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Notizen zur schweizerischen Kulturgeschichte

Lorenz Oken und seine Naturphilosophie


Von
BERNHARD MILT, Zürich

(Mit 2 Abbildungen im Text)

Am 11. August dieses Jahres liess die Na- stattlichen Reihe von Pionieren der Natur-
turforschende Gesellschaft von Zürich oben wissenschaft und Medizin; von der Natur-
am Pfannenstiel, am sogenannten Okenstein, philosophie her kam IGNAZ DÖLLINGER Z ), der
einen Kranz niederlegen, zum ehrenden Ge- Würzburger Anatom und einstige Lehrer
dächtnis an den hundertsten Todestag des OKEN's, einer der wesentlichsten Begründer
umstrittenen Mannes und ersten Rektors der der Entwicklungslehre, JOHANN LUKAS
Universität. Nach achtzehnjähriger glänzen- SCHÖNLEIN"), der Schöpfer der modernen
der Dozententätigkeit in unserer Stadt starb Klinik und einstige jugendliche Verehrer
er, ohne auch nur einen Schüler zurückzu- OKEN's, JOHANNES MüLLER4 ), der Vater der
lassen, scheinbar ohne eigentliche Resonanz. modernen Physiologie und manch anderer.
So ziemlich allgemein dürfte damals die An- In der naturphilosophischen Einstellung
sicht verbreitet gewesen sein, dass ein Gest- ihrer Jugend- und Anfangsjahre nur eine
riger gestorben sei, ein Mann, der sich Verirrung zu erblicken, ihre allfällig nie ganz
lange überlebt habe, dem der Anschluss an abgestreiften Eierschalen nachsichtig mit
die neue Zeit missglückt, der Schritt von der ihren gültigen positiven Leistungen zu ent-
Naturphilosophie zur Naturwissenschaft schuldigen und für unerheblich zu erklären,
misslungen seil). entspricht offensichtlich keiner genügenden
Heute, nach hundert Jahren, muss man zu- Einsicht. Man fragt sich erneut, ob diese als
nächst einmal feststellen, dass keine seiner fragwürdig empfundene Naturphilosophie
damaligen Kollegen, mochten sie auch in für diese Männer mehr gewesen sei, als ein
ihrem speziellen Fachgebiet noch so Hervor- jugendlicher Irrweg, welche Bedeutung sie
ragendes geleistet und zu den Koryphäen für ihre weitere Entwicklung gehabt habe.
ihrer Wissenschaft gehört haben, geistesge- Die hier in Betracht kommende Form der
schichtlich eine auch nur annähernd so be- Naturphilosophie hatte ihren bedeutendsten
deutende Stellung einnehmen wie OKEN, des- Vertreter in FRIEDRICH WILHELM JOSEPH
sen Name aus keiner deutschen Philosophie- SCHELLING 5 ) gefunden und war eine beson-
geschichte wegzudenken ist und auch in der dere Ausdrucksform der Philosophie des
Geschichte der Naturwissenschaften einen deutschen Idealismus. In ihrer idealistischen
bleibenden Platz errungen hat. Die Fragen, Allbezogenheit berührte sie sich mit be-
die den schon zu Lebzeiten Überholten be- stimmten Auffassungen der Romantiker, wie
schäftigt haben, müssen heute teilweise wie- sich ja auch SCHELLING in seinen späteren
der neu überdacht werden. Die historische Entwicklungsphasen mehr und mehr zu
Bewertung oder Entwertung der Naturphilo- einem ihrer Vertreter entwickelte. Gleich-
sophie ist irgendwie fragwürdig geworden, wohl wird man die wenigsten wahren Na-
nicht in dem Sinn, dass man sich ihre In- turforscher unter ihren frühen Anhängern
halte wieder zu eigen machen wollte, wohl als Romantiker bezeichnen können, da ihnen
aber in jenem andern, der nach der tatsäch- alle subjektivistischen und ästhetisierenden
lichen Bedeutung der Naturphilosophie für Tendenzen abgingen. Für sie bedeutete Na-
den weitern Gang der Naturwissenschaft, turphilosophie zunächst einmal ganz einfach
nach ihrer historischen Mission fragt. Diese die geistige Voraussetzung und erkenntnis-
Besinnung ist um so dringlicher, als es sich theoretische Grundlage, aus der heraus sie
hier um eine Frage handelt, die in ihrer Be- naturwissenschaftliche Forschung betrieben.
deutung weit über das Problem OKEN hin- Ohne philosophische Voraussetzung, ohne
ausreicht und nur in grösseren Zusammen- Grundlagenbestimmung kann auf die Dauer
hängen eine genügende Antwort finden keine Naturwissenschaft existieren. Das Be-
kann. Die gleiche Frage stellt sich bei einer dürfnis nach einer solchen Grundlagenbe-
182 Vierteljahrsschrift der Naturf. Gesellschaft in Zürich 1951

stimmung ist nicht immer im selben Aus- philosophische Spekulationen erinnert, sei-
mass vorhanden und kann zeitweise völlig nen tierischen Magnetismus und das System
in den Hintergrund treten, um sich, vor der Wechselwirkungen. Nicht die anfäng-
allem nach neuartigen naturwissenschaft- lich verwendeten Mineralmagneten mit
lichen Erfahrungen, stärker zu melden und ihren angeblich günstigen therapeutischen
zu Auseinandersetzungen zu zwingen. Wer Wirkungen, die Spekulationen bestimmten
immer Naturwissenschaft treibt, wird eine seine spätere Methode, die zu eigentümlichen
gewisse Denkmethode anwenden müssen, Erfahrungen führte. Ihre fragwürdige Inter-
und diese wird stets von neuem auf ihre pretation durch MESMER bewirkte, dass sich
Tauglichkeit geprüft werden müssen. Jeder eine stattliche Schar bedeutender Gelehrter
naturwissenschaftlichen Forschung liegt näher mit diesen Erscheinungen beschäftigte
auch eine mehr oder weniger bestimmte und und noch zu Lebzeiten des Meisters auf-
nicht immer gleichbleibende Betrachtungs- schlussreiche Werke über das Wesen der
weise zu Grunde, welche die Forschungs- Sympathie oder Suggestion verfasste. Dass
richtung weitgehend bestimmt; denn was ein gerader Weg von den durch ihn hervor-
nicht in den Lichtkegel des jeweiligen Blick- gerufenen magnetischen Krisen zum Som-
feldes gelangt, wird kaum Gegenstand der nambulismus, von diesem zum Hypnotis-
Erforschung werden können. Und schliess- mus und schliesslich zur Psychoanalyse und
lich kommt kein Naturwissenschafter ohne zur modernen Psychotherapie geführt hat,
eine Summe von vorstellungsmässigen Vor- ist heute allgemein bekannt. Dabei war auch
aussetzungen aus, die nicht aus der Erfah- die Theorie des tierischen Magnetismus
rung stammen können, weil sie an sich nicht nichts als eine Anticipatio naturae und ihre
erfahrbar sind. So ist das Verhältnis der erkenntnistheoretische Ablehnung durch
Naturphilosophie zur Naturwissenschaft das- die meisten Zeitgenossen vollkommen in
selbe wie das Verhältnis der allgemeinen Ordnung. Ihre Unwahrscheinlichkeit führte
Pathologie zur speziellen Pathologie. Grund- zu neuen Möglichkeiten, die schliesslich
lage jeder Naturwissenschaft und jeder Me- Wirklichkeit wurden. Auf jeden Fall ist dar-
dizin bildet die Erfahrung; aber aus Em- an festzuhalten, dass eine Naturphilosophie
pirie allein entsteht keine Naturwissenschaft nicht allein nach ihrer erkenntnistheoreti-
und keine Medizin. Ziel jeder Naturwissen- schen, sondern ebensosehr nach ihrer funk-
schaft ist eine Interpretatio naturae; eine tionellen Bedeutung für Wissenschaft und
Naturphilosophie, die ihre Aufgabe der Geistesleben zu beurteilen ist.
Grundlagenbestimmung überschreitet und Was OKEN anbelangt, so unterschied er
spekulativ über Gegebenheiten Aussagen genau zwischen Naturphilosophie und Na-
macht, welche sich nur in der Erfahrung als turwissenschaft'); er betätigte sich auf bei-
zutreffend oder unzutreffend erweisen könn- den Gebieten. MESMER wäre tief beleidigt
ten, wird zu einer Anticipatio naturae. Ge- gewesen, wenn man seine Theorie der Wech-
rade diesen Vorwurf machte und macht man selwirkungen als Naturphilosophie und nicht
der romantischen Naturphilosophie; man be- als eine durch die Erfahrung bestätigte Wis-
schuldigt sie, sich an Stelle der Naturwissen- senschaft aufgefasst hätte. OKEN aber wollte
schaft selber gesetzt, Möglichkeiten des Gei- der Naturphilosoph Deutschlands sein; ihn
stes, menschliche Denkkonstruktionen für interessierten die Voraussetzungen einer
Gegebenheiten der Natur erklärt zu haben. umfassenden Naturwissenschaft womöglich
Die Wertlosigkeit einer solchen «missleite- noch mehr als diese selber, aber freilich
ten» Naturphilosophie scheint klar zu Tag nicht so sehr aus philosophisch-erkenntnis-
zu liegen und keiner weitern Worte zu be- theoretischen Gründen, sondern im Inter-
dürfen. Eine Schwierigkeit besteht aber esse der Naturwissenschaft selber. Viele
doch. Die Geschichte hat mehrfach gezeigt, teilten damals diese Vorliebe mit ihm 8 ); aber
dass auch eine Anticipatio naturae unter kaum einen haben solche Probleme so an-
Umständen fruchtbar werden kann, zur For- haltend und intensiv beschäftigt wie gerade
schungshypothese wird und zu bedeutenden ihn. Eine Neubesinnung auf die Grundlagen
Ergebnissen führt. Schliesslich können ja einer Naturwissenschaft war zu jener Zeit
auch objektiv unrichtige Arbeitshypothesen sicher ein als dringlich empfundenes Be-
für die Forschung fruchtbar werden. Es sei dürfnis. Grosse enzyklopädische Werke na-
hier nur an FRANZ ANTON MESMER's°) natur- turwissenschaftlichen Inhaltes waren schon
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im 18. Jahrhundert entstanden, und diese lebenden Organismus. Die Erklärungsweise


