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Rosenstock-Huessy und Spanien: eine verborgene Wahlverwandschaft

Eugenio Muinelo Paz (Universidad Complutense de Madrid)

emuinelo@ucm.es

Sehr geehrte Damen und Herren:

Zunächst einmal möchte ich mich bei der Eugen Rosenstock-Huessy Gesellschaft für die
Gelegenheit bedanken, an dieser Jahrestagung teilzunehmen. Es ist sicherlich eine grosse Ehre für
mich, an diesem Forum teilzunehmen, einem der wenigen, die einer Figure gewidmet ist, die ebenso
bewundernswerten wie würdig ist, aus dem Vergessen gerettet zu werden, wie es die von Eugen
Rosenstock-Huessy ist.
Natürlich gebe ich nicht vor, irgendeine Behörde zu besitzen, um darüber zu sprechen, wer
Rosenstock-Huessy war und warum es lohnt sich, ihn heute zu lesen und zu untersuchen. Es ist nur
seit einem Jahre, dass ich von seiner Arbeit gehört hatte und ich habe sie noch nicht mit der
erforderlichen Tiefe und Ernsthaftigkeit prüfen können. Ich vermute, dass die Organisatoren sich
dessen bewusst sind, und wenn ich mit diesen Minuten geehrt wurde, in denen ich meine
akademische Erfahrung mit Ihnen teilen kann, das wurde nicht dadurch veranlasst, weil meine
Kompetenz als Forscher von Rosenstock-Huessy besonders wichtig ist (vielmehr, ich meine
demütig, es ist das Gegenteil), aber ich wage zu behaupten, dass es aus den folgenden zwei
Gründen geschah: 1) dass ich eine Doktorarbeit begonnen habe, die sich im Wesentlichen mit den
historischen und philosophischen Perspektiven befassen wird, die Rosenstock-Huessy uns
hinterlassen hat; 2) dass diese Doktorarbeit im Rahmen der Spanischen Universität (Complutense
Universität von Madrid) durchgeführt wird, in der leider die Rezeption von Rosenstock-Huessy
knapp ist, wenn nicht einfach nicht vorhanden. In solcher Weise, dass, wenn dies die Gründe sind,
ich beabsichtige, in meiner Mitteilung (wie ich gefragt wurde), nicht so sehr den Inhalt meines
Doktorandenforschungsprojekts (das für Sie etwas Bekanntes sein wird, also es würde kein
Interesse haben), sondern vielmehr gewisse theoretische und kulturelle Bezüge, durch die ein junger
spanischer Student in ein so komplexes und pluralistisches Werk wie das von Rosenstock-Huessy
eintauchen kann, Ihnen darzustellen.
Auch möchte ich in meinem Vortrag Anspielungen auf den Text einzubringen, der als Grundlage
für diese Jahrestagung dient (Abschnitt "Der Heimfall der Heimat" des Textes Ehrlos-Heimatlos),
sowie auf andere Passagen des Werkes, in dessen Rahmen erstmals veröffentlicht wurde (Die
Hochzeit des Kriegs und der Revolution). Daraus werde ich versuchen, die Punkte der Verbindung
mit dem kulturellen und geschichtlichen Leben meines Landes herauszugreifen und die Relevanz zu
zeigen, die für das spanische Selbstbewusstsein die Lektüre und Verbreitung von Rosenstock-
Huessys Werk haben kann.
Die Struktur meiner Mitteilung wird wie folgt sein: 1) in einem ersten Teil werde ich versuchen, die
Affinitäten und Unterschiede zwischen den Diagnosen über den europäischen Kollaps und
zwischen den jeweiligen nationalen Regenerationsprojekten von Rosenstock-Huessy und José
Ortega y Gasset zu identifizieren. Nicht umsonst hat Ortega, zweifellos der prominenteste
spanische Denker des 20. Jahrhunderts, mit Rosenstock-Huessy eine starke Berufung geteilt, die
intellektuelle Tätigkeit in Dienst des öffentlichen Lebens zu stellen; 2) im zweiten und letzten Teil,
in dem ich mich in einer spezifischeren Weise in den Text "Der Heimfall der Heimat" konzentrieren
werde, werde ich bestimmte Grenzen des Ansatzes Ortegas aufzeigen, so dass offenbar werde, dass
das Fehlen in seiner Geschichtsauffassung der Abwesenheit einer gründlichen Analyse des
Christentums in seinen Spannungen mit dem Aufkommen des modernen Nationalismus entspringt.
Das hat ihn daran gehindert, einen inneren Widerspruch der gesamten spanischen Geschichte zu
erfassen: Die Verfolgung der conversos (die zum Christentum bekehrten Juden) als Element der
nationalen Verfassung Spaniens, die die nachfolgende "Judenfrage" der übrigen europäischen
Nationen vorwegnimmt. Um dies zu erreichen, werden wir auf die Figur eines der bedeutendsten
conversos des 15. Jahrhunderts zurückgreifen: Alonso de Cartagena, der Bischof von Burgos
werden sollte, und der mit fester Überzeugung vertrat, dass die ganze antisemitische Rhetorik der
"Reinheit des Blutes" nur eine gewalttätige Wiederbelebung des Heidentums innerhalb der Kirche
war, die Kirche selbst ausrotten musste.

