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N ° 51/52 — 2 1 .

De z e m be r 201 9
N ° 51/52 — 2 1 . De z e m be r 201 9

EDITOR I A L
Hier eine Frage, die Sie während der Weihnachtstage ins Fa-
miliengespräch einstreuen können: Wenn ihr an die letzte
Dekade denkt, also die Jahre von 2010 bis 2019, was bleibt
euch am stärksten in Erinnerung?
Was von einer Dekade übrig bleibt, was mitgenommen
wird in die nächste, was vielleicht sogar einen Fortschritt be-
deutet – das ist eine künstliche Frage. Sie zu stellen ist ein op-
timistisches Spiel, ein hilfreiches vielleicht, in Zeiten fehlen-
der Zukunftssicherheit. Die Antworten fallen stets unter-
schiedlich aus, aber sie sind interessant, weil sie zeigen, wie
extrem unterschiedlich Menschen Gegenwart erleben. Wir
haben uns in diesem Heft auf viele Einzelheiten eingelassen,
das können Dinge sein, Produkte, Personen, Ideen, Verhal-
tensweisen oder politische Entscheidungen, die nach An-
sicht der an dieser Nummer Mitarbeitenden eminent sind.
Eminent im Sinne von bedeutsam, sie waren prägend, und
sie werden es bleiben. Natürlich ist jeder einzelne Eintrag
eine Behauptung – aber braucht man die nicht manchmal,
um überhaupt sehen und verstehen zu können?
Eine besondere Freude haben wir an den gezeichneten
Beiträgen Ruedi Widmers. Während wir uns an der Gegen-
wart abgearbeitet haben, sah der Kollege gewohnt hellsich-
tig in die Zukunft.
Die Redaktion wünscht Ihnen allen frohe Weihnachten
und viel Glück im kommenden Jahr.
Finn Ca noniCa & Mik a el k rogerus

PS: Die nächste Ausgabe von «Das Magazin» erscheint


am 11. Januar 2020.

DA S M AG A Z I N N ° 51/52 — 2019

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2010 –201 9

Podcast Stützstrümpfe
Veganer Lebensstil 4 Haus ohne Heizung 32
John Oliver Quantencomputer
Direct-acting antivirals 5 Patagonia 33
Videobeweis Un-Design
Gesetze 6 Überbevölkerung 34
Spotify und Netflix Anxiety
«Boyhood» 7 Das Zweinutzungshuhn 35
Die Campagnolo-Schaltung Andys Stimme
Der weibliche Orgasmus 8 Der Hoodie 36
ETF Die Wärmepumpe
Anthropozän 9 Gendergerechte Sprache 37
Facetime Simone Biles 38
«Subutex» 10
Esther Duflo Kolumnen 40
Darm-Hirn-Connection 11
Jacinda Ardern 12
«Wir schaffen das» 15
Sotschi 2014
BI L D C OV E R : D OUGL A S M A N DRY; I L LU S T R AT ION E DI T OR I A L: RU E DI W I DM E R

Die europäische Stadt 16


Die Ukraine
Instagram 17
Multifokale Kontaktlinse
Pinot noir 18
Green Turn
Generation Greta 19
VW-Skandal
Elena Ferrante 20
Solidarität
Das E-Bike 22
Luc Tuymans
Der Nachtzug 23
Akku-Velolicht
Karl Ove Knausgård 24
Microdosing mit LSD
Yotam Ottolenghi 25
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Greta Thunberg 26
#MeToo 29
Welsche Nobelpreisträger
Bullet-Schach 30
«Alright»
Bibliotheken 31
PODCAST
Das neue Leitmedium

«Podcast» ist eine dieser albernen Apple-Wortschöp-


fungen; eine Verschmelzung der Wörter «iPod» und
«broadcast» (engl. für übertragen). Das war Anfang
der Nullerjahre, und nur kühne Visionäre glaubten
damals, dass das neue Audioformat zehn Jahre später
die Medieninnovation schlechthin werden würde.
30-mal interessanter als 360-Grad-Reportage, 100-
mal billiger als Virtual Reality. Der Podcast vereint all VEGANER LEBENSSTIL
das Tolle des klassischen Radiohörens – man kann Was wir alle tun können
nebenbei kochen, Auto fahren, joggen – und befreit
zugleich vom Nervigsten am Radiohören: den zeit- Die negativen Klimafolgen der Fleisch- und Milch-
lich begrenzten Redebeiträgen. Podcasts können produktion der Landwirtschaft sind verheerender als
Stunden dauern. Endlich haben die Gäste Zeit, ihre die des weltweiten Autoverkehrs. Veganer werden ist
Gedanken zu entwickeln, und endlich werden die der einfachste Schritt, den der Einzelne unterneh-
Beiträge der Komplexität ihres Gegenstandes ge- men kann, um einen bedeutenden Beitrag zum Schutz
recht. des Klimas zu leisten. Das ist die Wahrheit, jeder
Vier Wahrheiten zum Phänomen Podcast: Wurstfreund, jede Kalbsbrust-Liebhaberin kennt sie.
1. Podcasts haben eine der grössten Fehlannah- Wir leben in klimakatastrophalen Zeiten, das ist
men über die Generation Z nachhaltig widerlegt, schwer auszuhalten. Wir wissen, was passiert, müs-
nämlich jene, dass die Digital Natives eine ultrakurze sen uns das aber immer wieder vor Augen führen, uns
Aufmerksamkeitsspanne hätten und ständig ani- mit brutalen Zahlen und Fakten beladen, über das
miert und gelockt werden müssten. Bullshit! Sie kön- Schmelzen der Eiskappen, das Verschwinden von
nen sich ohne Probleme vier Stunden lang ein Ge- Tierarten, über Dürren und drohende Klimakriege.
spräch zwischen zwei Menschen anhören. Und erst Es ist ein bisschen so, als litten wir alle an einer post-
noch auf Englisch. Denn die interessantesten Pod- traumatischen Belastungsstörung, wie der Öko-Phi-
casts – dies Punkt 2 – sind amerikanisch. Die USA mö- losoph Timothy Morton sagt. Dennoch ändern nur
gen vielerorts am Verlieren sein, aber wenn es um wenige ihr Verhalten. Das ist normal, das viele Wis-
Storytelling geht, liegen sie noch immer vorne. 3. Je- sen lähmt, gleichzeitig kann man sich verkriechen in
der kann Podcasts produzieren. Man braucht kein dem Gedanken, dass Millionen ebenso handlungs-
Studio und auch kein Studium. «Machen wir einen unfähig sind wie man selbst.
Podcast?», ist das neue «Lass uns eine Band grün- Der vegan lebende Mensch hat sein Leben geän-
den». 4. Die grossen Podcasts verdienen Geld. Alle dert, er ist uns einen Schritt voraus. Wenn er mit sei-
anderen? Nichts. Warum es trotzdem so viele ma- ner asketischen Figur im Bioladen an einer Rande
chen? Vielleicht, weil es Spass macht. Vielleicht, weil schnüffelt oder sich genau nach den Ingredienzen
es so einfach ist. Vielleicht, weil wir grade merken, eines Brotaufstrichs erkundigt, zieht er unseren Spott
dass Sinnhaftigkeit wichtiger ist als Profit. auf sich. Seine radikale Lebensweise führt uns die
Mikael Krogerus eigene Schwäche vor Augen. Deswegen müssen wir
ihn diskreditieren, ihn als Sektierer bezeichnen, als
Fundamentalisten, als einen Unsympathen, der sich
moralisch überlegen fühlt.
Veganismus ist eine jahrtausendealte Praxis, sei-
ne Ursprünge hatte er vermutlich auf dem indischen
Subkontinent. Im frühen 20. Jahrhundert gehörte der
vegane Lebensstil zur Avantgarde des esoterischen
Modernismus. Im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhun-
derts entwickelte sich der vegane Lebensstil allmäh-
DA S M AG A Z I N N ° 51/52 — 2019

lich zu einem Lifestyle. Die Grossverteiler haben ihr


Angebot angepasst, vegane Restaurants kochen an-
spruchsvoller, vor allem bei Jugendlichen gilt ein ve-
ganer oder wenigstens vegetarischer Lebensstil als
nachahmenswert, ja sogar als cool.
Die Kuh ist ein schönes, liebenswertes Tier. Eines
Tages werden wir sie nur noch im Zoo besichtigen.
Finn Canonica

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JOHN OLIVER
Investigativer Humor

«In vielerlei Hinsicht erleben wir derzeit einen Boom


der politischen Comedy.»
Okay, der Satz rockt jetzt nicht so. Man denkt: Er­
zähl mir was, das ich noch nicht wusste. Das Bemer­
kenswerte ist, dass der Satz aus einer wissenschaft­
lichen Arbeit stammt (Georgetown University), die
sich mit der Relevanz und der Wirkung politischer
Comedy befasst. Aus einer der vielen Arbeiten, die
sich derzeit mit politischer Comedy befassen.
Die meisten dieser Studien fokussieren auf die
angelsächsischen Leit­Comedians, die dank Social
Media, Gratis­ und Jugendpresse auch hierzulande zu
household names geworden sind: Jon Stewart, Ste­
phen Colbert, Trevor Noah, Samantha Bee etc. Es
gibt mittlerweile so viele und so viele gute, dass man
bisweilen den Überblick verliert. Ein Name jedoch
wird stets an die erste Stelle gesetzt, wenn es um «Re­
levanz» und «politische Wirkung» geht: John Oliver.
John Oliver, seit 2014 Moderator von «Last Week
Tonight» auf dem amerikanischen Bezahlsender
HBO, geboren 1977 in Birmingham, UK, der Akzent
so britisch, dass der «Guardian» ihn für eine Art
Showakzent hält, der dazu dient, die diesbezüglich
leicht verführbaren Amis zu bezirzen, rhetorisch der­
art brillant, dass es einem als Äh­Schweizer kalt den
Rücken hinunterläuft.
Der entscheidende Grund, wieso John Oliver die
Konkurrenz übertrumpft: Eine solche Kombination
aus recherchiertem Tiefgang und grandiosem Witz DIRECT-ACTING ANTIVIRALS
hat die TV-Welt noch nicht gesehen. Die Folge davon, Neues Medikament gegen Hepatitis C
so der Befund der Wissenschaft, ist der «John­Oliver­
Effekt»: globale Breitenwirkung (ein Beitrag zu Hepatitis C ist eine Virusinfektion, die bei einigen Pa­
Trump wurde innerhalb eines Monats auf Youtube tienten harmlos verläuft, bei anderen jedoch zur Zer­
und Facebook 85 Millionen Mal aufgerufen), gepaart störung der Leber mit Dekompensation und Leber­
mit politischem Einfluss, der sich sogar in Gesetzes­ krebs führt. In der Schweiz war Hepatitis C lange Zeit
I L LU S T R AT ION EN: RU E DI W I DM E R

änderungen und angepassten Industriestandards die häufigste Ursache für Lebertransplantationen.


niederschlägt. Wie oft, wenn etwas Aussergewöhnli­ Therapeutisch gab es nur das sechs­ bis zwölfmona­
ches entsteht, werden Regeln gebrochen und Genre­ tige Ribavirin/Interferon­Spritzenregime, mit hefti­
grenzen überschritten. Und so wird bei John Oliver gen psychischen Nebenwirkungen. Vor jeder Therapie
die Frage gestellt: Ist das noch Comedy? Oder schon haben wir Ärzte daher die seelische Situation der Pa­
Qualitätsjournalismus? (Zu seinem Team gehören tienten untersucht, bevor wir sie durch die Hölle einer
ehemalige Journalisten von «New York Times» und Interferontherapie schickten. Zudem lagen die Hei­
«Pro Publica».) Die beste Antwort gibt die Zeitschrift lungschancen nur bei 45 bis 80 Prozent. Eine schwie­
«Vanity Fair» – sie bezeichnet sein Wirken als «inves­ rige Therapie für eine schwere Krankheit. Immer wie­
tigativen Humor». der hiess es, Forscher stünden vor dem Durchbruch,
Vielleicht stellt sich ja auch im deutschsprachi­ bald gebe es neue Behandlungen – aber es kam nichts.
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gen Raum ein John­Oliver­Effekt ein, wo verkrampft Bis 2015 plötzlich ein echter game changer auftauch­
am Gegensatz zwischen «U» und «E», seicht und re­ te: «direct­acting antivirals». Heute gibt es Hepatitis­
levant, lustig und seriös festgehalten wird. Denn Oli­ C-Therapien verschiedener Hersteller: im besten Fall
ver beweist, dass humorvoll, leidenschaftlich und gut eine Tablette, einmal täglich, zwei bis drei Monate,
informiert eine unschlagbare Kombination sind. 99 Prozent Heilungschancen, praktisch keine Neben­
Bruno Ziauddin wirkungen. Hepatitis C als Grund für eine Lebertrans­
plantation ist weitgehend verschwunden.
Dr. Benjamin Misselwitz, Gastroenterologie, Inselspital

5
VIDEOBEWEIS
Wahre Tore wurden nicht gegeben,
Falsche zählten. Furchtbar war das Leid.
Doch wir lernten, wie das Vieh zu leben:
Unterm Joch der Ungerechtigkeit.

Schwalben führten häufig zum Elfmeter,


Hinter Schiris Rücken trat man zu,
Wembley­Tore führten zu Gezeter – GESETZE
Heisse Tränen weinten ich und du. Beispiel: Anschubfinanzierung für Krippenplätze

Hand im Strafraum wurde übersehen, Mit der Gleichberechtigung ist es wie mit dem Klima­
Kurz bevor man falsches Abseits pfiff. wandel: Es gibt Dinge, die man selbst tun kann, um
Spieler mussten völlig schuldlos gehen, die Situation zu verbessern, aber vieles ändert sich
Wenn ein Mann zur roten Karte griff. erst, wenn die Politik eingreift. Gutes Beispiel: die
Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Es kam für hie­
All dies Leid gelangs zu überwinden. sige Verhältnisse einer Revolution gleich, als am 1.Fe­
Wahrheit siegte über Lug & Trug. bruar 2003 das Bundesgesetz über Finanzhilfen für
Und auch wenns nicht alle super finden: familienergänzende Kinderbetreuung in Kraft trat.
Ich finds super. Und ich bin genug. Zunächst galt es für acht Jahre, wurde aber zweimal
um je vier Jahre verlängert. Bis Anfang 2019 konnten
Thomas Gsella so 60100 neue Betreuungsplätze geschaffen werden,
vom Bund unterstützt mit 373 Millionen Franken.
Das Gesetz dürfte einen nicht unerheblichen Anteil
daran haben, dass bei Frauen die Erwerbsquote in
dieser Zeit von 68 auf 80 Prozent stieg. Das ist ein
Fortschritt, doch der genügt nicht. Denn noch immer
ist das Modell des Vollzeit arbeitenden Vaters und der
Teilzeit arbeitenden Mutter am weitesten verbreitet:
Bei Familien, deren jüngstes Kind zwischen vier und
zwölf Jahre alt ist, macht es 67 Prozent aus, bei sol­
chen mit jüngeren Kindern immer noch 59 Prozent.
Auch darum kam die Bildungskommission des Natio­
nalrats Ende 2017 zum Ergebnis, dass die Anschub­
finanzierung für Krippen­ und Tagesschulplätze ein
drittes Mal verlängert werden muss. Doch der Bun­
desrat war anderer Meinung: Es waren die vier bür­
gerlichen Männer des Gremiums, die im darauffol­
genden Frühling den Entscheid durchsetzten, das
Impulsprogramm auslaufen zu lassen: Ueli Maurer,
Guy Parmelin, Johann Schneider­Ammann und Igna­
zio Cassis.
Dass Schweizer Eltern im Vergleich zum Ausland
noch immer überdurchschnittlich hohe Tarife für ex­
terne Kinderbetreuung bezahlen und sich die Er­
werbstätigkeit beider Elternteile deshalb kaum oder
gar nicht lohnt, wie es derselbe Bundesrat noch 2016
in einer Botschaft formuliert hatte? Geschenkt. Im
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Sommer 2018 dann die Überraschung: Sowohl der


Nationalrat als auch der Ständerat sprachen sich
gegen den Bundesrat und für die Verlängerung des
Verpflichtungskredits in Höhe von 124.5 Millionen
Franken aus. Eine gute Nachricht. So dauert die Re­
volution vom 1. Februar 2003 nun mindestens bis ins
Jahr 2023.
Christof Gertsch

6
SPOTIFY UND NETFLIX
Streaming setzt sich durch

Eine der ersten Branchen, die wegen des digitalen


Wandels kollabierte, war die Musikindustrie. Ihr Um-
satz halbierte sich in den Nullerjahren, als sich im
Internet (damals noch ein separater Raum!) ein un-
erschöpflich scheinendes Füllhorn an Musik öffnete.
Plötzlich gab es alles, was man in der Ära der CDs und
LPs mühsam hatte suchen und kaufen müssen, auf ir-
gendeiner Filesharing-Plattform kostenlos.
2006 kamen die Schweden. Über den Musik-
streamingdienst Spotify kann man jederzeit seine
Musik im Netz hören – entweder mit Werbepausen
oder gegen Abogebühr. Ganz ohne Download, Verbo-
te oder aufwendige Plattensuche in Musikgeschäf-
ten. Streaming ist die Abschaffung des Besitzes in der
Musik. Aber für den längsten Teil der Menschheits-
geschichte hatte es das ja sowieso nicht gegeben. Mu-
sik war bis zur Schallplatte stets flüchtig gewesen
oder selbst gemacht. Bei Filmen hat es Besitz kaum je
richtig gegeben. Die Epoche der Videokassetten und
schillernden Blu-Rays war noch kürzer. Ab etwa 2012
explodierte das Streaming – übrigens auch bei Video.
Aus dem gemütlichen Fernsehabend wurde der ge-
mütliche Netflix-Abend. Streaming hat unser Leben
verbessert und nebenbei die Musikindustrie gerettet.
Seit Jahren steigen deren Umsätze gewaltig, was fast
allein am Streaming liegt. Leider ist der Energiever-
brauch riesig, und man muss hoffen, dass Systeme ef- «BOYHOOD»
fizienter werden. Ökotipp: Streaming besser über Der Film der Dekade
WLAN als übers Handynetz. Häufig gehörte Songs
lokal abspeichern, also zum Beispiel im Smartphone. Erst «Boyhood» liess einen den unvermeidlichen
Hannes Grassegger Lauf der Dinge mit einem einzigartigen Verhältnis
aus Nähe und Distanz betrachten: Richard Linklater
verfilmte eine Familiengeschichte mit denselben
Hauptdarstellern und nahm sich dafür zwölf Jahre
Zeit. So sieht man den Menschen beim Reifen zu. Im
Zentrum steht Mason (Ellar Coltrane), dem man
durch Irrungen und Wirrungen, von seinem sechsten
Lebensjahr bis zu seinem Eintritt ins College mit
achtzehn, folgt – aus einem süssen, pausbäckigen
Jungen wird, im Zeitraffer eines Kinobesuchs, ein
zweifelnder Heranwachsender. Jedes Jahr traf sich
die Filmcrew für wenige Drehtage – und dass dabei
am Ende ein Film wie aus einem Guss entstand, ist
ein Wunder für sich.
Das eigentliche Wunder aber ist, was Linklater
als «simple Idee» beschrieb: «to watch time work
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through a film». Wie die Zeit an uns arbeitet, an unse-


ren Körpern und Seelen, die Langzeitstudie ist schär-
fer kaum möglich, weil wir hier ausnahmsweise von
aussen nach innen schauen können – und fast neben-
bei wird einem angesichts des grandiosen Spiels auf
der Leinwand klar, dass auch unser eigenes Leben zu
grossen Teilen Fiktion bleibt.
Anuschka Roshani

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DER WEIBLICHE ORGASMUS
Die Welt entdeckt die Klitoris

Der weibliche Orgasmus existiert natürlich schon seit


längerem. 1968 wurde die sexuelle Befreiung gefei-
DIE CAMPAGNOLO-SCHALTUNG ert, endlich glaubte man die diskriminierenden, ein-
Mechanik statt Elektronik engenden Altlasten abgeschüttelt. Entweder scheint
die damalige Revolution selektiv gewesen zu sein be-
Das Geniale an der Erfindung des Velos ist bekannt- züglich ihrer Inhalte und Mittragenden, oder Men-
lich seine Einfachheit. Trotzdem wird diese Erfin- schen sind einfach unglaublich vergesslich. Zwei Ge-
dung immer weiter verfeinert, auch heute noch. Jahr nerationen später geboren, suchte ich die Errungen-
für Jahr kommen Innovationen auf den Markt. Man- schaften der 1968er lange vergeblich. In breiten
che dieser Innovationen sind erstaunlicherweise Kreisen galt Sexualität, losgelöst vom Konzept ro-
nicht bloss Marketinggedröhne, sondern tatsächliche mantischer Liebe, als verwerflich. Die von den Hip-
Verbesserungen. Ein Meilenstein in dieser Hinsicht pies verkündete «freie Liebe» wurde – zu Recht – ver-
war 2018 die Einführung der Zwölffach-Rennrad- dächtigt, patriarchalische Machtstrukturen unter
schaltung des italienischen Herstellers Campagnolo. egalitärem Deckmantel zu reproduzieren, und die
Man hat nun also ein zwölffaches Ritzel am Hinter- Darstellung sexuellen Verlangens blieb männlich ge-
rad, vorne wie gehabt zwei Kettenblätter, macht total prägt. Für einen Diskurs über weibliche Lust, über
vierundzwanzig Gänge. Und nicht nur aus ästheti- Gleichstellung auch in der Sexualität, war die Prüde-
scher Sicht ist diese Innovation von Campagnolo den rie trotz der vermeintlichen Aufgeklärtheit lange zu
Schaltgruppen der anderen Anbieter überlegen, auch gross. Im Verlauf des vergangenen Jahrzehnts aber
vom Schaltgefühl her bietet das Produkt aus Vicenza ergab sich ein neues Bild, geprägt von Kinofilmen
Perfektion. Der Schaltvorgang läuft geschmeidiger über weibliche Orgasmen, Mainstreammedien, die
denn je. So kommt man ohne Mühe über jeden Berg. «How to orgasm»-Artikel veröffentlichen, ausver-
Rennradfahrerinnen und -fahrer lieben nur et- kauften Porny Days in Zürich. 2016 hat die französi-
was noch mehr, als mit dem Velo durch die Land- sche Künstlerin Odile Fillod das erste 3D-Modell
schaft zu fahren, nämlich: über Velos und deren Kom- einer Klitoris erstellt. Als Open-Source-Datei gratis
ponenten zu reden. «Techtalk» nennt man das. Und zugänglich konnte das jahrhundertelang ignorierte
ich kann schon einige ausrufen hören: «Die Zwölf- und mystifizierte Organ erstmalig von der Welt be-
fachschaltung? So ein Blödsinn! Die geilste Innova- staunt werden.
tion der letzten Jahre war doch die kabellose elektro- So funktioniert das also. Tabus werden aufgebro-
nische Schaltung des US-amerikanischen Herstellers chen, der gaze wird weniger male, das Gespräch über
Sram, die im Frühling 2016 auf den Markt kam!» Körperlichkeit und Sexualität wird ungehemmter,
Dem möchte ich jedoch widersprechen. Von einem ehrlicher und inklusiver.
technokratischen Standpunkt aus gesehen, mag dem Fabienne Girsberger
zwar so sein, doch emotional, philosophisch und äs-
thetisch betrachtet, sieht die Sache anders aus. Die
italienische Eleganz etwa steht in krassem Kontrast
zum technoiden Design der Amerikaner. Die Perfek-
tionierung des Bewährten, die liebevolle Pflege des
Bestehenden, das Fortführen der Tradition in die Zu-
kunft – das ist für mich das Grossartige. Eine kabel-
lose elektronische Schaltung? Tipptopp, wenn man
gerne kleine Elektromotoren surren hört. Aber mit
der mechanischen Variante muss ich niemals überle-
gen, ob der Akku noch genügend Saft hat. Es funktio-
niert einfach. Ohne Strom. Aber perfekt. Was für eine
Musik! Die sirrende Kette, die greifenden Zähne, das
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mechanische Klicken der Hebel, die Leichtigkeit, mit


der die Dinge funktionieren. So muss es sein. Denn
darum geht es beim Rennvelofahren: nicht nachden-
ken zu müssen, sondern sorglos glücklich zu sein,
unterwegs auf diesem genial einfachen Ding, das ein-
fach genial ist, zweimal zwölffach genial, um genau
zu sein, also vierundzwanzigfach.
Max Küng

