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Der literarische Expressionismus

Zeitliche Einordnung: ungefähr die 10er Jahre des 20.Jahrhunderts:


Ausklingendes deutsches Kaiserreich - erster Weltkrieg - Weimarer Republik
Auf den Expressionismus folgende Stilrichtungen:
Dadaismus, Surrealismus, Neue Sachlichkeit –Dokumentarisches und Episches Theater :

Wissenschafts- und Erkenntniskritik um die Jahrhundertwende:


Philosophie Friedrich Nietzsches: Nihilismusanalyse, Umwertung aller Werte, Übermensch, Subjekt-
Kritik
Sigmund Freuds Psychoanalyse: Einsicht in irrationale Triebansprüche, Bedeutung der Traumsphäre,
das Reich des Unbewussten
Henri Bergson: Erkennen, auch wissenschaftliches, ist immer schon ein Verarbeiten der Wirklichkeit,
kein Abbilden - Dualität der Erkenntnis: Rechnender analysierender und synthetisierender Verstand
und Intuitives Denken
Insgesamt werden die Eigengesetzlichkeiten psychischer, erkennender Vorgänge wichtig.
Auch Heisenbergs Unschärfe-Relation und Einsteins Relativitäts-Theorie

Keine rein deutsche, keine rein literarische Bewegung


Eine Gegenbewegung zu Ästhetizismus, Naturalismus und Impressionismus
Ein umspannendes Weltgefühl - Ziel: Menschwerdung des Menschen
Eine anti-bürgerliche Bewegung - Kritik am Philister, Spießbürger, Untertan
Expressionisten sind Vertreter der jungen Generation, stammen aus bürgerlichen Verhältnissen.
(Aufstand gegen die Väter)
Boheme-Bewegung - literarisch und künstlerische Avantgarde

Die innere Grundhaltung des Expressionismus:


Wirklichkeitszertrümmerung
An die Wurzel der Dinge gehen – Vordringen zum „eigentlichen Wesen“
Verändertes Bewusstsein von der „Wirklichkeit“ – ein neues Sehen
Doppeldeutigkeit des Begriffs der „Menschheitsdämmerung“:
Umwälzung: Untergang des alten Menschen – Morgenröte des neuen Menschen

Themen:
Weltende : Untergang und Aufbruch – Ende der bürgerlichen Welt
der Poet als Prophet (pathetischer Verkündigungston)
Vorwegnahme und Erfahrung des Krieges
Krieg als Purgatorium (Fegefeuer) und Metapher des Aufbruchs und Neuanfangs
Stadt als Ort der Einsamkeit und Fremde
Neue Wahrnehmungsformen durch die Erfahrungswelt Großstadt
Ich-Zerfall: Zerstörung der „Persönlichkeit“: Wahnsinn, Tod, Selbstmord
Gefühl von Ohnmacht der Vernunft
Gott ist tot – Gespräche mit und über Gott (über Sinnfragen)
Ekstasen der Zärtlichkeit
Messianischer Expressionismus: Verkündigungen – Menschheitserneuerung
Grotesken – Satiren

Selbstverständlich werden alle Gattungen der Literatur, wie Prosa, Lyrik und Drama bearbeitet.

Merkmale des expressionistischen Dramas:


Anitpsychologismus, keine psychologische oder soziale Charakterisierung
Keine individuellen Figuren, eher Typisierung,
Elementarmächte, wie Mutter- und Vatertum, Urkampf der Geschlechter
Wahnsinns- und Selbstmordmotive
Stationendrama: ein Spiel über den Menschen, Ihm geschieht etwas, er erlebt
Übersteigerung von Sprache (Rhetorisierung, Pathetisierung) und Gebärde
Subjektivierung der Metapher bis hin zur Chiffre (Ausdruck der „Sprachnot“,
Verfremdung - Verrätselung – Sinnentleerung)

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1. Wortbedeutung
Von lat. "expressio" = Ausdruck; 1911 anlässlich einer Ausstellung in Berlin zur Bezeichnung der
Bilder junger französischer Maler gebraucht; von dem Schriftsteller Kurt Hiller auf junge Dichter der
damaligen Zeit übertragen. Expressionismus im literarischen Sinn bedeutet Ausdruckskunst, mit
Hilfe derer innerlich gesehene Wahrheiten und Erlebnisse im Sinne der Moderne dargestellt werden.

2. Weltanschaulicher Anspruch
Am Vorabend des Ersten Weltkrieges waren immer mehr Künstler mit ihrer Zeit unzufrieden und
ahnten die nahe Katastrophe. Man

"fühlte immer deutlicher die Unmöglichkeit einer Menschheit, die sich ganz und gar abhängig
gemacht hatte von ihrer eigenen Schöpfung, von ihrer Wissenschaft, von Technik, Statistik, Handel
und Industrie, von einer erstarrten Gemeinschaftsordnung, bourgeoisen und konventionellen
Bräuchen. Diese Erkenntnis bedeutete zugleich de Beginn des Kampfes gegen die Zeit und die
Realität. (...) Aus den Ausbrüchen der Verfluchung (der Zeit) brachen die Schreie und
Aufforderungen zur Empörung, zur Entscheidung, zur Rechenschaft, zur Erneuerung..., um durch die
Empörung das Vernichtende und Vernichtete ganz zu vernichten, so dass Heilendes sich entfalten
konnte. Aufrufe zum Zusammenschluß der Jugend, zum Aufbruch einer geistigen Phalanx ertönten;
(...) Und so gemeinsam und wild aus diesen Dichtern Klage, Verzweiflung, Aufruhr aufgedonnert
war, so einig und eindringlich posaunten sie in ihren Gesängen Menschlichkeit, Güte, Gerechtigkeit,
Kameradschaft, Menschenliebe aller zu allen."

Kurt Pinthus, Zuvor, in: Theorie des Expressionismus, hrg. von Otto F. Best, Stuttgart 1976, S. 86 f.

Die Expressionisten, die davon überzeugt waren, dass die Entwicklung der Menscheit chaotisch
verlaufen und die Welt amoralisch war, wollten also die Kunst wieder in den Dienst einer Sache
stellen. Mit Hilfe der Kunst sollten die Menschen verändert werden, um eine neue Welt
hervorzubringen.

3. Problematik
Bei den Expressionisten blieben die Ziele ihrer Bewegung sehr allgemein (s.o.). Man machte sich
wenig Gedanken darüber, wie diese Ziele konkret zu verwirklichen seien. Stattdessen feierte man
die Opferbereitschaft, die Begeisterung, das Engagement an sich; man machte sie zu eigenständigen
Werten, an denen man sich berauschte, ohne zu fragen, auf welche Ziele sie denn bezogen werden
sollten.

Es war den Expressionisten meist gleichgültig, in welchem Sinne sich etwas änderte, was zu tun war;
Hauptsache für sie war, dass überhaupt etwas geschah, dass man etwas tat (Aktivismus). Die Folge
davon war z.B., dass ein und dieselben Künstler sich nacheinander sowohl für den
Nationalsozialismus als auch den Kommunismus engagierten oder dass man den Ersten Weltkrieg als
ersehnte Veränderung begrüßte.

4. Merkmale expressionistischer Literatur


Der Expressionismus ist daher nicht wegen seines weltanschaulichen Anspruchs bedeutsam. Von
Bedeutung ist vielmehr vor allem die expressionistische Literatur dieser Zeit, da sich in ihr die
Abkehr von traditionellen und die Hinwendung zu den neuen Formen und Themen der Moderne
vollzog.

Die Sprache des Expressionismus ist nicht einheitlich. Sie ist ekstatisch übersteigert, metaphorisch,
symbolistisch überhöht und versucht, die traditionelle Bildungssprache zu zerstören. Sie betont die
Ausdrucksfähigkeit und Rhythmen, die fließen, hämmern oder stauen können. Sprachverknappung,
Ausfall der Füllwörter, Artikel und Präpositionen, Worthäufung, nominale Wortballungen, Betonung
des Verses, Wortneubildung und neue Syntaxformung sind typisch expressionistische Stilmerkmale.

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Lyrik
Die Lyrik kommt dem Anliegen des des Expressionismus am nächsten. Gottfried Benn beschreibt es
als "Wirklichkeitszertrümmerung, als rücksichtsloses An-die-Wurzel-der-Dinge-Gehen". Das Gedicht
"Weltende" des Frühexpressionisten Jakob van Hoddis (1911) stellt quasi das Glaubensbekenntnis
dieser Generation dar. Dieses auf den ersten Blick eher unscheinbare Gedicht wird Tagesgespräch in
den literarischen Kreisen der Avantgarde, weil es nicht nur die Verachtung einer Welt der stumpfen
Bürgerlichkeit zum Ausdruck bringt, sondern bereits die Katastrophe (1914) vorwegnimmt.
Als ein Meilenstein expressionistischer Lyrik gilt die 1920 von Kurt Pinthus herausgegebene
Anthologie "Menschheitsdämmerung". Dieser Gedichtsammlung wird das van-Hoddis-Gedicht
"Weltende" als Motto vorangestellt. Schon die Kapitelüberschriften spiegeln das Lebensgefühl der
Expressionisten wider:

• Sturz und Schrei


• Erweckung des Herzens
• Aufruf und Empörung
• Liebe den Menschen

Vertreten sind Autoren wie G. Heym, F. Werfel, G. Benn, Else Lasker-Schüler, Ernst Stadler, G.
Trakl.
Die typischen Themen- und Motivkomplexe sind Angst, Tod, Wahnsinn, Melancholie, Krieg. Ähnlich
wie in der Malerei die Künstler ihre Emotionalität, ihren seelischen Ausdruck in neue vereinfachte
Formen, grelle Farben kleiden und verfremden, so bedienen sich die Literaten neuer sprachlicher
Mittel: Die Sprache ist oftmals stakkatohaft, abgerissen, voller Neologismen und erscheint in
ungewohnten Rhythmen. Für den Leser entsteht eine unwirkliche Welt, doch geht es dem
expressionistischen Autor eben nicht um die Wirklichkeit, sondern um die Wahrheit, die er
vermitteln will.

Epik
Die erzählende Dichtung tritt im Expressionismus zunächst etwas in den Hintergrund: Die Dichter
lehnen die Psychologie und Kausalität zur Erklärung von Mensch und Welt ab. Dabei tendieren sie
zur Kürze, zu Wucht und Prägnanz des Ausdrucks.
Während des Ersten Weltkriegs wird die erzählende kurze Prosa dann wichtiger. Eines der
Hauptmotive ist "Der jüngste Tag". Zu den wichtigen Autoren zählen A. Ehrenstein ("Tubusch", C.
Einstein ("Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders"), A. Döblin ("Die Ermordung einer
Butterblume") G. Heym ("Der Dieb"), F. Kafka ("Amerika", "Die Verwandlung", "Das Urteil"), C.
Steinheim ("Busekow", "Napoleon", "Schuhlin").

Dramatik
Im Drama können expressionistische Dichter ihre Ideen der Wandlung und Steigerung wirkungsvoll
demonstrieren. Daher übernimmt es neben der Lyrik eine beherrschende Rolle. Auf der Bühne wird
zunächst die Geburt des neuen, gewandelten Menschen dargestellt. - Als Reaktion auf die
Kriegserschütterung werden dann ab ca. 1915 auch Technikfeindlichkeit und Zivilisationshass zu
wichtigen Themen, die von den Dramatikern auf die Bühne gebracht werden.
Hauptvertreter sind R.J. Sorge ("Der Bettler"), W. Hasenclever ("Der Sohn", "Menschen"), Kornfeld
("Die Verführung"), R. Goering (Seeschlacht"), F. von Unruh ("Ein Geschlecht", "Platz"), E. Barlach"
(Der tote Tag", "Der arme Vetter"), E. Toller ("Die Wandlung", "Masse Mensch"). C. Sternheims
Komödien "Aus dem bürgerlichen Heldenleben", G. Kaisers "Die Koralle", "Gas I" und "Gas II"; O.
Kokoschkas "Mörder, Hoffnung der Frauen" und "Der brennende Dornbusch".
Typisch für das expressionistische Drama sind nicht nur lange Monologe, lyrisch-hymnische
Bilderfolgen, sondern auch Gebärde, Tanz, Pantomime, zeitloses Kostüm, abstraktes Bühnenbild
und eine neue Beleuchtungstechnik. Es geht nicht mehr um Charakter, sondern um "Seele" oder
"Psyche"; die Figuren erscheinen weit gehend als überindividuelle Typen ("Mann", "Frau", "Tochter"
...) und totale Ich-Projektionen.

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Begriff:

(von lat. expressio = Ausdruck); zuerst Sammelbezeichnung für die gegen Naturalismus
und Impressionismus gewandten Stiltendenzen verschiedener Gruppen von jungen Malern
vor dem 1. Weltkrieg (Die Brücke, Der Blaue Reiter - großflächige Bildkomposition, sich
verselbständigende Farben, verzerrte Konturen); später auf die Literatur übertragen.

Datierung:

relativ klar umreißbare literarische Strömung.

tragende Schicht:

junge Generation, die an der Zeit leidet. Ziel: geistige Erneuerung einer erstarrten,
korrupten und heuchlerischen Gesellschaft.

Selbstverständnis des Künstlers:

Kunst und Wirklichkeit passen nicht mehr zusammen: Der Künstler steht einer Welt
gegenüber, in der er nur Zufall, Unordnung, Disharmonie wahrnehmen kann; Kunst =
"Kampf mit dem Irrsinn" (H. Ball). Wirklichkeitsbegriff: Die Wirklichkeit schließt das Geistig-
Seelische, das Irrationale mit ein. Das Sein, das Wesen muss erfasst werden; inneres
Erlebnis steht über äußerem Leben: Dichter als "Künder".

Grundzüge:

Erlebnis der Auflösung aller tradierten Orientierungssysteme; Aufbruchsstimmung


(Gedichtsammlung Menscheitsdämmerung); Katastrophenstimmung als kollektive
Stimmungslage (Halleyscher Komet 1910); Vorahnung der Kriegskatastrophe;
Zivilisationskritik, Protest gegen Mechanisierung des Lebens; Erlebnis der Sinnleere und
der Beziehungslosigkeit (Georg Heym, Tagebuch, 29.9.09: Ich weiß auch gewiß nicht,
warum ich noch lebe. Ich meine, keine Zeit war bis auf den Tag so inhaltlos wie diese);
Leiden an der Monotonie, Unausgefülltheit, Banalität des Lebens: Unsere Krankheit ist, in
dem Ende eines Welttages zu leben, in einem Abend, der so stickig ward, daß man den
Dunst seiner Fäulnis kaum ertragen kann (Heym, 1911); Mein Gott – ich ersticke noch mit
meinem brachliegenden Enthousiasmus in dieser banalen Zeit. (Tagebuch, 15.9.11);
Sehnsucht nach Aktion; Angst vor der modernen, wissenschaftl.-technischen Zivilisation als
Bedrohung des Geistes. Ich-Zerfall: Das Ich erlebt sich nicht mehr als autonom Handelnder,
sondern als Opfer einer übermächtigen Umwelt, die auf ihn eindringt.
Intensivierung des Fühlens: Pathos, Ekstase, Aufbegehren, "Schrei".

Vor dem Weltkrieg ästhetisch orientierte Bewegung. Nach den Kriegserfahrungen auch
politisches Engagement: Pazifismus, Sehnsucht nach besserer Welt, nach einer neuen
Menschheit.

Themen:

Großstadt als Ort der Ich-Zerstörung. Negative Themen als Ausdruck der Ich-Gefährdung:
Wahnsinn, Selbstmord, Krankheit, Tod, Verfall, Untergang (vgl. Benn Morgue, Trakl);
hässliche und schreckliche Inhaltselemente. Schock und Provokation als Kritik an der
zeitgenössischen Kultur, in der die grausame Wirklichkeit verharmlost wird.

Darstellungsmittel:

Reihungsstil der Lyrik: Gleichzeitigkeit (Simultaneität) des Disparaten, nicht


Zusammengehörigen in der raschen Folge wechselnder Bilder; Ästhetik der Hässlichkeit:
schockierende Bilder, präzise Wiedergabe grauenhafter Details; parodistische Verwendung
traditioneller literarischer Formen und Elemente; Stilelemente des Pathos, Aufbegehrens,
der Gefühlsintensität, der Ekstase.