umfassenden Darstellungen verlangten eine der mathematischen Physik schien dem or-
neue systematische Durcharbeitung des ganischen Leben immer weniger gerecht
Stoffes. In der Medizin wurden immer neue werden zu können; der Gegensatz zwischen
nosologische Systeme erdacht und in der biologischer und mechanisch physikalischer
Regel ebenso schnell wieder verlassen, wie Naturbetrachtung wurde deutlicher bewusst.
sie gekommen waren. Die biologischen Wis- In der Betrachtung der organischen Natur
senschaften erlebten einen ungeheuren Auf- verlor der mathematische Gedanke an Ge-
schwung, und das Tatsachenmaterial schwoll wicht, und die einzelnen Lebenserscheinun-
mächtig an; auch hier drängten sich syste- gen wurden nicht wie physikalische in erster
matische Probleme in den Vordergrund. Linie nach ihrer kausalen Seite hin unter-
Zahlreiche physiologische Tatsachen waren sucht, sondern nach ihrer Bedeutung be-
im 18. Jahrhundert bekannt geworden, und fragt, eine Frage, die nur vom Gesamtorga-
eine eigentliche physiologische Wissenschaft nismus aus zu beantworten war. Die mo-
als Wissenschaft von den Lebensvorgängen derne Naturerfahrung, unterstützt durch den
war im Kommen. GEORG ERNST STAHL°) hatte englischen Empirismus und Skeptizismus,
gelehrt, den Menschen als Organismus, als lehnte eine lebensfremde Metaphysik ab.
eine biologische Ganzheit aufzufassen und Ein bedeutender Vertreter dieser meta-
den Wert der Anatomie in Frage gestellt, da physikfeindlichen Naturwissenschafter war
sein Problem mit dem Seziermesser nicht ALBRECHT VON HALLER13 ). Er lebte ganz in
zu fördern war. Entwicklungsgeschichtliche der Welt der erfahrbaren Erscheinungen,
Tendenzen waren in der Naturwissenschaft die ihn naturwissenschaftlich allein inter-
aufgetaucht. In Halle hatte ein Medizinstu- essierten. Das, was den Erfahrungsschatz
dent, CASPAR FRIEDRICH WOLFF 1°) in seiner mehren konnte, war allein eine Steigerung
Dissertation eine neuartige «Theoria gene- der Erfahrungsmöglichkeit, und diese konnte
rationis» bekanntgemacht. An Hand von nach ihm durch keine metaphysischen Kon-
Beobachtungen an bebrüteten Hühnereiern struktionen ersetzt werden. In der Vorrede
hatte er festgestellt, dass die einzelnen Or- zur deutschen Ausgabe der NatuIgeschichte
gane im Embryo erst allmählich auftreten von BuFFON 19 ) schrieb er im Jahre 1751:
und nicht von Anfang an vorhanden sind, so «Ein grosser Vorzug der neuern Zeiten war
dass in ihm eine Neubildung aller Teile als die steigende Kunst der Arbeiter, die zur
Epigenesis erfolge, nicht wie bisher ange- Enthüllung der Natur Werkzeuge verfer-
nommen, nur eine Evolution. War man frü- tigten. Bequemere Sternröhre, rändere
her von der Konstanz der von Gott ge- Glastropf en, richtigere Abteilung eines Zol-
schaffenen Arten überzeugt, erhoben sich les, Spritzen und Messer thaten mehr zur
gerade zu jener Zeit erste Zweifel, indem Vergrösserung des Reiches der Wissenschaf-
man die ganze Natur immer mehr als etwas ten als der schöpferische Geist eines DES-
Gewordenes zu begreifen begann. KIEL- CARTES16 ), als der Vater der Ordnung, ARI-
MEYER 11 ) hatte im ausgehenden 18. Jahr- STOTELES 1G ), als der belesene GASSENDI'7).
hundert die These aufgestellt, dass jedes Bei jedem Schritte, den man näher zur Na-
Tier in seiner individuellen Entwicklung tur that, fand man das Gemälde unähn-
die Entwicklungsstufen primitiverer Orga- licher, welches uns die Weltweisen von der-
nismen passiere. Der Göttinger Anatom selben gemacht hatten.» Das mathematische
BLUMENBACH'') hatte schon 1779 in seinem Prinzip lehnte er, wie vor ihm schon LEIB-
Handbuch der Naturgeschichte vermutet, NIZ18 ), für die Biologie ab, als untauglich.
dass die meisten Versteinerungen von heute Er gab zu bedenken, dass man es in dieser
ausgestorbenen Lebewesen herrühren. Im- Wissenschaft nicht mit so einfachen und ge-
mer mehr drängte sich die Auffassung einer setzten Grössen zu tun habe wie in der Ma-
organischen Entwicklung auf, sah man die thematik selber, die lediglich die Verhält-
Natur und ihre Geschöpfe als Gewordenes nisse und Zusammensetzungen von geome-
und immer Werdendes an, trat an Stelle trischen Figuren und Zahlen zu untersuchen
einer statisch-analytischen eine genetisch- habe, die zudem eine geringe Zahl von voll-
dynamische Naturauffassung. Stärker und kommen bekannten Eigenschaften besässen.
stärker empfand man den Unterschied zwi- Hier könne man schon alles Willkürliche,
schen einem toten Mechanismus und einem Halbwahre und Unerweisliche ausschalten,
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wenn zwar NEwTOrr19 ) auch in diese Wis- die enzyklopädische der Aufklärung höch-
senschaft den Faktor der Wahrscheinlich- stens den Weg mitgebahnt haben wird. Das
keit habe einführen müssen. Demgegenüber wesentlichste und folgenschwerste war
sei von den Körpern, aus denen die Natur zweifellos der Entwicklungsgedanke. Ent-
bestehe und von der Bewegung, die ihre Wicklung stand als Konzeption keineswegs
Kräfte ausmache, das meiste noch unbe- im Widerspruch zu derjenigen der Konstanz
kannt. Deshalb könne auch eine Summe der Arten. Bei einer Ent-Wicklung kann
von Begriffen, die einzeln noch weitgehend nur dasjenige in Erscheinung treten, zum
unbestimmt seien, nicht etwas mathema- Vorschein kommen, was präformiert, po-
tisch Gewisses geben und sei es unsinnig, tentiell schon vorhanden war. Sie verläuft
mathematische Strenge des Beweises zu im Gegensatz zu einer einfachen Verwand-
fordern. Ohne Willkürliches, Halbwahres lung, einer Metamorphose, nach einem be-
und zunächst Unerweisliches, ohne Hypo- stimmten Lebensgesetz, wobei die Gesetz-
thesen könne die Wissenschaft der Biologie lichkeit des Lebens freilich nicht mathe-
überhaupt nicht auskommen. Wer in der matisch-physikalisch bestimmt werden kann,
Naturwissenschaft ohne Hypothesen aus- aber zum mindesten statistisch doch der
kommen wolle, errichte kein Gebäude, son- Zahl unterworfen ist. Mit dem Begriff der
dern höchstens einen Schutthaufen. «Die Entwicklung selbst war eng verbunden ein
Hypothesen sind zwar noch nicht die Wahr- weiterer Begriff, derjenige der Entwick-
heit; aber sie führen dazu, und ich sage lungsstufen, der höhere niederern gegen-
noch mehr: die Menschen haben noch kei- überstellte, wodurch hierarchisch geglie-
nen andern Weg gefunden, der glücklicher derte Reihen entstanden, deren einzelne
zu derselben geführet, und es fällt mir kein Glieder miteinander verglichen werden
Erfinder ein, der sich derselben nicht be- konnten, vergleichend anatomisch nach der
dienet hätte.» Die Verphilosophierung der Homologie ihrer Organe, funktionell nach
Naturwissenschaft war ihm höchst wider- deren Analogie. Dieses organische System
wärtig; für ihn war es Aufgabe des Natur- wurde noch geschlossener, als der geniale
wissenschafters, die natürlichen Gegeben- KIELMEYER im Jahre 1796 die These auf-
heiten zu erforschen, nicht aber ein nebu- stellte, dass jedes Lebewesen in seinem in-
loses Allgemeines hinter der Mannigfaltig- dividuellen Entwicklungsgang sämtliche tie-
keit der Erscheinungswelt. In seiner An- fern Entwicklungsstufen seiner Reihe durch-
zeige der «Hollmanischen Logik» im 37. Band laufe. Dadurch erhielt eigentlich jedes einen
der Bibliotheque raisonnee schrieb er: «Man bestimmten und bestimmbaren Platz im
hat in der Meinung, dass alle unsere Be- Organismus der Natur, wodurch der Sy-
griffe uns durch die Sinne beygebracht wer- stematik die neue Aufgabe erwuchs, diesen
den, und dass wir uns keinen eigentlichen zu bestimmen.
Begriff von unkörperlichen Wesen machen Der Entwicklungsgedanke war aber nicht
können, ich weiss nicht was gottloses finden nur auf die Naturbetrachtung beschränkt;
wollen. Allein Krankheiten, Träume und die in der Geschichtsauffassung spielte er nicht
Wirkung von Arzneyen beweisen auf eine die kleinere Rolle. Daraus erklärt sich auch
unumstössliche Art, dass die Vorstellungen die gewaltige Wirkung von HERDER'S21)
und das Gedächtnis mit dem Bau des Ge- «Ideen zur Philosophie der Geschichte der
hirns verknüpft sind, und dass folglich die Menschheit», die 1791 veröffentlicht wurden
Begriffe, wenn sie sich der Materie ein- und Natur und Geschichte zu einem grossen
drücken, keine unkörperlichen Dinge in Entwicklungsprozess verknüpften. Die Welt
derselben darstellen können26).» in ihrem Entwicklungsprozess wird zu einem
Um 1800 herum war die geistige Situa- Bilderbuch, einer Selbstoffenbarung Gottes.
tion schon eine vollkommen andere, als sie Die Idee tritt aus sich selbst heraus und
es noch zu HALLER'S Zeit gewesen war; nimmt Gestalt an. Das mathematische Ge-
eine dynamische Weltauffassung war im wand wurde nun völlig abgestreift. Dieser
Entstehen, an der HALLER noch keinen An- Prozess konnte nur intuitiv, in innerer
teil gehabt hatte, eine entwicklungsge- Schau erfasst werden. An Stelle einer Ana-
schichtliche, die HALLER in WOLFF's «Theo- lyse trat bildhaftes Nachschaffen der Natur
ria generationis» nicht anerkennen wollte im Geist und in der gegenständlichen Vor-
und eine ganzheitsbezogene, organische, der stellung. Aufgabe der Naturphilosophie
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wurde es, hinter den Erscheinungen oder von innen her erfasstes, in ihren Kräften er-
in den Erscheinungen die Urphänomene zu kanntes schaffendes Subjekt. GoETHE 23 ) be-
erblicken. Damit begann die Zeit der roman- schritt in HERDER'S Sinn den Weg intuitiver
tischen oder idealistischen Naturphiloso- Schau, in den Erscheinungen die Urphäno-
phie. mene erfassen wollend in ihren sich wan-
Ihr Weg war besonders durch drei Männer delnden konkreten Ausdrucksformen. Das
bestimmt, als ihren wesentlichsten Vertre- Entwicklungsproblem war für ihn weniger
ein dynamisches, als ein Gestalt- und Form-
tern, durch KANT, SCHELLING und GOETHE.
problem des Organischen, das er in seiner
KANT 22 ) hatte 1788 die «Metaphysischen An-
fangsgründe der Naturwissenschaft» veröf- Metamorphose erfassen wollte. Im Gegen-
fentlicht, in denen er untersuchte, inwiefern satz zu SCHELLING ging er nicht vom Abso-
eine reine Naturwissenschaft überhaupt luten aus, sondern vom Besondern, den ein-
möglich sei. Der Reihe der rein aprioristi- zelnen Naturgegenständen selber und suchte
schen Begriffe steht für ihn die andere Reihe auch nicht im Absoluten zu münden, son-
der empirischen Erfahrungen gegenüber; dern in den einzelnen Erscheinungsformen
Aufgabe der Wissenschaft ist es, sie in ihrer die Urphänomene in ihrer Entwicklungs-
Identität zu erfassen. Diese Möglichkeit reihe zu erkennen. Er betrachtete die Natur
fehlt, solange die aprioristischen Begriffe in- als eine Stufenfolge sich differenzierender
haltsleer, ohne bestimmte Vorstellung sind, Organismen, bildhaft geschauter Urphäno-
als reine Möglichkeiten des Geistes, ohne mene, die als solche nicht a priori, sondern
konkreten Bezug zu den Naturerscheinungen erst aus anschauender Erfahrung a poste-
selber. Es muss deshalb ein raum-zeitliches riori erkannt oder erahnt werden konnten.
Moment hinzukommen, damit aus allgemei- Seine Naturerkenntnis ging vom organischen
nen konkrete, besondere Begriffe werden, Leben aus und mündete in eine intuitiv er-
und dieses Moment ist mathematischer Na- fasste Typen- und Wesensschau. Schon 1790
tur, so dass jede Naturwissenschaft nur in- war sein grundlegendes Werk über «Die
soweit Naturwissenschaft sein kann, als sie Metamorphose der Pflanzen» erschienen. So
Mathematik enthält, weil sonst die genügen- hatte KANT der Naturwissenschaft die Auf-
den aprioristischen Voraussetzungen fehlen. gabe gestellt, sich über ihre erkenntnistheo-
Erst aus der Verbindung solcher Begriffs- retischen Grundlagen klar zu werden,
konstruktionen mit empirischen Erfahrun- SCHELLING von ihr gefordert, die Natur als
gen entsteht aus geistiger Möglichkeit und dynamisch immer Werdendes zu erfassen,
empirischer Gegebenheit Notwendigkeit und und GOETHE hatte neue Gestalten- und For-
damit Gewissheit als Bedingung jedes Wis- menprobleme aufgeworfen und verlangt, die
sens. SCHELLING, der bedeutendste Repräsen- einzelnen Formen als Stufen von Entwick-
tant der sogenannten romantischen Natur- lungs- und Typenreihen zu verstehen. Die
philosophie, legte seine Anschauungen in den Probleme waren seit HALLER andere gewor-
Jahren 1797-1799 in verschiedenen Werken den.
nieder, den «Ideen zur Philosophie der Na- Diese Situation traf OKEN ungefähr an,
tur», «Von der Weltseele» und seinem «Er- als er im Jahre 1800 sein Medizinstudium in
sten Entwurf eines Systems der Naturphilo- Freiburg i. B. begann. Er hat in der
sophie». Naturphilosophie ist für diesen Folge versucht, alle diese Tendenzen zu
Denker spekulative Physik, welche die Na- einer harmonischen Einheit zu bringen und
tur aus ihren letzten Ursachen, a priori, er- allen gestellten Aufgaben gerecht zu wer-
kennen will. Die Kenntnis der empirischen den. Mit KANT interessierte ihn die Frage,
Erfahrungen wird dabei vorausgesetzt und wie eine Idee, wie ein logischer Begriff ein
keineswegs als unnötig beiseite geschoben. wirklicher, realer und ein solcher ein
Die aprioristische Konstruktion der Natur notwendiger, gewisser werde. Mit SCHELLING
erfolgt aus der Hypothese ihres einheitlichen fasste er die Natur als Produkt eines dyna-
Ursprungs und unter Voraussetzung ihres mischen Prozesses auf, als ein Inerschei-
dynamischen Entstehens. Die empirische nungtreten einer Uridee, und mit GOETHE's
Naturwissenschaft zeigt die Natur in ihrer intuitiver Schau erblickte er in der Natur
Erstarrung als bereits Gewordenes, als ge- vor allem ihr organhaftes, erblickte er in
genständlich von aussen gesehenes Objekt, den einzelnen Formen entwicklungsge-
die Naturphilosophie als ständig Werdendes, schichtliche Stufen selbständiger Typen-
\r ierteljahrssehrift d. Naturf. (-es. Zürich. Jahrg. 96, 1951 13
186 Vierteljahrsschrift der Naturf. Gesellschaft in Zürich 1951

