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Europas größtes Monatsmagazin für Geschichte Deutschland 5,50 € 10/2017

MAYA, INKA
und AZTEKEN
Glanz und Tragik der großen Hochkulturen im alten Amerika

LANDUNG ERMITTLUNG DARSTELLUNG


Wie ein Soldat der Einen mysteriösen Mit aufwendiger
Wehrmacht im Juni Massenmord klären 3-D-Technik lassen
1944 das Grauen am Archäologen in der Forscher das antike
Omaha Beach in der Pfalz auf. Tatzeit: vor Rom unter Kaiser
Normandie erlebt hat etwa 7000 Jahren Nero auferstehen
Österreich 6,00 €, Schweiz 8,80 sFr, Benelux 6,20 € , Italien 7,00 € , Spanien 7,00 € www.pm-history.de
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Editorial

1492 Das Jahr


markiert die wohl folgenreichste

Epochenwende aller Zeiten

LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,


wenn man aus dem Stand einen wichtigen Wendepunkt der
Weltgeschichte nennen sollte – vielen von uns käme als Erstes
das Jahr 1492 in den Sinn: jener Moment, als mit Christoph
Kolumbus der erste Bewohner der sogenannten Alten Welt
TITEL: WIESLAW SMETEK; FOTOS: DPA PICTURE-ALLIANCE, CURT-ENGELHORN-STIFTUNG/FABER COURTIAL; FOTOS DIESE SEITE: ENVER HIRSCH, INTERFOTO

den Strand der sogenannten Neuen betrat, auf einem Eiland,


das damals Guanahani genannt wurde, im Norden der Baha -
mas. Der Beginn einer neuen Dimension von Globalisierung,
mehr als 500 Jahre vor unserer Zeit. Was danach geschah, ist
bekannt: weltweite Eroberungen durch europäische
Seemächte, die Entwicklung einer von Handel geprägten
Jens Schröder,
atlantischen Weltordnung, in der Europa es schaffte, noch
Redaktionsleiter
P.M. HISTORY sehr lange Zeit die Oberhand zu behalten.

Aber es gibt auch die andere Seite dieser Epochenwende


von 1492: die Vorgeschichte jenes alten Amerikas, das bereits
seit Jahrtausenden hoch entwickelte Kulturen hervorge -
bracht hatte. Kulturen, die ihren Eroberern in vielen Dingen
weit voraus waren. Neuen Studien zufolge „entdeckten“ die
Europäer mit Amerika eine höchst dynamische Welt, in der
bei Ankunft der Konquistadoren bis zu 100 Millionen Men -
schen lebten, viel mehr als zur damaligen Zeit in Europa zu
Hause waren. Von diesen Kulturen handelt der Schwerpunkt
in dieser Ausgabe. Und von ihrem dramatischen Niedergang.

Man kann immer fragen, ob Geschichte auch ganz an -


ders hätte verlaufen können. Ja, natürlich hätte sie das. Aber
die Ankunft der Spanier in Amerika war Ende des 15. Jahr -
hunderts fast unvermeidlich. Von Spaniens Außenposten,
den Kanaren, wehten Passatwinde stetig nach Westen. Und
die Küste Afrikas hatte der Papst den Portugiesen zugeteilt.
Historischer Moment:
Wenn es nicht Kolumbus gemacht hätte – es hätte nicht lang
Kolumbus vor der Küste gedauert, und ein anderer Kapitän in spanischen Diensten
der Neuen Welt wäre in Amerika gelandet. Wohl mit ähnlichen Folgen.

Herzlich, Ihr

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 3


OKTOBER 2017

28

62
38

48

54
Chronologie

5000 v. Chr. 200 v. Chr. 80 n. Chr.


Massaker Die Nazca erschaffen Das Kolosseum in
in Herxheim riesige Wüstenbilder Rom wird vollendet
Seite 78 Seite 62 Seite 86

4 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


Inhalt
6 Arena
Rakotzbrücke, Verkehrschaos in Schweden, Potemkinsche Dörfer,
Einhörner, Mauertote, Doping, Küfer, Rossharnisch, Gustav Weiß -
kopf, Kurioses, Kölner Duft. Plus: Tipps der Redaktion
FOTOS: AARON OBERLANDER/GETTY IMAGES, SCHALKWIJK/ART RESOURCE/BPK, SUSANNE KREMER/SCHAPOWALOW, GETTY IMAGES, PRISMA BILDAGENTUR, AKG-IMAGES (2),

16 Gott statt Hitler


Das Grauen am D-Day verändert den Soldaten Kurt Keller

22 Meisterwerk: Die Venus vom Hohle Fels


Auf der schwäbischen Alb erfand der Mensch die Kultur

AMERIKAS HOCHKULTUREN 86
24 Eine verlorene Welt
Neueste Forschung verändert Blick auf die Völker Lateinamerikas RUBRIKEN
28 Azteken: Die Verräterin 3 EDITORIAL
Malinche hilft den Spaniern, ihr eigenes Volk zu unterjochen 68 BÜCHER ZUM TITELTHEMA

38 Inka: Die letzten Tage 94 RÄTSEL


Der Anführer Túpac Amaru versucht, sein Volk zu retten 95 LESERBRIEFE & SERVICE
96 VORSCHAU & IMPRESSUM
48 Zapoteken, Olmeken und Co.
98 SPRENGSATZ
Eine Auswahl weiterer Hochkulturen in Lateinamerika

54 Maya: Ruinen im Regenwald


Der Fotograf Teobert Maler auf der Spur der alten Stätten

62 Nazca: Künstler in der Wüste


Forscher haben das Rätsel der gigantischen Wüstenbilder gelöst
AND ETHNOLOGY-HARVARD UNIVERSITY-PM# 2004.24.29708, PR

70 „Ich send Dir einen blauen Teckel“


COURTESY OF THE PEABODY MUSEUM OF ARCHAEOLOGY

Briefwechsel zwischen Franz Marc und Else Lasker-Schüler

72 Radikal erfolgreich
Vom Aufstieg der Zisterzienser zur Wirtschaftsmacht im Mittelalter

78 Der Krimi um die Steinzeit-Killer


Archäologen untersuchen ein uraltes Massengrab in Deutschland

84 Donnernde Schlacht
Victor Klemperer berichtet vom Ende der Münchner Räterepublik

86 Der Wandel der Ewigen Stadt


Neue 3-D-Simulationen lassen das antike Rom wiederauferstehen
72
1112 1519 1944
Bernhard tritt den Cortés erreicht Landung der Alliierten
Zisterziensern bei Tenochtitlan in der Normandie
Seite 72 Seite 28 Seite 16

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 5


MAGISCHE ORTE

Rakotzbrücke
35 METER STRECKT SICH DER BRÜCKENBOGEN über den säch
sischen Rakotzsee bei Kromlau. Ab 1863 ließ der Großgrundbesitzer DEUTSCHLAND

rankarren, um die Brücke als Teil eines 200 Hektar großen Naturparks
zu errichten. „Teufelsbrücke“ nennt sie der Volksmund seit ihrer Fer
Kromlau
tigstellung im Jahr 1882 – wer sonst könne so ein Meisterwerk errich
ten, dessen Wasserspiegelung eine derart perfekte optische Täuschung
ermöglicht? Seit 1948 steht die Brücke unter Denkmalschutz und darf
mittlerweile nicht mehr betreten werden: Einsturzgefahr!

6 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 FOTO: DIETERMEYRL/GETTY IMAGES


Arena

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 7


EIN FOTO UND SEINE GESCHICHTE

Rechts vor links?


Autos irrlichtern kreuz und quer über die Fahrbahn, Schau-
lustige wirbeln umher. Verkehrspolizisten hechten über und innehalten. Für zehn Minuten steht das Land still, bis
den Asphalt, um das Chaos einzudämmen auf der Kungs - um Punkt fünf Uhr über Radio bekannt gegeben wird:
gatan (Königsstraße), einer der wichtigsten Straßen Weiterfahren! Im Vorfeld lässt die Regierung für 500000
Stockholms. Es ist der 3. September 1967 – ein Sonntag, Kronen Broschüren drucken und Tausende Hinweisschilder
der als „Dagen H“ in die Geschichte Schwedens eingehen anbringen, um die Bevölkerung über den Wechsel zu infor -
wird: der Tag, an dem der Rechtsverkehr den Linksverkehr mieren, zusätzlich laufen Sondersendungen im Fernsehen
ablöst. Auch um Touristen aus anderen europäischen Län - und Radio. Trotzdem: Mehr als 10000 Polizisten müssen
dern die Sorge vor ungewohntem Verkehr in Schweden zu sich in Hunderten Überstunden schinden, um einen Ver -
nehmen. Frühmorgens um 4.50 Uhr müssen alle Autos auf kehrsinfarkt zu verhindern und Geisterfahrer zu stoppen.

8 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


Arena

Falsch Meldung
Wie „Fake News“ Geschichte schreiben. Diesmal: Potemkinsche Dörfer
BLENDWERK Von 1797 bis 1799 also von Potemkin nicht getäuscht,
erscheint in der Hamburger Zeitschrift auch nicht ihre Entourage, unter ihnen
„Minerva“ eine Reihe aufsehenerregen - ein verblüffter Kaiser Joseph II. Der
der Enthüllungsgeschichten über Russ - französische Gesandte Graf Ségur,
land. Darin heißt es, dass Fürst Grigori ebenfalls Zeuge, wird Napoléon vor
Alexandrowitsch Potemkin im Süden den massiven Wehrtürmen warnen.
Russlands zahlreiche Dörfer, Kirchen, Warum also die Lüge? Am Zaren -
FOTO VORHERIGE SEITE: GETTY IMAGES; FOTOS DIESE SEITE: DPA/PICTURE-ALLIANCE,

Paläste und Wehranlagen errichtet hof hat Fürst Potemkin viele Neider.
habe, die in Wirklichkeit nur Attrappen Er zählt zu den engsten Beratern der
seien. Allerdings so geschickt gestaltet, Zarin und war auch ihr wichtigster
dass selbst Zarin Katharina bei einer Liebhaber. Katharina nannte ihn in
INTERFOTO, ALBUM/PRISMA/AKG; ILLUSTRATION: MICHAEL STACH

Inspektionsreise 1787 das Blendwerk ihren Briefen „Wauwau“, „Goldfasan“,


nicht durchschaut habe. „Papagei“ und den „größten Fingernä -
Die verunglimpfenden Berichte gelknabberer Russlands“. Zwar haben
erscheinen in sicherer Entfernung zum sich die beiden bereits 1776 getrennt,
Zarenhof, in Deutschland, der Heimat doch Potemkin mischt weiterhin in den
der Zarin, die aus Stettin stammt. Sie VERSTECKTE ARMUT? Bis heute hält sich Regierungsgeschäften mit – und sucht
kann die Berichte also selbst lesen, der Mythos, Potemkin habe Zarin Kathari - die neuen Liebhaber Katharinas aus.
na billige Kulissendörfer präsentiert
muss aber nicht zwingend dazu Stel - Die Falschmeldungen erscheinen
lung nehmen. Der Autor bleibt anonym, -
aber aus Sicht der Redaktion darf er Bauten, die Potemkin in kurzer Zeit klar ist daher Helbigs Motiv: Will er
als Experte gelten: Georg von Helbig, Potemkins Ruf nachträglich ruinieren?
der sächsische Gesandte in Sankt Pe - eines beeindruckenden Aufbaupro - Will er gar einen Angriff auf Russlands
tersburg. Doch sein Bericht ist komplett jekts, denn erst kurz zuvor hatte das Süden anzetteln? Sicher ist nur: Potem -
erlogen: Die Dörfer sind keineswegs Zarenreich die Gebiete im türkisch-rus - kins Name steht zukünftig für Blend -
billige Kulissen aus Pappmaché. Die sischen Krieg erobert. Die Zarin wurde werk und Angeberei. Dirk Liesemer

DE
RW
AH
RE
KER
Einhörner N
WAS SAGT DIE LEGENDE? WIE WURDE SIE ÜBERLIEFERT? WAS IST WIRKLICH DRAN?
Einhörner ähneln Pferden, nur dass Ktesias von Knidos berichtet um Neben Übersetzungsfehlern liegt Ein -
sie auf der Stirnmitte ein gerades hornsichtungen zumeist biologische
Horn tragen, mit dem sie kämpfen Aristoteles, Plinius d. Ä. und andere Unkenntnis zugrunde. Auch wurden
können. Das pulverisierte Horn gilt greifen das Motiv auf. Populär wird wohl Tierdarstellungen missverstan -
als vielseitiges Heilmittel. Im Mit - das Fabelwesen dann im Mittelalter den: Bei Seitenansichten von Tieren
telalter ist das aufrechte, reine Tier durch die Verbreitung des „Physiolo - mit Hörnern – wie Rindern und Anti -
das Symbol für die Jungfräulichkeit gus“, einer frühchristlichen Naturlehre lopen – ist naturgemäß nur ein Horn
Marias und wird oft mit ihr zusammen aus dem 2. Jahrhundert. In Arznei - zu sehen (siehe obige Darstellung
dargestellt: Nur eine Jungfrau kann büchern werden Einhörner etwa von eines Auerochsen vom babylonischen
die wilden, schnellen Tiere einfangen, Hildegard von Bingen erwähnt. Auch Ischtar-Tor). Nashörner, bei denen das
glaubt man. Für die Alchemisten des in der Bibel ist bis ins 18. Jahrhundert vordere Horn dominiert, könnten ein
Mittel alters sind Einhörner genau von Einhörnern die Rede, dann wird weiterer Ursprung sein: So bezeich -
wie Löwen Symbole für die Kraft des der Übersetzungsfehler korrigiert: nete etwa Marco Polo ein Sumatra-
Quecksilber-Geistes. Gemeint waren Auerochsen. Nashorn als Einhorn. Thomas Röbke

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 9


AUSGEGRABEN

Die Toten
der Grenze
rstmals haben Historiker der Freien Universität Berlin

E eine belastbare Gesamtzahl der Toten an der innerdeut


schen Grenze ermittelt. Sie zählen 327 Opfer im Alter
von sechs Monaten bis 80 Jahren, die durch Schüsse, Minen,
TODESZONE
Grenzanlage in Thü -
ringen (oben). Fred
Unfälle und Suizide starben. Darunter sind politische Flücht Woitke wurde am
linge, westdeutsche Bauern, die in Minenfelder gerieten, 21. April 1973 an der
und auch Grenzsoldaten. Die Forscher gingen teilweise wie Grenze erschossen
Ermittler vor. Dr. Jochen Staadt über eine lange Recherche.

Sie haben während Ihres fünfjährigen Forschungsprojekts


zu den Toten an der Grenze exakt 1492 Verdachtsfälle des Ministeriums für gesamtdeutsche Fragen, des Bundes
untersucht. Wie sind Sie auf diese Zahl gekommen? grenzschutzes und des Zolls. Dazu kamen Listen, die von der
Wir haben mehrere Quellen genutzt, um die Verdachtsfälle „Arbeitsgemeinschaft 13. August“ über Zwischenfälle an der
zu ermitteln. Darunter waren die Akten der Erfassungsstelle innerdeutschen Grenze erstellt wurden. Und auch die tägli
chen Rapporte der Volkspolizei der DDR und der Grenztrup
telbar nach dem Mauerbau gegründet. Die Erfassungsstelle pen waren wichtig. Zudem gab es die Berichte des Ministe
hat sich mit Rechtsverletzungen an der Grenze, in DDR riums für Staatssicherheit, das die Grenztruppen überwacht
hat. Auch Zeitzeugen haben sich bei uns gemeldet.

Sie haben 327 Todesopfer des DDR-Grenzregimes identifi -


ziert. Wer gehört dazu – lassen sich Gruppen ausmachen?
Welche anderen Quellen haben Sie benutzt? In der Nachkriegszeit und kurz nach Gründung der beiden
Wir hatten ein sehr großes Papieraufkommen. Wichtig wa deutschen Staaten gab es viele Menschen, die als Grenz
ren auch Dokumente des Bundesinnenministeriums sowie gänger bezeichnet wurden. Das waren Anwohner, die zum

Fundstücke
Die Lesetipps der Redaktion
PRÄCHTIG Nur so aus Spaß ans unberechenbare Meer fah - PACKEND Wiederauflage des
ren? Nur weil einem danach ist, Berge erklimmen? Bis vor rund Klassikers, den der ungarische
Schriftsteller erstmals 1922
geerntet. Erst der technische Fortschritt in Gestalt von Eisenbah - veröffentlichte – und somit
nen, Ozeandampfern, Automobilen und Flugzeugen ermöglichte nicht auf dem letzten Stand
es den Menschen, zum reinen Zeitvertreib zu reisen. Voraus ge - der Nero-Forschung. Aber
setzt, sie hatten das nötige Kleingeld für die Seebäder-Herrlich - spannend und wunderbar at -
keiten, mondänen Grandhotels, Luxusliner und -bahnen der tou - mosphärisch. Gilt zu Recht als
tät einer der großen historischen
Romane des 20. Jahrhunderts.
Stefan Bitterle: Zeitreisen. Legendäre Orte, Dezsö Kosztolányi
Routen und Momente. teNeues, 49,90 Euro Nero, der blutige Dichter
Rowohlt Berlin, 24 Euro

10 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


Arena

Zum Forscher
Dr. Jochen Staadt ist Projektleiter
im Forschungsverbund SED-
-
legen fünf Jahre lang zu den
deutschen
Grenze geforscht.

schwanger war und mit ihrem Freund in den Westen wollte.


Sie war schon auf den Zaun hochgeklettert, als Grenzsol -
daten das Feuer eröffneten und sie erschossen. Und schlimm
sind auch die Opfer, die von Anti-Personen-Minen schwer
verletzt wurden. Viele sind im Minenfeld elendig gestorben.
So kam ein 80-jähriger Bauer aus Lüchow-Dannenberg, der
nach seinen Kühen suchte, in einem Minenfeld ums Leben.
Die DDR-Behörden führten ihn als unbekannten Toten –
obwohl er Papiere dabeihatte. Seine Verwandten lebten zwei
Jahre lang in Ungewissheit, was mit ihm geschehen war.
FOTOS: BSTU, DPA PICTURE-ALLIANCE, BERND WANNENMACHER, PR

Warum zählen Sie auch Grenzer der DDR zu den Opfern?


Einkaufen oder zum Besuch von Freunden und Familie oder Wir haben uns dabei an Forschungen aus Berlin orientiert,
zum Arbeiten über die Grenzen gingen, obwohl das verboten mit denen die Zahl der Mauertoten erfasst wurde. Wäh -
war. Auf diese Leute wurde häufig von Posten geschossen. Da rend der Recherche habe ich gelernt, dass längst nicht alle
gibt es eine ganze Reihe von Todesfällen. Die Grenzpolizei Soldaten wirklich freiwillig zur Grenztruppe gehörten.
hat allein für das Jahr 1950 über 1400 Schusswaffen-Anwen - Wehrpflichtigen wurde beispielsweise gesagt, dass sie erst
dungen gezählt. Später sind es immer mehr politische Flücht - nach ihrem Einsatz an der Grenze den Studienplatz erhalten
linge, die versuchen, die DDR zu verlassen. Es sind vor allem würden, den sie wollten. Viele Soldaten verrichteten diesen
junge Leute, das nimmt nach dem Mauerbau in Berlin noch Dienst mit Widerwillen, einige haben dem Schießbefehl
zu. Viele Opfer waren jünger als 25, meist Arbeiter, Hand - auch widersprochen und gesagt, sie werden nicht auf Flücht -
werker und Bauern – die angeblichen Stützen des Staates. linge feuern. Dann sind sie versetzt, einige auch bestraft
worden. Einige sind am Dienst so verzweifelt, dass sie Suizid
Welcher Fall hat Sie besonders bewegt? begangen haben. Die muss man als Opfer des Grenzregimes
Es gab mehrere Fälle, die mir nahegegangen sind. Darun - sehen. 44 Suizide von Grenzsoldaten haben wir in die Ge -
ter ist die Geschichte der 16-jährigen Heidi Schapitz, die samtopferzahl aufgenommen. Interview: Hauke Friederichs

PERSÖNLICH Für die Ber - PHILOSOPHISCH - PEINIGEND In Deutschland PRÄGEND Der britische
liner Zeitung berichtet die chen glaubten an ein To - untersagt das Grundgesetz Historiker Eric Hobsbawm
Journalistin Anna Mudry 1969 tenreich mit Fährmann, die die Anwendung der Todes - gilt als einer der ganz großen
und 1973 über den Alltag der Christen an Fegefeuer und strafe. In den USA hingegen seiner Zunft. Er prägte die
Menschen unter den Aus - Paradies, die Romantiker an landen Mörder und andere Geschichtsschreibung.Einer
wirkungen des Vietnamkriegs. ewigen Schlaf. Ein Überblick, Verbrecher immer noch in seiner Forschungsschwer -
Dabei gelingt ihr ein sehr wie sich Europäer das Sein der Todeszelle. Ein Überblick punkte lag auf dem 19. Jahr -
persönlicher Zugang. Mudrys nach dem Tode vorstellten. über die Geschichte einer -
Buch von 1975 in überarbei - Philip C. Almond umstrittenen und endgültigen
teter Form. Jenseits – Eine Geschichte Strafform. Lesenswert!
Anna Mudry: Vietnam. des Lebens nach dem Tode Helmut Ortner Eric Hobsbawm
Gesichter und Schicksale Lambert Schneider, Wenn der Staat tötet Das lange 19. Jahrhundert
Pirmoni, 14,90 Euro 29,95 Euro Theiss, 22,95 Euro Theiss, 89,95 Euro

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 11


Arena

NT
AUSGEDIE

Doping

ächtet. Das war nicht immer so. Schon


die Germanen putschten sich vor
Schlachten mit Fliegenpilzen auf. Sie

FOTOS: AKG-IMAGES, UNIVERSALMUSEUM JOANNEUM/N. LACKNER, MARIJA KANIŽAJ, KEYSTONE, GRAHAM


glaubten, dass der toxische Pilz über
all dort wachse, wo zuvor Speichel von
Odins Pferd auf den Boden getropft sei.
Bei antiken Olympischen Spielen

BARTHOLOMEW/MANDATORY ©HISTORY, LWL/T. ARENDT; ILLUSTRATION: MICHAEL STACH


sollen Athleten sich mit Stierhoden
gestärkt haben – das Testosteron half,
ihre müden Muskeln zu regenerieren.
Der Begriff Doping stammt aber aus der
Sprache südafrikanischer Ureinwohner,
die eine anregende Spirituose „Doop“
nannten. Der ERSTE DOPINGFALL
bei den Olympischen Spielen der Neu
zeit wurde 1904 dokumentiert: Der
Marathonläufer Thomas Hicks trank
damals einen Cocktail aus Brandy, Ei
weiß und Strychnin, das auch als Rat
tengift verbreitet ist. Hicks gewann den
Wettbewerb – und kollabierte hinter
Der Küfer
der Ziellinie. Seine Medaille durfte er Dieser russische Bauer scheint seinen Zuber allein gefertigt zu haben
behalten: Erste Dopingverbote erließ (1890er-Jahre). Generell aber war das Fass eines der ersten Massen -
das Olympische Komitee erst 1967, produkte, gleich mehrere Berufe hingen von ihm ab: Der Daubenhauer
nachdem bei den Spielen in Rom sieben spaltete die Holzbretter. Der Reifschneider oder der Bandreißer schufen
Jahre zuvor der mit Methamphetami die hölzernen Reifen, welche das Fass ohne Nägel zusammenhielten.
nen gedopte dänische Radfahrer Knud Der Küfer (auch Binder oder Böttcher) setzte lediglich alles zusammen.
Enemark Jensen tödlich gestürzt war.

IM MUSEUM: EIN KLASSIKER LEBT


Es zählt zu den auflagenstärksten wird gespannt von der Entstehung des
Büchern der Welt – und gewiss Werks im 19. Jahrhundert über die wi -
dersprüchliche Rezeption im
und umstrittensten: „Das -
Kapital“. Das Werk von Karl tigen Fragen der Produktion,
Marx wird in diesem Jahr der Verteilung von Reichtum
150 Jahre alt. Das Ham - und Armut sowie Alternativen
burger Museum für Arbeit zum heutigen System.
„Das Kapital“ fragt in einer Ausstellung,
bis 4. März 2018, Museum der Arbeit, wie aktuell seine Thesen JUBILÄUM 1867 erschien der
Hamburg, Erwachsene: 8,50 Euro noch heute sind. Der Bogen erste Band des dreiteiligen Werks

12 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


Zu Unrecht
vergessen
Flugpionier
Gustav Weißkopf
(1874 –1927)

Die US-Amerikaner Wilbur und


Orville Wright gelten als die Ersten,
die 1903 einen Motorflug unter -
nahmen. Doch eigentlich gelang
die Pioniertat Gustav Weißkopf, ei -
nem Maschinenschlosser aus Ans -
bach. Er war in den 1890er-Jahren
PRACHTRÜSTUNG Der Pferdeharnisch ist ausgestellt im Landeszeughaus in Graz, in die USA ausgewandert, wo er
der größten erhaltenen historischen Waffenkammer der Welt verschiedene Flugmaschinen kon -
struierte und mit selbst gebauten
Motoren bestückte. Nach vielen

Mein Lieblingsstück Fehlversuchen gelang ihm am

den Wrights – in Bridgeport im


Die Einschränkung muss man vor - um 1510 vom Innsbrucker Plattner Bundesstaat Connecticut mit sei -
wegnehmen: Im Krieg wurde dieser Konrad Seu senhofer geschaffen. ner „Nummer 21“ ein Flug von eini -
Rossharnisch wohl nie eingesetzt. Auftragge ber waren womöglich die gen Hundert Metern. Der „Bridge -
Dafür ist er zu kostbar verarbeitet, Herren von Losenstein, ein Adelsge - port Herald“ und etliche andere
sind seine Bleche zu dünn. Er diente schlecht aus Oberösterreich, in des - Zeitungen berichteten damals
wohl der Repräsentation, sollte den sen Besitz sich der Harnisch lange Zeit darüber, doch mit der Zeit geriet
Ruhm des Reiters mehren. Allgemein befand. Außergewöhnlich sind die Weißkopfs Leistung in Vergessen -
konnten sich nur wenige eine Rüstung reichen Verzierungen: Schwarze Blu - heit. Erst 2013 kam das maßgeb -
für ihr Pferd leisten, obwohl die Tiere men und Blätter ranken auf den silb - liche Nachschlagewerk „Jane’s
in der Schlacht ein besonders verletz - rigen Platten, sie hat der Augsburger All the World’s Aircraft“ zu dem
liches Ziel waren. Doch die Herstel - Künstler Daniel Hopfer hineingeätzt. Schluss: „Weißkopf war zuerst.“ Bis
lung von Rossharnischen war teuer, er den gebührenden Ruhm erhält,
deshalb gibt es nur wenige von ihnen. Dr. Wolfgang Muchitsch wird es aber wohl noch dauern.
Unser Harnisch kam als Schen - ist Direktor des Universal -
museums Joanneum in
kung des Grafen Karl von Stubenberg Graz, einem Verbund von
in das Landeszeughaus. Das 42 Ki - 17 Museen, unter ihnen
logramm schwere Werk wurde wohl das Landeszeughaus.

IM FERNSEHEN: IN DIE NEUE WELT


Sie alle trieb die Hoffnung auf ein
besseres Leben: Im 19. Jahrhundert
zog es jeden dritten Skandinavier in
die USA, ebenso die Hälfte der russi -
schen Juden wie auch Millionen von
Iren. Die zweiteilige Dokumentation
erzählt die Geschichte dieser und
anderer Völkerwanderungen, welche
„Amerika – Reise in eine neue Heimat “,
die Vereinigten Staaten von Amerika
2 Folgen, je 2 Std., 23./24. September bis heute kulturell, soziologisch und
2017 ab 20.15 Uhr auf HISTORY politisch prägen.
R IOS NEUE SERIE IN P.M. HISTORY:
KU Überraschende Fakten aus der Geschichte Von Michael Fleck

Abschleppkosten
für Apollo 13
„Houston, we’ve had a problem here.“
Während des Fluges von Apollo 13
explodierte etwa 300000 Kilometer

den Sauerstofftanks. Die Mannschaft


stieg von der Kommandokapsel in
die Mondlandefähre um, diese war
für den gesamten Rückflug ihr Ret
tungsschiff. Die Kommandokapsel
wurde als „Anhängsel“ mitgenom
men. Nach der Mission stellte der

Produzenten der Kapsel – scherz

IM PAZIFIK
von 417421,24 Dollar in Rechnung.
Helfer bergen
am 17. April Die Firma weigerte sich, zu zahlen: Bei
1970 die Apol - früheren Missionen habe die Kapsel
lo-13-Kapsel die Fähre öfters zum Mond gebracht –
ohne eine Gebühr zu verlangen.

