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2/2007, 50.

Jahrgang Schäden und Schadenverhütung

Schadenspiegel 2/2007
Schadenspiegel

Münchener Rück Munich Re Group


© 2007
Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft
Königinstraße 107
80802 München

Bestellnummer 302-05531

Deutsch
Editorial

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Brennendes Kühlschiff:
Prof. Dr. Peter Höppe S. 16: Emaar Properties PJSC, Dubai
Dichter Rauch quillt aus der
Marine: Thomas Artmann S. 19: Putzmeister AG, Aichtal
Cala Palma.
Risk, Liability & Insurance: S. 20: Österreichische Doka Schalungs-
Christian Lahnstein technik GmbH, Amstetten
Schaden: Dr. Paolo Bussolera, S. 21: Emaar Properties PJSC, Dubai
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S. 27: MR-Archiv (Dietz)
Liebe Leserinnen, liebe Leser, Redaktion S. 28, 30: MR-Archiv (Braun)
Daniela Pürzer S. 33, 34: Allianz Zentrum für Technik GmbH,
die Feuerversicherung – wohl eine der wichtigsten Unternehmenskommunikation Ismaning
Versicherungen überhaupt. 2006 galt in der deut- (Anschrift wie oben) S. 35, 37: ICA, Mexiko-Stadt
schen Nahrungsmittelindustrie als Rekordjahr der Telefon: +49 (89) 38 91-93 84 S. 38, 39: picture-alliance/dpa
Telefax: +49 (89) 38 91-7 93 84
Feuerschäden – auch international ist das Schaden-
E-Mail: schadenspiegel@munichre.com Druck
potenzial erheblich. Doch worin liegen die Haupt- Druckerei Fritz Kriechbaumer
ursachen und welche Maßnahmen sind geeignet, Jutta Püschel Wettersteinstraße 12
Schäden zu vermeiden oder zu mindern? Antworten Unternehmenskommunikation 82024 Taufkirchen/München
Þnden Sie ab Seite 2. (Anschrift wie oben)
Telefon: +49 (89) 38 91-57 58 Weitere Hefte sind gegen eine Schutzgebühr
Brände gelten auch als Hauptursache von Schäden Telefax: +49 (89) 38 91-7 57 58 von 8 € erhältlich. Die Zeitschrift
E-Mail: schadenspiegel@munichre.com erscheint in zwangloser Folge. Nachdruck
im Schiffsbau. Sogar bei Umbauten oder Repara-
ohne Genehmigung nicht gestattet.
turen führen sie oft zu Großschäden. Wir berichten Anmerkung der Redaktion
ab Seite 10 über Fälle der vergangenen fünf Jahre In Veröffentlichungen der Münchener Rück
und zeigen, was bei der Risikobewertung zu be- verwenden wir in der Regel aus Gründen
achten ist. des Leseßusses die männliche Form von
Personenbezeichnungen. Damit sind grund-
Dies ist jedoch kein „Feuerheft“: So erfahren Sie sätzlich – sofern inhaltlich zutreffend –
Frauen und Männer gemeint.
von den Baurisiken des derzeit höchsten Gebäu-
des der Welt – das Burj Dubai oder Hochhaus der ISSN 0940-8878
Superlative, wie es unser Autor nennt. Hier ist,
zum Glück, noch kein Schaden eingetreten. Zudem
berichten unsere Autoren darüber, wie schwierig
es sein kann, einen Brückenpfeiler im Wasser zu
positionieren, über die Havarie eines Container-
schiffs auf dem Rhein und über besonders einfalls-
wie erÞndungsreiche Diebe.

Wir freuen uns, wenn diese Ausgabe wieder Ihr


Interesse weckt. Schreiben Sie uns:
schadenspiegel@munichre.com

Ihr Schadenspiegel-Team

Dem Heft liegt bei: Technische Informationen für Versicherer


Nr. 36 „Konventionelle Kraftwerke“.
Inhalt

Ein extravaganter architekto- Die Übergriffe sind brachial Sieben Stunden brannte das
nischer Entwurf, Superhoch- und dauern oft nur wenige Lagergebäude, bevor die
druck-Betonpumpen, spezielle Minuten: Um an das Bargeld Flammen gelöscht werden
Selbstkletterschalung: Welche zu kommen, werden Geld- konnten. Dann die Über-
besonderen Risiken birgt der automaten seit Neuestem raschung: Viele der versicherten
Bau des Burj Dubai? sogar gesprengt. Güter waren unbeschadet.
Seite 16 Seite 22 Seite 28

Im Fokus Schadenprävention Einzelschäden

Brandrisiko Achtung Panzerknacker! Brand in einem Lagergebäude


Großschäden in der Überfall auf Geldautomaten Blieb das Lagergut tatsächlich
Nahrungsmittelindustrie – Explosionsfähige Gasgemische unversehrt?
bekannte Schadenmuster sind die Hilfsmittel der Diebe. Seite 28
Seite 2 Seite 22
Zementmühle – Risse in den
Seeschifffahrt Paris: Stadt der Mühlendeckeln
„Ein Schiff sieht Land“ – einfallsreichen Diebe Was tun, wenn die Deckel
Risiken des modernen Schiffbaus Einbrecher gelangen unter- zu brechen drohen?
Seite 10 irdisch in Juweliergeschäfte. Seite 32
Seite 26
Bauwesenversicherung Schwierige Drehung eines
Hochhaus der Superlative Brückenpfeilers
Seite 16 Ein Pfeiler droht im Stausee
unterzugehen.
Seite 35

Havarie auf dem Rhein


Binnenfrachtschiff Excelsior
verliert Container.
Seite 38

Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007 1


Im Fokus

Der größte Feuerschaden des


Jahres 2006 – rund 110 Millio-
nen € – entstand in einer
Fleisch- und Wurstwarenfabrik.
Das Öl einer Frittieranlage ent-
zündete sich, weil die Steue-
rung fehlerhaft arbeitete.

2 Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007


Im Fokus

Brandrisiko
Großschäden in der Nahrungsmittelindustrie –
bekannte Schadenmuster

Feuer führt in der Nahrungsmittelindustrie immer


wieder zu Großschäden. Eine Erkenntnis, die für
Versicherer zwar nicht neu, aber in jedem Fall teuer ist.
Doch wie kam es dazu, dass 2006 in Deutschland
ein Rekord-Schadenjahr wurde?

Autor
Dr. Alfons Maier, München

Bereits 1995 erkannte der Schadenspiegel für Abb. 1 Großschäden in der deutschen
die Nahrungsmittelindustrie vor allem leicht Nahrungsmittelindustrie (1987–2006)
brennbare Isoliermaterialien aus geschäumtem
Schäden in Millionen €
Kunststoff als Faktor für hohe Schäden und die
schnelle Ausbreitung von Feuer. Diese Art der
250
Schaumdämmung Þndet sich besonders häuÞg
in der Milchverarbeitung, in Schlachthöfen,
200
Fleischwerken, Teigwarenfabriken und Groß-
bäckereien. Hinzu kommt: Verbrannte Kunststoffe
150
belasten Gebäude, Betriebseinrichtungen und
Waren meist hochgradig mit Schadstoffen.
100

2006: Rekord-Schadenjahr
50

Das vergangene Jahr verlief für die Nahrungsmit-


0
telindustrie in Deutschland mit 23 Großschäden
(größer 0,5 Millionen €) und einem Schadenauf- 1987 1991 1995 1999 2003
wand von 256 Millionen € dramatisch (Abb. 1).
Ein einziger Schaden (siehe Beispiel Seite 4) Schadenaufwand BU Quelle: Gesamtverband der
erreichte dabei mit rund 110 Millionen € eine Schadenaufwand Sach Deutschen Versicherungs-
wirtschaft e. V. (GDV), Berlin
Dimension, die sonst nur aus Feuer- und Feuer-
betriebsunterbrechungsgroßschäden anderer
Industriezweige (z. B. Stahl-, Chemie- oder Kraft-
werksbereich) bekannt ist.

Die zehn größten Schäden der Jahre 1987 bis Von 1987 bis 2006 summier-
2006 brachten es insgesamt auf über eine halbe ten sich auf dem deutschen
Markt die Großschäden aus
Milliarde Euro für Sach und BU. Der Durchschnitts-
Feuer- oder Feuerbetriebs-
schaden betrug dabei in Sach rund 30 Millionen € unterbrechung in der Nah-
und in BU rund 20 Millionen €; der beträchtliche rungsmittelindustrie auf rund
BU-Schadenanteil liegt zwischen 20–55 %, im 1,6 Milliarden €. Der zeit liche
Durchschnitt bei immerhin rund 40 % des Gesamt- Verlauf macht deutlich, dass
schadenaufwands. Fünf der größten Schäden 1988, 1993, 1999 und 2006 der
ereigneten sich in der Fleischverarbeitung, vier jährliche Schadenaufwand
jeweils die 100 Millionen-
in der Backwaren- und einer ereignete sich in der
Euro-Grenze überschritten
Getränkeherstellung (siehe Tab. 1, Seite 4). Als hat. „Spitzenreiter“: das
maßgeblicher Schadengrund wurden mit rund Rekord-Schadenjahr 2006 mit
einem Fünftel die elektrischen Ursachen identiÞ- einem Schadenaufwand von
ziert (siehe Abb. 2, Seite 5). 256 Millionen €.

Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007 3


Im Fokus

Internationales Risiko Türen auf. Die Einsatzkräfte konnten jederzeit vom


Rückweg ins Freie abgeschnitten sein, mehrere
Ähnlich sieht es auf anderen Märkten aus: So Nachalarmierungen der Feuerwehr wurden nötig.
beliefen sich die Schäden in der englischen
Nahrungsmittelindustrie zwischen Januar 2004 Schaden
und Juni 2005 auf rund 403 Millionen £ (rund Zur Fabrik gehören – neben Verwaltungs- und
600 Millionen €). Altgebäuden – drei Fertigungsbereiche. Zwei der
Produktionshallen waren in Stahlbauweise mit
In Australien führten 17 Brände mit Schadensum- MetallproÞl-Sandwichelementen mit Schaumdäm-
men von 0,6 bis 125 Millionen Australischen Dollar mung für die Außen- und Innenwände konstruiert.
(aus$) in den Jahren 1995 bis 2002 zu einem Scha- Ein 2,5 m breiter Gang mit zwei Übergängen, ver-
denaufwand von rund 300 Millionen aus$ (rund sehen mit Brandschutztüren, verband die Hallen.
180 Millionen €). Eine Betondecke trennte die Produktion im Erdge-
schoss von der Technikebene unter dem Dach, das
Wie kam es zu den hohen Schadenaufwendungen teilweise aus Trapezblech mit Schaumdämmung
2006 in Deutschland? Zwei Schäden des „Rekord“- und Kunststofffolienabdichtung bestand – eben-
Schadenjahres zur Analyse: falls in Sandwichbauweise. Halle 3 war durch eine
Brandschutzmauer von Werk 2 getrennt.
Großbrand in einer Fleisch- und Wurstwarenfabrik
Die verheerende Bilanz des Feuers: Werk 2 (Nutz-
Schadenhergang ßäche etwa 7 000 m2) und dessen Betriebsein-
Im Werk 2 der Fabrik wurde gegen 11 Uhr in einer richtung erlitten letztlich einen Totalschaden, Werk
Frittieranlage Feuer festgestellt – die automatische 1 mit seiner Nutzßäche von etwa 10 000 m2 war –
Schaumlöschanlage löste kurz darauf aus. Trotz wie auch die Betriebseinrichtung – fast vollständig
zusätzlicher manueller Brandbekämpfung bekam zerstört. Bestehen blieben bei beiden Hallen nur
man die Flammen nicht unter Kontrolle, da sich die die Fundament- und Kellerbereiche.
Friteuse stetig weiter erhitzte. Die Feuerwehr
wurde alarmiert. Das durch die Brandwand geschützte Werk 3 und
die angrenzenden Verwaltungsgebäude rettete
Als die Löschkräfte eintrafen, zog bereits eine der massive Einsatz der rund 400 Feuerwehrkräfte.
große Rauchwolke über das Fabrikgelände, der Trotzdem entstanden starke Verrußungsschäden,
Brand hatte sich über weite Teile des Gebäudes und auch der Warenschaden war nicht unerheblich.
ausgedehnt. Hohe Brandlasten und starke
Rauchentwicklung erschwerten die Löschmaßnah- Dramatisch war der Betriebsunterbrechungs-
men erheblich: Teile der Stahlkonstruktionen ver- schaden: Bei einem derartigen Großschaden kann
bogen sich unter der Hitzeentwicklung, Gänge und der Ausfallzeitraum bis zur Wiederherstellung der
Deckenteile stürzten ein, Flammen schlugen aus Gebäude und vollständigen Betriebsbereitschaft
berstenden Fenstern und Verpuffungen rissen ein Jahr betragen, berücksichtigt sind dabei bereits

Tab. 1 Die 10 größten Schäden im deutschen


Nahrungsmittelbereich

Betriebsart Schaden Sach/BU Schaden- Schadenursache/


in Millionen Euro jahr Schadengrund
Herstellung von Fleisch- u. Wurstwaren 110 2006 leicht brennbare Stoffe
Putenschlacht- und Zerlegebetrieb 83 1999 offenes Feuer In den vergangenen 20 Jah-
ren traten Schäden im zwei-
Fleisch-, Wurst-, Fischwarenherstellung 70 2006 Sonstiges
bis dreistelligen Millionen-
Backwaren-, Schokoladenherstellung 44 1997 feuergefährliche Arbeiten Euro-Bereich auf. Allein die
Fleischwarenfabrik 44 2000 feuergefährliche Arbeiten hier dargestellten 10 größten
Schäden in diesem Zeitraum
Knabberartikelherstellung 37 1993 Sonstiges/Unbekannt beliefen sich auf eine halbe
Keks- und Waffelfabrik 35 1988 Brandstiftung Milliarde Euro Schadenauf-
wand.
Großbäckerei 32 1994 Brandstiftung
Brauerei 29 1988 feuergefährliche Arbeiten Quelle: Gesamtverband der
Deutschen Versicherungs-
Schinkenräucherei 28 1994 Elektrizität wirtschaft e. V. (GDV), Berlin

4 Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007


Im Fokus

Zusatzproduktion durch Mehrschichtbetrieb in Abb. 2 Die verschiedenen Schadenursachen


Tochterbetrieben, Fremdzukauf von Waren und
Fremdproduktion. Trotz der betrieblichen
18 % 15 %
Kontinuitätsplanung ist mit einem geschätzten
versicherten Betriebsunterbrechungsschaden
von rund 40 Millionen € zu rechnen.
12 %

Schadenursache
Grund für den Brand war die Überhitzung eines 31%
Frittierbeckens. Zwar gab es eine automatische 9%
Temperaturüberwachung mithilfe von Temperatur-
8%
grenzwertgeber und Objektschutzanlage – doch die
Steuerung der Frittieranlage arbeitete fehlerhaft 7%
und verursachte ein Überkochen des Öls und
dessen Entzündung.
elektrische Ursachen leicht brennbare
Die Frittieranlage verfügte über eine Objektschutz- Stoffe
Brandstiftung
Löschanlage, die – den ersten Ermittlungen zu-
feuergefährliche Überhitzung
folge – korrekt auslöste. Das Öl heizte sich aber
Arbeiten Explosion
weiter auf und entzündete sich erneut. Ein Test der
weitere/unbekannte
Löschanlage durch Experten lässt vermuten, dass
Ursachen
ein Schütz 1 klemmte. Er war für den Temperatur-
grenzwertgeber (280 °C), den Temperaturfühler
Analysiert man die Schaden-
und die Auslösung der Löschanlage gemeinsam ursachen, so fällt auf, dass mit
geschaltet, aus sicherheitstechnischer Sicht wären rund einem Fünftel (rund 18 %)
jedoch drei unabhängige Schütze notwendig elektrische Ursachen (Elektrizi-
gewesen. Für Risikobesichtigungen ähnlicher tät, ortsfeste Elektroinstallatio-
Betriebe ist dieser sicherheitskritische Punkt nen) vorherrschen, gefolgt von
unbedingt nachzuhalten. Brandstiftung (15 %), feuerge-
fährlichen Arbeiten (12 %),
leicht brennbaren Stoffen (9 %),
Resümee Überhitzung (8 %), Explosion
Aufgrund der hohen baulichen und betrieblichen (7 %) und weiteren/unbe-
Brandlasten und zusätzlich großer Brandabschnitte kannten Ursachen (31 %).
breitete sich das Feuer bis zum Eintreffen der
Feuerwehr ungewöhnlich schnell aus. Besonders Quelle: Gesamtverband der
ungünstig wirkten sich dabei die verwendeten Bau- Deutschen Versicherungswirt-
schaft e. V. (GDV), Berlin
materialien aus – Sandwichwände und Dachbauten
mit brennbarer Isolierung. Der geschätzte Schaden
insgesamt: rund 110 Millionen €.

