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VL: KOLLEKTIVES

ARBEITSRECHT

Sommersemester 2020
LV-Nummer 101 357, 2-st., 3-credits

jeweils Mi. 16.30 – 18.30, HS 206


Univ.-Prof. Dr. Walter J. Pfeil
Inhaltsübersicht
I. EINFÜHRUNG III. BETRIEBSVERFASSUNG
1. Begriff und Funktion des 1. Grundbegriffe
kollektiven Arbeitsrechts 2. Organisation AN-schaft
2. Grundlage: 3. Befugnisse: Allgemeine,
Koalitionsrecht soziale, personelle,
3. Rechtsquellen - Übersicht wirtschaftliche
II. KOLLEKTIVE IV. ARBEITSKAMPF
RECHTSGESTALTUNG 1. Allgemeines, Formen
1. Kollektivvertrag 2. Rechtlicher Rahmen
2. Substitutionsformen 3. Auswirkungen auf
3. Betriebsvereinbarung Einzelarbeitsverhältnis
Exkurs: „Freie“ BV V. BEHÖRDEN/VERFAHREN
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Empfehlenswerte Unterlagen
Gesetzestexte
ArbVG (Gesetzessammlung FlexLex 6. Aufl, 2/20, oder
Kodex Arbeits- und Sozialrecht, Studienausgabe, 9/19)
Folien: Am Montag vor jeder VL im Blackboard abrufbar
Lehrbücher
Löschnigg, Arbeitsrecht13 (2017, e-book, 14. Auflage demnächst)
Marhold/ Friedrich, Arbeitsrecht³ (2016)
Kietaibl/ Windisch-Graetz, Arbeitsrecht Band I und II10 (2017)
Jabornegg/ Resch/ Födermayr, Arbeitsrecht6 (2017)
Reissner, Das neue Lern- und Übungsbuch Arbeitsrecht6 (2020 ?)
Sonstiges: Zeitschriften: DRdA, ZAS, ASoK, JAS; RdW,
WBl, ecolex; Entscheidungen: Arb(Slg); RIS
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I. EINFÜHRUNG:
1. Begriff und Funktion
Arbeitsrecht allgemein
▪ Sonderrecht der ArbeitnehmerInnen (AN)
▪ Regelung Rechtsbeziehungen der Parteien/Akteure des
Arbeitslebens
➔ Schutz des (typischerweise) sozial/ wirtschaftlich
Schwächeren
➔ Interessenausgleich mit ArbeitgeberInnen (AG)
Historische Entwicklung
 Ausgangspunkt: Privatautonomie (und ihre Folgen)
 Begrenzung (der Auswirkungen) der Privatautonomie
auf drei Ebenen
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I. EINFÜHRUNG:
1. Begriff und Funktion /2
Staatliche Intervention (Ermöglichung von)
öffentl.rechtl. relativ zwingendes Selbsthilfe
Schutzgesetze Privatrecht (Koalitionen)
  
ArbeitsschutzR IndividualarbR Kollektives ArbR
Entwicklung Kollektives Arbeitsrecht
1867 Staatsgrundgesetz (StGG)
1870 Koalitionsgesetz
1919 Betriebsrätegesetz, Arbeiterkammergesetz
1920 Einigungsamtsgesetz
1947 Betriebsrätegesetz, Kollektivvertragsgesetz
1974 Arbeitsverfassungsgesetz (ArbVG)
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I. EINFÜHRUNG:
1. Begriff und Funktion /3
Gliederung Kollektives Arbeitsrecht
Überbetriebliche Ebene: „Berufsverfassungsrecht“
Rechtsbeziehungen zwischen AG- und AN-Verbänden
▪ Voraussetzung: KOALITIONSFREIHEIT
▪ Kollektivvertragsrecht
▪ Arbeitskampfrecht
Betriebliche Ebene: Betriebsverfassungsrecht
Rechtsbeziehungen zwischen AG und AN-schaft im Betrieb
▪ Organisation der Arbeitnehmerschaft (insb. Betriebsrat)
▪ Befugnisse der Arbeitnehmerschaft („Mitbestimmung“)
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I. EINFÜHRUNG:
2. Koalitionsrecht
(im subjektiven Sinn):
Recht der AN/AG, sich zur Wahrnehmung ihrer Inter-
essen im Arbeitsleben zusammenzuschließen und
entsprechend zu betätigen
Wesensmerkmale einer „Koalition“:
➔ freiwilliger Zusammenschluss
➔ Interessenvertretung im Arbeitsleben
➔ Gegnerfreiheit und Gegnerunabhängigkeit
➔ evt. Indizien: Überbetrieblichkeit, Dauer
nicht wesentlich:
Rechtsform, Bezeichnung, Bekenntnis zu bestimmten Mitteln
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I. EINFÜHRUNG:
2. Koalitionsrecht /2
Voraussetzung: KOALITIONSFREIHEIT
Rechtsgrundlagen
 Art 12 StGG 1867: „Die österreichischen Staatsbürger
haben das Recht, sich zu versammeln und Vereine zu
bilden …“ → VereinsG 2002
 Art 11 MRK: „(1) Alle Menschen haben das Recht, …
zum Schutze ihrer Interessen Gewerkschaften zu bilden
und diesen beizutreten. …“
• unmittelbar anwendbar: subjektives Recht d. Einzelnen
• Vorbehalt: Eingriffe nur durch Gesetz, legitimes Ziel, in
demokratischer Gesellschaft notwendig
• Drittwirkung ? Grundrechte gelten nur gg.über Staat!
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I. EINFÜHRUNG:
2. Koalitionsfreiheit
 Art 12 GRC „(1) Jede Person hat das Recht, sich insb. im
politischen, gewerkschaftlichen und zivilgesellschaftlichen
Bereich … frei mit anderen zusammenzuschließen, was
das Recht jeder Person umfasst, zum Schutz ihrer Inter-
essen Gewerkschaften zu gründen und Gewerkschaften
beizutreten . …“
 Art 28 GRC „Die ArbeitnehmerInnen und Arbeitgeber-
Innen und ihr jeweiligen Organisationen haben nach dem
Unionsrecht und den einzelstaatlichen Rechtsvorschriften
und Gepflogenheiten das Recht, Tarifverträge auf den ge-
eigneten Ebenen auszuhandeln und zu schließen sowie
bei Interessenkonflikten …kollektive Maßnahmen zur Ver-
teidigung ihrer Interessen, einschl. Streiks, zu ergreifen.“
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I. EINFÜHRUNG:
2. Koalitionsfreiheit /2
Weitere Rechtsgrundlagen
 ILO-Übereink. Nr. 87 (Vereinigungsfreiheit, BGBl ‘50/228);
ILO Nr. 98 (Kollektivverhandlungen, BGBl ‘52/20)
 §§ 1, 4 AntiterrorG 1930: negative Koalitionsfreiheit
 Art 18 Abs 5 B-VG: Beschränkung Notverordnungsrecht
 § 235 LArbG (Drittwirkung!)
 § 4 Abs 2 ArbVG: „freiwillige Berufsvereinigungen“
➔ subjektives Koalitionsrecht jeder einzelnen Person
• Gründungs- und Beitrittsfreiheit
• Betätigungsfreiheit
• Austrittsfreiheit („negative Koalitionsfreiheit“)
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I. EINFÜHRUNG:
2. Koalitionsfreiheit /3
➔ objektive Bestands- und Funktionsgarantie für Koalition
Rechtsfolgen von Beeinträchtigungen
➔ Gesetze, Verordnungen, Bescheide:
Bekämpfung beim VfGH wegen Verfassungswidrigkeit
➔ Kollektivverträge, Betriebsvereinbarungen:
➔ Arbeitsverträge, Weisungen, faktisch:
Drittwirkung, Nichtigkeit gemäß § 879, 1295 Abs 2 ABGB
➔ Unionsrecht? EuGH-Rspr (Rs Viking, C-438/05, Rs
Laval, C-341/05: Einschränkung grenzüberschreitender
Betätigung durch europäische Grundfreiheiten) wohl seit
Art 28 GRC nicht mehr relevant
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I. EINFÜHRUNG:
2. Koalitionen in Österreich
AN-Seite:
▪ ÖGB (Österr. Gewerkschaftsbund): Verein,
überparteiliche Einheitsgewerkschaft (Fraktionen!);
sieben Fachgewerkschaften (ohne eigene Rechtspersön-
lichkeit): GPA-DJP, GÖD, younion, GBH, VIDA, Post- und
Fernmeldebed., PRO-GE
▪ Verband Angestellter Apotheker Österreichs, Land- und
Forstarbeiterbund, …
AG-Seite:
▪ zB. Industriellenvereinigung, Verband österr. Banken und
Bankiers, Verband Österr. Zeitungen, Verband der Versi-
cherungsunternehmungen, Verband der E-Werke, ...
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I. EINFÜHRUNG:
2. Koalitionen in Österreich /2
Daneben: „Kammern“: durch Gesetz begründete
Körperschaften öffentlichen Rechts: Pflichtmitgliedschaft
➔ Selbstverwaltungskörper: besorgen Aufgaben staatlicher
Verwaltung weisungsfrei, aber unter staatlicher Aufsicht
➔ Verfassungsrechtliche Verankerung: Art 120a ff B-VG
▪ Arbeiterkammern (AKG 1992: B-AK, 9 Landes-AKs)
▪ Wirtschaftskammern (WKG 1998: WKO, 9 Landes-WKs)
▪ Freiberufler-Standeskammern (Ärzte, Rechtsanwälte …),
Landwirtschaftskammern
➔ Sozialpartnerschaft: Art 120a Abs 2 B-VG: „Die Re-
publik anerkennt die Rolle der Sozialpartner. Sie achtet deren
Autonomie und fördert den sozialpartnerschaftl. Dialog durch
die Einrichtung von Selbstverwaltungskörpern.“
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 13
I. EINFÜHRUNG:
3. Rechtsquellen - Übersicht
Hierarchie der Rechtsquellen
 Unionsrecht
 Verfassungsrecht
 Zwingendes (einfaches) Gesetz Verhältnis
 Kollektivvertrag zueinander meist
 Satzung, Mindestlohntarif bestimmt durch
 Betriebsvereinbarung GÜNSTIG-
 Arbeitsvertrag KEITSPRINZIP
 nachgiebiges Gesetz
 Weisungen des AG
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II. KOLLEKTIVE RECHTS-
GESTALTUNG: Übersicht
➔ I. Teil des ArbVG: Gesetzliche Grundlage für
spezifisch arbeitsrechtliche Gestaltungsmittel
§ 1 ArbVG: Geltungsbereich: „(1) … Arbeitsverhältnisse
aller Art, die auf … privatrechtlichen Vertrag beruhen“
vgl. § 1151 Abs. 1 ABGB
nicht erfasst: freie DienstnehmerInnen (DN), Selbständige
Ausgenommen (außer im Hinblick auf Betr.vereinbarungen):
(2) Arbeitsverhältnisse in der Land- und Forstwirtschaft (Son-
derregelung im LArbG),
- in Heimarbeit (Sonderregelung im HeimAG),
- zu Gebietskörperschaften (zwingende Regelungen, insb
für Entgelt in VBGen)
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 15
II. KOLLEKTIVE RECHTS-
GESTALTUNG: Übersicht /2
➔ Räumlicher Geltungsbereich: grds. Ö.
• idR. maßgebend gewöhnlicher Arbeitsort
(vgl. Art 8 Rom I-VO)
• weitgehender Lückenschluss zur Vermeidung von Lohn-
dumping (§§ 3ff LSD-BG)

