = ∞
b = Zeit, nach der die Hälfte der Rückkriechverformung erreicht ist

Nach der Linearisierung gemäss Abbildung 1.22 ist es möglich die Parameter zu bestim-
men, wobei a die Rückkriechverformung zur Zeit t = ∞ und b die Halbwertzeit darstellen.

1/ε ε/t

a a/b = Ordinatenabschnitt
b -1/b = Steigung der Geraden
-1
b oder b
a

1/a
1/t ε

Abbildung 1.22: Linearisierung der Rückkriechfunktion

Messmethoden
Der Probekörper wird zentrisch während den ganzen Messungen mit einer konstanten
Kraft F belastet. Dabei werden die entsprechenden Dehnungen mit Dehnmessstreifen
oder Messuhren bestimmt.

23
Zeitabhängiges
Materialverhal-
ten 1.4.2 Charakteristische Werte
Tabelle 1.4: Endkriechzahlen einiger Werkstoffe

Werkstoffgruppe Werkstoff Endkriechzahl ϕ(∞) [-]

NICHTMETALLISCHE Beton 1.5 ÷ 3.5


ANORGANISCHE WERK-
Ziegelstein 0.75
STOFFE
Mauerwerk (Kalk-
1.5 ÷ 2.5
sandstein)
Glas 0.0
METALLE Stahl 0.1
Aluminium 0.1
ORGANISCHE WERK- Holz 3.0 ÷ 5.0
STOFFE
Polystyrol (PS) 15.0
Polyvenylchlorid
0.7
(PVC): hart

1.4.3 Relaxation

Unter Relaxation versteht man den zeitabhängigen Spannungsabbau bei


konstanter Dehnung ε0

Die sofort erreichte Spannung σ0 wird im Laufe der Zeit durch die Strukturänderungen
abgebaut. Den Quotienten zwischen der Spannung σ(t) zur Zeit t und der Anfangsspan-
nung σ0 bezeichnet man als Relaxationszahl ψ(t). Sie gibt an, wieviel von der ursprünglich
aufgebrachten Spannung noch vorhanden ist:

σ(t )
ψ ( t ) = ---------- (1.29)
σ0

An dieser Stelle sei angemerkt, dass die Kriech- und die Relaxationsverformung beim Be-
ton vom Probenalter zu Belastungsbeginn abhängt. Kriechen und Relaxation sind ver-
wandte Kenngrössen, deren Werte man in erster Näherung durch die Messwerte der je-
weils anderen Kenngrössen errechnen kann.

F(t)
Fläche A

∆l = const.

l0

Abbildung 1.23: Belastung einer Probe während eines Relaxationsversuches

24
Dämpfung

Verformbarkeit
Abbildung 1.24: ε-t und σ-t-Diagramm eines Relaxationsversuches

1
ψ ( t ) = -------------------- (1.30)
1 + ϕ(t )

Relaxation und Kriechen werden als das viskoelastische Verhalten eines Materials be-
zeichnet. Für Beton und Kunststoffe stellen Kriechen und Relaxation wesentliche Erschei-
nungen dar, die bei der Bauteilausbildung berücksichtigt werden müssen. Das Stahlkrie-
chen ist im Stahl- und Stahlbetonbau wegen des grossen Abstandes der zulässigen Span-
nung von der Elastizitätsgrenze unbedeutend. Dies gilt nicht mehr für sehr hoch vorge-
spannte Spannstähle. Allerdings tritt hier an die Stelle des Kriechens die Relaxation.

1.5 DÄMPFUNG

1.5.1 Definition

Wird ein Volumenelement eines Bauteils harmonisch schwingend verformt, so wird der
Zusammenhang zwischen der Spannung σ und der Verformung ε durch ein Hysteresisdia-
gramm wiedergegeben. Der Flächeninhalt der Schleife stellt die mechanische Energie dar.

Diejenige Energie, welche einer Volumeneinheit während einer Schwin-


gungsperiode entzogen wird, heisst spezifische Dämpfungsarbeit S.

Die in einer Schwingungsumkehrlage pro Volumeneinheit gespeicherte elastische Ener-


gie heisst spezifische Formänderungsarbeit W. Der Quotient

S
D E = -------------------- (1.31)
2⋅π⋅W

25
Dämpfung

dient als Mass für die Dämpfung und heisst Elementdämpfung DE für das entsprechende
Bauteil. Die Grösse der Elementdämpfung DE wird beeinflusst durch eine Reihe von Fak-
toren:
• Beanspruchungsart (ob Zug, Druck, Torsion oder Biegung)
• statische Vorlast, die Amplitude und die Frequenz der Wechselbeanspruchung
• Anzahl der dem Werkstoff zuvor schon aufgezwungenen Lastwechsel

Abbildung 1.25: Hysteresisschleife für ein Volumenelement unter Schwingungsbeanspruchung

Die viskoelastischen Stoffe weisen eine Besonderheit auf. Da sowohl ihre spezifische
Dämpfungsenergie S wie auch die spezifische Formänderungsenergie W dem Quadrat
der Spannungsamplitude A (bei sinusförmiger Belastung σ = A ⋅ sin ( ωt ) ) proportional
sind, hängt der Quotient D E = S ⁄ ( 2 ⋅ π ⋅ W ) nicht von der Spannungsamplitude ab.
Wenn DE unabhängig von der Spannungsamplitude A ist, so gilt für freie, d.h. abklingen-
de Schwingungen, angenähert:

S Wi – Wi + 1 Wi
----- = -------------------------- = ------------- –1 (1.32)
W Wi + 1 Wi + 1

(i bezeichnet den i-ten Wert an einer Schwingungsumkehrlage)


Wi S
Mit δ W = ln  ------------- ergibt sich somit: ----- = e
δW
– 1 ≈ δ W (*)
 W i + 1 W (*) (Reihenentwicklung der
e-Funktion)

26
Dämpfung

W a 2
Da ------------- =  -----------
i i
Wi + 1  a i + 1
gilt, ergibt sich aus (*):

S ai 2 ai
----- = δ W = ln  ----------- = 2 ⋅ ln  ----------- (1.33)
W  a i + 1  a i + 1

ai
Daraus ergibt sich mit der Definition für – δ = ln  -----------
1
 a i + 1

Verformbarkeit
S
----- = δ W = – 2 ⋅ δ (1.34)
W

Für die Elementdämpfung DE erhält man deshalb:

δ
D E = –  --- (1.35)
 π

Eine von der Spannungsamplitude unabhängige Elementdämpfung bedeutet also ein


konstantes logarithmisches Dekrement.

ai + 1
δ = ln  ----------- (1.36)
 ai 

ai

ai+1

Abbildung 1.26: Definition des logarithmischen Dekrementes δ

Bei viskoelastischen Stoffen kann der Zusammenhang zwischen Spannung σ und der Deh-
nung ε im Fall einer harmonischen Belastung für die Spannung σ in der Form

iωt i ( ωt – ϕ )
σ = A⋅e ε = B⋅e (1.37)

27
Dämpfung


ω = ------ (1.38)
t0

ϕ = Phasenverschiebungswinkel
t0 = Schwingungsdauer
ω = Winkelgeschwindigkeit

geschrieben werden. In der Analogie zur Hooke´schen Beziehung σ = ε·E bei ruhender
Belastung schreibt man bei sinusförmiger Belastung mit dem komplexen Elastizitätsmo-
dul:

Ẽ = E' + i ⋅ E'' (1.39)

E' = normaler E-Modul


E'' = E' ⋅ tan δ

Der Realanteil E' wird als Speichermodul bezeichnet, da er auf die gespeicherte Energie
bezogen ist, und der Imaginäranteil E'' als Verlustmodul, da er einen Anhaltspunkt über
die in jedem Zyklus nicht wiedergewinnbare Energie gibt. Für den Phasenverschiebungs-
winkel ϕ zwischen der aufgebrachten Belastung σ und der resultierenden Dehnung ε er-
hält man:

E'
tan ϕ = ----- (1.40)
E''

Man ersieht daraus, dass das rein elastische Verhalten ein Spezialfall des allgemeinen For-
mänderungsverhaltens ist ( E'' → 0 ); im Gegensatz zu rein viskosem Verhalten ( E' → 0 ).
Oder mit ϕ ausgedrückt:
ϕ=0 ideal elastischer Fall
ϕ = π/2 rein viskoses Verhalten
0 < ϕ < π/2 viskoelastisches Verhalten

imaginäre Achse

E'' E

ϕ E'
reelle Achse
Abbildung 1.27: Schematische Darstellung des komplexen E-Moduls

1.5.2 Messmethoden

Ermittelt man experimentell die Dämpfungseigenschaften einer Werkstoffprobe, so be-


stimmt man den Phasenverschiebungswinkel ϕ mit Hilfe einer erzwungenen Schwingung.
Vorgegeben wird die Spannung σ ( t ) = a ⋅ sin ( ωt ) und gemessen wird die Dehnung
ε ( t ) = b ⋅ sin ( ωt – ϕ ) .
Eine andere Möglichkeit, die Dämpfungseigenschaften zu charakterisieren, ist die Be-
stimmung des logarithmischen Dekrementes δ mittels eines Ausschwingversuches.

28
Dämpfung

m
1

Verformbarkeit
Abbildung 1.28: σ(t) -ε(t)-Diagramm einer sinusförmig beanspruchten Probe

1.5.3 Charakteristische Werte


Tabelle 1.5: Elementdämpfung einiger Werkstoffe

Werkstoffgruppe Werkstoff Elementdämpfung DE


NICHTMETALLISCHE Beton 0.03
ANORGANISCHE WERK-
STOFFE Kalkstein 0.01

METALLE Stahl 0.002


Gusseisen 0.015
ORGANISCHE WERK-
Polyvinylchlorid (PVC) 0.08
STOFFE

NOTIZEN

29
Zentrische Zug-
festigkeit

2 FESTIGKEIT

2.1 ZENTRISCHE ZUGFESTIGKEIT

2.1.1 Definition

Die zentrische Zugfestigkeit ft ist derjenige Spannungswert, bei dem die


Probe unter einer Zugbeanspruchung bricht.
2

Festigkeit
F
f t = -----t (2.1)
A

ft = Zugfestigkeit [N/mm2]
Ft = Zugkraft [N]
A = Fläche [mm2]

Ft
Fläche A

Abbildung 2.1: Schematische Darstellung eines Zugversuches

2.1.2 Messmethoden

Da es in der Praxis sehr schwierig ist, eine Probe rein auf Zug zu belasten, werden die ge-
suchten Werte meistens mittels der Biegezugfestigkeit oder der Spaltzugfestigkeit ermit-
telt. Diese Methoden führen allerdings zu zwangsläufig höheren Festigkeiten, da die
Bruchstelle vorgegeben wird. Die aus andern Messmethoden gewonnenen Werte müssen
also abgemindert werden. Das Versagen der Probe bei einem einfachen Zugversuch
hängt von der Wechselwirkung zwischen Randbedingungen und Werkstoffe ab. Die Prüf-
maschine hat nämlich eine eigene Steifigkeit (Es), die wie eine Federkonstante wirkt. Das
System kann also weich oder steif sein.
Die gemessenen Dehnungen ergeben sich aus der Summe von Maschinen- und Werkstoff-
dehnungen, wobei ein Snapback erfolgen kann. Dies bedeutet eine Instabilität, die aber
von der Steifigkeit des Systems abhängt. Aus diesem Grund ist es möglich, dass wegen ei-
ner weichen Prüfmaschine ein sprödes Versagen bei nicht sprödem Material auftritt.

