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10c PGW/Bo Europa Datum:

Soll die Türkei Mitglied der EU werden?

M1 EU-Beitrittskandidat Türkei

[…]Für die Türkei spielen neben politischen Gründen auch wirtschaftliche Aspekte eine
große Rolle, warum sie der EU beitreten möchte: Förderungen der EU könnten die
Modernisierung der Wirtschaft, besonders der Landwirtschaft, vorantreiben. Die Öffnung des
europäischen Marktes würde ein enormer Entwicklungsmotor sein. Zudem hoffen religiöse
und ethnische Minderheiten aber auch politische Oppositionelle auf gesellschaftliche
Veränderungen sowie auf mehr Rede- und Pressefreiheit und politische Teilhabe.

Der Eintritt der Türkei in die Europäische Union ist an politische und wirtschaftliche
Bedingungen geknüpft: Laut den 1993 in Kopenhagen formulierten Kriterien muss die Türkei
wie alle Beitrittskandidaten eine stabile demokratische und rechtsstaatliche Ordnung
aufweisen und die Menschenrechte sowie den Schutz von Minderheiten wahren. Zudem
braucht sie eine funktionierende Marktwirtschaft, die dem Wettbewerbsdruck in der EU
standhalten kann. Weiterhin ist die Türkei verpflichtet, alle EU-Richtlinien und das EU-Recht
(Acquis Communautaire*) in nationales Recht umzusetzen. Die Beitrittskandidaten müssen
sich zudem alle Ziele der politischen Union sowie der Wirtschafts- und Währungsunion zu
eigen machen.[…]

Wie gut der jährliche Fortschrittsbericht für den EU-Kandidaten Türkei auch ausfallen mag,
ein Beitritt des Landes sorgt in der Europäischen Union nach wie vor für heftige Debatten.
Kritiker eines Beitritts argumentieren etwa, Europa ende rein geografisch am Bosporus und
ein muslimisch-geprägtes Land könne nicht die historisch und kulturell tradierten
Wertevorstellungen der christlich geprägten EU teilen. Zudem müssten erhebliche finanzielle
Maßnahmen der EU getroffen werden, um die türkische Wirtschaft und besonders
Landwirtschaft auf europäisches Niveau zu bringen. Nicht zuletzt verweisen Skeptiker auf die
rund 72 Millionen Einwohner des Landes, welche die Türkei zu einem der größten
Mitgliedsländer der EU machen würde.

Die Befürworter eines türkischen EU-Beitritts unterstreichen dagegen, dass Europa durch die
kulturelle und ethnische Vielfalt der Türkei nur profitieren könne, zumal in der EU schon jetzt
viele Muslime lebten. Zudem stellen Befürworter eines Beitritts die geostrategische Rolle der
Türkei heraus, als Vermittler in Nah-Ost, im Südkaukasus oder als Bindeglied zwischen
Orient und Okzident.[…]

*Acquis communautaire

[frz. "gemeinsamer Besitzstand"], umfasst alle Rechte und Pflichten, die für alle
Mitgliedstaaten der EU verbindlich sind. Dazu gehören zum einen der EU- und der EG-
Vertrag (Primärrecht), zum anderen die Verordnungen, Richtlinien, Entscheidungen und
Empfehlungen, die von den Organen der EU (Europäische Kommission, Rat der
Europäischen Union und Europäisches Parlament (EP)) erlassen werden (Sekundärrecht)
sowie die Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs(EuGH).

Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung (https://www.bpb.de/politik/hintergrund-


aktuell/69242/eu-beitrittskandidat-tuerkei-10-12-2009, Zugriff am 29.03.2020.)
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M2 Wahlen in der Türkei: Was das neue Präsidialsystem für Veränderungen bringt

Die türkischen Wählerinnen und Wähler haben in einem Referendum im April 2017 mit einer
knappen Mehrheit zugestimmt, die Verfassung zu verändern. Die Türkei wird damit zu einem
Präsidialsystem. Damit ändert sich das politische System in einer ganzen Reihe
wichtiger Punkte.

Der Präsident darf Parteimitglied sein

Recep Tayyip Erdoğan war, um Staatspräsident sein zu können, aus der von ihm gegründeten
AKP ausgetreten - Präsidenten müssen allen Parteien gegenüber neutral sein, zumindest
formal. Das hat sich durch das Referendum geändert. Schon Anfang Mai 2017 ist Erdoğan
wieder in die Partei eingetreten, bald danach wurde er wieder Vorsitzender der AKP.

Einfluss auf die Justiz

Der nächste Präsident wird größeren Einfluss auf die Justiz nehmen können. So soll er vier
der 13 Mitglieder des "Rates der Richter und Staatsanwälte" bestimmen können, der etwa
Richter und Staatsanwälte beruft. Über die übrigen Mitglieder bestimmt das Parlament. Da
ein Präsident mutmaßlich auch Parteichef der Regierungspartei sein wird, dürfte sein Einfluss
auch hier groß sein. Mitglieder des Rates sind auch der Justizminister und sein Staatssekretär,
die der Präsident bestimmt. Darüber hinaus ernennt er zwölf der 15 Verfassungsrichter. Die
Militärgerichte wurden bereits abgeschafft.