Bier aus den Fleeten


Hamburg galt im Spätmittelalter
als das Brauhaus der Hanse. Im

Brauer pro Jahr 574000 Hektoliter

ben Zeitraum nur 5000. Zu Spitzen


zeiten gab es 450 Brauereien in der
Stadt – bei 8000 Einwohnern. Auch
Kinder bekamen das „flüssige Brot“,
das kalorienreich und billig war. Das
IM GARTEN Geli Raubal mit ihrem Onkel Adolf Hitler
Bier aus der Hansestadt war für sei
ne Würze berühmt. Das Brauwasser
Adolf Hitler als Opfer der stammte allerdings aus den Flee PROST Biertrinker,
Boulevardpresse ten – in die auch Unrat gekippt und
Nachttöpfe entleert wurden.
gemalt um 1650 von
Jacob Jordaens
Sie winkte ihm zum Abschied, rief dem lieben Onkel

schossen. Mit seiner Pistole. Ein Fall für die Klatsch Die Heilige Schar von Theben
presse – und für seine politischen Gegner. Geli Raubal Die Männer der Heiligen Schar von Theben standen Schild
an Schild, als Phalanx rückten sie immer weiter vor. In
Adolf Hitler, Chef der NSDAP. Mitten im Wahlkampf
liefen die Druckerpressen heiß: Hatte Hitler eine Affäre
mit seiner Nichte? Sie lebten gemeinsam in München, er nischen Armee war eine besondere Truppe. In ihr kämpften
bewachte sie eifersüchtig. Eine Heirat mit seinem Chauf ausschließlich männliche Liebespaare. Die Krieger waren
feur verbot er und entließ den Fahrer. War es wirklich tatsächlich besonders kampfstark, was weniger an der
Suizid? Oder Mord aus Leidenschaft? Hitler der Täter? Homosexualität als an der Professionalität gelegen haben
Tausende Gerüchte kamen auf, unter denen Hitler litt. dürfte: Alle waren hauptberufliche Soldaten.

14 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


Arena

PLAKATIV

Kölner Duft
itrone, Limette, Pampelmuse und Bergamotte. Viel

Z mehr braucht der gebürtige Mailänder Johann


Maria Farina nicht, als er im 18. Jahrhundert ein
Parfüm kreiert, das er nach seiner Wahlheimat am Rhein
benennt: „Eau de Cologne“, Kölnisch Wasser. Schnell
mausert sich seine Tinktur zum „Duft der Höfe“, mit dem
der französische König Ludwig XV. seine Schläfen be
netzt. Napoléon Bonaparte betört mit dem Duft seine Ge
spielinnen. Und auch Wolfgang Amadeus Mozart bunkert
mit Eau de Cologne getränkte Tücher in seinem Schreib
tisch. Das Parfüm ist trotz seiner hochwertigen Rezeptur
vergleichsweise günstig – von den Höfen wandert es
daher rasch in die Verkaufsregale von Friseuren und Apo
theken. Obwohl von Farina als Herrenduft konzipiert,
umnebeln sich bald auch Frauen mit Kölnisch Wasser. Die
Firma von Farina existiert bis heute, als Geschäftsführer

urenkel. Marktführer ist Farinas Vermächtnis jedoch


längst nicht mehr. Nach der Französischen Revolution
„AUX FLEURS DE FRANCE“(FRÜHES 20. JAHRHUNDERT)
Franzosen gehören seit je zu den größten Liebhabern von Köl -
kopierten seine Konkurrenten das Produkt: Der Begriff
nisch Wasser. Damen besserer Kreise werden mit dieser Anzeige Eau de Cologne avancierte so über die Jahrhunderte zum
aus den 1920er- oder 1930er-Jahren angesprochen allgemeinen Namen einer ganzen Duftklasse.
FOTOS: ALAMY STOCK PHOTO, INTERFOTO (3), AKG-IMAGES , BRIDGEMAN IMAGES

„FÜR MUTTI 4711“ „MONSIEUR


(1967) ROCHAS“ (1967)
Das Parfüm namens Parfüm verspricht
„4711“, benannt nach Freiheit und selbst -
der Firmenhaus - bestimmtes Leben:
nummer in der Köl - In einer Anzeige im
ner Glockengasse, französischen Ma -
kam erst Jahrzehnte gazin „Paris Match“
nach Farina auf den umwirbt ein Eau de
Markt. Doch heute Cologne namens
ist es das erfolg - „Monsieur Rochas“
reichste Kölnisch gezielt eine männli -
Wasser. Hier eine che Zielgruppe mit
Werbeanzeige Hang zu dandyhaf -
aus der Zeitschrift ten Landpartien im
„BunteIllustrierte“ Mercedes-Oldtimer

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 15


POSTEN AM KANAL
Ein Soldat der Wehr -
macht steht 1943 an
der französischen Küs -
te Wache mit einem
Maschinengewehr

16 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


Gott statt Hitler
Mit 18 Jahren wurde Kurt Keller Soldat. Er glaubte an Adolf Hitler. Bis zum
D-Day. Das Grauen am Strand ließ ihn desertieren und religiös werden
Von Tim Pröse

MEIN LÄNGSTER TAG: 6. Juni 1944 / Omaha Beach

ränen stehen ihm in den nichts anmerken lassen. Trotz der Last

T Augen. Er sagt, das sei der


Wind. Er hat seine Schirm -
mütze ins Gesicht gezo -
gen, gegen die Böen, doch
viel mehr noch gegen die Wehmut. „Er
weht so stark wie damals“, sagt der alte
Mann. „Damals“, das ist für ihn der JUNGER SOLDAT Mit 18 Jahren
an Erinnerungen strahlt Keller heute
Ruhe aus. Ein liebenswerter Groß- und
Urgroßvater. Irgendwann an diesem
Nachmittag traue ich mich, ihn einfach
zu fragen, ob wir nicht einmal zusam -
men zurück zum Omaha Beach fahren
sollen. Keller lächelt – und sagt sofort
zog Kurt Keller für Volk und Führer zu. Ich frage ihn, ob es ihm schon mor -
in den Weltkrieg. Später beging er
zu Ende gegangen. Für ihn ist dieser gen passen würde, weil ich doch nun
Fahnenflucht
Tag tatsächlich der „Längste Tag“. So schon mal im Saarland bin. Keller sagt:
nennen die alliierten Veteranen den „Prima, ja, morgen fahren wir los!“
D-Day, und so heißt auch der berühm -
- burg im Saarland getroffen. Kurt Keller m nächsten Tag hole ich ihn und
vasion in der Normandie. Die größte
Landeoperation der Geschichte.
Für den Mann aus Deutschland,
trinkt Kaffee am Esstisch und nimmt
die Hand seiner Frau in seine Hände,
wenn ihn das Erzählen traurig macht.
A seine Frau ab. Von Homburg bis
Saint-Laurent-sur-Mer sind es
neun Stunden. Kaum, dass er angekom -
der über den weiten Strand blickt, ist Von seinem Stuhl aus sieht er sich selbst men ist, muss er nur seine Augen schlie -
die Geschichte Gegenwart. Er spürt ins Gesicht. An der Wand gegenüber ßen, und die Zeitreise beginnt. Er sieht
das schon sein Leben lang und heute hängt ein Bild vom 18-jährigen Keller alle wieder vor sich, die Toten und die
ganz besonders, wenn er den Wellen in der grauen Wehrmachtsuniform. Der Überlebenden. Er sieht die Armada von
FOTOS: DPA/PICTURE-ALLIANCE, SVEN PAUSTIAN/PRIVAT

zuschaut, wie sie an den Strand bran - alte schaut dem jungen Mann jeden Tag Tausenden Schiffen, die den Horizont
den. Damals, am D-Day, waren sie rot in die Augen. Wenn Kurt Keller von da - säumen. Er hat die Flugzeuge vor Au -
gefärbt vom Blut der Soldaten. mals berichtet, klingt aus seinen Wor - gen, die den Himmel verdunkeln. „Ich
April 2014. Kurt K. Keller ist gegen ten der Schrecken. Aber auch eine son - fühle wieder, wie die Erde unter mei -
Ende seines Lebens zurückgekehrt an derbare Sehnsucht nach diesem Strand. nen Füßen bebt.“ Und er spürt erneut,
den Strand in Frankreich, an dem er Dabei fürchtet er sich vor ihm bis heute. wie alles um ihn brennt.
vor 70 Jahren kämpfen musste. Er hat Er ist nie fertig mit ihm geworden. Doch Keller weiß noch, wie die Ginsterbü -
sich zusammen mit mir auf die Reise er hängt auch an ihm. sche an der Küste lodern. Wie ihr glü -
gemacht. Mit 88 Jahren ist er noch ein - Dieser Strand ist sein Verhängnis. hendes Holz riecht und die verbrannten
mal in das Dorf am Omaha Beach ge - Keller sagt, dass ihm nächtens oft Leiber der Menschen. Wie der Qualm in
fahren, nach Saint-Laurent-sur-Mer, in so ist, als stünde er wieder am Omaha den Augen brennt. Wie die ersten Lan -
die Normandie. Am Vortag haben wir Beach. Er liegt dann schweißnass ne - dungsboote der Amerikaner ihre Luken
uns in seiner kleinen Wohnung in Hom - ben seiner Frau Gertrud und will sich am Strand öffnen und wie die ersten

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 17


Serie Jahrhundertzeugen

Reihen der GIs sofort ins Meer sinken, Wenn Kurt Keller heute seine Au - um Nacht zurückkehren in den Krieg.
weil Kellers Kameraden mit den Ma - gen schließt, sieht er auch diesen einen „Da sinkt dieser amerikanische Soldat
schinengewehren in die Menge feuern. Soldaten vor sich stehen, der es fast auf seine Knie“, erinnert sich Keller. „Er
Und wie auch er mit seinem Karabiner bis über den ganzen Omaha Beach ge - nimmt seine Maschinenpistole in beide
auf die Menschen zielt. schafft hat. „Ich sehe ihn, wie er auf die Hände, streckt seine Arme von sich.“ Es
„Ich weiß noch, wie ein schreck -
liches Schuldgefühl in mir aufwallte.
Aber das musste ich ja bezwingen, es Keller schießt einem Feind in die
war ja Krieg, und die Männer dort un -
ten wollten uns ebenfalls töten.“ Brust. Das Bild des sterbenden
Eine Chance zu überleben haben
die herausstürmenden GIs nur, wenn Soldaten lässt ihn nie wieder los
sie verbotenerweise über die Seiten ih -
rer Boote in die See springen. Zwingen Steilküste und direkt auf mich zurennt“, wirkt fast so, als wolle er seine Waffe
sie sich über die Rampe hinaus, sind sagt Keller. Auf der Anhöhe kauert Kurt jemandem übergeben. Dann legt er sie
sie bloße Zielscheiben. Doch so oder Keller mit seinem Karabiner. Er schießt vor sich in den Sand. Er nimmt seinen
so sind sie viel zu schwer beladen, oft auf den GI, trifft ihn in die Brust. Helm ab, legt ihn ebenfalls in den Sand
mit 50 Kilogramm Gepäck, das sie zum Das Bild, das er sein Leben lang in und faltet seine Hände. Dann wirft er
Grund der an dieser Stelle meist drei sich trägt, lässt ihn heute noch auf - seinen Kopf in den Nacken und hebt sei -
Meter tiefen See zieht. schrecken aus seinen Träumen, Nacht nen Blick zum Himmel. Bis er zusam -

MEIN LÄNGSTER TAG: 6. Juni 1944 / Omaha Beach

OMAHA BEACH
Am 6. Juni greifen die
Alliierten an. Soldaten
stürmen mit schwerem
Gepäck aus einem
Landungsboot. Foto
von Robert F. Sargent
mensackt. „Er fällt mit dem Gesicht in
den blutigen Sand.“ Kellers Stimme ver
sagt. Es ist so, als wäre der GI mit ihm in
die Vergangenheit gereist.
Wir sind gerade die große Böschung
hochgelaufen, hinauf zu seiner alten
Stellung. Dort oben angekommen, sa
cken Kellers Schritte immer wieder in
Senken und Furchen aus Sand, die sich
über die Kuppe der Steilküste ziehen
und die alten deutschen Schützengrä
ben markieren, aus denen Keller auf
die Amerikaner feuern musste. Über
das Labyrinth aus Gräben ist Ginster
gewuchert, aber man erkennt sie noch
deutlich. Keller erstarrt plötzlich. Er
deutet immer wieder auf eine Stelle am
Strand. „Als ich sah, wie dieser Mann
dort ein letztes Mal zum Himmel bete RÜCKKEHR AN DEN SCHICKSALSSTRAND Kurt Keller ist einer der letzten Zeitzeugen,
te, war das ein Wendepunkt in meinem der den D-Day in der Normandie überlebt hat. 70 Jahre später kommt er zurück

Leben. Ich fragte mich: Wie kann man er seit 56 Jahren verheiratet ist und die
so fromm sein, dass man in den letzten auch in diesem Augenblick an seiner
Sekunden seines Lebens noch betet?“ Seite bleibt. Sie streicht ihm über sein
Keller hatte bis dahin nur an Adolf Gesicht, hakt sich jetzt bei ihm ein. Das
Hitler geglaubt. Doch als er sah, wie hilft ein bisschen.
sich dieser Soldat im Sterben an Gott Er erzählt, wie die GIs, bleich vor
wandte, war plötzlich alles anders. Angst und vom Wellengang, aus den
SERIE Dieser Text ist ein gekürztes Booten stolpern. Wie ein Streifschuss
s waren nicht die Abertausenden Kapitel aus dem Buch „Jahrhun - reicht, um sie ins Verderben zu stür

E von Toten, die ihn so berührten.


Es war dieser eine Soldat. „Er hat
mein Leben verändert.“ Bald beschließt
dertzeugen“ (Heyne) von Tim Prö
se. In ihm begegnet der Autor noch
vielen weiteren „Helden gegen
Hitler“. Eine Serie in P.M. HISTORY
-
zen. Der vordere Strand ist übersät

Keller, nicht länger für Hitler zu töten.


Er schwört sich zu desertieren, wenn nander verschweißten Stahlträgern.
er die Invasion und dieses sinnlose Wir steigen wieder hinab von der Keller erinnert sich, wie die verzweifel
Massensterben überlebt. Weil er seine Steilküste und wagen uns an den ten GIs hinter diesen Strandbefestigun
Kameraden nicht im Stich lassen will, Strand. Kellers Atem geht schwerer und gen ein wenig Schutz vor dem Kugelha
wartet er bis zum September 1944. Auf flacher, seine Augen irrlichtern hinter gel der Deutschen suchen. „Das war das
FOTOS: BRIDGEMAN IMAGES, SVEN PAUSTIAN, PR

dem Rückzug zum Rhein ist es so weit, seiner Brille, wie einst suchen sie den Schlimmste, was sie tun konnten, denn
Keller flieht. In dieser Zeit beginnt er, Horizont ab, der damals voller Schiffe so boten sie den Gewehrschützen Zeit
an Gott statt an Hitler zu glauben. Zum war. Kaum ein Wehrmachtssoldat an und Gelegenheit, um auf sie zu zielen.“
ersten Mal fällt ihm auf, was auf seinem vorderster Front hat den Angriff der Keller lag am 6. Juni 1944 oben auf
Koppelschloss eingeprägt ist: „Gott mit Alliierten am 6. Juni 1944 in der Nor der Klippe über dem Omaha Beach, auf
uns“. Keller glaubt, dass Gott ihn geret mandie überlebt. Keller ist vielleicht der die er nun wieder hinaufsteigt. Als er
tet hat. Und er sagt, dass all seine Ka letzte Deutsche, der noch von diesem die Gräben seiner alten Stellung wie
meraden an diesem verdammten Tag Tag am Strand erzählen kann. derfindet, nimmt er seine Kappe ab und
zum Himmel gebetet hätten, egal ob sie Es kostet ihn viel Kraft, den Strand senkt den Kopf. Die Windböen zerren
zuvor an ihn geglaubt hätten oder nicht. zu betreten. Er tastet immer wieder an ihm, beinahe wehen sie ihn um. Sie
Und dass alle weinen mussten. nach der Hand seiner Gertrud, mit der blähen seinen Blouson auf und lassen

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 19


WIE IM TREIBSAND
Ein deutscher Soldat
überlebt im Juni 1944
einen Luftangriff der
Alliierten – wird dabei
aber verschüttet

MEIN LÄNGSTER TAG: 6. Juni 1944 / Omaha Beach

seine Hose flattern. Keller erzählt, wie so tief, dass wir die Köpfe der Piloten in te ungern in Aufzüge, meidet kleine
ihm dort oben mitten in der Schlacht ihren Bombern sahen.“ Die Erde erzit - Räume. Sein Arzt riet ihm, alles aufzu -
die Munition ausgeht. Wie sein Arm tert. Er kann kaum noch schießen, die schreiben. Das tat er. Seine Erinnerun -
sich im Donner der Schüsse zu seinem Munition ist knapp, sein Magazin hat gen sind in einem kleinen Buch erschie -
Kameraden vortastet, der neben ihm im nur zehn Schuss. Nicht weit von ihm nen: „Vom Omaha Beach bis Sibirien“.
Sand liegt, um ihn um neue Patronen feuert jemand mit dem MG 42, der „Hit -
zu bitten. Keller tippt ihm auf die Schul - lersäge“, die 25 Kugeln pro Sekunde auf uf dem Weg zurück zum Hotel
ter – und seine Hand versinkt in einer

Keller wird nach einer Explosion


die Todgeweihten niedergehen lässt.
A erzählt er, was nach dem D-Day
mit ihm geschehen ist: Wenige
Tage nach seiner „Fahnenflucht“ wird
er festgenommen und zum Tode verur -
teilt. Doch dann kommandiert man ihn
in seiner Stellung verschüttet. ins Bewährungsbataillon 500, ein Him -
melfahrtskommando an der Ostfront.
Seitdem fürchtet er enge Räume Dort gerät er in russische Gefangen -
schaft. Die Rote Armee verschleppt ihn
großen Wunde, aus der Blut quillt. Eine Er erinnert sich, wie er immer wie - in ein Lager. „Arbeit macht frei“ steht
Granate hatte ihn getroffen. der zum Himmel hinaufsieht, weil er in schmiedeeisernen Lettern über dem
Minuten schweigt Keller jetzt, ringt hofft, dass die deutsche Luftwaffe den Tor, und so glaubt Keller an ein Arbeits -
mit sich. Sein Atem stockt, und sei - Versprengten am Boden helfen wird, lager, als jemand ihm sagt, wo er sich
ne Worte, die er hervorbringt hier am wie man es ihnen immer versprochen wirklich befindet: im gerade befreiten
Strand, sind kaum zu verstehen. Der hat. Doch dann regnen schon wieder Vernichtungslager Auschwitz.
Wind und das Wellenrauschen reißen Bomben herab, und Keller wird ver - Dort zwingen ihn die Russen, die
sie mit sich fort, noch ehe er sie ganz schüttet. Nur weil sich sein Helm über Leichen zu bergen und zu bestatten.
ausgesprochen hat. sein Gesicht legt, überlebt er unter der Wochen später verfrachten sie ihn nach
Dann fasst er sich wieder und schil - Erde, bis ihn seine Kameraden endlich Sibirien. 8000 Kilometer von der Hei -
dert, wie er gefangen war in der Stel - ausgraben. mat entfernt.
lung, als die Jagdbomber ihre tödliche Seit diesem Tag quält Keller die Doch Keller gelingt die Flucht. Seine
Fracht herabregnen ließen. „Sie flogen Angst vor der Enge. Er steigt bis heu - Stationen sind amtlich dokumentiert.

20 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


Serie Jahrhundertzeugen

Am 7. November 1949 kehrt er heim


nach Homburg.
Das letzte Ziel unserer Reise ist der
deutsche Soldatenfriedhof La Cambe.
Eine kilometerlange Allee führt zu
ihm. Jeder der Tausenden von Bäumen
steht für einen deutschen Soldaten. Je -
der trägt eine Tafel mit einem Namen.
Meist haben Hinterbliebene einen Gruß
hinterlassen. Auf dem Schild mit der
Nummer 1205 etwa lesen wir: „In Erin -
nerung an Kurt Stürmer – wir konnten
Dich nie kennenlernen. Deine Tochter,
Enkel und Urenkel“. Auf dem daneben
steht: „Für meinen geliebten Hermann,
der mir immer fehlen wird“.
Durch einen großen steinernen
Torbogen betritt Keller die Ruhestätte
seiner Kameraden. Er verstummt beim HIMMELFAHRTSKOMMANDO Französische Fischer betrachten nach dem D-Day die
Anblick der schlichten und von Moos Leichen von US-Soldaten, die beim groß angelegten Angriff auf Omaha Beach starben
FOTOS: BRIDGEMAN IMAGES, ROBERT CAPA © INTERNATIONAL CENTER OF PHOTOGRAPHY/MAGNUM PHOTO, SVEN PAUSTIAN, PRIVAT

gut, dass der Fritz nun ausruhen kann.


Es ist gut, dass er jetzt nicht mehr ge -
stört wird. Er war ein treuer Kamerad.
Er hielt zu mir. Er war bei mir. Und nun
bin ich bei ihm.“
Keller ist aufgewühlt und doch auch
zufrieden. Er hat seinen Fritz wiederge -
funden. Nun kann es nach Hause gehen.
Neun Stunden fahren wir zurück
nach Homburg an der Saar. Kurt Keller,
der auf dem Hinweg so viel erzählt hat
und den so viele Erinnerungen einhol -
ten, der schweigt nun meistens.
Sein Kopf scheint all die Bilder,
die er gesehen hat, einzuordnen. Oft
schließt er seine Augen, schläft aber
SOLDATENFRIEDHOF In La Cambe sucht Kurt Keller (hier mit seiner Ehefrau Gertrud) nicht. Hinter seinen Lidern verweben
nach den Gräbern von Kameraden. Er kämpfte im Juni 1944 in Frankreich sich die Szenen von damals und von
heute. Was sah heute noch so aus wie
damals? Was war heute anders? Und
besetzten Steinkreuze und beginnt, die beginnt zu beben. „Mensch, Fritz …! Da wie schrecklich schön sah er heute aus,
Grabplatten nach Namen abzusuchen, bist du ja …!“ Er beugt sich hinab, weil dieser stille Frieden an diesem Ort des
die er kennt. Er scheint sich mit seinem er seinem Kameraden näher kommen furchtbarsten Kriegs?
Blick am Boden ganz zu verlieren. will. Und auch, weil seine Beine das ers -
Doch dann, nach einer Stunde, te Mal an diesem Tag nicht mehr recht
Tim Pröse traf für sein Buch
bleibt er stehen. „Fritz Jürgensmeier!“, wollen. Da hockt er nun, streicht wie -
„Jahrhundertzeugen“ u. a. die
ruft er plötzlich und deutet auf den Na - der und wieder mit der Hand über das letzten Hitler-Attentäter, den
men, der da auf der Grabplatte steht. Grabmal. Dann erhebt er sich, steht ge - Judenretter Berthold Beitz und
„Ja, das ist er! Der Fritz!“ Seine Stimme rade, sammelt sich und flüstert: „Es ist Sophie Scholls Schwester.

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 21


Meisterwerk

Die Venus wird ganz -


jährig ausgestellt im
Urgeschichtlichen
Museum Blaubeuren,
Baden-Württemberg.
Auch ihr Fundort in
Schelklingen kann
besichtigt werden

RITZEN UND KERBEN KNOCHENFLÖTE FUNDORT KLEINE SCHÖNHEIT


Die Forscher fragen In der Nähe der Venus Die Archäologen müs - 59,7 Millimeter ist die
sich seit Jahren: Was fanden die Forscher sen ihre Grabungen im Venus hoch und 33,3
bedeuten die Ritzen auch eine 22 Zentime - Hohlen Fels, wo sie die Gramm schwer. Um die
und Kerben auf dem ter lange Knochenflöte. Venus 15 Meter hinter zierliche Figurine nicht
Körper der Figurine? Sie wurde vor mehr als dem Eingang fanden, zu beschädigen, fassen
Diese Verzierung 35000 Jahren aus der jedes Jahr für einige die Forscher sie grund -
ergibt ein Muster, das Speiche eines Gänse - Monate unterbrechen: sätzlich nur mit Baum -
in seiner Komplexität geiers geschnitzt und Dann hängen sich wollhandschuhen an.
für die Zeit, in der die hat fünf Löcher, mit Fledermauskolonien an Bis auf einen fehlenden
Venus entstand, ganz denen ihr Töne entlockt die Höhlendecke, um Arm ist die Venus voll -
einzigartig ist werden können dort zu überwintern ständig erhalten

22 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


Die Venus
vom Hohle Fels
vor 35 000–40 000 Jahren

aum sechs Zentimeter misst die Venus, und doch Forscher wollen dem bloß 33 Gramm leichten Arte -

K ist ihr Körper derart robust, dass sie beinahe unbe


schadet viele Jahrtausende überstand. Gefunden
wurde sie im „Hohlen Fels“, mit 500 Quadratmetern eine
- fakt nun seine Geheimnisse entlocken. Und interpretie
ren dabei auch das Design: Pralle Brüste prangen auf
dem Oberkörper der Frauenfigur, ihre Schamlippen sind
-

der größten Höhlenhallen auf der schwäbischen Alb. Der genau wie ihr Gesäß üppig modelliert – Forscher strei -
Tübinger Archäologe Nicholas Conard gräbt sich dort ten bis heute über die Frage, ob solche Venusfigurinen
seit den 1990er-Jahren durch das Geröll – 2008 stieß er als erste überlieferte Zeugnisse von Pornografie gelten
unter Kalkbrocken auf das verschüttete Kunstwerk aus könnten. Eine andere Interpretation liefert die Öse, die
Mammut- Elfenbein. Und fand: eine Weltsensation! aus dem Hals der Venus ragt: Trugen Frauen die Figur
Die Radiokohlenstoffuntersuchung verriet ihm: Die vielleicht als Talisman um den Hals, um ihre Fruchtbar -
Figurine muss vor mindestens 35 000 Jahren modelliert keit zu verbessern? Nicholas Conard kann sich das vor -
worden sein. Wahrscheinlich ist sie sogar 40 000 Jahre stellen, sagt aber auch: „Ich war nicht da vor 40 -
alt. Sie stammt also aus dem Aurignacien – der ersten ren. Unter dem Strich habe ich keine Ahnung.“
bekannten Kultur des Homo sapiens. Die „Venus vom Mit seiner archäologischen Detektivarbeit sucht Co -
Hohle Fels“ ist damit das älteste je gefundene künstleri - nard weiter nach Antworten – auch auf die Frage, ob un -
sche Abbild eines Menschen. Conard vermutet, dass un - sere Ahnen erst hier im Norden gelernt haben, zu musi -
sere frühen Vorfahren die Fähigkeit zu solch figürlicher zieren. Darauf deutet eine Flöte aus Gänsegeierknochen
Kunst erst entwickelten, nachdem sie Afrika verlassen hin, die der Experte ebenfalls aus den Kalksedimenten
und sich im Norden angesiedelt hatten. Das Schwaben - des Hohlen Fels bergen konnte – es ist das älteste bislang
land als Wiege der menschlichen Kultur? gefundene Musikinstrument der Menschheit!
FOTOS: PICTURE ALLIANCE (3), ACTION PRESS, DDP IMAGES, IMAGO

Der „Hohle Fels“ auf


der schwäbischen Alb

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 23


Hochkulturen

Die Geschichte einer


verlorenen Welt
Als unterentwickelt und unbedeutend galten die indigenen Völker lange
Zeit. Die Neueste Forschung zeichnet aber ein ganz anderes Bild
Von Matthias Glaubrecht

r markiert die wohl folgen - Einflüssen. Doch Altamerikanisten er - All das sind die Ergebnisse vielfäl -

E reichste Zeitenwende in
der jüngeren Geschichte
der Menschheit: jener Mo -
ment am 12. Oktober 1492,
in dem Christoph Kolumbus auf einer

mischen Guanahani genannt (vermut -


-
kennen inzwischen immer häufiger,
dass das vorkolumbische Amerika vie -
lerorts deutlich anders ausgesehen hat,
als man es sich bislang vorstellte. Erst
allmählich zeichnet sich das Bild jener
komplexen Welt ab, die mit Kolumbus’
Ankunft in Amerika unterging und ver -
tiger Forschungsarbeiten. Etwa zum
Zeitablauf der Besiedlung: Überall
auf dem Doppelkontinent finden sich
mittlerweile Beweise dafür, dass Ame -
rika nicht erst unmittelbar mit dem
Ende der letzten Kaltzeit vor 10 000 bis
12 -
lich die heutige Insel San Salvador in gessen wurde. kert wurde, sondern bereits mehrere
den Bahamas), erstmals den sandigen
Strand eines anderen Kontinents be -
tritt. Mit den ersten noch irrlichtern - Die indigenen Kulturen formten
den Fahrten der Spanier quer durch die
fremdartige Inselwelt der Karibik und Landschaften zu ihrem Nutzen
entlang der angrenzenden Küsten des
amerikanischen Kontinents bereiteten
die europäischen Konquistadoren und Es sind drei zentrale Erkenntnisse, Tausend Jahre früher. Jüngst berich -
Kolonisten den Boden für die Entste - welche die Geschichte der indigenen teten Forscher sogar davon, dass die
hung einer völlig neuen Ordnung – für Kulturen völlig neu schreiben lassen. vermeintlich Neue Welt sogar noch
unsere Welt von heute. Erstens wurde Amerika sehr viel frü - viel älter sein könnte, möglicherweise
Was bislang meist verkannt wur - her vom Menschen besiedelt als bisher erreichten und durchquerten bereits
de: Als die Alte Welt der Neuen Welt angenommen; mithin sind die „india - vor 130 000 Jahren frühe Menschen -
begegnete, ging binnen kürzester Zeit nischen“ Kulturen – wie man sie fälsch - formen die Kontinente. Forscher haben
eine über Jahrtausende währende Ära licherweise bis heute nennt – sehr viel Steinwerkzeuge und Tierknochen mit
zu Ende. Die Entdeckung Amerikas älter als lange vermutet. eindeutig menschlichen Bearbeitungs -
sorgte zuerst und vor allem für den ra - Zweitens waren die beiden Ameri - spuren in Fundschichten entdeckt, die
santen Untergang jener Ordnung, die kas erheblich dichter besiedelt als ge - sicher auf diese extrem frühe Zeit da -
diesen Doppelkontinent (bestehend dacht, die Ureinwohner weitaus zahl - tiert werden konnten: auf eine warme
aus Nord- und Südamerika) lange aus - reicher; vermutlich lebten auf dem Phase vor der letzten Eiszeit.
gemacht hatte. Verkannt wurde diese gesamten Doppelkontinent vor der Während der vergangenen Jahr -
Tatsache wegen einer der größten bis Ankunft der Kolonisten deutlich mehr zehnte haben Archäologen die Anfänge
heute bestehenden Illusionen unserer Menschen als in Europa zu jener Zeit. der vorkolumbischen Zivilisation be -
noch immer auf Europa zentrierten Drittens waren die indigenen Kul - ständig nach vorn datiert; unter Hügeln
Geschichtsschreibung: Demnach seien turen wesentlich weiter entwickelt, als aus Sand, Geröll und Schutt haben sie
die Kontinente jenseits der Ozeane vor westliche Forscher lange glauben moch - monumentale Stufenpyramiden freige -
ihrer Entdeckung durch Europäer kaum ten, und wohl auch sehr viel besser an legt, Zeugnisse prähistorischer Metro -
besiedelt gewesen – und zudem weitge - ihre Umwelt angepasst; sie formten polen mit großen Tempelkomplexen,
hend unberührt von zivilisatorischen ganze Landschaften zu ihrem Nutzen. die bereits vor mehr als 5000 Jahren