31
Zentrische Zug-
festigkeit
Biegezugfestigkeit
Die Biegezugfestigkeit fm kann über eine Biegeprüfung an prismatischen Balken aus der
Bruchlast und der Probekörperdimension ermittelt werden. Dabei müssen die Art der La-
gerung des Probekörpers und die Anordnung der Lasteinwirkung bekannt sein.
Messvorgang gemäss DIN 1048
Die Biegezugfestigkeit von Beton wird an balkenförmigen Probekörpern ermittelt. Vor-
zugsweise sind Balken von 150mm Höhe, 150mm Breite und 700mm Länge zu verwen-
den. Die Auflager und Lastschneiden der Prüfmaschine sind gemäss dem folgenden Bild
einzustellen. Die Last ist bis zum Bruch so zu steigern, dass die Biegezugspannung im Bal-
ken je Sekunde um 0.005N/mm2 zunimmt; bei obigen Abmessungen führt dies zu einer
Laststeigerung von 280N/s. Aus der Bruchlast ergibt sich die Biegezugfestigkeit fm zu

3⋅l
f m = F t ⋅ -------------------2- (2.2)
2⋅b⋅h

fm = Biegezugfestigkeit [N/mm2]
Ft = Bruchlast [N]
l = Stützweite des Balkens [mm]
b = Breite des Balkens [mm]
h = mittlere Höhe des Balkens im Bruchquerschnitt [mm]

Abbildung 2.2: 3-Punkte-Versuch zur Bestimmung der Biegezugfestigkeit

Spaltzugfestigkeit (Brasilianerversuch)
Bei der Spaltzugfestigkeit fs wird ein liegender Probekörper (Prisma oder Zylinder) in ei-
ner Druckprüfmaschine über zwei gegenüberliegende Lastverteilstreifen bis zum Bruch
belastet (Brasilianerversuch).

Abbildung 2.3: Anordnung eines Brasilianerversuches

32
Zentrische Zug-
festigkeit
F

d +

Abbildung 2.4: Im Prüfkörper durch Belastung entstehende Spannungsverteilung

Messvorgang gemäss DIN 1048


Die Spaltzugfestigkeit kann sowohl an Zylindern mit den Massen 150mm Durchmesser
2
und 300mm Länge als auch an Prüfkörpern mit rechteckigem Querschnitt ermittelt wer-
den. Zur Prüfung wird der Zylinder (bzw. der Rechtecks-Querschnitt) in eine Druckprüf-

Festigkeit
maschine gelegt und längs (bzw. quer) zweier gegenüberliegenden geraden Mantellinien
belastet. Die Belastung ist dann so zu steigern, dass die Spannung je Sekunde um
0.05N/mm2 zunimmt. Das entspricht bei Zylindern mit obigen Massen einer Laststeige-
rung von 3500N/s. Dabei entstehen in der Lastrichtung Druck- und senkrecht dazu Zug-
spannungen, welche über die ganze Probenhöhe konstant angenommen werden kön-
nen. Da die Zugfestigkeit des Betons nur ca. 10% der Druckfestigkeit beträgt, tritt der
Bruch trotz hohen Druckspannungen durch ein Aufspalten in der Belastungsebene ein. Im
Brasilianerversuch ist die Bruchstelle vorgegeben im Gegensatz zum zentrischen Zugver-
such, wo der Bruch zufällig an der schlechtesten Stelle innerhalb eines Bereichs erfolgt.
Deshalb ist fs > ft ! Aus der erreichten Höchstlast ergibt sich die Spaltzugfestigkeit fS zu

2 ⋅ F max
f S = ------------------
- (2.3)
π⋅d⋅l

fS = Spaltzugfestigkeit [N/mm2]
Fmax = Bruchlast [N]
d = Durchmesser des Zylinderprobekörpers [mm]
l = Länge des Zylinderprobekörpers [mm]

2.1.3 Charakteristische Werte


Tabelle 2.1: Zugfestigkeit ft einiger Werkstoffe

Zugfestigkeit ft
Werkstoffgruppe Werkstoffe
[N/mm2]
NICHTMETALLISCHE Normalbeton 2÷5
ANORGANISCHE WERK-
Leichtbeton 1÷2
STOFFE
Glas 50 ÷ 80
METALLE Stahl 235 ÷ 550
Aluminium 80 ÷ 500
ORGANISCHE WERK-
Fichte: ⊥ Faser 4
STOFFE

|| Faser 90
Eiche: ⊥ Faser 9
|| Faser 90
Buche: ⊥ Faser 11
|| Faser 135

33
Druckfestigkeit

Tabelle 2.1: Zugfestigkeit ft einiger Werkstoffe (Forts.)

Zugfestigkeit ft
Werkstoffgruppe Werkstoffe
[N/mm2]

Polyvinylchlorid (PVC) 50 ÷ 60
Polystyrol (PS) 30 ÷ 60

2.2 DRUCKFESTIGKEIT

2.2.1 Definition

Die Druckfestigkeit fc ist derjenige Spannungswert für eine Druckbela-


stung, bei dem sich ein Bruch einstellt.

F
f c = -----c- (2.4)
A

fc = Druckfestigkeit [N/mm2]
Fc = Bruchlast [N]
A = Querschnitsfläche [mm2]

Fc
Fläche A

Abbildung 2.5: Schematische Darstellung eines Druckversuchs

2.2.2 Messmethoden nach SIA

Bei Beton z.B. werden nach SIA 162/1 für diese Materialprüfung üblicherweise Würfel mit
einer Kantenlänge von 200mm oder Zylinder mit einer Höhe von 200mm und einem
Durchmesser von 200mm oder Prismen mit 120·120·360mm verwendet. Die Probe wird
zentrisch eingebaut und mit einer kontinuierlichen Belastungssteigerung von 0.4 ÷

34
Druckfestigkeit

0.6N/mm2 pro Sekunde bis zum Bruch belastet. Die maximale Last dividiert durch die
Querschnittsfläche ergibt die Druckspannung.
Durch die unterschiedlichen E-Moduli der Druckplatten (Stahl) und dem Probekörper so-
wie infolger der Reibung wird im Probekörper die Querdehnung behindert
(Abbildung 2.6). Dabei gilt allgemein folgende Beziehung:

f c = 0.8 ⋅ f cw (2.5)

Festigkeit
Würfel Zylinder

Abbildung 2.6: Bereiche der Querdehnungsbehinderung beim Druckversuch an einem Würfel


und einem Zylinder (Prisma)

2.2.3 Charakteristische Werte


Tabelle 2.2: Prismendruckfestigkeit fc einiger Werkstoffe

Prismendruckfestigkeit fc
Werkstoffgruppe Werkstoffe
[N/mm2]
NICHTMETALLISCHE Normalbeton 15 ÷ 50
ANORGANISCHE WERK-
Leichtbeton 10 ÷ 50
STOFFE
Ziegelstein 2.5 ÷ 5.5
Kalksandstein 2.5 ÷ 4.5
Zementsandstein 3.5
Glas 500 ÷ 800
METALLE Stahl 235 ÷ 550
Aluminium 80
ORGANISCHE WERK- Fichte: ⊥ Faser 6
STOFFE
|| Faser 40
Eiche: ⊥ Faser
|| Faser 50
Buche: ⊥ Faser 11
|| Faser 50
Polyvinylchlorid
80
(PVC)
Polystyrol (PS) 100

35
Dynamische Be-
anspruchung
2.2.4 Vergleich von Zugfestigkeit und Druckfestigkeit

Die in Kapitel Abschnitt 2.1 erwähnten Zugfestigkeiten lassen sich näherungsweise zur
Würfeldruckfestigkeit fcw in Beziehung bringen. Für Beton gilt:

Biegezugfestigkeit fm ≈ (0.7 ÷ 0.9) · f cw


Spaltzugfestigkeit fS ≈ (0.5 ÷ 0.7) · f cw
Zugfestigkeit ft ≈ (0.3 ÷ 0.5) · f cw
Es gilt näherungsweise: ft ≈ fS ≈ 0.5 · fm

2.3 DYNAMISCHE BEANSPRUCHUNG


Baukonstruktionen werden durch ruhende Belastungen wie z.B. das Eigengewicht und
durch dynamische Belastungen wie Wind oder Verkehr beansprucht. Im Hochbau über-
wiegen die statischen Lasten bei weitem, während im Brückenbau die dynamischen Be-
anspruchungen die dominierende Rolle spielen. Aus diesem Grund werden nun Begriffe
definiert und erklärt, die zum dynamischen Verhalten der Werkstoffe gehören. Sie sind in
der DIN 50100 genannt und werden hier entsprechend wiedergegeben.

2.3.1 Dauerschwingfestigkeit und WÖHLERkurve

Zur Definition der Dauerschwingfestigkeit wird im folgenden der Dauerschwingversuch


beschrieben und hiervon ausgehend die Dauerschwingfestigkeit definiert. Im Dauer-
schwingversuch pendelt die Belastung zwischen einer Oberspannung σo und einer Unter-
spannung σu sinusförmig um die sogenannte Mittelspannung σm. Diese Mittelsspannung
entspricht z.B. einer statischen Belastung. Sind σo und σu beide positiv, so befindet man
sich im Zug-Schwellbereich, sind σo und σu beide negativ, im Druck-Schwellbereich, haben
σo und σu verschiedenes Vorzeichen, im Wechsel-Bereich (Abbildung 2.7).
Die Anzahl der Lastspiele, die ein Probekörper im Dauerschwingversuch bis zum Bruch
aushält, wird Bruchlastspielzahl N genannt und als log(N) gegen den Spannungsausschlag
aufgezeichnet. Durch sukzessive Reduktion der Amplitude σa erhöht sich die Bruchlast-
spielzahl, bis die Kurve aus den Versuchswerten einem asymptotischen Wert zustrebt
(Abbildung 2.9). Bei Stahl tritt dieser Wert nach 107, bei Leichtmetallen nach über 108
Lastspielen auf, wobei zu bemerken ist, dass sich für die Stahlprüfung die Grenzlastspiel-
zahl von 2·106 eingebürgert hat. Der asymptotische Wert des Spannungsausschlages ist
die Dauerschwingfestigkeit σD. Das in Abbildung 2.9 dargestellte Diagramm wird auch als
WÖHLER-Kurve bezeichnet.

2.3.2 Kurzzeitschwingfestigkeit

Die Kurzzeitschwingfestigkeit σD(N) ist diejenige Festigkeit, die der Werk-


stoff nach N Lastspielen aufweist.

Ist die in der gesamten Lebensdauer der Konstruktion zu erwartende Anzahl Lastspiele N
bekannt, so kann mit dieser Kurzzeitschwingfestigkeit σD(N) dimensioniert werden.

2.3.3 SMITH-Diagramm

Um einen Stoff hinsichtlich seines Dauerschwingverhaltens vollständig zu charakterisie-


ren, muss man Wöhlerversuche mit verschiedenen Mittelspannungen durchführen. Sind
daraus die unendlich oft ertragbaren Spannungen bekannt, werden diese in einem Dau-
erschwingfestigkeitsdiagramm eingetragen. Neben vielen Darstellungen hat sich das

36
Dynamische Be-
anspruchung

Festigkeit
Abbildung 2.7: Beanspruchungsfälle bei Dauerschwingversuch

Abbildung 2.8: Sinusförmige Beanspruchung mit der Amplitude σa um die Mittelspannung σm

σa

log N
2·106
Abbildung 2.9: WÖHLER-Kurve für σm = const.

Dauerschwingfestigkeitsdiagramm nach SMITH eingebürgert. In der Abbildung 2.10 sind


die gemessenen Festigkeiten aufgetragen: auf der Abszisse die Mittelspannung, auf der
Ordinate die Ober- und Unterspannung.

37
Dynamische Be-

σo = σm + σa
anspruchung

(2.6)
σu = σm – σa

Die Winkelhalbierende im 1. und 3. Quadranten gibt den Fall der statischen Belastung
wieder, die ab einer gewissen Mittelspannung σm (Punkt A) zu plastischen Verformungen
infolge Fliessens führt. Der Punkt B im Diagramm stellt die Bruchspannung dar.

σo, σu

Grenzlinie der Oberspannung σo


B
A
fy

σa, Bsp
σo = σw

σa, Bsp
Grenzlinie der Oberspannung σu
45°
σm, Bsp
σm

σu = σw

Druckschwellbereich Wechselbereich Zugschwellbereich

Abbildung 2.10: Dauerfestigkeitsschaubild nach SMITH mit dem Beispiel einer Amplitude = σa, Bsp
bei einer Mittelspannung = σm, Bsp

Für den Konstrukteur ist es nun einfach, die Dauerfestigkeitswerte bei beliebiger Bean-
spruchung abzulesen. Ist zum Beispiel ein Bauteil durch Eigengewicht bis zu einer Span-
nung σm beansprucht, so zeigt das Diagramm sofort, wie gross die zusätzliche dynamische
Beanspruchung sein darf; oder, falls mit einer bestimmten dynamischen Belastung zu
rechnen ist, wie hoch die Belastung aus ständigen Lasten sein darf.