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Typische formale und sprachliche Mittel: Metapher als wichtigstes Stilmittel; Farbe als
Stimmungsträger; Synästhesie als Möglichkeit, alle Sinnesbereiche zu erfassen, zu
verbinden; Mittel zur Verfremdung; Montage/Collage: Versuch der Darstellung einer
vielschichtigen, disparaten Wirklichkeit; Antithese, Paradox als Strukturprinzip: Diskrepanz,
Zusammenfügen von Widersprüchlichem; das Groteske: Verzerrung der Wirklichkeit; Ziel:
Aufdecken von Hintergründen, Kritik; Wort-, Bildschöpfungen, Zerreißen der Syntax,
Sprachfetzen; Sprachexperimente: Ringen um neue Ausdrucksmöglichkeiten (Benn:
"Wirklichkeitszertrümmerung"; "sein innerstes Wesen mit Worten zu zerreißen, der Drang
sich auszudrücken").

bevorzugte Formen:

zu Beginn Vorherrschen der Lyrik; nach dem Weltkrieg tritt an ihre Stelle das Drama
(Vorbilder: Büchner, Strindberg); hinter Lyrik und Drama tritt der Roman zurück; epische
Kleinformen.

Als die führenden Dramatiker des Expressionismus gelten allerdings Carl Sternheim (1878–1942),
Ernst Toller (1893–1939), Ernst Barlach (1870–1838) und Georg Kaiser (1878–1945). Sternheims
karikaturistische Demontage der bürgerlichen Scheinheiligkeit in Dramen wie Die Hose (1911) und
Der Snob (1914) entsprach der expressionistischen Grundhaltung, die in Tollers Stücken – u.a.
Masse Mensch (1921), Der deutsche Hinkemann und Der entfesselte Wotan (beide 1923) –
entschieden politisch akzentuiert wurde. Um eine völlig andere Problematik, nämlich um das
Verhältnis zwischen Mensch und Gott, geht es in den Dramen des Bildhauers und Graphikers
Barlach (Der tote Tag, 1912; Der arme Vetter, 1918; Die Sündflut, 1924). Georg Kaiser, der
expressionistische Dramatiker par excellence, leuchtete in seinen – insgesamt über 60 – Dramen
die Bedingungen und Möglichkeiten menschlicher Existenz aus. Ging es in Die Bürger von Calais
(1914) um die Vision des »neuen Menschen«, vollzieht sich in Gas I und II (1918/20) eine
apokalyptische Katastrophe, während in der Tragikomödie Von morgens bis mitternachts (1916)
ein desillusioniertes Bild des Bürgers als letztlich von ökonomischen Zielen geleitetes Wesen
gezeichnet wird.

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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra:
Als Zarathustra in die Nächste Stadt kam, die an den Wäldern liegt, fand er daselbst
viel Volk versammelt auf dem Markte: denn es war verheissen worden, das man
einen Seiltänzer sehen solle. Und Zarathustra sprach also zum Volke:
Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden
soll. Was habt ihr gethan, ihn zu überwinden?
Was ist der Affe für en Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham.
Und ebendas soll der Mensch für den Übermenschen sein: ein Gelächter oder eine
schmerzliche Scham.
Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und Vieles ist in euch noch
Wurm. Einst wart ihr Affen, und auch jetzt ist der Mensch mehr Affe, als irgend ein
Affe.
Wer aber der Weiseste von euch ist, der ist auch nur ein Zwiespalt und Zwitter von
Pflanze und von Gespenst. Aber heisse ich euch zu Gespenstern oder Pflanzen
werden?
Seht, ich lehre euch den Übermenschen!
Der Übermensch ist der Sinn der Erde. Euer Wille sage: der Übermensch sei der
Sinn der Erde!
Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt Denen nicht,
welche euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie es
wissen oder nicht.
Verächter des Lebens sind es, Absterbende und selber Vergiftete, deren die Erde
müde ist: so mögen sie dahinfahren!
Einst war der Frevel an Gott der grösste Frevel, aber Gott starb, und damit auch
diese Frevelhaften. An der Erde zu freveln ist jetzt das Furchtbarste und die
Eingeweide des Unerforschlichen höher zu achten, als der Sinn der Erde!
Einst blickte die Seele verächtlich auf den Leib: und damals war diese Verachtung
das Höchste: - sie wollte ihn mager, grässlich, verhungert. So dachte sie ihm und der
Erde zu entschlüpfen.
Oh diese Seele war selbst noch mager, grässlich und verhungert: und Grausamkeit
war die Wollust dieser Seele!
Aber auch ihr noch, meine Brüder, sprecht mir: was kündet euer Leib von eurer
Seele? Ist eure Seele nicht Armuth und Schmutz und ein erbärmliches Behagen?
Wahrlich, ein schmutziger Strom ist der Mensch. Man muss schon ein Meer sein, um
einen schmutzigen Strom aufnehmen zu können, ohne unrein zu werden.
Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist diess Meer, in ihm kann eure grosse
Verachtung untergehn.
Was ist das Grösste, das ihr erleben könnt? Das ist die Stunde der grossen
Verachtung. Die Stunde, in der euch auch euer Glück zum Ekel wird und ebenso
eure Vernunft und eure Tugend.
Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meinem Glücke! Es ist Armuth und Schmutz,
und ein erbärmliches Behagen. Aber mein Glück sollte das Dasein selber
rechtfertigen!«
Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meiner Vernunft! Begehrt sie nach Wissen wie
der Löwe nach seiner Nahrung? Sie ist Armuth und Schmutz und ein erbärmliches
Behagen!«
Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meiner Tugend! Noch hat sie mich nicht rasen
gemacht. Wie müde bin ich meines Guten und meines Bösen! Alles das ist Armuth
und Schmutz und ein erbärmliches Behagen!«
Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meiner Gerechtigkeit! Ich sehe nicht, dass ich
Gluth und Kohle wäre. Aber der Gerecht ist Gluth und Kohle!«

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Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meinem Mitleiden! Ist nicht Mitleid das Kreuz,
an das Der genagelt wird, der die Menschen liebt? Aber mein Mitleiden ist keine
Kreuzigung.«
Spracht ihr schon so? Schriet ihr schon so? Ach, dass ich euch schon so schreien
gehört hatte!
Nicht eure Sünde - eure Genügsamkeit schreit gen Himmel, euer Geiz selbst in eurer
Sünde schreit gen Himmel!
Wo ist doch der Blitz, der euch mit seiner Zunge lecke? Wo ist der Wahnsinn, mit
dem ihr geimpft werden müsstet?
Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist dieser Blitz, der ist dieser Wahnsinn!
-
Als Zarathustra so gesprochen hatte, schrie Einer aus dem Volke: »Wir hörten nun
genug von dem Seiltänzer; nun lasst uns ihn auch sehen!« Und alles Volk lachte
über Zarathustra. Der Seiltänzer aber, welcher glaubte, dass das Wort ihm gälte,
machte sich an sein Werk.
Zarathustra aber sahe das Volk an und wunderte sich. Dann sprach er also:
Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch, - ein Seil über
einem Abgrunde.
Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches
Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben.
Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist: was
geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein Übergang und ein Untergang
ist.
Ich liebe Die, welche nicht zu leben wissen, es sei denn als Untergehende, denn es
sind die Hinübergehenden.
Ich liebe die grossen Verachtenden, weil sie die grossen Verehrenden sind und
Pfeile der Sehnsucht nach dem andern Ufer.
Ich liebe Die, welche nicht erst hinter den Sternen einen Grund suchen,
unterzugehen und Opfer zu sein: sondern die sich der Erde opfern, dass die Erde
einst der Übermenschen werde.
Ich liebe Den, welcher lebt, damit er erkenne, und welcher erkennen will, damit einst
der Übermensch lebe. Und so will er seinen Untergang.
Ich liebe Den, welcher arbeitet und erfindet, dass er dem Übermenschen das Haus
baue und zu ihm Erde, Thier und Pflanze vorbereite: denn so will er seinen
Untergang.
Ich liebe Den, welcher seine Tugend liebt: denn Tugend ist Wille zum Untergang und
ein Pfeil der Sehnsucht.
Ich liebe Den, welcher nicht einen Tropfen Geist für sich zurückbehält, sondern ganz
der Geist seiner Tugend sein will: so schreitet er als Geist über die Brücke.
Ich liebe Den, welcher aus seiner Tugend seinen Hang und sein Verhängniss macht:
so will er um seiner Tugend willen noch leben und nicht mehr leben.
Ich liebe Den, welcher nicht zu viele Tugenden haben will. Eine Tugend ist mehr
Tugend, als zwei, weil sie mehr Knoten ist, an den sich das Verhängniss hängt.
Ich liebe Den, dessen Seele sich verschwendet, der nicht Dank haben will und nicht
zurückgiebt: denn er schenkt immer und will sich nicht bewahren.
Ich liebe Den, welcher sich schämt, wenn der Würfel zu seinem Glücke fällt und der
dann fragt: bin ich denn ein falscher Spieler? - denn er will zu Grunde gehen.
Ich liebe Den, welcher goldne Worte seinen Thaten voraus wirft und immer noch
mehr hält, als er verspricht: denn er will seinen Untergang.
Ich liebe Den, welcher die Zukünftigen rechtfertigt und die Vergangenen erlöst: denn
er will an den Gegenwärtigen zu Grunde gehen.

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Ich liebe Den, welcher seinen Gott züchtigt, weil er seinen Gott liebt: denn er muss
am Zorne seines Gottes zu Grunde gehen.
Ich liebe Den, dessen Seele tief ist auch in der Verwundung, und der an einem
kleinen Erlebnisse zu Grunde gehen kann: so geht er gerne über die Brücke.
Ich liebe Den, dessen Seele übervoll ist, so dass er sich selber vergisst, und alle
Dinge in ihm sind: so werden alle Dinge sein Untergang.
Ich liebe Den, der freien Geistes und freien Herzes ist: so ist sein Kopf nur das
Eingeweide seines Herzens, sein Herz aber treibt ihn zum Untergang.
Ich liebe alle Die, welche schwere Tropfen sind, einzeln fallend aus der dunklen
Wolke, die über den Menschen hängt: sie verkündigen, dass der Blitz kommt, und
gehn als Verkündiger zu Grunde.
Seht, ich bin ein Verkündiger des Blitzes und ein schwerer Tropfen aus der Wolke:
dieser Blitz aber heisst Übermensch

Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft, 125. Der tolle Mensch

Der tolle Mensch. - Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen
Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: "ich
suche Gott! Ich suche Gott!" - Da dort gerade Viele von Denen zusammen standen,
welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein grosses Gelächter. Ist er denn
verloren gegangen? sagte der Eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der
Andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff
gegangen? ausgewandert? - so schrieen und lachten sie durcheinander. Der tolle
Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. "Wohin ist
Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getödtet, - ihr und ich! Wir Alle
sind seine Mörder! Aber wie haben wir diess gemacht? Wie vermochten wir das Meer
auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont
wegzuwischen? Was thaten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten?
Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen?
Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten?
Giebt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches
Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt
nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittage
angezündet werden? Hören wir noch Nichts von dem Lärm der Todtengräber, welche
Gott begraben? Riechen wir noch Nichts von der göttlichen Verwesung? - auch
Götter verwesen! Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet! Wie
trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt
bisher besass, es ist unter unseren Messern verblutet, - wer wischt diess Blut von
uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnfeiern, welche
heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Grösse dieser That zu
gross für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu
erscheinen? Es gab nie eine grössere That, - und wer nur immer nach uns geboren
wird, gehört um dieser That willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte
bisher war!" - Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch
sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den
Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. "Ich komme zu früh, sagte er dann,
ich bin noch nicht an der Zeit. Diess ungeheure Ereigniss ist noch unterwegs und
wandert, - es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und
Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Thaten brauchen Zeit,

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auch nachdem sie gethan sind, um gesehen und gehört zu werden. Diese That ist
ihnen immer noch ferner, als die fernsten Gestirne, - und doch haben sie dieselbe
gethan!" - Man erzählt noch, dass der tolle Mensch des selbigen Tages in
verschiedene Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo
angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur diess
entgegnet: "Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Grüfte und
Grabmäler Gottes sind?" –

FRIEDRICH NIETZSCHE: Hinfall der kosmologischen Werte


A.
Der Nihilismus als psychologischer Zustand wird eintreten müssen, erstens, wenn wir
einen »Sinn« in allem Geschehen gesucht haben, der nicht darin ist: so daß der
Sucher endlich den Mut verliert.
Nihilismus ist dann das Bewußtwerden der langen Vergeudung von Kraft, die Qual
des »Umsonst«, die Unsicherheit, der Mangel an Gelegenheit, sich irgendwie zu
erholen, irgendworüber noch zu beruhigen - die Scham vor sich selbst, als habe man
sich allzulange betrogen .. . Jener Sinn könnte gewesen sein: die »Erfüllung« eines
sittlichen höchsten Kanons in allem Geschehen, die sittliche Welt-; Ordnung; oder die
Zunahme der Liebe und Harmonie im Verkehr ; der Wesen; oder die Annäherung an
einen allgemeinen Glücks-= Zustand; oder selbst das Losgehen auf einen
allgemeinen Nichts-Zustand - ein Ziel ist immer noch ein Sinn. Das Gemeinsame
aller dieser Vorstellungsarten ist, daß ein Etwas durch den Prozeß selbst erreicht
werden soll: - und nun begreift man, daß mit dem Werden nichts erzielt, nichts
erreicht wird . . . Also die Enttäuschung über einen angeblichen Zweck des Werdens
als Ursache des Nihilismus: sei es in Hinsicht auf einen ganz bestimmten Zweck, sei
es, verallgemeinert, die Einsicht in das Unzureichende aller bisherigen Zweck-
Hypothesen, die die ganze »Entwicklung« betreffen (- der Mensch nicht mehr
Mitarbeiter, geschweige der Mittelpunkt des Werdens). Der Nihilismus als
psychologischer Zustand tritt zweitens ein, wenn man eine Ganzheit, eine
Systematisierung, selbst eine Organisierung in allem Geschehen und unter allem
Geschehen angesetzt hat: so daß in der Gesamtvorstellung einer höchsten
Herrschaftsund Verwaltungsform die nach Bewunderung und Verehrung durstige
Seele schwelgt (- ist es die Seele eines Logikers, so genügt schon die absolute
Folgerichtigkeit und Realdialektik, um mit allem zu versöhnen . . .). Eine Art Einheit,
irgendeine Form des »Monismus«: und infolge dieses Glaubens der Mensch in
tiefem Zusammenhangsund Abhängigkeitsgefühl von einem ihm unendlich
überlegenen Ganzen, ein modus der Gottheit. .. »Das Wohl des Allgemeinen fordert
die Hingabe des einzelnen« ... aber siehe da, es gibt kein solches Allgemeines! Im
Grunde hat der Mensch den Glauben an seinen Wert verloren, wenn durch ihn nicht
ein unendlich wertvolles Ganzes wirkt: d. h. er hat ein solches Ganzes konzipiert, um
an seinen Wert glauben zu können.
Der Nihilismus als psychologischer Zustand hat noch eine dritte und letzte Form.
Diese zwei Einsichten gegeben, daß mit dem Werden nichts erzielt werden soll und
daß unter allem Werden keine große Einheit waltet, in der der einzelne völlig
untertauchen darf wie in einem Element höchsten Wertes: so bleibt als Ausflucht
übrig, diese ganze Welt des Werdens als Täuschung zu verurteilen und eine Welt zu
erfinden, welche jenseits derselben liegt, als wahre Welt. Sobald aber der Mensch
dahinterkommt, wie nur aus psychologischen Bedürfnissen diese Welt gezimmert ist
und wie er dazu ganz und gar kein Recht hat, so entsteht die letzte Form des Nihilis-

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mus, welche den Unglauben an eine metaphysische Welt in sich schließt, - welche
sich dem Glauben an eine wahre Welt verbietet. Auf diesem Standpunkt gibt man die
Realität des Werdens als einzige Realität zu, verbietet sich jede Art Schleichweg zu
Hinterwelten und falschen Göttlichkeiten - aber erträgt diese Welt nicht, die man
schon nicht leugnen will. . .
- Was ist im Grunde geschehen? Das Gefühl der Wertlosigkeit wurde erzielt, als man
begriff, daß weder mit dem Begriff »Zweck«, noch mit dem Begriff »Einheit«, noch
mit dem Begriff »Wahrheit« der Gesamtcharakter des Daseins interpretiert werden
darf. Es wird nichts damit erzielt und erreicht; es fehlt die übergreifende Einheit in der
Vielheit des Geschehens: der Charakter des Daseins ist nicht »wahr«, ist falsch . ..,
man hat schlechterdings keinen Grund mehr, eine wahre Welt sich einzureden . . .
Kurz: die Kategorien »Zweck«, »Einheit«, »Sein«, mit denen wir der Welt einen Wert
eingelegt haben, werden wieder von uns herausgezogen - und nun sieht die Welt
wertlos aus .. .
B.
Gesetzt, wir haben erkannt, inwiefern mit diesen drei Kategorien die Welt nicht mehr
ausgelegt werden darf und daß nach dieser Einsicht die Welt für uns wertlos zu
werden anfängt: so müssen wir fragen, woher unser Glaube an diese drei Kategorien
stammt,-versuchen wir, ob es nicht möglich ist, ihnen den Glauben zu kündigen!
Haben wir diese drei Kategorien entwertet, so ist der Nachweis ihrer
Unanwendbarkeit auf das All kein Grund mehr, das All zu entwerten.
- Resultat: Der Glaube an die Vernunft-Kategorien ist die Ursache des Nihilismus, -
wir haben den Wert der Welt an Kategorien gemessen, welche sich auf eine rein
fingierte Welt beziehen.
- Schluß-Resultat: Alle Werte, mit denen wir bis jetzt die Welt zuerst uns schätzbar zu
machen gesucht haben und endlich eben-damit entwertet haben, als sie sich als
unanlegbar erwiesen - alle diese Werte sind, psychologisch nachgerechnet,
Resultate bestimmter Perspektiven der Nützlichkeit zur Aufrechterhaltung und
Steigerung menschlicher Herrschafts-Gebilde: und nur fälschlich projiziert

in das Wesen der Dinge. Es ist immer noch die hyperbolische Naivität des
Menschen: sich selbst als Sinn und Wertmaß der Dinge anzusetzen.