reihen. Gegenüber KANT interessierte ihn Erfahrung bestätigt oder korrigiert werden
der Naturorganismus an sich und stand die sollte und nicht als etwas abgeschlossenes,
Naturphilosophie weniger im Dienst eines feststehendes gedacht war. Dass er selber
theoretischen Erkenntnisprinzips als der Na- ebenfalls Forschungen angestellt hat, ergibt
turwissenschaft selber. Gegenüber SCHEL- sich ja schon aus diesem Brief. Bedeutender
LING fesselte ihn noch mehr als die Uridee waren noch seine «Beiträge zur vergleichen-
und den Weg, auf dem sie zu ihrem Selbst- den Zoologie, Anatomie und Physiologie»
bewusstsein kommt, ihr stufenweises kon- aus den Jahren 1806 und 1807 25 ). Das l;rste
kretes Inerscheinungtreten, die Naturkör- Heft enthielt seine «anatomisch-physiolo-
per in ihrer genetisch-hierarchischen Glie- gischen Untersuchungen, angestellt an
derung und objektiven Gegebenheit, und so Schweinsfötus, Schweinsembryonen und
war ihm auch GOETHE'S Naturauffassung nur Hundsembryonen zur Lösung des Problems
ein, wenn auch wichtiger Aspekt, der für des Nabelbläschens», während er im zweiten
sich allein keine Naturwissenschaft begrün- Heft eine Arbeit über die «Anatomie von
den konnte. OKEN wollte Naturwissenschaf- drei Hundsembryonen, in denen sich die
ter sein; ihm lag an der empirischen Nach- Därme kurz zuvor von dem Darmbläschen
prüfung vieler seiner gedanklichen Kon- abgelöst hatten» und eine weitere mit dem
struktionen, von denen er wohl wusste, dass «Beweis, dass alle Säugetiere die Darmblase
sie nicht fehlerfrei sein konnten. Er regte (vesica omphalo-mesenterica) besitzen und
Forschungsreisen an zur Sammlung neuer die Därme aus ihr ihren Ursprung nehmen»
Erfahrungen, verfolgte die in der Literatur veröffentlichte, Arbeiten, über die noch
niedergelegten Forschungsergebnisse bis in mehr als zwanzig Jahre später kein gerin-
sein Alter laufend. gerer als KARL ERNST BAER") geurteilt hat,
Ein schönes Beispiel, wie neue Forschungs- dass sie zu den genauesten gehörten, die
tatsachen seine Systematik beeinflussten, hat man damals über Säugetiere besass und dass
J. STROHL durch die Veröffentlichung eines diese Untersuchungen der Wendepunkt für
Briefes des fast siebzigjährigen OKEN'S an eine richtigere Erkenntnis des Säugetier-
den Stockholmer Zoologieprofessor SVEN Eies gewesen seien. Er hatte als erster dar-
LUDWIG LOV1:N 24 ) zur Kenntnis gebracht. Er in dargelegt, dass die Nabelblase der Säuge-
dankt dem um dreissig Jahre jüngern For- tiere dem Dottersack der Vögel entspreche
scher für die vielen Belehrungen, die ihm und dass der Darm mit der ausserhalb des
seine schönen Entdeckungen gewährt hätten Embryoleibes liegenden Nabelblase kommu-
und kommt dann auf einen Befund Loviw'S niziere. Da daran geknüpfte Folgerungen
bei Cirripedien zu sprechen. OKEN hatte einer schärferen Kritik nicht standhalten
diese in seiner Naturgeschichte 1816 bei den konnten, wurden von den zeitgenössischen
Crustaceen eingereiht, «bekam aber bald Gelehrten auch die Untersuchungsbefunde
vor dem Tadel der Zoologen Angst und selbst in Zweifel gezogen. Wenn auch OKEN
stellte sie wieder zu den Mollusken. Nach- nur recht kurze Zeit in seinem Leben ver-
her kam die Entdeckung ihrer Metamor- gleichend-anatomische und embryologische
phose, worauf sie jedermann zu den Crusta- Arbeiten gemacht hat, so hat er sich für die
ceen stellte ... Nun aber kommt ihre Ent- Ergebnisse dieser Wissenschaften doch
deckung von dem Porus ganz an der Stelle, dauernd bis in sein Alter interessiert, und
wo ich die Mündung der Eiergänge bei Unio noch seine wenigen eigenen Untersuchungen
pictorum (Mollusken) entdeckt habe (Göt- genügten, ihm in denselben einen Ehrenplatz
tinger Gelehrte Anzeigen 1806, Nr. 148). zu sichern. Wie BAER war auch er, wenn
Wäre es Ihnen nun nicht möglich, über die auch nur kurze Zeit, ein Schüler von IGNAz
Bedeutung dieses Porus ins reine zu kom- DÖLLINGER in W ü r z b u r g gewesen, und
men? ... [.überlegen Sie doch die Sache reif- dieser Schule war die Begründung der Ent-
lich und zerlegen Sie das Tier, wenn es ir- wicklungsgeschichte als Wissenschaft haupt-
gend erlaubt ist. ... Für die Wissenschaft sächlich zu danken. DöLLINGER selber, eben-
ist es ja doch viel wichtiger, den Bau eines falls der Naturphilosophie zugeneigt, hat
solchen Tieres zu kennen, als es in Brannt- noch zehn Jahre später an seinen nun völlig
wein aufzubewahren.» Es zeigt sich hier auf zum Naturphilosophen gewordenen Schüler
jeden Fall klar, wie sehr sein spekulativ OKEN geschrieben: «Theuerster Freund! Die
konzipiertes System durch die empirische Resultate, welche PANDER 27 ), D'ALTON2 8 ) und
Jahrg. 96 Notizen zur schweizerischen Kulturgeschichte 187

ich durch unsere fast jährige Untersuchung sein.» Offenbar galt er damals noch immer
der bebrüteten Eier erhielten (wir haben ge- als einer der Ihren, wie ihn von BAER noch
gen 2000 angesehen), scheinen mir sehr inter- 1828 dazu gerechnet hat. OKEN'S naturphilo-
essant, und 21 sehr hübsche Tafeln sollen sophische Systematik sollte völlig im Dienst
hoffentlich das zu sagende hinlänglich er- der Naturforschung stehen. STEFFENS29 ), der
läutern.... Wären Sie doch zu uns gekom- sich als der eigentliche Vollender von SCHEL-
men, welche Freude hätten Sie mir ge- LING'S Naturphilosophie fühlte, warf ihm
macht», und »'ALTON schrieb ihm im folgen- denn auch vor: «Einige spekulative Ideen
den Jahre: «Wäre uns doch gegönnt gewe- an die Spitze gestellt, um als Leiter für eine
sen, Sie zum Zeugen unserer Entdeckungen sinnliche Betrachtung der Natur zu dienen,
zu haben, oder könnten Sie noch jetzt, wo hören in ihrer Fortsetzung auf, Philosophie
wir am Schlusse unserer Untersuchungen zu sein.» Offenbar hat er die Bestrebungen
sind, und Ihnen noch alles in der Natur OKEN's nicht ganz unrichtig verstanden.
zeigen könnten, was Sie in Kurzem abge- Immerhin, nur als Leiter für sinnliche Be-
bildet erhalten sollen, kommen, so würden trachtung der Natur hätte dieser seine Na-
Sie gewiss reichlich für Ihren Weg belohnt turphilosophie kaum gelten lassen. Was er

h Z^I^i, , d ,^2¢99ew 2

Oken in zeitgenössischer zürcherischer Karrikatur


Die hier reproduzierte, im Original in Farben ausgeführte Oken-Karrikatur stammt aus
dem Nachlass des Botanikprofessors Cramer. Sie wurde dem Verfasser erst kürzlich von
Herrn Apotheker Eidenbenz zugestellt und ist jetzt Eigentum der «Medizinhistorischen
Sammlung». Der Zeichner ist unbekannt. Die Initialen S. K. beziehen sich auf Salomon
Cramer, den jung an einer Lungenphthise verstorbenen Bruder des Botanikers. Er lebte
von 1819-1844 und wurde 1843 Privatdozent für deutsche Literaturgeschichte. Cramer war
begeisterter Goethe-Verehrer und trieb tatsächlich eifrig Sanskritstudien und machte auch
dichterische Versuche, die man aber nicht hoch werten kann.
188 Vierteljahrsschrift der Naturf. Gesellschaft in Zürich 1951

damit zur Hauptsache bezweckte, ergibt «Metaphysische Anfangsgründe der Natur-


sich aus einem Brief an seinen Zürcher wissenschaft» bestimmt und beeinflusst, und
Konkurrenten HEINRICH ScHINZ 30 ), dem er von ihm übernimmt er denn auch, wenn
nach seiner Wahl schrieb: «Es ist mir lieb, auch in veränderter Form, das mathema-
mit Ihnen zu konkurrieren, denn kollidieren tische Prinzip. KANT'S Schrift war im Jahre
werden wir nicht; weder der Absicht noch 1800 in dritter Auflage erschienen, und mit
der Form nach ... Ich denke, wenn wir dieser dürfte schon der Medizinstudent in
beide auch dasselbe lesen, wir es doch ver- Freiburg bekannt geworden sein. Er ver-
schieden machen, sowohl der Anordnung als kehrte damals brieflich mit dem spätern
auch dem Inhalt nach ... und es ist mir mystischen Theosophen FRANZ VON BAADER33),
nicht zweifelhaft, dass das, was Sie lehren, der sich ebenfalls intensiv mit KANT'S natur-
mehr Beifall finden wird als das meinige, philosophischer Schrift befasst und bereits
weil ich in meinen Vorlesungen grössten- zwei Arbeiten darüber veröffentlicht hatte.
teils die Kenntnisse des Einzelnen schon 1797 waren seine «Beiträge zur Elementar-
voraussetze, und vorzüglich nach den Ge- physiologie» erschienen, eine Auseinander-
setzen derselben forsche, was nicht jeder- setzung mit dem Königsberger. Aber schon
manns Sache ist, wenigstens nicht der Mehr- 1792 hatte er sich in GREN's «Journal der
zahl der Studenten 31 ).» Naturphilosophie ist Physik» mit seinem Werk befasst, in seinen
nach ihm «Zugungsgeschichte der Welt «Ideen über Festigkeit und Feuchtigkeit»,
oder Schöpfungsgeschichte überhaupt, unter einer Auseinandersetzung mit LAVOISIER33).
welchem Namen sie von den ältesten Philo- 1798 erschien BAADER'S Arbeit «Über das
sophen gelehrt wurde, nehmlich als Cosmo- pythagoräische Quadrat in der Natur oder
genie. Da sie das All umfasst, so ist sie die vier Weltgegenden», ein Aufsatz, der nach
Genesis schlechthin, wie sie Moses nennt». des Autors eigener Angabe entstanden ist
OKEN teilt seine Naturphilosophie in zwei «bei Durchlesung des neulich erschienenen
Abschnitte ein, einen sogenannt mathemati- Werkes von Herrn SCHELLING über die Welt-
schen und einen ontologischen. Im ersten seele». Diese Schriften scheinen zwar nicht
schildert er seine erkenntnistheoretischen sehr grosse Verbreitung gefunden zu haben,
Voraussetzungen und sein Identitätsprinzip. müssen auf einige wenige führende Natur-
Da er die Natur als etwas Gewordenes und philosophen aber doch von grossem Ein-
stets Werdendes betrachtet, lässt er sie aus fluss gewesen sein, auf SCHELLING, STEF-
einem Urakt entstehen, aus dem Nichts oder FENS und ESCHENMEYER 30 ), und offenbar auch
dem Absoluten, der Uridee, welche Gott sel- auf OKEN. Durch BAADER'S damalige Schrif-
ber ist. Man könnte diesem Absoluten auch ten wird er auf die naturphilosophischen
beliebig andere Namen geben, Urschöpfer- Werke KANT'S und ScHELLING's aufmerksam
kraft zum Beispiel oder Urprinzip. FRANZ gemacht worden sein, wodurch er schon als
ANTON MESMER hat dasselbe seinerzeit in Medizinstudent angeregt wurde, seine
der Sonne gesehen und vorgeschlagen, zu «Übersicht des Grundrisses des Systems der
ihrer Verehrung kultische Feste zu feiern, Naturphilosophie und der damit entstehen-
Gottesdiensten ähnlich"). Man darf sich bei den Theorie der Sinne» zu schreiben.
OKEN durch das Wort Gott nicht täuschen In seiner Naturphilosophie bedient sich
lassen. So wenig wie bei MESMER ist bei ihm OKEN zum Ausdruck von Sachverhalten mit
dieses Urprinzip etwas religiöses, so dass Vorliebe einer geometrischen Figurenspra-
sein angeblicher Pantheismus eher einem che, besonders wo er von Kräften und ihrer
Pandynamismus gleichkommt. Von einer gegenseitigen Beziehung spricht. Er unter-
Vergöttlichung der Welt kann gar keine scheidet zwischen Zahlen im Sinne der Ma-
Rede sein und seine dynamische Natur- thematik und Zahlen im Sinne der Philoso-
philosophie ist nicht religiöser als es die phie; Zahlen und geometrische Figuren sind
mechanistische eines FRIEDRICH HOFFMANN33) in seiner Naturphilosophie nicht mathemati-
gewesen ist. So handelt er denn auch von sches, sondern philosophisches Ausdrucks-
Gott im Abschnitt der Mathematik. Das, was mittel. Diese philosophische Mathematik
er Urakte nennt, drückt er in Zahlen und basiert auf seiner Konzeption des Nichts,
geometrischen Figuren aus, in Symbolen, der Null, des Zero. Das Nichts ist für KANT
nicht in rationalen Begriffen. Gleichwohl ist ein Begriff ohne Gegenstand oder der Ge-
dieser Abschnitt sehr stark durch KANT'S genstand eines Begriffes, dem gar keine an-
Jahrg. 96 Notizen zur schweizerischen Kulturgeschichte 189

