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Hans Ulrich Gumbrecht: Gibt es ein Leben nach Roger Federer?

Nummer 1/2 — 9. Januar 2020 – 88. Jahrgang


Fr. 9.– (inkl. MwSt.) – Euro 6.90

Wie wir die Schweiz


verbessern
Grosse Standortbestimmung zum neuen Jahr.
Mit Mattea Meyer, Jürg Grossen, Beat Walti , Tamara Funiciello, Christoph Blocher u.v.a.

Schweiz im Schnee
Ohne das weisse Pulver geht gar nichts. Von Thomas Renggli

Lob und Tadel für Trump


Die amerikanische Reporterlegende Seymour Hersh über Krieg, Lügen,
den Iran und die Ohnmacht der Demokraten. Von Urs Gehriger
SWITZERLAND

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Intern: Hersh, Schweiz im Schnee, Steinmann, Noyer Impressum

Herausgeberin: Weltwoche Verlags AG,


Förrlibuckstrasse 70, Postfach, 8021 Zürich
Unser Autor Kurt Steinmann hat Die Weltwoche erscheint donnerstags.
für seine literarischen Überset- Redaktion: Telefon 043 444 57 00, Fax 043 444 56 69,
E-Mail-Adressen: vorname.name@weltwoche.ch,
zungen griechischer und lateini- leserbriefe@weltwoche.ch
scher Texte den höchstrenom- Verlag: Tel. 043 444 57 00, Fax 043 444 56 07,
mierten Akademiepreis 2019 der E-Mail: verlag@weltwoche.ch
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Bayerischen Akademie der Wis- Abo-Service: Tel. 043 444 57 01, Fax 043 444 50 91
senschaften erhalten. Steinmann E-Mail: kundenservice@weltwoche.ch
habe «im Laufe der Jahre viele Jahresabonnement Inland Fr. 346.– (inkl. MwSt.)
Schnupperabonnement Inland Fr. 38.— (inkl. MwSt.)
meist dichterische Texte über- Weitere Angebote für In- und Ausland unter
setzt und es dabei virtuos verstan- www.weltwoche.ch/abo
den, deren ausgefeilte Form und Gründer: Karl von Schumacher (1894–1957)
damit ihren Wert als literarische Verleger und Chefredaktor: Roger Köppel
Kunstwerke sichtbar und hörbar Mitglied der Chefredaktion: Beat Gygi (Wirtschaft)
Produktionschef: Lukas Egli
werden zu lassen». Weiter heisst
es in der Laudatio, Steinmanns Redaktion:
Übersetzungen seien «von hoher Michael Bahnerth, Alex Baur,
Erik Ebneter, Katharina Fontana,
literarischer und poetischer Urs Gehriger (Leitung Ausland), Hubert Mooser,
­Qualität, so dass die antiken Texte Christoph Mörgeli, Florian Schwab,
Roman Zeller
auch in der deutschen Dichtung
der Gegenwart präsent sind». Redaktionelle Mitarbeiter:
Seite 54 Miroslav Barták, Peter Bodenmann,
Silvio Borner, Henryk M. Broder,
Peter Hartmann, Pierre Heumann,
Doktor Noyer ist in Bern eine Insti- Andreas Honegger, Mark van Huisseling,
tution. Jean Maurice Noyer, der fast Hansrudolf Kamer, Peter Keller,
Wolfram Knorr, Wolfgang Koydl,
«Ausser Kontrolle»: Gehriger, Hersh. neunzigjährige Senior-Chef von Franziska K. Müller, Matthias Matussek,
vier Apotheken, unterhält sich mit Daniela Niederberger, Linus Reichlin,
Thomas Renggli, Chris von Rohr,
Sein Name löst bei US-Präsidenten Angst und Christoph Mörgeli über sein KMU, die bis heu- Peter Ruch, Peter Rüedi,
Respekt aus. Seymour Hersh, 82, hat Kriegsver- te andauernde Freude am Beruf und den Stolz Thilo Sarrazin, Kurt Schiltknecht,
Beatrice Schlag (Los Angeles), David Schnapp,
brechen der US-Truppen von Vietnam bis zum auf seine Kinder, die das Lebenswerk weiter- Claudia Schumacher, Hildegard Schwaninger,
Irak aufgedeckt. Urs Gehriger traf den «grössten führen. Zu den Geheimnissen von Noyers lan- Eugen Sorg, Sacha Verna (New York),
investigativen Journalisten unserer Zeit» (The gem, erfolgreichem Leben gehört die stehende Tamara Wernli, Max Wey,
Sami Yousafzai (Pakistan/Afghanistan),
New Yorker) in dessen Washingtoner Büro. «Man Arbeit hinter dem Rezepturtisch. Der Pharma- Kurt W. Zimmermann
kann sich über die anhaltende selbstzerstöreri- zeut hat zeitlebens die Bedürfnisse der Kunden Produktion: Benjamin Bögli, Roy Spring
sche Dummheit Amerikas nur wundern», sagte ins Zentrum gestellt. Sämtlichen Schreibkram Layout: Daniel Eggspühler (Art-Director),
Karin Erdmann
Hersh über die jüngsten US-Militäraktionen ge- erledigte er im Stehen und hat niemals einen Bildredaktion: Jasmin Karim (Assistentin)
gen den Iran. Zwischen Türmen von unveröf- Bürostuhl besessen. Seite 42 Korrektorat: Cornelia Bernegger (Leitung),
Viola Antunovits, Renate Brunner,
fentlichten Akten sprach er erstmals über seine Ihre Weltwoche Nadia Ghidoli, Sandra Noser,
jüngste Recherche. Im Visier hat er die US-Elite- Beat Zaugg, Dieter Zwicky
truppen, den Stolz der Nation, die Osama Bin La- Website: Alex Merz, Tim Tassonis
Sekretariat: Sabine Mähner (Leitung),
den und IS-Chef al-Baghdadi eliminiert haben. Inga Huber
«Die sind ausser Kontrolle», so Hersh. Er sei ei-
nem «sehr, sehr ernsten Problem der Moral und Verlag:
Verlagsleiter: Sandro Gianini
Legalität» auf der Spur. Seite 46 Anzeigenverkauf: Gabriel Lotti, Brita Vassalli
Anzeigen-Innendienst:
Tel. 043 444 57 02, Fax 043 444 56 07
Schnee macht Schweizer glücklich. Auf keiner
E-Mail: anzeigenid@weltwoche.ch
Unterlage bewegen wir uns erfolgreicher.
­Unser Autor Thomas Renggli ist der Faszina­
DAS SCHWEIZER Online-Vermarktung: GLA United
Tarife und Buchungen: weltwocheAgla-united.com
tion der kristallisierten Form von Wasser nach-
gegangen und hat mit Protagonisten des win- PORTAL FÜR Betriebsleiter: Samuel Hofmann
Druck: Print Media Corporation, PMC,
terlichen Vergnügens gesprochen. Dabei
IT-SPEZIALISTEN
Oetwil am See
erzählte ihm Skisportlegende Vreni Schneider: Die Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auch auszugsweise
«Ich hatte zu meinem Geburtstag am 26. No- Mit www.itjobs.ch die besten oder in Ausschnitten, ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung
vember immer einen grossen Wunsch – dass es IT-Spezialisten finden! der Redaktion gestattet.
Für unverlangt eingesandte Manuskripte und Fotos wird keine
schneit.» Slalomstar Ramon Zenhäusern be- Haftung übernommen.
zeichnet sich als «Schneekind». Gian Gilli, der
OK-Präsident der Eishockey-WM 2020, sagt:
«Schnee ist von grosser gesellschaftlicher Rele- stellen-anzeiger.ch GmbH
vanz.» So oder so: Für die Schweizer Bergwelt Technoparkstrasse 1
8005 Zürich
bleibt der Schnee das wichtigste Verkaufsargu- 044 440 10 80 Der Weltwoche-Inhalt ist gedruckt auf Recyclingpapier,
ment. Wie schön er ist, wissen wir erst, wenn er www.itjobs.ch das aus 100 % Altpapier hergestellt wird.
nicht fällt. Seite 28 Es schont Ressourcen, Energie und somit die Umwelt.

Weltwoche Nr. 01/02.20 3


Cover: Illustration der Weltwoche; Bild: zVg
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Editorial Die Schweizer Zahlen decken sich mit den Be- zahlern Legionen neuer Wähler. Das Projekt ist
funden des renommierten deutschen Wirt- kurzfristig für die Linken politisch gewinnbrin-

Kein Stimmrecht schaftswissenschaftlers Hans-Werner Sinn,


der schon vor Jahren in einem Aufsatz deutlich
gend, für die Schweiz aber langfristig ruinös.
Das Portemonnaie wählt mit. Das gilt für Aus-

für Ausländer machte: «Sozialstaaten sind deshalb grund-


sätzlich nicht kompatibel mit der freien Wan-
länder, aber eben auch für die Schweizer. Und
noch haben die Schweizer das Sagen in der
derung der Menschen zwischen den Staaten, Schweiz. Wer das Ausländerstimmrecht bekämp-
Die Schweiz würde geplündert.
wenn die Migranten in den Genuss der staatli- fen will, sollte den Schweizern die fi­ nanziellen
Und: Trumps Luftschlag. chen Leistungen des Gastlandes kommen.» Konsequenzen dieses Plans a­ ufzeigen.
Von Roger Köppel Die Staaten, schrieb Sinn, würden «wie ein

S eit Jahren, ja Jahrzehnten fordert die


Schweizer Linke das kommunale Stimm-
Magnet für die Armutsflüchtlinge» wirken.
Und da die Schweiz reicher ist als die meisten
Länder der Welt, ist der Schweizer Sozialstaat
H ätte sich der Vietnamkrieg vermeiden
­lassen, wenn eine amerikanische Droh-
nenrakete das Regime um den charismatischen
recht für Ausländer. An den Urnen blieb das ein Riesenmagnet für Migranten aus aller Welt. Nationalkommunisten Ho Chi Minh ausge-
Anliegen bis jetzt chancenlos. Letzten Montag schaltet hätte? Wie wäre die Geschichte verlau-
entschied der stark grün-rot gefärbte Zürcher fen, wenn die Amerikaner den irakischen
Kantonsrat, das Ausländerstimmrecht voran- ­Diktator Saddam Hussein mit einem militäri-
zutreiben. Ob es sich flächendeckend durch- schen Präzisionsangriff getötet hätten?
setzt, bleibt abzuwarten. US-Präsident Barack Obama lancierte den
Die Linken sehen das Ausländerstimmrecht Drohnenkrieg und gewann den Friedens­
als Integrationsmassnahme. Sie finden es unge- nobelpreis. Nachfolger Donald Trump perfekti-
recht, wenn Leute, die schon seit Jahren hier oniert ihn und muss sich als schurkischer
sind, politisch nicht mitbestimmen können. Die Kriegstreiber beschimpfen lassen. Egal, was er
Kritiker halten dagegen: Die Vergabe des macht, es ist falsch. Angeblich. Wir wissen nicht,
Stimmrechts stehe nicht am Anfang, sondern al- welche Überlegungen am Werk waren. Aber der
lenfalls am Ende einer gelungenen Integration. von Trumps Generälen lancierte Luftangriff
Das ist zwar richtig, aber die Bürgerlichen Tod den Amerikanern. war ziemlich genial, wenn man ihn unter dem
sollten einen anderen Aspekt hervorheben. Aspekt der militärischen Effizienz betrachtet:
Ausländer wählen und stimmen vorwiegend Wer diesen Migranten das Schweizer Stimm- erhebliche Wirkung bei minimalem Aufwand.
links. Das belegt eine vielzitierte Studie des recht gibt, gibt ihnen die Kontrolle über den Der iranische General Qasem Soleimani war
Politologen Andreas Ladner von der Universi- Schweizer Sozialstaat. ein Meister der asymmetrischen, dreckigen
tät Lausanne über die politischen Einstellun- Das ist der Punkt, um den es hier geht. Mit Kriegsführung. Jetzt erlag er selber einem
gen von Migranten. Und weil die Migranten dem Stimmrecht können sich Migranten noch asymmetrischen, dreckigen Angriff. Jeder
vorwiegend links stimmen, sind die Linken leichter als bisher Zugang verschaffen zu den Krieg hat seine eigene Ironie.
dafür, die Ausländer abstimmen zu lassen. ausgebauten kantonalen und eidgenössischen Wird der Iran jetzt einen dritten Weltkrieg
Ausländer sind eher für den Ausbau des Sozialleistungen. Ausländerstimmrecht bedeu- entfesseln? Hypnotisiert von den TV-Bildern
Wohlfahrtsstaats, für höhere Steuern und tet Plünderung des Schweizer Wohlfahrtsstaats. skandierender Massen, haben sich einige Kom-
­Abgaben, für mehr Ferien, für einen Abbau der Das Kalkül der Linken ist durchsichtig. In- mentatoren schon zu solchen Schlüssen verlei-
Armee, für stärkere europäische Integration dem sie den Sozialstaat ausbauen und den ten lassen. Das Schweizer Fernsehen zeigte ei-
und für den Ausbau von Rechten und Ansprü- Migranten das Stimmrecht verleihen, schaffen nen wutschnaubenden Iraner, der allen
chen der Migranten. sie sich auf Kosten von immer weniger Steuer- Amerikanern den Tod wünscht. Der Mann trug
Laut Ladners Studie würden 28,5  Prozent eine Baumwollmütze der US-Marke Nike. Viel-
der in der Schweiz lebenden Ausländer die SP leicht sollte man die nahöstlichen Emotionen
wählen, dann folgen die Grünen. Die SVP nicht zum Nennwert nehmen. Der Iran ist nicht
­käme bei Ausländern auf lediglich 14,3 Wäh-
lerprozente; sie ist also bei Migranten nur halb
Gelenkprobleme das Deutsche Reich um 1914. Die Regionalmacht
kann Schaden anrichten, zu mehr allerdings
so beliebt wie bei Schweizern, wie der Politolo-
ge Adrian Vatter in einem Kommentar zu Lad-
soll man nicht auf reicht die Kraft nicht mehr. Das Mullah-Regime
ist angeschlagen, schwach, so schwach, dass es
ners Untersuchung folgerte.
Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Schon
die leichte nicht einmal einen seiner hochrangigsten Funk-
tionäre schützen kann. Trumps stärkste Waffe
heute ist es so, dass in der Schweiz lebende Aus-
länder die Kassen des Wohlfahrtsstaats stärker
Schulter nehmen. sind nicht die Drohnen. Es ist die Wirtschaft.
Ist Trump wahnsinnig, ein Spinner? Nein.
belasten als die Schweizer. Das zeigt sich dras- Er hat sich lange zurückgehalten. Die Iraner
tisch bei der Sozialhilfe. Die Quote der Bezüger wurden übermütig. Ihre Provokationen und
ist doppelt so hoch wie bei den Schweizern. Gelenk- und Sportchirurgie. Eines der Zündeleien, ihre Aggressionen wurden dreis-
Eindeutig ist auch das Bild bei der Arbeits­ Fachgebiete in Ihrer Privatklinik für Chirurgie ter; am Ende griffen sie eine US-Botschaft an.
losenversicherung. Die Schweizer zahlen über und individuellen Service. pyramide.ch Ein Akt der Selbstüberschätzung. Dann schlu-
70 Prozent ein und nehmen rund 55 Prozent gen die USA zurück.
wieder raus. Die in der Schweiz arbeitslosen Der Iran ist ein Staat, der Todesurteile gegen
Ausländer – und hier sind nur die vergleichs- westliche Schriftsteller verhängt, weil sie Dinge
weise besser qualifizierten EU-Bürger zu nen- schreiben, die den Mullahs nicht gefallen. Bis vor
nen – zahlen 24  Prozent ein und beziehen kurzem war dort ein Mann am Ruder, der Israel
31 Prozent. Sie nehmen also mehr raus, als dass Spitze für Sie ins Mittelmeer bomben wollte. Solange Trumps
sie einzahlen. Politik die Bösen abschreckt, liegt er richtig.

Weltwoche Nr. 01/02.20 5


Bild: Screenshot SRF
Inhalt

Charaktermimin: Sarah Spale. Seite 52 Die Schweiz von ihrer schönsten Seite: Seite 28
«Wenn man mich fragt,
­sage ich: Der Kurs, den wir
Titelgeschichte Ausland fahren, stimmt.»
16 Wir verbessern die Schweiz 44 Biss der Klapperschlange
Vorsätze prominenter Politiker Trumps «strategischer Realismus» Christoph Blocher: Seite 21
21 Christoph Blocher «Die SP 46 Seymour Hersh Treffen mit dem
hat die Konkordanz gebrochen» legendären Reporter
Rubriken
48 Amerika Nixon schlug s­ eine Ehefrau
9 Im Auge Li Ning
Kommentare & Analysen 50 Inside Washington In Flammen
14 Personenkontrolle
51 Sebastian Kurz
5 Editorial 15 Nachruf
Wenn sich Wähler betrogen fühlen
9 Kommentare Fritz Künzli

Das grosse Dreinreden 26 Darf man das?
10 Hollywood Vorverurteilt Wirtschaft & Wissenschaft
26 Leserbriefe
10 Gebühren 38 «Neue Lust am Sozialismus»
27 Fragen Sie Dr. M.
«No Billag» in der Downing Street Stürzt Deutschland in eine Rezession?
37 Zeitgeist
11 Eilmeldung 41 Hannes Goetz
Phrasen ohne Ende
Tour de Suisse auf Talfahrt Als die Swissair rief
52 Ikone der Woche Sarah Spale
41 Währungen Franken-Mythos
12 Ausblicke Hans Ulrich Gumbrecht: 55 Jazz Peter Schärli
Das doppelte Federer-Paradox 42 Dr. Noyer
Der Jahrhundert-Apotheker 57 Die Bibel Antisemitisch links
13 Porträt der Woche
58 Kino «Les Misérables»
24 Mörgeli Hausbackenes Spiessertum
Kultur & Gesellschaft 59 Knorrs Liste
24 Bodenmann Gute-Nacht-Orchester 59 Körzis Hollywood
25 Medien 28 Schweiz im Schnee
Wer hat hier gezaubert?
Trottel, Faschist, Clown Winterträume als Erfolgsrezept
62 Thiel Fachkräfte
25 Die Deutschen Hitlers Baby 30 Wendy ­Holdener «Schi-Heilige»
62 Namen
54 Dank des Dichters
Eilige Sportler und Gourmets
Kurt Steinmann über Peter Handke
Inland 56 Feminismus
62 Fast verliebt Lieben, was ist
32 Marcel Bosonnet Warum er gut für Männer ist 63 Unten durch Stars
Steinzeit-Kommunist 60 Haus der goldenen Türfallen 64 Wein Alte hohe Schule
34 Albert Rösti Chartwell Mansion in Los Angeles 64 Salz & Pfeffer
Sein rätselhafter Abgang Ode an Daniel Humm
35 Unheilvolle Allianzen 65 Auto
Schutz von Whistleblowern Suzuki Vitara 1.4 BJ Compact Top
36 Justiz 66 Tamaras Welt
Strafrecht auf Abwegen Das erwartet uns 2020

6 Weltwoche Nr. 01/02.20


Bilder: Barbara Hess (pictura.ch), Samott (Adobe Stock), Nathan Beck für die Weltwoche
Publireportage

Warum das
Sparkonto
allein nicht länger die Anlagedauer, desto grösser ist

mehr reicht.
nämlich die Wahrscheinlichkeit, dass sich
die Wertschwankungen an den Börsen aus­
gleichen. So haben beispielsweise Schweizer
Aktien seit 1900 in nahezu jeder Zehnjahres­
periode an Wert zugelegt. Hält jemand
20 Jahre lang ein Portfolio von Schweizer
Aktien, erwirtschaftet er zu über 97 Prozent
Das Konto wirft kaum mehr Zinsen ab. Aber wenigstens eine positive Rendite.
erhält es den Wert des Geldes – denken viele Sparerinnen
und Sparer. Leider machen sie die Rechnung ohne Infla- Trotzdem ist Anlegen kein Kinderspiel.
Erstens gelten die attraktiven Renditepers­
tion. Wer langfristig wirklich mehr aus seinem Ersparten pektiven nur für diversifizierte Aktienport­
machen will, sollte es investieren. Und dafür braucht es folios, nicht für Einzeltitel. Zweitens ist es
zuerst einmal die passende Strategie. wichtig, nie mehr Risiken einzugehen, als
man tragen kann und will. Die Grundlage
für den erfolgreichen Schritt an die Märkte
«Spare in der Zeit, so hast Du in der Not»: Doch obwohl der Franken zu den stabilsten sollte darum die Anlagestrategie bilden.
Dieses Sprichwort zitierten Generationen Währungen zählt, verlor auch er in den Sie definiert, wie das Vermögen auf An­
von Eltern ihrem Nachwuchs. Und es ver­ letzten 40 Jahren fast die Hälfte seines lageklassen wie etwa Aktien und Obliga­
fehlte seine Wirkung nicht. Bis heute zählt Werts. Für einen Warenkorb, der 1979 noch tionen aufgeteilt wird. Dabei ist es wichtig,
die Sparquote der Schweizer Bevölkerung zu 100 Franken kostete, musste man 2019 eine Strategie zu wählen, die der eigenen
den weltweit höchsten. So lagen Ende 2018 knapp das Doppelte hinblättern. Würde die Einstellung zu Risiken entspricht – und sie
gemäss der Nationalbank rund 583’000’000 Inflation auf 3,5 Prozent steigen – ein Wert, diszipliniert umzusetzen.
Millionen Franken auf Sparkonten. der in der Schweiz bis zu den neunziger
Jahren oft überschritten wurde –, halbierte Aufwand oft unterschätzt
Viele Menschen verzichten heute auf Kon­ sich ein Vermögen in nur 20 Jahren. Den Aufwand für Letzteres unterschätzt man
sum, um sich dafür morgen einen grösseren oft leichtfertig. Weil die Finanzmärkte immer
Wunsch erfüllen zu können – oder um für Wer seine Kaufkraft langfristig erhalten schneller und komplexer werden, gilt es, die
«die Not» vorbereitet zu sein. Dahinter will, muss also umschalten: vom Sparen weltweiten Märkte rund um die Uhr zu ver­
stecken berechtigte Überlegungen, die aber zum Investieren. Damit tun sich viele folgen, das Portfolio zu überwachen, Anlage­
je nach Umfeld eine andere Umsetzung ver­ Menschen schwer, weil sie das Risiko der ideen auszuarbeiten und Anlageinstrumente
langen. Derzeit ist es beispielsweise offen­ Inflation unterschätzen und das Risiko auszuwählen – eine Herkulesaufgabe, die
sichtlich, dass etwas früher tatsächlich besser von Wertschwankungen beim Investieren man kaum im Alleingang bewältigen kann.
war: die Zinssituation für die Sparer. Anfang überschätzen. Dabei gilt immer: keine
der neunziger Jahre warfen Sparkonten in Rendite ohne Risiko. Die Frage ist nicht, Deshalb empfiehlt es sich, für seine Anlagen
der Schweiz noch Zinsen über 5 Prozent ob man ein Risiko eingehen will, sondern ein schlagkräftiges Netzwerk von Profis ein­
ab. Dank des Zinseszinseffektes liess sich das welches Risiko man eingehen will. Akzep­ zuspannen. Die Expertinnen und Experten
Ersparte relativ bequem vermehren. tiere ich eher, dass mein Sparbuch schlei­ von der Zürcher Kantonalbank sorgen dafür,
chend an Kaufkraft verliert oder die dass die eingegangenen Risiken optimal mit
Tiefzinsphase erfordert Umdenken Wertschwankungen meiner Wertschriften? Renditen entschädigt werden.
Seit 2002 zeichnet sich jedoch ein histo­
risch einzigartiges Szenario ab: Die Zinsen Langfristig liegen Aktien oben auf
bewegen sich um den Nullpunkt, bis in den Im Gegensatz zu einem Sparkonto er­
Minusbereich hinein. Für klassische Kon­ schliessen einem beispielsweise Aktien Zeit für erfolgversprechendes Anlegen
tosparer bedeutet dies, dass sie nicht vom interessante Renditechancen. Denn damit Die Zürcher Kantonalbank berät Sie gerne
Fleck kommen. Wieso nehmen das so viele partizipiert man an der wirtschaftlichen im Rahmen ihrer diversifizierten Anlage­
Menschen in Kauf? Viele Sicherheitsorien­ Ertragskraft von Unternehmen. Allerdings welt: Dabei stehen Sie mit Ihren Zielen
tierte sind zufrieden, wenn ihr Erspartes no­ lassen viele Leute die Finger von Aktien, und Ihrer Risikobereitschaft im Zentrum.
minell seinen Wert behält. Ergo machen sie weil sie sich vor deren Auf und Ab fürch­ Gemeinsam entwickeln wir eine Anlage­
die Rechnung ohne die Inflation respektive ten. Psychologisch ist dies verständlich, lösung, die ganz auf Sie abgestimmt ist.
die schleichenden Kaufkraftverluste. rational aber in vielen Fällen nicht. Je Auch für geringe Anlagesummen bieten
wir Ihnen attraktive Möglichkeiten, da­
Rechtliche Hinweise mit Sie wie Profis investieren können.
Dieses Dokument dient Werbezwecken. Es wurde von der Zürcher Kantonalbank mit geschäftsüblicher Sorgfalt erstellt. Die Zürcher Kantonalbank
bietet jedoch keine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der darin enthaltenen Informationen und lehnt jede Haftung für Verluste ab, die sich
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Verfügbarkeit von Produkten und Dienstleistungen für Kunden mit Wohnsitz/Sitz ausserhalb der Schweiz eingeschränkt oder unzulässig sein. Dieses
Dokument ist weder ein Angebot zum Abschluss eines Vertrags noch eine Einladung zur Offertstellung für Bankprodukte und -dienstleistungen. Es stellt
unter 0844 843 823 oder erfahren Sie
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Kommentare Im Auge

Das grosse Dreinreden Der Schwindelfreie


Von Beat Gygi _ Unternehmen werden
zunehmend durch politische Vorschriften beherrscht.
Der private Spielraum wird kleiner.

nie etwas zu deren Entwicklung beigetragen


haben.
Die Wahlerfolge der Grünen und Linken im
vergangenen Jahr haben in der Politik die
Gruppen gestärkt, die gerne mit überlegenem
Wissen auftreten, anderen dreinreden und
Vorgaben machen. Die SP-Nationalrätin Mat-
tea Meyer fordert eine Milliardärssteuer. J­ unge Li Ning, Unternehmer.
Parlamentarierinnen und Parlamentarier
frisch ab Universität oder Parteisekretariat
und ohne grosse wirtschaftliche Erfahrung
wollen sich nun daranmachen, den Unterneh-
J emand kommt im Riesenreich China zur
Welt, als Kind einer von 56 Nationalitäten,
des Volks der Zhuang, der Vater Musiklehrer.
men den Tarif durchzugeben. Die Tendenz Der Junge trägt den Namen eines Kronprinzen
geht in die Richtung der sogenannten Demo- aus der Tang-Dynastie, der von 793 bis 812 gelebt
kratisierung der Wirtschaft, die von den Sozi- hat: Li Ning. Er wird ein berühmter Sportler, legt
aldemokraten und Gewerkschaften immer Examina hin als Jurist und Manager, aber als
wieder propagiert wird, um politische Mitbe- Muskeln und Gelenke die Tortur des Turnens
stimmung in Unternehmen einzupflanzen. nicht mehr aushalten, wird er in einer Geträn-
kefabrik versorgt, eine Nummer zum Vergessen.
Firmen wären leicht zu kriminalisieren Längst ist Li Ning Milliardär, Lifestyle-Unter-
Käme die Konzernverantwortungsinitiative nehmer, ein Kultname. Im ersten Halbjahr 2019
zur Umsetzung, wäre diese Stufe etwa er- explodiert der Gewinn «einer der heissesten Ak-
reicht. Die Initiative verlangt, dass Schweizer tien Asiens» (Bloomberg-Report) um das Drei­
Milliardärssteuer: SP-Nationalrätin Meyer. Konzerne weltweit haften sollen für umfas- fache auf 1,4 Milliarden US-Dollar. Der 1,64-Me-
send definierte Menschenrechte, Sozialnor- ter-Mann ist garantiert schwindelfrei. Davon

T here’s No Business Like Show Business: Darstel-


lerische Leistungen, Scheinwerferlicht,
Publikum, Buhrufe und Applaus werden im
men und Umweltstandards, auch bei Part-
nern, und dass die Konzernzentralen in der
Schweiz bei Verdacht auf Verletzung der Vor-
konnte sich die Welt überzeugen, als Li Ning
2008 an der Eröffnungsfeier in Peking an un-
sichtbaren Drähten hängend mit der brennen-
neuen Jahr für die Wirtschaft weiter an Bedeu- gaben eingeklagt werden können. Zudem den Fackel in der Hand über das Stadion schweb-
tung gewinnen. Private Aktiengesellschaften müssten die Unternehmen die damit verbun- te und das olympische Feuer entzündete.
werden mehr und mehr zu öffentlichen Veran- dene Sorgfaltspflicht nachweisen; im Zweifel Selten werden Top-Sportler auch erfinderi-
staltungen umfunktioniert. Es sind nicht würden die Dinge also gegen die Wirtschaft sche Unternehmer, sie beuten einfach ihren
mehr so sehr die Produkte und Leistungen der laufen, Firmen wären leicht zu kriminalisie- Namen weiter aus. Der grosse Pelé war gelern-
Firmen am Markt, die zur Beurteilung des Er- ren, so dass sie von Engagements in schwieri- ter Schuhmacher, scheiterte aber mit seiner
folgs zählen, wichtiger werden vielmehr das geren Regionen abgeschreckt würden. Schuhmarke. Nur die Tennislegende René
Verhalten der Chefs und der Mitarbeiterschaft In eine ähnliche Richtung gingen die beiden ­Lacoste (1904–1996) schuf ein Branchenimpe-
und deren Herkunft nach Geschlecht oder an- Initiativen, die der Landwirtschaft die Anwen- rium mit dem Krokodil-Signet.
deren Merkmalen. Einen Vorgeschmack dung von Pflanzenschutzmitteln und Dünger Mittlerweile ist der «kleine Prinz», der 1984 in
brachte die Debatte über das Aktienrecht, in untersagen wollen und die eine inländische Los Angeles sechs Medaillen im Kunstturnen
dem für grössere kotierte Unternehmen Ge- Nahrungsmittelproduktion extrem erschweren gewann, davon drei goldene, ein Gigant der
schlechter-Richtwerte – 20 bis 30 Prozent würden. Und die Initiative für billigeren Wohn- Sport- und Freizeitmode geworden, der allein
Frauen in den Führungsetagen – beschlossen raum läuft eigentlich auf die Aufforderung in China über 7000 Shops und ein rasant wach-
wurden. Seit einiger Zeit geht zudem die ­hinaus: Schaut, wie die anderen grosszügig woh- sendes Onlinegeschäft betreibt. Seine schon
Lohnpolizei durch die grösseren Unterneh- nen, da nehmen wir uns etwas davon! Dass diese 1990 gegründete Li Ning Company setzt jetzt
men und notiert Geschlechterdifferenzen. Vorstösse Chancen auf demokratische Zustim- mit dem globalen Boom der Sneakers wieder
Wenn in näherer Zukunft die Konzernver- mung haben, hängt auch damit zusammen, dass zum Höhenflug an. Zuvor war der Akrobat Li
antwortungsinitiative, die Initiative für mehr etablierte Behörden ähnliche Eingriffslust Ning an Nike und Adidas beinahe zerschellt.
bezahlbare Wohnungen oder die Initiative ­zeigen und zum Dreinreden ermuntern: Das Von 2010 bis 2014 zerrannen 90 Prozent des
für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide ­Investitionsverhalten von Pensionskassen, Anla- ­Firmenwerts. Er versuchte, die USA auf dem
in die Debatte, zur Abstimmung und allen- gefonds und zum Teil Banken wird zunehmend Basketballmarkt anzugreifen, kaperte sogar
falls zur Umsetzung gelangen, wird erst recht so reguliert, dass gewisse Branchen oder Unter- den Superstar Shaquille O’Neal als Leuchtturm-
das grosse Dreinreden beginnen. Dann wer- nehmenszwecke ausgeschlossen werden. Die figur. Dafür lässt er das kapitalfressende Fuss-
den alle kräftigen Interessengruppen den Fir- Etiketten «Nachhaltigkeit» oder «grün» wer- ball-Sponsoring bleiben. Aber erst mit seiner
men auf politischem Weg vielfältige neue den wichtiger als die Renditen, die Show über- von der Strasse inspirierten Alltagsmode gilt der
Verhaltensvorschriften machen, obwohl sie deckt das Erarbeitete. Brand plötzlich als total cool. Peter Hartmann

Weltwoche Nr. 01/02.20 9


Bild: Gaetan Bally (Keystone)
Hollywood Gebühren

Vorverurteilt «No Billag» in der Downing Street


Von Peter Keller _ Filmproduzent Von Florian Schwab _ In Grossbritannien gerät die BBC unter Druck, in
Harvey Weinstein steht vor Deutschland entlädt sich der Zorn über der ARD. Die Schweiz war ein
Gericht. Bestraft ist er schon. Frühindikator des europäischen Unbehagens an den Staatssendern.

D er Seismograf, der die Unzufriedenheit


über den öffentlichen Rundfunk misst,
schlägt deutlich aus. Die Epizentren liegen in
ARD gehörende Westdeutsche Rundfunk kurz
vor Silvester. Der offenbar als Satire gedachte
Musikbeitrag, eine klimapolitisch aufmunitio-
London, Grossbritannien, und Köln, Deutsch- nierte Abwandlung des Blödsinn-Kinderlieds
land. «Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad»,
Nach London: Boris Johnson untersagt sei- erregt seit Tagen die Gemüter in Deutschland.
nen Ministern Interviews mit drei Nachrich- Politiker lasen dem Sender öffentlich die Levi-
tensendungen der BBC. Zudem hat der neue ten. Intendant Tom Buhrow musste sich ent-
Premierminister in Aussicht gestellt, die Rund- schuldigen.
funkgebühren massiv zu kürzen. Auch will er Vor dem Sender kam es zu Kundgebungen
künftig die Zahlungsverweigerung nicht mehr des Unmuts. Demonstranten brachten ein
Lebenswerk und Ruf sind dahin: Weinstein. unter Strafe stellen. Die Wurzel der Spannun- Transparent am WDR-Gebäude an: «WDRliche
gen: Unter den Brexit-Befürwortern, die mit Medienhetze stoppen!» Sinnigerweise war es

I n wohl keiner Stadt ist Harvey Weinstein so


unbeliebt wie in New York, Hochburg der
MeToo-Bewegung. Nun hat hier die Gerichts-
Johnson das Kommando übernommen haben,
hat sich die BBC den Ruf erworben, parteiisch
bis zum Abwinken zu sein.
der Staatsschutz der Polizei Köln, der gegen die
Kritiker des Staatssenders vorging. Zu Tau­
senden wollen erzürnte Gebührenzahler den
verhandlung gegen den ehemaligen Film- Dominic Cummings, Johnsons Chefberater, Rundfunkbeitrag verweigern. Mit juristischem
mogul begonnen, der 2017 bei seiner Produk- beschrieb einmal, wie ein bekannter BBC-Korre- Rat, wie der Moloch finanziell in die Knie ge-
tionsfirma Miramax gefeuert wurde, weil spondent zu ihm gesagt habe: «Die Sache ist die: zwungen werden kann, ohne die Grenze der
herauskam, dass er viele Jahrzehnte hindurch Wir [die BBC], mögen Cappuccinos und hassen ­Legalität zu verlassen, profiliert sich der Ber-
mit angehenden oder arrivierten Schauspie- Rassisten.» Solche Gefühle würden den Ver- liner Medienanwalt Joachim Steinhöfel.
lerinnen sexuelle Handlungen vollzogen hat- stand einnebeln und die BBC-Journalisten blind Wir blenden zurück: Vor zwei Jahren sagten
te, die diese nach eigenen Angaben oft nur ge- machen für Fakten wie die suboptimale institu- in der Schweiz knapp 30 Prozent der Stimm­
gen ihren Willen ausgeführt hatten. tionelle Struktur der EU. Wenn man d­ iese ange- berechtigten ja zur Volksinitiative «No Billag»,
Nach einer zwei Jahre langen Anklagewel- sprochen habe, so Cummings, «galt man bei welche die Empfangsgebühr streichen wollte.
le, im Laufe derer zahlreiche, meist B-klassige ­vielen BBC-Leuten jahrelang als halb irre». Die Initiative zwang die Politik zum Handeln.
Schauspielerinnen behaupteten, Weinstein Nach Köln: «Meine Oma ist ’ne alte Umwelt- So wurden die Gebühren insgesamt leicht ge-
­habe sich an ihnen vergangen, und meist sau», singen die grösstenteils wohl nicht ein- senkt und deren Verteilung zu Lasten der staat-
nicht erwähnten, dass sie umgekehrt von mal zehnjährigen Mädchen des WDR-Kin- lichen SRG angepasst. Der selbstherrlich auf-
dem Pro­duzenten Jobs und Honorare erba- derchors. Das Video veröffentlichte der zur tretende Generaldirektor Roger de Weck wurde
ten, ist Weinstein nun zweier Vergehen ange- durch den ausgleichenden Romand Gilles
klagt: 2013 soll er in einem New Yorker Hotel- ­Marchand ersetzt, der jetzt schmerzhafte Spar-
zimmer eine bis dato anonym bleibende Frau runden durchsetzen muss.
vergewaltigt ­ h aben. Ausserdem klagt Seit der Initiative pilgern die Verteidiger des
­Weinsteins ehe­malige Produktionsassisten- öffentlichen Rundfunks aus anderen Ländern
tin Mimi Haleyi ihn an, sie 2006 sexuell genö- in die Schweiz, um zu lernen: Wie kann man
tigt zu haben. den Angriff der unfreiwilligen Gebührenzahler
erfolgreich abwehren? Doch das ist nicht so ein-
Beispiel Goethe fach. Die direkte Demokratie in Form der Volks-
Der Ausgang des Prozesses ist absolut offen, initiative als Disziplinierungsinstrument der
es ist fraglich, ob die Anklage die nötigen Be- öffentlichen Medien ist ein Schweizer Unikat.
weise für die Vergewaltigungen erbringen Und auch die SRG ist nicht in Stein gemeisselt.
kann, zumal beide Frauen noch lange nach Bis zu ihrem nächsten Rendez-vous mit dem
den Vorkommnissen Weinsteins Freund- Stimmbürger muss sie diesen davon überzeu-
schaft suchten. Was lässt sich heute sagen? gen, dass sie seine Kritik beherzigt.
Egal, wie das Urteil ausfällt, bestraft ist der Die technologischen Trends spielen hüben
Mann schon jetzt: Weinstein schlurfte mit wie drüben gegen die öffentlichen Dinosau­
Gehhilfe in den Gerichtssaal, sein Lebens- rier. Angebotsseitig kommen sie mit ihren
werk und Ruf sind zerstört. milliardenteuren, oft ineffizienten Produkti-
MeToo definiert den Rechtsstaat neu: im onsapparaten unter den Wettbewerbsdruck
Zweifel gegen den Angeklagten. Dass grosse privater, wendiger Konkurrenten. Und nach-
Künstler nicht zwingend saubere Charaktere frageseitig wenden sich Konsumenten den un-
sind, weiss man spätestens seit Goethe. Doch endlichen Weiten von Diensten wie Youtube
ein lüsterner Grüsel ist noch lange kein Ver- oder Netflix zu – ein Klimawandel, der kaum
brecher. Die BBC gilt als parteiisch bis zum Abwinken. aufzuhalten ist.

10 Weltwoche Nr. 01/02.20


Bilder: Seth Wenig (AP, Keystone), Jeff Gilbert (Alamy)
Eilmeldung wenn die Etappenankunft nicht weiter als 50
Kilometer davon entfernt liegt. Und weil für

Auf Talfahrt den staff kein neuer Kleidersponsor gefunden


werden konnte, muss die Ausrüstung von 2019
auch im neuen Jahrzehnt halten.
Von Thomas Renggli _ Die Tour de Suisse ist nationales Kulturgut. Es sind Massnahmen, die bei den Betroffenen
Nun werden ihre freiwilligen Helfer auf Schmalkost gesetzt. nicht gut ankommen. Einzelne treten aus der
Nach 87 Jahren droht dem Traditionsanlass sogar das Aus. Deckung und spielen interne Mails und Doku­
mente den Medien zu. Die Motorradfahrer se­
hen den «Gruppenzusammenhalt» gefährdet.
Ein Mitglied des Sicherheitsdienstes schrieb an
die Tour-Leitung: «Noch mehr Abstriche werde
ich nicht machen. Wenn wegen Heimübernach­
tungen das Teamleben zu kurz kommt und ich
drauflegen muss, stimmt es für mich nicht
mehr.»

«Falscher Ansatz»
Für solche Forderungen hat Joko Vogel wenig
Verständnis: «Die Anpassungen sind auch im
Vergleich zu anderen Anlässen verhältnismäs­
sig. Entweder man macht die Arbeit freiwillig
oder nicht. Wenn es darum geht, mit Freiwilli­
genarbeit Geld zu verdienen, ist dies der falsche
Ansatz.» Olivier Senn verteidigt die Massnah­
men ebenfalls: «Wir haben in allen Bereichen
gekürzt – auch bei der Leitung. Beispielsweise
operieren wir nicht mehr aus Büros, sondern
verrichten die administrative Arbeit von zu
Hause aus.» An den staff schrieb er: «Wir müs­
sen klar festhalten, dass es die Tour de Suisse in
ein paar Jahren nicht mehr geben wird, falls
Überlebensübung: Tour de Suisse, Furkapass, 2019. wir es nicht schaffen, diese auf finanziell ge­
sunde Beine zu stellen. Dazu müssen schlicht

E s gibt Dinge, die ändern sich scheinbar nie:


Der Advent findet im Dezember statt, der
Nationalfeiertag am 1. August – und Mitte Juni
Tour de Suisse fungierte, sowie Joko Vogel (50),
der sich als Initiant der Tortour, eines Ultra-­
Cycling-Events, in der Szene einen Namen ge­
alle beitragen.»
Armin Meier verfolgt die Überlebensübung
mit Interesse. Der frühere Radprofi stand zwi­
zieht die Tour de Suisse durchs Land. Die 1933 macht hat. Auf der Tortour ist in nur zwei ­Tagen schen 2004 und 2010 selber an der Tour-Spitze.
erstmals ausgetragene Rundfahrt ist ein Stück eine tausend Kilometer lange Strecke über meh­ Damals habe die Tour de Suisse einen Gewinn
Schweizer Kulturgut wie die Toblerone. Doch rere Alpenpässe rund um die Schweiz zurückzu­ von jährlich 600 000 bis 1,5 Millionen Franken
der ehemals grösste Sportanlass des Landes legen – nonstop. Vogel nahm das Rennen schon abgeworfen. Er zweifelt an der Strategie seiner
kämpft mit Erosionserscheinungen in allen Be­ neun Mal selber in Angriff und schaffte es (von Nachfolger: «Solange das Rennen als World-
reichen und droht in seiner jetzigen Form von einer Ausnahme abgesehen) immer ins Ziel. Tour-Event stattfindet, bestehen grosse Aufla­
der Sportlandschaft zu verschwinden – wie et­ Die Aufgabe, die er nun an der Tour de Suisse gen.» So müssen zwanzig Teams verpflichtet
wa die Tour of California, die aus wirtschaftli­ anpackt, könnte noch schweisstreibender wer­ werden, die Startgelder von 20 000 bis 25 000
chen Gründen 2020 nicht mehr stattfindet. den. Die neuen Macher setzen darauf, Syner­ Franken kosten. Würde man das Rennen auf
In der Schweiz sind die Sorgen ähnlich gela­ gien zwischen Breiten- und Spitzensport zu ge­ Continental-Stufe neu positionieren, müsste
gert: Die Kosten steigen stetig, die Sponsoren­ nerieren. So wurde das Rennen um einen Tag man nur noch zehn Teams bezahlen – und
suche wird schwieriger, Durchfahrtsgebühren (auf acht Tage) verkürzt, um am Startwochen­ könnte das Teilnehmerfeld mit Wildcards kom­
der Kantone und Gemeinden sowie Auflagen ende Platz für Publikums-Events zu schaffen. plettieren. Auch eine weitere Reduktion der
des internationalen Verbandes belasten das Vogel sagt dazu: «Wir wollen die Zuschauer in Renntage sei zwingend.
Budget. Weil das Rennen in den vergangenen den Event integrieren und eine emotionale Bin­ Meier, der vor zwei Jahren (zusammen mit
Jahren Verluste zwischen 500 000 und einer dung schaffen.» Fabian Cancellara) die Übernahme der Tour de
Million Franken verursachte, warf Rechte­ Doch um auch in der realen Welt dem Besen­ Suisse prüfte, sich von den verflochtenen Kom­
inhaber Infront Ringier den Bettel hin. An die wagen zu entkommen, müssen die neuen Tour- petenzverteilungen aber abschrecken liess, sagt
Stelle der Agentur ist ein «Notfall-Konsor­ Chefs zuerst Altlasten beseitigen. Weil die klipp und klar: «In der jetzigen Form ist die Or­
tium» aus vier Parteien getreten, das sich in der grössten Budgetposten (Infrastrukturanlagen, ganisation der Tour de Suisse eine mission impos-
neuen Firma Cycling Unlimited konstituiert. Startgelder, TV-Produktion) nicht verhandel­ sible.» Er werde die Sache beobachten – und
Dahinter stehen der nationale Verband Swiss bar sind, wird an der Basis gespart. Mit anderen dann zupacken, wenn der Karren an die Wand
Cycling, der internationale Sportrechtehändler Worten: Das Taggeld für die Helfer im Sicher­ gefahren sei: «Die bisherigen Neuerungen
Infront, die Tortour GmbH sowie die Pro Touch heits- und Aufbaubereich wurde von 100 (bezie­ ­greifen zu kurz.» Mit anderen Worten: Trifft
Global GmbH. Die treibenden Kräfte sind Oli­ hungsweise 80) auf 50 Franken reduziert. Au­ Meiers Analyse zu, war die Reduktion des Ren­
vier Senn (50), der Besitzer von Pro Touch Glo­ sserdem muss das Sicherheitspersonal künftig nens auf acht Tage erst der Anfang – der Anfang
bal, der bereits bis 2018 als Generaldirektor der zu Hause (und nicht im Hotel) übernachten, vom Ende.