➔ Instrumente der kollektiven Rechtsgestaltung


▪ Kollektivvertrag (§§ 2 - 17 ArbVG)
▪ (Erklärung KollV zur) Satzung (§§ 18 -21 ArbVG)
▪ Mindestlohntarif (§§ 22 - 25 ArbVG)
▪ Festsetzung Lehrlingsentschädigung (§§ 26- 28 ArbVG)
▪ Betriebsvereinbarung (§§ 29 - 32 ArbVG)
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II. KOLL. RECHTSGESTALT.:
1. Kollektivvertrag
1.1 Begriff und Funktion
§ 2 Abs 1 ArbVG:
 Vereinbarungen
 zwischen kollektivvertragsfähigen Körperschaften
der AG bzw. AN
 schriftlich
 über bestimmten Inhalt (vgl. § 2 Abs 2 ArbVG)

➔ Schutzfunktion
➔ Interessenausgleich - Friedensfunktion
➔ Kartellierungsfunktion
➔ Weiterentwicklung des Arbeitsrechts
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II. KOLL. RECHTSGESTALT.:
1.2 KollV: Rechtswirkung
§ 11 Abs 1 ArbVG: „unmittelbar rechtsverbindlich“
➔ NORMWIRKUNG: KollV = Gesetz im materiellen Sinn
➔ KollV = „Normenvertrag“: am wichtigsten:
normativer Teil: Auslegung wie Gesetz - §§ 6 f ABGB;
(vgl. auch § 43 Abs 3 ASGG: amtswegige Berücksichtigung)
➔ schuldrechtlicher Teil: Beziehungen nur zwischen KollV-
Parteien (Auslegung wie Vertrag, §§ 914 f ABGB):
Friedenspflicht (kein Arbeitskampf während Geltungsdauer), Einwir-
kungspflicht (gegenüber jeweiligen Verbandsmitgliedern), Umdeutung
unzulässiger normativer Bestimmungen
➔ Normsetzungsbefugnis (sonst nur für Gesetz- bzw. Verord-
nungsgeber) nicht ausdrücklich verankert, aber (nach mittlerweile
unstrittiger Auffassung) verfassungsrechtlich unbedenklich
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 18
II. KOLL. RECHTSGESTALT.:
1.3 Verhältnis and. R.-Quellen
§ 3 ArbVG: GÜNSTIGKEITSPRINZIP
➔ Zwingende Wirkung (Mindeststandard!): Abweichung
durch nachrangige Regelung nur bei Günstigkeit für AN
➔ Günstigkeitsvergleich: nur zwischen rechtl. und sachl.
zusammenhängenden Regelungen (= Gruppenvergleich):
zB. Entgelt, Aufwandsentschädigung, Beendigungsvorschriften
• Kein Einzelvergleich („Rosinenpicken“) oder Gesamtvergleich (zB.
weniger Entgelt, dafür Erhaltung des Arbeitsplatzes)
• Objektiver Maßstab: Zweck der Vorschrift, nicht subj. Einschätzung
➔ Ausnahmsweise ORDNUNGSPRINZIP: KollV kann
Günstigkeit ausschließen (historisch zB. „Lohn-Preis-Abkommen“
zur Eindämmung von Inflation)
➔ Rspr. erlaubt (ausnahmsweise) auch dispositive Wirkung (?)
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 19
II. KOLL. RECHTSGESTALT.:
1.4 KollV: KollV-Fähigkeit
EX-LEGE:
 Gesetzliche Interessenvertretungen (§ 4 Abs 1 ArbVG)
• Gegnerunabhängigkeit (Freiberuflerkammern nur auf AG-
Seite)
• insb. WK in ihren räuml. (WKO, Landes-WK)/ fachl. Unter-
gliederungen (Fachverbände [Bundes-], Fachgruppen
[Landesebene])
 Juristische Personen öffentlichen Rechts als AG (§ 7
ArbVG): sofern nicht VBG und keine andere KollV-Angehörigkeit
(insb. bei Gewerbeberechtigung: WK-Mitgliedschaft), insoweit „Firmen-
KollV“
 Vgl. auch Sonderregelungen für bestimmte Bereiche,
zB. § 48 Abs 5 ORF-G, § 108 Abs 3 UG („Dachverband“)
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 20
II. KOLL. RECHTSGESTALT.:
1.4 KollV: KollV-Fähigkeit /2
kraft ZUERKENNUNG: (§ 5 ArbVG: BundesEA –
Überprüfung durch Beschwerde an BVwG bzw. VwGH)
 freiwillige Berufsvereinigungen (§ 4 Abs 2 ArbVG)
• Regelung der Arbeitsbedingungen als Aufgabe
• Interessenvertr. in größerem fachl./räuml. Wirkungsbereich
• maßgebende wirtschaftl. Bedeutung (Mitglieder, Tätigkeit)
• Gegnerunabhängigkeit
 Vereine als AG (§ 4 Abs 3 ArbVG): maßgeb. Bedeutung
(Mitglieder, Tätigkeit) im betreffenden Berufszweig
Vorrangregeln:
➔ Freiw. Berufsvereinigung vor gesetzlicher IV (§ 6 ArbVG)
➔ AG-KollV-Fähigkeit jurist. Pers./Vereine nur subsidiär
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 21
II. KOLL. RECHTSGESTALT.:
1.5 KollV: Formelles
Abschluss
 Willensübereinstimmung, Schriftform: + Unterschrift der
zuständigen Organe der KollV-Parteien
 Hinterlegung beim Arbeitsminist. (§ 14 Abs 1, 2 ArbVG)
Kundmachung
 im „Amtsblatt zur Wiener Zeitung“ (§ 14 Abs 3 ArbVG)
➔ § 11 Abs 2 ArbVG: Wirksamkeitsbeginn
 Einreihung im KollV-Kataster
 Übermittlung an alle nach ASGG zuständigen Gerichte (durch BM)
bzw. Statistik Austria, gesetzl. Interessenvertretungen (Hinterleger)
➔ Elektron. Zugang durch KollV-Parteien (§ 7 LSD-BG)
➔ Auflage des KollV im Betrieb durch AG (§ 15 ArbVG)
vgl. auch Verwaltungsstrafe nach § 160 ArbVG
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 22
II. KOLL. RECHTSGESTALT.:
1.6 KollV: Inhalt - Allgemeines
Taxativer Katalog des § 2 Abs 2 ArbVG
➔ Schuldrechtlicher Teil (Z 1)
▪ Durchführungs- bzw. „Friedenspflicht“
▪ Einwirkungspflicht gegenüber jeweiligen Mitgliedern
▪ evt. Umdeutung unzulässiger normativer Bestimmungen
➔ Normativer Teil:
 „Inhaltsnormen“ (Z 2)
 Änderung von Ansprüchen für ausgeschiedene AN (Z 3)
 betriebsverfassungsrechtliche Vorschriften (Z 4 und 5)
 gemeinsame Einrichtungen der KollV-Parteien (Z 6)
 sonstige Angelegenheiten (Z 7)
▪ insb. Zulassungsnormen (vgl. AZG, ARG)
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 23
II. KOLL. RECHTSGESTALT.:
1.6 KollV: Inhalt - Einzelfragen
➔ „Inhaltsnormen“: OGH: alles, was typischer, wesentlicher
und regelmäßig wiederkehrender Inhalt eines Einzelar-
beitsvertrages ist
➔ Abschlussnormen: nicht Inhalt, daher nur schuldrechtlich,
zB. Wiedereinstellungsklausel für wegen Streiks entlassene AN
➔ Schiedsgerichtsklauseln: nicht im Vorhinein und nicht für
Betriebsverfassungsstreitigkeiten (vgl. § 9 Abs 2 ASGG)
➔ Schlichtungsklauseln: vorheriger Schlichtungsversuch als
Prozessvoraussetzung zulässig
➔ Verfallsklauseln: Ausschluss des Anspruchs (und nicht bloß der