24 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


ANKUNFT VON
KOLUMBUS
Der primitive
Ureinwohner
bestaunt den
fortschrittlichen

-
lung ist überholt

existierten – also noch vor den Pyrami - Warum ist das alles erst seit weni - heute nur Dschungel ist, enorm gro -
den in Ägypten! gen Jahren bekannt? Allzu lange wur - -
Noch überraschender und wohl den entsprechende zeitgenössische Be - lungen ermöglichte. Ethnoarchäologen
auch folgenreicher dürfte die Erkennt - richte zu wenig gewürdigt, etwa die der stießen auf kilometerlange Kanal- und
nis sein, dass der Doppelkontinent vor ersten spanischen Konquistadoren un - Grabenanlagen, Dämme und Wälle so -
Kolumbus’ Ankunft von vielleicht bis zu ter Francisco de Orellana, der 1542 den wie breite Straßen – regelrechte „Gar -
100 Millionen Menschen besiedelt war, Amazonas hinabfuhr. Dessen Bericht - tenstädte“ im Urwald mit Wasserreser -
wie neuere Hochrechnungen nahele - erstatter, der Dominikanermönch Gas - voirs und Hügelbeeten, die sogar im
gen. Bevor etwa das Inkareich von den par de Carvajal, schrieb: „Wir steuerten Überschwemmungsgebiet des Amazo -
Spaniern vernichtet wurde, existierte auf die Insel zu, die wir für unbewohnt nas die Ernährung von bis zu 50 -
in Flusstälern der Region und an den hielten, aber als wir diese erreichten, wohnern ermöglichten. Dazu war nur
Wüstenrändern im Norden und Süden waren die Einwohner, die sich unserem eine vielleicht schon hierarchische, si -
Perus eine Vielzahl hoch entwickelter Blick boten, so zahlreich, dass unsere cher aber arbeitsteilig organisierte sess -
Kulturen mit reicher Bevölkerung. Augen tränten.“ hafte Bevölkerung in der Lage.
Selbst der Regenwald war besiedelt, Die Ureinwohner Amerikas lebten
wie archäologische Funde am Ober - ie Indigenen waren keine No - längst auf regelrechten Farmen. Sie er -
lauf des Xingu, eines Amazonasflusses
in Brasilien, belegen. Experten hatten D maden, die Großwildjagd be
trieben. Die vorkolumbischen
- bauten und bevölkerten im Amazonas
becken, etwa am Guaporé, dem Grenz
-
-
FOTO: AKG-IMAGES

diese Region für unbewohnbar gehal - Ackerbaukulturen, die teilweise schon fluss zwischen Brasilien und Bolivien,
ten. Allein in Amazonien lebten vor der vor 3500 Jahren komplexe Gesellschaf - und in den Überschwemmungssavan -
Ankunft der Europäer schätzungsweise ten bildeten, brachten eine innovati - nen der Llanos de Mojos nordöstlich
fünf bis sieben Millionen Menschen. der Stadt Trinidad vom 6. bis Anfang

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 25


Hochkulturen

ten und reichsten Städte der damali


Nicht der Fortschritt überrollte
gen Welt, nicht nur in den Anden und
in Mittelamerika. In einem Gebiet von
die Völker – sondern Viren
der Größe der heutigen Schweiz finden
sich Spuren von komplexen Kulturen
mit sesshafter bäuerlicher Lebensweise. der großen Nebenflüsse des Amazo Zugrunde gegangen sind diese ver
Sowohl im Regenwald des Ama nas dicke Schichten außergewöhnlich gessenen Zivilisationen nicht durch
zonas selbst wie in der umgebenden fruchtbarer schwarzer Böden – die so die Gewehre, durch die vermeintliche
Savanne hinterließen die vorkolumbi genannte Terra preta. Stellenweise mit Überlegenheit und den Fortschritt der
schen Bewohner Baustrukturen, wie Scherben von Töpferwaren gespickt, Eroberer. Sie starben vielmehr an Seu
Erdwälle zum Schutz der Siedlungen dienten Speisereste und Holzkohle chen, welche die Fremden von jenseits
und Felder gegen Überschwemmungen, dazu, die Fruchtbarkeit der Böden zu des Atlantiks einschleppten. Die krank
Entwässerungskanäle und Staudäm erhöhen, und das inmitten der ansons machenden Erreger liefen den Erobe
ten äußerst kargen und nährstoffarmen rern vorweg und bereiteten erst den
Amerikas Ureinwohner waren kei Regenwaldböden. Boden für die unglaublichen Erobe
neswegs ökologisch vorbildlich: Nicht rungszüge einer Handvoll bewaffneter
nur am Amazonas brandrodeten sie die Konquistadoren. Denn gegen die in der
Regenwälder und Urwälder über lange Neuen Welt unbekannten Krankheiten
Zeiträume mit Feuer – und gestalteten wie Influenza, Hepatitis, Typhus, Ma
sie zu einer reich blühenden Kultur sern und vor allem die Pocken hatten
landschaft um. Als Kolumbus die Neue die Körper der Ureinwohner Amerikas
Welt betrat, war diese längst keine un keine Resistenzen aufzubieten.
berührte Wildnis mehr. Ihr massenweises Siechtum war
eine der größten demografischen Ka
ie vermeintlich undurchdring tastrophen der Menschheitsgeschich

D regenwaldes der Gegenwart


könnte mithin ein Artefakt dieser bis
aller Ureinwohner in Nord , Mittel
und Südamerika wurden dahingerafft;
lang kaum bekannten menschenge ganze Landstriche wurden im 15. und
machten Geschichte sein. Archäologen
sehen darin zunehmend ein Mosaik aus Möglicherweise hat dies sogar das
von Siedlern gestalteten kleinräumigen MAISGOTT Die Agrarkultur der Azteken Klima in unserer Alten Welt beeinflusst;
Landschaften mit hoher Artenvielfalt, war der europäischen überlegen erst aufgrund der dramatischen Ver
vor allem von Nutzpflanzen. nichtung der Ureinwohner bildete sich
Überall dort, wo die Ureinwohner in Amerika wieder eine geschlossene
einst siedelten, ist der Bestand etwa Oftmals waren die vorkolumbischen Walddecke mit dichtem Unterholz aus.
mit Pfirsichpalmen, Kakaobäumen und Kulturen weiter entwickelt als die eu Mit der Folge, dass mehr Kohlen dioxid
anderen vom Menschen genutzten tro ropäischen Gesellschaften zur selben aus der Luft gebunden wurde, was mög
pischen Pflanzen bis heute besonders Zeit, gerade in der Landwirtschaft. In licherweise in Europa zeitgleich die so
hoch. Ethnoarchäologen sind mittler den Hochkulturen von Zentralamerika genannte Kleine Eiszeit mitverursacht
weile beeindruckt vom Ausmaß dieser bis in die Anden wurde Mais zusammen hat. Erst später wurden diese schein
präkolumbischen Formen der agrari mit einem Dutzend weiterer Nahrungs bar so unberührten Wälder Amerikas
schen Waldnutzung und des Ressour pflanzen – etwa Avocados, Kürbisse, erneut gerodet, diesmal von europäi
cenmanagements. Bohnen, Süßkartoffeln – auf demselben schen Siedlern, mit den bekannten Aus
Mehr als 83 Pflanzenarten, darunter Feld kultiviert, dieses Vorgehen ver wirkungen auf unser Klima.
neben vielen Palmenspezies insbeson sorgte den Mais nebenbei mit Nährstof Die Opfer der ersten Globalisierung:
FOTOS: ALAMY/MAURITIUS IMAGES

dere Ananas, Mais, Maniok, Süßkar fen. So wurden enorme Überschüsse Es waren die indigenen Völker und ihre
toffel und Tabak, wurden systematisch produziert und eine Bevölkerungsdich jahrtausendealten Kulturen.
dort angebaut, wo wir bis vor Kurzem te ermöglicht, die in Europa damals un
jahrtausendealten Ur Wald wähnten. denkbar war. Dies gelang weitgehend
Professor Matthias Glaubrecht
Infolge der über Jahrhunderte dichten ohne jene Domestikation von Nutztie
ist Direktor und Leiter der
Besiedlung und des Anbaus immer wie ren, die in Europa und im Nahen Osten Ausstellung des Centrums für
der bestimmter Pflanzen entstanden lange als Maßstab für eine höhere kul Naturkunde an der Universität
vor allem entlang der Hauptarme und turelle Entwicklung galt. in Hamburg.

26 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


Die Entdeckung einer
VERSUN
WELT Bestseller-Autor
DOUGLAS PRESTON
auf gefährlicher Expedition zu
einer verschollenen Stadt im Dschungel

LESEPROBE
auch unter:
www.dva.de/presto
n
© Dave Yoder / National Geographic Magazine

368 Seiten mit Farbabbildungen ·A20,00 (D)


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Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer
www.facebook.com/deutscheverlagsanstalt Gebunden mit Schutzumschlag
www.dva.de www.facebook.com/dva.pantheon.siedler Auch als Hörbuch-Download und E-Book erhältlich.
Die
Verräterin
Ohne sie hätten die Spanier kaum das riesige
Aztekenreich in so kurzer Zeit erobern können:
Malinche, Dolmetscherin und Geliebte des
Konquistadors Hernán Cortés . Sie half den
Spaniern dabei, ihr eigenes Volk zu unterjochen

Von Stephan Draf

ie sah sie aus? Die Abbil - zu vernichten. Einen Kontinent zu ver -

W dungen, die wir kennen,


sind fast ausnahmslos
nach ihrem Tod entstan
den, sie finden sich in frühmexikani
schen Kodizes, in einigen Chroniken
-
-
ändern, zu prägen. Für immer.
Sicher ist: Bis heute bedeutet „ma
linchista“ im mexikanischen Spanisch
„Verräterin“. An den eigenen Leuten. An
der eigenen Gruppe. Am eigenen Land,
-

der spanischen Eroberer. Auf diesen Bil - an Mexiko. Nie, nie, nie würde eine me -
dern lacht sie nie, oft steht sie zwischen xikanische Mutter einer Tochter ihren
kämpfenden Männern, sie, die einzige Namen geben: Malinche.
Frau. Ein strenger Mittelscheitel teilt Novemer 1519: Hernán Cortés, An -
ihre Haare, sie hält sich stets gerade, führer einer sehr überschaubaren spa -
es gibt Historiker, die diese Haltung nischen Eroberungsarmee, steht auf
„arrogant“ nennen. Häufig trägt sie die einer Passhöhe zwischen zwei erlosche -
reich bestickte „Huipil“, die traditionel - nen Vulkanen. Er blickt auf ein Hochtal,
le aztekische Bluse. Sehr oft schwebt etwa 2000 Meter über dem Meeresspie -
auf den Abbildungen eine eingerollte gel, er sieht den riesigen Texcoco-See,
Zunge über ihrem Kopf, das passt, denn er sieht die Stadt: Tenochtitlan, die
sie sprach ja mehrere Sprachen: die Stadt im Wasser, Sitz des Azteken-Herr -
der Maya, des Volkes, bei dem sie auf - schers Moctezumas, ein Wunder der
wuchs. Und Nahuatl, die Lingua franca Baukunst. 200 000 Menschen leben
des Kontinents, die auch jener Stamm hier, fast doppelt so viel wie in London
sprach, in den sie geboren wurde, in Te - zu jener Zeit. Auf den Ruinen der Stadt
FOTO: SCHALKWIJK/ART RESOURCE, NY/BPK

huantepec an der Südostküste von Me - sollte sich Jahrhunderte später Mexi -


xiko. Und gleichzeitig die Sprache der ko-Stadt zu einer Megacity auswach -
Azteken, die ihre Gemeinschaft unter - sen. Cortés sieht Tempel und Paläste,
jocht hatten. Spanisch, die Sprache der er sieht die Dämme und Aquädukte,
Eroberer, der Konquistadoren, lernte sie gewissenhaft kultivierte Felder, er sieht
später. Sie lernte sie schnell. die Brücken, die von der Stadt über den
Sie war die „lengua“, die Zunge, die See führen. Auf dem Wasser Tausende
Übersetzerin. Diese Fähigkeit rettete brauner Kanus – die Azteken leben auf
wohl ihr Leben. Sie half jedenfalls, ei - dem See, nicht an Land. Cortés will
nen Krieg zu entscheiden. Eine Kultur sich diese Stadt untertan machen, sie

28 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


AZTEKISCHE METROPOLE

20. Jahrhundert zeigt


Malinche im Marktgetümmel
im Herzen der Azteken
Metropole Tenochtitlan

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 29


MEXIKO
Hochkulturen

Gebiet
der Azteken moderne Italien. Mehr als 40 indigene
der spanischen Krone sichern, zu ihrem Stämme hatten sie unterworfen, ver -
und nicht zuletzt zu seinem Wohl. Ne - sklavt, unterjocht.
ben ihm steht: Malinche. Sie fordern unablässig Tribut: Ka -
Im Frühling des Jahres war der Die Azteken kao und Früchte, Gold und Silber, den
34-jährige Cortés vor der Ostküste Me - wertvollen Kautschuk. Die ersten Indi -
xikos aufgetaucht, 300 Kilometer von dianische Hochkultur -
der Azteken-Hauptstadt Tenochtitlan Mittelamerikas: Dort, nen ein düsteres Bild der Azteken: „Die
entfernt: elf dickbauchige Schiffe, 530 wo heute Mexiko liegt, Bewohner jener Dörfer“, so schreibt
Mann Besatzung, 16 Pferde, 14 Kano - unterwarfen die Azteken der spanische Chronist Bernal Díaz
nen. Von Kuba aus war er aufgebro - ab dem 14. Jahrhundert del Castillo, „beklagten sich bitter über
ungezählte Völker und Moctezuma und über seine Steuerein -
das es in dem fremden Land im Überfluss Städte. Ihre Baukunst treiber, die ihnen alles stehlen würden,
geben sollte. Unbedingt wollte Cortés es gilt für ihre Zeit als was sie besaßen, und ihre Frauen und
finden und in seinen Besitz bringen. Mit sehr innovativ. In ihrer Töchter vor ihren Augen und denen ih -
allen dafür nötigen Mitteln. rer Ehemänner vergewaltigten.“
Was er wohl nicht ahnte: Jenes lan, wie Venedig auf dem
In dianervolk, das er sich zum Feind Wasser erbaut und von rotzdem sind die Spanier auch
machen wollte, gehörte zu den erfolg -
reichsten Kriegernationen der dama -
ligen Welt. An die 100 000 bestens
Kanälen durchzogen,
lebten zu Hochzeiten T in diesen Provinzen Feinde. Sie
fühlen sich ständig beobachtet
und, ja, sie werden auch angegriffen,
ausgebildete Kämpfer standen unter schen. Und zwar streng hauptsächlich von Maya-Stämmen, die
Waffen, bereit für Moctezumas Befeh - hierarchisch: Der Adel zuvor von den Azteken besiegt worden
le. Seit die „Mexica“, wie sich sie selbst herrschte, die breite waren. Allerdings sind diese Auseinan -
nannten, zwei Jahrhunderte zuvor aus Masse aus Bauern und
dem nordamerikanischen Kalifornien Handwerkern folgte, und Cortés’ Männer schnell für sich ent -
nach Mittelamerika kamen, hatten sie Sklaven, die sie in Krie scheiden. Die Besiegten versuchen die
sich 324 000 Quadratkilometer zu ei - gen gegen die Nachbarn Konquistadoren mit Geschenken zu be -
gen gemacht, ein Gebiet größer als das erbeuteten, schufteten. sänftigen, dazu gehören, wie in so vie -
len Kriegen, auch Frauen. Am 15. März
1519, so notiert ein Begleiter Cortés’,
bot eine geschlagene indigene Gruppe

Sie wurde auf der Halbinsel Yucatán


geboren, die Tochter eines lokalen Herr -
schers. Sie war zwar keine „Mexica“,
aber die Sprache der Azteken wurde in
ihrer Region gesprochen. Als ihr Vater
starb, hatte sich ihre Mutter neu ver -
heiratet und bekam einen Sohn, dessen
Erb recht sie sichern wollte. Sie verkauf -
te ihre Tochter an eine Maya-Gruppe,
als Sklavin, zur freien Verfügung – da -
nach erklärte sie das Mädchen für tot.
Cortés fällt die junge Frau sofort
auf: Sie ist scharfsinnig und eloquent,
und Spanisch lernt sie in Windeseile.
Und er begreift schnell, von welchem
unschätzbaren Wert sie für ihn sein
kann: Als sie sich bei den Tlaxcalte -
ken aufhalten, einem den aztekischen
Eroberern in inniger Feindschaft ver -
bundenen Volk, tauchen abends plötz -
lich vornehme Fremde auf. Malinche
erklärt Cortés, dass es sich um Steu -
ANKUNFT VON CORTÉS IN VERACRUZ Freske des Malers Diego Rivera (1886–1957) ereintreiber aus Tenochtitlan handelt.

30 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


KONQUISTADOR Azteken zollen dem spanischen Eroberer Cortés Tribut, bringen ihm Geschenke. Stets an seiner Seite: Malinche
FOTOS: LUISA RICCIARINI/LEEMAGE, ART ARCHIVE/FOTOFINDER.COM, THE TRUSTEES OF THE BRITISH MUSEUM/BPK

Und der Spanier, versierter Militär, vor allem ist sie Übersetzerin, sein Ohr kehrendes Ritual: Von den aztekischen
ergreift seine Chance: Er lässt die Män - und seine Zunge. Bauern wird berichtet, dass sie ihre
ner gefangen nehmen – das bringt ihm Nun lernt er von ihr: über die Bohnen so spät einsäen, dass sie in den
die Wertschätzung der Tlaxcalteken Weltsicht der Azteken. Ihre Geschich - Herbstfrösten erfrieren. Als ein Spanier
ein. Dann weist er seine Männer nach dem Grund fragt, antwortet der
an, zwei der Azteken heim - - Bauer: „Alles hat seine Berechnung, sei -
lich zu befreien, sie sollen gener Prophezeiungen. Krie - nen Grund, seinen Tag.“
ihrem Herrscher Mocte - ge, die Unterwerfung anderer In dieser Kultur ist kein Platz für
zuma von dem gnädigen Völker, selbst der eigene Un - Einmaliges, für Neues, schon gar nicht
Spa nier berichten. Spä - tergang – alles ist vorherbe - für so etwas Unberechenbares wie die
testens seit dieser Episo - stimmt, alles schon einmal Ankunft der Fremden und ihres An -
de lässt Cortés Malinche gesagt und in Piktogrammen führers Cortés. Und obwohl Moctezu -
nicht mehr von seiner Sei - aufgeschrieben worden. Je - ma ein 50-jähriger machtbewusster
te. Sie wird wohl schnell des Detail ihres Lebens ist Herrscher ist, hat er doch nur gelernt,
auch seine Geliebte, aber eigentlich ein immer wieder - die Gegenwart mithilfe der in der Ver -
gangenheit aufgetretenen Situationen
zu interpretieren. Cortés’ Ankunft aber
ist in diesem System unerklärlich – und
deshalb ist der Azteke völlig unsicher,
wie er sich verhalten soll. Obwohl die
Spanier wohl schon seit ihrer Ankunft
KLEINODE
von seinen Spähern beobachtet wer -
Kostbar und heilig,
den, obwohl Moctezuma leicht ihre
Vernichtung befehlen könnte, tut er zu -

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 31


Popocatepetl

Texcoco-See

Tenochtitlan

Templo Mayor

Heiliger Ort
Mächtiges Inselreich Der 30 Hektar große Vorplatz des
Die aztekischen Herrscher bauten ihre Haupt - Templo Mayor bot den Azteken
stadt Tenochtitlan auf eine Insel im Texcoco-See, Platz für religiöse Rituale und zum
zu Füßen der „Zwillingsvulkane“ Popocatepetl Flanieren. Neben kleineren Pyrami -
und Iztaccíhuatl. Im Stadtkern wurde der heilige den und Heiligenschreinen gab es
Templo Mayor errichtet, um Himmel und Erde zu dort Schulen für den adligen Nach -
vereinen und die Götter zu versöhnen. wuchs und einen Ballspielplatz.

del Castillo fasst Berichte aztekischer Stadt geleiten, bald lasse er sagen, seine
Adliger zusammen: „Sie sagten, ihr Götter hätten ihm nun geraten, uns zu er seine Gegner verstehen, sich für sie
Herr habe erfahren, dass wir auf dem töten oder in Fesseln legen zu lassen.“ interessieren, ihre Stärken herausfin
Weg nach Tenochtitlan seien. Er halte Diese Reaktion kommt Cortés sehr den muss – und ihre Schwächen. Des
jeden Tag Beratungen ab, ohne jedoch gelegen, seine Weltsicht ist bereits halb setzt er nun Malinche ein, ab jetzt
zu einer Entscheidung zu kommen, durchaus modern, auch wenn die Men ist sie ein Werkzeug des Eroberers, sei
bald schickte er den Befehl, man solle schen in Europa bis ins frühe Mittelal ne Geheimwaffe. Die Spanier nennen
uns ehrenvoll empfangen und in seine sie jetzt ehrerbietig „Doña Marina“. Ihr

32 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


Hochkulturen
Blutiges Ritual
Priester reißen einem Gefangenen das
Religiöses Herz heraus, um Coyolxauhqui ein Opfer
Zentrum zu bringen. So heißt die Göttin des Mon
Zwei kleine Tem des, die von ihrem Halbbruder enthaup
tet wurde. Für die Azteken eine Metapher
der 45 Meter hohen für den Kampf zwischen Tag und Nacht.
Stufenpyramide.

Azteken. Erbaut
für Tlaloc, Gott des

zilopochtli, Gott
der Sonne und
des Krieges.

Tlaltecuhtli-Stein

Schlangenskulpturen am
Pyramidenaufgang huldigen pinkem Vulkangestein
der heiligen Stadt Coatepec, Pyramide zu bringen.
genannt „Schlangengrube“.
ILLUSTRATION: HERNAN CANELLAS/
NATIONAL GEOGRAPHIC CREATIVE

geht es wohl um ihr Wohlergehen, um durch die Gassen, die von unzähligen liche Regung, Moctezuma empfängt die
ihr Leben. Ihm geht es um alles. einstöckigen, aus Adobe Ziegeln erbau Eindringlinge gar persönlich, er trägt
Und nun zieht er im November 1519 ten Häusern gesäumt sind. Sie bewun mit Juwelen besetzte Halbstiefel, die
mit seinen Männern in Tenochtitlan dern die Kanäle und Dämme, die vielen Sohlen sind mit Goldplättchen belegt.
ein, Moctezuma lässt sie gewähren. Die Märkte und Gärten. Díaz del Castillo Als Begrüßungsgeschenk überreicht er
Spanier bestaunen die Dutzenden von schreibt: „Einige unserer Soldaten frag Cortés eine Halskette aus vergoldeten
ten sich, ob dies alles nur ein Traum Hummern. Der revanchiert sich mit
pis, einer Quarzart, verziert. Sie laufen sei.“ Die Indianer zeigen keinerlei feind einem Armband aus Glasperlen. Der

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 33


Hochkulturen

Aztekenherrscher weist ihnen den Pa dem Kriegs und Sonnengott Huitzi


last seines Vaters zu und macht ihnen lopochtli dargebracht werden – damit
weitere Geschenke: eine goldene Schei der, durch Blut gestärkt, jeden Morgen
be in der Größe eines Wagenrads, einen erneut die Sterne und den Mond besie
Helm voller feiner Goldkörner, gülde gen kann. Meist sind es Kriegsgefange
ne Figuren von Enten, Tigern, Affen. ne, denen der Hohepriester bei leben
Cortés’ Gier ist endgültig geweckt. digem Leib das Herz herausschneidet,
In seiner ersten Unterhaltung lässt die Köpfe werden abgehackt und auf ei
er Malinche von dem spanischen Mon nem Schädelgerüst ausgestellt, der Rest
archen erzählen, der an einem Ort herr des Körpers wird den Tieren zum Fraß
sche, wo die Sonne aufgehe. Malinche vorgeworfen. Obwohl Malinche den
Spa niern das Ritual erklärt, ist deren
päischen Herrscher um Quetzalcoatl Entsetzen grenzenlos. Zudem trauen
handelt, jener obersten Gottheit, deren sie dem Frieden nicht, immer mehr Sol
Rückkehr die alten Chroniken der Az daten beknien Cortés, den freundlichen
teken vorhersagen. Malinche empfiehlt Moctezuma nicht zu unterschätzen.
Moctezuma, die Spanier möglichst
pfleglich zu behandeln.
Und so bezieht der Feind ganz fried begriffen, dass das aztekische Herr
lich Quartier in der Hauptstadt der schaftssystem komplett hierarchisch
Azteken. Es müssen Tage voll trügeri aufgebaut ist: Macht man Moctezuma
schem Frieden gewesen sein, voll dräu unschädlich, ist der Aztekenstaat ge
ender Spannung. Immer noch sind die lähmt. Und so marschiert Cortés mit
Spanier geblendet von der überborden
den Pracht, aber sie werden auch Zeu ma, ergreift ihn samt seiner Entourage MOCTEZUMA Fast 20 Jahre herrschte er
ge der Menschenopfer, die hier täglich und lässt alle in sein Quartier bringen. über das Reich der Azteken – bis Cortés kam

RITUALOBJEKTE
Gesichtsmaske
und ein Messer: je -
weils bestückt mit
türkisenMo saik-
CODEX
Schmucksteinen
MENDOZA
aus dem Mineral
Die Piktogramm -
Malachit
sammlung erklärt
die Geschichte,
Kleidung und
-
teken. Gezeich -
net wurde der
Codex um 1541
auf Geheiß von
-
zekönig Antonio
de Mendoza

34 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


Der Kaiser wehrt sich nicht, seine Krie -
ger verurteilt die Passivität ihres Anfüh -
rers ebenfalls zur Untätigkeit. Der azte -
kische Feldherr macht sich gemein mit
seinem Entführer: Er scherzt mit seinen
Bewachern, unterhält sich mit Cortés
über den spanischen Königshof – wäh -
rend die aztekischen Adligen über das
unwürdige Verhalten ihres Anführers
schäumen. Nach einem Monat unter -
wirft sich Moctezuma der spanischen
Krone, in traurigen Worten gelobt er
dem fernen Monarchen Treue.

inige Monate darf sich Cortés

E als Herrscher von Mexiko füh -


len, er plündert die Goldminen,
in den Tempeln der Azteken stellt er
Heiligenbilder auf. Das Staatswesen
läuft derweil unbehindert weiter, nur
die Opferungen müssen jetzt heimlich
-
-
FOTOS: LEBRECHT/CULTURE-IMAGES, BRIDGEMAN IMAGES, THE TRUSTEES OF THE BRITISH MUSEUM/BPK (2), LUNA IMAGING, INC., ENVER HIRSCH

ner Flotte an der Küste – der kubani -


sche Gouverneur will den aufmüpfigen SONNENSCHEIBE Forscher vermuten, dass die Azteken an diesem 24 Tonnen schweren
Cor tés zur Rechenschaft ziehen. Der Kalenderstein Menschenopfer festbanden und gegen ihre Krieger kämpfen ließen
verlässt Tenochtitlan gemeinsam mit
Malinche und einer Eliteeinheit, und
überträgt einem spanischen Statthalter Als Cortés nun erneut gegen Tenoch - und zu einer Expedition nach Hon -
für einen Monat die Macht. titlan zu Felde zieht, tut er den Azte - -
Doch der hält sich nicht an das fra - ken nicht den Gefallen, sich auf einen, rer wohl überdrüssig, er verheiratet sie
gile Gleichgewicht, auf das Cortés noch ihrem Ehrenkodex entsprechenden, kur
geachtet hatte. Bei einem Fest schlach - Mann- gegen-Mann-Kampfeinzulassen.
ten seine Männer 3000 Menschen ab, Er wählt eine überlegene, eine europäi - bei der Hochzeit betrunken gewesen
darunter fast den gesamten azteki - sei. Über ihre Leben danach berichtet
schen Hochadel. Im Tumult stirbt auch Monatelang, bis die verzweifelten Ein - keine Chronik mehr, keine spanische,
Moctezuma. Von wessen Hand? Das ist wohner sich nur noch von Eidechsen, keine mexikanische – ihr Auftritt in
bis heute unklar, wahrscheinlich ha - Schwalben und den Salzgräsern des -
ben ihn seine spanischen Wachsolda - Sees ernähren können. Im August 1521 scheinlich stirbt Malinche zwischen
ten erdolcht. Ein Bruder Moctezumas fällt die Stadt. Die Spanier und ihre Ver - 1527 und 1529.
übernimmt nun das Kommando der bündeten töten jeden, der sich ihnen Einige Jahre vorher aber hatte sie
Azteken und greift die Spanier frontal den Weg stellt, Krieger und Zivilisten, Cortés einen Sohn geboren. Martín
an. Cortés ereilt die Nachricht von den egal. Danach macht Cortés die stol - hieß er, der Sohn eines Weißen und
Kämpfen auf dem Rückweg, als er an - ze Stadt Tenochtitlan dem Erdboden einer Indianerin. Martín, der erste
kommt, bleibt ihm nur die Flucht. Hun - gleich – auf den Trümmern entsteht die -
derte Spanier und Tausende seiner in - Kolonie Neuspanien. zent der mexikanischen Bevölkerung
dianischen Verbündeten kommen um, Und Malinche? Sie wird bei Cortés ausmachen. Malinche, die Vermittlerin,
Cortés flüchtet zu jenen Stämmen, die bleiben, wenigstens noch eine Weile. die Verräterin – sie ist auch die Urmut -
ihm vor Monaten Loyalität im Kampf Sie lebt mit ihm in seinem neu erbau - ter ihres Landes.
gegen den verhassten Moctezuma ge - -
schworen hatten. bezirk von Tenochtitlan. Sie berät ihn
Stephan Draf lernte Malinche
Der spanische Konquistador sam - bei den Verhandlungen zur Festlegung
melt hier neue Truppen, der Gouver - von Steuern und Abgaben zum Auf - studiums kennen. Er hätte sich
neur von Kuba hat ein Einsehen und bau des Kolonialsystems. Sie folgt ihm gern mit ihr unterhalten, in
schickt ihm weitere spanische Kämpfer. auch, als Cortés 1524 Mexico verlässt welcher Sprache auch immer.

