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«Meine Mission ist es, Freude zu haben.

Roland Amsler wässert einen Teil seiner weltweit einzigartigen Orchideensammlung.

Hundertzwanzigtausend. anzutreffen sind: Riesige, runde Blüten, die zu-


So viele Pflanzen leben ungefähr in Sirnach un- meist weiss oder violett vor sich hin leuchten
ter dem Dache des Gewächshauses von Roland und in einem Topf wachsen. Er aber sammelt
Amsler. Der eigentliche Stolz von ihm ist aber keineswegs solche ‘Prestigeobjekte’, wie er
die Zahl sechstausendfünfhundert – denn so diese grossblumigen Exemplare nennt, sondern
viele verschiedene Orchideenarten sind Schät- im Gegenteil sogenannte ‘Miniaturorchideen’.
zungen zufolge unter diesen 120‘000 Pflanzen Diese wachsen an Bäumen, und wie ihr Name
vertreten, ein Umfang, welcher auf der ganzen es schon sagt, werden ihre Blüten kaum über ei-
Welt ungeschlagen bleibt. Ja, es gibt weltweit nen Zentimeter gross. Wer also Roland Amslers
keine vielfältigere, artenreichere Orchideen- Reich betritt, wird sich damit konfrontiert se-
sammlung als jene, die dieser Gärtner über hen, von Orchideen komplett umgeben zu sein,
Jahrzehnte aufwändig zusammengetragen hat sie aber trotzdem suchen zu müssen. Dies sei
und ebenso lange liebevoll pflegt. nur schon durch das Titelbild bewiesen: Allein
Manch ein Neugieriger, welcher ebenjenes Ge- in diesem Kaltraum, welcher unter mehreren
wächshaus bereits betreten hat, um diese gewal- im Gewächshaus aufrechterhaltenen Klimazo-
tige Sammlung in Augenschein zu nehmen, ist nen das Klima der Anden und des Hochlandes
aber dennoch im ersten Moment enttäuscht aufrechterhält, befinden sich tausendfünfhun-
worden. «Wo sind denn nun all die Orch- dert Orchideenarten. Und doch – es ist einfach
ideen?», mag er ungläubig gefragt haben, als er alles nur grün.
vor dem ganzen Grün stand, ohne dass ihm eine
einzige Blüte entgegengeleuchtet hätte. Herr Aber weshalb sammelt Herr Amsler überhaupt
Amsler kennt diese Reaktion bereits zur Ge- ausgerechnet Miniaturorchideen? Nun, eines
nüge. Denn er weiss mit der Weile, dass nor- steht fest: Mit grossblumigen Exemplaren hätte
malsterbliche Nicht-Orchideensammler bei es sich relativ schnell ausgesammelt. Diese Ar-
dem Stichwort ‘Orchidee’ ausschliesslich Pflan- ten machen im Vergleich zu der ganzen Familie
zen von der Art vor Augen haben, wie sie in un- gerade mal 5% aus, und alle anderen Orchideen
zähligen Wohnungen auf dem Fensterbrett sind… Genau, Miniaturorchideen. Letztere

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bieten also für einen an der Vielfalt dieser Pflan- liegt für den Gärtner auch ein Reiz: Durch sein
zen Interessierten ein sehr viel lohnenderes Interesse an dem scheinbar Unwesentlichen hat
Feld. Doch Herr Amsler kann mit den grossblu- er eine grösstenteils einzigartige Beschäftigung
migen Arten ohnehin weniger anfangen, ob- gefunden. Und aus ihr hat er etwas erschaffen,
wohl es auch durchaus Schönheiten dieser Art das weltweit kaum etwas Vergleichbares kennt.