Weltwoche Nr. 01/02.20 11


Bild: Gian Ehrenzeller (Keystone)
Ausblicke einer neuen Generation zum Vorschein brach-
te, kommt unvermeidlich die Frage auf, wie

Das doppelte Federer-Paradox denn ein Danach aussehen könnte – für Roger
Federer ebenso wie für seine Fans. Ob er sich
selbst diese Frage mehr als beiläufig stellt, ob
Von Hans Ulrich Gumbrecht _ Die letzte Tennissaison brachte erstmals er über den berühmten «rechten Moment»
die Stärken einer neuen Generation deutlich zum Vorschein. Sie warfen zum Abtreten nachdenkt, wissen wir nicht.
­unvermeidlich die Frage auf: Gibt es ein Leben nach Roger Federer? Und wieder heisst die eine Antwort, dass Ro-
ger Federer alle vorstellbaren Türen offenste-

I n der Welschschweiz, habe ich kürzlich ge-


lernt, sind «Philosophy Slams» richtig popu-
lär geworden, Wettbewerbe zwischen (oft)
liegt eben einfach alles: Grundlinienspiel,
Volleys, Kunstschläge, Spin, Slice und natür-
lich Aufschläge. Er ist ebenso schnell wie kräf-
hen. Er könnte – aus Spass an der Sache – Trai-
ner jüngerer Spieler werden oder Kapitän der
Schweizer Davis-Cup-Mannschaft.
selbsterklärten Intellektuellen, die in Auftrit- tig – und er hat den Kampf mit den Rackets ge-
ten von wenigen Minuten versuchen, ihren wiss schöner gemacht, allerdings auf schwer Und die Fans?
Witz brillieren und ihre scharfe Zunge schnei- definierbare Weise. Statt darüber zu hadern, Einen ersten Schritt, um Einfluss auf die Orga-
den zu lassen. Vor Zuschauern aus Biel wagte dass sie alle gegen Roger Federer häufiger ver- nisation des globalen Tennis zu nehmen, hat
ein Starter aus Lausanne das helvetische Maxi- loren als gewonnen haben, sehen es gerade sei- er als Gründer des Laver Cup und mit der Be-
mum: Er fragte ebenso laut wie frech, wann sich ne grössten Rivalen als ihr Glück an, mit ihm teiligung seiner Managementfirma Team 8 an
die Nation denn endlich von ihrem Federer-­ die Bühne des weissen Sports zu teilen: Rafael den einschlägigen Vorbereitungen schon ge-
Über-Ich erlösen werde – und verwies mit an­ Nadal vor allem, Novak Djokovic, Andy tan. Und wer wäre besser qualifiziert, zum In-
gestrengter Schadenfreude auf Rogers Nieder- ternationalen Olympischen Komitee zu gehö-
lagen während der vergangenen Saison als ren oder ihm eines Tages sogar vorzusitzen, als
Symptome eines unumkehrbar beginnenden Roger Federer? Wer in besserer Startposition
Abstiegs. Allerdings scheiterte der eigentlich für einen Weg in der Schweizer oder gar in der
gut kalkulierte Auftritt. Schon nach den ersten internationalen Politik? Keine Partei wäre gut
Sätzen entstand Unruhe im Publikum, und bei beraten, ein solches Interesse auf seiner Seite
der Jury-Abstimmung zum Schluss landete die zu ignorieren.
Nummer auf einem der hinteren Plätze – ob- Die grösste, sich vielleicht schon abzeich-
wohl sonst Helden, die alles richtig machen nende Herausforderung liegt allerdings in
und fast immer gewinnen, eher unerträglich ­einer ja wirklich denkbaren Zukunft, in der
wirken. Doch genau dies ist das doppelte Federer während der nächsten Jahre von dem
­Federer-Paradox: Weitere Siege und mehr Voll- herausragenden zu einem sehr guten Tennis-
kommenheit lassen Rogers Beliebtheit ebenso spieler werden könnte – und vielleicht am
wachsen wie einsetzende Niederlagen. ­Ende zu einem Spieler, der nicht mehr gesetzt
wird. Vergessen wird ihn die Tenniswelt je-
Moderne Schweiz denfalls nie, selbst wenn ihn seine Form eines
Das doppelte Paradox kann man sogar logisch Tages nicht mehr zum Mitspielen bei Pro-
entfalten. Ein Leben verkörperter Vollkommen- fi-Turnieren qualifizierte. Möglicherweise
heit wird erstens zu einem Leben ohne Profil könnte dies seine singuläre, weil unwahr-
(über das zu schreiben übrigens auch sehr schwer scheinlichste Leistung werden.
fällt): Da Roger Federer so ziemlich alle Rekorde Unruhe im Publikum: Tennisstar Federer, 38. Und die Fans? Eines – fernen oder nahen –
der Tennisgeschichte eingestellt oder gebrochen Tages werden ihnen Matches mit Roger Fede-
hat, bleibt unklar, auf welchen Aspekt man sich ­ urray. Aus ihren Matches stieg das «goldene
M rer fehlen, so wie die Schweiz ihre nicht nur
konzentrieren soll, um ihn zu loben: die Zahl der Zeitalter des Männertennis» auf, wo vor lauter sportlich zentrale Emblem- und Identifikati-
Grand-Slam-Siege, der Grand-Slam-Finals oder Qualität und Spannung am Ende unwichtig onsfigur vermissen wird. Ein Jesse Owens, e­ in
der Monate auf der ersten Stelle der Weltrang­ wird, wer siegt – wie zum Beispiel beim viel- Muhammad Ali oder ein Roger Federer lassen
liste. Und warum muss das Leben zweitens ein leicht besten Tennismatch aller Zeiten, näm- sich nicht von den ehrgeizigsten nationalen
solches Glückskind selbst ausserhalb des Sports lich Nadals Sieg gegen Roger in Wimbledon Talentförderungsprogrammen oder gar auf
­favorisieren? Vier Kinder, zwei eineiige Zwillin- 2008, oder beim längsten Wimbledon-Finale ­Ab­ruf produzieren. Federers Spiel wird in
ge, zwei Mädchen und zwei Jungen. Von den der Geschichte, seiner Niederlage gegen ­lebenden Bilddokumenten und im Medium
Einkünften als Werbeträger gar nicht zu reden der E-Games für eine lange Weile nachhallen,
– dank eines Gesichts, das offenbar zu jedem Warum muss das Leben ein solches ohne dort freilich Ereignis zu bleiben. So
­Luxusprodukt passt. Trotzdem ist Federer zum ­sollten wir beginnen, uns vorwegnehmend an
positiven Emblem der modernen Schweiz wie
Glückskind selbst ausserhalb des eine nostalgische Dankbarkeit zu gewöhnen,
zum Helden der Stadien weltweit (und auch der Sports ­favorisieren? an die Dankbarkeit für das Glück nämlich, den
Einschaltquoten) geworden. Tennissport während der goldenen Federer-­
Zum «grössten Tennisspieler aller Zeiten» ­ jokovic vom vergangenen Sommer. Dabei
D Zeit verfolgt zu haben. Vor allem, weil für die
haben ihn nicht wenige Spezialisten gekürt – weiss er sichtbar um seinen alle überragenden meisten von uns die Chancen ja eher gering
und zum herausragenden Sportler unserer Ge- Status und wirkt dennoch bescheiden. Noch sind, Roger Federer selbst je dankbar die Hand
genwart. Dabei fällt es schwer, zu sagen (schon ein Federer-Paradox. zu drücken.
wieder das Paradox!), ob Roger Federer seinen Am Ende des letzten Jahres aber, das – bei al-
Sport entscheidend verändert oder sogar ver- len für einen Athleten im 39. Lebensjahr kaum
Hans Ulrich Gumbrecht ist emeritierter
bessert hat, wie John McEnroe zum Beispiel, glaublichen Erfolgen – Schatten des Karri- ­Albert-Guérard-Professor für Literatur
mit dem das Tennis athletisch wurde. Roger ereendes vorauswarf und endlich die Stärken an der Stanford University, USA.

12 Weltwoche Nr. 01/02.20


Bild: Gustavo Garello (Jam Media, Getty Images)
Porträt der Woche

Ausland
Im Rahmen des pfälzischen Knutfestes beginnt
in Deutschland die seit 2007 jährlich stattfin-
dende Weltmeisterschaft im Weihnachts­
baumwerfen. In Australien ist derweil kein
­Ende der Wald- und Buschbrände in Sicht. Zer-
stört wurde ein Gebiet etwa von der Grösse Bel-
giens. Das australische Militär hat begonnen,
vor den Flammen Fliehende von See aus von
den Stränden zu evakuieren.

Am Obersten Gerichtshof in New York be-


ginnt die Gerichtsverhandlung gegen den
ehema­ligen Filmmogul Harvey Weinstein,
dessen sexuelles Fehlverhalten 2017 die
hMeToo-­ Bewegung auslöste, die grösste
­feministische Bewegung seit den Befreiungs-
kämpfen der sechziger Jahre. Auf Netflix
läuft die Serie «Dracula» an. Der berühmtes-
te aller Vampire wird von den Machern der
­Serie «Sherlock» neu erfunden: Er ist gewitzt,
charmant und weltgewandt.

Norwegens staatlicher Erdölfonds hat im ver-


gangenen Jahr einen rekordhohen Anlage­
erfolg erzielt: mit umgerechnet 200 Milliarden wurde, soll hier ihre grösste schauspielerische schaftsforum teilnehmen. Ob Donald Trump
Franken Gewinn. Die teuersten 2019 an Aukti- Leistung vollbracht haben. Wer bei der Verlei- ebenfalls nach Davos kommt, ist noch offen.
onen verkauften Kunstwerke waren Robert hung auf Kaviar und andere Köstlichkeiten
Rauschenbergs «Buffalo ll» (78 Millionen Dol- hoffte, sah sich enttäuscht: Den Gästen der Rücktritt per Zielfernrohr: Der Waadtländer
lar), «Rabbit» von Jeff Koons (80 Millionen Dol- Golden Globes wurde ein veganes Menü ser- Grüne Daniel Brélaz, 70, will den Nationalrat
lar) und das Bild «Meules» des Impressionisten viert, darunter eine kalte Randensuppe. auf «Ende der ersten Frühlingssessionswoche
Claude Monet (97 Millionen Dollar). 2022» verlassen. BDP-Präsident Martin Lan­
Hollywoodreif: Der wegen Betrugs angeklag- dolt verschiebt seinen auf dieses Frühjahr an-
Finnlands neue Regierungschefin Sanna Marin te und unter Hausarrest stehende Ex-Nissan- gekündigten Rücktritt auf «Sommer, Herbst
plädiert für eine Viertagewoche mit sechs Chef Carlos Ghosn ist wahrscheinlich in oder Ende des Jahres».
Stunden Arbeitszeit pro Tag. ­einem grossen Instrumentenkoffer aus sei-
nem rund um die Uhr bewachten Haus in Eine Mehrheit des Zürcher Kantonsrates will,
In einer Militäraktion töten US-amerikani- ­Japan geflohen. dass Gemeinden die Möglichkeit erhalten, ein
sche Elite-Einheiten Qasem Soleimani, den kommunales Stimm- und Wahlrecht für Aus­
Oberbefehlshaber der iranischen Armee im Inland länder einzuführen, die seit mindestens zwei
Irak und Unterstützer weltweiter Terrorakti- Jahren in der Gemeinde wohnen.
onen. Im Iran trauern Hunderttausende um Die CVP strebt eine Namensänderung an und
den General, die Regierung droht mit Vergel- möchte das C für «christlich» loswerden. Die Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wird
tungsschlägen. Trump warnt per Twitter, die Partei will zudem ihre aktuelle Initiative zur ­eine Schweizerin ausgebürgert: Die Mutter
Vereinigten Staaten hätten gerade zwei Billi- Beseitigung der Heiratsstrafe zurückziehen zweier Töchter schloss sich 2016 dem Islami-
onen Dollar für die Rüstung ausgegeben. und ein neues Volksbegehren ohne Ehedefini- schen Staat an und befindet sich heute in
Wenn der Iran eine amerikanische Basis oder tion starten, womit auch homosexuelle Paare ­einem Lager in Syrien. Die Bundesanwalt-
irgendeinen amerikanischen Bürger angrei- steuerlich profitieren würden. schaft eröffnet zudem ein Verfahren gegen
fe, «werden wir einige von diesen brand­ drei Schweizer IS-Verdächtige, die von der
neuen, wunderschönen Geräten auf den Am Samstagmorgen wurde in Därstetten (BE) Türkei ausgeliefert wurden.
Weg schicken . . .». ein unterkühltes Baby in einer Kartonschach-
tel bei einer Entsorgungswerkstatt entdeckt. Beim traditionellen Berchtold-Schwinget siegt
In Los Angeles werden die Golden Globes Die Mutter ist inzwischen ausfindig gemacht der Thurgauer Samuel Giger mit sechs gewon-
­verliehen. Unter den Gewinnern sind Quentin worden: Die arbeitslose Deutsche und Hunde- nenen Gängen. Die Schweizer Börse verzeich-
Tarantinos «Once upon a time in Hollywood» besitzerin lebt wenige Kilometer vom Fundort net für letztes Jahr ein Plus des SMI von 26 Pro-
und Renée Zellweger für «Judy», die Verfil- entfernt. zent. Mattea Meyer, Zürcher Nationalrätin und
mung des Lebens der Zauberer-von-Oz-Dar- Kandidatin für das Präsidium der SP, fordert
stellerin Judy Garland, die mit Mitte vierzig Neben dem iranischen Aussenminister Dscha- ­eine Reichensteuer und rechnet mit rund zehn
an einer Überdosis Schlafmittel starb. Zellwe- wad Sarif wird auch der irakische Staatspräsi- Milliarden Franken Zusatzeinnahmen, die sie
ger, die mit «Bridget Jones’s Diary» bekannt dent Barham Salih am diesjährigen Weltwirt­ für den Klimaschutz einsetzen will.

Weltwoche Nr. 01/02.20 13


Illustration: Tomicek für die Weltwoche
Personenkontrolle
Keller-Sutter, Levrat, Pfister,
Sollberger, Brunner, Friedli,
Merlin, Ackermann, Erlich,
Frei, Blättler, ­Thormann,
Brunner, Gurtner
Karin Keller-Sutter, Bundesrätin im Kam­
pagnenfieber, sorgt für Erstaunen. An der Teilt aus: SP-Präsident Levrat. Maskottchen: SVP-Nationalrätin Sollberger.
­Medienkonferenz zur Ausweitung der Anti­
rassismus-Strafnorm meinte die freisinnige
Justizministerin auf die Frage eines Journalis­
ten, ob ein Hotelier einem homosexuellen
Paar künftig die Übernachtung verweigern
dürfe: «Man kann nicht einfach grundsätzlich
eine Leistung verweigern, nur weil einem das
­Gegenüber nicht passt. Ich kann auch nicht sa­
gen, Sie bekommen eine Leistung nicht, weil Sie
ein Mann sind, beispielsweise. Sie kriegen kein
Zimmer im Hotel, weil Sie ein Mann sind.»
­Diese Antwort lässt zwei Schlüsse zu: Entweder
sind all die vielen Frauenhotels, Frauen- Schwarzweiss: Grünen-Politikerin Ackermann.
Fitness­klubs, Frauensaunas oder Frauen-Cafés,
die es heute in der Schweiz gibt, rechtswidrig
und müssen künftig auch für Männer ihre
­Türen öffnen. Oder die Justizministerin ope­
riert mit Fake News. (fon)

Christian Levrat, Gipfelstürmer, teilt auch im


neuen Jahr kräftig aus. Beim traditionellen
Dreikönigsapéro der SP im Berner Parteisekre­
tariat warf der abtretende SP-Chef einen Blick
zurück und einen nach vorne. Dabei mokierte
sich Levrat über die vielen Gipfeltreffen-Ideen
anderer Parteien. So fordert die CVP einen Sorge um Attraktivität: CVP-Präsident Pfister. «Sehr zuversichtlich»: SVP-Politikerin Brunner.
«Konkordanzgipfel», und die Grünen wollen
einen «Klimagipfel». Die Inszenierung von passen, dass seine christlichdemokratische grüne Basler Regierungspräsidentin die Art
Gipfeln sei halt derzeit stark in Mode, spöttelte Wählerbasis keinen Ausverkauf der Werte Basel sowie den Bürgermeister und nahm
Levrat nun. Dabei brächten diese nicht viel – ­wittert. (fsc) gleichzeitig schon Abschied, weil es wohl ihre
was er in den letzten zwölf Jahren an den letzte Dienstreise dorthin gewesen sein dürf­
Von-Wattenwyl-Gesprächen habe feststellen Sandra Sollberger, Geheimwaffe, hat über die te. Ackermann wurde umhüllt von einem
können,­­also bei den viermal pro Jahr stattfin­ Feiertage Nachwuchs erhalten. Die Baselbiete­ in den Basler Farben gehaltenen und schwarz-
denden Gipfeltreffen der Bundesratsparteien. rin gehört nämlich zum erlauchten Klub jener weiss gestreiften Blazer, der natürlich eine
Wir finden: Das ist ja der Gipfel! (hmo) SVP-Politikerinnen und -Politiker, die sich eine ­ästhetische und etwas peinliche Provinzialität
Kampfkuh der Walliser Eringerrasse leisten. blosslegte, weil so was nur Sportfans tun.
Gerhard Pfister, salesman, macht mit einer Die Tiere werden vom früheren SVP-Präsiden­ Dennoch hatte der Blazer auch etwas Grossar­
überraschenden Kehrtwende auf sich auf­ ten Toni Brunner und seiner Partnerin sowie tiges, symbolisiert er doch universell, dass
merksam. Hatte er noch im letzten Frühjahr neuen SVP-Nationalrätin Esther Friedli pro­ Grün das neue Schwarzweiss ist. Auf ihrem
die Umbenennung seiner Partei kategorisch fessionell gepflegt und gehegt. So auch Sollber­ Facebook-­Konto postete sie ein Bild des Kunst­
ausgeschlossen, liebäugelt er nun mit dem gers Kuh in Brunners Stall, die auf den Namen werks «­Order of Importance» des Konzept­
Gedanken, die Christlichdemokratische
­ Mistral hört. Mistral hat nun über die Weih­ künstlers Leandro Erlich, der als Statement
Volkspartei beispielsweise in «CVP – Die Mit­ nachtsferien ein Stierkalb geboren, dem die zum Klimawandel und zur Freude aller grü­
te» umzutaufen. Zur Begründung führte Pfis­ ­Baselbieter Politikerin den Namen Merlin gab. nen Klima­ betroffenen 66 Autos mit Sand
ter an, es gebe Leute, «die unsere konsens- und So heisst der Zauberer und Ratgeber des briti­ überschüttet hatte. Woran man sieht, auf
lösungsorientierte Politik zwar unterstützen, schen Sagenkönigs Artus. Vielleicht zaubert welch zwielichtiger Fahrt Ackermann und die
die aber auch sagen, sie könnten keine katho­ Merlin als Maskottchen die SVP ja wieder zu­ Grünen sich so ­befinden: Das Auto mit allen
lische Partei wählen». Die Attraktivität ver­ rück auf die Siegerstrasse. (hmo) Mitteln in den Sand setzen wollen, damit die
schiedener Marken will der CVP-Chef jetzt Erde blüht, aber selber schnell mit dem Flug­
­extern überprüfen lassen. Dafür «sind wir mit Elisabeth Ackermann, Kummertante, war zeug nach Miami fliegen. Das ist das ganze
verschiedenen Stakeholdern im Gespräch». vor einem Monat wie immer unbemerkt auf Kontrastprogramm der Grünen von Schwarz
Bei so viel Business-Jargon muss Pfister auf­ Dienstreise. In Miami, Florida, besuchte die bis Weiss. (mib)

14 Weltwoche Nr. 01/02.20


Bilder: Anthony Anex, Georgios Kefalas, Peter Schneider, Gian Ehrenzeller, Melanie Duchene (alle Keystone)
Sylvia Frei und Stephan Blättler, Sesshafte,
stehen auch die nächsten zwei Jahre an der Spit­ Nachruf
ze des Bundesstrafgerichts in Bellinzona. Frei
war vorher Vizepräsidentin und amtiert nun als Gastwirtesohn aus Ennetbühls hatten sich
Präsidentin, bei Blätter ist es umgekehrt. Dieser zunächst die Grasshoppers interessiert.
Rollentausch sorgte in der Bundesversamm­ Deren Abgesandter vereinbarte mit Vater
lung am Wahltag für einige Kritik, da Frei wie Künzli einen Termin, wartete jedoch mit
Blättler SVP-Richter aus der Deutschschweiz dem unterschriftsbereiten Check im fal­
sind und das einseitig zusammengesetzte Prä­ schen Restaurant – ausgerechnet bei der
sidialduo ursprünglich nur als Übergangslö­ Konkurrenz. Edi Nägeli, während eines
sung vorgesehen war. Auch die steile Karriere Drittels seines Lebens FCZ-Präsident,
von Olivier Thormann gibt am Gericht zu re­ kehrte im richtigen Wirtshaus ein, legte
den. Der Freisinnige, der als Fifa-Ermittler En­ ­einige Tausender bar auf den Tisch. Es soll­
de 2018 bei der Bundesanwaltschaft den Hut te ein wegweisender Vertragsabschluss
nehmen musste, weil er einem Verfahrensbetei­ sein. Mit dem FCZ gewann Künzli zweimal
ligten privat zu nahe getreten war, wurde im die Meisterschaft und viermal den Cup.
letzten Frühling als Richter nach Bellinzona Später wechselte er zu Winterthur und
­gewählt. Jetzt ist der Neuling bereits zum Prä­ nach Lausanne. Im Herbst seiner Karriere
sidenten der Berufungskammer des Bundes­ folgte er dem Ruf des aufstrebenden US-­
strafgerichts aufgestiegen und sitzt neben Frei Spektakel: Fussballer Künzli. Soccers nach San Diego und Houston. Als
und Blättler neu auch in der dreiköpfigen Ver­ einziger Spieler wurde Künzli in der
waltungskommission. (fon) Fritz Künzli (1946–2019) _ Er schoss in 313 Schweiz viermal Torschützenkönig.
Nationalliga-A-Spielen sagenhafte 201 Tore. Auch gesellschaftlich traf er den Nerv der
Susanne Brunner, Sportsfrau, kämpft nicht Der Glarner Fritz Künzli war ein Muster an Zeit. Nach den Spielen frequentierte der
nur gegen die Papizeit, sondern auch gegen die Eleganz und Torgefahr – kultivierte quasi passionierte Jasser gerne das Zürcher
Uhr. Am 23. Januar läuft die Frist für das Refe­ das Spektakel. Seine grosse Popularität ver­ Nachtleben – am liebsten im «Mascotte»
rendum gegen den Vaterschaftsurlaub ab, das dankte er aber auch seinem blendenden am Bellevue: «Eine grosse Auswahl gab es
Brunner federführend betreut. «Wir sind noch Aussehen. Selber sagte er später dazu: «Es damals ja nicht», sagte er dazu – und schuf
nicht dort, wo wir sein sollten», sagt die SVP-­ war einfach so, dass alle zu mir rannten und selber eine Alternative. Zusammen mit
Politikerin auf Anfrage. Der späte Start des ein Autogramm wollten. Nach Auswärts­ ­seiner Langzeitpartnerin Monika Kaelin
­Referendums und die Feiertage hätten sich spielen mussten die Kollegen im Mann­ eröffnete er 1981 im Langstrassenquartier
­ungünstig ausgewirkt. Sie sei aber «sehr zuver­ schaftsbus halt ein wenig warten.» die Ochsen-Bar. Künzli und Kaelin waren
sichtlich», dass es am Schluss über die Ziellinie 1968 gab er seinen Job als Buchhalter bei das erste Glamourpaar des Schweizer
reiche. «Bei dieser milliardenteuren neuen der Kreditanstalt auf. Er war einer der ers­ Sports – und sie hielten zusammen wie
­Abgabe muss der Stimmbürger das letzte Wort ten Schweizer, die vom Fussball leben Pech und Schwefel. Als Künzli von seiner
haben», so Brunner. (fsc) konnten – unter anderem dank einem Ver­ Alzheimerkrankheit schon schwer ge­
trag als Werbebotschafter für Künzli-Schu­ zeichnet war, liess sich Kaelin zur Pflege­
Reto Gurtner, Versöhnungskünstler, rutschte he. Dass er als Achtzehnjähriger beim FC fachfrau ausbilden. Im Hirslanden-Spital
suboptimal ins neue Jahr: Beim Skigebiets-­ Zürich landete, war alles andere als selbst­ wachte sie bis zuletzt 24 Stunden an ­seinem
Chef von Flims-Laax-Falera streikte nämlich verständlich. Für den hochtalentierten Krankenbett. Thomas Renggli
der Onlineverkauf für Skibillette gleich wie
die Drehkreuze beim Ticket-Scan. Gäste, die
an die Talstationskassen ausweichen mussten,
warteten lange und bezahlten viel (89 Fran­
ken), um in den Warteschlangen für Gondel
und Sessellifte erneut auszuharren – teilweise
stundenlang. «Shit happens, let’s drink to
that!», dachte sich Gurnter, der mit ebendie­
sen Worten zum öffentlichen Silvester­
umtrunk lud, zum Zeichen der Versöhnung. Die Weltwoche im
Betroffene würden zudem direkt kontaktiert,
versicherte die Medienstelle Flims-Laax-­
Falera. «Für die Wiedergutmachung.» Und so
Taschenformat.
flimmerte Tage später ein «Blueline-Token» Sie brauchen auch unterwegs nicht auf die Weltwoche
auf den Handy-Bildschirmen. Wert: «CHF 10», zu verzichten. Mit dem schnellen Download haben
als Anzahlung für die Luxuslinie, die 25 Fran­ Sie jede Ausgabe im Nu zur Verfügung. Ideal als
ken kostet und mit der die Schneesportler an Ergänzung zur gedruckten Ausgabe. n
den Menschentrauben vorbeischlüpfen kön­ Mit Bilder
und
nen. Immerhin: Die «Blueline» werde gemäss nen
Illustratio
der Medienstelle genutzt, «vor allem während
den Festtagen, wenn der Andrang besonders
gross ist». Nur waren diese leider mittlerweile
schon passé. Bei leeren Skipisten braucht nie­
mand die blaue Überholspur. (zr)
19_07_Taschenformat_137x90.indd 1 14.11.19 17:44
Weltwoche Nr. 01/02.20 15
Bild: STR (Photopress-Archiv, Keystone)
Parlament

Wir verbessern die Schweiz


Neues Jahr, neue Themen – oder etwa nicht? Was folgt auf das Klimajahr?
National- und Ständeräte sagen, wie sie unser Land 2020 besser machen wollen.

Heiratsstrafe abschaffen ligkeit und das spielerische Element bestehen


Marianne Binder-Keller, bleiben. Die entsprechenden Fachkräfte sollten
Nationalrätin CVP, AG so gut ausgebildet werden wie Lehrkräfte.
Das Bundesgericht hat 1984 fest-
gehalten, dass die finanzielle Selbstbewusst verhandeln
Diskriminierung verheirateter Magdalena Martullo-Blocher,
und somit auch eingetragener Nationalrätin SVP, GR
Paare gegenüber Konkubinatspaaren verfas- Ich setze mich für gute Handels-
sungswidrig ist. Bis jetzt hat das Parlament aber beziehungen mit anderen Staa-
jede Lösung abgeschmettert. Nach der äusserst ten ein, während die Schweiz
knapp verlorenen Initiative zur Abschaffung ­eigenständig und unabhängig
der Heiratsstrafe hat die CVP Aargau eine Stan- bleibt. Unser Land soll weiterhin ein attraktiver
desinitiative eingereicht mit identischem Text, und innovativer Handelspartner sein. Über un-
jedoch ohne Umschreibung der Ehe. Der Nati- sere Verfassung und unsere Gesetze wollen wir
onalrat hat ihr bereits zugestimmt. Jetzt liegt es demokratisch selber bestimmen. Konkret ar-
nur noch am Ständerat – und etwa 1,4 Millionen beite ich mit, indem ich die Anliegen der Wirt-
Personen kämen endlich zu ihrem verfassungs- schaft, der Landwirtschaft und die Eigenstän- «Es geht um unseren wichtigsten Rohstoff.»
mässigen Recht. Und wenn der Ständerat wie- digkeit zusammenbringe, die Verwaltung unter-
der versagt, dann werde ich mit aller Kraft stütze und zwischen den Ländern, Verbänden die dies wollen, mehr arbeiten können. Die In-
weiterkämpfen. Bis das Ziel erreicht ist. und Parteien vermittle. Mit Unternehmen in dividualbesteuerung ermutigt beide Ehepart-
sechzehn Ländern kann ich eigene Erfahrun- ner, finanziell unabhängig zu sein. So werden
Social-Media-Auswüchse eindämmen gen einbringen und die Anliegen von Schwei- finanzielle Probleme im Zusammenhang mit ei-
Roland Rino Büchel, zer Firmen praxisnah vertreten. Auf Diskrimi- ner allfälligen Ehescheidung indirekt reduziert.
Nationalrat SVP, SG nierungen, wie diejenigen aus der EU, müssen
Parlamentarier profilieren sich wir uns vorbereiten und uns dagegen wehren. Flugticketabgaben einführen
gerne mit Ideen, die vor allem ei- Martin Bäumle,
nes sind: teuer für die Steuerzah- Individualbesteuerung anschieben Nationalrat GLP, ZH
ler. Besonders gerne lancieren sie Johanna Gapany, Das Jahr könnte zum Schlüssel-
ihre Vorschläge über die sozialen Medien. Ich Ständerätin FDP, FR jahr für den Flugverkehr wer-
bin gegen dieses digitale «Kindergartenzüügs». Ich verlange die Einführung der den, den wir ab 2020 schrittweise
Auch 2020 werde ich mich nach Möglichkeit In- Individualbesteuerung. Alle CO2-frei machen müssen. Alle –
stagram, Facebook, Twitter und all den anderen ­Familien (Verheiratete, Alleiner- Wissenschaft, Politik und Gesellschaft – reden
Kanälen sowie der ganzen Hysterie dort entzie- ziehende etc.) müssen unabhän- vom immensen, umweltbelastenden CO2-Aus-
hen. Weniger ist mehr, vor allem in der Politik: gig von ihrem Ehegüterstand auf der gleichen stoss von Flugzeugen. Aufs Fliegen verzichten
Es darf nicht noch mehr Auflagen, Einschrän- Grundlage besteuert werden. Dieses System er- will aber kaum jemand, und eine reine Len-
kungen, finanzielle Belastungen und Verbote möglicht es, die Steuerlast für Erwerbstätige zu kungsabgabe, damit weniger geflogen wird,
für Bürger und Unternehmen geben. senken, und erlaubt gleichzeitig, dass Personen, müsste so hoch sein, dass sie politisch nicht um-
setzbar wäre. Ich will daher, dass eine Flugticket­
Kleinkinder fördern abgabe im CO2-Gesetz verankert wird, mit der
Mustafa Atici, synthetisches Kerosin gefördert wird, das CO2-­
Nationalrat SP, BS neutral ist. Mit einem Teil der Abgabe, der für
Wir brauchen eine nationale Bil- die Flugbranche frei verfügbar ist, sollen die Ge-
dungsstrategie, vom ersten bis sellschaften schrittweise erneuerbares Kerosin
zum achtzehnten Altersjahr. Ich beimischen und damit selber Umweltmassnah-
werde nicht lockerlassen, mich men ergreifen können. Die Swiss könnte als Pi-
weiter dafür zu engagieren – es geht um unse- onierin agieren und zusammen mit der Luft-
ren wichtigsten Rohstoff. Unser Bildungsver- hansa das Problem global angehen.
ständnis muss sich erweitern: Wir brauchen
Kreativität statt Auswendiglernen, forschendes Armut bekämpfen
Lernen und Erfahrungslernen, Gleichberech­ Yvonne Feri,
tigung der kreativen Fächer und keine Vorselek- Nationalrätin SP, AG
tion vor neun absolvierten Schuljahren. Der Schon in Vergangenheit habe ich
Frühbereich, von null bis vier Jahren, sollte als versucht, den Bund bei der Ar-
eigene Bildungsphase anerkannt und alimen- mutsbekämpfung stärker in die
tiert werden, während das Prinzip der Freiwil- «Alle F
­ amilien müssen gleich besteuert werden.» Pflicht zu nehmen. Beispielswei-

16 Weltwoche Nr. 01/02.20


Illustrationen: Doriano Strologo für die Weltwoche; Bilder: Parlamentsdienste 3003 Bern
se forderte ich die Einführung von Familien-­ bedeutet, dass wir unser Ausbildungssystem
Ergänzungsleistungen, bedarfsabhängige Kin- auf allen Ebenen aktualisieren, die Dienstleis-
derzulagen, ein Rahmengesetz für Sozialhilfe tungen der Behörden digitalisieren und Gesetze
und mehr Massnahmen im Bereich Bildung zum Schutz vor Missbrauch einführen müssen.
und Weiterbildung für wirtschaftlich schwache Das Parlament muss dieses Thema genau verfol-
Personen. Das Projekt Gegenarmut.ch braucht gen und die Regierung und die Verwaltung da-
neue Akzente und sollte die Kinder in den Fokus zu ermutigen, es zu einer echten strategischen
nehmen, damit sie aus der Armutsspirale her- Querschnittspriorität zu machen.
ausfinden. Eine weitere stark von Armut betrof-
fene Gruppe sind Alleinerziehende. Für diese Vorsorge sichern
braucht es (weiterhin und ausgebaut) spezi­ Peter Hegglin,
fische Beratungen und Entlastungen. Ständerat CVP, ZG
Eine baldige Sanierung der So­
Pflichtpfand auf Flaschen einführen zialversicherungen ist mir wich-
Alois Gmür, tig. Die Rahmenbedingungen
Nationalrat CVP, SZ sollten möglichst bald der demo-
Ich verlange, dass ein Pflicht- grafischen Entwicklung angepasst werden. Es «Wir können gar nicht alle bis 65 beschäftigen.»
pfand auf PET-Flaschen, Alu­ braucht Anpassungen beim Rentenalter, bei den
dosen und Einwegflaschen ein- Beiträgen und Leistungen. Je länger mit den Zudem binden wir damit CO2. Als Energieträ-
geführt wird. Abfall wird da- ­Anpassungen zugewartet wird, umso tiefgrei- ger ist Holz CO2-neutral, kein Abfallprodukt
durch ein Wert gegeben. Solche Behältnisse, fender werden die Massnahmen sein müssen. und eignet sich für die Wärmeproduktion.
die trotz Pfand weggeworfen werden, würden Als Mitglied der ständerätlichen Kommission Heizöl brauchen wir ebenso keines mehr. Da-
mit Sicherheit eingesammelt und an die Ver- werde ich mich entsprechend einbringen. mit wir diese Wertschöpfung erhöhen kön-
kaufsorte zurückgebracht. Das Pfand belohnte nen, habe ich Vorstösse eingereicht, die in bei-
diesen Aufwand, das Littering würde ver­ Generationenvertrag neu aushandeln den Räten Mehrheiten fanden. Strategische
ringert, und das Mehrweggebinde bekäme Corina Gredig, Gespräche werde ich auf allen Ebenen voran-
­eine Chance, im Detailhandel wieder ange­ Nationalrätin GLP, ZH treiben – Holz ist unser Rohstoff.
boten zu werden. Wir als Gesellschaft hätten Für mich als junge Parlamenta-
dadurch deutlich weniger Abfall. rierin steht ein besserer Genera- Kreislaufwirtschaft fördern
tionenvertrag an erster Stelle. Jacqueline de Quattro,
Macht der Kesb beschränken Es kann nicht sein, dass wir in Nationalrätin FDP, VD
Barbara Steinemann, der Schweiz auf Kosten der jungen Gene­ration Wir brauchen eine nachhaltigere
Nationalrätin SVP, ZH leben. Genauso wie wir der nächsten Genera­ und umweltfreundlichere Wirt-
Das geltende Recht verleiht den tion keine ökologischen Altlasten hinterlassen schaft. Die Kreislaufwirtschaft
Kindes- und Erwachsenenschutz- dürfen, ist es unfair, ihnen einen Schulden- ist eine glaubwürdige Alterna­
behörden (Kesb) eine fast unbe- berg bei den Sozialwerken zu vererben. Einen tive, die es uns erlaubt, unsere Ressourcen zu
grenzte Machtbefugnis, wie sie solchen fairen Generationen­vertrag werde ich ­respektieren und durch Recycling wiederzu­
keine andere Behörde kennt. Private Beistände in diesem Jahr in Angriff n­ ehmen. gewinnen sowie gleichzeitig die Innovation
sind durch Staatsangestellte vertrieben worden, zu fördern. Das Parlament muss die Rahmen­
die Geld verdienen wollen. Wer überprüft die Schweizer Holz nutzen bedingungen zur Förderung der Kreislaufwirt-
Massnahmen und Anordnungen? Wer kontrol- Erich von Siebenthal, schaft schaffen, indem es beispielsweise über
liert die Wirkung oder das Kosten-Nutzen-Ver- Nationalrat SVP, BE eine stärker anreizorientierte Besteuerung
hältnis? Was einst Teil unseres Milizsystems war, Das Potenzial, das im Schweizer nachdenkt. Warum nicht einen günstigeren
ist heute trockene, veradministrierte Beamten- Wald nachwächst, muss als Bau- Mehrwertsteuersatz für Unternehmen gewäh-
materie. Diese falsche Weichenstellung erfolgte stoff genutzt werden. Im Hoch- ren, die die Kreislaufwirtschaft begünstigen?
auf Bundesebene. Der Bevölkerung und den Par- bau gibt es keine Grenzen mehr.
lamentariern werde ich anhand von Beispielen Rentenalter senken
und eines Vorstosses aufzeigen, dass sich durch Tamara Funiciello,
Aufgabenteilung zwischen Milizbehörden und Nationalrätin SP, BE
Fachpersonal alle Entscheide besser abstützen Ich will Folgendes: Lasst uns
lassen – so, wie es früher war. ­arbeiten, um zu leben, anstatt
­leben, um zu arbeiten. Unsere
Digitalisierung vorantreiben Gesellschaft wird immer pro-
Damien Cottier, duktiver. Wie aber kann es sein, dass wir immer
Nationalrat FDP, NE noch gleich lange arbeiten wie zu Beginn des
Online-Verkauf, Kryptowährun- 20. Jahrhunderts? In einem ersten Schritt müs-
gen, 3-D-Druck – die digitale Re- sen wir aufhören, über eine Erhöhung des Ren-
volution und künstliche Intelli- tenalters zu diskutieren. Wir arbeiten sowieso
genz werden unsere Arbeits- viel zu lange und können gar nicht alle bis 65
plätze in allen Bereichen verändern: vom Han- beschäftigen. Es gib so viele über Fünfzigjähri-
del bis zur Landwirtschaft, von der Industrie bis ge, die arbeitslos sind, weil sie ihren Job verlo-
zu den Dienstleistungen. Die Schweiz muss ren haben und keinen mehr finden; gleichzeitig
weltweit die besten Voraussetzungen bieten, werden die Reichen immer reicher. Da stimmt
um den digitalen Wandel voranzutreiben. Das «Wir brauchen eine nachhaltigere Wirtschaft.» doch etwas nicht. Die AHV-Revision gilt es da-

Weltwoche Nr. 01/02.20 17


Das 21. Jahrhundert wird zum asiatischen Jahr- schaftsordnung richten. Dafür engagiere ich
hundert, dessen bin ich mir sicher. Die Schweiz mich als Politiker auf allen Ebenen und setze
täte gut daran, sich dafür zu rüsten. Ich meine, als Unternehmer nachhaltige Lösungen tag-
in der gesamten Bundesverwaltung spricht täglich konkret um. Ohne funktionierenden
praktisch niemand Chinesisch. Die Debatte Umwelt- und Klimaschutz hat die Wirtschaft
über Asien soll nicht mehr kurzfristig, sondern langfristig keine Ertragsgrundlage; die Wirt-
langfristig geführt werden. Menschenrechts- schaft muss aktiv mitmachen, ansonsten kann
widrige Inhaftierungen chinesischer Minder- kein wirksamer Umwelt- und Klimaschutz
heiten oder ausländische Firmenübernahmen ­realisiert werden. Die grünliberale Grund­
hierzulande dürfen zwar nicht aussen vor gelas- regel, die «Enkeltauglichkeit», werde ich ne-
sen werden, sollen unsere Gesamtstrategie je- ben der Umwelt- auch in der Wirtschafts-,
doch nicht dominieren. Ich fordere daher mehr Renten- und Steuerpolitik einfordern.
Wissen und Dialog für eine Stärkung unserer
Asien-Kompetenz. Die Chancen müssen gleicher- Zweiklassenmedizin verhindern
massen berücksichtigt werden wie die Risiken. Baptiste Hurni,
Nationalrat SP, NE
«Ich will keine 10-Millionen-Schweiz.» Klimaneutral werden Es ist wichtig, dass die Kranken-
Gabriela Suter, versicherungsprämien gesenkt
her abzuschmettern. Danach können wir im Nationalrätin SP, AG werden. Das Prämienniveau
Parlament und auf der Strasse in die Offensive Die reiche Schweiz muss ihren steigt deutlich schneller als die
gehen – wobei ich mich lieber auf den Druck der Beitrag zur Lösung der Klima­ Löhne, die gesamte Schweizer Mittelschicht
Strasse verlasse. krise leisten. Dazu müssen wir wird dadurch ärmer. Ich will mithelfen, dieses
unsere CO2-Emissionen mög- System zu überarbeiten. Es muss transparenter
Zuwanderung drosseln lichst schnell auf netto null bringen und gleich- und weniger kostspielig werden. Eine Zweiklas-
Thomas Matter, zeitig massiv in erneuerbare Energien investie- senmedizin muss unbedingt vermieden wer-
Nationalrat SVP, ZH ren. Ich werde mich für ein wirksames den. Die Schweiz kann und muss Haushalte bei
Die Zuwanderung ist ausser CO2-Gesetz starkmachen. Durch den Schweizer der Prämienzahlung stärker unterstützen.
Kontrolle. Mit Annahme der Be- Finanzsektor werden rund zwanzigmal mehr
grenzungsinitiative könnte die CO2-Emissionen verursacht als sonst im Inland. Kinderarmut reduzieren
Schweiz diese wieder eigenstän- Dieser muss ebenfalls in die Pflicht genommen Flavia Wasserfallen,
dig regeln. Unser Land hat mittlerweile gleich werden. Das grösste Potenzial bei den erneuer- Nationalrätin SP, BE
viel Einwohner wie Österreich, ist aber flä- baren Energien liegt in der Fotovoltaik. Die In unserer reichen Schweiz leben
chenmässig nur halb so gross. Dass wir an Schweiz braucht eine Solaroffensive, damit die über 100 000 Kinder in Armut.
Überbevölkerung leiden, zeigt sich zum Bei- Stromproduktion durch Fotovoltaik von heute Tolerierbar wären null. Ich will,
spiel bei den Sozialwerken, der Jobsicherheit, 2 auf 50 TWh/Jahr steigt. Dazu muss der Bund dass kein Kind auf gesundes Es-
der Infrastruktur und der Umwelt. Ich will die nötigen Fördermittel sprechen. sen, ein Skilager, Hobbys oder auch mal einen
keine 10-Millionen-Schweiz, deshalb setze ich Kinobesuch verzichten muss. Das heisst, es
mich für die Initiative ein. Progressivere Steuern unterbinden braucht eine Politik für unsere Kinder, für die
Beat Walti, Zukunft. Denn Armut ist vererbbar, und Armut
Mit Gleichgesinnten verbünden Nationalrat FDP, ZH belastet – nicht nur das Kind, sondern die ganze
Felix Wettstein, Wir müssen wieder Perspektiven Gesellschaft. Schweizweit fordere ich Ergän-
Nationalrat Grüne, SO für Menschen schaffen, die ihr zungsleistungen für einkommensschwache Fa-
Wir Schweizer sind nicht besser Leben selber aktiv gestalten und milien, so wie sie bereits in Solothurn, im Tes-
als andere, weshalb wir aufhö- damit einen gesellschaftlichen sin, in der Waadt und in Genf eingeführt sind.
ren sollten, auf andere Natio- Beitrag leisten wollen. Ich kämpfe daher für Es ist erwiesen, dass dies die Kinderarmut redu-
nen herabzuschauen. Ich glau- weitsichtige, langfristig ausgerichtete Rahmen- ziert. Ausserdem muss der Bund Angebote in
be, wir kommen weiter, wenn wir uns mit bedingungen. Sie sollen nicht die Lebensge­
Gleichgesinnten verbünden. Ich werde mit staltung vorschreiben, sondern die bewährten
Menschen Kontakt aufnehmen, die dasselbe Schweizer Grundprinzipien stärken: Eigen-
wollen, damit wir die heutigen weltweiten tumsgarantie, Rechtssicherheit, Chancen­
Herausforderungen zusammen angehen.
­ gerechtigkeit, den verantwortlichen Umgang
Konkret geht es mir um den Stopp des Wachs- mit natürlichen Ressourcen. Zentral dafür ist es,
tumszwangs, die Bewältigung der Klimakrise Leistungsanreize zu erhalten, weshalb ich mich
und den Erhalt der Artenvielfalt. gegen immer progressivere Steuern einsetze.