2.3.4 Dauerbruch

Bricht ein Bauteil nach mehrmaliger Belastung, so spricht man von einem Dauerbruch.
Äusserlich erkennt man ihn meist daran, dass er zwei Zonen verschiedenen Aussehens
aufweist: eine feinkörnige Zone, die durch das langsame Weiterrücken eines Risses ent-
standen ist und eine Restzone, die durch einen Gewaltbruch hervorgerufen wurde. Der
Gewaltbruch tritt dann ein, wenn der durch den Riss geschwächte Querschnitt nicht mehr
in der Lage ist, die Oberspannung zu ertragen. Während der durch einen fortschreiten-
den Anriss verursachte Teil des Bruches glatt und verformungslos ist, kann der zweite Teil
je nach Sprödigkeit des Materials und Spannungszustand ein Trennbruch, ein Gleitbruch

38
Dynamische Be-
anspruchung
oder ein Mischbruch sein. Aus dieser Beschreibung des Bruchbildes erkennt man, dass der
erste Anriss lange vor dem eigentlichen Bruch entsteht, nämlich nach Überschreiten der
Schadenslinie. Diese unterhalb der WÖHLER-Kurve eingetragene Schadenslinie begrenzt
für jede Beanspruchungshöhe oberhalb der Dauerfestigkeit die Zahl der Lastspiele, die
ohne Schaden ertragen werden kann (Bereich unterhalb der Schadenslinie). Der Bereich
zwischen Schadenslinie und WÖHLER-Kurve entspricht einer Schädigung im Sinne einer
Minderung der Dauerfestigkeit (Abbildung 2.11).

Wöhlerlin  Bereich mit Werk-


stoffschädigung
ie

2
Sc
ha
de
ns
lin
ie
1
‚ Bereich ohne Werk-
stoffschädigung
2
± σΑ ƒ Bereich unterhalb

Festigkeit
3 der Dauerfestigkeit

1 10 102 103 104 105 106 107 log N

Abbildung 2.11: WÖHLER-Diagramm mit Schadenslinie

2.3.5 MINER-Regel

Zur Bestimmung der Dauerschwingfestigkeit mit Hilfe des WÖHLER-Versuches wird die ein-
gestellte Belastungsweise während des ganzen Versuches konstant gehalten. Bei einer
realen Konstruktion existieren aber gesetzmässige oder zufällige Folgen von Beanspru-
chungen. Deshalb ist es sinnvoll, einen Probekörper seiner realen Beanspruchung zu un-
terwerfen. Dies sind Belastungen entsprechend der Häufigkeit, mit der die wahrscheinli-
chen Belastungsgrössen auftreten (Abbildung 2.12). Die Hypothese von MINER besagt,
dass bei stufenweise veränderlicher Schwingweite der Bruch dann eintritt, wenn die Sum-
me der auf die Bruchlastspiel bezogenen Lastspiele bei den bestimmten Schwingweiten
gerade 1 ergibt. Mathematisch ausgedrückt ergibt sich:

m m
n
S = ∑ Si = ∑ -----i ≤ 1
Ni
(2.7)
i=1 i=1

→ Versagen des Bauwerkes


ni = Anzahl der Lastspiele mit der Schwingweite 2 · σai
Ni = Bruchlastspielzahl bei der Schwingweite 2 · σai
m = Anzahl der verschiedenen Laststufen

Nach Versuchen von Miner hat sich die Hypothese bei der Anwendung auf Aluminiumle-
gierungen bewährt; spätere Untersuchungen stellten jedoch auch erhebliche Abweichun-
gen von der MINER´schen Regel fest, so dass sie nur als Näherung angesehen werden kann.

2.3.6 Kerbschlagversuch

Zähigkeit ist die Neigung eines Stoffes zu langsam eintretenden Brüchen


bei grosser Verformung.

Sprödigkeit ist die Neigung eines Stoffes zu plötzlichen Vollbrüchen bei ge-
ringeren Verformungen.

39
Dynamische Be-
anspruchung

Abbildung 2.12: Unregelmässig schwankende Betriebsbeanspruchung

Der Versuch soll die Zähigkeit (Sprödigkeit) eines Werkstoffes bestimmen. Eine gekerbte
Probe, deren beide Enden an Widerlagern anliegen, wird mit einem Schlag mittels Pen-
delhammer zerbrochen (Abbildung 2.13). Die Geschwindigkeit des Hammers beträgt 5 bis
6m/s. Die beim Durchbrechen der Probe geleistete Schlagarbeit A ergibt gemäss

A = G ⋅ (H – h) (2.8)

A = Schlagarbeit [N·m]
G = Hammergewicht [N]
H = Anfangsauslenkung [m]
h = Endauslenkung [m]

Die Kerbschlagzähigkeit ak N·m/m2 wird wie folgt berechnet:

A
a k = ------ (2.9)
Ap

A = Schlagarbeit [N·m]
Ap = Probenquerschnitt an der Kerbe [m2]

Ap

Probe

H
16

h
Probe Hammer

Widerlager

Widerlager

Abbildung 2.13: Kerbschlagversuch

40
Mehrachsige Fe-
stigkeit
2.4 MEHRACHSIGE FESTIGKEIT
Bei der einachsialen Beanspruchung des Betons im Kurzzeitversuch bricht die Probe we-
gen der schwachen Querzugfestigkeit. Wenn die Querdehnung jedoch durch mehraxiale
Beanspruchung behindert wird, tritt eine Festigkeitserhöhung auf. In der Praxis kommen
mehraxiale Druckbeanspruchungen beispielsweise bei längs- und quervorgespannten
Fahrbahnplatten, umschnürten Säulen, Staumauern oder im Behälterbau (z.B. Fässer) vor.
Die Abbildung 2.14 zeigt das Verhalten des Betons bei mehraxialer Druck- und Zugbean-
spruchung. Aus ihr ist ersichtlich, dass die mehraxiale Bruchfestigkeit kein fester Wert ist,
sondern vom Spannungsverhältnis in den verschiedenen Achsrichtungen abhängt. Weiter
ist der starke Festigkeitsabfall beim Aufbringen einer Querzugspannung zu sehen.

σmax
2

Festigkeit
σmax

Abbildung 2.14: Bereich der Betonfestigkeit bei zweiaxialer Beanspruchung

2.5 LINEAR ELASTISCHE BRUCHMECHANIK

2.5.1 Das Kriterium von GRIFFITH

Eine unendliche Scheibe mit einem elliptischen Riss der Länge 2a steht unter Zugspan-
nung σ. Durch das Vorhandensein eines Risses in einem belasteten Körper wird die Span-
nungsverteilung in der Umgebung des Risses gestört. Es folgt, dass in einer Scheibe mit
Riss eine andere elastische Energie Uel gespeichert ist, als wenn kein Riss vorhanden wäre.
Die gesamte elastische Energie Uel unter Einbeziehung der Arbeit der äusseren Kräfte
(potentielle Energie) einer belasteten Scheibe mit Riss ist kleiner als die ohne Riss, d.h.
durch das Einbringen eines Risses wird Energie freigesetzt.
Wird die Scheibe durch einachsigen Zug belastet und ein Riss der Länge 2a eingebracht,
kommt es zu einer Freisetzung von elastischer Energie ∆Uel. Diese ist bei einem ellipti-
schen Riss gegeben durch:

1 2 2
∆U el = – --- ⋅ π ⋅ a ⋅ σ (2.10)
E

Zur Rissbildung benötigt man eine Oberflächenenergie. Im Fall einer Scheibe der Dicke d
= 1 beträgt die Rissoberfläche 4a. Falls die spezifische Oberflächenenergie γ des Werkstof-
fes bekannt ist, d.h. die Energie, die notwendig ist, den Riss um eine Flächeneinheit zu
vergrössern, kann man die zur Rissbildung benötigte Energie bestimmen:

∆U 0 = 4 ⋅ a ⋅ γ (2.11)

41
Linear elastische

Daraus ergibt sich die Änderung ∆U der gesamten Energie der Scheibe
Bruchmechanik

∆U = ∆U el + ∆U 0 (2.12)

Das energetische Gleichgewicht ist erfüllt, wenn die potentielle Energie des Systems mi-
nimal ist: ein Riss wird instabil, wenn die verlorene mechanische Energie zur Ausdehnung
eines Risses grösser ist als die zur Rissbildung benötigte Oberflächenenergie. Daraus kann
die maximal aufnehmbare Spannung einer Scheibe mit einem Riss der Länge 2a berech-
net werden, in dem die Variation der potentiellen Energie bezüglich der Risslänge gleich
Null gesetzt wird:

∂ 2(E ⋅ γ )
∆U = 0 ⇒ σ = ------------------- (2.13)
∂ 2a π⋅a

Riss
2a

σ
Abbildung 2.15: Belastete Scheibe mit einem Riss der Länge 2a

∆U
∆U0

∆U

∆Uel

Abbildung 2.16: Schematische Darstellung des energetischen Gleichgewichtes in


Funktion der Länge a

Der Riss wird beim Überschreiten dieser Spannung, die senkrecht zur grossen Achse des
elliptischen Risse wirkt, instabil, d.h. der Riss wächst selbstständig weiter und verursacht
den Bruch der Scheibe.
Im realen Werkstoff wird neben der Energie für die Schaffung neuer Oberflächen noch
Energie für plastische Verformung, Erwärmung, usw. verbraucht. Wenn man die gesamte
zusätzlich notwendige Energie mit Ut bezeichnet, kann die beim Risswachstum erforder-
liche Energie folgendermassen beschrieben werden:

2γ + U t = G (2.14)

42
Linear elastische
Bruchmechanik

a
Abbildung 2.17: Spannung σ in Funktion der Länge a

Dadurch kann die Gleichung für die von der Scheibe maximal aufnehmbare Spannung
umformuliert werden:
2

Festigkeit
E⋅G
σ = ------------ (2.15)
π⋅a

wobei G die spezifische Bruchenergie ist. Da der Ausdruck E ⋅ G für einen Werkstoff
konstant ist, kann mit K = E ⋅ G der Spannungsintensitäsfaktor (Bruchzähigkeit) de-
finiert werden. Für einen Riss der Länge 2a in einer unendlich ausgedehnten Scheibe un-
ter einachsiger Zugspannung σ kommt es an der Rissspitze zu einer Spannungserhöhung
σy(x). Wird der Riss senkrecht zur grossen Achse des elliptischen Risses belastet, so spricht
man von Modus I, dem reinen Rissöffnungsmodus (Abbildung 2.18). Die Abbildung 2.19
zeigt die drei unterschiedlichen Rissöffnungsmodi.