1. Staat und Nation nach dem Selbstmord Europas

Der Erste Weltkrieg setzt für Rosenstock-Huessy das Ende des Konzerts der europäischen Völker
voraus, die Auflösung der Einheit, die durch die päpstliche Revolution des 11. und 12. Jahrhunderts
hervorgerufen wurde, und das diente als Kanal für alle nachfolgenden europäischen Revolutionen,
die daher eine enge Verwandtschaft miteinander hielten.
Erst nach dem Krieg wurde der endgültige Verzicht auf die Idee des Reiches als universale
Rechtsordnung deutlich gemacht und die der modernen Idee der staatlichen Souveränität
innewohnenden Tendenzen zur Selbstverabsolutisierung auf das Äußerste hochgestrebt: sie hebt,
nach oben, jede ökumensiche Dimension der Politik, so wie, nach unten, jede ausserstaatliche
Gestaltung des gemeinschaftlichen Lebens (Stände, Gewohnheitsrecht) auf. Alles, was der Staat
neben sich anerkennt, ist die Menscheit (das "übervölkische" Volk des Völkerbunds) und das
Individuum (die privatrechtliche, kapitalistische Fiktion der "Person"): blosse "moralischen"
Instanzen ohne jede rechtliche Fassbarkeit.
Paradoxerweise führte diese Vollendung staatlicher Autonomie jedoch zu ihrer Selbsterledigung
(heute können wir es angesichts der sogenannten "Globalisierung" bestätigen): Isolierung
verzwergt, wie Rosenstock-Huessy bemerkt hat (1920: 108) in bezug auf Deutschlands Unfähigkeit,
dem "Völkerzusammenhang" treu zu bleiben, und das hat dem ausschliesslich wirtschaftlichen
Vereinigunsprozess der Erde freie Bahn geschaffen. Der ungeheure Universalitätsanspruch
Deutschlands (erinnern wir uns an Hegel), ein Mikrokosmos, ein Klein- (statt ein Mittel-)Europa zu
sein, hat endlich Deutschland einsam und getrennt gelassen, und deswegen "als Natio, gens,
natürliches Volk [...] nichtswürdig" (Rosenstock, 1920: 222 [Ehrlos - Heimatlos]), das heisst: es hat
die Kraft verloren, sich eigene Ziele zu setzen und sie zu erreichen.
Etwas Ähnliches hatte Ortega y Gasset bereits vor dem Krieg vorhergesagt (März 1914) in seiner
berühmten Rede Alte und neue Politik: das "offizielle", tote, Spanien (d.h., Staat und Institutionen),
verlangte Ortega, musste Platz machen für das "lebendige" Spanien (d.h. Spontaneität der
Gesellschaft). In seinen Worten: "Das Schlimme ist, dass es nicht der spanische Staat ist, der allein
an äußeren Fehlern der Politik erkrankt ist; Dass derjenige, der krank ist, fast moribund, die Rasse,
die nationale Substanz ist, und dass deshalb die Politik nicht die ausreichende Lösung des
nationalen Problems ist, weil dies ein geschichtliches Problem ist" (Ortega y Gasset, 1973: 202). Ich
würde sagen, dass Ortega in seinem Projekt der nationalen Regeneration (d.h., Europäisierung für
ihn, also auch ein Ausgang von der nationalen Isolierung und ein Eingang in den europäischen
Konzert; gerade in dem Moment, in dem Europa kurz davor stand, seinen Selbstmord zu begehen),
in offensichliche "heidnischen" (im Sinne Rosenstocks) Vorurteile zerfällt, in dem Maße, dass er
vor der Finsternis der modernen Nationen weiter darauf besteht, an die "Rasse" (auch wenn nicht in
biologischem Sinne) oder an die "nationale Substanz" zu appellieren. Beide, Rosenstock und
Ortega, behaupten von einem anti-idealistischen (fast "vitalistischen") Standpunkt aus, dass der
Staat nicht ohne das Volk leben kann (und, in diesem Masse, handelt es sich in der europäischen
Krise um kein bloss "politisches", sondern um ein "geschichtliches" Problem), aber sie
unterscheiden sich voneinander dadurch, was sie unter "Volk" verstehen.
Während für Ortega "Volk" die lebenswichtige Wurzel der Nation bedeutet, die kollektiv von einem
sich selbst bejahenden Zukunftsprojekt durchzogen wird (ausgenommen also von jeder anderen,
soweit es selbstbezüglich und der gemeinsamen Vergangenheit gleichgültig ist). Rosenstock-
Huessy interpretiert von seinem historischen Sicht aus (d. h. von seiner These von der Matrix der
modernen nationalen Revolutionen in der päpstlichen Revolution aus, die er in Die europäischen
Revolutionen ausführlicher entwickeln wird, die aber bereits in ihrer in Die Hochzeit des Kriegs
und der Revolution [1920] enthaltenen Rezension von Rudolph Sohm [Die Epochen des
Kirchenrechts] angedeutet ist), dass jede nationale Bildung untrennbar mit dem Schicksal der
"Christenheit" (in einem natürlich nicht konfessionellen Sinn) in ihrer Gesamtheit verbunden ist. In
diesem Sinne wage ich zu sagen, dass die historisch-politische Seite von Ortegas Denken nach dem
Niedergang des Nationalstaates viel von seiner Aktualität verloren hat (nicht sein theoretischster
Aspekt, wie das Interesse zeigt, das noch immer durch seine Kritik am idealistischen Rationalismus
geweckt wird, die Ortega aus der Konzeption einer geschichtlichen, in einer vitalen und
perspektivistischen Dimension verwurzelten Vernunft ausgeübt hat). Im Gegenteil, es scheint, dass
Rosenstock-Huessy uns weiterhin helfen kann, die Gegenwart und ihre Widersprüche zu denken:
Sowohl seine weltgeschichtliche (wenn auch nicht totalisierende) Perspektive als auch seine
polemiologisch-dialogische Auffassung von Politik sind immer noch nützlich, um die innere
Verbindung, die die europäischen Völker durcheinander gewebt hat, wiederzuerlangen, und über
Formen der Beziehung zwischen ihnen nachzudenken, die sich nicht auf das Dilemma zwischen
Imperialismus und Souveränität beschränken. Im Folgenden werden wir zum Abschluss versuchen,
zu zeigen, dass das, was es Rosenstock-Huessy ermöglichte, zu einer solchen pregnanten These
über den Begriff vom "Volk" zu kommen, war die von ihm unterstrichenen Zentralität (auch in der
Moderne) des Konflikts zwischen dem Judentum, Heidentum und Christentum. Daran hatte er einen
Präzedenzfall im Spanien des 15. Jahrhunderts, Alonso de Cartagena, der nicht zufällig kurz vor
einer der großen tragischen Erfahrungen lebte, die das jüdische Volk in seiner schmerzhaften
geschichtlichen Existenz erlebte: seine Vertreibung aus Sefarad im Jahr 1492.