Asien-Strategie vertiefen Klimaschutz enkeltauglich machen


Elisabeth Schneider-Schneiter, Jürg Grossen,
Nationalrätin CVP, BL Nationalrat GLP, BE
Ich lehne alle Forderungen ab, Für vergangene Taten sollten
welche der Wettbewerbsfähig- wir uns nicht allzu sehr auf die
keit unserer vernetzten Volks- Schultern klopfen und den Fo-
wirtschaft schaden. Handkehr­ kus auf wirksamen, nachhalti-
um verlange ich, dass sich der Bundesrat gen Klimaschutz in einer langfristigen und
Gedanken über seine Asien-Strategie macht. ambitionierten Wirtschafts- und Gesell- «Die Schweiz braucht eine Solaroffensive.»

18 Weltwoche Nr. 01/02.20


Illustrationen: Doriano Strologo für die Weltwoche; Bilder: Parlamentsdienste 3003 Bern
der Frühen Kindheit wie Elternbildung, Müt- orientierte Schonhaltung unser Tun. Die Schu-
ter- und Väterberatung, Hausbesuchsprogram- len müssen die Werte, die uns gross und erfolg-
me, Betreuungsangebote oder Familienzentren reich gemacht haben, wieder vermitteln. Dafür
unterstützen und besser koordinieren. Die Stär- werde ich kämpfen!
kung der frühen Kindheit ist ein Gewinn für
­alle. Der Bund hat hier seinen Teil beizutragen. Selbstbewusster gegenüber der EU auftreten
Marcel Dettling,
Rahmenabkommen verhindern Nationalrat SVP, SZ
Hansjörg Knecht, Der Fall ist klar: Die Schweiz
Ständerat SVP, AG muss wieder selbstbewusster
Ich werde mich im Ständerat für auftreten, vor allem gegenüber
eine unabhängige und neutrale der EU. Und Gelegenheit dazu
Schweiz einsetzen. Es gilt ins­ gibt es. Mit der Begrenzungsinitiative, für die
besondere, das institutionelle ich mich einsetzen werde, und dem Rahmen-
Rahmenabkommen mit der EU zu verhin- abkommen, das die Schweiz negativ prägen
dern, weil wir sonst Teil der EU werden und würde, wenn wir es unterschrieben, stehen
damit unsere Eigenständigkeit und Innova­ «Wir haben ein Problem mit gekaufter Politik.» zwei wichtige Vorlagen auf der Traktandenlis-
tionsfähigkeit verlieren würden. te. Damit gibt es endlich die Möglichkeit, kon-
Geld sie mit ihren Verwaltungsratsmandaten kret Selbstbewusstsein zu demonstrieren und
Ältere Arbeitnehmer schützen verdienen. Wer zum Beispiel für eine Kranken- nicht immer nur den Bückling zu machen. In
Pierre-Yves Maillard, kasse amtet, kassiert Zehntausende von Fran- diesem Jahr geht es um die Zukunft der
Nationalrat SP, VD ken und garantiert dafür, im richtigen Moment Schweiz und unserer Eigenständigkeit.
Die Schweiz wird jedes Mal stär- im Sinne der Unternehmung zu stimmen. Die-
ker, wenn sie prekäre Situatio- se Vermischung von finanziellen und politi- Demokratie digitalisieren
nen löst. Und dieses Jahr gilt es schen Interessen gefährdet die Demokratie und Damian Müller,
jetzt eben, den älteren Arbeit- kann zu korruptem Verhalten führen. Damit Ständerat FDP, LU
nehmenden zu helfen. Deren Weiterbildung dies nicht passiert, braucht es mehr Transpa- Auch wenn die Schweiz bereits
muss besser unterstützt, in Regionale Arbeits- renz und eine Begrenzung der Entschädigung. auf den Innovationsranglisten
vermittlungszentren muss mehr investiert Es ist Zeit für die Transparenzinitiative. Die vorne mitmischt, dürfen wir ja
und die Differenz der BVG-Beiträge zwischen Schweizer Politik darf nicht übers Porte- nicht nachlassen. Und damit
Älteren und Jüngeren muss dringend halbiert monnaie bestimmt werden! die Wirtschaft weiterhin wettbewerbsfähig
werden. Zudem brauchen alle Menschen ab bleibt, müssen Politik und Unternehmen
fünfzig mehr Sicherheit. Wer seinen Job ver- Rahmenabkommen vors Volk bringen noch mehr in die Universitäten und Techni-
liert und keine Anstellung findet, sollte ab Doris Fiala, schen Hochschulen investieren. Aber auch die
sechzig nicht einfach in die Sozialhilfe abge- Nationalrätin FDP, ZH Politik braucht Ideen: Wenn wir es schaffen,
schoben werden, sondern eine faire und spezi- Ich werde weiterhin sachlich und dass sich mit innovativen Instrumenten mög-
fische Überbrückungsleistung bis zur AHV be- nun noch intensiver über Risi- lichst viele Menschen an unserem System be-
kommen. Dafür werde ich mich engagieren; ken und vor allem Chancen der teiligen, bleibt die direkte Demokratie leben-
für die realen Probleme der Menschen. Schweiz mit der EU, dem 500-­ dig. Daher unterstütze ich eine sichere
Millionen-Konsumentenmarkt, aufklären. Es elektronische Stimmabgabe, die digitale
Verkehrsprojekte fördern muss erkannt werden, dass das Positive des in­ Datenverarbeitung im Gesundheitswesen,
­
Philipp Matthias Bregy, stitutionellen Rahmenabkommens überwiegt. E-Government und ein umfassendes Open-­
Nationalrat CVP, VS Dabei will ich noch vermehrt Verbündete für Government-Data-Vorhaben.
Ich will, dass die regelmässigen konstruktive Lösungen suchen. Maximalforde-
Überschüsse der Eidgenossen- rungen bringen leider nichts. Das Ziel muss
schaft gezielt in zukunftsträchti- sein, dass der Bundesrat ein mehrheitsfähiges Umfrage: Roman Zeller
ge Infrastrukturprojekte im Be- Rahmenabkommen paraphiert, damit die Be-
reich Strassen- und Bahnverkehr investiert völkerung über eine Vorlage entscheiden kann.
werden, etwa für den Vollausbau der zweiten
Röhre des Lötschbergtunnels oder für die Um- Schweizer Werte lehren
setzung visionärer Ideen wie der Porta Alpina, Andreas Glarner,
der Grimselbahn oder einer U-Bahn zwischen Nationalrat SVP, AG
den grossen Städten. Auch im Bereich des Stra- Die Schweiz war vor 130 Jahren
ssenverkehrs kann mit Um- oder Unterfahrun- eines der ärmsten Länder in
gen von Städten und deren Agglomeration eine ­Europa. Wir Schweizer haben es
Verbesserung der Mobilität erreicht werden. ohne Bodenschätze und ohne
Meeranstoss, dafür mit grossem Fleiss, mit Be-
Korruption eindämmen harrlichkeit, Erfindergeist, Zuverlässigkeit, Ei-
Mattea Meyer, genverantwortung und Pünktlichkeit zum
Nationalrätin SP, ZH heutigen Wohlstand gebracht. Leider sind wir
Wir haben ein Problem mit ge- im Begriff, dies alles kaputtzumachen. Heute
kaufter Politik. Parlamentarie­ beherrschen die soziale Hängematte, das Mit-
rinnen und Parlamentarier müs- telmass, ein unglaubliches Laisser-faire, eine
sen heute nicht angeben, wie viel grosse Anspruchsmentalität und eine freizeit­ «Eine Verbesserung der Mobilität ist möglich.»

20 Weltwoche Nr. 01/02.20


Illustrationen: Doriano Strologo für die Weltwoche; Bilder: Parlamentsdienste 3003 Bern
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Politik

«Die SP hat die Konkordanz gebrochen»


Von Erik Ebneter _ Alt Bundesrat Christoph Blocher erhofft sich nach dem Linksrutsch
eine engere Zusammenarbeit der bürgerlichen Parteien, um die Sozialwerke zu sanieren.
Seine SVP sieht er in der Pflicht, die Gespräche für eine neue Zauberformel anzustossen.

Herr Blocher, die Weltwoche fragt zum Jah­


resauftakt die Parlamentarier, was die
Schweiz besser machen könne. Wie lautet
Ihre Antwort?
Die Stärken der Schweiz erhalten, die Ge-
fahren erkennen und dafür sorgen, dass
die Politiker keine Dummheiten machen.
Hauptgefahr ist das geplante institutio-
nelle Rahmenabkommen mit der EU.
Das wird kaum dieses Jahr entschieden.
Sind Sie so sicher? Hinter den Kulissen
läuft im Halbdunkeln vieles. Die Gewerk-
schaften werden ihren Widerstand wohl
schon bald aufgeben. Verwaltung und
Bundesrat basteln unterdessen daran, das
Abkommen dem obligatorischen Refe-
rendum zu entziehen, obwohl es die ver-
fassungsmässig garantierte Unabhängig-
keit der Schweiz beseitigen würde. Man
will nicht, dass die Kantone mitbestim-
men, weil man ihr Nein fürchtet.
Wenn das stimmt, hat die SVP vielleicht
einen strategischen Fehler gemacht.
Welchen?
Guy Parmelin hätte das Justizdeparte­
ment übernehmen können, als vor gut
­einem Jahr die Zuständigkeiten im Bun­
desrat neu verteilt wurden. Die Frage, ob
das Rahmenabkommen dem obligato­
rischen Referendum unterliegt, wird
massgeblich im Bundesamt für Justiz
­beurteilt. Ein SVP-Justizminister könnte
darauf Einfluss nehmen.
Am finalen Entscheid würde dies nichts
ändern.
Warum nicht?
Als ich Bundesrat war, stellte mein Justiz-
departement einen fundierten Antrag, das
Schengen/Dublin-Abkommen dem obli-
gatorischen Referendum zu unterstellen.
Der Bundesrat setzte sich kaltschnäuzig
darüber hinweg. Gerade in der Europa­
politik wird die Bundesverfassung leicht-
fertig übergangen.
Das ist ein ziemlich schwer wiegender
Vorwurf.
Wer die Verwaltung nicht beaufsichtigt
und kritisiert, wird deren Untertan. Der
institutionelle Rahmenvertrag ist vor al-
lem das Werk der Beamten. Einer wie Igna-
zio Cassis, der sanften Widerstand gegen
die eigenmächtige Verwaltung leistet,
muss von links sogar mit der Abwahl rech-
nen. Didier Burkhalter frass diesem linken
Knäuel regelrecht aus der Hand. ››› «Der Wille zu Freiheit und Unabhängigkeit hat etwas nachgelassen»: SVP-Doyen Blocher, 79.

Weltwoche Nr. 01/02.20 21


Bild: Nathan Beck für die Weltwoche
Haben Sie dafür ein Beispiel? Grossbritannien gilt, wenn der Brexit Economiesuisse sagt: Zwei Drittel des
Nehmen Sie nur seinen letzten wichtigen kommt. Die Bedeutung der Bilateralen Schweizer Wohlstands werden im und mit
Personalentscheid: Er ernannte mit ­Pas­cale wird masslos übertrieben, zuletzt ja wieder dem Ausland erwirtschaftet.
Baeriswyl eine sehr linke Sozialdemo­ im Tages-Anzeiger. Ja und? Deswegen braucht man doch seine
kratin ohne Rüstzeug zur Staatssekre­ Wann genau meinen Sie? Entscheidungsfähigkeit nicht preiszuge-
tärin. Wie kommt ein Freisinniger dazu? Zum Jahresende schrieb die Chefredak­ ben. Die Schweiz ist erfolgreich, weil sie
Cassis hat dies korrigiert. Das ist eine be- torin in ihrem Leitartikel, die Rezession der Produkte anbietet, die qualitativ so gut
achtliche Leistung. neunziger Jahre sei dank den Bilateralen I sind, dass sie abgekauft werden. Es ist ein-
Gleichzeitig ist zu hören, Cassis sei der überwunden worden. Fake News! Die Neun- facher, solche Produkte in einer freiheitli-
einzige Bundesrat gewesen, der das ziger-­ Rezession war die Folge der wirt- chen Wirtschaftsordnung herzustellen.
Rahmenabkommen ohne Konsultation
­ schaftlichen Überhitzung in den achtziger Wir dürfen uns auf keinen Fall in diese
unterschreiben lassen wollte. Jahren und endete 1997, also deutlich vor der ­zentralistische, bürokratische EU instituti-
Seine Beamten, die meist schon lange mit Unterzeichnung der Bilateralen I. Das ist in onell einbinden lassen. Die Grossunterneh-
Kopf und Herz in der EU sind, wollten jeder Handelsstatistik nachprüfbar. men sind ja sogar bereit, den freien
­sicher keine Konsultation. Eher wird ein Wie erklären Sie es sich, dass sich diese Arbeitsmarkt zu opfern.
Kamel durch ein Nadelöhr gehen, als dass längst widerlegte Behauptung so hart­ Ein anderes Thema, das die Wirtschaft um­
die Mehrheit im Aussendepartement für näckig hält? Das ist ja nicht nur im Tages-­ treibt, sind die Negativzinsen. Wie beurtei­
die verfassungsmässige Unabhängigkeit Anzeiger zu lesen. len Sie die Geldpolitik der Nationalbank?
der Schweiz eintritt. Wieweit und wie be- Ein bedeutender Industrieller hat mir ein- Die Unternehmen unserer Familie profitie-
seelt Bundesrat Cassis die Meinung seines mal gesagt: «Wählt nur Leute, die von Wirt- ren als Exporteure von einem schwachen
Departements im Bundesrat eingebracht schaft nichts verstehen.» Diesen Leuten Franken. Aber profitiert auch die Schweiz
hat, weiss ich nicht. Jedenfalls hat der Bun- könne man jeden ökonomischen Bären auf- davon? Die Antwort ist klar nein.
desrat richtig entschieden. binden, um die eigenen wirtschaftlichen Ist die Nationalbank nicht einfach eine
Kann Cassis seine Leute im Departement ­Interessen zu vertreten. Es sind Organisatio- ­Getriebene der Europäischen Zentralbank?
nicht einfach überstimmen? nen wie Economiesuisse, die solche Artikel Das ist eindeutig so, aber sie müsste das
Überstimmen nicht. Aber dem Bundesrat mit ihrer Propaganda prägen. nicht in diesem Ausmass sein. Wenn der
das Gegenteil empfehlen. Vielleicht hat er Weshalb sollte Economiesuisse die EU-­ ­Euro in einer ohnehin schwierigen Situati-
das getan, vielleicht zurückhaltend. Anbindung propagieren, wenn dies der on, wie nach der Bankenkrise ab 2008, von
Wie kommen Sie darauf? Wirtschaft gar nichts nützt, wie Sie sagen? 1.60 auf 1 Franken abstürzt, kann es sinnvoll
Wir können nicht in Herz und Seele von Es mag einzelne Unternehmen geben, die sein, den Kurs auch einmal zu stützen. Wenn
Bundesräten blicken. Aber man kann er­ von der Anbindung profitieren. Diese scha- man das macht, muss man aber wissen, wie
ahnen, was sie bewegt. Cassis ist Tessiner det aber der Volkswirtschaft, und Economie- man da wieder rauskommt. Es geht auch
– zum Glück. Ihm ist es zu verdanken, dass nicht nur um die Negativzinsen.
der Rahmenvertrag für alle in der Landes- «Wir müssen wettbewerbsfähiger Sie meinen die Interventionen am Devisen­
sprache vorliegt. Wer das Rahmenabkom- markt?
men liest, kann es nur ablehnen. Ich kenne
sein als die EU, um unseren Die Nationalbank unternimmt alles Mögli-
keinen Unternehmer, der einen solchen ­höheren Wohlstand zu halten.» che, um den Franken tief zu halten. Durch
Vertrag für seine Firma abschlies­ sen das geschaffene Geld ist die Schweiz der
­würde. Das Problem ist allerdings, dass die suisse vertritt eben nicht die Volkswirt- grösste Gläubiger von Deutschland, und
meisten den Vertrag nicht lesen. schaft, sondern Eigeninteressen. Sie wird Deutschland ist der grösste Gläubiger von
Heisst das, Sie rechnen mit einem Ja? dominiert von den Gross- und staatsnahen Italien, dessen direkter Gläubiger die
Der ehemalige Gewerkschaftssekretär und Konzernen. Die eigentlichen Schweizer Fir- Schweiz auch noch ist. Das sind unglaubli-
hervorragende Wirtschaftspublizist Beat men, die mit starken Produkten weltweit che Risiken. Was, wenn Italien kollabiert?
Kappeler – leider kein SVPler – sagte kürz- führend sind – und davon gibt es viele –, Das wäre vielleicht ein Thema für die SVP in
lich, er sei sich sicher, dass das Schweizer wollen nicht dieselben Rahmenbedingun- diesem Jahr.
Volk das Rahmenabkommen nie gut­ gen haben wie ihre Konkurrenten in den Natürlich ist das ein Thema für uns. Die SVP
heissen werde. Ich hoffe, er behält recht. Nachbarländern, sondern bessere. Wir ist der Meinung, dass die Nationalbank ih-
Sie sind skeptischer? ­müssen wettbewerbsfähiger sein als die EU, ren Kurs ändern und auch auf Negativzin-
Nach so vielen wirtschaftlich guten Jahren um unseren höheren Wohlstand zu halten. sen verzichten soll. Die ganze Altersvorsorge
hat der Wille zu Freiheit und Unabhängig- Gefährlich ist, wie staatsnah die Gross­ ist gefährdet. Für die zweite und dritte Säule
keit etwas nachgelassen. Eine solche Ent- konzerne geworden sind. sind Negativzinsen unhaltbar. Davon sind
wicklung führt normalerweise zu Bevor- Welche Unternehmen meinen Sie? alle betroffen. Was soll ein Familienvater
mundung. Zum Beispiel die Pharmabranche, die hoch- machen, wenn er 400 Franken im Monat auf
Die Befürworter des Rahmenabkommens reguliert ist. Der Staat bestimmt sogar die die Seite legen will? Man verweigert ihm Si-
argumentieren vor allem wirtschaftlich: Medikamentenpreise. Glauben Sie, diese cherheit und Zins.
Ohne Vertrag würde die Schweiz den Firmen können ein Prestigeprojekt des Was die unsicheren Renten angeht, ist von
Marktzugang zu ihrem wichtigsten Han­ Bundesrats wie den Rahmenvertrag ableh- der SVP aber nicht sehr viel zu hören. Ähn­
delspartner aufs Spiel setzen. nen? Dasselbe gilt für die Banken. In per- liches gilt für die steigenden Krankenkas­
Das ist dummes Zeug! Die Schweiz hat sönlichen Gesprächen räumen deren Chefs senprämien. Das kritisierte kürzlich ja so­
mit der EU seit 1972 einen Freihandels- das sogar ein. Man könne keine Kritik an gar Ueli Maurer.
vertrag. Das ist unser wichtigstes gemein- der Verwaltung üben, denn man habe die Die SVP hat seinerzeit das Grundübel der
sames Abkommen, und es gehört nicht Aufsichtsbehörde schon die ganze Zeit im teuren Krankenkassenprämien – nämlich
zu den Bilateralen. Klugerweise hat der Haus. Auch fast die ganze Stromwirtschaft das Krankenversicherungsgesetz – abge-
Bundesrat vorgesorgt, dass es auch mit ist staatlich. lehnt. Ebenso die Personenfreizügigkeit,

22 Weltwoche Nr. 01/02.20


Gibt es Anzeichen, dass SVP, FDP und CVP voranzubringen, mit Seele, Geist und Lei-
nach dem Linksrutsch enger zusammen­ denschaft. Er darf Kritik nicht scheuen, und
arbeiten? er darf nicht an sich und seine Wahlchancen
Ich bin zuversichtlicher als auch schon, erst denken.
recht, weil die SP bei den Bundesratswahlen Ist das eine Kritik am abtretenden Präsi­
die Konkordanz gebrochen hat. denten Albert Rösti, der in der National­
Wie soll sie das getan haben? ratswahl schweizweit das beste Ergebnis
Sie verlangte, dass die Bürgerlichen die bei- erzielt hatte?
den SP-Bundesräte wählten, und zwar ge- Nein, gar nicht. Was ich sage, muss kein
mäss bestehender, rechnerischer Zauberfor- ­Widerspruch sein. Ich habe viele Jahre als
mel. Gleichzeitig unterstützte sie Regula Prä­sident der treibenden Zürcher Sektion
Rytz von den Grünen statt Ignazio Cassis die schweizweit höchste Stimmenzahl er-
von den Freisinnigen. Das ist der Bruch der reicht, und trotzdem legte die Partei zu.
Konkordanz. Man kann Konkordanz nicht Wer kommt als Nachfolger für Rösti in
allein bestimmen. ­Frage?
Sie verstehen unter der bestehenden Wenn wir das wüssten, brauchten wir keine
Zauber­formel die Aufteilung der Bundes­ Findungskommission. Fähige Leute haben
ratssitze nach Wähleranteilen? wir.
Ja, genau. Je zwei Sitze für die drei wähler- An wen denken Sie?
stärksten Parteien und einen Sitz für die Jetzt schon einen Kandidaten zu nennen,
viertstärkste. wäre des Kandidaten Tod.
Die CVP sagt, man könne nicht nur auf den Kann man SVP-Präsident werden ohne
Wähleranteil schauen, sondern müsse auch ­Ihren Segen?
«Starke Produkte»: Unternehmer Blocher. die Fraktionsgrösse berücksichtigen. Ja, klar. Die SVP ist eine demokratische Par-
Das ist Schlaumeierei. Die Fraktionsgrösse tei. Mitreden können alle Mitglieder – auch
durch die viele Menschen mittleren Alters kann über Listenverbindungen und Frakti- ich. Aber am Schluss entscheiden die ge-
ins Land kommen, die in ihren jungen, ge- onsfusionen manipuliert werden. So wird wählten Gremien.
sunden Jahren nichts in das System einbe- der Wählerwille verzerrt. Ihre Stimme hat doch mehr Gewicht.
zahlt haben, nun aber dessen Leistungen Braucht es eine neue Zauber­formel, wenn Vielleicht will man von meiner Erfahrung
genau gleich beziehen. Was sollen wir zu- die bisherige nicht mehr recht gilt? Die profitieren. Und wenn man mich fragt, sage
sätzlich tun? Im Kanton Zürich verlangen Grünen haben neuerdings ja einen höheren ich: «Der Kurs, den wir fahren, stimmt.»
wir zum Beispiel, dass die Krankenkassen- Wähleranteil als die CVP. Man darf nicht immer auf Wahlerfolge
prämien von den Steuern abgezogen wer- Die Zauberformel und die Konkordanz ha- schielen. Viel wichtiger ist es, inhaltlich
den können. ben den Zweck, möglichst viele relevante glaubwürdig zu bleiben.
Was sind Ihre Lösungsvorschläge bei der Kräfte des Parlaments in die Regierung ein- Ganz ohne Wahlerfolge geht es aber nicht,
Altersvorsorge? zubinden. Die vier Bundesratsparteien ver- sonst lässt sich ja kaum etwas durchsetzen.
Die SVP hatte bei der AHV ein klares Ziel: traten 1959, als die Zauberformel entstand, Das eine tun und das andere nicht lassen.
keine Leistungskürzungen und keine hö- 85 Prozent der Wähler. Heute sind es knapp Wir haben für zwei Bundesratssitze ge-
heren Lohnabzüge und Mehrwertsteuern. 70 Prozent. Sollten die Verhältnisse gleich kämpft, ohne deswegen die zentralen Posi­
Weil wir damit keine Mehrheit fanden, bleiben, ist eine Änderung ins Auge zu fas- tionen preiszugeben. In der Konkordanz ist
entschieden wir uns, mit den bürgerlichen jede Partei in der Regierung und gleichzei-
Parteien wenigstens eine Kompromiss­ tig in der Opposition. Die Oppositionen
«Man darf nicht immer auf
lösung zu erreichen. Bei der zweiten Säule ausserhalb der Regierung sind in der
­
sollen die einbezahlten Prämien nicht
­Wahlerfolge schielen. Wichtiger Schweiz dafür oft treue Regierungsparteien
durch Umverteilung zunichtegemacht ist es, glaubwürdig zu bleiben.» wie heute die Grünen.
werden. Der Bundesrat geht diesen fal- Vielleicht führen die Grünen den Bundes­
schen Weg. Das lehnen wir ab. sen. Die CVP ist nicht mehr viertstärkste P­­ ar- rat so ja heimlich.
Was wollen Sie dagegen tun? tei, und rechnerisch sind SP und FDP mit je Das war in den neunziger Jahren unser Ziel.
Nachdem Links-Grün so zugelegt hat, ist zwei Sitzen übervertreten. Aber Opposition ist in der Schweiz gar nicht
es nun vielleicht möglich, dass die SVP als Wie soll es jetzt weitergehen? richtig möglich.
grösste Partei die Initiative ergreift, um Das müssen die Parteien miteinander klä- Die SVP hat es nach Ihrer Abwahl aus dem
mit FDP und CVP ein Rettungskonzept zu ren. Die SVP als stärkste Partei muss dies an- Bundesrat trotzdem versucht.
entwerfen. regen und bereit sein, solche Gespräche zu Das hat nicht funktioniert. Es ist auch un-
Nach welchem Muster? f¨ühren. schweizerisch. Eine Partei, die in den Kan­
Nicht nach dem Muster von Alain Berset. Das wird auch eine Aufgabe des neuen tonen mit den gleichen Parteien mitregiert,
Er überlässt die Lösung den Sozialpart- ­Präsidenten sein. kann im Bund nicht richtig opponieren. Wir
nern und geht mit deren Vorschlag in die Ja, sicher. machten in der Fraktion einmal eine Ab-
Vernehmlassung. Natürlich schauen die Kennen Sie seinen Namen schon? stimmung, ob wir in die Opposition gehen
Arbeitgeberverbände und die Gewerk- Nein. Die Partei hat sich für den Weg über sollten. Es gab keine Mehrheit, aber nicht,
schaften, dass sie dabei möglichst gut weg- eine Findungskommission entschieden, weil so viele Nein-Stimmen gekommen wä-
kommen. Wer soll das bezahlen? Dem und die Kantone können Vorschläge ma- ren, sondern weil sich so viele enthielten. Sie
­Mittelstand nimmt man die Rente durch chen. Ich hoffe, dass jemand bereit ist, dieses sehen an diesem Beispiel: Die Schweizer
Umverteilung, und die Jungen bekommen Amt zu übernehmen. Wer immer es sein meiden die Opposition sogar, wenn sie in die
höhere Lohnabzüge aufgedrückt. wird, muss Freude daran haben, die Partei Opposition getrieben werden.  g

Weltwoche Nr. 01/02.20 23


Bild: Nathan Beck für die Weltwoche
Mörgeli Bodenmann

Hausbackenes Gute-Nacht-Orchester
Spiessertum Von Peter Bodenmann _ Jede und jeder gibt sein Bestes, deshalb ist alles
Von Christoph Mörgeli blockiert: Europa, Klimaneutralität, Abrüstung, Gesundheitskosten.

A ls das Kernkraftwerk Mühleberg am 20.


Dezember vom Netz ging, sprach Energie-
ministerin Simonetta Sommaruga von einem
«historischen Tag». Sie bebte vor Genugtuung.
Und versprach für die Zukunft weniger Aus-
landabhängigkeit. Das Gegenteil ist richtig,
denn die Schweiz wird ihre Stromlücke aus
ausländischen AKW und Kohlekraftwerken
­
füllen. Man wünscht sich gelegentlich Eveline
Widmer-­Schlumpf zurück. Deren Unwahrhei-
ten waren wenigstens raffiniert.
Für ihre Neujahrsansprache hat sich Bundes-
präsidentin Sommaruga etwas anderes ausge-
dacht: Sie betritt in verkrampfter Spontaneität
eine Bäckerei, wo sie in freundlichstem Bern-
deutsch begrüsst wird. Kein Wunder, sind doch
die Bäckereien und Konditoreien die einzigen
Ladengeschäfte, wo nur Schweizerinnen arbei-
ten. Die Magistratin kauft ein Brot. Wie du und
ich. Doch im Gegensatz zu unsereinem hat die
gertenschlanke Sommaruga seit Jahrzehnten
nicht mehr von der Schokoladenauslage gekos-
tet. Nun stellt sie ihr Täschchen ab, ordnet ihr
rotes Halstuch und wendet sich zur Kamera. Wer versteckt sich rechts im Cellokasten?: offizielles Bundesratsfoto 2020.
Wäre sie keine Linke, unsere Komiker hätten
für Monate ein gefundenes Fressen.
«Brot ist ein Grundnahrungsmittel», verkün-
det die Bundespräsidentin – und würde Brot
J eder Bundesrat, jede Bundesrätin liess sich
einzeln aufnehmen. Die danach erstellte
Fotomontage spottet jeder Beschreibung: Guy
Zwanzig Jahre nach dem k. u. k. Österreich,
nach der neuen Kurz-und-Kogler-Regierung.
Die Klima­jugend wird unser Schlaforchester
wohl am liebsten zum Service public er­klären. Parmelin sitzt auf einem Stuhl mit nur drei dank dieser Steilvorgabe aus Wien zum Han-
«Viele Menschen haben nicht einmal das.» Wür- Beinen. Und der linke Schuh von Viola Am- deln zwingen.
de Sommarugas antikapitalistisches Parteipro- herd bohrt sich in den Unterschenkel von Bun- Der Brexit wirkt Wunder: In Österreich will
gramm verwirklicht, müssten alle verhungern. deskanzler Walter Thurnherr. keine Partei mehr raus aus der EU. Im Gegen-
Dann, ganz Grossmama, wünscht sich die Kin- Simonetta Sommaruga will uns weis­machen, teil: Die neue Regierung ist klar proeuropäisch.
derlose, dass sich auch unsere Enkel noch «e wir hätten in Bern ein Orchester, in dem alle ihr Anders in der Schweiz: Unsere Damen und
guets Neus» wünschen können. Während die Bestes geben würden. Wahr ist: In Bern herrscht Herren Bundesräte wissen nicht einmal, wie
Berner dem Nebel entfliehen, um auf sonnigen politische Dunkelflaute. In den wesentlichen sie EU-kompatibel den Arbeitnehmerschutz
Höhen wegen der Massenzuwanderung in lan- Dossiers bewegt sich rein gar nichts. verstärken können. Obwohl alle angeblich ihr
gen ­Autokolonnen steckenzubleiben. Anders sieht es in Österreich aus. Hier haben Bestes geben. Diese selbsternannten Besten.
Irgendwie will sich bei Sommarugas Auftritt am ersten Wochenende des Jahres 2020 die ÖVP Kein Detail: Österreich wird nicht aufrüs-
die erwünschte Herzenswärme nicht einstel- und die Grünen geheiratet. Sie wollen fünf Jah- ten, obwohl es heute pro Kopf nur halb so viel
len. Wir riechen statt frischen Brotgeruch bloss re lang gemeinsam regieren. Und einiges be­ für die Armee ausgibt wie die Schweiz. Nie-
sozialdemokratischen Moder. Ob sie sich selber wegen. Dies, nachdem die vorgezogenen Neu- mand will teure Kampfflugzeuge beschaffen.
wohl fühlt im stickigen Gefängnis ihrer Urteile wahlen drei Trümmerparteien hinterliessen: Eigentlich eine Blaupause für die in Sachen
und Vorurteile? Helle, Heiterkeit, Humor – Die Liste Pilz schaffte das Quorum nicht mehr. Wahlen weniger erfolgreiche Schweizer
Fehlanzeige. Das Brot ihres Moralismus hat Die ohnehin geschwächte FPÖ schmeisst nach Schwesterpartei.
­eine harte Kruste. Nirgends sind die Mauern so dem Ibiza-Video den Spesenritter Heinz-Chris- Der alte und neue Bundeskanzler Kurz ist
hoch wie dort, wo die Spiesser zu Hause sind. tian Strache aus der Partei. Und der SPÖ geht es ein bewegliches politisches Gummiboot. Zu-
Unsere Bundespräsidentin geht mit ihrem gleich schlecht wie der SP Schweiz. erst holte er die Freiheitlichen an Bord, um
­Gutmenschentum schwanger, doch wir Bürger Niemand von unserem Gute-Nacht-Orches- sie zu zerstören. Und jetzt nimmt er mit den
werden nicht froher Hoffnung. Nur gut, ist die ter hat sich für die Wahl von Regula Rytz in Grünen im Beiboot den verbleibenden Linken
Grüne Regula Rytz nicht Bundesrätin gewor- den Bundesrat ausgesprochen. Obwohl Grüne das Öko-Thema weg. Chapeau.
den. Sie müsste ihre Präsidialrede statt in einer und Grünliberale zusammen mehr Stimmen Frage: Wer versteckt sich rechts im Cello­
Bäckerei wohl in einer Metzgerei halten. Welch machten als die Grünen in Österreich. kasten? Sieben «Totemügerli».
Pech für die Vegetarierin. Der Schweizer Bundesrat will aufgrund
­seiner bisherigen Beschlüsse frühestens bis Der Autor ist Hotelier in Brig und ehemaliger Präsident
Der Autor ist Historiker und ehemaliger SVP-Nationalrat. 2060 eine klimaneutrale Schweiz realisieren. der SP Schweiz.

24 Weltwoche Nr. 01/02.20


Bild: Annette Boutellier/Yoshiko Kusano (Bundeskanzlei, Bundesamt fuer Informatik und Telekommunikation, Keystone)
Medien Die Deutschen

Trottel, Faschist, Clown Hitlers Baby


Von Kurt W. Zimmermann _ Zum neuen Jahr eine risikolose Prognose. Von Henryk M. Broder _ Kanzler
Der Journalismus im 2020 wird schmutziger denn je. Kurz und die «Seenotrettung».

A ls der bürgerliche Boris Johnson die briti-


schen Wahlen gewonnen hatte, griffen die
enttäuschten roten Journalisten in die unters-
I m Grossen und Gan-
zen sind die Deut-
schen eine tolerante
ten Schubladen. ­Nation. Sie haben nach
Im linken Schweizer Magazin Republik etwa dem Ende des Dritten
fiel der bekannte Journalist Constantin Seibt Reiches ehemalige
über Wahlverlierer Jeremy Corbyn her. ­Wörtlich Nazis im Staatsdienst
­
schrieb er: «Der Labour-Chef Jeremy Corbyn ist toleriert, so wie sie bis
das übelste, mieseste, verkommenste Arsch- heute ehemalige Funk-
loch, das je das britische Parlament ­betrat.» tionäre der SED und Mitarbeiter der Stasi als
Im linken englischen Blatt The Guardian fiel Verteidiger der Demokratie im «Kampf gegen
die bekannte Journalistin Hannah Jane Par- rechts» tolerieren. Sie lassen sich enteignen,
kinson über Wahlsieger Boris Johnson her. wenn es um einen guten Zweck geht, zum Bei-
Wörtlich titelte sie über ihn: «Volltrottel, spiel die europäische Integration oder die Ret-
­Idiot, Clown, Tollpatsch.» tung des Klimas, und sie nehmen es hin, wenn
Arschloch. Idiot. So geht Journalismus ­heute. ihnen gesagt wird, dass die Zuwanderung gut,
Es ist eine neue Tendenz in den Medien, dass richtig und notwendig ist, denn: «Die Abschot-
Injurien derart salonfähig geworden sind. Lan- tung ist doch das, was uns kaputtmachen wür-
ge waren rüde Beschimpfungen von Per­sonen de, was uns in Inzucht degenerieren liesse.»
unzulässig. Die Aggressivität zeigte eine man- Zugleich aber neigen die «nationalmoralis-
gelnde Distanz zum Thema auf und kollidierte tischen Eliten» (Ulf Poschardt) des Landes zur
dadurch mit dem Branchenethos. Journalisten strikten Intoleranz, wenn irgendwo ein Politi-
wollten unabhängig sein. Heute aber sehen sich ker ein Spitzenamt anstrebt, den sie für mora-
viele nicht mehr als nüchterne Beobachter, Aggressionsspirale: Boris Johnson. lisch untauglich halten. Das war bei Donald
sondern als empörte Agitatoren. Trump der Fall und auch bei Boris Johnson,
Ein schönes Beispiel lieferte eben der West- Schweiz besuchte, war sofort klar: «Bannon und jetzt ist Sebastian Kurz an der Reihe. Mit
deutsche Rundfunk, ein Sender der ARD. Die ist ein Faschist». einem einzigen Satz hat er sich als Mensch und
Redaktion rückte einen Kinderchor ins Pro- Auslöser des Negativtrends war US-Präsident Politiker disqualifiziert. In einem Interview
gramm, der in ihrem Auftrag dann öffent- ­Donald Trump, der besonders die deutschen mit der Bild am Sonntag sagte Kurz: «Manchmal
lich-rechtlich sang: «Meine Oma ist ’ne alte Jour­nalisten in höchste Feindseligkeit treibt. unterstützen private Seenotretter, ohne dass
Umweltsau.» Für den Spiegel ist Trump ein «Faschist». Auch sie es wollen, die Schlepper. Und so führt das
Nach einer breiten Protestwelle versuchte für die Zeit ist er ein «Faschist». Das ZDF wie- Vorgehen der privaten Seenotretter am Ende
der Sender erst, die Klima-Agitation als «Sa­ derum unterstellt ihm, ein «durchgeknallter zu mehr Toten.» Bis auf den Einschub «ohne
tire» kleinzureden. Als das Scheinargument Idiot» zu sein. Mit Trump vergleichbar ist dass sie es wollen» ist an dem Satz nichts
nicht verfing, entschuldigte sich dann hastig Boris Johnson, der als «serieller Lügner» (Süd- falsch. Rettungsschiffe, die vor der libyschen
der Intendant. deutsche Zeitung) die Journalisten zu ähnlicher Grenze kreuzen, sind ein «Pull-Faktor». Zwi-
Weissglut bringt. schen den Rettern und den Schleppern gibt es
Getarntes Sendungsbewusstsein Schweizer Journalisten sagen es meist etwas eine Art von informeller Zusammenarbeit, die
Der Verweis auf Satire ist darum beliebt, weil milder. Für den Tages-Anzeiger etwa ist Donald nicht vertraglich vereinbart werden muss, da-
sich damit das eigene Sendungsbewusstsein Trump ein «narzisstischer Clown». Für dassel- mit sie funktioniert.
verstecken lässt. Auch Agitator Constantin be Blatt ist Boris Johnson «ein Clown an der Die Bild am Sonntag war noch nicht im Verkauf,
Seibt schrieb seine Arschloch-Passage als eine Downing Street». Damit allerdings ist nicht der da hatten die Seenotretter der Dresdner Organi-
Art Satire, sagt er, «weil ich dachte, dass durch lustige Hanswurst gemeint, sondern der mons- sation Mission Lifeline schon einen Tweet ins
die absurde Übertreibung sie so niemand, tröse Horror-Clown. Netz gestellt, in dem sie Sebastian Kurz einen
der lesen kann, als wörtliche Beleidigung 2020 wird es in den Medien zwei Dauerthe- «Baby-Hitler» nannten, verbunden mit einem
nimmt». men geben, die US-Wahlen und die Brexit-­ Spendenaufruf. Eine andere Organisation na-
Die Sprache im Journalismus hat sich erst in Verhandlungen. Trump und Johnson haben mens Sea-Watch sprang den Kollegen und Kon-
den letzten drei, vier Jahren dermassen radika- die zwei Hauptrollen. Es ist darum eine risi- kurrenten von Mission Lifeline bei: «Seenotret-
lisiert. Täglich überziehen heute Journalisten kolose Prognose für das neue Jahr, dass sich tung» sei «nicht die Kernkompetenz des
demokratisch gewählte Politiker mit geifern- die verbale Aggressionsspirale im Journalis- Kanzlers eines Staates ohne Meerzugang».
der Verachtung. Ihre beliebtesten Injurien mus noch weiter nach oben dreht. Es wird Es braucht wenig in Deutschland, um zu
sind: Rassist, Sexist, Nazi, Arschloch, Clown, schmutziger denn je. ­einem kleinen Hitler befördert zu werden.
Lügner, Idiot, Trottel, Faschist. Rassist, Sexist, Nazi, Arschloch, Clown, Und je länger «Adolf der Grosse» tot ist, umso
Um noch einmal das besonders untergriffi- Lügner, Idiot, Trottel, Faschist. Ich bin sehr ­weniger wird es. So wird der «Führer» rehabi-
ge Magazin Republik zu zitieren: Als etwa der optimistisch, dass wir in 2020 noch ein paar litiert. Immerhin war er der Kanzler eines
frühere Trump-Berater Steve Bannon die verbale Steigerungen erleben. Staates mit Meerzugang.

Weltwoche Nr. 01/02.20 25


Bild: Rota (Camera Press, Keystone); Illustration Bianca Litscher (www.sukibamboo.com)
Darf man das? Leserbriefe
Leser fragen, die Weltwoche «In meinem Bekanntenkreis treffe ich viele hoch­gebildete Leute an,
antwortet die den heutigen Umwelt­fanatikern alles glauben.» Erwin Husmann

Mehr wissen statt alles glauben Zum Jahresende: Menschen und Gespräche
Nr. 51/52 – «Die Grüngardisten kommen»;
Nummer 51/52 — 19. Dezember 2019 – 87. Jahrgang
Fr. 9.– (inkl. MwSt.) – Euro 6.90

Bettina Röhl über die Klimaaktivisten

Besser könnte man kaum über die trendigen


Protestler von heute schreiben! Mehr Wissen
­täte dem politischen Klima tatsächlich gut. In
meinem Bekanntenkreis treffe ich viele hoch­
gebildete Leute an, die den heutigen Umwelt­
fanatikern alles glauben, ohne deren apokalyp-
tische Thesen kritisch zu hinterfragen. Klima ist
Natur, ist also sehr komplex und lässt sich nicht
auf CO2 reduzieren. Dass das sehr viele Wissen-
schaftler aber machen und andere Deutungen
nicht akzeptieren, gibt mir sehr zu denken.
­Wohin führt das, wenn die Wissenschaft nur
noch das als richtig zulässt, was dem Main­
stream gerade so passt? Erwin Husmann, Schenkon
Wir sind 2019
Petra Gössi, Peter Frankopan, Margaret Atwood, Diego Maradona, Lizzo,
Wladimir Putin, Greta Thunberg, Peter Spuhler, Ditti Bürgin, Ralph Krueger,
Der Mann hinter Greta Robert Harris, Hans Stöckli, Bettina Röhl, Peter Wohlleben u. v. a. m.

Nr. 51/52 – «Der Mann, der Greta entdeckte»;


Roman Zeller über Ingmar Rentzhog «Furchtloses Schreiben».