Riss

2a
Rissspitze

Abbildung 2.18: Spannungszustand an der Rissspitze bei einer einachsig belasteten unendlichen
Scheibe im Fall des Modus I

I II III
Abbildung 2.19: Rissöffnungsmodus I, Schubmodus II und Torsionsmodus III

43
Linear elastische

Ein Mass für die Spannungsüberhöhung σy(x)


Bruchmechanik
im Modus I ist der
Spannungsintensitätsfaktor KI, der wie folgt definiert ist:

K I = σc ⋅ π ⋅ a (2.16)

Erreicht der Spannungsintensitätsfaktor KI den kritischen Wert KIC , so kommt es zu einer


instabilen Rissausbreitung. Es gilt also folgendes Bruchkriterium mit der Bruchzähigkeit
KIC:

K I ≤ K IC (2.17)

2.5.2 Einfluss der Probengrössen auf die Festigkeit

Die Wahrscheinlichkeit für das globale Versagen eines Bauteils nimmt mit zunehmender
Grösse des Bauteils zu. Diesen Zusammenhang stellte WEIBULL (1939) in der nach ihm be-
nannten Verteilung der Versagenswahrscheinlichkeit dar. Die Versagenswahrscheinlich-
keit eines Bauteils mit dem Volumen V kann fogendermassen ausgedrückt werden:


  σm 
----- ⋅ ρ dV 
– σ 
 V 0 
P ( σ, V ) = 1 – e (2.18)

σ0 = Normierungsgrösse
m = Exponent, der experimentell bestimmt werden kann
ρ = Dichte, hat die Dimension V-1

Bei einem einachsigen Spannungszustand folgt daraus:

  σm 
----- ⋅ ρ ⋅ V 
 – σ 
 
P ( σ, V ) = 1 – e
0
(2.19)

und die Wahrscheinlichkeitsverteilung lautet dann:

  σ 
----- ⋅ ρ ⋅ V 
 – σ 
d m⋅ρ⋅V σ  
P ( σ, V ) = -------------------- ⋅  ------
m–1
P ( σ, V ) = ⋅e
0
(2.20)
dσ σ0  σ 0

Die WEIBULL-Verteilung mit einem unteren Grenzwert σu wird:


  σ – σ u m 
- ⋅ ρ ⋅ dV 
 –  --------------
σ 
 V 0 
P ( σ, V ) = 1 – e (2.21)

Daraus folgt für den Fall einer Zugspannung:

  σ – σ u m 
- ⋅ρ⋅V
 –  --------------
σ 
 
P ( σ, V ) = 1 – e
0
(2.22)

44
Linear elastische

Für den Mittelwert bei unterschiedlichem Volumen gilt P(σ,V) = 0.5. Somit erhält man:
Bruchmechanik

σ 1 – σ u σ 2 – σ u m
m
- ⋅ V 1 =  -----------------
----------------- - ⋅ V2 (2.23)
 σ0   σ0 

Im Fall, dass σu klein ist, wird aus dieser Gleichung:

1
– ----
σ1 V1 m
------ =  ------ (2.24)
σ2  V 2

Festigkeit
Abbildung 2.20: Versagenswahrscheinlichkeit und Wahrscheinlichkeitsverteilung einer einachsig
belasteten Probe

σ1
ln
σ2

tan α = -m

V1
ln
V2

Abbildung 2.21: Einfluss der Probengrösse auf die Festigkeit

Tabelle 2.3: Festigkeit von Betonwürfeln

Kantenlänge [cm] fc / fc20


10 1.15
15 1.05
20 1.0
30 0.9

45
Porosität

4 POROSITÄT UND WECHSELWIR-


KUNG MIT FEUCHTIGKEIT

4.1 POROSITÄT

4.1.1 Definition

Porosität bezeichnet den Anteil am Gesamtvolumen eines Körpers, welche


Poren einnehmen. Die Porosität kann „offen“ sein, d.h. einzelne Poren
sind untereinander verbunden und sind somit für von aussen eindringende
Gase oder Flüssigkeiten zugänglich; oder sie sind „geschlossen“, d.h. die
Porenräume sind voneinander getrennt.

Porosität und Wechselwirkung mit Feuchtigkeit


a

Abbildung 4.1: Schematische Darstellung von (a) offenen Poren und


(b) geschlossenen Poren

4 2

Abbildung 4.2: (1) geschlossene Pore, (2) Sackpore, (3) Flaschenhals, (4) Durchgehende Pore,
(5) Verzweigung

53
Porosität

Als Gesamtporosität Pt eines Werkstoffes bezeichnet man das Verhältnis aus dem gesam-
ten Porenvolumen (Vp, offen + Vp, geschlossen) zu dem Volumen des porösen Körpers V:

V p, tot V p, o + V p, g
P t = -------------- ⋅ 100 = ----------------------------- ⋅ 100 (4.1)
V V

Pt = Gesamtporosität [%]
Vp,tot = totales Porenvolumen
Vp,o = Volumen der offenen Poren
Vp,g = Volumen der geschlossenen Poren
V = Trockenvolumen der Probe

Die Gesamtporosität Pt genügt aber noch nicht, um die Wechselwirkung eines porösen
Stoffes mit Wasser oder feuchter Luft beschreiben zu können.
Betrachtet man einen Würfel mit dem Volumen L3, der eine Porosität von 0.5 oder 50%
habe (Abbildung 4.3) und unter der Annahme, dass die Porosität von 50% auf eine ein-
zelne Zylinderpore konzentriert ist, ergibt sich der Radius R der Pore zu:

2 2 1
R ⋅ π = 0.5 ⋅ l R = --------------- ⋅ l (4.2)
2⋅π

N=1 N = 10 N = 100
R = 0.399·L R = 0.126·L R = 0.0399·L
Oi = 2.51·L2 Oi = 7.91·L2 Oi = 25.06·L2

N = Anzahl Poren
R = Porenradius [L]
Oi = Totale Innenoberfläche der Poren [L2]

Abbildung 4.3: Würfel mit Kantenlänge l und Porosität von 0.5. Diese ist verteilt auf:
a) eine Zylinderpore
b) zehn Zylinderporen
c) hundert Zylinderporen

und daraus ergibt sich für die innere Oberfläche Oi:

Oi = 2 ⋅ π ⋅ R ⋅ l (4.3)

Entsprechend erhält man für N gleich grosse Poren für den Porenradius R:

1
R = ------------------------ ⋅ l (4.4)
2⋅π⋅N

54
Porosität

und für die Oberfläche Oi:

Oi = 2 ⋅ π ⋅ R ⋅ l ⋅ N (4.5)

Dieselbe Porosität kann also auf sehr viele kleine Poren oder auf wenige grosse Poren ver-
teilt sein. Die bisherigen Betrachtungen erlauben uns nun für einen charakteristischen
Wert der inneren Oberfläche von Zementstein, nämlich 200m2/g, die Anzahl N von zylin-
derförmigen Poren im Zementstein zu berechnen. Mit Hilfe der Zementsteindichte von
ρ = 1800kg/m3 und der Annahme einer Porosität von 50% erhält man 1012 Zylinderpo-
ren. Die obige Gleichung liefert den Radius der Poren im Zementstein, welcher bei eini-
gen Nanometern liegen muss.

Messmethode
Die offene Porosität kann durch die Absorption von bestimmten Gasen an der Porenober-
fläche ermittelt werden. Die Menge des von einem porösen Körpers absorbierten Gases
kann bestimmt und hieraus die Grösse der Oberfläche (BET-Isotherme) abgeleitet werden.
Sind die Porenhohlräume grösser, so können auch Flüssigkeiten (z.B. Quecksilber) in das
Porenvolumen eindringen. Aus der eingedrungenen Flüssigkeitsmenge ergibt sich das Po-
renvolumen.
Poren erweisen sich für die meisten Werkstoffeigenschaften als nachteilig. Insbesondere
werden die Festigkeit, die Duktilität und die Dauerhaftigkeit negativ beeinflusst. Vorteile
bringt eine hohe Porosität bezüglich der Wärmedämmung und des spezifischen Gewich-

4
tes.

Porosität und Wechselwirkung mit Feuchtigkeit


Gelporen Kapillarporen Luftporen Verdichtungsporen

Absorption
Kondensation
Quecksilber-Intrusion
Luft/Wasser-Extrusion
Röntgen

Elektronenmikroskopie

Durchströmung

visuelle Prüfung

10-10 10-9 10-8 10-7 10-6 10-5 10-4 10-3 10-2 r [m]

Abbildung 4.4: Untersuchungsmethoden für die Bestimmung der Porosität und Porengrössenver-
teilung

4.1.2 Charakteristische Werte


Tabelle 4.1: Gesamtporosität Pt einiger Werkstoffe

Werkstoff Pt [%]
METALLE ~0
BETON: Normalbeton 10 ÷ 15
Gasbeton 80 ÷ 90
ZEMENTSTEIN ~ 50
DICHTE NATURSTEINE Granit, Marmor
0.2 ÷ 1.5
WIE: oder dichter Kalk
SANDSTEIN 5 ÷ 30

55
Porengrössen-

Tabelle 4.1: Gesamtporosität Pt einiger Werkstoffe (Forts.)


verteilung

Werkstoff Pt [%]
GEBRANNTER ZIEGEL-
15 ÷ 30
STEIN

GIPS 40 ÷ 55
MAUERWERK 20 ÷ 30
KUNSTSTOFFE ~0

4.2 PORENGRÖSSENVERTEILUNG

4.2.1 Definitionen

Bei der Abschätzung der Porenradien im Zementstein ist gezeigt worden, dass diese im
Nanometerbereich liegen. Bei zementgebundenen Werkstoffen ist die Porosität jedoch
auf Radien verteilt, die über viele Zehnerpotenzen variieren. So liegen zum Beispiel im
frost-beständigen Beton künstliche Luftporen im Bereich von 50 bis 200 µm und unge-
wollte Lufteinschlüsse im Millimeterbereich vor. Somit ist nicht nur die Porengrösse, son-
dern auch die Porengrössenverteilung von Interesse.

Betontechnologische
Feststoffe Poreneinteilung
Massnahmen
Verdichtungs-

d [m]
Kies

10-2 Verdichten Grobporen


poren
Sand

10-3 mm
Luftporen

Luftporen- Makro-
Zuschläge
Feinstteile

10-4
bildner kapillaren
10-5
Zemet

Kapillaren
Kapillarporen

10-6 W/Z - Wert µm


Mikro-
10-7 kapillaren
Hydratations-

10-8
produkte

Hydratation Mesoporen
Gelporen

10-9 Zementart
nm
Mikroporen
10-10

Abbildung 4.5: Poren- und Partikelverteilung für den Werkstoff Beton

Eine häufig gewählte Art der Darstellung der Porengrössenverteilung ist die Summendar-
stellung. Dabei gibt die grafisch dargestellte Funktion (kumulative Darstellung) an, wie-
viel Prozent der Gesamtporosität auf Radien entfallen, die grösser sind als der entspre-
chende Wert im Diagramm (Abbildung 4.6).
Eine andere Art der Darstellung ist die Ableitung nach dem Radius dP / dR. Dies ergibt ein
anschauliches Mass für die Porenvolumina (Abbildung 4.7).

56
Porengrössen-
verteilung
Porosität [%]

100%

50%

10-9 10-8 10-7 10-6 10-5 10-4 10-3 10-2


Porenradius [m]

Abbildung 4.6: Integrale Form der Darstellung der Porengrössenverteilung von Beton, Ziegel und
Porenbeton

dP dP
dR Gips dR Zementmörtel
karbonatisiert
nicht karbonatisiert

Sandstein Beton 4

Porosität und Wechselwirkung mit Feuchtigkeit


Ziegel Gasbeton

10-9 10-6 10-3 10-9 10-6 10-3


Porenradius R [m] Porenradius R [m]

Abbildung 4.7: Differentielle Darstellung der Porengrössenverteilung von verschiedenen


Werkstoffen

4.2.2 Messmethoden

In der Praxis werden am zu untersuchenden Objekt Bohrkerne entnommen und im Labor


analysiert. Dabei lassen sich die grössten Poren optisch oder unter dem Rasterelektronen-
mikroskop sichtbar machen und bildanalytisch auswerten. Die untere Grenze liegt bei
etwa 5 µm. Zum Nachweis von Poren zwischen 10 µm und 5nm wird meistens die Queck-
silberdruckporosimetrie eingesetzt. Die noch feineren Gelporen schliesslich lassen sich
durch Sorptionsexperimente quantitativ erfassen. In vielen Fällen muss man zur Bestim-
mung der Porengrössenverteilung eines Werkstoffes mehrere Analysemethoden einset-
zen und die Ergebnisse kombinieren.

57
Kapillare Was-
seraufnahme
4.3 KAPILLARE WASSERAUFNAHME

4.3.1 Definition

Unter der kapillaren Wasseraufnahme eines porösen Stoffes ist das Einsau-
gen von Wasser in dessen Kapillarporen zu verstehen, sofern diese in Kon-
takt mit Wasser stehen.