10
Hugo Ball
Eroeffnungs-Manifest, 1. Dada-Abend
Zuerich, 14. Juli 1916

Dada ist eine neue Kunstrichtung. Das kann man daran erkennen, dass bisher niemand etwas
davon wusste und morgen ganz Zuerich davon reden wird. Dada stammt aus dem Lexikon. Es
ist furchtbar einfach. Im Franzoesischen bedeutets Steckenpferd. Im Deutschen: Addio, steigt
mir bitte den Ruecken runter, auf Wiedersehen ein ander Mal! Im Rumaenischen: 'Ja
wahrhaftig, Sie haben Recht, so ist es. Jawohl, wirklich. Machen wir'. Und so weiter.

Ein internationales Wort. Nur ein Wort und das Wort als Bewegung. Es ist einfach furchtbar.
Wenn man eine Kunstrichtung daraus macht, muss das bedeuten, man will Komplikationen
wegnehmen. Dada Psychologie, Dada Literatur, Dada Bourgeoisie und ihr, verehrteste
Dichter, die ihr immer mit Worten, nie aber das Wort selber gedichtet habt. Dada Weltkrieg
und kein Ende, Dada Revolution und kein Anfang. Dada ihr Freunde und Auchdichter,
allerwerteste Evangelisten. Dada Tzara, Dada Huelsenbeck, Dada m'dada, Dada mhm' dada,
Dada Hue, Dada Tza.

Wie erlangt man die ewige Seligkeit? Indem man Dada sagt. Wie wird man beruehmt? Indem
man Dada sagt. Mit edlem Gestus und mit feinem Anstand. Bis zum Irrsinn, bis zur
Bewusstlosigkeit. Wie kann man alles Aalige und Journalige, alles Nette und Adrette, alles
Vermoralisierte, Vertierte, Gezierte abtun? Indem man Dada sagt. Dada ist die Weltseele,
Dada ist der Clou, Dada ist die beste Lilienmilchseife der Welt. Dada Herr Rubiner, Dada
Herr Korrodi, Dada Herr Anastasius Lilienstein.

Das heisst auf Deutsch: die Gastfreundschaft der Schweiz ist ueber alles zu schaetzen, und im
Aesthetischen kommt's auf die Norm an.

Ich lese Verse, die nichts weniger vorhaben als: auf die Sprache zu verzichten. Dada Johann
Fuchsgang Goethe. Dada Stendhal. Dada Buddha, Dalai Lama, Dada m'dada, Dada m'dada,
Dada mhm' dada. Auf die Verbindung kommt es an, und dass sie vorher ein bisschen
unterbrochen wird. Ich will keine Worte, die andere erfunden haben. Alle Worte haben andere
erfunden. Ich will meinen eigenen Unfug, und Vokale und Konsonanten dazu, die ihm
entsprechen. Wenn eine Schwingung sieben Ellen lang ist, will ich fueglich Worte dazu, die
sieben Ellen lang sind. Die Worte des Herrn Schulze haben nur zwei ein halb Zentimeter.

Da kann man nun so recht sehen, wie die artikulierte Sprache entsteht. Ich lasse die Laute
ganz einfach fallen. Worte tauchen auf, Schultern von Worten; Beine, Arme, Haende von
Worten. Ay, oi, u. Man soll nicht zuviel Worte aufkommen lasen. Ein Vers ist die
Gelegenheit, moeglichst ohne Worte und ohne die Sprache auszukommen. Diese vermaledeite
Sprache, an der Schmutz klebt wie von Maklerhaenden, die die Muenzen abgegriffen haben.
Das Wort will ich haben, wo es aufhoert und wo es anfaengt.

Jede Sache hat ihr Wort; da ist das Wort selber zur Sache geworden. Warum kann der Baum
nicht Pluplusch heissen, und Pluplubasch, wenn es geregnet hat? Und warum muss er
ueberhaupt etwas heissen? Muessen wir denn ueberall unseren Mund dran haengen? Das
Wort, das Wort, das Weh gerade an diesem Ort, das Wort, meine Herren, ist eine oeffentliche
Angelegenheit ersten Ranges.

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Sigmund Freud - skeptisch betrachtet
Von Prof. Herbert Selg

Herkunft und Ausbildung

Aus Anlass seines 150. Geburtstags soll Sigmund Freud, der bekannteste Psychologe, hier als der
Begründer der Psychoanalyse (PA) vorgestellt werden, allerdings kritisch; sein Lebenslauf dient
dabei als roter Faden. Am 6. Mai 1856 wurde Sigmund Freud in Freiberg geboren; dieser Ort nahe
der Oderquelle gehört jetzt zu Tschechien und heißt Pribor. Freuds Eltern waren Juden, nicht
sonderlich fromm. Als er drei Jahre alt war, zog die Familie nach Wien. Dort durfte er - trotz
beträchtlicher Geldpro-bleme - ein Gymnasium besuchen; er war ein sehr guter Schüler. Nach
glänzendem Abitur studierte er Medizin, wurde Neurologe und erwarb den Doktortitel mit der
Bestnote. Der außerordentlich ehrgeizige junge Mann wollte ein großer und berühmter
Wissenschaftler werden. Seine Gier nach Ruhm war so stark, dass er schon als junger Arzt einen
schweren Fehler beging. Damals war Kokain neu auf dem Markt - und Freud empfahl es leichtfertig
als Medizin gegen Alkoholismus, Magenbeschwerden und andere Krankheiten, so als ob Kokain ein
Allheilmittel wäre. Durch diese Werbung wurde Freud zwar unter den Ärzten Wiens tatsächlich
schnell berühmt, aber ganz anders als von ihm erhofft.

Dennoch konnte er in Wien den nächsten wichtigen Schritt für eine wissenschaftliche Karriere tun:
Er konnte sich habilitieren. Zudem bekam er ein Stipendium für einen Studienaufenthalt in Paris
zugesprochen. 1885 fuhr er dorthin und wurde Schüler von Charcot, einem weltweit bekannten
Neurologen und Psychiater. Dessen Spezialgebiet war die Hysterie; darunter kann man vielerlei
verstehen. Es geht aber immer um Symptome, für die keine organischen Ursachen gefunden
werden, z.B. eine Lähmung trotz gesunden Bewegungsapparats. Mancher Arzt war deshalb
überzeugt, hysterische Phänomene seien simuliert; und viele glaubten irrtümlich, dass es Hysterien
nur bei Frauen gebe, wie es der griechische Name nahelegt (hystera = Gebärmutter). Charcot
arbeitete u.a. mit der Hypnose; er konnte bei Hypnotisierten gewisse hysterische Symptome
willkürlich auslösen. Er suggerierte ihnen z.B., sie könnten ihre Arme nicht mehr bewegen, und
dann wirkten ihre Arme wie gelähmt. Diese Demonstrationen waren ein starker Beleg dafür, dass
hysterische Phänomene psychisch verursacht sein können. Das faszinierte Freud.

Aber nach Wien zurückgekehrt, bemühte er sich trotz seines Ehrgeizes zunächst nicht mehr um
eine wissenschaftliche Karriere. Vielmehr wurde er frei praktizierender Arzt, denn er brauchte Geld
- weil er schon seit einigen Jahren mit Martha Bernays verlobt war und nun endlich heiraten wollte.
Just am Ostersonntag 1886 eröffnete er seine Praxis; das war natürlich eine "Spitze" gegen die in
Wien dominierende katholische Kirche. Im September des gleichen Jahres heirateten Sigmund
Freud und Martha Bernays. Aus der Ehe gingen 6 Kinder hervor; das jüngste war Anna, die so
etwas wie die geistige Erbin ihres Vaters wurde. Freud arbeitete als Arzt zunächst klassisch-
konservativ, d.h. er setzte alle Verfahren ein, die bei praktischen Ärzten üblich waren; die PA war
ja noch nicht geboren.

Der Fall Anna O

Den ersten Schritt in Richtung PA machte, wie Freud wiederholt schrieb, sein älterer Freund Josef
Breuer in der Behandlung von Anna O. Sie war von 1880-1882 Breuers Patientin; doch erst 1895
veröffentlichte er auf Drängen Freuds ihre Krankengeschichte. Man weiß seit 1961: Ihr richtiger
Name war Bertha Pappenheim. Bertha litt, als sie mit 22 Jahren Breuers Patientin wurde, unter
vielen unerklärlichen, deshalb hysterisch genannten Störungen. Breuer hypnotisierte sie; während
der Hypnose berichtete sie von ihren Problemen; Breuer hörte ihr zu - und wenn Bertha sich
lebhaft an die Entstehung einer Störung erinnert und darüber gesprochen hatte, verschwand ihr
Symptom. Das erste Beispiel, das Breuer beschreibt, hat folgenden Inhalt: Bertha konnte seit 6
Wochen nicht mehr trinken. Sie führte sich die benötigte Flüssigkeit zu, indem sie u.a. viel Melonen
aß. In der Hypnose erinnerte sie sich: Sie hatte 6 Wochen zuvor gesehen, wie ein Hund aus einem
Glas trank, das sonst von Mitgliedern ihrer Familie benutzt wurde. Sie ekelte sich deshalb so sehr,
dass ihr nicht nur das Trinken aus diesem Glas, sondern das Trinken allgemein unmöglich wurde.
Nachdem sie dies mit Zeichen des "Abscheus" erzählt hatte, verlangte sie zu trinken - und das
Problem war behoben. Die Gefühlsbeteiligung (Abscheu) bei der Erinnerung war für den
Therapieerfolg wichtig. Später wurde es üblich, eine Situation, die ein psychisches Problem auslöst,
als traumatische Situation oder kurz als Trauma zu bezeichnen. Wenn eine Erinnerung an dieses
spontan nicht möglich war, sprach man von einer Verdrängung des traumatischen Erlebnisses.
Bertha zeigte während der 1½ jährigen Behandlung durch Breuer viele Symptome. Jedes wurde

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ausführlich durchgearbeitet: Zu einer hysterischen Taubheit erzählte Bertha etwa 300 einschlägige
Vorfälle. Breuer nannte seine ziemlich mühselige Methode "Katharsis"; d.h. Reinigung oder
Befreiung von psychischen Störungen. Er nahm alle Symptome, über die Bertha berichtete, ernst.
Nur einmal glaubte er ihr nicht: als sie nämlich gegen Ende der Zusammenarbeit gestand, dass sie
ihm monatelang Theater vorgespielt hatte... Sie hatte zusätzlich zu den echten immer neue
Symptome erfunden, um ihn bei sich zu haben. Sie war heftig in ihn verliebt, ohne dass er dies
durchschaute.

Breuer schrieb 13 Jahre später - im Fallbericht - zusammenfassend: Anna O. sei nach der
Behandlung "frei von all den unzähligen Störungen" und erfreue sich vollständiger Gesundheit. Man
muss aus diesen Worten den Eindruck gewinnen, dass die Katharsis ein großer Erfolg war. Als 1961
die Identität von Anna O. und Bertha Pappenheim bekannt wurde, war es leicht, ihr Leben zu
erforschen. Es ist fast unglaublich, was nun ans Tageslicht kam: Bertha Pappenheim wurde von
Breuer zwar viele Monate lang behandelt, aber nicht geheilt. Er versagte vielmehr als Therapeut; er
übersah zugunsten der von ihm diagnostizierten hysterischen Störungen ihre körperlichen
Krankheiten und machte keine Fortschritte. Als man sich und ihr nicht mehr zu helfen wusste, gab
man ihr Morphium, und sie wurde Morphinistin. Breuer war ein Spielzeug von Bertha, ohne es zu
merken. In ihrer Verliebtheit erreichte sie mit ihren phantasievoll erfundenen Symptomen, dass er
nahezu jeden Tag zu ihr kommen musste. Er wurde gleichsam ihr Privatarzt. Die Pappenheims
konnten sich das leisten, sie waren steinreich. Breuer informierte Breuer Freud über seine
Probleme. Dieser kannte die Familie Pappenheim durch seine Verlobte, der er brieflich mitteilte,
was er erfahren hatte: Breuer habe geäußert, dass Bertha "ganz zerrüttet" sei und er ihr den Tod
wünsche, damit sie von ihrem Leiden erlöst werde. Bertha wurde, nachdem Breuer nicht mehr ihr
Arzt war, wieder leidlich gesund, so dass sie sich erfolgreich für jüdische Frauen engagieren
konnte.

Was hat das alles mit Freud und der Entwicklung der PA zu tun? 1. Freud sagte - zumindest noch
bis 1925 - die PA sei von Breuer "ins Leben gerufen" worden; er sah also jahrzehntelang die von
Breuer bei Anna O. betriebene Katharsis als die erste psychoanalytische Behandlung an; erst
später stellte Freud sich allein als Begründer der PA dar.

2. Der Fall Anna O. ist eine sehr dunkle Episode in Freuds, nicht nur in Breuers Leben. Denn - wie
schon berichtet - wusste Freud seit 1883 um Berthas schlechten Zustand, drängte aber dennoch
Breuer zur Veröffentlichung ihrer Krankengeschichte im Jahr 1895, welche die unwahre
Behauptung enthält, Bertha sei durch die Katharsis geheilt worden. Die Falldarstellung deutet das
Versagen Breuers, das Versagen der Katharsis mit keinem Wort an. Stattdessen wurde Bertha eine
"vollständige Gesundheit" attestiert. Breuer und Freud gingen wohl von der Annahme aus, man
werde die wahre Geschichte der Anna O., die der Bertha Pappenheim, nie aufdecken.

3. Freud baute trotz Breuers Versagen mehr oder weniger auf dessen Arbeiten auf. Was immer
Freud über seinen Freund und den Fall Anna O. gedacht haben mag: Er ging wie Breuer davon aus,
dass hysterische Symptome psychisch bedingt seien und auf ein Trauma zurückgehen, und dass
eine spontane Erinnerung an das Trauma nicht möglich sei. Freud dachte ferner wie Breuer, dass
durch eine lebhafte, gefühlsbetonte Erinnerung an die traumatische Situation eine Heilung
eintreten könne. Freud hielt also eine Katharsis für möglich, aber der wusste auch, dass er dazu
anders vorgehen musste als Breuer.

