Sie sind auf Seite 1von 4

Texte

„Voll cool!“ – Jugendsprache und Anglizismen


Kommen Jugendliche ohne Anglizismen aus?

Darstellungen über die Jugendsprache sind grundsätzlich riskant. Denn die Jugendsprache ist ein
Konstrukt. Jugendsprache lässt sich zwar bestimmen als die Sprache, die von jüngeren Menschen
gesprochen und geschrieben wird. Aber zum einen ist die so definierte Gruppe riesig und so heterogen,
dass es schwer ist, ihre Sprache greifbar zu machen. Lokale Unterschiede, Unterschiede nach Alter und
Geschlecht (ein 13-Jähriger spricht anders als eine 18-Jährige), nach sozialem Hintergrund, Interessen
oder Freizeitaktivitäten sowie nach Kommunikationskanälen sind nur einige Faktoren. 
Hinzu kommt, dass Jugendsprache einem extrem schnellen Wandel unterliegt. Bis jugendspezifische
Ausdrücke von (erwachsenen) Wissenschaftlern registriert, aufgegriffen, fixiert und diskutiert sind, haben
sie sich möglicherweise im jugendlichen Sprachgebrauch schon wieder abgenutzt. 
Nicht selten reagieren Jugendliche verächtlich, wenn man ihnen „Jugendsprache“ (aus
Erwachsenensicht) vorsetzt. 
Auch die Entstehung jugendlicher Ausdrücke liegt oft im Dunkeln. Manchmal sind Quellen auszumachen
– wie Filme, Videos, bestimmte Berühmtheiten als Vorbilder –, aber längst nicht immer. Jugendsprache
ist unberechenbar und überraschend und soll das aus Sicht der Jugendlichen auch sein. Wir werden
später noch einmal darauf zurückkommen.

Im Bewusstsein dieser Einschränkungen wollen wir es nun dennoch wagen, uns auf das Gebiet
Jugendsprache einzulassen. Konkret soll dafür das Wortfeld GUT betrachtet werden – also adjektivische
Ausdrücke für Zustimmung, Anerkennung, positive Rückmeldung. Zuerst soll ein kurzer Überblick den
Reichtum dieses Wortfelds illustrieren, anschließend werden einzelne sehr beliebte Wörter ausführlicher
beleuchtet. In unserem Kontext soll dabei selbstverständlich ein Fokus auf Anglizismen liegen: Das
Wortfeld GUT ist sehr elementar. Welche Rolle spielen dabei Anglizismen? Stimmt es, dass
Jugendsprache inflationär von Anglizismen überschwemmt ist, dass sprachliche Gestaltung von jungen
Leuten sich nahezu vollständig auf Anglizismen beschränkt?

Zum jugendsprachlichen Wortfeld GUT gehören (unsere Sammlung erhebt keineswegs den Anspruch auf
Vollständigkeit!):
cool, fresh, chillig, lol, hip(p), nice, hammer/hamma, bombe, geil, cremig, mega, krass, riesig, fett, irre,
abgefahren ...

Wie leicht zu erkennen ist, ist diese Auflistung bereits sortiert: Die erstgenannten Ausdrücke sind
Anglizismen, die folgenden nicht.  
Bereits an dieser Stelle ist offensichtlich: Jugendliche nutzen längst nicht nur Anglizismen, um ihren
Emotionen und Urteilen Ausdruck zu verleihen. Jedes dieser Wörter erzählt eine Geschichte. Im
Folgenden werden fünf davon herausgegriffen und schlaglichtartig beleuchtet:

COOL
cool ist ein Wort, dem man eine steile Karriere bescheinigen kann. Der Siegeszug des
Anglizismus cool begann in den 80er-/90er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Interessant daran ist vor
allem die bleibende Beliebtheit. Je nach Definition ist cool kein Jugendsprachwort mehr. Denn auch die
Generation der heute 40- bis 50-Jährigen benutzt noch immer fleißig das Wort cool, ebenso wie jüngere
Kinder. 
Zur Abgrenzung von der Erwachsenenwelt taugt cool also nicht. Dennoch ist es in der Sprache der
Jugendlichen heute so präsent, dass es als Teil der Jugendsprache eingeordnet werden kann. Hinzu
kommt, dass auch beim Gebrauch von cool durch die genannten älteren Nutzer immer die Konnotation
des Jugendlichen, Modernen mitschwingt (die sich bis jetzt kaum abgenutzt hat), andererseits
Grundschulkinder und noch Jüngere sich mit dem Gebrauch von cool als älter und sprachversiert, also
als „jugendlich“ ausgeben. Neben ‚gut‘ hat cool in bestimmten Kontexten noch immer die Bedeutung
‚(bewundernswert) lässig, beherrscht, souverän‘, dies entspricht dem englischen Original.