Großbrand bei einem Tiefkühlproduzenten

Schadenhergang
Gegen 6.30 Uhr meldete man einen Brand in einer
von drei Werkshallen des Herstellers. Als die ersten
Löschkräfte eintrafen, schlugen die Flammen
bereits meterhoch. Das Feuer war in einer vollauto-
matisierten Palettieranlage ausgebrochen und griff
schnell auf die riesige, rund 6 000 m2 große Halle
über. Anwohner bestätigten, dass das Gebäude
gegen 6.45 Uhr bereits ein einziges Flammenmeer
war; mehrere Explosionen gefährdeten die umlie-
genden Privathäuser.

1 Ein Schütz ist ein Schalter mit galvanisch getrennten


Kontakten, der elektromagnetisch funktioniert.
Ein Steuerstrom ßießt durch eine Magnetspule, wobei
die magnetische Anziehung mechanische Kontakte betätigt
und der Stromkreis (Steuerstrom = Hilfskontakte;
Hauptstrom = Hauptkontakte) schließt. Solange der
Steuerstrom ßießt, wird die Einschaltstellung gehalten.

Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007 5


Im Fokus

Werke 1 und 2 der Fleisch- Auch das Dach der Werkshalle


und Wurstwarenfabrik nach des Tiefkühlproduzenten war
dem Brand: Der Dachaufbau eingedeckt mit Trapezblech mit
mit brennbarer Isolierung trug Schaumdämmung und Kunst-
maßgeblich zur schnellen stofffolienabdichtung.
Ausbreitung des Feuers bei.

Verbogen und verbrannt: die


Außenwände der Werkshalle –
MetallproÞl-Sandwichelemente
mit Schaumdämmung.

6 Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007


Im Fokus

Weitere Löschkräfte wurden nachalarmiert und Schadenursache


auch die Feuerwehr eines nahe gelegenen Militär- Nach ersten Erkenntnissen löste den Brand ein
ßughafens entsandte Personal. Insgesamt waren technischer Defekt in einer Bündelmaschine für
rund 300 Feuerwehrleute im Einsatz. Zusätzliche tiefgekühlte Gemüse- und Fertiggerichtpakete aus.
Erschwernis: Das Feuer brachte mehrere Kühl- Bei der Endverpackung werden hier Tiefkühlkost-
leitungen mit Ammoniak zum Platzen, sodass sich Pakete sortiert und mit PE-Folie umwickelt. Diese
eine giftige Rauchwolke über der Einsatzstelle wird anschließend mit Heißluft geschrumpft – das
bildete. Als sie in Richtung Stadt zog, evakuierte Heißluftgebläse hatte sich aufgrund des Defekts
man vorsorglich die Anlieger; eine vielbefahrene überhitzt.
Bahnstrecke, die am Firmengelände entlangläuft,
wurde eine Stunde lang gesperrt. Resümee
Bei diesem zweitgrößten Schaden der Nahrungs-
Da die Werkshalle nicht gerettet werden konnte, mittelindustrie 2006 in Deutschland wurde eine
konzentrierte sich die Feuerwehr schließlich dar- große Produktionshalle vollständig zerstört. Das
auf, die angrenzenden Gebäude zu schützen: Man Feuer war in der automatischen Palettieranlage
lenkte die städtische Wasserversorgung teilweise ausgebrochen und hatte schnell auf das gesamte
um und zog aus 18 Hydranten gleichzeitig Lösch- Gebäude übergegriffen. Besonders ungünstig
wasser – erst am Nachmittag konnten die letzten wirkte sich auch hier die Bauweise aus: leicht
Einsatzkräfte abrücken. brennbare Materialien wie Sandwichelemente mit
Schaumdämmung. Nur die Brandabschnittstren-
Schaden nungen zum nächsten Gebäude und zum Kühlhaus
Obwohl man den Entstehungsbrand frühzeitig verhinderten, dass sich der Brand fortsetzte.
erkannt hatte, breitete sich das Feuer bis zum Ein-
treffen der Feuerwehr rasend schnell aus. Für die Für Gebäude, Betriebseinrichtungen, Vorräte,
Halle war ein Totalschaden zu verzeichnen, die Schadenminderung und Betriebsunterbrechung
Flammen fraßen sich über Verpackungsfolien, musste nach ersten Schätzungen mit einem
das Transportsystem aus brennbarem Kunststoff- Gesamtschaden von bis zu 70 Millionen € gerech-
gliederband sowie den ebenfalls brennbaren Dach- net werden.
bereich aus Holzschalung mit Bitumendachein-
deckung zügig fort. Das Gebäude bestand aus Erhebliches Großschaden-Potenzial –
Stahlbetonstützen und -bindern mit einer Dachein- damals wie heute
deckung aus Trapezblech mit Schaumdämmung
und Kunststofffolienabdichtung. Die Nahrungsmittelindustrie hat nach wie vor ein
hohes Großschaden-Potenzial, die Schadenursa-
Im Abschnitt Palettierung waren MetallproÞl- chen sind immer wieder die gleichen, etwa elek-
Sandwichelemente mit Schaumdämmung für die trische Defekte, Brandstiftung, feuergefährliche
Außenwände vorhanden, im Abschnitt Produktion Arbeiten, leicht brennbare Stoffe oder Überhitzung.
Porenbeton-Wandpaneele und Innenausbauten mit Diese Großschäden und zahlreiche weitere Schä-
MetallproÞl-Sandwichelementen – diese ebenfalls den belegen:
mit Schaumdämmung.
– Hauptschadenursachen sind Mängel an elektri-
Neben der Palettieranlage zerstörten die Flammen schen Anlagen, z. B. durch nicht risikogerechte
Fertigungslinien, Förder-, Einschweiß- und Froster- Wartung und Instandhaltung.
anlagen. Zudem machten Rauchgase, Löschmittel
und aus der Kühlanlage ausgetretenes Ammoniak – Hohe bauliche Brandlasten entstehen durch
die Lebensmittel weitestgehend unbrauchbar. brennbare Isolierungen, z. B. Sandwichwände,
Trapezblechdächer mit brennbarer Isolierung und
Die beiden benachbarten Gebäude – Produktions- Bitumeneindeckung. Brennbare Kunststoffbe-
und Kühlhalle – wiesen keine thermischen triebseinrichtungen wie Transporthilfen, Behälter,
Schäden auf, allerdings waren Reinigungsarbeiten Verpackungsmaterialien oder Elektroinstallatio-
nötig. nen führen zu hohen betrieblichen Brandlasten.
Das Feuer kann sich extrem schnell ausbreiten
und erhebliche Verrauchungsschäden verur-
sachen. Da der Rauch teilweise mit toxischen
Stoffen versetzt ist, erschwert das die Arbeit der
Feuerwehr zusätzlich.

Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007 7


Im Fokus

– Gefahrerhöhende Betriebseinrichtungen wie – Automatisierte Produktionslinien und andere


Räucheranlagen, Frittier- und Backeinrichtungen, wertvolle Betriebseinrichtungen erhöhen
Öfen und Trockner haben keinen oder nur mangel- den Versicherungswert erheblich.
haften stationären automatischen Löschanlagen-
schutz. Empfehlungen für die Schadenverhütung

– Großßächige Gebäudekomplexe verfügen oft Bauliche, anlagentechnische und organisatorische


über minderwertige Brandabschnittstrennungen Brandschutzmaßnahmen müssen in der Risiko-
oder diese fehlen ganz. Auch gefahrerhöhende kategorie Nahrungsmittelindustrie zusammenwir-
Betriebsbereiche werden häuÞg baulich nicht ken. Für eine effektive Schadenverhütung
abgetrennt. empÞehlt sich:

– Waren bzw. Produktionsmittel (Nahrungsmittel) Baulicher Brandschutz


werden bei einem Brand sehr leicht durch Rauch – Komplex- oder Brandabschnittsßächen sollten
und Löschwasser beschädigt. so klein wie möglich gehalten werden, damit die
Feuerwehr einen Brand wirksam bekämpfen
– Aufgrund der Rauchentwicklung können Klein- kann – bei Brandabschnitten von mehreren tau-
brände zu aufwendigen Sanierungsmaßnahmen send Quadratmetern stößt sie an ihre Grenzen.
führen.
– Gefahrerhöhende Betriebsbereiche sollten von
– Die strengen Reinraum- und Hygieneanforde- anderen Betriebsbereichen feuerbeständig abge-
rungen der Nahrungsmittelindustrie treiben die trennt werden (z. B. Räuchereien, Frittieranlagen,
Sanierungskosten in die Höhe. So ist häuÞg für technische Betriebsräume, Batterieladestationen,
teure Betriebseinrichtungen eine Sanierung nicht Lager für brennbare Flüssigkeiten).
zulässig.
– Ist die räumliche Trennung zwischen Lager und
– Eine fehlende automatische Branderkennung Produktion unmöglich, so ist zumindest eine bau-
verzögert das rasche Eingreifen der Feuerwehr liche Komplextrennung sinnvoll.
unnötigerweise. Diese ist zudem nicht immer
entsprechend ausgerüstet oder verfügt nicht – Der Dachaufbau sollte möglichst feuerwider-
über genügend Löschwasser. standsfähig sein, insbesondere sollte auf
bitumen- und kunststoffhaltige Abdichtungen
– Immer wieder entscheiden Feuerwehren verzichtet werden – als Ersatz dienen beispiels-
bei brennbaren Sandwichpaneelen, dass das weise bitumenfreie Dampfsperren und
Gebäude aus Sicherheitsgründen für den Mineralwollisolierungen.
Löscheinsatz nicht betreten werden
darf – außer zur Rettung von Personen.

Für Feuer in der Nahrungs-


mittelindustrie gilt: Hohe
Brandlasten und starke
Rauchentwicklung erschwe-
ren die Löschmaßnahmen
erheblich. Oft können die
Gebäude aus Sicherheits-
gründen nicht betreten
werden.

8 Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007


Im Fokus

– Auf Sandwichwände und Sandwichdecken mit Fazit


brennbarer Isolierung (Polyurethan, Polystyrol
o. Ä.) ist möglichst zu verzichten. Sandwich- In der Nahrungsmittelindustrie ist das Schaden-
elemente sollten nur für Teilbereiche, kleinßächig potenzial sehr hoch – besonders wenn große
und unter Verwendung geprüfter und zugelas- Brandabschnittsßächen mit hohen baulichen und
sener Bauteile eingesetzt werden (siehe auch betrieblichen Brandlasten einhergehen und gleich-
Weiterführende Informationen). zeitig der anlagentechnische Brandschutz nicht
ausreicht. Wie die Schadenfälle aus 2006 belegen,
Anlagentechnischer Brandschutz stößt dann die Feuerwehr an ihre Grenzen.
– Sind wertintensive oder auch BU-sensitive
Bereiche vorhanden, muss der Betrieb durch Mehr denn je gilt es, künftig bereits in der Pla-
Löschanlagenkonzepte geschützt werden: nungs- bzw. Bauleistungsphase in Bezug auf die
Löschanlagenraumschutz sollte idealerweise für Brandschutzmaßnahmen eingehend zu beraten:
werthaltige Produktions- und Lagerbereiche vor- baulich, anlagentechnisch und organisatorisch.
handen sein. Ziel ist es, bei hohen Brandlasten
den Großschaden durch frühzeitige Bekämpfung Bleibt zu hoffen, dass die Jahre der Rekordschäden
abzuwehren. Löschanlagenobjektschutz ist Vergangenheit sind und wir uns künftig wirkungs-
sinnvoll für gefahrerhöhende Betriebseinrich- voll umgesetzten Schadenverhütungskonzepten
tungen wie Frittier- und Räucheranlagen. in der Nahrungsmittelindustrie widmen können.
Denn nur risikogerechte Schutzkonzepte stellen
– Prüfung und Wartung elektrischer Anlagen, Steue- in Verbindung mit angemessenen Bedingungen
rungen und Sicherheitssysteme sind entschei- und Preisen sicher, dass die Risiken dieses Indus-
dend; die Prüfung kann beispielsweise durch ther- triezweigs auch künftig versicherbar bleiben.
mograÞsche Methoden ergänzt werden.

– Und: Nur in ausreichendem Maße vorhandenes


Löschwasser gewährleistet eine effektive Brand-
bekämpfung.

Organisatorischer Brandschutz
– Wirkungsvoller organisatorischer Brandschutz
ist für BU-sensitive Betriebe der Nahrungsmittel-
herstellung von elementarer Bedeutung: z. B.
durch eine qualiÞzierte Brandschutzorganisation
mit erfahrenem Brandschutzbeauftragten.
Weiterführende Informationen

Für Deutschland gilt: Sand-


wichelemente sind nicht brenn-
bar, wenn nach DIN 4102
(Brandverhalten von Baustof-
fen und Bauteilen) geprüfte
B1-Bauteile (schwerentßamm-
bare Baustoffe) verwendet
werden – etwa Mineralwolle,
Glasfaser oder geschäumtes
Glas. Normen sind beim Deut-
schen Institut für Normung e.V.
kostenpßichtig unter
www.din.de zu bestellen.