gibt, welche ihn begeistern. Die handelsüblich
Vielleicht beginnt man bei der Erläuterung von
gezüchteten grossblumigen Hybriden, welche
Roland Amslers Orchideenbeschäftigung am
den Ansprüchen der Menschen entsprechend
besten damit, deren globales Ausmass unter die
selektioniert worden sind, seien schon lange
Lupe zu nehmen. Wo auch immer auf der Welt
nicht mehr so, wie die Natur sie ursprünglich
tropische Orchideen beheimatet sind: Herr
hervorgebracht habe. Durch die Züchtung wä-
Amsler hat über weltweit verstreute Botaniker,
ren sie derart verfremdet worden, dass sie in der
andere Sammler und auch Vorsitzende von bo-
Natur nicht mehr überlebensfähig wären: Die
tanischen Gärten einen direkten Zugang zu
Miniaturorchideen hingegen seien deren ge-
ihnen.
naues Gegenteil und zwar unscheinbar, aber
Sein Netzwerk, das vor allem auf Facebook an-
überlebens- und anpassungsfähig. «Ich liebe die
gesiedelt ist, ist ein wichtiger Wissenspool:
Schönheit im Kleinen. Jede Orchidee ist spezi-
Orchideenkenner aller Ecken der Welt ergän-
ell und genial, jede Orchidee ist eine Überle-
zen darin ihre Spezialgebiete miteinander.
benskünstlerin. Sie ist von der Evolution ausge-
Herrn Amsler hat dieses Netzwerk zudem auch
wählt worden. Keine ist besser als die andere
schon viele Male ermöglicht, in touristisch
und ihre kleine Grösse macht sie nicht schlech-
nicht erschlossene Gebiete der Heimaturwälder
ter.» Dadurch, dass die Blüten der Miniaturo-
von tropischen Miniaturorchideen vorzustos-
rchideen nur sehr klein sind, sind sie zum aller-
sen, um diese dort zu beobachten und zu foto-
grössten Teil auch unbeachtet. Und genau darin
grafieren an ihrem Naturstandort. Sammeln
darf er die Pflanzen vor Ort jedoch nicht: Das
Artenschutzgesetz verbietet es weltweit, den
Standort einer Orchidee zu verändern, ge-
schweige denn sie einzupacken und nach Hause
zu nehmen. Was auf den ersten Blick aufgrund
der akuten Bedrohung von der ganzen Orch-
ideenfamilie Sinn zu machen scheint, birgt auf
den zweiten Blick aber eine markante Schwä-
che. Denn auf der einen Seite werden unzählige
Bäume des Urwaldes abgeholzt ohne Rücksicht
auf die darauf lebenden Orchideen, was defini-
tiv gegen dieses Gesetz verstösst, sich aber auf-
grund des Geldflusses gekonnter Ignoranz er-
freut. Auf der anderen Seite sieht das Gesetz
auch dann keine Ausnahme für das Entfernen
von Orchideen von ihrem Standort vor, wenn
diese ohnehin keine Überlebenschance mehr
haben: Findet Herr Amsler eine unter der Last
eines gefallenen Baumes sterbende Orchidee,
darf er sie auch dann nicht zu sich nehmen,
wenn er sie dadurch am Leben erhalten würde.
Und so kommt es, dass das Artenschutzgesetz
selbst ein Hindernis zu rechtem Artenschutz
Diese grossblumigen Orchideen finden sich nur in dem darstellt, denn Ausnahmen werden keine ge-
Verkaufsraum der Gärtnerei – in der Sammlung von macht – ausser gegenüber der Abholzindustrie.
Herrn Amsler haben sie nichts zu suchen.