2. Heimatlosigkeit als Voraussetzung des geistigen Volks

Israel war nie nach Rosenstock-Huessy eine Nation oder ein Staat im engeren Sinne, sondern ein
Volk, eine antimagische Gemeinschaft, die sich ausschließlich auf die Gebetssprache konzentrierte,
wie er 1955 in seinem Brief Hitler und Israel des Jahres auf grossartige Weise gezeigt hat. Israel
hatte einen gewissen nationalen Horizont, bis zu seinem leiblichen Zusammenbruchs im Jahr 70,
enthielt aber in sich die geistliche Kraft, die kurz davor Jesus mit seinem freiwilligen Tod im rein
universellen Sinn entfaltet hat. Das jüdische Volk, wie es Franz Rosenzweig in seinem Stern der
Erlösung entwickeln würde, blieb als notwendiger leiblicher Kontrapunkt zur reinen Gestigkeit des
Christentums. Und dies aber paradoxerweise ohne irdische Wurzeln, reine Volkseele geworden
nach dem Übergang zur Heimatlosigkeit, in der ihre Geschichte bis 1948 verging: d. h. Geist und
Leib in eins. Das deutsche Volk wurde heimatlos nach dem Krieg in einem völlig
entgegengesetzten Sinne: Im eigenen Land. Doch nach seiner geistiger Selbstzerstörung blieb es nur
noch als blosser Körper. Es folgt daraus, argumentiert Rosenstock-Huessy, dass das deutsche Volk
"christianisiert" wurde, ohne jemals "christlich" zu werden. Das heißt, er hielt immer seinen
Anspruch aufrecht, einen immer noch nach Stämmen strukturierten Volksgeist zu sein dem
allgemeinen Geiste des Christentums gegenüber. Die angenommene "Christlichkeit" des
germanischen Staates "erlaubte" einfach dem Einzelnen als Einzelnen den Einzug in die christliche
Kirche, während er sich in seiner romfreien, vorchristlichen Rasse verherrlichte.