8
ANTHROPOZÄN
Der Zustand unserer Welt

Im Jahr 2000 lauschte der niederländische Atmo-


sphärenforscher Paul J. Crutzen an einer Konferenz
in Cuernavaca, Mexiko, einer Präsentation von Wis-
senschaftlern, die sich mit dem Holozän beschäftig-
te. So nennt man die warme, stabile Klimaphase, die
sich über die letzten circa zehntausend Jahre er-
streckte und massgeblich die Sesshaftwerdung, den
Ackerbau und die Viehzucht ermöglichte. Plötzlich
ergriff Crutzen das Wort, so erinnern sich Teilneh-
mer, und rief: «Hört auf, vom Holozän zu sprechen,
wir befinden uns nicht mehr im Holozän!» Vielmehr
brauche man ein neues Wort für ein neues Zeitalter,
in dem der Mensch zum wichtigsten Einflussfaktor
auf die biologischen, geologischen und atmosphäri-
schen Prozesse auf der Erde geworden ist: «Anthro-
ETF pozän», in etwa «das menschengemachte Neue».
Das neue Anlegen In den Zehnerjahren fand der Begriff seinen Platz
nicht nur in der Forschung, sondern auch im Be-
Wer an der Börse Geld anlegt, geht ein Risiko ein, wusstsein der Menschen.
denn die Aktie kann abstürzen. Deshalb sollte man Mikael Krogerus
nicht nur Aktien eines Unternehmens zu kaufen, son-
dern das Risiko «streuen», wie es heisst, indem man
verschiedene Aktien kauft. Weil das aufwendig ist,
investieren viele in einen Fonds. Die darin gebündel-
ten Mittel werden von einem Vermögensverwalter
«aktiv» gemanagt, also investiert. In den letzten
zehn Jahren erlebte ein bestimmter Anlagefonds
einen gewaltigen Aufschwung: der ETF (exchange-
traded fund). Beim ETF wird das Geld «passiv» ver-
waltet, das heisst, die Gelder werden nicht gezielt in-
vestiert, sondern der Vergleichsindex (zum Beispiel
der SMI oder der Dow Jones) wird nachgebildet:
Steigt der Vergleichsindex, steigt der ETF; fällt der
Vergleichsindex, fällt der ETF. Der Clou: «Passiv» ist
günstiger als «aktiv», aber erzielt die gleichen oder
sogar bessere Ergebnisse. Und das veränderte nach-
haltig die weltweite Investmentlandschaft. ETFs
sorgten für den Niedergang aktiv gemanagter Invest-
mentfonds; sorgten indirekt auch für das Aus vieler
kleiner, ebenfalls zu teurer Vermögensberater an den
Finanzplätzen Zürich, Genf und Lugano und mach-
ten viele der vorher gefeierten, völlig überteuerten
Hedgefonds obsolet. Doch ETFs haben auch Schat-
tenseiten: Da sie gewisse Aktien (je nach Ausrich-
tung) automatisch abbilden, also kaufen, steigen
auch die Kurse von Unternehmen, die eigentlich
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schlecht wirtschaften. Auch üben ETFs keinerlei Ak-


tionärsrechte aus – sie sind sozusagen ein Segen für
das «Immer weiter so» in der Wirtschaft. Einige Öko-
nomen sehen in ETFs gar eine Zeitbombe, die in der
zu erwartenden Krise als Brandbeschleuniger funk-
tionieren wird.
Wir lernen: Auch im Guten droht das Böse.
Thomas Sevcik

9
«SUBUTEX»
Eine Ahnung vom Ende bekommen

Es ist nicht die erste literarische Schilderung eines ge-


sellschaftlichen Totalschadens, die Virginie Despen-
tes im ersten Teil ihrer «Subutex»-Trilogie abliefert.
Aber es ist die erste, in der für die Befindlichkeit des
Helden das iPhone die Hauptrolle spielt.
Dem charismatischen Plattenhändler Vernon
Subutex schmilzt zuerst das Geschäft – Schallplatten!
– unter den Händen weg. Dann kann er sich seine
Wohnung nicht mehr leisten, und während er noch die
Realität als Komödie betrachtet, fliegt er schon auf die
Strasse.
Handyvertrag hat Subutex längst keinen mehr.
Als letzte Möglichkeit, an die Gesellschaft anzudo-
cken, bleiben die WLAN-Netze, die unsichtbar über
Paris liegen und meistens mit komplizierten Pass-
worten gesichert sind. Für den Anschluss an die Ge-
sellschaft muss er sich also «einloggen» – ein stärke-
res Bild ist mir in der Literatur dieser Jahre nicht
untergekommen. Nur das Einloggen schafft den Zu-
gang zur Möglichkeit, auf Facebook jemanden zu ent-
decken, bei dem man um Unterkunft für ein paar
Tage nachfragen könnte, und um dafür die richtigen
Voraussetzungen zu schaffen, müssen immer wieder
ein paar nebbiche Posts abgesetzt werden, damit der
Schein eines geregelten Lebens aufrechtbleibt, we-
nigstens in der eigenen Timeline.
FACETIME Subutex surft die Sofas von Bekannten und
Die App für Grosseltern Freundinnen. Er revanchiert sich für Gastfreund-
schaft und warmes Essen mit Witz und guter Musik,
Letztes Jahr bekam ich eine Einladung zu einer Bris, bis alle Unverbindlichkeiten aufgebraucht sind. Die
einer traditionellen jüdischen Beschneidung, in der ironischen Vibes unserer Selbstverständlichkeiten
Wohnung eines Freundes in Washington, D.C. Der münden jetzt im unvermeidbaren Schrecken: Auf
kleine Moses wurde auf ein Bettchen gelegt, der Be- diesen Punkt hin hat die grossartige Virginie Despen-
schneider packte seine Schere aus, und dann kam der tes ihren Roman konstruiert. Zuerst schnorrt Subutex
Facetime-Call. Fast 4000 Kilometer entfernt, in mit den üblichen Witzchen an der Bushaltestelle eine
Portland, Oregon, an der Westküste, sassen die auf- Zigarette – «Ist das nicht ein Widerspruch – ich meine
geregten Grosseltern. Mit ihnen waren wir zu zwölft bio essen und rauchen?» –, dann kriegt er die ganze
im Raum. Dann schrie der Kleine ganz kurz, und Packung geschenkt, weil sein Schicksal der Frau mit
schon war es passiert. der Tüte vom Bioladen direkt ans Herz geht.
Mit Bildtelefonie wurde schon in den 1930ern ex- Dieses «Mitleid ohne Verachtung» trifft Subutex
perimentiert, Videokonferenzen gab es in der Ge- ins Mark. Es symbolisiert, meisterhaft, dass der Ab-
schäftswelt seit den 1990ern. In den Nullerjahren in- sturz unumkehrbar ist.
stallierten sich viele Computerbesitzer das störanfäl- Christian Seiler
lige Videochatprogramm Skype. Zum Durchbruch
der Bildtelefonie mussten noch wichtige Elemente
dazukommen: Smartphones mit Objektiven auf der
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Vorderseite, datenstarke Mobilfunknetzwerke und


Steve Jobs Ankündigung vom 7. Juni 2010, das
iPhone4 werde mit Facetime ausgestattet sein. Seit-
her hat es die Bildtelefonie verstreuten Familien und
Liebespaaren ermöglicht, weltweit zusammenzu-
kommen. Nur in die Augen sehen kann man sich
nicht über Facetime.
Hannes Grassegger

10
DARM-HIRN-CONNECTION
Der Zusammenhang von Psyche und Ernährung

Das Magazin: Herr Professor Hasler, Sie fragen


als Psychiater Ihre Patienten stets, wie sie sich er-
nähren. Warum?
Weil wir seit einiger Zeit wissen, dass die Bakterien im
Darm grossen Einfluss auf die Psyche haben. Seit etwa
fünf Jahren gibts in der akademischen Welt einen «Mi­
krobiom­Boom», weltweit viele Studien zur Darm­
Hirn­Achse. Ich selbst stiess auf das faszinierende
Thema durch eine Studie, bei der ich feststellte, dass
viele depressive Patienten an Bauchschmerzen litten.
Die Kollegen vorher hatten pauschal angenommen,
solche Beschwerden seien psychisch bedingt.
Und wie war Ihr Befund?
Ich habe den Weg quasi umgekehrt und gefragt: Was
ist, wenn diese Beschwerden nicht Symptome einer
psychischen Erkrankung sind, sondern die Ursache
für Stimmungstiefs? Deshalb bitte ich meine depres­
siven Patienten auch, ein Esstagebuch zu führen.
Wenn zum Beispiel einer ständig zu McDonald’s geht
oder sich nie Ruhe zum Essen nimmt, versucht man
es mit kleinen Verhaltensänderungen: etwa statt
eines Gipfeli am Morgen ein Joghurt. Zudem eine ge­
kochte Mahlzeit am Tag, die man im besten Fall mit­
einander einnimmt. Essen ist ja eine soziale Sache.
Den meisten tun solche Gewohnheiten extrem gut.
Wieso wurde die Bedeutung des Darms für die
mentale Gesundheit so spät erkannt?
«Alles beginnt im Darm», sagte Hippokrates, für die
Melancholie machten die Griechen die Galle verant­
ESTHER DUFLO wortlich. Unsere christliche Tradition und ihre Lehre
Erbrachte den Nachweis, dass Quoten funktionieren von der unsterblichen Seele hat den Darm dann ver­
drängt – und die westliche Psychologie machte den
Esther Duflo erhielt für ihre Forschung im Bereich Fehler zu glauben, die Psyche sitze im Gehirn. Eine
der Entwicklungsökonomie den diesjährigen Wirt­ chinesische Studie hat kürzlich belegt, dass die Bak­
schaftsnobelpreis. Mit 47 Jahren ist Duflo die jüngste terien hochdepressiver Menschen depressionsähn­
Preisträgerin überhaupt und erst die zweite Preisträ­ liche Symptome bewirken, wenn sie in den Darm von
gerin in ihrem Feld. Duflo und ihre beiden ebenfalls Mäusen transferiert werden. Aber wir wissen nicht,
ausgezeichneten Kollegen Abhijit Banerjee und Mi­ welches Bakterium welche Krankheit auslöst. Das ist
chael Kremer haben sich einen Namen in der ökono­ ein grosses Forschungsfeld.
mischen Feldforschung und in der Armutsbekämp­ Was raten Sie?
fung gemacht. Bekannt wurden sie durch ihre soge­ Vieles weist darauf hin, dass eine traditionell­medi­
nannten randomisierten kontrollierten Feldstudien terrane Ernährung gesünder ist als eine industrielle
(randomized controlled trials, RCT): Ähnlich wie in voller Fast Food und Zusatzstoffe. Anders als viele
der medizinischen Forschung beim Testen von Medi­ Diätberater halte ich aber nichts von Weglassen: Der
kamenten werden Versuchspersonen zufällig in ver­ Darm reagiert ja sehr plastisch und kann auch mit
schiedene Gruppen aufgeteilt, welche anschliessend Unverträglichkeiten umgehen, sofern er weiter da­
DA S M AG A Z I N N ° 51/52 — 2019

einer bestimmten Intervention ausgesetzt werden – mit konfrontiert wird. Heute weiss man, dass Nah­
oder eben nicht (Kontrollgruppe). So konnte Duflo in rungsunverträglichkeit aufs Gemüt schlägt. Doch die
einer Studie zeigen, dass Quoten für Frauen in indi­ meisten Unverträglichkeiten sind nicht in Stein ge­
schen Ortsregierungen zu mehr Infrastrukturinves­ meisselt. Der Darm kann lernen, unverträgliche Spei­
titionen – etwa Strassenbau und Wasserversorgung – sen zu verdauen. Wie bei Ängsten ist es oft nicht sinn­
führen. Frauen brachten sich danach häufiger in die voll, das Gefürchtete zu meiden, sondern besser, sich
Diskussionen in den Ortsversammlungen ein. der Angst zu stellen.
David Iselin Anuschka Roshani

11
JACINDA ARDERN
Premierministerin von Neuseeland

«Wo muss ich hin, wenn ich die Premierministerin UNO-Vollversammlung nach New York mitnahm
hören will?», frage ich den Wachmann des Kranken- (Kind und Politik vereinen, funktioniert ebenfalls,
hauses in Takapuna, einem Ort auf der Nordinsel check). Im März 2019 schaute dann die ganze Welt
Neuseelands. mit Schrecken auf den Pazifikstaat, der auf Land-
«Wie bitte?», fragt er. karten häufig vergessen wird. In Christchurch, einer
«Ist Jacinda Ardern heute nicht hier, um eine Stadt auf der Südinsel, drang ein australischer
Rede zu halten?», frage ich. Rechtsextremist in zwei Moscheen ein, tötete 51
Da strahlt der Wachmann, als hätte ich ihn an et- Menschen und verletzte Dutzende. Das Bild, wie die
was sehr Schönes erinnert. Premierministerin kurz danach die muslimische Ge-
«Oh, Jacinda! Natürlich. Da entlang, bitte.» meinde besuchte, dabei ein schwarzes Kopftuch trug,
Vor einigen Jahren begeisterte die dänische Serie die Hände faltete und den Menschen einfach zuhör-
«Borgen» Fernsehzuschauer in ganz Europa. Im Mit- te, wurde ikonisch (ein Politiker sein und trotzdem
telpunkt der drei Staffeln steht Birgitte Nyborg, die einfach mal den Mund halten, wenn es der Moment
als fiktive Premierministerin des kleinen Landes gebietet, check). Dann liess Ardern Taten folgen. Der
hoch im Norden immer einsamer und machthungri- Anschlag lag erst eine Woche zurück, da verkündete
ger wird. Die Serie bekam viele Preise, so überzeu- die Premierministerin bereits eine Verschärfung der
gend erschien die Vorstellung, dass sich Politiker im Waffengesetze. Inzwischen ist in Neuseeland der
Laufe der Zeit derart verändern. Nun hat die Wirk- Verkauf von Sturmgewehren und halbautomatischen
lichkeit eine ganz andere Geschichte erzählt. Sie Waffen verboten. Politische Veränderungen können
spielt ebenfalls in einem kleinen Land, allerdings also auch ganz schnell gehen, und ein Mensch, der
weit unten auf der Südhalbkugel, und die Hauptfigur empathisch und warmherzig ist, ist trotzdem in der
ist die neuseeländische Premierministerin Jacinda Lage, hart durchzugreifen.
Ardern. Die Labour-Politikerin lässt sich weder von Vor kurzem hat Ardern versucht, die Errungen-
ihrem Posten vereinnahmen noch von der Macht schaften ihrer zweijährigen Amtszeit in zwei Minuten
korrumpieren. Sie bleibt Jacinda – und die Menschen zusammenzufassen. Das Ergebnis sieht man auf You-
lieben sie dafür. Weil sie auf diese Weise zeigt, dass tube. Ardern beugt sich auf ihrem Stuhl nach vorn, sie
eine andere Politik und eine bessere Gesellschaft gestikuliert, redet voller Begeisterung, macht kaum
möglich sind. eine Pause: Sie haben den Mindestlohn angehoben,
Was als Erstes auffällt, wenn man sich mit Jacin- sie haben ins Gesundheitssystem investiert, sie ha-
da Ardern beschäftigt: Eigentlich ist diese Frau völlig ben 140 Millionen Bäume gepflanzt, sie haben Weg-

BI L D: SI MON S C H LU T E R /FA I R FA X /H E A DPR E S S/L A I F


inkompatibel mit der politischen Welt. Sie hat früher werfplastiktüten verboten. Sie schafft es nicht in zwei
Platten aufgelegt, liebt Whisky und ist mit einem Minuten. «Aber trotzdem eine grossartige Liste»,
Mann zusammen, der eine Fernsehsendung übers Fi- sagt sie und lacht. Das Video ging viral, wahrschein-
schen hat (Titel: «Fish of the Day»). Mit 37 Jahren lich auch, weil es zeigte: Politik machen und dabei
wurde sie die jüngste Premierministerin, die Neusee- Spass haben, auch das ist kein Widerspruch.
land je hatte, und bewies damit: Ein ganz normaler Bevor Jacinda Ardern ihre Rede im Krankenhaus
Mensch sein und trotzdem Politiker werden, das in Takapuna hielt, hat sie übrigens erst einmal zu-
schliesst sich nicht aus. sammen mit Ärzten und Krankenpflegern gesungen.
Nach ihrer Amtseinführung im Oktober 2017 Eine halbe Stunde lang. Oh, Jacinda.
fuhr sie fort, Gegensätze zu vereinen, indem sie zu- Verena Friederike Hasel hat mit ihrem Mann
erst eine Koalition mit Grünen und Rechtskonserva- und drei Töchtern in Neuseeland gelebt.
tiven schmiedete (als Politiker nicht Streit, sondern Zuletzt erschien von ihr «Der tanzende Direktor.
Konsens suchen, das geht also auch, check) und im Lernen in der besten Schule der Welt» über Bildung
folgenden Jahr eine Tochter bekam, die sie sogar zur in Neuseeland.
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12
«WIR SCHAFFEN DAS!»
Die wichtigste politische Aussage der Dekade

Der Satz ist das wohl unspektakulärste Stück Polit- zur Leerformel geworden, in die so viel politischer
rhetorik, das je Geschichte geschrieben hat: die Ge- Irrsinn projiziert werde, dass es keinen Sinn mehr
schichte der Merkel-Kanzlerschaft, der Bundesrepu- habe, sie zu verwenden. Die Kanzlerin ist zu ihrer
blik, der Europäischen Union. Der Dreiwortslogan eigenen grossen Geste auf taktische Distanz gegan-
könnte banaler nicht sein und bezeichnet dennoch gen. Aber zurückgenommen hat sie sie nie. Die Ges-
einen Wendepunkt der vergangenen Dekade. Auch te wird bleiben.
deshalb sollten wir ihn mitnehmen als historische Was bedeutete «Wir schaffen das!» realpolitisch?
Lektion: Er beweist, dass es Situationen gibt, in denen Mit dem Entscheid zur zeitweiligen Grenzöffnung
hohes Ethos mit unerschütterlichem Pragmatismus bekräftigte Angela Merkel, dass sich Europa in einer
zusammenfällt. Dass in einer Krise entschiedenes Notsituation seiner humanitären Pflicht nicht ent-
und furchtloses Handeln aus der Mitte der Gesell- zieht – und dass Deutschland bereit ist, gesamteuro-
schaft kommen kann. Dass geschichtsmächtige Hel- päische Verantwortung zu übernehmen. Es war ein
dentaten mitunter der Nüchternheit und nicht dem radikaler Bruch mit der Wirtschaftspolitik im Rah-
Heroismus entspringen. men der Eurokrise, als die Bundesrepublik es an Soli-
Man braucht «Wir schaffen das!» nur leicht um- darität mit Südeuropa hatte fehlen lassen.
zuformulieren, um gleich in einer ganz anderen, man Zur Ironie der Geschichte gehört natürlich auch,
könnte meinen: der entgegengesetzten Ecke des poli- dass Merkels Grosszügigkeit bei den östlichen EU-
tischen Pathos zu landen. «Wir können das», bedeu- Partnern auf erbitterte Ablehnung stiess. Als ob die
tet dasselbe. Oder auch: «Wir könnens.» Auf Ameri- deutsche Hilfsbereitschaft für die Flüchtlingskrise
kanisch: «Yes, we can.» Auch Obama gehört zu den verantwortlich wäre. Der osteuropäische Rechts-
grossen, beispielhaften Figuren des letzten Jahr- populismus hat auf Merkels Kosten sein politisches
zehnts. Aber sein Wahlkampfslogan versprach Auf- Narrativ fortgesponnen. Aber die europäische Integ-
bruch, die Vision einer anderen Welt. Merkels Aus- ration wird trotzdem anknüpfen an Deutschlands
spruch besagt das Gegenteil: dass wir mit der Welt, so grosse Geste.
wie sie eben ist, zurechtkommen können – mit An- Natürlich: «Wir schaffen das!» erscheint heute
stand zurechtkommen können. wie die Steilvorlage für den Erfolg der AfD. Aber gibt
Doch beide Slogans bringen in unmissverständ- es ein europäisches Land, in dem der Rechtspopulis-
licher und knappster Form ein politisches Ethos auf mus nicht an Terrain gewonnen hat? Die Flüchtlings-
den Punkt. Die anständige Bewältigung der Gegen- krise war der Kristallisationspunkt, nicht der Aus-
wart ist von der visionären Gestaltung der Zukunft löser der rechtspopulistischen Dynamik. Mehr denn
vielleicht gar nicht so klar zu trennen. je wird es in der nächsten Dekade darauf ankommen,
Bekanntlich ist Angela Merkel selber im Herbst Nüchternheit und Anstand an den Tag zu legen. Auch
BI L D: E M M A N U E L E C ON T I N I/N U R PHO T O/A F P

2016 von ihrer Formulierung abgerückt, hat jeden- in Zukunft wird das zu schaffen sein.
falls zu Protokoll gegeben, «Wir schaffen das!» sei Daniel Binswanger ist Redaktor bei «Republik»
DA S M AG A Z I N N ° 51/52 — 2019