International gültige Richt-


linien und Loss-Prevention-
Standards zum Thema
Sandwichelemente haben
wir auf unserer Homepage
www.munichre.com
zusammengestellt.

Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007 9


Im Fokus

Seeschifffahrt
„Ein Schiff sieht Land“ –
Risiken des modernen Schiffbaus

Spektakuläre Schäden bei Bau, Umbau oder Reparatur


von Schiffen auf Werften sind keine Seltenheit. Weltweit
betrug der versicherte Schaden in den vergangenen fünf
Jahren über 750 Millionen US$. Der Risikobewertung
kommt eine tragende Rolle zu – dabei gilt es, zahlreiche
Faktoren zu beachten.

Autoren
Günter Wichmann, Edwin Mast,
beide München

Einer der größten Schadenfälle


der vergangenen Jahre: das
brennende Kühlschiff Cala
Palma. Erst nach zwei Tagen
konnte das Feuer unter
Kontrolle gebracht werden.

10 Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007


Im Fokus

hohen Belastungen ausgesetzt, die nicht selten zu


Schäden führen: Am häuÞgsten kommen Risse an
den Schweißnähten oder mechanische Beschädi-
gungen wie Beulen oder Korrosion vor. Auch
Schäden an Maschinen- und Ruderanlagen sind
möglich.

Um größtmögliche Sicherheit zu gewährleisten,


wird der technische Zustand von Seeschiffen regel-
mäßig von KlassiÞkationsgesellschaften geprüft –
dem „TÜV“ der Schifffahrt. Ist die Besichtigung
erfolgreich, wird die Klasse des Schiffs erneuert;
das bestätigt ofÞziell, dass es den KlassiÞkations-
richtlinien und Bauvorschriften der Gesellschaft
entspricht.
Mehrere hundert Grad Celsius
betrug die Temperatur in den Neben Reparaturen werden auf Werften auch
Laderäumen der Cala Palma.
Umbauten vorgenommen. So erfordern es Ent-
Einzig Löschschaum und
Kühlwasser von außen halfen
wicklungen auf dem internationalen Schifffahrts-
zunächst. markt, aber auch technische Fortschritte oft, ein
Schiff größer – also länger – oder schneller zu
machen. Oder für einen neuen Einsatzzweck kom-
plett umzubauen, etwa ein Massengutschiff (bulk
Seeschiffe werden im Trockendock gebaut oder – carrier) in einen Viehtransporter oder eine Ro-Ro-
das allerdings immer seltener – auf einer Helling, Fähre (Roll-on-Roll-off-Fähre) in ein Kreuzfahrt-
einer geneigten Ebene. Schwimmdocks dagegen schiff.
setzt man überwiegend für Reparaturarbeiten ein.
Im modernen Schiffbau werden immer mehr Brand auf der Cala Palma
Schiffe vollständig in Hallen produziert. Selbst
große Passagier- und Containerschiffe fertigt man Auch die Cala Palma sollte größer werden. Das
inzwischen in überdachten Baudocks. Ziel: das Kühlschiff, Baujahr 2000 mit 13 346 GT,
um rund 15 m auf 190 m zu verlängern. Während
Das Trockendock besteht üblicherweise aus einem es sich im Sommer 2006 in Bremerhaven im Dock
Betonbecken, dessen Boden den Tiefgang des befand, durchtrennte man es und fügte eine neue
größten zu bauenden Schiffs übersteigen muss. Mittschiffssektion ein. Bei den abschließenden
Das Docktor schließt das Becken zum Wasser hin Arbeiten brach am 8. August ein Brand aus: Offen-
ab. Das Schiff ruht auf Pallungshölzern, die sich aus bar hatte das Material, das die Kühlräume (Lade-
Stahl- oder Zementblöcken mit mehreren Lagen räume) isoliert und normalerweise nur schwer
Kantholz zusammensetzen. entßammbar ist, Feuer gefangen.

Nach dem Stapellauf von der Helling bzw. dem Die Temperatur in den Laderäumen betrug meh-
Aufschwimmen des Schiffrumpfs im Baudock wird rere hundert Grad Celsius und die Flammen fraßen
dieser zum Ausrüstungskai verholt und fertig aus- sich unaufhaltsam durch das Schiff. Da die Hitze
gerüstet. Nach der Endausrüstung führt man ab- die Stiefelsohlen der Einsatzkräfte sowie die Visiere
schließende Tests und die Werftprobefahrt durch. der Schutzhelme geschmolzen hätte, konnte die
Feuerwehr zunächst nur von außen Löschschaum
Der Bau des Schiffsrumpfs macht den maßgeb- in die Laderäume pumpen und die Schiffswände
lichen Teil des Fertigungsprozesses aus: Der Rumpf äußerlich mit Wasser kühlen. Über 40 Feuerwehr-
eines großen Containerschiffs etwa besteht aus leute waren im Einsatz, trotzdem wurde der Brand
über 100 000 Einzelteilen. erst nach zwei Tagen unter Kontrolle gebracht.
Ein Totalschaden wurde vermieden – dennoch
Reparatur und Umbau schätzt man den Gesamtschaden auf eine zwei-
stellige Millionenhöhe.
Werften bauen nicht nur Seeschiffe, sie führen
auch Wartungs- oder Reparaturarbeiten aus –
einige konzentrieren sich sogar ausschließlich
darauf. Beim täglichen Einsatz auf See sind Schiffe

Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007 11


Im Fokus

Chronologie der Schadenfälle

Willem van der Zwan, Januar 2007


Ein Brand, der während Reparaturarbeiten aus-
brach, verursachte einen Totalschaden des im
Jahr 2000 gebauten niederländischen Trawlers
Willem van der Zwan (9 375 GT, Länge 142 m). Der
versicherte Schaden wird auf über 40 Millionen
US$ geschätzt.

Lindoe NB No. 203 (Emma Maersk), Juni 2006


Und wieder Feuer: Ein Brand beim Bau der Emma
Maersk, eines der weltweit größten Container-
schiffe (93 500 GT, rund 13 000 TEU, Länge 397 m),
verursachte vor allem Schäden im Deckshaus
des Containerriesen, der bereits zu rund 95 %
fertiggestellt war. Möglicherweise entzündeten
Schweißarbeiten das Feuer, das einen geschätzten
Schaden in zweistelliger Millionenhöhe verur-
sachte.

Pride of America, Januar 2004


Die Pride of America (80 439 GT, Länge 283 m) erlitt
einen immensen Schaden, während sie am Aus-
rüstungskai der Werft lag. Ein Sturm brachte das
Kreuzfahrtschiff zunächst in leichte Schräglage,
Nach dem Sturm: Die Pride sodass durch mehrere Montageöffnungen an der
of America liegt mit Schlag- Steuerbordseite – der Seite, die der Ausrüstungs-
seite an der Pier. Sie wurde
pier zugeneigt war – Wasser eindrang. Das Schiff
erst im Juni 2005 der Reede-
rei übergeben – mehr als ein
bekam dadurch noch mehr Schlagseite und die vier
Jahr nach dem ursprüng- unteren Decks einschließlich des Maschinenraums
lichen Termin. liefen voll Wasser. Die Pride of America setzte auf
den Grund des Hafens auf. Bergung und Schaden-
beseitigung nahmen mehrere Monate in Anspruch
und kosteten die Versicherer insgesamt rund
225 Millionen US$.

Al Riyadh, Januar 2004


Bei Reparaturarbeiten in einer Werft verursachte
ein Brand auf der Megayacht Al Riyadh (Baujahr
1978, Länge 60 m) einen geschätzten Schaden von
30 Millionen US$.

Westerdam, Oktober 2003


Ein Feuer auf Deck Nummer 6 des Kreuzfahrt-
schiffneubaus Westerdam (86 000 GT, Länge 290 m),
das sich bereits an der Ausrüstungspier der Werft
befand, breitete sich über mehrere Decks aus. Der
Schaden wird auf über 60 Millionen US$ beziffert.

Taifun Maemi, September 2003


Taifun Maemi beschädigte mehr als 20 Schiffe
auf verschiedenen koreanischen Werften.
Teilweise riss der tropische Wirbelsturm Schiffs-
neubauten vom Ausrüstungskai los. Man schätzt
den versicherten Gesamtschaden auf 30 bis
50 Millionen US$.

12 Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007


Im Fokus

Costa Fortuna, April 2003


Der Brand auf Deck Nummer 8 des sich in Bau
beÞndlichen Kreuzfahrtschiffs Costa Fortuna
(101 350 GT, Länge 272 m) führte auch zu Schäden
auf den Decks 7 bis 9. Der Gesamtschaden wird auf
20 bis 40 Millionen US$ geschätzt.

Diamond Princess, Oktober 2002


Ein Feuer auf dem Kreuzfahrtschiff Diamond Prin-
cess (115 875 GT, Länge 290 m) beschädigte das fast
fertiggestellte Schiff erheblich. Man schätzt den
versicherten Gesamtschaden einschließlich der
Forderungen wegen der verspäteten Übergabe des
Schiffs auf rund 310 Millionen US$.

Versicherung von Schiffsneubauten, Umbauten


und Reparaturen

Die Bauwerft trägt bis zur Übergabe an den Auf-


traggeber das Risiko für Schäden am Schiffsneu-
bau, darüber hinaus für die Schäden, die durch das
in Bau beÞndliche Schiff Dritten oder an den Werft-
anlagen entstehen können. Das kommt insbeson-
dere beim Aufschwimmen, Stapellauf und bei der Taifun Maemi: Mit Windstärken
Probefahrt vor. Die üblichen Deckungsgrundsätze bis zu 215 km/h einer der stärks-
ten Stürme Südkoreas – er
von Schiffbauversicherungen können Sie dem
brachte auch das Hotelschiff
Info-Kasten rechts unten entnehmen. Ferris Flotel zum Kentern.

Schiffsumbauten und Reparaturen werden im Als auf der Diamond Princess


Rahmen der Umbau- und Reparaturversicherung aus bis heute ungeklärter Ursa-
gedeckt. Da Schiffsumbauten in der Regel länger che Feuer ausbrach, stand sie
dauern als Reparaturen, wird das Schiff während kurz vor der Übergabe an die
Reederei.
der Bauzeit oft aus der Deckung der Kaskoversiche-
rung genommen. Es wird dann zusammen mit
der Umbauleistung, welche die Werft erbringt,
unter einer Umbauversicherung versichert. Dabei
gelten die gleichen Deckungsgrundsätze wie
beim Neubau.

Wird das Schiff repariert, bleibt sein Eigner Schiffbauversicherungen decken


üblicherweise kaskoversichert. Anders die Werft: üblicherweise:
Hier wird unterschieden zwischen der Deckung
von Schäden an der Reparaturleistung der Werft – Beschädigung oder Verlust des Neubaus
(Reparaturversicherung) und Schäden an dem und seines Zubehörs – etwa nautische
Ausrüstung, Inventar
Schiff, das die Werft zur Reparatur übernommen
hat (Haftpßichtversicherung). Die Deckung beider – Beschädigung oder Verlust der Werftan-
Risiken kann für die Werft auch in einer Reparatur- lagen durch Einwirkung des Neubaus oder
und Haftpßichtversicherung zusammengefasst seines Zubehörs, wobei Helgen oder
werden. Pallungshölzer oftmals von der Deckung
ausgeschlossen werden

– Kosten für die Hebung oder Beseitigung


des Neubaus sowie Aufräumkosten

– Beschädigung oder Verlust während des


Aufschwimmens bzw. Stapellaufs, der
Verholung zum Ausrüstungskai und dem
Liegen am Ausrüstungskai

– Beschädigung oder Verlust während der


Probefahrt

Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007 13


Im Fokus

Risikobesichtigung und Risikobewertung Unabhängig davon, ob man die empfohlene Klausel


JH 143 oder eine vergleichbare Riskassessment-
Das Joint Hull Construction Risks Sub-Committee, Klausel aufnimmt oder ob man individuelle Verein-
London, stellte im November 2003 eine neue barungen trifft, sollte ein Besichtiger in jedem Fall
„Shipyard Risk Assessment Clause“ (Klausel JH vor Bau- bzw. Reparaturbeginn folgende Punkte
143) vor. Nicht zuletzt waren hierfür einige der auf prüfen:
Seite 12–13 aufgeführten Schäden verantwortlich.
Im Wesentlichen umfasst die Klausel eine verbind- – geograÞsche Risiken der Werft (z. B. Erdbeben-
liche Besichtigung der Werft vor Baubeginn bzw. gebiet, Sturmexponierung) sowie Umweltrisiken
Reparatur des Schiffs. Alle Empfehlungen des – allgemeiner Zustand der Werft und „General
Besichtigers (surveyor) sind innerhalb einer von Housekeeping“
ihm festgelegten Frist umzusetzen. Die Werft muss – Management der Subunternehmer
außerdem sicherstellen, dass seine Empfehlungen – Qualitätsmanagementsysteme und interne
während des Baus bzw. der Reparatur eingehalten Prozesse
werden. Während der Laufzeit der Versicherung – Notfallplanung und Brandschutz/Brandbekämp-
kann der Versicherer zudem Folgebesichtigungen fung
verlangen. Üblicherweise trägt er dafür auch die – Arbeitsgenehmigungen (z. B. SchweißzertiÞkate)
Kosten; die Kosten der Umsetzung eventueller – Ausrüstung der Werft
Empfehlungen und Außagen des Besichtigers – Prozedere des Stapellaufs und der Werftprobe-
gehen aber zulasten der Werft. fahrt
– Sicherheit des Betriebsgeländes, Zugangs-
Die Klausel lässt in ihrer Formulierung „It (= The kontrollen zum Werftgelände und zum Schiff
Shipyard Assessment) shall include but not be limi- – Schadenhistorie
ted to“ ausreichend Raum, um den detaillierten
Umfang der Besichtigung risikoadäquat auszuge- Aktuelle Trends im Schiffbau
stalten – und speziÞsche Besonderheiten zu
berücksichtigen. Weltweit konsolidieren und konzentrieren sich
Werften derzeit. Gerade in Korea und China entste-
hen neue Werften bzw. steigen Zulieferer, die bis-
her auf den reinen Komponentenbau spezialisiert
waren, in den Bau ganzer Schiffe ein – einerseits
um am aktuellen Auftragsboom teilzuhaben,
andererseits weil die bestehenden Schiffbaukapa-
zitäten schlicht nicht mehr ausreichen.