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 35


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Die letzten Tage
der

Inka Noch Jahrzehnte, nachdem die spanischen


Konquistadoren das Großreich der Inka
erobert haben, leistet ein Anführer harten
Widerstand. Túpac Amaru versucht, sein
Volk und die Kultur der Inka zu verteidigen

Von Mirco Lomoth

38 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


RÜCKZUGSORT
In Festungen wie
Choquequirao im
Dschungel von
Vilcabamba (heute
Peru) suchen die Inka
Zuflucht, nachdem
die Spanier ihr Reich
zerschlagen haben
SÜDAMERIKA
Hochkulturen
Gebiet
der
Inka

ENDE EINES INKA


Atahualpa ist der letzte
Die Inka Inka-Herrscher, der
über das Großreich
Inka ist nicht nur der regiert. Die Spanier
Name des Volkes, son - töten ihn 1533. Sein
dern auch der Titel des Begräbnis malte Luis
Herrschers. Der Inka Montero (1826–1869)
im 19. Jahrhundert
regierte vor der Ankunft
der Eroberer ein Groß -
reich, das von Ecuador
im Norden bis Argen -
tinien und Chile im
Süden reichte. Mehr als
-
rin. Der Staat war straff
organisiert und beruhte
auf einer effizienten
Verwaltung. Der Inka
verlangte von den Un -
tertanen fremder Völker
Tribute, Frondiens -
-
opfer. Sein Volk sprach

KONQUISTADOR
Francisco Pizarro
erobert mit weni - Ein Lama
ger als 200 Solda - aus Gold
ten das Inka-Reich

ier endet das spanische krieg und Krankheiten gebeutelte Inka-

H Kolonialreich: Eine wack -


lige, aus gelbem Gras
geflochteneHängebrücke
über spannt den Urubam -
ba, der tief unten durch ein enges Fluss -
bett rauscht. Am anderen Ufer, vor einer
dichten Wand moosbehangener Bäu -
Quechua und verwen
dete eine Knotenschrift,
die Quipu. Der Aufstieg
der Inka begann im

1200 gründeten sie


Cuzco („Mitte der Welt“)
- Reich hinweggefegt, haben gemordet,
geplündert und die Bevölkerung unter
jocht. Doch hier, in den endlosen Wäl
dern jenseits des Urubamba, haben die
Nachfahren der „Söhne der Sonne“ ein
neues Inka-Reich errichtet, das sich den
Gesetzen des spanischen Königs und
-
-

me, stehen zehn Inka-Krieger. Sie tra - im Zentrum des Anden - der Willkür seiner Beamten entzieht.
gen bunte Gesichtsmasken und Feder - hochlands, sie sollte Vilcabamba heißt ihr Staat mit wenigen
schmuck, halten Lanzen und Schilde. die Hauptstadt ihres Tausend Einwohnern im Osten des einst
Diego Rodríguez de Figueroa hebt eine Impe riums werden. Ihr so mächtigen Reichs „Tawantinsuyu“
weiße Fahne zum Gruß. Der spanische Reich „Tawantinsuyu“ der Inka, in dem Millionen Menschen
Konquistador ist tagelang von Cuzco um fasste in der Hoch - lebten und das sich vom heutigen Ko -
aus hierher geritten, um im Auftrag des phase vier Landesteile. lumbien bis nach Chile erstreckte.
spanischen Gouverneurs von Peru mit Ende 1532 eroberten Ernst geleiten die Inka-Krieger den
dem Inka von Vilcabamba zu verhan - die Spanier schließlich Spanier durch den Regenwald zu dem
deln. Es ist der 14. Mai 1565. Vor nun Cuzco, das Inka-Reich kleinen Dorf Pampaconas. Hier, auf ei -
schon 33 Jahren sind die Spanier wie war damit besiegt. nem Platz aus rotem Lehm vor einem
ein Wirbelwind über das von Bürger - großen Haus, erwartet ihn der Sohn der

40 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


griff scheiterte, und der Herrscher war chitekten bauten strohgedeckte Häuser,
FOTOS DIESE SEITE: MUSEO DE ARTE DE LIMA, BILDARCHIV STEFFENS/AKG-IMAGES,

seit der Reichsgründung durch Manco gezwungen, den Spaniern das Kern - Paläste und Tempel. Die Bauern legten
FOTO VORHERIGE SEITE: GORDON WILTSIE/NATIONAL GEOGRAPHIC CREATIVE;

Cápac vor gut 350 Jahren, ist ein hoch - land der Inka in den Hochanden zu Terrassenfelder an, pflanzten Kartof -
gewachsener Mann, den die Aura des überlassen und ins Antisuyo zu fliehen, feln, Mais und Koka, und auf den Hoch -
Göttlichen umgibt. Auf seinem erhobe - den östlichen und unbedeutendsten ebenen über der Hauptstadt Vilcabam -
nen Haupt trägt er eine mit Gold und der ehemals vier Reichsteile, wo dicht ba grasten Zehntausende Lamas und
Federn des heiligen Curiquinque-Vogels bewaldete Andenhänge steil ins Ama - Alpakas der königlichen Herde.
besetzte Krone aus Wolle, eine bemalte zonasbecken stürzen, wo es giftige
Maske verbirgt sein Gesicht und vor Schlangen gibt und oft eine lähmend itu Cusi Yupanqui trat
sei -
seiner Brust hängt eine schwere Silber
platte. Seine Lanze und sein Schild sind
aus strahlendem Gold.
- feuchte Hitze in der Luft liegt.
Hier, etwa 1500 Meter über dem
Meeresspiegel, in einem fruchtbaren
T ba voller Hass auf die Spanier
-

Seit fünf Jahren herrscht Titu Cusi Tal rund 20 Kilometer nordwestlich von kleinen Jungen bei einem Überfall auf
Yupanqui über Vilcabamba. Sein Vater Machu Picchu, gründeten die Inka ih - Vilcabamba nach Cuzco verschleppt. Er
hatte noch einmal versucht, Peru von ren neuen Staat Vilcabamba. Soldaten konnte fliehen und an den Hof seines
den Spaniern zurückzuerobern. Fünf und Priester, Schreiner, Steinmetze und Vaters zurückkehren. Doch dort muss -
Jahre nach der blutigen Unterwerfung Weber begleiteten die Herrscherfami - te er mit ansehen, wie spanische Sol -
GETTY IMAGES

durch „die Bärtigen“ zog er mit mehr lie, Qui pu-Gelehrte brachten die Kno - daten, die das Vertrauen seines Vaters
als 100 000 Kriegern gegen die alte tenschnüre mit, welche die Verwaltung gewonnen hatten, diesen hinterrücks
Reichshauptstadt Cuzco. Doch der An - des Riesenreichs ermöglicht hatten, Ar - erdolchten. Auch ihn töteten sie damals

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 41


beinahe. Jahrelang führte er als neuer artín Pando, der einzige Euro
Inka einen erbitterten Guerillakrieg ge
gen die Spanier, ließ Dörfer und Städte
überfallen, Kollaborateure entführen
SPANISCHER SOLDAT
Bewaffnet mit Schwert,
geschützt durch Rüs -
M päer, der in Vilcabamba lebt,
soll dem Inka helfen, auf Au
genhöhe mit den Spaniern zu kommu
und zettelte Aufstände an. nizieren. Den Mestizen, der seit Jahren
Jetzt will er verhandeln, denn er in seinem einzigen abgewetzten Leder
weiß: Seine Macht ist begrenzt, und mantel umherläuft, hat Titu Cusi gleich
zu Beginn seiner Herrschaft als Bera
bamba einzumarschieren, ist der Unter ter verpflichtet. Pando bringt ihm das
gang seines Reichs gewiss. Gegen ihre Fechten bei und lehrt ihn, das Denken
Arkebusen und Kanonen hätten seine der Spanier zu verstehen.
Krieger mit ihrer bronzezeitlichen Be Nach außen hin geht Titu Cusi bald
waffnung keine Chance. auf die Forderungen des Gouverneurs
In Pampaconas, auf dem Platz aus ein. Im August 1566 unterzeichnet er
rotem Lehm, lässt der Inka seinem Gast im Beisein Pandos am Ufer des Acobam
Papageien und Affenfleisch mit Kar ba Flusses einen Friedensvertrag. Ein
toffeln, Mais und Bohnen servieren. Jahr später schwört er dem König von
Er lacht lautstark, als Diego Rodríguez Spanien Treue, 1568 lässt er sich sogar
de Figueroa am Maisbier nippt und vor taufen. Rodríguez de Figueroa darf mit
Ekel den Mund verzieht. Doch schon Zustimmung des Inka einen Galgen
bald nach dem Essen verhärtet sich die aufstellen, als Symbol für die Gerichts
Miene des Inka. Er lässt ein Kontingent barkeit der spanischen Krone, und zwei
von 600 halb nackten Regenwaldkrie Augustinermönche dürfen Holzkirchen
gern aufmarschieren, sie tragen Bogen, bauen und ihre Lehre verbreiten. Doch
Äxte und Keulen. Auf nur ein Wort hin, trotz dieser Zugeständnisse ändert sich
prahlt Titu Cusi, würde sich ganz Peru kaum etwas in Vilcabamba. Das Wort
gegen die spanischen Besatzer erheben des Inka ist nach wie vor Gesetz, und
und sie zurück ins Meer jagen. Titu Cusi betet, wie alle seine Unterta
Doch das Muskelspiel ist nur Fassa nen, weiter zu Vater Sonne, Mutter Erde
de. Als Rodríguez de Figueroa ihm eine und den vielen Gottheiten der Anden.
Aufforderung des Gouverneurs vorliest, Mit seiner Taktik hat er aber Zeit
Vilcabamba aufzugeben und nach Cuz gewonnen, um die Spanier mit einer ih
co auszuwandern oder in Vilcabamba rer eigenen, schärfsten Waffen heraus
zufordern: dem geschriebenen Wort.
zunehmen, zeigt Titu Cusi sich ver Martín Pando und die beiden Mönche
handlungsbereit. Er will die Spanier Diego Ortiz und Marcos García helfen
hinhalten, um die Zukunft seines Staats ihm dabei, in Vilcabamba einen Brief zu
zu sichern. verfassen, der die Sicht der Inka auf die
Eroberung Perus und die Vergehen der

Spanische Waffen
Die Fremden verfügen über eine Kriegstechnologie, die den Inka völlig
fremd ist: Armbrüste, Kanonen, Arkebusen sowie Helme, Schwerter und
Rüstungen aus Eisen. Und auch die Pferde verschaffen den Konquistadoren
einen großen Vorteil: Mit ihnen sind die Spanier schneller als ihre Gegner,
die keine Reittiere kennen, und sie können im
Galopp zum Sturmangriff übergehen.

42 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


Hochkulturen

Spanier beschreibt. Das Dokument soll


jenen fernen Herrscher erreichen, der INKA Die Armee der Inka Sündern Hölle und Verdammnis. Die
all dieses Unheil über sie gebracht hat: führt fast pausenlos Krieg. Geduld der Gastgeber ist bald erschöpft.
Philipp II., der König von Spanien, soll Als García sich im Frühjahr 1570 er
erprobt, den Spaniern aber
Frieden nach Peru bringen und die Inka hoffnungslos unterlegen dreistet, mithilfe des zweiten Mönchs
für das erfahrene Leid entschädigen. Diego Ortiz einen heiligen Sonnentem
In Spanien debattieren Gelehrte da pel und ein Orakel in Brand zu setzen,
schon seit Jahrzehnten über die Recht geht ein wütender Mob auf sie los. Nur
mäßigkeit der Eroberung der ein Machtwort des Inka rettet die Mön
Neuen Welt. Der rebel che. Titu Cusi will den Spaniern keinen
lische Dominikaner Vorwand liefern, in Vilcabamba einzu
mönch Bartolomé de las Casas, der sich fallen. Den fanatischen Marcos García
am Hofe Philipps II. für die Rechte der weist er aus, der besonnenere Diego Or
amerikanischen Völker einsetzt, fordert tiz darf bleiben.
gar, der König solle alle eroberten Län Einen spanischen Prospek
dereien an Titu Cusi zurückgeben. Doch tor aber, der in den Bergen von
in Peru lässt der neu eingesetzte Vize Vilcabamba reiche Goldadern
FOTOS: ALAMY, P. FLIEGAUF + E. JANK/©MÜNCHNER STADTMUSEUM, SAMMLUNG STADTKULTUR/VOLKSKUNDE, ANATOL DREYER/LINDEN-MUSEUM,

könig Francisco de Toledo die Schriften entdeckt, lässt Titu Cusi kurzer
des kritischen Mönchs konfiszieren. hand köpfen und in den Fluss wer
Und er geht noch weiter: Um dem König fen. Denn vor nichts hat der Inka
ETHNOLOGISCHES MUSEUM – STAATLICHE MUSEEN ZU BERLIN/FOTO: A. DREYER; ILLUSTRATIONEN: ANGUS MCBRIDE/OSPREY PUBLISHING

zu beweisen, dass die Inka selbst Tyran mehr Angst, als vor der unbän digen
nen waren und kein Anrecht auf einen Gier der Spanier nach Gold. Noch
unabhängigen Staat in Peru haben, in immer hofft er, mit seinem Brief an
terviewt er alte Häuptlinge der von den den König eine friedliche Lösung für
Inka unterworfenen Völker und schickt
seinerseits einen Bericht an den König.
Er will die Inka Dynastie endgültig ent
machten und die Eroberung Perus ab n einem Morgen im Mai 1571
schließen – notfalls mit Waffengewalt.
In Vilcabamba missbraucht der
Mönch Marcos García schon bald das
A stirbt der Sohn der Sonne. Die
ganze Nacht hat er sich vor
Schmerzen gewunden, Blut gehustet
Vertrauen des Inka. In seiner kleinen und nach Atem gerungen. Jetzt, als die
Gemeinde in Puquira führt er ei ersten Strahlen der aufgehenden Son
nen erbitterten Kampf gegen das ne durch die Baumkronen blitzen und
Heidentum. Er bestraft seine Puquira in ein goldenes Licht tauchen,
Zöglinge mit Peitschenhieben, verkrampft sich der Körper des Inka
wenn sie zu ihren alten Göttern
beten, predigt gegen Alkohol vernarbtes Gesicht erstarrt zu einer leb
konsum und die Vielwei losen Maske. Seine Frauen, die Priester

Die Waffen der Andenkultur


Die Kämpfer der Inka ziehen mit Kriegsgerät auf dem Stand der Bronzezeit ins
Gefecht: mit Steinschleudern, Streitäxten, Speeren und Keulen, die aus Holz,
Bronze, Stein und Kupfer bestehen. Ihre Helme, Beinschoner und Rüstun
gen werden aus Wolle, Baumwolle und Leder gefertigt und halten keinen
Schlägen von Eisenwaffen stand – und erst recht keinen Kugeln
aus Feuerwaffen. Nur in wenigen Gefechten gewinnen
die Inka gegen die Angreifer aus Übersee und deren
einheimische
Verbündete.

43
Hochkulturen

und Wachen eilen bestürzt herbei. Lau -


tes Klagen erfüllt schon kurz darauf das
ganze Dorf.
Eine der Witwen des Inka rennt
hysterisch durch die Menschenmenge,
die sich vor dem Haus versammelt hat.
Die Spanier hätten den Inka vergiftet,
schreit sie, der Mestize Martín Pando
habe ihm in der Frühe einen Trunk aus
geschlagenem Ei und Schwefel einge -
flößt, angeblich um seine Blutungen
zu stoppen! Der Mob ist nicht mehr zu
halten. Die Wachen des Inka ergrei -
fen den um Gnade flehenden Martín
Pando, lynchen ihn und spüren wenig
später auch Diego Ortiz auf, der seit
eineinhalb Jahren in einer bescheide -
nen Holzkirche vom auferstandenen
Sohn Gottes predigt. Jetzt fesseln ihn
die Wachen des Inka und führen ihn in SEHNSUCHTSORT Machu Picchu, die Ruinenstadt zwi -
die Kirche. Sein Gott soll den Sohn der schen zwei Gipfeln der Anden, gehört zu den bekanntes -
Sonne wieder auferstehen lassen. So - ten Stätten der Inka. Bis zu 2500 Touristen kommen täglich
STEINBRUCH Hier wurde
das Baumaterial gewonnen
Wozu die Inka die
Stadt nutzten,
Alter Gipfel bleibt rätselhaft. GRÄBER
Um 1450 entstand Machu Sie liegt 75 Kilo - 174 Skelette
dt
Picchu („Alter Gipfel“) in den meter von Cuzco fanden Sta

Anden auf 2430 Meter Höhe. entfernt Forscher in t


chaf
der Stadt irts
Darin stehen bis zu 216 Gebäu - Lan
dw
de aus Stein. Etwa 1000 Men -
schen lebten hier. Die Spanier Zentraler
haben sie nie entdeckt. Ihre Eingang zur
Existenz war lange ausschließ - Stadt
lich Eingeborenen bekannt.
Machu Picchu wurde nach
der Ankunft der Spanier
verlassen. 1911 stießen
US-Forscher auf die
Stadt und machten
sie weltweit
bekannt.

Terrassen für
den Ackerbau

ÄUSSERE VERTEIDIGUNG
Fünf Gebäude am Rand der
Stadt dürften dem Schutz
W eines Zugangs gedient haben
S

44 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 N


E
FOTO: LORI EPSTEIN/NATIONAL GEOGRAPHIC CREATIVE; ILLUSTRATION: SOL90IMAGES

fort! Fieberhaft liest der Pater die Mes Túpac Amaru, der jüngere Halbbruder Der neue Inka zögert keinen Mo
se und betet, doch Titu Cusis Leichnam von Titu Cusi, ist die erste Wahl der ment, die Erwartungen seiner Generäle
bleibt kalt. Die Strafe für das Versagen reaktionären Militärs, die Vilcabamba umzusetzen. Er lässt die Kirchen abrei
des Priesters ist brutal, Soldaten durch nach all den schlechten Erfahrungen ßen, zerstört Kreuze und Heiligensta
stechen seinen Hals und ziehen ein Seil jetzt von jeglichem Einfluss der Spanier tuen und bestraft jene Untertanen, die
hindurch. Zwei Tage lang zerren sie ihn abschirmen wollen. Der 26 Jährige hat sich dem christlichen Gott zugewandt
daran nackt durch den Regenwald bis sein Leben in einem Tempel verbracht, haben. Kein Spanier soll fortan mehr
nach Vilcabamba. wo er auf Befehl seines Halbbruders Vilcabamba betreten, kein Mönch mehr
über die Mumie ihres Vaters wachen ein Kreuz errichten.
sion die Hauptstadt erreicht, hat dort musste. Jetzt trägt er die mit Federn be Als im März 1572 ein Gesandter
ein neuer Inka den Thron bestiegen. setzte Mascapaicha, die Krone der Inka.

Ha
n
(he an
i
INTIHUATANA„Der Ort, an Zentraler Platz Be liger Uri
reic n
h) (W
TEMPEL dem man die Sonne fesselt“ – o
TEMPEL DER geb hn-
Im Zentrum Observatorium an der iet)
DREI FENSTE:
des Gebäudes höchsten Stelle der Stadt
Sie stehen
findet sich
für Unterwelt,
eine große
Himmel und
altarförmige
die Welt im
Steinplatte
Hier und Jetzt
HEILIGER
FELSEN
Haus der Der nörd -
Priester lichste Punkt
von Machu
Picchu. Der
flache Fels -
brocken zeigt
die Silhouette
der Berge im
Hintergrund

ERDBEBENSICHER
PALAST DES INKA TEMPEL DES Die Inka bauten die Häuser
Machu Picchu KONDORS ohne Mörtel, die Steine
könnte als ein Zwei große Felsen können spannungsfrei
SONNENTEMPEL Landsitz des Herr - sehen aus wie der schwingen und trotzen
Der erste Sonnen - schers gedient große Vogel deswegen Erdbeben
strahl des Tages haben, vermuten
zur Sommer- oder Forscher heute
Wintersonnen - HANDWERKERVIERTEL
wende fällt durch KÖNIGLICHE GRABKAMMER In einem Gebäude sind zwei
eines der Turm - Ein Mausoleum unter dem Kuhlen im Boden, die even -
fenster Sonnentempel tuell als Mörser dienten

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 45


GEFANGENER
Spanier legen
1572 den Inka
Túpac Amaru
in Ketten
Hochkulturen

über den Urubamba erreicht, geleiten len, schießen sie gnadenlos mit ihren Dynastie ist. In seinem Innern liegt die
ihn mehrere Inka-Hauptleute ans an - Arkebu Herzasche verstorbener Inka.
dere Ufer. Atilano de Anaya, ein Kon - Túpac Amarus Plan ist es, die Spa - Ein Trupp verfolgt den Inka mit
quistador, der Quechua spricht, soll den nier an der mächtigen, aus Stein gebau - schweren Rüstungen zu Fuß durch im -
Inka auffordern, endlich seine Loyalität ten Festung Huayna Pucará zu erwar - mer dichteren Regenwald. Auf Flößen
zum spanischen König zu beweisen und ten, die nur über einen schmalen Weg lassen sich die Männer mehr als 300 Ki -
Vilcabamba zu verlassen. Noch wissen unter einem Steilhang zu erreichen ist, lometer in Richtung Amazonasbecken
die Spanier nicht, dass der verhand - und sie dort unter einer Felslawine und treiben. Immer wieder bedrohen sie un -
lungsbereite Titu Cusi gestorben ist und einem Pfeilhagel zu begraben. terwegs verängstigte Indianer, um von
sein hitziger Halbbruder Túpac Amaru Doch es kommt anders. Im Morgen - ihnen zu erfahren, wohin der Inka ge -
die Macht im Reich übernommen hat. In grauen des 21. Juni 1572 überwältigen flohen ist. Wochenlang bleiben sie ihm
auf der Spur, bis sie eine Lichtung be -
treten. Dort sitzt der erschöpfte Túpac
Amaru mit seiner schwangeren Frau im
Die Schätze der Inka flackernden Schein eines Lagerfeuers.
Die Spanier griffen das Reich der Mit gezückten Schwertern umzingeln
Inka an, um Beute zu machen: sie den letzten souveränen Inka.
Sie waren gierig nach Gold. Das
Edelmetall hatte für die Inka ehntausende Indianer drän -

war heilig, eine Gabe der


Götter und allein dem Adel
Z geln sich in den Straßen von
Cuzco, als Túpac Amaru
am 24. September 1572 mit gefes -
vorbehalten. Es wurde kunst - selten Händen und in schwarzer
voll verarbeitet wie zu dieser -
Ritualscheibe (rechts). Auch fängnis von Colcampata die Straße
Schmuck stellten Inka-Schmie - zum Hauptplatz von Cuzco herabrei -
de aus Gold her: Nasenplatten tet. Hellebardenträger eskortieren ihn
oder Masken. Der Inka-Herrscher durch die Menschenmenge. Auch auf
trug sogar Waffen aus Gold. Mauern und Dächern sitzen die Men -
schen, um den Inka sehen zu können,
ihr Wehklagen vereint sich zu seinem
tausendstimmigen Chor.
einer Hütte am Ufer des Urubamba soll spanische Männer jene Inka-Truppen, Ein letztes Mal hebt der Inka auf
Atilano de Anaya nun auf eine Nach - die oberhalb des Weges zum Fort war - dem Schafott seine Hände in einer kö -
richt des Inka warten. Doch im Dunkel ten, um die Felsen auf die Spanier he - niglichen Geste. Die Masse verstummt,
der Nacht durchbohren Lanzen seinen rabzustürzen – und greifen dann die als er zu sprechen beginnt: Er habe sie
Körper. Vizekönig Francisco de Toledo Festung völlig überraschend von oben angelogen und den Punchao, das Ab -
ist außer sich vor Zorn, als er von dem an. Ein Inka-Hauptmann hat ihnen bild der göttlichen Sonne, missbraucht,
Mord erfährt. Ohne auf eine Zustim - den geheimen Plan seines Anführers um ihnen seinen eigenen Willen aufzu -
mung des Königs in Madrid zu warten, verraten. Als die Kanonen zu feuern bürden. So zumindest überliefern die
April end - beginnen, fliehen die Verteidiger Hals Gewinner der Geschichte die letzten
gültig den Krieg. über Kopf. Vilcabamba finden die Spa - Worte des letzten Inka.
nier verlassen vor, der Palast des Inka, Mit verbundenen Augen legt Túpac
in Heer aus 250 berittenen der Sonnentempel und die Vorratslager Amaru seinen Kopf auf einen Holzblock.

E Spaniern und 2000 indianischen


Hilfstruppen erreicht zwei Wo -
chen später die Hängebrücke über den
sind abgebrannt.
Túpac Amaru ist mit seinem Gefol
ge in den Wald geflohen. Die Spanier
-
Als der Henker ihn mit einem Hieb vom
Leib trennt und dann an den pech -
schwarzen Haaren hochhält, läuten die
Urubamba und nimmt sie im Hand - verlieren keine Minute. Expeditions - Glocken der Kathedrale von Cuzco und
streich ein. Durch dichten Urwald trupps stoßen ins Dickicht vor, ergrei - feiern das Ende der Inka.
dringen die Soldaten immer weiter ins fen schon bald mehrere Hauptleute und
Innere Vilcabambas vor, müssen ihre Verwandte des Inka. Sie erbeuten den
FOTOS: ALAMY (2)

Mirco Lomoth war in perua -


königlichen Schatz und den goldenen
nischen Dörfern den Tradi -
auf mit Dornenbüschen versperrten Punchao, einen aus Gold gefertigten tionen der Inka schon recht
Pfaden vorkämpfen. Die wenigen Inka- Diskus, der die Sonne symbolisiert und nah. Sein Traum: Die Ruinen
Krieger, die sich ihnen entgegenstel - das wichtigste Machtsymbol der Inka- von Vilcabamba zu besuchen.