15
SOTSCHI 2014
Die Neuen lockern den Sport auf

Die Nacht war schwarz, aber die Halfpipe von Schein-


werfern hell erleuchtet, als Iouri Podladtchikov am
11. Februar 2014 schaffte, was nahezu niemand ihm
zugetraut hatte: Er schlug Shaun White, den Snow-
board-Überflieger aus den USA, und gewann Olym-
piagold. Es gab an diesen Spielen noch 98 weitere Sie-
gerinnen und Sieger. Und im allgemeinen Gedächtnis DIE EUROPÄISCHE STADT
blieben die Wettkämpfe im russischen Sotschi ohne- Vorsprung durch Geschichte
hin nicht wegen eines sportlichen Ergebnisses, son-
dern weil später bekannt wurde, dass das Gastgeber- Ich lebe in Paris, der sogenannten Hauptstadt des
land in schier unvorstellbarem Ausmass Dopingbe- 19. Jahrhunderts. Es stellte sich heraus, dass sie nicht
trug begangen hatte. für das 20.Jahrhundert geeignet war. Eine Stadt, die
Trotzdem, oder gerade darum, sollte man sich an vor der Erfindung des Autos erbaut wurde, versuchte
Podladtchikovs Sieg als einen Moment hinreissender sich für das neue Zeitalter nachzurüsten. Die Folge:
Schönheit erinnern. Denn der Schweizer hat der Verkehrsstaus, CO2-Emissionen, Luftverschmutzung
olympischen Bewegung in jener Nacht ein völlig neu- und Fahrzeuge, die knappen menschlichen Lebens-
es Verständnis von Wettkampf präsentiert. Seit es raum verschlingen.
Sport im engeren Sinne gibt, also seit etwas mehr als Aber in dem Jahrzehnt, das nun zu Ende geht, ha-
hundert Jahren, ist es eine Welt des Drills, des ben ein paar grossartige Vor-Auto-Städte – Orte wie
Kampfs, der Qual. Wer siegen will, muss sich quälen, Zürich, Kopenhagen oder eben Paris – damit begon-
kleinmachen, auskotzen. Sport ist Krieg, bisweilen nen, ihren ursprünglichen, autofreien Zustand wie-
im wahrsten Sinn. Der Freestyle-Sport funktioniert der anzustreben.
umgekehrt. Er entstand auch aus dem Bedürfnis he- Viele Städte des 20.Jahrhunderts, vor allem in
raus, Sport anders zu verstehen. Surferinnen, Skate- den USA, wurden mehr für Autos als für Menschen
boarder, Snowboarderinnen – sie alle streben zualler- gebaut. Später waren es Megacitys wie Shanghai, die
erst nach diesem betörenden, vielleicht nie vollends Dallas & Co. als Objekte urbaner futuristischer Fan-
zu erreichenden Zustand, in dem sie eins sind mit der tasien ablösten. Doch irgendwann ist uns schmerz-
Welle, dem Brett, dem Schnee. Sie finden Zufrieden- haft bewusst geworden, dass die alte, niedliche euro-
heit im Tun selbst, verstehen ihre sportliche Betäti- päische Stadt am besten funktioniert.
gung nicht als Mittel zum Zweck, sondern als etwas in Wenn man die Autos aus den Städten entfernt,
sich selbst Sinnstiftendes. Manche Vertreterinnen wird die Luft besser, die Einwohner bewegen sich
und Vertreter dieses Genres wehren sich bis heute mehr zu Fuss und mit dem Fahrrad, sie werden ge-
gegen die Vereinnahmung durch die olympische Be- sünder. Und sie reaktivieren den ursprünglichen
wegung, aber man kann es auch andersrum sehen. Zweck einer Stadt: Wenn wir Fahrspuren und Park-
Dadurch, dass Snowboarden 1998 olympisch wurde plätze durch Pingpongtische, Gemüsegärten oder
und Surfen und Skateboarden mit den Sommerspie- Mikroparks ersetzen, wird die Stadt glücklicher, grü-
len 2020 olympisch werden, hat der herkömmliche ner, gesünder und ist mehr geprägt von einem ge-
Sport die einzigartige Chance, sich neu zu definieren. meinschaftlichen Geist, weil die Leute die entstande-
So, wie Freestyle-Sportarten durch die Annäherung nen Räume für Begegnungen nutzen. Aber wie sieht
ambitionierter in ihrem Siegstreben wurden, könn- es mit der Agglomeration aus? Das E-Bike macht es
ten sich klassische Sportarten etwas von der Locker- künftig selbst für Menschen, die zehn oder fünfzehn
heit der Neuen abschauen. Kilometer vom Zentrum entfernt wohnen, einfach, in
Christof Gertsch die Stadt zu gelangen. Paris wird in seinen Vorstädten
68 neue Metrostationen einrichten – der unumkehr-
bare Trend der Ära Thunberg. Mittlerweile arbeitet
Europa an seiner eigenen transnationalen Megacity
DA S M AG A Z I N N ° 51/52 — 2019

mit dem Dreieck London–Paris–Brüssel als Zentrum,


welches durch neue Zugverbindungen engmaschiger
verbunden sein wird. Dieses Dreieck ist einfacher zu
durchqueren als eine auf das Auto ausgerichtete asia-
tische Riesenstadt. Und es ist lebenswerter. Europas
Metropolen des 19.Jahrhunderts werden die Metro-
polen des 21. sein.
Simon Kuper, Journalist der «Financial Times»

16
DIE UKRAINE
Ein Land wird europäischer

Es war einer der wenigen politischen Glücksmomen-


te des Jahrzehnts. Im Februar 2014 demonstrierten
Hunderttausende auf dem Kiewer Unabhängigkeits-
platz, dem Majdan Nesaleschnosti, für europäische
Werte (daher: Euromaidan) und eine bessere Politik.
Die alte Regierung wurde hinweggefegt, der schwer-
reiche Präsident Janukowitsch, der sich in groteskem
Ausmass beim Staat bedient hatte, mitsamt seinem
korrupten Gefolge in die Wüste geschickt. «Revolu-
tion der Würde» nennen die Ukrainer die damaligen
Geschehnisse.
Gewiss, die Ernüchterungen folgten auf dem
Fuss. Die Scharfschützen auf dem Majdan. Die Anne-
xion der Krim. Der russische Einmarsch in der Ostuk-
raine, mehr als 10000 Kriegstote, der Abschuss der
MH17. Die russische Fake-News-Kampagne, die beim
Euromaidan ihren Anfang nahm und seither die Welt
wellenweise in Atem hält. Nein, der Ukraine war in
ihrer turbulenten Geschichte wenig Glück beschie-
den. Dass das Land jetzt auch noch auf eine Weise in
die amerikanische Innenpolitik hineingeraten ist, bei
der es letztlich nur verlieren kann, ist ein weiteres
Zeugnis dafür.
Und doch. Was die weitere Entwicklung der Uk-
raine betrifft, darf man eine vorsichtig positive Bilanz
ziehen. Trotz Krieg im Osten geht es langsam auf-
wärts, in der Wirtschaft, bei der Korruptionsbekämp-
fung. Die gesellschaftliche Ungleichheit ist heute die
geringste auf der ganzen Welt. Das Reformtempo
könnte höher sein, aber in den letzten fünf Jahren
wurde mehr erreicht als in den vorangegangenen
zwanzig. Die Ukraine hat eine wache und engagierte
Zivilgesellschaft – ein Abdriften in die autoritäre
Richtung wie in andern osteuropäischen Staaten ist
unwahrscheinlich. Auch die Wahl von Wolodimir Se-
lenski zum neuen Präsidenten ist ein Zeichen einer
lebendigen, freien Demokratie.
Das Wichtigste: Das Land ist zusammengewach-
sen. In zentralen Fragen – in ihrem Glauben an euro-
päische Werte, in ihrem Bekenntnis zum ukraini-
schen Staat – ist sich die Bevölkerung heute weitge-
hend einig. Fast schon an ein Wunder grenzt, dass die
westlichen Sanktionen gegen Russland bis heute ge- INSTAGRAM
halten haben. Narzismuss als Fortschritt
Mathias Plüss
Das Jahrzehnt begann mit dem ersten Instagram-
DA S M AG A Z I N N ° 51/52 — 2019

Post am 6. Oktober 2010, und das Jahrzehnt endet


mit Instagram in praktisch jedem Kopf der Welt.
Dank Instagram verlieben sich Milliarden von Men-
schen in sich selbst und stellen ihre Selbstbewunde-
rung über das in der Regel etwas objektivere Urteil
der Mitmenschen. Ob dies für die Menschheit ein
Fortschritt ist, wird sich noch zeigen müssen.
Finn Canonica

17
MULTIFOK ALE KONTAKTLINSE
Einmal scharf, bitte

Diesen Sommer wollte ich im Rijksmuseum wissen,


ob das Porträt eines jungen Mönchs von Rembrandt PINOT NOIR
war. Ich bückte mich zum Namensschild, die Buch- Was sonst?
staben verschwammen, ich sah nur noch Grau. Vor 35
Jahren habe ich einmal in der Dämmerung auf zehn Weinliebhaber hatten es in den Zehnerjahren nicht
Meter Entfernung meine Freundin nicht erkannt, leicht. Sie leiden an schwindenden Gewissheiten. Als
seither trage ich Kontaktlinsen. Nach dem Erlebnis in die ersten Flaschen mit trüber Flüssigkeit auftauch-
Amsterdam diagnostizierte ich mir Alterssichtigkeit. ten, die behaupteten, «Naturwein» zu sein, rümpften
Zur Kurzsichtigkeit war nun ein weiterer körperlicher viele Connaisseure noch die Nase und machten es
Mangel hinzugekommen. Es war Zeit für eine Lese- sich mit ihrem Château Latour gemütlich im heimi-
brille. Brillen sind chic, sie leisten Aura-Arbeit, dach- schen Lederstuhl, wo sie die vom «Wine Advocate»
te ich. Nach ein paar Wochen stellte ich fest, dass die herausgegebenen Jahrgangspunktelisten studierten
Lesebrille das Gefühl der Brüchigkeit meiner Exis- und sich überlegten, ob sie ihrem guten Schluck 94
tenz eher noch verstärkte. Ständig zerbrach eine in oder 95 von 100 möglichen Punkten geben sollten.
meiner Hosentasche, wo ich sie aufbewahrte, weil Aber statt zu verschwinden, kamen neue Fla-
meine Töchter mir verboten hatten, eine Brille an schen mit biodynamisch hergestellten, auf der Mai-
einer Kordel um den Hals zu tragen. Ich ging zum sche vergorenen, ungeschwefelten, ungefilterten
Optiker. Er hielt zunächst einen Vortrag über die ab- Weinen auf den Markt. Immer mehr Sommeliers,
nehmende Akkommodationsfähigkeit des Auges im Hüter des Weinwissens, wendeten sich nicht ange-
Alter, um mir danach vom grössten technischen Fort- ekelt ab, sondern zeigten ein gewisses Interesse an
schritt der letzten Jahre in seinem Gewerbe zu berich- diesen neuen Weinen, deren Etiketten nicht nur ihre
ten: von der multifokalen Kontaktlinse. Das winzige Kundinnen und Kunden, sondern auch sie selbst
Wunder ist Lese- und Weitsichtbrille in einem. noch nie gesehen hatten. So rückten zuerst neue Pro-
Finn Canonica duktionsweisen, dann aber auch neue Herkünfte,
Aromen und Sorten ins Zentrum der Wahrnehmung.
Klar gab und gibt es noch immer den kanoni-
schen Umgang mit Wein, gestützt auf Traditionen,
eingeübte Mechanismen, Images und die Jahrgangs-
liste des «Wine Advocate». Aber daneben hat sich
eine neue Szene etabliert, der besagte Traditionen
ziemlich wurscht sind. Wer zum Beispiel versucht, in
den neuen Farm-to-Table-Restaurants Zürichs einen
abgehangenen Bordeaux zu bekommen, wird ebenso
wenig Glück haben wie Naturweintrinker in der
«Kronenhalle».
Allerdings gedeihen zwischen den Fronten die
vielleicht interessantesten Weine, die wir derzeit
trinken können. Der Weinbauer Markus Ruch hat
sich für seine Pinots noirs mit Absicht den nördlichs-
ten Zwickel der Schweiz ausgesucht, um die Reben
maximalem Stress, maximaler Belastung auszuset-
zen, weil sich das seiner Erfahrung nach direkt in Ge-
schmack ummünzen lässt. Die bewusste Konfronta-
tion der Rebe mit Kälte, Trockenheit und Kargheit
verändert wiederum die Parameter dafür, was ein
gutes und was ein schlechtes Weinjahr ausmacht:
DA S M AG A Z I N N ° 51/52 — 2019

«Schlecht» könnte sich als das neue «gut» erweisen,


wofür Markus Ruch zum Beispiel seinen Pinot noir
Hallauer Chölle 2013 als Zeugen aufruft. Der Wein ist
hochkomplex, elegant und feingliedrig, ein in Fla-
schen gefüllter Gegenbeweis zu den Hitze- und Son-
nendoktrinen früherer Jahre, auf der Habenseite der
schwindenden Gewissheiten.
Christian Seiler

18
GREEN TURN
Ein neuer Blick auf Pflanzen

Wir betrachten Pflanzen als nützliche, bisweilen


schön anzuschauende Bio-Möblierung unserer Um-
welt, die uns nebenbei Essen, Sauerstoff und blühen-
de Balkone beschert. In unseren Augen sind sie eine
praktische, im Vergleich zu uns jedoch bemitleidens-
wert unterentwickelte Lebensform. Um Pflanzen
noch besser für seine Zwecke verwenden zu können,
hat der Mensch eine grosse Meisterschaft darin ent-
wickelt, Getreide, Obst und Gemüse zu züchten; aber
weil man sie für so minderwertig hielt, hat sich auch
in der Biologie kaum jemals einer die Mühe gemacht
zu verstehen, wie Pflanzen wirklich funktionieren.
Das ändert sich gerade.
Was Botaniker wie der Pflanzenneurologe Stefa-
no Mancuso und seine Kollegen von der 2009 von
Mancuso mitbegründeten Society of Plant Signalling
and Behaviour seither herausgefunden haben, lässt
einen daran zweifeln, ob beim Intelligenztest zwi-
schen Mensch und Mimose wirklich wir die Sieger
sind. Es steht mit ziemlicher Sicherheit fest, dass
Pflanzen über viele Kilometer hinweg miteinander
und mit anderen Lebewesen kommunizieren, dass
sie fühlen und sogar sehen können. Über ihre Wur-
zeln bilden sich ausgedehnte Netzwerke, dem Inter- GENERATION GRETA
net gar nicht unähnlich, dank denen ganze Ökosyste- Die Ethik der Jugend
me auf kleinere und auch dramatische Veränderun-
gen in einem abgestimmten Prozess reagieren. Ein erfolgreiches Buch der Siebzigerjahre hiess «Ich
Pflanzen können sich nicht von der Stelle bewegen, bin o.k. Du bist o.k.». Mal von den üblichen depressi-
sie können vor ihren Feinden nicht fliehen; ihre Be- ven Episoden abgesehen, dachte ich mehr oder weni-
wegungen sind langsam, ihr Leben hat mit unserem ger immer: Ich bin auch o.k. Seit ein paar Jahren bin
wenig gemeinsam. Pflanzen, sagt Mancuso, sind für ich jährlich mit Studierenden der ETH Zürich auf
uns wie Ausserirdische. Ihr Körper ist dezentral orga- Seminarreise unterwegs. Es ist mir dabei immer ein
nisiert. Sie haben keinen Kopf und keine Beine. Das Anliegen, mich möglichst ausgiebig zu unterhalten,
macht sie aber nicht dumm und wehrlos. Im Gegen- um zu verstehen, wie Jüngere heute denken, was sie
teil – weil ihre Funktionen auf den ganzen Organis- bewegt. Mir ist dabei ein gravierender Unterschied zu
mus verteilt sind, kann man Teile von ihnen fressen, mir und vielen in meiner Alterskohorte aufgefallen.
ohne sie zu töten. Die Idee, dass Pflanzen auf ihre Die Signalemente, die traditionell die Identität einer
Weise mindestens so hoch entwickelt sind wie wir Person festlegen, stammten bei uns Ok-Boomern fast
und uns in ihren Überlebensstrategien mit Sicherheit ausschliesslich aus dem Lifestyle- oder Kulturbe-
überlegen sind, ist noch ein zartes Pflänzchen. Aber reich. Heute sind bei vielen jungen Leuten vor allem
sie könnte unsere Technologie und unser Verhältnis hochgradig ethische Verhaltensweisen identitätsbil-
zur Natur grundlegend verändern. Vor dreissig Jah- dend. Während bei Angehörigen meiner Generation
ren standen wir schon einmal vor so einem Paradig- der Kampf für eine lebenswerte Welt vielfach ein Lip-
menwechsel, dem «Animal Turn». Damals begann penbekenntnis blieb, leben viele junge Leute tatsäch-
sich die Einsicht durchzusetzen – für die man zuvor lich so, wie sie reden. Sie sagen, was sie denken, und
Vegetarier als Spinner verspottet hatte –, dass auch sie tun, was sie fordern: Sie fliegen kaum mehr; ihre
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Tiere Schmerzempfinden und Bewusstsein haben. Sprache ist inkludierend; Konsum ist verpönt; sie en-
Als Spinner gilt heute, wer dies bezweifelt. gagieren sich für politische oder Umweltprojekte;
Die Pflanzen haben übrigens auch längst damit eine grosse Ernsthaftigkeit zeichnet sie aus und nicht
begonnen, auf die menschengemachte Zerstörung mehr die postmoderne Ironie von uns Alten.
der Umwelt zu reagieren. Sie werden überleben. Ka- Die Jungen haben den Schritt unternommen in
tastrophal und tödlich ist der Klimawandel nur für ein ethischeres Leben.
uns, den hochintelligenten Menschen. Ich finde, sie sind o.k.
Sven Behrisch Finn Canonica

19
ELENA FERRANTE
Das Buch der Dekade

Viele Hundert Bücher habe ich in den letzten Jahren


gelesen, aber nichts hat mich so überwältigt wie die
neapolitanische Tetralogie von Elena Ferrante. Wer
immer sich hinter diesem Pseudonym verbirgt: Ihr ist
nicht weniger gelungen als ein literarisches Wunder.
«Meine geniale Freundin», so der Titel des ersten
Bandes (der aber als Obertitel über allen vieren ste-
hen könnte), erzählt von der Freundschaft zweier
sehr verschiedener Mädchen aus einem Armenvier-
tel, von der Entwicklung Italiens über ein halbes Jahr-
hundert – faschistisches Erbe, Mafia-Durchseuchung,
Terrorismus, materieller Aufstieg, Korruption, alles
da. Erzählt von körperlicher und struktureller Ge-
walt, vor allem gegen Frauen; aber auch von deren
V W-SK ANDAL Waffen: sexuelle Ausstrahlung und psychologische
Elektroautos werden zum Massenphänomen Raffinesse. Erzählt eine Bildungs- und Aufstiegsge-
schichte, einen Milieuwechsel, auch von Feminismus
Manchmal besteht das Gute darin, dass wir uns be- und anderen Ismen. Soziologie, Politik, Historie, ge-
wusst werden, wie schlecht das Schlechte ist. «Saube- spiegelt in umfangreichem Personal: alles glänzend
rer als sauber» seien ihre Dieselkraftfahrzeuge, warb geschrieben. Aber der eigentliche Glutkern der Ro-
Volkswagen in den Nullerjahren in den USA. Gleich- mane liegt im Verhältnis der beiden Freundinnen.
zeitig hatten Messungen in Städten immer wieder Elena, die Icherzählerin, ist die bravere, konventio-
Stickstoffmengen gezeigt, die weit über dem lagen, nelle, disziplinierte; sie schafft es auf Gymnasium
was laut der Autoindustrie hätte entstehen sollen. und Universität, sie macht eine Karriere als Schrift-
Jahrelang wurde in Fachkreisen diskutiert, dass hier stellerin. Lila, die «geniale Freundin» des Titels,
etwas nicht stimme. Dann machten US-Forscher im bleibt in der sozialen Zwangsjacke stecken. Trotz
Auftrag des Branchenverbandes International Coun- ihres allen anderen weit überlegenen Verstandes,
cil on Clean Transportation – und auf Anregung deut- ihres bis zum Destruktiven gehenden Tempera-
scher Kollegen – den Realitätscheck. ments, ihres unwiderstehlichen Charismas. Elena
Heraus kam, dass bei den VW-Fahrzeugen die ge- fühlt sich ihr immer unterlegen, sie liebt, beneidet,
setzlichen Grenzwerte an Stickstoffemissionen um hasst Lila und kommt doch nicht von ihr los. Was sich
das bis zu 35-Fache überschritten wurden. Ab 2014 zwischen diesem Paar über zweitausend Seiten ab-
wurde klar, dass der Unterschied zwischen echten spielt, ist komplexer, reicher und anstrengender als
Emissionen und Labortests daran lag, dass VW in die jedes Liebesverhältnis.
Motoren Sensoren eingebaut hatte, die erkannten, Der eigentlich geniale literarische Kniff der Auto-
wann ein Wagen getestet wurde. Am 3. September rin ist aber folgender: Am Ende ist die sechzigjährige
2015 gab VW den Betrug zu. Es folgte ein ungeheurer, Lila verschwunden, hat alle Spuren ihrer Existenz ge-
bis heute anhaltender weltweiter Enthüllungspro- tilgt. Elena widerspricht dieser Selbstvernichtung, re-
zess. Führungskräfte fielen, es gab Sammelklagen, konstruiert das Leben, die Persönlichkeit der Freun-
massenhaft Fahrzeugrückrufe, Festnahmen von VW- din, von dem Moment an, als Lila einst Elenas Puppe
Managern und eine Ausdehnung des «Dieselskan- in ein dunkles Kellerloch warf. Alles, was wir vom
dals» auf weitere Marken wie Audi, Porsche, Opel Faszinosum Lilas erfahren, wissen wir aber nur von
und Daimler. Dabei flog auch auf, dass bereits 2012 Elena. Ist Lila also ihre Schöpfung? Aber wenn die Er-
der damalige EU-Kommissar Antonio Tajani infor- zählerin so mittelmässig ist, wie sie behauptet und
miert gewesen sein muss über die betrügerischen empfindet, wie gelingt ihr dann eine so geniale Figur?
Vorgänge. Nicht nur die Glaubwürdigkeit einiger der Sind beide wechselseitige Projektionen? Lila lässt
DA S M AG A Z I N N ° 51/52 — 2019

grössten Automobilmarken war dahin, auch die ihrer Elena das Leben führen, das sie gern hätte (und ver-
höchsten Kontrolleure. Sicher ein Grund für den Er- dient hätte), Elena schafft in Lila die Persönlichkeit,
folg des Tesla Model S, der 2015 und 2016 zum welt- die sie gern wäre?
weit meistverkauften Steckdosen-Auto wurde. Tesla Wie alle guten Bücher schreiben wir auch diese
ist das Gespenst des Dieselskandals, das die Auto- vier Romane nach der Lektüre weiter. Beglückt ist,
industrie zum Elektroantrieb treibt. Und der ist sicher wer sie gelesen hat. Aber glücklich, wer sie noch vor
ein Fortschritt. sich hat.
Hannes Grassegger Martin Ebel