Nach dem Krieg wurde dieser Staat zerstört, und mit ihm alle mögliche "natürliche" Ordnung des
Volkes. Deshalb behauptet Rosenstock-Huessy, der Krieg habe "[...] das Volk freigemacht, als
Ganzes unter die Offenbarung zu treten "(Rosenstock-Huessy, 1920:233). Nach 1919, nach
Versailles, kann die Bekehrung nicht mehr individuell sein, in dem Masse, dass ein ganzes Volk,
das seine Natur (ihre Natio) verloren hat, sich schuldig erklärt hat. Diese extreme Situation, nicht
mehr nichts zu sein, alles Eigentum und jede Eigenart verlieren zu haben, ist die einzige, die ein
Volk in die Lage setzt, keine autochthonen Tatsachen als göttliche Offenbarung zu nehmen. Danach
ist jede Ordnung und jede Gestalt, die das deutsche Volk erreichen kann, nicht mehr der Natur, der
Geburt, dem Blut, sondern Gott, der Berufung und dem Geist geschuldet. Nur für die Menschen, die
in einem ihnen geliehenen Land leben, hört das Vaterland auf, der archimedischer Punkt eines
einfältigen angeborenen Denkens zu sein, das die anderen als Fremde ansieht: Im Gegenteil, es ist
den Fremden, denen er sein eigenes Vaterland verdankt. Nur so wird, wie Israel es in seinem
Exodus getan hat, die Weltgeschichte eingeweiht. Behalten Sie die folgende sexuelle Metapher der
männlichen Nation und des weiblichen Volks:
Heute überwältigt die geistige Menschheit, deren erster Bürger, Führer und Soldat Jesus ist, ein ganzes
leibliches Volk; denn den eigenen angeborenen heidnischen Geist hat es aufgegeben. Es findet in sich
selbst keine Ordnung und keinen Zusammenhang mehr. Es muss sich der Schöpfung durch Gott
anheimgeben, durch ihn sein Gesetz sich offenbaren lassen. An die Stelle des morgendlichen, männlichen
Kraftbewusstseins der Nation tritt die abendliche weibliche Hingabe des zum gesetzmässigen Gliede der
Schöpfung erlösten Volks. (Rosenstock-Huessy, 1920: 242-243)