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 47


Hochkulturen

Krieger und Künstler


Neben Inka, Maya und Azteken gab es noch weitere Hochkulturen in
Lateinamerika , die Erstaunliches leisteten: Sie errichteten gewaltige
Pyramiden, legten ausgeklügelte Kanäle an und ehrten ihre Götter auf
grausame Weise. Eine Auswahl der mächtigsten Völker

BESTATTUNGSRITUS
Die Mapuche schufen Statuen
aus Holz, die bis zu vier Meter hoch
waren und Gräber bewachten

MAPUCHE

Die wilden Reiter


Ihr Reich im Süden Chiles und Argen - in Südamerika. 1641 schloss Spanien -
tiniens lag südlich von dem der Inka, mit ihnen einen Vertrag, in dem die nung. Sie gelten nicht als eigene Hoch -
und sie „überlebten“ ihre mächtigen Ureinwohner ein großes Gebiet zuge - kultur, aber waren das einzige indigene
Nachbarn um mehrere Hundert Jahre. sprochen bekamen. Erstmals erkannten -
Vergeblich versuchten die Inka 1485, in die Konquistadoren ein indigenes Volk nein erfolgreich seine Selbstständigkeit
den Süden vorzustoßen. Die Mapuche als gleichberechtigten Partner an. Die verteidigte. 1810 begann der chileni -
wehrten sich auch lange erfolgreich ge - Mapuche lebten in größeren Städten sche Staat, die frei lebenden Mapuche
gen die Invasion der Spanier. Den Kon - und betrieben Landwirtschaft mit den
quistadoren stahlen sie Pferde, lernten Methoden der Inka. Vermutlich lernten -
reiten, züchteten die Tiere bald selbst sie viel von ihren weiter entwickelten puche in Chile – fast zehn Prozent der
und stellten dann die beste Kavallerie Nachbarn. Erstmals traten die Mapuche Gesamtbevölkerung.

48 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


HUAXTEKEN

Die
nackten
Krieger
Sie kämpften meist nackt und waren
selbst bei den kriegerischsten Völkern
Mittelamerikas gefürchtet. Mit den
Maya waren sie verwandt, die beiden
METROPOLE Die Zapoteken begannen um 300 n. Chr., die Stadt „Weißer Berg“ – Stämme sollen sich früh in der Ent
Monte Albán – aufzubauen. Sie nutzten den Ort als religiöses Zentrum wicklung getrennt haben. Die Huaxte
ken erreichten nicht die kulturelle Blüte
ZAPOTEKEN der Maya, beide Völker sprachen aber
eine ähnliche Sprache. Die Huaxteken

Die Mächtigen hinterließen kaum hochkarätige Arte


fakte und Gebäude, dennoch hatten sie
zwischen dem 10. und dem 15. Jahr

vom weißen Berg hundert eine lebendige Städtekultur.


In Tantoc, einer ihrer wichtigeren Sied
lungen, blieben zwei Pyramiden erhal
Über die Ausmaße staunten die Ar sentation ebenso wie als Ort religiöser ten. Um 1400 lebten sie im Norden des
chäologen: Fast 2800 Quadratmeter Riten. Die Archäologen stießen auf heutigen Mexiko. Bis dahin hatten sie
Grundfläche, Räume zum Wohnen Keramikfragmente und Urnen, auf den Azteken stets Widerstand geleistet.
und Lagern von Vorräten, Küchen und Werkzeuge zum Mahlen von Mais und Doch nun gelang es dem Nachbarvolk,
eine Zisterne, gruppiert um mehrere auf Tierknochen. Bereits 1500 v. Chr. erfolgreich in das Reich der Huaxteken
Innenhöfe, gepflasterte Wege und vorzudringen und dessen Herrscher
Treppen, die verschiedene Gebäude amerika. Bekannt ist ihre Stadt Monte kaste zu zerschlagen. Lokale Fürsten
teile miteinander verbinden – ein in
der Ruinenstadt El Palenque im me Chr. rund 30 nische Vorstöße in ihr Reich sollen sie
xikanischen Bundesstaat Oaxaca ge Ihr Name bedeutet „Weißer Berg“, zeitweise abgewehrt haben.
fundener Palast der Zapoteken zeigt, sie entstand auf einem Felsplateau.
wie mächtig dieses Volk war. Um Hier bauten die Zapoteken ein
ein so großes Gebäude zu errich religiöses Zentrum auf, das
ten und zu unterhalten, braucht auch zu einem wichtigen Kno
man einen funktionierenden tenpunkt für den Handel in
Staat, der über viele Arbeiter Zentralmexiko wurde. Dort
und begabte Konstruk wurden mehrere große Py
teure verfügt. 2017 ver ramiden gefunden – sie lo
öffentlichten Experten cken heute Tausende Tou
des American Museum risten an. Bis 1250 gaben
FOTOS: ULLSTEIN BILD, AKG-IMAGES (3)

of Natural History in New die Zapoteken Monte Albán


York die Erkenntnisse ihrer auf. Zuvor nutzten sie die
Ausgrabungen: Der Palast Stadt nur noch als Nekro
habe ganz unterschiedli pole – als Bestattungsort.
chen Zwecken gedient, Vermutlich verdrängten
der politischen Reprä die Mixteken die ältere
Hochkultur: Sie über
SITZENDER GOTT nahmen später auch KULT Auf dem Rücken trägt ein Mann
Eine Urne der Zapoteken Monte Albán.

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 49


EWIGE KÄMPFER
Auf dem Dach der
Morgenstern-Pyrami -
de in Tollán stehen vier
Statuen, die Tolte -
ken-Krieger darstellen

TOLTEKEN

Die Meister des Obsidians


Seit dem 10. Jahrhundert beherrschten damit ein wichtiges Handelsgut. Auch
die Tolteken weite Teile des heutigen für religiöse Zeremonien wurde Ob -
Mexiko. Sie waren im 9. Jahrhundert sidian gebraucht: Götterstatuen und
in die Region eingewandert und hatten rituelle Gegenstände wie Opfermes -
zunächst einen immer einflussreiche - ser entstanden daraus. SPITZE Aus
ren Stadtstaat aufgebaut: Tollán Xico - Dem Volk wird großer kultu - Obsidian fertigten
die Tolteken auch
cotitlán war die Keimzelle ihrer Macht. reller Einfluss auf andere Hoch -
Pfeile und Speere
Die Tolteken kontrollierten die Obsidi - kulturen in Mesoamerika nach -
an-Produktion. Aus dem vulkanischen gesagt. Dafür könnte ein reger Handel
Gesteinsglas wurden Werkzeuge und mit Handwerkskunst der Tolteken aus - Einer Legende nach brachte ein
Waffen gefertigt, es war kostbar und schlaggebend gewesen sein. Priester namens Quetzalcoatl das Wis -
sen der Tolteken zu den Maya. Gemein -
sam mit seinen zahlreichen Anhängern
zog er in die Maya-Stadt Chichén Itzá
und unterwarf sich dem dortigen Herr -
scher. Tatsächlich fanden sich in den
Ruinen dort zahlreiche Spuren der Tol -
teken. Diese könnten aber auch durch
Kriegszüge oder durch den Austausch
von Waren dorthin gelangt sein. Die
Tolteken haben selbst keine Schrift -
quellen hinterlassen. Wie viele Men -
schen in ihrem Reich lebten und warum

ROTER JAGUAR Thron im Stil der ASTRONOMIE Detail einer Stele, die trotz intensiver archäologischer For -
Tolteken, gefunden in Chichén Itzá wohl zur Sternenkunde verwendet wurde schungen ein Rätsel.

50 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


HONDURAS
Huaxteken Hochkulturen
MEXIKO
Tolteken Olmeken

Mixteken
OLMEKEN
Zapoteken

Hochkulturen
Die erste Hochkultur?
In Lateinamerika entstan Sie schufen mächtige Kolossalköpfe andere Völker von ihnen viele Kultur -
den ab 1500 v. Chr. mäch - techniken lernten. So haben die Olme -
tige Reiche. Azteken, Inka nen wiegen: Die Olmeken waren große ken vermutlich für Lateinamerika das
und Maya sind die Erben - Ballspiel erfunden, den Kalender und
anderer Hochkulturen, fürchtete Kämpfer. Die wuchtigen Köp - die Schrift in Glyphen. Und sie entwi -
fe, bis zu 2,85 Meter hoch, werden als ckelten die Töpferei weiter.
entwickelten. Krieger mit Helm oder Kappe interpre -
tiert. Zwischen 1500 und 400 v. Chr.
existierte wohl das Reich der Olmeken
im mexikanischen Hochland. Wie groß
Gebiet der es war, ist umstritten. Die Maya über -
Moche
und Chimú

SÜDAMERIKA
und viele Errungenschaften. Lange
galten die Olmeken als Vorfahren aller
Hochkulturen Mittelamerikas. Neuere
Gebiet der
Mapuche Forschungen sehen in ihnen aber nur
eine Hochkultur neben anderen entwi - KOLOSSAL Die Olmeken errichteten
ckelten Stämmen. Sicher ist aber, dass mächtige Menschenköpfe aus Stein

MIXTEKEN

Das Volk
aus den
FOTOS: BRUNO PEROUSSE/AKG-IMAGES, DK IMAGES, AKG-IMAGES, IMAGO, ALAMY, INTERFOTO (3)

Wolken
Berühmt sind sie für ihre Bilderschrift,
verewigt in Faltbüchern aus Hirsch - BILDERHANDSCHRIFT Die Mixteken erzählten die Geschichte ihrer Herrscher in
haut. In solchen Kodizes schrieben die kunstvollen und figurenreichen Handschriften wie dem „Codex Vindobonensis“
Mixteken ihre religiösen Mythen, die
Geschichte ihres Volkes und ihrer Herr - gefangen und opferte sie, danach hei - 8-Hirsch-Jaguarkralle war ein großer
scher nieder. Sie verwendeten dabei vor ratete er deren Witwen oder Töchter. Krieger: Die Mixteken zogen oft in den
allem Piktogramme. So wurde etwa der Schließlich aber hatte der siegreiche Kampf, auch gegen Azteken und Za -
Aufstieg von „8-Hirsch-Jaguarkralle“ Herrscher sich zu viele Feinde gemacht. poteken. Sie siedelten in einem Gebiet,
zum mächtigsten Herrscher der Mixte - Sie entführten ihn und brachten ihn das sich über die heutigen mexikani -
ken dokumentiert: Um 1063 geboren, ebenfalls den Göttern als Opfer dar. schen Bundesstaaten Oaxaca, Puebla
herrschte er bis 1115. Ihm gelang es, die Sein Leben wird im „Codex Nuttall“ be - und Guerrero erstreckt. Bei der Ankunft
bis dahin in drei Grup - schrieben, der elf Meter lang der Spanier zählten sie zu den größten
pen aufgeteilten Mixte - ist und im 14. Jahrhundert Völkern im südlichen Mexiko und hat -
ken in Hochland, Tief - gefertigt wurde. Nicht nur ten eine eigene Sprache, die heute noch
land und an der Küste gut 480 000 Menschen beherrschen.
des heutigen Mexiko zu CODEX NUTTALL Das Leben „Leute aus dem Wolkenland“ war eine
vereinen. Er nahm viele von 8-Hirsch-Jaguarkralle ihre Selbstbezeichnungen – ein friedli -
gegnerische Herrscher (rechts) als Bildergeschichte cher Name für ein kriegerisches Volk.

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 51


Hochkulturen

CHIMÚ

Die Herren

metalls
Auf den Überresten des Moche-Reichs
entstand um 1000 das Imperium der
Chimú. Sie eroberten weitere Territo -
rien dazu, führten häufig Krieg, waren
aber auch erfolgreiche Händler. Die
Chimú waren wie die Moche begabte
GRABBEIGABE Die Figuren wurden in einer Gruft bei Sipán (Peru) gefunden, Schmiede. Sie beherrschten von ihrer
dort sind mehrere Mumien von Herrschern der Moche bestattet worden Hauptstadt Chan Chan aus ein Territo -
rium von 1300 Kilometer Küste. Um das
MOCHE Jahr 1200 eroberten Krieger der Chi -

Die frühe Hochkultur Inka besiegten letztlich die Chimú und


machten sie zu ihren Untertanen.

Eine der ersten Hochkulturen der An - Mit Lamas und Schilfbooten ka -


den (um 100–800 n. Chr.) siedelte an
einem eher unwirtlichen Ort in Nord - stellten Handwerker beeindruckende
peru: entlang der regenarmen nörd - Kunstwerke her, die auch prägend für
lichen Westküste. Die Moche trotz - spätere Völker waren. Die Moche ge -
ten diesen schlechten Bedingungen: langten in der Metallverarbeitung zu
Sie betrieben intensiven Fischfang einer neuen Blüte. Für ihre Schmie -
und bauten eine effiziente Landwirt - dekunst wurden sie sogar von den
schaft auf, legten ausgeklügelte Be - -
wässerungssysteme mit Kanälen und hundert ging die Moche-Kultur unter.
Terrassen an. Den Kot der Seevögel Spuren der Moche finden sich aber
verwendeten die Bauern als Dünger.
Große Städte entstanden und religiö - Forscher schrieben ihnen lange eine
se Zentren mit gewaltigen Pyramiden Rolle als prägende Mutterkultur für
aus Lehmziegeln. Lateinamerika zu.
FOTOS: DDP IMAGES, BRIDGEMAN, GETTY IMAGES

KLINGE Ein
Tumi aus Gold,

messer, gefer
tigt im Stil der
Chimú Kultur

GRABKAMMER Im peruanischen Sipán stießen Archäologen 1987 auf Lehm


ziegelpyramiden, die zur Bestattung von Herrschern gebaut worden waren

52 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


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FOTOS: GETTY IMAGES, COURTESY OF THE PEABODY MUSEUM OF ARCHAEOLOGY AND ETHNOLOGY-HARVARD
UNIVERSITY-PM# 2004.24.31263, IBERO-AMERIKANISCHES INSTITUT-SPK/BPK

54 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


Auf der Spur der

Maya
Im 19. Jahrhundert sucht der Entdecker Teobert Maler
nach Maya-Städten im Regenwald von Yucatán. Er findet
Tempel und Stelen, die er ablichtet und skizziert. Seine
Fotos sind heute ein Schatz für die Maya-Forschung
Von Monika Dittombée

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 55


Hochkulturen

PRÄCHTIG Der Palast des Kleinen


Schlangenkopfes in Itzinté in Mexiko.
Von Teobert Maler abgelichtet

ies soll seine große Ent -

D deckung sein. Um jeden


Preis. Im Januar 1889
kämpft sich Teobert Maler
durch den Dschungel, haut
mit einem Trupp einheimischer Helfer
mit Macheten die zugewachsenen Pfa
de frei, von der Hitze niedergedrückt,
-

von Moskitos zerstochen. Am Spät -


nachmittag endlich Jubelrufe. Über -
wucherte Ruinen in Sicht! Maler tri -
umphiert. Endlich hat er sie gefunden,
jene alte Maya-Siedlung, von der ihm
in entlegenen Dörfern berichtet wurde.
Eine ganze Stadt, völlig unerforscht.
Er wähnt sich als erster Entdecker von
Xkichmook in Yucatán, auf den Kuppen
benachbarter Hügel errichtet, ein Tem -
pelpalast mit mehreren Gebäuden, eher
klein von den Ausmaßen, aber „von der
schönsten Tropenvegetation umgeben“,
wie er schwärmerisch notiert.
Seine Männer und er legen die
Überreste frei. „5. Januar. Ausgehauen. Maler glaubt sich am Ziel: Eine
3 Ruinen südlich vom Hauptpalast ent -
deckt. Neumond. 6. Januar. Hauptpa - prächtige Ruine liegt vor ihm. Doch
last fertig hergerichtet. Plan gemacht.
Um Mittag fing es an zu regnen. 7. Ja - sein Rivale war vor ihm dort
nuar. Angefangen zu photographieren,
recht bewölkt. Schöne Pfeilspitze aus
Feuerstein ausgegraben.“ Im Staccato
notiert er den Fortgang der Arbeiten. Bis
zu jenem Moment, als er Schriftzeichen
entdeckt. Keine kunstvollen Hierogly -
phen in der rätselhaften Schrift der
Maya, sondern moderne, nackte und
klare Buchstaben: EHT. Die Initialen
von Edward Herbert Thompson, einem
Amerikaner, der wie Maler nach den
Stätten der Maya sucht. Sein schärfster
Konkurrent. Sein Widersacher. Vor ihm
da gewesen. Ermattet lehnt sich Maler
an die alten Steine.
Irgendetwas muss er tun. Seine Ent -
deckung will er sich nicht mehr nehmen

KUNST IM DSCHUNGEL Maler


heuert einheimische Helfer an. Diese
Stele legen sie in Guatemala frei

56 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


MEXIKO

BELIZE

Gebiet HONDURAS
der Maya

GUATEMALA

Die Maya
In ihrer Blütezeit be -
herrschten sie Mit -
telamerika: Die Maya
errichteten große Städte
und mächtige Reiche,
schlossen sich aber nie
zu einer Nation zusam -
men. Die Metropolen
führten nahezu pausen -
los Krieg, kämpften um
die Vorherrschaft. Im
Gegensatz zu den Inka
und Azteken, die von
den Spaniern besiegt
wurden, waren die
Maya eigentlich keine
Hochkultur mehr als die
Konquistadoren eintra -
fen. Ihre Städte waren
weitgehend verlassen,
ein Großteil ihres Wis -
PALAST DES FÜRSTEN Teobert Maler hat ein Talent für das sens verloren. Auch die
Fotografieren – eine Ausbildung hat er jedoch nicht Schriftsprache der Maya
geriet in Vergessen -
FOTOS: COURTESY OF THE PEABODY MUSEUM OF ARCHAEOLOGY AND ETHNOLOGY-HARVARD UNIVERSITY-PM#

lassen: Er datiert seinen Fund einfach nissen der Maya nach, diesem Volk, das (unten) waren rätsel -
vor. „Yucatan 1887 Teoberto Maler“ vom Tiefland der Halbinsel Yucatán haft. Aktuell versuchen
steht unter der Reinzeichnung des Pla - bis zu den Bergen Honduras herrschte. verschiedene Forscher,
nes vom Tempelpalast, konträr zu sei - Zehntausende Menschen lebten in den mehr über die Sprache
nen Tagebuchnotizen. Egal, er will un - großen Städten der Maya, die oft an herauszufinden.
bedingt vor Thompson da gewesen sein. Flüssen und Handelswegen entstehen,
„Im ersten Eifer hat er Xkichmook sich aber nie zu einem gemeinsamen
offenbar überschätzt“, sagt Iken Paap, Reich zusammenschlossen. Stattdessen
Maya-Forscherin am Ibero-Amerikani - führten die Stadtstaaten immer wie -
schen Institut in Berlin. Er fälscht seine der brutale Kriege gegeneinander, die
Daten, nur um Thompson zuvorzukom - gemeinsame Sprache und die Religion
men, der die Ruinen bereits 1886 ent - kittete die Maya nicht stark genug anei -
2004.29.6440, PM# 2004.29.6506, PM# 2004.24.29708, AKG-IMAGES

deckt und 1888 darüber berichtet hatte. nander, um die Konflikte zu verhindern.
Maler muss aufgewühlt gewesen sein. Als Maler durch Mittelamerika
Er, der sonst größten Wert auf akribi - reist, sind viele Rätsel der Maya noch
sche Präzision und Detailgenauigkeit nicht gelöst: ihre Schrift etwa, oder die
legt, ausgerechnet er fälscht ein Datum. Grundzüge ihrer Religion. Dank seiner
Endlich will auch er ein wenig Ruhm Arbeit finden noch heute Forscher im -
für seine mühsame Arbeit. mer mehr Details über das Volk heraus,
Heute wird ihm allergrößte Aner - das Menschen opferte, um die Götter
kennung zuteil. Er gilt als Pionier der gnädig zu stimmen, das vom Maisan -
Maya-Forschung, als Wegbereiter der bau lebte und es schaffte, mehrere Ern - BOTSCHAFT Dieser Männer -
Archäologie in Mittelamerika. Etwa ten im Jahr einzubringen, und das viele kopf, in Palenque gefunden,
150 Maya-Stätten entdeckt, fotografiert Städte plötzlich unversehrt aufgab und ist Teil einer Hieroglyphe
und skizziert er. Er spürt den Geheim - verschwand.

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 57


Hochkulturen

Malers Fotos sind ein Schatz für


die Wissenschaft. Sie führen
Forscher zu vergessenen Ruinen

Malers gut 3000 Fotoabzüge und Was trieb den Deutschen überhaupt ERBEN DER MAYAIn Chiapas
schriftlichen Berichte sind bis heute in den Dschungel von Yucatán? Am fotografiert Maler Einheimische. Sie
sollen Nachfahren der Maya sein
ein Schatz für die Maya-Forschung. 12. Januar 1842 kommt er als Kind
Und mit seinen akkurat-pedantischen deutscher Eltern in Rom zur Welt, spä -
Wegbeschreibungen lassen sich heute ter studiert er in Karlsruhe Architektur
noch kaum beschriebene Stätten fin - und Bauingenieurwesen. 1864 meldet hung der Todesstrafe zurückmelden.
den. Auch das Bonner Forschungspro - sich Maler dann als Freiwilliger für das Nicht so Teobert Maler. In den Kleidern
jekt „Textdatenbank und Wörterbuch Expeditionskorps des österreichischen eines einfachen Mexikaners taucht er
des Klassischen Maya“, das sämtliche Erzherzogs Maximilian, der Kaiser unter und beginnt eine langjährige
Inschriften erfasst und dabei hilft, die von Mexiko werden soll. Er nimmt an Wanderschaft durch das Land.
Rätsel der Maya-Schrift zu entschlüs - Gefechten gegen die mexikanische Be - In das Maya-Gebiet gelangt er erst -
seln, greift auf Bilder von Teobert Maler freiungsarmee teil, wird zum Leutnant mals 1877, als er die Ruinen von Palen -
zurück. Denn viele Stätten, die er fo - befördert. Mit der Erschießung Kaiser que im Regenwald von Chiapas besucht
tografiert hat, wurden von Plünderern Maximilians am 19. Juni 1867 endet die und in Zeichnungen und Fotografien
zerstört oder erneut vom Regenwald militärische Intervention Österreichs in dokumentiert. Er schreibt ausführlich
überwuchert. Malers Bilder sind auch Mexiko schmachvoll. Jeder Soldat muss über die damals überwucherten Ge -
deswegen kostbare Zeitdokumente. sich binnen 24 Stunden unter Andro - bäudereste und glaubt gar, einen neuen
alten Tempel gefunden zu haben, den
„Tempel des Blätterkreuzes“. Womög -
lich hat ihn genau hier das Entdecker -
fieber gepackt. Der Tod seines Vaters
zwingt ihn 1878 zur Rückreise nach
Europa. „Nun nach 13 Jahren, 3 Mona -
ten verließ ich zum ersten Male dieses
Land, nach einem Leben voller Gefah -
ren, Mühe und Arbeit“, schreibt er in
akkurater Architekten-Handschrift in
sein Notizbuch.

ie Erbschaftsangelegenheiten

D gestalten sich komplex. Maler


überbrückt die Wartezeiten,
indem er durch Europa reist, Museen,
Ausstellungen und Bibliotheken be -
sucht. 1882 kommt endlich die Nach -
richt, dass er sein Erbe in Höhe von
67
damit ein wohlhabender Mann. Der
durchschnittliche Jahresverdienst eines
einfachen Arbeiters liegt zu dieser Zeit
bei etwa 750 Mark. Er löst die Wohnung
seines Vaters auf, lebt einige Monate
in Paris, kauft Kameras und Objektive,
lässt sich in einem Fotostudio in Mün -
chen in die neue Technik der trockenen
120 JAHRE BAUZEIT Der Palast in Palenque wurde wohl von mehreren Königen errichtet Fotoplatten einweisen. Im März 1885

58 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


PALAST Im Tieflanddschungel von Mexiko errichteten die Maya die mächtige Stadt Palenque

kehrt er nach Mexiko zurück, diesmal Thompson auch in Labná auf, jener Ri - schen, die im Regenwald leben und
ETHNOLOGY-HARVARD UNIVERSITY-PM# 2004.29.6483, PM# 2004.24.1938,
FOTOS: COURTESY OF THE PEABODY MUSEUM OF ARCHAEOLOGY AND

gleich nach Yucatán. Er lässt sich mit ei - vale, mit dem er bis zum Ende seines sich auskennen. Dank des stattlichen
nem Fotoatelier in der Kleinstadt Ticul Lebens in bitterer Feindschaft verbun - Erbes seines Vaters hat er genug Geld,
nieder, mietet ein Haus in Mérida und den bleibt. Neben Maler und Thomp - um eigene Expeditionen zu finanzieren
beginnt 1886 sein ehrgeiziges privates son erforscht ungefähr eine Handvoll und einheimische Führer anzuheuern.
Projekt: die Entdeckung und Dokumen - anderer Männer zu jener Zeit die Halb - Allein 1887 erforscht er binnen fünf
tation verschütteter Maya-Stätten auf insel Yucatán. Historiker, Archäologen, Monaten 19 Ruinenstätten. Er notiert
der Halbinsel Yucatán. Schatzsucher – jeder wittert eine Sensa - exakt, wie seine Funde aussehen, die
„17.12.1886. Ab nach Labná. 18.12. tion: ein Grab voller Gold, eine Kammer Form der Säulen, die Gestaltung eines
Mit Aushauen begonnen. 19.12. Weiter voller Jade-Statuen, wenigstens ein be - Frieses, den Zustand der Hieroglyphen,
ausgehauen.“ Labná liegt im Herzen des deutsames Fries. das Aussehen rätselhafter Figuren.
VEINTIMILLA/AKG-IMAGES

Puuc-Gebiets im nördlichen Yucatán, Maler lernt die Maya-Sprache, feilt Zwei Expeditionen führen Teobert
heute keine zwei Autostunden von an seinen fotografischen Künsten, liest Maler nach Tikal im nördlichen Guate -
Mérida entfernt. Für Maler damals eine mit soldatischer Disziplin alle Bücher mala. In dem Wandstück am Eingang
tagelange Tour und Ausgangspunkt und Berichte, die ihm zur Verfügung einer Ruine ritzt er seinen Namen und
einer langen Reise. Zum größten Ver - stehen, befragt Einheimische, Kaut - die Daten 1889 und 1904 ein. Tikal ge -
druss von Maler taucht ausgerechnet schuksammler und Holzschläger. Men - hört zu den prächtigsten Metropolen

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 59


der Hochkultur, bis zu 60 000 Men -
schen lebten dort. Zahlreiche bedeuten -
de und große Tempel entstanden in der
Metropole. Eines von mehreren wichti -
gen Zentren der Hochkultur.
Zwischen 300 vor und 1500 nach
Christus bauten die Maya zahlreiche
Städte auf. Wenige reichen an Tikal he -
ran. Und doch: Um das Jahr 900 gaben
die Bewohner ihre Heimatstadt plötz -
lich auf, überließen sie dem Dschun -
-
sen konnte. Er wusste nicht, dass Tikal
eine mächtige Gegenspielerin hatte –
etwa 150 Kilometer entfernt lag Calak - HIEROGLYPHEN Detail von der Tafel der 96 Schriftzeichen, gefunden in Palenque
mul. Diese Stadt im Süden von Yucatán
wurde erst 1931 wiederentdeckt. In der
als „Königreich der Schlange“ bezeich -
Künstler und Schriftgelehrte
neten Metropole wurden bislang gut Als eines der wenigen Völker des
120 Stelen mit Kalenderdaten, Inschrif - präkolumbischen Amerikas brach -
ten und Porträts von Herrschern, Pries -
tern und Kriegern geborgen. Nicht alles -
konnte entziffert werden, doch so viel tig Ausdruck ihrer Kunstfertigkeit
ist klar: Calakmul und Tikal lagen stän - war. Für ihre Schrift bildeten sie
dig im Clinch. Der erste Konflikt zwi - die Sprache der Olmeken wei -
schen den Maya-Metropolen eskalierte ter. Die Spanier zerstörten nach
546 n. Chr. Calakmul mischte sich in ihrer Ankunft das Erbe der Maya:
die Innenpolitik von Naranjo ein, einer Bücher wurden verbrannt, Stelen
Nachbarstadt von Tikal und installierte mit Inschriften zerschlagen. Nur
dort einen Herrscher. Eine Provokation! vier bedeutende Handschriften
blieben erhalten. Heute werden
enig später geschah Ähnli -

W ches: In Los Alcranes setzte


Calakmul 562 ebenfalls den
Herrscher ein. König „Beobachter des
Hieroglyphen gesammelt, die in
Mexiko, Guatemala, Belize und
Honduras gefunden werden konn -
Himmels“ übernahm die Macht. Schon ten. Mehrere Millionen Nach -
im nächsten Jahr führte er seine Krie - kommen der Hochkultur sprechen
ger gegen Tikal, das für die nächsten WANDMALEREI Ein Opferritual, mit heute noch Maya-Sprachen.
- dem den Göttern gehuldigt wird
wickelt war. Erst im Jahr 695 begann
Tikals Wiederaufstieg, als das von
Calakmul geschmiedete Bündnis zer -
bracht. In Tikal setzte der Herrscher
Jasaw Chan K’awiil I. ein enormes Bau -
programm in Gang, um die wiederer -
langte Größe öffentlich zu zelebrieren.
Gleichzeitig versank Calakmul in politi -
scher Bedeutungslosigkeit.
Die Freude darüber währte in Tikal
nur kurz. Mit Beginn des 9. Jahrhun -
derts setzte im gesamten Maya-Tief -
land eine Krise ein, die zur Aufgabe der
Städte führte. Die letzte Stele aus Tikal RÄUCHERMÄNNCHEN KUNST Die Maya schu - SCHMÜCKEND Dieser
stammte von 869 und markiert das Die Figur stellt einen fen viele beeindrucken - Kopf zierte ein Gebäude
Ende der Königsdynastie. Das letzte in Priester der Maya dar de Bildhauerarbeiten in Palenque