Abb. 1 Größenentwicklung im Containerschiffbau weltweit (1986–2007)

1 000 Größer, schneller, stärker:


Gerade beim Bau von
Containerschiffen zeigt sich
800
der vorherrschende Trend im
Schiffbau besonders deutlich.
600
1 000 TEU
(Twenty-foot Equivalent Unit =
400
20-Fuß-Container-Einheit)

Tragfähigkeit in Tonnen
200 (in Mill. deadweight =
Maßeinheit für die
Tragfähigkeit eines Schiffs)
0
1986 1988 1990 1992 1994 1996 1998 2000 2002 2004 2006 Anzahl der Schiffe

Quelle: ISL based on LR/Fairplay

14 Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007


Im Fokus

Darüber hinaus entwickelte sich in nur wenigen – Das Transportrisiko einzelner Bauteile von Sublie-
Jahren der Bau von Megayachten zu einem eigen- feranten steigt. Ebenso das Risiko des Umschlags
ständigen Marktsegment. Aufgrund ihrer besonde- und Handlings von Schwerkomponenten beim
ren Ausrüstung übersteigen die Baupreise der Zusammenbau auf der Werft.
Yachten oftmals sogar die der größten Container-
schiffe. In diesem Segment kommt der Risikoexpo- – Die angestrebten kürzeren Lieferzeiten setzen die
nierung in der Endausrüstungsphase, bei der Belegschaften der Werften unter immer stärkeren
Erprobung und bei einem eventuellen späteren Produktivitätsdruck. Dies kann Qualitätseinbußen
Umbau ganz besondere Bedeutung zu. bei der Fertigung und höhere Sicherheitsrisiken
nach sich ziehen.
Im internationalen Schiffbau sind daneben
folgende für die Risikobewertung relevante Ent- Fazit
wicklungen und Trends zu beachten:
Fest steht: Jeder Schiffsneubau und jede Reparatur
– Ungebrochen ist die rasante Größen- und damit verlangen eine exakte Planung und umfangreiche
auch Wertentwicklung, gerade im Container- Schadenvorsorgemaßnahmen. Alle Tätigkeiten
schiffbau (Abb. 1). Ein Ende ist derzeit nicht abzu- sollten daher noch vor Arbeitsbeginn zwischen
sehen. Werft, Schiffseigner/-manager, Versicherer und
KlassiÞkationsgesellschaft in einem verbindlichen
– Neubauten werden generell mit mehr Hightech Plan festgehalten werden – soweit möglich mit
und hochwertiger ausgerüstet – sei es bei der Zeitangaben und Terminen. Die Schadenfälle ver-
Brücken- und Navigationseinrichtung, der gangener Jahre brachten es ans Licht: Bei Umbau-
Maschinensteuerung oder den sonstigen Ein- oder Reparaturarbeiten verursachen insbesondere
bauten. Brenn- und Schweißarbeiten an fast fertiggestell-
ten bzw. voll ausgerüsteten Schiffen vielfach Groß-
– Infolgedessen wird die Exponierung während der schäden – sie sind also erhebliche Risikofaktoren.
Ausrüstungs- und Testphase der Schiffe immer
höher. Risikobesichtigungen der Versicherer bzw. von
ihnen beauftragter Experten werden immer wich-
– Die Fertigungstiefe bei den Werften nimmt stetig tiger, um mögliche Risiken zu erkennen und das
ab – Subunternehmen kommt dagegen immer Risikomanagement der Werften zu verbessern.
größere Bedeutung zu. FremdÞrmen müssen ins- Den Ergebnissen dieser Besichtigungen müssen
besondere jedoch vor Tätigkeiten auf der Werft ebenso kritische Risikobewertungen folgen.
umfassend in das Sicherheitskonzept eingewie-
sen werden.

– Wegen des Markt- und Kostendrucks soll die


heute übliche Komponentenbauweise die Bau-
zeiten der Schiffe weiter reduzieren. Die Folge:
Einzelne Bestandteile werden immer größer,
komplexer und schwerer und müssen oft über
weite Seestrecken transportiert werden.

Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007 15


Im Fokus

Bauwesenversicherung
Hochhaus der Superlative

In den Vereinigten Arabischen Emiraten entsteht ein


Bauwerk wie aus einem Märchen aus Tausendundeiner
Nacht: der Burj Dubai (Turm von Dubai) – das zurzeit höchste
Gebäude der Welt, dessen Bau auch die Münchener Rück
begleitet. Ein solches Bauwerk zu errichten birgt
außerordentliche Risiken. Neben Sachschäden, die es zu
vermeiden gilt, geht es auch um Prestige.

Autor
Albrecht Domke, München

Der Burj Dubai, Teil der Groß-


baustelle Downtown Dubai.
Auch für den Bauwesen-
versicherer ist die Errichtung
eines so riesigen Gebäudes
eine Herausforderung.

16 Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007


Im Fokus

Ursprünglich sollte der Burj Dubai 705 m hoch Entwurf


werden, doch wegen des weltweiten Wettstreits
im Wolkenkratzerbau hob man die Höhe inzwi- In Downtown Dubai planen Bauingenieure extra-
schen auf 815 m an. Es könnte durchaus sein, dass vagante architektonische Entwürfe bis zur Aus-
man noch höher hinaus will. führungsreife. Bei steigender Höhe werden neue
technische Höchstleistungen notwendig. Beson-
Für den Bauwesenversicherer ist die Errichtung dere statische Berechnungen, Windkanalunter-
eines so riesigen Gebäudes eine Herausforderung: suchungen, Erdbebensimulationen und auch der
Lage, Entwurf, Naturgefahren, Baugrund, Grün- Einsatz hochtragfähiger Baustoffe (Hochleistungs-
dungsmaßnahmen, das aufgehende Bauwerk – betone, hochfeste Stähle, orkansichere Vergla-
alles ist fachmännisch zu beurteilen, um nicht nur sungen) sind erforderlich, um die Querschnitte der
die typischen, sondern darüber hinaus die beson- tragenden Bauteile in noch vertretbaren Abmes-
deren Baurisiken erkennen und das Risikomanage- sungen zu halten.
ment mit umsetzen zu können.
Jederzeit muss mit Entwurfsänderungen gerechnet
Baustelle werden – auch während der Bauarbeiten. Der
jüngst beschlossene Höhenzuwachs des Burj von
Die Baustelle des Burj, das Herzstück des Stadtent- 110 m hat zur Folge, dass vor allem höhere seis-
wicklungsgebiets Downtown Dubai, liegt etwa mische und höhere Windlasten sicher abgeleitet
5 m über dem mittleren Meeresspiegel. Der Sicher- werden müssen. Das stuÞge Design des Burj
heitsabstand zur Küstenlinie reicht aus, der Flug- bestimmte der Wind.
hafen ist etwa 4 km entfernt, die Flugkorridore
beÞnden sich seitlich der Baustelle. Geplant war der Burj ursprünglich als reines Apart-
menthaus. Das Nutzungskonzept für die unteren
In der näheren Umgebung des Burj stehen zahl- 40 Stockwerke (vom Apartment- zum Hotelbereich)
reiche weitere Hochhäuser – teilweise sind sie und für die obersten 40 Etagen (vom Apartment-
noch im Bau. Der Abstand beträgt jedoch mindes- zum Bürobereich) wurde nachträglich verändert.
tens 150 m. Damit ist die Gefahr von Schäden an Da Hoteletagen jedoch mehr Versorgungslei-
Dritteigentum durch herabstürzendes Baumaterial tungen erfordern, aber noch keine genaue Raum-
eher gering, zumindest während die unteren aufteilung vorlag, musste der Bewehrungsgrad für
Stockwerke errichtet werden. Das Risiko wächst die Decken erhöht werden. Damit wurde sicher-
aber bei zunehmender Höhe des Bauwerks wegen gestellt, dass für nachträgliche Kernbohrungen
des stärkeren Windeinßusses. für Versorgungsleitungen ausreichende statische
Sicherheit besteht.
Weitere Gefahren entstehen, falls in den unteren
Stockwerken (Hotelbereich) der Betrieb aufgenom- Naturgefahren
men wird, während man darüber noch baut. Folg-
lich sind die Nutzer der unteren Etagen, der Haft- Die Erde unter Dubai ist zwar seismisch aktiv, Erd-
pßichtversicherer des Bauunternehmers und der beben – durch Verschiebung der Arabischen gegen
Bauherr selbst einem erhöhten Risiko ausgesetzt. die Eurasische Platte – ereigneten sich bislang aber
Neben Personen- und Sachschäden ist auch mit immer auf der iranischen Seite des Persischen
Betriebsunterbrechungen zu rechnen, wenn etwa Golfs. Der Burj ist erdbebensicher bemessen – die
Versorgungsleitungen gekappt werden oder die seismischen Kennziffern in den vertikalen und hori-
Behörden die Baustelle nach einem Unfall zur zontalen Lastfällen für die Gründung und das auf-
Ursachenforschung sperren. gehende Bauwerk wurden berücksichtigt.

Eine frühzeitige Inbetriebnahme ist vor allem Stürme, stürmische See und nennenswerte Nieder-
in Asien recht üblich, da Projekte häuÞg knapp schläge drohen nicht. Der in dieser Gegend
kalkuliert sind und man das „Neue“ schnell typische Shamal (ein Sandsturm) ist berechenbar
vermarkten möchte. und sein Auftreten gut vorherzusagen. Gefährliche
Turbulenzen treten nur bis etwa 300 m über der
Landoberßäche auf.

Doch bereits der normale Wind ist stark. Die maxi-


male Auslenkung der Antenne auf der Spitze des
Burjs wird auf ±12 m berechnet. Windkanalunter-
suchungen wurden bis zu einer Gebäudehöhe von

Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007 17


Im Fokus

Abb. 1 Grundstruktur des Burj Dubai Die Grundßäche des Turms


symbolisiert eine Wüsten-
blume, deren „Blütenblätter“
aus dem zentralen Gebäude-
kern wachsen. Nach oben
hin werden sie kürzer, sodass
sich der Turm spiralförmig
verjüngt.

Quelle: Blaasch, Gerhard:


Die Höhe liegt noch im Nebel –
Burj Dubai wird das höchste
Gebäude der Welt, in: TIEFBAU
2/2007, BG BAU (Hrsg.).

525–815 m
375 m
250 m
27 m
Kran
Betonverteiler-
mast

900 m erfolgreich durchgeführt. Die Struktur des Dieses elektrochemische Verfahren verhindert
Turms bildet ein Y-förmiger Gebäudekern sowie mithilfe eines Schutzstroms, dass sich Metallionen
drei Flügel. Diese sind besonders in den unteren aus den Metalloberßächen lösen.
Etagen mit zahlreichen Wänden spantenartig
ausgesteift, um eine extreme TorsionssteiÞgkeit zu Gründung
garantieren. Mit zunehmender Höhe enden die
Gebäudeabschnitte so, dass sich der Turm spiral- Bei der Gründung, die innerhalb eines Jahres
förmig verjüngt. Diese unregelmäßige Form des abgeschlossen war, ging man von einer Höhe von
Wolkenkratzers lenkt die Windkräfte ab – ein 705 m aus, davon 544 m in Stahlbetonbau- und
Aufstauen wird verhindert. 161 m in Stahlbauweise. Gesamtmasse: etwa
500 000 t. Das entspricht dem Startgewicht von
Daneben sind die extrem hohen Temperaturen rund 900 vollbesetzten Flugzeugen des Typs
(bis zu 50 °C) und die Luftfeuchtigkeit im Sommer Airbus A380.
die Faktoren, welche die Baurisiken erhöhen.
Der Baubetrieb unterliegt deshalb besonderen Ausgeführt wurde eine Pfahlgründung aus 194
Anforderungen (siehe Abschnitt „Aufgehendes bewehrten, rein auf Mantelreibung bemessenen
Bauwerk“). Ortbetonpfählen von etwa 50 m Länge und 1,5 m
Durchmesser, die 50 m tief auf tragfähigem Sand-
Baugrund stein gründen. Darüber goss man in Blütenblatt-
form (siehe Abb. 1) die 3,7 m dicke Bodenplatte.
Die Baustelle beÞndet sich auf bisher unbebautem Das ausladende Podium, das den Turm in den
Wüstenboden mit der für Dubai typischen Schich- unteren Stockwerken umgibt, ruht auf 650 Pfählen
tung von Schwemmland. Der Grundwasserspiegel (90 cm Durchmesser). Von Beginn an rechnete man
liegt 2,5 m unter der Geländeoberkante; Grund- höchste Sicherheitsfaktoren ein, sodass die Trag-
wasser und Böden sind wegen signiÞkanter Sulfat- fähigkeit der Gründung für die veränderte Höhen-
und Chloridanteile als aggressiv einzustufen; konzeption sicher nachgewiesen werden konnte.
wasser- und bodenberührende metallische Bau- Dabei haben die zusätzlichen 110 m einen ver-
teile könnten korrodieren – besonders die stahl- gleichsweise geringen Eigengewichtszuwachs zur
bewehrten Gründungspfähle. Man entschied sich Folge, da sich der Turm stark verjüngt.
deshalb für einen kathodischen Korrosionsschutz.

18 Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007


Im Fokus

Aufgehendes Bauwerk

Nicht nur Höhe und Design machen den Burj


zu etwas Besonderem, extrem sind auch die
Anforderungen an Betonarbeiten (Betonqualität,
Förderung und Schalungskonzept), Baukräne
und Brandschutz.

Betonarbeiten
Um möglichst schlanke Bauteile ausführen zu kön-
nen, verwendet man Betone mit hoher Druckfestig-
keit, maßgebend sind Zementqualität und Korn-
größe der Zuschlagstoffe. Fachgerechte Mischung
und Förderung sorgen dafür, dass der Beton beim
Einbau richtig abbindet und die ihm zubemesse-
ne Tragkraft entfaltet. Doch die hohe Tagestempe-
ratur gestattet nur kurze Transportwege, meist wird
deshalb nachts betoniert. Drei Mischanlagen mit
einer Gesamtkapazität von 120 m³/h stehen direkt
neben der Baustelle. Steig-, Verteiler- und Spül-
leitungen führen zu den Einbaustellen, alle Leitun-
gen sind entsprechend dem Baufortschritt nachzu-
führen.

Die bisher höchste vertikale Förderung lag bei


532 m, beim Burj sind 601 m zu bewältigen. Die
Betonpumpen haben extreme Förderdrücke aufzu-
bauen – erwartet werden 200 bar. Also entwickelte
man besondere Superhochdruck-Pumpen – Rohr-
leitungen, Kupplungen und Verschlussorgane
müssen die Drücke aufnehmen können. Außerdem
spielt auch hier die hohe Tagestemperatur wieder
eine Rolle. Große Dehnungen in den vertikalen
Betonförderleitungen sind wahrscheinlich. Zudem
können hohe Drücke zu Stopfern in der Förderlei-
tung führen, die z. B. entstehen, wenn der Beton
beim Fördervorgang entmischt wird. Also setzt
man Betonzusatzmittel wie Superverßüssiger ein,
um die richtige Konsistenz zu erhalten.