Geltendmachung): nicht bei zwingenden gesetzlichen Fristen (zB. § 34
AngG); sonst nach OGH nur bei Sittenwidrigkeit unzulässig (zB.
< 3 Monate), uzw. nicht nur bei KollV-Ansprüchen, sondern auch zwin-
genden gesetzlichen Ansprüchen (zB. § 10 AZG) – sehr umstritten
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 24
II. KOLL. RECHTSGESTALT.:
1.6 KollV: Inhalt – Einzelfragen /2
➔ „Istlohnklauseln: Unterscheidung „qualifizierte“ (Istlohnerhöhung
durch KollV normativ und zwingend – unzulässig: Istlöhne sind
Gegen-stand der Privatautonomie!) und
schlichte Istlohnklausel (Inflationsabgeltung darf geregelt
werden, wirkt normativ, Istlohn bleibt danach aber dispositiv),
daher dürfen auch Aufsaugungsklauseln vereinbart werden (im Vor-
hinein nach Rspr. aber nur für überschaubare Zeit: ~ 3 Erhöhungen)
➔ Dynamische Verweisung auf andere Normsetzung (zB.
Gehälter nach VBG, anderem KollV) nach Rspr. unzulässig (?)
➔ Differenzierungs-/Organisationsklauseln: Besserstellung von
Gewerkschaftsmitgliedern unzulässig (§ 12 ArbVG, § 1 Abs 1 ATerrG)
➔ Betriebsverfassungsrechtliche Regelungen: Rspr./hM.:
„absolut zwingendes Arbeitsverfassungsrecht“: keine Erweiterung der
Mitbestimmung (vgl. § 2 Abs 2 Z 4, 5 ArbVG), aber: § 29 ArbVG (?)
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 25
II. KOLL. RECHTSGESTALT.:
1.7 KollV-Unterworfenheit
➔ Kollektivvertragsangehörigkeit: § 8 ArbVG
im Rahmen des von den KollV-Parteien festgelegten (insofern aber
nur – entspr. sachl. Rechtfertigung vorausgesetzt – einschränkbaren)
räumlichen, fachlichen, persönlichen Geltungsbereichs, wenn
Z 1: AG war Mitglied KollV-Partei bei Abschluss oder wird
es später während Geltung des KollV
• Zuordnung bei von WK abgeschl. KollV nach (erforderl., § 2 Abs 13
GewO 1994!) Gewerbeberechtigung (WK entscheidet ggbf. selbst)
• Bei Wechsel zwischen freien Berufsvereinigungen nach Rspr. Entgelt-
schutz wie bei Betriebsübergang analog § 4 Abs 2 Satz 1 AVRAG
Z 2: Übernahme des Betriebes eines KollV-angehörigen AG
• Nur wenn Erwerber selbst keinem KollV unterliegt, sonst § 4 AVRAG
Z 3: Verbundene Gewerbe: bei fachübergreifenden Leistungen (zB.
Gärtner/Florist): KollV des jew. ausgeübten Wirtschaftsbereiches
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 26
II. KOLL. RECHTSGESTALT.:
1.7 KollV-Unterworfenheit /2
➔ Kollektivvertragsangehörigkeit AN:
▪ AN war/wird Mitglied der KollV-Partei: § 8 Z 1 ArbVG
▪ Sonst: Außenseiterwirkung, wenn nur AG KollV-
angehörig (bis AN selbst einem [allenfalls anderen] KollV
unterliegt): § 12 ArbVG
➔ Mehrfach-Kollektivvertragsangehörigkeit AG:
▪ § 9 ArbVG: wenn Trennung: Tarifvielfalt;
sonst Tarifeinheit: KollV des für Betrieb wirtschaftlich maßgeb.
Bereichs (evt. Klärung durch BV), sonst KollV mit (Ö-weit) mehr AN
▪ § 10 ArbVG: AN ist in mehreren Bereichen mit verschie-
denen KollV tätig (Mischverwendung): Tarifeinheit:
Überwiegende Beschäftigung, sonst KollV mit (Ö-weit) mehr AN
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 27
II. KOLL. RECHTSGESTALT.:
1.8 KollV: Sonst. Geltungsfragen
➔ Sonstige Kollisionsregeln
▪ Im Zweifel Grundsatz der Tarifeinheit
▪ Mehrere KollV mit überschneidendem Geltungsbereich:
Allgemeine Regeln: lex posterior, lex specialis
▪ Mitgliedschaft bei mehreren freiw. Berufsvereinigungen:
zeitl. frühere Mitgliedschaft; bei Wechsel Analogie zu Betr.übergang?
➔ Geltungsdauer
▪ Beginn: Autonome Regelung, sonst § 11 Abs 2 ArbVG
▪ Ende: * Autonome Regelung (Kollektivvertrag!)
* sonst: Kündigung nach § 17 ArbVG
* Verlust der KollV-Fähigkeit: sofortiges Erlöschen
▪ Nachwirkung: § 13 ArbVG: nur mehr dispositiv
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 28
II. KOLL. RECHTSGESTALT.:
2. Substitution KollV
2.1 Satzung (§§ 18 – 21 ArbVG)
➔ „Erklärung zur Satzung“: KollV auch außerhalb seines
Geltungsbereiches Rechtsverbindlichkeit zuerkannt
➔ Funktion: Erfassung von AG-Außenseitern (KollV durch
freiw. Berufsvereinigung abgeschlossen!); Schaffung
gleicher Bedingungen in Branche
▪ alle oder einzelne (zusammenhängende) Bestimmungen
▪ KollV: * muss gehörig kundgemacht und in Geltung sein
* überwiegende Bedeutung erlangt haben
* darf nicht von Verein als AG abgeschlossen sein.
▪ Arbeitsverhältnisse im Wesentlichen gleichartig; nicht
bereits von anderem KollV (außer „GeneralKollV“) erfasst
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 29
II. KOLL. RECHTSGESTALT.:
2. Substitution KollV /2
➔ Antrag einer KollV-fähigen Körperschaft (auch auf AG-
Seite: keine Wettbewerbsverzerrung durch „Außenseiter“)
➔ Bundes-EA (§§ 141ff ArbVG; s unten V.): Verordnung
• Rechtswirkung wie KollV, Kundmachung im BGBl II
• Ende mit Wirksamwerden eines KollV
2.2 Mindestlohntarif (§§ 22 – 25 ArbVG)
➔ Mindestentgelt/-Auslagenersatz durch Verordnung
• Nur wenn Keine KollV-fähige AG-Körperschaft (zB. Haus-
gehilfen/angestellte) und auch keine Satzung
➔ Antrag KollV-fähiger AN- Körperschaft - BundesEA
• Angemessenheit, Entgelt in verwandten Wirtsch.zweigen
• Rechtswirkung, Kundmachung wie Satzung
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 30
II. KOLL. RECHTSGESTALT.:
2. Substitution KollV /3
2.3 Lehrlingsentschädigung (§§ 26–28 ArbVG)
➔ Verordnung des Bundes-EA auf Antrag KollV-fähiger
Körperschaft
• Kein KollV wirksam
• Bedachtnahme auf gleiche/ ähnl. Lehrberufe/Ortsgebrauch
• Rechtswirkung, Kundmachung, Veröffentlichung wie MLT
2.4 Kollektive Gestaltungsmittel bei Heimarbeit
➔ Heimarbeitsgesamtvertrag (§§ 43 - 50 HeimAG)
insb. Normierung der Arbeits-/Lieferbedingungen durch
schriftl. Vereinbarungen zwischen KollV-fähigen jurist. Per-
sonen; Günstigkeitsprinzip; Außenseiter- und Nachwirkung