zugebende Anschauung korrespondiert. Auch nur auf ideale Weise, nicht actu, nur poten-
die Zahl ist nach ihm ein Begriff, der an tia, im Zero. Nach OKEN verhält es sich da-
sich zwar den Verstandesbegriffen angehört, bei wie bei allen mathematischen Ideen: «Es
dessen Verwirklichung im Konkreten aber gibt z. B. eine Idee des Dreiecks überhaupt,
die Hilfsbegriffe von Zeit und Raum erfor- nämlich die Definition desselben, in welcher
dert. Durch die Mathematik kommt zum Be- alle Dreiecke liegen, ohne dass ein bestimm-
griff als gedankliche Möglichkeit noch die tes gemeint wäre, ohne dass wirklich ein sol-
korrespondierende Anschauung, die Mög- ches existierte. Wenn die Idee des Dreiecks
lichkeit des Objekts, woraus erst der Begriff real werden soll, so muss es ein bestimmtes,
eines bestimmten Naturdinges konstruiert ein stumpfes oder spitziges Dreieck werden;
werden kann. Erst ein so konstruierter Be- kurz, die Idee des Dreiecks muss sich ver-
griff kann mit einer empirischen Erfahrung vielfältigen, muss aus sich heraustreten, sonst
zur Identität gebracht werden, wodurch aus ist sie für die Mathematik ... nur ein geo-
empirischer Erfahrung wissenschaftliche metrisches Zero. Die einzelnen Gegenstände
Notwendigkeit wird. Dieses Identitätsprinzip der Mathematik oder die einzelnen Figuren
musste die Vertreter der Philosophie des kommen also nur in sofern zur Existenz, als
Idealismus in besonderm Mass fesseln, da die Idee derselben aus sich heraustritt und
für sie die Erscheinungswelt eben ein Iner- sich einzeln hinstellt.» Alle möglichen ein-
scheinungtreten von Ideen war und philo- zelnen Dreiecke zusammengenommen erge-
sophisch gezeigt werden musste, wodurch ben das ideale Dreieck, wie das ideale Drei-
und inwiefern Idee als geistiges Urbild und eck in jedem einzelnen enthalten ist. Reales
Naturgegenstand als mögliche Erscheinungs- und Ideales sind eins unter zweierlei For-
form derselben identifiziert werden können. men, einer unbestimmten, ewigen, einfachen
Mit diesem Problem hat sich SCHELLING be- Form oder einer konkreten, mannigfal-
schäftigt und in nicht minderm Mass auch tigen, vielfachen Formenwelt, die in ihrer
OKEN. «Die Uridee — schreibt er — ist das Totalität der ewigen, nie realisierten gleich-
Substrat von allem, was in der Folge vor- kommt. Beide Formen, die potentielle und
kommen wird. Auf diesem Urwesen beruht die aktuelle, liegen im Zero vereint, nur mit
alles; aus ihm geht alle Aktion, alle Bewe- verschiedenen Vorzeichen. Die Naturphilo-
gung, alle. Form hervor; oder vielmehr, in sophie muss die Erscheinungswelt als gött-
allen Erscheinungen erscheint nichts ande- liche Sprachlehre zu begreifen suchen, in
res als das Urwesen auf verschiedenen Stu- den Erscheinungen ihre Idee erfassen, die
fen der Position, wie in allen Zahlen nichts Naturkörper erkennen als verschiedene Stu-
anderes erscheint als das Zero. Die Uridee fen und Formen der in Erscheinung treten-
ist der absolute Anfang. Sie ist das Nicht- den Ideen, wobei Gott durchaus einem philo-
darstellbare, das Nieerscheinende und doch sophischen und nicht einem religiösen Prin-
überall Seiende, aber sich immer Entzie- zip gleichkommt.
hende, so oft man es zu erblicken glaubt, Obwohl von KANT beeinflusst, sind die
kurz das Geistige, welches sich in allem grossen Unterschiede nicht zu übersehen.
kundtut und doch immer dasselbe bleibt. Dieser geht von aprioristischen Urteilen als
Als Ursprung alles Handelns kann man sie Denknotwendigkeiten aus, OKEN von aprio-
Urkraft nennen.» Die Uridee ist an sich ein ristischen Vorstellungen, die nur Vorstel-
Nichts, ein Zero, mit der Möglichkeit, durch lungsmöglichkeiten darstellen und nichts
die ihr innewohnende Urkraft etwas zu wer- Zwingendes an sich haben, wie dies Vorstel-
den, die reine Idee, welche aus sich heraus- lungen an sich schon eigen ist. Darin erweist
tretend Gestalt annehmen kann. Ist die Ur- er sich eben als idealistischer Naturphilo-
idee das Denken Gottes, so ist die Urkraft soph. Naturphilosophie wird für ihn nun
seine Sprache, wobei Gedachtes und Ge- zur Schöpfungsgeschichte, und diese Schöp-
sprochenes identisch sind, letzteres das In- fungsgeschichte soll lehren, wie aus dem
erscheinungtreten des ersteren. Die Er- potentiell alles enthaltenden Nichts durch
scheinung ist also nicht die Folge der Idee, den Urakt das Seiende in seinen beiden For-
sondern die sich selbst darstellende Idee, die men, der Idee und ihrer Erscheinung ent-
in der Erscheinungsform selber enthalten ist steht, wie dieses Inerscheinungtreten stu-
als einer ihrer Möglichkeiten. Die einzelnen fenweise sich vollzieht über das eckig Anor-
Erscheinungsformen liegen nicht auf reale, ganische ins sphärisch Organische, von der
190 Vierteljahrsschrift der Naturf. Gesellschaft in Zürich 1951

vegetabilischen in die animalische Form, um moderne Medizin und Naturwissenschaften


schliesslich im Menschen zum Selbstbewusst- nichts anfangen. Die absoluten, von mensch-
sein zu kommen. Diese Entwicklung erfolgt licher Gehirn- und Denkstruktur unabhän-
in parallelen Reihen, so dass jeder minerali- gigen Ideen haben keinen Kurswert heute.
schen eine vegetabilische, jeder vegetabili- Die moderne Ganzheitsbetrachtung der Na-
schen eine animalische Entwicklungsstufe tur erfolgt aus ganz anderen Prinzipien als
entspricht und der Mensch die ganze diejenige der sogenannten romantischen Na-
animalische Entwicklungsreihe in sich turphilosophie.
enthält. Das ganze System wird vom idea- Um vieles interessanter ist OKEN'S Ver-
len Ende, der Uridee, die potentiell alle such, auf Grund einer genetischen Stuf en-
Erscheinungsformen in sich enthält, gese- folge ein mehr oder weniger natürliches
hen, von oben und nicht von unten, so dass System aufzubauen. Denn wenn auch von
OKEN zum Schluss kommt, der Mensch sei ihm aprioristisch angenommen wurde, dass
ein auseinandergelegtes Tier. Der Mensch Tier- und Pflanzenreich nichts anderes seien
ist die Spitze, die Krone der Naturentwick- als «die selbständige Entwicklung des Tier-
lung und muss alles umfassen, was vor ihm und Pflanzenleibs» 37 ), die stufenförmige In-
dagewesen ist. Er ist der Mikrokosmus, der erscheinungtretung ihrer Idee, und dass
die gesamte Welt, den Makrokosmus im jede Pflanze und jedes Tier in seinem Em-
kleinen darstellt. bryonalstadium alle frühern Entwicklungs-
«Die Naturphilosophie zerfällt in drei stufen noch einmal durchlaufe, wie dies
Teile. Der erste handelt vom Geist und seinen schon KIELMEYER gelehrt hatte, so wurden
Tätigkeiten, der zweite von den einzelnen nun eben doch Tier- und Pflanzenreich in
Erscheinungen oder Dingen der Welt und dieser Hinsicht untersucht. Dass eine solche
der dritte vom Fortwirken des Geistes in den Arbeit nicht das Werk eines einzigen Man-
einzelnen Dingen.» Der erste — erkenntnis- nes sein konnte, liegt auf der Hand. Wie sich
theoretische Teil handelt vom Ganzen, OKEN bemühte, möglichst viele einschlägige
von der in Erscheinung tretenden Uridee, Kenntnisse zu sammeln und weitere For-
der Mathesis; der zweite ist die Lehre von schungen anzuregen, wurde bereits erwähnt.
den Einzelheiten, die Ontologie; der dritte Der tatsächliche Aufbau eines solchen Sy-
ist die Lehre vom Ganzen im Einzelnen, die stems konnte nicht reale Kenntnisse er-
Biologie, die die einzelnen Naturdinge in setzen; er musste sie voraussetzen, selbst
ihrer Ganzheitsbezogenheit, in ihrer Ent- wenn fehlende Zwischenglieder dabei ein-
wicklungsstufe zeigt. mal konstruiert werden mussten. Diese Anti-
«Die Wissenschaft vom Ganzen muss in cipatio naturae war durchaus geeignet, Ar-
zwei Lehren zerfallen: in die vom immate- beitshypothese zu sein. In seinen umfassen-
riellen Ganzen, Pneumatogenie, und die vom den Naturgeschichten, vorab in der drei-
materiellen Ganzen, der Hylogenie. Die On- zehnbändigen, in Zürich herausgegebenen,
tologie lehrt die Erscheinung der Materie. wurde der Versuch unternommen, die Natur
Die erste Erscheinung derselben sind die auf dieser Grundlage systematisch zu be-
Weltkörper, Cosmogenie; diese Weltkörper schreiben. Auf diesem Gebiet zeigte OKEN
entwickeln sich weiter und zerfallen in Ele- denn auch sehr früh, schon als Student, eine
mente, Stöchiogenie. Von diesen Elementen grosse Selbständigkeit, ohne jede Abhängig-
entwickelt sich das Erdelement noch weiter keit etwa von SCHELLING. Schon in seiner
und zerfällt in Mineralien, Mineralogie; Erstlingsschrift von 1802 legte er seine
diese Mineralien versammeln sich in einem Theorie der Sinne dar mit der darauf ge-
Gesamtleib, Geogenie. Das Ganze im Einzel- gründeten Klassifikation der Tiere. Im
nen ist das Lebendige oder Organische, wel- Vorwort zu seinem Lehrbuch der Natur-
ches wieder in Pflanzen und Tiere zerfällt. philosophie schrieb er noch 1843: «Auch
Die Biologie teilt sich daher in Organogenie, jetzt halte ich dafür, dass Tierklassen zu-
Phytosophie und Zoosophie.» nächst nichts anderes als Darstellung der
Als Ausdruck der Philosophie des Idealis- Sinnesorgane sind, und dass sie darnach ge-
mus hat dieses Gedankengebäude kein trennt werden müssen. Streng genommen
aktuelles, sondern höchstens noch histori- gibt es also nur fünf Tierklassen: Hauttiere
sches Interesse. Mit dem ihm zugrunde oder die Wirbellosen; Zungentiere oder die
liegenden Wahrheitspositivismus können Fische, als bei welchen zuerst eine wahre
Jahrg. 96 Notizen zur schweizerischen Kulturgeschichte 191

Zunge auftritt; Nasentiere oder die Lurche, stem nötig wäre. Das wird man hoffentlich
bei welchen sich zuerst die Nase in den erkennen und Nachsicht mit den Mängeln
Mund öffnet und die Luft einzieht; Ohren- haben, worauf wohl jeder stossen wird, der
tiere oder die Vögel, bei welchen sich zuerst sich lebenslänglich nur mit einem einzigen
das Ohr öffnet; Augentiere oder die Haar- Zweig der Naturwissenschaften befasst hat.
tiere, bei welchen alle Sinnesorgane voll- Die Naturgeschichte ist kein abgeschlosse-
ständig vorhanden sind, die Augen beweg- nes Fach, sondern setzt viele andere Wissen-
lich und mit zwei Lidern bedeckt. Da aber schaften, die Anatomie, Physiologie, Che-
der Haut oder dem Gefühlssinn alle vege- mie und Physik, selbst Medizin, Geographie
tativen Systeme untergeordnet sind, so zer- und Geschichte voraus, dass man sich be-
fallen die Hauttiere in eben so viele Abtei- gnügen muss, von denselben nur die Haupt-
lungen, welche wegen ihrer Grösse auch sache zu kennen und das Einzelne jeder be-
Klassen genannt werden können. Dadurch sondern Wissenschaft zu überlassen. Daher
entstehen neun Klassen der niedern Tiere, können die Lücken und Fehler in der Na-
welche aber zusammengenommen nur den turgeschichte nur von Vielen und erst im
Wert einer einzigen Klasse haben.» Was also Laufe der Zeiten ausgefüllt oder wegge-
OKEN letzten Endes erstrebte, war nicht ein räumt werden88).»
willkürliches, spekulatives System, sondern Es ist ein unnützer Versuch, OKEN's Na-
ein auf Entwicklungsgeschichte und verglei- turphilosophie von seiner Naturwissenschaft
chende Anatomie gegründetes; willkürlich zu trennen; sie bedingen sich gegenseitig.
waren höchstens die entwicklungsgeschicht- Von einer dynamischen Naturauffassung
lichen Gesichtspunkte. ausgehend, hat er sich bemüht, nach gene-
«Diese Grundsätze wurden in der zweiten tischen Grundsätzen ein ordnendes System
und in der vorliegenden dritten Auflage bei- aufzustellen und auf dieser Grundlage eine
behalten, die Anordnung und Einreihung systematische und Realenzyklopädie der Na-
der Gegenstände nach den Fortschritten der turwissenschaft, speziell der Biologie, dar-
Naturwissenschaften, meiner Kenntnisse zustellen, ein Versuch, wie er in diesem
und Ansichten abgeändert, vermehrt und Umfang seither von keinem einzelnen Na-
vermindert, besonders im Mineral-, Pflan- turwissenschafter wieder gewagt worden ist
zen- und Tiersystem, welche ich nun bis und auch kaum mehr gewagt werden wird.
ins Einzelne durchgeführt habe. Ich weiss Geschadet haben OKEN am meisten die
wohl, dass noch manches am unrechten nicht seltenen voreiligen und oft abwegigen,
Orte steht: allein wo ist ein System, wo das viel zu weitgehenden Schlüsse, die er aus
nicht noch viel mehr der Fall ist? Es handelt einzelnen Erfahrungen gezogen hat; seine
sich hier nur von der Herstellung des Ge- systematisierende Tendenz hat ihn allzuoft
bäudes, worin die Geräte erst nach Jahre dazu verleitet. Es handelt sich dabei aber
langen Versuchen gehörig verteilt werden doch wohl nur um Schönheitsfehler in einer
können, unbeschadet der Einrichtung des alles in allem genommen wahrhaft imponie-
Hauses. In meinem Lehrbuch der Naturge- renden Leistung. Weiter schadete seinem
schichte ... habe ich zuerst die Sippen und Werk die oft dunkle und schwerverständ-
Gattungen nach den obigen Grundsätzen ge- liche Ausdrucksweise. Diese hing mit sei-
ordnet, und alles davon angeführt, was ner Naturphilosophie eng zusammen. In der
Wichtigkeit für das Leben haben kann. Das Einbildung Geschautes kann wohl nicht gut
ist der erste Versuch einer wissenschaft- anders als in symbolischer Form wiederge-
lichen Naturgeschichte, dem ich in meinem geben werden. In der konkreten Anwen-
letzten Werke «Allgemeine Naturgeschichte» dung auf naturwissenschaftliche Fragen und
treu geblieben bin. Probleme, die in rational-begrif fl icher
Ich habe also durch eine lange Reihe von Weise behandelt werden, musste es fast
Jahren einerlei Prinzip verfolgt und es nach notwendig zu Missverständnissen kommen.
allen Seiten auszubilden versucht. Unge- In seiner Zahlensymbolik nur eine Spie-
achtet meines Bestrebens, die mannigfalti- lerei zu sehen, ist nicht angängig. Mit wenig
gen dazu erforderlichen Kenntnisse zu sam- gutem Willen ist durchaus zu verstehen, was
meln, konnte ich manche doch nicht in dem er im einzelnen ausdrücken wollte. Seine
gehörigen Umfange erwerben, wie er zu Ausdrucksweise dürfte weitgehend durch
einem in alle Einzelheiten gehenden Sy- die naturphilosophischen Schriften BAADER'S
192 Vierteljahrsschrift der Naturf. Gesellschaft in Zürich 1951