20
Für besondere Momente.
Erleben Sie einmalige Genussmomente mit den Fine Food Spezialitäten aus aller Welt. Zum Beispiel den Fine Food Champagner Grand Gru Prestige
des Winzers Jean-Etienne Bonnaire, der 100% Chardonnay-Trauben aus der Grand-Cru-Gemeinde Cramant verwendet. Die kalkhaltigen Böden
des Terroirs verleihen diesem Blanc de Blancs eine einmalige Mineralität und Frische. Im Bouquet dominieren Zitrusfrüchte, feine Ananas,
leichte florale und auch nussige Aromen.

coop.ch/finefood
DAS E-BIKE
Durchbruch der Akku-Mobilität

Philippe Kohlbrenner ist der Mann am Ursprung des


E-Bike-Booms. Also eigentlich am Ur-Ursprung. Und
das war sein Problem.
Emmental, 1990er-Jahre. Kohlbrenner und seine
Frau haben eben ein Haus auf der Lueg gekauft. Als
die Kinder grösser werden, beschliesst Kohlbrenner,
auf dem Weg zur Arbeit Sport zu treiben. Acht Kilo-
meter, dreihundert Höhenmeter auf dem Velo. Aber
der Anstieg macht ihm zu schaffen. Kohlbrenner ist
Ingenieur. Er besorgt sich einen Lastwagenscheiben-
wischermotor und eine 24-Volt-Batterie und verzieht
sich in den Hobbyraum.
Was dann bei dieser Bastelarbeit entstand, war
nicht das erste Elektrovelo der Welt. Versuche, am
Velo einen Motor anzubringen, sind fast so alt wie das
Velo selbst. Doch durchgesetzt hatte sich bis in die
SOLIDARITÄT 1990er-Jahre nur der Benzinantrieb, mit Töffs als Er-
Renaissance einer Haltung gebnis der Entwicklung. Experimente mit Batterien
scheiterten immer an der schwachen Akkuleistung.
In den Siebzigern erklärte mir meine Mutter, dass ich Kohlbrenners Pionierleistung bestand darin,
Schwächeren immer beistehen solle. Uns geht es so dass aus seinem Prototyp bald etwas viel Grösseres
gut, sagte sie, da müssen wir versuchen, es anderen, wurde: der «Flyer», bis heute für viele der Inbegriff
die es weniger glücklich getroffen haben, leichter zu eines E-Bikes. Es war weltweit das erste Elektrovelo,
machen. Im Alltag sahen die Versuche so aus: Meine das tatsächlich eine Alternative zum Auto bot. Ein
Mutter lud einen Obdachlosen in ihren alten VW und Ungetüm mit einer 12,5 Kilo schweren Batterie, aber
chauffierte ihn zu einer Notschlafstelle – während ich über 35 km/h schnell. 1995 produzierten Kohlbren-
alles daransetzte, mich auf der mit ihm geteilten ner und seine zwei Partner auf Vorbestellung, 1996
Rückbank so schmal wie möglich zu machen. Oder wurden sie von Investoren umgarnt. Aber mit dem
sie zwang mich, den Nachbarsjungen zum Geburts- Geld kamen auch Erwartungen, Abhängigkeiten –
tag einzuladen, der alle verprügelte, aber doch nur, so und 2001 der Konkurs. Kohlbrenner war von seiner
erklärte sie mir, weil sich zu Hause niemand um ihn Idee so überzeugt gewesen, dass er nicht bedacht hat-
kümmere. Solidarität war das Zauberwort, das durch te, wie man das Produkt erklärt. Ein Velo mit Elektro-
solches Tun hindurchschimmerte, und ich nahm es motor? Die Leute lachten. Die Investoren verloren die
derart ernst als Kind, dass ich in der fünften Klasse Geduld. Und Kohlbrenner wechselte in die Medizi-
mal für eine Blindenschule einen Stepptanz auf den naltechnik. Es war das klassische Dilemma des first
Pulten aufführte. Dann schien der Begriff über Jahr- mover: Wer als Erster eine Geschäftsidee hat, ist nicht
zehnte wie ausgestorben, und wenn er doch einmal unbedingt der Beste im Markt – sondern der Wegbe-
aus dem Mund fiel, folgte ein ironisches Grinsen. reiter für den second mover. Die Firma, die aus der
Deshalb wohl kam es mir so plötzlich vor, als sich Konkursmasse auferstand, setzte ohne Kohlbrenner
Ende 2017 #MeToo in den sozialen Netzwerken ver- zum Durchbruch an: In den 2000er-Jahren wurde
breitete. Auf einmal solidarisierten sich Zehntausen- der «Flyer» zum gefragten Produkt. Auch weil ein
de Frauen: bekannten einander, Opfer männlicher zentraler Denkfehler Kohlbrenners behoben wurde:
Gewalt geworden zu sein. Mit einem Schlag war auch Der Markt für E-Bikes sind nicht Jüngere, sondern Se-
wieder die Zauberkraft der Solidarität zu spüren; der niorinnen und Pensionäre.
Trost, dass anderen Ähnliches widerfahren war: Du So richtig in Fahrt kam das E-Bike in den 2010er-
bist nicht allein! Solidarität, schreibt der deutsche So- Jahren, dank Lithiumbatterien. Sie sind leichter und
DA S M AG A Z I N N ° 51/52 — 2019

ziologe Heinz Bude in seinem Buch «Solidarität – die leistungsfähiger als die Akkus bei Kohlbrenner. Heu-
Zukunft einer grossen Idee», sei eine «Möglichkeit te machen E-Bikes ein Drittel des Schweizer Velo-
jedes Einzelnen. Man kann sie verwerfen, sie nutzen markts aus, 2018 wurden 100000 verkauft.
oder politisch oder wirtschaftlich ausschlachten. Philippe Kohlbrenner hat inzwischen ein E-Bike
Man kann sich ihr aber auch verpflichten, weil man namens SpeedPed entwickelt, das es mit einer Akku-
dadurch sein eigenes Leben reicher und lebendiger ladung bis zum Mittelmeer schafft. Wieder eine Welt-
macht.» neuheit.
Anuschka Roshani Christof Gertsch

22
DER NACHTZUG
Die Antwort aufs Billigfliegen

Die Ära der Nachtzüge ging in den Zehnerjahren zu


Ende. 2009 verabschiedete sich die SBB vom Nacht­
zug, 2016 beerdigte die Deutsche Bahn ihren letzten
Schlafwagen. Die Todesursache war die gleiche wie
LUC TUYMANS bei allem Schönen: Kosteneinsparung.
Was Malerei leisten kann Die Einzigen, die da nicht mitmachten, waren die
Österreicher. Antizyklisch kauften die ÖBB 2016 der
Was kann zeitgemässe Malerei? In welcher Bezie­ Deutschen Bahn alle 42 Schlafwagen ab und gaben
hung steht sie zur Dekoration, zur Werbung, zur Foto­ auch gleich eine neue Generation von Nachtzügen
grafie, zu den Bilderschleudern von Instagram und bei Siemens in Auftrag (kommen 2022). Es war ein
Pinterest? Was hat die Kunst unserer übersättigten ebenso sympathischer wie kluger Entscheid. Denn
Wahrnehmung noch hinzuzufügen? Wie gelingt es heute, drei Jahre später, fliegt kein vernünftiger
Künstlerinnen und Künstlern, mit ihrer Art zu sehen, Mensch mehr leichten Gewissens durch Europa, aber
zu begreifen und zu gestalten, einen Wahrnehmungs­ ein vernünftiger Mensch will auch nicht zwölf Stun­
bereich zu schaffen, der uns Betrachtende von den den in einem Zug sitzen. Die Antwort ist der ÖBB
Gewissheiten des bereits Gesehenen befreit? Nightjet: ab Basel und Zürich geht es nach Berlin,
Wer 2019 die Ausstellung «La Pelle» (Die Haut) Hamburg, Wien, Graz, Prag, Budapest und Zagreb.
des belgischen Malers Luc Tuymans im Palazzo Gras­ Auch eine Verbindung bis nach Schweden sei «nicht
si in Venedig gesehen hat, wird einige dieser Fragen uninteressant», sagte ihr klarsichtiger CEO Andreas
nicht mehr stellen. Die rund achtzig ausgestellten Bil­ Matthä unlängst an einer Pressekonferenz. «Reich
der sind von einer tiefen, verunsichernden Intensität, wird man mit Nachtzügen nicht», sagte er auch noch.
die sich nicht allein durch die Wahl der Motive erklärt Aber vielleicht ein klein wenig glücklicher.
– auf einem Bild namens «Secrets» ist der Kopf Albert Mikael Krogerus
Speers zu sehen; auf einem anderen der japanische
Frauenmörder und Kannibale Issei Sagawa. Doch
gerade auch die zum Teil grossformatigen Alltags­
szenen, Blicke auf Kanäle und Wasserlöcher, in den
Rückspiegel des Autos oder – im Ausnahmefall – in
den Spiegel offenbaren eine Distanz zum Jetzt, die
nur als beunruhigend empfunden werden kann: als
ein Infragestellen der Gewissheit, ob das, was ich
sehe, dem entspricht, was ich glaube.
Luc Tuymans, Jahrgang 1958, lebt und arbeitet in
Antwerpen. Er malt nach Fotos, die er selbst macht,
oft mit seinem Handy. Komposition und Farbgebung
besitzen etwas Spontanes, manchmal fast Überrasch­
tes – als wäre der Künstler erstaunt, was ihm der fest­
gehaltene Moment zu offenbaren hat. Vielfach halten
die Bilder das Halblicht, das Fahle, den Zwischen­
raum fest, und immer spricht aus diesen Bildern Irri­
tation und nicht genau zu lokalisierende Bedrohung.
Auf dem Boden im Atrium des Palazzo Grassi
liess Tuymans ein zehn mal acht Meter grosses Mo­
saik nach seinem Gemälde «Schwarzheide» legen.
«Schwarzheide» entstand nach einer Zeichnung, die
ein Überlebender aus dem Zwangsarbeiterlager nahe
DA S M AG A Z I N N ° 51/52 — 2019

der gleichnamigen Stadt in Brandenburg herausge­


schmuggelt hatte. Es zeigt nicht mehr als dürre,
schwarze Bäume. Stehen sie im Gegenlicht der Ge­
schichte, oder haben sie nach dem Feuer neue Nadeln
angesetzt?
Malerei ist die Kunst abzubilden, was sein könn­
te. Luc Tuymans treibt diese Kunst auf die Spitze.
Christian Seiler

23
K ARL OVE KNAUSGÅRD
Jedes Leben ist spannend

2013 ging es Karl Ove Knausgård nicht gut. Sein


sechsbändiges Buchprojekt «Min Kamp» war ein
internationaler Megaseller, und er hatte praktisch ein
eigenes literarisches Genre begründet. Er war Millio-
när und zu dem Zeitpunkt vielleicht der bekannteste
Schriftsteller der Welt. Aber Knausgård hatte einen
hohen Preis bezahlt. Seine Frau war in der Psychia-
trie, seine Familie in Norwegen hatte sich von ihm ab-
gewendet, und er fühlte sich trotz seines Erfolges
minderwertig. All das erzählte er mir mit einer fast er-
schreckenden Ehrlichkeit, als wäre er unfähig zu lü-
gen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass sein Werk im
gleichen Jahrzehnt wie Instagram entstand. Es ist
ähnlich narzisstisch wie die Social-Media-Plattform,
aber anders als beim Selfie, wo wir uns von unserer
besten Seite zeigen wollen, handelt Knausgårds Werk
davon, mit einer hypnotisierenden, nie zuvor dage-
wesenen Genauigkeit zu erzählen, was wirklich ist.
Wie es wirklich in ihm aussieht.
Als ich ihn damals in seinem Haus in Glemmin-
gebro besuchte, fragte ich ihn irgendwann: «Es war
immer Ihr Traum, ein berühmter Schriftsteller zu
werden. Hat sich der Kampf gelohnt?»
Er zog an der Zigarette. Nahm einen Schluck Kaf-
fee. Nach einer Ewigkeit antwortete er: «Nein. Oft
denke ich, dass ich meine Familie mit dem Buch zer-
stört habe. Dass ich meine Frau zerstört habe, weil ich
über ihr Leben, unsere Kinder, unsere Probleme ge-
schrieben habe.» Wieder machte er eine Pause.
«Ich habe meiner Frau wehgetan, und in einigen
Jahren, wenn meine Kinder gross genug sind und le-
sen können, wird es ihnen wehtun.»
An dieser Stelle schaute er zu Boden, als kämpfte
er mit den Tränen. Es hat etwas unheimlich Beklem-
mendes, einen erwachsenen Menschen weinen zu se-
hen. Minutenlang schwieg er. Schliesslich hob er den
Kopf: «Ich bete einfach, dass mein letzter Satz im
Buch wahr ist.»
Der letzte Satz im sechsten Band der Knausgård-
Reihe lautet:
«Dann nehmen wir den Zug nach Malmö, setzen
AKKU-VELOLICHT uns ins Auto und fahren in unser Haus, und den gan-
zen Weg werde ich geniessen, wirklich geniessen,
Der Dynamo am Velo ward erfunden, dass ich nicht länger ein Schriftsteller bin.»
Damit die Nachtfahrt zehrend sei und schwer. Mikael Krogerus
Ein Kilometer dauerte fünf Stunden,
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Bei Gegenwind noch etwa sieben mehr.

Heut macht ein starkes Licht das Vorne heller,


Und hinten schreckt ein starkes Licht den Tod.
Sogar das Fahrend-Reimen geht heut schneller:
Schon fertig! (Eine Ampel stand auf Rot.)

Thomas Gsella

24
YOTAM OTTOLENGHI
Als vegetarisch cool wurde

Das Buch mit dem gepolsterten Einband und dem


sperrigen Titel war ein game changer. Als 2011 «Ge-
nussvoll vegetarisch» eines gewissen Yotam Otto-
lenghi auf den Markt kam, hiessen vegetarische Res-
taurants noch Siddhartha oder Hiltl und bedienten
eine Klientel, die gern vegetarisch ass, sich dabei aber
nicht unter Genussverdacht begeben wollte. Das
Buch stellte die verbreitete Grundannahme, dass ve-
getarisches Essen zwar gesund, aber auch ein biss-
chen fad sein müsse, von heute auf morgen ins Ab-
MICRODOSING MIT LSD seits. Yotam, ein israelischer Gastronom, der von Je-
Neubewertung einer Droge rusalem über Frankreich nach London gekommen
war und dort eine Reihe von Imbissen betrieb, hatte
LSD-25, das vom Schweizer Chemiker Albert Hof- unter dem Titel «The New Vegetarian» eine Kolum-
mann 1943 in Basel entdeckte Halluzinogen, wirkt ne für den «Guardian» begonnen, in der er die Vorzü-
schon in einer Dosis von 120 Mikrogramm auf das Be- ge der levantinischen Mittelmeerküche charmant
wusstsein ein. Hofmann hatte bei seinem Selbstver- und weltgewandt darstellte.
such die doppelte Dosis genommen und geriet zu- Herzhafte, mit Sonne und Geschmack aufgelade-
nächst auf einen Horrortrip. Auf Druck der USA wur- ne Lebensmittel plus ein Arsenal in unseren Breiten
de die Substanz ab 1966 verboten; seit einiger Zeit eher unüblicher Gewürze und Handgriffe – minus
können die Schweiz und andere Länder wieder be- Fleisch. Plötzlich duftete unsere Küche nach Zitro-
hutsame Experimente mit ihr durchführen. Keine nenzesten, Kreuzkümmel, Knoblauch und Zaatar,
Substanz wurde dermassen dämonisiert wie das LSD, und überall waren Spuren vom Öffnen der Granatäp-
von wenigen anderen Mitteln erhofft man sich so viel fel zu sehen, ohne deren Kerne bei Yotam gar nichts
therapeutische Hilfe – in kleinen Dosen eingesetzt bei geht. Es war, als hätte die Küche plötzlich ein neues
Traumen, Depressionen, Süchten und anderem. Es Fenster: überall Licht. Die Begeisterung, die das Ver-
gibt sogar Hinweise, dass LSD gegen die sogenann- wenden des Kochbuchs mit dem spiessigen Namen
ten Cluster-Kopfschmerzen helfen könnte. Seit eini- hervorrief, verbreitete sich binnen weniger Jahre ex-
gen Jahren breitet sich eine weitere Hoffnung aus: ponentiell. Yotams Exotik ist binnen weniger Jahre in
dass das LSD auch die Kreativität animieren könnte. die Mitte der Gesellschaft gerückt.
Und zwar schon in sehr kleinen Dosierungen von un- Christian Seiler
gefähr zehn bis fünfzehn Mikrogramm. Dieses Mi-
crodosing erzeugt eine leicht euphorisierende Wir-
kung, aber keine Halluzinationen oder gestische Ein-
bussen. Manche mikrodosieren sich regelmässig und
erzählen von einem tagelang anhaltenden guten Ge-
fühl. Andere behaupten, sie seien unter LSD auf ori-
ginelle neue Gedanken gekommen. Ob sich das em-
pirisch belegen lässt, muss sich noch weisen, dazu
braucht es aufwendige Studien. Und die sind bei Ver-
suchen mit Halluzinogenen schwer zu finanzieren,
da die Pharmaindustrie kein Interesse an ihrer Erfor-
schung hat; LSD, Psilocybin oder Meskalin lassen
sich nicht patentieren. Solange nur die User Kreativi-
tät verspüren, könnte das auch ein Zeichen der Selbst-
überschätzung sein. Der anerkannte Hamburger
DA S M AG A Z I N N ° 51/52 — 2019

Drogenforscher Torsten Passie hat jedenfalls noch


keine Belege für die kreative Wirkung von LSD gefun-
den. Klar ist nur, so viel kann man als Selbstversucher
festhalten: Selbst wenn einem eine Menge auf diesen
kleinen Trips einfällt – die Motivation zum Arbeiten
fördern sie nicht im Geringsten. Dafür fühlt man sich
einfach zu gut.
Jean-Martin Büttner

25
GRETA THUNBERG
Das Mädchen, das unser Leben veränderte

Greta Thunberg hat die Fragen von Schuld, Verant­ nicht, es geht so nicht weiter, unsere Art zu leben zer­
wortung und Moral in die gesellschaftliche Debatte stört die Grundlagen des Lebens auf diesem Plane­
zurückgebracht, und das ist nicht wenig in diesen Ta­ ten, und ja, es sind die reichen Länder, die dafür ver­
gen des reinen Vollzugs der Macht, die mehr und antwortlich sind, und ja, es sind die armen Länder,
mehr an Legitimation verliert in den demokratisch die darunter als Erste leiden. Und all diese Fakten, all
organisierten Gesellschaften dieser Welt – gerade das, was durch Greta Thunberg überhaupt erst in die
eben weil sie, die Erwachsenen, die Politiker, die Ver­ Öffentlichkeit gekommen ist, sodass es wahrgenom­
antwortlichen, nicht in der Lage sind, schlüssige Ant­ men wurde und etwas bewirkt hat, die wissenschaft­
worten zu geben auf diese Fragen: Wer ist schuld, wer lichen Erkenntnisse über die Klimakrise oder Klima­
trägt die Verantwortung, wo ist die Moral? katastrophe, die Massenauslöschung von Leben auf
«How dare you!», sagte Greta Thunberg, schon dem Planeten, Tiere, Pflanzen, Menschen, diese Fak­
jetzt eine Jeanne d’Arc des 21. Jahrhunderts, als sie im ten also wurden als irrational gebrandmarkt von
September 2019 bei den Vereinten Nationen in New denen, die irrational genug sind, die Zusammenhän­
York den Weltenlenkern gegenübertrat. Wie könnt ge zu sehen, die Wirklichkeit wahrzunehmen und
ihr es wagen, ihr alle, mir und uns, euren Kindern, al­ doch einfach so weitermachen zu wollen.
les zu nehmen, die Kindheit, die Zuversicht, die Zu­ Nein, sagt Greta Thunberg, nein, sagen die Söh­
kunft? Warum muss ich, ein Mädchen voller Angst ne und Töchter, und ein wenig erinnert mich das an
und Wut und Hoffnung, warum muss ich den Job ma­ den mutigen Max aus Maurice Sendaks wunder­
chen, für den ihr eigentlich gewählt wurdet? Wer, bit­ barem Kinderbuch «Wo die wilden Kerle wohnen»:
te schön, reisst endlich das Ruder herum? «Und als er dort ankam, wo die wilden Kerle wohnen,
Und natürlich wurde sie genau dafür kritisiert, es brüllten sie ihr fürchterliches Brüllen und fletschten
konnte ja gar nicht anders sein, von den Verwaltern ihre fürchterlichen Zähne und rollten ihre fürchter­
der Macht, die Jahre und Jahrzehnte nichts unter­ lichen Augen und zeigten ihre fürchterlichen Krallen,
nommen hatten oder, schlimmer, die paktiert hatten, bis Max sagte: ‹Seid still!› und sie zähmte mit seinem
Politik und Wirtschaft, um ein System zu stützen, das Zaubertrick: Er starrte in alle ihre gelben Augen, ohne
ausser Kontrolle geraten ist, der fossile Kapitalismus ein einziges Mal zu zwinkern.»
in seiner derzeitigen destruktiven Form: Das ist doch Ist das die Art, wie Veränderung in die Welt
Pathos, sagten die einen, das ist doch Angstmacherei, kommt? Ich weiss, dass das nicht reicht. Ich weiss,
sagten die anderen, was jetzt gar nicht hilft, sagten dass es grosse systemische Veränderungen geben
die Dritten, das ist Panik. muss und dass das schwierig sein wird in den gegen­
Darüber kann man, wenn man will, tatsächlich wärtigen demokratischen Verhältnissen. Ich weiss
reden, über die besten Wege, die Menschen dazu zu auch, dass die Zeit davonläuft, und leider weiss ich
bewegen, innezuhalten und umzukehren. Aber das auch, dass Menschen das Leiden so lange verdrän­
ist ja nicht die eigentliche Debatte: Die Leistung, die gen, bis sie selbst dran sind, und dann ist es meistens
unglaubliche Leistung der einsamen Greta, die, nur zu spät. Ich weiss das, Greta weiss das, und Sie wissen
mit ihrem Schild bewaffnet, den Kampf aufgenom­ es ja auch.
men hat gegen die Gier der Wirtschaft, die Geistlosig­ Was sie geschafft hat, Greta Thunberg: Wir kön­

BI L D: RYA N PF LUGE R /AUGU S T


keit unserer Epoche, die Empathielosigkeit vieler nen nicht mehr sagen, dass wir es nicht gewusst ha­
Menschen, den Stumpfsinn des Untergangs – diese ben. Wir können so weitermachen wie bisher, aber
Leistung, die Hunderttausende von vor allem jungen dann ist das eine bewusste Entscheidung. Dann wäh­
Menschen bewegt hat, auf die Strasse zu gehen, muss len wir das Unglück und möglicherweise den Unter­
man erst einmal würdigen. gang. Oder wir entscheiden uns für eine andere Zu­
Greta Thunberg hat es geschafft – durch ihre Ta­ kunft, ein anderes Leben. Dann hat das allerdings
ten, ihre Worte, ihr Beispiel, ihre Sturheit und Klar­ Konsequenzen, dann bedeutet das wohl Verzicht und
heit und Empörung und moralische Wachheit –, den grundsätzliche Veränderungen. Aber es ist möglich,
Blick von Millionen von Menschen zu verändern, und es ist möglich, sagt Greta Thunberg, Hoffnungsbrin­
DA S M AG A Z I N N ° 51/52 — 2019

ich bin einer davon, Menschen, die sich weigerten zu gerin in einer dunklen Zeit.
verstehen, was sie eigentlich wussten: Es geht so Georg Diez ist freier Journalist