Darf man, wenn man jemandem ein Buch Im Artikel wird der linke schwedische PR- Griffige Positionen
schenkt, das Buch zuerst selber lesen? Mann Ingmar Rentzhog so vorgestellt, als Nr. 51/52 – «Der Moment, in dem ich langsam
Hugo Emmenegger, Düdingen ­habe er mit Greta ein Naturwunder entdeckt. zur Ruhe komme»; Interview mit Petra Gössi
Zunächst sei festgehalten: Da geht es nicht um von Erik Ebneter und Roman Zeller
Schönes muss nicht immer neu sein: ein getra- ein Entdecken, sondern viel treffender um eine
genes Kleidungsstück, ein gebrauchtes Möbel, Lancierung! Gemäss sich verbreitenden Er- Petra Gössi wurde zu sehr geschont. Zu wenig
ein gelesenes Buch – alles Dinge, die früher oder kenntnissen ist Rentzhog in Schweden ein be- wurde auf Klärung beharrt, wie zum Beispiel:
später sowieso in Brockenstuben oder auf kannter linker Aktivist, der von der schwedi- Welches sind beim Klima die griffigen Positio-
Flohmärkten landen, wo sie, die Prachtstücke, schen Sozialdemokratin und Milliardärin nen der FDP? Wie kann man die drei Bundes-
teils teuer weiterverkauft werden. Wieso also Kristina Persson unterstützt wird. 2017 grün- ratswahlen der FDP rühmen, wenn zwei davon
nicht gleich weiterverschenken? Beim Gedan- dete er die Klimaschutz-Organisation «We wegen vorzeitigen Rücktritts eine sichere
ken, getragene Socken zu überreichen, würde don’t have time» und begann im Sommer 2018 ­Sache waren? Wurden da nicht Zwänge ge-
ich rein aus Hygienegründen Nein sagen, bei gezielt damit, das PR-Produkt «Greta» zu lan- schaffen? Ist das liberal? Und zum Wahlkampf:
Büchern aber klar Ja. Aber aufgepasst: Ein Buch cieren. Rentzhog ist Mitglied des «Climate Trotz dem Motto «Die Schweiz will» gab es
mit Notizen zu verschmieren, geht gar nicht! ­Rea­lity»-­­Projekts des früheren US-Vizes Al 1,2 Prozent Wähleranteilsverlust. W ­ arum wur-
Lassen Sie deshalb das Bleistiftgekritzel und ­Gore und eng mit dem «Club of Rome» liiert. de nicht nachgefragt? Warum hat man das The-
nutzen Sie lieber die Gelegenheit, mit der be- Von all diesen Hintergründen liest man nichts ma Personenfreizügigkeit nicht vertieft behan-
schenkten Person ein inspirierendes Gespräch im Artikel. Christian Wider, Oftringen delt, wenn Frau Gössi sagt, ihr sei sehr wichtig,
über den Inhalt zu führen – gelesen haben es ja diesen Abstimmungskampf zu gewinnen?
dann hoffentlich beide. Silvia Princigalli Dieses unreife Kind aus dem rot-grünen Wun- Wir möchten wissen, ob die FDP-­Präsidentin
derland Schweden wurde nicht unerwartet neben den positiven auch die negativen Folgen
zur «Persönlichkeit des Jahres» auserkoren. Es der unkontrollierten Zuwanderung sieht.
weiss wohl selber nicht, wie ihm geschieht, wer Johannes Fischer, Stans
ihm die Reisen, Unterkünfte und Auftritte im
schrillen Lampenlicht der Weltbühne organi- «Die SVP ist auf eine Person zugeschnitten»,
siert und bezahlt, wer ihm die Texte schreibt, sagt die FDP-Präsidentin. Was für ein Unsinn
die es vorzulesen hat. Und es weiss nicht, wer aus dem Mund einer liberal-freisinnigen Spit-
seine erschütternde, ahnungslose Kindlichkeit zenpolitikerin! Dass die SVP nach wie vor die
in perfidester Weise missbraucht. Und trotzdem wählerstärkste Kraft im Land ist, geht in erster
entbehrt diese Wahl nicht einer gewissen Logik; Linie auf deren konsequente Haltung zu den
Ihre Fragen zum modernen Leben mailen Sie uns bitte denn die Macher dieser Inszenierung demonst- Kernpunkten unseres Daseins zurück – Frei-
an darfmandasAweltwoche.ch. Oder schreiben Sie an rieren damit in eindrücklicher Weise die mani- heit, Unabhängigkeit und Neutralität –, die
­Redaktion Weltwoche, Förrlibuckstrasse 70, Postfach, pulative Macht ihrer Medien, nach deren Nach- mit Augenmass und gesundem Menschenver-
­8021 Zürich. Jede veröffentlichte Zuschrift wird mit
­einem Weltwoche-Abonnement honoriert. Nicht ver­ richten sich leider immer noch zu viele stand verteidigt und gefördert werden.
öffentlichte Fragen können nicht beantwortet werden. Menschen richten. Maximilian Spoerri, Locarno Karl J. Bischofberger, Küsnacht

26 Weltwoche Nr. 01/02.20


Illustration: Miroslav Barták; Bild: Cover Weltwoche Nr. 51/52
Das generische Maskulinum als Retter
Nr. 50 – «Total glottal»; und – in Ihrem Fall – vor allem ob nicht ge-
Sprachkolumne von Max Wey rade die Tochter Ihres Freundes, die Sie nicht
mögen, diejenige ist, welche der Vater be-
Wer intellektuell lauter an der deutschen Spra- stimmt hat. Nach jedem Tod werden Sie von
che interessiert ist, erkennt unschwer das Axi- der betreffenden Amtsstelle darüber aufge-
om, dass diese nichts mit der Biologie zu tun klärt, wie das von Seiten des Erblassers ge­
hat und einzig als Werkzeug der zwischen- regelt ist. Sie können das auch durch Rück-
menschlichen Übermittlung dient. Daher irrt fragen schon vorgängig abklären. Wenn
der universitäre Phantombereich «Gender and Fragen Sie Dr. M. nichts geregelt ist, benötigen Sie Zugang zu
Diversity» mit der Behauptung, dass Sprache den Vermögensverhältnissen Ihres Vaters,
«immer auch Politik» sei. Jene wird erst politi- Der Experte für alle der ja wahrscheinlich über die genannte
siert durch ihre Massakrierung mittels «Politi- Lebenslagen ­Vermögensverwaltungsfirma erfolgen wird.
cal Correctness» im Kampf der kon­stant wach- Dann können Sie dort ohne weiteres fragen,
senden Anzahl menschlicher Geschlechter. Kürzlich ist mein Vater gestorben, und welche Person in dieser Kanzlei diese Ver-
Demgegenüber kennt die deutsche Sprache als die Tochter eines guten Freundes von mögensverwaltung für den Vater gemacht
einen Grundpfeiler ihrer funktionalen Eleganz mir, die ich allerdings nicht mag, ist so- habe und mit wem Sie als pflichtteilberech-
das generische Maskulinum, also das männli- eben Partnerin in der Kanzlei geworden, tigter Erbe sprechen könnten.
che Geschlecht in sämtlichen Personenbezeich- die auch die Vermögensangelegenheiten Wenn Sie dann für die Zukunft eine ande-
nungen, die mit biologischer Spezifikation meines Vaters verwaltet. Die Vorstellung, re Person bestimmen möchten, so müssten
nichts zu tun haben (Beispiel: «Fussgänger- dass diese Frau Zugang zu den Finanzen Sie sich zuerst mit den anderen pflichtteil-
streifen»). Keiner erklärt dies klarer als neulich unserer Familie bekommt, finde ich berechtigten Erben, insbesondere der Ehe-
der Aargauer Journalist Christoph Bopp: «Was furchterregend. Wie kann ich taktvoll frau und den Kindern des Verstorbenen, ab-
macht also einen Lehrer zum Mann? Erst die ­herausfinden, ob sie Einblick in die Fami- sprechen. Aber all dies werden Ihnen dann
Lehrerin.» Sprachverliebter Germanist, knüpfe lienfinanzen hat oder allenfalls bekom- die verantwortlichen Erbschaftsbehörden
ich an: «Und mit der Lehrerin all die Lehrenden men könnte? Ihre Eltern sehe ich häufi- mitteilen. Den Einblick in die Familien­
aus dem Rest sämtlicher Genders!» Heureka! ger, die unerfreuliche Tochter eher selten. finanzen, soweit dies nicht bereits gesche-
Das ist die Wieder­geburt des generischen Mas- M. L., Brugg hen ist, können Sie nicht verhindern; aber
kulinums! Hans Rudolf Wehrli, Remetschwil Vermögensverwaltungsfirmen sind in der
Zunächst kondoliere ich Ihnen zum Tode Regel strikte an eine Geheimhaltung ge-
Weltwoche allgemein Ihres Vaters. Das ist immer eine Zäsur im bunden. Dass die betreffende Person in
­Leben, gleichgültig, welches Verhältnis man ­Zukunft keinen Einblick mehr hat, können
Weltwoche-Journalistinnen und -Journalisten zu dem Vater gehabt hat. Neben all den Sie nur verhindern, indem Sie dafür sorgen,
gehören zur Spitzenklasse und sind politische menschlichen Lasten, die Sie zu tragen ha- dass die Erben eine andere bestimmen.
Ausnahmeerscheinungen. Weit entfernt vom ben, erfolgen nun die Vermögens- und Erb-
immer verhängnisvolleren Mainstream. Exo- schaftsangelegenheiten, die Sie zu regeln Mailen Sie uns Ihre Fragen zu allen Lebenslagen
ten, sozusagen. Dazu gehörte bis vor kurzem haben. Und Sie sind besorgt, dass diese an drmAweltwoche.ch.
auch der stv. Chefredaktor Philipp Gut. Jetzt durch falsche Leute geregelt würden. Es gilt Oder schreiben Sie an ­Redaktion Weltwoche,
Förrlibuckstrasse 70, Postfach, 8
­ 021 Zürich.
nicht mehr! Warum, was ist passiert? Egal, diese für Sie herauszufinden, ob Ihr Vater, für den Die Fragen werden anonym publiziert. Nicht
Trennung ist für mich als begeisterter Leser Fall seines Todes, jemanden bestimmt hat veröffentlichte Fragen werden nicht beantwortet.
nicht nachvollziehbar und sehr frustrierend.
Gut wird mir sehr fehlen. Und mit Sicherheit
nicht nur mir. Schade für die Weltwoche und
schade für Gut. Und für Roger Köppel. Ich dan-
ke für ihre mutige, klare und staatserhaltende

« Heute dauert
Haltung und ihr furchtloses Schreiben. Für ihr
Sagen, was ist, und nicht, wie beim grössten der
Teil der Medien üblich, was (linke!) Journalis-
tinnen und Journalisten gerne hätten. Ohne
Weltwoche wäre mein Glaube an die Zukunft die Zukunft
länger.»
noch brüchiger. Umso herzlicher danke ich
­Philipp Gut für seinen bisherigen wertvollen
Beitrag zur Weltwoche, Roger Köppel für seinen
riesigen politischen und unternehmerischen
Einsatz und allen Journalistinnen und Journa- Rolf Dörig
listen für ihren Beitrag zur eigentlichen Pflicht- Verwaltungsratspräsident
lektüre Weltwoche. Hanspeter Setz, Dintikon zum selbstbestimmten Leben

Leserbriefe
Wir freuen uns über Ihre Zuschriften. Je kürzer Ihr Brief,
desto grösser die Chance, dass er veröffentlicht wird. Dar-
über hinaus muss er sich klar auf einen in der Weltwoche
erschienenen Artikel beziehen. Die Redaktion behält sich
vor, Kürzungen vorzunehmen. Leserbriefe ohne Angabe
von Name und Wohnort werden nicht publiziert.
E-Mail: leserbriefeAweltwoche.ch.

Weltwoche Nr. 01/02.20 27


Illustrationen: Jonathan Németh
Sehnsucht nach Reinheit: Blick vom Piz Corvatsch (GR).

Schweiz im Schnee
Winterträume. Auf keiner Unterlage bewegen sich die Schweizer erfolgreicher als auf Schnee.
Geht es um die kristallisierte Form von Wasser, werden selbst gestandene Olympiasieger melancholisch.
Von Thomas Renggli

Das Matterhorn ragt wie ein gewaltiger Mahn- mer ihren Wurzeln treu geblieben. Sie wohnt in Pyeongchang im Teamwettkampf. Anders
finger in den wolkenlosen Himmel. Die schrof- weiterhin in ihrem Heimatdorf. Zusammen als seine Kollegin wohnt er aber nicht in einer
fen Felsen scheinen übermütige Wanderer vor mit Vater Roland und Mutter Beatrix führt sie Postkartenidylle, sondern im urbanen Visp, wo
den Unwägbarkeiten der Bergwelt zu warnen. das Bed and Breakfast «Hängebrigga». Ihre der Schnee schnell zu Pflotsch und die Winter-
Das Sonnenlicht wird vom ewigen Schnee zu Pokale und Medaillen hängen an der Wand des romantik zu einer wässrigen Brühe verkommt:
einem gleissenden Spektakel veredelt. Das Eis familieneigenen Cafés. Wenn im Herbst der «In Visp spürt man nicht viel vom Winter. Ich
des Gornergletschers leuchtet in mystischem erste Schnee bis ins Tal fällt, ist dies für die glaube, viele Visper fahren nicht mehr Ski.»
Blau. An nur wenigen Orten in der Schweiz Sportlerin noch immer ein besonderes Ereig- Zenhäuserns Winterparadies ist aber nur ein
verbindet sich die raue Schönheit der Alpen nis: «Der Schnee hat auch etwas Reinigendes paar Haarnadelkurven entfernt – in Bürchen
mit den Ansprüchen des Tourismus so inten- – er macht die Landschaft noch schöner. Und auf dem Hochplateau, das von Visp mit der Bus-
siv wie am Fuss des schönsten Berges. die Winterluft ist kalt und klar.» So lange sie linie 528 in rund einer Viertelstunde zu errei-
zurückdenken könne, sei sie Ski oder Snow- chen ist: «Hier haben meine Eltern das Chalet
Ewiger Winter board gefahren: «Das gehörte bei uns ganz ‹Märli›, hier habe ich einen Grossteil meiner
Es ist die Umgebung, in der die Snowboarde- ­natürlich dazu.» Auch Schneemänner habe sie Kindheit verbracht.» Zenhäusern, mit einer
rin Patrizia Kummer einen Teil ihres Trainings gebaut: «Ob ich daran Spass hatte oder nicht, Körperlänge von 2.00 Metern der grösste Ski-
absolviert – im Winter wie im Sommer; wobei weiss ich allerdings nicht mehr.» Was Kummer rennfahrer des Landes, stand im Schlepptau sei-
sie das Wort «Sommer» mit einem Lachen aber sicher weiss: «Wenn im Frühling die Ski- nes Vaters Peter im Alter von achtzehn Monaten
­relativiert: «Eigentlich herrscht bei mir das pisten im Wallis geschlossen werden, ist dies das erste Mal auf Ski. Er bezeichnet sich selber
ganze Jahr Winter. Wenn es auf den regulären für mich ein trauriger Moment.» Ihre Familie als «Schneekind» und sagt: «Sobald jeweils der
Pisten keinen Schnee hat, gehen wir auf den wisse genau, dass sie dann ihre «Schlechte-­ erste Schnee fiel, waren meine Schwester Ro-
Gletscher.» Die 32-jährige Walliserin gewann Laune-Woche» einziehe. maine und ich nicht mehr zu halten. Wir bau-
2014 in Sotschi Gold im Snowboard-Riesensla- ten Iglus, Schneemänner, Bobbahnen. Die Ber-
lom. Es war der vorläufige Höhepunkt einer Walliser Paradies gromantik ist sozusagen ein Teil meiner
Karriere, die vom beschaulichen Dörfchen Wie Kummer stammt der 27-jährige Skirenn- Persönlichkeit.» Und Zenhäusern ist auch dann
Mühlebach im Goms immer weiter nach oben fahrer Ramon Zenhäusern aus dem Wallis – wie ein sichtbarer Teil seiner Heimat, wenn er mit
führte – bis auf den Olymp. Trotzdem ist Kum- Kummer hat er Olympiagold gewonnen: 2018 dem Weltcup-Zirkus auf der ganzen Welt un-

28 Weltwoche Nr. 01/02.20


Bild: Robert Boesch (Schweiz Tourismus)
Apropos Glarnerland: Es war ein Sohn dieser
Region, der den Skisport in der Schweiz eta­
blierte und damit die Grundlage zum Winter-
tourismus legte, nämlich Christoph Iselin im
Jahr 1893. Der damals 23-jährige Leutnant und
spätere Generalstabsoffizier hatte Fridtjof Nan-
sens Buch «Auf Schneeschuhen durch Grön-
land» verschlungen und schritt nach der Lek­
türe sofort zur Tat. In einem Protokoll des
Ski-Club Glarus schildert er seine skisportli-
chen Anfänge: «Es war im Winter 1891, als ich,
angespornt und begeistert von Nansens Buch,
mir ein Paar originelle, sehr primitive soge-
nannte Schneeschuhe selber anfertigte und da-
rauf meine Probefahrten nur bei finsterer Nacht
abhielt. Denn wehe dem, der sich damals er-
kühnt hätte, mit so sonderbaren Werkzeugen
Übungen abzuhalten.
Er wäre unfehlbar dem allgemeinen Gespötte
und Hohngelächter anheimgefallen und hätte
sicher riskiert, ent­weder als Tölpel dargestellt
oder in der Fasnacht-Narrenzeitung publiziert
zu werden.» Iselins nächtliche Skiübungen
blieben allerdings nicht verborgen. Freunde
und Skeptiker des neuen Fortbewegungsmit-
tels auf Schnee veranstalteten am 28. und 29. Ja-
nuar 1893 einen Wettlauf von Riedern über den
Pragelpass nach Muota­thal. Marschtüchtige
Wanderer legten diese Strecke im Sommer in
terwegs ist. Der Kinderlift in Bürchen, an dem die Pisten zieht – egal, ob mit Ski oder dem zehn Stunden zurück. Iselin, sein Freund Alex-
er einst das Skifahren erlernte, ist mittlerweile Snowboard», sagt sie. Die Schneiders gehen mit ander von Steiger und der Norweger Olaf Kjels-
nach ihm benannt. Im Restaurant «Dorbia» ­gutem Beispiel voran. Vreni steht ihren Söhnen berg rüsteten sich mit den neumodischen Ski
wird die Pizza «Ramon» serviert, im Restau- Florian, 15, und Flavio, 13, mit Rat und Tat aus. Eduard Naef aus Glarus verwendete die da-
rant «Moosalp» gibt’s die meterlange «Zenhäu- zur Seite – ohne die beiden aber unter zu star- mals von Bergbauern benützten Schneereifen.
sern-Cremeschnitte» nebst dem «Café birru- ken Druck setzen zu wollen: «Sie sollen mit Bis zur Pragelpass­höhe konnte er mit dem
weich», der auf eine Aussage des Wallisers im Spass und Freude Ski fahren. Dass sie immer Tempo der Skiläufer mithalten. Dann aber fiel
österreichischen Fernsehen nach dem Gewinn mit mir verglichen werden, macht es für sie er weit zurück.
der Olympia-Silbermedaille im Spezialslalom nicht einfacher.» Es sollte der grosse Durchbruch der neuen
zurückgeht. Fortbewegung sein. Noch ehe der nächste
Schnee sei aber definitiv nicht gleich Schnee, Es begann im Zigerschlitz Winter Einzug hielt, wurde am 22. November
betont Ramon Zenhäusern: «Im Rennen fahren Schnee ist für Vreni Schneider ein Sehnsuchts- 1893 der erste Schweizer Skiklub, der Ski-Club
wir vor allem auf Eispisten, die aus Kunstschnee faktor: «Mit Wasser kann ich nicht viel anfan- Glarus, gegründet. Er hatte zu Beginn des
und Wasser präpariert sind. Und der Gletscher- gen. Aber was ich auf Schnee schon erleben Winters sechs und am Ende des Winters drei-
schnee fühlt sich oft schwer und nass an. Rich- zehn Mitglieder. In Paragraf 1 der Satzungen
tig heimelig wird’s erst, wenn im Winter der «Den besten Schnee gibt’s bei uns war das ­Vereinsziel umschrieben: «Zweck die-
Schnee natürlich fällt.» ser Vereinigung ist Hebung und Förderung
Dies sieht auch Vreni Schneider so. Die 55-jäh-
zu Hause in Elm, den zweitbesten des Schneelaufens, und zwar durch gemein­
rige Glarnerin, mit je drei Olympia- und wohl in M
­ aribor.» same Übungen und Ausflüge sowie durch Ver-
WM-Goldmedaillen die erfolgreichste Schwei- sammlungen mit den Sport betreffender Dis-
zer Skirennfahrerin der Geschichte, beurteilt durfte und wen ich auf Schnee kennen­gelernt kussion.» Rund achtzig Jahre später schuf Art
die Schneequalität nach persönlichen Krite­ habe, ist schlicht fantastisch.» Schon in ihrer Furrer auf der Riederalp beim Aletschglet-
rien: «Den besten Schnee gibt’s zweifellos bei Kindheit habe Schnee für sie eine magische scher die Grundlage zu seinem Hotelimpe­
uns zu Hause in Elm, den zweitbesten wohl in Ausstrahlung besessen: «Ich hatte zu meinem rium. Der Walliser hatte in den USA für Furore
­Maribor.» Schneider lacht herzlich, als sie dies Geburtstag am 26. November immer einen gro- gesorgt, den Kennedys das Skifahren beige-
sagt. In der slowenischen Stadt mit ihrem ssen Wunsch – dass es schneit.» Obwohl damals bracht und mit seinen tollkühnen Kapriolen
­legendären Berg Habakuk errang sie sieben noch niemand vom Klimawandel sprach, sei den Sprung ins nationale Scheinwerferlicht
­ihrer 55 Weltcup-Siege. Auch fünfzehn Jahre dieser Wunsch längst nicht immer erfüllt wor- geschafft. Wie kaum ein Zweiter konnte Fur-
nach ihrem Rücktritt ist Schneider eng mit dem den. Grundsätzlich will Schneider die Klima- rer den Schnee «vergolden». Furrer streicht
Schneesport verbunden. Zusammen mit ihrem diskussion nicht von sich schieben. Gleichzeitig aber die ursprüngliche Bedeutung der weissen
Ehemann Marcel Fässler leitet sie in Elm eine sagt sie aber auch: «Vor einem Jahr hatten wir Pracht hervor: «Für uns Bergler ist Schnee
eigene Ski-, Snowboard- und Rennschule – in Unmengen von Schnee, in diesem Jahr war im nicht zuletzt ein wichtiges Wasserreservoir.
saisonalen Spitzenzeiten mit bis zu dreissig Tal lange alles grün.» Wie sich das Klima verän- Ohne Schneeschmelze könnten wir im Som-
Lehrern und 150 Schülern: «Ich habe das Ge- dere, lasse sich wohl erst anhand von langfristi- mer die Weiden kaum bewässern.» Grund-
fühl, dass es die Schweizer wieder vermehrt auf gen Messungen feststellen. sätzlich (und abseits des Badezimmers) hält

Weltwoche Nr. 01/02.20 29


sich Furrer dem Wasser aber lieber fern: «Ich von Schnee und Eis geprägt: «Mein Vater war
habe nie schwimmen gelernt – trotz Hallen- Bauer. Im Winter ging es für uns darum, die
bad im eigenen Hotel. Und Ferien am Meer Geräte und Fahrzeuge schneetauglich zu ma-
machten wir nur den Kindern zuliebe.» chen. Wir transportierten den Mist auf Schlit-
ten und statteten die Kutschen mit Skiern
Grosse gesellschaftliche Relevanz aus. Das Gleiten auf Schnee und Eis war von
Reto Furrer, der CEO Schweiz der Skimarke zentraler Bedeutung.» Er habe stundenlang
Völkl, betont die wirtschaftliche Bedeutung des auf den Seen «gechneblet» (Eishockey ge-
Schnees: «Wir zählen in der Schweiz 2,5 Millio- spielt) oder mit seinen Kameraden die Pisten
nen Wintersportler. So gesehen, ist der Schnee an den Hängen mit den Füssen präpariert:
quasi die Grundlage des Schweizer Tourismus. «Pistenfahrzeuge gab es damals noch nicht.»
Orte wie St. Moritz und Zermatt sind Ikonen Der Schnee habe die Menschen auch immer
der internationalen Tourismusbranche. Davos zusammengebracht und ein natürliches Soli-
ist während des WEF das Zentrum der Wirt- daritätsgefühl geweckt: «In der kalten Jah-
schaftswelt. Der Sportfachhandel macht mit reszeit war man noch mehr aufeinander an-
gewiesen als sonst.»
«Der Sportfachhandel macht Völkl-Chef Furrer (M.) mit Vater (l.) und Onkel Art. Heute sieht Gilli den Schnee als etwas von
«grosser gesellschaftlicher Relevanz». Das win-
mit dem Wintersport die es sich nicht um ein Problem der Nachfrage, terliche Weiss stehe für die Sehnsucht nach
grössten Umsätze.» sondern um ein Problem des Angebots.» Reinheit und Nähe zu den Bergen: «Die Men-
Gleichzeitig macht der Neffe von Art Furrer auf schen in der Stadt wollen dem Dichtestress ent-
dem Wintersport die grössten Umsätze.» Eine die gewachsene Konkurrenzsituation aufmerk- fliehen.» Gleichzeitig sagt er aber auch lachend:
Winterjacke oder Ski generierten die grösseren sam: «Strandferien auf den Malediven im «Wenn ich sehe, wie viele Menschen zwischen
Umsätze als eine Bade­hose, so Furrer. Dezember, Safari in Südafrika im Februar,
­ Weihnachten und Neujahr nach St. Moritz
Um die Jungen wieder auf den Schnee zu be- Last-Minute-Reisen in die Türkei das ganze kommen, holt einen der Dichtestress selbst in
wegen, unternehmen Bund, Industrie, Swiss- Jahr – heute ist alles möglich.» den Bergen wieder ein.»
Ski und der Tourismus grosse Anstrengungen. Gian Gilli ist ein Sohn des Oberengadins – Gut möglich, dass einige Leute wegen Cartier,
Vor drei Jahren wurde die Organisation Go­ einer der kältesten Regionen der Schweiz, wo Armani und Dior nach St. Moritz kommen. Die
Snow.ch gegründet. Mit quasi einem Klick die Seen im Winter gefroren sind, der Schnee Mehrheit aber wird durch den Engadiner Win-
kann ein Lagerleiter ein ganzes Ski-Camp orga- meterhoch liegt und das Quecksilber zwei- terzauber angelockt: Pferderennen auf dem
nisieren. Unterkunft, Material und Instrukto- stellige Minuswerte erreicht. Der erfahrene See, tollkühne Schussfahrten im Cresta Run,
ren sind inbegriffen. Weit über 200 Skisport­ Sportfunktionär, unter anderem früher Mis- weite Carving-Schwünge auf der Corvi­glia. Der
lager werden so jährlich gebucht – Tendenz sionschef von Swiss Olympic, Direktor der Schnee bleibt das wichtigste Verkaufsargument
steigend. Reto Furrer sagt dazu: «Der Mythos Bündner Olympiakandidatur 2022 und der- – und das wahre Gold der Alpen. Wie wichtig
vom Verschwinden des Skilagers ist in den Me- zeit OK-Chef der Eishockey-WM 2020 in Zü- und schön er ist, wissen wir erst, wenn er nicht
dien stark verankert. In Wirklichkeit handelte rich und Lausanne, ist seit frühester Kindheit fällt. g

Prominente Teamwettbewerb gewann sie in Pyeongch-


ang, Südkorea. Dort fielen den Skipisten
«Schi-Heilige» 120 000 Bäume zum Opfer. Umweltaktivis-
ten sprachen von einem «Kettensä-
Der Schweizer Skistar Wendy H ­ oldener mischt gen-Massaker». Die nächsten Winterspiele
sich in die Klimapolitik ein. finden im chinesischen Chalet-Dörfchen
Peking (22 Millionen Einwohner) statt.
Grün ist die Farbe der Hoff- chen Wasserbedarf von 14 000 Holdener plant die Anreise – je nach Wind-
nung. Und Grün ist momen- Personen. stärke – mit Segelschiff oder Pedalo.
tan die Farbe der Politik. Ob Wendy Holdener diese Zah-
Grün ist aber nicht die Farbe len kennt, ist nicht bekannt. Die Yules Umweltschutz
des Schneesports. Und weil Schweizer Slalomprinzessin Ähnlich konsequent geht der Walliser
auf Frau Holle kaum mehr wirbt in diesem Winter am ­Slalomspezialist Daniel Yule das Problem
Verlass ist, wird das Winter- Schweizer TV aber praktisch im an. Unlängst liess er sich als Botschafter des
sport-Rohmaterial aus Kano- Stundenrhythmus für einen be- ­Projekts «Protect Our Winters» einspan-
nen geliefert. Dies hat seinen wussteren Umgang mit der Um- nen. Auf die Frage der Sonntagszeitung, was
Preis. Der ­Verband Schweizer welt und für den Kampf gegen er als Skirennfahrer aktiv zum Umwelt-
Seilbahnen schätzt, dass Bau- den Klimawandel. Holdeners schutz beitrage, sagte er: «Ich habe die
kosten von rund einer Milli- «Umdenken»: Holdener. Kernbotschaft: «Es ist Zeit, dass ­Anschaffung eines neuen Handys verscho-
on Franken anfallen, um ei- wir alle umdenken. Gemeinsam ben. Und ich habe seit zwei Jahren keine
nen Pistenkilometer künstlich zu können wir es schaffen.» Zwei Wer­bespots neuen Kleider mehr gekauft.» Da stellt sich
beschneien. Um eine Fläche von 600 Hek- später steigt sie aus einem Kühlschrank – mit bloss die Frage: Zeugt dies wirklich von
tar in winterliches Weiss zu tauchen, einem Eiskaffee in Wegwerfpackung. ­ausgeprägtem Umweltbewusstsein – oder
braucht es rund 600 000 Kubikmeter Was- Holdener kommt aus dem schwyzerischen hat es eher etwas mit dem Modegeschmack
ser. Dies entspricht ungefähr dem jährli- Unteriberg. Die olympische Goldmedaille im zu tun? (tre)

30 Weltwoche Nr. 01/02.20


Bilder. zVg, Jean-Christophe Bott (Keystone)
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Als Anwalt von IS-Kämpfern kritisiert Marcel Bosonnet am Schweizer Fernsehen die vorgesehenen
­Passentzüge. Der Bürgerrechtsjurist hat eine problematische Vergangenheit.
Von Christoph Mörgeli

«Jedes Strafverfahren ist letztlich politisch»: Jurist Bosonnet.

Bei Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) er- nachteilig ist». Genau diese Absicht des Staats- richten, welche ihm zahlreiche öffentlich
hält Marcel Bosonnet immer wieder eine öf- sekretariats für Migration (SEM) erklärte in- besoldete Pflichtmandate anvertrauen. In
fentliche Plattform. So durfte sich der 69-jähri- dessen der Jurist Bosonnet für «nicht rechts- ­Polizeikreisen ist aber immer noch in lebhafter
ge Strafverteidiger von politischen Extremisten gültig», weil weder ein Kriegsverbrechen noch Erinnerung geblieben, dass Bosonnet im Som-
und Terrorverdächtigen auch in der Hauptaus- eine Verurteilung vorliege. Demgegenüber mer 1980 faustgrosse Steine gegen Polizisten
gabe der «Tagesschau» vom 2. Januar für die beharrte der SEM-Sprecher darauf, dass
­ geworfen hatte. Angesichts der damals noch
Kämpfer und Unterstützer des Islamischen «strafrechtlich relevante Handlungen» ge-
­ weit schlechteren Ausrüstung sei dies für die
Staats (IS) ins Zeug legen. Wenige Stunden zu- schehen seien. Beamten lebensgefährlich gewesen. Dass eine
vor h
­ atte die Türkei drei IS-Verdächtige in die solche Person heute auf Kosten der Allgemein-
Schweiz überstellt. Dabei vertrat die offizielle Mit Steinen bei den Jugendunruhen heit IS-Kämpfer verteidigt, empfinden frühere
Schweiz bislang die Meinung, es solle Islamis- Wenn Marcel Bosonnet dem Publikum in den Ordnungshüter geradezu als Schlag ins
ten mit Schweizer Bürgerrecht dort der Prozess öffentlich-rechtlichen Medien den Rechtsstaat ­Gesicht.
gemacht werden, wo sie ihre mutmasslichen erklärt, wird nie hinterfragt, welche rechts- Tatsächlich gelang es drei Kriminalpolizis-
Gewalttaten begangen haben. staatlich bedenkliche Rolle dieser Anwalt in ten in Zivil am 31. August 1980, Marcel Boson-
Das Bürgerrechtsgesetz sieht vor, dass Dop- der Vergangenheit gespielt hat. Ebenso wenig net am Limmatquai zu verhaften. Er hatte
pelbürgern das Bürgerrecht entzogen werden ein Thema ist Bosonnets frühere Aktivisten- ­beide grossen Hosensäcke voller Steine. Ver-
kann, wenn deren «Verhalten den Interessen rolle an Vollversammlungen und gewalt­ haftungsfotos belegen die Festnahme des
oder dem Ansehen der Schweiz erheblich tätigen Demonstrationszügen bei jenen Ge- heute bekannten Rechtsanwalts. Er war in je-

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Bild: Nicola Pitaro (Tamedia)
ner Zeit längst kein Teenager mehr, sondern Kampf einer Minderheit, in einer zweiten Schweizer Anwalt des Spions Julian Assange,
stand im 31. Lebensjahr. Sein damaliges Ver- Phase die Bildung einer Mehrheit durch den bei dem er die Schweiz in der Pflicht wähnte,
halten kann also nicht einfach als Jugendsün- revolutionären Kampf.» Bosonnet ist diesem Schutz zu gewähren – ungeachtet des
de abgetan werden; vor allem verträgt es sich ­Mitglied der Partei der Arbeit (PdA), die sich Schadens für die Beziehungen der Schweiz zu
schlecht mit seinen ständigen Vorwürfen ge- nie richtig von ihrer stalinistischen Vergan- den USA.
gen eine angeblich gewalttätige Polizei. «Prü- genheit gelöst hat. Als Spitzenkandidat Marcel Bosonnet vertrat wiederholt die
gelnde Polizei: Polizeirecht versagt», lautete ­dieser kommunistischen Splittergruppe trat ­Gewalttäterin Andrea Stauffacher vom Revolu-
der Titel eines Artikels von Marcel Bosonnet er 2011 und 2015 für die Nationalratswahlen tionären Aufbau, ebenfalls eine alte Bekannte
in der linken Juristenzeitschrift Plädoyer. Mit aus der Zürcher Bewegung. Sie musste 2011 we-
scharfen Worten liess er sich 2001 auch in der gen Sprengstoff- und Brandanschlägen eine
Weltwoche zitieren: «Es geht der Polizei nicht siebzehnmonatige Haftstrafe absitzen. Weit
um die Rekonstruktion der Wahrheit, son- mehr Schlagzeilen lieferte Bosonnets Verteidi-
dern um einen Freispruch um jeden Preis.» gung des venezolanischen Terroristen «Car-
Über «Gewalt durch die Polizei» dozierte er los», eines lebenslänglich verurteilten Kommu-
vor Studenten der Universität Bern – freilich nisten und heutigen Islamisten. D ­ ieser hat sich
ohne zu erwähnen, zu welchen Mitteln er selber gerühmt, mit seinen ­Anschlägen 1500 bis
­selber gegen den Staat gegriffen hatte. Ganz 2000 Menschen ermordet zu haben.
so «besonnen, humorvoll und sanftmütig»,
wie die NZZ ihn 2015 beschrieben hat, war Bo- Bundesverfassung von Fall zu Fall
sonnet jedenfalls nicht immer. Wäre die Öf- 1997 beauftragte die Israelitische Cultusge-
fentlichkeit bei einem Anwalt mit ähnlicher Verhaftet: Bosonnet als 30-Jähriger, 1980. meinde Zürich Bosonnet mit der Vertretung
Vergangenheit auf der rechtsextremen Seite des Wachmanns Christoph Meili, der Bank­
ebenso tolerant? an. Noch 2018 versuchte er auf der PdA-Liste akten entwendet hatte. Obwohl diese mit dem
Es erstaunt nicht, dass sich der junge Jurist den Sprung ins Stadtzürcher Gemeinde­ Zweiten Weltkrieg oder nachrichtenlosen Ver-
1985 in der Wochenzeitung folgendermassen parlament. mögen nichts zu tun hatten, attestierte ihm
über das kriminalpolizeiliche Informations- Der Zürcher Strafverteidiger äussert sich der Anwalt «edle Motive». Weil sich die Zu-
system äusserte: «Kürzlich wurde bekannt, denn auch immer wieder politisch. Parlamen- sammenarbeit mit Meili als unmöglich erwies,
dass, entgegen anders lautenden früheren tarische Vorstösse für einen höheren Straf­ schmiss Bosonnet dieses Mandat wieder hin.
Verlautbarungen, die Personenkontrollkar- rahmen bei Randalierern und Chaoten seien Viele Juden stiess er vor den Kopf, als er 2002
ten, die im Zusammenhang mit den Zürcher «letztlich ein Angriff auf die Versammlungs- die israelische Staatsspitze wegen Kriegsver-
Unruhen erstellt worden sind, weiterhin auf- und Demonstrationsfreiheit». Als Krawallan- brechen an den Palästinensern bei einem
bewahrt werden.» Marcel Bosonnet hatte ten 2001 in Klosters polizeilich am Weiter­ Schweizer Militärgericht einklagte.
keinerlei Interesse daran, dass seine aktive fahren ans Weltwirtschaftsforum in Davos Als Aussenminister Didier Burkhalter 2015
Rolle in den Strassenschlachten im Gefolge gehindert wurden, sass auch Bosonnet in der einen Menschenrechtsaktivisten aus Aserbai­
der Zürcher Opernhauskrawalle dokumen- dschan in die Schweiz ausflog, wurde dessen
tiert blieb. Der Sohn eines Angestellten der Bosonnet spricht von Asylverfahren unverzüglich Bosonnet anver-
Firma Rieter in Winterthur hatte zuerst traut. Als in Basel Linksaktivisten gegen
Hochbauzeichner gelernt und dann an der
­«Feindstrafrecht», bei dem die ­Rassismus demonstrierten und dabei wegen
Universität Zürich Rechtswissenschaften ­Opfer ­«instrumentalisiert» würden. Übergriffen auf die UBS und auf das SVP-­
studiert. 1982 trat er ins Anwaltsbüro des Sekretariat einen Sachschaden von 160 000
ebenfalls polizeilich verhafteten «Beweg- Rhätischen Bahn. Immer wieder verteidigte er Franken anrichteten, stand ihnen Verteidiger
ten» Bernard Rambert ein und bestand 1989 Kurden – etwa den lebenslang inhaftierten Bosonnet zur Seite. Auch als Anwalt des be-
das Anwaltsexamen. PKK-Terroristen Abdullah Öcalan – und stellte rühmten Problemjugendlichen «Carlos»
die «halsbrecherischen Ausschaffungen» an (heute Brian) prangerte Marcel Bosonnet vor
Öcalan, «Carlos», Meili den Pranger. Hingegen vermied er das Wort allem die «repressiven und restriktiven Haft-
Bosonnets juristische Überzeugungen, die er «halsbrecherisch» bei einem 25-jährigen Raser bedingungen» an. Zu seinen Lieblingsbegrif-
für die Demokratischen Juristinnen und Juris- aus Ex-Jugoslawien, der bei einem Autoren- fen gehört «folterähnliche Zustände», die er
ten Zürich ­vertritt, lassen aufhorchen. «Jedes nen mit Landsleuten in Jona drei Menschen bei «Carlos» ebenso wie bei Mandanten in
Strafverfahren ist letztlich politisch», meint umgebracht hatte. Für einen 1.-Mai-Chaoten, ­Amerika anmahnte.
er. Und er spricht von «Feindstrafrecht», bei der die Credit Suisse mit Steinen und Farb­ Beim Entzug des Bürgerrechts von IS-­
dem die ­Opfer «instrumentalisiert» würden. flaschen beworfen hatte, erreichte er eine Scha- Doppelbürgern appelliert Bosonnet gegen-
Zunehmend ersetze ein «Präventivstrafrecht» denersatzzahlung. Er vertrat auch Öko-Terro- wärtig ans Gleichheitsprinzip in der Schwei-
das Schuldstrafrecht, niemand wolle letztlich risten, die einen Sprengstoffanschlag auf ein zer Bundesverfassung, das keine «Bürger
die Gerechtigkeit. Der Beruf des Anwalts erfor­ IBM-Labor in Rüschlikon verübt hatten. zweiter Klasse» zulasse. Doch 2013 reichte
dere «harte Entschlossenheit und Unerschro- Bosonnet eilte publizistisch der Zürcher Marcel Bosonnet mit seiner PdA eine Volks­
ckenheit in der kämpferischen Auseinander- ­Sozialvorsteherin Monika Stocker zu Hilfe, als initiative ein, die Personen mit mehr als drei
setzung mit der Staatsanwaltschaft». sie über Sozialmissbrauchsskandale stolperte: Millionen Franken Vermögen und Firmen
Von seiner umstürzlerisch-klassenkämpfe- Angesichts der Steuersenkungen zu Lasten der mit mehr als fünf Millionen Eigenkapital um
rischen Gesinnung ist Marcel Bosonnet seit Verarmten erstaune es nicht, «dass in dieser ein Prozent enteignen wollte. Dass eine solche
seiner Jugend nicht im Geringsten abge- ­Situation Betrügereien vorkommen». Er un- Umverteilung das verfassungsmässige Will-
rückt. Kritiklos zitiert er die Rote-Armee-­ terstützte die Juso bei ihrer Klage gegen Regie- kürverbot, die Eigentumsgarantie sowie das
Fraktion, die sich ihrerseits auf Rosa Luxem- rungsrat Mario Fehr (SP) wegen dessen Gebot der gleichmässigen Besteuerung ver-
burg berufe: «Voraussetzung der Revolution Überwachungssoftware («Staatstrojaner»). letzt hätte, störte den linken Recht-Ausleger
ist in einer ersten Phase der revolutionäre Weit spektakulärer noch war sein Mandat als nicht im mindesten. g
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Bild: zVg
Röstis rätselhafter Abgang
Hat sich Albert Rösti wirklich nur freiwillig als SVP-Präsident zurückgezogen?
Hinter den medial zur Schau getragenen Motiven gibt es andere Gründe.
Auch lukrative Mandate spielen eine Rolle. Von Hubert Mooser

SVP-Chef Albert Rösti hat seit der Wahlnieder-


lage im Herbst schwierige Wochen hinter sich.
Über die Weihnachtstage gönnte sich der Ber-
ner deshalb eine Auszeit auf der Riederalp im
Wallis. Ein bisschen Ski fahren, ein bisschen
ausspannen. «Wenn man dem Gedränge auf
den Pisten aus dem Weg gehen will, muss man
um 9 Uhr morgens am Hang stehen», weiss
Rösti aus Erfahrung. Spätestens ab Freitag darf
er sich wieder ins Getümmel stürzen. Die
SVP-Amtsträger treffen sich in Bad Horn zur
traditionellen Klausur am Jahresanfang. Es
geht jetzt um alles: um die Strategie für die Be-
grenzungsinitiative (BGI), die den Zustrom aus
der EU drosseln will und im Mai zur Abstim-
mung kommt – und um den Rahmenvertrag
mit der EU, der bei einem Nein zur BGI wohl
unterzeichnet wird.
Aber es gibt auch Klärungsbedarf, was das
Parteipräsidium betrifft, denn zwei Tage vor
Weihnachten hat Albert Rösti unerwartet im
Sonntagsblick seinen Rücktritt als SVP-Chef an-
gekündigt. «Mir wurde klar, dass die SVP grosse Es gibt Klärungsbedarf: Noch-SVP-Präsident Rösti.
Arbeit in den Kantonen leisten muss», gab er
merkwürdig kleinlaut zu verstehen. «Ich habe tionen des Berner Politikers. Seit der Partei- Wenn alles nach Plan geht, könnte er mittelfris-
in den vier Jahren festgestellt, dass die Struktu- chef nach den Wahlen neu in die Kommission tig den Verwaltungsratssitz von Ulrich Giezen-
ren teils nicht funktionieren.» Er sei jedoch für soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK) danner in der Berner Krankenkasse KPT erben.
kein Restrukturierer, sondern ein Gestalter. Mit drängte, dort aus dem Stand heraus Vizepräsi- Der Aargauer Fuhrhalter, von 1991 bis 2019
harter Hand in den Kantonen durchzugreifen, dent wurde und in zwei Jahren diese Kommis- ­Nationalrat, trat zwar auf Ende der Legislatur
liege ihm nicht. Er wolle in Zukunft, so Rösti sion auch leiten wird, kamen Zweifel auf, ob er als Politiker zurück. Er blieb aber Vizepräsident
weiter, auch etwas mehr Zeit für die Familie noch der richtige Präsident sei. der KPT. Es ist allerdings absehbar, dass Giezen-
und die privaten Geschäfte haben. Die letzten vier Jahre gehörte Rösti der danner, wohl in den kommenden zwei bis drei
Kommission für Wissenschaft, Bildung und Jahren, auch diese Funktion abgeben wird. Rös-
Von Blocher ins Gebet genommen Kultur (WBK) und der Kommission für Um- ti steht dann als Nachfolger ganz oben auf der
Möglicherweise war Röstis Abgang nicht ganz welt, Raumplanung und Energie (Urek) an. Liste. Der Job ist begehrt, das Amt als Vizepräsi-
so freiwillig, wie es die Parteispitze in den Me- Warum zog es ihn jetzt in die SGK? «Bei der dent der KPT trägt Giezendanner pro Jahr zirka
dien darzustellen beliebt. Der gmögige Berner 65 000 Franken ein. Bei der SVP sind solche
wirkte nach dem für ihn persönlich erfolgrei- Kein politischer Bereich ist ­Nebenämter dagegen verpönt, weil damit eben
chen Wahlausgang mit dem schweizweit bes- auch der Ruch der Käuflichkeit einhergeht.
ten Ergebnis in der Wintersession irgendwie
so verfilzt wie der
abgelöscht. Auf Nachfrage geben SVPler zu, Gesundheitssektor. Ominöses Gespräch mit Aeschi
dass es hinter den Kulissen zu kritischen Ge- Kein politischer Bereich ist so verfilzt wie der
sprächen gekommen sei. Rösti musste auch in AHV, der zweiten Säule und im Gesundheits- Gesundheitssektor. Auch bei der SVP waren die
Herrliberg antraben, wo ihn anscheinend Über- wesen stehen zentrale Reformen an», sagt er. Politiker in der Vergangenheit nicht immer im-
stratege Christoph Blocher ins Gebet nahm. «Hier will ich mich verstärkt engagieren.» mun gegen die Lockrufe der Gesundheitslobby.
Wie man hört, war der Ex-Bundesrat vor allem Das sind allesamt schwierige und kompli- Aber nachdem Giezendanner zurückgetreten
mit Röstis Wirken in der Westschweiz unzu- zierte Dossiers. Als SVP-Präsident, der die und der als Pharmalobbyist geltende Basler
frieden. Dass er ihm aktiv den Rücktritt nahege- Partei wieder auf die Erfolgsstrasse zurück- ­Nationalrat Sebastian Frehner abgewählt wor-
legt oder angedeutet hat, ist denkbar. führen muss, würde ihm wohl die Zeit für den war, schien es, als seien die SVP-Mitglieder
Wenn man Rösti darauf anspricht, wieder- ­eine seriöse Kommissionsarbeit fehlen. Wenn der SGK-N jetzt nicht mehr mit dem Gesund-
holt er, was er bereits dem Sonntagsblick zu Pro- er die SGK wie vorgesehen in zwei Jahren prä- heitssektor verhängt. Und nun spekulierte gar
tokoll gab. Das ist die halbe Wahrheit. Tatsäch- sidieren will, muss er sich aber in die kompli- Parteichef Rösti mit einem solchen Nebenjob.
lich hat der Rücktritt eine Vorgeschichte, wie zierten und umstrittenen Dossiers hinein- Dabei hat er schon jetzt eine stattliche Anzahl
mehrere SVP-Vertreter bestätigen. Es ging da- knien. Doch Rösti liebäugelt noch mit einem bezahlter Mandate, über die man bei der SVP
bei um die privaten und die politischen Ambi- anderen Pöstchen. bisher grosszügig hinwegsah.