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Und so ist es auch kein Wunder, dass es je län- und veröffentlicht diesen ausführlichen Bericht
ger je schlechter um das Vorkommen der gan- dann in einem einiger international renommier-
zen Orchideenfamilie steht, obwohl sie artenge- ten Botanikmagazine, damit die neue Art offizi-
schützt ist. Zur Gewinnung von Palmöl und ell anerkannt wird. Dabei ist ihm sehr wichtig,
Kaffeebohnen ist ihr Lebensraum kontinuierli- die Orchideen nicht einfach als Objekt, das es
cher Zerstörung ausgesetzt – und Roland Ams- zu definieren gilt, zu betrachten. «Wann blühen
ler kann vor Ort nichts dagegen ausrichten. die Orchideen, wie lang blühen sie, was sind
Doch wenn nicht dort, dann kämpft er eben bei ihre Eigenschaften? Das Wichtigste bei einer
sich in Sirnach für die Vielfalt der Orchideen: Pflanze ist nicht nur ihre Morphologie, also das
«Ich kann sie vor Ort nicht schützen. Aber ich Optische, sondern ihr Wesen zu verstehen, sie
kann sie erhalten.» kennenzulernen. Das kannst du nur, wenn du
In aufwändiger Arbeit treibt er seltene Pflanzen- sie als Gärtner pflegst. Es gibt ein paar Gattun-
exemplare auf über Erbschaften, Tausche und gen, von denen ich jedes Pflänzchen in meiner
Käufe bei anderen Gärtnereien, um einen Gen- Sammlung kenne.» Zur Erinnerung: Sechstau-
pool zusammenzutragen, der ihm das Vermeh- sendfünfhundert unterschiedliche Orchideenar-
ren der Orchideen ermöglicht. Der Gärtner ge- ten, welche unterschiedlichen Gattungen ange-
winnt die Samen aus blühenden Pflanzen, be- hören, leben in seinem Gewächshaus – und von
stäubt die Orchideen eigenhändig und wartet diesen hat er meist mehrere Exemplare.
dann, bis sie Früchte ausbilden, die er entneh-
Diese Beschäftigung klingt nach einem Vollzeit-
men und wieder aussäen kann. Auf diese Weise
beruf, besonders, weil Herr Amsler neben der
sorgt er dafür, dass sie sich weiterhin vermehren
Pflege seiner 120'000 Pflanzen auch den Unter-
und auf seinem Grund und Boden weiterexistie-
halt des Gewächshauses allein meistert. Doch
ren können, während sie in der Natur ausster-
die Orchideensammlung ist für ihn nur ein
ben.
Hobby – denn es lässt sich damit absolut kein
In zwei Projekten in Thailand und Guatemala
Geld verdienen.
City war es ihm durch dieses Verfahren auch
Sein ganzes berufliches Leben ist somit darauf
schon möglich, durch die Mithilfe von Schulen
ausgelegt, seine Leidenschaft für das Orch-
und Universitäten tausende selber kultivierte
ideensammeln zu finanzieren; Ein nicht ganz
Jungpflanzen wieder in ihrer Heimat anzu-
einfaches Unterfangen, wenn man bedenkt,
pflanzen und sie der Natur zurück zu geben.
dass allein die Bewirtschaftung seiner Samm-
Dies waren aber leider Einzelfälle, denn häufig
lung eigentlich Arbeit genug für mehrere Ange-
sind die Biotope schon so zerstört, dass die
stellte wäre. Und noch ein weiterer Faktor
Orchideen keine Überlebenschance mehr ha-
kommt hinzu. Mit einer nicht staatlich finan-
ben. «Es nützt auch nichts, einen Pinguin in die
zierten Gärtnerei genügend Geld verdienen zu
Wüste zu stellen. Der braucht sein Klima, und
können, ist alles andere als einfach: Eine nach
wenn dieses nicht vorhanden ist, lässt du ihn
der anderen geht heutzutage an der niederdrü-
besser im Zoo.» - oder: In seinem Gewächs-
ckenden Konkurrenz von Grossverteilern zu-
haus.
grunde.