Die schwierigen bau- und schalungstechnischen


Aufgaben unterliegen strengsten sicherheitstech-
nischen Außagen. Unter anderem ermöglichen Um eine Förderhöhe von über
spezielle Selbstkletterschalungen den schnellen 600 m zu bewältigen, wurden
besondere Superhochdruck-
Baufortschritt. Alle Mannschaften für den Drei-
Pumpen entwickelt.
schichtbetrieb sind besonders geschult und
nehmen jeden Monat an sicherheitstechnischen Die fünf Hauptleitungen für
Besprechungen teil. Um die Deckenschalungs- die Betonförderung sind fest
arbeiten abzusichern, klettert ein weiteres spezi- verankert. Alle Leitungen
elles, unabhängiges Schutzschildsystem mit. müssen Drücke von 200 bar
Es bewahrt Menschen vor einem Sturz von den aushalten können.
Deckenrändern und die unteren Baustellen-
bereiche vor herabfallendem Baumaterial. Und:
Um zu verhindern, dass der Gebäudekern wellen-
förmig klettert, vermisst man ihn während des
Bauens mit modernster GPS-Vermessungstechnik.

Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007 19


Im Fokus

Baukrane
Drei Nadelauslegerkrane klettern im Gebäudekern
in Führungsrahmen. Ihr Vorteil: Der Drehkreis-
radius der Maschinenbühne ist kurz, was umso
wichtiger wird, je mehr sich der Turm verjüngt.
Das Eigengewicht der Krane sowie die Kräfte und
Momente aus den Nutzlasten des Baubetriebs
leitet man über die Rahmen in das Gebäude ab.
Die größte Gefahr besteht darin, dass unzurei-
chend gesicherte Baulasten herabfallen könnten.
Auch Materialversagen bei den Kranen ist denkbar.
Beim Bauprojekt Burj sind wegen der außer-
gewöhnlichen Anforderungen Baumaschinen und
-ausrüstung getrennt von der CAR-Police
versichert.

Brandschutz
Auf der Großbaustelle „Downtown Dubai“ gab es
bereits einige Feuerereignisse. Dem Brandschutz
für den Burj kommt deshalb und aufgrund seiner
extremen Höhe eine besondere Bedeutung zu.

Das Brandrisiko lässt sich vor allem durch organi-


satorische Maßnahmen mindern, korrekte Ausrüs-
tung und genaueste Einhaltung aller Sicherheits-
vorschriften sind bei rund 2 000 Mitarbeitern in drei
Schichten unabdingbar. Dazu zählen z. B. striktes
Rauchverbot und brandschutztechnische Außagen
bei Schweiß- und Schneidarbeiten im Stahlbau.
Außerdem ist die Baustelle ständig von brenn-
Spezielle Selbstkletterscha- baren Abfällen zu säubern.
lungen ermöglichen einen
schnellen Baufortschritt.
Für den technischen Brandschutz ist das Hochzie-
Um die Deckenschalungs-
arbeiten abzusichern, klettert
hen einer Feuerlöschdruckleitung mit dem Baufort-
ein spezielles, unabhängiges schritt unabdingbar. Nur so steht bei Ausbruch
Schutzschildsystem mit. eines Feuers während der Bauzeit Löschwasser in
ausreichender Menge und Druck am Brandherd
zur Verfügung. Zudem sind bereits während des
Baus zahlreiche Aufzüge vorhanden, sodass eine
schnelle Evakuierung der Baustelle stets gewähr-
leistet ist.

Tab. 1 Die fünf höchsten Gebäude der Welt

Gebäude Stadt, Land Höhe


Burj Dubai* (im Bau) Dubai, Vereinigte Arabische Emirate 815 m
Taipei 101 Taipeh, Taiwan 509 m
Shanghai World
Financial Center Schanghai, China 492 m
Petronas Tower I und II Kuala Lumpur, Malaysia 452 m
Sears Tower Chicago, USA 442 m

Quelle: Emporis 9/2007, * ohne Quelle

20 Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007


Im Fokus

Versicherungsaspekte

Der Bau des Burj Dubai fordert nicht nur Bauin-


genieure und Baupersonal heraus, sondern auch
die Versicherer. Bei Abschluss der Hauptpolice
beispielsweise verlangte man, die fertiggestellten
Gründungsarbeiten in den Deckungsumfang
aufzunehmen – ohne dass die Versicherer die
Ausführung der Arbeiten begleiten konnten. Ein
Gutachten räumte die Bedenken aus, aber alle
Änderungen am Hauptkonzept (material change in
risk) wie Gebäudehöhe und Nutzung waren neu
abzustimmen und in der Police umzusetzen.

Besonders bei Bauten dieser Größenordnung sind


baubegleitende Risikomanagementmaßnahmen
und eine enge Zusammenarbeit aller am Projekt
beteiligten Parteien unabdingbar. Wesentlich ist
auch, dass die Versicherer Baufortschrittsberichte
bekommen und Einsicht in Materialprüfprotokolle
nehmen können. So können neben den periodisch
stattÞndenden Baustellenbegehungen (z. B. zur
Überprüfung der Brandschutzmaßnahmen) bei
Bedarf auch außerordentliche Besuche und
Besprechungen auf der Baustelle eingefordert
werden.

Hoch, höher, überholt

Der Superlativ Burj Dubai könnte schon bald über-


Drei Nadelauslegerkrane klet- holt sein, denn Al Burj (der Turm) soll 1 200 m hoch
tern im Gebäudekern in Füh- werden. Gekrönt von zwei bis zu 300 m hohen
rungsrahmen. Eigengewicht
Antennen, würde er eine Gesamthöhe von 1 500 m
der Krane sowie die Kräfte und
Momente aus den Nutzlasten
erreichen.
des Baubetriebs werden über
die Rahmen in das Gebäude Quellen
abgeleitet. Blaasch, Gerhard: Die Höhe liegt
noch im Nebel – Burj Dubai wird
das höchste Gebäude der Welt,
in: TIEFBAU 2/2007, BG BAU
(Hrsg.), S. 66–77.

Reina, Peter: Dubai! The


Mideast’s Boomtown – Com-
merce, leisure drive city’s emer-
gence from the desert, in:
Engineering News-Record (ENR),
November 2006, S. 24–33.

Weiterführende Informationen
Informationen zum Thema
Hochhäuser bietet unsere
Broschüre mit demselben Titel.
Ihre Bestellung – Stichwort
Hochhäuser – schicken Sie an
schadenspiegel@munichre.com.

Das Wissensportal der Techni-


schen Universität Dresden –
www.baumaschinen.de –
informiert Sie über Bau- und
Baustoffmaschinen. Alle Artikel
der Fachzeitschrift TIEFBAU sind
hier, sortiert nach Jahrgängen,
zu recherchieren und kostenlos
als PDF erhältlich.

Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007 21


Schadenprävention

Geknackte Kassen:
kontrollierte Sprengungen
von Geldtresoren

Um Geldautomaten künftig
besser gegen Angriffe
sichern zu können, hat die
Bundesanstalt für Material-
forschung und -prüfung
(BAM) im Auftrag der VdS
Schadenverhütung GmbH
systematische Sprengver-
suche an verschiedenen
Automatentypen durch-
geführt.

Bei den Tests kamen die


gleichen Gasgemische zum
Einsatz, die in der Vergan-
genheit auch von Tätern
verwendet wurden. Die
Automaten wurden zuvor
mit Druck- und Temperatur-
sensoren ausgerüstet, um
die Wirkung der Explosi-
onen auf das Material der
Geldtresore zu messen.

Mithilfe von Hochgeschwin-


digkeitsvideoaufnahmen
konnte das Materialver-
sagen schließlich genau
analysiert werden.

22 Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007


Schadenprävention

Schadenprävention
Achtung Panzerknacker!
Überfall auf Geldautomaten

Kriminelle Angriffe auf Geldautomaten in Bank- und Sparkassen-


Þlialen sind keine Seltenheit. Doch seit einigen Jahren hat die
Zahl der Übergriffe erheblich zugenommen. Dabei entstehen teils
immense Sachschäden durch demolierte oder ausgebrannte
Filialräume, zerstörte Automaten und – nicht zuletzt – erbeutetes
Bargeld.

Autor
Eckhard Schäper, München

Geldautomaten sind Bestandteil 2. Durch zerstörerische Angriffe auf einem Zünder zur Explosion. Sogar
unseres modernen Lebens. Sie Geldautomaten gelangen die Täter technische Laien können diesen aus
erlauben uns, ßexibel überall und zu auf direktem Weg an das Bargeld. Feuerzeug, Klingeldraht, Klebeband
jeder Tages- oder Nachtzeit Bargeld und Lötzinn herstellen – und auch für
abzuheben oder einzuzahlen. Gerade bei der zweiten Kategorie die Sprengung ist keine Spezialaus-
wenden die Verbrecher nicht selten bildung nötig.
In ihren Anfangszeiten standen die rohe Gewalt an. Oft werden gestoh-
Automaten ausschließlich in den Vor- lene Baumaschinen wie Radlader, Die Explosion führt in den Automaten
räumen der BankÞlialen oder waren Bagger oder gar Kleinlaster benutzt: zu einem gewaltigen Druckanstieg.
fest in deren Außenwänden instal- Mit den Fahrzeugen verschaffen sie Heutige Geldautomaten können dem
liert. Auf diese Weise konnten Kunden sich Zugang zu den Vorräumen der Druck nicht standhalten – und platzen
auch außerhalb der Schalterstunden Geldinstitute und reißen die Auto- daher wie Luftballons.
Geld abheben. Mittlerweile stehen maten aus ihrer Verankerung.
Geldautomaten aber auch an vielen Die Schäden
öffentlichen Orten: etwa in Einkaufs- Anschließend transportieren sie sie
zentren, Bahnhöfen oder Flughäfen. an einen sicheren Ort, um – ganz nach Ein Risiko bleibt: Die Gasmenge lässt
Panzerknacker-Manier – mit dem sich schlecht dosieren – die Täter
Kriminelle Energien Schneidbrenner an das Bargeld zu unterschätzen daher oft die Druck-
kommen. Die Übergriffe sind zwar welle, die beim Sprengen der Geld-
Straftaten im Zusammenhang mit brachial, dauern in der Regel nur automaten entsteht. Die Automaten
Geldautomaten lassen sich in zwei wenige Minuten, weshalb die Polizei werden in den überwiegenden Fällen
Kategorien unterteilen: am Tatort meist nur noch einen zwar geöffnet, aber nicht selten
komplett zerstörten Automatenraum verwüstet die Sprengung auch den
1. Die Täter bearbeiten die Geld- vorÞndet. Vorraum des Geldinstituts.
automaten mit dem Ziel, Kunden-
daten auszuspähen oder -karten In Luft aufgelöst Teile der Einrichtung werden zerstört,
auszulesen. Fenster- und Türen oft meterweit
Die neueste Entwicklung: Geldauto- geschleudert. HäuÞg wird sogar die
Hierfür manipulieren sie die Tastatur, maten mithilfe explosionsfähiger Außenfassade des Gebäudes beschä-
montieren einen Kartenleser, um Gas-Luft-Gemische zu sprengen. digt und Fensterscheiben der benach-
Kartenkopien zu erstellen, oder Diese Methode ist weder zeitlich barten Gebäude gehen zu Bruch. Der
bringen eine Minikamera an, um noch technisch aufwendig. Die Täter Gesamtschaden kann leicht mehrere
Pinnummern auszuspionieren. leiten über einen dünnen Schlauch hunderttausend Euro erreichen, zumal
handelsübliches Schweißgas in den die Geldausgabeautomaten oft mit
Automaten und bringen das Gas- bis zu 300 000 € Bargeld bestückt
Luft-Gemisch anschließend mit sind.

Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007 23


Schadenprävention

Der Geldautomat: Hightech mit In Deutschland fertigte man Geld-


Geschichte automaten erst gegen Ende der Sieb-
zigerjahre. Aber auch die weltweite
Geldautomaten sind keineswegs eine Verbreitung ließ noch einige Zeit auf
ErÞndung des modernen Computer- sich warten. Geldinstitute und Kun-
zeitalters. Der erste Prototyp eines den nahmen den neuen Service nur
funktionsfähigen Automaten stand zögerlich an, was vermutlich auch an
bereits 1939 in der City Bank of der unausgereiften Technik und unzu-
New York. Jedoch: Die Kunden akzep- reichenden Sicherheit lag. Mittler-
tierten ihn nicht wie erhofft – man weile ist in Deutschland jedoch die
schaffte ihn nach nur sechsmonati- vierte Generation der Bargeld-
gem Testbetrieb wieder ab. automaten in Betrieb.

1965 griff der Amerikaner Donald Der Siegeszug


Wetzel die Idee erneut auf. Anfang
der Siebzigerjahre waren seine In den Achtzigerjahren hielt der Geld-
Automaten dann marktreif. 5 Millio- automat schließlich weltweit Einzug
nen US$ Entwicklungsbudget hatten in den Alltag. Genaue Zahlen über die
sich gelohnt: Bankkunden konnten installierten Geräte liegen nicht vor –
jetzt sogar ihren Kontostand prüfen jedoch geht man davon aus, dass sie
und Geld vom Spar- auf das Giro- in den USA, Kanada, in weiten Teilen
konto umschichten. Europas und sonstigen Industrielän-
dern ßächendeckend verbreitet sind.
Ein Produkt – mehrere ErÞnder In den übrigen Ländern steigt die
Zahl der Automaten moderat – aber
Etwa zeitgleich arbeitete in England stetig.
der Schotte John Shepherd-Barron
an der Entwicklung und 1967 stand
sein erster Ausgabeautomat in der
Barclays Bank in EnÞeld Town im
Norden von London. Er funktionierte
mit schwach radioaktiven Schecks,
die alle notwendigen Informationen
gespeichert hatten.