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Bild: Peter Klaunzer (Keystone)
Rösti ist Präsident seiner Wohngemeinde Schweiz
­Uetendorf mit einem 40-Prozent-Pensum. Er
ist weiter Präsident von Swissoil, dem Dach-
verband der Brennstoffhändler, und des
Unheilvolle Allianzen
Schweizerischen Wasserwirtschaftsverbandes, Alle sind für den Schutz von Whistleblowern.
der sich mit der Wasserkraftnutzung befasst. Doch wehe, es bietet sich eine konkrete Lösung.
Er ist Verwaltungsratspräsident der Elict AG, Dann gibt es tausend Ausflüchte.
die Wissen über Informations- und Kommuni-
kationstechnologie verbreiten will, sitzt im
Verwaltungsrat der Spar- und Leihkasse Thun,
nebenbei betreibt er ein eigenes kleines Bera-
tungsunternehmen. Rösti ist zudem Berater
D as Ritual wiederholt sich alle paar Jahre:
Ein sogenannter Whistleblower deckt
Missstände an seinem Arbeitsplatz auf und
Arbeitgeber wären einverstanden. Doch nun
stellen sich die Gewerkschafter quer.
Entscheidend ist die sogenannte Kaskaden-­
der Gebäudeversicherung des Kantons Bern muss dafür büssen; empörte Kommentare und Regelung. Stellt jemand illegale Machenschaf-
und der parlamentarischen Gruppe Gastge- Leserbriefe werden geschrieben; Politiker for- ten in seinem Betrieb fest, soll er als Erstes den
werbe (Gastrosuisse) und im Vorstand des Ver- dern Massnahmen zum Schutz der Überbrin- Arbeitgeber informieren. Behebt dieser den
eins Volkswirtschaft Berner Oberland. Dass ger der schlechten Nachrichten – wenn ein Missstand nicht, sind die Behörden am Zug.
Rösti jetzt auch noch im Gesundheitssektor paar Jahre später der nächste Skandal auff- Erst wenn diese versagen, steht dem Arbeit-
Fuss fassen will, gab verständlicherweise bei liegt, stellt man fest, dass alles beim Alten ist. nehmer der Weg an die Öffentlichkeit offen.
der SVP einiges zu reden. Zugegeben, es ist eine dornenvolle Materie. Geht er direkt an die Medien, weil er etwa Re-
Fraktionschef Thomas Aeschi, er ist selber Nicht jeder, der sich als Whistleblower aus- pressalien befürchtet, muss er dies schon gut
Mitglied der SGK, soll Parteichef Rösti offenbar gibt, ist auch einer; und nicht jeder, der einer begründen. Es steht ihm aber frei, jederzeit
darauf hingewiesen haben, dass der Sitz in der ist, verfolgt ehrenwerte Ziele. Die Grenzen ­einen Anwalt ins Vertrauen zu ziehen. Doch
SGK und vor allem künftige Pöstchen im Ver- zwischen Helden, Verrätern und Betrügern gegenüber den Gewerkschaftsvertretern gilt
waltungsrat von Krankenversicherern nicht sind oft fliessend. Doch gerade deshalb nach wie vor das Betriebsgeheimnis.
kompatibel seien mit dem Parteipräsidium. Er braucht es klare Gesetze, die genau definie- Hier liegt denn auch der Hauptgrund, war-
müsse sich entscheiden, was er künftig wolle. ren, unter welchen Umständen ein Tippgeber um die Gewerkschaften und mit ihnen die
Die beiden SVP-Spitzenleute sagen über dieses Schutz verdient. Immerhin liegt es auch im Linksparteien das Whistleblower-Gesetz ab-
Gespräch nichts. Dass es innerhalb der SVP sol- Interesse redlicher Arbeitgeber, dass illegale lehnen: Sie wollen im Konfliktfall direkt in-
che Bedenken gab, wird aber von mehreren Machenschaften im eigenen Betrieb gestoppt volviert werden. Damit würden sie ihre
SVP-Vertretern bestätigt. Es sei nicht das Ziel werden. Macht ausbauen. Doch die meisten Arbeit-
gewesen, ihm das Parteipräsidium wegzuneh- Seit sage und schreibe fünfzehn Jahren nehmer in der Schweiz sind nicht gewerk-
men, betonen Parteileute. Aber es fehlte halt wird an einem entsprechenden Gesetz gewer- schaftlich organisiert. Die Gewerkschaften
auch die Bereitschaft, ihm das Amt zu erhalten. kelt. Kurz vor Weihnachten hat der Ständerat hätten heute schon die Möglichkeit, einem
im zweiten Durchgang nun einem Kompro- Arbeitnehmer einen Anwalt zur Seite zu stel-
Steht Dettling als Nachfolger bereit? miss zugestimmt, der den Missbrauch des len, wenn ihnen sein Schicksal denn wirklich
Irgendwann nach den Wahlen und den Diskus- Whistle­ blower-Privilegs weitgehend aus- am Herzen läge.
sionen um Kommissionssitze und Nebenämter schliesst. Das Gesetz ist etwas schwerfällig
hat Rösti für sich selber wohl so eine Art Voll- geworden, aber komplexe Probleme sind nun Auf einen Kompromiss nicht erpicht
kostenrechnung angestellt. Was erwartet ihn mal nicht immer einfach zu lösen. Sogar die Ein zweiter Kritikpunkt der Linken betrifft den
als Parteichef in den kommenden Monaten? aus ihrer Sicht ungenügenden Kündigungs-
Wenn es der SVP nicht gelingt, den herrschen- schutz. Doch hier versteckt sich die Kröte,
den grünen Trend zu wenden, dann wird es für welche die Arbeitgeber nicht schlucken
­
die kommenden Regierungs- und Kantonsrats- ­mögen: Würde ein angeblicher Whistleblower
wahlen vom 8. März in St. Gallen schwierig. generell unkündbar, wäre das Risiko des
«Wir müssen schon zünftig Gas geben, wenn ­Missbrauchs zu hoch. Die Linke ihrerseits ist
wir nicht das Gleiche erleben wollen wie bei den gar nicht erpicht auf einen Kompromiss, wie
Nationalratswahlen im letzten Herbst», sagt der Gewerkschafter und SP-Ständerat Paul
der St. Galler SVP-Nationalrat Roland Rino Bü- Rechsteiner (SG) offen einräumt. Sie speku-
chel. «Erfahrungsgemäss setzt sich der Trend liert vielmehr darauf, dass der Europäische
der eidgenössischen Wahlen bei den kantona- ­Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg
len Wahlen fort.» Das sind keine rosigen Aus- die Gesetzeslücke in ihrem Sinne füllt. Präju-
sichten für Parteichef Rösti. dizien aus Deutschland und Rumänien liegen
Dann wird auch die Kampagne für die Be- gemäss Rechsteiner bereits vor.
grenzungsinitiative kein Spaziergang. Die Der Entwurf des Ständerates geht nun zu-
Wirtschaftsverbände werden Millionen inves- rück an den Nationalrat. In der ersten Runde
tieren, um die Vorlage an der Urne zu versen- hat dieser – ganz im Sinne der Linksparteien
ken. Und Rösti dürfte sich gesagt haben, es sei und mit der Unterstützung von SVP wie auch
besser, jetzt zu gehen, als in zwei Jahren und FDP – beschlossen, nicht auf die Vorlage ein-
nach weiteren Niederlagen richtig aus dem Amt zutreten. Wenn es nicht zu einem Gesin-
geputscht zu werden. Als Nachfolger wird der nungswandel bei den Bürgerlichen kommt,
Schwyzer Landwirt aus Oberiberg, Marcel Dett- ist die Vorlage damit gestorben. Und die
ling, gehandelt – ob die beliebte Frohnatur sich Volksvertreter können auch in Zukunft wie-
die Plackerei an der Parteispitze aber wirklich der nach jedem Skandal Massnahmen zum
antun will, ist offen.  g Setzt auf Strassburg: Gewerkschafter Rechsteiner. Schutz der Whistleblower fordern. Alex Baur

Weltwoche Nr. 01/02.20 35


Bild: Gian Ehrenzeller (Keystone)
Strafrecht auf Abwegen
Der Antirassismusartikel war gedacht als Waffe gegen Holocaustleugner und Neonazis.
Nun wird er immer mehr zur Benimmregel für eine übersensible Gesellschaft.
Von Katharina Fontana

Glaubt man der ersten SRG-Umfrage, ist das


«Antidiskriminierungsgesetz» zum Schutz
von Homosexuellen so gut wie unter Dach.
­Eine satte Mehrheit von knapp siebzig Prozent
der Befragten gab im Dezember an, am 9. Feb-
ruar 2020 ein Ja in die Urne legen und dem er-
weiterten Antirassismusartikel zustimmen zu
wollen. Ob es am Ende tatsächlich so viele sein
werden, muss sich indes erst noch zeigen. Denn
wer gibt bei einer Umfrage schon gerne zu, dass
er einer Vorlage gegen Diskriminierung kri-
tisch gegenübersteht? Dass er wenig begeistert
ist von einem Gesetz, das Hetze gegen Homose-
xuelle verbieten will? Wer gegen Hass eintrete,
sage ja zur neuen Strafnorm, heisst es von den
Befürwortern denn auch apodiktisch. Das tönt
erhebend, ist aber Unsinn: Auch wenn man res-
pektloses Verhalten gegenüber Homosexuellen
ablehnt, muss man noch lange nicht der Mei-
nung sein, es handle sich zwingend um einen
Fall für die ­Polizei und den Strafrichter.
Bei der Abstimmung am 9. Februar geht es
kurz gesagt um die Frage, ob Schwule und Les-
ben einen besonderen strafrechtlichen Schutz
brauchen und neu als Kollektiv vor Benachteili-
gungen und abfälligen Urteilen geschützt wer-
den sollen. Schon heute können sich Homose-
xuelle wie alle anderen Menschen auch mit
Ehrverletzungsklagen wehren, wenn sie per-
sönlich beschimpft oder beleidigt werden. Bei
tätlichen Angriffen, wie gerade jüngst im Zür-
cher Niederdorf geschehen, werden die Täter
wegen Körperverletzung oder anderen Delik-
ten gegen Leib und Leben zur Verantwortung
gezogen. Das Parlament findet allerdings, dass
das nicht reiche. Es hat beschlossen, die Homo-
sexuellen als Gruppe neu dem Antirassismus-
artikel zu unterstellen und neben der «Rasse»,
der «Ethnie» und der «Religion» auch die «se-
xuelle Orientierung» als viertes Diskriminie-
rungsmerkmal festzuschreiben. Das heisst:
Wer Schwule oder Lesben öffentlich herabsetzt
und sie dabei in ihrer Menschenwürde verletzt,
soll es künftig mit der Justiz zu tun bekommen. Witze bleiben grundsätzlich erlaubt: «La Cage aux Folles».
Dagegen haben die EDU, die Junge SVP und
christliche Kreise das Referendum ergriffen; sie Im Durchschnitt gibt es pro Jahr lediglich etwa Bundesrat Ende der 1980er Jahre die Arbeiten
sehen die Meinungsfreiheit bedroht. vierzig bis fünfzig Verurteilungen wegen Ras- zum Schutz vor Rassismus an die Hand nahm,
sendiskriminierung, während es bei den Ehr- ging es wesentlich darum, eine Handhabe ge-
Korrekte Schimpfwörter verletzungen Tausende sind. Dass die Straf- gen Neonazi-Gruppen zu schaffen. Diese mach-
Dass über den Antirassismusartikel gestritten norm so umstritten ist wie keine andere, ten damals nicht nur im Ausland, sondern auch
wird, ist nicht neu. Seit seiner Einführung 1995 kommt indes nicht von ungefähr. Denn sie hierzulande gehäuft von sich reden, unter an-
hat er immer wieder für heisse politische Debat- steht für ein Ausufern des Strafrechts, über das derem mit Anschlägen auf Asylbewerberheime.
ten gesorgt. Von den Zahlen her gesehen, ist die man durchaus geteilter Meinung sein kann. Dem wollte man einen Riegel schieben – die
Aufregung übertrieben, denn in der Gerichts­ Ein Blick zurück zeigt, dass ursprünglich Schweiz sollte nicht zum Hotspot für Glatz-
praxis spielt der Strafartikel kaum eine Rolle: ­eigentlich anderes angestrebt wurde. Als der köpfe in Bomberjacken werden, zum Druck-

36 Weltwoche Nr. 01/02.20


Bild: zVg; Bildmontage: Weltwoche
und Vertriebszentrum für Nazischriften, für aus und erklärte etwa, dass rassistische Stamm- Zeitgeist
NS-Memorabilien und rechtsextreme Propag- tischgespräche nicht a priori erlaubt seien, son-
anda, die im Ausland damals bereits verboten
war. Dasselbe galt auch für die Gruppe von
dern nur dann, wenn alle Anwesenden in einem
Vertrauensverhältnis zueinander stünden. Spä-
Phrasen ohne Ende
­Holocaustleugnern mit ihren antisemitischen ter dann gaben sich die Lau­sanner Richter etwas Was man dieses
Verschwörungstheorien, die sich zunehmend legerer und entwickelten beispielsweise grosse Jahr nicht mehr hören
in der Schweiz tummelten: Auch ihnen wollte Finesse beim Thema Schimpfwörter. So führte möchte.
man keine Plattform bieten, auf der sie ihr revi- das höchste Gericht aus, dass die Bezeichnung
sionistisches Gedankengut ungehindert ver- «Sauausländer» nicht als rassendiskriminie-
breiten, die Existenz von Todeslagern und Gas-
kammern in Zweifel ziehen und das immense
Unrecht, das an der jüdischen Bevölkerung im
rend anzusehen sei, die Kombination des Be-
griffes «Sau» mit der Hautfarbe oder der Reli­
gion hingegen schon. Weiter erteilten sie
D as Jahr ist noch jung, und schon eskaliert
es wieder an allen Ecken und Enden.
US-Präsident Trump sorgt wegen seines lo-
Zweiten Weltkrieg begangen wurde, leugnen moralistisch aufgeladenen Beschwerden rund ckeren Umgangs mit Drohnen im Nahen Os-
konnten. um Humor und Rassismus – etwa im Fall des ten für Eskalation, in Deutschland dreht sich
Komikers Massimo Rocchi, der sich am Fern­ die Eskalationsschraube wegen des «Meine
Strassburger Richter greifen ein sehen eine Bemerkung über den jüdischen Hu- Oma ist ’ne alte Umweltsau»-Liedes wie wild,
Diese Anliegen waren nicht bestritten, und sie mor erlaubt hatte – eine Abfuhr und machten und schaut man sich die vermischten Mel-
sind es auch heute nicht. Das Parlament wagte klar, dass nicht einfach jeder, der sich von einer dungen an, dann
sich bei der Strafnorm aber weit, sehr weit dar- vermeintlich rassendiskriminierenden Aussa- herrscht auch dort
über hinaus, auch im internationalen Vergleich. ge betupft fühlte, als Partei vor Gericht ziehen Eskalation pur. So
So beschränkte man sich nicht darauf, die Leug- kann. Auch müsse es möglich sein, Meinungen ist etwa der Fon-
nung des Holocausts für strafbar zu erklären, zu vertreten, die schockierend sein könnten. due-Streit zwischen
Christa Rigozzi und
Alles andere als klar einer Walliser Wir-
Welches Verhalten nun genau
Doch auch wenn das Bundesgericht versucht tin eskaliert.
­verboten ist, ist auch heute teils hat, das Gesetz zu schärfen: Welches Verhalten «Eskalation» ist ei-
nur schwer prognostizierbar. nun genau verboten ist, ist auch heute teils nur ner jener Ausdrücke,
schwer prognostizierbar. Aus diesem Grund die einem so häufig
sondern erfasste jeglichen «Völkermord». Das wirkt es seltsam, wenn die Befürworter der Ab- begegnen, dass man
hatte die kuriose Konsequenz, dass die Schweiz stimmungsvorlage, wie jüngst CVP-Ständerat Eskalation: Rigozzi. sie nicht mehr hören
2015 vom Europäischen Gerichtshof für Men- Beat Rieder, nun öffentlich versichern, dass die möchte. Es gibt noch
schenrechte verurteilt wurde, weil sie den tür- Ausweitung der Strafnorm auf die «sexuelle weitere. ­Etwa das Adjektiv «spannend», mit
kischen Nationalisten Dogu Perinçek, der an Orientierung» in der Praxis keinerlei Probleme dem heute alles bezeichnet wird, was früher als
mehreren öffentlichen Anlässen hierzulande aufwerfen werde. Stammtischgespräche und interessant galt: eine Ausstellung, ein Thema,
den Völkermord an den Armeniern im Osma­ Witze blieben grundsätzlich erlaubt, sagte Rie- eine Stadt. Letztes Jahr wurde das «Momen-
nischen Reich als Lüge bezeichnet hatte, der der vor den Medien, und man dürfe auch wei- tum» chic und setzte namentlich bei den Bun-
Rassendiskriminierung schuldig gesprochen terhin aus der Bibel zitieren, sofern man damit desratswahlen – «das Momentum lag nicht bei
hatte. Damit habe die Schweiz juristisch über- keine diskriminierenden Absichten verfolge. den Grünen» – zum Höhenflug an. Vor ein paar
bordet und die Meinungsfreiheit über Gebühr Gerade was die Heilige Schrift angeht, ist die Jahren tauchte die «Zivilgesellschaft» auf und
eingeschränkt, sagten die Strassburger Richter. Sache indes keineswegs eindeutig: Etliche
­ veredelt mittlerweile jeden Dorfverein.
Was den Antirassismusartikel aber vor allem ­Homosexuelle dürften sich durch das Zitieren
problematisch macht, ist der Umstand, dass das von Bibelversen, in denen Sexualakte zwischen Danke, dass ich das sagen durfte
Parlament schon vage Vorformen von alltägli- Männern unzimperlich als widernatürlich oder Eher neueren Datums ist die Freude am Wört-
chem Rassismus für verboten erklären wollte todeswürdig verurteilt werden, sehr wohl in chen «dürfen» («Ich habe mich gefreut, Sie
und zu diesem Zweck ungewöhnlich diffuse ­ihrer Menschenwürde verletzt s­ ehen. Und wie kennenlernen zu dürfen; diese Erfahrung ge-
Beschreibungen verwendete, die im Strafrecht dereinst schwulenfeindliche Witze, Schimpf- meinsam mit euch machen zu dürfen; dir den
mit seiner Formstrenge verpönt sind. Die Folge wörter oder auch unverblümte Kritik an der El- Abfallsack runtertragen zu dürfen») – auch ein
war eine Fülle von Unklarheiten: Wie definiert ternschaft von Homosexuellen gerichtlich be- Trend, der auf die Dauer Überdruss hervorru-
man die im Gesetz verankerte «Rasse» eines urteilt werden, muss sich erst noch zeigen. fen kann. Danke, dass ich das sagen durfte.
Menschen: mit der Hautfarbe, der Augenform? Auch wenn die Vorlage im Februar an der Neues tut sich bei der geschlechtergerechten
Sind beispielsweise Angehörige von Balkan- ­Urne angenommen werden sollte, ist die Debat- Sprache. Dass Behörden von den «Mitarbei-
staaten oder Schweizer als «Ethnien» anzuse- te über Sinn und Unsinn des Antirassismusarti- tenden» oder den «Velofahrenden» sprechen,
hen? Verletzt man einen Freiburger in seiner kels noch lange nicht zu Ende. Es ist absehbar, auch wenn diese zu Hause auf dem Sofa her-
«Menschenwürde», wenn man einen Freibur- dass nach den Homosexuellen bald auch wei­ umsitzen und weder am Arbeiten noch am
gerwitz herumbietet? Gelten Gespräche beim tere Bevölkerungsgruppen auf den Plan treten ­Pedalen sind, daran hat man sich gewöhnt.
Pausenkaffee als «öffentlich»? und einen strafrechtlich gesicherten Anspruch Ebenso, dass die «Lehrperson» dem «Lehrer»
Während der ersten paar Jahre kam es zu auf Diskriminierungsfreiheit verlangen wer- den Garaus gemacht hat. Doch offenbar reicht
mehreren Gerichtsurteilen, die diese Fragen den, zum Beispiel Transmenschen, Frauen, das noch nicht. Gendersensible setzen auf eine
­genau gegensätzlich beantworteten. Manche ­Dicke oder ältere Leute. Damit aber gerät die neue Methode: die abwechselnde Nennung
Richter liessen bei verbalen Entgleisungen eine Rassismus-Strafnorm zunehmend auf Abwege. der männlichen und der weiblichen Form. Das
gewisse Nachsicht walten, während andere Sie ist nicht mehr die scharfe Waffe gegen tönt dann etwa so: «Die Arbeitgeber stehen in
kein Pardon kannten. Das Bundesgericht zeigte Rechtsextreme, die sie sein sollte, sondern wird Verhandlungen mit den Bauarbeiterinnen.»
sich zu Beginn seiner Rechtsprechung eher immer mehr zu einer allgemeinen Benimm­ Auch das ein sprachlicher Unfug, auf den man
streng, legte den Begriff der Öffentlichkeit weit regel für eine überempfindliche Gesellschaft. g gerne verzichten würde. Katharina Fontana

Weltwoche Nr. 01/02.20 37


Bild: Facebook
«Deutliche Bremsspuren»: Ökonom Kooths, 50.

«Neue Lust am Sozialismus»


Stürzt Deutschland in eine Rezession? Ist die Industrie ernsthaft gefährdet? Der Konjunkturexperte
Stefan Kooths vom renommierten Kieler Institut für Weltwirtschaft legt dar, wie die Politik frühere E
­ rfolge
verspielt und wie der neue Umverteilungskampf den Wohlstand bedroht. Von Beat Gygi

Stefan Kooths gehört zu den Ökonomen, die Nein, eine Rezession sehen wir nicht. Was amerikanischer Seite 2020 kein neues Stör-
in ihrer Karriere auch die Bedeutung der sich abzeichnet, ist eine relativ schwache feuer zu erwarten. Zudem dürfte sich nach
Wirtschaftswissenschaften für Gesellschaft Entwicklung in der ersten Hälfte 2020. dem Hin und Her um den Brexit die Lage in
und Politik ernst nehmen. Nach dem Volks- Konjunkturell gesehen, kriecht Deutsch- Europa etwas beruhigen, auch wenn wich­
wirtschaftsstudium und der Promotion an land etwas mühsam ins neue Jahr. tige Fragen noch ungeklärt sind.
der Universität Münster war er in Forschung Dass es in der Industrie schlecht läuft, wirkt Die deutsche Autoindustrie ist aber ernst-
und Lehre tätig, 2005 wechselte er in die ­ange- sich also nicht gross aus? haft am Abbauen von Stellen.
wandte Wirtschaftsforschung zuerst beim Jedenfalls nicht so stark, dass es die gesamte Im Automobilbau wirken zyklische und
Deutschen Institut für Wirtschafts­forschung, Wirtschaft unter die Wasserkante drücken strukturelle Faktoren zusammen, daher ist
ab 2010 beim Kieler Institut für Weltwirt- würde. Die Industrie selber befindet sich dort die Lage besonders angespannt. In der
schaft, wo er seit 2014 das Prognosezentrum ja schon seit etwa einem halben Jahr in einer gesamten Breite betrachtet, versucht die In-
leitet. Von dieser vermeintlich statistisch-­ Rezes­sion. Was die Konjunktur zurzeit in dustrie nach wie vor, das Personal so lange
nüchternen Plattform des Konjunkturexper- Schwung hält, sind die konsumnahen als möglich zu halten, auch wenn die Pro-
ten aus tritt Kooths, dessen Interesse auch Dienstleistungen, zusätzlich verstärkt durch duktion zurückgeht. Die Lohnquote steigt
dem Geld- und Währungswesen, internatio- staatliche Impulse, die hauptsächlich via weiter, die Firmen sind also bereit, das Per-
nalen Wirtschaftsbeziehungen und der Ord- verfügbares Einkommen der privaten Haus- sonal durch die Schwächephase hindurch
nungsökonomik gilt, lebhaft in wirtschafts- halte wirken. zu halten, um im Aufschwung wieder
und gesellschaftspolitischen Debatten auf, Deutschland war doch mal Exportwelt- durchstarten zu können.
seit vergangenem Jahr auch als neuer Vorsit- meister. Ist das ein typisches Verhaltensmuster?
zender der Hayek-Gesellschaft. Entscheidend für die Mitte 2020 erwartete Ja, besonders ausgeprägt war es zuletzt in
Erholung ist, dass die deutsche Exportleis- der Finanzkrise 2008/2009. Dennoch: Der
Herr Kooths, bringt 2020 Deutschland eine tung wieder Anschluss findet an die Welt- Arbeitsmarkt ist ein nachlaufender Indi­
Rezession, was für Europa und vor allem handelsentwicklung. Angesichts der bevor- kator für die Konjunktur, niedrige Arbeits-
auch für die Schweiz gravierend wäre? stehenden Präsidentschaftswahlen ist von losenzahlen taugen daher nicht zur Entwar-

38 Weltwoche Nr. 01/02.20


Bild: Dirk Lässig für die Weltwoche
Wird Deutschland zum Verlierer-Standort? Ungleichheiten und Verteilungsungerechtig-
Selbst wenn man von Friktionen bei Auto­ keiten zunähmen und zu korrigieren seien.
modell-Wechseln absieht, ist es unverkennbar: Solche Thesen sind ja Mode geworden.
Die Produktion wird immer mehr in andere Ja, aber die Daten sprechen eine andere Spra-
europäische Länder und zum Teil auch in die che, wenn sie nicht verzerrt dargestellt wer-
Vereinigten Staaten und andere Regionen ver- den. Breite Arbeitnehmerschichten haben
lagert. Das hat meiner Ansicht nach auch damit genau von der marktorientierten Politik
zu tun, dass wir in Deutschland seit etwa 2005 profitiert, die damals auf eine Verbesserung
praktisch keine standortstärkenden wirt- der Bedingungen abzielte, um mehr Be-
schaftspolitischen Initiativen mehr gesehen schäftigung zu schaffen und die Lohnein-
kommen zu stärken. Aber diese Resultate,
«Das ist eine Operation am Beschäftigungserfolge und Verbesserung
der Kaufkraft der Arbeitnehmer, finden in
­offenen Herzen einer der grössten der öffentlichen Debatte kaum Beachtung.
Industrienationen der Welt.» Was die Marktmechanismen gerade auch für
die abhängig Beschäftigten leisten, wird ein-
haben. Im Gegenteil, Jahr für Jahr kam immer fach nicht zur Kenntnis genommen.
eine Regulierung zur andern hinzu, betreffe Ist Marktmedizin unbeliebt, auch wenn sie
dies die Rückkehr aus der Teilzeit, den Min- wirkt?
destlohn, die hoch bleibende Besteuerung, die- Es ist das Problem jeder marktwirtschaft­
ses oder ­jenes; alles zusammen untergräbt die lichen Ordnung, dass ihr der eigene Erfolg
Attraktivität des Produktionsstandortes. zum Verhängnis wird. Man betrachtet diesen
Wirklich schlimm tönt das nicht. rasch als selbstverständlich und sieht nur
Es ist wie in der Geschichte «Gulliver bei den noch, was noch nicht erreicht ist. Die Lücke
Zwergen». Da wurde dieser mit zahl­losen sollen dann sozialistische Politikentwürfe
­feinen Fäden an den Boden gebunden, kein schliessen, die allen alles versprechen. Eine
einzelner Faden war entscheidend, aber alle solche Vorgehensweise verkennt, dass ein
zusammen hielten ihn fest. Und jetzt kommt Wirtschaftssystem immer Wünsche unerfüllt
eine Energiepolitik hinzu, die enorme Un­ lassen muss. Es geht um Entscheide, wofür
sicherheiten über die Preisentwicklung und knappe Ressourcen eingesetzt werden sollen,
die Versorgungssicherheit ins Spiel bringt. nicht um den Weg ins Schlaraffenland. In der
nung. Wichtig ist vielmehr, wie sich das Das ist ein neuartiges Real-Experiment, eine Debatte muss dann aber regelmässig die raue
Schrumpfen einzelner Industriebranchen Operation am offenen Herzen einer der gröss- Wirklichkeit des Marktes gegen ein sozialisti-
noch auf den Arbeitsmarkt auswirken ten Industrienationen der Welt. sches Ideal antreten, das von den eigentlichen
wird, und da sehen wir bei den unterneh- Die etablierte Politik sieht darin eine Pio- Problemen abstrahiert. Diesen Vergleich
mensnahen Dienstleistern schon deutli- niertat mit Vorbildcharakter für die Welt, kann die Marktwirtschaft nur verlieren.
che Bremsspuren. Viele hoffen heute, die und viele Industriemanager machen mit. Hängt das zusammen mit dem, was Sie
demografische Entwicklung werde uns Das sorgt jedenfalls nicht für stärkeres Ver- «die neue Lust am Sozialismus» nennen?
künftig vor grösserer Arbeitslosigkeit ver- trauen der Investoren in den Produktions­ Genau. Ich bin ja jetzt seit einigen Monaten
schonen, weil die Arbeitskräfte zuneh- standort Deutschland. Und wer meint, all auch auf Twitter unterwegs und sehe, wie da
mend knapper werden. Aber irgendwo hat das würde an der deutschen Industrie ab-
die Bereitschaft der Unternehmen zum prallen, weil wir grossartige Ingenieure
Horten von Arbeitskräften ihre Grenzen. hätten, die am Ende vielleicht sogar die
Aus Angst vor Fachkräftemangel müssen Physik ausser Kraft setzen könnten, der UNABHÄNGIGKEIT
die Firmen also doch scharf rechnen. muss irgendwann anerkennen, das alles
Ganz klar, und das kommt für mich in der seine Grenzen hat und auch die ökonomi-
wirtschaftspolitischen Debatte oft zu kurz. schen Gesetzmässigkeiten nicht missachtet
Politik, Verwaltung und Sozialpartner be- werden können.
stärken sich gerne gegenseitig in der Stimmt der Eindruck, dass Verteilungs­
­Ansicht, Deutschland habe jetzt eine Art debatten in den letzten zehn Jahren inten-
Teflon-Arbeitsmarkt, der alles aushalte siver und verbissener geworden sind?
und an dem alles einfach so abperle, was in Das ist so. Vor fünfzehn Jahren war in Deutsch- «Lesen Sie in unserer Kundeninformation Check-Up
der Wirtschaftspolitik falsch gemacht oder land das dominierende wirtschaftspolitische (www.reichmuthco.ch), warum Unabhängigkeit für
liegengelassen wird. Thema die Massenarbeitslosigkeit. Dieses unsere Kunden, wie auch für uns ein zentraler Wert
Ist das eine Illusion? Problem vermochte man zu überwinden, für die Strategie ist.»
Die Gefahr ist gross, dass die Unternehmen auch dank unpopulären arbeitsmarktpoliti- Christof Reichmuth
schleichend den Rückzug aus Deutschland schen Reformen der Regierung Schröder. unbeschränkt haftender Gesellschafter
antreten, was dann allzu leicht dem Radar Jetzt fährt man die Ernte ein, denn die dama-
der Wirtschaftspolitik entgeht. Das scheint ligen Änderungen in der Lohnpolitik brach-
mir auch ein wichtiger Aspekt im Fahr- ten nachhaltige Erfolge – und ich befürchte,
zeugbau zu sein: Die weltweiten Absatz- dass man diese nun wieder verspielen wird.
zahlen der deutschen Hersteller sind or- Wo sehen Sie Anzeichen dafür?
dentlich – aber für die Produktion am Immer lauter wird nun die klischeehafte LUZERN | ZÜRICH | ST. GALLEN
Standort Deutschland gilt das nicht. ­Argumentation aufgewärmt, nach der die

Weltwoche Nr. 01/02.20 39


immer wieder alte und abwegige Diskurs- klar, dass die Nebenwirkungen dieser Sti- lichkeit aber nicht gibt, ist auch in der Ökono-
muster gepflegt werden, die den Markt mulierung doch beträchtlich sind und eine mie nicht ausgeträumt. Sozialwissenschaftler
­negativ darstellen. Da werden Thesen und fortgesetzte Geldmengenausweitung oder lassen sich immer faszinieren von Gesell-
Behauptungen präsentiert, die sich bei nä- Zinsreduktionen wohl kaum mehr viel Wir- schaftsmodellen, die sozusagen Manna vom
herem Hinsehen überhaupt nicht mit den kung erzielen können. Nun werden Rufe Himmel regnen lassen. Wissenschaftlich ist
realen Daten decken, ja in vollem Wider- laut, dass sich die Finanzpolitik stärker das wohl ähnlich faszinierend wie bei den In-
spruch dazu stehen. ­engagieren solle. Man solle mehr Staatsver- genieuren die Suche nach dem Perpetuum
Das Schwärmen von Idealen gehört doch schuldung in Kauf nehmen – dabei ist es
zum politischen Verteilungskampf. doch so, dass genau die Finanz­politik im «Am Ende trifft es diejenigen am
Natürlich, und das fällt natürlich umso vergangenen Jahrzehnt die Schulden ein-
leichter, als die Beispiele für den realen Sozi- fach aus dem Ruder laufen liess – fast über-
schlimmsten, denen man heute die
alismus auf der Welt immer seltener werden all, mit Ausnahme etwa der Niederlande grössten Versprechungen macht.»
und man dann verharmlosend sagt, Vene- und Deutschlands.
zuela, Nordkorea und Kuba hätten zwar Ist also die Geldpolitik wie auch die Finanz- mobile oder nach einer Energieeinrichtung,
nicht funktioniert, aber die würden es eben politik am Ende ihrer Möglichkeiten? bei der am Ende mehr Energie herauskommt,
falsch angehen. Selbst nach Dutzenden von Im Prinzip sind beide ausgereizt. Die Politi- als man hineinsteckt.
gescheiterten Sozialismus-Grossversuchen ker spielen jetzt mit dem Feuer, weil sie ver- Das haben wir heute doch schon konkret:
wird immer wieder keck gesagt, das Ver­ zweifelt nach Steuermöglichkeiten suchen. Man nimmt Schulden auf und erhält dafür
sagen sei einzelnen Fehlern zuzurechnen Zurzeit zeichnet sich ein Revival keynesia­ noch Zins, weil man dem andern das Geld
und nicht einem systematischen Irrtum. nischer Ideen ab, einer Spielart der Lust am abnimmt.
Ist denn die liberale deutsche Ordnungs- Sozialismus. Es scheint, dass Rezepte, die frü- Genau, die gegenwärtigen Debatten über
politik, wie man sie aus dem Wirtschafts- her einmal erfolglos oder schädlich waren, die heutigen Negativzinsen, in denen nun
wunder und später aus der sozialen Markt- nicht einfach verschwinden, sondern nach ge- behauptet wird, der natürliche Zins sei
wirtschaft kennt, völlig verschüttet? bührender Frist wieder auftauchen, wie bei jetzt eben im negativen Bereich gelandet,
Das Problem ist, dass die deutsche ord- einer Pendelbewegung. Die Keynesianer wa- sind bereits stark durch diese Sicht geprägt,
nungsökonomische Tradition an den ren in den siebziger Jahren mit ihren Ansät- die letztlich heisst: Güter sind nicht mehr
Hochschulen zu wenig Unterstützung zen gescheitert, mit dem Zusammenbruch knapp, nein, wir haben zu viele Güter. Am
­erhält. Das akademische Lager hat sich in der sozialistischen Planwirtschaften ging spä- Ende laufen alle diese Traum-Theorien und
den Wirtschaftswissenschaften stark in- ter der ganze Sozialismus bankrott, aber nun, Paradoxien darauf hinaus, dass es keine
ternationalisiert, was ich befürworte, eine Generation später, scheinen diese Ideen Knappheit gibt, dass es an nichts mehr
aber dabei wurde die liberale Wirtschafts- wieder aus der Gruft zu kriechen. fehlt, dass alles da ist, einfach so, gratis.
theorie zu wenig gepflegt, besonders der In welcher Form? Aber die reale Welt ist nicht paradox?
zentrale Standpunkt dieser Disziplin, der In der Form von fast unwiderstehlichen Ver- Nein, und die liberalen Ökonomen sind
besagt: Der Staat muss vorsichtig sein mit heissungen: Man verspricht den Leuten billi- dann eben die Spielverderber, die darauf
Interventionen in der Wirtschaftspolitik, ges Geld, billige Kredite, Staatsausgaben auf hinweisen, dass am Ende des Tages etwas er-
weil die Politiker kaum überschauen kön- Pump und möglichst hohe Löhne. Solche arbeitet und gespart sein muss, wenn man
nen, was sie damit alles anrichten. Empfehlungen klingen einfach zu verführe- Wohlstand schaffen will. Das wirkt dann so,
Die Finanzkrise von 2008/2009 wird aber risch, als dass es nicht immer wieder Gruppen als wolle man den Menschen ihren free lunch
oft angeführt als Beispiel dafür, dass die gäbe, bei denen diese Anklang finden. nicht gönnen.
Ökonomen eben nichts kommen sahen. Ökonomen machen dabei aber auch mit. Was geschieht, wenn man die Lust am Sozi-
Das ist natürlich besonders bitter für die Aus Sicht der Wissenschaft ist von Bedeu- alismus auslebt, bis es halt nicht mehr geht?
­liberalen Ökonomen, die den geldpoli­ tung, dass der Keynesianismus quasi voll­ Am Ende trifft es diejenigen am schlimms-
tischen Interventionismus vor 2007 aufs gestopft ist mit sogenannten Paradoxien. ten, denen man heute die grössten Verspre-
schärfste kritisiert hatten, als die US-­ ­Eigentlich wissen wir, dass für wirtschaftli- chungen macht. Denn alles, was den Kapi-
Notenbank sich unter Alan Greenspan ches Wachstum zuerst einmal Investitionen talstock-Aufbau behindert, belastet nicht
zu tätigen sind, dass ein Kapitalstock aufzu- primär die Superreichen, von denen immer
«Man verspricht den Leuten bauen ist und dass dafür gespart werden die Rede ist, sondern diejenigen, die davon
muss. Sparen heisst, auf Konsum zu verzich- abhängig sind, dass die Volkswirtschaft mit
­billiges Geld, Staatsausgaben ten, und das tun die Leute nicht gerne. Wie einer guten Kapitalausstattung funktionie-
auf Pump und hohe Löhne.» toll muss es dann sein, wenn jemand kommt ren kann.
und sagt: «Nein, ihr müsst genau das Gegen- Wird sich das Problem der expansiven
und Nachfolgern zu einer Art Versiche- teil machen, ihr müsst nicht verzichten, ihr Geldpolitik und der unkontrollierten Ver-
rung gegen Kurseinbrüche am Aktien- müsst weniger sparen, um euren Wohlstand schuldung Ihrer Ansicht nach irgendwie
markt entwickelte. Der Begriff «Greenspan zu mehren.» Das ist für Akademiker allein glimpflich lösen lassen, oder erwarten Sie
put» veranschaulichte treffend, dass eine deshalb schon interessant, weil es so para- eher einen Krach?
Geldpolitik, die zum Auffangnetz degene- dox klingt. Das hat einen gewissen intellek- Ich fürchte, dass wir zumindest aus der Geld-
rierte und das Haftungsprinzip ausser tuellen Sex-Appeal. Meiner Ansicht nach politik nicht ohne eine heftige Anpassungs-
Kraft setzte, mit einer liberalen Wirt- verschafft genau das den einschlägigen so­ rezession herauskommen. Eine Kombina­
schaftspolitik nichts mehr zu tun hatte. zialphilosophischen Richtungen immer tion von Inflation und Vermögensentwertung
Wie steht es denn mit der heutigen Geld- wieder regen akademischen Zulauf. könnte sich zu einer Krise zuspitzen, die
politik, die ja noch extremer ist? Grob gesagt: der Glaube daran, dass es wohl die schwächsten Gruppen der Gesell-
Zehn Jahre lang hatten wir nach der Fi- ­etwas ­gratis gibt? schaft am härtesten treffen würde. Das ist
nanzkrise jetzt eine ultraexpansive Geld- Ja, der Traum vom sogenannten free lunch, leider ein wiederkehrendes Muster einer
politik, und mittlerweile ist den meisten ­also dem Gratis-Mittagessen, das es in Wirk- ­verfehlten Wirtschaftspolitik.  g

40 Weltwoche Nr. 01/02.20


^
Währungen
Als die Swissair rief Franken-Mythos
In den höchsten Sphären geriet der Manager Hannes Goetz in eine Schweden hebt den Negativzins
fundamentale Zeitenwende. Im Dezember ist er 85-jährig verstorben. auf. Kann die Schweiz das nicht
Von René Lüchinger auch tun?