Eine Flüssigkeit steigt in einer Kapillare um h an. Diese Flüssigkeitssäule mit ihrem Ge-
wicht r2·π·h·ρ hängt an der Randlinie 2·π·r mit der Randkraft h·σ·ρ·cosϑ/p. Ein Gleichge-
wicht herrscht bei:

2 ⋅ σ ⋅ cos ϑ
p = ---------------------------- (4.6)
r

Mit p = ρ·g·h erhält man:

p 2⋅σ
h = ---------- = ----------------- ⋅ cos ϑ (4.7)
ρ⋅g r⋅ρ⋅g

p = Kapillardruck [N/m2]
σ = Oberflächenspannung der Flüssigkeit [N/m]; z.B. von Wasser
gegen Luft bei 20°C, σ = 0.0729N/m
ϑ = Benetzungswinkel [°]
r = Kapillarradius [m]
ρ = Dichte der Flüssigkeit [kg/m3]
g = Erdbeschleunigung [m/s2]; 9.81m/s2
h = Steighöhe [m]

Abbildung 4.8: Steighöhe von Wasser in einem Kapillarröhrchen

Dabei ist der Benetzungswinkel ϑ wie folgt definiert:

Der Benetzungswinkel ϑ beschreibt die Benetzbarkeit eines Stoffes mit


Wasser und ist sowohl von der Oberflächenspannung des Wassers als auch
von der des Werkstoffes abhängig.

58
Kapillare Was-
seraufnahme

0° < ϑ < 90°

Abbildung 4.9: Gestalt eines Wassertropfens auf einer Glasplatte

ϑ > 90°

Abbildung 4.10: Gestalt eines Quecksilbertropfens auf einer Glasplatte

In einer vertikalen, zylindrischen Kapillare kann eine Flüssigkeit bis zu einer maximalen
Höhe h angehoben werden (Gleichung (4.7). Für eine grobe Abschätzung wird der Benet-
zungswinkel ϑ häufig gleich Null gesetzt. Bei Wasser als Aufsaugflüssigkeit vereinfacht
sich damit die Gleichung der maximalen Steighöhe zu:

15
h = ------ (4.8)
4
r

Porosität und Wechselwirkung mit Feuchtigkeit


h = Steighöhe [mm]
r = Porenradius [mm]

Aus der obigen Gleichung ist ersichtlich, dass die kapillare Steighöhe umso grösser ist, je
kleiner der Porenradius r, also je feinporiger der Werkstoff ist (Abbildung 4.11).

Steighöhe h [mm]

35

30
m
mm r = 0.5 m
.2
r =0
25
mm
0 .1
r=
20

r = 1 mm
15

10

0
0 1 2 3 4 5 Zeit t [min]

Abbildung 4.11: Vertikale kapillare Wasseraufnahme als Funktion der Zeit für unterschiedliche
Radien

59
Kapillare Was-
seraufnahme
Theoretisch sollte also die maximale Steighöhe bei sehr kleinen Poren fast uneinge-
schränkt sein, aber in der Praxis muss noch der Aspekte der Verdunstung berücksichtigt
werden, die in der vorherigen Formel weggelassen worden ist. Aus diesem Grund wird
tatsächlich nur selten eine Höhe von 2 m überschritten.

4.3.2 Hydrophobierung

Der Benetzungswinkel von Wasser auf einer Betonoberfläche kann durch eine hydropho-
bierende Massnahme erhöht werden, wodurch die kapillare Aufnahme von Wasser und
mir ihm transportierten Schadstoffen wesentlich reduziert wird. Im Gegensatz zu Be-
schichtungen wird die Dampfleitfähigkeit durch eine Hydrophobierung nur unwesentlich
behindert, sodass das Bauteil auch nach einer Hydrophobierung im Gleichgewicht mit der
Umgebungsfeuchtigkeit steht.
Silane und Siloxane sind die am häufigsten eingesetzten Hydrophobierungsmittel. Sie
reagieren im alkalischen Milieu in den Poren des Zementsteins zu einem Silikonharz mit
imprägnierenden Eigenschaften. Dieser wasserabweisende Effekt beruht auf einer Erhö-
hung des Benetzungwinkel auf ϑ > 90°. Bei Benetzungswinkeln von ϑ > 90° braucht es ei-
nen Druck (z.B. Wind gegen nasse Fassade), um die Kapillare noch zu füllen.

ϑ ≈ 0° ϑ > 90°

ohne mit
Hydrophobierung

Abbildung 4.12: Schematische Darstellung der Auswirkungen auf die kapillare Wasseraufnahme
durch eine Hydrophobierung

60
Wassereindring-
koeffizient B
4.4 WASSEREINDRINGKOEFFIZIENT B UND WASSERAUFNAHME- und
Wasseraufnahm
KOEFFIZIENT A ekoeffizient A

4.4.1 Definition

Unter Vernachlässigung des Einflusses der Schwerkraft gilt für die Eindringgeschwindig-
keit v von Wasser in eine Kapillare:

dx σ ⋅ r ⋅ cos ϑ
v = = --------------------------- (4.9)
dt 4⋅η⋅x

x = Eindringtiefe [m]
t = Zeit [s]
σ = Oberflächenspannung [N/m]
r = Kapillarradius [m]
ϑ = Benetzungswinkel [°]
η = Viskosität der Flüssigkeit [Pa·s] ⇒ Zähigkeit

Eine Integration der obigen Gleichung über die Zeit führt zur Beziehung der kapillaren
Wasseraufnahme - dem sogenannten t -Gesetz:

x =
σ ⋅ r ⋅ cos ϑ
--------------------------- ⋅ t = B ⋅ t (4.10)
4
2⋅η

Porosität und Wechselwirkung mit Feuchtigkeit


B = Wassereindringkoeffizient [m/ h ]

Für die pro Flächeneinheit aufgenommene Wassermenge mw gilt:

mW = A ⋅ t (4.11)

mW = Flächenbezogene Wasseraufnahmemenge [kg/m2]


A = Wasseraufnahmekoeffizient [kg/(m2 h )]

Die Koeffizienten A und B werden als spezifische Materialkennwerte in Aufsaugversu-


chen ermittelt. Erreicht bei einem Aufsaugversuch die Eindringtiefe die Höhe der Probe,
saugt der poröse Werkstoff danach nur noch in dem Masse weitere Flüssigkeit auf, wie sie
an der Oberfläche der Probe verdunsten kann.

Der kapillar füllbare Porenraum, bezogen auf das Volumen der Probe, wird
als die Wasserkapazität Ψk bezeichnet.

61
Wassereindring-
koeffizient B
und Unter der vereinfachenden Annahme einer gleichmässigen Feuchtigkeitsverteilung über
Wasseraufnahm die Feuchtigkeitsfront gilt während des Aufsaugvorgangs folgender Zusammenhang:
ekoeffizient A

A
B = -------------- (4.12)
ψk ⋅ ρ

Ψk = Wasserkapazität [m3/m3]
ρ = Dichte der Flüssigkeit [kg/m3]
A = Wasseraufnahmekoeffizient [kg/(m2 h )]
B = Wassereindringkoeffizient [m/ h ]

Die berechnete Wasserkapazität (kapillar füllbare Porenraum) wird kleiner als die tat-
sächliche Porosität sein. Diesem Effekt liegen folgende zwei Ursachen zu Grunde:
• Grundsätzlich sind nicht alle Poren im Beton mit Wasser füllbar (Gelporen).
• Bei der praktischen Messung wird die Wassereindringfront visuell bestimmt,
wobei aber an dieser Front noch nicht alle Poren gefüllt sind, da diese länger zur
Füllung brauchen.
Bei der Berechnug werden allerdings alle Poren als gefüllt angenommen. Die Wasserka-
pazität ist direkt proportional zum offenen Porenanteil.

4.4.2 Messmethoden

Wasseraufnahmekoeffizient A
Zur Charakterisierung des Saugvermögens poröser Werkstoffe des Bauwesens kann der
Wasseraufnahmekoeffizient A mit Hilfe von Aufsaugversuchen ermittelt werden. Zur Pro-
benvorbereitung bei Werkstoffen aus mineralischen Bindemitteln werden die Probekör-
per bei 105°C bis zum Erreichen der Massenkonstanz getrocknet. Im Anschluss daran wer-
den die Seitenflächen der Probekörper mit einem wasserundurchlässigen Harz beschich-
tet und in einem Wasserbad auf zwei dünnen Stegen fixiert. Während festen Zeitpunkten
werden die Proben zur Bestimmung der Massenzunahme aus dem Wasserbad genommen
und gewogen. Die zeitliche Zunahme der aufgenommenen Wassermenge mw, bezogen
auf die Aufsaugfläche, wird als Funktion von t graphisch dargestellt. Aus der Geraden-
steigung kann der Wasseraufnahmekoeffizient A ermittelt werden.

Beschichtung

x3

x2

x1

t=0 t>0
Abbildung 4.13: Aufsaugversuch an drei unterschiedlichen Proben zu Beginn t = 0 und zu einem
Zeitpunkt t > 0

Die kapillare Wasseraufnahme wird durch die Porosität, d.h. den W/Z-Wert des Betons
und den Luftporengehalt, massgebend beeinflusst. In der Abbildung 4.14 sind die Was-
seraufnahmekoeffizienten Α für einen Normalbeton in Abhängigkeit vom W/Z-Wert dar-
gestellt. Es wird deutlich, dass eine Erhöhung des W/Z-Wertes von 0.4 auf 0.6 zu einer Ver-
dreifachung der kapillaren Wasseraufnahme führt. In Abbildung 4.15 sind die Wasserauf-

62
Wassereindring-
koeffizient B
0,6
und
Wasseraufnahm
ekoeffizient A

0,4

0,2

0
0,4 0,5 0,6

W/Z-Wert

Abbildung 4.14: Wasseraufnahmekoeffizient A in Abhängigkeit vom W/Z-Wert

0,6

0,4

0,2
4

Porosität und Wechselwirkung mit Feuchtigkeit


0
1,6 4,9
Verdichtungs- und
Luftporen [%]

Abbildung 4.15: Wasseraufnahmekoeffizient A in Abhängigkeit vom Verdichtungs- und Luftporen-


gehalt

nahmekoeffizienten für Normalbeton in Abhängigkeit vom Verdichtungs- und Luftpo-


rengehalt bei einem konstanten W/Z-Wert von 0.5 dargestellt. Demnach wird die
kapillare Wasseraufnahme durch die Zugabe von zusätzlichen künstlichen Luftporen um
die Hälfte reduziert. In das Porensystem eingebrachte Luftporen wirken kapillarbre-
chend.
In der Praxis hat sich zur Bestimmung der kapillaren Wasseraufnahme das Verfahren nach
Karsten durchgesetzt. Hierbei benutzt man eine normierte Aufsaugfläche, z.B. ein Glas-
rohr mit einem Innendurchmesser von ø = 30mm. Die eine Seite des Glasrohres wird mit
einem geeigneten Kleber an der zu untersuchenden Betonoberfläche befestigt. Das ge-
genüberliegende Ende ist über eine Verjüngung und einen 90° Bogen mit einem vertikal
zur Zylinderachse stehenden Glasrohr verbunden (Abbildung 4.16). Nach der Befestigung
auf der Betonoberfläche wird das System bis zur oberen Markierung der auf dem
dünneren Rohr aufgebrachten Skalierung mit Wasser aufgefüllt. Zu festen Zeiten wird die
in den Beton eingedrungene Wassermenge ∆l abgelesen. Für die Auswertung wird die zu
jedem Zeitpunkt ti von der Betonoberfläche aufgesogene Wassermenge ermittelt, die
dann auf die Aufsaugfläche bezogen wird. Die zeitliche Zunahme wird als Funktion von
t graphisch dargestellt. Aus der Geradensteigung kann der Wasser-
aufnahmekoeffizient A ermittelt werden.

Wassereindringkoeffizient B
Eine Bestimmung des Wassereindringkoeffizienten B mit Hilfe der Gleichung (4.10) ergibt
nur Näherungswerte, da sich beim kapillaren Saugen von Wasser keine scharfe Wasser-
front einstellt und dadurch die Eindringtiefe x nicht exakt bestimmt werden kann. Die un-
terschiedliche Porengrössenverteilung führt zu keiner gleichmässigen Verteilung der
Feuchtigkeitsfront. Eine Beurteilung der Eindringtiefe anhand einer sich stärker abzeich-

63
Kapillarkonden-
sation

Beton Skalierung

Normiertes
Karsten-Röhrchen

Aufsaugfläche
Dichtungskitt

Abbildung 4.16: Schematische Darstellung eines Versuches zur Bestimmung der Wasseraufnah-
me nach Karsten

nenden Feuchtigkeitsfront zur Bestimmung des Wassereindringkoeffizienten B ist dem-


nach nicht möglich, zumal die Proben seitlich beschichtet sind.
Die Bestimmung muss mit indirekten Messverfahren wie Kernresonanz, Mikrowellen
oder Hochfrequenz erfolgen.
Der W/Z-Wert wirkt sich in gleicher Weise wie beim Wasseraufnahmekoeffizienten A aus.