beeinflusst sein, was hier nicht näher aus- nen, bis das Licht des Verstandes ihr trost-
geführt werden kann. Aber allein schon der loses Nebelgewölke verschwinden macht.»
Titel seiner 1798 erschienenen Arbeit «Über «Wer über das, was er mitteilen will, mit
das pythagoräische Quadrat in der Natur» sich selbst noch nicht im Klaren ist, der hüllt
mag dafür ein Beleg sein. In dieser Abhand- seinen Vortrag in mystisches Dunkel ein,
lung versuchte BAADER den Nachweis, dass und derjenige sucht die Phantasie der Zu-
die beiden Grundkräfte der Natur, Feuer hörer oder Leser durch Zauberspiele zu ge-
und Wasser, Expansion und Kompression, winnen, welcher ihren Verstand durch Tat-
die durch ein drittes Prinzip, die Erde re- sachen und Gründe nicht überzeugen kann.»
spektiv das Erdige, zusammengehalten wer- Ganz abwegig war diese Beurteilung von
den, erst von einem vierten von aussen Mystik und Mystizismus, wie ihn die Philo-
kommenden, der Luft, in Aktion gesetzt sophie des Idealismus hervorgebracht hat,
werden könnten, eine Lehre, die mit der- wohl nicht, erklärte doch z. B. SCHELLING,
jenigen von PARACELSUS über Sulfur, Mer- dass man unter Mystizismus nur jene Gei-
cur und Sal merkwürdig viele Ähnlichkeit stesverfassung verstehen dürfe, welche alle
aufweist, was BAADER übrigens selber be- wissenschaftliche Begründung oder Ausein-
merkt hat"). andersetzung verschmähe, die alles wahre
Neuere Forscher haben OKEN einen My- Wissen von einem sogenannten innern, auch
stiker geheissen"). Man wird mit einem nicht allgemein leuchtenden, sondern im
solchen Urteil indessen nicht viel anfangen Individuum eingeschlossenen Licht, aus un-
können, wenn nicht vorher ausgemacht ist, mittelbarer Offenbarung herleite, während
was man unter einem solchen verstehen J. J. WAGNER42 ) unter Mystik eine allgemeine
will. Mystisch haben schon die zeitgenössi- Ansicht der Welt verstanden wissen wollte,
schen Gegner die naturphilosophischen in welcher die Idee offenbar werde. Da-
Schriften genannt und damit gemeint, dass nach wäre freilich jedes intuitive Erfassen
es sich um phantastische Produkte der Ein- eines Sachverhaltes mystischer Natur und
bildung handle, um dunkel ausgedrückte so könnte etwa OKEN's blitzartige Erkennt-
Unklarheiten. Wer indessen symbolisch nis des Wirbelcharakters des Schädels als
mystisch bezeichnet werden. Ein solcher
Ausgedrücktes wie rational Konzipiertes
auffassen will, wird immer finden, dass Mystikbegriff ist aber doch wohl abzuleh-
nen, wenn man letzten Endes nicht aus fast
eine klare Begriffswelt fehle. So warnte
PAUL USTERI 41 ) schon im Jahre 1813 bei der
jedem schöpferischen Wissenschafter einen
Mystiker machen will. Ohne auf die neuere
Eröffnung eines neuen Jahreskurses die
Gestaltwandlung von Mystik eintreten zu
Zöglinge des Zürcher medizinisch-chirurgi-
wollen, muss doch wohl daran festgehalten
schen Instituts mit folgenden Worten vor
naturphilosophischen Schriften: «So oft ihr werden, dass Mystik nie Ausdruck einer
Geistes-, sondern immer einer Seelenverfas-
Worte und Phrasen hört, die euch keine
sung ist und nie ein objektives, sondern im-
deutlichen Begriffe geben, oder die mit den
mer ein subjektives Verhältnis zur Welt,
deutlichen Begriffen, welche ihr bereits be-
zum All oder zu Gott meint. In diesem Sinne
sitzet, im Widerspruch stehen, wenn ihr,
war OKEN aber gewiss kein Mystiker. Selbst
um aus tausend alltäglichen Beispielen nur
wenn er in seiner Jugend mystische An-
ein paar auszuheben, lesen werdet: die Ve-
wandlungen gehabt haben sollte, wäre seine
nosität habe sich zur Arteriosität erhoben;
die Arterie enthalte den Pol der Expiration Naturphilosophie davon doch völlig unbe-
und die Vene den der Inspiration; das Herz rührt geblieben. Zwar ist der Ausdruck der
Mystik symbolischer Natur; aber nicht jede
sei das Hauptorgan des Athemholens; Rück-
grat und Zwerchfell seien ein auseinander- symbolische Ausdrucksweise ist mystisch. Es
gelegtes Herz und das Knochensystem der gibt Erfahrens- und Sachverhalte, die nicht
Typolith des irdischen Lebensgeistes; — so sogleich in klare Begriffe umgemünzt wer-
erkennet an dieser Sprache den Verführer, den können, da sie oft weder nach Inhalt
der euch statt der Tatsachen und deutlichen noch nach Umfang eindeutig zu bestimmen
Begriffe sinnlose Worte gibt, und der seine sind. In diesem Fall muss sich auch die Wis-
erträumten Hypothesen in wunderbares senschaft nicht selten des Symbols bedie-
Dunkel hüllt, worin sie, Gespenstern gleich, nen. Die symbolische Ausdrucksweise hängt
die Phantasie nur so lange beschäftigen kön- zweifellos nicht mit der Philosophie des
Jahrg. 96 Notizen zur schweizerischen Kulturgeschichte 193

Idealismus an sich zusammen, wohl aber sches, noch ein romantisches, wohl aber ein
mit der idealistischen Naturphilosophie, gut aufklärerisches Postulat.
weil, wie schon KANT betont hat, die Natur OKEN hat in Zürich nach achtzehnjäh-
nun einmal nicht schon aus ihren blossen riger Tätigkeit keine Schüler hinterlassen.
reinen Begriffen erkannt werden kann, aus ALBERT KÖLLIKER 45 ), der bedeutende ver-
Gedankenmöglichkeiten, sondern nur in der gleichende Anatom und CARL WILHELM VON
Erfassung bestimmter Objekte, natürlicher NÄGELI4°), die beide seine Hörer waren und
Gegebenheiten, was ohne das Moment der sich dankbar seines Unterrichts erinnerten,
Anschauung ausgeschlossen ist. Wenn es bekannten sich nicht als solche. Durch
schon nicht angängig ist, von symboli- OKEN's Unterricht wurde NÄGELI bestimmt,
scher Ausdrucksform ohne weiteres auf das Medizinstudium aufzugeben und dasje-
Mystik zu schliessen, wird man sich auch nige der Naturwissenschaft zu wählen47).
fragen müssen, wie weit diese als roman- Seine Neigung auf das Allgemeine wurde
tisch bezeichnet werden darf h3 ), ein Begriff, damals mächtig gefördert, wenn ihm auch
der heute genau so verschwommen ist wie eine «willkürlich systematische Ausführung»
derjenige der Mystik. Die Betonung des missfiel" 0). Doch wenn sich diese beiden be-
romantischen Moments scheint auf jeden deutenden Naturforscher nicht als Oken-
Fall bis heute ein Verständnis von OKEN'S schüler fühlten, wird man die Frage doch
Anliegen eher erschwert als erleichtert zu aufwerfen dürfen, ob sie in ihrer spätern
haben. Nicht nur Mystiker, nicht nur Ro- Forschungsrichtung der vergleichenden
mantiker, auch rationale Aufklärer benütz- Anatomie und allgemeinen Botanik von
ten Symbole. Von ihnen hat OKEN, worauf OKEN's Geistesschulung am Ende nicht
MAX PFANNENSTIEL aufmerksam gemacht mehr beeinflusst waren, als ihnen über-
hat, zweifellos den Schlangenring auf dem haupt je zum Bewusstsein kommen konnte?
Titelblatt seiner «Isis» entlehnt, bestand doch Die genetisch-dynamische Naturbetrachtung
auch das Wappen des «kaiserlich Leopoldi- ihres Lehrers dürfte auch auf sie nicht ohne
nischen Collegiums der Naturforscher» aus Einfluss geblieben sein. Dazu gesellt sich
einem goldenen Ring, um den sich zwei noch ein dritter, der zwar nicht Naturwis-
Schlangen winden, auf blauem Grund. Diese senschafter wurde, immerhin naturwissen-
und ähnliche Gesellschaften hatten nichts mit schaftlichen Interessen vom Elternhaus her
mystischen oder romantischen Bruderschaf- nicht fernstand, welcher als Erziehungs-
ten zu tun, auch wenn gewisse Qualitäten und Regierungsrat die naturwissenschaft-
und Leistungen die Voraussetzung der Mit- lichen und medizinischen Institutionen in
gliedschaft war wie bei jeder wissenschaft- unserer Stadt massgebend bestimmen und
lichen Akademie. OKEN's Gründung der «Ge- fördern sollte, der eigentliche Schöpfer der
sellschaft Deutscher Naturforscher und Eidgenössischen Technischen Hochschule,
Ärzte» bringt ihn in die Nähe der Aufklä- ALFRED EscHER «0 ); unter seiner Führung hat
rung, genau wie seine Bildungsziele, sein ein kleiner Gymnasiastenkreis in jugend-
enzyklopädisches Bedürfnis. Sie rücken ihn licher Begeisterung den Schülerverein «Oke-
in die Nähe von HUMBOLDT'S, dessen Humani- nia» gegründet50 ). Sollte nicht anzunehmen
tätsideal letzten Endes doch wohl ebenfalls sein, dass auch er in seiner Jugend mass-
der Aufklärung entstammt. Seine «Isis» — gebend von OKEN beeinflusst worden ist?
enzyklopädische Zeitung nannte er sie an- So lässt sich dessen Einfluss in Z ü r ich
fänglich — verfolgte Bildungsziele im wei- wohl kaum nur aus der Zahl von Schülern,
testen Sinn, und die «Allgemeine Naturge- die sich zu ihm bekannten, ermessen; dieser
schichte für alle Stände» wies nach dersel- dürfte viel allgemeinerer Natur gewesen
ben Richtung. Noch im Vorwort zum MEN- sein und sich der Erfassung entziehen.
zELschen «Mikroskopischen Institut» 44 ), das Einsam und der bürgerlichen Gesellschaft
seinem letzten Lebensjahr entstammt, wird der Stadt, in der er lebte, innerlich fremd,
der Wunsch ausgedrückt, das Mikroskop und ist OKEN vor hundert Jahren gestorben.
geeignete mikroskopische Präparate möch- Von allem Parteihader hielt er sich fern. Im
ten in möglichst weite Kreise gelangen, um Jahre 1841 schrieb er an seinen Freund
sie für aktive Mitarbeit an der Erforschung KARL ERNST VON BAER: «Wir befinden uns im
der Natur zu begeistern, weder ein mysti- Ganzen ziemlich wohl und leben, ungeachtet
194 Vierteljahrsschrift der Naturf. Gesellschaft in Zürich 1951

der unruhigen Zeiten, doch ganz ruhig, weil zen- und Tiersystem, sowie seine philosophi-
wir uns um nichts kümmernd).» sche Anatomie und Physiologie. In der 1809
Am 11. August 1851 verschied OKEN an- erschienenen «Grundzeichnung des natür-
geblich an einem Blasenleiden. Ohne fest- lichen Systems der Erze» ordnete er diese
liche Rede wurde er begraben. Aber am nicht mehr nach den Metallen, sondern nach
Abend des Begräbnistages brachten ihm ihren Verbindungen mit Sauerstoff, Säuren
Studenten einen Fackelzug aufs Grab. und Schwefel und in der ersten Auflage des
FRIEDRICH HORNER, der später berühmte «Lehrbuches der Naturphilosophie» versuchte
Ophthalmolog unserer Universität, führte er 1810, diese verschiedenen Lehren in Zu-
den Zug an und CARL CRAMER, der nach- sammenhang zu bringen und namentlich,
malige Botanikprofessor, hielt die Toten- zu zeigen, «dass Mineral-, P flanzen- und
rede"). Im November desselben Jahres Tierklassen nicht willkürlich nach einzelnen
feierte auch die Universität ihren ersten Kennzeichen zu ordnen, sondern auf die
Rektor, wobei Professor LUDWIG des einsti- Hauptorgane oder anatomischen Systeme zu
gen Kollegen in einer Ansprache ehrend gründen seien, woraus sich notwendig eine
gedachte"). festgesetzte Zahl von Klassen ergeben
Worin bestand nun OKEN'S gültige Lei- müsse; dass ferner jede dieser Klassen von
stung und seine wesentliche Bedeutung. Er unten anfange und mithin alle miteinander
selbst hielt in der Vorrede zu seinem «Lehr- parallel gehen». (Typenlehre.) Im «Lehr-
buch der Naturphilosophie» im Jahre 1843 buch der Naturgeschichte» wurden dann
Übersicht über seine eigenen Leistungen, so Sippen und Gattungen erstmals nach den
wie er sie sah. Er bekannte sich darin zu obigen Grundsätzen geordnet und alles an-
seiner Erstlingsschrift von 1802 über die geführt, «was Wichtigkeit für das Leben
Theorie der Sinne und der darauf gegrün- haben könne». Darin sah OKEN den ersten
deten Klassifikation der Tiere. Er hielt sich Versuch einer wissenschaftlichen Naturge-
für den Schöpfer der Zellenlehre, weil er schichte.
1805 in seiner Arbeit «Über die Zeugung» Was blieb von diesen vermeintlichen und
gelehrt hatte, dass alle Lebewesen, Pflanzen tatsächlichen Leistungen übrig? Seine na-
wie Tiere, aus «Bläschen» zusammengesetzt turphilosophischen Anschauungen und Vor-
seien als letzten Lebenselementen und dass stellungen sind alle längst verlassen. Histo-
auch der Mensch aus der Verschmelzung risch bedeutsam blieben seine Arbeiten über
zweier solcher Bläschen oder Infusorien her- Nabelbläschen und Dottersack der Vögel so-
vorgehe, ScHwANN's Zellenlehre so antizi- wie die Entstehung des Darms bei Säuge-
pierend. Auch wenn man OKEN den Ruhm, tieren wie auch seine Wirbeltheorie des
Schöpfer der Zellenlehre zu sein 61 ), heute Schädels, wenigstens der Idee nach. Diese
nicht zubilligen kann, ist die Frage doch be- war allerdings von OKEN unabhängig auch
rechtigt, ob SCHWANN'S Entdeckung durch von GOETHE konzipiert worden. Dazu kom-
die OKENsche Konzeption nicht bereits ge- men noch einige kleinere Arbeiten von ge-
bahnt gewesen seio5 ). 1806 zeigte er, dass ringerer Bedeutung. Aber darin erschöpft
die Därme aus der Vesicula umbilicalis her- sich seine Bedeutung kaum. Seine auf un-
vorgehen und dass diese dem Dottersack geheurer Literaturkenntnis aufgebaute «All-
der Vögel entspricht. 1807 setzte er in seiner gemeine Naturgeschichte für alle Stände»,
Arbeit «Über die Bedeutung der Schädel- die eine Fülle von Einzeltatsachen enthält,
knochen» auseinander, dass der Schädel wurde nicht nur Muster für ähnliche Dar-
nichts anderes sei, als eine umgewandelte stellungen, sondern auch kaum immer an-
Wirbelsäule. In einer Schrift «Über das Uni- gegebene Quelle vieler naturwissenschaft-
versum als Fortsetzung der Sinnessysteme» licher Schriftsteller. ALFRED EDMUND BREHM')
lehrte er 1808, dass der Organismus eine hat OKEN'S «Naturgeschichte» für sein
Verbindung aller Tätigkeiten des Univer- «Tierleben» als Vorbild genommen und
sums in einem individuellen Körper dar- ältere Angaben weitgehend diesem Werk
stelle, dass Welt und Organismus einerlei entnommen, nach seiner eigenen Aussage im
seien, nur der Form, nicht dem Wesen nach Vorwort zur 1. Auflage von 1863.
verschieden, eine Konzeption, die ihn wieder Für OKEN'S Schüler war zweifellos seine
in nächste Nähe zu PARACELSUS führt. Dar- entwicklungsgeschichtliche dynamische Auf-
aus entwickelte sich sein Mineral-, Pflan- fassung der Natur von grösster Bedeutung,
Jahrg. 96 Notizen zur schweizerischen Kulturgeschichte 195