Gelegentlich sah man ihn durch das Zürcher


Niederdorf schlendern: eine hagere Gestalt
mit zerfurchtem Gesicht und melancholi-
den 1950er Jahren oder zu den Grossraumflug-
zeugen in den 1970er Jahren – die Airline-
Indus­trie war eine technische Disziplin, meist
K urz vor Weih-
nachten kündigte
die schwedische Zent-
schen Augen, wie ein Don Quijote ohne einen mit Ingenieuren an der Spitze wie eben einem ralbank die Aufhe-
treuen Sancho Panza an seiner Seite. Meist Armin Baltensweiler. Seit den 1990ern jedoch bung der Negativzin-
ging er allein, der Rücken gekrümmt vor Gram wüten am Himmel deregulierte, entfesselte sen an und erhöhte
über das Grounding der Swissair. Mit diesem Marktkräfte. Das ist die doppelte Lebenstragik den Leitzins von mi-
Firmennamen ist der Aufstieg und Fall von des Hannes Goetz: Er war bei der Swissair zur Unsichere Zeiten. nus 0,25 auf 0 Pro-
Hannes Goetz untrennbar verbunden. falschen Zeit am falschen Ort. zent. Machen die
Der Aufstieg begann am 15.  Juni 1990 im Dieser so grundredliche Mensch kämpfte bei Schweden den Schritt, den auch die Schweizeri-
­Luxushotel «Bel-Air» in Los Angeles. Dorthin der Swissair gegen Windmühlen und muss sich sche Nationalbank dringend tun sollte? Beide
hatte der grosse alte Mann der Swis- waren 2015 in das Regime der Negativzinsen
sair, Armin Baltensweiler, den Aus- eingestiegen, das mit normalen wirtschaftli-
schuss seines ­Verwaltungsrates ge- chen Verhältnissen langfristig unverträglich
laden, um sein bestgehütetes und für Firmen, Gesellschaft und Vermögen
­Geheimnis zu lüften: seine Nachfol- schädlich ist. In der Schweiz wächst der Wider-
ge im Präsidium der nationalen Air- stand gegen die von der Nationalbank erhobe-
line. Er hatte nur diesen einen Na- ne 0,75-Prozent-Belastung.
men auf der Liste. Im damaligen Die Spitze der Schweizerischen Nationalbank,
Chef des Maschinenbaukonzerns allen voran Präsident Thomas Jordan, verteidigt
Georg F ­ ischer (GF) erkannte Bal- den Negativzins hartnäckig mit dem Argument,
tensweiler wohl sein eigenes dieser sei nötig, um die Schweizer Zinsen unter
­Charakterbild. dem Auslandsniveau zu halten. Dies drossle die
Nachfrage nach dem Franken und verhindere,
Alle nickten dass die hiesige Währung so stark werde, dass
Hannes Goetz ist Naturwissen- dies der Schweizer Wirtschaft schaden und die
schaftler, imprägniert von einem Preisstabilität gefährden würde.
technologieorientierten Unterneh-
men, jovial und zuvorkommend wie Schaumteppich
er selber. Nicht einmal Ulrich Bremi, Kampf gegen Windmühlen: Hannes Goetz. Gewiss, die Schweiz ist nicht Schweden. Die
damals GF-Präsident, hatte Baltens- ­Krone ist gegenüber dem Euro schwächer gewor-
weiler eingeweiht – er durfte sein Plazet zu die- dabei gefühlt haben, als würde er stets auf dem den, der Franken stärker. In Schweden lag die
ser Personalie im Nachhinein geben. Das war falschen Fuss erwischt. Als er 1993 mit dem ­Inflation kürzlich bei 1,8 Prozent, in der Schweiz
damals noch so: Wenn die Swissair rief, nickten ­Alcazar-Projekt die Swissair durch die Fusion bei 0,2 Prozent. Grob gesagt: Schwedens Geld­
alle. Auch Hannes Goetz, der über seine Promo­ mit der skandinavischen SAS, der niederlän­ politik war weniger streng als die schweizeri-
tion wohl ähnlich überrascht war wie der Rest dischen KLM und der österreichischen AUA sche, und die Krone wirkt fürs Publikum weniger
der Schweiz. für die Deregulierung der Märkte wetterfest attraktiv als der Franken. Immer wieder kommt
Der Abstieg begann im Grunde am 1.  Mai machen wollte, wurde er von einer politisch-­ das Argument, der Franken ziehe in unsicheren
1992, als Hannes Goetz nach einjähriger Ein­ publizistischen Phalanx als Landesverräter be- Zeiten spezielle Käufer an, die einen relativ siche-
arbeitungszeit von Baltensweiler das Swissair-­ schimpft, der das Kleinod Swissair ins Ausland ren Zufluchtsort für ihr Vermögen suchten. Ein
Präsidium übernahm. Zwar durfte er im Glanz verhökern wolle. Als er 1995 die Sabena kaufte, Wegfall der Negativzinsen würde diese Magnet-
des Amtes in die höchsten Sphären der damals prophezeiten ihm die Airline-Experten, er wirkung geradezu potenzieren und den Wech-
noch enggeknüpften Schweiz AG aufsteigen, würde sich im Morast belgischer Unzuver­ selkurs in Krisenzeiten in die Höhe treiben.
wurde Verwaltungsrat der AG für die Neue Zür- lässigkeit eine blutige Nase holen. Aber woher weiss man das? Beobachtungen
cher Zeitung, bei der Schweizerischen Bankgesell- Als Hannes Goetz am 27. April 2000 sein Prä- aus der realen Welt sind rar, seit der Finanzkrise
schaft (SBG) und der Schweizerischen Indus­trie- sidentenamt abgab, hatte die Swissair neben mit ihren Turbulenzen sind zehn Jahre vergan-
Gesellschaft (SIG). In seinem Hauptjob in der der Sabena einen Korb voll hochdefizitärer gen. Seither sind die Entwicklungen an den
Airline-Industrie fremdelte Hannes Goetz je- Airlines zusammengekauft: LTU, Air Littoral, Märkten ziemlich gesittet verlaufen, gerade auch
doch von Anbeginn. AOM, Air Liberté, und die Swissair stand sieb- wegen einer Geldpolitik, die viele Probleme mit
zehn Monate und vier Tage vor dem Groun- einem Schaumteppich zudeckte. Statistisch sind
Entfesselte Marktkräfte ding. Immerhin blieb ihm eine öffentliche De- die Daten so ärmlich, dass sehr schwierig abzu-
Er trat in eine Branche ein, die sich der funda- mütigung erspart: Er musste im Fall Swissair schätzen ist, wie viel Zufluchtsgeld der Franken
mentalsten Zeitenwende ihrer Geschichte ge- nie persönlich vor Gericht erscheinen. im Fall des Falles tatsächlich anziehen würde.
genübersah. Ob im Propeller-Zeitalter der Am 11.  Dezember 2019 ist Hannes Goetz Man muss fast dran glauben, um die Argumen­
Nachkriegszeit, beim Übergang zum Jet in 85-jährig verstorben.  g tation der Nationalbank zu teilen. Beat Gygi

Weltwoche Nr. 01/02.20 41


Bild: Pierre Thielemans (Keystone)
Der Jahrhundert-Apotheker
Dr. Noyer ist in Bern eine Institution. Der bald neunzigjährige Gründer des pharmazeutischen KMU steht
noch immer fast täglich hinter dem Ladentisch. Wie lautet sein persönliches Rezept für ein langes Leben?
Von Christoph Mörgeli

Der bald 90-jährige Unternehmer mag es un-


kompliziert. Natürlich habe er Zeit für ein
Gespräch, sagt Jean Maurice Noyer, Berns be-
kanntester Apotheker. Ob Montag um acht
Uhr früh passe, fragt er. Im Lauf des ­späteren
Morgens stünden weitere Termine an.
Nach einem freundlichen Empfang im
Hauptgeschäft an der Neuengasse 15 in der
Berner Altstadt führt Noyer – er spricht seinen
Familiennamen französisch aus – den Besu-
cher s­ ofort ins Untergeschoss, wo Papier und
Schreibzeug für den Journalisten säuberlich
bereitliegen. Die Geschäftsräumlichkeiten
sind modern und einladend gestaltet. «Das
Werk meines Sohnes», erklärt Noyer, und man
spürt seinen Stolz darüber, dass die pharma-
zeutische Familientradition fortbesteht. Im
kleinen Büro meint der am 5. Oktober 1930 ge-
borene Betreiber von früher fünf, heute vier
Apotheken fast entschuldigend: «Ich selber
habe niemals einen Stuhl oder gar ein Büro
­besessen. Was administrativ zu tun war, wurde
von mir zeitlebens im Stehen erledigt.»

Seit 65 Jahren am Ladentisch


Geschadet hat es Berns bekanntestem Apothe-
ker offensichtlich nicht, dass er 65 Jahre lang
fast rund um die Uhr für seine Kunden auf den
Beinen war. Denn seine Gesundheit ist noch
immer sehr zufriedenstellend. Noyers kluges,
waches Gesicht zeugt von aufmerksamer Em-

«Was administrativ zu tun war,


wurde von mir zeitlebens im
­Stehen erledigt.»

pathie und Vertrauenswürdigkeit, die er ge-


genüber den Patienten ausstrahlt. Wieselflink
ist er sein langes Leben lang die Treppen her-
auf- und hinuntergehuscht. Jetzt geht er vor-
sichtiger, setzt achtsam Schritt vor Schritt und
greift sicherheitshalber auch mal zum Trep-
pengeländer. Doch noch immer lassen die ge-
schmeidigen Bewegungen des schlanken, fast
zierlichen Pharmazeuten erahnen, wie rasch
und effizient er über Jahrzehnte seine Arbeit
erledigt hat. Nach einer Fussinfektion musste
eine Zehe operativ entfernt werden. Wegen
­einer nachfolgenden Komplikation trägt er
jetzt Spezialschuhe. Auch sein Gehör habe et-
was abgenommen, was ihn beim Kundenkon-
takt zuweilen leicht behindere.
Schon sein Vater Julien Noyer, ein gestrenger
Herr der alten Schule, hat, zuerst in Romont, ei- Arbeit hält gesund: Heilmittelfachmann Noyer in seinem Berner Geschäft.

42 Weltwoche Nr. 01/02.20


Bild: Caspar Martig für die Weltwoche
ne Apotheke geführt. Später ist er in die Stadt bekannten Adresse. Mit den Ärzten pflegte er nert sich an zahlreiche Begegnungen, ernste
Bern gezogen, weil er sich als Protestant im eine vorzügliche Zusammenarbeit, auch wie heitere. Von den Bundesräten kamen
streng katholischen Freiburgischen nicht mehr wenn der Heilmittelfachmann – wie er vor- ­etwa Micheline Calmy-Rey und Pascal Cou-
wohl fühlte. Als Sohn eines Veterinärprofessors sichtig durchblicken lässt – beim Kontakt chepin vorbei, in früherer Zeit waren Hans
am Tierspital hatte er seine Jugend und später mit den Patienten die ärztlichen Diagnosen Hürlimann und dessen Frau treue Kunden.
sein Studium in Bern verbracht. Er heiratete ei- mitunter etwas anzweifelte. Sie litten schwer am Schicksal ihres krebs-
ne reformierte Waadtländerin, und in diesem Eine erste Heirat, aus der Nathalie (später kranken Sohnes. Peter Bodenmann schaute
Glauben ist Jean Maurice Noyer aufgewachsen. Lehrerin) und der Hotelfachmann Alain her- gelegentlich rein, auch der heutige Post-Chef
Aber als kirchlich könne er sich nicht bezeich- vorgingen, war leider gescheitert. Später hei- Urs Schwaller.
nen, habe er doch das Übermenschliche eher in ratete Noyer die Apothekerin Susanne Aebi, Jean Maurice Noyer hat sich früher im Vor-
der Natur gesucht und gefunden. Die Dreiei- Tochter eines Huttwiler Möbelfabrikanten stand des Stadtberner Apothekervereins enga-
nigkeit und der S­ ündenbegriff bereiteten ihm und SVP-Grossrats, mit der er bis heute die giert und lehrreiche Reisen unternommen. Er
zeitlebens M­ ühe. Auch wenn er sich nicht im glücklichste Ehe führt. Sohn Mathieu Noyer organisierte Praktika, hielt im Inselspital Vor-
Gebet an Gott richte, habe ihn das Thema Reli- und Tochter Anne-Laurence Noyer, beide pro- lesungen und nahm Examen ab. Der erfahrene
gion nie losgelassen. In der spärlichen Freizeit movierte Pharmazeuten, leiten heute zusam- Apotheker bedauert, dass das Geschäft in den
befasste sich Noyer neben der Bibel auch mit men mit Sohn Alain das Unternehmen. Anne-­
dem ­Talmud und dem Koran. Angesichts seines Laurence betreut die Apotheke Pfötli an der Speziell ältere Kunden wünschen
fortgeschrittenen Alters beschäftigt ihn natür- Schauplatzgasse. Wie dieser Name sagt, hat sie
lich der Tod, und zum Ablauf seiner Beerdi- auch grosses Interesse an der Tier­pharmazie.
Doktor Noyer zu sprechen und
gung habe er sich durchaus schon Gedanken ge- Mathieu steht der Apotheke am Standort Neu- vertrauen seinen Ratschlägen.
macht. engasse vor, und Alain leitet das ­Labor für tra-
In der Schule musste Noyer zuerst Deutsch ditionelle chinesische Medizin am Eigerplatz. letzten Jahren zunehmend schwierig gewor-
lernen. Die Familie wurde belastet durch das Die Apotheke im Postparc an der Schan- den ist. Auch darum, weil die Eigentümer der
Schicksal seiner beiden Brüder, die beide zenstrasse (verbunden mit dem City Notfall) Liegenschaften oft horrende Mietpreise ver-
schwere Diabetiker waren und ziemlich früh und die City Apotheke in Biel werden durch langen und den Apotheken kaum entgegen-
verstorben sind. Jean Maurice Noyer war ein geschaftsführende Apotheker betreut. kommen wollen, weil sonst der Wert der
mittelmässiger Schüler, der sehr gern zeich- Gebäude sinkt. Deshalb musste die Firma
­
nete und malte. Sein sehnlichster Wunsch Von sieben bis sieben ­Noyer 2015 zwei Geschäfte an der Marktgasse
war es, Architekt zu werden. Doch solche Jean Maurice Noyer hat nie aufgehört, zu aufgeben und das Hauptgeschäft an die
­Pläne stiessen beim Vater auf heftigen Wider- arbeiten. Auch mit dem Computersystem
­ ­Neuengasse verlegen.
stand. Er überzeugte Noyer schliesslich, kommt er trotz gelegentlichen Schwierigkei- Was ist das Geheimnis von Jean Maurice No-
ebenfalls Pharmazeut zu werden. «Werdet ten recht gut zurecht. Er ist ein grosser Freund yers langem, gesundem Leben? Es sei zualler-
selbständig, werdet euer eigener Chef», lau- des Schauspiels, und seine Firma unterstützt erst die Arbeit. Er steht werktags ausser am
tete der dringende Rat seines Professors. Das das Theater an der Effingerstrasse. Die Male- Montag täglich von elf bis sieben Uhr abends
Studium, ja selbst noch das Doktorat in Bern rei, vor allem aber die Architektur faszinieren (früher von sieben bis sieben Uhr) in der Apo-
machte Noyer keine grosse Freude. Doch ihn nach wie vor, und er pflegte gute Kontakte theke, auch an den Samstagen. Speziell ältere
zu Mitarbeitern des Ateliers 5. Auch aus dem Kunden wünschen Doktor Noyer zu sprechen
Er hat in all den Jahren Militärdienst, den er seinerzeit als Offizier der und vertrauen seinen Ratschlägen. Zweimal
Sanitätstruppen absolviert hatte, ergaben sich pro Woche geht er schwimmen. Noyer sagt von
seine Berufswahl keine schöne Kontakte. sich, er habe Glück mit seiner Familie wie mit
Minute bereut. Noyer hat als Apotheker und Unternehmer seinen Genen, bewege sich viel und verwende
gute Jahre erlebt, doch die Situation wurde in Ginkgo für die Fitness des Gehirns. Es habe
dann geschah ein kleines Wunder: Vom ers- den letzten Jahren problematischer. Die Kon­ ihm wohl gutgetan, dass er ständig auf den
ten Moment an, in dem er hinter dem Laden- kurrenz der immer mächtiger werdenden Beinen war. Etwas häufiger als früher, räumt er
tisch der Apotheke stand und Kunden bedie- Apotheker- und Drogerieketten oder der ein, nehme er mittlerweile einen Lift in An-
nen durfte, blühte er förmlich auf. Er hat in Grossverteiler beeinflusst die Existenz der spruch.
all den Jahren seine Berufswahl keine Minute Privatapotheken negativ. Einen Missstand Die Hauptverantwortung im Unternehmen,
bereut. unseres Gesundheitswesens sieht er darin, einem stattlichen KMU mit insgesamt rund
Sehr früh packte Jean Maurice Noyer ­neben dass Apotheker g ­ enau wie Ärzte von der hundert Angestellten, hat Jean Maurice seinen
der schulmedizinisch-wissenschaftlichen ­Pharmaindustrie massiv bearbeitet werden; Kindern übergeben. Er redet ihnen nicht mehr
Arzneikunde auch das Interesse für deren Marketing sei heute oft teurer als die drein und freut sich ganz einfach darüber, wie
Medikamente der Alternativmedizin, für
­ Forschung, bedauert er. Auch nehme die Ab- diese das Geschäfts- und Familienleben
Homöopathie, anthroposophische Medizin, hängigkeit von Studien ständig zu, wobei erfolgreich meistern. Natürlich packe der
­
Phytotherapie, traditionelle chinesische man etlichen mit guten Gründen misstrauen 43-jährige Mathieu Noyer manches anders an,
­Medizin oder Spagyrik. Die Labore, Maga­ müsse. Gewisse Heilmittel, deren Wirkung als er es getan habe: «Anders, aber genauso er-
zine und Substanzendepots im Unterge- lauthals und weltweit angepriesen würden, folgreich.» Auf die Nachfrage, wo denn die
schoss der Berner Neuengasse zeugen hätten nach seinen Erfahrungen ein ge­ Unterschiede lägen, lächelt der 89-Jährige ver-
­eindrücklich davon, wie entsprechende Heil- fährliches Suchtpotenzial, was aber ver- schmitzt: «Mathieu verabschiedet sich zum
mittel in liebevoller, sorgfältiger Handarbeit schwiegen werde. Beispiel am Abend pünktlich eine Stunde vor
angefertigt werden. Die Firma Noyer b ­ emüht In seinem langen, bis heute anhaltenden Ladenschluss zur Pflege seiner Familie – auch
sich, möglichst viele Hausspezialitäten sel- Berufsleben hat Jean Maurice Noyer viele wenn noch Kunden in der Apotheke warten.
ber herzustellen, was die Kundenbindung Kunden bedient, wegen der Nähe zum Bun- Das ­hätte ich nie im Leben fertiggebracht.»
verstärkt. Im Alternativbereich wurde Jean deshaus auch manche Politiker, die sich rasch Doch die positive Entwicklung zeige, dass es
Maurice Noyer bald zur gesuchten, ­weithin ein Medikament besorgen wollten. Er erin- so auch gehe. g
Weltwoche Nr. 01/02.20 43
Biss der Klapperschlange
Die Ermordung von General Soleimani steht im Einklang mit Trumps Doktrin des «strategischen
Realismus». Die Iraner haben sie offenbar nicht genau studiert und wurden kalt erwischt.
Ob Feind oder Freund, spätestens jetzt ist das Dokument Pflichtlektüre. Von Urs Gehriger

Die Träger der Deutungshoheit von der Werd- Lieblingssender. «Und warum ignorieren wir
und der Falkenstrasse geben Sturmwarnung weiterhin den Niedergang unseres eigenen
aus: «Donald Trump handelt ohne jedes Au- Landes zugunsten eines Sprungs in einen wei-
genmass» (Tages-Anzeiger). «Eine Drohne ist teren Sumpf, aus dem es keinen Ausweg gibt?»,
noch keine Strategie» (NZZ). fragt Carlson an die Adresse des Weissen Hau-
Trumps Kritiker haben gewarnt, als er Trup- ses. «Übrigens, wenn wir neunzehn traurige
pen aus Nahost abzog. Nun warnen sie davor, Jahre später immer noch in Afghanistan ste-
dass er bald neue schickt. Sie haben sich jahre- hen, was lässt uns glauben, dass es eine schnel-
lang geduckt, als Obama den Drohnenkrieg es- le Rückkehr aus dem Iran gibt . . .?»
kalierte und ganze Hochzeitsgesellschaften Dies sind allesamt eminent wichtige Fragen.
ausradierte. Jetzt sind sie Bedenkenträger, Doch möglicherweise sind Tucker Carlson und
wenn Trump Irans strategisches Ass per Blatt- viele Warner in einer prä-trumpschen Ära ge-
schuss – und ohne zivile Kollateralschäden – fangen. Genauso wie der Iran auch. Zweifels-
niederstreckt. Angesichts der «Monstrosität» frei könnte der Iran als «Opfer» amerikani-
dieses US-Präsidenten geht beinahe unter, scher Aggression international Sympathien
dass Qasem Soleimani Terror und Tod in der erheischen, wenn es ihm gelänge, Trump zu
ganzen Region gestreut hat. militärischen Abenteuern zu provozieren, in
der Hoffnung, diese würden sich – wie in Afg-
Text-Message auf das persönliche Handy hanistan, wie im Irak – bald als Blutbad epi-
Der General mit den rauchgrauen Husky-Au- schen Ausmasses erweisen. Die vom Regime
gen – das rechte hing aus unerfindlichen choreografierten Parolen bei der Trauerfeier
Gründen irritierend im Lidwinkel oder wan- Soleimanis – «Hey US, you started, we will fi-
derte eigenwillig autonom umher – wurde nish!» – weisen auf dieses Ansinnen hin.
wechselweise als Meisterspion verehrt oder als Aber in diese Falle werde Trump nicht tap- Mephisto des Morgenlandes: General Soleimani.
Mephisto des Morgenlandes gefürchtet. Er pen, ist Militärhistoriker Victor Davis Hanson
selbst machte keinen Hehl aus seiner eminen- überzeugt. Nachdem er lange Geduld und Zu- Die Doktrin wurde vor Weihnachten 2017 in
ten Rolle. Dem US-Oberbefehlshaber im Irak rückhaltung gegenüber früheren iranischen Trumps erster National Security Strategy um-
schickte er einst – via Vermittler – eine Eskalationen gezeigt habe, könne Trump nun rissen. * Darin vollzog der ­damals neue US-Prä-
Text-Message auf das persönliche Handy: aus sicherer Distanz auf iranische Gegenschlä- sident eine radikale Abkehr der Militärpolitik
«General Petraeus, Sie sollten wissen: Ich, Qa- ge reagieren, ohne als «Provokateur aufzutre- seiner Vorgänger Bush und Obama: weder
sem Soleimani, kontrolliere die iranische Aus- ten, der nach Krieg lechzt», so Hanson in der ­humanitäre Interventionen noch kostspieliges
senpolitik gegenüber dem Irak, dem Libanon, National Review. nation building, ­weder Export von Demokratie
Gaza und Afghanistan.» Hanson, der Trump im Interview mit der und freier Markt­wirtschaft in diktatorische
Sicherheitsexperten sind sich einig: Die Weltwoche jüngst mit einer Chemotherapie ver- ­Regime noch kostspielige Befreiung von ge-
Welt ist ein sicherer Ort ohne Soleimani. Den- glich, deren Ziel es sei, «den Krebs zu töten, knechteten, armen ­Völkern.
noch drängen sich Fragen auf. ­bevor dieser den Patienten umbringt» (Weltwo- Trump orientiert sich an einem harten Rea-
Soleimani habe «Tausende» umgebracht, so lismus. «Amerika zuerst», aber nicht «Ame­
Trump. Warum hat er dann drei Jahre mit sei- Es handelt sich um eine Art rika allein». Ohne sich an erstarrte Bündnisse
ner Ermordung zugewartet? Damit hat sich zu ketten, sucht er situativ Partnerschaften,
der US-Präsident – wie Obama vor ihm – für
alttestamentarisches Fernduell wo es amerikanische Interessen als opportun
den Tod dieser Menschen mitverantwortlich mit Hightech-Waffen. oder nötig erscheinen lassen. Diese neue Rolle,
gemacht. so die Überzeugung Trumps, kann Amerika
Warum war Soleimani überhaupt im Irak? che Nr. 48/19), ist überzeugt: Der Iran hat sich in nur aus einer Position der Stärke spielen. Stär-
Weil die Amerikaner 2003 unter einem fal- Trump gründlich getäuscht. Er habe das ke, das heisst: wirtschaftliche Robustheit, frei-
schen Vorwand das Land angriffen, Saddam Impeachment-Verfahren, den anstehenden
­ er, aber fairer Handel, Förderung der heimi-
Hussein stürzten, dem Iraner so die Tore öff- Wahlkampf, den Truppenabzug aus Syrien als schen Industrie, ein wiedererstarktes
neten und Teheran zu regionalem Gross- Zeichen der Schwäche, ja gar der Unfähigkeit amerikanisches Selbstbewusstsein, sichere
machtstatus verholfen haben. Ist es also klug, interpretiert, auf Provokationen in Nahost zu Grenzen, restriktive Migrationspolitik – und
einen weiteren Krieg vom Zaun zu reissen? reagieren. militärische Übermacht.
Hat Trump nicht gelobt, keine sinnlosen Feld- Die Doktrin des wehrhaften US-Patriotis-
züge mehr zu führen? Situative Partnerschaften mus findet symbolisch Ausdruck in der «Gads­
Auch unter konservativen Meinungsfüh- Dieser Hybris liege ein tiefgreifendes Unver- den flag». Die Flagge zeigt eine zum Biss berei-
rern macht sich Skepsis breit. «Ist der Iran ständnis des US-Präsidenten zugrunde. «Tehe- te Klapperschlange auf gelbem Grund mit
wirklich die grösste Bedrohung für uns?», so ran hat die Doktrin des strategischen Realismus dem Wahlspruch «Don’t tread on me» – «Tritt
Tucker Carlson auf Fox News, Donald Trumps der US-Administration falsch eingeschätzt.» nicht auf mich». Sie zählt zu den ältesten Flag-

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Bild: Keystone
mus. Sie sorgen bei seinen Kontrahenten für
Nervosität. Russland, Nordkorea oder China
studieren sorgfältig seine Reaktionen und sind
sich nie ganz sicher, was als Nächstes kommt.
Nun wartet die Welt auf den Racheakt, den
Iran angekündigt hat. Doch die Mullahs sitzen
am kürzeren Hebel, ist Hanson überzeugt.
«Wenn sich der Iran dem Terrorismus und Cy-
ber-Angriffen zuwendet, verliert er internatio-
nal noch mehr politische Unterstützung. Und

Erstmals sind die USA nicht


mehr auf Erdöl aus dem
Nahen Osten angewiesen.

er riskiert Reaktionen der US-Luftwaffe auf


­seine Infrastruktur im eigenen Land» – die
das taumelnde Regime noch mehr schwächen
würden.
Ein geostrategisches Novum beschert Trump
einen weiteren Vorteil. Erstmals sind die USA
nicht mehr auf Erdöl aus dem Nahen Osten an-
gewiesen; sie nähern sich der Energieunabhän-
gigkeit – auch diese ist Teil von Trumps strate-
gischem Realismus.

Trump kann und wird nicht alle töten


Keine Frage, die aktuelle Krise birgt grosse
­Gefahren. Ein Truppenabzug der Amerikaner,
wie ihn die Iraker jetzt gefordert haben, öffnet
dem Iran weitere Tore zum Nachbarland.
Situative Partnerschaften: Präsident Trump. ­Solange das iranische Mullah-Regime an der
Macht ist, wird es versuchen, die USA und deren
ohne Zehntausende von Soldaten in einen ver- Verbündete zu bekämpfen. Einen Regime-
lustreichen Bodenkrieg zu entsenden. «Durch wechsel in Teheran hat Trump – getreu seiner
Drohnen, Raketen und Bombenangriffe oder Doktrin – indessen explizit ausgeschlossen.
durch noch mehr Sanktionen und Boykotte Darüber hinaus wirft die Liquidierung des
kann er der bereits taumelnden Wirtschaft iranischen Teufelsgenerals neue Fragen auf.
noch mehr Schaden zufügen.» Auch nach Soleimani gibt es zahlreiche «Böse-
wichte», die Amerikas Sicherheit gefährden.
Gezielt Verwirrung stiften «Mexiko und China werden auch mit dem Tod
Es handelt sich um eine Art alttestamentari- von Amerikanern in Verbindung gebracht.
sches Fernduell mit Hightech-Waffen. Auge um ­Beide haben unser Land mit Drogen über-
Auge, Zahn um Zahn, mit chirurgischer Präzi- schwemmt, an denen jedes Jahr Zehntausende
Geist der Unabhängigkeit: «Gadsden flag». sion. Durch Raketen, Drohnen und weitere Amerikaner sterben», so Fox-Star-Talker
Sanktionen könnte Trump die Elite des Geg- ­Tucker Carlson. «Heisst das, wir dürfen Oaxaca
gen der Vereinigten Staaten und steht für den ners einzuschüchtern und zu schwächen ver­ bombardieren? Können wir damit anfangen,
Geist der Unabhängigkeit. suchen. Derart unter Druck gesetzt, würde das Generäle der [chinesischen] Volksbefreiungsar-
2009 wurde die «Gadsden flag» zum Symbol Regime, das den Freiheitsdrang des eigenen mee zu ermorden?»
der Tea-Party-Bewegung in ihrem Kampf für Volkes mit rigoroser Gewalt im Zaum hält, wei- Trump kann und wird sie nicht alle töten.
individuelle Freiheit und gegen staatliche Be- ter an Glaubwürdigkeit und Respekt verlieren. Aber vielleicht reicht das Wissen, dass er dazu in
vormundung. Heute ist sie bei der Trump-Basis Kommentatoren scheinen sich von Trumps der Lage ist, aus, um mit dem US-Präsidenten
weit verbreitet. Wie die meisten Amerikaner flamboyantem Stil und protziger Rhetorik ab- ins Geschäft zu kommen. Ganz nach ­dessen Ge-
wollen Trumps Wähler keinen weiteren endlo- lenken zu lassen. Sie verpönen ihn wechselwei- schäftsbibel «The Art of the Deal», die dadurch
sen Krieg. Aber ihre Fokussierung auf die eige- se als Maulhelden und Twitter-Tiger, als Ele- um ein dickes Kapitel reicher würde.
ne Nation ist nicht zu verwechseln mit einem fanten im nahöstlichen Porzellanladen oder als
Isolationismus wilsonscher Prägung. «‹Don’t impulsiven Schläger. * www.weltwoche.ch/StrategicRealism
tread on me› im Jahr 2020 heisst so viel wie: ‹Le- Solch plakative Fehleinschätzungen bei Poli- https://www.whitehouse.gov/briefings-statements/
ben und leben lassen – sonst . . .›», konstatiert tikern und Journalisten zeugen von Verwir- president-donald-j-trump-announces-national-security-
strategy-advance-americas-interests/
Hanson. Will heissen: Wer Amerikas Interessen rung. Trump stiftet sie absichtlich, im Wissen,
https://www.whitehouse.gov/wp-content/
mit Füssen tritt, riskiert einen tödlichen Biss. dass sie ihm zum Vorteil erwächst. Verwirrung uploads/2017/12/NSS-Final-12-18-2017-0905-1.pdf
Bezogen auf den Iran bedeute das: Trump und Unberechenbarkeit sind integrale Teile https://www.whitehouse.gov/wp-content/
­werde auf Teherans Gegenschläge reagieren, von Trumps Doktrin des strategischen Realis- uploads/2017/12/NSS-Final-12-18-2017-0905-1.pdf

Weltwoche Nr. 01/02.20 45


Bild: Richard Graulich (Newscom, Keystone)
«Selbstzerstörerische Dummheit»
Seit einem halben Jahrhundert deckt Seymour Hersh die Auswüchse amerikanischer Militärabenteuer auf.
Im Interview kritisiert er die jüngsten US-Schläge gegen den Iran vehement. Überraschend würdigt er
­Kernpunkte von Trumps Aussenpolitik. Und spricht erstmals über seine neuste Enthüllung. Von Urs Gehriger

Seymour Hersh – sein Name löst bei ameri­ Hersh und warnt: «Ein weiterer möglicher Sie haben viele Skandale aufgedeckt. Gibt es
kanischen Sicherheitsexperten Angst und Verbündeter im Nahen Osten wird sich gegen irgendwelche versteckten Geschichten, die
Respekt aus. Hersh hat einige der dunkels­ Amerika wenden. Man darf auch nicht ver­ man bei Trump ausgraben kann?
ten Geheimnisse Amerikas gelüftet. Er ge­ gessen, dass die iranische Quds-Truppe, an­ Nein, nicht wirklich. Kein Präsident vor ihm
niesst den Ruf des «grössten investigativen geführt von Soleimani, eine wichtige Rolle hat so freimütig agiert. Er macht alles so
Journalisten unserer Zeit» (David Remnick, bei der Niederschlagung des IS in Syrien ge­ ­offen. Es ist eigentlich ziemlich lustig.
Chefredaktor des New Yorker). spielt hat – was vermutlich auch ein amerika­ Ihre erste Stunde des Ruhmes schlug vor
Es ist kurz vor Weihnachten, als wir uns nisches Ziel war. Man kann sich über die an­ genau fünfzig Jahren, als sie die Kriegsver-
zum Interview in seinem Büro in Washing­ haltende selbstzerstörerische Dummheit brechen von US-Soldaten in My Lai, Viet-
ton zusammensetzen, um über seine Auto­ Amerikas nur wundern.» nam, aufdeckten. Erinnern Sie sich an den
biografie, «Reporter», zu diskutieren. Der Bei unserem Treffen in Washington Tage Moment, als Sie realisierten, welche Spreng-
Mann, der die schlimmsten Kriegsverbre­ ­zuvor waren die Strassen der US-Hauptstadt kraft die Geschichte hatte?
chen in Vietnam (My Lai) und dem Irak (Abu voller fröhlicher Weihnachtseinkäufer. Aber Ja, als ich zum ersten Mal die Anklageschrift
Ghraib) aufgedeckt hat, vertraut mir über­ selbst bei aller festtäglichen Emsigkeit war des Anwalts sah. Er hatte sie auf seinem
raschend an, dass er in Kernpunkten mit Do­ die Spannung mit Händen zu greifen. Die Schreibtisch liegen, und ich sass ihm gegen­
nald Trumps Aussenpolitik übereinstimmt. Schlagzeile der New York Times lautete: «De­ über und tat so, als würde ich mir Notizen
«Ich unterstütze Trumps Bereitschaft, aus­ mokraten signalisieren Pläne, heute Artikel machen. Derweil las ich Wort für Wort, kopf­
ländische Führer zu erreichen.» über die Anklageerhebung zu veröffentli­ über. Leutnant William L. Calley Jr. wurde
Nur Tage nach unserem Treffen eskaliert chen», nachdem Anwälte das Verhalten von des vorsätzlichen Mordes an 109 «asiati­
im Nahen Osten abermals die Gewalt. Eine Präsident Trump als «klare und gegenwär­ schen Menschen» beschuldigt. Das Ganze
vom Iran unterstützte Miliz tötet bei einem tige Gefahr» für faire Wahlen und die natio­ war so formuliert, als würden zehn «Asia­
Raketenangriff im Irak einen amerikani­ nale Sicherheit bezeichnet hatten. ten» dem Leben eines Weissen entsprechen.
schen Vertragsarbeiter. Die USA reagieren Das war das Rassistischste, was ich je gese­
mit Militärschlägen in Syrien und im Irak. Seymour Hersh, Sie haben unzählige Titel- hen habe. Ich würde gerne behaupten, dass
Darauf belagern Tausende von proirani­ geschichten der New York Times verfasst, meine erste Reaktion war: «Das ist ein ver­
schen Demonstranten die US-Botschaft in ­viele davon haben die Nation erschüttert hängnisvoller Krieg, er wird uns schaden.»
Bagdad, brennen Teile des Empfangsgebäu­ und Präsidenten erzittern lassen. Was geht Aber ich bin mir sicher, dass meine ersten
des ab und rufen: «Tod für Amerika!» Präsi­ Ihnen durch den Kopf, wenn Sie heute die Gedanken waren: «Ruhm, Reichtum und
dent Trump macht den Iran für die Tat «voll Berichterstattung verfolgen? Ehre. Ich werde mich gross verkaufen.»
verantwortlich». Er twittert: «Sie werden Einer meiner Gedanken lautet: Warum lan­ Sie haben zahlreiche Soldaten getroffen,
­einen sehr GROSSEN PREIS bezahlen! Dies cieren sie einen Prozess, von dem sie wissen, die an diesem Massaker beteiligt waren. Der
ist keine Warnung, es ist eine Drohung. dass er im Senat nicht durchkommen wird? eindrücklichste Zeuge war jener Soldat, der
­Frohes neues Jahr!» Sie sprechen über das von den Demokraten sich selbst in den Fuss geschossen hatte.
Hersh geht auf Distanz zu Trump. «Mein initiierte Amtsenthebungsverfahren gegen Ja, Herbert Carter.
Präsident hatte kein Recht, die Raketen­ Präsident Trump? Er sagte: «Die Hauptziele sind drei bis vier
angriffe zu genehmigen, die er als Reaktion Ja. Die Demokraten wissen, dass der Senat Jahre alte Kinder.» Soldaten warfen Babys
auf den Tod eines amerikanischen Vertrags­ nicht mitmachen wird. Es gibt eine Menge in die Luft und spiessten sie mit dem Bajo-
arbeiters ausführen liess», sagt mir Seymour Probleme mit Trump. Aber ich glaube nicht, nett auf. Jahre später deckten Sie die sadis-
Hersh in einer ersten Reaktion. «Sie waren tischen Misshandlungen von Gefangenen
unverhältnismässig und stellten eine klare «Für die Zeitungen ist es sehr durch US-Soldaten im irakischen Gefäng-
Verletzung der irakischen und syrischen nis Abu Ghraib auf. Haben Sie jemals her-
Souveränität dar.»
wichtig, Trump nicht zu mögen, ausgefunden, was einen Menschen im Krieg
Stunden später befiehlt Trump die Ermor­ denn es bedeutet Leserschaft.» in eine Bestie verwandelt?
dung Qasem Soleimanis, eines der berüch­ Herbert Carter, der Soldat, der sich in den
tigtsten Militärs im Nahen Osten. Der Kom­ dass dies der richtige Weg ist, wenn sie die Fuss schoss, um aus dem Militär rauszu­
mandant der Elitetruppe al-Quds der Wahl gewinnen wollen. Sie machen Trump kommen, war ein ungebildeter, aber sehr
iranischen Revolutionsgarden «tötete oder zum Märtyrer. Trumps Umfragewerte ge­ kluger afroamerikanischer Junge. Wissen
verwundete über einen längeren Zeitraum hen nach oben. Erst kürzlich sind sie zum Sie, was er zu mir sagte? «Was in My Lai ge­
Tausende von Amerikanern und plante, ersten Mal über 50 Prozent gestiegen. Für schah, war kein Massaker, sondern eine logi­
noch viele weitere zu töten», erklärt Trump die Zeitungen ist es sehr wichtig, Trump sche Folge des Vietnamkrieges. Die Men­
der Welt. nicht zu mögen, denn es bedeutet Leser­ schen wussten nicht, wofür sie starben, und
«Trumps schlechtdurchdachte Ermor­ schaft, es bedeutet mehr Abonnenten. Wie die Jungs wussten nicht, warum sie die Viet­
dung wird die irakische Regierung ohne Sie wissen, ist das Zeitungsgeschäft in Ame­ namesen erschossen.» Es war so schrecklich,
Zweifel sofort unter Druck setzen, alle Ame­ rika und auf der ganzen Welt dabei einzu­ so verrückt, die Führung von oben bis unten
rikaner aus ihrem Land zu vertreiben», sagt brechen. war komplett schlecht.  ›››

46 Weltwoche Nr. 01/02.20


«Sie machen Trump zum Märtyrer»: Seymour Hersh, 82, in seinem Büro in Washington DC.