Monitor ID-Kartenleser

EPP PC

Tresor

Geldkassette
Schematischer Aufbau eines
Geldautomaten
Der Automat besteht aus einem
Geldkassette Standard-PC mit zugehöriger
Peripherie wie Kartenleser, Ein-
gabetastatur, Bildschirm und
Geldkassette Drucker. Ein Encrypting PIN
Pad (EPP) erfasst die Geheim-
zahl. Die verschiedenen Geld-
Geldkassette kassetten schließlich sind
innerhalb des Gehäuses in
einem separaten Tresor unter-
Auszahlmodul
gebracht.
Gehäuse
Quelle: Münchener Rück

24 Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007


Schadenprävention

Vorbeugende Maßnahmen Doch oft sieht die Realität anders aus: Anmerkung der Redaktion
Ist ein separater Bestückungsraum Dieser Beitrag entstand in
freundlicher Zusammenarbeit
Eine aktuelle Untersuchung der VdS vorhanden, trennen ihn nicht selten
mit der VdS Schadenverhütung
Schadenverhütung GmbH hat nur einfach zu überwindende Leicht- GmbH, Köln www.vds.de.
ergeben, dass kein moderner Geld- bauwände vom Vorraum des Geldins-
automat derartigen Sprengangriffen tituts. Besonders leicht gemacht wird
standhalten kann. Der Markt bietet es den Tätern bei sogenannten Front-
bisher auch keine zuverlässig getes- laderautomaten: Hier werden die
teten Nachrüstprodukte. Mit anderen Geldkassetten von derselben Seite
Worten: Um die Automaten gegen eingesetzt, von der auch der Kunde
Gas-Sprengungen zu sichern, muss Zugriff auf den Automaten hat.
die gesamte Konstruktion grund-
legend überarbeitet werden. Bei- Fazit: Das Sicherheitsrisiko effektiv
spielsweise sind eine massivere zu minimieren verlangt nach tech-
Bauweise oder der Einsatz von Gas- nischen und konstruktionsbedingten
sensoren zur Alarmauslösung nötig. Verbesserungen vonseiten der Auto-
matenhersteller, auch damit solche
Jedoch: Die stetig steigende Zahl Risiken versicherbar bleiben.
gesprengter Geldautomaten drängt Besonders freistehende Geldauto-
zur Eile – es gilt also schnell, wirksame maten oder Frontlader, wie sie neuer-
Gegenmaßnahmen zu ergreifen. dings in Bahnhöfen oder Einkaufs-
zentren zu Þnden sind, sind hoch
Derzeit ist der technisch wirkungs- exponiert.
vollste Schutz, den Geldautomaten
so aufzustellen, dass die Täter die Tür Aussichten
zum Wertbehältnis, also den Tresor
mit Geldkassetten (siehe Schema), Die Bundesanstalt für Materialfor-
nicht erreichen können. Konkret: Der schung und -prüfung (BAM) und die
Automat muss in einer einbruchhem- VdS arbeiten auf diesem Spezialge-
menden Wand eingebaut sein und biet der öffentlichen Sicherheit eng
darf auf keinen Fall freistehen. zusammen. Neben praktischen
Untersuchungen diskutiert man auch
Die Sicherungsrichtlinien für Banken mit den Automatenherstellern über
und Sparkassen (VdS-Richtlinie 2472) bautechnische Anpassungen.
weisen außerdem darauf hin, dass
der Bestückungsraum, also der Raum, Erste VdS-anerkannte Sicherungs-
von dem aus der Geldautomat mit maßnahmen folgen in Kürze – etwa
den Geldkassetten gefüllt wird, mög- ein Einfärbesystem, das durch eine
lichst einbruchsicher ist. Zusätzlich unlösliche Markierung der Geld-
zur bautechnischen Sicherung sollte scheine die weitere Verwendung für
er deshalb über eine Alarmanlage die Täter fast unmöglich macht.
verfügen, die mit einer zertiÞzierten
Notrufzentrale verbunden ist.

Unnötiges Risiko: Gerade


freistehende Geldauto-
maten machen es den
Tätern besonders leicht.

Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007 25


Schadenprävention

Schadenprävention
Paris: Stadt der einfallsreichen Diebe
Ein Einbruch in einem Juweliergeschäft im Herzen von Paris –
eigentlich keine Seltenheit. Doch wer hätte gedacht, dass sich die
Einbrecher unterirdisch Zugang zum Geschäft verschaffen und
durch die Kellerdecke in die Verkaufsräume gelangen. Welche
Maßnahmen sollten ergriffen werden, um solche Einbrüche zu
verhindern? Das Kompetenzzentrum Jewellers’ Block der Münchener
Rück befasst sich mit dieser Frage und anderen Themen rund um
die Juwelierversicherung.

Autor
Philippe Dietz, München

Anfang 2006 erfasste eine Welle von Auch dieser Umstand ist dem Ein Täter kommt selten allein
Einbruchsdelikten die französische Geschick der Einbrecher zuzuschrei-
Hauptstadt. Objekte der Begierde ben: Um möglichst keinen Lärm zu Ende August 2006 meldete die Polizei
waren Juwelierläden, aber auch machen, wurden Alarmsirenen recht- schließlich einen ersten Erfolg: Dank
Tabak-, Bekleidungs- und Elektronik- zeitig mit Schaumstoff überdeckt eines Hinweises aus der Nachbar-
geschäfte. Die Täter schlugen vor und wurde so ihre Lautstärke gedros- schaft konnte sie eine Gruppe von
allem am Wochenende und in den selt. Außerdem verfügten die Einbre- fünf Verdächtigen verhaften. Man
frühen Morgenstunden zu und cher über moderne, geräuscharme ging davon aus, dass die Einbrüche
gingen dabei stets ebenso professio- Maschinen. Am Tag vor dem Einbruch nun schlagartig aufhören würden.
nell wie rafÞniert vor: Den Zugang kamen sie als normale Arbeiter Doch weit gefehlt. Inzwischen
zu den Gebäuden verschafften sie verkleidet – die Nachbarn mussten kopierte ein weiteres Einbrecherteam
sich über die Kellerräume. also davon ausgehen, dass gewöhn- die erste Gruppe. Ein Hinweis aus der
liche Reparaturarbeiten am Haus Einbrecherszene brachte die Polizei
Dazu muss man wissen, dass in vie- vorgenommen wurden. Auf diese schließlich auf die Spur der neuen
len alten Pariser Gebäuden die Keller Weise konnten die Löcher bis kurz vor Täter. Sie konnten zwei Monate
vom Innenhof aus zu erreichen und Durchbruch der Decke vorbereitet später in ßagranti erwischt werden.
meist nur mit einfachen Sicherheits- werden – unbemerkt und zu Zeiten, in Die Männer waren gerade dabei, zwei
schlössern gesichert sind. Offensicht- denen die Geschäfte in Paris äußerst benachbarte Juwelierläden „zu öff-
lich verfügten die Einbrecher aber gut besucht sind. nen“. Da ihnen auch die vorherigen
zudem über sehr gute Kenntnisse der Einbrüche angelastet werden konn-
lokalen Gegebenheiten: An einer Um in die Verkaufsräume zu gelangen, ten, normalisierte sich die Situation
bestimmten Stelle im Keller durch- reichte es bei Nacht schließlich aus, in Paris wieder.
stießen sie die Decke und gelangten die letzte Schicht der Bodendecke zu
so gezielt mitten in den Geschäfts- durchstoßen. Dort mussten die Ein- Werte absichern
raum. brecher nun in wenigen Minuten
möglichst viele Wertgegenstände ein- Juweliere handeln teilweise mit
Schadenhergang sammeln. Sie berücksichtigten dabei, Millionenwerten. Schadenprävention
dass sie auch nach Auslösen der ist deshalb auf diesem exponierten
Im Prinzip ist dies eine klassische Alarmanlage noch genügend Zeit Nischenmarkt sowohl für Geschäfts-
Einbruchsmethode. Doch wie konnte hatten, bis die Polizei kam. So konnten inhaber als auch für Versicherer
es passieren, dass die Einbrecher sie sich immer rechtzeitig vom Tatort extrem wichtig, denn fest steht: Jede
unbemerkt Löcher in Böden oder entfernen. Sicherungslücke erkennen die Täter
Wände stießen und dabei teilweise sofort und nutzen sie aus.
sogar Gitterstäbe durchbrachen? Im ersten Halbjahr registrierte die
Schließlich hatte – wie die Befra- französische Polizei 40 Einbrüche Das Team Jewellers’ Block der Mün-
gungen der Polizei ergaben – keiner dieser Art, wobei in weniger als drei chener Rück arbeitet daher eng mit
der Nachbarn etwas gehört, ob- Monaten allein 15 rund um Paris externen Sicherheitsexperten zusam-
wohl die Einbrüche nachts oder in verübt wurden. Der Schaden ging in men, die bei einer Risikobesichtigung
den frühen Morgenstunden verübt die Millionen und vonseiten der die mechanischen und elektroni-
wurden. Versicherer wurde der Ruf nach schen Sicherungen der Geschäfte
strengeren Außagen für die Limite
der Wertgegenstände laut, die sich
nicht im Safe beÞnden.

26 Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007


Schadenprävention

überprüfen. Unsere Underwriter Besonders wachsam sollte der Versi- Zusätzlich zu mechanischen und
beurteilen das Risiko und geben den cherungsnehmer dann sein, wenn elektronischen Sicherungen wie ein-
Experten schon vor der Besichtigung Nebenräume leer sind oder renoviert bruchsicheres Glas oder Videoüber-
klare Anweisungen, inwieweit die werden sollen. Von dort aus können wachung haben sich sogenannte Ver-
Sicherheit zu verbessern ist – etwa Einbrecher oft ungestört arbeiten und nebelungsmaschinen als wirksame
bei Glasqualität, Alarm- oder Schließ- beispielsweise eine an das Juwelier- Methode der Schadenverhütung
anlagen. geschäft angrenzende Wand durch- erwiesen. Dabei wird nach Auslösen
brechen. In diesem Fall muss der des Alarms in Sekundenschnelle
Schlecht gesicherte Risiken sollte Geschäftsinhaber seinen Versicherer Rauch im gesamten Verkaufsraum
der Versicherer nicht akzeptieren, da über die mögliche höhere Gefähr- verteilt. Der Einbrecher kann die Vitri-
es lediglich eine Frage der Zeit ist, dung informieren. nen nicht erkennen – und folglich
bis es hier zu Schäden kommt. Und: auch nichts stehlen. Besonders wich-
Größtmögliche Sicherheit sollte Möglichkeiten der Schaden- tig ist es aber, die Maschine regel-
nicht zuletzt auch im Interesse des verhütung mäßig zu warten, damit sie im Ernst-
Versicherungsnehmers liegen, da fall auch wirklich einsatzbereit ist.
sie seinem persönlichen Schutz Die Anforderungen an Sicherheits- Und auch wenn der Rauch nicht
dient. standards zum Schutz von Wert und gesundheitsschädlich ist, sollte eine
Leben sind hoch – Qualität geht solche Vernebelungsanlage nur
Was Einbrecher anlockt aber stets vor Quantität. Dabei gilt: außerhalb der Öffnungszeiten ver-
Bestimmte Vorsichtsmaßnahmen wendet werden.
Keine anderen Gegenstände haben können zwar das Einbruchsrisiko
eine so hohe Wertedichte wie Dia- reduzieren; letztlich kann es aber nie
manten oder Juwelen – leicht ver- ganz ausgeschlossen werden. Weiterführende Informationen
schwinden dabei mehrere Millionen Zu Jewellers’ Block können
Euro in den Jackentaschen der Diebe. Im Idealfall wird der Juwelier seine Sie sich auf unserer Homepage
In aller Regel wissen Einbrecher Auslagen und Vitrinen außerhalb der www.munichre.com
genau, dass sich ein Teil der Ware Geschäftszeiten vollständig leeren informieren. Hier Þnden
außerhalb der Öffnungszeiten in den und die Ware im Safe verschließen. Sie auch unsere Broschüre
„Jewellers’ Block“ und
Vitrinen eines Juwelierladens beÞn- Aufgrund großer organisatorischer
Kontakte zu den Experten.
det. Andernfalls würden sie das Schwierigkeiten ist dies aber nur in
Risiko eines Einbruchs erst gar nicht den wenigsten Fällen möglich. Die
in Kauf nehmen, denn Zufälle gibt es Versicherer sollten jedoch sicherstel-
in diesem Milieu kaum. Die Täter sind len, dass zumindest die wertvollsten
fast ausnahmslos gut vorbereitet Stücke außerhalb der Öffnungszeiten
und gehen zunehmend professio- im Safe gelagert werden.
neller vor.

Alles Böse kommt von unten:


Auch Stahlträger und Beton
konnten die Einbrecher nicht
davon abhalten, die Keller-
decke zu durchbrechen.

Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007 27


Einzelschäden

Das Lagergebäude erlitt


durch den Brand schwere
strukturelle Schäden. Ge-
lagert waren Matratzen, Öl
und elektronische Geräte.

28 Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007


Einzelschäden

Brand in einem Lagergebäude


Autoren
Markus Braun, Elke Gunsenheimer,
beide München

Lager abgebrannt, Güter unbeschädigt – ist das kisten, bis es der Feuerwehr gelang, den Brand
möglich? Wie schwierig es ist, den Zustand elek- dort lokal zu begrenzen. Doch erst sieben Stunden
tronischer Geräte und Haftungsfragen nach einem nach Brandbeginn war das Feuer gelöscht.
Brand zu beurteilen, zeigen wir am Beispiel eines
Lagergebäudes, das nach dem Feuer abgerissen
werden musste. Heißarbeiten

Ein etwa 125 m langes und 25 m breites Gebäude Der Begriff „Heißarbeiten“ fasst alle Arbeiten mit
nahe der kroatischen Hauptstadt Zagreb diente mit offener Flamme und Tätigkeiten zusammen, bei
seiner gesamten Fläche als Lagerraum. Das Erdge- denen Funken entstehen können: zum Beispiel
schoss sowie die Hälfte des Kellers mietete eine Schweißen, Löten, Schleifen und Trennen. Unacht-
Firma, die sich auf Lagerung und Kommissionie- sam durchgeführte Heißarbeiten zählen weltweit
rung elektronischer Produkte verschiedener Mobil- zu den häuÞgsten Brandursachen. Oft wird die
funkzulieferer spezialisiert hat. Die restliche Lager- Reichweite des Funkenßugs unterschätzt, sodass
ßäche im Keller teilten sich zwei lokale Firmen. Schwelbrände über Stunden hinweg unentdeckt
Eine lagerte Matratzen, die andere Motoröl. bleiben, bis offene Brände entstehen. Im gewerb-
lichen Bereich ist deshalb der sogenannte Schweiß-
Am 10. September 2005, kurz nach Mittag, pas- erlaubnisschein ein wesentlicher Bestandteil der
sierte es: Bei Schweißarbeiten an einer Abtrennung Brandschutzordnung. Dieses Formular muss der
zwischen Matratzen- und Öllager setzten Funken Arbeiter vor jeder Heißarbeit ausfüllen und sich vom
einige Matratzen in Brand; ein vom Mieter des Sicherheitsverantwortlichen genehmigen lassen.
Matratzenlagers beauftragter Schweißer hatte ver- Es dokumentiert, wer, wann, wo, wie lange und
säumt, die für Heißarbeiten notwendigen Sicher- woran arbeitet, die getroffenen Brandschutzvor-
heitsvorkehrungen zu treffen. Er versuchte, den kehrungen und den Namen desjenigen, der die
Brand sofort zu löschen – vergeblich: Das Feuer Kontrollen nach Beendigung der Arbeit durchführt.
breitete sich über das Verpackungsmaterial rasch
aus. Daraufhin verständigte er die Feuerwehr.
Schadenausmaß
Noch vor ihrem Eintreffen griff der Brand auf das
benachbarte Öllager mit insgesamt 180 t Motoröl Der Brand zerstörte sämtliche Waren und Einrich-
in Gebinden zu 60 und 150 l über. Während sich die tungsgegenstände im Keller. Im Erdgeschoss hin-
Feuerwehr bemühte, den Brand mit Wasser zu gegen, wo die meisten der versicherten Güter
löschen, entzündeten sich größere Ölmengen, lagerten, schienen einige Dinge den Brand unbe-
worauf die Einsatzkräfte nicht vorbereitet waren. schadet überstanden zu haben. Lediglich an drei
Da sich Wasser nicht zum Löschen von Öl eignet, Stellen hatte das Feuer die Kellerdecke durch-
mussten sie Schaummittel von einer nahe gele- brochen – hier verbrannten die Waren. Darüber
genen RafÞnerie beschaffen. Kostbare Zeit ging hinaus waren Güter in den oberen Fächern eines
verloren, in der sich der Brand weiter ausbreitete. 7,5 m hohen Regals Temperaturen über 200 °C aus-
gesetzt und deshalb unbrauchbar geworden. Das
Die Decke des Kellers bestand aus Stahlbeton und übrige Lagergut wies – zumindest optisch – keine
hatte keine Öffnungen zum darüberliegenden Brandschäden auf.
Stockwerk. Erst nach einigen Stunden hielt sie der
enormen Hitze des Ölbrands nicht mehr stand,
und gab zum Teil nach. Durch die nun entstande-
nen Öffnungen griff der Brand auf das Erdgeschoss
über und entzündete mehrere hölzerne Transport-

Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007 29


Einzelschäden

Die Eigentümer der Waren drängten trotzdem


darauf, den gesamten Lagerinhalt als Totalschaden
anerkannt zu bekommen – unabhängig von einer
Beschädigung der Geräte. Ihre Begründung: Die
Neuware könne aus Qualitätsgründen nicht mehr
verkauft werden.