60 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


Hochkulturen

Der Krieg zwischen den Städten Tikal und


Calakmul leitet das Ende der Maya-Herrschaft ein.
Danach zerfällt die Ordnung in Mittelamerika
Calakmul gefundene Kalenderdatum
stammt aus dem Jahr 909. Damit war
das über Jahrhunderte etablierte politi -
sche System der klassischen Maya end -
gültig passé.
Vermutlich leitete der große Krieg
der beiden Städte das Ende der Maya
ein: Danach gab es keine Ordnungs -
macht mehr in Zentralamerika. Übrig
geblieben waren viele Kleinststaaten,
die im permanenten Bürgerkrieg unter -
einander die adelige Elite ausbluten lie -
ßen. Das einfache Volk gab die großen
Metropolen auf, die Städte zerfielen. Bis
heute ist aber der Kollaps der Maya-Ge -
sellschaft nicht eindeutig gelöst. Auch
Maler mag sich gefragt haben, warum
er immer wieder auf aufgegebene Städ -
te stieß – die im Laufe der Jahrhunderte
zwar von der Natur überwuchert, aber
FOTOS: BILDARCHIV STEFFENS/AKG-IMAGES, WILLIAM W. CAMBELL III/NATIONAL GEOGRAPHIC CREATIVE, PAUL NICKLEN/

nicht durch Kriege oder Katastrophen


zerstört worden waren.
NATIONAL GEOGRAPHIC CREATIVE, PAOLO KOCH/GAMMA-RAPHO/LAIF, BRIDGEMAN IMAGES (2), GETTY IMAGES

eobert Maler erhält im Lauf der YUCATÁN In einer Cenote versenkten die Maya wohl Opfer für die Götter

T Jahre allmählich mehr Anerken


nung. Das renommierte Peabody
Museum für Archäologie und Ethno
-

- tag am 22. November 1917. Sein mo -


logie der Harvard-Universität in Cam - numentales dreibändiges Manuskript
bridge beauftragt ihn mit Expeditionen, „Península Yucatán“ erscheint erst
die ihn zwischen 1897 und 1905 nach 1997, 80 Jahre nach seinem Tod.
Chiapas, Guatemala und in das heutige 100 Jahre später setzen sich Maya-
Belize führen. Die Zusammenarbeit mit Forscher sehr genau mit seinem Werk
dem Peabody Museum endet – neben auseinander. Der Schreibtisch von Iken
Streitereien um die Honorare – auch Paap, Altamerika-Expertin aus Berlin,
deswegen, weil Maler nicht damit leben ist übersät mit Malers Handschriften,
kann, dass Thompson ebenfalls für das Skizzen und Fotos. „Jeden einzelnen
Museum forscht. Damit hören Malers Tag bin ich mit ihm beschäftigt“, sagt
große Entdeckungsreisen auf. sie. Erst recht, seit sie ein Grabungs -
1912 reist er zum letzten Mal nach projekt in Dzehkabtún leitet, einer Ru -
Europa, hält Vorträge und kehrt an - inenstätte in Campeche. Teobert Maler
schließend nach Mérida zurück. Er lebt hatte die Stätte 1887 ausführlich be -
vom Verkauf seiner Fotoabzüge, doch schrieben. Tatsächlich als Erster.
das Geld geht trotzdem aus. Er wird
lethargisch, ungepflegt. Die Vormittage
Monika Dittomb é e fühlte sich
verbringt er in einer Eckkneipe, beob -
bei der Recherche wie in einem
achtet das Leben auf der Straße, wäh - „Indiana Jones“-Film. Toll, MAGISCH Am Grund der Höhle finden
rend er langsam ein Glas Bier trinkt. dass es solche Abenteurer wie Forscher Keramiken und andere kleine
Er stirbt kurz vor seinem 76. Geburts - Teobert Maler wirklich gab. Kunstwerke – ein Traum für Archäologen

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 61


AFFENTHEATER
Erst mit großem Abstand
offenbaren die Linien
ihr Geheimnis: Dann
erweist sich die Wüste
als bevölkert von Tieren
und Göttern
Die Künstler
in der Wüste
Schnurgerade, kilometerlange Linien, Bilder von Tieren und Göttern:
Die gigantischen Zeichnungen der Nazca in der peruanischen Wüste
konnten Forscher sich lange nicht erklären. Nun ist das Rätsel gelöst

Von Swantje Strieder

olibri und Kondor, Rei Dankbar greift die Tourismusindus

K her und Wal, Spinne und


Fisch, Pelikan, Lama und
Affe: Ein ganzer Zoo tut
sich da auf als giganti
sche Steinmuster. Vor 3000 Jahren
wurden sie in die dunkelbeigefarbe
ne Wüste Perus gekratzt. Geogly
trie das Rätsel auf, keine Theorie
scheint zu abwegig, um Besucher in
die zerknitterte Wüstenlandschaft
zu locken, welche die Unesco 1994
zum Weltkulturerbe erklärte. War
Nazca einst ein magischer Kraftort,
wie es auch vom englischen
phen nennen Archäologen die Stone henge behauptet wird?
Erdzeichnungen nahe der Gab es dort Landebahnen
Stadt Nazca. Aus großer
Höhe kann man sie se autor Erich von Däni
hen, vom Kleinflugzeug ken bis heute glaubt?
aus, per Drohne oder Feuerstellen für früh
von den umliegenden zeitliche Heißluftbal
FOTOS: ALAMY STOCK PHOTO, UNITED ARCHIVES INTERNATIONAL/IMAGO

kahlen Hügeln. lons aus Baumwolle?


Doch es wurden Startplätze für Fes
nicht nur Tiermotive drachen? Selbst der
ver ewigt, auch Bilder sonst so nüchterne
von Göttern und Fa TV Wissenschaftsautor
belwesen, Pflanzen und Hoimar von Ditfurth fa
Bäumen hat man hier einge bulierte über „gigantische
scharrt – sowie das Abbild ei Sport arenen“.
nes Menschen mit erhobenem Arm, Dabei hatte der spanische Ent
der gen Himmel zu winken scheint. TOTENMASKE decker und Historiker Pedro Cieza
Ein Astronaut, wie Esoteriker glau Über das Volk der Nazca de León sie schon 1553 in sei
ben wollen? war außer den Wüsten -
zeichnungen bislang
Es mangelt nicht an wilden Spe
wenig bekannt. Erst seit
kulationen, welche die Figuren und Kurzem liefern Ausgra - zeichnet. Aber Wegmarken für wen?
die teils kilometerlangen geometri bungen einen Einblick in Und warum haben diese Wege solch
schen Linien zu erklären versuchen. ihre Kultur und ihr Leben verschlungene Formen?

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 63


KOLUMBIEN

BRASILIEN
PERU

Lima
Die Geoglyphen und das Wissen kalender, der die fruchtbaren Pha sen
Gebiet der
um ihre Bedeutung – all das war lan - Nazca im Jahr anzeige.
ge Zeit in Vergessenheit geraten. Erst Seine These setzte sich nicht durch,
in den 1920er-Jahren wurden sie wie - der Zweck der Wüstenzeichnungen
derentdeckt, als die ersten Flugzeuge Die Nazca blieb ein Mysterium. Erst 2006 verkün -
die peruanische Wüste überflogen. Da - Die Kultur der Paracas dete ein interdisziplinäres Team aus pe -
nach stritten seriöse Forscher, Hobbyar - (900 bis 200 v. Chr.) ruanischen, deutschen und schweizeri -
chäologen und Esoteriker fast 80 Jahre schuf die ältesten Wüs - schen Wissenschaftlern: Das Rätsel um
heftig um die Deutung der mysteriö - tenzeichnungen. Ihnen Nazca ist gelöst.
folgte die Kultur der „Die Linien sind Prozessionswege,
Der amerikanische Kulturhistori - Nazca (200 v. Chr. bis an deren Anfangspunkten einst klei -
ker Paul Kosok bezeichnete die Nazca- 600 n. Chr.), sie wurden ne Tempel für religiöse Kulte standen;
Wüste als „das größte Astronomiebuch benannt nach dem Ort dort flehten die Indigenen ihre Götter
der Welt“. Eher zufällig entdeckte er in der berühmtesten und um den dringend benötigten Regen an“,
den 1940er-Jahren, dass am 21. Juni, komplexesten Wüsten - sagt Markus Reindel vom Deutschen
also zur Wintersonnenwende der Süd - linien. Viel ist über diese Archäologischen Institut in Bonn.
halbkugel, eine der geometrischen Lini - Kulturen nicht bekannt: Geahnt hatten das vorher schon ei -
en ziemlich exakt in Richtung Sonnen - Sie waren Bauern, die nige Experten, aber nun war die Hypo -
untergang weist. Kosok glaubte daher, aber auch Edelmetall these endlich überzeugend mit Belegen
die Linien seien ein gigantischer Bilder - verarbeiteten. untermauert. Die penible Beweisauf -

So wurden die Geoglyphen geschaffen


Gerade Formen Spiralformen
SCHRITT 1 SCHRITT 2 SCHRITT 3 ERSTE SPIRALE ZWEITE SPIRALE
Mit großen Steinen markie - Die dunklen Mit den Oberflä - Ein Seil wird um einen Pfahl Innerhalb der ersten
ren die Nazca die Umrisse. Steine von der chensteinen for - gewickelt. Ein Nazca wickelt es Spirale wird eine zweite
Sie tragen die oberste Stein - Innenfläche men sie erhöhte ab, mit einem Stab am Ende des markiert. Die dazwi -
schicht ab, um die Ränder schichten sie Kanten an den Seils zeichnet er die entstehen - schenliegenden Steine
zu bilden zu Haufen Umrissen de Spirale ins Gestein werden weggeräumt

AUSSEN
Trocken -
heit lässt KONTRAST
die oberen Die Schatten der
Steine nach - erhöhten Kanten beto -
dunkeln nen die Umrisse

INNEN
Schicht von hellem
Sand und Kieseln
Hochkulturen

nahme der Archäo-Detektive hatte sich


wie bei einem schwierigen Gerichtsfall
über zehn Jahre hingezogen, die Profi -
FOTOS: SCIENCE PHOTO LIBRARY/AKG-IMAGES, DEUTSCHES ARCHÄOLOGISCHES INSTITUT, ALAMY; ILLUSTRATIONEN: JON FOSTER/NATIONAL GEOGRAPHIC CREATIVE, FERNANDO G. BAPTISTA/NATIONAL GEOGRAPHIC CREATIVE

ler kamen nicht nur aus der Archäolo -


gie, sondern fachübergreifend aus der
Geografie, Meteorologie, Anthropolo -
gie und Geophysik. Beteiligt waren zu -
dem Experten der Paläobotanik, Metal -
lurgie und Montanarchäologie.
„Statt nur isoliert auf die Geogly -
phen zu starren, haben wir uns auf die
Siedlungsgeschichte, die Klima-, Agrar-
und Gesteinsforschung gestützt, um
den kulturellen Zusammenhang zu er -
kunden“, erläutert Reindel.

ber auch ganz klassische Aus -

A grabungen machte der Archäo


loge, allerdings nicht direkt ne
ben den Nazca-Linien, sondern in der
-
-

Wüste um Palpa, 40 Kilometer nördlich


von Nazca. Hier existieren ebenfalls
Geoglyphen.
„Im Unesco-Gebiet ist es schwer,
eine Grabungserlaubnis zu bekommen,
Prozessionswege
aber in Palpa fanden wir ideale Verhält - Die Nazca, die unter anderem Bohnen und Kartoffeln anbauten, lebten
nisse: Da liegen die Geoglyphen direkt in einer Gegend, in der sehr unregelmäßig Wasser fiel. Umso komplexer
neben den Überresten von Siedlungen, waren die Riten, mit denen der Regen beschworen wurde. An den Enden
Gräbern und unterirdischen Bewäs - der meist geraden Wüstenlinien (siehe Grafik oben) standen kleine Altäre,
serungssystemen“, sagt Reindel. Die hier wurden Gaben geopfert. Zwischen diesen Tempeln, also auf den
Forscher konnten also direkt die Wüs - Linien, fanden Prozessionen statt. Wie diese aussahen, lässt sich nur ver -
tenzeichnungen inmitten des Lebens - muten: Vielleicht tanzten die Nazca, begleitet von Musik aus Panflöten.
umfelds der Menschen untersuchen,
welche die Kunstwerke einst schufen.
Auf zahlreiche Funde konnten die
Forscher nicht hoffen. Wie fast über -
all in Peru hatten „Huaqueros“, Grab -
räuber, Jahrzehnte zuvor die Fundstät -
ten geplündert. Doch zusammen mit
seinem peruanischen Kollegen Johny
Isla vom Andeninstitut für Archäologie
-

aufwendig ausgestatteten Grab sicher -


ten die Forscher besonders fein gearbei -
Keramik,ziseliertenSchmuck,
anderweitige Goldobjekte und
bunte dreidimensional be -
stickte Textilien. FÜR DIE GÖTTER
Steinstrukturen auf
den Linien (siehe links)
SPONDYLUS waren wohl einst klei -
Die Muschel war in ne Tempel, zwischen
Kulthaufen aufge - denen die Nazca
schichtet – das sollte pilgerten; die Linien
den Regen bringen waren ihre Pfade

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 65


Hochkulturen

Eines fiel auf: Inmitten der Fun - Die Linien und Figuren waren also
de stießen die Forscher immer wieder Prozessionswege, die Muschelhaufen
auf Muscheln. Auch gab es fein aufge - kleine Tempel. Berechnungen von Mete -
schichtete Haufen von Muscheln – mit - orologen stützen diese These: Demnach
ten auf den Wüstenlinien. Reindel war entstanden die Geoglyphen tatsächlich
auf den entscheidenden Schlüssel zum genau in einer Zeit, als die Menschen
Verständnis der Wüstenzeichnungen unter langen Dürrezeiten litten. Auslö -
gestoßen. Sie belegen: Hier fand offen - ser der monumentalen Kunst war damit
bar ein Wasserkult statt. wohl eine Klimaveränderung.
Die Muscheln gehören zur Familie
„Spondylus“, einer Austernart, die nur ie kunstvollen Keramiken- und
im tropisch-warmen Pazifik vor den
Küsten Ecuadors und Kolumbiens leben
kann. Nun gab es aber große Mengen
D Textilien von Palpa, die im
Wüstensand konserviert erhal
ten blieben, haben auch auf die Datie
-
-
dieser Schalen mitten in der peruani - rung der Geoglyphen ein neues Licht
schen Wüste. Warum? geworfen – und damit auch neu be -

FOTOS: SIPA PRESS/ACTION PRESS, ONLYWORLD.NET/FOTOFINDER.COM, ALAMY STOCK PHOTO;


Die Spondylus-Muscheln treiben stimmt, wer sie eigentlich geschaffen
mit den warmen Strömungen des Pa - hat. Bislang galt eine Kultur für sie al -
zifiks südwärts, die in unregelmäßi - lein verantwortlich, diese wurde nach

ILLUSTRATIONEN: JEROME N. COOKSON/NATIONAL GEOGRAPHIC CREATIVE (2)


- der nahe gelegenen Stadt die Nazca-
boldtstrom vor der südperuanischen Mutter der Kultur genannt. Sie existierte zwischen
Küste treffen. Dieser Vorgang geht im - Geoglyphen
mer einher mit einem berühmten Wet - der Bilder sind viel älter. Offenbar hatte
terphänomen, genannt El Niño: Viel Die deutsche Mathe - schon die Vorgängerkultur der Nazca,
Feuchtigkeit steigt dabei auf, in den An - matikerin Maria Reiche die sogenannte Paracas-Kultur, Tierbil -
den beginnt es zu regnen, und das Was - (1903–1998) erforschte der in die Wüste geritzt und diese Kul -
ser stürzt die Berghänge hinab, so auch die Nazca-Linien und turtechnik später an die Nazca weiter -
einst in Nazca. lebte ein halbes Jahr - gegeben. Die Paracas-Kultur existierte
„Für die Menschen damals galt: hundert kärglich in der etwa von 900 v. Chr. bis 200 v. Chr.
Wenn die Muschel kommt, dann kommt Wüste. Zwar konnte sie Obwohl das weiträumige Wüsten -
vielleicht auch der Regen“, erklärt der ihre Theorie, wonach monument zum Weltkulturerbe zählt,
Archäologe Reindel. Entsprechend sei - die Linien ein Kalender ist es nur leidlich vor Vandalismus und
en diese „Regenmachermuscheln“ zen - seien, nie beweisen, Zerstörung geschützt. Bereits beim
traler Bestandteil eines Wasserkults doch die Arbeit der mu -
geworden, mit ihrer Hilfe sollte der tigen Umweltkämpferin es teilweise zerschnitten worden, heu -
ersehnte Regen in der Wüste heraufbe - trug maßgeblich zum te gefährden Sandbuggys, Besucher,
schworen werden. Erhalt der Bilder bei. wil de Siedlungen peruanischer Bauern

Mehr als nur Die Tiermotive sind die komplexesten Werke des gigantischen Wüstenkunst
werks. Die Mehrzahl der Geoglyphen sind gerade Linien (rechts: Tiermotive in
-

Tiere und Götter Blau. In der Ecke durchschneidet die Panamericana das Weltkulturerbe)

AUSSCHNITT
3900 Quadrat -
kilometer Wüste
sind mit Symbo -
len übersät

Fisch Spirale Alge Kondor Spinne Blume

0m 25 50

66 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


VORBILDER Die Zeichnungen bei Palpa sind älter als die der Nazca, sie wurden von den Paracas erstellt

und Sportereignisse wie die Rallye Da - ders heraus: der gruselige Katzengott, Anden herabzubeschwören.“ Letztlich
kar die Linien. Um die Wüstenzeich - der sowohl in der Paracas- wie Nazca- war es eben ein Klimawandel, der die -
nungen weiter zu untersuchen und um Kultur immer wieder auftaucht. Der se riesige rituelle Landschaft entstehen
sie für die Nachwelt zu erhalten, haben schrille Gott trägt eine Maske aus Kat - ließ. Nach dem Jahr 600 n. Chr. wurden
Forscher der Eidgenössischen Techni - zenschnurrhaaren; um den Hals win - keine neuen Prozessions pfade mehr ge -
schen Hochschule Zürich den sich Schlangen, in den Händen hält zogen, kein Stein wurde mehr bewegt.
mit Fotodrohnen viele er blutige Trophäenköpfe, die er mit sei - Die Nazca verschwanden spurlos aus
Quadratkilometer dreidi - nem riesigen Messer abgeschlagen hat. der Geschichte. Es blieb nur ein bizarrer
mensional vermessen und Ein Zeichen für rituelle Menschenopfer Bilder-Zoo in der Wüste.
die Bilder klassifiziert. bei den Paracas und Nazca, wie man
Unter den vielen Mo - sie von den Azteken in Mexiko kennt?
Swantje Strieder schrieb für
tiven sticht eines beson - Ausschließen kann Reindel das nicht.
P.M. HISTORY bereits einmal
„Je schlimmer die Trockenheit wurde, über ein untergegangenes Volk
GRUSELIG Die Nazca malten um so mehr mussten sich die Priester Südamerikas: die Hochkultur
Tiergötter auch auf Vasen einfallen lassen, um das Wasser aus den von Caral (03/2017).

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Hochkulturen

Zum Vertiefen
Buchtipps zum Titelthema von der Redaktion

DIE ERBEN DER MAYA KRIEG DER STÄDTE


Das Museum für Völkerkunde in Hamburg verfügt In den vergangenen drei Jahrzehnten
über eine herausragende Sammlung zur Kultur hat die Maya Forschung mit vielen Sagen
der indigenen Einwohner Guatemalas. Vor einigen um die Hochkultur aufgeräumt: Die Maya
Jahren bereiteten Forscher die Schätze auf, waren nicht weniger kriegerisch als die
erstellten eine Ausstellung und veröffentlichten Azteken und ihre Rituale kaum weniger
einen Katalog über die Erben der Maya. blutig. Eine Einführung.
Wulf Köpke und Bernd Schmelz (Hrsg.) Berthold Riese
Herz der Maya Die Maya
Museum für Völkerkunde, 2010, 29,90 Euro C.H. Beck, 2011, 7. Auflage, 8,95 Euro

DIE WELT DER INKA


220 Exponate aus Museen weltweit prä
sentiert die Völklinger Hütte: Sie geben
nicht nur Einblick in die Welt der Inka,
sondern auch in die Vorgängerkulturen

nandertreffen mit den Europäern. Lesens


wert ist auch der Ausstellungskatalog.
Inka – Gold. Macht. Gott.
Bis zum 26. November 2017,
Völklinger Hütte, Saarland

AUFSTIEG UND ENDE SUPERMACHT DER ANDEN


Um 1064, so schildert es die Den Inka, dem geheimnisvol
Sage, kamen die Azteken len Volk aus Mittelamerika,
von der Insel Aztlan nach widmete das Linden Museum
Mittelamerika. Dort zogen in Stuttgart vor vier Jahren eine
sie als Nomaden umher und große Ausstellung. Der Katalog
eroberten sich ein Reich. dazu bietet eindrucksvolle
Bis 1519, der Ankunft der
Spanier, herrschten sie über Fans der lateinamerikani
ein Imperium. Berthold
Doris Kurella und Inés de
genes Gesamtbild. Castro
FOTOS: PR

Berthold Riese Inka. Könige der Anden


Das Reich der Azteken Philipp von Zabern,
C.H. Beck, 2011, 29,95 Euro 2013, 29,90 Euro

68 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


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„Ichsend
Direinen
blauen
Teckel“
Er ist der Maler der blauen Pferde, sie die
Dichterin des blauen Klaviers. Vier Jahre
lang – bis er im Weltkrieg fällt – schicken
sich Franz Marc und Else Lasker-Schüler
Zauberzeichen und Traumbilder per Post

lse Lasker-Schüler ist elf Jahre

E älter als Franz Marc, der mit


Wassily Kandinsky Kopf der
Künstlervereinigung „Der Blaue Reiter“
„Wenn Dich Dein Milieu zu
ist und 1912 ihr Gedicht „Versöhnung“ sehr ärgert – besteige dieses
illustriert. Daraufhin beginnt die
damals 43-Jährige einen Briefwechsel, dunkle Ross und eile her “
in dem die Farbe Blau, der Mond, die
Sterne und Pferde die Zutaten einer
orientalischen Traumwelt sind, die den So verwundet bin ich, dass ich Franz Marc
Grausamkeiten der realen entgegenste - überall blute, und zum Zeitver - (1880–1916) Der expressio -
hen. Marc und seine Frau Maria gehen treib zähl ich meine Blutstropfen. nistische Maler ist berühmt für
auf das Spiel der Rollen ein: Der Blaue seine Tierbilder: „Wir werden
Reiter und seine Gemahlin Mareia FRANZ MARC am 8. Dezember 1912 aus nicht mehr den Wald oder das
schreiben an Prinz Jussuf von Theben. Berlin auf eine Karte, auf die er sich mit Pferd malen, wie sie uns gefal -
Pferd gemalt hat
len oder scheinen, sondern wie
ELSE LASKER-SCHÜLER am 9. November Der Blaue Reiter präsentiert Eurer sie wirklich sind, wie sich der
1912 aus Berlin Hoheit sein Blaues Pferd. Wald oder das Pferd selbst füh -
Wenn ich nach München komme len.“ Er fällt 1916 bei Verdun.
LASKER-SCHÜLER, 9. Dezember, Berlin
(ich bin Jussuf, der Prinz von
Theben), soll ich Franz Marc besu - Der blaue Reiter ist da – ein
chen? Die blauen Reiter schenken schöner Satz, fünf Worte – lauter
mir dann eine Stunde, und ich Sterne. (…) Ich denke nun wie FRANZ UND MARIA MARC am 1. oder
bringe Ihnen bunte Steine mit. die Mondscheibe, eingesunken,
mit gemalten blauen Pferden
(…) Ich hör immer: „Schreib doch alle meine Paläste starben, und
Franz Marc.“ (…) Immer muss ich meine Büffelherden und zotti - Wollen wir am Samstag zusammen -
weinen, und bald bin ich gar nicht kommen? Abends können wir leider
mehr fähig, Gedichte zu schreiben. nicht, aber sonst am Tage, wann Sie

70 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


Briefwechsel

FRANZ UND MARIA MARC am mich mit. (…) Und Hirte bin ich
April 1913 aus Penzberg, auf eine geworden und ließ mich stricken
Karte mit einem wilden Pferd
lehren von den ärmsten Hirten.
Liebe, das ist das Schlachtpferd Und ich stricke Dir, ich, der Kaiser
des Prinzen Jussuf – furchtbar! von Theben, Dir, mein viel wert
vollerer Bruderfürst, ein Tuch,
LASKER-SCHÜLER am 12. oder feldgrau mit den Farben Deines
13. April 1913 aus Berlin
zweiten Landes Bayern. (…) Ein
Meine Leute stürmen in den Tuch, das ist schon so lang und
Palast – mein neues Kriegspferd schleift, es gleitet hinter mir her
sehen – herrlich! Kaiserlich! Ich wie ein Bach um die Wiesen und
reite nur noch auf seinem Rücken. Rosenstöcke meines Gartens.

LASKER-SCHÜLER, 4. April 1915, Berlin


FRANZ UND MARIA MARC am 27. Mai
1913 aus Sindelsdorf, auf eine Karte mit Soll ich Dich besuchen? (…) Die
einem schwarzen Pferd
Erlaubnis bekomme ich sicher.

„Wie gern zög ich Dir nach


in den Krieg! Aber niemand
nimmt mich mit“

Else Lasker-Schüler Liebe Schwester, wenn Dich Dein (…) Dies blaue Tuch send ich
(1869–1945) Die Dichterin ist Milieu zu sehr ärgert, besteige dieses Dir, ich hab es tief in mein Herz
eine bunte Erscheinung, allein - dunkle Ross und eile her. getränkt; das war in den Augen
erziehend, alleinverdienend. Sie blicken wohl blau, meerblau.
LASKER-SCHÜLER, 30. Mai 1913, Berlin
stirbt in Jerusalem. Berühmtes -
LASKER-SCHÜLER, Januar 1916, Berlin
tes Werk: „Mein blaues Klavier“, Mein blauer Reiter, ein wilder,
das „steht im Dunkel der Keller - zottiger Kerl ist das neue Pracht Mein Weihnachtsbäumchen wirst
pferd. Ich hab’s aufs Maul geküsst. Du doch bekommen haben, nun
zerbrochen ist seine „Klaviatür“, send ich Dir einen blauen Teckel,
man weint um „die blaue Tote“. Franz Marc wird gleich zu Beginn des einen blauen Teckel, denk mal.
Weltkriegs eingezogen. Seine Briefe Der soll Dich immer begleiten, und
sind von da an nicht mehr überliefert. er wird zu Deinen blauen Pferden
passen. (…) Ihr aber seid selbst
wollen. Schreiben oder telefonieren LASKER-SCHÜLER am 22. August 1914 Mond und Sterne und Himmel, Ihr
aus München
Sie uns, ja? seid unsterblich, ich aber sterbe
Mein teuerster Halbbruder fortwährend und lebe wieder auf
LASKER-SCHÜLER am 3. Januar 1913 Ruben, lieber, guter, viellieber und bin müde vom Wechselspiel.
aus Berlin
blauer Reiter. Zweimal träumte (…) War nicht immer Krieg, Tot
Wie schön ist die Karte – ich ich hintereinander, wie Du wieder schlag. Heute werden die Körper
FOTOS: ULLSTEIN BILD, SZ PHOTO

aus dem Krieg kamst, mit blauer zerstückelt, vorgestern wurden


Rüstung aus Stahl. die Seelen erstochen.
lingsfarbe gewünscht. Fabelhaft
LASKER-SCHÜLER am 29. November Zitiert nach: Else Lasker-Schüler –
1914 aus Berlin Franz Marc: Eine Freundschaft in
Briefen und Bildern. Prestel Verlag, 2012.
Wie gern zöge ich Dir nach in Ausgewählt für P.M. HISTORY
den Sagen. den Krieg. (…) Niemand nimmt von Prof. Heike Gfrereis.