26
#METOO
Die wichtigste soziale Bewegung der Dekade

2017 wurde der Hashtag #MeToo zum weltweiten Sym- bringt vor allem junge Menschen dazu, sich für den
bol für Gewalt an Frauen. Die Begründerin der Bewe- Missbrauch selbst schuldig zu fühlen. Ich habe so vie-
gung ist die US-amerikanische Aktivistin Tarana Burke, le Jahre damit verbracht zu denken, dass es meine
die den Begriff schon viel früher, 2006, erfand. An der Schuld war. Eine der Möglichkeiten, wie wir sexuelle
WorkHuman Conference 2018 in Austin erzählte sie Gewalt unterbrechen, ist, dass wir unsere Wahrhei-
auf einem Podium von den Anfängen: ten miteinander teilen und somit die Lüge einreissen,
«Ich bin in den frühen 2000er-Jahren im Süden dass diese Dinge deine Schuld sind, dass es etwas
[der USA] aufgewachsen. Das ganze Leben habe ich gibt, das du anders hättest tun können. (...)
für soziale Gerechtigkeit gekämpft. In den Communi- Warum die Leute nicht schon früher von der
ties kämpften wir gegen Polizeigewalt, gegen ökono- #MeToo-Bewegung gehört hatten, liegt daran, dass
mische Ungerechtigkeit, gegen politische Probleme, wir tödliche Angst haben, uns unwohl zu fühlen, und
aber geschlechtsspezifische Gewalt wurde nie unter sei es nur für Minuten. Selbst jetzt sagen die Leute:
dem Aspekt sozialer Gerechtigkeit betrachtet. Se- ‹Was kommt als Nächstes? Was sollen wir jetzt tun?›
xuelle Gewalt war stets ein individuelles Problem. (…) Und ich sage: ‹Wir werden stillsitzen. Wir werden in
Ich bin selber eine Überlebende sexueller Ge- diesem Moment bleiben.› Denn es gibt so viel, was
walt. Ich habe diese Last mein Leben lang getragen. noch nicht angepackt wurde. Wir haben nur einen
Niemand hat sich eingemischt, niemand hat einge- sehr kleinen Teil der sexuellen Gewalt behandelt; wir
griffen, niemand gab mir irgendeine Art von Hoff- werden weitermachen, wir als Land werden uns un-
nung. Das änderte sich, als andere Überlebende von wohl fühlen. (...)
sexuellen Übergriffen mit einer immensen Menge an In den ersten 24 Stunden, in denen #MeToo viral
Mitgefühl mit mir in Kontakt traten und so meine Iso- ging, gab es 12 Millionen Reaktionen mit dem Hash-
lation durchbrachen. Der Unterschied ist der, wie je- tag #MeToo. Jeder dieser Hashtags ist ein Mensch. Je-
mand auf deine Geschichte reagiert. Wenn du deine der dieser Hashtags ist eine Person, die den Mut hat-
Geschichte erzählst und die Person sagt: ‹Oh, es tut te, ihre Geschichte zu erzählen, die sie in sich trug für
mir so leid, dass dir das passiert ist›, dann ist da sofort Gott weiss wie lange. Angenommen, 12 Millionen
eine Distanz zwischen euch. Die Aussage macht, dass Menschen wären innerhalb von 24 Stunden an einer
du dich anders fühlst als die anderen, sie macht dich Infektion erkrankt – eine Krankheit, die sich wie ein
einsamer. Aber es gab auch Leute, die mich umarm- Lauffeuer ausbreitet, wie in einem dieser Filme –,
ten und sagten: ‹Weisst du was? Ich verstehe dich. dann hätte es nur eine Art von Gespräch gegeben:
Denn ich habe das Gleiche erlebt.› Dann konnte ich ‹Wie konnte das passieren? Und wie stoppen wir das,
über Dinge sprechen, von denen ich dachte, dass sie wie stellen wir sicher, dass es nie wieder passiert?›
nur mir passiert seien. In dem Moment, begann sich Aber im Moment ist das einzige Gespräch: ‹Wie soll
etwas für mich zu ändern. ich im Zeitalter von #MeToo flirten?› Wenn jemand
Einmal kam eine junge Frau zu mir und erzählte das fragen würde, wenn es sich um eine tödliche
mir, was sie durchgemacht hatte, aber ich hatte nicht Krankheit handelte, du würdest antworten: ‹Was ist
das Zeug zu sagen: ‹Das ist mir auch passiert.› Und in los mit dir? Es sterben Menschen!› Und ich denke,
dem Moment, als ich das nicht sagte, wurde mir klar, dass wir das noch nicht begriffen haben. Dass bei se-
dass das genug gewesen wäre. Denn wenn jemand xueller Gewalt etwas in uns stirbt. Hier sind Men-
mit dreizehn oder vierzehn zu mir gesagt hätte: ‹Du schen, die sich hinstellen und über die härteste Sache
bist nicht die einzige Person auf der Welt, der das pas- reden, die ihnen je passiert ist, und wir vermischen
BI L D: BI L LY& H E L L S

siert ist› – weil als Kind denkst du das wirklich –, also sie mit allerlei anderem Unsinn. Wenn wir so weiter-
wenn jemand damals zu mir gesagt hätte: ‹Es ist machen und ständig vom eigentlichen Thema ablen-
schlimm, aber es passiert vielen Menschen; du bist ken, werden wir diese Gelegenheit verpassen. Und
nicht allein›, das hätte mein Leben verändert. (...) das wäre eine Schande.»
Wir müssen Störerinnen werden. Wir müssen Übersetzt und gekürzt von Mikael Krogerus. Das
laut werden, wir müssen die Mauern der Scham nie- gesamte Gespräch mit Tarana Burke kann im
DA S M AG A Z I N N ° 51/52 — 2019

derreissen. Denn dieses Grabtuch der Scham, unter Internet angehört werden («#MeToo with Ashley
dem wir leben, wenn wir sexuelle Gewalt erleiden, Judd, Ronan Farrow, and Tarana Burke»)

29
WELSCHE NOBELPREISTRÄGER
Bescheidene erfolgreiche Menschen

Die Durststrecke war beunruhigend lang: 15 Jahre.


Nun ist wieder Normalität eingekehrt, es gibt wieder
Nobelpreise für die Schweiz. 2017 für Jacques Dubo-
chet in Chemie, 2019 für Michel Mayor und Didier
Queloz in Physik. Dubochet hat die Elektronenmik-
roskopie so weiterentwickelt, dass man damit auch
biologische Materie untersuchen kann, etwa Viren.
Mayor und Queloz haben die ersten Planeten ausser-
halb des Sonnensystems entdeckt. Die drei Preisträ-
ger sind alle Westschweizer, und sie kommen nicht
von Elite-Hochschulen, sondern von den Universitä-
ten Genf und Lausanne, die im nationalen Vergleich
im Mittelfeld liegen. Das stellt der Schweizer Wissen-
schaftspolitik ein gutes Zeugnis aus, und es ist nicht
ganz untypisch, denn auch die Nobelpreisträger der BULLET-SCHACH
vergangenen Jahrzehnte waren längst nicht alle mit Weil schneller besser ist
der ETH Zürich verbunden.
Überhaupt entsprechen die drei ziemlich genau Weiss eröffnet mit e2-e4, ich antworte mit e7-e6. d2-
dem Typus des hiesigen Nobelpreisträgers: unspek- d4 von ihm, d7-d5 von mir, das Spiel läuft. 59 Sekun-
takuläre ältere Herrschaften, lokal verankert, inter- den bleiben mir, 57 meinem Gegner. Für die ganze
national vernetzt. Ihre Preise erhielten sie nicht für Partie. «Bullet Chess» ist extrem beschleunigtes
hochtrabende Theorien, sondern für hartnäckige Schach, das dank Highspeed-Internet seit einigen
Präzisionsarbeit. Zu ihren Erkenntnissen kamen sie, Jahren boomt; die Bedenkzeit beträgt in der Regel
weil sie auch Resultate, die auf den ersten Blick un- eine Minute pro Spieler, und ich bin einer der Süchti-
wahrscheinlich erschienen, ernst nahmen und nicht gen, die sich täglich auf lichess.org duellieren.
gleich verwarfen. Es ist eine Mischung aus Provinz- Ja, ich weiss, ihr lieben Traditionalisten, Bullet
lertum und Weltläufigkeit, welche die drei Wissen- verdirbt den Stil, weil du nur darauf achtest, offen-
schaftler erfolgreich und sympathisch macht. Jacques sichtliche Fehler zu vermeiden und deinen König zu
Dubochet gibt Migrantenkindern Mathematikunter- schützen, so gut es geht. Weil du wie ein ADHS-Kind
richt. Michel Mayor besitzt kein Handy, den Anruf nach dem Konsum von zwölf Espressi deine Figuren
aus Stockholm nahm seine Frau entgegen. Didier übers Brett hetzt und dich um Feinheiten der Position
Queloz sprach am Tag der Auszeichnung von einem oder eine langfristige Strategie foutierst. Weil du die
Geschenk – meinte damit aber nicht den Nobelpreis, allerschlechtesten Eigenschaften in dir selber her-
sondern den prächtigen Sternenhimmel über Cam- vorkehrst; die fiesen Tricks sind die erfolgreichsten,
bridge, wo er eine Professur innehat. Dubochet und abgefeimt gewinnt. Und doch! Wer auf Youtube den
Mayor, die beide mit dem gleichen bedächtigen US-Grossmeister Hikaru Nakamura erlebt hat, einen
Waadtländer Akzent sprechen, machen Politik, und der weltbesten Schachspieler und König des Bullet,
zwar nicht irgendwo in einem UNO-Gremium, son- der begreift. Wie Hikaru «The H-Bomb» Nakamura
dern in ihrer Wohngemeinde. Dubochet sitzt im Ge- in einem Hotelsuitensessel hängt, den Kopf zu ir-
meindeparlament von Morges. Mayor war Gemein- gendeinem Brutalsound aus dem Kopfhörer bangt
derat von Trélex VD (1400 Einwohner). und seine Herausforderer in galaktischem Tempo
Liebes Nobelpreiskomitee, solche Preisträger mit Zügen von einer Qualität schlägt, die 99 Prozent
nehmen wir gerne noch mehr. Es darf auch ruhig ein- von uns Normalspielern auch mit zwei Stunden Be-
mal eine Frau sein. denkzeit nicht hinkriegen: Coolness in der Klick-Epo-
Mathias Plüss che. Der Bullet-Spieler verhält sich zum konventio-
nellen Homo Schach wie der Hacker zum IT-Techni-
DA S M AG A Z I N N ° 51/52 — 2019

ker in der Grossbank.


Jetzt zurück zu meiner Partie. Ich bin in ein ge-
meines Manöver gelaufen, habe einen Springer und
einen Bauern weniger, noch vier oder fünf schlaue
Züge, dann bin ich matt. Mein Gegner setzt zum fina-
len Angriff an, da… sind seine 60 Sekunden um. Er
hat verloren. Bullet, ich liebe dich.
Thomas Widmer

30
«ALRIGHT»
Die «Black Lives Matter»-Hymne

«Alright» von Kendrick Lamar erschien 2015 als vier-


te Single des Albums «To Pimp a Butterfly». Der Song
entsprang einer Zusammenarbeit von Pharrell Wil-
liams – dessen Hymne «Happy» übrigens durchaus
auch den Titel des einflussreichsten Songs der Zeh-
nerjahre verdient hätte – und Lamar selbst und gibt
interessante Einblicke in den Maschinenraum zeitge-
mässer Popsongs und ihrer gesellschaftlichen und
politischen Verortung. Zuerst hatte Williams den
Beat für «Alright» programmiert, einen federleich-
ten, tanzenden Hip-Hop-Beat. Dann war ihm auch
die Hookline, das sich immer wiederholende «We
gon’ be alright» eingefallen, das aus den fertigen Flä-
chen dieses Songs trotzig und beschwörend aufragt.
Die beiden Bestandteile inspirierten Lamar dazu,
den dystopischen, verstörenden Text von «Alright»
zu schreiben, der mit Montagen aus Alice Walkers
«The Color Purple» beginnt – «Alls my life I had to
fight» – und die Gegenwart schwarzen Lebens in den
USA beschreibt, mitleidlos, poetisch, brutal.
Lamar selbst gewann «Alright» durchaus opti-
mistische Aspekte ab, er verwies auf die Lebensum-
stände in Südafrika, die er bei einem Besuch als «ten
times harder» kennen gelernt hatte als jene von Afro-
amerikanern in den USA. Er spielt aber auch auf
einen Moment an, als er in einem Hotel Selbstmord-
gedanken hatte und dazu tendierte, sich in die De-
pression zu schicken. Der Song hetzt über den Beat
und die von feinen Jazzsounds aufgeladenen, offen
daliegenden Harmonien, ohne eines der musikali-
schen Motive zu vertiefen oder weiter zu verfolgen, BIBLIOTHEKEN
immer wieder in den Beschwörungsmodus zurück- Zum Beispiel Oodi in Helsinki
kehrend – «Do you hear me, do you feel me? We gon’
be alright» –, bevor es nach drei Minuten zu einer li- Frage: Was machen Sie, wenn das Leben auf Ihnen
turgischen choralartigen Verdichtung kommt, die ein lastet wie ein Mantel aus Blei? Wo gehen Sie hin? Wo
paar Momente atemberaubender Schönheit bei- finden Sie Linderung?
steuert und schliesslich in das finale Selbstgespräch In solchen Momenten empfiehlt es sich, eine Bi-
mündet, in dem sich der Song auflöst. bliothek aufzusuchen. Die Gegenwart von Büchern
Ohne seine Wirkungsgeschichte ist «Alright» hat die Wirkung von Zigaretten: Ist man nervös, beru-
nicht zu verstehen. Der Song wurde zur Hymne der higen sie, ist man erschöpft, regen sie an. In Biblio-
«Black Lives Matter»-Bewegung, er schuf Identität theken ist es still wie in Kirchen, und doch ist man in
für eine Generation junger Afroamerikaner. Und er Gesellschaft, weil man stets die Gegenwart von Tau-
besitzt die Kraft der Romane James Baldwins, um Au- senden Geschichten spürt.
gen zu öffnen, zu verstören – aber immer wieder, mit Ein Problem ist, dass die meisten neuen Biblio-
jeder Wiederholung des magischen, pumpenden Re- theken gesichtslose Kästen sind, für die sich Archi-
frains, auch Trost zu spenden. tekten schämen sollten. Eine wunderbare Ausnahme
DA S M AG A Z I N N ° 51/52 — 2019

Christian Seiler ist das 2018 fertiggestellte Oodi in Helsinki. Auf


grosszügigen, hellen Stockwerken findet man hier
eine zwanglose Symbiose aus digital und analog, aus
jung und alt, aus Einkehr und Aufbruch. Das Gebäu-
de hat die Form einer Arche. Und vielleicht ist die Bi-
bliothek ja tatsächlich der Ort, an dem wir uns aufhal-
ten wollen, wenn dereinst die Welt untergeht.
Mikael Krogerus

31
STÜTZSTRÜMPFE
Stützstrümpfe waren was Schlechtes
Aus Polyamiden. Kein Schmäh:
Es gibt aus Plastik nichts Rechtes.
Sie juckten, man schwitzte, äh bäh.

So kamen zum Venenproblem


Die grinsenden Mienen der andern:
«Es duftet. Ich frag mich: von wem?» HAUS OHNE HEIZUNG
«Wir gehen echt gern mit dir wandern.» Minergie war gestern

So war es, ach, immer! Doch jetzt, Menschen, die ihre Tage hauptsächlich in Büros ver-
Jetzt gibt es, hurra, endlich tolle: bringen, dürfte das Bild bekannt sein: Luftfeuchtig-
Das Polyamid wurd versetzt keit Fehlanzeige, rote Köpfe ringen um Sauerstoff,
Mit dänischer Bio-Baumwolle! sehnsüchtig aus dem nicht zu öffnenden Fenster bli-
ckend, das sie von der Frischluft trennt. Unter der
Dänen, ich danke euch sehr! Energiesparmaxime mutierten Gebäude in den ver-
Schaut nur, wie gut er mich kleidet! gangenen Minergie-Jahren zu Hightech-Bastionen.
Jetzt hüpf ich im Stützstrumpf umher: 2013 aber erscheint ein Lichtstreifen am Horizont des
Geliebt, hoch geschätzt, tief beneidet. nachhaltigen Bauens: Das Architekturbüro Baum-
schlager Eberle geht einen Schritt weiter und will
Thomas Gsella nicht nur den Energiebedarf, sondern auch den Auf-
wand für Unterhalt und Wartung minimieren. Zwi-
schen angenehmen 22 und 26 Grad herrschen in
ihrem Bürogebäude in Vorarlberg. Anlagen für Hei-
zung, Lüftung und Kühlung sind nicht zu finden. Um
den Verzicht auf Technik zu ermöglichen, bedienen
sie sich uralter Mittel der Bauphysik und der Archi-
tekturtradition: Die mehr als 70 cm starken Ziegel-
mauern dämmen gegen Wärme und Kälte und wir-
ken darüber hinaus als thermische Langzeitspeicher.
Die hohen Fenster sind in der Fassade zurückver-
setzt, sodass direktes Sonnenlicht nur im Winter ein-
fällt und Kühllasten im Sommer vermieden werden.
Als Heizung dienen allein Menschen und Maschinen
– Leuchten, Kopierer, Rechner, Kaffeemaschinen.
Die einzigen haustechnischen Elemente sind Senso-
ren, welche CO2-Gehalt und Temperatur messen und
bei Bedarf die Lüftungsflügel steuern. In den Som-
mernächten öffnen sich die Flügel automatisch, um
das Gebäude genügend abzukühlen. Sollten sich Nut-
zende und Sensoren aber uneinig sein über die idea-
le Raumtemperatur, lassen sich die Lüftungsflügel je-
derzeit manuell bedienen. Damit wird das Fenster
seinen ursprünglichen Aufgaben wieder gerecht: Es
dient nicht nur dazu, das Innere mit Licht zu versor-
gen, sondern auch als Bruch in der fest uns umgeben-
den Hülle. Es ermöglicht neben dem Sehen auch das
DA S M AG A Z I N N ° 51/52 — 2019

Hören und Spüren, das Erleben des Wetters, des Ge-


schehens der Aussenwelt.
Zu bemängeln bleibt einzig, dass die Neubauten
trotz technischer Innovation so hässlich bleiben.
Aber das lässt sich vielleicht im neuen Jahrzehnt lö-
sen, damit endlich die Epoche der Verschuhschach-
telung unserer Baukultur zu Ende geht.
Fabienne Girsberger, Architekturstudentin ETH

32
QUANTENCOMPUTER PATAGONIA
Der Beginn eines neuen Zeitalters Das Unternehmen der Zukunft

Am 15. November 2018 veröffentlichte der weltgröss- Die Firma Patagonia wurde 1973 vom Kletterer und
te technische Berufsverband IEEE ein Paper mit dem Umweltaktivisten Yvon Chouinard gegründet.
Titel «The Case Against Quantum Computing» (Das «Kaufen Sie diese Jacke nicht», war der Titel
Argument gegen Quantencomputer). Darin bezwei- einer Anzeige, die Patagonia 2011 in den USA schal-
felte der Autor, dass Quantencomputer – eine Art tete, um Kunden dazu zu bringen, über die Notwen-
Über-Computer, die auf einem komplexeren physi- digkeit einer Neuanschaffung nachzudenken.
kalischen Prinzip als normale Rechner beruhen – je- Ein Grossteil der Bekleidung von Patagonia wird
mals praktisch anwendbar werden könnten. aus rezykliertem Material hergestellt.
Zehn Monate später, am 20. September 2019, Die Firma Patagonia hat seit 2002 mehr als 225
leakte aus der Forschungsabteilung von Google, dass Millionen Dollar für Umweltprojekte gespendet.
man Quantum Supremacy erreicht habe: Mit einem Der Hauptsitz von Patagonia in Ventura bezieht
Quantencomputer namens Sycamore habe man in- seine Energie aus Solarzellen.
nert 200 Sekunden ein Problem gelöst, für dessen Die Firma betreibt seit 2015 mobile Reparatur-
Lösung selbst die besten heutigen Supercomputer werkstätten, wo Kunden ihre Kleider flicken lassen
nach normaler Bauweise «mindestens zehntausend können.
Jahre» gebraucht hätten. Allerdings ging aus dem Der von der Firma produzierte Film «Artifishal»
Google-Papier hervor, dass Sycamore genau für die- hat dazu geführt, dass in schwedischen Schulen kein
se Problemlösung entworfen worden war. Ein Einzel- Zuchtlachs mehr serviert wird.
fallbeweis also. Dennoch, sagt ETH-Professor Rena- CEO ist eine Frau. Yvon Chouinard ist der Mei-
to Renner, Physiker und Leiter der Forschungsgrup- nung, dass Frauen die besseren Personalentscheide
pe für Quanteninformationstheorie, war der Beweis treffen.
erbracht: Quantencomputer können normalen Rech- Patagonia hat eine eigene Risikokapitalgesell-
nern überlegen sein. Die zweite grosse Frage lautet: schaft gegründet, die ausschliesslich Start-ups im
Kann auch die Allgemeinheit Quantencomputer nut- Umweltbereich unterstützt.
zen? Das konnte IBM nachweisen, indem sie (rechen- 2017 reichte die Firma gegen Präsident Trump
schwache) Quantencomputer ans Internet anschlos- Klage ein wegen Landraubs, nachdem Trump be-
sen und öffentlich zugänglich machten. Nun fehle, schlossen hatte, zwei Naturschutzgebiete in Utah um
laut Renner, nur noch der Beweis, dass Quantencom- bis zu 85 Prozent zu verkleinern. Die Trump-Regie-
puter zugleich breit anwendbar und normalen Com- rung verbreitete aus Wut über die Firma den Hashtag
putern stets überlegen sein können. Damit würde ein #BoycottPatagonia.
neues Computerzeitalter beginnen, dessen Konse- Die Firma fordert die Angestellten auf, in der
quenzen uns heute ebenso unvorstellbar sind wie die Mittagspause surfen zu gehen.
Effekte der Schaffung des Internets. In Polen hat sich Patagonia für den Schutz der
Was sicher ist: In den Zehnerjahren kam der letzten europäischen Urwälder eingesetzt.
Durchbruch des Quantencomputers. In Alaska kämpft Patagonia gegen die zerstöreri-
Hannes Grassegger schen Praktiken von Minenunternehmen. Daraufhin
verklagten US-Ölfirmen Patagonia.
Die Firma verarbeitet seit über dreissig Jahren
nur organische Baumwolle.
Auf dem Firmengelände in Ventura, Kalifornien,
betreuen 28 Kindergärtner die knapp einhundert
Kinder der Angestellten.
Patagonia-Produkte werden in Indien, Thailand,
Kolumbien, Vietnam, Nicaragua und Mexiko herge-
stellt, wo die überdurchschnittlich bezahlten Arbei-
tenden zusätzlich Boni in Cash erhalten.
DA S M AG A Z I N N ° 51/52 — 2019