4.5 KAPILLARKONDENSATION

4.5.1 Definition

Relative Feuchtigkeit ϕ: Unter der relativen Feuchtigkeit versteht man


das Verhältnis der tatsächlich enthaltenen zur
maximal möglichen Masse des Wasserdampfes
in der Luft.

Absolute Feuchtigkeit: Unter der absoluten Feuchtigkeit versteht die


in einem m3 Luft tatsächlich enthaltene Was-
serdampfmenge.

Taupunkt: Unter dem Taupunkt versteht man diejenige


Temperatur, bei der der maximal mögliche
Feuchtigkeitsgehalt gerade dem vorhandenen
Feuchtigkeitsgehalt entspricht.

Wird bei einer Abkühlung der Taupunkt unterschritten, so erfolgt eine Kondensation des
überschüssigen Wasserdampfes, d.h. die relative Feuchtigkeit liegt bei 100%.

64
Kapillarkonden-
sation

Abbildung 4.17: Wassergehalt der Luft bei verschiedenen relativen Feuchten als Funktion der
Temperatur

4.5.2 Sorptionsisotherme

Die in einem Werkstoff enthaltene Menge an Wasser (Feuchte) gibt man meist als mass-
gebenden Wassergehalt u an:

mW
4
u = -------- ⋅ 100 (4.13)
m tr

Porosität und Wechselwirkung mit Feuchtigkeit


u = Wassergehalt bzw. Feuchte [%]
mW = Masse des Wassers [kg]
mtr = Masse des trockenen Werkstoffes [kg]

Als Gleichgewichtsfeuchte wird derjenige Wassergehalt bezeichnet, der sich in einem


Werkstoff nach längerer Lagerung bei konstanter relativer Luftfeuchtigkeit und Tempe-
ratur einstellt.
Die im Bezug auf trockene Luft möglichen Gleichgewichtsfeuchten eines Werkstoffes
fasst man in sogenannten Sorptionsisothermen zusammen.

Die Sorptionsisothermen geben den für jeden Werkstoff charakteristischen


funktionalen Zusammenhang zwischen Wassergehalt und der relativen
Luftfeuchte wieder.

Die Sorptionsisothermen der porösen, mineralischen Bindemittel und die von Polymer-
werkstoffen unterscheiden sich in ihrer Form (Abbildung 4.18).
Weitaus die meisten mineralischen Werkstoffe sind feinporige Feststoffe mit grosser in-
nerer Oberfläche, an welcher ein Wasserfilm angelagert wird. Die entsprechenden Sorp-
tionsisothermen zeigen einen S-förmig gekrümmten Verlauf, dessen unterer Teil dadurch
verursacht wird, dass die Anlagerung der ersten Molekülschicht Wasser auf der inneren
Werkstoffoberfläche bei niedrigen relativen Luftfeuchten stark exotherm erfolgt
(Abbildung 4.19). Die weiteren Schichten werden erst bei deutlich höheren Luftfeuchtig-
keit und mit geringerer Exothermie angelagert.
Der bei relativen Luftfeuchten ab etwa 70% eintretende, immer steiler werdende Anstieg
der Sorptionsisotherme wird im wesentlichen durch Kapillarkondensation von Wasser in
den sehr feinen Poren des Werkstoffes bestimmt, was man mit der Theorie der Kapillar-
kondensation und der BET-Theorie erklären kann.
Eine Oberfläche, die in Kontakt mit Wasserdampfmolekülen steht, absorbiert statistisch
betrachtet pro Zeiteinheit ebenso viele Moleküle, wie sie in die Gasphase abgibt. Die An-

65
Kapillarkonden-
sation
feinporige Baustoffe organische Baustoffe

u u

0 ¡C

30 ¡C

30 ¡C

0 ¡C
r. F. [%] r. F. [%]
0 100 0 100

Abbildung 4.18: Form- und Temperaturabhängigkeit der Sorptionsisothermen von feinporigen


Werkstoffen

3
Wassergehalt u

2 n. Schicht

Wassermolekülschichten
1 3. Schicht

2. Schicht

1. Schicht

relative Luftfeuchtigkeit

Abbildung 4.19: Monomolekulare (1) und molekulare (2) Absorption sowie Kapillarkondensation
(3) bestimmen den Verlauf der Sorptionsisotherme feinporiger Werkstoffe

zahl der absorbierten Moleküle ist abhängig vom Wasserdampfpartialdruck ps. Die Ver-
weilzeit an der Oberfläche hängt von der Temperatur T ab. Über die Zeit gemittelt
kommt es somit zu einer Ausbildung einer mittleren Schichtdicke des absorbierten Was-
sers.
Dieser Vorgang kann mit der von Brunauer, Emmett und Teller aufgestellen BET-Glei-
chung folgendermassen beschrieben werden:

p
-----
p0 1 c–1 p
--------------------------- = ------------- + ------------- ⋅  ----- (4.14)
p v m ⋅ c v m ⋅ c p 0 
v ⋅  1 – -----
 p 0

p/p0 = relativer Dampfdruck der Wassermoleküle [-]


v = Masse des aufgenommenen Wassers [kg]
vm = Masse des Wassers, die zur Bildung einer monomolekularen
Schicht benötigt wird [kg]
c = Wechselwirkungskonstante [-]

66
Kapillarkonden-
sation
Weiter kann die Gleichung (4.14) gemäss der Abbildung 4.20 linearisiert werden, so dass
es möglich wird, die Masse der monomolekularen Schicht direkt abzulesen.

p/p0
v·(1-p/p0)

1
= Ordinatenabschnitt
vm·c

c-1
= Steigung der Geraden
vm·c

p/p0

Abbildung 4.20: Linearisierung der BET-Gleichung

Der Verlauf der Sorptionsisotherme von feinporigen Werkstoffen im Bereich von relati-
ven Luftfeuchten ϕ > 70% wird mit der Theorie der Kapillarkondensation erklärt.
In sehr feinen Kapillaren tritt eine Kondensation von Wasserdampf schon unterhalb von
100% relativer Luftfeuchte auf. Der relative Dampfdruck p/p0, der in Abhängigkeit vom
Radius r steht, bei dem die Kapillarkondensation eintritt, ist durch die Kelvin-Gleichung
gegeben:

p 2 ⋅ σ ⋅ Vm 1
4
ln  ----- = –  ----------------------- ⋅ --- (4.15)
 p 0  R⋅T  r

Porosität und Wechselwirkung mit Feuchtigkeit


p/p0 = relativer Dampfdruck [-]
σ = spezifische Oberflächenenergie [N/m]
r = Kapillarradius [m]
T = Temperatur [K]
R = allgemeine Gaskonstante 8.314J/(mol·K)
Vm = Molvolumen des Fluids [m3/mol]

Für Wasser (σW = 0.072J/m2, Vm = 18·10-6 m3/mol) erhält man bei einer Temperatur von
20°C folgende Dampfdrücke in Abhängigkeit des Kapillarradius r, bei denen Kapillarkon-
densation eintritt.

Tabelle 4.2: Dampfdrücke für Kapillarkondensation bei 20°C in Abhängigkeit des Kapillarradius r

Radius r [nm] 1 2 5 10 20 50 100


rel. Dampfdruck
34.5 58.8 80.8 90.0 94.8 97.9 98.9
p/p0 [%]

In der Abbildung 4.21 wird dieser Zusammenhang zwischen dem relativen Dampfdruck
p/p0 und dem Kapillarradius r dargestellt.
Aus der Theorie der Kapillarkondensation folgt, dass sich in feinporigen Stoffen der Po-
renanteil mit Durchmessern bis zu etwa 10nm bei einer relativen Luftfeuchte von 90%
durch Kondensation von Wasserdampf füllt. Bei 100% relativer Feuchte wird eine Poren-
füllung mit Wasser bis zu einem Porenradius von etwa 100nm erzwungen.

67
Wasserdampf-
partialdruck

Abbildung 4.21: Dampfdrücke für Kapillarkondensation bei 20°C in Abhängigkeit des


Kapillarradius

Setzt man die entsprechenden Werte für Wasser in die Kelvin-Gleichung ein, so erhält
man bei einer Temperatur von 293[°K] für den Radius r in Abhängigkeit von der relativen
Luftfeuchte:

–9
-1.07 ⋅ 10
r = --------------------------- (4.16)
p
ln  -----
 p 0

4.6 WASSERDAMPFPARTIALDRUCK
Wie bereits in Kapitel Abschnitt 4.5 erläutert wurde, kann die Luft in Abhängigkeit von
der Temperatur eine bestimmte Menge an Wasser in der Dampfphase aufnehmen. Dieses
Gas übt einen Druck auf die Umgebung aus, der sich additiv mit den Partialdrücken der
Hauptbestandteile der Umgebungsluft (Stickstoff, Sauerstoff, Kohlendioxid, Edelgase)
zum atmosphärischen Luftdruck zusammensetzt. Die Abbildung 4.22 zeigt den Partial-
druck von Wasserdampf in Abhängigkeit von der Temperatur an. Aufgetragen ist jeweils
der Sättigungsdampfdruck ps, d.h. die maximal aufnehmbare Menge an Wasser [g/m3] bei
konstanter Temperatur.

4.7 WASSERDAMPFDIFFUSION

4.7.1 Definitionen

Um die Permeabilität eines porösen Werkstoffes zu bestimmen, wird im einfachsten Fall


die sogenannte „wet-cup“- oder die „dry-cup“-Methode verwendet. In beiden Fällen hält
man auf den beiden gegenüberliegenden Seiten einer aus dem Werkstoff hergestellten
Scheibe eine bestimmte relative Luftfeuchte konstant.

68
Wasserdampf-
diffusion

Abbildung 4.22: Sättigungsdampfdruckkurve für Wasser

Die Wasserdampf-Diffusionsstromdichte j [kg/(m2·h)] durch die zu charakterisierende


Werkstoffscheibe mit der Dicke ∆x [m] ist dann folgendermassen definiert: 4
∆ pD

Porosität und Wechselwirkung mit Feuchtigkeit


j = λ D ⋅ ----------- (4.17)
∆x

j = Wasserdampf-Diffusionsstromdichte [kg/(m2·h)]
λD = Permeabilitätskoeffizient [kg/(m·h·Pa)]
∆pD = Wasserdampfteildruckgefälle [Pa]
∆x = Bauteildicke [m]

Durch Wägen der Scheiben kann der Massenverlust (wet-cup) oder die Massenzunahme
(dry-cup) einfach bestimmt werden.

4.7.2 Messmethoden für den Permeabilitätskoeffizienten

Die Bestimmung von λD wird entweder mit dem wet-cup- oder dem dry-cup-Versuch
durchgeführt. Bei beiden Methoden wird die Massendifferenz ∆m des Systems, beste-
hend aus Glasgefäss, Werkstoffscheibe und Wasser bzw. Silikagel, in bestimmten Zeitin-
tervallen gemessen, woraus sich bei bekannter Schichtdicke ∆x [m] und bei bekanntem
Wasserdampfpartialdruckgradienten [Pa] der Permeabilitätskoeffizient λD bestimmen
lässt.
Bei der dry-cup-Methode findet die Diffusion von aussen nach innen und bei der
wet-cup-Methode von innen nach aussen statt (Abbildung 4.23 und 4.24).

69
Wasserdampf-
diffusion

geschlossener Behälter (z.B. Raum, grosse Kiste)

ϕ = 50% = const.

Diffusion

Probe ∆x

ϕ = 100% = const.

Waage

Abbildung 4.23: Wet-cup-Versuch mit einer Massenabnahme von -∆m

geschlossener Behälter (z.B. Raum, grosse Kiste)

ϕ = 50% = const.