Freuds erste Schritte zur Psychoanalyse

Zunächst setzte auch Freud die Hypnose ein, bald beurteilte er sie jedoch als unzureichende
Methode. Er suchte nach besseren Wegen ins Unbewusste. Nachdem ihn einmal eine Patientin
gerügt hatte, weil er sie nicht hatte ausreden lassen, nahm er ihre Anregung auf, sie freier als
bislang sprechen zu lassen: Während er sich selbst nun zurückhielt, forderte er seine Patienten auf,
ungehemmt über alles zu sprechen, was ihnen gerade durch den Kopf ging, so bedeutungslos es
ihnen selbst auch erscheinen mochte. Das nennt man seither mit Freud freie Assoziation. Mit der
Aufforderung zur freien Assoziation stand Freud auf der Schwelle zur PA. Und allmählich nahmen
die therapeutischen Treffen folgende äußere Form an, die man als Standardprozedur seiner
psychoanalytischen Arbeit bezeichnen kann: Die Patienten müssen sich auf eine Couch legen; das
Liegen soll zur Entspannung beitragen, die ihrerseits den Gedankenfluss fördern soll. Der
Therapeut sitzt am Kopfende, so dass er die Patienten gut beobachten kann, aber sie ihn nicht. Er
hält sich mit Worten zurück, es sei denn, er glaubt eine wichtige Deutung anbieten zu können. Die
Verpflichtung der Patienten zur freien Assoziation wurde für Freud die Grundregel der PA. Sie
wurde also ein fester, wesentlicher Bestandteil derselben. Doch niemand kann über alles sprechen,

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was ihm gerade durch den Kopf geht. Oft jagen sich Gedanken und Bilder so schnell, dass man sie
gar nicht alle mitteilen kann. Ferner weigern sich Patienten manchmal, der Grundregel zu folgen,
weil sie sich ihres Einfalls schämen, und sie schweigen oder erzählen stattdessen etwas
Belangloses. Aber manchmal - so nahm Freud an - schweigen die Patienten auch, weil ein
unbewusster Widerstand ihrem Bewusstsein den Zugriff zu einem Detail verweigert, etwa zu einer
Erinnerung an eine traumatische Situation. Dieses Schweigen von Patienten hielt Freud auf jeden
Fall für ein beredtes Schweigen. Er interpretierte es als einen Hinweis darauf, dass im Patienten
gerade etwas Wichtiges berührt worden sei, aber das Unbewusste den Zusammenhang nicht
freigebe. Der Therapeut muss versuchen, aus dem Kontext den Widerstand zu erkennen und zu
deuten. Woher kommt die Kraft des Widerstands? Sie kommt - meinte Freud - aus einem tiefen
Leidensbedürfnis der Patienten, das auf starke Schuldgefühle zurückgeht. Schuldgefühle entwickeln
wir nicht nur, wenn wir etwas Verbotenes tun, sondern bereits beim Gedanken daran, dass wir ein
Gebot nicht halten. Freud unterstellte, der Widerstand komme aus einer Region, die er als
unbewusst ansah und sich unserer Kontrolle entzieht. Mit der Betonung des Unbewussten geriet
Freud in Gegensatz zur akademischen Psychologie seiner Zeit. Deren führender Vertreter war
Wilhelm Wundt, der die Psychologie als Wissenschaft von den "Tatsachen des Bewusstseins"
umschrieb. Da war Freuds Lehre vom Unbewussten natürlich ein Ärgernis. Neben dem Widerstand
inszeniert das Unbewusste - nach Freud - auch die Übertragung: Wenn ein Patient dem Analytiker
gegenüber eine starke Zu- oder Abneigung zeigt, kann es sich um eine vom Unbewussten
gesteuerte Wiederholung von Gefühlen handeln, die der Patient in der frühen Kindheit gegen Vater
oder Mutter hatte. Die Gefühle werden von der Vergangenheit auf die Gegenwart und von den
Eltern auf die Therapeuten übertragen, d.h. neu durchlebt. Freud gewann in seiner praktischen
Arbeit die Überzeugung, dass die gegenwärtigen Probleme seiner erwachsenen Patienten auf solche
starken Gefühle in der frühen Kindheit und auf die mit ihnen verknüpften ungelösten Konflikte
zurückgehen.

Er unterschied zwischen positiver und negativer Übertragung. Zeigt der Patient Zuneigung zum
Therapeuten, spricht man von positiver, bei Abneigung von negativer Übertragung. Klar, dass bei
negativer Übertragung die Patienten daran denken, die Behandlung abzubrechen, während eine
positive Übertragung kaum von Verliebtheit zu unterscheiden ist. Die in der Übertragung
wiederbelebten kindlichen Erfahrungen müssen gründlich durchgearbeitet werden. Es reicht nicht,
dass sie einfach erzählt werden; sie müssen sich mit allen Anzeichen von Zuneigung oder
Abneigung in der Therapie zeigen. Wichtig ist, dass der Therapeut anders reagiert, als die Eltern es
früher taten; er belohnt und bestraft nicht; er erschrickt nicht, wenn ein Patient Todeswünsche
ausspricht. Er reagiert auch in anderer Hinsicht sehr zurückhaltend: Er gibt keine Ratschläge,
tröstet und bagatellisiert nicht. Analytiker nennen diese distanzierte Haltung "Abstinenz". In
"gleichschwebender Aufmerksamkeit" soll der Therapeut dem Patienten zuhören und ihn
beobachten - und er darf vorsichtig deuten, wie er sich das Verhalten des Patienten erklärt, welche
kindlichen Konflikte er zu erkennen meint usw. So lernen Patienten in der entspannten Atmosphäre
der PA mit den gleichen Emotionen neu umzugehen, die für sie als Kind bedrohlich waren, und so
können die Emotionen allmählich ihre Kraft verlieren. Es genügt für eine Heilung meist nicht, dass
eine problematische emotionale Beziehung einmal bewusst gemacht wird. Erfolgreiches Bearbeiten
kann etliche Wiederholungen erforderlich machen.

Freud gewann in seiner Arbeit weiterhin die Überzeugung, dass die ungelösten Konflikte der
Patienten meist sexueller Natur waren. Er befasste sich in seinen Theorien folgerichtig vorwiegend
mit der Sexualität. Diese verstand Freud aber sehr breit. Alles, was man Liebe nennt, ja, überhaupt
jeden Lustgewinn rechnete er der Sexualität zu. Zwar hatten schon vor ihm einige Forscher etwas
Sexuelles hinter psychischen Störungen vermutet, aber erst Freud vertrat diesen Standpunkt
konsequent. So war er auch überzeugt, jedes hy-sterische Phänomen basiere auf einem
Sexualtrauma. Mit dieser Betonung der Sexualität erregte er fast überall Anstoß, vielleicht auch bei
Breuer; die Freundschaft mit ihm zerbrach 1895, also noch in dem Jahr, in dem die
"Krankengeschichte Frl. Anna O." erschien. Breuer hatte über Berthas Sexualität nur mitgeteilt, sie
sei noch "unentwickelt". Zu der Zeit hatte Freud die ersten Schritte zur PA getan, und die
klassische ärztliche Tätigkeit befriedigte ihn immer weniger. Er steckte voller Ideen, suchte nach
neuen Wegen in der Psychotherapie und nach einer griffigen Theorie für das, was er über
psychische Krankheit und Gesundheit dachte. Aber das Theoretisieren fiel ihm so schwer, dass er
schrieb: "Mit der Psychologie ist es wirklich ein Kreuz . Kegelschieben und Schwämmesuchen ist
jedenfalls viel gesünder." Die Psychologie, die er anstrebte, sollte naturwissenschaftlich orientiert
sein. Er erwartete für die Zukunft eine Reduzierung der Psychologie auf Physiologie.

Von der Verführungstheorie zur Ödipustheorie

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Im Kampf gegen die Hysterie hatte Freud offensichtlich Erfolgserlebnisse, und er schuf einen
Erklärungsansatz, die sog. "Verführungstheorie". Freud war während seines Parisaufenthalts auf
ein Problem gestoßen, das damals in Frankreich ähnlich dominierte wie bei uns vor 10 Jahren: die
sexuelle Misshandlung von Kindern. Freud entwarf dazu eine spezielle Hysterietheorie, nach der
hysterische Phänomene auf eine traumatisierende sexuelle Misshandlung in der Kindheit
zurückgehen; als Täter gerieten in erster Linie die Väter in Verdacht. Aus Fallgeschichten gewann
Freud Argumente für die Verführungstheorie. Er glaubte den Frauen mit hysterischen Merkmalen
ihre Berichte über erlittene sexuelle Misshandlungen, während sie zuvor ja oft als Simulantinnen
eingestuft worden waren. 1896 stelle er die Verführungstheorie in Wien vor. Auf den namhaften
Kollegen R. von Krafft-Ebing wirkte sie "wie ein wissenschaftliches Märchen", was Freud tief
enttäuschte und verletzte. Doch schon ein Jahr später verabschiedete sich Freud selber von seiner
Theorie; nun glaubte auch er den Hysterikerinnen nicht mehr. Warum? Darüber wird gerätselt.
Marianne Krüll gab 1979 folgende Erklärung: Freud unterzog sich nach dem Tod seines Vaters 1896
einer sog. "Selbstanalyse". Im Verlauf dieser Arbeiten stieß er bei sich auf - hysterische Züge. Nun
folgerte er aus seiner Theorie, er müsse als Kind sexuell misshandelt worden sein; als Täter kam
nur sein Vater in Frage. Das aber, so glaubte Freud auch zu wissen, entsprach nicht den Tatsachen
- und er verwarf die Verführungstheorie. Er hätte sie durchaus beibehalten können, wenn er
bedacht hätte, dass psychologische Gesetze im allgemeinen nur Wahrscheinlichkeitsaussagen sind.
Er hätte denken können: Hysterisches Verhalten geht in der Regel auf eine sexuelle Misshandlung
zurückgehen, aber es gibt Ausnahmen. Nachdem er die Verführungstheorie verworfen hatte,
brauchte er einen neuen Erklärungsansatz für die gleichen Phänomene. Die Selbstanalyse half ihm
dabei: Er setzte an die Stelle der Verführungstheorie seine Lehre vom Ödipuskomplex.

Was heißt das? Nach einem griechischen Mythos war Ödipus ein Königssohn, der - unter etwas
komplizierten Umständen - unwissentlich seinen Vater tötete und seine Mutter heiratete. Freud
nahm nun an, dass jedes Kind eine ödipale Phase durchlaufe - im 3. bis 5. Lebensjahr . In dieser
Zeit verliebt es sich in den gegengeschlechtlichen Elternteil. Vor allem bei kleinen Jungen war sich
Freud sicher: Sie verlieben sich in die Mutter und stehen ambivalent, d.h. zwiespältig zum Vater.
Sie betrachten ihn als Rivalen im Kampf um die Gunst der Mutter; sie bringen ihm deshalb neben
kindlicher Liebe auch heftige Abneigung entgegen. Die Liebe zur Mutter hat deutlich sexuelle
Anteile: der kleine Junge will mit ihr "schlafen". Freud erinnerte sich jedenfalls, dass es bei ihm so
war. Weil es im Normalfall nicht zu einer sexuellen Beziehung dieser Art kommt, phantasiert das
Kind den Beischlaf - und Freud meinte, daraus könne später einmal die Überzeugung entstehen, so
etwas habe wirklich stattgefunden, und dann kann es zu entsprechenden Beschuldigungen
kommen.

Die Ödipustheorie ist die glatte Umkehrung der Verführungstheorie: Während in der
Verführungstheorie die Väter leicht in den Verdacht gerieten, Täter zu sein, sind sie in der
Ödipustheorie eher das Ziel, um nicht zu sagen das Opfer der sexuellen Wünsche ihrer Kinder. Man
kann sich leicht vorstellen, wohin diese Theorie führen kann: Falls sich ein Therapeut bei der
Behandlung von Frauen, die tatsächlich vom Vater sexuell misshandelt worden sind, von der
Ödipustheorie leiten lässt, läuft er Gefahr, ihre Schilderungen als ödipale Phantasien einzustufen.
Doch ob Verführungs- oder Ödipustheorie, beide betonen die Rolle der Sexualität im kindlichen
Erleben. In dieser Betonung des Sexuellen blieb sich Freud beim Auswechseln der Theorien treu.
Die Ödipustheorie wurde bald ein unverzichtbarer Kernbestandteil der PA. Wenn der
Ödipuskomplex verworfen wird, gibt es - so Anna Freud - keine PA mehr.

Traumdeutung

Auf unserem Weg durch Freuds Leben sind wir in den letzten Monaten des 19. Jahrhunderts
angekommen; er trieb seine Selbstanalyse voran. Vor allem mit Hilfe der Traumdeutung, die er
während der Selbstanalyse entwickelte, drang er in seine Vergangenheit. Die Traumdeutung
nannte er den Königsweg ins Unbewusste. Das 1900 erschienene Buch "Die Traumdeutung" fasste
seine Gedanken darüber zusammen. Um Freuds Traumtheorie zu skizzieren, ist ein Vorgriff auf
seine Instanzenlehre zweckmäßig. Freud nahm 3 Schichten oder 3 Instanzen der Seele an: Es, Ich
und Überich. Die untere Schicht bildet das Es, das von Geburt an aktiv ist. Aus dem Es kommen die
Triebwünsche; es ist auch der Ort des Verdrängten. Alles im Es ist unbewusst. Das Ich entwickelt
sich erst von der Geburt an - und damit die Wahrnehmung, das Lernen und Denken; das Ich
steuert unser Handeln. Es entspricht weitgehend - aber nicht ganz - dem Bewussten, und das
Überich entspricht weitgehend dem, was man im Alltag Gewissen nennt. Bei den Träumen
unterscheidet Freud einen manifesten und einen latenten Inhalt. Das, was wir nach dem Aufwachen
erinnern, ist der manifeste Inhalt. Der eigentliche Trauminhalt ist der latente, der verborgene.
Freud geht davon aus, dass in seinem Kern immer ein Triebwunsch steht, der aus dem Es kommt.
Solche Wünsche - etwa nach einem nicht-ehelichen Koitus - werden von den Instanzen in uns, die

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darauf achten müssen, dass wir mit unserer Umwelt und uns selber nicht in Konflikt geraten, nur
unter ganz bestimmten Umständen zugelassen. Diese kontrollierenden Instanzen sind das Ich und
das Überich. Sie sind im Schlaf schwächer als im Wachzustand. Aber auch im Schlaf können sie
noch eine Zensur über die Es-Wünsche ausüben. Die Zensur entstellt den Triebwunsch; sie macht
aus dem latenten Traum den manifesten, das, was ins Bewusstsein gelangen darf. Können wir den
latenten, den "eigentlichen" Traum irgendwie rekonstruieren? Ja, nach Freud können wir dies mit
Hilfe der Traumdeutung, weil man weiß, wie die Zensur den Triebwunsch verzerrt: Die Zensur
bedient sich vor allem der Verdichtung (z.B. ist eine Frau im Traum zugleich die eigene Schwester
wie auch die Lehrerin aus dem 1. Schuljahr), der Verschiebung (z.B. deckt die freie Assoziation auf,
dass ein Tritt gegen einen Hund eigentlich dem Vater galt) und der Symbole.

Interessant ist vor allem die von Freud benutzte Traumsymbolik, der er einen hohen Stellenwert
zusprach. Die meisten Symbole im Traum seien Sexualsymbole, schrieb er und wurde sehr
konkret: Alles Längliche - z.B ein Stock, ein Schirm - kann den Penis symbolisieren. "Unzweifelhaft"
seien Bleistifte, Nagelfeilen, Hämmer männliche Sexualsymbole. Alles Runde und Hohle kann die
Vagina symbolisieren, z.B. ein Zimmer ("Frauenzimmer"). Es fällt schwer, Freud zu folgen, wenn
man liest, glatte Wände verweisen auf Männer, Vorsprünge an Häusern - z.B. Erker - dagegen auf
Frauen. Doch auch Bretter bedeuten Frauen - weil, ja weil sich Frauen und Bretter im Normalfall so
völlig unähnlich sind. Das nennt Freud dann eine "Darstellung durch das Gegenteil". Mit anderen
WOrten: Was einer weiblichen Brust irgendwie ähnelt, aber auch, was ihr völlig unähnlich ist, kann
als ihr Symbol gelten...