Nach einer eindrucksvollen Vorahnung des Wahnsinns Hitlers ("Lügenkaisertum", nennt er ihn im
voraus), sagt Rosenstock-Huessy in "Der Heimfall der Heimat", alles Nationale Verzauberung,
Heidentum ist (nicht umsonst bedeutet das lateinische Natio Ethnos auf Griechisch und Goy auf
Hebräisch). Und dass das Dogma des Jungfrauengeburts genau darauf abzielt, es auszudrücken,
"dass jede ihre Seele ihren Geist Unmittelbar von Gott, und nicht durch das väterliche Blut hindurch
empfängt". Mit der Vollendung der jüdischen Volksseele, die Jesus verwirklicht hat, wird die
Möglichkeit eines rein geistigen Volkes geboren, in dem es, wie Paulus sagte, nicht mehr Jude oder
Grieche gibt (nicht einmal "Christ", Wort, das Paulus nicht kannte). Ein solches Volk war das, was
Deutschland nach seinem Einzug in die Heimatlosigkeit hervorbringen konnte und das Hitler mit
seiner heidnischen Rhetorik zu tyrannisieren und zu zerstören vermochte.
Abschließend möchte ich die Parallelen zum spanischen Fall darlegen. Nach Jahrhunderten des
gemischtrassigen Zusammenlebens, wenn auch natürlich nicht immer harmonisch und friedlich,
wird der zentralisierende, selbstbezügliche und differenzverleugnende Befriff des "alten Christen"
auferlegt, der sich im Pogrom von Toledo von 1449 (und danach, im Statut der "Säuberung des
Blutes" von Pero Sarmiento und in der Institution des Gerichts der Inquisition) herauskristallisieren
wird. Darin liegt die Entstehungsgeschichte der spanischen Nation, deren Folge, obwohl die Juden
nicht mehr da waren (doch, aber, die Idee der "zwei Spanien"), bis in die Tragödie des
Bürgerkrieges im Jahre 1936 spürbar sind.
In fast gleicher Weise wie Rosenstock-Huessy benennt der converso Bischof Alonso von Cartagena
dieses diskriminierende Projekt der nationalen Bildung im Wesentlichen als antichristlich und
heidnisch. Es ist nicht so, dass ihm die Konstitution einer kastilischen Identität gleichgültig
gegenüberstand: Im Gegenteil, er verteidigte im Konzil von Basel den Vorrang der kastilischen
Krone über die Engländer. Aber er behauptete, dass eine solche nationale Verfassung durch eine
supraethnische christliche Identität legitimiert werden müsste, die in der paulinischen Geistigkeit
des corpus mysticum verankert wäre. So wurde die Verteidigung des Judentums durch die
conversos nicht durch die Unaufrichtigkeit ihres Christentums verursacht, wie der Historiker
Benzion Netanjahu vorschlug, sondern durch eine tiefe theologische Überzeugung der Kontinuität
zwischen dem Alten und dem Neuen Testament, wegen derer das Kommen des Messias die in den
alttestamentlichen Prophezeiungen bereits enthaltenen Universalitätsverheißungen schon
verwirklicht hatte. Post Christum natum, behauptet Cartagena in seinem Defensorium unitatis
christianae, "nulla differentia nathalium carnalis generationis" soll berücksichtigt werden, sondern
nur die "unitas spiritualis regenerationis" (Defensorium, I, 5). Wer diese Einheit zerstört, darf sich
Christ nicht nennen: "Sicut ergo illi qui fide recepta ritus iudaycos exercere presumunt, iudayzare
dicuntur, sic et illi qui [...] in unum populum cum aliis effecti divisionem aliquam revivificare
volunt, paganizare dicentur, cum christianam unitatem scindere et alios ab aliis dividere prout
paganitatis vigentis fiebat temporibus" (Def., III, Prologus). Wer sich so verhält, will die weiblichen
davitica mansuetudo mit der männlichen ferocitas gentilitatis innerhalb der Kirche ersetzen.
Eine Politik der bloßen libido dominandi wie diejenige, die die kastilischen antijüdischen Eliten
entwerfen wollten, ist, streng genommen, keine Politik. Wie Rosenstock-Huessy im 20. Jahrhundert
wahrgenommen hat, das heißt, die Nation zum Leichnam, zum "blossen Körper" zu machen; das
heisst, die Politik zu vernichten. Cartagena sagt es in einer aristotelischen Sprache: das heisst, jede
forma der civitas zerstören:
Quod si forte, forma sublata, nulla alia civitatis forma succedit, licet multitudo hominum maneat, cum nullo
legitimo politheumate sit ligata, prima civitas abiit et nova non fit. Gens autem quae manet, turbae nomen
aut aliud quod hominum coadunationem designet, habere potest, civitatis tamen nequaquam. Sicut cadaver
hominis hominem fuisse demonstrat, non autem est. (Def., III, 13)
Sowohl Alonso de Cartagena als auch, fünf Jahrhunderte später, Rosenstock-Huessy, beide haben
einen Zustand der Legitimitätsleere und der uneingeschränkten Gewaltsherrschaft vorausgesagt.
Vielleicht sollten wir uns fragen, ob wir heute trotz des Scheins noch in dieser Leere verstrickt sind,
ob uns dieses geistige Volk sind und diese civitas noch fehlen, die das menschliche Leben zu etwas
mehr als der Verfolgung des eigenen Interesses und der Ausgrenzung des anderen erwecken
würden.
Bibliographie:

CARTAGENA, Alonso de (1943), Defensorium unitatis christianae, Madrid, CSIC.


ORTEGA Y GASSET, José (1973), Vieja y nueva política, Madrid, El arquero.
ROSENSTOCK-HUESSY, Eugen (1920), Die Hochzeit des Kriegs und der Revolution, Würzburg,
Patmos Verlag.