Herr Amsler sammelt und erhält die Pflanzen
Diese importieren massenweise Pflanzen, wel-
jedoch nicht nur. Er bestimmt bei jeder Orch-
che dann billiger verkauft werden, als die Gärt-
idee, welcher Art sie angehört mithilfe von Be-
nereien sie überhaupt produzieren können.
stimmungsschlüsseln im Internet und in seinen
«Durch diese Konkurrenz fallen 90% unseres
Büchern, oder durch die Befragung der sich in
Umsatzes einfach weg. Also müssen wir von
seinem weltumspannenden Netzwerk befindli-
10% des Umsatzes versuchen, zu überleben –
chen anderen Experten. Während diesen auf-
haben aber immer noch gleich viel Fixkosten.»
wändigen Recherchearbeiten hat er schon ei-
Doch Herr Amsler denkt nicht daran, deshalb
nige Male festgestellt, dass die Beschreibung sei-
klein bei zu geben. «Du kannst den Grossver-
ner Orchidee nicht vorliegt – das Zeichen, dass
teilern als Gärtnerei nicht die Stirn bieten in den
er wieder einmal eine neue Art entdeckt hat.
Preisen. Was du aber machen kannst, ist, eine
In einem solchen Fall beschreibt und dokumen-
Vielfalt anzubieten. In dieser Gärtnerei gibt es
tiert er die Pflanze genau, gibt ihr einen Namen

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Angebote und Produkte, die komplett einzigar- gegeben. Und seit Neuestem kann man bei ihm
tig sind.» sogar einen Kurs belegen, um zu lernen, wie ein
persönliches Urwaldexpeditionsprojekt am bes-
Tatsächlich gibt der Orchideensammler alles
ten angegangen werden kann.
dafür, seinen Kundinnen und Kunden etwas an-
zubieten, das nur in seiner Gärtnerei erhältlich
ist – ganz gleich, ob es sich dabei um ein Pro- Um mit seiner Gärtnerei zu überleben, geht
dukt oder ein Erlebnis handelt. Ein gutes Bei- Herr Amsler also einerseits mit seinem Angebot
spiel für diese Spezialitäten der Gärtnerei Ro- in die Breite – von einer Übernachtung bis zur
land Amslers sind die besonderen Glasfertigun- Pflanzenlampe bekommt man bei ihm so gut
gen, welche dort zum Verkauf stehen. Der Gärt- wie alles – und andererseits konzentriert er sich
ner ist nämlich auch Glasbläser und stellt ei- darauf, einzigartige Produkte und Dienstleis-
gene, einzigartige Gefässe her, in denen ge- tungen anzubieten, die von automatisierten
kaufte Orchideen besonders schön arrangiert Grossverteilern nicht erbracht werden können.
werden können – und auch der Kaffee kann in All diese Bemühungen des passionierten Orch-
der Gärtnerei in einem selbsterfundenen Unikat ideensammlers zielen darauf ab, genügend
von einem Glaskonstrukt geschlürft werden, Geld in seine Kasse zu bringen – immer darauf
was in jeder Hinsicht ein besonderes Erlebnis bedacht, dass es am Ende irgendwie reicht. Be-
für den Kunden ist. sonders dankbar ist er dabei für die tatkräftige
Unterstützung seiner Frau. Sie gibt ihm den
Raum, seine Leidenschaft zu leben und hilft
ihm gleichzeitig dabei, sich dieser widmen zu
können, indem sie mitgärtnert und nebenan
auch noch andernorts arbeitet, um Geld in die-
Kasse zu bringen.
Das Geschäft ist also kein einfaches Unterfan-
gen. Und doch hat Roland Amsler sich ganz be-
wusst gegen das grosse Geld entschieden.
«Geld spielt für mich überhaupt
Die Gärtnerei in Sirnach ist rundum herzlich eingerich-
keine Rolle. Was mir wichtig ist, ist
tet, um den Kunden anzusprechen.
mein Spass. Meine Mission ist es,
Freude zu haben.»