Freuds Traumdeutung wurde von mehreren Grundannahmen geleitet. Dazu gehörte die
Überzeugung, jeder Traum sei eine Wunscherfüllung, obgleich die Zensur keinen Triebwunsch
ungeschoren passieren lässt. Die von Freud behauptete Wunscherfüllung überrascht aber vor allem
deshalb, weil Alpträume die Behauptung von der Wunscherfüllung zu widerlegen scheinen. Doch
nach Freud wird auch im Angsttraum ein verbotener Triebwunsch befriedigt. Wenn eine Frau im
Traum von einem Mann mit einem Messer verfolgt wird, so mag sie das als Alptraum erleben. Aber
es wird auch ihr Wunsch erkennbar, von einem Mann verfolgt, d.h. sexuell begehrt zu werden. Und
dieser Wunsch wird erfüllt, wenn auch nur partiell. Am Ende fand Freud in seinen Traumdeutungen
immer einen Kompromiss zwischen Triebwunsch und Zensur. Die Traumdeutung soll den Patienten
helfen. Wenn sie einer Traumdeutung zustimmen, ist alles in Ordnung; wenn nicht, kommt darin
ein unbewusster Widerstand zum Ausdruck; sie müssen dann noch länger an sich arbeiten, um zur
nötigen Einsicht zu gelangen. Von einem möglichen Irrtum des Therapeuten ist selten die Rede.
Wie dem auch sei: Mit der Grundregel, also mit der Forderung nach freier Assoziation, mit der
Traumdeutung und mit der Lehre vom Ödipuskomplex hatte Freud um 1900 die PA geschaffen. Es
gab zwar immer wieder Änderungen, aber sie betrafen nicht diese Kernbestandteile. Er behandelte
täglich 6 bis 11 Patienten - je etwa eine Stunde lang. Die Patienten sollten möglichst an jedem
Werktag zur PA kommen, etliche Patienten mehrere Jahre lang.

Interpretation von Fehlleistungen

Die Interpretation von Fehlleistungen sah Freud - nach freier Assoziation und Traumdeutung - als
dritten Weg ins Unbewusste an. Darüber informierte er 1901 im Buch "Zur Psychopathologie des
Alltagslebens." Es schlägt - wie der Titel sagen soll - eine Brücke vom Pathologischen zum
normalen Alltag und handelt von den inzwischen berühmt gewordenen Fehlleistungen (wenig
elegant auch "Freudsche Fehler" genannt), also vom Vergessen, vom Sich-versprechen bis zum
Verlieren von Gegenständen. Freud glaubte, diese Fehler seien nicht zufälliger Art. Etwas
Unbewusstes, etwas Verdrängtes spiele bei ihnen eine Rolle. Analysieren wir eins seiner Beispiele
für das Vergessen. Da heisst es: Er, Freud, sprach während einer Reise mit einem jungen Mann
(M). Dieser, auch Jude, beklagte die gesellschaftliche Benachteiligung begabter Juden und äußerte
dafür gleichsam Rachewünsche, die er mit einem Zitat von Vergil untermauern wollte. "Exoriare ex
nostris ossibus ultor...", begann er und merkte, dass etwas fehlte. Freud ergänzte sofort: "Exoriare
aliquis nostris ex ossibus ultor" (Aus unseren Gebeinen entstehe einst ein Rächer). - M kannte
Freuds Interesse an Fehlleistungen und wünschte eine Erklärung seines Vergessens. Dazu musste
er aber zunächst einmal zum Wort "aliquis" frei assoziieren. Er lieferte eine Gedankenkette, die bis
zum hl. Januarius und dessen Blutwunder reichte. Das kannte Freud nicht, und M erläuterte: In
einer Kirche in Neapel gebe es eine Blutreliquie des Heiligen. Dieses Blut werde an bestimmten
Festtagen flüssig. Das Volk werde unruhig, wenn sich das Wunder verzögere. Den nächsten Einfall
wollte M verschweigen - gegen die Regel der freien Assoziation; Freud drängte und M sagte: "Ich
habe plötzlich an eine Dame gedacht, von der ich leicht eine Nachricht bekommen könnte, die uns
beiden recht unangenehm wäre." Daraufhin Freud: "Dass ihre Periode ausgeblieben ist". M fragte
zurück: "Wie können Sie das erraten?" Freud antwortete, das sei nicht schwierig...

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Freud interpretierte die Episode so: Einerseits habe M in dem lateinischen Satz den Wunsch ge-
äußert, dass ein Kind kommen möge, um die Juden zu rächen. Andererseits wünschte er sich ja
eigentlich kein Kind, im Gegenteil. Dieser Konflikt habe zur Fehlleistung geführt, zum Vergessen
des Wortes.

Das Beispiel zeigt Freuds erstaunliche Lateinkenntnisse, und am Ende steht eine große
Interpretationsleistung - oder? Bleiben wir kritisch! Freud lehrte: Bei Fehlleistungen setze sich
etwas Unbewusstes durch, etwas Verdrängtes, das nicht anders ins Bewusstsein kommen kann.
Aber wo im obigen Beispiel spielt Verdrängtes eine Rolle? Der junge Mann hatte vom Ausbleiben
der Periode bei einer Partnerin erfahren. Das war für ihn ein Schock, und er hatte - salopp gesagt -
kaum noch etwas anderes mehr im Kopf als Gedanken daran. Ihm half nur noch eine Art
"Blutwunder", ein Wiedereintreten der Menstruation. Die Furcht vor der Schwangerschaft dürfte das
Bewusstsein des jungen Mannes beherrscht haben; sie war nichts Unbewusstes. Dieses Beispiel soll
andeuten, dass Freuds große Interpretationen von schlichten Fehlleistungen so eindeutig nicht sind
und dass es oft einfachere Erklärungen gibt. Aber die PA war in ihrer klassischen Form jedenfalls
endgültig geschaffen, als Freud neben der freien Assoziation und Traumdeutung auch die Deutung
der Fehlleistungen als Weg ins Unbewusste ansah. Die weiteren Veröffentlichungen Freuds betrafen
kaum noch die Praxis der PA; sie waren vor allem theoretischen Inhalts.

Die Entwicklung der Libido

1905 erschienen die "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie". Darin behauptet Freud u.a., Sexualität
und Grausamkeit gehörten bei Männern innigst zusammen. Zur normalen Sexualität des Mannes
gehöre eine Portion Aggression, deren biologischer Sinn darin liege, den Widerstand des
Sexualobjektes, sprich: der Frau, auch anders als durch Werbung zu überwinden... Kann diese
Aussage nicht zu einer Rechtfertigung sexueller Gewalt missbraucht werden?

Andere, viel harmlosere Sätze brachten Freud sofort Feindschaft ein, vor allem die Aussage, Kinder
seien polymorph pervers. Alle Kinder in vielfacher Hinsicht pervers! Das Wort "pervers" ist stark
abwertend; es soll auf eine Dauerstörung des Sexuallebens hinweisen. Das macht bei Kleinkindern
wenig Sinn. Die drei Abhandlungen zur Sexualtheorie enthalten auch die Anfänge von Freuds
Phasenlehre über die Entwicklung des Menschen, die er vorwiegend als Libidoentwicklung begriff
(Libido = sexuelle Energie). Er unterteilte sie in fünf Phasen: Am Anfang steht die orale Phase mit
dem Mund bzw. der Mundschleimhaut als erogener Zone. Erogene Zonen sind Körperregionen,
deren Stimulierung sexuelle Gefühle auslösen kann. Das Kind erfährt im ersten Jahr also Lust vor
allem im Mundraum - durch Saugen, Lutschen und Beißen. Es folgt im 2./3. Jahr die anale Phase.
Zur dominanten erogenen Zone wird nun die Darmschleimhaut. Freud sah sowohl das Abgeben als
auch das Zurückhalten der Ausscheidungen als lustvoll an. Außerdem kann ein Kind durch Einkoten
und Einnässen am falschen Ort oder zum falschen Zeitpunkt seine Eltern beträchtlich ärgern.
Deshalb sprach er manchmal auch von der anal-sadistischen Phase.

Die dritte Phase (die frühe genitale oder phallische oder ödipale Phase) fehlt in dem Buch von 1905
erstaunlicherweise; sie wurde aber schon 1900 in der Traumdeutung genügend deutlich
beschrieben: Oben wurde daher im Zusammenhang mit der Ödipustheorie das Wichtigste über sie
vorweggenommen. Bleibt noch zu ergänzen: Die ödipale Phase wird beim Jungen, der mit der
Mutter schlafen will, im Normalfall durch den so genannten Kastrationskomplex beendet. Das heißt:
Wegen seiner sexuellen Wünsche droht man ihm mit Strafen; der Junge befürchtet, man werde
ihm den Penis wegnehmen. Die entsprechende Angst erlebt jeder Junge, meinte Freud, und nannte
sie Kastrationsangst. Wenn ein kleiner Junge einmal ein weibliches Genitale sieht, glaubt er den
Drohungen und verdrängt seine Triebwünsche. Er akzeptiert die Verbote und Gebote, die
vorwiegend vom Vater ausgehen; das gilt als die Geburtsstunde des Überich: Der Junge, der des
Vaters Verbote und Gebote akzeptiert, identifiziert sich mit dem Vater; die väterlichen Gebote und
Verbote machen dann einen Hauptinhalt seines Überich aus.

Über Mädchen hat Freud viel weniger ausgesagt. Er ging davon aus, dass auch sie sexuelle
Wünsche haben und sich in den Vater verlieben. Sie müssen schon früh erkennen, dass sie keinen
Penis besitzen; sie erleben die Klitoris als minderwertig und entwickeln einen Penisneid. Weil sie
von Anfang an kastriert sind, erleben sie keine oder viel weniger Kastrationsangst als die Jungen -
und deshalb wird auch die Überwindung der Angst nicht so dramatisch - und insofern wird ihr
Überich nicht so stark wie bei Jungen. Mit anderen Worten: Frauen haben ein schwächer
ausgebildetes Gewissen. Wie Freud schreibt, haben sie "weniger Rechtsgefühl". Ein Gedanke folgt
hier konsequent aus dem anderen. Verständlich, wenn sich Frauen dagegen auflehnen. Als 4.
Entwicklungsphase gibt es nach Freud eine Latenzphase. "Latent" heißt "verborgen." Freud meinte

17
aber eher, es gebe im Bereich der Sexualität in dieser Phase fast keine Entwicklung. Ihre Zeit
entspricht grob dem Grundschulalter.

Als letzte Phase nannte Freud die Pubertät oder späte genitale Phase. Nun fordern die Sexualtriebe
wieder stärkere Beachtung. Für das Erwachsenenalter hat Freud seine Lehre nicht weiter
ausdifferenziert.

Durchsetzung der Psychoanalyse

1902 tat Freud einen wichtigen Schritt zur dauerhaften Ausbreitung seiner Lehre: Er gründete
zunächst eine Gruppe in Wien, die sog. Mittwoch(s)-Gesellschaft. Ihre Mitglieder trafen sich zu
regelmäßigen Diskussionen; fast alle waren Juden, weshalb Freud befürchtete, man werde die PA
als jüdische Marotte abtun. Später wurde eine internationale Vereinigung gegründet, die
internationale Kongresse abhielt, und schließlich wurde noch ein Geheimes Komitee gebildet. Freud
war Alleinherrscher in diesen Gruppen; er duldete keine Abweichung von den Hauptinhalten seiner
Lehre.

Trotz ihrer Mängel setzte sich die PA in den letzten Jahren vor dem 1. Weltkrieg international
durch; das wurde u.a. dadurch bewirkt, dass Freud zusammen mit C.G. Jung 1909 in die USA
reiste - und fünf vielbeachtete Vorlesungen über die PA hielt, wobei die erste fast ausschließlich
von Breuers Verdiensten im Fall Anna O. handelte .

Wegen Freuds rigider Ablehnung alternativer Theorieansätze gab es Abspaltungen, z.B. die
Individualpsychologie von A. Adler und die Analytische Psychologie von C. G. Jung. Mit beiden war
Freud einige Jahre befreundet; von beiden trennte er sich aber in heftigem Streit, als sie von seiner
Lehre abwichen. Adler hielt einen Machttrieb für bedeutsamer als die Sexualität; 1911 kam es zum
Bruch. Jung wagte es sogar, den Ödipuskomplex als einen Irrtum einzustufen. Da wurde er 1913
verstoßen, nachdem Freud einige Jahre hindurch gehofft hatte, Jung - sein erster bedeutender An-
hänger, der nicht Jude war - könnte sein Nach-folger werden.

Die Psychoanalyse als Instrument für fast alles

Freud wandte psychoanalytische Gedanken nicht nur in der Therapie oder im Alltag bei
Fehlleistungen an. Die PA wurde zu einem Interpretationsinstrument für (fast) alles, für Kunst und
Literatur, alte Mythen und Biographien. Man kann viele einschlägige Aussagen von Freud weder
bestätigen noch widerlegen. In einigen Arbeiten sind ihm aber nachweislich grobe Fehler
unterlaufen: 1910 veröffentlichte er einen Text über Leonardo da Vinci. Von diesem gibt es eine
kurze autobio-graphische Notiz. Darin teilt er uns - in der Übersetzung, die Freud benutzte -
zunächst mit, dass er sich "viel mit dem Geier" befasst habe und dann heißt es: "... als ich noch in
der Wiege lag, ist ein Geier zu mir herabgekommen, (und) hat mir den Mund mit seinem Schwanz
geöffnet... " Freud hat über diese Kindheitserinnerung Leonardos ein ganzes Büchlein geschrieben.
Es enthält u.a. einen Ansatz zu einer Theorie der Homosexualität. Freud meinte, Leonardo sei
wegen einer überstarken Mutterbindung homosexuell ge-worden, denn eine starke Mutterbindung
verhindere es, dass ein Mann seine Libido von der Mutter weg auf andere Frauen richten kann.
Freud erschloss die Mutterbindung Leonardos aus dessen Text unter Berufung auf einen
altägyptischen Geier-Mythos, in dem der Geier ein Muttersymbol ist. Die wie-derholte Nennung des
Vogels in der kurzen Er-innerung soll eine starke Mutterbindung Leonardos anzeigen. - 1923
bemerkte aber jemand: Der Geier in Leonardos Erinnerung war gar keiner - sondern ein
Übersetzungsfehler: Leonardo beschrieb einen Roten Milan (nibbio), nicht einen Geier. Damit brach
Freuds Konstruktion eigentlich in sich zusammen. Aber wer wird sich so einfach geschla-gen
geben? Ein Anhänger Freuds verteidigte dessen Konstruktion mit dem Hinweis, schließlich sei ein
Milan ja auch ein Vogel wie ein Geier. Der Fi-scher-Verlag gab 1990 das Buch erneut heraus - mit
der Anmerkung, Freuds Text zeichne sich durch eine "Vorsicht der Deutung" aus...

Freuds berühmtester Fall

Gegen Kriegsende (1918) erschien Freuds letzte und berühmteste Fallstudie "Aus der Geschichte
einer infantilen Neurose". Sie handelt vom sog. Wolfsmann. Wir wissen inzwischen, wer der
Wolfsmann war: Dr. Sergej Pankejeff, 1887 in Russland als Sohn adliger, extrem reicher Eltern
geboren. Er starb 1979 verarmt in Wien. Mit 23 Jahren (1910) wurde er für vier Jahre Patient von
Freud. In seinem Leiden spielte eine Geschlechtskrankheit eine Rolle, und ein Hauptsymptom war
eine hartnäckige Verstopfung. Aus bestimmten theoretischen Gründen hat Freud vor allem über

18
Störungen in der Kindheit des Patienten berichtet. Da spielte ein Alptraum eine Schlüsselrolle: Der
kleine Junge sah auf einem Baum weiße Wölfe sitzen - deshalb Wolfsmann. Sie saßen sehr still und
starrten ihn an. Damit war Freud klar, um was es in diesem Traum zunächst einmal ging: natürlich
um - einen Koitus. Denn die Wölfe saßen so betont still, dass Freud wieder einmal an die
"Darstellung durch das Gegenteil" dachte. Sie waren eigentlich in lebhafter Bewegung. Und
lebhafte Bewegungen im Traum verweisen auf Koitusbewegungen. Freud behauptete auch, der
Junge sei bei diesem Traum etwa 1½ Jahre alt gewesen und habe kurz zuvor die sog. Urszene
erlebt. D.h. der Junge hatte seine Eltern beim Geschlechtsverkehr beobachtet, und das war für ihn
traumatisch. Denn er sah in der Urszene seine Mutter nackt; und dass sie keinen Penis hatte, war
ihm Beweis für ihre Kastration, mit der auch ihm schon gedroht worden war.