Die Firma Patagonia ist in der letzten Dekade


kräftig gewachsen, Analysten erklären den Erfolg mit
den höheren Ansprüchen kritischer Konsumenten.
Der 81-jährige Yvon Chouinard bringt Indianer-
kindern Fliegenfischen bei.
Manchmal übernachtet er in seinem Auto.
Quellen: «New York Times», «The New Yorker»,
«Fast Company», «Forbes»

33
ÜBERBEVÖLKERUNG
Eine Grundannahme wird infrage gestellt

«The Population Bomb» hiess das Buch, in dem Anne


und Paul R. Ehrlich 1968 das Szenario einer über-
bevölkerten Welt entwarfen. Ihr Ausgangspunkt war
die These des britischen Ökonomen Thomas Malthus
(1766–1834), dass die Erde nur eine begrenzte Anzahl
Menschen ernähren könne. Die Ehrlichs machten da-
raus den Begriff «Überbevölkerung». Da die Gebur-
UN-DESIGN ten in Europa unter die Reproduktionsrate von 2,1
Die erstaunliche Wirkung einer einfachen Idee Kindern pro Frau sank, während die Bevölkerung in
Entwicklungsländern noch stark anwuchs, entwi-
Design ist der Versuch, ein Objekt so attraktiv oder so ckelte sich das Narrativ vom «Bevölkerungsaus-
praktisch wie möglich zu machen, meistens mit dem tausch». Hüterin der Zahlen über Bevölkerungsprog-
Ziel, dass wir es kaufen. Die Zigarettenschachtel ist nosen sind die Vereinten Nationen. Aktuell prognos-
eines der am durchdesigntesten Objekte im Konsum- tiziert man bis ins 22. Jahrhundert eine auf mehr als
bereich. Position und Erscheinungsbild des Logos, 11 Milliarden wachsende Weltbevölkerung.
Typografie, Farbe und Prägung der Verpackung wer- 2019 erschien ein Werk, das glaubhaft das
den sorgfältig geprüft, um das Distinktionsbedürfnis Gegenteil verkündet: In etwa drei Jahrzehnten, bei
der Raucherinnen und Raucher zu befriedigen. knapp neun Milliarden Menschen, werde ein globa-
Im Jahr 2012 verabschiedete Australien ein Ge- ler Bevölkerungsrückgang beginnen – zum ersten
setz, das die Verpackung von Zigaretten regelt. Seit Mal in der Geschichte der Menschheit. «Empty Pla-
jenem Jahr stecken alle in Australien verkauften Ziga- net» heisst das Werk der Kanadier Darrell Bricker
retten in einer einfachen Schachtel, die laut Gesetz und John Ibbitson. Es ist das Ergebnis einer weltwei-
«eine mattbraune Farbe haben muss» . Die Verord- ten Recherche in Dutzenden Ländern, in denen die
nung verbot die Verwendung von Logos, Farben oder beiden immer wieder feststellten, dass die Geburten-
anderen Gestaltungsmerkmalen, keine Marke ist raten sinken. Und zwar viel stärker, als von der UN
mehr von einer anderen unterscheidbar. Sogar die vorhergesagt. Und mehr noch: In keinem Land stei-
Schrift, eine schlichte Serife, ist bewusst so gewählt, gen die Geburtenraten. Der wichtigste Grund ist, so
dass sie billig aussieht. Zigaretten vermitteln nun kei- scheint es, dass in Afrika und Asien junge Frauen bes-
nen Lebensstil mehr, sondern ähneln einer generi- seren Zugang zu Bildung haben und deshalb weniger
schen, bösen Medizin. Eingehüllt in Bilder von er- Nachwuchs bekommen. Sobald ein gewisses Niveau
krankten Lungen, entziehen diese neuen Verpackun- an Kindern unterschritten ist, folgt ein zweiter über-
gen dem Rauchen jede Spur von Glamour. Sie wurden raschender Effekt: Je weniger wir von Familienmit-
nicht designt, sondern un-designt. gliedern umgeben sind, desto weniger regt uns unse-
Die schlichte Verpackung ist brillant. So brillant, re soziale Umgebung an, Kinder zu bekommen. Chi-
dass die australische Regierung von der Weltgesund- na könnte so bis zum Ende des 21. Jahrhunderts von
heitsorganisation (WHO) ausgezeichnet wurde und heute 1,3 Milliarden Menschen auf etwas über 600
vor der Welthandelsorganisation (WTO) verklagt. Millionen Menschen schrumpfen.
Ursprünglich wurde der Fall von der Ukraine vor die Hannes Grassegger
WTO gebracht, obwohl das Land gar keine Tabak-
erzeugnisse nach Australien exportiert. Die Rechts-
kosten für die Klage der Ukraine wurden von British
American Tobacco bereitgestellt. Die australische
Regierung hat den Rechtsstreit schliesslich im Jahr
2018 gewonnen. In der Zwischenzeit wurden ähnli-
che Verpackungen in Frankreich, Grossbritannien
und anderswo eingeführt. Tabakunternehmen be-
DA S M AG A Z I N N ° 51/52 — 2019

haupten zwar weiterhin, dass «un-designte» Verpa-


ckungen keinen Einfluss auf die Rauchgewohnheiten
haben, sie bekämpfen entsprechende nationale Ge-
setzesvorstösse jedoch entschlossen.
Vielleicht sollte man in der Schweiz PET-Fla-
schen un-designen?
Dr. Adam Jasper, wissenschaftlicher Mitarbeiter
der ETH Zürich

34
ZWEINUTZUNGSHUHN
Die Mordrate an männlichen Küken sinkt

Die Zehnerjahre brachten Rettung für eine gequälte


Männerwelt, und zwar jene der Hähne. Üblicherwei-
se müssen nämlich alle männlichen Küken von Lege-
hennen gleich nach dem Schlüpfen wieder sterben:
Sie sind in der kommerziellen Landwirtschaft schlicht
unbrauchbar, weil sie naturgemäss keine Eier legen,
aber als Abkömmlinge von fürs Eierlegen gezüchte-
ten Hühnerrassen auch zu langsam und zu wenig
Fleisch ansetzen, um als Pouletrohstoff grossgezogen
werden zu können. Also werden die kleinen Hähn-
chen getötet, meistens durch Gas, in der Schweiz pro
Jahr etwa zwei bis drei Millionen . Seit Mitte des Jahr-
zehnts ist nun aber Rettung im Anmarsch: Die Zwei-
ANXIET Y nutzungshühner kehren zurück in die Ställe! Diese
Grundgefühl einer Generation Hühner können sowohl für die Eier- wie für die
Fleischproduktion genutzt werden (daher der Name)
An Anxiety leiden kann heissen: «Ich bin depressiv.» und waren bis in die 1960er-Jahre üblich in der
Aber auch: «Heute fühle ich mich irgendwie nicht so Schweiz, wurden dann aber aus Effizienzgründen
gut und habe Lust auf ein warmes Bad.» Das Unbe- durch spezifisch gezüchtete Rassen ersetzt. Entspre-
hagen ist so verbreitet unter uns 20- bis 35-Jährigen, chend legen Zweinutzungshühner weniger und klei-
dass man sogar von der «Generation Anxiety» nere Eier als Legehennenrassen und setzen langsa-
spricht. Wir Millennials sind seit zehn Jahren in The- mer Fleisch an als Mastpouletrassen. Das macht ihre
rapie und reden beim Small Talk nicht übers Wetter, Eier und ihr Fleisch teurer, dafür aber können die Kü-
sondern über Essstörungen, Neurosen, Panikatta- ken beiderlei Geschlechts in der Landwirtschaft Ver-
cken, Trigger und Stresssymptome. Wir sind getrie- wendung finden. 2014 lancierte Coop ein Projekt zur
ben, machen ein unbezahltes Praktikum nach dem Wiederverwendung dieser «Normalhühner», auch
andern, lesen Bücher von Ta-Nehisi Coates, sind in- bei Migros sind mittlerweile Zweinutzungseier im
teressiert an der Welt, aber vor allem an uns selbst. Angebot, ebenso bei Aldi. Seit 2019 existiert mit De-
Die Tragödie ist, dass uns als Kindern gesagt wurde: meter das erste Biolabel in der Schweiz, das nur noch
Geh, wohin dein Herz dich trägt, und alles kommt gut Eier von Zweinutzungshühnern anbietet. Allerdings
– wir aber haben Angst, nicht zu genügen, zu langsam, gibt es auch bei den Zweinutzungshühnern einen Ha-
zu hässlich zu sein. Wir kritisieren Selbstoptimie- ken: Die Aufzucht der Bruderhähne ist unökologi-
rung, rennen aber ins Bikram-Yoga. Wissen, dass die scher als die Aufzucht klassischer Mastpoulets, weil
«Ich-Kultur» krank macht, aber setzen alles daran, viel mehr Futter, Wasser und Energie pro Kalorie
ein hübsches Insta-Profil zu haben. Wir wollen über Fleisch verbraucht werden müssen; dasselbe gilt für
strukturelle Ungleichheit und die Klimakrise reden, die Eier der Zweinutzungshennen. In den nächsten
aber dafür sind wir zu gestresst, zu nervös, zu ausge- zehn Jahren führt also kein Weg daran vorbei, weni-
brannt. Zum Glück kommt jetzt die Generation Z. ger Eier und weniger Hühnerfleisch zu essen. Aber
Und die, so sagt man, steht für Mut und Mitgefühl. auch dann bitte nur noch von Zweinutzungshühnern!
Nina Kunz Simona Pfister

Festtage im Zentrum Paul Klee


Sonntags 10:30 –11:45 Bis 24. Mai 2020
22. und 29. Dezember 2019 Jenseits von Lachen und Weinen.
DA S M AG A Z I N N ° 51/52 — 2019

Familienmorgen bauhaus imaginista Klee, Chaplin, Sonderegger


Gratis für Kinder und Jugendliche
bis 16 Jahre Führungen unter www.zpk.org

Sonntag 29. Dezember 2019 11:00 Öffnungszeiten Festtage


Hannelore Hoger liest An allen Feiertagen von 10:00 –
Der Spaziergang von Robert Walser 17:00 geöffnet. Ausgenommen 25.
Dezember 2019 geschlossen
Bis 12. Januar 2020
bauhaus imaginista
DER HOODIE
Apologie auf ein Kleidungsstück

Der Kapuzenpullover, englisch Hoodie (vom angel-


sächsischen hōd, Hut), hat ein bewegtes Leben hinter
sich: Erfunden in der Antike, gab es einen ersten
Durchbruch im Mittelalter, als Mönche Gewänder
mit kapuzenähnlicher Kopfbedeckung trugen wie wir
sie aus «Der Name der Rose» kennen. Die moderne
Version des Hoodies – typischerweise ein Baumwoll-
pullover mit Kapuze – wurde 1930 von der Knickerbo-
cker Knitting Company entwickelt, um den Kopf von
Sportlern warm zu halten. In der Folge trugen ihn
Arbeiter bei kalten Tätigkeiten, etwa in Kühlhäusern.
Seit den 1980er-Jahren verbindet man mit dem
Kleidungsstück vor allem Streetfashion, Hip-Hop
und Gangkriminalität. 2012 trug der siebzehnjährige
US-Amerikaner Trayvon Martin einen Hoodie, als er
erschossen wurde. Die Verteidiger des Täters argu-
mentierten mit dem «Hoodie-Argument»: Es sei
nachvollziehbar, dass der Täter den Jungen als Bedro-
hung einstufte, dieser trug ja einen Kapuzenpullover.
Millionen Menschen gingen daraufhin in Hoodies auf
die Strasse, um sich mit dem Opfer zu solidarisieren.
Im gleichen Jahr bekam das Kleidungsstück eine
weitere, völlig andere Bedeutung: Beim Börsengang
von Facebook trug Mark Zuckerberg statt eines Her-
renanzugs einen grauen Hoodie. Es war keine spät-
pubertäre Geste, eher ein ehrliches Statement: Ich
habe Wichtigeres zu tun, als über Mode nachzuden-
ken. Der Hoodie war plötzlich ein Symbol dafür, dass
ANDYS STIMME die Welt sich gedreht hatte. Ein zweiteiliger Anzug?
Volkssport Meditation Dann sind Sie vielleicht der Leibwächter. Wer heute
etwas bewegt, trägt Kapuzenpulli mit T-Shirt und
Seit einigen Jahren beginnen Millionen Menschen Jeans. Und so sind wir Ende der Zehnerjahre an
weltweit ihren Tag mit der Stimme von Andy Puddi- einem Punkt angelangt, an dem man unabhängig von
combe im Ohr. Puddicombe war buddhistischer Geschlecht, sozialer Schicht, politischer Zugehörig-
Mönch, dann entwickelte er Headspace, eine Medita- keit, Körpergewicht und gesellschaftlichem Status
tions-App. Drei bis sechzig Minuten täglich spricht den gleichen Pullover überziehen kann. Die neue
Andy uns mit seiner warmen Stimme zu. Diese Stim- Uniform signalisiert Juvenilität und Zwanglosigkeit.
me macht, dass wir uns auf unsere Atmung konzent- Es ist der Triumph des Bequemen über das Schöne.
rieren; dass wir weder das Gestern bereuen noch uns Aber da ist noch mehr. Der Hoodie sagt: Es ist egal,
vor dem Morgen fürchten. was du trägst, denn Kleider können nicht cool sein,
Wer meditiert, sagt Yuval Noah Harari, der lerne das können nur Menschen.
zu erkennen, was wirklich ist und was eben nicht. Der Mikael Krogerus
Witz ist natürlich, dass vieles, was uns quält, nur in
unserem Kopf existiert. Weshalb erleben wir gerade
einen ungeheuren Aufschwung dieser sehr alten Pra-
xis? Zwei sich ergänzende Erklärungsversuche: So-
DA S M AG A Z I N N ° 51/52 — 2019

ziale Medien sorgen dafür, dass wir ständig irgendwo


sind, nur nicht in unserem eigenen Leben. Gleichzei-
tig erlauben es Meditations-Apps, dass wir uns jeder-
zeit mit aufgesetztem Kopfhörer von allem zurück-
ziehen.
Für zwanzig Minuten sind wir ein übender
Mensch.
Finn Canonica

36
GENDERGERECHTE SPRACHE
Weil Sprache unser Denken formt

Es war spät in der Nacht, meine Freund*innen und ich


standen im Treppenhaus zwischen den beiden
Dancefloors. Auf uns zu kam ein grosser, hübscher
Mensch, das Hemd bis oben zugeknöpft. Auf der
einen Seite seines Kragens war ein Button ange-
bracht, den hellblaue, rosarote und weisse Streifen
zierten – die Transgender-Flagge –, auf der anderen
Seite ein zweiter Button, auf dem «they» stand. Die
Person ging zum nächsten Dancefloor, und verstoh-
len guckten wir ihr nach.
Wenn es nach der deutschen Sprache geht, gibt es
auf der Welt vor allem Männer. Dann, untergeordnet,
Frauen. Nichtbinäre Leute sind im Deutschen un-
sichtbar. Das ist ungerecht – und in den vergangenen
zehn Jahren wurde diese Sprachnorm zuerst infrage
gestellt und dann umgekrempelt. Der Leitfaden zur
DIE WÄRMEPUMPE geschlechtergerechten Sprache, der verbindlich ist
Die Ölheizung stirbt aus für die amtlichen Texte des Bundes, kam 2009 raus.
Da sind weder Sternchen noch Unterstriche drin,
Für Technologiemuffel mag das Wort wenig verheis- aber erstaunlich elegante Alternativen. Die Zehner-
sungsvoll klingen. Aber Wärmepumpen sind so ziem- jahre brachten Schweizer*innen beides: Simple Lö-
lich der einzige Lichtblick der Energieentwicklung sungen wie «Mitarbeitende» wurden in den Büros
der letzten dreissig Jahre. Während etwa beim Ver- normalisiert, während die Sonderzeichen-Revolu-
kehr der CO2-Ausstoss in der Schweiz heute immer tion an der Basis stattfand. Natürlich kriegen wir Fe-
noch gleich gross ist wie 1990, so ist er bei den Gebäu- minist*innen noch immer dieselben Argumente wie
den immerhin um ein gutes Viertel gesunken. Haupt- vor zehn Jahren zu hören (die WOZ führt diese Dis-
sächlich dank dem Einbau von Wärmepumpen und kussion dank ihrem Binnen-I schon seit mehr als drei
der besseren Isolation von Häusern, die oft damit ein- Jahrzehnten). Ein Wunder, dass wir vor lauter Augen-
hergeht. Was die Wärmepumpe leistet, grenzt an verdrehen nicht schon unsere Schädeldecke sehen.
Hexerei: Sie entzieht der Umgebung Wärme und Aber: Im vergangenen Jahrzehnt wurden mehr Leute
pumpt sie ins Hausinnere. Das funktioniert selbst hässig. Feministische Menschen wurden hässig, weil
dann, wenn die Umgebung deutlich kälter ist als der sie sich das Machtgefälle in der Sprache nicht mehr
Wohnraum. Von allein geht das natürlich nicht, die länger gefallen lassen wollten. Und alle auf Tradition
Wärmepumpe verbraucht Strom. Der Clou: Indem Pochenden wurden hässig, weil sich die deutsche
sie die Umgebung anzapft, erzeugt die Pumpe drei- Sprache wandelte. Sie fühlten sich – zu Recht! – be-
bis viermal so viel Wärme, wie wenn man mit dem droht. Denn es änderte sich wirklich etwas.
Strom direkt heizen würde. Versteht mich nicht falsch, wir sind noch lange
Der Anteil Häuser mit Ölheizung ist in der nicht am Ziel. Deutsch ist noch immer so männlich,
Schweiz seit 1990 von 60 auf 40 Prozent gesunken. dass das journalistische Branchenmagazin «Schwei-
Doch 40 Prozent sind leider doch noch Europa- zer Journalist» heisst, und so binär, dass sich nicht-
rekord. Zwar kommen bei Neubauten fast immer binäre Menschen mit einem englischen Pronomen
Wärmepumpen zum Zug. Beim Ersatz alter Heizun- («they») bezeichnen. Aber: Seit diesem Jahrzehnt be-
gen hingegen setzen die meisten Hausbesitzer immer handeln wir unsere Sprache endlich nicht mehr so, als
noch auf Erdöl. Eine heute verbaute Ölheizung wird wäre sie ein Museum. Sondern so, als wäre sie eine
bis 2040 Klimagase absondern, und das in rauen Party mit ganz vielen Dancefloors.
Mengen: etwa zehnmal so viel wie eine Wärmepum- Anna Rosenwasser, Geschäftsführerin der Lesben-
DA S M AG A Z I N N ° 51/52 — 2019

pe. Der Umbau muss schneller gehen. organisation Schweiz (LOS)


Die gute Nachricht: Wir können es schaffen. Mit
der Wärmepumpe steht uns die perfekte Maschine
dafür zur Verfügung. Es braucht nur ein bisschen
mehr Goodwill der Hausbesitzer und ein bisschen
strengere Regeln der Politik – dann wird dieser Teil
der Energiewende zum Kinderspiel.
Mathias Plüss

37
SIMONE BILES
Die Sportlerin der Dekade

Alle wussten, dass gleich etwas Wahnsinniges ge- habe mich seither oft gefragt, wie Simone Biles das
schehen könnte, aber ich muss gestehen: Als es dann geschafft hat. Einige Dinge sind offensichtlich: Sie ist
wirklich geschah, war ich trotzdem fassungslos. Am klein, kompakt, unglaublich muskulös. Sie hat den
17. August 2019 zeigte Simone Biles an den amerika- perfekten Körper fürs Turnen – wie einst Michael
nischen Meisterschaften in Kansas City als erste Frau Phelps fürs Schwimmen oder Usain Bolt für die 100
der Welt den «Triple-Double», einen doppelten Meter.
Rückwärtssalto mit drei Schrauben. Aber da ist noch etwas Verstecktes. Simone Biles
Obwohl erstaunlich wenige Männer den Sprung scheint eine unglaubliche Widerstandsfähigkeit zu
beherrschen, war immer klar, dass irgendwann auch haben. Sie gehört zu den Opfern von Larry Nassar,
eine Frau ihn stehen würde. Und es war jetzt nicht der als Teamarzt jahrzehntelang minderjährige
eine riesige Überraschung, dass die Premiere gerade Kunstturnerinnen sexuell missbrauchte. Wie ist ein
Biles gelang, der 22-Jährigen aus Texas. Biles ist die Mensch mit diesem Schmerz in der Seele zu solchen
beste Kunstturnerin der Geschichte: 19 Weltmeister- Leistungen fähig?
titel, 4 Olympiasiege. Was mich umhaute, war die Sie selbst hat einmal gesagt: «Uns ist früh beige-
Leichtigkeit, mit der sie das Kunststück vollführte. bracht worden, unsere Gefühle zu unterdrücken.
Ich weiss, wovon ich spreche. Es ist nicht lange Denn wenn du zu emotional bist, ist deine Leistung
her, dass ich ebenfalls zu den weltbesten Turnerin- weniger gut.»
nen gehörte. Auch ich habe mich mal am «Triple- Ich will mich nicht mit Simone Biles vergleichen,
Double» versucht, aber nur auf dem Trampolin, und aber auch ich habe in meiner Karriere Leid erfahren,
selbst vom Trampolin aus tat ich mich schwer damit. ein ehemaliger Nationaltrainer plagte meine Kolle-
Wenn man sich Biles’ Trick in Zeitlupe anschaut, ginnen und mich über Jahre, beschimpfte mich als
dann wirkt er einfach. In echt aber geht alles schnell. «fette Kuh». Nach aussen wirkte ich stark, ich war das
Die Bewegungen sehen so beiläufig aus, als hätte Bi- «Schätzchen der Nation», aber innerlich zerbrach
les einen Pakt mit der Physik geschlossen, dass sie vo- ich. Ein Jahr vor den Olympischen Spielen 2012, die
rübergehend von deren Gesetzen befreit wird. Viel- zum Höhepunkt meiner Karriere hätten werden sol-
leicht ist es darum auch so schwer, diesen Sprung zu len, trat ich zurück. Ich war depressiv, hatte Selbst-
beschreiben. mordgedanken.
Biles nimmt Anlauf, reiht zwei Flickflacks anein- Ich habe viel gelernt in dieser Zeit. Es liegt mir
ander, springt ab. Und dreht sich in 1,18 Sekunden – fern, Spitzensport zu verteufeln. Aber der «Triple-
das hat jemand errechnet – dreimal um die Körper- Double» von Simone Biles berührt mich auch darum
längs- und zweimal um die Körperquerachse. Wie so sehr, weil er beide Extreme des Sports vereint:
ein… ja, wie was eigentlich? Es gibt keinen Vergleich. Elend und Glück.
Biles dehnt die Zeit, packt das maximal Vorstellbare Ariella Kaeslin war Europameisterin, WM-Zweite und