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 71


72 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017
Radikal
erfolgreich
Die Zisterzienser suchen Erfüllung fern von der Welt. Armut und Arbeit
sind ihr oberstes Gebot. Doch ausgerechnet das asketische Leben macht
den Orden reich : vom Aufstieg und Fall einer wirtschaftlichen Supermacht

Von Tanja Beuthien

r ist jung, charismatisch, eingerichtet, damit er sich während Mes sen zu feiern als je zuvor. Doch das

E at
trem überzeugend: Bernhard
bringt seine Brüder dazu, ihre
Arbeit aufzugeben. Er bewegt
seine Schwester dazu, ihren Mann zu
verlassen. Auch seine Freunde folgen
ihm geschlossen. Im Frühjahr 1113 ste
des Gebets erbrechen kann. Von ande
ren fordert er genauso viel wie von sich
selbst. Bernhard – scharfzüngig, geist
reich, kämpferisch – legt sich mit allen
an. Zuallererst mit den Mönchen des
nicht übermächtigen Klosters Cluny.
Projekt artet aus in Größenwahn.
Auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs
halten die Mönche rund um die Uhr
Messen ab – im Schichtbetrieb. Sie
schleusen Ströme von Pilgern durch

ehrung und Gebete fürs Seelenheil


hen sie vor dem Kloster Ci teaux, mitten ordens. Sie waren zwei Jahrhunder teuer bezahlen. Das viele Spendengeld
im Sumpf und in der Einöde Frank lockt die Mönche fort von der Askese,
reichs. Mehr als 30 Gefährten aus bes die Regeln des heiligen Benedikt streng verleitet sie zu einem immer ausschwei
ten Familien, zu allem entschlossen: auszulegen, arm zu leben und mehr fenderen Leben.
„Wir suchen den Himmel mit Gewalt
zu erobern“, lautet der Schlachtruf des
22 jährigen Bernhard. Sein kämpferi
scher Ton trifft den Geist der Zeit.
In Citeaux, südöstlich von Paris,
hatte sich kurz zuvor ein neuer Mönchs
orden gegründet. Dessen strenge Aske
FOTOS: LEGENDA AUREA (KEBLE MS 49, FOL 162R), IAM/AKG-IMAGES

se zieht Bernhard an – und schon bald


übertrifft er alle mit seiner Radikali
tät. Nach wenigen Monaten in Citeaux
ist sein schöner Körper ausgemergelt.
Der Sohn eines Ritters geißelt sich mit
Hungerkuren und unverträglicher Nah
rung. Sein Atem stinkt vom Fasten,
sein kranker Magen ist legendär, neben
seinem Sitz im Chor wird eine Mulde

LEHRER Bernhard SÄUFER Schon


von Clairvaux predigt im Mittelalter wird
radikale Askese – und das ausschweifende
löst damit eine völlig Leben einiger Mönche
neue Bewegung aus kritisch dargestellt

73
Zisterzienser

ORA ET LABORA Die Zisterzienser folgen den Ordensregeln des heiligen Benedikt: beten und arbeiten – und sonst gar nichts. In dieser
Darstellung bittet Bernhard von Clairvaux um eine erfolgreiche Ernte (Tafelbild von Jörg Breu dem Älteren, um 1500)

Schließlich erbauen die Benedik - Arbeit. Armut. Askese. Das Leben in der Pforte steht. Der Radikale sorgt für
tiner das größte Gotteshaus der Chris - Citeaux ist der bewusste Gegenentwurf Aufmerksamkeit. Von nun an kann sich
tenheit: 187 Meter lang, über 30 Meter zu dem im benachbarten Cluny. 1098 Harding vor Bewerbern kaum retten,
hoch, mit einem prächtigen Gewölbe von dem Benediktinermönch Robert Citeaux platzt aus allen Nähten. Nach
von zwölf Meter Durchmesser. Die Ab - von Molesme begründet, verstehen sich zwei Jahren entsendet er Bernhard mit
teikirche von Cluny ist ein steingewor - die „Zisterzienser“, wie sie sich nach ih - Verwandten und Freunden in das „hel -
denes, maßloses Monument der Macht. rem Gründungsort nennen, als Protest - le Tal“ („clara vallis“), um ein Tochter -
Bernhard verurteilt den Bau streng: bewegung, als Rebellen. Sie versuchen, kloster zu gründen, Bernhard wird Abt
„Ich übergehe die grenzenlose Höhe ebenso wie die Cluniazenser in ihrer von „Clair vaux“. Die Neugründung ist
der Bethäuser, ihre übermäßige Länge Anfangszeit, die Regeln des heiligen der Beginn eines Siegeszugs: Um 1150,
und unnötige Breite, den kostspieligen Benedikt streng zu interpretieren. Doch also noch zu Bernhards Lebzeiten, exis -
Glanz und die bis ins Kleinste ausgear - sie sind radikaler als alle zuvor: Von den 600
beiteten Abbildungen. Dies alles zieht 21 Mönchen überleben nur zehn die Mönchen, ein Jahrhundert später sind
den Blick der Betenden auf sich und ersten Jahre in der Wildnis. Mangeler - es etwa doppelt so viele.
hindert die Andacht. (…) Das aber frage nährung und harte Arbeit dezimieren Der Erfolg ist ohne Bernhard nicht
ich von Mönch zu Mönch, was ein Heide den Orden. zu denken, schreibt der Historiker
unter Heiden anklagend sagt: ‚Sagt mir, Georges Duby. Der rastlose Mönch hat
ihr Priester, was soll das Gold im Tem - rst unter der Führung des prag - allein über 70 Tochterklöster überall in
pel des Höchsten?‘“
Doch nicht nur die Bauweise, auch
die Lebensart der Mönche kritisiert er
E matischen Engländers Stephan
Harding blüht das Klosterleben
auf. Harding entschließt sich ab 1109,
Europa gegründet, zieht durch die Lan -
de, wirbt Novizen an und berät Geistli -
che. Durch seinen Einfluss schafft es der
scharf: „Was haben Wein, Weißbrot, nun doch großzügige Spenden und erste Zisterzienser auf den Thron Petri:
Ingwer, Salbei und Pfeffer auf dem Ländereien anzunehmen. Der wirt - Ein ehemaliger Schüler und Mönch in
Tisch des Refektoriums zu suchen? schaftliche Aufschwung beginnt. Geis - -
Wenn man arbeitet, anstatt zu faulen - tig gewinnt die Bewegung aber erst hards Einfluss auf Kirche und Krone ist
zen, gelten auch Gemüse und Grütze als richtig an Dynamik, als der charisma - -
Leckerbissen.“ tische Bernhard mit seiner Truppe vor hunderts wird auch „das Bernhardini -

74 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


sche Zeitalter“ genannt. Doch Bernhard
prägt nicht nur den Geist des Ordens,
sondern auch die Architektur. Die Kunst
der Zisterzienser „ist untrennbar mit ei
ner Ethik verbunden, die er verkörperte
und die er der Welt mit allen Mitteln
aufzwingen wollte, zuerst natürlich
den Mönchen seines Ordens“, schreibt
der Historiker Duby.
„Keine Tugend ist für uns alle wich
tiger als demütige Einfachheit“ – die

sischen Kloster Fontenay zu erleben,


einem Musterbeispiel der Zisterzien
serbaukunst. Der Kirchenraum aus
nacktem Sandstein ist beeindruckend
karg. Nichts sollte die Gedanken der

ken, kein Schmuck, kein Ornament.


Die Schlichtheit und Ausgewogenheit
sollen der inneren Harmonie der an
dächtigen Mönche entsprechen. Nur
Sonnenschein dringt verschwenderisch
FOTOS: INTERFOTO, ©LMZ-BW/STIFTUNG VON KLOSTER MAULBRONN, PR

durch die großen Fenster im Chor. Die


Kunst ist nur das Mittel, um den „blin EFFIZIENT Zisterzienser bauen die Klosterkirche in Maulbronn (Tafelbild, um 1450). Die
den Geist zum Licht emporsteigen zu Mönche führen neue Arbeitsstrukturen ein – und verändern nachhaltig die Wirtschaft

mönch soll sich „nicht an angenehmen


Schauspielen weiden“, sondern mit sei In Vézelay spricht Bernhard an
ner Seele „einen Strahl der göttlichen Ostern 1146 vor Tausenden von Men tut ihr, Diener des Kreuzes? Werdet ihr
Sonne“ wahrnehmen. schen. Die große romanische Kirche ist so das Heilige den Hunden und die Per
Im Gegensatz zur schlichten Bau zu klein, also klettert er unter freiem len den Säuen vorwerfen?“
Himmel auf ein Rednerpult. Die Men
ufernde Redekunst, mit der er weltliche ge ruft er auf, am Zweiten Kreuzzug ins ie Kleriker, Söldner, Ritter sind
und geistliche Herrscher für sich ein
nimmt. Der „Honigsüße“ wird er ge
nannt. Seine Worte sollen nicht mit dem
Heilige Land teilzunehmen: „Jetzt be
wirken es unsere Sünden, dass dort die
Feinde des Kreuzes ihr gottloses Haupt
D berauscht, sie toben, feuern
ihn an, sie schreien: „Gib uns
Kreuze!“ Bernhard verteilt vorbereitete
Verstand verarbeitet werden, sondern – erhoben haben und mit der Schärfe des Stoffkreuze in der Menge. Als alle auf
wie er sagt – „das Herz anrühren“. Schwertes das gesegnete Land verwüs gebraucht sind, zerreißt er seine Klei
der, um neue daraus zu machen. Ein un
heimlicher Aufruhr. Bernhards größter
Erfolg als Redner.
IM MUSEUM: Der einflussreichste und mächtigs
WEISSE MÖNCHE te Geistliche des 12. Jahrhunderts: ein
armer Zisterzien sermönch. In einem
Wer den mittelalterlichen Geist der Brief an einen Kartäuserkonvent klagt
Zisterzienser sucht, wer das Quiet - Bernhard: „Ich bin die Schimäre meines
schen der Ledersandalen auf dem Jahrhunderts geworden – nicht Priester,
Steinfußboden einmal hören will nicht Laie. Ich trage zwar noch das Ge
oder das Klappern der Holzschalen wand eines Mönchs, führe aber schon
auf dem Refektoriumstisch, der sollte längst nicht mehr dessen Leben.“ Und
- seinem Zögling Papst Eugen III. erteilt
zienser“ im LVR-LandesMuseum in er Ratschläge, die auch für ihn selbst
Bonn besuchen. Die Ausstellung läuft gelten könnten: „Es ist viel klüger, du
noch bis zum 28. Januar 2018. entziehst dich von Zeit zu Zeit deinen

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 75


Zisterzienser

Beschäftigungen, als dass sie dich zie


hen und dich nach und nach an einen
Punkt führen, an dem du nicht landen
willst. Du fragst, an welchen Punkt? An
den Punkt, wo das Herz anfängt, hart
zu werden. Frage nicht weiter, was da

schrickst, ist dein Herz schon so weit.“


In der kometenhaften Karriere des
Bernhard von Clairvaux und seiner
Widersprüchlichkeit spiegelt sich auch
der rasante Aufstieg des Zisterzienser
ordens. Denn ausgerechnet die hehren
Prinzipien von Arbeit, Askese und Ar
mut führen fast zwangsläufig zum wirt
schaftlichen Erfolg. Besitz und Einfluss
vermehren sich wie von allein. Aus der
genügsamen Selbstversorgungstruppe
wird nach und nach der größte Wirt
schaftskonzern des Mittelalters.

er Zisterzienserorden schafft

D im 12. Jahrhundert völlig neue


„Maßstäbe für effizientes Wirt
schaften“, schreibt der Ökonom Bern
hard Nagel. Die Mönche und die von
ihnen angeworbenen Laienbrüder, die
KÄMPFER 1146 ruft Bernhard von Clairvaux in Vézelay zur Verteidigung des Heiligen Konversen, erweisen sich als innova
Lands auf, er erteilt König Ludwig VII. von Frankreich das Oberkommando. Doch der
Zweite Kreuzzug (1147–1149) endet als Fiasko (Jean Colombe, 15. Jh.)
tiver als die normalen Bauern. Sie be
nutzen einen neuen, effektiveren Pflug,
setzen erstmals für die Feldarbeit Pfer
de statt Ochsen ein, züchten Schafe und
Kühe, betätigen sich als Imker, um Ho

FOTOS: CORBIS HISTORICAL/GETTY IMAGES, OLIVIER MARTEL/AKG-IMAGES, BRIDGEMAN IMAGES


nig und Bienenwachs zu erhalten, und
scheuen auch vor der harten Arbeit in
Bergwerken und Salinen nicht zurück.
Neben den Grangien, den Gutshö
fen auf dem Land, richten die Zister
zienser bald Stadthöfe ein, um Waren
direkt auf den Märkten zu vertreiben.
Ein einziger der zahlreichen Stadthöfe
von Clairvaux besitzt zur Blütezeit des
Klosters allein 3000 Schafe, in England
beherrscht der Orden den Wollhandel.
Wegen ihrer körperlichen Arbeit sind
die Zisterzienser zudem von Steuern
befreit – und verkaufen ihre Produkte
konkurrenzlos billig. Eine Regel des
heiligen Benedikt lautet: „Beim Festset
zen des Preises darf sich nicht das Las
ter der Habsucht einschleichen. Man
soll im Gegenteil immer etwas billiger
HÄNDLER Gewürze, Weizen, Honig, Wolle, Tuch: Die Zisterzienser bieten auf den verkaufen, als es Weltleute können.“
Marktplätzen wie hier in Bologna ihre Ware feil – billiger als die Konkurrenz. Bald Das sorgt für Monopolbildung –
kämpfen städtische Kaufleute gegen das Monopol des Ordens (ital. Schule, 14. Jh.) und für Unmut unter der Bevölkerung.

76 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


RÜCKBESINNUNG Heutzutage bilden die Zisterzienser nur noch eine kleine Gemeinschaft. Auf einer Wallfahrt 2011 beten die Mönche,
die traditionell eine weiße Kukulle tragen, in der ganz bewusst schmucklosen Abteikirche des Klosters Fontenay in Frankreich

Diese bekommt „die Mönche nämlich ten die Landwirtschaft. Sie beginnen, dig wachsenden Städten. Sie besuchen
nur dann zu Gesicht, wenn sie aus ihrer Kredite zu vergeben, die Landarbeiter Arme und Kranke und widmen ihre Zeit
Einsamkeit herauskamen, um Böden zu dann bei ihnen abarbeiten müssen. Sie der Fürsorge, nicht den Finanzen.
kaufen, die sie schon lange begehrten, bieten ihre Stadthöfe als Lagerhallen Die Französische Revolution läutet
oder um Geldgespräche auf den Märk - und Depots für wertvolle Besitztümer schließlich den Untergang ein: Solda -
ten zu führen“, schreibt Duby. an. Und bringen nicht mehr nur selbst ten vertreiben die letzten Mönche von
Die Konflikte mit den weltlichen gemachten Honig und Wein auf den Citeaux. 1791 transportieren sie Wert -
Bürgern häufen sich. 1297 sind allein städtischen Markt, sondern auch exoti - sachen und die Bibliothek ab, verkaufen
in Würzburg neun Zisterzienserabteien sche Gewürze und teure Stoffe. Im Jahr den Grundbesitz, zerschlagen die acht
mit Stadthöfen vertreten; als sich die 1220 urteilen Kölner Bürger über einige Glocken und reißen das Kloster ab.
Mönche – wie immer – weigern, Abga - Zisterziensermönche, die beraubt wor - Erst Ende des 19. Jahrhunderts gibt
ben für ihre Ware zu zahlen und damit den waren: „Recht ist ihnen geschehen. es eine Neubelebung durch die „Trap -
die Schuldenlast der Stadt zu senken, Sie sind habgierig, sie sind Kaufleute. pisten“, eine strenge Reformgruppe, die
stürmen erboste Bürger die Höfe, räu - Gott kann ihre Habsucht nicht dulden.“ wieder Arbeit und Askese innerhalb des
men die Lager leer und verkaufen Wein Ordens durchsetzt (und berühmt wird
und Getreide auf den Märkten. Der und 300 Jahre nach Bernhards für das Trappistenbier). Heute gibt es
Streit wird erst durch den Bischof bei
gelegt, die Mönche bleiben steuerfrei.
Auch um die innere Moral des Or
-

-
R Tod ist von Armut und Askese
nicht viel geblieben. Die Mönche
machen sogar Ausnahmen beim Essen.
weltweit 300 Zisterzien serklöster, mit

Mehr als 30 Mönche leben wieder in


dens ist es nicht mehr zum Besten be - Statt Grütze und Gemüse gibt es jetzt Citeaux. Wer Kontemplation sucht, ist
stellt. Der Zweite Kreuzzug, für den Weißbrot und Wein satt – wie einst in als Gast willkommen. Die Zisterzienser
Bernhard so sehr geworben hat, miss - Cluny. 1468 wird im Kloster Eberbach sind wieder zur Marke geworden – doch
lingt. Bernhard von Clairvaux stirbt am diesmal „verkaufen“ sie Einfachheit
20. August 1153 enttäuscht, verbittert der Großkonzern hat sich weit vom ge - und Stille an gestresste Manager. Ein -
und vollkommen erschöpft und aus - predigten Ideal verabschiedet. Und da - mal mehr macht ihr radikales Leben die
gezehrt von jahrelanger Askese – kurz bei die Zukunft verpasst. „weißen Mönche“ erfolgreich.
nach seinem Zögling Papst Eugen III. Denn die im 13. Jahrhundert ge -
Die „weißen Mönche“ – so benannt gründeten Bettelorden der Franziska -
Tanja Beuthien empfiehlt einen
nach ihrer Kleidung – entfernen sich in ner und Dominikaner laufen den Zister -
Blick auf: www.neustart.zister
der Folge immer weiter von ihren selbst ziensern den Rang ab. Sie leben nicht zienserkloster-neuzelle.de.
gewählten Prinzipien. Sie ziehen sich fernab der Zivilisation in riesigen Klos - Dort, in Brandenburg, ziehen
von der harten Arbeit zurück, verpach - teranlagen, sondern direkt in den stän - gerade wieder Mönche ein.

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 77


78 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017
Der Krimi um die
Steinzeit-Killer
Ein uraltes Massengrab in einem früheren Waldgebiet mitten
in Deutschland. Eine Sonderkommission aus Archäologen und
Anthropologen. Und ein furchtbarer Verdacht …

Von Michael Kneissler

er Weg zum Tatort führt - Bauern der deutschen Geschichte, rode -

D hinaus aus dem Städtchen


Herxheim in der Pfalz, ein
paar Kilometer in Rich -
tung Landau. Am Kreis -
verkehr im Gewerbegebiet West lie gen
links ein Möbelhaus und Dekra-Werk -
stätten, rechts ein Raiffeisen-Markt.
lungen. Erst jetzt arbeiten die Forscher
am vorläufigen Abschlussbericht – dem
Protokoll eines grauenvollen Blutbads,
mitten in Deutschland.
Der Tatzeitpunkt liegt lange zurück.
Vor etwa 7000 Jahren, in der Jungstein
zeit, lebten ungefähr 100 Menschen in
-
ten Wald, säten Emmer, Einkorn, Erb
sen, Linsen und Lein und hielten sich
Schafe, Ziegen, Schweine und Rinder.
Viele Bandkeramiker waren begab
te Handwerker. Ihre Langhäuser waren
aus massiven Eichenstämmen konstru
iert, ihre Werkzeuge und Waffen mit
-

Und unter der Erde die sterblichen mehreren großen Langhäusern auf dem messerscharfen Feuersteinen als Klin -
vier Hektar großen Gelände. Sie werden
Frauen, Männer, Kinder, Babys. Alle - Bandkeramiker genannt, weil sie zu ei - sie dicke, kleine Figürchen aus Ton, die
FOTO: IMAGO/GUSTAVO ALABISO

samt wurden sie wie Schlachttiere ge - ner großen Kultur gehörten, die Ton - Frauen oder Männer darstellten.
tötet, zerlegt und entfleischt. gefäße mit eingeritzten Bandmotiven Das Klima war wärmer als heute, auf
Das Massengrab wurde 1996 bei schmückten. Die Bandkeramiker wa - ihren Äckern gedieh das Getreide, nie -
den Erdarbeiten für das Gewerbege - ren über Ungarn aus dem Nahen Osten
- eingewandert und lebten seit ein paar dafür lebten viel zu wenige Menschen
logen das Gelände durchsiebt und im - Jahrhunderten in den fruchtbaren Nie - in Mitteleuropa. Das alles wussten die
mer neue Fundstücke zutage gefördert. derungen Europas. Sie waren die ersten Altertumsforscher schon aus ihren

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 79


bisherigen Ausgrabungen. Die Band -
keramiker gelten als gut untersucht.
Aber dann, ungefähr im Jahr
-
was, das alles veränderte. Noch weiß
niemand genau, was dieses Ereignis
war, aber es erschütterte die Kultur
der Bandkeramiker, wie sie nie zuvor
-
re später war diese gesamte Bevölke -
rungsgruppe so plötzlich von der Bild -
fläche verschwunden, wie sie 600 Jahre
zuvor in Mitteleuropa aufgetaucht war.
In Herxheim bietet sich den For -
schern zum ersten Mal ein Einblick in
die dramatischen Geschehnisse jener
Zeit. Was sie finden, ist ebenso faszinie -
rend wie furchterregend. Die Fakten:

In einer elipsenförmigen Doppel -


reihe von bis zu vier Meter tiefen
Gräben rund um das Steinzeitdorf
wurden die zerfetzten Skelette Hun -
derter Menschen entdeckt.
Sie waren in Tausende von klei -

wurden fast 80 000 Knochenfrag -


mente sichergestellt, obwohl bis -

FOTO VORHERIGE SEITE: IMAGO; FOTOS DIESE SEITE: GDKE RHEINLAND-PFALZ/DDP IMAGES (2), GDKE RHEINLAND-PFALZ
lang erst gut die Hälfte der Fund -
stätte untersucht ist.
In den Gräben lagen mehr als
-
trennten schalenförmigen Oberteile
menschlicher Schädel. Messerspu -
ren zeigen, dass diese Menschen
skalpiert wurden.
Die Langknochen der Opfer waren
in kleine Teile zerschlagen, Unter -
kiefer teils in zwei Hälften gespal -
ten, Rippen systematisch zerstört.
Unter die Menschenknochen ge -
mischt waren die Scherben wert -
voller Keramiken, zerschlagene
Feuersteine, zerstörte Mahlsteine,
zerbrochene Werkzeuge und Waf -
fen, außerdem Tierknochen.

So etwas hatte es bisher noch nie ge -


geben. Die Archäologen waren über -
wältigt – und überfordert. Klar war,
dass diese vielen Menschen nicht eines
natürlichen Todes gestorben waren. So
viele Leichen gab die kleine Steinzeit -
siedlung im Leben nicht her. Aber was
war hier dann passiert?

80 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


Steinzeit-Morde

Die erste Hypothese der Wis -


senschaftler war: Krieg. Eine große Die Keramikchronologie zeigt: Die
Schlacht. Ein brutaler Kampf mit vie - Tötungen fanden in einem Zeitraum
len Opfern. Aber schnell stellte sich von etwa 50 Jahren statt – zwischen
heraus: Das kann nicht stimmen. Die 5000 und 4950 v. Chr., vermutlich
gefun denen Schädel zeigten keine töd - aber erst gegen Ende dieses Zeit -
fensters – und wahrscheinlich wur -
Axt attacken in der Steinzeit üblich wa - den mehrfach 100 oder mehr Opfer
ren. Es gab keine einzige Pfeilspitze in auf einen Schlag getötet. Denkbar
den Fundkonzentrationen. Und warum ist aber auch, dass es nur ein einzi -
waren alle Knochen zerkleinert? ges großes Massaker gab.
Die zweite Vermutung klang Die Opfer waren keine normalen
- Bandkeramiker. Sie kamen nicht aus
lung könnte das Ergebnis einer rituel - den Tälern, sondern von den Bergen,
len Umbettung von Leichen sein, wie vermutlich aus den Vogesen, aus
bei bestimmten Indianerstämmen in dem Harz, aus dem Schwarzwald
Amerika. Aus ganz Mitteleuropa wären oder aus dem Taunus. Das ergab
demnach Prozessionen mit verwesen -
den Körpern nach Herxheim gezogen, der die Einlagerung von Strontium
um sie dort final zu zerstückeln und zur BESTATTUNG Wie Abfall entsorgt sind die in Backenzähnen gemessen wird.
letzten Ruhe zu betten. Aber dann zeig - meisten Toten in Herxheim (links). Würdige Da raus kann man Rückschlüsse auf
te sich anhand von Messer- und Axtspu - Hocker-Begräbnisse gab es nur selten (o.) die Art der Böden ziehen, auf denen
ren auf den Knochen, dass die Leichen die Menschen aufgewachsen sind.
frisch waren, als sie zerlegt wurden. DNA-Untersuchungen bewiesen al -
An alten Knochen exhumierter Leichen men: zwei Millionen Euro (der Großteil lerdings, dass die Fremden aus den
hätten diese Spuren anders ausgesehen. kam von der Deutschen Forschungs - Bergen genetisch mit den Talbewoh -
Die Sache blieb also mysteriös. gemeinschaft) und eine internationale nern verwandt waren. Sie hatten
Sonderkommission von Spezialisten, also gemeinsame Vorfahren.
nfang 2003 übernahm die Ar - darunter Paläoan thropologen, Archäo - Die Keramikscherben kamen aus

A chäologin Andrea Zeeb-Lanz von


der Generaldirektion „Kulturel
les Erbe Rheinland-Pfalz“ die Ermitt
-
-
zoologen und -botaniker, DNA-Exper -
ten und Fachleute für die C-14-Me -
thode zur Bestimmung des Alters der
verschiedenen Gegenden Mitteleu
ropas, von Frankreich bis Böhmen.
Das ist an den je typischen Verzie
-

-
lungen. Ihr war schnell klar, dass dieser Funde und für die Strontium- Isotopen- rungen der Gefäße zu erkennen.
Fall a) etwas ganz Großes war und b) Methode zur Bestimmung der Herkunft Außerdem handelte es sich nicht um
mit den üblichen Methoden nicht gelöst der Opfer. Diese Spezialisten kamen Gebrauchsware, sondern um Prunk -
werden konnte. Sie brauchte Geld, viel von Forschungseinrichtungen in Frank - stücke von höchster Qualität.
Geld. Und die besten Experten der Welt. reich, in der Schweiz, auf den Philippi -
Zwei Jahre später hatte sie alles beisam - nen, in den USA. Auch viele deutsche Am dramatischsten aber war die Analy -
Universitäten beteiligten sich an den se der Knochen durch den Spezialisten
Untersuchungen. Bruno Boulestin von der Universität
Inzwischen gibt es ein erstes Bild Bordeaux, ein Paläoanthropologe, der
der schrecklichen Ereignisse in grauer darauf spezialisiert ist, mit modernsten
Vorzeit. Die neuen Erkenntnisse: Methoden der Gerichtsmedizin jahrtau -
sendealte Skelette zu untersuchen. Die
Knochen aus Herxheim waren zwar in
zentimetergroße Bruchstücke zerhackt,
aber Boulestin entlockte ihnen dennoch
eine Reihe von Geheimnissen.
Die Opfer wurden nicht erschlagen
oder (mit Pfeil und Bogen) erschos -
BANDKERAMIK sen. Nirgends gab es entsprechende
Ein steinzeitliches Prunkge -
Verletzungen am Skelett. Sie wurden
fäß, gefunden im Herxheimer
Massengrab. Die Schraffur - vielleicht geschächtet, erstochen, stran -
guliert oder ertränkt. Danach wur -
das Rhein-Main-Gebiet den die Leichen wie im Schlachthaus

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 81


Steinzeit-Morde

entfleischt. Arme und Beine wurden


mit scharfen Feuersteinmessern vom
Rumpf getrennt, die markhaltigen
Großgelenke abgeschlagen, Wirbelsäu -
len mit einer speziellen Schnitttechnik
herausgelöst, Schädel entfernt und ge -
öffnet. Zuletzt befreiten die Fleischhau -
er von Herxheim alle Schlachtstücke
fein säuberlich von Fleisch und Gewe -
beresten. Selbst die Augäpfel wurden
aus dem Kopf geschält. Es gibt Hin -
weise darauf, dass einige der Knochen
roh entfleischt wurden, andere zeigen
Röstspuren, als hätten sie auf dem Grill
gelegen. Ein erster Hinweis auf ein bi -
zarres Ritual. Ein zweiter Hinweis sind
die Zehen- und Fingerknöchelchen, die
abgenagt und zerkaut waren wie Hüh -
nerbeine. Für Boulestin war bald klar:
Hier handelt es sich um rituellen Kan -
nibalismus. Auch Zeeb-Lanz sagt: „Alle
genannten Merkmale können als Hin - FUNDORT Heute liegt die alte
weise auf eine Verspeisung der getöte - Kultstätte zwischen Straßen – ein
Wunder, dass sie erhalten blieb
ten Opfer gedeutet werden.“ sen. Es gab keine Brüche und Löcher,
wie sie nach Steinzeit-Prügeleien üblich
s sieht ganz danach aus, als sei waren. Es muss etwas anderes gewesen