Wir können hier nicht ins Detail gehen. Freud entließ den Patienten nach seiner Schätzung als
"geheilt". Doch fünf Jahre später sah er ihn wieder und hielt eine weitere, allerdings kurze Analyse
für geboten. Danach habe sich der Patient "normal gefühlt und tadellos benommen", schrieb Freud.
Mehr erfahren wir in dem Buch "Der Wolfsmann vom Wolfsmann", das die Psychoanalytikerin
Gardiner 1971 herausgab. Wer es aufmerksam liest, kann feststellen, dass der Wolfsmann
insgesamt wohl siebenmal analysiert worden ist: zweimal von Freud, dann zweimal von Ruth Mack
Brunswick, die nach ihrer 1. Analyse urteilte: "Die therapeutischen Ergebnisse waren ausgezeichnet
und hielten ...an..." Einige Jahre später behandelte sie ihn erneut - immer noch v.a. wegen der
Verstopfung. Schließlich erfuhr der Wolfsmann auch nach dem 2. Weltkrieg weitere Analysen. Er
war inzwischen eine Kultfigur geworden. Man reiste nach Wien, um ihn zu treffen, und man steckte
ihm Geld zu, weil es ihm finanziell schlecht ging. Gardiner schreibt zusammenfassend, dem
Wolfsmann sei es durch die Therapien ermöglicht worden, ein "langes und erträglich gesundes
Leben zu führen." Kann man das glauben? Schlagen wir das Buch "Gespräche mit dem Wolfsmann"
auf, das Karin Obholzer 1980 veröffentlicht hat. Ihr gelang es, die Anonymität des Wolfsmanns
aufzuheben. Sie lernte ihn 1973 kennen, als er 86 Jahre alt war, und sie traf sich oft mit ihm bis zu
seinem Tod 1979. Die Psychoanalytiker wollten die Gespräche verhindern, vergeblich. Der
Wolfsmann hatte im hohen Alter immer noch die gleichen Probleme wie in seinen jungen Jahren:
Schwierigkeiten mit Frauen und mit Geld - und die Darmstörungen. Er erzählte, die ersten
Analysen bei Freud hätten ihn aus seiner Einsamkeit befreit. Aber Freuds Trauminterpretationen
seien an den Haaren herbeigezogen. Sarkastisch stellte er fest, "die Mack" habe ihn tatsächlich
geheilt, weil sie ihm eine Diagnose stellte (Paranoia), die ihn so kränkte, dass er sich erfolgreich
dagegen auflehnte. Freuds berühmtester Fall - ein Ruhmesblatt für die PA oder ein weiterer
Reinfall?

Eros und Todestrieb

1920 änderte Freud seine Lehre in einer bedeutsamen Hinsicht: Er stellte in "Jenseits des
Lustprinzips" eine neue Trieblehre vor. Bislang dominierten Sexualtriebe in seinem Theoretisieren,
manchmal nannte er sie Lebenstriebe oder Eros. Seit 1920 gibt es Freuds endgültige Trieblehre mit
den beiden großen Triebsystemen Lebenstrieb (Eros) und Todestrieb. Während Freud bis dahin
Frustrationen als die Ursache von Aggressionen angesehen hatte, führte er nun aggressives,
destruktives Handeln auf einen Teil des umfassenden Todestriebs zurück, der alles Lebende in
einen leblosen Ur-Zustand zurückführen will. Trotzdem müssen Organismen im allgemeinen aber
nicht früh sterben, weil sein Gegenspieler, der Eros, dies verhindert. Die beiden Triebe arbeiten
jedoch keineswegs ständig gegeneinander; sie arbeiten oft zusammen; an vielen Handlungen
sollen beide Triebe beteiligt sein. Freud sprach von einer Legierung der Triebe, ohne dass klar wird,
wie sie zustande kommt. Vielleicht hat er deshalb später seine Trieblehre einmal als seine
Mythologie bezeichnet; vielleicht haben einige dicht aufeinanderfolgende kritische Ereignisse in
Freuds Leben die Lehre vom Todestrieb begünstigt: der verlorene 1. Weltkrieg, der am Ende auch
in Freuds Haus Armut brachte; danach gab es Todesfälle in seiner Familie und im Freundeskreis;
und 1923 wurde bei Freud ein Karzinom im Mundraum diagnostiziert, das auf sein starkes
Zigarrenrauchen zurückgeführt wurde. Im Lauf der nächsten Jahre wurde Freud oft wegen dieses
Karzinoms operiert. Er wurde in dieser Zeit recht depressiv. Mag sein, dass Freud deshalb so
ernsthaft seine Lehre vom Todestrieb vertreten hat.

Freuds Persönlichkeitstheorie

Etwa parallel zur neuen Trieblehre konstruierte Freud auch seine letzte Persönlichkeitstheorie. Sie
wurde oben kurz vorweggenommen: die Lehre vom Es, Ich und Überich, die zusammen die
Struktur der Psyche bilden. Die untere Schicht ist das Es mit den Trieben und dem Verdrängten.
Diese Instanz ist unlogisch und unbelehrbar; das Es möchte Triebwünsche sofort befriedigt haben,
ohne Rücksicht auf die Situation; daher sagt man, im Es herrsche das Lustprinzip. Das Überich

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verlangt die Beachtung vieler Gebote und Verbote. Zwischen Es und Überich steht das Ich, das
unser Handeln steuern soll. Dem Ich fällt die schwere Aufgabe zu, zwischen der komplizierten
Realität, dem Es mit seinen Triebansprüchen und dem Überich mit seinen Forderungen eine
Balance herzustellen. In der Therapie geht es darum, das Ich zu stärken.

Das Es ist weitgehend, aber nicht vollständig mit dem Unbewussten identisch, denn es gibt auch
bedeutende unbewusste Anteile im Ich, die sog. Abwehrmechanismen (AM), die unsere
Aufmerksamkeit verdienen. Es sind Angst-Abwehrmechanismen: Das Ich reagiert auf viele
Triebwünsche aus dem Es mit Angst - und die AM sollen diese Ängste reduzieren oder eben
abwehren. Die schon mehrfach genannte Verdrängung ist ein AM. Das Ich drängt - unbewusst -
eine verbotene Triebregung, die uns Angst macht, ins Es zurück. Aber alle Verdrängungen gelingen
nur unvollständig. Die Triebregungen bleiben im Unbewussten aktiv, und das führt im schlimmsten
Fall zu einer psychischen Störung, die zugleich aber auch als Ersatzbefriedigung des ursprünglichen
Triebwunsches interpretiert werden kann. Das mutet zunächst wieder kompliziert an. Aber stellen
wir uns einen Jungen vor, der masturbieren möchte, was ihm streng verboten wurde. Das Überich
signalisiert daher, dass bei Masturbation Strafe droht. Im Ich entsteht nun Angst - und es
verdrängt den Triebwunsch. Weil das nicht vollkommen gelingt, arbeitet der Triebwunsch weiter. Er
dringt eventuell wieder ins Bewusstsein ein, wenn auch nur verzerrt oder entstellt. Der Junge
entwickelt vielleicht einen Zwang , seinen Penis oft zu waschen. Damit ist einerseits der
ursprüngliche Triebwunsch, das Masturbieren, verhindert, aber immerhin ist eine
Ersatzbefriedigung gewonnen, denn auch beim Waschen kann er - wie beim Masturbieren - seinen
Penis intensiv berühren ... Allen drei Instanzen der Psyche ist damit Genüge getan: Dem Es genügt
der sexuelle Anteil der Peniswaschung, dem Überich genügt die Vermeidung der Masturbation, und
dem Ich ist eine partielle Verdrängung gelungen.

Neben der Verdrängung soll es noch etliche andere AM geben, z.B. Projektion, Regression,
Rationalisierung, Reaktionsbildung... Sie sind umstritten. Nehmen wir die Reaktionsbildung: Wo
man stark betonte Liebesäußerungen antrifft, soll evtl. im Unbewussten Hass vorherrschen.
Besorgte Wohltäter und Eltern lehnen eigentlich ab, was sie stark zu lieben scheinen. Vorsicht ist
geboten: Es besteht die Gefahr, dass man alles Positive in den Schmutz zieht, indem man es
scheinbar entlarvt. Albert Schweitzer, der sich als Arzt im tropischen Afrika für die Schwarzen
einsetzte, obgleich er z.B. als begnadeter Orgelspieler in Europa ein ruhiges Leben hätte führen
können, war dann eigentlich einer, der Menschen hasste, aber aus dem daraus entstehenden
Schuldgefühl in den Urwald ging und kranke Eingeborene behandelte...

Stellen wir als AM auch noch kurz die Sublimierung (= Veredelung) vor. Es wird angenommen,
dass die Libido gleichsam entsexualisiert werden kann und dann für kulturell erwünschte
Tätigkeiten zur Verfügung steht. Z.B. soll aus einer voyeuristischen Neigung, das Sexualverhalten
anderer zu beobachten, durch Sublimierung ein Interesse an der Betrachtung von Kunst oder gar
eine meisterliche Kunstkritik entstehen können. Die Sublimierung fördert - so heißt es - unsere
Kulturleistungen. Über Sublimierungen kann man auf diese Art locker plaudern, und alles klingt
irgendwie plausibel. Aber gibt es Belege, wenigstens überzeugende Beispiele? Man könnte an
Michelangelo denken, der Gewaltiges als Bildhauer, Maler und Architekt geleistet hat. Er hat nicht
geheiratet, war vermutlich homosexuell orientiert, aber ohne Affären. Bei ihm scheint die Annahme
einer Sublimierung verständlich. Das Denkschema versagt jedoch z.B. bei Picasso und bei der
überwältigenden Mehrzahl der Künstler: Sie haben sexuelle Bedürfnisse offensichtlich ausgelebt
und dennoch anerkannte Kunstwerke geschaffen.

Freuds letzte Jahre

Trotz seiner schweren Erkrankung verlor Freud seinen Humor und seine intellektuelle Streitlust
nicht. Immer wieder griff Freud in seinen Veröffentlichungen die Religionen an (1927 "Die Zukunft
einer Illusion"; 1930 "Das Unbehagen in der Kultur"). Religiöser Glaube sei Wunschdenken, das
den Menschen in kindlicher Abhängigkeit belässt. Freud machte sich mit Heinrich Heines Worten
lustig über das "Eiapopeia vom Himmel". Für ihn gab es stattdessen die Wissenschaft; damit
meinte er vor allem die PA. 1930 erhielt Freud wegen der sprachlichen Qualitäten seiner Arbeiten
den Goethepreis der Stadt Frankfurt. Eine ganz andere Ehrung widerfuhr ihm 1932. Albert Einstein
war als der berühmteste Forscher seiner Zeit von einer Institution des Völkerbunds aufgefordert
worden, einen Briefwechsel über den Frieden anzuregen. Einstein wählte Freud als
Ansprechpartner. Die beiden kannten sich flüchtig. Freud hatte nach einem früheren Treffen
notiert: "Einstein ist heiter, sicher und liebenswürdig, versteht von Psychologie so viel wie ich von
Physik, und so haben wir uns sehr gut gesprochen". Einstein schätzte Freuds sprachliche Talente,
kaum aber seine Lehre und wollte "gern im Dunkel des Nicht-Analysiertseins" verweilen. Die

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Gedanken der beiden wurden 1933 unter dem Titel "Warum Krieg?" veröffentlicht. Einstein fragte
Freud nach einem Weg, die Menschheit vom Krieg zu befreien. Er meinte, die Politiker allein
schaffen das nicht, vielleicht brauche man eine starke internationale Organisation. Freud fand
diesen Gedanken Einsteins durchaus gut. Aber Aggressionen könne man nicht abschaffen. Freud
sah den Krieg als "naturgemäß, biologisch wohlbegründet, praktisch kaum vermeidbar" an. Das ist
eine pessimistische Antwort auf die - in Freuds Worten - Schicksalsfrage der Menschheit, wie wir
der Aggressivität Herr werden können; diese Antwort erleichtert die Arbeit für den Frieden nicht.
Gegen Ende des Textes schrieb Freud: "Alles was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch
gegen den Krieg." Ein schöner Satz, aber unhaltbar. Denn z.B. die Erfindung des Rades hat wohl
die Kultur vorangetrieben, aber auch den Bau von Streitwagen und später von Panzern und
Bombern ermöglicht...

Als der Briefwechsel zwischen Einstein und Freud erschien, kam gerade Hitler an die Macht. Freud
verkannte ihn lange. Noch 1937 verlangte Freud, man solle statt des Nationalsozialismus lieber den
wahren Feind bekämpfen: die katholische Kirche. Das letzte Buch Freuds, das zu seinen Lebzeiten
erschien, war 1937 "Der Mann Moses und die monotheistische Religion". Freud sah Moses, der den
Juden als ein Stifter ihrer Religion und als Befreier der Israeliten aus ägyptischer Knechtschaft gilt,
als einen Ägypter an, der sich von seiner Religion abwandte und Anhänger um sich sammelte, die
er aus Ägypten herausführte. Man bedrängte Freud, den Text nicht zu veröffentlichen, vergeblich.
Seine Aussagen überzeugten jedoch nicht; sie blieben relativ wirkungslos.

Im März 1938 wurde Österreich ein Teil des Deutschen Reichs, in dem die Verfolgung der Juden
weit fortgeschritten war. Freuds Leben war gefährdet. Dank vieler Helfer konnte er im Juni 1938
nach London emigrieren. Er arbeitete dort zunächst wie gehabt weiter. Doch das Karzinom machte
sich bald wieder hartnäckig bemerkbar, und die Schmerzen besiegten ihn schließlich. Er wollte
sterben. Am 23.9.39 - kurz nach Beginn des 2.Weltkriegs - gab man ihm auf seinen Wunsch hin
wiederholt Morphium; er erwachte aus dem eintretenden Koma nicht mehr.

Fazit

Was hat Freud auf Dauer bewirkt? Er hat sicher die klinische Psychologie angeregt; das ist nicht
wenig. Er hat wichtige Fragen gestellt, die in der Diskussion geblieben sind: Fragen nach der
Entwicklung des Menschen, nach der Bedeutung der Sexualität, der Aggressivität, der Angst. Die
Antworten, die er selbst gegeben hat, sind nicht befriedigend. Wer sich mit Freud beschäftigt, gerät
in ein Wechselbad der Bewertungen; er war ein Mensch voller Widersprüche. Freud ist nicht der
große einsame Aufklärer gewesen, als den ihn seine Anhänger gern darstellen; er war weder der
erste noch der einzige, der bestimmte Themen wie etwa die kindliche Sexualität oder das
Unbewusste bearbeitet hat. Diese Aussagen halten sich aber hartnäckig. In der Praxis ist die
Freudkritik hingegen relativ erfolgreich: Die Therapie, die er entwickelt hat, wird zwar von den
Krankenkassen anerkannt, ist aber nicht sonderlich hilfreich und von der Konkurrenz, wie z.B. der
Verhaltenstherapie und der Gesprächstherapie eingeholt und überholt worden.

21
Sigmund Freuds Traumtheorie

ln allgemeiner Übereinstimmung wird behauptet,


dass die Traumdeutung der Grundstein der
psychoanalytischen Arbeit ist, und dass ihre
Ergebnisse den wichtigsten Beitrag der Psychoanalyse
zur Psychologie darstellen.

Sigmund Freud

Wer war Sigmund Freud?

Sigmund Freud wurde am 6. Mai 1856 im mährischen Freiberg (heute: Pribor, etwa 30 km südwestlich
von Ostrava, CSSR geboren. Sein Vater, Jakob Freud, war Stoffhändler; wegen der schlechten
wirtschaftlichen Lage verließ er 1859 Mähren und zog mit seiner Familie über Leipzig nach Wien. Mit
neun Jahren tritt Freud ins Leopoldstädter Kommunalreal- und Obergymnasium ein, und 1873 besteht
er das Abschlussexamen mit Auszeichnung. Unter dem Einfluss von Goethes Schrift "Die Natur"
beschließt er, Medizin zu studieren. Fast acht Jahre bleibt Freud an der Wiener Universität und
beschäftigt sich dort vorwiegend mit Physiologie, Gehirnanatomie und Neurologie. Während dieser
Zeit erschienen mehrere seiner Arbeiten über die Anatomie des Rückenmarks. Ab 1882 praktiziert
Freud als Arzt am Wiener Allgemeinen Krankenhaus, und 1885 wird er Privatdozent für
Neuropathologie. Ein Jahr später eröffnet er seine eigene Praxis. Zu dieser Zeit galt Freud durch über
zwanzig Veröffentlichungen schon als bekannter Neurologe. Für die Psychiatrie interessierte er sich
kaum. In den nächsten Jahren folgten noch bedeutende Arbeiten

Sigmund Freud

über Aphasie (Störungen des Sprechvermögens und des Sprachverständnisses) und Kinderlähmung.
Allein diese Arbeiten hätten ausgereicht, um nach den Worten des Schweizer Neurologen Rudolf Brun
"Freuds Namen in der klinischen Neurologie einen bleibenden Platz zu sichern (Brun 1936, S. 205).