Und vieles Weiteres lässt Herr Amsler sich ein-
fallen: Neben gewöhnlicheren Pflanzen kann Es war mitten in seiner Lehre als Topf- und
man bei ihm Orchideen kaufen, welche in der Schnittblumengärtner: Herr Amsler hatte sich
ganzen Schweiz nirgendwo anders erhältlich aus Ersparnissen einen eigenen Computer ge-
sind. Selbstgeschriebene Bücher animieren von kauft und beschäftigte sich seither mit dem Pro-
seinem Verkaufstisch aus dazu, im eigenen Zu- grammieren und Aufsetzen von Systemen. Und
hause Terrarien und Miniaturorchideen einen eines Tages stand der Informatiker von nebenan
Platz zu geben. Es liegen Flyer auf, die darauf vor seiner Tür. «Du kannst bei mir morgen an-
aufmerksam machen, dass er und seine Frau fangen. Für den doppelten Lohn.»
auch eine kleine Jugendherberge betreiben, in Als junger Mensch ist ein solches Angebot na-
der sechs, sieben Zimmer zur Vermietung ste- türlich verlockend. Aber: Nach wenigen Wo-
hen. Andere Flyer wiederum preisen den sich in chen riss der zukünftige Gärtner sich von die-
der Gärtnerei befindlichen ‘Baliraum’ als pas- sem Traumangebot los. Er war begabt und das
sende Location für Hochzeiten und Geburts- Geld winkte, das war keine Frage. Doch er
tagsfeste an, und auch dieser ist etwas ganz Be- merkte, dass die Informatik nicht sein Freuden-
sonderes: Die Möbel und die Dekoration wur- weg war – er brauchte das Handwerk und sein
den in Bali selber gefertigt, Herr Amsler und geliebtes Grün. Bekräftigend sagt er dazu:
seine Frau haben sie eigenhändig bei lokalen «Geld spielt für mich überhaupt keine Rolle.
Familien ohne Zwischenhändler in Auftrag Was mir wichtig ist, ist mein Spass. Meine
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Mission ist es, Freude zu haben. Und wenn ich Thema zu profitieren, besuchte Laborkurse und
nicht mehr gern arbeiten gehe, muss ich damit bildete sich selbstständig immer weiter fort.
aufhören.» Tatsächlich distanzierte er sich nach
Wenn Herr Amsler heute auf seinen Werde-
diesem kleinen Experiment harsch von allem,
gang als Orchideensammler und Gärtner zu-
was irgendwie mit Computern zu tun hatte.
rückblickt, ist ihm besonders ein Punkt wichtig
Stattdessen vertiefte er sich umso mehr in das
zu betonen. «Ich habe schon immer von mei-
Gärtnern.
nem eigenen Gewächshaus geträumt. Zu Be-
Für diese Tätigkeit hat sich Herr Amsler schon ginn habe ich aber gedacht, ich könne diese Vi-
sehr früh begeistert. In seiner Kindheit waren sion nur verwirklichen, wenn ich Botanik stu-
der Wald und der benachbarte Bauernhof seine dierte – und da ich mir im Französisch zu wenig
liebsten Spielplätze, in der Natur fühlte er sich Mühe gab, reichten die Noten nicht für ein Stu-
von Anfang an wohl. Als er von seinen Eltern dium.»
einen Teil des hauseigenen Gärtchens zur eige-
«Uns wird gesagt, nur durch ein Stu-
nen Verfügung geschenkt bekam, nahm seine
dium könne man zu etwas kommen
Leidenschaft für das Gärtnern ihren Anfang:
Statt, wie von seinen Eltern erwartet, Gemüse und jemand werden. Doch das stimmt
anzupflanzen, begann er, die Samen jener Blu- nicht. Wir können jederzeit alles wer-
men anzusäen, die er am Wegesrand am sel- den, was wir wollen, wenn wir uns
tensten antraf. dabei auf unserem Freudenweg befin-
Bald entwickelte er zudem den Wunsch, sie den.»