Der Präsident als Regierungschef

In Zukunft wird es keinen Ministerpräsidenten als Regierungschef mehr geben - die Aufgabe
übernimmt der Präsident. Er ernennt die Minister, hochrangige Staatsbeamte und die
Vizepräsidenten, das Parlament hat hier kein Mitspracherecht. Außerdem kann der Präsident
im Bereich der Exekutive Dekrete mit Gesetzeskraft erlassen, für die keine Zustimmung des
Parlaments mehr notwendig ist. Nur wenn das Parlament zu den entsprechenden Bereichen
Gesetze verabschiedet, werden die Dekrete unwirksam.

Regieren mit Notstandsdekreten

Seit dem Putschversuch im Juli 2016 hat das Parlament den Ausnahmezustand in der Türkei
immer wieder verlängert - er gilt noch immer. Präsident Erdoğan kann aufgrund der
Notstandsgesetze weitgehend mit Dekreten regieren. Die Grundrechte sind eingeschränkt.
Nun sollen Notstandsdekrete des Präsidenten ihre Gültigkeit verlieren, wenn das Parlament
nicht innerhalb von drei Monaten darüber debattiert und sie gebilligt hat. Wenn die Partei des
Präsidenten oder eine hinter ihm stehende Koalition die Parlamentsmehrheit hat, wird diese
Einschränkung der präsidialen Macht aber wenig Wirksamkeit haben.
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Ausrufen von Neuwahlen

Der Präsident kann das Parlament auflösen und Neuwahlen ausrufen. Ebenso kann das
Parlament dies tun, wenn eine Dreifünftel-Mehrheit dafür stimmt. Die Neuwahlen betreffen
jeweils Parlament und Präsident zugleich - auch der Präsident muss sich also dann selbst auch
wieder zur Wahl stellen.

Die Zahl der Abgeordneten wird von jetzt 550 auf 600 erhöht. Parlamentarische Anfragen
müssen in schriftlicher Form an die Vizepräsidenten und Minister gestellt werden.

Theoretisch sind nun vier Amtszeiten Erdoğans denkbar

Der Präsident darf nur für zwei Amtszeiten gewählt werden, allerdings kann er, sollte das
Parlament in seiner zweiten Amtszeit Neuwahlen beschließen, erneut antreten - und so auf
drei Amtszeiten kommen. Sollte Erdoğan jetzt erneut Präsident werden und bei der nächsten
Wahl ebenfalls siegen, könnte er dann theoretisch sogar auf vier Amtszeiten kommen. Denn
seine nächste, eigentlich zweite Amtszeit wird aufrgund der Verfassungsänderung als
erste gezählt.

Eine weitere Neuerung ist, dass gegen den Präsidenten weiterhin wegen Hochverrats
vermittelt werden kann, aber auch wegen anderer Straftaten - wenn eine Zweidrittelmehrheit
im Parlament die Justiz anweist, entsprechende Untersuchungen vorzunehmen.

Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 22. Juni 2018,


(https://www.sueddeutsche.de/politik/wahlen-in-der-tuerkei-was-das-neue-praesidialsystem-
fuer-veraenderungen-bringt-1.4023748, letzter Zugriff am 29.03.2020.)
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M3 Warum das Wachstum der türkischen Wirtschaft kein Grund zur Freude ist

[…]Erfolgsmeldungen tun gut, das weiß die türkische Regierung ebenso gut wie die deutsche
Bundesregierung. Nun hat der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan die Gelegenheit
dazu: Die türkische Wirtschaft ist im dritten Quartal gewachsen, und zwar um 0,9 Prozent im
Vergleich zum Vorjahreszeitraum, dem letzten Quartal mit positivem Wirtschaftswachstum.
Das teilte das türkische Statistikamt Tüik am Montag mit.

Es gibt aber einen Grund dafür, dass weder Erdogan noch sein Finanzminister Berat Albayrak
die Zahlen besonders gewürdigt haben. Denn jeder weiß: Die größten Probleme sind noch
lange nicht behoben. Erdogan muss deutlich wichtigere Baustellen angehen, um wirklich
einen Erfolg verkünden zu können.

Die Türkei hat seit 2004 zehn Jahre lang Wachstumsraten von durchschnittlich fünf Prozent
pro Jahr verkündet. Der „anatolische Tiger“ profitierte lange von weltweit günstigen Krediten,
einer geopolitisch ruhigen Zeit im Mittleren Osten und einer Aufbruchstimmung im eigenen
Land, für die Präsident Erdogan persönlich verantwortlich zeichnen darf.