Diffusion

Probe ∆x

ϕ = 0% = const.
Silika-Gel

Waage

Abbildung 4.24: Dry-cup-Versuch mit einer Massenzunahme von +∆m

70
Dampfleitfähig-
keit
4.7.3 Charakteristische Werte
Tabelle 4.3: Permeabilitätskoeffizient λD einiger Werkstoffe

Werkstoffgruppe Werkstoff λD [mg/(m·h·Pa)]


NICHTMETALLISCHE Beton 0.010 ÷ 0.004
ANORGANISCHE WERK-
Mauerwerk 0.175 ÷ 0.100
STOFFE
Gips 0.140 ÷ 0.065
Steinwollplatten 0.640 ÷ 0.320
ORGANISCHE WERK- Holz: Fichte, Buche, Eiche 0.035 ÷ 0.015
STOFFE
Korkplatten 0.130 ÷ 0.020
Polyvinylchlorid (PVC) 0.003 ÷ 0.001
Polystyrol (PS) 0.030 ÷ 0.015
Polyetylen (PE) 0.002 ÷ 0.0003
Polyurethan (PUR) 0.020 ÷ 0.006

4.8 DAMPFLEITFÄHIGKEIT
Bestehen in der Luft Zonen unterschiedlichen Wasserdampfpartialdruckes pD, so findet
4
aufgrund des 1. FICK’schen Gesetzes eine Wanderung der Dampfmoleküle in Richtung ge-

Porosität und Wechselwirkung mit Feuchtigkeit


ringerer Konzentration statt. Dabei ist der Dampfdruckgradient die treibende Kraft.

Die Dampfleitfähigkeit der ruhenden Luft λDL ist gleich der Wassermenge
[kg], die pro Stunde durch 1m2 Querschnittsfläche hindurchtritt, wenn ent-
lang der Diffusionsstrecke von ∆x = 1m ein Dampfdruckgefälle von 1 Pa
herrscht.

Für übliche Diffusionsberechnungen in der Bauphysik wird λDL zu 0.64·10-6 kg/(m·h·Pa)


für Luft unter Standardbedingungen gesetzt. Im allgemeinen ist λDL eine Funktion, die
vom Druck p und der Temperatur T abhängt, d.h. λDL = f (p,T).

4.9 DIFFUSIONSWIDERSTANDSZAHL

4.9.1 Definition

In Analogie zur Dampfdiffusion in der Luft lässt sich für dampfdurchlässige Stoffe die
Dampfleitfähigkeit λD, die auch als Permeabilität λD bezeichnet wird, bestimmen. Die ex-
perimentelle Bestimmung von λD wurde bereits im Abschnitt 4.7 erläutert (wet-cup,
dry-cup).

Das Verhältnis von der Dampfleitfähigkeit λDL der Luft zur Dampfleitfähig-
keit (Permeabilität) λDx eines porösen Werkstoffes x wird als Diffusionswi-
derstandszahl µ bezeichnet.

71
Diffusionswider-

Die Diffusionswiderstandszahl µ gibt an, wieviel mal grösser der Dampfdiffusionswider-


standszahl

stand eines porösen Stoffes ist als der entsprechende Kennwert einer gleich dicken Luft-
schicht bei gleicher Temperatur.
Für Luftschichten ist µ = 1, für Werkstoffe ist µ > 1. Das Produkt µ·d für eine Werkstoff-
schicht der Dicke d [m] entspricht der sogenannten diffusionsäquivalenten Luftschichtdik-
ke sd [m], d.h. der Dicke einer Luftschicht, die den gleichen Diffusionswiderstand wie die
betrachtete Materialschicht aufweisen würde.

sd = µ ⋅ d (4.18)

Auf diese Weise kann die Dampfleitfähigkeit von mehrschichtigen Bauteilen (z.B. Mau-
erwerk mit Dämmschicht und Verputz) berechnet werden, in dem für jede Schicht einzeln
die äquivalente Luftschichtdicke sd berechnet wird.

n
s d, (Bauteil) = ∑ sd, (Schicht i) (4.19)
i=1

4.9.2 Charakteristische Werte


Tabelle 4.4: Diffusionswiderstandszahlen µ einiger Werkstoffe

Werkstoffgruppe Werkstoff µ [-]


NICHTMETALLISCH-ANOR- Stahlbeton 70 ÷ 150
GANISCHE WERKSTOFFE
Porenbeton 10 ÷ 30
Zementmörtel 6 ÷ 10
Mauerwerk 4÷6
Gips 5 ÷ 10
Glas dicht (= ∞)
METALLE Stahl, Aluminium dicht (= ∞)
ORGANISCHE WERK- Holz 20 ÷ 40
STOFFE
Polyvinylchlorid
240 ÷ 700
(PVC)
Polyetylen (PE) 400 ÷ 2000
Polyurethan
30 ÷ 100
(PUR)

72
Schwinden und
Quellen (Hygri-

5 HYGRISCHE UND THERMISCHE sche Verformun-


gen)

EIGENSCHAFTEN

5.1 SCHWINDEN UND QUELLEN (HYGRISCHE VERFORMUNGEN)

Als „Schwinden“ und „Quellen“ werden hier Volumenänderungen des po-


rösen Baustoffes Beton bezeichnet, die ohne den Einfluss einer äusseren
Last durch Veränderung des Wassergehaltes stattfinden. Dabei bedeutet
„Schwinden“ eine Verringerung des äusseren Volumens und „Quellen“
eine Vergrösserung des äusseren Volumens.

Schwinden ist folglich eine Funktion des Feuchtigkeitsverlustes. Für baupraktische Belan-
ge geht man meist von einem eindimensionalen (linearen) Schwindmass εS aus, das wie-
folgt angegeben werden kann:

lt – l0 ∆l
ε S ( t ) = ------------
- = ----- (5.1)
l0 l0

εs (t) = Schwindmass zur Zeit t [-]


lt = Länge zur Zeit t [m]

Man unterscheidet bei Beton und Mörtel vier verschiedene Arten des Schwindens, und
5
zwar nach dem Zeitraum des Auftretens oder nach den Ursachen für die Veränderung des

Hygrische und Thermische Eigenschaften


Wasserhaushalts:

• Schwinden durch Kapillarkräfte im frischen, noch verarbeitbaren (pla-


stisch verformbaren) Beton: Kapillarschwinden, Frühschwinden oder Pla-
stisches Schwinden: εKap
• Schwinden durch Austrocknung des Festbetons → Trocknungsschwin-
den: εH
• Schwinden des erhärtenden Betons → Schrumpfen oder Chemisches
Schwinden: εCh
• Schwinden durch Karbonatisierung → Karbonatisierungsschwinden: εKar
• Endogenes Schwinden εEnd

5.1.1 Kapillarschwinden

In festigkeitslosen, quasi flüssigen Strukturen, welche durch Ansammlung zahlreicher


kleiner Partikel gebildet werden, wie Feinsande, Böden und Frischmörtel, kann darin ent-
haltenes Wasser durch Bildung von Brücken zwischen den Einzelkörnern einen gewissen
Zusammenhalt bewirken.
Darauf beruht zum Beispiel die Kohäsion bindiger Böden und die Haftung von frischem
Putzmörtel an Wänden und die Pseudofestigkeit von frisch verarbeitetem Mauermörtel.
Der Wasserverlust durch Verdunsten an der Oberfläche einer elastisch verformbaren Mas-
se (Zement und Wasser) führt bei ausreichender Feinheit und dichter Lagerung der Fest-
stoffpartikel zur Bildung von Kapillarkräften. Diese führen zu einer dichteren Lagerung
der Festpartikel im oberflächennahen Bereich und zu Zwangszugspannungen. Die frühe

77
Schwinden und
Quellen (Hygri-
sche Verformun- Volumenverminderung vor dem Erhärtungsbeginn des frischen noch verarbeitbaren Mör-
gen) tels oder Betons bezeichnet man als Kapillarschwinden, Frühschwinden oder plastisches
Schwinden.
Die Abbildung 5.1 zeigt eine Wasserbrücke zwischen zwei Feststoffpartikeln, die rotati-

Abbildung 5.1: Kapillar-Wasserbrücke zwischen zwei Feststoffpartikeln

onssymmetrisch ausgebildet ist und an der engsten Stelle den Radius R0 hat.
Die Haftkraft FH beträgt dann:

F H = π ⋅ R02 ⋅ P K + 2 ⋅ π ⋅ R 0 ⋅ σ (5.2)

PK = Kapillardruck [N/mm2]

1 1
P K = σ ⋅  ------ + ------ (5.3)
 R 0 R 1

σ = Oberflächenspannung des Wasser gegen die Luft [N/mm]

Der erste Term auf der rechten Seite berücksichtigt den Kapillardruck PK, der im Engpass
der Wasserbrücke auf der Fläche π ⋅ R02 wirkt. Der zweite Term beruht auf der ebenfalls
im Engpass der Wasserbrücke wirkenden Oberflächenspannung σ, die auf dem Kreis mit
dem Radius R0 angreift.
An dieser Stelle ist noch anzumerken, dass es, unmittelbar nachdem Zement und Zuschlä-
ge gemischt wurden, zur Ausbildung eines Körperhaufwerkes kommt, dessen Hohlräume
mit Wasser gefüllt sind. Bis zur Einsetzung der Erhärtung neigen die Zementkörper bei zu
geringem Mehlkornanteil des Zuschlages wegen ihrer hohen Dichte dazu sich abzuset-
zen. Dadurch wird das spezifisch leichtere Wasser an die Oberfläche verdrängt und sam-
melt sich dort an. Es handelt sich um eine Wasserabsonderung, die häufig als Bluten be-
zeichnet wird.
Die Abbildung 5.2 veranschaulicht die eben erläuterten Sachverhalte des Blutens und des
Kapillarschwindens. Das Kapillarschwindmass beträgt bei Beton unter ungünstigen klima-
tischen Bedingungen bis zu εKap = 4‰.

5.1.2 Trocknungsschwinden

Das Trocknungsschwinden sowie das Quellen sind langandauernde Volumenänderungen


(in allen drei Raumrichtungen) im Zementstein, die durch Änderung des Feuchtigkeitszu-
standes des Zementsteins bedingt sind.
Da sich ein im Ausgangszustand wassergesättigter Körper mit endlichen Abmessungen ei-
ner niedrigeren Umgebungsfeuchte nicht spontan anpassen kann, sondern hierzu eine
gewisse Zeit benötigt, tritt ein Feuchteprofil über den Querschnitt auf. Dieses Feuchte-

78
Schwinden und
Quellen (Hygri-
sche Verformun-
e
gen)

Abbildung 5.2: Schematische Darstellung des Absetzens (Blutens) sowie des Kapillarschwin-
dens durch Austrocknen

profil ist an jeder beliebigen Stelle mit einer dem dortigen Feuchtegehalt entsprechenden
freien Schwindstauchung vorhanden. Im festen Körper können aber die freien Schwind-
stauchungen nicht auftreten, sondern nur die mittlere Stauchung, die als Schwindmass εS
bezeichnet wird. Schwinden und Quellen sind immer mit Eigenspannungen verbunden.
Die Abbildung 5.3 zeigt das Feuchtigkeitsprofil uB über den Querschnitt eines Bauteils,
sowie die daraus resultierende Eigenspannung σE. Die Abbildung 5.4 zeigt, dass das

Wand

5
r.F. = 50%

Hygrische und Thermische Eigenschaften


Feuchtigkeitsverteilung
1.0

0.5

Dehnungen

∆ε
Zug

Spannungen
Druck

Abbildung 5.3: Feuchtigkeitsverteilung einer Wand und daraus resultierender Eigenspannungs-


zustand

79
Schwinden und
Quellen (Hygri-
sche Verformun- +ε [ ]
gen)

-ε [ ]

Abbildung 5.4: Typische Zeitverläufe des Schwindens und Quellens von Zementstein in Abhän-
gigkeit der Lagerungsbedingungen