auch noch zu bestimmen – nur: Kein Bestim-
mungsschlüssel, den er auftreiben konnte, war Aus heutiger Sicht aber muss er über diese fixe
ihm dafür genau genug. Eine Skizze und eine Idee von damals lachen. Nein, Roland Amsler
Beschreibung der Blütenform – schön und gut, hat nicht studiert. Und doch ist er heute in der
doch wo sind die Blumen anzutreffen, wie gross Position, von renommierten Botanikern ande-
werden sie, wie sieht ihr Bestand aus? Ein eige- rer Kontinente für seine Expertenmeinung kon-
nes Buch, das ganz genau über die einheimi- taktiert zu werden. Und wenn er in verbreiteten
schen Blumen Bescheid gab, musste her! Bestimmungsschlüsseln, Fachzeitschriften oder
Und so nahm dann auch sein erster Kontakt mit in von Professoren für Botanik veröffentlichten
einheimischen Orchideenarten seinen Anfang. Papers wieder einmal einen Fehler entdeckt,
Die seltensten Blumen waren die interessantes- amüsiert er sich darüber. «Uns wird gesagt, nur
ten, also wollte er mit deren Erfassung beginnen durch ein Studium könne man zu etwas kom-
für seinen eigenen Bestimmungsschlüssel – und men und jemand werden. Doch das stimmt
dies waren nun einmal Orchideen. nicht. Wir können jederzeit alles werden, was
So richtig erwischt hat ihn das Orchideenfieber wir wollen, wenn wir uns dabei auf unserem
aber erst nach seiner Lehre. Seine zukünftige Freudenweg befinden.»
Frau nahm ihn mit zu einem Orchideengärtner, Wie hat er es dann so weit bringen können mit
da sie ahnte, dass er daran seine Freude finden nur einer Lehre als Ausbildung? Für ihn gibt es
würde. «Dort sah ich zum ersten Mal epiphy- darauf verschiedene Antworten.
tisch wachsende Orchideen, das heisst solche, «Dadurch, dass ich nicht studiert habe, habe ich
die auf kleinen Baumrindenstücken leben und auch das theoretische Wissen der Dozenten
vom Gärtner täglich gepflegt werden müssen. nicht kopiert, sondern stattdessen ganz einfach
Dann war es um mich geschehen.» eigene Erfahrungen gesammelt.» Weil er sich
Er entschloss sich dazu, diese Form des Gärt- die Praxis ohne Umwege selbstständig aneig-
nerns selber auszuprobieren: Zuerst nur mit ei- nete, war er auch freier und erfindungsreicher,
ner epiphytisch wachsenden Orchidee, dann hat eigene Ideen entwickeln können und umzu-
bald mit zweien… und irgendwann sollte es so- setzen gelernt. Auch für die Theorie hat er kein
weit sein, dass er sein eigenes Gewächshaus für Studium gebraucht: Sein Expertenwissen hat er
sie bauen würde. Er trat Vereinen bei, um von sich komplett selbstständig angeeignet, ge-trie-
den bereits vorhandenen Erfahrungen zum ben von seiner puren Begeisterung, seinem

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Drang, sich mit seinen Pflanzen auseinanderzu- artenreichste Orchideensammlung der Welt be-
setzen. sitzt - und er ist absolut glücklich, auch wenn
sein Beruf zu den relativ brotlosen zählt und er
Genau diese Leidenschaft, die ihn zu dem
Arbeit für Mehrere verrichten muss, da das
Punkt gebracht hat, an dem er heute steht, hat
Geld nicht für Angestellte reicht.