➔ Heimarbeitstarif (§§ 28ff HeimAG): subsid. Regelg d. Ar-
beits-/Lieferbedingungen durch BundesEA; keine Nachw.
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 31
II. KOLL. RECHTSGESTALT.:
3. Betriebsvereinbarung
3.1 Begriff (§ 29 ArbVG)
▪ Schriftliche Vereinbarung
▪ zwischen Betriebsinhaber und (insb.) Betriebsrat
▪ in Angelegenheiten, deren Regelung der BV
durch Gesetz oder KollV vorbehalten ist
3.2 Funktion, Rechtswirkung (insb. § 31 ArbVG)
➔ Normsetzung auf betrieblicher Ebene
soweit nicht schuldrechtliche Bestimmungen:
➔ NORMWIRKUNG: Ausleg. wie Gesetz, GrundR-Bindung
➔ Relativ zwingende Wirkung: Günstigkeitsprinzip!
▪ Differenzierte Sonderregelungen bei Betriebsübergang
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 32
II. KOLL. RECHTSGESTALT.:
3.3 Betriebsvereinbarung: Inhalt
Gesetzliche Ermächtigung: zB. AZG (zB. § 4 Abs 8: 4-Tage-
Woche, § 4b: Gleitzeit), UrlG (zB. § 2 Abs 4: Urlaubsjahr),
vor allem aber § 97 ArbVG:
➔ Erzwingbare BV (Abs 1 Z 1 bis 6a, Abs 2)
• Abschluss, Änderung, Aufhebung bei Schlichtungsstelle
durchsetzbar (auf Antrag bei ASG einzurichten: Vorsitzende/r + je
2 Beisitzer, davon je 1 aus Betrieb, §§ 144ff ArbVG)
• Entscheidung gilt als Betriebsvereinbarung (§ 146 Abs 2)
• Beschwerdemöglichkeit an BVwG (auch in materiellen Fragen?
keine Rechts-, sondern Regelungsstreitigkeit)
• Keine Kündigung möglich, daher keine Nachwirkung
• Sozialplan (bei Betriebsänderung, § 109) nur wenn mind.
20 AN
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 33
II. KOLL. RECHTSGESTALT.:
3.3 Betriebsvereinb.: Inhalt /2
➔ Fakultative BV (Abs 1 Z 7 bis 26 ArbVG)
• Regelung auch vertraglich (uU. per Weisung) möglich
▪ Z. 24: „Maßnahmen iSd § 96 Abs 1“: „Notwendige BV“:
• ohne Zustimmung des BR (in Form einer BV!) darf BI
Maßnahmen nicht setzen
▪ Z. 24: „Maßnahmen iSd § 96a Abs 1“: „Notwendige BV
mit Zwangsschlichtung“:
• Zustimmung des BR erforderlich, kann aber durch Ent-
scheidung der Schlichtungsstelle ersetzt werden
Ermächtigung durch KollV: nur Materien, die durch KollV
geregelt werden können (auch für ausgeschiedene AN –
Vertretungslegitimation für BR?); nur fakultative BV
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 34
II. KOLL. RECHTSGESTALT.:
3.4 Betriebsvereinb.: Geltung
➔ Räumlich, fachlich: Betrieb(steil), vgl. §§ 34 f ArbVG
grds. keine Außenseiter;
Differenzierungen müssen sachlich sein
➔ Persönlich: AN iSd § 36 ArbVG, allenfalls mit entsprech.
Gruppenzugehörigkeit (Arb./Ang., vgl. § 113 Abs 1 ArbVG)
➔ Zeitlich: Beginn: je nach BV, subsidiär Tag nach Unter-
zeichnung (§ 30 Abs 2 ArbVG); Kundmachung ist
konstitutive Voraussetzung für Normwirkung
• Ende: je nach BV, subsidiär Kündigung (schriftlich, Frist,
drei Monate, § 32 Abs 1)
• Keine Kündigung bei erzwingbaren BV (§ 32 Abs 2),
Rspr. lässt aber Kündigungsvereinbarung zu (?)
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 35
II. KOLL. RECHTSGESTALT.:
3.4 Betriebsvereinb.: Geltung /2
➔ Nachwirkung der normativen Bestimmungen bei Kündi-
gung der BV (§ 32 Abs 3): bis neue BV/ neue Einzel-
vereinbarung geschlossen (auch wenn ungünstiger)
➔ Weitergeltung: (§ 31 Abs 4 - 7 ArbVG) bei:
• Betriebsübergang
• Verselbständigung von Betriebsteilen
• Zusammenschluss mit anderen Betrieb(steil)en („Ver-
schmelzung“): nur für zuvor erfasste AN
• Aufnahme in anderen Betrieb: personenbezogen für
jeweilige AN, außer im nunmehrigen Betrieb einschlägige
BV (auch wenn ungünstiger);
Weitergeltende Pensions-BV kann Erwerber kündigen
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 36
II. KOLL. RECHTSGESTALT.:
3.5. „Freie“ Betriebsvereinbarung
Unzulässig = keine Betriebsvereinbarung iSd § 29 ArbVG
 Bei Formmangel, Abschluss durch unzuständiges Organ,
vor allem aber fehlender Ermächtigung:
 Keine Normwirkung, zwingende Wirkung oder
Nachwirkung
Rechtliche Unerheblichkeit ?
➔ Bindungswillen des Betriebsinhabers („betriebl. Übung“)
? Vertrag zu Gunsten Dritter (AN): nicht bei Pflichten!
? Vertretung ohne Vollmacht: BR-Mitglieder handeln als
Organe nach ArbVG und nicht in eigenem Namen!
? Auslobung: einseitige Belohnung?
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 37
II. KOLL. RECHTSGESTALT.:
3.5. „Freie“ Betriebsvereinb. /2
➔ Konkludente Ergänzung/ Änderung des jeweiligen
Einzelvertrages („Vertragsschablone“)
• grds. auch bei neu eintretenden AN, allenfalls ergänzende
Vertragsauslegung
➔ (Vertrags-)Änderung nur mit AN-Zustimmung:
stärkere Bindung als bei (echter) BV!?
• Keine Beendigungsmöglichkeit für Betriebsrat
(Umdeutung in Änderungsvorbehalt?)
• Evt. Änderungsvorbehalt für AG: wie sonst bei einseit.
Gestaltungsrechten Ausübung nach billigem Ermessen
➔ Insgesamt: Konstruktion „Freie BV“ dogmatisch
fragwürdig und rechtspolitischer Nutzen zweifelhaft
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 38
III. BETRIEBSVERFASSUNG
1.1 Grundbegriffe
➔ II. Teil des ArbVG: (§§ 33 – 134b)
➔ V. Teil: Europäische Betriebsverfassg. (§§ 171ff ArbVG)
➔ VI./VII. Teil: Beteiligung der AN in der Europäischen
Gesellschaft/Genossenschaft (§§ 208ff, 254ff ArbVG)
Ziel: (Friedlicher) Interessenausgleich zum Wohl der AN
und des Betriebes (§ 39 Abs 1 ArbVG)
Rechtspolitische Funktion:
• stärkere Einbindung der AN/ ihrer VertreterInnen zur
Verbesserung der Arbeitsbedingungen
• damit Steigerung der Effizienz und des (zur Verteilung
verfügbaren) Ertrags sowie Sicherung der Arbeitsplätze
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 39
III. BETRIEBSVERFASSUNG
1.1 Grundbegriffe/ 2
Umsetzung in zwei Schritten:
1. Rechtliche Organisation der AN-schaft des Betriebes
(= Belegschaft)
➔ Betriebsverfassung regelt (Voraussetzungen zur)
Bildung von Organen