Schwindmass mit abnehmender Geschwindigkeit einem Endwert εH(∞) zustrebt. Das


Schwinden ist umso grösser, je trockener die Umgebungsluft ist. Ob es aufgrund der Ei-
genspannungen zu Rissen im Randbereich des Bauteils kommt, hängt vom Feuchtegradi-
enten im Baukörper ab. Wird die Zugfestigkeit ft im Randbereich, wo die höchsten Gra-
dienten auftreten überschritten, so kommt es zur Ausbildung von Rissen. Risse, die auf
diese Weise entstanden sind, schliessen sich bei ungehindert verformbaren Bauteilen
meist wieder, wenn die Ausgleichsfeuchte im gesamten Bauteil weitgehend erreicht ist.
Theoretische und experimentelle Untersuchungen haben gezeigt, dass die Feuchtigkeits-
verteilung uB in einem Bauteil zum Zeitpunkt t am Ort (x,y,z) innerhalb des Bauteils als
Funktion von D·t/d2 angegeben werden kann:

t
u B ( x, y, z ) ≈ D ⋅ ----2- (5.4)
d

Mit d bezeichnet man die sogenannte Vergleichsdicke d = 2·A/U [m] eines Probekörpers.
Hierbei ist A die Fläche des gesamten Betonquerschnitts und U die Abwicklung der der
Austrocknung ausgesetzten Begrenzungsfläche des gesamten Betonquerschnitts. Mit D
wird der Diffusionskoeffizient bezeichnet. Eine Verdopplung der Vergleichsdicke d führt
somit zu einer Vervierfachung der Austrocknungsdauer t. Unter der Annahme, dass das
Trocknungsschwinden annähernd proportional zum Wasserverlust verläuft, ist es mög-
lich, das Schwinden durch eine Hyperbel-Funktion zu beschreiben:

εH ( ∞ ) ⋅ t
ε H ( t ) = ---------------------
- (5.5)
t 0.5 + t

80
Schwinden und

Hierbei bezeichnet εH(∞) das Endschwindmass und t0.5 die Zeit, nach der die Hälfte des
Quellen (Hygri-
sche Verformun-
Endschwindmasses erreicht ist. Das Endschwindmass kann mit folgender Formel berech- gen)
net werden:

ε H ( t = ∞ ) = α H ⋅ ∆h (5.6)

εH(t=∞) = Endschwindmass [-]


αH = Schwindkoeffizient [-]
∆h = Feuchtigkeitspotential (0 < h < 1) [-]

Die Abbildung 5.5 zeigt den allgemeinen Verlauf dieser Funktion in halblogarithmischer
Darstellung.

εs,t
εs,∞
1
relatives Schwindmass


0
log t

Abbildung 5.5: Allgemeine Form des Schwindens dicker Betonkörper in Abhängigkeit von der Zeit
(konstantes Klima)

Für Beton beträgt das Endschwindmass εH(∞) in Abhängigkeit von den klimatischen Be-
dingungen bis zu εH(∞) ≈ 1.2‰.
5

Hygrische und Thermische Eigenschaften


5.1.3 Schrumpfen (Chemisches Schwinden)

Das Schrumpfen oder chemisches Schwinden ist ein sich bei der Hydratation des Zement-
steines abspielender Vorgang. Es kommt dadurch zustande, dass die Summe der Aus-
gangsvolumina von Zement und Wasser grösser ist als das Volumen der Hydrate, weil das
Hydratwasser eine höhere Dichte aufweist als das freie Wasser:

100 mm3 PC + 125 mm3 H2O → 209 mm3 Zementstein

Diesen Vorgang bezeichnet man als Schrumpfen oder chemisches Schwinden, da er mit ei-
ner Volumenverringerung von 8% verbunden ist. Diese Volumenverringerung ∆V ≈ - 8%
kommt durch den Einbau von Hydratwasser in den Zementstein zustande. Das lineare
Schwindmass εCh(∞) infolge chemischen Schwindens beträgt bei Beton ca. εCh(∞) ≈ 0.2‰.
Die praktische Bedeutung des Schrumpfens liegt allerdings weniger in den möglichen
äusseren Schwindverformungen der Betone. Wichtiger ist, dass der entstehende Poren-
raum ∆V Ausweichräume bei frühzeitiger Frostbeanspruchung der Betone bietet. Nur so
ist es zu erklären, dass junger Beton bereits bei einer Festigkeit von 5N/mm2 erstmals
durchfrieren darf, ohne dass man mit schweren Schäden rechnen muss.

5.1.4 Karbonatisierungsschwinden

Bei der Wechselwirkung des Betons mit Kohlendioxid CO2 (0.03 Vol-% in ländlicher Luft,
0.1 Vol-% in ungelüfteten Räumen, 0.3 Vol-% in grösseren Städten) tritt das sogenannte
Karbonatisierungsschwinden auf. Dies dürfte auf die Umwandlung von CSH-Gel zu kri-
stallinem CaCO3 und SiO2 zurückzuführen sein (Hypothese).

81
Schwinden und

3CaO ⋅ 2SiO 2 ⋅ 3H 2 O + 3CO 2 ⇒ 3CaCO 3 + 2SiO 2 + 3H 2 O


Quellen (Hygri-
sche Verformun-










gen)
CSH-Gel
CO2 = Kohlendioxid
CaCO3 = Kalziumkarbonat
SiO2 = Siliziumdioxid, amorphe Kieselsäure

Die genauen Ursachen, warum die Karbonatisierung einen Schwindvorgang auslöst, sind
noch nicht geklärt.
Bei vollständiger Karbonatisierung liegt das Schwindmass εKar(∞) in der Grössenordnung
von εKar(∞) ≈ 0.3‰. Für das Schwindmass ganzer Bauteile, das z.B. bei der Berechnung von
Formänderungen berücksichtigt werden muss, ist das Karbonatisierungsschwinden ohne
Bedeutung, da es sich im allgemeinen nur auf einen sehr geringen Anteil des Gesamt-
durchschnittes bezieht.

5.1.5 Endogenes Schwinden

Wenn der W/Z-Wert unter 0.45 liegt, wird soviel Anmachwasser für die Hydratation ver-
braucht, dass das entstehende poröse System des Zementsteines nicht mehr im Gleichge-
wicht mit einer relativen Luftfeuchtigkeit (r.F.) von 100% ist. Der Zementstein trocknet
sich mit fortschreitender Hydratation selbst bis zu Gleichgewichtswerten um 70% r.F. aus.
Dabei erfolgt ohne Feuchtigkeitsverlust die entsprechende Schwindverformung. In Ge-
gensatz zum Trocknungsschwinden, dass sich über viele Jahre hinzieht, ist das endogene
Schwinden, das an die Hydratation des Zementes gebunden ist, auf die ersten Wochen ei-
nes jungen Bauteils begrenzt. Ausserdem entsteht beim endogenen Schwinden kein
Feuchtigkeitsgradient.

den
hwin
gssc
knun
Troc

endogenes Schwinden

28 d
t

Abbildung 5.6: Zeitlicher Verlauf des endogenen Schwindens und des Trocknungsschwindens

82
Definition

7 STATISTIK

7.1 DEFINITION

Die Menge der in einem Experiment beobachteten Werte einer Messgrösse


bezeichnet man als Stichprobe.

Beispiel: Würfeldruckfestigkeiten fcw verschiedener Betonwürfel.

Abbildung 7.1: Würfeldruckfestigkeiten von 50 Betonwürfel (Messwerte)

Bei grossem Stichprobenumfang (n ≥ 50) führt man eine Klassierung durch, wobei man
den Bereich in k gleich breite Klassen einteilt. Es gilt:
für n ≤ 1000 k≈ n , mindestens 10
für n ≥ 1000 k ≈ 10·log n
Man ordnet nun die beobachteten n Werte in die k Klassen ein und erhält damit die Be-
7
setzungszahlen nj für jede Klasse j.
Statistik

Es ist

k
n = ∑ nj (7.1)
j=1

Die relativen Häufigkeiten der Klasse j berechnet sich zu:

 
k
n
h j = -----j  ∑ h j = 1 (7.2)
n j = 1 

99
Definition

Das Lagemass und das Streumass charakterisieren eine Stichprobe. Als Lagemass ist der
arithmetische Mittelwert µ am gebräuchlichsten, als Streumass die empirische Varianz σ2
oder als Quadratwurzel die empirische Standardabweichung σ.
Bildet man für ein stetiges Merkmal aufgrund beobachteter Werte eine Häufigkeitsver-
teilung, so weist diese im allgemeinen eine mehr oder weniger charakteristische, häufig
auch weitgehend symmetrische, glockenförmige Gestalt auf. Diese Verteilung wird auch
als Normalverteilung bezeichnet.

Wendepunkt Wendepunkt
der Kurve der Kurve

-x x

Abbildung 7.2: Normalverteilung mit Standardabweichung σ

Die Standard-Normalverteilung lässt sich wie folgt beschreiben:

1  x – µ 2
1 1 – --- ⋅  ------------
ϕ ( x ) = --------------- ⋅ --- ⋅ e 2 σ (7.3)
2⋅π σ

für -∞ < x < ∞


Dabei enthält diese Dichteverteilung die beiden Parameter Erwartungswert µ und Stan-
dardabweichung σ. Bei der Standard-Normalverteilung ist µ = 0 und σ = 1.
Da die Sicherheit eines Bauwerkes wesentlich vom schwächsten Glied im System der zu
belastenden Elemente abhängt, liegt es nahe, den Höchstanteil unterhalb einer vorgege-
benen unteren Toleranzgrenze festzulegen. Man fordert daher, dass die 5%-Fraktile ei-
nen Mindestwert, z.B. Druckfestigkeit fc von Beton, nicht unterschreiten darf, was auf fol-
gendes Kriterium führt:
x > xmin = µ - 1.645· σ
Dieses Kriterium allein reicht aber nicht aus, da man einen möglichst konstanten Werk-
stoff möchte, sollte die Normalverteilung nicht zu flach verlaufen, was die Abbildung 7.3
verdeutlicht.

f(x)

x
x5% µ1 µ1

Abbildung 7.3: Zwei Grundgesamtheiten mit gleicher 5%-Fraktile

100
Definition

Kann die geforderte 5%-Fraktile nicht eingehalten werden, muss die Produktion verbes-
sert werden, was erreicht werden kann mit einer:
• Vergrösserung des Mittelwertes µ: Dies entspricht einer Verschiebung der Kur-
ve nach rechts, bis die 5%-Fraktile erreicht ist. Bei Beton entspricht dies z.B. der
Herstellung eines Betons mit höherer Druckfestigkeit fc, was erreicht wird durch:
• einen kleineren W/Z-Wert
• bessere Verdichtung
• höhere Zementnormfestigkeit
• Verkleinerung der Standardabweichung σ: Dies entspricht einer Erhöhung der
Steigung der Verteilungskurve, bis die 5%-Fraktile den vorgeschriebenen Wert
erreicht hat, was sich in der Praxis nur in Grenzen erreicht lässt, z.B. durch ho-
mogeneres und besser dosiertes Material und gleichmässigere Verarbeitung.
• Kombination der oben erwähnten Möglichkeiten
Eine wichtige Bestimmungsgrösse bei der Dimensionierung mit Sicherheitsfaktoren ist die
quantitative Erfassung des Überlappungsbereiches zwischen der Beanspruchbarkeitsver-
teilung R und der Beanspruchungsverteilung S.
Bei der Beanspruchbarkeitsverteilung R, die normalverteilt ist, gehen die Streuung der
Baustoffeigenschaften, Baustoffehler, ungenaue Umwelteinfüsse, Abweichungen vom
Hooke´schen und vom Navier´schen Gesetz als Unsicherheiten ein.
Bei der Beanspruchungsverteilung S, die ebenfalls normalverteilt ist, gehen die Änderun-
gen der Lastarten, die Ungenauigkeiten der Lastannahmen, Vernachlässigung der Eigen-
spannungen als Unsicherheiten ein.
Im Überlappungsbereich der beiden Normalverteilungen kann es zum Versagen der Kon-
struktion kommen.
Die Versagenswahrscheinlichkeit pf muss unter einem bestimmten geforderten Wert lie-
gen. Nach einer Überlagerung von G = R - S entspricht dies der Fläche unter der Kurve un-
terhalb von 0, was in Abbildung 7.4 dargestellt ist.

f(x)

fS(x)
fR(x)

7
x

Abbildung 7.4: Beanspruchungsverteilung S und Beanspruchbarkeitsverteilung R


Statistik

NOTIZEN

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