GEIL
geil hat manches gemeinsam mit cool – und manches überhaupt nicht. Unterschiede sind vor allem die
Herkunft – cool ist ein Anglizismus, geil nicht – sowie der Bedeutungswandel im Fall von geil, der unten
noch näher erläutert werden soll. Gemeinsam ist cool und geil ihre extrem große Breitenwirkung. Im Jahr
2015 griff das Musik-Duo Glasperlenspiel im Lied „Geiles Leben“ das bereits sehr populäre Wort geil auf
und gab damit den letzten wirkungsvollen Anstoß zu dessen universeller Beliebtheit. „Geiles Leben“
trällern inzwischen bereits Kindergartenkinder – und auch wenn sie damit nicht unbedingt das
Wort geil produktiv anwenden und wirklich verstehen, wird es Teil ihrer Sprache. 
Ältere Sprachnutzer begegnen dem Wort geil jedoch etwas reservierter als dem Anglizismus cool. 
In der Internetausgabe des Duden liest man als erste Bedeutung für geil noch „(oft abwertend) gierig
nach geschlechtlicher Befriedigung, vom Sexualtrieb beherrscht, sexuell erregt“. Diese Bedeutung gibt es
zwar noch, sie rückt aber immer mehr in den Hintergrund. Eine im Duden an zweiter Stelle aufgeführte
landwirtschaftliche Bedeutung ist den meisten Sprachnutzern wohl gar nicht geläufig. 
Dafür ist die im Duden an dritter Stelle genannte Bedeutung „(salopp) in begeisternder Weise schön, gut;
großartig, toll“ absolut gängig geworden. Inzwischen kann man in den meisten Fällen gar keine sexuelle
Konnotation mehr erkennen, welche das Wort noch vor kurzem für manche Sprecher unbeliebt
machte. geil wird wohl trotz dieses Bedeutungswandels noch eine Zeitlang in gewissen Kontexten etwas
suspekt bleiben. Für Jugendliche (und nicht nur sie) ist geil eine Selbstverständlichkeit. geil ist
emotionsreich, temperamentvoll, lebhaft.

LOL
LOL bedeutet „laughing out loud“. Es ist ein typisches Wort aus der Sprache von Chat-, SMS-, WhatsApp,
Facebook usw.  Ursprünglich wurde es auch in der tatsächlichen Bedeutung ‚laut lachen(d)‘ verwendet,
also als Reaktion auf etwas Lustiges, Amüsantes, Erheiterndes, teilweise auch als Auslachen. In dieser
Funktion wird LOL auch weiterhin eifrig verwendet. 
Darüber hinaus hat es aber einen Bedeutungs- und Kontextwandel durchgemacht und taucht in der
einfachen Bedeutung ‚gut, toll, prima‘, eventuell mit einer leichten Konnotation des Lustigen, Amüsanten,
in der Jugendsprache auf: „Das war voll lol.“ In den allermeisten Fällen bewegt sich der Ausdruck in
dieser Variante nun in der mündlichen Umgangssprache (nicht wie anfänglich im schriftlich-
elektronischen Bereich). lol wird dabei gängigerweise als zusammenhängendes Wort mit kurzem „o“
lautiert, also nicht durch Aneinanderreihung der einzelnen Buchstaben. 
Damit nimmt man das Akronym/Initialwort lol (Abkürzungswort, das aus Anfangsbuchstaben eines
längeren Ausdrucks gebildet ist) immer weniger als Abkürzung wahr, sondern als komplettes Wort.
Zudem ist anzunehmen, dass es weniger als Anglizismus aufgefasst wird: Die ursprüngliche, englische
Bedeutung tritt in den Hintergrund zugunsten einer viel allgemeineren positiven Bedeutung.

FETT
fett nutzt den Bedeutungsaspekt des Kraftvollen, Üppigen, Vollen und setzt diesen in einen neuen
Kontext: fettbedeutet ‚sehr gut‘. Im Mündlichen verleiht meist die Betonung und Akzentuierung einen
besonderen Nachdruck. 
fett in dieser jugendsprachlichen Verwendung ist positiv, die leicht befremdliche Wirkung von fett – was
auf Personen bezogen abwertend, ja beleidigend ist – sorgt für einen zusätzlichen, für Außenstehende
leicht bizarren Effekt. 
Teilweise taucht auch eine englische Schreibung phat (in gleicher Bedeutung wie fett) im Deutschen auf,
interessanterweise häufiger als die englische Form fat (die direkte, standardsprachliche englische
Entsprechung für ‚fett‘). 
Im Englischen wird phat dem afroamerikanischen Slang zugeordnet und vermischt sich einerseits mit fat,
andererseits wird es als Abkürzungswort für „pretty hot and tempting“ (‚ziemlich heiß und verführerisch‘)
dargestellt, diese Konnotation ist jedoch im deutschen Wort fett oder auch phat kaum zu erkennen.
NICE
nice ist ein klassischer Anglizismus – und bei Jugendlichen im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts
ein Dauerbrenner. nice bedeutet wörtlich übersetzt ‚nett, hübsch, schön‘, was eher niedlich wirkt. Diese
wörtliche Übersetzung wäre jedoch beim Gebrauch von nice im Deutschen eine
Untertreibung. nice bedeutet deutlich mehr als ‚nett‘, es ist unter Jugendlichen ein nachdrückliches und
kraftvolles Wort für ein positives Urteil. Hier erkennt man wieder eine leichte jugendsprachtypische
Verfremdung. Vielleicht spielt dabei auch der Klang eine Rolle: Oft wird nicesehr explizit mit kurzer,
scharfer Betonung des „ai“ und scharfem „s“ ausgesprochen. 
nice wird bedenkenlos flektiert: nices Shirt, nicer Schuh … 
2015 wurde nice zum Tiroler Jugendwort gewählt, auch dies zeigt, dass seine Popularität nicht auf
Deutschland beschränkt ist. Anders als geil oder cool ist nice ein „echtes“ Jugendwort, also im Gebrauch
tatsächlich auf Jugendliche und evtl. junge Erwachsene beschränkt – darüber hinaus würde man mit der
Verwendung von nice die Gefahr eingehen, lächerlich oder anbiedernd zu wirken. 
Der Ausdruck nice one hängt mit nice zusammen. Übersetzen könnte man ihn etwa mit „tolle Aktion“, „gut
gemacht“, „nicht schlecht“, was direkt der englischen Bedeutung entspricht.