Versicherungsumfang

Der Lagerhalter hatte für die ihm anvertrauten


Gegenstände eine Sachversicherung abgeschlos-
sen. Da die Versicherer hofften, dass nicht alle
Geräte durch den Brand beschädigt waren, galt es
herauszuÞnden, welche Geräte entschädigungs-
pßichtig sind und welche nicht. Außerdem gab es
für einen Großteil des Lagerguts eine zweite Sach-
versicherung über den Eigentümer der Waren. Aus
juristischer Sicht war daher zu klären, ob die Vor-
aussetzungen für Doppelversicherung vorlagen.

Doppelversicherung

Da die Waren im Lagerhaus sowohl durch den


Versicherer A als auch durch den Versicherer B
versichert waren, sah B die Voraussetzung für
Doppelversicherung als gegeben an und verlangte
von A, von einem Teil der Ansprüche seines
Versicherungsnehmers freigestellt zu werden.

Der Deckungsumfang der Police des Versicherers B


Die Stahlbetondecke, die den beschränkte sich auf die reine Sachdeckung, wäh-
Keller vom Erdgeschoss trennte, rend die Police des Versicherers A zusätzlich noch
verformte sich durch die große
eine „Brands and Labels“-Deckung1 sowie eine
Hitze.
Deckung für Betriebsunterbrechung enthielt.
Kaum zu glauben: Ein Teil der
Güter war schwer beschädigt, Versicherer A bestritt, dass eine Doppelversiche-
andere dagegen (im Hinter- rung vorlag. Die Beteiligten holten verschiedene
grund des Bilds) wiesen nicht Rechtsgutachten ein, die zu unterschiedlichen
einmal Verformungen der Ergebnissen führten und im Wesentlichen die Stand-
Verpackung auf.
punkte ihrer Auftraggeber bestätigten.

Zu diesem Zeitpunkt wurde das Versicherungs-


recht geändert, doch es griff noch die Fassung vor
der Novelle. Sie führte das Vorliegen von Doppel-
versicherung auf fünf Voraussetzungen zurück:

– dasselbe versicherte Objekt


– Versicherung gegen dieselbe Gefahr
– dieselbe Versicherungsperiode
– dasselbe versicherte Interesse
– mehrere Versicherer

1 „Brands and Labels“-Klausel: Zusatzklausel in einem


Sachversicherungsvertrag, die den Umgang mit Zwischen-
und Endprodukten regelt, die bei einem Schaden teilweise
beschädigt wurden, jedoch noch einen Restwert besitzen.

30 Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007


Einzelschäden

Hauptstreitpunkt war, ob ein gemeinsames ver- – Variante zwei: den Nachweis erbringen, dass
sichertes Interesse vorlag. Versicherung A vertrat keine äußeren Einßüsse eine Schädigung herbei-
die Auffassung, dass ein Lagerhalter und der führten. Das heißt: Die Geräte durften während
Eigentümer der Waren nicht die gleichen versicher- des Brands weder hohen Temperaturen noch
ten Interessen haben können: Ein Lagerhalter ver- korrosiver Atmosphäre ausgesetzt sein.
sichert die Waren, um seinen Verpßichtungen aus
dem Verwahrungsvertrag nachzukommen; das Also beauftragten die Versicherer unabhängige
Interesse des Eigentümers zielt hingegen auf den PrüÞnstitute und konnten nachweisen, dass keine
Ersatz seines beschädigten Eigentums. korrosiven Gase freigesetzt worden waren.
Außerdem hatte die gute Verpackung die Geräte
A führte zudem an, dass sich der Gesetzgeber in vor Verunreinigungen durch Asche, Ruß und
der Novelle klar auf die Personenidentität des Löschwasser geschützt.
Versicherungsnehmers ausrichte. Im vorliegenden
Fall aber handle es sich um zwei Versicherungs- Wesentlich schwieriger gestaltete sich der Nach-
nehmer, nämlich Lagerhalter und Eigentümer. weis, dass die Temperatur in vielen Bereichen des
Lagergebäudes die elektronischen Geräte nicht
Versicherung B argumentierte, nicht nur der Eigen- schädigte – als Indikator diente der Verformungs-
tümer, sondern auch der Lagerhalter habe ein ver- grad der für die Verpackung verwendeten Kunst-
sicherbares Interesse, und zwar auch dann, wenn stofffolien und Klebestreifen. Mehrere Versuche
die Waren aus unterschiedlichen Motivationen ver- bewiesen, dass sich diese Folien bereits ab 80 °C
sichert würden. Ein versicherbares Interesse, das verformen, doch nach internationalen Standards
dem des Eigentümers gleichgelagert sei, hätten müssen elektronische Geräte solche Temperaturen
alle Personen, denen Rechte und Pßichten aus für einen kurzen Zeitraum unbeschadet überste-
ihrer jeweiligen Stellung zu der Sache erwüchsen. hen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit waren also alle
Dies sei bei einem Lagerhalter der Fall. Geräte unbeschädigt, deren Verpackungsfolien
nicht verformt waren.
In vielen Rechtsordnungen weltweit würde der
vorliegende Fall klar als Doppelversicherung ange- Mithilfe dieser Ergebnisse ließ sich schließlich
sehen. Doch in Kroatien gab es damals wenig, nachweisen, dass ein Teil der Geräte keinen
möglicherweise keine Rechtsprechung zu so einem Schaden erlitten hatte und aus Sicht des Sach-
Fall, also bestand für beide Parteien ein hohes Pro- versicherers kein Totalschaden vorlag.
zessrisiko. Man beschloss deshalb, den Fall einem
Schiedsgericht zu unterwerfen. Auch über den
Wortlaut der Schiedsgerichtsklausel gab es sehr
unterschiedliche Auffassungen, doch einigte man
sich schließlich außergerichtlich.

Eine richterliche Entscheidung wäre allerdings


zu begrüßen gewesen, denn langfristig ist eine
entwickelte Rechtsprechung für die Schaden-
abwicklung für Versicherer und Rückversicherer
von Vorteil.

Nachweis der Unversehrtheit

Prinzipiell gab es zwei Varianten, die Unversehrt-


heit der betroffenen Produkte nachzuweisen:

– Variante eins: alle Geräte zum Hersteller zurück-


senden, um umfangreiche Tests durchzuführen.
Wegen der hohen Zahl war diese Möglichkeit
wirtschaftlich nicht sinnvoll.

Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007 31


Einzelschäden

Zementmühle –
Risse in den Mühlendeckeln
Autoren
Wolfgang Martini, München,
Stella Ruiz, Bogotá

Was tun, wenn die Deckel einer Zementmühle ein unabhängiges Forschungsinstitut, die Schweiß-
Risse aufweisen und zu brechen drohen? Reicht nähte und die Schadenursachen zu untersuchen.
Reparaturschweißen aus? Die Antwort: Um den Geprüft werden sollte, ob die Reparatur eine nach-
Schaden nachhaltig zu beheben, müssen Schweiß- haltige Schadenbehebung gewährleistete oder ob
nähte und Schadenursache professionell geprüft möglicherweise weitere Schweißarbeiten vorzu-
und untersucht werden. nehmen seien oder ob die Deckel ausgetauscht
werden müssen. Dazu musste vor allem die Scha-
Auftrag: Untersuchung der Schweißnähte und der denursache ermittelt werden.
Schadenursache
Einsatzort: Zementfabrik, Kolumbien Schweißnaht- und Schadenursachenuntersuchung
Experte: ein unabhängiges Forschungsinstitut
Vorbedingung für die Untersuchung: die Betriebs-
Bei einer routinemäßigen Inspektion seiner geschichte der Mühle, die Ende der 90er-Jahre in
Zementwerke stellte der Eigentümer fest, dass eine Tschechien gebaut worden war. Sie war bereits in
der Zementmühlen beschädigt war. Die Mühlende- verschiedenen Ländern eingesetzt und deshalb
ckel (Stirnwände) hatten im Einlass- und Auslass- mehrmals montiert und demontiert worden. Für
bereich (Einlauf- und Austragsende) Risse, die weit den Zusammenbau in Kolumbien hatte man dann
fortgeschritten waren. Der Auslassdeckel wies Montageösen an die schweren Deckel geschweißt,
bereits eine Rissstruktur von nahezu 270° auf. die nach der Montage wieder entfernt worden
Damit bestand die Gefahr, dass er auseinander- waren. Sehr wahrscheinlich war, dass die Risse
brach. Neben dem Materialschaden würde dann ihren Ursprung an den Schweißpunkten hatten –
auch ein erheblicher Ausfallschaden entstehen. doch was war passiert?

Um den Schaden schnell zu beheben, den Betrieb Das Institut führte verschiedene Prüfungen durch,
der Mühle nicht zu lange zu unterbrechen und unter anderem eine chemische Stoffanalyse, eine
einen Großschaden zu vermeiden, ließ der Eigen- Ultraschall- und eine Härteprüfung. Ergebnis: Das
tümer die gröbsten Risse im Auslassdeckel schwei- Material der Deckel entsprach einem deutschen
ßen. Der Versicherer, der bereits über den Schaden Stahlguss GS-20 Mn5. Die Schwierigkeit bei der
informiert worden war, beauftragte anschließend Bearbeitung oder Reparatur eines solchen Materi-
als liegt darin, dass es sich bei starkem Wärmeein-
ßuss – wie Schweißen ohne Wärmevorbehand-
Zementmühle lung – aufhärten kann. Das Gussmaterial bedarf der
Vorwärmung bis zu 250 °C, bevor Schweißarbeiten
Die in diesem Beitrag beschriebene Zement- durchgeführt werden können. Als nun die Risse
mühle – eine Kugelmühle – besteht aus einer hori- reparaturgeschweißt wurden, konnte das Material
zontal gelagerten Trommel, die an beiden Enden aber nur bis 150 °C vorgewärmt werden. In unmit-
mit schweren Gussdeckeln geschlossen ist (Abb. 1). telbarer Nähe der Schweißnähte wurde es also auf-
Um die Mühle kontinuierlich mit Zementklinker gehärtet – und genau das muss auch passiert sein,
zu befüllen und das Zementmehl zu entnehmen, als die Montageösen angeschweißt worden waren.
sind in den Deckeln Einlass- und Auslasskanäle Denn der Ursprung der Risse lag genau an diesen
angebracht, die auch die Lagerung der Mühle Stellen (siehe auch Abb. 2, Seite 34). Dass sich
bilden. Die Trommel ist innen mit Stahlplatten weitere Risse bildeten, war demnach nicht völlig
ausgepanzert und mit Stahlkugeln (Mahlkörper) auszuschließen.
unterschiedlicher Größe gefüllt. Im Betrieb wird
Zementklinker (nach dem Brennen im Drehrohr-
ofen) durch den Einlasskanal in die Mühle geleitet.
Bei einer Rotation von 15,25 U/min wird er durch
Fall und Reibung der Mahlkörper zu Zement
gemahlen.

32 Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007


Einzelschäden

Schadenbehebung Der Schaden belief sich schließlich auf rund


800 000 €. Die Summe setzte sich zusammen aus
Das Institut empfahl zwar, auch die Risse im Kosten für den Materialschaden und Mehrkosten
anderen Deckel auszuschleifen und reparaturzu- aufgrund von Prozessverlagerung in ein nahe
schweißen, doch die Methode durfte nur als liegendes Werk während der Schweißarbeiten.
vorübergehende Sicherungsmaßnahme – als Hätten Eigentümer und Versicherer nicht so schnell
Provisorium – angesehen werden. Die Deckel eingegriffen, hätte der Vermögensschaden schnell
mussten auf jeden Fall ausgetauscht werden. einen zweistelligen Millionenbetrag erreichen kön-
Damit der laufende Betrieb bis zum Zeitpunkt des nen. Die Ergebnisse der fachgerechten Schweiß-
Austauschs sichergestellt werden konnte, wurden naht- und Schadenursachenuntersuchung ermög-
die Schweißstellen wöchentlich auf weitere Riss- lichten, den Schaden optimal und nachhaltig zu
bildung untersucht. Die neuen Deckel wurden in beheben.
Europa bestellt, nach 18 Monaten geliefert und
sofort eingebaut. Noch ein versicherungstechnischer Hinweis:
Um die maximal mögliche Betriebsunterbrechung
zu ermitteln, sind auch die Besonderheiten und die
eventuellen Lieferzeiten für „unbedeutende“ Einzel-
komponenten zugrunde zu legen.

Abb. 1 Schema einer Zementmühle

Mühlendeckel Mühlendeckel
mit Auslasskanal mit Einlasskanal

Trommel

Lager Lager

Antriebs-Zahnkranz
Quelle: Allianz Zentrum
für Technik GmbH, Ismaning

2 3

4
Experten untersuchen die 6
Risse im Auslassdeckel der
Zementmühle. 2
1 5

1 Lager
2 Risse
3 Position einer ehemaligen
Montageöse
4 Auslassdeckel
5 Trommel
6 Antriebs-Zahnkranz

Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007 33


Einzelschäden

Abb. 2 Sitz der Montageösen (X) mit Rissverlauf


von etwa 270°

765 mm 1 500 mm
Ø 4 960 mm
Ø 4 400 mm
1 730 mm

Weiterführende Informationen
Technisches Grundwissen über
Maschinen und Anlagen bieten
die Technischen Informationen
für Versicherer. Auf unserer
Homepage www.munichre.com
können sie Nr. 3 „Zement-
herstellung“ bestellen oder als
PDF herunterladen.