ohne dass das vermutlich stets in ihr Be- teien gegenüber, das zu vielen Missverständ-
wusstsein einging. Wie umfassend diese ent- nissen geführt hat661.
wicklungsgeschichtliche Betrachtungsweise Vielleicht mehr noch als in seinen Lehren
war, in HERDERSChem Sinn weit über sein ist OKEN als Mensch seinen Zeitgenossen in
engeres Fachgebiet hinausgehend, ersieht Erinnerung geblieben. An seinem Grab
man aus der Rede, die er als erster Rektor sprach einer seiner Kollegen: «Ihr alle kann-
der neuen Zürcher Hochschule bei ihrer tet ihn; wie scharf und lebhaft war sein Wort,
Einweihung gehalten hat, im Grossmünster. wie mild und offen seine Hand, wie fest und
Nach GEORG VON WYss 57 ), dem Verfasser der eisern sein Wille.» Anlässlich der Wieder-
«Festschrift zum fünfzigsten Stiftungstag kehr seines hundertsten Geburtstages am
der Universität Zürich» sprach OKEN gleich 2. August 1879 stand in einem Erinnerungs-
nach Bürgermeister HIRZEL und gab in sei- artikel in der «Neuen Zürcher Zeitung» fol-
ner Ansprache «einen gedrängten, originel- gendes ehrendes Urteil über den Mann, der
len Überblick der Kulturgeschichte der 28 Jahre zuvor in aller Stille und ohne offi-
Menschheit (wobei nur das tiefreichendste zielle Totenfeier begraben worden war:
Moment derselben, der Eintritt des Chri- «Wenn einer, so muss es OKEN gewesen sein,
stentums in die Welt, mit Stillschweigen der durch grösste Einfachheit in eigenen Be-
übergangen wurde).» Ohne Zweifel wurde dürfnissen, eine nahezu unbegrenzte Güte,
der entwicklungsgeschichtliche Gedanke Nachsicht und Liebe zur Jugend, durch eine
vor OKEN in Zürich nie in gleich konse- ausgesprochene Lehr- und Darstellungsgabe
quenter Weise vertreten. sich auszeichnete, wie durch den strengsten
Von nicht geringerer Bedeutung war wohl rechtlichen Sinn, die grösste geistige Leb-
seine organische Auffassung alles Lebendi- haftigkeit und zugleich Bescheidenheit, wel-
gen, wobei wieder seine Konzeption vom che Lichtseiten kaum einen leisen Schatten
Organischen weit über das rein Naturwis- erhielten durch eine ihm von jung auf eigen-
senschaftliche hinausreichte, bis ins Soziolo- tümliche Starrheit 60 ).» Seine Lehren waren
gische hinein. Anlässlich seiner Totenfeier damals vergessen; die Erinnerung an den
im Kreise der «Gesellschaft deutscher Na- Menschen war geblieben. Wie feinfühlend er
turforscher und Ärzte» sprach ein ehemali- als Wohltäter junger Menschen war, mag
ger Schüler: «Er (OKEN) warnte öffentlich folgendes kleines Brieflein an SCHELLING aus
die studierende Jugend vor jeder Schwin- dem Jahre 1823 belegen: «Der Überbringer
delei, unter anderm mit folgenden, mir noch dieses, stud. HoaES 61 ), (der spätere Professor
wohl erinnerlichen Worten: Hütet euch, zur für Anatomie in Zürich), der früher hier
Partei herabzusinken, das bewiese, dass ihr studiert hat und den ich für einen tüchtigen
nicht wisst, dass der Stand der Gebildeten jungen Menschen zu halten Ursache habe,
in sich den ganzen Staat wiederholt, und scheint in Erlangen Not zu leiden. Geben
also sein Wesen zerstört durch Zersplitte- Sie ihm daher auf meinen Namen von Zeit
rung in Parteien. Auch hütet euch vor dem zu Zeit einiges Geld für Kost und Wohnung
Wahn, als wäret ihr es, auf denen Deutsch- etc. bis etwa zur Summe von fünfzig Gul-
lands Segen und Dauer und Ehre beruhte. den. Können Sie sonst für ihn sorgen und
Deutschland ruht nur auf sich selbst, auf ihm etwas verschaffen, werden Sie es ohne-
dem Ganzen. Jede Menschenzunft ist nur hin tun; doch sollte er durch Instruktionen
ein Glied am Leibe, der Staat heisst, das zu keine Zeit verlieren. Ich danke Ihnen noch
dessen Erhaltung nur soviel beiträgt, als immer für alles Gute, was ich von Ihnen ge-
ihm sein Standort gestattet. Euere Bestim- nossen. Wenn ich jetzt für arme Studenten
mung ist zwar, einst als Teile des Kopfes zu etwas tue, so trage ich nur alte Schulden ab.
wirken, aber der Kopf ist ohnmächtig, wenn Ihr OKEN.»
die Glieder und Eingeweide den Dienst ver- OBEN ist am 11. August gestorben, nach-
sagen. Ihr aber seid jetzt Jugend, der kein dem er sich schon etwa vier Jahre zuvor
anderes Geschäft zukommt, als gedeihlich immer mehr zurückgezogen hatte. Seine
zu wachsen 58 ).» Wieder einer jener ganz- Leiche wurde auf dem Friedhof zur hohen
heitsbezogenen, organischen Gedanken, der Promenade beigesetzt. Als im Jahre 1873
OKEN in die Nachbarschaft von PARACELSUS seine ihm sehr nahestehende Tochter Clo-
bringt. Gleichzeitig auch eine Begründung tilde, die mit dem Würzburger Arzt Dr.
für sein Verhalten den zürcherischen Par- Reuss verheiratet gewesen war, starb,
196 Vierteljahrsschrift der Naturf. Gesellschaft in Zürich 1951

wurde seine Leiche exhumiert und mit ten Seite noch heute der von Epheu und
derjenigen seiner Tochter im gleichen Cotoneaster bewachsene Grabhügel der im
Grab auf dem Friedhof bei S t. Jakob Tode Vereinten. Ein kleines, epheuumspon-
am Anfang der Badenerstrasse vereinigt. nenes Grabmal aus Kalkstein, in das eine
Aber auch dort hatte er keine Bleibe. Nach ziemlich verwitterte Marmortafel von 29 cm
der Aufhebung der Begräbnisstätte bei S t. Breite und 37 cm Höhe eingelassen ist, trägt
Jakob erfolgte am 29. April 1898 die unter zwei fünfzackigen Sternen folgende,
Translation der Gebeine OKEN'S und seiner nicht mehr ganz leicht lesbare Inschrift:
Tochter in den Zentralfriedhof im Beisein «LAURENTIUS OKEN, geb. 2. August 1779, gest..
des Senatsausschusses und von Mitgliedern 11. August 1851, vereint mit seiner Tochter
der Philosophischen Fakultät II. Im alten CLOTILDE REUSS, geb. 2. Juli 1815, gest. 1. Mai
Teil des neuen Gräberfeldes, am Mittelgang 1873.» Es ist in weiter Umgebung wohl das
als Fortsetzung der Zypressenstrasse, etwas bescheidenste Grab. Aber vergessen ist OKEN
nach der Mitte, findet sich auf seiner rech- in Zürich nicht.

Der OHEN-Stein auf dem Pfannenstiel


Die Inschrift lautet: Dem grossen Naturforscher, welcher der Ruhm der Zürcher Hoch-
schule war, dem unabhängigen Manne, LORENZ OKEN, geb. 2. August 1779, gest. 11. August
1851, haben an seinem Lieblingsplatze Einwohner von Meilen diese Denktafel errichtet.
Jahrg. 96 Notizen zur schweizerischen Kulturgeschichte 197

Belege und Anmerkungen

i ) Die wesentlichste Quelle, die über Zürich, 1951: W. Löffler, J. L. Schönlein und
Oken's Leben orientiert, ist noch immer: die Medizin seiner Zeit, S. 2-89.
Alexander Ecker, Lorenz Oken, eine bio- ") Johannes Müller, 1801-1858. Eine neuere
graphische Skizze, Stuttgart 1880, mit einem Würdigung von Werk und Persönlichkeit
sehr schätzenswerten Briefanhang. — Über durch Ulrich Ebbecke, Johannes Müller, der
Oken als Gesamtpersönlichkeit verfasste grosse rheinische Physiologe, Hannover,
Arnold Lang einen Artikel in der Allge- 1951.
meinen Deutschen Biographie. — Als Zoo- 5 ) Friedrich Wilhelm Joseph Schelling,
loge fand er eine Darstellung und Würdi- 1775-1854. Über seine philosophische Wirk-
gung durch J. V. Carus, in dessen Ge- samkeit berichten die philosophiehistorischen
schichte der Zoologie, 1872. — Eine ver- Darstellungen von Überweg und Windel-
ständnisvolle Würdigung wurde ihm im band, auch E. v. Aster u. a. Werner, Schel-
2. Band des Handbuchs der Geschichte der lings Verhältnis z. Medizin und Biologie,
Medizin, herausgegeben von Neuburger und 1909.
Pagel, zuteil. — Oken als Philosoph fand in Franz Anton Mesmer, 1734-1812. Über
jeder bedeutenderen deutschen Geschichte Leben und Werk vgl. man vor allem R. Ti-
der Philosophie ihren Platz, bei Überweg, scher/K. Bittel, Mesmer und sein Problem,
Windelband etc. — Als Romantiker wurde Stuttgart, 1941. — Mesmers eigene Ausfüh-
er von Ricarda Huch behandelt im 2. Band rungen sind gesammelt in «Mesmerismus
ihrer «Romantik», 1920, von W. Leibbrand in oder System der Wechselwirkungen, von
«Die romantische Medizin», 1937, und einen Dr. F. Anton Mesmer, herausgegeben von
allgemeinen Überblick über diese Zeit findet Dr. K. Chr. Wolfart, Berlin, 1814.
man bei P. Diepgen, «Deutsche Medizin vor 7) Oken, Lehrbuch der Naturphilosophie
hundert Jahren, ein Beitrag z. Gesch. d. Ro- (3. Aufl., Zürich, 1843), S. 1: Philosophie,
mantik», 1923. — W. Brednow, Jena und als die Wissenschaft der Principien des Alls
Göttingen, Jena 1949, ist für die Kenntnis oder der Welt, ist nur ein logischer Be-
der geistigen Formierung Okens von beson- griff, der allenfalls auf den wirklichen füh-
derm Wert. — Von neuerer Oken-Literatur ren kann.
seien besonders erwähnt J. Schuster: Oken, 8) Solche Bemühungen gingen nicht nur
Welt und Wesen, Werk und Wirkung, Arch. von der romantischen Naturphilosophie aus.
f. Gesch. d. Math., d. Naturw. u. Technik, Es sei hier nur erinnert an Treviranus, Bio-
Bd. 12. N. F. 3 (1929), Leipzig 1930. — J. logie oder Philosophie der lebenden Natur
Strohl, Lorenz Oken und Georg Büchner, für Ärzte und Naturforscher, 6 Bände, 1802
Schriften d. Corona, XIV, Zürich, 1936. — bis 1822.
J. Strohl, in Gagliardi, Nabholz und Strohl,
0 ) Georg Ernst Stahl, 1660-1734, Medizin-
Die Universität Zürich 1833-1933, Zürich, professor in Halle.
1938. — Pfannenstiel, Lorenz Oken; E. Th.
1D ) Caspar Friedrich Wolff, 1733-1794, ein
Nauck, L. Oken und die med. Fakultät Frei-
Begründer der neuern Entwicklungslehre,
burg; M. Pfannenstiel, Wirbelmetamorphose
studierte in Halle; 1766 wurde er Mitglied
Okens in «Berichte d. Naturf. Ges. z. Frei-
der Petersburger Akademie. Seine Schrif-
burg i. Br.», 41. Bd., Heft 1, 1951. In diesem
ten sollen nach O. Hertwig u. a. erst nach
Heft findet man, ebenfalls von Pfannenstiel,
seinem Tod durch Meckel und Oken die ge-
eine sehr wertvolle Zusammenstellung der
bührende Aufmerksamkeit gefunden haben.
«Schriften und Varia über Lorenz Oken von
Es ist hiezu immerhin zu bemerken, dass
1806-1951», S. 101-118.
seine 1759 erschienene Dissertation schon
2) Ignaz Döllinger, 1770-1841, Sohn eines 1774, wieder in Halle, eine Editio nova er-
Bamberger Medizinprofessors. 1803 Anato- lebte, welche Wolff's Auseinandersetzung
mieprofessor in Würzburg, 1823 in Lands- mit Haller's Einwürfen enthält. So unbe-
hut, seit 1806 in München. Begründer einer kannt kann demnach diese Schrift in
vergleichend-anatomischen Schule. Deutschland nicht geblieben sein. Ob Oken
3) Johann Lucas Schönlein, 1793-1864. sie wirklich, wie er selber meinte, erst 1812
Eine neuere Darstellung über ihn findet sich kennengelernt hat, ist sehr fragwürdig. Auf
im 2. Band der «Zürcher Spitalgeschichte», jeden Fall zitiert er in einem Brief an Schel-
198 Vierteljahrsschrift der Naturf. Gesellschaft in Zürich 1951