Das Interesse Freuds an Psychologie und Psychiatrie entwickelte sich in der zweiten Hälfte der
achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit war Freud mehrfach in Frankreich, um die
Hypnose kennenzulernen. Im Jahre 1887 begann er selbst seine Patienten mit Hypnose zu
behandeln. Später gab er dieses Verfahren auf – warum, werden wir noch sehen -, griff zu anderen
Methoden und gelangte zur Traumbearbeitung bei der Krankenbehandlung.

22
Im November 1899 erschien dann Freuds erstes großes psychoanalytisches Werk "Die
Traumdeutung" (vordatiert auf das Jahr 1900).

Titelblatt der "Traumdeutung"

In den letzten 39 Jahren seines Lebens veröffentlichte Freud dann noch 231 Arbeiten. Die meisten
von ihnen waren der psychoanalytischen Theorie und Krankenbehandlung gewidmet, ein großer Teil
aber auch der Anwendung der Psychoanalyse auf Kultur und Gesellschaft. Mit diesem Schritt von der
Individual- zur Massenpsychologie vollzog Freud auch den Übergang von der Naturwissenschaft ZU
einer ahistorisch-idealistischen Weltanschauung. Trotz der Fragwürdigkeit von Freuds Gesellschafts-,
Kultur- und Religionskritik sei hier kurz auf zwei Veröffentlichungen aus diesem Bereich eingegangen:
In dem im Jahre 1933 in Paris publizierten Briefwechsel zwischen ihm und Einstein diskutiert Freud
Möglichkeiten der Kriegsverhütung und warnt, dass ein kommender Krieg möglicherweise die
Menschheit vernichten wird. Freud beendet seinen Brief dann mit dem Satz: "Alles, was die
Kulturentwicklung fördert, arbeitet gegen den Krieg" (Freud , Studienausgabe, Bd. IX, S. 286). Kritisch
war auch Freuds Einstellung zur kapitalistischen Gesellschaft, in der er lebte; schon 1927 schrieb er in
seinem Buch "Die Zukunft einer Illusion" : "Es braucht nicht gesagt werden, dass eine Kultur, welche
eine so große Zahl von Teilnehmern unbefriedigt lässt und zur Auflehnung treibt, weder Aussicht hat,
sich dauernd zu erhalten, noch es verdient" (Freud, Studienausgabe, Bd. IX, S. 146). Freud selbst
wurde dann Opfer des Nationalsozialismus, der grausamsten Form jener Gesellschaftsordnung, die er
kritisiert hatte: 1933 verbrannten die Nazis seine Bücher, und 1935, zwei Monate nach der Besetzung
Wiens durch die Faschisten, musste Freud nach London emigrieren. Dort starb er 23 Tage nach
Beginn des zweiten Weltkriegs. (Über Werk und Wirkung S. Freuds vgl. auch das instruktive Nachwort
von A. Thom in Freud 1954.)

23
Was ist Psychoanalyse, und welche Rolle spielt der Traum in ihr?

Freud selbst hat im Jahre 1923 folgende drei Bedeutungen von "Psychoanalyse" unterschieden
(Freud 1923):

1. ein Verfahren zur Untersuchung seelischer Vorgänge, welche sonst kaum


zugänglich sind,
2. eine Behandlungsmethode neurotischer Störungen, die sich auf diese
Untersuchung gründet,
3. ein Lehrgebäude mit einer Reihe von psychologischen Einsichten, die allmählich zu
einer neuen wissenschaftlichen Disziplin zusammenwachsen.
Diese drei Aspekte der Psychoanalyse sind selbstverständlich eng miteinander verflochten. Zum
Zwecke der Darstellung der Freudschen Traumtheorie beschränken wir uns hier jedoch auf den
zweiten Aspekt, auf die Behandlung neurotischer Störungen.

Neurosen sind körperliche oder psychischer Erkrankungen, deren Ursache in der erlebnisbedingten
Störung der Person-Umwelt-Beziehung liegt. Um die Neurose zu behandeln, muss man das Erlebnis
bzw. die Erlebnisse kennen, die zur Störung der Person- Umweltbeziehung geführt haben. Freud
benutzte dazu die Hypnose: Mit ihrer Hilfe gelang es ihm, das vom Kranken Vergessene wieder in
Erinnerung zu bringen. Danach konnte dann der krankheitsauslösende Konflikt bzw. das Erlebnis mit
dem Patienten besprochen werden. Freud gab jedoch die Hypnose bald auf, da es ihm erstens nicht
gelang, alle Kranken zu hypnotisieren, und zweitens die Behandlungserfolge nur von kurzer Dauer
waren. Freud ersetzte die Hypnose durch die Methode der freien Assoziation, d. h., er verlangte von
seinen Patienten, auf alles bewusste Nachdenken zu verzichten und nur ihre spontanen Einfälle
mitzuteilen, auch wenn sie scheinbar unsinnig, unwichtig oder anstößig waren. Die Erwartung, die
Freud an diese neue Methode knüpfte, war, dass sich die freie Assoziation in Wirklichkeit als streng
determiniert erweisen werde, und zwar in dem Sinne, dass nach Unterdrückung der bewussten
Denkinhalte das unbewusste Material zum Vorschein käme. Dieses unbewusste Material sollte Freud
auf die Spur des vom Kranken Vergessenen und damit zur Ursache s einer Neurose führen.

Sigmund Freuds Couch. Auf ihr lagen seine Patienten während der Analyse

Freud erkannte aber recht bald, dass der Patient der Aufdeckung des Vergessenen einen nicht
unbeträchtlichen Widerstand entgegensetzte. Daraufhin nahm er nun an, dass dieselben Kräfte beim
Patienten auch schon früher gewirkt und zur Verdrängung eines psychischen Konflikts geführt hatten.
Auf Grund eben dieser Verdrängung ins Unbewusste wird dieser Konflikt zur Krankheitsursache, d. h.,
er verschafft sich nunmehr Ausdruck als neurotisches Symptom.

Im weiteren Verlauf seiner psychotherapeutischen Praxis gelangte Freud dann Zu der Auffassung,
dass der Traum nicht anders gebaut ist als ein neurotisches Symptom. Er glaubte aber, dass im
Traum die verdrängte Regung sich deutlicher Ausdruck im Wachleben. Genau aus diesem Grunde
hielt Freud das Studium des Traums für den besten Zugang für die Erkenntnis des verdrängten

24
Unbewussten und damit zur Behandlung von Neurosen (vgl. dazu s. 115f.). Wie stellte sich Freud nun
den Mechanismus der Traumentstehung vor, worin sah er das Wesen und die Funktion des Traums?

Zunächst ging Freud im Gegensatz zur Medizin und Psychologie seiner Zeit davon aus, dass jeder
Traum einen Sinn hat. Die Fremdartigkeit, die häufig unseren Träumen anhaftet, ist Folge von
Entstellungen, die an seinem ursprünglichen Sinn vorgenommen worden sind. Freud erarbeitet nun
eine Technik` mit deren Hilfe wir vom Traum, wie wir ihn nach dem Erwachen erinnern – von Freud
"manifester Trauminhalt" genannt – zu seinem versteckten Sinn, den "latenten Traumgedanken"
gelangen können. Die latenten Traumgedanken sind in der Regel unbewusste Wünsche, die aus
diesem oder jenem Grunde von der "Traumzensur" nicht zum Bewusstsein zugelassen werden. Die
einzige Möglichkeit, diese Traumzensur zu passieren, ist die Entstellung der latenten Traumgedanken.
Diese Entstellung besorgt die "Traumarbeit". Sie verdichtet mehrere Vorstellungen zu einer einzigen
oder verschiebt die Betonung von einem Moment auf das andere. Die Traumarbeit kann auch zu
Symbolen greifen. Doch dazu weiter unten.

Die Abbildung soll Freuds Traumauffassung etwas veranschaulichen. Sie bedarf aber einiger
Erläuterungen:

Schematische Darstellung von Freuds Traumauffassung

- 42 -

Erstens. Freud interessiert sich nicht für den Traum, wie wir ihn träumen, d. h. für den "realen Traum",
sondern nur für den Traum, wie wir ihn nach dem Erwachen erinnern. Viele Kritiken seiner
Traumtheorie gründen sich auf die Ignorierung dieser Tatsache. Es wird oft die Frage gestellt, ob die
Erinnerung mit dem tatsächlich geträumten Traum übereinstimmt. Freud hat dieses Problem aus dem
Weg geräumt, indem er den realen Traum überhaupt nicht berücksichtigt und sich nur für die
Umsetzung der latenten Traumgedanken in die Traumerinnerung interessiert.

Zweitens. Sowohl manifester Trauminhalt als auch realer Traum sind keine unbewussten Phänomene.
Nach Freud , sind lediglich die latenten Traumgedanken und die Traumarbeit unbewusste Prozesse.

Drittens. Die Technik, die uns vom manifesten Trauminhalt zu dem versteckten Sinn des Traums, zu
den latenten Traumgedanken, führt, nannte Freud "Traumdeutung". Die Traumdeutung ist ein der
Traumarbeit genau entgegengesetzter Prozeß. Kennt man also die Mechanismen der Traumarbeit, so
ist jeder Traum deutbar. Aber gerade diese von Freud behaupteten Mechanismen sind Stark kritisiert
worden, weil sie willkürlicher Auslegung Tür und Tor öffnen.

Wie sieht nun die Umsetzung von Freuds Traumtheorie in die Praxis aus?

25
Der Grundgedanke Freuds ist folgender: Hinter dem Traum, wie wir ihn nach dem Erwachen erinnern,
d. h. hinter dem manifesten Trauminhalt, stehen die latenten Traumgedanken. Nach Freud bestehen
diese vorwiegend aus unbewussten Wünschen.

Die Deutung des Traums muss den Vorgang der Traumarbeit rückgängig machen, d. h.
Verdichtungen auflösen und Verschiebungen wieder zurechtrücken. Wenn ihr das gelingt, so kann sie
die hinter dem manifesten Trauminhalt stehenden Vorstellungsinhalte erraten. Für Verdichtung und
Verschiebung, die beiden wichtigsten Formen der Traumarbeit, finden sich bei Freud zahlreiche
Beispiele. So werden in einer "Sammel-" oder "Mischperson" die Züge zweier oder mehrerer
Personen zu einem Traumbild verdichtet, scheinbar sinnlose Wortschöpfungen erweisen sich als
Konglomerat mehrerer einzelner Worte u.ä. Bei der Verschiebung liegen die Dinge etwas
Komplizierter und weniger offensichtlich. Im Mittelpunkt des manifesten Trauminhalts stehen andere
Dinge als im Mittelpunkt der latenten Traumgedanken, ja manchmal erscheint der wesentliche Inhalt
der Traumgedanken überhaupt nicht im manifesten Inhalt. Freud, der enge Beziehungen zwischen
Traum und Witz

sah, hat die Verschiebung u. a. an folgendem Witz deutlich gemacht (Freud, Studienausgabe, Bd. IV,
S. 49) Zwei Juden treffen in der Nähe des Badehauses zusammen: "Hast du genommen ein Bad?"
fragt der eine. Wieso?" fragt der andere dagegen. "Fehlt eins?" Die Technik dieses Witzes liegt in der
Verschiebung des Akzents von "baden" auf "nehmen". Hätte die Frage gelautet: "Hast du gebadet?",
wäre diese Verschiebung nicht möglich gewesen. Im Traum passieren ganz ähnliche Dinge, nur dass
sie uns selten witzig erscheinen und wir – solange wir träumen - keinen Anstoß an der Verschiebung
nehmen.

Freud hat seine Theorie ausführlich an Hand Eines eigenen Traums erläutert. Es handelt sich um den
"Traum von Irmas Injektion" (Freud, Studienausgabe, Bd. II, S. 126ff.). Seine Darstellung und Deutung
nimmt bei Freud 14 Seiten ein. Wir wollen trotzdem versuchen, das wesentliche hier wiederzugeben :

1. Freuds Vorbericht

"Im Sommer 7 1895 hatte ich eine junge Dame psychoanalytisch behandelt, die mir und den Meinigen
freundschaftlich sehr nahe stand. Man versteht es, dass solche Vermengung der Beziehungen zur
Quelle mannigfacher Erregungen für den Arzt werden kann, zumal für den Psychotherapeuten. Das
persönliche Interesse des Arztes ist größer, seine Autorität geringer. Ein Misserfolg droht die alte
Freundschaft mit den Angehörigen des Kranken zu lockern. Die Kur endete mit einem teilweisen
Erfolg, die Patientin verlor ihre hysterische Angst, aber nicht alle ihre somatischen Symptome. Ich war
damals noch nicht recht sicher in den Kriterien, welche die endgültige Erledigung einer hysterischen
Krankengeschichte bezeichnen, und mutete der Patientin eine Lösung zu, die ihr nicht annehmbar
erschien. In solcher Uneinigkeit brachen wir der Sommerzeit wegen die Behandlung ab. – Eines
Tages besuchte mich ein jüngerer Kollege, einer meiner nächsten Freunde, der die Patientin – Irma –
und ihre Familie in ihrem Landaufenthalt besucht hatte. Ich fragte ihn, wie er sie gefunden habe, und
bekam die Antwort: Es geht ihr besser, aber nicht ganz gut. Ich weiß, dass mich die Worte meines
Freundes Otto oder der Ton, in dem sie gesprochen waren, ärgerten. Ich glaubte einen Vorwurf
herauszuhören, etwa dass ich der Patientin zu viel versprochen hätte, und führte – ob mit Recht oder
Unrecht – die vermeintliche Parteinahme Ottos gegen mich auf den Einfluss von Angehörigen der
Kranken zurück, die, wie ich annahm, meine Behandlung nie gerne gesehen hatten. Übrigens wurde
mir meine peinliche Empfindung nicht klar, ich gab ihr keinen Ausdruck. Am selben Abend schrieb ich
noch die Krankengeschichte Irmas nieder, um sie, wie zu meiner Rechtfertigung, dem Dr. M., einem
gemeinsamen Freunde, der damals tonangebenden Persönlichkeit in unserem Kreise, zu übergeben.
In der auf diesen Abend folgenden Nacht (wohl eher am Morgen) hatte ich den nachstehenden
Traum, der unmittelbar nach dem Erwachen fixiert wurde" (Freud, Studienausgabe, Bd. II, S.126).

2. Der Traum

"Eine große Halle – viele Gäste, die wir empfangen. – Unter ihnen Irma, die ich sofort beiseite nehme,
um gleichsam ihren Brief zu beantworten, ihr Vorwürfe zu machen, dass sie die "Lösung" noch nicht
akzeptiert. Ich sage ihr: Wenn du noch Schmerzen hast, so ist es wirklich nur deine Schuld. – Sie
antwortet: Wenn du wüsstest, was ich für Schmerzen jetzt habe im Hals, Magen und Leib, es schnürt
mich zusammen. – Ich erschrecke und sehe sie an. Sie sieht bleich und gedunsen aus; ich denke, am
Ende übersehe ich doch etwa Organisches. Ich nehme sie zum Fenster und schaue ihr in den Hals.

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Dabei zeigt sie etwas Sträuben wie die Frauen, die ein künstliches Gebiß tragen. Ich denke mir, sie
hat es doch nicht nötig. – Der Mund geht dann auch gut auf, und ich finde rechts einen großen weißen
Fleck, und anderwärts sehe ich an merkwürdigen krausen Gebilden, die offenbar den Nasenmuscheln
nachgebildet sind, ausgedehnte weiße Schorfe. – Ich rufe schnell Dr. M. hinzu, der die Untersuchung
wiederholt und bestätigt ... Dr. M. sieht ganz anders aus als sonst; er ist bleich, hinkt, ist am Kinn
bartlos ... Mein Freund Otto steht jetzt auch neben ihr, und Freund Leopold perkutiert sie über dem
Leibchen und sagt: Sie hat eine Dämpfung links unten, weist auch auf eine infiltrierte Hautpartie an
der linken Schulter hin (was ich trotz des Kleides wie er spüre) ... M. sagt: Kein Zweifel, es ist eine
Infektion, aber es macht nichts; es wird noch Dysenterie hinzukommen und das Gift sich ausscheiden
... Wir wissen auch unmittelbar, woher die Infektion rührt. Freund Otto hat ihr unlängst, als sie sich
unwohl fühlte, eine Injektion gegeben mit einem Propylpräparat, Propylen ... Propionsäure ...
Trimethylamin (dessen Formel ich fettgedruckt vor mir sehe) ... Man macht solche Injektionen nicht so
leichtfertig ... Wahrscheinlich war auch die Spritze nicht rein" (Freud, ebenda).