2. Verleihung von rechtlichen Befugnissen an AN-schaft


➔ AN-schaft ist juristische Teilperson:
nur insofern rechtsfähig, als Gesetz ihr Befugnisse
überträgt, die dann durch ihre Organe (insb. Betriebsrat/
BR) ausgeübt werden

W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 40


III. BETRIEBSVERFASSUNG
1.1 Grundbegriffe/ 3
Aufgaben dieser Organe: (§ 38 ArbVG)
▪ Wahrnehmung und Förderung der wirtschaftlichen,
sozialen, gesundheitlichen und kulturellen Interessen
der AN im Betrieb
Grundsätze der Interessenvertretung: (§ 39 Abs 2-5 ArbVG)
▪ Einvernehmen mit KollV-fähigen (= überbetrieblichen)
AN-Körperschaften
▪ Tätigkeit „tunlichst ohne Störung des Betriebes“,
keine selbständige Anordnungsbefugnis
➔ Aber: Kollision Interessenvertretung – Interessenausgleich?
▪ Beratung durch (KollV-fähige) AN-Körperschaften – diese
haben daher auch Zugangsrecht zum Betrieb
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 41
III. BETRIEBSVERFASSUNG
1.2 Geltungsbereich
Betriebe aller Art (§ 33 Abs 1 ArbVG)
• im Inland (Territorialitätsprinzip)
außer: (Abs 2)
o Betriebe der Land- und Forstwirtschaft (LArbG – Bundes-
Kompetenz nur für Grundsatzgesetz nach Art 12 B-VG)
o Behörden, Ämter, sonstige Verwaltungsstellen der Gebietskör-
perschaften (Personalvertretungsgesetze, auch der Länder)
o Öffentliche Unterrichts- und Erziehungsanstalten
o Private Haushalte
o Betriebe, die konfessionellem Zweck einer gesetzlich aner-
kannten Kirche/ Religionsgesellschaft dienen, soweit Eigen-
art entgegensteht (Tendenzschutz - § 132 Abs 4 ArbVG)
o zT. Sondergesetze für Ausgliederungen: zB. Post-Betriebs-
verfassungsG, anders etwa § 135 UG (jede Uni = Betrieb)
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 42
III. BETRIEBSVERFASSUNG
1.2 “Betrieb“ (§ 34 ArbVG)
➔ „Arbeitsstätte“
➔ „organisatorische Einheit“:
• Selbständigkeit, insb. technisch, Personalangelegenheiten
➔ Betriebsinhaber (BI): „Physische oder juristische Person
oder Personengemeinschaft“ (zB. ARGE)
➔ „mit technischen oder immateriellen Mitteln“
➔ „best. Arbeitsergebnisse fortgesetzt verfolgt“: Dauer;
➔ „ohne Rücksicht, ob … Erwerbsabsicht“
• (vgl. aber Sonderregelungen „Tendenzbetriebe“, §§ 132ff)
▪ Bildung von Organen aber erst ab dauernd fünf
beschäftigten AN (vgl. § 40 Abs 1 ArbVG)
▪ Feststellung der Betriebseigenschaft durch Gericht
• auf Antrag BI; BR, einer Mindestanzahl von AN, AN-IV
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 43
III. BETRIEBSVERFASSUNG
1.2 Andere Organisationsebenen
▪ Gleichgestellte Arbeitsstätten: nicht alle Betr.-Merkmale
• > 50 AN dauernd beschäftigt
• räumlich weit entfernt
• Aufgabenbereich und Organisation (fast) eigenständig
• Gleichstellung (Beendigung) durch ASG auf Grund Klage des
BR, best. AN-Anzahl, AN-IV; Beendigung auch BI
▪ Unternehmen: mehrere Betr. bilden wirtschaftl. Einheit,
werden zentral verwaltet: Zentralbetriebsrat (§§ 80ff)
▪ Unternehmensgruppe: herrschendes + abhängige(s)
Unternehmen (§ 176 ArbVG): EuroBR
▪ Konzern: Zusammenfassung rechtlich selbst. Unterneh-
men unter einheitl. Leitung (§ 15 AktG, § 115 GmbHG):
Konzernvertretung (§§ 88a, 88b ArbVG)
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 44
III. BETRIEBSVERFASSUNG
1.3 “Arbeitnehmer“(§ 36 ArbVG)
Alle im Betrieb beschäftigten Personen (§ 36 Abs 1 ArbVG)
• unabhängig von Alter oder Staatsangehörigkeit
• auch Lehrlinge, Heimarbeiter, überlassene Arbeitskräfte;
Beamte; Personen mit nichtigen Arbeitsverträgen
außer: (Abs 2)
o Organpersonen (zB. GmbH-Geschäftsf., AG-Vorstand)
o Leitende Angest.: maßgeb. Einfluss auf Betriebsführung
o Beschäftigung nur zur Erziehung, Rehabilitation
o Strafvollzug etc.
o religiöse, karitative, soziale Beschäftigung, wenn nicht
(ausdrücklich) Arbeitsvertrag
o kurzfristige Schulung und Ausbildung
Rechte des einzelnen AN (§ 37 ArbVG): Beschränkungs-
und Benachteiligungsverbot, individuelle Rechte unberührt
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 45
III. BETRIEBSVERFASSUNG
2. Organisation AN-schaft
Übersicht
Mindestens fünf AN (> 18 Jahre, am Stichtag beschäftigt;
außer: Heimarbeiter, nahe Familienangehörige des BI):
▪ Differenzierung Arbeiter/Angestellte
▪ Betriebsversammlung (Gruppen-, Betriebshauptverslg.)
▪ Wahlvorstand für BR-Wahl
▪ Betriebsrat (Betriebsausschuss)
▪ Rechnungsprüfer (wenn es BR-Fonds gibt)
 Zentralbetriebsrat, BR-Versammlung; Rechnungsprüfer
 Konzernvertretung
 Besonderes Verhandlungsgremium, Euro-BR, SE-BR
 Sonstige: Jugendvertrauensrat, Behindertenvertrauensperson
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 46
III. BETRIEBSVERFASSUNG
2. Organisation AN-schaft
Basisorgan: Betriebsversammlung (§§ 41 ff)
• Gesamtheit aller AN (der betreffenden Gruppe)
➔ Aufgaben: insb. Wahl/Enthebung des Betriebsrates bzw.
Wahlvorstandes, Rechnungsprüfer, Beschl. BR-Umlage
• Ordentliche- (1x/J.), Außerordentliche -, Teilversammlung
• Einberufung und Vorsitz idR. Betriebsrat
➔ Zeitpunkt und Ort: Wenn BI zumutbar: während AZ
(Freistellungsanspruch; Entgelt nur wenn KollV/BV);
wenn für BI tunlich: erford. Räume zur Verfügung stellen
• Teilnahme: AN-IV; BI nur auf Einladung
➔ Stimmrecht/ Beschlussfassung: Vollendung 18. LJ,