ling aus dem Jahre 1805 bereits diesen Wolff entscheidender Bedeutung. Ihn interessierte
aus Halle, wenn auch in anderm Zusammen- die Frage nach einfachen, klaren und deut-
hang. Der Brief ist abgedruckt bei Ecker, lichen Grundbegriffen, die sich auf die wirk-
l. c. 5.179 ff. liche Welt beziehen, nach unbezweifelbaren
11 )Kielmeyer, 1765-1844, Professor an der Einsichten in bezug auf Seiendes.
hohen Carlsschule in Stuttgart, von 1796 an 16)Aristoteles, 383-322 v. Chr., aus Thra-
in Tübingen, wirkte als anregender Theo- kien (Halbinsel Chalkidike). Haller nennt
retiker, weniger durch Schriften, als vom ihn mit Recht «Vater der Ordnung»; ohne
Katheder. C. A. Wunderlich schreibt in sei- Aristoteles ist die abendländische Naturwis-
ner «Geschichte der Medizin» (Stuttgart, senschaft in der Form, in der sie sich ent-
1859) von ihm: «Dadurch, dass er ziemlich wickelte, undenkbar.
alle Fächer der Naturwissenschaft vertrat, 17)Pierre Gassendi, 1592-1655, Kanonikus
gewann er jenen universalen Überblick, der in Dijon.
grosse Gedanken erzeugt. Er ist der Schöp- 18) Gottfried Wilhelm Leibniz, 1646-1716.
fer der vergleichenden Zoologie und hat Für die Naturwissenschaft ist dieser Philo-
zuerst auf den analogen Typus in der Bil- soph vor allem darum bedeutungsvoll ge-
dung der Tierklassen aufmerksam gemacht, worden, weil er als erster den Gegensatz
indem er die einzelnen Formen als verschie- zwischen biologischer und mechanisch-
denartige Abstufung in der Realisierung physikalischer Naturbetrachtung klar er-
einer wesentlichen Idee betrachtete. Als Leh- kannt hat, was um so bemerkenswerter ist,
rer Cuvier's verdankte ihm letzterer seine als Leibniz selber Mathematiker war. An
Bildung und seine Richtung. Kielmeyer hat Umfang von Kenntnissen soll er alle Philo-
durch den Nachweis der Analogie und selbst sophen der neueren Zeit übertroffen haben.
der Identität der Lebensgesetze in allen 19)Isaac Newton, 1643-1727, Schöpfer der
Tierklassen die Benützung der einfacheren nach ihm benannten Mechanik, die bis ins
Tierorganismen zum Studium der Vorgänge ausgehende 19. Jahrhundert fast unbestrit-
im menschlichen Organismus vorbereitet.» tene Geltung hatte, der eigentliche Vollen-
— Leibbrand, l. c. der der mechanistisch-physikalischen Na-
12) J. F. Blumenbach, 1752-1840, Anato- turphilosophie.
mieprofessor in Göttingen, Mitbegründer 20) A. v. Hallers Tagebuch seiner Beob-
einer wissenschaftlichen Anthropologie. achtungen, l. c., Bd. 2, S. 96/97 und 143.
Über seine Tätigkeit in Göttingen vgl. Bred- 21) Herder, 1744-1803, seit 1776 in Wei-
now, l. c. mar. Die «Ideen zur Philosophie der Ge-
13) Albrecht von Haller, 1708-1777, Pro- schichte der Menschheit» entstanden zwi-
fessor in Göttingen. Einen guten Einblick in schen 1784 und 1791.
seine wissenschaftliche Denkart vermitteln 22) Immanuel Kant, 1724-1804, Philoso-
die verschiedenen Aufsätze in «A. v. Hal- phieprofessor in seiner Vaterstadt Königs-
ler's Tagebuch seiner Beobachtungen über berg, bis zu seinem Tod. Die Auswirkung
Schriftsteller und sich selbst», 2 Bände, seiner kritischen Philosophie auf die Ent-
Bern, 1787. wicklung der modernen Naturwissenschaft
14)George Louis Leclerc Comte de Buffon, ist allgemein anerkannt, in ihrem Ausmass
1707-1788, seit 1739 'Intendant des könig- und Umfang aber eigentlich noch immer
lichen Gartens in Paris. Er vertrat als Na- nicht genügend erforscht.
turwissenschafter gegenüber der streng 23) Johann Wolfgang von Goethe, 1749-
systematischen Richtung eines Linne eher 1832. Über Goethe als Naturforscher sei vor
eine solche auf biologischer Grundlage. allem auf die eingehende und sehr zuver-
Seine «Histoire generale de la nature» be- lässige neue Darstellung von Hans Fischer
gann 1749 mit 3 Bänden über die Tiere, um verwiesen, «Goethe's Naturwissenschaft»,
im Jahre 1783 mit dem 24. Band abgeschlos- Artemis, 1950, Zürich. — Über Goethe's Be-
sen, später aber noch mehrmals und wesent- ziehungen zu den Naturwissenschaftern von
lich vermehrt herausgegeben zu werden. Jena und Göttingen sei wieder auf die
15) Rene Descartes, 1596-1650, erst Offi- schöne Arbeit von Brednow verwiesen.
zier, später Mathematiker und Philosoph. 14 ) Sven Ludwig Loven, 1809-1895,
Für die abendländische Geschichte der Na- schwedischer Zoolog, Professor und Inten-
turwissenschaft war seine Philosophie von dant am naturgeschichtlichen Reichsmu-
Jahrg. 96 Notizen zur schweizerischen Kulturgeschichte 199

seum in Stockholm. Er hat bedeutende For- ter zur Beförderung der spekulativen
schungsreisen im Norden gemacht, darun- Physik». 1832 erhielt er einen Ruf nach
ter 1837 die erste wissenschaftliche Expe- Berlin. Als begeisterter Patriot hat er an
dition nach Spitzbergen. den Befreiungskriegen teilgenommen.
25) Oken und Kieser, Beiträge zur ver- 3o) Heinrich Rudolf Schinz, 1777-1861, von
gleichenden Zoologie, Anatomie und Phy- Zürich, Mittelschul- und Universitätspro-
siologie. Bamberg und Würzburg, 1806 und fessor in seiner Heimatstadt. Mitbegründer
1807. und 1841 Präsident d. Schweiz. Naturf. Ge-
26)Karl Ernst von Baer, 1792-1876, Schü- sellschaft und langjähriger Präsident d. Na-
ler Döllinger's, Professor der Zoologie und turf. Gesellschaft in Zürich, veröffentlichte
später der Anatomie in Königsberg, 1829 er zahlreiche enzyklopädische zoologische
nach Petersburg übersiedelnd. Er unter- Werke, nebst vielen Neujahrsblättern d.
nahm auf Kosten der russischen Regierung Naturf. Gesellschaft. Betreuer und Schöpfer
mehrere weite Forschungsreisen ins Innere der zoolog. Sammlung d. Universität. Über
Russlands. Er gehört zu den vielseitigsten seine Beziehungen zu Oken, mit dem er,
und geistreichsten Naturwissenschaftern der abgesehen von dessen Naturphilosophie,
neueren Zeit und gilt insbesondere als viele ähnlich gerichtete Interessen teilte,
eigentlicher Begründer der Embryologie. vgl. J. Strohl, Die Universität Zürich 1833
Mit Oken war er längere Zeit in Brief- bis 1933., Zürich, 1938.
wechsel.. Seine Äusserungen über diesen 31) J. Strohl, 1. c., S. 267.
finden sich nach Ecker, l. c. in der «Ent-
32) F. A. Mesmer: Über die Feste und
wicklungsgeschichte der Tiere», Königsberg,
den volkstümlichen Gottesdienst, in «Mes-
1828, im Vorwort, S. XVII.
merismus oder System der Wechselwir-
27) C. H. Pander, 1794-1865, bedeuten- kungen», Berlin, 1814, Bd. 1, S. 290 f. Ir-
der Embryolog aus der Schule Döllinger's,
gendein religiöser Gehalt ist auch in die-
befreundet mit K. E. v. Baer, mit dem zu-
sen Kultvorschlägen nicht zu entdecken.
sammen er als ein Begründer der modernen
Es handelt sich eher um eine Verherr-
morphologischen Embryologie gilt. 1817 ver-
lichung der Weltvernunft als um pantheisti-
öffentlichte er in Würzburg seine «Beiträge
sche Ideen.
zur Entwicklungsgeschichte des Hühnchens
im Ei», mit Kupfertafeln von d'Alton. 33) Friedrich Hoffmann, 1660-1742, gleich
Stahl Medizinprofessor in Halle. Seine
2s) Joseph Wilhelm Eduard d'Alton, 1772
mechanistischen Auffassungen waren für
bis 1840, Anatom, Archäolog und Kupfer-
die weitere Entwicklung der Medizin von
stecher. 1810-1816 erschien in Bonn seine
grosser Bedeutung, vermutlich auch auf
«Naturgeschichte des Pferdes», 1821-1831
F. A. Mesmer und sein System.
ebenda die «Vergleichende Osteologie der
Tiere», beide Werke mit selbstgestochenen 35) Franz von Baader, 1765-1841, mysti-
Kupfertafeln ausgestattet. Mit seinem scher Theosoph. Die erwähnten Schriften
Freund Pander machte er ausgedehnte For- finden sich im 3. Band seiner sämtlichen
schungsreisen. 1818 wurde er Professor für Werke, herausgegeben von F. Hoffmann,
Archäologie und Kunstgeschichte in Bonn. Leipzig, 1852, S. 202 und 247. Über seine Be-
22 ) Heinrich Steffens, 1773-1845, Philo- ziehungen zu Oken vgl. Max Pfannenstiel,
soph, Naturwissenschafter und Dichter. Aus l. c. S. 10 und J. Strohl, Lorenz Oken und
Norwegen über Dänemark nach Deutsch- Georg Büchner, S. 12 und Anm. 3, S. 87. —
land gekommen, wurde er begeisterter An- Kant's «Metaphysische Anfangsgründe der
hänger Schellings. 1804 zum Philosophiepro- Naturwissenschaft» wurden neu herausge-
fessor in Halle ernannt, veröffentlichte er geben und kommentiert von Alois Höfler
1806 in Berlin seine «Grundzüge der philo- im Band 3a der «Veröffentlichungen der
sophischen Naturwissenschaft». 1811 über- Philos. Ges. a. d. Univ. Wien», 1900. Von
siedelte er nach Breslau als Professor der besonderer Bedeutung ist Kant's Vorrede.
Physik, der Naturphilosophie treu bleibend 35) Antoine Laurent Lavoisier, 1743-1794,
und sich als Vollender der Schellingschen einer der Begründer der modernen Chemie
Philosophie fühlend. 1824 veröffentlichte er und hoher Verwaltungsbeamter, der in der
in Breslau eine zweibändige «Anthropolo- Schreckensherrschaft der Französischen Re-
gie» und 1829-1835 zwei Hefte seiner «Blät- volution hingerichtet wurde wegen angeb-
200 Vierteljahrsschrift der Naturf. Gesellschaft in Zürich 1951