E Herxheim zu diesem Zeitpunkt


nicht mehr bewohnt und nur
noch als makabrer Schauplatz blutiger
sein.
Etwas Schreckliches.
Andrea Zeeb-Lanz ist sicher, dass
das Blutbad von Herxheim ein Ritual
Hunderte von Gefangenen wurden als war, etwa um Götter zu besänftigen.
Menschen opfer getötet und systema - Nur für die Götter waren die Menschen
tisch zerlegt. Möglicherweise war das -
menschliche Fleisch Teil einer rituellen treiben. Die Schlachtorgien waren per -
Mahlzeit, bei der auch die wertvolle fekt orchestriert, wie eine Wallfahrt
Keramik und hochwertige Steingeräte nach Lourdes – nur dass dort die Men -
zum Einsatz kamen. Am Ende wurden schen geheilt statt getötet werden.
die Knochen, aber auch alle Gerät - Allerdings gibt es keine Hinweise
schaften zerschmettert und wie Müll auf den exakten Ablauf des Rituals. Wie
entsorgt. „Das waren keine rituellen kamen die Opfer nach Herxheim? Und
Bestattungen“, sagt Zeeb-Lanz, „das warum? Wer tötete sie? Wie war die Ze -
waren Aufräumarbeiten wie nach einer remonie? „Es gibt viele Gedankenspie -
Party, bei der es Scherben gegeben hat. ENTFLEISCHUNG Spuren von le“, sagt Zeeb-Lanz.
Hier wurden Reste in Gräben entsorgt Silexmessern finden sich an Lang - Eine Variante ist diese: Zur Zeit der
knochen (oben) und Unterkiefern:
und dann mit Erde zugeschüttet.“ Morde war Herxheim ein überregiona -
Indizien für Kannibalismus
- les Heiligtum von großer Bedeutung,
lichen Bandkeramik- Bauern das getan? SCHÄDELSCHALE Sauber vom daran bestehen kaum Zweifel. Ver -
Warum wurden sie plötzlich zu Kanni - Gesicht abgetrennt hat man fast mutlich gab es einen einflussreichen
balen? Eine Hungersnot kann es nicht allen Opfern die Schädelkalotte Priester oder eine Gruppe davon. Die
gewesen sein, dafür waren alle Beteilig - Bandkeramiker strömten aus ganz Eu -
ten zu wohlgenährt (auch das kann man ropa dorthin. Auch das ist ziemlich si -
an Knochen erkennen). Eine Schlacht cher, weil die Keramikfunde aufgrund
zwischen rivalisierenden Steinzeitdör - ihrer Muster eindeutig regional zuge -
fern war es ebenfalls nicht. Das hatten ordnet werden können. Manche Grup -
die Untersuchungen der Schädel bewie - pen marschierten über 400 Kilometer

82 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


HEIM UND HOF So stellen Forscher sich
die Hütten der Bandkeramiker vor. Wie
viele Menschen darin lebten, ist ungewiss

durch die Urwälder und Sumpfland - zogen und lebten dort als eine Art Stein - geln nicht mehr? Beschwor ein charis -
schaften Deutschlands, um den Wall - zeit-Hippies und Räuber. Wenn sie der matischer Sektenführer neue Götter?
fahrtsort zu erreichen – eine gefährli - Hunger plagte, kamen sie ins Tal und Hatten die Menschen Angst, dass ihnen
nahmen sich, was ihnen fehlte. der Himmel auf den Kopf fällt? Glaub -
- Irgendwann nach 5000 v. Chr. ten sie, die Welt nur noch mit dem größ -
töpferte Gefäße, die besten Feuersteine schlugen die Bandkeramiker zurück. ten aller Tabus retten zu können: Mas -
der bandkeramischen Welt aus Bayern Hatten sie die Nase voll von den stän - senmord und Kannibalismus?
FOTOS: LUFTBILD ULRICH KIESOW/MICHAEL VOSELEK/ARCHAEOFLUG, REKONSTRUKTION ROLAND SEIDEL,

und Belgien, wertvolle Werkzeuge und digen Belästigungen durch die Bergbe - Wenn ja, hat es nichts genützt.
prächtigen Schmuck. Am wichtigsten wohner? Oder war es doch ein Befehl Kurz nach dem Blutbad von Herxheim
verschwand die Kultur der Bandkera -

Warum wurden friedliche Bildfläche. Ihre Muster auf den Ton -


-
Bauern zu Massenmördern und
Art Embryo- Position zu bestatten – Ver -
Menschenfressern? Ein Rätsel gangenheit. Nun lagen die Leichen in
Rückenlage im Grab. Warum? Auch das
waren aber Gefangene, deren Blut ver - der Götter? Jetzt jedenfalls jagten sie bleibt ein Rätsel.
mutlich die Götter besänftigen sollte. die Leute aus den Bergen, fingen sie ein, „Wir haben viele Hypothesen, was
„Natürlich hätten sie auch ihre ei - fesselten sie – und schafften sie in ihr damals passiert sein könnte“, sagt
genen Söhne und Töchter opfern kön - Heiligtum. Freiwillig werden die Opfer Andrea Zeeb-Lanz, „wir haben für ei -
nen“, sagt Andrea Zeeb-Lanz. „Aber nicht zur Schlachtbank getrottet sein. niges sogar gute Indizien. Aber was
ARCHAEOFLUG, GDKE RHEINLAND-PFALZ (3)

die Bandkeramiker waren pragmati - Aber was hatte die Menschen und wirklich los war, werden wir nie ent -
sche Menschen.“ Warum sollte man Fa - Götter so erzürnt? „Niemand weiß es, schlüsseln. Dazu müsste man mit den
milienangehörige abschlachten, wenn darauf gibt es keine Hinweise“, sagt Menschen selbst sprechen können.“
es doch in den Bergen diese lästigen Zeeb-Lanz. „Die einzige Erklärung Aber die sind alle tot.
Fremden gab? wäre ein gesellschaftlicher Umbruch.“
Ab hier wird es spekulativ: Einst hat - Eine Situation, die extreme Furcht
Michael Kneissler war als
ten die Opfer der Herxheimer Bauern und unsagbaren Schrecken im Land der
Krimifan gleich fasziniert, als er
zur selben Sippe gehört, das belegen die Bandkeramiker verbreitete. War es eine von dem ungeklärten Fall hör -
DNA-Tests. Aber schon vor Generatio - Revolution der Jungen gegen die Alten? te. Noch mehr begeisterte ihn
nen waren sie offenbar ins Gebirge ge - Galten plötzlich die überkommenen Re - aber die Arbeit der Forscher.

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 83


Zeitmaschine

1919
Donnernde Schlacht
Sie waren die besten Reporter der Geschichte. Diesmal im Originalton:
Victor Klemperer über die Niederschlagung der Münchner Räterepublik

Im November 1918 bricht das Kaiserreich den, die befreienden Truppen würden häufiger als Soldaten waren Zivilisten
zusammen, an seine Stelle tritt die Wei - in wenigen Stunden kampflos einrü anzutreffen, denen man den Studenten,
marer Republik. Doch die Kommunisten cken. Da, um elf Uhr etwa, erhebt sich auch den gewesenen Offizier teils am
wollen einen sozialistischen Staat: Im ein Knattern in der Ludwigstraße, und Gesicht, teils an den tadellosen hohen
April 1919 rufen sie in München eine Rä - unter meinem Fenster in der benach Ledergamaschen anmerkte. Sie hatten
terepublik aus. Regierungstruppen und barten Schelling straße rennen verängs einfach ein Taschentuch um den Arm
Freikorps schlagen den Aufstand nieder, tigte Menschen vorbei. Gleich darauf geschlungen, eine Flinte um die Schul
sie erobern München am 2. Mai zurück. wird ein ahnungslos heranradelnder ter gehängt. Bisweilen lugte auch ein
Die Anführer der Kommunisten werden roter Gardist vom Rad gezerrt, ein alter Revolver aus der Manteltasche oder lag
verhaftet oder ermordet. schussbereit in der Hand. Um wenige
Bewaffnete scharte sich meist ein Zug
Unbewaffneter, junger und alter Leute,
er beglückte Jubel hat sich ge Victor man sah auch Arbeiter unter den Bür

D gen Abend gelegt und will heute


nicht mehr recht aufkommen,
obwohl noch immer Tausende von Ta
Klemperer
(1881–1960) Der
gerlichen. Und jeder dieser Züge führte
ein weiß blaues Fähnchen, und wo die
Leute vorbeikamen, erschienen jubeln
schentüchern den ständig einrücken Romanist jüdischer de Gesichter in den Fenstern, Taschen
den Truppen zuwehen; denn seit dem Herkunft überlebte tücher wehten, Fahnen, weiß blaue,
Nachmittag und die ganze Nacht hin die Verfolgung durch die Nazis. Mit nicht rote!, wurden herausgesteckt, es
durch und nun den Freitag über, vom seinen Tagebüchern wurde er ein war wie nach einem großen Siege, es
Gefecht zur Schlacht anwachsend, tobt wichtiger Chronist der Weimarer war wie ein friedliches Volksfest. (…)
ununterbrochen der bitterste Kampf, Republik und des Dritten Reichs. Aber den Gipfelpunkt erreichte das
und beinahe pausenlos schüttern die Fest am Siegestor und vor der benach
Einschläge der Minen und Granaten barten Universität, die von der Straße
und übertönen das wilde Rasseln der tronentaschen fortgerissen, ein junger durch ein breites Halbrund getrennt
Maschinengewehre und den Knall der Mann zieht ihm das Gewehr über den liegt. Preußische Truppen zogen hier
Schüsse. Es fließt sehr viel Blut in der Kopf, nimmt ihm den ebenfalls patro ein und nahmen in der Universität
inneren Stadt, wo die Spartakisten mit nengespickten Shawl fort, haut ihm die selber momentanes Quartier. Auf das
Verzweiflung standhalten, da sie ja von Mütze herunter und lässt den Verdutz Siegestor waren Männer, Frauen und
Ergebung nun wohl nichts mehr zu er ten stehen. Das war der Anfang der „Ge Kinder geklettert, winkten, schwenk
warten haben. genrevolution“ hier. (…) ten eine Fahne, kauerten malerisch auf
Am Morgen des 1. Mai sah es Der vor meinem Fenster entwaff dem Löwengespann. Und unten im Tor
nete rote Gardist war der letzte Mann,
der Stadt München selber der Straßen den ich mit roter Armbinde gesehen rund, in dem Wagen und ein erobertes
kampf erspart bleiben. (…) Es hieß al habe; von jetzt an traf ich nur noch Sol Geschütz aufgefahren waren, drängten
daten mit weißen Binden, vielfach aus sich die Menschen und plauderten mit
nachts von Preußen genommen wor Verbandstoff rasch umgesteckt. Aber den Soldaten und schenkten ihnen Zi

84 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


AM STACHUS
Nach der Einnah -
me Münchens
durch Reichswehr
und Freikorps
ziehen Soldaten
durch die Straßen
(Mai 1919)

garetten und konnten des Fragens und General von Möhl, preußische unter Truppen mit Minenwerfern, Geschüt -
Erzählens nicht satt werden. Und aus Oberstleutnant Oven eingezogen seien, zen, Fouragewagen, Feldküchen durch
der Menge hörte man immer wieder: nur um die Ordnung wiederherzustel - die Ludwigstraße, bisweilen mit Musik,
„Preußen san’s freili, aber unsere Be - len, und worin zugleich das Standrecht und am Siegestor hält eine Sanitätsko -
freier san’s auch“, und von den Posten und die Bereitstellung von Zügen mit lonne, und in alle Straßen verteilen sich
erzählte einer, Potsdamer Totenkopf - Lebensmitteln und Kohlen angezeigt starke Patrouillen und Abteilungen ver -
husar mit vielen Orden, Stahlhelm auf war, tönten immer stärkere Detonatio - schiedener Waffen, und an allen Ecken,
und geschenkte Zigarette hinterm Ohr, nen in immer rascherer Folge herüber. wo man gedeckt ist und doch Ausblick
in unverfälschtem Berliner Dialekt, dat Ich machte später noch einen Orien - hat, drängt sich das Publikum, häufig
sie alle Freiwillige seien und den Kla - tierungsgang in der Richtung auf den das Opernglas in der Hand. Wenn ein
Mann mit der „Post“ erscheint, gibt es
Stoßen bis zur Prügelei um die immer
„Preußen san’s freili, zu wenigen Exemplare. Ich habe noch
keines erhalten können.
aber unsere Befreier san’s auch!“ Und wenn sich einer verdächtig
macht – er hat ein Spartakusbuch! oder
der will noch Mitleid haben mit die Ro -
mauk schon von Berlin und anderwärts Stachus zu. Überall Menschenhaufen, ten, na mein Lieber, dös gibt’s jetzt nim -
her kennten, und dass alte Männer die zurückprallten, wenn das Heulen mer! –, gleich ist man mit Tätlichkeiten
unter ihnen seien, Förster mit grauen und Krachen gar zu nahe kam, um später oder Denunziationen bei der nächsten
FOTOS: HEINRICH HOFFMANN/BPK, BILDARCHIV PISAREK/AKG-IMAGES, PR

Bärten bis an den Bauch, aber Mensch, wieder die Nasen vorzustrecken, einige Patrouille zur Hand, und bei den ener -
die jehn ran! (Woas hat er g’sagt?), und Beherzte oder irgendwie Gezwungene, gischsten Patrioten möchte man fast
dass sie vor zwei Tagen aus Berlin ge - die weiter vordrangen, ein schwarzer drauf schwören, dass sie gestern noch
kommen seien, und bei Schleißheim Rauch über der Bahnhofs gegend. (…) statt der weißen oder weiß-blauen Bin -
hätten die Spartakisten ihre Sänge je - Heute bis in den späten Nachmit - de die rote trugen. Und dann gibt es
kriejt, und da stamme auch die Haubit - tag hinein, wo ich diese Zeilen schrei - eine Verhaftung, und alles Interesse
ze her, und hier in München sei’s viel be, tobt buchstäblich eine donnernde lenkt sich auf dies Intermezzo – bis zum
schöner, als sie jegloobt hätten, nich ein Schlacht. Ein ganzes Fliegergeschwa - nächsten dröhnenden Einschlag, der
bisschen feindlich bejejne ihnen die Be - der kreuzt über München, das Feuer dann wieder an die Schlacht erinnert.
lenkend, selber beschossen, Leuchtku -
Noch war München durchaus nicht geln abwerfend; bald ferner, bald nä -
erobert, in der inneren Stadt saßen her, aber immerfort krachen Minen und Entnommen aus:
Victor Klemperer
die Kommunisten. Während ein fro - Granaten, dass die Häuser beben, ein Man möchte immer weinen
her Menschenstrom die Ludwigstraße Sturzregen aus Maschinengewehren und lachen in einem.
durchflutete und mit vieler Genugtuung folgt den Einschlägen, Infanteriefeuer Revolutionstagebuch 1919
© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG,
den Anschlag der Regierung Hoffmann knattert dazwischen. Und dabei mar - Berlin 2015,
las, wonach bayrische Truppen unter schieren, fahren, reiten immer neue 263 Seiten, 19,95 Euro

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 85


DOMUS AUREA
(LANDGUT DES NERO)

AUGUSTUS- UND
CÄSARFORUM

CIRCUS FLORA

AUGUSTEISCHES
PANTHEON

GÄRTEN
DES LUCULLUS

TIBER

Der Wandel der


STADTANSICHT
67 N. CHR.
So hat Rom wohl aus
der Luft ausgesehen
Ewigen
Stadt
zu Zeiten von Kaiser
Nero (er regierte
54–68). Noch fehlt
das markante Kolos -
seum– es wurde erst
von 72–80 errichtet

86
CIRCUS MAXIMUS EMPORIUM
(HAFEN)

KAPITOL

STADTTEIL
TRANS TIBERIM

THEATER DES
POMPEIUS

THERMEN
DES AGRIPPA

Postkarten aus dem alten Rom: CIRCUS GAI


ET NERONIS
Die bislang aufwendigsten und
detailliertesten 3-D- Simulationen
zeigen die Metropole in drei
verschiedenenEpochen
Von Thomas Röbke

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 87


Aufstieg und Fall
Zur Zeit Kaiser Neros ist das Forum
Romanum das Schaufenster einer
Weltmacht (großes Bild). Doch zu
Beginn der Renaissance ist vom Glanz
wenig übrig geblieben (kleines Bild):
Das Forum dient als Viehweide und
Steinbruch. Erst mit dem Bau des
FORUM ROMANUM 1510 n. Chr.
Petersdoms ab 1506 gewinnt Rom
wieder an Bedeutung und Pracht.

KOLOSS DES NERO

HAUS DER
VESTALINNEN
UND TEMPEL
TEMPEL DES DER VESTA
VERGÖTTLICHTEN
JULIUS CÄSAR

BASILICA AEMILIA

FICUS, OLEA, VITIS


(GARTENANLAGE)

88 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


Rom

FORUM ROMANUM 67 n. Chr.

TEMPEL DES CASTOR


UND POLLUX

BASILICA IULIA

ACTIUMBOGEN

ROSTRA AUGUSTI
(TRIBÜNE)

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 89


MONTE GINESTRO KAPITOL

JANICULUM
(HÜGEL)

CIRCUS GAI ET NERONIS 67 n. Chr.

KOLOSSEUM 445 n. Chr.

90 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


Rom
MONTE CAVO

VATIKANISCHER
OBELISK

Brot und Spiele


Monumentale Ausmaße von 300 bis lieferung im Jahr 64 oder 67 den es Amphitheatrum Flavium, nach
Märtyrertod gestorben sein, angeblich der Herrscherfamilie der Flavier.
Breite soll der Circus Gai et Neroni wurde er mit dem Kopf nach unten Später setzte sich der Name Kolos -
gehabt haben. Seinen Name hat gekreuzigt. Über seinem vermuteten seum durch – nach einer bronzenen
Plinius überliefert: Gaius ist der ei - Grab wurde die erste Petersbasilika Kolossstatue, die auf dem Vorplatz
gentliche Name von Kaiser Caligula, errichtet und später der Petersdom. stand. Die nach Art des Koloss von
der hier als Erster Spiele veranstal - Der Vatikanische Obelisk, der heute Rhodos gefertigte und mit 35 Metern
tete. Nero wiederum vollendete die den Petersplatz ziert, stand auch genauso hohe Figur zeigte ursprüng -
Anlage, die wohl nur bis ins 2. Jahr - schon in der Antike: Caligula ließ ihn lich Nero; nach dessen Tod wurde sie
hundert genutzt wurde. Dass auch mit einem Spezialtransportschiff aus in den Sonnengott Sol umgewandelt
der zwischenzeitliche Kaiser Claudius Alexandria holen. Der Legende nach und vor das Amphitheater versetzt.
zu den Stiftern gehört, wird in dieser soll die bronzene Kugel an seiner Spit - Mit seinem System aus unterirdischen
Bezeichnung unterschlagen. ze eine goldene Urne mit der Asche Gängen, den unzähligen Falltüren und
Der alternative Name verrät den Julius Cäsars enthalten haben. Raubtierkäfigen sowie der Möglich -
Standort: Circus Vaticanus, also auf Das zwischen 72 und 80 errichte - keit, die Arena zu fluten, setzte das
dem Vatikanischen Hügel. Hier soll te Kolosseum (Bild links) war fast Kolosseum im Vergleich zum Circus
der Apostel Petrus nach der Über - völlig neue technische Maßstäbe.

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 91


TEMPEL DES JUPITER OPTIMUS
MAXIMUS CAPITOLINUS

TEMPEL DER OPIS TEMPEL DES FIDES

KAPITOL 67 n. Chr.

ann so etwas gelingen? Eine bestimmt wurde. Im Schnitt waren Veränderungen durch den Bau der ers -

K Stadt, einen jahrtausendeal


ten Mythos zu rekonstruie
ren? Zumal wenn man ohne
Fotografien und Luftaufnah
men arbeiten muss, weil es die natur
gemäß weder vor 2000 noch vor 1500
-
-

-
-
zehn Mitarbeiter sechs Monate lang
damit beschäftigt, Rom dreimal wie -
derauferstehen zu lassen: im 1., 5. und

Neros, dann mit den städtebaulichen


ten großen christlichen Kirchen und in
der Renaissance, als Rom unter Papst

46 000 Wohnhäuser veranschaulichen


die gewaltige Ausdehnung, die Rom in
der Spätantike erfuhr.

ALLE 3-D-SIMULATIONEN: ©CURT-ENGELHORN-STIFTUNG/FABER COURTIAL


oder 500 Jahren gab? Es kann gelingen, Groß ist aber auch der Kontrast zur
und es ist gelungen – die Bilder auf die - Ansicht der Tiber-Stadt zu Beginn des
sen Seiten beweisen das. Doch der tech - 16. Jahrhunderts. Rom war längst keine
nische Aufwand dafür ist enorm. Weltmacht mehr, die Routen der Händ -
Das Darmstädter Animationsbüro ler führten woanders lang. Dass die
Faber Courtial ist einer der führen - Päpste im 14. Jahrhundert eine Zeit lang
- in Avignon residiert hatten, beschädig -
tische Rekonstruktionen. Für die ak - te das Image nachhaltig. Die Stadt war
tuelle Sonderausstellung „Die Päpste mehr oder weniger verfallen; zwischen
und die Einheit der lateinischen Welt“ den Ruinen des einst so prächtigen Fo -
in den Mannheimer Reiss-Engelhorn- rum Romanum – inzwischen ein Stein -
Museen hat die Firma drei kurze Filme BIS ZUM 31. OKTOBER zeigen bruch – weidete das Vieh.
produziert. Sie dokumentieren auf dem die Reiss-Engelhorn-Museen Einer Legende ist es zu verdanken,
Mannheim die Ausstellung
neuesten Stand der Forschung, wie dass Rom aus Ruinen auferstand. Sie
„Die Päpste und die Einheit der
das Schicksal Roms von der Entwick - lateinischen Welt“ mit mehr besagt, dass der Apostel Petrus hier
lung des Christentums im Allgemei - als 300 Kunstschätzen und gestorben und begraben worden sein
nen und des Papsttums im Besonderen aufwendigen 3-D-Filmen. soll. Seit dem 2. Jahrhundert verehren

92 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


Rom

TEMPEL DER JUNO MONETA

TABULARIUM
TEMPEL DES
JUPITER TONANS

CONCORDIA-TEMPEL

Christen seine angebliche Grabstätte,


Kaiser Konstantin ließ um 324 über ihr
die Kirche Alt St. Peter erbauen.
Es war Papst Julius II., der nicht
MONTE COMPATRI
nur das Christentum, sondern auch
Rom bis heute prägte. Er befand, dass
KAPITOL

Stellen einsturzgefährdet – ihm keine


würdige Grabstätte bieten könnte und
verfügte an ihrer Stelle einen Neubau.
Am 18. Juli 1506 legte er den Grund -
stein für den Petersdom. Gewaltig und
PONS AURELIUS prachtvoll wurde dieser 1626 vollendet,
sein Altar steht über dem vermuteten
Petrusgrab. Mit dem Petersdom in ih -
PONS AGRIPPAE rer Mitte erlebte die Stadt einen neuen
Aufschwung und zählte wieder zu den
Weltmetropolen.
TIBER-HAFEN
AM MARSFELD
Thomas Röbke hätte Lust auf
eine Reise ins alte Rom. Aber
TIBER 67 n. Chr. weil dort weder Tomaten noch
Kaffee bekannt waren, wäre er
zum Mittagessen gern zurück.

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 93


Rätsel
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15

16 17 18

FRAGEN ZUR 19 20 21 22

Geschichte 23 24 25

26 27 28 29 30 31 32

Das Lösungswort 33 34 35 36 37
ergibt sich aus den
Buchstaben in den 38 39 40 41 42 43 44
gelben Feldern – in
45 46 47 48
richtiger Reihenfolge
geordnet. Unter den
49 50 51 52 53 54
Einsendern des Lö -
sungsworts verlost 55 56 57 58
P.M. HISTORY ein
Samsung Galaxy 59 60 61 62 63
Tab A 7.0 WiFi
64 65 66 67 68 69 70

71 72 73 74 75 76 77
WAAGERECHT: 1 Altisländ. Prosawerk 5 Schweiz.
Kurort im Tessin 11 Hafenstadt in Bulgarien 78 79 80 81
16 Russ. Ostseebad (Selenogradsk) 17 Islam.
Bulgare 18 Provinz und Stadt in NW-Spanien 19 82 85 87
83 84 86
Amerik. Astronom † 1938 20 Letzter Inka-Herr -
scher: … Amaru 21 Kroatische Insel 22 Arabisch:
Sohn 23 Ital. Geistlicher 24 Ugs.: heran 25 Frü - 88 89 90 91 92 93 94
here Überseebesitzung 26 Griech. Käsesorte 28
Stadt in Nordmarokko 31 Halbinsel der Danziger 95 96 97 98 99 100 101 102
Bucht (dt. Name) 33 Salzgebäck 34 Windrichtung
36 Stadt in Weißrussland 38 Stadt in Kalabrien
(Italien) 41 Warenverzeichnisse 45 Wolga-Zufluss 103 104 105 106
47 Maya-Forscher (Teobert) † 1917 48 Griech.
Kriegsgott 49 Stadt in Südperu 50 Ital.: Stimme 107 108
52 Fassverschluss 53 Nichtmetall. Grundstoff 55
Ital. Männername 56 Poet.: Hafen 58 Von der
Kirche verehrte Frau 59 Runder Griff 60 Früherer 109 110 111
dt. Rallyefahrer (Walter) 63 Ehem. österr. Adelige
64 Hauptstadt von Ghana 66 Antike Maya-Stadt
in Guatemala 69 Grundmodell 71 Seemannsruf SOFORT-
73 Staat in Südamerika 75 Scheues Waldtier 76 GEWINN
Geflügelkrankheit 78 Fruchtform 80 Fest, haltbar Lösungswort Teilnahme BEI
81 Laubbaum 82 Zauberwort 85 Gebäudeteil 87
Sie haben zwei Möglichkeiten,
ANRUF!
Fluss und Stadt am Weißen Meer 88 Fehlerhafter
Hohlraum in Gussstücken 90 Ein Erdteil 93 Ind. das Lösungswort an P.M. zu übermitteln:
Gott des Feuers 95 Adlerstein 97 Vater Davids
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94 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


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Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe zu kürzen. P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 95
Vorschau

FOTOS: SZ PHOTO (2), AKG-IMAGES, ULLSTEIN BILD (2),


ALFRED SEILAND, IAM/AKG-IMAGES
TITELTHEMA

Der Spanische
Bürgerkrieg
Im Juli 1936 beginnt ein Konflikt am Rand von Europa, der den großen
Weltkrieg vorwegnimmt: Faschisten unter General Francisco Franco
(rechts) kämpfen gegen Republikaner und Sozialisten. Unterstützt
wird der Militär von deutschen Nationalsozialisten. Adolf Hitler schickt
Soldaten und Flugzeuge. Die Legion Condor legt Guernica in Schutt
und Asche (oben). Ein Kriegsverbrechen, dem viele folgen werden.

96 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


Impressum

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Alfred Seiland fotografiert historische Orte – in ihrer heutigen Tristesse.
Seine Bilder, in denen Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen, Anmerkung zu den Bild nach weisen:
irritieren und hinterfragen so unseren Umgang mit unserer Geschichte. Wir haben uns bemüht, sämtliche Inhaber der Bildrechte zu
ermitteln. Sollte dem Verlag gegen über dennoch nach gewiesen
werden, dass eine Rechtsinhaberschaft besteht, entrichten wir
das branchenübliche Honorar nachträglich.

DAS NÄCHSTE HEFT ERSCHEINT AM ISSN 2510-0661

P.M. HISTORY – OKTOBER 2017 97


Sprengsatz

Was die Leute gemeiniglich das

Schicksal
nennen, sind meistens
Arthur Schopenhauer nur ihre eigenen dummen
(1788–1860)

Streiche
„Das deutsche erade einmal 16 Jahre alt ist „ES GIBT KEIN
Schicksal:
vor einem Schalter
G Arthur Schopenhauer, als sein
Lieblingslehrer 1804 wegen
sechsfachen Mordes hingerichtet wird.
SCHICKSAL,
WELCHES
zu stehn. Das Ein Jahr später stürzt sich sein depressi NICHT DURCH
ver Vater vom Dach. Schopenhauer deu
deutsche Ideal: tet diese Schicksalsschläge als Zeichen: VERACHTUNG
hinter einem Die Welt sei das Werk „eines Teufels, ÜBERWUNDEN
Schalter zu sitzen.“ der Geschöpfe ins Daseyn gerufen, um WERDEN KANN.“
am Anblick ihrer Quaal sich zu weiden“.
Kurt Tucholsky (1890–1935), Albert Camus (1913–1960),
deutscher Satiriker Der junge Schopenhauer will die französischer Philosoph
Ursache des menschlichen Leidens er
gründen und bricht seine Kaufmanns
„Das Schicksal setzt lehre ab, um Kant und Platon zu stu
„SCHICKSAL
dieren. Als Privatgelehrter entwickelt
den Hobel an und er über die Jahre eine pessimistische DES MENSCHEN,
hobelt alles gleich.“ Philosophie: Ihr zufolge ist die Welt ein WIE GLEICHST
Ferdinand Raimund (1790–1836), irrationaler Ort, den niemand je umfas
österreichischer Theaterautor send verstehen kann. Aushalten lasse DU DEM WIND!“
sich das von Not und Verzweiflung ge Johann Wolfgang von Goethe
(1749–1832), deutscher Dichter
prägte Leben nur, wenn man sich von
„Wir werden Illusionen über Vollkommenheit und
eher durch das Glück verabschiede.
Schicksal als durch „Das Schicksal
unsere Vernunft penhauer mit diesen düsteren Gedan hält es immer
ken anfangs kaum: Der Einzelgänger
gebessert.“ findet unter seinen Kollegen wenig Be
mit den Kühnen.“
Philippe Destouches (1680–1754),
François de La Rochefoucauld, achtung. Die Erstauflage seines Haupt französischer Theaterregisseur
(1613–1680), französischer Adliger werks „Die Welt als Wille und Vorstel
lung“ liegt noch nach 30 Jahren im
Handel – erst nach seinem Tod 1860
„Das Schicksal ist wird Schopenhauer weltberühmt.
„Keine Berechnung
erfinderischer kann das Schicksal
FOTO: IMAGO

als der Mensch.“ besiegen.“


Karl Emil Franzos (1848–1904), Ovid (43 v. Chr.–17 n. Chr.),
österreichischer Publizist römischer Dichter

98 P.M. HISTORY – OKTOBER 2017


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