Weltwoche Nr. 01/02.20 47


Bild: Mark Mahaney (Redux/laif)
Lesen, bevor man schreibt. Lese die Dinge,
Amerika die kompliziert sind und langweilig erschei­
nen, wie Rüstungskontrolle zum Beispiel.
Nixon schlug ­ Die Reporter von heute begnügen sich mit
dem Lesen von Tweets, denn je mehr man
seine Ehefrau über die Tweets schreibt, desto wütender
wird die Öffentlichkeit in New York und in
Kurz nach Watergate wurde Washington, die Trump nicht mag, und des­
Nixons Ehefrau Pat to mehr Menschen kaufen ihre Zeitung.
­notfallmässig hospitalisiert. Nach Vietnam haben Sie sich der grössten
Affäre der jüngeren US-Geschichte zuge-
­

I m Fundus von Seymour Hershs Akten


finden sich wohl zahlreiche brisante Ge­
schichten, von denen die Welt bislang
wandt: Watergate. Präsident Nixon und seine
Mitarbeiter zitterten vor Ihren Recherchen.
Der stellvertretende Generalstaatsanwalt
nichts erfahren hat. Eine davon handelt Silberman sagte über Sie: «Der Hurensohn
von Richard Nixon und seiner Ehefrau Pat. hat Quellen, die absolut unvergleichlich
«Sie ereignete sich, kurz nachdem Nixon sind.» Und CIA-Direktor William Colby
das Weisse Haus am 9. August 1974 in ­antwortete: «Er weiss mehr über diesen Ort
Unehren verlassen hatte und in sein
­ als ich.» Wie fühlte es sich an, eine solche
Strandhaus in San Clemente in Kalifor­ Macht über die Regierung zu haben?
nien umgezogen war», schreibt Hersh in Ich habe mir nie solche Gedanken darüber
seiner Biografie. «Ein paar Wochen darauf gemacht. Ich habe bloss meine Arbeit getan.
rief mich jemand an, der mit einem nahe Ich hatte die Telefonnummer von CIA-­
gelegenen Krankenhaus zu tun hatte, und «Harter Brocken»: Ehepaar Nixon, um 1970. Direktor William Colby. Er war ein anständi­
erzählte mir, ein paar Tage nach dem ger, aber sehr zäher Mistkerl. Statt zu sagen,
­Umzug sei Nixons Frau Pat in die Notauf­ Mitten im Vietnamkrieg erhielten Sie einen ich sei ein Hurensohn, sprach er mit mir.
nahme gekommen. Sie habe den Ärzten Anruf von Craig McNamara, dem Sohn des Er hatte keine andere Wahl, weil ich Infor­
­erzählt, ihr Mann ­habe sie geschlagen. Die damaligen US-Verteidigungsministers R ­ obert mationen über ihn hatte.
Person, mit der ich sprach, war über die McNamara. Der zwanzigjährige Craig hatte Auch Henry Kissinger hatte Angst vor
Ausmasse von Pats Verletzungen und die ein Exemplar von Harper’s Magazine mit Ih- ­Ihnen. Er sagte gemäss Aufzeichnungen:
verärgerte Reaktion des Notfallarzts ge­ rer Titelgeschichte über My Lai im Wohn- «Seymour ist hinter mir her.» Warum ­waren
nauestens informiert.» zimmer liegen gelassen, damit sein Vater sie Sie hinter ihm her?
Hersh zögerte. Sollte er die brisante Ge­ ­sehen konnte. Später fand er das Magazin (Lacht hämisch) Die Wahrheit war hinter ihm
schichte veröffentlichen? Er rief Nixons verbrannt vor. her. Das ist der richtige Ausdruck. Wissen
ehemaligen Chefberater John Ehrlich­ Im Kamin. Sie, was wir tun, wenn wir nachts nicht
man an. «Ehrlichman verblüffte mich, als Ihre Geschichten trafen den Nerv einer ge- schlafen können? Wir zählen Schafe. Kissin­
er e­ rzählte, er wisse schon über zwei sol­ teilten Nation, und sie bewegten die Fami- ger muss für den Rest seines Lebens ver­
che Vorfälle Bescheid. Der erste habe sich lie jener Person, die für die Kriegsführung brannte und verstümmelte kambodschani­
in den Tagen nach Nixons verlorener verantwortlich war. Was hat das in Ihnen sche und vietnamesische Babys zählen. Das
Gouverneurswahl in Kalifornien im Jahr ausgelöst? ist seine Sünde. Ich war früh überzeugt, dass
1962 ereignet, als er der Presse verbittert Craig war vom Krieg extrem geplagt, genau er ein Massenmörder ist. Vietnam war ein
erzählt habe, dies sei sein letzter Wahl­ wie seine ältere Schwester, es war hart für sie. Krieg, von dem er wusste, dass er ihn nicht
kampf gewesen [. . .]. Zu ­einer zweiten Als ich im Pentagon über den Krieg berich­ gewinnen konnte. Kissinger wusste es, be­
Tätlichkeit sei es während Nixons Amts­ tete, hatte ich viel Kontakt zu McNamara, vor McNamara es wusste. Und McNamara
periode im Weissen Haus gekommen.» und ich kam schon damals zu dem Schluss, wusste es auch früh.
Im Interview präzisiert Hersh, Pat Nixon dass er ein psychotischer Lügner war. Sie [das Heute gilt Kissinger als der Doyen der
habe nach Watergate Verletzungen im Pentagon, Anm. d. Red.] führten eine «Mord US-Aussenpolitik und als graue Eminenz
­Gesicht erlitten. Sie sei «mit einem blauen AG». Sie hatten interne Studien in Auftrag in Sachen China.
­Auge» in der Notaufnahme eingetroffen. gegeben, die sie dann zurückhielten. Sie ha­ Wenn Trump sagen würde: «Komm, werde
«Das war ein harter Brocken, ich konnte mein Berater», würde er es morgen tun. Gut,
­damals einfach nicht darüber schreiben. «Es gibt eine Realität, von der die vielleicht doch nicht. Er ist 96. Aber vor zehn
Meine Quelle hatte den hippokratischen Jahren ja. Heute ist er viel, viel besser als
Eid verletzt. Sie hätte ihre Lizenz ver­
Demokraten nichts wissen wollen, ­damals während des Vietnamkriegs. Zum
loren.» nämlich, dass die Wirtschaft läuft.» Beispiel ist er weise, was den Iran angeht. Er
Abgesehen davon habe er damals hat recht in vielen verrückten Dingen, die
schlichtweg nicht verstanden, dass Nixon ben nicht bloss über den Krieg gelogen. Sie wir Amerikaner heute tun.
eine kriminelle Handlung begangen habe. haben sich auch ständig selbst belogen. Ge­ Die Tatsache, dass Sie einige der best­ -
«Ich bin ein alter Mann; die MeToo-Bewe­ neral Westmoreland führte den Krieg vier ge­ hüteten Geheimnisse der Vereinigten
gung, ich verstehe sie heute», sagt Hersh. Jahre lang, 34 000 Amerikaner starben und Staaten enthüllt und Amerikas Hauptent-
«Ich hätte damals Anzeige erstatten oder vielleicht eine Million Vietnamesen. Es war scheidungsträger angegriffen haben, hat
jemanden finden sollen, der es tat, denn ein Massenmord, und sie haben Lügen da­ Kritik hervorgerufen. Einige sagten, Sie
meinen Informanten konnte ich nicht rüber erzählt. Das war mir früh klar. würden Ihrer Nation schaden.
preisgeben.» Urs Gehriger Was war die wichtigste Lektion, die Sie als Ich stamme aus einer Immigrantenfamilie.
junger Reporter gelernt haben? Meine Eltern waren litauische Juden. Zu

48 Weltwoche Nr. 01/02.20


Bild: AKG Images (Keystone)
Hause sprachen sie Jiddisch. Mein Vater vorgeht, einfach zerschlagen wird. Putin
hatte einen kleinen Putzladen und eine hat das Militär enorm verbessert, dessen
Wäscherei. Ich habe dort während des Stu­ Moral und Fähigkeiten, hat neue Kom­
diums gearbeitet. Mein Vater starb an mandozentralen eingerichtet. Es ist nicht
Krebs. Ich musste mich um meine Mutter länger ein Hort der Respektlosigkeit. Aber
kümmern. Ich kam aus dem Nichts und wenn Sie ein Demokrat sind, müssen Sie sa­
steckte einem amtierenden Präsidenten, gen: «Ich hasse ­Putin.» Sie müssen sagen:
Richard Nixon, zwei Finger ins Auge und «Mein grösster Freund ist jetzt John Bren­
schrieb über ein Massaker von amerikani­ nan, der ehemalige Direktor der CIA.» Hat
schen Jungs – die schlimmste Geschichte,
die man je über Nixon schreiben konnte. «Es würde mich nicht überraschen,
Es hat mich viel Zeit gekostet, sie zu
­drucken. Ich bekam Preise und Ruhm, und
wenn Trump auch mit Damaskus
Sie sagen, ich sei ein Kritiker Amerikas, des zu sprechen beginnen würde.»
erstaunlichsten Ortes der Welt? Machen
Sie Witze? Niemand könnte mehr Respekt es das schon einmal gegeben, dass die De­
vor diesem Land haben als ich. mokraten den Chef der CIA lieben? Was ma­
Angesichts Ihrer Kritik an Amerikas Krie- chen die CIA-Leute? Sie sind darauf trai­
gen müsste Ihnen Trumps bisherige Poli­ niert, zu lügen. Die Guten in der CIA sind
tik – Rückzug von US-Truppen und weni- die besten Lügner.
ger Einmischung im Ausland – eigentlich Viele denken, Trump werde von Leuten in
gefallen. seinem Umfeld beeinflusst. Wer beeinflusst
Natürlich tut sie das. Trump will keinen Trump?
Krieg. Aber hören Sie, fangen Sie nicht mit «So schrecklich, so verrückt»: Soldat Carter, 1968. Niemand kennt die Antwort auf diese Frage.
Trump an, denn das ist sehr kompliziert. Ich bin entsetzt über viele Dinge, die in seiner
Ich bin ein Demokrat. Ich würde Trump in lichkeit zu gehen. Was ist ein Gutachten? Es Regierung vor sich gehen. Doch Sie müssen
einer Million Jahren nicht wählen. ist nicht eine Einschätzung des Geheim­ auch erkennen, dass er ein sehr politisches
Sie sind seit je Demokrat. Was halten Sie dienstes. Es ist einfach eine Meinung. Wir «Tier» ist. Aber bringen Sie mich nicht dazu,
von Obama? haben jetzt eine Situ­ation, in der die Demo­ zu sagen, dass ich Trump mag. Ich mag ihn
Ich habe enorme Probleme mit Obama. kraten Putin hassen, Russland hassen. Sie nicht. Ich wünschte, er wäre nicht Präsident.
Die Aussenpolitik während seiner zweiten hassen Syrien, hassen China, hassen jeden. Ich glaube nicht, dass er schlau genug ist. Ich
Amtszeit war sehr schwach, er überspielte Wenn Trump mit den Nordkoreanern glaube, er achtet nicht auf Details. Das Chaos,
die Schwächen mit seinem Charme und spricht, was mir sehr rational erscheint, das er in der amerikanischen Bürokratie und
seinem Auftreten als hübscher Junge. Ich heisst es: «Nein, das kann er nicht tun. Er im Weissen Haus und bei vielen unserer Ver­
denke, er war schrecklich. Er liess Hillary ist ein Narr. Er weiss gar nichts.» bündeten angerichtet hat, billige ich über­
Clinton tun, was sie wollte. Was halten Sie davon, dass Trump eine haupt nicht. Er hat das Weisse Haus und die
Trump ist so unkonventionell, dass ich ­Annäherung an Russland möchte? Präsidentschaft mit seiner Geringschätzung
manchmal den Eindruck habe, dass die Wir haben den Standpunkt Russlands nie für die Verfassung abgewertet. Was ich unter­
Leute ihn unterschätzen. verstanden. Putin ist heute der mächtigste stütze, ist seine Bereitschaft, auf ausländische
Es gibt eine Realität, von der die Demokra­ Leader in Europa, nun da Merkels Stern am
ten nichts wissen wollen, nämlich, dass die Sinken ist; sie hat wegen der Einwande­
Wirtschaft läuft. Der Aktienmarkt ist auf rungsfrage politische Macht verloren. Er ist
etwa 28 000 Punkte gestiegen – ein Wert, sehr konservativ und knallhart. Die Leute
den er zum ersten Mal in der Geschichte haben ewig nach den Milliarden von Dol­
erreicht hat. Die Arbeitslosigkeit ist gesun­ lars gesucht, von denen sie behaupten, dass
ken. Ich weiss nicht, ob es funktioniert, er sie irgendwo versteckt hat wie all die an­
aber ich weiss, dass die Indizes, die veröf­ deren KGB-Leute und die Oligarchen, aber
fentlicht werden, korrekt sind. Ich sie haben nichts gefunden.
wünschte, er wäre nicht Präsident. Punkt. Finden Sie, Putin spielt seine Karten gut?
Dann hätten Sie Hillary Clinton als Präsi- Machen Sie Witze? Er ist der klügste Mann,
dentin, und wir hätten wahrscheinlich den es gibt. Und er hat einen Draht zu
Krieg gegen Russland. Trump, absolut. Und auch Putin und Präsi­
Grundsätzlich ja, wir hätten dann Hillary. dent Selenskyi in Kiew haben offensichtlich
Hillary hat die Wahl verloren. Ich glaube, zusammengearbeitet, um den Krieg in der
dass die Russen genauso viel damit zu tun Ukraine zu beenden. Aber Selenskyi hat die
hatten wie ich. Aber das ist immer eine extremistische, nationalistische Masse, mit
gute Geschichte. Ich verstehe die ameri­ der er nicht fertig wird. Wenn er den Krieg
kanische Presse nicht. Die Art, wie die Me­ morgen beenden könnte, würde er es tun.
dien die Russen-Sache und Putin behan­ Aber sie lassen ihn nicht. Sie werden gegen
delt haben – sie haben nicht berichtet. Die ihn kämpfen. Also, wie gehen sie damit um?
wirkliche Geschichte ist nicht Russland, Sagen Sie es.
sondern das Ausmass, in dem die Obama-­ Die Opposition in der Ukraine weiss, dass
Regierung der CIA erlaubte, mit ihrem Russland sie in dem Moment, in dem sie
«Gutachten» (Assessment) an die Öffent­ mit hochentwickelten Waffen aggressiv «Ausser Kontrolle»: Navy Seal Gallagher.

Weltwoche Nr. 01/02.20 49


Bilder: Ronald L. Haeberle (Library of Congress, Military Legal Resources), Sandy Huffaker (Getty Images)
Führer – umstrittene wie die in Nordkorea Was ist die Geschichte, an der Sie recher-
und Russland – zuzugehen und zu versu­ chieren?
chen, mit ihnen in Kontakt zu treten. Es Nun, er [Gallagher; Anm. d. Red.] hielt sich
würde mich nicht überraschen, wenn er für Gott, weil er auf einer geheimen Mission
auch mit Damaskus zu sprechen beginnen war.
würde. Daran ist nichts auszusetzen, und Er hat sich schlecht benommen?
ich bin bestürzt, dass sich die Demokraten Ja, aber er war auf einer geheimen Mission,
davon angewidert zeigen. die genehmigt wurde. Er sollte etwas Ab­
In Ihrem Büro stapeln sich Berge von Do- scheuliches tun. Wir haben es mit einem
kumenten. Sind in diesen Tausenden von sehr, sehr ernsten Problem bei den Spe­
Seiten viele unveröffentlichte Geschich- zialeinheiten zu tun. Einem echten Problem Inside Washington
ten versteckt? der Moral, der Legalität, das über Gallagher
Ich sollte ein Buch über Dick Cheney [Vize­ hinausgeht. In Flammen
präsident von Präsident George W. Bush Was genau ist das Problem?
und Nationaler Sicherheitsberater von Die Spezialeinheiten sind ausser Kontrolle. Schauspieler Ricky ­Gervais las
Präsident George Bush, Anm. d. Red.] Gemäss einer Studie des Watson-Instituts der der Hollywood-Schickeria die
schreiben. Aber ich zog es zurück, weil es Brown-Universität* wird der tödliche Krieg Leviten. Das kam schlecht an.
zu geheim war. Es hätte einige der Leute, der USA in 76 Ländern geführt [die Studie
die mit mir gesprochen haben, ins Gefäng­
nis gebracht.
Warum speichern Sie Ihre Notizen nicht
spricht von Millionen unschuldig getöteter
Zivilisten seit 2001, Anm. d. Red.]. Spezialein­
heiten sind rund um die Welt im Einsatz, und
D er Moderator der 77. Verleihungen
der Golden-­Globe-Fernseh-und-Film-
preise, der britische Komiker Ricky Gervais,
auf Ihrem Computer? Haben Sie Angst, es ist nicht klar, wer in Wa­shington weiss, was fragte sein Publikum rhetorisch: «Was zum
dass sie jemand hacken könnte? sie tun. Es gibt vieles, was über die innere Teufel kann denn rechtsstehend daran sein,
Ich habe mehr als Angst. Meine Kinder, Funktionsweise des Seal-­Kommandos nicht wenn man die grossen Konzerne und die
meine zwei Jungs und meine Tochter, bekannt ist, und vieles, was innerhalb des Mächtigsten der Welt veralbert?»
­lachen mich wegen meiner mangelnden U.S. Special Forces Command geändert wer­ Am Sonntagabend versammelte sich die
Sicherheit aus. den muss. Der ehemalige US-Verteidigungs­ Hollywood-Schickeria im «Beverly Hilton»-­
Jemand könnte in Ihr Büro einbrechen. minister Jim Mattis hat versucht, das Pro­ Hotel von Los Angeles in all ihrer Pracht, um
Sie können mit meinen Akten nichts an­ blem anzugehen, aber er schaffte es nicht. sich gegenseitig zu beklatschen. Viele hoff­
fangen. Schauen Sie sich meine Hand­ Er war nur in der ­Lage, zwei Generäle los­ ten zudem, beim nächsten Film-Deal eine
schrift an. (Er zeigt seine Handschrift und zuwerden. Er wollte mehr tun. Lohnerhöhung fordern zu können dank
wendet sich dann seinem Computer zu.) Letzte Haben die Probleme mit der Art zu tun, wie ­einer brandneuen Trophäe in der Hand.
Nacht bin ich lange aufgeblieben und die Spezialeinheiten operieren? ­Einige waren allerdings wenig erfreut über
­habe Folgendes geschrieben. (Er tippt paar Das werde ich Ihnen nicht verraten. Aber es Gervais’ flammende Rede von der Bühne.
Buchstaben in die Tastatur.) Hier wird es steckt mehr hinter der Geschichte dieses Eine Journalistin der Los Angeles Times,
schwierig. Mein Passwort ist der Name ­Eddie Gallagher. Es gibt noch eine ganz ­deren Hirn offenbar unter der Intensität
meines Lieblings-Baseballspielers vor ­andere Facette. der Schweinwerferstrahlen gelitten hatte,
fünfzig Jahren in Chicago. Es ist ein tolles Wann werden Sie Ihre Recherche veröffent- beklagte, dass «die Stimmung» im opulen­
Passwort. Niemand wird jemals mein lichen? ten Ballsaal «wegen des Impeachments,
Passwort knacken. Ich bin mir noch nicht sicher, was ich mit des drohenden Kriegs mit dem Iran und
Nun, das ist ein guter Hinweis. dem Material machen werde. der verheerenden Buschfeuer in Australien
Gestern Abend habe ich einen Artikel über Die ganze Welt wird die Geschichte lesen, bereits ernüchternd war».
die Krise mit den Navy Seals verfasst. Es wenn Ihr Name draufsteht. Derweil ignorierte die zur ­«Besten Schau­
geht um diesen Gallagher. Eine unglaubli­ Was hat es für einen Sinn, eine Geschichte zu spielerin» avancierte Michelle ­ Williams
che Geschichte, so wird mir berichtet. schreiben, wenn es nur eine Eintagsfliege ­Gervais’ weisen Rat, der da lautete: «Komm
wird? Im Moment wird sie jeder leugnen. hoch, nimm deinen kleinen Preis entgegen,
Die US-Spezialkräfte sind Speerspitze und Ich warte auf den richtigen Zeitpunkt. bedanke dich bei deinem Agenten sowie
Stolz der Nation. Sie haben den IS-Chef al- dem Herrgott und verpiss dich.» Die Elfen­
Bagh­dadi liquidiert. Zuvor töteten sie Osama Seymour M. Hersh war Mitarbeiter des New Yorker und schauspielerin flehte die Frauen vielmehr
der New York Times. Mit seiner Serie über das Massaker in
Bin Laden. Jüngst sorgte Navy Seal Edward My Lai etablierte er sich an der Spitze des investigativen
an, endlich «in ihrem eigenen Inter­esse» zu
Galla­gher für negative Schlagzeilen. Der Journalismus. 1970 erhielt er dafür den Pulitzerpreis, wählen. «Die Männer machen das seit Jah­
hochdekorierte Seal habe während seines seitdem fünfmal den George Polk Award, zweimal den ren so, und deshalb richtet sich die Welt nach
National Magazine Award for Public Interest, den Los
Dienstes im Irak wahllos Zivilisten erschos­ Angeles Times Book Prize, den National Book Critics
ihnen.» Die Preisträgerin verkannte offen­
sen und einen gefangenen jugendlichen Circle Award, den George Orwell Award und Dutzende sichtlich, dass bei jeder Präsidentschafts­
IS-Kämpfer erstochen. Drei Mitglieder von weiterer Auszeichnungen. wahl seit 1980 die Stimmen der Frauen die­
Gallaghers Einheit bezeichneten ihn als Psy­ * Das ausführliche Interview auf ­Englisch: http://www. jenigen der Männer übertroffen hatten.
weltwoche.ch/International
chopathen. «Der Kerl ist verdammt ­böse», Gervais warnte seine Schauspielerkolle­
sagte einer von Gallaghers Untergebenen vor gen: «Ihr seid unfähig, die Öffentlichkeit
US-Ermittlern. Gallagher wurde wegen des über irgendetwas zu belehren [...] Die meis­
Vorfalls Anfang 2019 degradiert. Präsident ten von euch haben weniger Zeit in der
Trump begnadigte Gallagher, bezeichnete Schule verbracht als Greta Thunberg.»
ihn als Helden und gab ihm militärische Wür­ Und sie haben dabei ihre Lektionen nicht
Seymour M. Hersh: Reporter.
den zurück. Damit widersprach der Präsident Der Aufdecker der amerikanischen gelernt. Amy Holmes
den höchsten ­Führungskräften der Navy. Nation. Ecowin. Fr. 39.90; 432 S.

50 Weltwoche Nr. 01/02.20


Wenn sich Wähler betrogen fühlen
Zuerst tanzte er mit den Rechtsnationalen. Jetzt schliesst er mit den Ökos den Bund: Sebastian Kurz
krönt sich dank der Koalition mit den Grünen erneut als Österreichs Bundeskanzler. Was treibt den
­geschmeidigen Jungstar? Die Antwort ist erstaunlich banal. Von Andreas Unterberger

Sebastian Kurz, Österreichs neu-alter Bundes- rechnet zu den Grünen, den grössten Fans der zu gewaltigen 94 Prozent positiv über Schwarz-
kanzler, kann sich sonnen. Er hat etwas ge- illegalen «Flüchtlings»-Migration, den gröss- Blau ausgesprochen. Und es sprachen sich auch
macht, was ihm von Berlin bis Brüssel und ten Feinden einer freien Marktwirtschaft. Die- deutlich mehr für eine künftige Koalition mit
quer durch die Medienlandschaft lauten Bei- se haben auch sofort angekündigt, all jene lin- der FPÖ aus als für eine solche mit den Grünen.
fall bringt: Er hat die als rechtspopulistisch ken Positionen in täglichem Grabenkampf Kurz hat das Gegenteil von dem getan, was
geltenden Freiheitlichen aus der Regierung durchsetzen zu wollen, die nicht schon in den seine Wähler wollten. Er kann für seinen Links-
geworfen und die weit links stehenden Grü- offiziellen Koalitionsvereinbarungen stehen. schwenk nur eine einzige Erklärung anführen:
nen hereingeholt. Und selbst über diese sind, kaum dass sie Die Freiheitlichen haben am Wahl­abend ge-
Dass ein grosser Teil seiner Wähler das mit ­unterzeichnet waren, massive öffentliche Dif- sagt, ihr Absturz von 26 auf 16 Prozent wäre
blankem Unverständnis sieht, scheint kein «Wählerauftrag», zu regieren.
ihn nur wenig zu stören. Zwar kann er Ganz abgesehen davon, dass die Grünen
diesen Unmut noch dämpfen, indem er nur 14 Prozent errungen haben, also
rund um die Uhr ­seine Volkspartei als ­eigentlich noch weniger Wählerauftrag
Siegerin der langen Koali­ tions­ haben, hat die neue FPÖ-Führung diese
verhandlungen darstellt. Das sehen dumme Formulierung nach wenigen
zwar auch viele linke Mainstream-­ Tagen wieder zurückgezogen.
Medien so, die es am liebsten hätten, Kurz jedoch zitiert sie seither ständig,
wenn sich die grüne 14-Prozent-Partei in um sich zu rechtfertigen. Sein Schwenk
allen Punkten gegen die 38 Prozent der entsprang aber eindeutig eigenen Plä-
ÖVP durchgesetzt hätte. nen, die er jedoch vor den Wahlen ge-
Faktum ist aber die Ankündigung heim gehalten hatte. Für diese ist keine
vieler ökologischer Schikanen für Bür- andere Erklärung erkennbar als das In-
ger und Industrie, mit denen Öster- teresse von Kurz, im EU-Mainstream
reich die grün gewordene EU noch Liebkind zu werden. So hat er auch etwa
übertreffen will. Faktum sind die seinem einstigen Freund Viktor Orbán
­demo­kratiegefährdenden Attacken auf den Rücken gekehrt.
die bisherige Regierungspartei FPÖ, Dabei hat Kurz selbst behauptet, sach-
der unter der bei den Grünen üblichen lich zu 90 Prozent mit der FPÖ überein-
Beschimpfung «Rechtsextremismus» zustimmen. Die ÖVP war auch keines-
im neuen Regierungsprogramm rund wegs vom Greta-Fieber der grünen
zehnmal der Kampf angesagt wird. Klimahysterie gepackt, sondern ver-
Linksextremismus wird hingegen völ- sucht vielmehr, die Wirtschaft vor den
lig ignoriert. radikalsten Forderungen der Grünen zu
Kurz verlässt mit dieser Koalition schützen.
­total seinen Erfolgsweg der letzten drei Auch in der von ihm als zentral erklär-
Jahre. Er hat noch im September mit ten Migrationsfrage hat Kurz schon eine
triumphalen 38 Prozent die ÖVP-Stim- Eigene Pläne: Bundeskanzler Kurz (l.), Grünen-Chef Kogler. Nieder­lage erlitten: Die Grünen wei-
men binnen drei Jahren verdoppelt. gern sich, Abstrichen bei der hohen und
Das ist zweifellos ein sensationeller Erfolg des ferenzen ausgebrochen: Werden neue Abfang­ wie ein Magnet auf «Flüchtlinge» wirkenden
33-Jährigen. Er hat diesen Erfolg aber nicht jäger angeschafft? Kommt die Sicherungshaft Mindestsicherung zuzustimmen.
seiner Person, seinem netten und höflichen für Gefährder? Sebastian Kurz wird es sicher eine Zeitlang
Auftreten, sondern einem inhaltlichen Poli- geniessen können, dass er für die politmediale
tikwechsel zu danken: Er führte die ÖVP auf Vom Saulus zum Paulus Klasse Europas vom Saulus zum Paulus ge-
deutlich migrationskritischen Kurs und gab Das Verhalten des ÖVP-Obmanns kann nur als worden ist. Das ist ihm offenbar wert, künftig
sich wertkonservativ; er beendete vorzeitig die tollkühn bezeichnet werden. Aber er war es auf einen ordentlichen Teil seiner Wähler zu
lähmende Koalition mit der SPÖ und ersetzte ­offensichtlich leid – vom grünen Bundespräsi- verzichten, von denen sich viele schlicht betro-
diese durch die FPÖ. denten über die deutsche Bundeskanzlerin bis gen fühlen. Hat Kurz ihnen doch vor der Wahl
Fast die Hälfte seiner Wähler hat ihn nur zur EU-Kommission – wegen der Rechtsregie- ständig eine «ordentliche Mitte-rechts-Poli-
­wegen dieses Kurswechsels gewählt. Viele Wert- rung verachtet zu werden. tik» versprochen.
konservative, viele Migrations- und Islamkri­ Der Grossteil seiner Wähler ist jedoch ganz
tiker waren vor Kurz eigentlich schon von der anders motiviert. Sie haben sich auch nach dem
ÖVP zu der als rechtspopulistisch bezeichneten Ibiza-Skandal (FPÖ-Obmann HC Strache wur- Andreas Unterberger war vierzehn Jahre lang
FPÖ gewechselt. de auf Ibiza 2017 geheim bei üblen Aus­sagen ge- ­Chef­redaktor von Presse beziehungsweise Wiener Zeitung.
Er schreibt ­unter www.andreas-unterberger.at sein
Und nun das: Jetzt warf er ausgerechnet die filmt, die ihn als extrem korruptionslüstern «nicht ganz ­unpolitisches Tagebuch», einen
FPÖ aus der Regierung und wechselt ausge- zeigen) und dem sofortigen Rücktritt Straches hoch­beach­teten Blog in Österreich.

Weltwoche Nr. 01/02.20 51


Bild: Alex Halada (AFP)
Bei vollem Schub: Schweizer Schauspielerin Spale.

52 Weltwoche Nr. 01/02.20


Bild: Barbara Hess (pictura.ch)
Ikone der Woche

Mimen-Künstlerin
Von Wolfram Knorr

H ierzulande gab es das bislang nicht: eine


Schauspielerin, die es wagt, tief in die
schattigen Schluchten eines geschädigten Be-
wusstseins vorzudringen. Da mag man sich an
jene ­ erinnern, die einst vom Lee-Strasberg-­
Meissel bearbeitet wurden. An jene weiblichen
Heroen, die aus dem Testosteron-­ Method-
Acting-­Schatten von Marlon Brando und Co. nie
so richtig raus und ins Rampenlicht kamen. An
Shelley Winters etwa; ihre Mimenkunst hatte
trotzdem Sprengkraft. Aber das war das gute alte
Hollywood. MeToo hat Gott sei Dank einiges ge-
ändert, aber die ­Athleten-­Schürfgebiete der See-
len-Claims b ­ leiben mehrheitlich in den USA.
Und auf einmal gibt es eine solche Mimin
auch in der Schweiz? Im Heidi-Globi-Schellen-
Ursli-­Papa-Moll-Gehege? Die Baslerin Sarah
Spale, die nie so richtig auffiel, Nebenrollen
absolvierte und neben Jeremy Irons 2013 in
«Night Train to Lisbon» zu sehen war? Dort
entdeckte sie wohl auch Regisseur Pierre
Monnard und engagierte sie für seine TV-Serie
«Wilder». Die zweite Staffel mit ihr als stache-
lige Polizistin Rosa Wilder ist jetzt gestartet.
Spale, dieses unscheinbar wirkende rigorose
Gegenteil der Kuscheligkeit, entpuppt sich als
vitales Triebwerk besonders in «Platzspitz­
baby», wo sie bei vollem Schub als Heroin-
süchtige ihre wohl waghalsigste Rolle spielt.
Auch hier führte Pierre Monnard Regie. Sarah
Spale riskiert als haltlose Mutter eines zehnjäh-
rigen Mädchens den Sprung in die Gosse der
Charakterlabilität, indem sie weder ihre Gefüh-
le noch ihr physisches Selbstbild in den Griff be-
kommt und ihr Kind in Gefühlsturbulenzen
treibt, aus denen sie nur mit fremder Hilfe her-
auskommt. Das Zugedröhnte, Zugekiffte ist
nur scheinbar ein leichtes Spiel für Schauspieler,
die meinen, mit dramatischen Gesten und glei-
cher wilder Mimik emotionale Haltlosigkeit in
den Griff zu bekommen. Das Ergebnis ist gri-
massierender, heilloser Kitsch. Sarah Spale ist
davon weit entfernt. Die Mutter zweier Kinder
weiss, was es heisst, mit den Gefühlen eines
­Kindes zu spielen. In ihrer Rolle als psychisch
schwer lädierte Dröglerin laviert sie beeindru-
ckend zwischen weinerlicher Mutter und eis-
kalter Zynikerin, zwischen greinendem Kind,
das um die Liebe der Tochter bettelt, und Sadis-
tin, die jeden ausnutzt, besonders die eigene
Tochter. Mit Sarah Spale hat der Schweizer Film
eine grosse Charaktermimin. Es ist zu hoffen,
dass ihr bedingungslose und extreme Rollen
auf diesem Niveau nicht genommen werden.
Die zweite Staffel der Serie «Wilder» läuft seit dieser
­Woche auf SRF; der Spielfilm «Platzspitzbaby», ebenfalls
mit Sarah Spale, kommt am 16. Januar ins Kino.

Weltwoche Nr. 01/02.20 53


Unnachgiebig: Literaturnobelpreisträger Handke.

Autoren

Dank des Dichters


Die Vergabe des Nobelpreises an Peter Handke sorgte für einen Sturm im Literaturbetrieb.
Vor einiger Zeit durfte ich den überragenden Wortkünstler bei der Übersetzung des
«Ödipus in­Kolonos» beraten. Wie reagierte er auf meine Kritik? Von Kurt Steinmann

J eder Autor schärft seine Ausdruckskraft,


wenn er übersetzt. Peter Handke übersetzte
aus dem Französischen (Marguerite Duras, Jean
ber Herr Kurt Steinmann, vom Suhrkamp-Ver-
lag werden Sie meine Übersetzung des ‹Ödipus
in Kolonos› erhalten. Fühlen Sie sich bitte zu
Ihre Fassung der meinigen entgegenstellen
und bewerten müsste, was mir nicht zusteht.
Darf ich nur Folgendes sagen: Die Stärke Ihrer
Genet, Patrick Modiano), aus dem Englischen nichts verpflichtet. Aber wenn Sie lesen wollen Übertragung liegt im grösstmöglichen Ernst-
(William Shakespeare), aus dem Slowenischen – und ich würde mich über ein Zeichen freuen. nehmen des griechischen Logos, im Abhor-
und aus dem Altgriechischen. Auf den «Pro- Wie Sie sehen werden, versuche ich wörtlich-­ chen verborgener Bedeutungen und im Auf-
metheus, gefesselt» des Aischylos (1986) folgte bildlich zu werden oder zu sein. Gewaltige grol- spüren des ursprünglichen Wortsinns, was im
der «Ödipus in [sic] Kolonos» des Sophokles lend-stotternd-balladeske griechische Sprache. Deutschen unerhört starke Wortbilder ergibt.
(2003) und die «Helena» des Euripides (2010). Alles Gute, Peter Handke.» Sie haben, anders als ich, auf die Wiedergabe
1996 hatte ich für den Reclam-Verlag den «Ödi- des jambischen Trimeters zugunsten schön
pus auf Kolonos», das letzte und mit 1779 Ver- Heikles Feld fliessender Rhythmen verzichtet, was Ihnen
sen längste Werk des Sophokles, übersetzt, Am 28. November antwortete ich dem Dich- die Prägung solch nie gehörter Wortzusam-
mehr Mysterienspiel als Tragödie. Hans Erni ter, dessen Werk ich seit vielen Jahren auf- mensetzungen erlaubte, wie ‹lebensmittel­
hat meine Übertragung kongenial illustriert. merksam verfolgt hatte, folgendermassen: losen Streuner› (747), ‹Landstreicherinnen­
Peter Handke schrieb mir am 20. November «[. . .] ­Ihre Anfrage ehrt mich und bringt mich lebenswandel› (751), ‹Mauschel­mechaniken›
2002 eine freundliche Karte dieses Inhalts: «Lie- zugleich in Verlegenheit, da ich bei jeder Zeile (762), ‹sklerotischer Säusler› (774).

54 Weltwoche Nr. 01/02.20


Bild: Augustin Le Gall (HAYTHAM-REA, laif)
Darf ich Ihnen aber auch meine Bedenken mit- voluntas» («Statt vernünftigen Grundes gelte Jazz
teilen – ich komme jetzt eben gleichwohl zu mein Wille!»)? Und setzt sich dieses charakter-
dieser Art Apologie, die ich vermeiden wollte.
Im Stil Hohes steht neben sprachlich Alltägli-
liche Grundmuster des Trotzes und der Un-
nachgiebigkeit nicht bis heute fort in seiner
The warm sound
chem: prospolos (748) als ‹Fräulein› fällt ab, da- ­Vita? Handke ist jemand, dem es Bedürfnis ist, of Peter Schärli
zu ist dysmoros (749) mit ‹die Dysharmonische› gegen den Strom der herrschenden Meinung
wohl nicht richtig getroffen (ich habe den Aus- zu schwimmen. Von Peter Rüedi
druck mit ‹diese Unglücksfrau› übertragen); Heute beurteile ich seine Übersetzung viel
‹ohne Aussicht auf Verehelichung› (752) ent- kritischer. Durchgehend wirkt ein exzessiver

«Es liegt mir fern, Sie, hoch-


Wille zur Originalität im deutschen Aus-
druck. Der Dichter triumphiert über den
Übersetzer, der Dienst am Werk tritt massiv
D ass ein guter Vorsatz nicht umzusetzen
ist, spricht nicht gegen den, der ihn aus-
spricht. Grosse Zielsetzungen nehmen sich oft
­geschätzter Herr Handke, mit zurück hinter der Zurschaustellung seiner naiv aus. Jedenfalls die, welche der Trompeter
Schulmeistereien zu belästigen.» dichterischen Potenz. Peter Schärli, geboren 1955 im Innerschweizer
Dorf Schötz und mit viel Talent und Beharr-
spricht nicht empeiros (‹nicht der Ehe kundig›); «Feindliche Westmedien» lichkeit zu diskretem weltweitem Ansehen in
‹heim ins Reich› (757), zumal ja von ‹Reich› Gewiss bleibt aber auch: Handke ist ein über- der Jazzgemeinde gelangt, auf seiner Website
nichts steht, könnte in Österreich zu Missver- ragender Wortkünstler, der den Preis, ge­ zur jüngsten CD «Peace Now!» wagt: «Musik
ständnissen führen; ‹indem du / der Polis hier messen an rein literarischen Kriterien (und kann die Welt verändern, man muss ihr nur
lieb Ade sagst› (758/9) für philos eipon ist zu nur die sollten gelten), in höchstem Mass ver- zuhören.» Sein Wort in Gottes Ohr. Es hat bei
niedlich, und mit der ‹sklerotische Säusler› dient. Und diejenigen, die jetzt verbal auf diesem ebenso eigenwilligen wie vielseitigen
(774) gelingt Ihnen zwar ein verblüffender den Laureaten eindreschen, frage ich: Was Musiker, der sich im Lauf seiner Karriere in
Ausdruck, aber er verfehlt das im Ausgangs- ­haben sie von Handkes reichem Werk gelesen vielen Temperaturzonen bewegt hat, out of the
text Gemeinte; er schreibt Kreon eine Sklerose und verstanden? Und kennen sie die Beweg- cool and into the hot, auch eine ästhetische Logik.
zu, wohingegen Ödipus ihm vorwirft, er ver- gründe seiner Anwaltschaft für Serbien? Und Running mild, running wild. Schärli ist seit je ein
bräme die brutale Wirklichkeit. was wissen sie über das Motiv seiner Reise an warmer, pathetisch gesagt: ein «beseelter»
Ausdrücke aus dem Englischen würde ich Milosevics Grab? «Mein Hauptbedürfnis je- Trompeter, der mich in Klang und Phrasie-
weglassen, die griechischen Interjektionen, denfalls für die Grabreise: Zeuge sein. Zeuge rung immer ein wenig an den leider fast ver-
immer ein heikles Feld, würde ich belassen, weder im Sinn der Anklage noch im Sinn der gessenen Johnny Coles erinnert. Seine Vor­
‹Herrje› (140) wirkt bieder; ‹Auf, ihr süssen Verteidigung.» Zur Reise bewogen ihn die liebe für brasilianische Musik und vokalen
Sprösslinge des archaischen Schattens› (106) durchweg «feindlichen, nach dem Tod Milo- Jazz ist da nur folgerichtig.
(statt: ‹Wohlan, ihr holden Töchter ihr uralter sevics noch verstärkt feindlichen Westme­ Zu Schärlis Charakter und Temperament
Nacht›) erinnert an den Schattenwurf archai- dien», deren «nicht bloss unwahre, sondern gehört, dass er seine Bands nicht wechselt wie
scher Kunst. ‹Bevor du mehr weisst› (36) ist schamlose Sprache. [. . .] Es hat mich gedrängt, das Hemd, seine humane Musik ist auf ein
unrichtig (historein: forschen, fragen); ‹grab- eine, nein, die andere Sprache vernehmen zu stimmiges Binnenklima angewiesen, auf ein
reich› (157) für ‹grasreich› scheint ein Druck- lassen, nicht etwa aus Loyalität zu Slobodan vertrautes Ambiente, und so ist die neue Beset-
fehler zu sein [in der gedruckten Fassung kor- Milosevic, sondern aus Loyalität eben zu je- zung von «Peace Now!» nur auf den ersten
rigiert]. ner anderen, der nicht journalistischen, der Blick überraschend. Auf den zweiten aller-
Es liegt mir fern, Sie, hochgeschätzter Herr nicht herrschenden Sprache.» dings einleuchtend. Auch hier versammelt er
Handke, mit Schulmeistereien zu belästigen. Diese Rechtfertigung schrieb Handke Vertraute und Wahlverwandte. Mit dem
Allerdings sind Übersetzungen immer am ein- im März 2006 (man findet sie im Netz). Ob Posau­nisten Jean-Jacques Pedretti, dem Bas-
zelnen Beispiel abzuhandeln, Theorien sind sie zu akzeptieren ist oder nicht – ich erlaube sisten Christian Weber und dem Drummer
wenig fruchtbar.» mir da kein Urteil –, ist dem Ermessen jedes Norbert Pfammatter, alle eminente Potenzen
Und wie hat Handke reagiert? Er hat mir in Einzelnen überlassen. Aber ehe man in den beidseits der Grenzlinie zwischen freier und
einer Notiz in der wunderschön gedruckten Chor der Scharfrichter einstimmt, sollte man gebundener Improvisation, zwischen «in ’n
Suhrkamp-Ausgabe gedankt: «Einen grossen seine Erklärung mindestens zur Kenntnis out», hat Schärli in anderen Zusammenhän-
Dank für das Durchsehen der Übersetzung an nehmen. Und auch seinen Satz von 2006: gen zusammengearbeitet. Die Hörner kom-
Kurt Steinmann.» Und in einer weiteren «Es handelt sich bei Srebrenica um das plettiert die Berliner Saxofonistin Silke Eber-
­Karte vom Januar 2003 dankte er mir für mei- schlimmste ­Verbrechen gegen die Mensch- hard auf dem Alto. Die Kompositionen (alle
ne ­«Notizen» und wies darauf hin, dass er die lichkeit, das in Europa nach dem Krieg be- Erfindungen des Trompeters) setzen schöne
englischen Einschiebsel schon vorher ent- gangen wurde.» Chöre und Unisoni, lassen aber viel Raum für
fernt habe. Im Übrigen hat er meine Kritik- improvisatorische Ausflüge und gelegentliche
punkte in der gedruckten Fassung nicht Passagen von kalkuliertem Chaos. Wunderbar
­berücksichtigt. lebendige Musik, durchdacht und frei.
Die verändert vielleicht nicht die Welt. Sie
Charakterliches Grundmuster des Trotzes lässt sie uns aber für eine Weile ertragen, was
Und wie werte ich heute die Reaktion Hand- doch auch schon allerhand ist.
kes? Trotz offensichtlicher und von mir beleg-
ter Mängel und Fehlleistungen (ich traf nur
­eine Auswahl) seiner Übersetzung weicht er
kein Iota von seiner einmal gewählten Fassung Kurt Steinmann ist Altphilologe Peter Schärli (feat. Silke
und Autor zahlreicher Übersetzungen Eberhard, Jean-Jacques Pedretti,
ab. Zeigt sich darin ein Charaktermerkmal des
antiker Autoren. 2019 wurde er für Christian Weber, Norbert
Wortkünstlers im Sinne von: «Was die ande- ­seine Leistungen mit dem Johann- Pfammatter): Peace Now!
ren sagen, schert mich nicht»; «Sit pro ratione Heinrich-Voss-Preis ausgezeichnet. Enja-9773

Weltwoche Nr. 01/02.20 55


Bild: Uwe Zucchi (DPA, Picture Alliance)
Geschlechter

Warum Feminismus gut für Männer ist


Solange Männer ihre sogenannt weiblichen Talente und Qualitäten nicht erkennen, können sie sich
nicht zu ganzheitlichen Menschen ausbilden. Die Folgen sind verheerend: für die Gesellschaft, aber
auch für jeden Einzelnen. Von Jens van Tricht

Neue Männer braucht das Land.


Ina Deter

E s ist eigentlich komisch, dass ich einen


­Artikel unter diesem Motto schreibe, ich,
ein weisser, heterosexueller Cis-Mann* mittle-
ren Alters, der alle Privilegien repräsentiert, die
vom intersektionalen Feminismus** kritisiert
und dekonstruiert werden. Gleichzeitig ist
nichts mehr selbstverständlich in meinem Le-
ben und in dieser Welt. Ich will deshalb erklä-
ren, weshalb Feminismus wichtig ist – für alle
Menschen, auch für einen Mann wie mich.
Ich war neunzehn, Idealist und Revolutionär,
als ich erstmals mit Geschichten von Gewalt ge-
gen Frauen in allen möglichen Formen kon-
frontiert wurde. Gerade weg aus meiner pro-
vinziellen Heimatstadt, aus der geschützten
Umgebung meiner Mittelklassefamilie, wohn-
te, lebte und arbeitete ich plötzlich mit Frauen,
liebte Frauen, die schreckliche Sachen erlebt
hatten. Es waren Geschichten, die ich mir kaum
vorstellen konnte und die niemand in seinem
Leben erleben sollte: Beziehungsgewalt, Fami-
liengewalt, Kindesmisshandlung, sexuelle
­Gewalt, Inzest . . .
Die Pein, die Verletzung, die Beschädigung –
sie waren so anwesend, so greifbar und ­haben
mich im Innersten berührt. Sie waren zu glei-
cher Zeit unwirklich, unbegreiflich und schie-
nen mir aus einer anderen Welt zu kommen.
Damals dachte ich, es handle sich um Ausnah-
men, Exzesse in einer eigentlich friedlichen Fass voller Möglichkeiten.
Umgebung, um extreme Situationen, die zum
Glück fast nie auftreten. weiter Teil unserer alltäglichen Gespräche. Es war und hier ein neues Leben aufbauen wollte.
Dann wurde ich vom Feminismus berührt. gab bei uns Frauengruppen und Männergrup- Sie reagierte sensibel auf Unrecht, wies mich
Natürlich war der Feminismus schon vorher da, pen, wir e­ xperimentierten mit Rollenwech- dauernd auf meine Privilegien hin, bot mir die
spätestens seit dem Internationalen Jahr der seln, im Haushalt, in der Bauarbeit, in unserer Chance, mich wirklich in den Feminismus zu
Frau von 1975, als sogar meine Mutter und ihre politischen Arbeit. vertiefen. Ich nahm die Chance gerne wahr, ob-
Freundin provokative Witze gemacht haben. Dabei lernte ich, dass Feminismus auch mich wohl es nie einfach war.
Aber ich hatte nie das Gefühl, dass das auch et- etwas angeht. Dass die meisten politischen An- Es war eine intersektionale Beziehung, ob-
was mit mir zu tun haben könnte. liegen, für die wir kämpften, mit Männern und schon ich das Wort anfangs nicht kannte. Sie
Männlichkeit zu tun haben; dass die meisten war eine Frau, ich ein Mann. Ich war körperlich
Das Persönliche ist politisch sozialen und politischen Probleme von Män- grösser als sie. Sie war die jüngste Tochter ihrer
Als Hausbesetzer bei den Autonomen, Ende nern verursacht werden; dass sie oft zu tun ha- Familie, ich der älteste Sohn – der Kronprinz.
der 1980er Jahre in Amsterdam, kämpften wir ben mit falschen Ideen von Männern und Sie kam vom Bauernhof, ich aus der o ­ beren Mit-
gegen alles mögliche Unrecht in der Welt. Wir Männlichkeit und/oder Frauen und Weiblich- telklasse. Sie stammte aus dem Ausland, sprach
bemühten uns, in Räumen, die vorher leerge- keit und dass, wenn wir etwas ändern wollen, kein Niederländisch, hatte keine niederländi-
standen waren alternative Arten des wir uns selbst ändern sollten – und können! sche Nationalität, was damals, vor Schengen,
Zusammen­lebens, Liebens und Arbeitens zu Kurz: Ich lernte, dass das Politische persön- bedeutete, dass ihr viele Rechte fehlten. Ich hat-
entwickeln. 1990 besetzten wir, vier Frauen, lich ist und das Persönliche politisch. Wir kön- te das Gymnasium abgeschlossen, sie nicht. Sie
zwei Männer, ein ehemaliges Krankenhaus. nen uns nur um eine bessere Welt kümmern, hatte keine Einkünfte, keine Krankenversiche-
Von Anfang an waren Feminismus, Emanzipa- wenn wir uns selbst verbessern. rung, ich schon. Ich war in vielerlei Hinsicht
tion, Geschlechtergleichheit, Sexismus, Män- In dieser Zeit verliebte ich mich in eine Deut- privilegiert, sie margina­lisiert. Ich habe das ge-
nerdominanz, Sozialisation, Gewalt und so sche, die gerade in die Niederlande gekommen wusst und es ernst genommen. Weil es ernst

56 Weltwoche Nr. 01/02.20


Illustration: Igor Morski
war. Weil ich lernen wollte. Weil ich Teil der Ich sage oder schreibe oder tue eigentlich nichts
­Lösung werden wollte. Neues. Dies ist alles schon so oft gesagt worden,
Diese Zeit, die Wohngemeinschaft, die von Frauen und auch von Männern. Aber an-
­Beziehung, die Selbstuntersuchung, die Vor- scheinend ist jetzt die Zeit wirklich reif.
würfe, die Entdeckungen, die Experimente, die
Gespräche – dies alles hat mir viel gebracht und Menschlichkeit beginnt mit Mitgefühl
gegeben. Viele Antworten – und noch mehr Ich muss noch mal kurz zurück in meine
­Fragen. Heute, fast dreissig Jahre später, be- Geschichte. Natürlich war ich privilegiert,
­
schäftige ich mich noch immer natürlich war ich mir meiner
­
­damit und glaube mehr denn je, ­Position in dieser Welt nicht be- Die Bibel
dass es wichtig für Männer ist, wusst, natürlich hatte ich keine
­diese spannende Herausforderung
anzunehmen. Warum? Weil wir
Ahnung, wie meine Privilegien
meine Position beeinflussten.
Antisemitisch links
den Feminismus brauchen. Weil Gleichzeitig hatte ich es auch
Von Peter Ruch
wir damit mehr Mensch sein kön- nicht nur einfach. Ich erlebte
nen, als es uns die traditionelle Schmerz und U ­ nrecht, fühlte
Männlichkeit oft erlaubt.