Quelle: Allianz Zentrum


für Technik GmbH, Ismaning

Im Inneren der Mühle


ist die Rissstruktur
um den Auslasskanal
von nahezu 270° gut
zu erkennen.

34 Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007


Einzelschäden

Projekt Brücke über einen


Stausee: Sieben stählerne,
verstrebte Pfeiler waren in
Wassertiefen bis zu 70 m
auszurichten.

Schwierige Drehung eines Brückenpfeilers


Autor
Klaus Wenselowski, München

Ein Brückenpfeiler droht zu versinken, während er langsam zu Wasser und zog sie mit Schleppkähnen
in einem Stausee positioniert werden soll. zur Absenkstelle, wo sie in die Vertikale gedreht,
abgesenkt und mit vier Hilfspfeilern provisorisch
Für den Bau einer Stahlbrücke in Mexiko, welche Þxiert wurden. Man spülte den Untergrund der vier
die Abschnitte einer neuen Landstraße verbindet Eckröhren aus, bohrte die Löcher für die vier deÞni-
und mit einer Länge von 1 800 m einen 70 m tiefen tiven Pfeiler, brachte Bewehrung ein und verfüllte
Stausee überspannt, waren sieben stählerne, ver- das Fundament und die Eckröhren mit Beton.
strebte Brückenpfeiler im Wasser auszurichten.
Die Jackets aufzurichten zählt zu den kritischen
Der Betreiber hatte etwas mehr als ein Jahr Bauzeit Bauphasen: Aus der horizontalen Schwimmlage
veranschlagt, eine CAR-Police mit speziellen sind sie durch kontrolliertes Öffnen der Diaphrag-
Zusatzdeckungen lag vor. Eingeschlossen waren men in die Vertikale zu bringen und anschließend
auch alle Hilfsbauten und Maschinen. Kosten des abzusenken (Abb. 1, Seite 36).
Projekts: ein niedriger zweistelliger Millionen-US-
Dollar-Betrag. Jacket sinkt unkontrolliert

Rohrfachwerkstrukturen für große Wassertiefen Als der vierte und längste Jacket (80 m) abgesenkt
werden sollte, zwangen schlechtes Wetter und
Die Brückenpfeiler – sogenannte Jackets – fertigte starker Wind dazu, die Arbeiten für einen Tag zu
man am Ufer in horizontaler Lage: aus 10 m langen unterbrechen. Als am nächsten Tag der Jacket
Stahlröhren mit einem Durchmesser von 2,76 m gerade eine 45°-Position erreicht hatte, versagten
und einer Wanddicke von 2,54 cm. Jackets, das plötzlich drei der vier Neopren-Manschetten nach-
sind vierbeinige Pfeiler mit einer Gitterstruktur – einander mit lautem Knall. Der Jacket sank sofort
ähnlich Hochspannungsmasten; solche Funda- unkontrolliert seitlich geneigt auf den Grund des
mentkonstruktionen haben sich bei Ölplattformen Sees, wo er aufrecht, aber mit Schlagseite stabili-
seit Jahrzehnten bewährt. siert werden konnte. Er drohte komplett zu versin-
ken, weshalb Bauherr und Versicherer umgehend
Metallische Schwimmkörper und durchlässige Experten einschalteten. Diese analysierten den
metallische Zwischenwände (Diaphragmen) ver- labilen Zustand des Jackets und entwickelten Ret-
schlossen alle Öffnungen, um die Jackets tungsmaßnahmen.
schwimmfähig zu machen und um sie kontrolliert
absenken zu können; Neopren-Manschetten dich-
teten die Diaphragmen ab. Man ließ die Jackets

Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007 35


Einzelschäden

Abb. 1 Drehung und Absenkung eines


sogenannten Jackets (Brückenpfeiler)

Damit ein Jacket schwimm-


fähig ist, verschließen metal-
lische Schwimmkörper (rot)
und durchlässige metallische
Zwischenwände (Diaphrag-
men) alle Öffnungen.

Anschließend muss der


Jacket aufgerichtet und ab-
gesenkt werden. Dazu ßutet
man die Schwimmkörper
und öffnet die Diaphragmen
kontrolliert. Das ist die kri-
tische Phase.

Bevor der Jacket endgültig


abgesenkt wird, demontiert
man die Schwimmkörper,
spült den Untergrund aus,
bohrt die Löcher für die Pfei-
ler, bringt die Bewehrung
ein und verfüllt das Funda-
ment und die Eckröhren mit
Beton.

Quelle: ICA, Mexiko-Stadt

36 Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007


Einzelschäden

Ingenieurtechnik verhindert Totalverlust

Der Hersteller der Manschetten untersuchte die


geborstenen Neopren-Dichtungen und stellte
daran lediglich normalen Verschleiß fest. Ob die
wetterbedingte Verzögerung die Abnutzung ver-
stärkt hatte, konnte nicht geklärt werden.

Nun hing alles davon ab, ob die geplanten Maß-


nahmen zur Rettung des Jackets griffen.
Schlimmster Fall: Er versinkt vollständig. Man
fuhr Schwimmkräne zur Unfallstelle, um ihn zu
stützen. Taucher sollten die Schwimmkörper, die
beschädigten Diaphragmen und Dichtungen
demontieren, deshalb drückte man kontrolliert
Pressluft ein, um den Jacket anzuheben. Anschlie- Der Jacket war unkontrolliert
ßend wurde er durch reduzierte Pressluft in seine auf den Grund des Sees
gesunken, konnte aber mit
ursprünglich geplante Lage und in die richtige
Schlagseite stabilisiert
Position gebracht. Diese Arbeiten dauerten zwei werden.
Monate – und sie waren erfolgreich. Wichtig für
die Deckung: Da man Versicherer und Schadengut-
achter frühzeitig eingebunden hatte, gelang es,
den Schadenumfang rasch zu erfassen und die
Schadenhöhe sowie die Rettungskosten schnell zu
bestimmen. So stand bald fest: Die CAR-Police
deckte nicht nur den Sachschaden, sondern auch
die Rettungskosten.

Fazit: Die wirksamen ingenieurtechnischen Maß-


nahmen verhinderten den Totalverlust des Jackets;
die endgültige Schadensumme (Sach- und Ret-
tungskosten) betrug nur 10 % des geschätzten
Totalverlusts.

Das Beispiel verdeutlicht mögliche Probleme bei


Schäden, die sich in „Randbereichen“ klassischer
Projektpolicen ereignen – etwa bei Baumaßnah-
men im Wasser. Hier müssen Offshore-Kenntnisse
sowohl im Underwriting wie im Schaden-Bereich
zusammenwirken, um ein risikoadäquates Pricing
und eine effektive und kostenminimierende Scha-
denbearbeitung zu erzielen.

Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007 37


Einzelschäden

Ein Berger liegt neben der


havarierten Excelsior.

Havarie auf dem Rhein –


Binnenfrachtschiff Excelsior verliert Container
Autoren
Günter Wichmann, Tillmann Kratz,
beide München

Betriebsausfallschäden in Millionenhöhe, Kosten Schwierige Bergung


für Bergung, Umleiten und Umladen von Gütern
auf andere Verkehrsträger und Schäden durch Rund 100 Einsatzkräfte von Wasserschutzpolizei,
Lieferverzögerungen: Das ist die Bilanz der Feuerwehr und Bergern benötigten fast eine
Excelsior-Havarie. Der Binnenfrachter verlor Woche, um die schwimmenden, gestrandeten oder
32 Container, die bei Köln den Schiffsverkehr auf gesunkenen Container zu bergen. Wegen der star-
Europas meistbefahrenem Fluss fast sechs Tage ken Strömung waren Taucher, welche die Contai-
blockierten. ner an den Hebegeräten anschlagen sollten, auch
mit Tauchschild nur bedingt einzusetzen. Die Stahl-
Der Containertransport auf Flüssen hat beträcht- seile musste man deshalb mithilfe einer Tauch-
liche Zuwachsraten: Auf deutschen Binnenwasser- glocke anbringen. Anschließend wurden die Contai-
straßen transportierten Schiffe 2005 über 2 Millio- ner mit Schwimmkränen und anderen Hebegeräten
nen TEU, auf dem 1 300 km langen Rhein werden geborgen.
täglich etwa 2 900 Container befördert.
Das Ziel hieß, die Bergung möglichst ohne Verlust
Am 25. März 2007 havarierte das Binnenfracht- von Ladung und Containerteilen abzuschließen,
schiff Excelsior (Baujahr 1986, 105 m lang, 11,40 m damit diese den Rhein nicht weiter blockierten.
breit) bei Rhein-km 677 auf Höhe Köln-Zündorf. Obwohl die Arbeit je nach Beschädigungsgrad der
Von 104 geladenen Containern gingen 32 über Container schwierig verlief, gelang sie so rasch,
Bord, als sich das Schiff bei einem Manöver sehr dass sie eine größere Verschmutzung des Rheins
stark neigte. Drei Gefahrgut-, ein Tank- und 28 verhinderte.
Stückgutcontainer schwammen anschließend im
Rhein, die starke Strömung trieb einige teilweise Schadenursache
mehrere Kilometer weit ab, der Fluss war auf einer
Strecke von 20 km (Rhein-km 675–695) zu sperren. Mehrere Anzeichen lassen den Schluss zu, dass die
Excelsior instabil beladen wurde. Obwohl schwere
Container grundsätzlich in den untersten Lagen zu
stauen sind, setzte man offensichtlich vergleichs-
weise schwere Container in obere Lagen. Ferner
deutet manches darauf hin, dass einige Container
ein höheres Gewicht hatten, als in den Ladelisten
angegeben war.

38 Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007


Einzelschäden

Schadenhöhe

Die aufwendige Bergung der Container und


des Schiffs kostete schätzungsweise mehr als
1 Million €. In der Regel haftet der Verursacher der
Havarie für notwendige Maßnahmen zur Siche-
rung der Unfallstelle und alle Kosten, die für eine
Bergung der Container anfallen. Zusätzlich ist
mit Warenschäden zu rechnen: Container mit
Zigaretten, Parfüm oder elektronischen Geräten
erreichen beispielsweise oft Warenwerte von
1 bis 2 Millionen €.

Und: 300 Binnenfrachtschiffe warteten fast sechs


Tage, bis man den Rhein wieder freigab. Berechnet
man pro Schiff und Tag etwa 2 000 €, beläuft sich
der Betriebsausfallschaden auf mehrere Millionen
Euro. Da Schadenersatzforderungen gegen die
Verursacher in der Regel nicht erfolgreich sind,
müssen die Reeder alle Kosten selbst tragen.

Ausfallversicherung

Einen Betriebsunterbrechungsschaden – soweit er


über den vereinbarten Selbstbehalt hinausgeht –
bekommen nur diejenigen Reeder ersetzt, die eine
sogenannte Loss of Hire (LoH) oder Trade Disrup-
tion Insurance (TDI) abgeschlossen haben, die
auch das Risiko der Blockade von Schifffahrtsstra-
ßen einschließt. Je nach Vereinbarung werden
nicht nur die täglichen Kosten des Schiffsbetriebs, Container blockieren den
die während erzwungener Wartezeiten anfallen, Rhein. Es dauert rund eine
Woche, bis alle geborgen sind.
sondern auch der verlorene Gewinn aus entgan-
genen Frachteinnahmen ersetzt. Binnenschiffe liegen auf dem
Rhein fest. Ersatzforderungen
Fazit wegen Betriebsausfallschaden
gegen die Verursacher sind
Wie in der Seeschifffahrt kann auch in der Binnen- in der Regel nicht erfolgreich.
schifffahrt das hohe Laden von Containern (bis zu
vier oder sogar fünf Lagen) Stabilitätsprobleme
verursachen. Daher ist es unerlässlich, alle Contai-
nergewichte genauestens anzugeben: für den
Schiffs- wie auch den Straßen- und Schienentrans-
port. Außerdem müssen Binnenschiffsführer bei
Manövern beachten, dass Container wegen des
ruhigen Fahrwassers – im Gegensatz zum Trans-
port auf Seeschiffen – üblicherweise nicht gelascht
(durch Lasch- oder Zurrsysteme gesichert) sind.

Da immer das Risiko einer schadenbedingten


Havarie oder eines erzwungenen Stillstands des
Schiffsbetriebs besteht, ist eine Vorsorge durch
entsprechende Versicherungslösungen über
Spezialanbieter anzuraten und auch möglich.

Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007 39


Autoren dieser Ausgabe

Markus Braun Philippe Dietz Albrecht Domke Elke Gunsenheimer


Schadeningenieur Senior Underwriter Senior Underwriter Schadenjuristin
Europa und Europa und Europa und Europa und
Lateinamerika Lateinamerika Lateinamerika Lateinamerika

Tillmann Kratz Dr. Alfons Maier Wolfgang Martini Edwin Mast


Senior Consultant Marine Senior-Schadeningenieur Senior Underwriter Technical Consultant
Corporate Underwriting/ Germany, Europa und Marine
Global Clients Asia PaciÞc and Africa Lateinamerika Corporate Underwriting/
Global Clients

Stella Ruiz Eckhard Schäper Klaus Wenselowski Günter Wichmann


Claims Director Schadeningenieur Senior-Schadeningenieur Senior-Schadenjurist
Property & Marine Germany, Corporate Underwriting/ Corporate Underwriting/
MR Bogotá Asia PaciÞc and Africa Global Clients Global Clients

40 Münchener Rück Schadenspiegel 2/2007


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turen führen sie oft zu Großschäden. Wir berichten Anmerkung der Redaktion
ab Seite 10 über Fälle der vergangenen fünf Jahre In Veröffentlichungen der Münchener Rück
und zeigen, was bei der Risikobewertung zu be- verwenden wir in der Regel aus Gründen
achten ist. des Leseßusses die männliche Form von
Personenbezeichnungen. Damit sind grund-
Dies ist jedoch kein „Feuerheft“: So erfahren Sie sätzlich – sofern inhaltlich zutreffend –
Frauen und Männer gemeint.
von den Baurisiken des derzeit höchsten Gebäu-
des der Welt – das Burj Dubai oder Hochhaus der ISSN 0940-8878
Superlative, wie es unser Autor nennt. Hier ist,
zum Glück, noch kein Schaden eingetreten. Zudem
berichten unsere Autoren darüber, wie schwierig
es sein kann, einen Brückenpfeiler im Wasser zu
positionieren, über die Havarie eines Container-
schiffs auf dem Rhein und über besonders einfalls-
wie erÞndungsreiche Diebe.

Wir freuen uns, wenn diese Ausgabe wieder Ihr


Interesse weckt. Schreiben Sie uns:
schadenspiegel@munichre.com

Ihr Schadenspiegel-Team

Dem Heft liegt bei: Technische Informationen für Versicherer


Nr. 36 „Konventionelle Kraftwerke“.
2/2007, 50. Jahrgang Schäden und Schadenverhütung

Schadenspiegel 2/2007
Schadenspiegel

Münchener Rück Munich Re Group


© 2007
Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft
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Bestellnummer 302-05531

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