licher Korruption und mit der Begründung: kennen, dass der Zusammenhang von Oken's
«On n'a plus besoin de savants.» Zahlensymbolik mit dieser romantischen
30) Adam Karl August Eschenmeyer, Zahlensymbolik mehr ein formaler als ein
1768-1852, seit 1811 Professor der Medizin wesentlicher ist.
und Philosophie in Tübingen, von 1818 an 43) Zum Romantiker gestempelt wird
Ordinarius für praktische Philosophie. Wie Oken von Ricarda Huch, Leibbrand und
Baader von der Naturphilosophie ausge- auch Pfannenstiel, l. c. S. 10.
hend, ebenfalls unter Kant's Einfluss, ent- 4J ) «Das mikroskopische Institut von Au-
wickelte auch er sich immer mehr zu einem gust Menzel und Comp.», erstes Heft, ein-
religiösen und naturphilosophischen Mysti- geführt von Professor Oken, Zürich, 1851.
ker. Mit Baader und auch mit Oken teilte Das zweite und dritte Heft stammte gemein-
er die Vorliebe für Zahlensymbolik. Er ver- sam von dem Zürcher Anatomieprofessor
trat die Ansicht, dass «die Gestaltung des Heinrich Frey und dem Botaniker Carl Wil-
Universums im Zahlensystem verhüllt liege, helm Nägeli.
jedem Ding in der Welt sei eine Zahl ein- 45 ) Albert Kölliker, 1817-1905, Bürger von
verleibt, und könne der Mensch die Zahlen Thalwil und Zürich, Professor für Physiolo-
der Dinge erforschen, so werde er auch gie und vergleichende Anatomie, erst in Zü-
ihre Eigenschaften erkennen und die Na- rich, nachher in Würzburg. Er empfand die
tur werde sich ihm in ihrem innersten We- Vorlesungen Oken's über Zoologie und Na-
sen enthüllen (zitiert nach Ricarda Huch, turphilosophie als «sehr anregend» (Erinne-
die Romantik, Band 2, S. 81 f.). Mit einer rungen aus meinem Leben, Leipzig, 1899,
solch romantischen Zahlenmystik stimmt S. 6).
allerdings Okens offensichtlich nicht über-
ein. Mit Eschenmeyer war dieser schon als 40 ) Carl Wilhelm von Nägeli, 1817-1891,
Freiburger Medizinstudent bekannt gewor- von Kilchberg bei Zürich, hervorragender
den, der zu jener Zeit Stadtphysikus in Pflanzenbiologe, Professor für Botanik in
Kirchheim war. Die zugesandte Erstlings- Zürich, Freiburg i. Br. und in München. Vgl.
schrift Oken's hatte er günstig beurteilt. C. Cramer, C. W. Nägeli, 1896. — Vorwort
C. W. Nägeli's zu «Die Schranken der natur-
37) Oken an K. E. v. Baer, 3. Sept. 1829, wissenschaftlichen Erkenntnis» (im Anhang
bei Ecker, l. c. S. 170. zu «Mechanisch-physiologische Theorie der
3 ) Oken, Lehrbuch der Naturphilosophie, Abstammungslehre», München, 1884, S. 555f.).
3. Auflage, Zürich, 1843, Vorwort S. V—VI. 47 ) C. Cramer, l. c.
30) Baader, Beiträge zur Elementarphy- 46) Diesen Vorwurf machte man der natur-
siologie, 1797, im 3. Band der gesammelten philosophischen Systematik sehr häufig.
Werke (Leipzig, 1852), S. 206, Anm. Oken gegenüber wurde er in der Zürcher
i0 ) J. Strohl, Lorenz Oken und Georg «Freitagszeitung» gleich nach seinem Tod in
Büchner, S. 12. einem Nekrolog erhoben, aber auch dem
von der Naturphilosophie herkommenden
41) Paul Usteri, 1769-1831, Zürcher Arzt, Göttinger Himly, vor allem als Ophthal-
Naturforscher, Staatsmann und liberaler molog bedeutend, wurde er gemacht. (Vgl.
Politiker. «Kleine gesammelte Schriften», Brednow.)
herausgegeben von H. Zschokke, Aarau,
40 ) B. Milt, Die Entwicklung der Zürcher
1832, S. 68.
Naturwissenschaften und ihr Aufschwung
42) J. J. Wagner, 1775-1841, ursprünglich durch den Geist von 1848. Neujahrsblatt der
Schellings Naturphilosophie verpflichtet und Naturf. Ges. in Zürich, 1949, 151. Stück.
Anhänger eines absoluten Idealismus,
50)E. Gagliardi, Alfred Escher, 5.19/20.
machte er die theosophische Schwenkung
des Meisters nicht mit, um schliesslich in 51)Ecker, l. c., S. 172.
einem Schematismus und einer Zahlensym- 5'-) Friedrich Horner, 1831-1886. Bedeu-
bolik festzufahren. Er konstruierte eine tender Ophthalmologe und Professor in Zü-
tetradische Methode und wollte alles zah- rich. (Friedrich Horner: Ein Lebensbild, ge-
lenmässig konstruieren. Vgl. Ricarda Huch: schrieben von ihm selbst, 1887, S. 18.)
Die Romantik, Band 2, S. 79-85, die roman- 53 ) J. Strohl, Lorenz Oken und Georg
tische Zahl. Man wird auch hier bald er- Büchner, S. 22.
Jahrg. 96 Notizen zur schweizerischen Kulturgeschichte 201

54) Die Priorität Oken's ist freilich sehr um den 1804 erschienenen «Grundriss der
fragwürdig. Diese Bläschentheorie wurde Naturphilosophie, der Theorie der Sinne und
schon im 18. Jahrhundert mehrfach zum der darauf gegründeten Classification der
Ausdruck gebracht, u. a. von Turbervill Tiere». Sicher aber hat er Treviranus damals
Needham in seinen «Nouvelles observations gelesen. Da Oken aber in jener Zeit, auch
microscopiques», 1750, und von Heinrich Au- noch in Göttingen, Bücher haufenweise ge-
gust Wrisberg in der «Observatio de animal- radezu verschlang, mag er wohl einmal Ge-
culis infusoriis satura», 1765, in welcher er lesenes für Eigenes gehalten haben. Im Au-
die Erzeugung von Infusionstieren bespricht gust 1805 schrieb Oken aus Göttingen an
und die Verschmelzung zweier solcher In- seinen Freiburger Freund Dr. Keller: «Ich
fusorien auch bereits beobachtet hatte. Otto habe bis diesen Augenblick noch nichts ge-
Friedrich Müller, ein hervorragender däni- schrieben, sondern nur immer aus der hie-
scher Naturforscher, 1730-1784, schrieb in sigen Bibliothek zusammengescharrt. Es ist
seiner 1773-1774 erschienenen «Vermium ungeheuer, wie man hingezogen wird bei
terrestrium et fluvatilium Historia» nach einem solchen Reichtum von Werken ...
Treviranus, «Biologie oder Philosophie der Beschämt und elend steht die neue Welt da
lebenden Natur» (im 2. Band 1803) S. 277 f. in einem solchen Koloss der alten Gelehr-
folgendes: «Löste er (Müller) tierische oder samkeit, wenn man auch nur einige Haupt-
vegetabilische Substanzen durch Maceration werke daraus gelesen hat. Alles ist schon er-
zu einem Häutchen auf, so beobachtete er funden, jeder Gedanke ist schon gedacht
dasselbe, was Needham und Wrisberg sahen. und bleibt wahrlich nichts mehr, als das
Von dem Häutchen trennten sich runde Bla- redigieren, bestätigen und einiges genauer
sen oder sehr kleine Punkte, entweder nach- zu untersuchen und frisch herauszubringen,
einander oder zugleich; diese gerieten in was die herrlichen Alten uns hinterlassen
eine zitternde Bewegung; ihre Bewegung haben. Voriges Jahr dünkte ich mich reich
nahm immer mehr zu, und endlich zeigten an neuen, eigenen Gedanken, wo ich aber
sie sich als ordentliche Infusionstiere (p. 11, in der hiesigen Bibliothek hinblicke, so
not. * * ). Müller schliesst hieraus mit den kämmt mir ein solches Kind entgegen, das
beiden erwähnten Naturforschern, dass alle bald vor 1000, bald 300-10,50 Jahre alt ist.
tierischen und vegetabilischen Substanzen Du siehst nun wohl, was es mich kostet, alle
durch ihre Decomposition zu Häutchen auf- Folianten nachzuschlagen, um nicht mit
gelöst werden, die sich in Bläschen und aus einer Idee gross zu tun und sie für Eigen-
diesen in Infusionstiere verwandeln. Mit den tum zu verkaufen, die doch schon uralt ist.
letztern, die man nicht, wie die meisten Be- So mag ich mich nicht prostituieren, wie
obachter tun, mit den übrigen microscopi- unsere unverschämten sogenannten Natur-
sehen Tieren verwechseln darf, sind seiner philosophen, die einige Formeln gelernt und
Meinung nach alle- Flüssigkeiten angefüllt, sie mit ihrer Studentenweisheit verbunden
und aus ihnen entstehen alle vegetabilischen in die Welt schreien» (Pfannenstiel, l. c.,
und animalischen Formen.» — Dass hier S. 81). — Was Oken verpönte, scheint ihm
Oken's Theorie bereits klar ausgedrückt ist, selber hier doch passiert zu sein, wie es ihm
gute dreissig Jahre vor ihm, kann nicht be- mit Kielmeyer nicht anders gegangen ist,
zweifelt werden. Fraglich ist höchstens, ob schrieb er doch im Jahre 1829 an K. E. v.
Oken diese Stelle gekannt hat oder ob er Baer: «Bisher habe ich wirklich in allem
selber, von sich aus auf gleiche Vorstellun- Ernste geglaubt, dass alle Ansichten der
gen gekommen ist. In einem Brief an Art, welche Meckel aufs Tapet gebracht,
Eschenmeyer schreibt Oken im Jahre 1804 von mir herstammten und habe auch ge-
(Ecker, S. 176), am 15. Januar: «Ich habe glaubt, dass alle Gelehrten es so meinten,
hierüber seither Harwoods vergleichende und diejenigen es so meinen müssten, welche
Anatomie, Treviranus Biologie, Bohadsch de meine früheren Schriften noch im Gedächt-
animalculis marinis, Ellis, Bonnet, Swam- nis haben. Meckeln zu hören hat er selbst
merdam, Blasius etc. geplündert und fand die ersten Gedanken über die Wirbel im
zu meiner Beruhigung überall die kräftig- Kopfe gehabt, von dem Durchlaufen der
sten Belege, die ich anzuführen nie verges- Tierklassen durch den Embryo und umge-
sen habe.» Es handelt sich freilich nicht um kehrt nicht zu reden etc.» Auch hier hat
seine Schrift «über die Zeugung», sondern Oken zweifellos geglaubt, diese Idee stamme
Vierteljahrsschrift d. Naturf. Ces. Zürich. Jahrg. 96, 1951 14
202 Vierteljahrsschrift der Naturf. Gesellschaft in Zürich 1951

von ihm. Carus hat auf diesen Irrtum in Gesellschaft Deutscher Naturforscher und
seiner Geschichte der Zoologie längst hin- Ärzte» anlässlich der Okenfeier im Jahre
gewiesen. 1951.
55) Diese Möglichkeit bleibt trotzdem be- 58)Zu den Missverstehenden muss sich auch
stehen, da zu jener Zeit Oken tatsächlich der Verfasser dieser Zeilen zählen in seinem
als der Vater der Bläschentheorie galt. schon zitierten Neujahrsblatt von 1949.
58 ) Zitiert nach Pfannenstiel, l. c., S. 17. 65) Neue Zürcher Zeitung, 1879, Nr. 357.
57) Georg von Wyss, 1816-1893, Histori- 61 ) Ecker, l. c., S. 211. — Martin Hodes,
ker, Professor für Schweizer Geschichte an 1798-1870, in Zürich P.-D. für Anatomie seit
der Zürcher Universität und deren Rektor dem Wintersemester 1833, seit 1840 ausser-
1872-1874. ordentlicher Professor. Er hat seine Stelle
56) Neudruck in den «Mitteilungen der 1847 aufgegeben und ist in Fulda gestorben.

Wissenschaftliche Gesellschaften
Tätigkeitsbericht der Physikalischen Gesellschaft Zürich 1950/51
1. Vorstand: Fortschritte in der Mikrowellen-Spektro-
Präsident: K. W ie 1 a n d. Vizepräsident: skopie. 25. Januar 1951, Prof. Dr. P.
H. W ä f f l e r. Quästor: H. A. S c h w a r- Preiswerk (Zürich), über: Spektro-
zenbach. Sekretär: H. Thiemann. skopie der Atomkerne. 19. April 1951,
Beisitzer: G. Busch. Revisoren: A. Prof. Dr. E. G. Richardson (New-
Schnetzler und M. Lattmann. castle), über: Elastic Liquids. 17. Mai 1951,
2. Mitgliederbestand: Prof. Dr. M. M i g e o t t e (Liege), über:
Dieser hat in der vergangenen Zwei-Jah- La Mission scientifique beige à la station
resperiode von 240 auf 329 zugenommen, du Jungfraujoch.
ein erfreuliches Ergebnis, das ganz offen- Ferner wurde an sechs Abenden, vom 12.
sichtlich eine Folge der beiden veranstal- bis 19. Februar 1951, ein gut besuchter
teten Vortragszyklen über Thermodyna- Vortragszyklus unter dem Titel «Magne-
mik und Magnetismus bildet. Von den tismus» veranstaltet, mit den folgenden
329 Mitgliedern sind 13 Ehrenmitglieder, Referenten: Prof. Dr. W. Pauli (ETH,
24 Freimitglieder, 260 ordentliche und 32 Zürich), über: Atomistische Grundlagen
ausserordentliche Mitglieder. Zu Ehren- des Magnetismus. Prof. Dr. H. Staub
mitgliedern sind neu ernannt worden die (Universität Zürich), über: Magnetische
Herren Prof. Dr. P. S c h e r r e r und Prof. Eigenschaften der Atomkerne. Prof. Dr.
Dr. F. Tank. Im Jahre 1950 verschied L. N e e 1 (Grenoble), über: Ferromagne-
Kaspar Stockar in Zürich. Ein ge- tismus I und II. Dr. H. L a b h a r t (AFIF,
drucktes Mitglieder-Verzeichnis ist auf ETH, Zürich), über: Ferrite und Dr. J. J.
Juli 1950 neu angefertigt worden. Went (Philips Eindhoven), über: Dauer-
3. Vortrdge: magnete.
23. Oktober 1950, zusammen mit der ETH, 4.Finanzen:
Dr. C. E. S h a n n o n (New York), über: Stand per 31. März 1951
The Theory of Communication. 16. No- Einnahmen Fr. 3 897.50
vember 1950, Prof. Dr. G. Busch (Zü- Ausgaben Fr. 4 249.86
rich), über: Elektronenleitung in homöo- Vermögen Fr. 9 883.42
polaren Kristallen. 30. November 1950, Fonds für eine Inter-
Prof. Dr. Balth. van der Pol (Genf), nationale Tagung für Physik Fr. 972.10
über: Smoothing and "Unsmoothing" in Zürich, den 17. Mai 1951.
Different Fields. 14. Dezember 1950, Prof. H. Thiemann.
Dr. J. M. Jauch (USA), über: Neuere