BI L D: A L A SDA I R MCL E L L A N/A RT PA RT N E R


hinein, jede Winzigkeit ihres Flugs ist perfekt. Ich Olympiafünfte im Kunstturnen

DA S M AG A Z I N N ° 51/52 — 2019

38
dem Leid des Krieges ergreifenden regime der Grossmächte und dem Ver-
Rede politisches Kapital zu schlagen, lust eines Gutteils der nationalen Sou-
gilt es, zwei Punkte festzuhalten. veränität. Auf die Frage, «was wir wol-
Zum einen bekam Spitteler nicht len» – die in Spittelers Rede so zentral
recht mit seiner Warnung, die Schweiz war –, gab ein halbes Jahr später Bun-
würde, wenn die inneren Spannungen desrat Arthur Hoffmann Antwort. Er
zunähmen, auseinanderfliegen. Der nannte die drei Optionen der Schweiz:
«Graben» zwischen den Landesteilen «Verhungern, Kämpfen oder Akzep-
begann sich nämlich erst ab 1915 sperr- tieren.»
angelweit zu öffnen. So schwadronier- Diese ernüchternde Erfahrung hat
te der germanophile «Kriegstheologe» die Mitstreiter Spittelers, die sich et-
Adolf Bolliger im Februar 1915 auf der was vertiefter als dieser mit den äus-
Kanzel des Zürcher Neumünsters, seren Verflechtungen des neutralen
«wenn Jesus heute wiederkäme», so Landes befassten, dazu bewogen, sich
wäre er ein Kämpfer, «der ein Maschi- 1920 dezidiert für den Beitritt der
Ja kob Ta n n e r nengewehr bedient und so Tod und Schweiz zum Völkerbund einzusetzen.
Untergang in die Reihen der Feinde So insbesondere die Neue Helvetische
Was Carl Spitteler bringt», selbstverständlich an der Gesellschaft, die den Dichter Mitte
deutschen Front. Westschweizer Stim- Dezember 1914 zum Vortrag eingela-
nicht sagte men äusserten sich spiegelverkehrt den hatte.
auf demselben Niveau.
Carl Spitteler ist einer der Grossen der Gegen Kriegsende wurde die kul-
deutschsprachigen Dichtkunst. 1920 turelle Kluft von der Klassenspaltung JA KOB TA N N ER ist emeritierter Professor
erhielt er (rückwirkend für 1919) den der Gesellschaft überlagert. Im No- für Geschichte an der Universität Zürich.
Literaturnobelpreis für Werke wie vember 1918 überstand die Schweiz
«Olympischer Frühling»; geholfen hat den nationalen Stresstest des Landes-
ihm dabei, dass er am 14. Dezember streiks. Offensichtlich vermochte der
1914, vier Monate nach dem Ausbruch neutrale Kleinstaat weit mehr zentri-
des Ersten Weltkrieges, in Zürich eine fugale Kräfte zu absorbieren, als Spit-
mutige Rede hielt. Unter dem Titel teler sich das vorstellen konnte. Wirk-
«Unser Schweizer Standpunkt» for- lich gefährlich war hingegen, dass die
derte Spitteler das durch einen «Stim- Schweizer Armee mit General Ulrich
mungsgegensatz» zwischen der Wille einen mental stramm nach Nor-
Deutsch- und der Westschweiz ent- den ausgerichteten Oberbefehlshaber
zweite Land zur «politischen Einheit» hatte, der sich mehrmals für eine
auf. In Deutschland provozierte dieses Kriegsteilnahme auf deutscher Seite
Plädoyer für neutrale Zurückhaltung einsetzte. Die polarisierende Wirkung
einen Sturm der Entrüstung. der Armeeführung war für Spitteler
Spitteler sprach in einem Moment, aber kein Thema.
in dem klar wurde, dass dieser Krieg Zum andern gab es einen blinden
nicht nur militärisch und wirtschaft- Fleck im Auge des Dichters. Er sah k aT Ja F rü h
lich, sondern auch punkto Propaganda nicht, wie sehr die Schweiz wirtschaft-
eine nie dagewesene Intensität erreicht lich in das Kriegsgeschehen involviert Ein Kiosk im Advent
hatte. Seine Rede war das rechte Wort war. Schon im Herbst 1914, als das
zur rechten Zeit. In den Jahrzehnten da- technisch hochgerüstete Massenmor-
nach und bis heute beugen sich aller- den auf den Schlachtfeldern eine «Mu- In meinem Quartier gibt es noch diese
dings Interpreten verschiedener Cou- nitionskrise» verursachte, lieferten Kioske, ein paar Tischchen, wacklige
leur über den Vortragstext. Sie versu- Schweizer Unternehmen Nachschub. Plastikstühle, am Morgen sogar frische
chen,darauswieauseinerKristallkugel Dazu der Historiker Edgar Bonjour: Gipfeli zum Kafi. Und am Abend klei-
ewige Wahrheiten über die Schweiz «Die Schweiz war ein industriell-wirt- ne Schnäpschen und ein Tschumpeli
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hervorzuzaubern. Spitteler verkommt schaftlich leistungsfähiges Gebiet aus dem Tetrapack. Im Kühlfach hat es
dabei häufig zum Neutralitäts-Isola- dicht am Rande des Kriegsschauplat- Cervelats, Gerber-Käsli, Butter, Milch
tionisten und wird als Apostel eines zes. Deshalb nahmen beide Parteien und tiefgekühlte Käse- und Spinat-
helvetischen Alleingangs gefeiert. das neutrale Land auch als Lieferant plätzli, die mir manchmal das Leben
Gegen diese Versuche, aus einer von Kriegsmaterial und von Gütern für retten. Zeitungen, Kaugummis, Scho-
geistreichen, in vielerlei Hinsicht un- den Zivilbedarf in Anspruch.» Dieser kolade, Lottoscheine, Biberli, Tam-
bestimmten und in ihrem Aufruf zu Einbezug in den Wirtschaftskrieg war pons, Kämme, Shampoo, Nagelknip-
Bescheidenheit und Demut gegenüber verbunden mit einem harten Kontroll- ser, Lollipops, Zigaretten und Zapfen-

40
zieher, also alles, was es zum Leben sicherheitseinrichtungen mit mehre-
braucht. ren übereinander geschachtelten Iso-
Einer der letzten Horte der Gebor- lationsräumen mit gefilterter Luft.
genheit, so kommt es mir vor. Immer Aber auch diese Labore entsprechen
die gleichen Leute, die sich dort anein- nicht dem Sicherheitsniveau, das für
ander festhalten. Einsame Tröpfe die Unterbringung ausserirdischen
ohne Geld. Der Kioskverkäufer ist der Materials erforderlich wäre. Es müsste
König und die Krankenschwester und eine komplett neue Einrichtung ge-
der Psychologe. Jetzt im Advent be- baut werden – was mindestens ein
kommt man zu den Zigaretten noch Jahrzehnt dauern wird.
ein Mailänderli dazu. Manchmal bleib Studien kamen zu dem Schluss,
ich sitzen und trinke einen Kaffee. Und dass alle Materialien vom Mars vor der
überlege, wie es wäre, wenn ich nicht Reise zur Erde sterilisiert werden und
hätte, was ich habe. Vor Weihnachten. dann in einem Labor untergebracht
Wenn ich keine Freunde (die köst- werden müssten, in dem die Wahr-
liches Essen mitbringen), keine Woh- Be n Mo or e scheinlichkeit, dass ein einzelnes Par-
nung (in der richtig Platz ist), keine tikel mit einer Grösse von 0,2 Mikro-
Kinder (die akribisch auf Traditionen Wir sind am Mars! metern entweicht, unter eins zu einer
bestehen), keinen Mann (der ein Weih- Million liegt. Aber wie sterilisiert man
nachtsengel ist) und keine Enkel (die etwas, das unter Umständen eine un-
die Freude vervielfachen) hätte. Und In meiner letzten Kolumne habe ich bekannte Biochemie aufweist? Zudem
keinen Fernseher (auf dem ich be- über die Möglichkeit mikrobiellen Le- basiert diese Grössenbeschränkung
schissene Weihnachtsfilme gucken bens auf dem Mars spekuliert. Viel- auf einer Schätzung der Mindestle-
darf). Wenn ich nicht an Geschenken leicht werden aus diesen Spekulatio- bensgrösse auf der Erde aus dem Jahr
herumstudieren dürfte, keine Kinder nen bald Tatsachen, denn die Europäi- 1999 – einer Zeit, als noch angenom-
ins Märlitram und zum Kerzenziehen sche Weltraumorganisation ESA hat men wurde, nichts Lebendiges könne
begleiten, keine Erwartungen und kei- bekannt gegeben, dass sie in Zusam- kleiner sein als 0,2 Mikrometer. Inzwi-
ne Vorfreude teilen könnte. Keinen menarbeit mit der Nasa Bodenproben schen haben wir aber Bakterien ent-
Weihnachtsbaum, keine Vanillekip- aus einem alten Marsseeboden sam- deckt, die halb so gross sind, und Vi-
ferl, keine zwanzig Gäste bei uns, kein meln und zur Analyse auf die Erde ren, die zehnmal kleiner sind. Viel-
Wichtel-Spiel, kein Geschrei, kein Ge- bringen wird. Es ist eine ehrgeizige, leicht wäre es sicherer, die Proben zur
tobe, kein Stress. Wäre ich dann be- faszinierende Mission, aber auch eine Quarantäne und Voranalyse zunächst
sinnlich? Würde ich die stillen Tage recht beängstigende. Die Bodenpro- auf die Internationale Raumstation zu
und die Ruhe geniessen? Würde ich in ben könnten uns viel über den myste- schicken.
einem Altersheim Geschenke vertei- riösen roten Planeten verraten, so wie Die Mission von Nasa und ESA
len? Würde ich Suppe an die Bedürf- die «Apollo»-Proben viel über den Ur- verstösst möglicherweise gegen den
tigen ausschöpfen? Würde ich in die sprung des Mondes preisgaben. Doch Weltraumvertrag der Vereinten Natio-
Weihnachtsmesse gehen? Nichts wür- es gibt ein Risiko: dass der Marsboden, nen von 1967 – die Grundlage des inter-
de ich, nichts von alldem. Ich würde falls er aktive Mikroben enthält, das nationalen Weltraumrechts. Dieses
mich wohl im Bett verkriechen und zu Leben auf der Erde kontaminieren Dokument regelt die Nutzung und Er-
Recht in Selbstmitleid versinken, ich könnte – mit dystopischen, Science- forschung des gesamten Universums,
würde versuchen, die Tage durchzu- Fiction-ähnlichen Konsequenzen. ist jedoch nur fünf Seiten lang. Es ist
schlafen, um nicht zu spüren, wie kalt Die meisten Wissenschaftler glau- zudem veraltet und hoffnungslos un-
es um mich ist. Es sei denn, ich würde in ben, dass dieses Risiko sehr gering sei; zureichend. Er hindert Elon Musk
einem Kiosk sitzen und ein bisschen Bakterien oder Viren auf der Erde ent- nicht daran, unseren Himmel mit
übers Leben schimpfen, das mich be- halten Proteine und einen genetischen Autos und Satelliten zuzumüllen, und
schissen hat, mit den anderen, die das Code, die nur mit anderen auf der Erde verbietet auch Donald Trump nicht,
Leben auch beschissen hat. Aber im- beheimateten biologischen Lebewe- weiter an seinem Traum einer US-
merhin wären sie da. sen kommunizieren können. Daher amerikanischen «Space Force» zu
Denn darum geht es ja: dass man da könnte es gut sein, dass ausserirdische basteln. Die grössten Gefahren «aus
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ist. Wenn auch nicht füreinander, so Mikroben mit unseren Zellen nicht dem All» lauern wohl zumindest vor-
doch wenigstens miteinander. In die- interagieren könnten. Dennoch sind erst noch auf unserem eigenen Plane-
sem Sinn wünsche ich Ihnen ein mög- sich die Forscher einig, dass für Mars- ten – und nicht in ausserirdischen Mik-
lichst geborgenes Weihnachten, auch proben die höchste Sicherheitsstufe roben.
wenn es in einem Kiosk stattfindet. gelten sollte. Tödliche Erreger wie Po-
cken oder Ebola werden zur Analyse in
K AT JA F RÜ H ist Drehbuchautorin Laboren unter der biologischen Sicher- BEN MO OR E ist Professor für Astrophysik
und Regisseurin. heitsstufe 4 aufbewahrt. Es sind Hoch- an der Universität Zürich.

Illustrationen 41
A L E X A N DR A C OM PA I N-T I S SI ER
K ro ge rus & T s c h ä ppe l e r

WA RU M SIE IN SCH U BL A DEN DENK EN SOLLTEN


Eine der schwierigsten Fragen des modernen Arbeits- ein Timer, der tickt. Sie haben je nach Schwierigkeit
lebens ist diese: Wie kriegen wir alles unter einen des Themas unterschiedlich viel Zeit, aber nie mehr
Hut? Und zwar nicht nur die unbeantworteten Mails, als sechzig Minuten. Manchmal können Sie nur eine
den Spardruck, die langfristige Ausrichtung und die Teilaufgabe lösen, manchmal die ganze Gleichung.
kurzfristigen Projekte, sondern wirklich alles: die Sor- Aber sobald es klingelt, verlassen Sie das Zimmer,
ge um die Kinder, das Älterwerden der Schwieger- schliessen die Tür und gehen zum nächsten Zimmer.
eltern, der Traum vom Eigenheim, die eigene Ge- Eins nach dem anderen: öffnen, fokussieren, lösen
sundheit, Hobbys, Freundschaft, Liebe, Schlaf. Wir und wieder schliessen.
wollen und müssen uns um all das kümmern, weil es So wenden Sie es an:
wichtig ist. Bloss wie? Die Antwort: Schubladisieren. 1. Bestimmen Sie zuerst, welche Aufgaben Ihnen
Schubladisieren (engl. compartmentalization) wirklich wichtig sind, und geben Sie nur diesen ein
darf man nicht mit «Schubladendenken» verwech- «Zimmer».
seln. Es ist ein psychologischer Bewältigungsmecha- 2. Bevor Sie ein neues «Zimmer» betreten – sei es
nismus, der uns hilft, mit unterschiedlichen, oft wi- ein Meeting, den Tennisplatz, den Elternabend –, be-
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dersprüchlichen Eindrücken umzugehen. Schubladi- reiten sie sich mental auf genau dieses Zimmer vor.
sieren heisst: sich auf etwas konzentrieren und alles Widmen Sie ihm Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.
andere ausblenden. Oder eben: eine Schublade öff- Seien Sie gegenwärtig. Es ist Ihre grösste Ressource.
nen und alle anderen schliessen. 3. Wenn Sie das «Zimmer» verlassen, verlassen
Stellen Sie sich Ihr Leben als ein Haus vor. Alles, Sie auch die Aufgabe. Das heisst: Tragen Sie nie die
was wichtig ist, hat ein eigenes Zimmer. Und in jedem Themen aus Zimmer A in Zimmer B.
Zimmer steht eine Wandtafel mit einer Gleichung, Beim Schubladisieren zahlt man einen Preis. Man
die Sie lösen müssen. Aber in jedem Zimmer ist auch erreicht nie 100 Prozent. Aber überall 80 Prozent.

42 ROM A N T S CH Ä PPEL ER ist Kreativproduzent,


M I K A EL K RO GERU S ist «Magazin»-Redaktor; rtmk.ch
H e r be rt Grön e m e y e r H A ns U l r ic H Obr i s t

PER SON ORT DING FROHE BOTSCH A F T

Herr Grönemeyer, gibt es einen Ort,


der Sie besonders inspiriert?
Nicht wirklich. Ich versuche immer,
aus dem Ort, an dem ich gerade bin, Auch mit IHR ist er natürlich im Gespräch. Der Schweizer Botschafter
das Beste herauszuholen. Ich wohne in Alexandre Fasel bei einer Audienz mit der Queen.
Berlin, hier sauge ich die Luft im Süd­
westen auf. Das Gleiche tue ich, wenn Die Schweizer Botschaft, ja, Sie lesen ist, versteht auch Fasel die Botschaft
ich in der Schweiz bin. ganz richtig, ist zurzeit einer der inter­ als offenes Haus des Austauschs, als
Die Luft machts? essantesten Orte in ganz London. Vor einen Ort, der Brücken baut zwischen
BI L DE R – L I N K S: A N T OI N E M E L I S; R E C H T S: G A R E T H F U L L E R /P O OL V I A A P/K E Y S T ON E

Ja. Die Luft löst Gefühle aus. Und die ein paar Monaten war ich bei Alexan­ Ländern, Systemen, Gedanken, Men­
sind ganz unterschiedlich, ob ich jetzt dre Fasel zum Dinner eingeladen, dem schen. Fasel verwaltet seine Botschaft
in Berlin, im Engadin oder in London Schweizer Botschafter in London. An nicht einfach nur für die knapp 35000
tief einatme. Für mein letztes Album dem Abend mit Fasel und seiner Frau Schweizerinnen und Schweizer, die in
war ich einen Monat in New York. Das Nicole herrschten eine Energie und Grossbritannien leben; er bringt die
ist ganz stark in der Platte drin. Das, eine kommunikative Euphorie, wie ich verschiedensten Menschen zusam­
was man tut, schmeckt auch nach der sie ganz bestimmt nicht bei einem for­ men und sorgt dafür, dass wir mitein­
Umgebung. malen Botschaftsempfang erwartet ander im Gespräch bleiben, weil das
Reisen Sie gerne? und wie ich sie überhaupt erst sehr sel­ der beste Garant dafür ist, dass Neues
Ja. Zuletzt habe ich mir ein klitze­ ten bei einem Nachtessen erlebt habe. entsteht und Verständnis füreinander,
kleines, altes Fischerhäuschen an der Das einzig vergleichbare Gefühl, dass man Konflikte vermeidet.
Nordseeküste von Schweden gekauft. in einer Botschaft im Zentrum des kul­ Und Fasel hatte die Idee, einen
Da fahr ich gerne hin. Auch weil mich turellen und gesellschaftlichen Ge­ vorweihnachtlichen Salon abzuhalten.
dort niemand kennt. Es ist der perfek­ schehens zu sein, hatte ich Mitte der Wir erstellten also eine Liste mit dreis­
te Ort, um komplett runterzukommen. 1990er­Jahre in China mit Uli Sigg, der sig, meist jungen, kreativen Menschen,
Das tut mir gut, weil ich ja eher ein im­ damals Schweizer Botschafter in Pe­ die Fasel einlud, und dachten uns Spiel­
pulsiver Typ bin. Und das Nordische king war. Ich organisierte als junger regeln aus: Nach jedem Gang würde
steckt in mir drin. Meine Mutter Kurator eine Reihe von Ausstellungen die Sitzordnung nach einem bestimm­
kommt aus Estland. über asiatische Städte und war in Chi­ ten Prinzip rotieren, damit die Gesprä­
Ein inspirierender Ort? na regelmässiger Gast in der von Sigg che und Themen von Tisch zu Tisch
Es muss gar nicht immer alles inspirie­ geleiteten Schweizer diplomatischen migrierten. Ausserdem sollte jeder
ren. Wie gesagt, ich bin auch eher der Vertretung. In dieser Botschaft ging Gast eine Minute lang vortragen, was
Typ, der sich da ab und zu mal raus­ die damalige kulturelle Avantgarde sein dringlichster Wunsch, das wich­
nehmen muss. Ich hab nicht das Pro­ Chinas ein und aus, ich verbrachte et­ tigste Anliegen ist. Es kamen dreissig
blem, dass ich zu wenig Inspiration be­ liche Abende mit dem zu jener Zeit fantastische Ideen heraus. Mein drin­
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komme. noch unbekannten Ai Weiwei und an­ gender Wunsch: dass alle Diplomaten
deren heute berühmten Künstlern, die ihre Mission mit solchem Feuer verfol­
zu Siggs Bekanntenkreis gehörten. gen wie Fasel und seine Frau – solche
Wie Sigg, der nebenbei gesagt Botschafter, gäbe es sie häufiger, könn­
einer der kenntnisreichsten Sammler ten und würden die Welt zum Guten
zeitgenössischer chinesischer Kunst verändern.
Herbert Grönemeyer ist der grösste
deutsche Popstar. Nächste Woche erzählt er
von seinem Lieblingsgegenstand.
H A N S U L R ICH OBR I S T ist künstlerischer Direktor
Gespräch A DR I A N S CH R Ä DER der Serpentine Galleries in London. 43
Christian seiler

ACHT FR AGEN Z U M FEST


4. Gibt es für die Weihnachtsmahlzeit
absolute No-Gos?
Und ob. Jedes Gericht, das Ihre Aufmerksamkeit über Ge­
bühr in Beschlag nimmt, ist ein No­Go. Ich bereitete einmal,
als ich noch nicht klug war, zum Weihnachtsessen frische
Ravioli zu, die mit Mascarpone­Parmesan­Creme und einem
rohen Eidotter gefüllt waren und am Tisch mit weissen Trüf­
feln beschneit werden sollten. Kann man machen. Aller­
dings ist man fertig mit den Nerven, wenn die Pastaproduk­
tion länger dauert als geplant und die ersten zwei Ravioli
nicht halten wollen – das ist nur die Ouvertüre zu gewissen
Scharmützeln am Küchentisch, wenn irgendwer darauf hin­
weist, dass jetzt gleich die Gäste und das Christkind kom­
men. Seither bin ich beim Team Würstchen, siehe oben.
5. Welcher Champagner?
Ein Egly­Ouriet Grand Cru Extra Brut VP. Kostet 118 Fran­
ken, aber es ist ja Weihnachten. Ein Jacquesson N742 aus der
Magnum. Mit 133 Franken pro Magnum geradezu wohlfeil.
Der Larmandier­Bernier Latitude, falls Sie meinen Rat be­
folgen wollen, den ganzen Abend lang Champagner zu trin­
ken (mit 52 Franken eine Best­Buy­Empfehlung; alle Cham­
Über Weihnachten kann man in der Küche mehr pagner via Zürcher­Gehrig).
alles falsch machen. Hier ein kleiner Guide, der Ihnen 6. Gibt es ein spezielles Kochbuch
hilft, die wichtigsten Hürden elegant zu nehmen. für Weihnachtsrezepte?
Bestimmt. Aber ich will es nicht haben. Ich plädiere dafür,
dass Sie zu Weihnachten etwas kochen, wofür Sie ganz sicher
1. Warum sind Feste eigentlich so anstrengend? kein Kochbuch brauchen. Kochen Sie ein Gericht, das Sie
Weil wir alles besonders gut machen wollen. Gut allein reicht derart auswendig können, dass notfalls in der Küche der
nicht, wir stehen ja unter Beobachtung. Das «besonders» vor Strom ausfallen kann und Ihr Gericht wird trotzdem was. Ich
dem «gut» kostet uns aber unverhältnismässig viel, vor al­ zum Beispiel koche seit Jahren den Lachs mit Ingwer­Senf­
lem Nerven. Ich empfehle daher, für eine Festtagsmahlzeit Glasur, den ich einst in einem Kochbuch von Tanja Grandits
etwas ganz besonders Einfaches auszusuchen oder über­ gefunden habe, inzwischen aber mit geschlossenen Augen