3. Die Deutung des Traums durch Freud selbst (Freud, ebenda, S.128-140 und 293-297)

Ich mache Irma Vorwürfe, dass sie die Lösung nicht akzeptiert hat: ich sage: Wenn du noch
Schmerzen hast, ist es deine eigene Schuld. "Ich merke ... an dem Satz, den ich im Traum zu Irma
spreche, dass ich vor allem nicht Schuld sein will an den Schmerzen, die sie noch hat. Wenn es Irmas
eigene Schuld ist, dann kann es nicht meine sein. Sollte in dieser Richtung die Absicht des Traums zu
suchen sein?"

Sie sieht bleich und gedunsen aus. "Meine Patientin war immer rosig. Ich vermute, dass sich hier eine
andere Person unterschiebt."

Ich erschrecke im Gedanken, dass ich doch eine organische Affektation übersehen habe. "Wenn die
Schmerzen Irmas organisch begründet sind, so bin ich ... zu deren Heilung nicht verpflichtet. Meine
Kur beseitigt ja nur hysterische Schmerzen. Es kommt mir eigentlich so vor, als sollte ich einen Irrtum
in der Diagnose wünschen; denn wenn der Vorwurf des Misserfolgs such beseitigt."

Man macht solche Injektionen nicht so leichtfertig. "Hier wird der Vorwurf .. unmittelbar gegen Freund
Otto geschleudert."

Wahrscheinlich war die Spritze auch nicht rein. Noch ein Vorwurf gegen Otto –"

Abschließend schreibt Freud dann: "Ich habe eine Absicht gemerkt, welche durch den Traum
verwirklicht wird und die das Motiv des Träumens gewesen sein muss. Der Traum erfüllt einige
Wünsche, welche durch die Ereignisse des letzten Abends (die Nachricht Ottos, die Niederschrift der
Krankengeschichte) in mir rege gemacht worden sind. Das Ergebnis des Traums ist nämlich. dass ich
nicht schuld bin sondern dem noch vorhandenen Leiden Irmas und dass Otto daran schuld ist. Nun
hat mich Otto durch seine Bemerkung über Irmas unvollkommene Heilung geärgert, der Traum rächt
mich an ihm, indem er den Vorwurf auf ihn selbst zurückwendet . . – Der Traum stellt einen gewissen
Sachverhalt so dar, wie ich ihn wünschen möchte; sein Inhalt ist also eine Wunscherfüllung, sein Motiv
ein Wunsch" (Freud, Studienausgabe, Bd.II, S.137, Hervorhebung von Freud).

Wir haben hier viele Details der Deutung weggelassen und uns nur auf das wesentliche beschränkt, .
Jedoch wollen wir noch auf eine der Verdichtungen hinweisen, die Freud in diesem Traum bemerkt
hat. Es handelt sich um die Hauptperson des Traums, die Patientin Irma. Freud schreibt dazu: "Die
Stellung ..., in welcher ich sie beim Fenster untersuche, ist von einer Erinnerung an eine andere
Person hergenommen, von jener Dame, mit der ich meine Patientin vertauschen möchte ... Insofern
Irma einen diphterischen Belag erkennen lässt, bei dem die Sorge um meine älteste Tochter erinnert
wird, gelangt sie zur Darstellung dieses meines Kindes, hinter welchem, durch die Namensgleichheit
mit ihm verknüpft, die Person einer durch Intoxikation [5] verlorenen Patientin sich verbirgt. Im
weiteren Verlauf des Traums wandeIt sich die Bedeutung von Irmas Persönlichkeit (ohne dass ihr im
Traum gesehenes Bild sich änderte) ; sie wird zu einem der Kinder, die wir in der öffentlichen
Ordination des Kinder-Krankeninstituts untersuchen .. Durch das Sträuben beim Mundöffnen wird
dieselbe Irma zur Anspielung auf eine andere, einmal von mir untersuchte Dame, ferner in demselben
Zusammenhang auf meine , eigene Frau. In den krankhaften Veränderungen, die ich, in ihrem Hals
entdecke, habe ich überdies Anspielungen auf eine ganze Reihe von noch anderen Personen
zusammengetragen" (Freud, Studienausgabe, Bd. II. S. 294).

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Freuds These vom Traum als Wunscherfüllung ist viel kritisiert worden. Tatsächlich ist sie ein äußerst
schwacher, Punkt in seiner Theorie und kann nur durch Verwendung recht spekulativer Hypothesen
aufrechterhalten, werden. Als Argument für seine Auffassung verwendet Freud die Träume von
Kindern, in denen tatsächlich häufig Wünsche zum Ausdruck kommen. Kinderträume geben zwar
keine Rätsel zu lösen, sind aber natürlich unschätzbar für den Erweis, dass der Traum seinem
innersten Wesen nach eine Wunscherfüllung bedeutet" (Freud, Studienausgabe, Bd. II, S. 145). Freud
illustriert es mit einem Traum seiner Tochter Anna: "Mein jüngstes Mädchen, damals neunzehn
Monate alt, hatte eines morgens erbrochen und war darum den Tag über nüchtern erhalten worden. In
der Nacht, die diesem Hunger folgte, hörte man sie erregt aus dem Schlaf rufen:

Anna F.eud, Er(d)beer, Hochbeer, Eier(s)peis, Papp. Ihren Namen gebrauchte sie damals, um die
Besitzergreifung auszudrücken; der S Speisezettel umfaßte wohl alles, was ihr als begehrenswerte
Mahlzeit erscheinen musste" (ebenda, 5.148).

Solche "Kinderträume" können natürlich auch Erwachsene haben. Es kann also nicht bestritten
werden, dass es Träume gibt, die eine Wunscherfüllung darstellen. Freuds Behauptung geht aber
weiter: Für ihn sind alle Träume Wunschträume. Dem Argument, es gebe ja auch Angstträume,
begegnet Freud mit der Bemerkung, dass seine Theorie ja nicht auf der Würdigung des manifesten
Trauminhalts, sondern auf dessen Deutung beruhe. und mit Hilfe dieser Deutung gelingt es Freud
tatsächlich , auch aus jedem Angsttraum einen Wunschtraum zu machen. Dabei bleibt natürlich die
Objektivität häufig auf der Strecke.

Die Hauptfunktion des Traums ist nach Freud die des Hüters des Schlafs. Einerseits werden äußere
Reize in den Traum so eingebaut, dass sie nicht zum Erwachen führen. Freud führt als Beispiel u. a.
Napoleon an, der das Geräusch einer explodierenden Höllenmaschine in einen Schlachtentraum
verwebt. Wir alle haben sicher schon Ähnliches mit dem Weckerklingeln erlebt. Der Traum erfüllt seine
Rolle als Hüter des Schlafs, aber nicht nur durch den Einbau äußerer Reize in das Traumgeschehen,
sondern auch durch die Erfüllung unbewusster Wünsche, der latenten Traumgedanken. Würden diese
Wünsche nicht als erfüllt dargestellt, so würden sie, so Freud, einen ständigen Reiz darstellen, der
keinen ruhigen Schlaf zulässt.

Man kann nicht über Freuds Traumtheorie reden, ohne ein paar Bemerkungen über die
Traumsymbolik zu machen. Freud hat an vielen Stellen seiner Werke darauf aufmerksam gemacht,
dass die Traumsymbolik keine Erfindung der Psychoanalyse ist, sondern sich in Märchen, Mythen,
Schwänken, Witzen, in der Folklore und auch in Dichtung und Alltagssprache auffinden lässt. Schon
vor Freud hatte sich besonders Scherner (1861) mit Symbolen in Träumen beschäftigt. Freud knüpfte
daran an, und – unter seinen niedergeschriebenen Traumdeutungen findet sich kaum eine, in der
nicht auf Symbole zurückgegriffen` griffen wird. Besondere Bedeutung innerhalb der Freudschen
Psychoanalyse kommt den Sexualsymbolen zu. – Freud schreibt: "Alle in die Länge reichenden
Objekte, Stöcke, Baumstämme, Schirme .. , alle länglichen und scharfen Waffen: Messer, Dolche,
Piken, wollen das männliche Glied vertreten ... Dosen, Schachteln, Kästen, Schränke, Öfen
entsprechen dem Frauenleib, aber auch Höhlen, Schiffe und alle Arten von Gefäßen" (Freud,
Studienausgabe, Bd. II, S. 348). Für die Stichhaltigkeit der weiblichen Sexualsymbole führt Freud
Redewendungen aus der Alltagssprache an wie: "alte Schachtel". "Frauenzimmer" usw. Der
Geschlechtsakt wird nach Freud durch das Steigen auf Leitern, Treppen, Stiegen, durch Flugträume
und Eisenbahnfahren symbolisiert. Männliche Masturbation werde im Traum durch Zahnausfall
dargestellt. Auch hier weist Freud auf den Volksmund Hin: "sich einen ausreißen" ist eine vulgäre
Umschreibung der Masturbation.

Im Gegensatz zu einer weit verbreiteten Vorstellung kannte Freud aber auch Symbole außerhalb der
Sexualsphäre und hat sich bei der Deutung von Träumen keineswegs nur auf Sexualsymbole
beschränkt. So wurden zu Freuds Zeiten die Eltern des Träumers Häufig durch Kaiser und Kaiserin,
der Träumer selbst durch Prinz oder Prinzessin symbolisiert. Der Vater wird oft von einer
Autoritätsfigur vertreten (Freud nennt Goethe als Beispiel). Der Tod wird nach Freud häufig
symbolisiert durch das Nichterreichen eines Eisenbahnzuges oder auch durch ..Abreise" Interessant
ist auch Freuds Vermutung, dass in, Träumen auftretende für e Städte Symbole für unerreichbare
Ziele sind (Freud, Studienausgabe, Bd. II, S. 206).

Trotz der Ausführlichkeit, mit der Freud an vielen Stellen seiner Werke auf die Traumsymbolik eingeht,
ist es aber keineswegs so, dass Freud der Symboldeutung Vorrang eingeräumt hätte, im Gegenteil: Er

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warnte mehrfach vor ihrem Missbrauch. So schrieb er 1909 in der zweiten Auflage seiner
"Traumdeutung": "möchte ich aber nachdrücklich davor warnen, die Bedeutung der Symbole für die
Traumdeutung zu überschätzen, etwa die Arbeit der Traumübersetzung auf Symbolübersetzung
einzuschränken und die Technik der Verwertung von Einfällen des Träumers aufzugeben ... praktisch
wie theoretisch verbleibt aber der Vorrang dem Verfahren, das den Äußerungen des Träumers die
entscheidende Bedeutung beilegt, während die von uns vorgenommene Symbolübersetzung als
Hilfsmittel hinzutritt" (Freud, Studienausgabe, Bd. II, S. 354). Und 1916 in den "Vorlesungen zur
Einführung in die Psychoanalyse" lesen wir: "Die auf Symbolkenntnis beruhende Deutung ist keine
Technik, welche die assoziative ersetzen oder sich mit ihr messen kann. Sie ist eine Ergänzung zu ihr
und liefert nur in sie eingefügt brauchbare Resultate" (Freud, Studienausgabe, Bd. I, S. 161 ).

In der "Neuen Folge" dieser Vorlesungen ist Freud dann außerdem der Behauptung
entgegengetreten, deute Träume auf ausschließlich sexueller Ebene. Er schrieb: "Einige Formeln sind
allgemein bekannt geworden, darunter solche, die wir nie vertreten haben, wie der Satz, alle Träume
seien sexueller Natur ...` (Freud, Studienausgabe, Bd. I, 5.452).

Freuds Traumauffassung aus heutiger Sicht

Thomas Mann und Stefan Zweig nannten Sigmund Freud einen "Wegweiser in bisher ungeahnte
Welten der menschlichen Seele", und Albert Einstein sah in ihm einen der "größten Lehrer" seiner
Generation (vgl. Grotjahn 1976, S.131 ff.). Trotzdem hält ein großer Teil der heutigen Psychologen
seine Theorien für spekulativ und unhaltbar. Tatsächlich sind viele Versuche zur experimentellen
Überprüfung Freudscher Hypothesen zuungunsten der Psychoanalyse ausgegangen: Entweder
wurden die Behauptungen widerlegt oder erwiesen sich als überhaupt nicht überprüfbar (vgl. Kiener
1978).

Wie sieht diese Situation speziell in bezug auf Freuds Traumtheorie aus?

Am leichtesten überprüfbar ist die Hypothese vom Traum als "Hüter des Schlafs". Wenn der Traum
tatsächlich die Funktion hat, den Schlaf fortzusetzen, dann müsste die Weckschwelle während des
Träumens erhöht sein. Tatsächlich konnte im Jahre l972 experimentell nachgewiesen werden, dass
der Mensch während des i ; Traums schwerer zu wecken ist als in den Schlafphasen ohne Traum
(Günther 1972). Damit ist natürlich nicht automatisch Freuds Behauptung mit bestätigt, dass diese
"Hüterfunktion" des Traums durch Wunscherfüllung gewährleistet wird.

Die Hypothese Freuds, dass in jedem Traum eine Anknüpfung an die Erlebnisse des
letztabgelaufenen Tages aufzufinden ist, konnte ebenfalls experimentell bestätigt werden. So zeigte
sich z. B., dass in den Träumen von Personen, die bestimmten Versuchen unterzogen worden sind,
regelmäßig Elemente dieser Versuchssituation am vorhergehenden Tag enthalten sind (Pötzl 1917,
Domhoff und Kamiya 1964, Cartwright l968, Bakeland l970). Werden z. B. den Versuchspersonen
Filme vor dem Einschlafen projiziert, so finden sich Elemente der Filmhandlung in deren Träumen
wieder.

Der Grundgedanke Freuds allerdings, die Idee von hinter dem manifesten Trauminhalt stehenden
unbewussten Vorstellungen, scheint indessen kaum experimentell überprüfbar. Dieser Gedanke ist
wohl plausibel, steht und fällt jedoch mit der Anerkennung bzw. Ablehnung der Existenz des
Unbewussten. Gestritten wird über diesen Punkt seit mehr als hundert Jahren, ohne dass sich dabei
jedoch eine allgemein anerkannte Lösung abzeichnete. Einer der schärfsten Kritiker des
Unbewussten, speziell der unbewussten Traumarbeit, ist der Schweizer Psychotherapeut Medard
Boss. Er wirft Freud sogar vor, er habe diese Dinge erfunden, um die Träume in seine
psychoanalytische Theorie einbeziehen zu können. Die Schlussfolgerung von Boss lautet: "Freuds
gesamte Traumauffassung ... ruht deshalb auf einem rein erfundenen Fundament" (Boss l976, S. l95).

Der prominenteste Kritiker des Unbewussten war Max Planck. In seiner kleinen Schrift
"Scheinprobleme der Wissenschaft" hatte er geschrieben: "Eine Wissenschaft des Unbewussten oder
Unterbewussten gibt es nicht. Sie wäre eine contradictio in adjecto, ein Widerspruch in sich. Was
unterbewusst ist, weiß man nicht. Daher sind alle Probleme, die sich auf das Unterbewusstsein
beziehen, Scheinprobleme" (Planck l947, S. l7). Der große Physiker wirft hier Unbewusstes und
Unterbewusstes etwas durcheinander (zu deren Unterscheidung vgl. Helm 1965 und Arnold 1955).
Außerdem hat die Entwicklung der Psychologie in den letzten Jahrzehnten gezeigt, dass wir ohne die

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Kategorie des Unbewussten nicht auskommen. Darauf verweisen such sowjetische Psychologen
(Bassin 1974, Prangishvili et al. 1975, Sintschenko und Mamardaschwili 1951).

Gleichsam als vorläufiges Fazit der Untersuchungen der letzten Jahre schreiben Sintschenko und
Mamardaschwili (1981, S. 257) : "Es gibt heute keinen Zweifel darüber, dass die psychologischen
Ideen Freuds und der Neofreudianer starken Einfluss auf die Entwicklung der Erforschung höherer
psychischer Prozesse hatten." Besonders die Freudsche Unterscheidung von Bewusstem und
Unbewusstem habe "großen Einfluss auf die Entwicklung der ganzen psychologischen Wissenschaft"
ausgeübt.

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