Beschäftigung am Versammlungstag, Quorum mind. ½;
uU. qualifizierte Mehrheit erforderlich
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 47
III. BETRIEBSVERFASSUNG
2. Organisation AN-schaft
Im Mittelpunkt: Betriebsrat
➔Größe (§ 50 ArbVG): nach Zahl der AN am Tag d. Betr.-
Verslg. zur Wahl Wahlvorstand – spätere Änderung egal!
➔Wahl (§§ 51 ff ArbVG, BRWO): gleich, unmittelbar, ge-
heim, persönlich (uU. Briefwahl), D‘Hondtsches System
• Aktives Wahlrecht (§ 52 ArbVG): alle (gruppenzugehör.)
am Wahl-/Ausschreibungstag beschäftigten AN > 18
• Passives Wahlrecht (§ 53): > 18, mind. 6 Mon. beschäf-
tigt.; ab 4 BRM ¼ auch aus AN-IV; nicht: Angehörige BI
• Wahlverfahren: Durchführung durch Wahlvorstand;
vereinfacht bei Betrieben bis max. 19 AN
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 48
III. BETRIEBSVERFASSUNG
2. Organisation: Betriebsrat
• Anfechtung (§ 59): Wahlberechtigte, Wahlwerber, BI
• Nichtigkeit (§ 60): rechtl. Interesse, „elementarste Grund-
sätze“ (vgl. § 51), Rechtshandlungen unwirksam!
➔ Tätigkeitsdauer (§§ 61 ff ArbVG): grunds. vier Jahre;
vorher uU. Enthebung;
Verlängerung wegen COVID bis 31.10.2020 (§ 170 Abs 1)
• Mitgliedschaft (§ 64 ArbVG): von Annahme der Wahl bis
Erlöschen (Ende Tätigkeitsdauer, Rücktritt, Ausscheiden
aus Betrieb)
➔ Innere Organisation: (§§ 66 ff ArbVG): Autonome GeO
• Vertretung nach außen (§ 71 ArbVG): Vorsitzende/r
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 49
III. BETRIEBSVERFASSUNG
2. Organisation: Betriebsrat
➔ Aufwand: insb. Räume, „Sachaufwand“:
„angemessen“, unentgeltlich durch BI (§ 72 ArbVG),
sonst:
➔ Betriebsratsfonds (§§ 73 ff): Rechtspersönlichkeit
• auch für Wohlfahrtseinrichtungen/-maßnahmen (Kantine,
Betriebsausflug, Weihnachtsfeier etc)
• gespeist aus BR-Umlage (Beschluss durch Betriebs-
versammlung, max. 0,5% Bruttoentgelt; Einbehaltung
und Abführung durch AG wie SV-Beiträge)
• Verwaltung, Vertretung: BR
• Kontrolle: Rechnungsprüfer
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 50
III. BETRIEBSVERFASSUNG
2. Organisation: Betriebsrat
Rechtsstellung Betriebsratsmitglieder
➔ Grundsätze der Mandatsausübung (§ 115 ArbVG)
• Ehrenamt: keine zusätzliche Vergünstigungen
• Freies Mandat
• Beschränkungs- und Benachteiligungsverbot
• Verschwiegenheitspflicht
➔ Freizeitgewährung (§ 116 ArbVG): anlassbezogen
➔ Sonstige Freistellungen (§§ 117 ff ArbVG):
permanente -; Bildungs-; Erweiterte Bildungsfreistellung
➔ Kündigungs- und Entlassungsschutz
• bei sonstiger Unwirksamkeit nur mit (idR. vorheriger)
Zustimmung des ASG; Mandatsschutzklausel
➔ Haftung: wohl nur § 1295 Abs 2 ABGB, sonst BR-Fonds
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 51
III. BETRIEBSVERFASSUNG
3. Befugnisse der AN-schaft
1. Übersicht
➔ Aufgaben, Grundsätze: vgl. §§ 38, 39 ArbVG
• Träger der Befugnisse: grundsätzlich AN-schaft
• Wahrnehmung durch Organe: Komp.verteilung § 113
➔ Alleinbestimmung: insb. § 93 ArbVG: Wohlfahrtseinricht.
➔ Mitwirkung nach Intensität:
Überwachung -- Intervention -- Information -- Beratung --
Imparitätische Mitentscheidung -- Paritätische Mitentscheidg.
➔ Mitwirkung nach Sachbereichen:
▪ Allgemeine Befugnisse
▪ Soziale Angelegenheiten
▪ Personelle Angelegenheiten
▪ Wirtschaftliche Angelegenheiten
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 52
III. BETRIEBSVERFASSUNG
3. Befugnisse der AN-schaft
2. Allgemeine Befugnisse
➔ Überwachung: vgl. § 89 ArbVG:
• insb. Vorschriften über Bezüge, KollV, BV;
ASchG, ASVG, BPG (Strafe nach § 160 ArbVG)
• Einsicht in Personalakten (nur mit Einverständnis d. jeweil. AN)
➔ Intervention: vgl. § 90 ArbVG: Anhörungspflicht des BI
➔ Allgem. Information: § 91 ArbVG: „alle Angelegenheiten“
insb. automationsunterstützte AN-Daten,
Prüf-/Rechenschaftsbericht bei Pensionskassen-BV
➔ Beratung: vgl. § 92 ArbVG: mind. 1x/Quartal
➔ Arbeitsschutz: § 92a ArbVG: bes. Beratung/Konsultation
➔ Betriebliche Frauenförderung: § 92b ArbVG: auch BV
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 53
III. BETRIEBSVERFASSUNG
3. Befugnisse der AN-schaft
3. Mitwirkung soziale Angelegenheiten
➔ Betriebl. Berufsausbildung/Schulung: § 94 ArbVG
• Information, Intervention, Mitwirkung an Planung und
Durchführung von Maßnahmen (fakultative BV)
• Mitwirkung an Verwaltung von Bildungseinrichtungen
(erzwingbare BV), Anfechtung bei Auflösung
➔ Betriebl. Wohlfahrtseinrichtungen: § 95 ArbVG
• Mitwirkung an Verwaltung: erzwingbare BV,
Anfechtung bei Auflösung der Einrichtung
• Vgl. auch § 93 ArbVG: eigene Einrichtungen der AN
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 54
III. BETRIEBSVERFASSUNG
3. Befugnisse der AN-schaft
3. Mitwirkung soziale Angelegenheiten/ 2
➔Zustimmungspflichtige Maßnahmen: § 96 ArbVG
• Voraussetzung für die Einführung einer Maßnahme ist
Zustimmung des BR (keine Anrufung der Schlichtungs-
stelle und keine Rechtskontrolle!)
▪ Z 1: Betriebliche Disziplinarordnung
• Ohne BV sind Disziplinarmaßnahmen unzulässig,
vgl. auch Ergänzung für Einzelfälle in § 102 ArbVG
▪ Z 2: Qualifizierte Personalfragebögen
• mitwirkungsfrei: allg. Angaben zu Person und Vewendung
• auch Einstellungsfragebögen, Grenze: Privat-/Intimsphäre
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 55