BI L D: T R EN T PA R K E/M AGN U M PHO T O S/K E Y S T ON E


haupt eine kalte Mahlzeit vorzubereiten, die nicht aufwen­ zubereiten kann. Dazu einen scharfen, fruchtigen Gurken­
dig zubereitet, sondern nur sorgfältig kuratiert werden muss. salat. Das Gericht gehört inzwischen so zu Weihnachten,
2. Wie viele Gänge hat das ideale Weihnachtsmenü? dass ich Frau Grandits bei Gelegenheit fragen muss, ob sie
Ich würde sagen: drei. Drei ist immer eine richtige Antwort, das Rezept nicht eigentlich von mir hat...
vor allem aber bei Einladungen, die wir selbst ausrichten. 7. Traditionen pflegen oder neue etablieren?
Diese drei Gänge sortieren sich so: Vorspeise, Hauptgericht, Wenn Sie den Schinken im Brotteig oder die Würstchen mit
Dessert. Vorspeise und Dessert kaufen Sie ein, und zur Kartoffelsalat mögen, die Sie vor den wenigen Jahren, als Sie
Hauptspeise gibt es etwas, was Sie von langer Hand vorberei­ selbst noch Kind waren, zu Weihnachten bekamen, dann
tet haben: einen Braten, ein Gulasch, ein Curry, also ein Ge­ nichts wie her damit! Vergessen Sie aber nicht, dass Sie gera­
richt, dem es nichts ausmacht, ein paar Minuten länger im de dabei sind, Ihren eigenen Kindern Gerichte zu servieren,
Ofen zu bleiben. die diese wiederum in ein paar Jahren ihren Kindern als Fa­
3. Müssen wir zu Weihnachten etwas ganz milientradition verkaufen werden. Es empfiehlt sich also
Besonderes servieren? doch, ein bisschen wählerisch zu sein und zum Beispiel über
Nein. Und ja. Was das Essen betrifft, kann ich nur wieder­ den traditionellen Riz Casimir endlich den Mantel des
holen, dass Entspannung die höchste Bürgerpflicht ist. Den Schweigens zu breiten.
DA S M AG A Z I N N ° 51/52 — 2019

Unterschied machen die Getränke. Zum Beispiel halte ich es 8. Aus welchen Gründen empfiehlt es sich,
für eine sehr beflügelnde Entscheidung, am Weihnachts­ Traditionen zu opfern?
abend mehr als nur eine Flasche Champagner in Griffweite Nur aus guten. Ich fürchte, dass in so manchem Haushalt ge­
zu haben. Champagner ist ja eines der vielseitigsten Geträn­ rade darüber nachgedacht wird, wie ein Weihnachtsessen
ke überhaupt, er veredelt auch ein paar Würstchen mit Senf. aussehen könnte, das auch die klimabewegten Neo­Vegeta­
Mir gefällt sowieso die Fallhöhe zwischen höchst eleganten rier der nächsten Generation mögen. Riz Casimir hat abge­
Getränken und einfachen Speisen. Ausserdem wirkt sich gu­ dankt. Aber das Next­Generation–Weihnachtscurry ist eine
ter Champagner positiv auf unsere Laune aus. Überlegung wert! Der Champagner passt auch dazu.

44 CH R I S T I A N SEI L ER ist Reporter bei «Das Magazin».


E i n Tag i m L E bE n

«Das Magazin» selbstrettende Schritt – nach dem vom Affen


ist die wöchentliche Beilage
des «Tages-Anzeigers», zum Menschen – das zweite grosse Kapitel
der «Basler Zeitung», der «Berner
Zeitung» und von «Der Bund». in unserer Evolutionsgeschichte. Selbstbe­
H E R AU S GE BE R I N stimmter Verzicht zugunsten einer mensch­
Tamedia AG, Werdstrasse 21
8004 Zürich lichen Zukunft. Das klingt so schlecht nicht.
Verleger: Pietro Supino
Bleibt die Frage, ob es uns Menschen gelingt,
R E DA K T ION Das Magazin
Werdstrasse 21, Postfach
unser Verhalten zu ändern in der Zeit, die wir
8021 Zürich
Telefon 044 248 41 11
dafür überhaupt noch zur Verfügung haben.
E-Mail: redaktion@dasmagazin.ch Weniger ist mehr – für immer! Mir däm­
Chefredaktor: Finn Canonica,
Bruno Ziauddin (Stv. Chefredaktor)
mert gerade, wie affig und verlogen das klin­
Redaktion: Sven Behrisch, gen muss, wenn das ausgerechnet ein «Wer­
Mikael Krogerus, Anuschka Roshani,
Paula Scheidt ber des Jahres» von sich gibt. Aber sind nicht
Artdirektion: Nathan Aebi
Bildredaktion: Dorothea Fiedler wir Marketingfuzzis die selbst ernannten Spe­
Abschlussredaktion: Isolde Durchholz
Redaktionelle Mitarbeit: zialisten für Bewusstseins­ und Verhaltensän­
Christof Gertsch, Hannes Grassegger,
Max Küng, Trudy Müller­Bosshard, derungen? Sind wir per Eigendefinition nicht
Christian Seiler, Jan Christoph Wiechmann
Honorar: Marina Ambrogio­Donati die innovators, welche mit content und user
V E R L AG Das Magazin journeys die early movers «triggern»? Steht
Werdstrasse 21, Postfach, 8021 Zürich
Telefon 044 248 41 11 nicht die grosse Idee am Anfang von allem,
Verlag: Marcel Tappeiner (Leitung),
Louisa Gisler, Gabriela Wettstein
und beginnt nicht jede Revolution mit Kom­
Tamedia Advertising:
Philipp Mankowski (Chief Sales Officer),
munikation? So düster die Wolken am Him­
Adriano Valeri (Head of Advertising),
Jean­Claude Plüss (Head of Sales)
PI US WA LK ER (49), Werber, glaubt: Das mel also bereits sein mögen, uns Freuden­
Sales Administration Print:
Gabriela Holenstein (Department Manager)
Zeitalter des «Weniger» hat begonnen. mädchen der Wirtschaft steht höchstwahr­
Anzeigen: Tamedia AG scheinlich eine blendende Zukunft bevor.
Werdstrasse 21, Postfach, 8004 Zürich
Telefon Deutschschweiz Auch deshalb, weil Werbung die ehrlichste
+41 44 248 42 30
anzeigen@dasmagazin.ch, Form der Kommunikation ist, da ja jeweils die
www.advertising.tamedia.ch
Trägertitel: Mehr, mehr, mehr. Nun kauft doch schon: Es unübersehbare Präsenz eines Markenlogos
«Tages­Anzeiger», Werdstrasse 21
Postfach, 8021 Zürich, Tel. 044 404 64 64 ist schliesslich Weihnachten! Denn nur wer klar macht, wer da zu einem spricht und was
abo@tagesanzeiger.ch;
«Berner Zeitung», Tel. 0844 844 466 mehr hat, kommt weiter – das treibt die Wirt­ er beabsichtigt. Und gnadenlose Ehrlichkeit
abo@bernerzeitung.ch;
«Basler Zeitung», Tel. 061 639 13 13 schaft weiter und damit die Menschheit, im­ ist jetzt gefragt, davon bin ich überzeugt.
abo@baz.ch;
«Der Bund», Tel. 0844 385 144 mer weiter. Wirklich? Aber es stimmt schon. In meinem persön­
abo@derbund.ch;
Nachbestellung:
Bis zu welchem Zeitpunkt spielte die Ka­ lichen Alltag hat das eigene Palaver bisher nur
redaktion@dasmagazin.ch pelle auf der Titanic eigentlich noch? Spüren bedingt Wirkung gezeigt. Ich fliege noch im­
Ombudsmann der Tamedia AG:
Ignaz Staub, Postfach 837, 6330 Cham 1
wir denn nicht alle, dass etwas Unbequemes mer nach Bali in die Ferien und kaufe mir das
ombudsmann.tamedia@bluewin.ch vor uns liegt? Etwas gewaltig Grosses? Natür­ neueste iPhone. Verhaltensänderungen sind
Bekanntgabe von namhaften lich spüren wir es! Wir befinden uns schliess­ ja dann besonders hart, wenn der Leidens­
Beteiligungen der Tamedia AG
i.S.v. Art. 322 StGB: lich am Ende – kurz vor einem neuen Anfang. druck noch fehlt. Ich verzichte deshalb zuerst
Actua Immobilier SA, Adagent AG,
autoricardo AG, 20 minuti Ticino SA, Adextra Was wir nicht wissen können, ist, ob wir Men­ einmal da, wo es mir am wenigsten wehtut.
AG, Basler Zeitung AG, Berner Oberland
Medien AG BOM, BOOK A TIGER schen bei diesem Neuanfang noch eine Rolle Ich habe kein Auto mehr – weil das alte kaputt
Switzerland AG, CIL Centre d’Impression
Lausanne SA, DJ Digitale Medien GmbH, spielen werden. ging –, ich esse weniger Fleisch, und ich ent­
Doodle AG, Doodle Deutschland GmbH,
dreifive AG, Konstanz, dreifive GmbH, Wien, Die Propheten sind sich unschlüssig, die sorge lästige Reklame und Bananenschalen
dreifive (Switzerland) AG, DZB Druck­
zentrum Bern AG, DZZ Druckzentrum Zürich Wissenschaft ebenfalls. Dabei ist die Rech­ getrennt.
AG, Edita S.A., Goldbach Audience Austria
GmbH, Goldbach Audience (Switzerland) AG, nung relativ simpel. Wenn immer mehr Men­ So klein diese Schritte auch sein mögen,
Goldbach Austria GmbH, Goldbach Digital
Services AG, Goldbach DooH (Germany)
schen immer mehr besitzen wollen, die Res­ das prähistorische Chemielabor in meinem
GmbH, Goldbach Germany GmbH, Goldbach
Group AG, Goldbach Management AG,
sourcen jedoch die gleichen bleiben, dann Hirn belohnt sie jeweils mit einer Extrapor­
Goldbach Media Austria GmbH, Goldbach
Media (Switzerland) AG, Goldbach SmartTV
geht die Sache nicht mehr auf. Die einzige hu­ tion Glücksgefühl. Wahrscheinlich gehe ich
GmbH, Goldbach TV (Germany) GmbH, manistisch vertretbare Lösung ist eine Be­ den Weg der Nachhaltigkeit ja genau deshalb
Goldbach Video GmbH, Homegate AG,
ImmoStreet.ch S.A., Jaduda GmbH, JobCloud wusstseins­ und Verhaltensänderung: ein weiter. Weil ich gerne mehr hätte von diesem
AG, Jobsuchmaschine AG, Jointvision
E-Services GmbH, LZ Linth Zeitung AG, neues, globales Mantra. Nach der Wachs­ schönen, reinen und echten Glücksgefühl.
Meekan Solutions Ltd., MetroXpress
Denmark A/S, Neo Advertising AG, Olmero tumsdoktrin der letzten 70000 Jahre wird die Mehr, mehr, mehr.
AG, ricardo.ch AG, ricardo France Sàrl, Schaer
Thun AG, Starticket AG, swiss radioworld AG, Menschheit zum ersten Mal in ihrer Geschich­
Tamedia Espace AG, Tamedia Publications
romandes SA, Trendsales ApS, Verlag Finanz te in die entgegengesetzte Richtung trotten
und Wirtschaft AG, Zürcher Oberland Medien
AG, Zürcher Regionalzeitungen AG müssen. Das Zeitalter des «Weniger» hat be­
gonnen.
E I N E M A R K E VON TA M E DI A
Rückblickend wird die Tragweite dieses
Umdenkens die landwirtschaftliche, die in­
dustrielle wie auch die digitale Revolution in
den Schatten stellen. Vielleicht ist dieser

Protokoll A N U S CH K A RO SH A N I 45
Bild PR I VAT
M a x K ü ng

LIEBER KÖBI KU HN
Zu Lebzeiten waren Sie ein Held. Und nun, nachdem
Sie traurigerweise verstorben sind, ist Ihr Heldensta-
tus noch gewachsen. Ich stelle mir vor, wie Sie im
Himmel oben nicht durch die klimatisierte VIP-Loge
wandeln, sich nicht am himmlischen Gratisbuffet
den Magen vollschlagen, sondern – ganz Ihrem be-
scheidenen Naturell entsprechend – auf der Norma-
lo-Tribüne hocken, eine Bratwurst* mit Senf essen
und aufs Spielfeld hinabblicken, auf dem der Alltag
des Erdendaseins seinen Lauf nimmt. Sicherlich er-
strahlt fein Ihr schmunzelndes Lächeln auf Ihrem
Gesicht. Zum Beispiel über den Streit, der entbrann-
te, da manche nun meinen, Ihnen gebühre verdammt
noch mal jetzt aber endlich die Ehre, dass in Ihrer al-
ten Heimat in Zürich-Wiedikon eine Strasse nach Ih-
nen benannt wird. Dann aber meldete sich sogleich
eine Grünenpolitikerin, die sagte: Halt! Wenn in Zü-
rich Strassennamen vergeben würden, um Tote zu
ehren, dann seien ab sofort und bis auf weiteres nur
noch Frauen zu berücksichtigen. Aus Gründen der namen, den man zugunsten der Frauen abtreten
Gleichberechtigung. Sie können sich denken: In den könnte, obwohl: Der Saumacker hat auch seine Be-
Leserbriefspalten waren die Meinungen ungespalten rechtigung als Mahnmal, für den saumässigen Ma-
und heftig. Da wurden so manches Meinungspyro ab- ckertypen! Dann halt Wohnstadion Kirchenacker?
gebrannt und einige Rückständigkeitsböller gezün- Denn will wirklich jemand diesen Namen auf eine
det! Immer diese hysterischen Weiber mit ihren über- Adresszeile schreiben? Das klingt doch, als wohne
zogenen Forderungen! Auch ich dachte zuerst: Oh man schon bei Ihnen oben im Himmel: Wohnstadion
Mann, sind das eure Probleme? Dann aber schaute Kirchenacker!
ich mal nach. Das ist das Gute an der Schweiz: Es ist Oder die Rudolf-Brun-Brücke! Ich kenne einen,
alles fein säuberlich aufgelistet. So auch alle benams- der niemals über die Rudolf-Brun-Brücke geht. Wes-
ten Strassen, Plätze und Wege, die es in Zürich gibt. halb? Weil er Jude ist und der Brun im 14. Jahrhundert
Ich habe gezählt. 44 tragen Namen von Frauen – erster Bürgermeister von Zürich war – und die Juden
und damit meine ich Frauen, die für ihre Leben, ihre für die ausbrechende Pest verantwortlich machte , sie
Leistungen geehrt wurden. Nicht Strassen, die einfach in ein Haus einsperren liess, das angezündet wurde,
bloss randommässig Vornamen wie Erika oder Mar- die Juden einer sogenannten «göttlichen Feuerpro-
ta tragen. Der Marie-Curie-Platz etwa; der Laura- be» unterzog. Das Vermögen der Ermordeten riss er
Hezner-Weg. Auch wenn ich auf die Schnelle nicht sa- sich unter den Nagel. Für meinen Bekannten ist es
gen könnte, wer Laura Hezner war. Aber schliesslich unerklärlich, dass man einen wie Brun mit einer Brü-
weiss ich auch nicht, was beispielsweise Caspar Wüst cke ehrt. Warum also nicht die Rudolf-Brun-Brücke
geschaffen hat, obwohl ich unlängst durch die nach in beispielsweise Trudi-Demut-Brücke umbenen-
ihm benannte Strasse fuhr**. nen? Trudi Demut kennt niemand? Na, dann sollte
44 Frauen wurden zu Strassen. Und wie viele man sie besser endlich kennen lernen! Zudem: De-
Männer? Es sind 232. Ein Verhältnis von 1:5,3 also. mut hat man nie genug, oder? Trudi-Demut-Brücke.
Das ist durchaus eindrücklich. Im Fussball spräche Klingt doch schön!
man von einem klaren Ergebnis, eventuell einer Klat-
sche gar. So gesehen, ist die Forderung der Grünen- Wunderbare Weihnachten im Himmel!
politikerin kein frech-unrasierter Schreckschrauben- Max Küng
Extremismus, sondern einfach bloss gerecht, ver-
DA S M AG A Z I N N ° 51/52 — 2019

nünftig und nachvollziehbar. Sogar für einen Mann. PS Song zum Thema: «Nameless, Faceless» von
Es gibt ja durchaus ein paar Strassen, deren Na- Courtney Barnett, vom Album «Tell Me How You
men man umwandeln könnte. Kommt ja immer wie- Really Feel», 2018.
der vor. Im Jahr 2004 etwa hat man den Adolf-Jöhr-
Weg in FIFA-Strasse umbenannt. Jöhr war Banker *die hoffentlich besser schmeckt als die grässliche
und Kunstsammler – immerhin. Aber FIFA-Strasse Wurst im Letzigrund-Stadion. Die sollte besser Letzti-
passt viel besser, weil: Sie ist eine Sackgasse. Saum- Wurst heissen.
ackerstrasse ist auch ein Beispiel für einen Strassen- **Achtung: 30er-Zone!

46 M A X K Ü NG ist Reporter bei «Das Magazin»;


Illustration SATO SH I H A SH I MO TO
T RU DY M ü l l e R-B o s s h a R D

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6 7 8 9 10 11

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AUF KOHLE SPEZIALISIERTES KIESWERK:


Die Lösung ergibt sich aus den grauen Feldern waagrecht fortlaufend.

WA AGRECHT (J + Y = I): 6 Bringen uns entfernte Bekannte etwa nah. SENKRECHT (J + Y = I): 1 Preistreibende Dame – wäre als sinnverwand-
12 Die, sarkastisch betrachtet, perfekte Kreation einer PR-Agentur. ter Mann eine Jassvariante. 2 Tausche eins und vier, und die Solothurner
18 Steht – etwa Geschmack, verstärkt mit Schwergewicht – auf dem Bei- Kommune hier läge am Walensee. 3 Geschweifte wie der Wegweiser
zentisch. 19 Laufvogel-Homonym gehört dahin. 20 Galt blass wei- der orientalischen Weisen. 4 Der Kommunisten Antagonisten, wenn
land als Zeichen von Klasse. 21 Kosmetik-Entrepreneuse (Vorname) – nicht Buddhisten. 5 Macht sich, weil mittelmässig potent, früh schon
wäre, akzentfrei, am Schluss Aufguss. 22 Herrscht im Markt, der einen schönen Lenz. 6 Guts Namensbase war beim Russen ein Thema.
symbolisch mit Petz besetzt. 23 Bis auf die Hacke tats der Styx bei Achill. 7 Einem Politverein als Emblem dienendes Sternchen. 8 Macht sich
24 Waagrecht 20 ohne Gelegtes: hat Sprengkraft. 25 Andererseits beim Wellenreiter bei Flaute breit. 9 Dem Namen nach: Tanzwut auslö-
in der Schweiz. 26 Ausgelassener Anlass oder: Leg den Schnellgang ein! senden Spinnentiers Domizil. 10 Behältnis zum einen – macht ausser-
28 Hinter vorgehaltener Hand eine Spontanrezension. 32 Bringt dem Lumpi Beine! 11 Hat der auf die Fassade Bedachte aushäusig prall-
bei Verfassungsklagen, auf die sanfte Tour, Remedur. 34 Geht mit noch voll dabei. 13 Curie minus tausend: bekommt ungeteilten Applaus.
dürftig geäufneter Erfahrungsschatzkiste auf die Piste. 37 Für US- 14 «Arschgesicht» aus der Ahnengalerie der Zeichentrickserien.
«Lebenswasser» typisches Süssgras. 39 Nunmehr im Süden gibt Maori 15 Steht beim nicht primär bezweckten Effekt. 16 Kommt gepufft in die
her. 40 Aslans Reich, von vier Kindern via Wandschrank erreicht. Tüte. 17 Geräuschkulisse im Habitat der Zulieferantinnen der Tirggel-
41 Aquatile in einem fiktiven Detektiv. 42 Der Held dieses Schotten Zutat. 27 Der Giezendanner unter den klassischen Sternbildern quasi.
ist vornamenlos ein Gott. 43 Dichter, der akronymisiert mit Knight 29 Was Dete in Bristol für Heidi ist. 30 Ist bei Lennon richtungswei-
spricht. 44 Auf dem Trottoir sinds selbst zaudernde Männer. send. 31 Bei Kaffesch ein, integriert, sinnstiftender Knall. 33 Bad in
Hessen oder französisches Fliessgewässer. 35 Abheben ist dem
Beschwingten nicht gegeben. 36 Sowohl Rückentrage als auch, grob
gesagt, alte Frau. 38 Historiker Tanner in Amsterdam.

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LÖSUNG RÄTSEL Nº 50: AUSGESTEUERT

WAAGRECHT (J + Y = I): 3 ZEITUNGSLEKTUERE. 13 DURCHHALTEPAROLEN. 18 VORARBEITER. 19 Ob in OBLIGO. 20 SENKEN.


21 Lotte (Goethe) in LOTTERIE. 22 ARMS (engl. für Waffen/Arme). 23 TENN (Scheunendrescher). 24 LIÉES (franz. für gebunden). 26 «Tom und
JERRY». 27 SICHTEN, Anagramm: Tischen. 31 (Fritz) ZORN. 32 GAUL. 34 TENT (engl. für Zelt). 35 MUELL(-er). 36 SEK(t). 37 Hit in SHIT.
38 SCHNOEDE. 39 ILION (Troja). 40 EAR (engl. für Ohr) in h-ear-t. 41 HEDONISTEN. 42 SEIMIG.
SENKRECHT (J + Y = I): 1 AEROSMITH. 2 U THANT. 3 ZUVERSICHT. 4 UHRKETTEN. 5 (K)NABEN. 6 GLENN Close (engl. für nah). 7 STILL-
ZEIT. 8 LETO. 9 (Land-)KARTEN. 10 TROESTEN. 11 Miss ELLIE («Dallas»). 12 ENGERLING (Maikäfer). 14 CRESCENDO. 15 PETERLI.
16 OBRIGKEIT. 17 EIERUHR. 25 JOLLE. 28 HNO(-Arzt). 29 EMD (Vorgängerdepartement des VBS). 30 NUESS. 33 ASAM. 36 SOS.

Achtung, Rätselfans: Die Lösung finden Sie bereits ab kommendem Samstag auf: www.dasmagazin.ch/leserbriefe
Das nächste Kreuzworträtsel erscheint im «Magazin» N° 3 vom 18. Januar 2020.
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