übrigens auch noch eine andere Seite als die ei-
gene reine Selbstverwirklichung: Durch seine Seine Geschichte birgt in vielerlei Hinsicht in-
Freude an der Natur leistet er neben der Erhal- spiratives Potenzial: Entgegen allen Widerstän-
tung von Orchideenarten noch viel mehr Ein- den und verlockenden Irrwegen zu Trotz hat er
satz für sie.Um jedoch einen Wandel in Rich- sich nicht von seinem Freudenweg abbringen
tung Naturschutz herbeiführen zu können, da- lassen. «Mir wurden haufenweise Prophezeiun-
für müssten die Menschen anders zu denken be- gen gemacht, was alles Schlimmes geschehen
ginnen; Erkennen, dass wir uns mit der Zerstö- würde, wenn ich versuchte, meine eigene Gärt-
rung der Natur unsere eigene Lebensgrundlage nerei aufzubauen – und dies erst recht noch
unter den Füssen wegzögen. ohne ein Studium.» Und ein Gärtner zu sein,
Zu seiner ganzen Beschäftigung hin hält Herr war übrigens sowieso eine Schande: `Wer es zu
Amsler deshalb auch noch Vorträge. «Ich nichts bringt, kann am Schluss ja immer noch
möchte als Botschafter da sein; Ich möchte Gärtner werden’, war nicht nur zu seiner Ju-
junge Menschen begeistern für das Ökosystem, gendzeit eine verbreitete Ansicht, denn auch
für die Vielfalt, für die Natur. Denn die Mei- heute noch werden Gärtner häufig von oben
nung der Bevölkerung ist ausschlaggebend da- herab belächelt.
für, ob wir den Urwald retten können oder Doch nichts davon hat Herrn Amsler beirrt. Im
nicht. Und die Vielfalt ist das Wichtigste auf un- Gegenteil, die Hindernisse haben ihn nur dazu
serem Planeten!» inspiriert, von seiner eigenen Kreativität, von
«Ohne Pflanzen gibt es keine seinem Erfindungsreichtum Gebrauch zu ma-
chen. Und damit hat er ein Zeichen gesetzt.
Menschen mehr!»
«Man kann jederzeit alles werden und in Tat
Vor Ort kann Herr Amsler die Vielfalt nicht umsetzen, was man möchte. Dabei ist nur wich-
schützen, doch niemand kann ihn davon ab- tig, dass wir das tun, was uns Freude bereitet,
bringen, der Urwaldabholzung von seiner Gärt- und uns nicht von Erfolg und Geld vom Weg
nerei aus gegenzusteuern zu versuchen, in dem abbringen lassen. Wir müssen die uns selbst ge-
er Präsentationen hält, um den Menschen den setzten Grenzen überwinden und uns trauen,
Wert der Natur begreifbar zu machen. «Täglich unser eigenes einzigartiges und unvergleichli-
ernähren wir uns von der Natur, und wir atmen ches Leben zu führen.»
den Sauerstoff, den die Pflanzen produzieren. Dies also ist die Geschichte eines wirklich un-
Ohne Pflanzen gibt es keine Menschen mehr!» vergleichlichen Gärtners und Orchideensamm-
Somit kann Herr Amsler nicht nur als ein Na- lers. Eine Geschichte, welche uns vor Augen
turschützer, sondern auch als Menschenretter führt, dass wir jederzeit unseren Freudenweg
gesehen werden. Denn was er schon lange er- beschreiten können, ohne Wenn und Aber – so-
kannt hat, ist, dass die Natur uns nicht braucht lange wir an uns selber glauben. •
– wir aber umgekehrt unabänderlich von ihr ab-
hängig sind. «Wenn man mal an einem Ort ein-
greift, fällt das Ökosystem aus dem Gleichge-
wicht. Die Natur holt sich dieses selber zurück.
Nur in einer anderen Form, d.h. sie sieht dann
nicht mehr gleich aus. Als Gärtner habe ich des-
halb keine Angst um die Natur, sie kann sich
selber im Gleichgewicht halten. Ich versuche
nicht, die Natur zu retten, sondern den Men-
schen: Denn sie gibt es noch lange nach uns, wir
aber sind absolut abhängig von ihr!»
Herr Amsler ist also ein Menschenretter, der die
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Miniaturorchideen:
Ihre Vielfalt ist überwältigend.