III. BETRIEBSVERFASSUNG
3. Befugnisse der AN-schaft
3. Mitwirkung soziale Angelegenheiten/ 3
▪ Z 3: Kontrollmaßnahmen, die Menschenwürde berühren
• Kontrollmaßnahme = systematische Überwachung von
Eigenschaften, Handlungen oder allg. Verhalten des AN;
objektive Eignung des Systems genügt
• Verletzung der Menschenwürde → Maßnahme nichtig
zB. ständige Fernsehüberwachung, Telefonabhöranlagen
• Menschenwürde: Persönlichkeitsrechte:
• Berührung: entscheidend Dauer, Anonymität, Unsicher-
heit über Zeitpunkt der Kontrolle, Unterordnung des AN
unter techn. Kontrolle; Rspr.: Interessenabwägung (?)
• Keine BV/ kein BR: Zustimmung des AN (§ 10 AVRAG)
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 56
III. BETRIEBSVERFASSUNG
3. Befugnisse der AN-schaft
3. Mitwirkung soziale Angelegenheiten/ 4
▪ Z 4: Akkord(-ähnliche) Entlohnung: eingeschränkt durch
leistungs-/erfolgsbezogene Entgelte: § 97 Abs 1 Z 16
➔ Ersetzbare Zustimmung: § 96a ArbVG
• Zustimmung des BR durch Schlichtungsstelle ersetzbar
Z 1: Personalinformationssysteme:
• Automationsunterstützte Datenverarbeitungssysteme
• Keine Zustimmung: allg. Angaben zu Person, Verwendung oder
Daten zur Erfüllung insb. gesetzl. Verpflichtungen
Z 2: Personalbeurteilungssysteme
• planmäßig geordnete AN-Bewertung nach best. Kriterien, außer
durch betriebliche Verwendung gerechtfertigt
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 57
III. BETRIEBSVERFASSUNG
3. Befugnisse der AN-schaft
3. Mitwirkung soziale Angelegenheiten/ 5
➔Betriebsvereinbarungen: § 97 ArbVG
Abs 1 Z 1-6a: Erzwingbar: Bei Nichteinigung (auch über Än-
derung, Beendigung) Anrufung der Schlichtungsstelle, zB.
• Z 1: Ordnungsvorschriften: zB. Bekleidungsvorschriften,
Alkohol-/ Rauchverbote; Grenze: Persönlichkeitsrechte
• Z 2: Festsetzung der Lage/Verteilung der Arbeitszeit:
nicht Ausmaß!
• Z 3: Art, Weise, Zeit, Ort der Auszahlung: zB. bargeldlos
• Z 4: „Sozialplan“ → § 109 ArbVG
• Z 6: zweckentspr. Benützung Betriebsmittel/-einrichtungen
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 58
III. BETRIEBSVERFASSUNG
3. Befugnisse der AN-schaft
3. Mitwirkung soziale Angelegenheiten/ 6
➔Betriebsvereinbarungen: § 97 ArbVG
Abs 1 Z 7-26: Fakultativ: Bei Nichteinigung Regelung auch
im Einzelvertrag, zB.
• Z 9: menschengerechte Arbeitsgestaltung, zB. ergonomischer
Arbeitsplatz, Einführung von Teamarbeit, Einbau Klimaanlagen
• Z 10: Grundsätze betr. Verbrauch des Erholungsurlaubes:
zB. Verfahrensregeln, Vorrang für AN mit schulpflichtigen Kindern in
Ferienzeiten, nicht: Betriebsurlaub (vgl. aber nun § 170 Abs 3: bei
COVID-Sperren auch normative Regelung des Verbrauches!)
• Z 13: vorübergehende (ca. 13 Wo.) Verkürzung oder Ver-
längerung der Arbeitszeit (normativ! Grundlage f. Kurzarbeit!)
[vgl. aber auch die Ermächtigung für Zulassung flexibler AZ im AZG
(zB. Gleitzeit - § 4b, Viertagewoche - § 4 Abs 8 AZG)!]
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 59
III. BETRIEBSVERFASSUNG
3. Befugnisse der AN-schaft
3. Mitwirkung soziale Angelegenheiten/ 7
Abs 1 Z 7-26: Fakultativ: Bei Nichteinigung Regelung auch
im Einzelvertrag, zB.
• Z 21: Rechtsstellung der AN bei Krankheit (EFZG, § 8 AngG)
• Z 22: Kündigungsfristen, Gründe zur vorzeitigen Beendigung
(jeweils nur bei Günstigkeit im Verhältnis zu Gesetz/KollV!)
• Z 25: Frauenförderpläne
Entgeltfragen nur ausnahmsweise (es sei denn [prakt. seltene!]
Ermächtigung durch KollV, vgl. § 29 ArbVG), zB.
• Z 12: Erstattungsregeln für Auslagen und Aufwendungen
• Z 15: Leistung aus bes. betriebl. Anlässen, zB. Jubiläumsgeld
• Z 16: Systeme der Gewinnbeteiligung, leistungsbezogene
Prämien oder Entgelte (früher teilweise noch in § 96 Z 4!)
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 60
III. BETRIEBSVERFASSUNG
3. Befugnisse der AN-schaft
4. Mitwirkung personelle Angelegenheiten
➔ Personelles Informationsrecht: § 98 ArbVG
➔ Einstellung von AN: § 99 ArbVG
(vgl. auch Verwaltungsstrafe nach § 160)
➔ Festsetzung von „Leistungsentgelten“ im Einzelfall:
§ 100 ArbVG: „wenn keine generelle Vereinbarung mög-
lich“ (§ 96 Z 4!) rechtswirksam nur mit BR-Zustimmung
➔ Disziplinarmaßnahmen im Einzelfall: § 102 ArbVG:
rechtswirksam nur mit (indirekter) Zustimmung des BR
➔ Vergabe von Werkswohnungen: § 103 ArbVG
➔ Beförderungen: § 104 ArbVG
(vgl. auch Verwaltungsstrafe nach § 160)
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 61
III. BETRIEBSVERFASSUNG
3. Befugnisse der AN-schaft
4. Mitwirkung personelle Angelegenh./ 2
➔ Versetzungen: § 101 ArbVG
• wenn dauernd (> 13 Wo.)
• anderer Arbeitsplatz, nicht unerhebliche Änderung von
Tätigkeit, Arbeitsort, erhebl. Änderung der Arbeitszeit
• und verschlechternd: Entgelt, sonst. Arbeitsbedingungen
• nur mit Zustimmung BR (durch Gericht ersetzbar)
• Gilt, egal ob Versetzung vertragsändernd oder direktorial!
➔ Einvernehmliche Auflösungen: § 104a ArbVG
• BR-Mitwirkung (durch Beratung des AN) muss nicht erfolgen,
sondern nur möglich sein
• Flankierung des Allgemeinen Kündigungsschutzes
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 62
III.3.3. Befugnisse: Pers. Angeleg.
Allgemeiner Kündigungsschutz
(§§ 105 - 107 ArbVG) AG will AN kündigen