Er ist aber auch zum Teil verantwortlich für die Probleme, mit denen das Land nun kämpfen
muss. Der abrupte Wertverlust der Lira geht zum Großteil auf ein diplomatisches Gerangel
zwischen Erdogan und US-Präsident Donald Trump vor gut einem Jahr zurück. Und im
eigenen Land schürt der Staatschef derzeit lieber nationalistische Gefühle, anstatt das zu
propagieren, was die Buchstaben in der von ihm gegründeten AK-Partei eigentlich bedeuten:
Gerechtigkeit und Fortschritt.

So zeigt sich auch an der Aufteilung nach Sektoren, dass das Wachstum eher durch Zufall
entstanden ist: Der Großteil kommt nämlich aus der Landwirtschaft. Die Agrarbranche ist
chronisch ineffizient in der Türkei, was nicht zuletzt auch an unvorhersehbaren
Wettereignissen und starken Währungsschwankungen liegt. Dieses Jahr waren die Ernten gut
– so gut, dass türkische Kirschen in Deutschland häufig sogar die heimischen Früchte
verdrängten.

Schwache Lira hilft Exporten

Die Industrie wuchs um 1,6 Prozent. Das ist beachtenswert, dürfte allerdings eher an der
schwachen Lira liegen, die immer noch die Exporte befeuert. Im Dienstleistungssektor beträgt
das Wachstum 0,6 Prozent – zu wenig für eine Volkswirtschaft, die in die weltweite Topliga
aufsteigen möchte.

Auch die drastischen Zinssenkungen der Zentralbank haben das Wachstum befeuert. Binnen
sechs Monaten senkte Notenbankchef Murat Uysal den Leitzins um insgesamt zehn
Prozentpunkte. Ein Schritt in die richtige Richtung.

Aber das reicht nicht, um langfristig Vertrauen zurückzuerlangen. Viele Investoren haben ihr
Geld aus der Türkei abgezogen, andere wie der Volkswagen-Konzern ihre teils
milliardenschweren Investments auf Eis gelegt. Landesverteidigung hin oder her: Wenn die
Türkei wirklich wirtschaftlich vorankommen will, muss die Führung in der Hauptstadt
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mögliche Auswirkungen auf die Wirtschaft künftig häufiger bei ihren politischen
Entscheidungen berücksichtigen.

Stattdessen konzentrieren sich Erdogan und seine Minister auf kleine und kurzfristige Ziele:
billigere Kredite für Haushalte und Unternehmen, je eine Extrawoche Schulferien im Frühjahr
und im Herbst sowie eine Kommission zum Mindestlohn. Das ist Symbolpolitik, mehr nicht.

Auch die Banken trauen den Zahlen offenbar nicht ganz. Ihre Zinsen für Haushalts- oder
Firmenkredite sind nicht so stark gefallen, wie die Leitzinsen der Zentralbank gesunken sind.
Genau das hatte sich die Führung in Ankara allerdings erhofft. Da aber bereits in den
vergangenen Monaten die Zahlungsausfälle gestiegen waren, bleiben die Banker lieber
vorsichtig.

Kein Wunder, haben doch immer mehr Türken keinen Job oder müssen fürchten, bald
entlassen zu werden. Allein in den vergangenen Monaten sind eine Million Arbeitslose
hinzugekommen. Nur ein Bruchteil der jungen Menschen, die aus der Ausbildung in den
Arbeitsmarkt eintreten, erhält eine Beschäftigung. Konzerne wie die Fluggesellschaft Atlas
oder der Modekonzern Sarar kämpfen gegen die Zahlungsunfähigkeit.[…]

Quelle: Handelsblatt vom 02.12.19


(https://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/nachrichten/analyse-warum-das-wachstum-
der-tuerkischen-wirtschaft-kein-grund-zur-freude-ist/25292104.html?ticket=ST-1464582-
ygKSYhmTHOlVi2MQ9yMo-ap5, letzter Zugriff am 29.03.20.)
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M4 Türkei: Arbeitslosenquote von 1980 bis 2018 und Prognosen bis 2024

Quelle: Statista
(https://de.statista.com/statistik/daten/studie/17330/umfrage/arbeitslosenquote-in-der-tuerkei/,
letzter Zugriff am 29.03.2020.)
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M5 Türkei: Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf in jeweiligen Preisen von 1980 bis
2018 und Prognosen bis 2024 (in US-Dollar)

Quelle: Statista
(https://de.statista.com/statistik/daten/studie/14452/umfrage/bruttoinlandsprodukt-pro-kopf-
in-der-tuerkei/, letzter Zugriff am 29.03.2020.)
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Politische Kriterien Wirtschaftliche Kriterien

Arbeitsauftrag:

1. Werte die vorliegenden Materialien unter Berücksichtigung der Fragestellung (Soll die

Türkei Mitglied der EU werden?) aus.

2. Nimm abschließend zu der Frage (Soll die Türkei Mitglied der EU werden?) Stellung.