Was sagen nun diese fünf Ausdrücke über die Jugendsprache aus? 
Sie haben einige Gemeinsamkeiten: Alle fünf sind einsilbig. Dies ist keineswegs zwingend für ein
erfolgreiches Jugendwort – in unserer oben aufgeführten Liste sind auch mehrsilbige Adjektive enthalten
–, die Kürze gibt den Wörtern aber eine Prägnanz, eine dynamische Ausstrahlung und somit eine hohe
Attraktivität. Im schriftlichen Bereich kommt der Aspekt des Platzsparenden und des Ökonomischen
hinzu. 
Alle genannten Adjektive taugen sehr gut als Einwortsätze, ebenfalls im Mündlichen wie im
Schriftlichen: Cool! Geil! Nice! (auch: Bombe! Hamma! …)
Sehr gerne kombinieren Jugendliche sie aber auch mit ausdrucksverstärkenden Wortbausteinen: voll
cool, megageil, bös geil, übelst nice …

Hauptzweck der Jugendsprache ist die identitäts- und gemeinschaftsstiftende Funktion. Sprache kann
damit eine ähnliche Rolle spielen wie z. B. Kleidung oder das schicke Mobiltelefon. 
Teil dieser identitäts- und gemeinschaftsstiftende Funktion ist eine Abgrenzung gegenüber Älteren
(Erwachsenen) und Jüngeren (Kindern). Wie wir gesehen haben, gibt es aber auch bei Jugendlichen
beliebte Wörter, die hier keine allzu klaren Grenzen zeigen. 
Jugendsprache ist sehr lebhaft, dynamisch, teilweise schnelllebig und unberechenbar: Was in naher
Zukunft jugendsprachlich im Trend liegen wird, können wir nicht vorhersagen. Ein gewisses
Überraschungsmoment ist zentrales Charakteristikum (neuer) jugendsprachlicher Ausdrücke. Für
Außenstehende mögen diese durchaus etwas „schräg“ und befremdlich wirken. 
Ausdrucksstärke, starke Emotionen, oft sogar Übertreibung sind weitere Kennzeichen. 
Nicht alle Jugendwörter mögen kulturelle Höchstleistungen sein, insgesamt steckt in der Jugendsprache
aber ein enormes Potenzial an Fantasie, Produktivität und Sprachkreativität. Sie zeigt auch, dass
Jugendliche Spaß an ihrer Sprache haben – ein durchaus wünschenswerter Befund. In der Sprech- und
Schreibweise Jugendlicher pauschal eine Verarmung der Sprache zu befürchten, wird dem Phänomen
Jugendsprache also nicht gerecht. 
Um die Sprache an ihre Bedürfnisse anzupassen, spielen Jugendliche mit den Wörtern, variieren ihre
Bedeutung, lassen originelle, auch bildhafte Übertragungen entstehen, reizen sprachliche Möglichkeiten
aus. 
Sie übernehmen Bestandteile der Allgemeinsprache bzw. Standardsprache und modifizieren sie nach
ihrem Bedarf. Nicht selten bleibt dabei eine Rückkopplung erhalten - jugendsprachliche Wörter werden
wiederum Bestandteil der Allgemeinsprache. Erwachsene greifen jugendsprachliche Ausdrücke auf, oft
erst ironisch, dann spielerisch. Dabei spielen die modernen privaten Kommunikationsmedien und die
Massenmedien, welche eine schnelle Verbreitung ermöglichen, eine große Rolle.

Unsere Schlaglichter auf die Jugendsprache haben schließlich auch gezeigt: Jugendliche benutzen zwar
Anglizismen und gehen sehr selbstverständlich und souverän mit ihnen um. Sie stützen sich aber
keineswegs komplett auf Anglizismen, um ihre Sprache zu erweitern und eine positive Haltung
kundzutun. Die Herkunft  eines Wortes ist für sie vermutlich nicht das erste Kriterium – deutlich wichtiger
ist, dass das Wort in ihrem Kontext funktioniert.