Verständigung des Betriebsrats


keine oder falsche kein Betriebsrat vorhanden
BR hat 5-Tage-Frist für Stellungnahme

Zustimmung oder Widerspruch oder schlichter Widerspruch


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - AG kündigt nun AN - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Kündigung wirksam, aber beim ASG anfechtbar

durch BR auf Verlangen des AN


BR kommt Verlangen nicht nach
(Bei Motivkündigung) durch betroffenen AN selbst

ASG entscheidet, ob Kündigung a) aus rechtswidrigem Motiv


oder b) sozial ungerechtfertigt
wenn nein wenn ja

Kündigung RECHTSWIRKSAM
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 63
Kündigung RECHTSUNWIRKSAM
III. BETRIEBSVERFASSUNG
3. Befugnisse der AN-schaft
5. Mitwirkung wirtschaftliche Angeleg.
➔ Wirtschaftliche Information, Intervention, Beratung:
§ 108: erforderliche Unterlagen auf Verlangen,
Jahresabschluss (vgl. auch hier § 160)
➔ Betriebsänderungen: § 109 ArbVG
• ehestmögliche (idR. schriftl.) Information (vgl. auch § 160)
• wesentliche Nachteile für alle/ erhebliche Teile der AN
und > 20 AN in Betrieb dauernd beschäftigt:
• erzwingbare BV: „Sozialplan“ zur Verhinderung,
Beseitigung oder Milderung der wesentlichen Nachteile
auf Grund einer Betriebsänderung (außer Änderung der
Rechtsform/Eigentumsverhältnisse – Betriebsübergang!)
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 64
III. BETRIEBSVERFASSUNG
3. Befugnisse der AN-schaft
5. Mitwirkung wirtschaftliche Angeleg./ 2
➔ Mitwirkung im Aufsichtsrat: § 110 ArbVG: Drittelparität,
aber doppelte Mehrheit (Umgehung durch Auslagerung der
Entscheidungen in Ausschüsse);
BR-Ehrenamt vs.Haftung nach Gesellschaftsrecht?
➔ Einspruch gegen Wirtschaftsführung: § 111 ArbVG:
zunächst beim BI, aufschiebende Wirkung bei Betriebsstill-
legung, evt. Schlichtungskommission: Schiedsspruch = BV
➔ Anrufung Staatliche Wirtschaftskommission: § 112: in
Betrieben >400 AN, Vorschläge, Gutachten
Insgesamt Mitwirkung in wirtschaftl. Angelegenheiten am
schwächsten ausgeprägt: Eigentumsrecht des AG/ BI!
W.J. Pfeil: VL Kollektives Arbeitsrecht - SoSe 2020 65