Wir werden vorsortiert


mich einsam, war depressiv und
wollte nicht mehr leben, verlor
mich mehrere Jahre lang an Dro-
N ichts, was von aussen in den Menschen hinein-
geht, kann ihn unrein machen, sondern was aus
dem Menschen herauskommt, das ist es, was den
Eigentlich sind wir alle ein Fass gen und Alkohol, kämpfte mit ­Menschen unrein macht (Markus 7,15). – Dieser
voller Möglichkeiten. Aber leider Autor van Tricht. Polizei und Faschisten, wurde
­ Satz Jesu bezieht sich auf die Juden. Die Phari-
entscheidet die Gesellschaft schon verprügelt, ausgeraubt, festge- säer beanstandeten, dass die Jünger die Reini-
vor unserer Geburt, dass wir nicht einfach Men- nommen. Ich habe viel B ­ lödes gemacht. gungsvorschriften nicht eingehalten hatten.
schen sein werden, sondern als Junge oder Mäd- Lange dachte ich, das gehört einfach dazu – Ich müsste allerdings ein plumper Fundamen-
chen geboren werden. Wir werden vorsortiert, zum Leben, zu meinem Leben. Doch Schritt für talist sein, wenn ich den Satz unverändert auf
nach Blau und Rosa, nach männlich und weib- Schritt entdeckte ich, dass nicht nur die die Juden bezöge. Er zielt vielmehr auf Men-
lich. Jungen lernen, dass sie nicht weiblich sein ­gesellschaftlichen und politischen Probleme, schen, die sich für unbefleckt halten und der
dürfen, Mädchen lernen, dass sie nicht männ- die mich beschäftigten, mit Sexismus und Sozi- Abgrenzung gegen alles, was sie verunreini-
lich sein dürfen. Wir lernen also, dass wir die alisation zu tun haben, sondern auch die per- gen könnte – auch gegen andersdenkende
Hälfte unserer Menschlichkeit, die Hälfte unse- sönlichen Probleme, die mir zu schaffen mach- Menschen –, ihr grösstes Augenmerk schen-
rer Qualitäten und Talente ignorieren, ableh- ten. Es hat lange gedauert, bis ich sanft genug ken. Das muss nicht mit Göttern zu tun haben.
nen und unterdrücken sollen. Und nicht nur zu mir sein konnte, um zu erkennen, dass ich Auch Meinungen und Weltanschauungen
das: Wir lernen auch, dass wir die andere Hälfte nicht unverletzlich und ewig stark bin oder sein können zur Religion werden. Dabei ergeben
– bei Jungen die ­sogenannte Männlichkeit, bei muss, dass ich nicht einfach alles ertragen und sich oft menschenfeindliche Nebenwirkun-
Mädchen die sogenannte Weiblichkeit – aus- akzeptieren muss, nur weil ich ein Mann bin. gen, wie bei den Pharisäern zur Zeit Jesu.
stellen, am besten stark übertreiben sollen, da- Mein Feminismus hat angefangen mit In diese Falle ist nun die britische Labour-­
mit es wirklich kein Missverständnis geben ­Empörung und Wut gegen das Unrecht, dem Partei getappt. Ihre Führung betrachtet die
kann über unsere Rolle in der Welt. Und hier Frauen ausgesetzt sind. Später wurde es zu mei- ­Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen.
liegt das Problem. ner Lebensaufgabe, Männer für den Feminis- Sie teilt die Welt in Unterdrückte und Unter­
Sexismus, Dominanz, Gewalt, Armut, Aus- mus zu sensibilisieren. Inzwischen weiss ich, drücker ein. In Reine und Unreine. Dieses mar-
beutung, Klima, Süchtigkeit, Depression, dass ich Mitgefühl brauche: Mitgefühl für mich xistische Geschichtsbild war ein hilfreicher
­Sexualisierung – dank der Frauenbewegung selbst, für andere Männer, für Frauen ­natürlich, Schlüssel zum Verständnis des 19.  Jahrhun-
wissen wir längst, dass dies alles mit der gesell- für Kinder. Aber zunächst einmal für mich derts. Seit ­spätestens 1917 passt er in kein Loch
schaftlichen Position der Mädchen und Frauen selbst. Menschlichkeit beginnt mit Mitgefühl. mehr. Zu den Unreinen in Jeremy Corbyns
zusammenhängt, mit gesellschaftlichen Vor- Ich musste lernen, meine eigene Menschlich- ­Gedankenwelt gehören die Kapitalisten, die
stellungen von Weiblichkeit. Dasselbe gilt für keit zu akzeptieren. ­Geschäftemacher und die Juden. Hier wurzelt
Jungen, Männer und Männlichkeit. All diese Wir sind alle verletzt und beschädigt. Femi- der linke Antisemitismus. Er ist nicht neu.
Probleme hängen mit der Art und Weise zu- nismus gibt uns die Chance, uns zu heilen. Vor fünfzig Jahren wies der Schriftsteller Jean
sammen, wie wir Jungen nach einem Männlich- «Wann ist ein Mann ein Mann?» (Herbert Grö- Améry darauf hin, dass die Linken dieses Denk-
keitsideal zum Mann erziehen und Mädchen nemeyer). Wann ist ein Mann ein Mensch? muster auf Israel und die Palästinenser über­
mit Weiblichkeitsidealen zu Frauen. tragen. Mit «Zionismus» meinten sie etwa das
Die Frauenbewegung hat viel erreicht. Frau- *Cis-Mann: Mann, dem bei Geburt das männliche Gleiche wie die Nazis mit «Weltjudentum».
en haben sich Zugang zu traditionell männli- ­Geschlecht zugewiesen wurde und der sich auch als Und ich erinnere mich, dass zu meiner Studien-
Mann versteht.
chen Machtdomänen erkämpft. Sie haben ihre zeit der Studentenreisedienst SSR alle Desti­
**Intersektionaler Feminismus: Feminismus, der nicht
sogenannt männlichen Qualitäten und Talente nur Benachteiligungen nach dem Geschlecht nationen anbot – nur nicht Israel.
entdeckt, diese entwickelt und eingesetzt. Sie ­berücksichtigt, sondern auch nach anderen Kriterien Die jüdische Publizistin Juliet Samuel gab
sind Mensch geworden. wie Herkunft oder soziale Stellung. nach den Unterhauswahlen ihrer Freude im
Jetzt sind die Männer dran. Sie brauchen es. Daily Telegraph unverhohlen Ausdruck. Dabei
Die Welt braucht es. Wir brauchen Menschen ging es ihr weder um rechts oder links noch um
mit menschlichen Qualitäten und Talenten, die den Brexit. Es gibt ehrenwerte Linke, und beim
uns weiterbringen. Wir können und müssen Brexit können anständige Menschen dagegen
nicht zurück in die 1950er oder 1920er J­ahre. oder dafür sein. Beim Antisemitismus nicht.
Jens van Tricht: Warum Feminismus gut
Wir müssen vorwärtsgehen, dabei aber zurück- für Männer ist. Ch. Links Verlag. 176 S.,
schauen und von der Geschichte ­lernen. Fr. 28.90 Peter Ruch war Pfarrer in drei Gemeinden.

Weltwoche Nr. 01/02.20 57


Bild: Jelmer De Haas
und Täter, weder den psychologischen noch
­sozialen Problemen gewachsen, nur die eige-
nen Territorien mit den jeweils eigenen Mitteln
verteidigend. Eine Tücke der Ästhetik, der
­Voyeurismus, ist dabei kaum zu umgehen. Die
Rituale der Aggression und Gewalt auf beiden
Seiten sind «Attraktion» und Schlüssel zum Er-
folg solcher Filme. Der «wohlige Schauder» ist
der zu bezahlende Preis, will man auf derartige
Missstände hinweisen. Hilfsappelle lösen sie
­sicher nicht aus (wie Stéphane gleich zu Beginn
sagt, hat sich seit Hugos Zeit nichts geändert).
Neu ist das Konzept nicht, es hat Tradition.
Grosses Vorbild ist Luis Buñuels «Los olvi-
dados» (1950); auch Hector Babencos «Pixote»
(1981), Mehdi Charefs «Le thé au harem d’Ar-
chimède» (1985), Marco Risis «Ragazzi fuori»
(1990) und «Gomorrha» (Film und Serie) ge­
hören dazu. Aus Hugos Roman «Les Misérab-
les», der sozusagen Pate stand, holte sich Ladj
Ly das Motto: «Merkt euch, Freunde! Es gibt
weder Unkraut noch schlechte Menschen. Es
gibt bloss schlechte Gärtner.» HHHH✩
Fiebriges Ambiente: «Les Misérables».
Weitere Premieren
Kino The Current War _ Erfinder Thomas Alva Edi-
son (Benedict Cumberbatch) gelingt in den

Überall nur schlechte Gärtner 1880er Jahren die Elektrifizierung mit dem
Gleichstromverfahren, und nun sucht er Kapi-
tal für den Bau eines flächendeckenden Strom-
Victor Hugos «Les Misérables», mehrfach verfilmt und vertont, stand
netzes. Der Aussenseiter-Tüftler Nikola Tesla
Pate beim gleichnamigen Film über Polizeiwillkür in den Banlieues. (Nicholas Hoult), der sich als Angestellter an-
Von Wolfram Knorr dient, schlägt ihm dagegen Wechselstrom vor,
den Edison, zu sehr von sich überzeugt, als zu

B ei einer Routinetour durch Montfermeil,


einen sozialen Brennpunkt der Pariser
Banlieue, wird Neuling Stéphane Ruiz (Damien
«Les misérables» ist das mit Laien besetzte semi-
dokumentarische Erstlingswerk von Ladj Ly,
dessen Eltern 1980 von Mali nach Frankreich
gefährlich ablehnt. Darauf wechselt Tesla die
Seite und geht mit seinem Konzept zu Edisons
Konkurrenten George Westinghouse (Michael
Bonnard), der im Fond des Wagens sitzt, von immigrierten und der mit zwölf Geschwistern Shannon). Der greift zu – und das erbitterte
Teamleiter Chris (Alexis Manenti) auf die Treff- in Montfermeil aufwuchs. Er gilt in Frankreich ­Duell zwischen den Systemen beginnt, das Wes-
punkte ethnischer Gruppen hingewiesen. Bei als neues Talent. Tatsächlich besticht Lys Debüt tinghouse gewinnt. Eigentlich hätte der bestens
der Schule Victor Hugo erläutert er, warum sie mit zupackendem Realismus, dichter Atmo- besetzte Film schon 2017 ins Kino gesollt. Sein
den Namen trägt, und Stéphane ergänzt: «Na sphäre, genauen Beobachtungen und sugges­ damaliger Produzent Harvey Weinstein dräng-
klar, weil er hier ‹Les Misérables› geschrieben tiven Draufzu-Szenen. Fiebrig das Ambiente te darauf und übernahm den Schnitt, was Regis-
hat. Hat sich ja auch kaum was verändert.» Mit von Islamisten, Dealern, Pennern, Krakeelern, seur Alfonso Gomez-Rejon («Me and Earl and
Gwada (Djibril Zonga) am Steuer streift das Trio herumstromernden Kids, schillernd die Schat- the Dying Girl») verzweifeln liess. Es folgte der
der Antiverbrechenseinheit durchs Getto, eine tierungen. Die Story gleicht einer atem­losen Weinstein-Sturz, aber auch die Nachfolgerech-
Reste-Welt, von der Metropole galaxienweit Hatz von drei Cops durch vermintes Gelände – te-Inhaber machten es dem Regisseur nicht
entfernt. Nur bei Aufständen wird diese daran bis sie auf eine Mine treten. Ein Kid klaut ein Lö- leichter. Erst Martin Scorsese, ein alter Freund
erinnert, dass Montfermeil sehr nahe ist. wenbaby aus dem Zigeuner-Zoo, die Betreiber von Gomez-Rejon, verhinderte kraft seiner
Chris und Gwada benehmen sich im urbanen drohen dem selbsternannten schwarzen Bür- ­Reputation eine überstürzte Auswertung. Die
Wildwuchs wie Zugehörige, drangsalieren und germeister des Quartiers mit Mord und Tot-
drohen, filzen Teenie-­Cliquen grundlos nach schlag, das Cop-Trio versucht eine Deeskalati-
Drogen und blaffen her­um, um den Bewoh- on, sucht panisch den Dieb, findet ihn – und
nern der heruntergekommenen Plattenbauten, Gwada gerät mit einer Leuchtpistole ausser
gestrandeten, arbeitslosen, aggressiven Im- Kontrolle. Eine Drohne, die das Malheur filmte,
migranten, zu demonstrieren, wer hier das lässt die Antiverbrechenseinheit die Kontrolle
­Sagen hat. Neuling Stéphane, der sich wegen verlieren und die Kids des Quartiers ausser Rand
seiner Scheidung versetzen liess, reagiert ver- und Band geraten. Der um Nachsicht bemühte
stört auf die hemds­ärmelige Ruppigkeit der Stéphane steht vor seinem Damaskuserlebnis.
Kollegen. Gleich beim ersten Einsatz zeigt er «Les misérables» bleibt, neben Stéphane, der
sich ungehalten wegen Chris’ Rassismusausfäl- durch einen Praxis-Schleudergang gejagt wird,
len, versucht, die Gemüter zu beschwichtigen, auf der Seite der Opfer. Ladj Ly denunziert aber
und versaut nur den «Teamgeist» – und schon nicht die heillos überforderten Ordnungshüter.
ist Stéphane mitten drin in einem Teufelskreis. Auf sich gestellt, alleingelassen, sind sie Opfer ­Duell der Systeme: «The Current War».

58 Weltwoche Nr. 01/02.20


Illustration: Jonathan Németh
definitive Version will aber auch nicht so recht
zünden. Sie ist zwar nie langweilig, aber es fehlt
an psychologischem Raffinement zwischen
Westinghouse und Edison.  HHH✩✩

Les particules _ Eine internationale Schule,


der Teilchenbeschleuniger Cern, der Allon-
don, das Grenzland zwischen der Schweiz und
Frankreich in Vororten von Genf und zwi-
schen allem vier Freunde, gemeinsam vor der
Abschlussprüfung. Sie machen Musik in einer
Garage, trinken Alkohol, kaufen Drogen,
­gehen auf Partys, kabbeln sich, hängen rum, Körzis Hollywood
zelten in den Bergen, kommen aus dem Mit-
telstand und sind ansonsten nichtssagend –
bis auf einen: P. A. (Thomas Daloz), den verän-
Wer hat hier gezaubert?
dert ein Besuch im Teilchenbeschleuniger. Er Golden Globes, Hype und Humus. Von Norbert Körzdörfer
träumt sich in höhere Sphären der Physik, eine
Welt der Teilchen, der Moleküle und elektri-
H ollywood 2020 ist happy. Achthun-
dert neue ­Kinofilme! Der blaue Pazi-
fikhimmel ist voller Streaming-Träume.
Mit 34 Nominierungen ist Netflix in Holly­
wood angekommen (152 Millionen Abos in
190 Ländern). 50 Prozent der Globes-­
Die ­neuen Könige: Disney und Netflix. Alle Gewinner kriegen auch einen Oscar. Dort
Tesla-­Fahrer (z. B. Harrison Ford) jubeln – stimmen statt 90 Filmfans 9000 Academy-­
Aktie auf 420 Dollar! Und alle iPhone-Fans Profis ab. Favoriten: «Joker», «1917», «The
auch: Kurs auf 300 Dollar! Optimismus ist Irishman». Aber die Globes sind ein Pio-
Hype und Humus von Hollywood. nier: Sie umarmen alle Screens.
Die Golden Globes sind das Sprungbrett Hollywood-Talk?
in das Oscar-Rennen (9. Februar). Zu Silves- Der Weinstein-Prozess – in New York.
ter bekam ich meine Akkreditierung: ein Nach einem Autounfall soll sich Holly­
Hochsicherheitstrakt. Die Globes geben woods Ex-King mit 25 Millionen Schweige-
auch 500 000 Dollar für Security aus. Aber: geld (von der Versicherung) versucht haben
Es ist eine Spassparty. freizukaufen. 53-mal soll er seine elektroni-
Beglückende Beschleunigung: «Les particules». Ich stehe zwischen Brad Pitt und Rupert sche Fussfessel manipuliert haben.
Murdoch – auf der Toilette. Es gibt nur eine. Der erfolgreichste Hollywoodstar hat
schen Felder. Wer allerdings P. A.s Besuch im Beim Händewaschen blicke ich in den Spie- keinen Oscar, keinen Globe, aber vierzig
Cern und seine sich darauf entfaltende Fan­ gel und sehe US-TV-Stars, deren Namen Millionen Dollar im Jahr: Dwayne «The
tasie für eine beglückende Beschleunigung entfliehen. Ich biege um die Ecke, und Rock» Johnson (47, 196 cm, 118 kg). Die Ac-
des Spielfilmerstlings vom Frankoschweizer ­Angelina Jolie (Damentoilette) lächelt. tion-Ikone («Jumanji», «Fast & Furious»)
­Blaise Harrison hält, der muss schon im Still- Dann bist du plötzlich mitten in der ist ein sich selbst erfüllendes Märchen.
stand eine enorme Bewegungsenergie sehen. ­lustigsten Party Hollywoods (ab 17 Uhr Ein Power-Mix (schwarzer Vater, sa­
Träge nuscheln P. A. und seine Kumpels sich ­Pazifikzeit). moanische Mutter, Football-Uni). Erst
durch die klamme Winterzeit.  HH✩✩✩ 150 Stars, 1500 VIPs und 5000 VIP-Gäste Wrestling-­Weltmeister, heute Hollywoods
bei den zehn After-Globes-Partys! Drinks Nummer eins. Er trinkt Fidschi-Wasser.
nonstop. Es sind die Vor-Oscars im «Bever- Lebensphilosophie: «Erfolg hast du nicht
Knorrs Liste ly Hilton»-Hotel. über Nacht! Das Geheimnis: Du musst je-
1 Star Wars: The Rise of ... HHHH✩ Es gibt Moët-Piccolos mit Strohhalmen den Tag besser werden als am Tag zuvor.
Regie: J. J. Abrams
schon beim roten Teppich. Es ist ein Ball- Erfolg ist eine Summe deiner Leistungen.
2 Als Hitler das rosa Kaninchen... HHHH✩
saal mit Essen und Champagner, der zum Ich vergesse nie, woher ich komme.»
Regie: Caroline Link
TV-Studio wird. Bei jeder Werbepause Preise sind wichtig, aber wichtiger ist die
3 Judy  HHHH✩
Regie: Rupert Goold (fünf Minuten) ist der Saal eine einzige Kinokasse: Der erfolgreichste Film des
Talkshow. In einer Ecke sitzt auch Jeff Be- ­Jahres 2019 – und der Geschichte – ist das
4 The Two Popes HHHH✩
Regie: Fernando Meirelles zos (Amazon Prime), der reichste Filmfreak Superhelden-Epos «Avengers: Endgame»
5 Midnight Family HHHH✩ der Welt. mit Robert Downey Jr.
Regie: Luke Lorentzen Wer zaubert die Globes? Einspielergebnis weltweit: 2 797 800 564
6 Hors normes HHHH✩ Die Hollywood Foreign Press Associati- Dollar!
Regie: Olivier Nakache/ Eric Toledano on, das sind neunzig zauberhafte Filmre- Darum geht es letztlich auch in Holly­
7 A Vida Invisível... HHHH✩ porter-Dinos, die ihre Lieblingsstars (Film, wood: Geld.
Regie: Karim Aïnouz TV und ­Streaming) nominieren wie eine
8 The Farewell HHHH✩ Gästeliste. Die Stars lieben dieses augen-
Regie: Lulu Wang zwinkernde come ­together, und sie können
9 Bruno Manser – Die Stimme ... HHHH✩ rauchen (Terrasse) und lachen – mit dem
Regie: Niklaus Hilber ätzenden Bier-Moderator Ricky Gervais
10 Frozen II HHHH✩ (zum fünften Mal). Mit open bar. Norbert Körzdörfer ist Journalist und Schriftsteller.
Regie: Jennifer Lee, Chris Buck

Weltwoche Nr. 01/02.20 59


Gesellschaft

Haus der goldenen Türfallen


Die Chartwell Mansion, eines der wertvollsten Häuser in privatem Besitz, hat nach zwei Jahren auf dem
Markt einen Käufer gefunden: Lachlan Murdoch, der Sohn des Medienkönigs, hat das kalifornische
Grundstück zu einem Rekordpreis erworben. Was hat es, was andere nicht haben? Von Benjamin Bögli

A ls der Milliardär Jerry Perenchio starb,


überliess er 47 Werke seiner einzigartigen
Kunstsammlung im Wert von rund 500 Mil­
Nichts zu lachen hatte der Bauherr der Man­sion.
Das Leben des Ingenieurs Lynn Atkinson, der
Anfang der dreissiger Jahre für seine Frau das
lionen Dollar einem kalifornischen Museum. Haus erbauen liess, nahm gar ein tragisches En­
Einige davon, darunter Bilder von Manet und de. Atkinson beauftragte den berühmten Archi­
Picasso, waren in seinem Haus an der 750 Bel tekten Sumner Spaulding mit dem Projekt. Als
Air Road in Los Angeles ausgestellt. Das spek­ er den Bau im Stil eines französischen Château
takuläre Anwesen kam nach Perenchios Tod 1933 fertiggestellt hatte, war Atkinsons Gattin,
2017 ebenfalls in die Schlagzeilen, weil es nun eigentlich eine Dame der High Society, alles an­
zum Verkauf stand – für sagenhafte 350 Mil­ dere als begeistert. Der Legende nach nannte sie
lionen Dollar. Seither suchten drei auf den es «grosskotzig» und weigerte sich, einzu­
­«Platinum Triangle» spezialisierte Immobi­ ziehen. Atkinson geriet in finanzielle Schwierig­
lienagenturen vergeblich nach einem Käufer. keiten und sah sich zum Verkauf gezwungen.
Der «Triangle» ist die inoffizielle Bezeich­ In den vierziger Jahren erwarb es Hotelier Kirke­
nung für drei der exklusivsten Wohngegen­ by für 200 000 Dollar. Der tiefbetrübte Atkinson
den in Los Angeles: Bel Air, Holmby Hills und sei daraufhin in ein Hochhaus mit Sicht auf sein
Beverly Hills. ehemaliges Grundstück gezogen. Von dort aus
Dann, Ende Jahr, kam plötzlich Bewegung trauerte er, stundenlang durchs Fernglas bli­
ins Geschäft der Makler. Zuerst wechselte im Discount: Murdoch, Gattin Sarah. ckend, seinem verlorenen Traumhaus nach und
November Perenchios privater Rebberg, der beging schliesslich Selbstmord.
sich in der Nähe des Hauses befindet, für zwölf
Millionen Dollar den Besitzer. Und knapp zwei Pavarotti übte im unterirdischen Gang
Wochen vor Weihnachten kaufte Lachlan Bis 1986 blieb die Villa im Besitz der Kirkeby-­
Murdoch, 48, Co-Präsident des Medienunter­ Familie. Dann kaufte Jerry Perenchio für knapp
nehmens ­seines Vaters, das Anwesen in Bel Air 14 Millionen Dollar das «Haus der goldenen
zum D ­ iscountpreis. Das Wall Street Journal Türfallen», wie die Mansion geheimnisvoll ge­
schätzt den Betrag, den Murdoch zahlte, auf nannt wird. Im Berufsleben bewies Perenchio,
150 Millionen Dollar. Trotz des Preissturzes von der ein guter Freund Ronald Reagans war, in
200 Millionen ist der Verkauf der Chartwell eindrücklicher Verlässlichkeit, dass er auch ein
Mansion – so nannte Perenchio sein schlos­ goldenes Händchen hatte. Was auch immer der
sähnliches D ­ omizil – historisch. In Kalifornien, Sohn italienischer Einwanderer anfasste – eine
der Heimat der vermögenden Hollywoodstars Wertsteigerung war garantiert. Sein einträg­
und der Silicon-Valley-Unternehmer, hat noch lichstes unter vielen grossen Geschäften gelang
nie jemand mehr für ein privates Wohnhaus be­ ihm, als er seine Firma ­Univision, die er für 550
zahlt. Millionen Dollar übernommen hatte, 2007 für
Das Forbes-Magazin rechnete aus, dass bei 12 Milliarden Dollar verkaufte. Der ehemalige
­einer üblichen Kommission von 2,5 Prozent Warner-Bros.-Chef Alan Horn erklärte Peren­
­jeder der acht am Verkauf beteiligten Immobi­ chios Erfolg einmal so: «Jerry hat ein hervorra­
lienagenten knapp 470 000 Dollar verdiente. «Mut eines Löwen»: Milliardär Perenchio. gendes Näs­chen, hervorragende Instinkte, und
Für die Makler kam die Bescherung also noch er hat den Mut eines Löwen.»
vor Weihnachten. nold Kirkeby, die Fernsehleute in seinem Der geniale Unternehmer war extrem me­
Haus filmen. Die Geschichte um reich gewor­ dienscheu – sein letztes Zeitungsinterview gab
Verlorener Traum dene, hinterwäldlerische Texaner, die in die er Anfang der achtziger Jahre. Seine «20 Rules
Was macht diese Liegenschaft so kostbar? Im Luxusvilla in Beverly Hills einziehen und das of the Road» darüber, wie man sich in der Ar­
Preis inbegriffen sind neben den 2300 Qua­ totale Chaos veranstalten, war ein Riesenhit. beitswelt durchsetzt, sind dennoch legendär.
dratmetern Wohnfläche auf dem 40 000 Qua­ Deshalb ist das Gebäude in Amerika fast so Als Privatmann ging er in die kalifornische Ge­
dratmeter grossen Grundstück, wo auch bekannt wie die «Playboy Mansion» des ver­ schichte ein, als er bei seinem Strandhaus in
schon ein Präsidentenehepaar wohnte, die storbenen Verlegers Hugh Hefner, die sich Malibu für seine Frau illegal einen Golfplatz
nicht ganz alltägliche Vergangenheit des An­ übrigens ganz in der Nähe befindet. Dass sich bauen liess. Schliesslich einigte sich der Milliar­
wesens und ein paar Extravaganzen des frü­ das einmalige Grundstück genau genommen där 2004 mit den Behörden: Er versprach, dass
heren Hausherrn. Landesweit berühmt wur­ nicht in ­Beverly Hills, sondern in Bel Air der Golfplatz nach seinem Ableben für die
de der noble Bau in den sechziger Jahren, weil befand, schien n
­ ­ iemanden zu stören. Die ­Öffentlichkeit zugänglich sein werde.
er als Schauplatz der TV-Serie «The Beverly «­Beverly Hill­billies»-Sitcom zählt bis heute Das ohnehin schon prächtige Anwesen in Bel
Hill­billies» diente. Für 500 Dollar pro Tag zu den erfolgreichsten im amerikanischen Air veredelte Perenchio, indem er es stets aus­
liess der damalige Besitzer, der Hotelier Ar­ Fernsehen. baute und um Land erweiterte. Gleich nach

60 Weltwoche Nr. 01/02.20


Bilder: Dia Dipasupil (Getty Images), Genaro Molina (Los Angeles Times, Getty Images)
Kleines kalifornisches Versailles: die 150 Millionen Dollar teure Chartwell Mansion in Los Angeles.

dem Kauf in den achtziger Jahren investierte er Heute umfasst die Villa unter anderem 18 Pavarotti zum regelmässigen Üben inspiriert
neun Millionen Dollar in die Renovation. Der Schlaf- und 24 Badezimmer, ein Esszimmer haben soll, weil die Akustik im unterirdischen
französische Stardesigner Henri Samuel und für 18 Personen, das mit einer europäischen Gang so gut war.
der Architekt Pierre Barbe verwandelten Haus Originaltäfelung aus dem 17. Jahrhundert ver­ Perenchios Nachbarn am Ostzipfel seines An­
und Garten in ein kleines kalifornisches Ver­ kleidet ist, einen Ball- und einen Billardraum, wesens hiessen Nancy und Ronald Reagan.
sailles. In Branchenkreisen ist man sich ­einig: eine Konzertbühne und einen Weinkeller, der Nachdem Nancy 2016 – zwölf Jahre nach ihrem
In Los Angeles gibt es nichts Vergleichbares 12 000 Flaschen fasst. Perenchios Weine wur­ ­Präsidentengatten – gestorben war, erweiterte
und wohl auch im ganzen Land nicht. Auch den 2018 für 12 Millionen Dollar versteigert. Perenchio sein Grundstück um dieses Land. Er
liess Perenchio den Eingangsbereich, den die Weiter befinden sich auf dem Gelände ein 530 ­zahlte dafür 15 Millionen Dollar und liess das
Beverly Hillbillies in der TV-Serie spöttisch, Quadratmeter grosses Gästehaus, ein Spring­ Haus abreissen, wahrscheinlich, um seinen
aber nicht ganz ohne Grund mit einem Ge­ brunnen, ein Gemüsegarten, eine Tennisanla­ Garten zu vergrössern. Dazu kam es nicht mehr,
fängnistor verglichen, einladender gestalten. ge, ein Helikopterlandeplatz und eine Garage weil er wenig später, 86-jährig, starb.
für vierzig Autos. Darü­ Als vierter Besitzer in rund neunzig Jahren
ber blühen ein herrli­ zieht nun Lachlan Murdoch in die märchen­
cher Rosengarten und hafte Chartwell Mansion ein. Von hier aus
eine kleine Besonder­ überblickt der studierte Philosoph, dreifache
heit: ein Mammut­ ­Vater und älteste Sohn von Rupert Murdoch
baum-Wäldchen. Diese sowohl Downtown L. A. als auch den Pazifik.
Bäume kommen sonst In Gehdistanz, aber deutlich tiefer gelegen,
nur im Norden Kalifor­ befindet sich jenes Grundstück, das bis vor
niens vor. Pflanzennarr kurzem noch das teuerste in ganz Kalifornien
Perenchio liess ein Dut­ war: Im Juni des letzten Jahres hatte es Petra
zend davon ausreissen Eccle­stone, die Tochter des Formel-1-Moguls
und auf seinem Grund­ Bernie Ecclestone, für 119,7 Millionen Dollar
stück einpflanzen. Zum einem anonymen Käufer – in Los Angeles hält
22 Meter langen Swim­ sich das Gerücht hartnäckig, es handle sich
mingpool führt ein um den Pharma-Milliardär Daryl Katz – über­
Tunnelsystem, das das schrieben.
mittlerweile verstorbe­ Wie dem auch sei: Seit Dezember heisst
Einzug der Texaner: «The Beverly Hillbillies» in den sechziger Jahren. ne Opernidol Luciano ­Kaliforniens neuer Villen-König Murdoch.

Weltwoche Nr. 01/02.20 61


Bilder: Hilton & Hyland, Everett Collection (Keystone)
Namen

Eilige Sportler und Gourmets


Eine gelungene Saison in Klosters; das Gespür des
Gemeindepräsidenten von St. Moritz; vielversprechende Pläne
für den Zürcher «Münsterhof». Von Hildegard Schwaninger

Thiel
D ie «Chesa Grischuna» in Klosters wurde
von der internationalen Denkmalpflege
zu viele Leute, zu viele Skifahrer auf den Pis­
ten. Ein einziges Gedränge, in Davos, in Klos­

Fachkräfte Icomos als «Historisches Hotel der Schweiz


2020» ausgezeichnet. Das Hotel, vor achtzig
ters und im Engadin. In St. Moritz friert lang­
sam der See zu. Es sieht aus, als könnten die
Jahren von Hans und Doris Guler gegründet Jugend Olympic G ­ ames am Wochenende statt­
Von Andreas Thiel und heute von deren Nachfahrin Barbara Rios finden – und das Poloturnier, gesellschaftli­
Guler geleitet, hat sich stets vom Grundsatz lei­ ches Glanzlicht der Wintersaison, am letzten
Maurer: Wir müssen endlich die Massenein­ ten lassen, sämtliche Renovationen subtil und Januar-Wochenende auch.
wanderung stoppen. in Rücksprache mit der Denkmalpflege auszu­
Cassis: Aber die Wirtschaft ist auf Einwande­
rung angewiesen.
Keller-Sutter: Die Wirtschaft leidet unter
führen. Die «Chesa Grischuna», ein heimeliges
Hotel, Treffpunkt lokaler Stamm­gäste wie der
internationalen Society, wurde erneut im Rah­
D er Entertainer Christian Jott Jenny ist seit
genau einem Jahr als Gemeindepräsident
von St. Moritz in Amt und Würden. Selbst die
Fachkräftemangel. men der World Ski Awards als «Bestes Ski-Bou­ grössten Skeptiker, die sich nicht vorstellen
Maurer: Deshalb muss man Einwanderung tique Hotel der Schweiz» ausgezeichnet. Die konnten, dass ein Zürcher ohne politische Er­
nach wirtschaftlichen Kriterien steuern und Tester von «Gault Millau» gaben 15 Punkte für fahrung sich im Engadin in solcher Position be­
nicht nach politischen. die Küchenbrigade, die geschickt den Spagat haupten kann, staunen über den vermutlich
Sommaruga: Aber genau das ist doch unsere zwischen Hamburger und Spaghetti für eilige ­berühmtesten Gemeindepräsident der Schweiz.
Politik: Wir fördern die Einwanderung, um Sportler, Käsefondue und Raclette in der Kegel­ Der 41-Jährige hat ein untrügliches Gespür für
den Fachkräftemangel zu beheben. bahn und mehrgängigen Gourmetmenüs zu Show­ effekte. Beim traditionellen Neujahrs­
Parmelin: Es wandern leider nicht nur Spe­ schlagen versteht. apéro für Zweitwohnungs­besitzer schaffte er es,
zialisten ein. Auch Geoff Richards, Präsident der Klosters den Draht zu den «Zweitheimischen» zu ­finden.
Cassis: Das stimmt. Für die Wirtschaft kommt Alpine Concerts, blickt auf eine gelungene Sai­ Im Hotel «Laudinella» – sein «Staats­orchester»
es schon auch darauf an, worauf die Fachkräfte son zurück – und vorwärts auf die kommende. machte bereits Musik – begrüsste er am Saal­
spezialisiert sind. Die Klosters Weihnachtskonzerte, kuratiert von eingang jeden Gast persönlich. Dann ging er auf
Maurer: Viele dieser Fachkräfte sind speziali­ Stephen Johns, Leiter des Royal College of Mu­ die Bühne, sang «Willkommen, bienvenue,
siert auf den Bezug von Sozialleistungen. sic aus London, mit den Klosters Festival Singers ­welcome», spielte gleichzeitig Gastgeber, Enter­
Sommaruga: Was soll das heissen? aus Grossbritannien und den Lund Switzerland tainer, Sänger, Gemeindepräsident. Und am
Maurer: Das heisst, wenn noch mehr Fachkräfte Singers aus Schweden, waren ein grosser Erfolg. Schluss noch Interviewer: Er holte die in
kommen, bricht unser Sozialsystem zusammen. Die nächsten finden im Dezember 2020 statt. Champfèr wohnhafte Triathlon-Weltmeisterin
Keller-Sutter: Wie soll die Wirtschaft den Die Saison in den Bergen war ein voller und Olympiasiegerin Nicola Spirig zum
Fachkräftemangel denn beheben, wenn nicht ­Erfolg – viel Sonne, herrliches Wetter, viel ­Gespräch auf die Bühne. Die vielen anwesenden
durch Einwanderung? Schnee. Aber alles etwas zu viel: zu viele Autos, Zweitwohnsitz-Italiener, die in den Genuss ei­
Maurer: Wir könnten die Bundesverwaltung
halbieren. Das würde Tausende von Fachkräf­
ten auf den Arbeitsmarkt schwemmen. Sie diesmal nicht nur Vorsätze fürs neue Jahr ge­
Berset: Wo sollen die entlassenen Verwal­ fasst, sondern gleich für die ganze Dekade.
tungsangestellten denn arbeiten? Mehr Sport, natürlich. Damit Sie gesünder sind.
Maurer: Überall, wo man Fachkräfte braucht. Und attraktiver! Begleitend könnten Sie mehr
In der Verwaltung arbeiten vorwiegend Aka­ Gemüse essen, weniger trinken, das Rauchen
demiker im oberen Lohnsegment. seinlassen, häufiger an die frische Luft gehen.
Amherd: Ja, aber die kann man in der Wirt­ Drei Kilo leichter, das wäre schliesslich gut. Am
schaft doch nicht brauchen. Wochenende früher aufstehen, mal wieder ins
Cassis: Was machen sie denn in der Verwal­ Museum gehen. Womöglich haben Sie sich aber
tung, wenn man sie in der Wirtschaft nicht Fast verliebt auch berufliche Ziele gesteckt. Weil noch diese
brauchen kann? eine Beförderung fehlt, diese eine Gehaltser­
Keller-Sutter: Sie schonen das Sozialsystem.
Würde man alle, die man nicht brauchen
Lieben, was ist höhung, damit Sie Ihr Leben geniessen können.
Nicht zuletzt sind Macht, Erfolg und Geld sexy.
kann, aus der Verwaltung entlassen, bräche Vielleicht klappt’s dann auch mit der grossen
Von Claudia Schumacher
das ­So­zialsystem zusammen. Liebe. Auf jeden Fall ist es absolut machbar, dass
Sommaruga: Aber es landen doch auch nicht al­ Sie endlich dort ankommen, wo Sie sich schon
le Fachkräfte, die einwandern, im Sozialsystem.
Maurer: Nein, einige finden auch eine Anstel­
lung in der Verwaltung.
W illkommen im Jahr 2020! Die Golde­
nen Zwanziger haben begonnen.
Sind Sie bereit für den Spass – oder fehlt Ih­
lange sehen! Dazu muss nur alles anders und
besser werden, vor allem Sie selbst.
Wie Sie unschwer erkennen: Ich bin keine
nen etwas zu Ihrem Glück? Vielleicht haben grosse Freundin der guten Vorsätze. Geht es da­
Andreas Thiel ist Schriftsteller und Kabarettist.

62 Weltwoche Nr. 01/02.20


Illustrationen: Jonathan Németh
ner ­Simultanübersetzung (per Kopfhörer) ge­
kommen waren, zeigten sich alle hell begeistert.

A uch die Zürcher Gastronomie ist in Bewe­


gung. Michel Péclard und sein Team über­
nehmen das Restaurant «Münsterhof» zum
zweiten Mal, die Ära Leopold «Poldi» Wein-
berg ist Geschichte. Die alten Garten­möbel
werden entsorgt, die Terrasse wird im Frühling
neu konzipiert. Geschäftsführer wird Zaki Unten durch
Ibram vom «Fischer’s Fritz» in Wollishofen

Heimeliger Treffpunkt: Barbara Rios Guler.


und «Alpenblick» in Arosa. Was die neu-alte
Führung (Péclard führte das Restaurant schon Stars
vor der Ära Weinberg) vorhat, klingt vielver­
sprechend. Iris Petermann, ehemals «Peter­ Von Linus Reichlin
manns Kunststuben» und Hotel «Weiss Kreuz»
in Malans, übernimmt das Restaurant im ersten
Stock, in der Gaststube im Parterre wirkt Jacky
Donatz, der einen grossen Ruf als mehrfach
I ch blätterte im Wartezimmer meiner Kardio­
login in einer Illustrierten, die mir eine ganz
neue Welt eröffnete. Es wurde über die «Beauty-­
preisgekrönter Koch hat. Hier will er «Beizer Transformation von Königin Letizia» berich­
am Stammtisch» sein. Kochen wird im von den tet. Von dieser transformierten Königin hatte
Zürchern liebevoll «Münsterhöfli» genannten ich noch nie gehört, ebenso nicht von «Palmen-­
Lokal Moritz Prinz von Hohenzollern. Er Promi» Tobias Wegener, der eine gewisse Ja­
stand ein Jahr lang im Hotel «St. Gotthard» am nine Pink ausnutzte. Die «kleinen Royals»
Herd. Eröffnet wird am 20. Januar. ­George und Charlotte wünschten sich ein Pony
und einen Tennisschläger zu Weihnachten, ih­
Ehrengast: Triathletin Spirig.
I m Opernhaus ist man voller Vorfreude auf das
erste Konzert von Gianandrea Noseda, der
ab 2021/22 neuer Chefdirigent wird. In der Ton­
rer Hautfarbe nach gehörten sie irgendeiner
arktischen Monarchie an. Ich erfuhr, dass
­Bachelorette Andrina Santoro und ihr Kenny
halle Maag gab der Italiener im Dezember ein «ernst machen» und dass sie eine «Fitness-­
Konzert, im Opernhaus dirigierte er Verdis Influencerin» ist. Ich fragte mich, ob «Influ­
«Macbeth» und den «Feurigen Engel» von Pro­ encerin» ein medizinischer Fachbegriff für eine
kofjew, aber noch kein Konzert. Noseda ist Chef Grippekranke ist, die in der S-Bahn Leute an­
des National Symphony Orchestra in Washing­ steckt. Es kam in der Illustrierten auch eine
ton (Vertrag bis 2025), elf Jahre war er Musik­ Ex-Bachelorette vor namens Adela Smajic, sie
direktor im Teatro Regio in Turin. Im Opern­ sagte: «Der Nikotinentzug fühlt sich an wie
haus Zürich präsentiert er sich am 19. Januar mit Wechseljahre.» Diese Frau war ein Opfer der
Schubert, Tschaikowsky und Mendelssohn. Schnelllebigkeit unserer Zeit, denn mit 26 hatte
sie bereits die Wechseljahre, eine Nikotinsucht
Im Internet
und eine Bachelorettenschaft hinter sich – was
Vorfreude: Dirigent Noseda. www.schwaningerpost.com ist das eigentlich? Die Patenschaft für ein safe
house für weibliche Bachforellen?
Die Berichterstattung über Stars, die ich nicht
bei nicht in der Regel darum, dass man unzufrie­ knuffigen Frau, die ebenfalls ein paar Pfunde kannte, schien das Prinzip aller Illustrierten im
den mit sich selbst ist – und versucht, jemand zu viel hat, rauchend und trinkend in einer Wartezimmer meiner Kardiologin zu sein. Die
­anders zu werden? Und selbst wenn man seine Bar sitzen und in die Nacht hinein lachen. Art der Berichterstattung deutete allerdings
Vorsätze einhält, stellt sich doch die Frage: Was Oder: Nehmen wir an, Sie sind eine Frau ­darauf hin, dass es Leser geben musste, die
ist damit erreicht? Das gilt vor allem in der Liebe. mit Hang zur Kontrollsucht, die sich vor­ ­Anna Heiser, Pietro Lombardi, Michael Wend­
Statistisch gesehen mag es sein, dass schlanke, genommen hat, sich im neuen Jahr endlich ler und so weiter tatsächlich kannten, vielleicht
sportliche und superhübsche Menschen auf dem mal locker zu machen. Nur um dann in ei­ vom Fernsehen? Oder aus den Illustrierten? Das
Paarungsmarkt mehr Chancen haben. Aber an­ ner Beziehung mit einem lustigen Chaoten Ganze ist möglicherweise ein sich selbst ver­
genommen, Sie sind der gemütliche Typ, trin­ zu landen, dem Sie früher oder später ja stärkender Effekt: Man liest im Wartezimmer
ken gerne mal einen über den Durst und sehen doch hinterherräumen und mit dem Sie eine Story über irgendeine Anna Heiser, die
die Zahlung Ihres Fitnessstudio-Beitrags eher nach ein paar Monaten nur noch reden wie über sich selbst sagt: «Ich dreh gerade ein biss­
als gemeinnützige Spende: Würde es Sie denn die strenge Gouvernante? chen durch.» Beim nächsten Arztbesuch liest
glücklich machen, wenn Sie sich disziplinieren, Man sollte vorsichtig sein mit dem, was man dann erneut etwas über sie und denkt:
Muskeln aufbauen, dünn werden und die Yoga-­ man sich wünscht. Womöglich sind Sie ei­ «Die muss prominent sein, sonst würden die
Lehrerin von nebenan abschleppen? Würde es gentlich ganz gut so, wie Sie sind. Sie müs­ nicht zweimal über sie schreiben.» Jetzt ist man
sich wirklich gut anfühlen, wenn Sie diese Frau sen nicht für alle attraktiv sein, nur für die neugierig: Dreht sie immer noch durch? Offen­
beim gemeinsamen Salatessen streng anschaut, Richtigen. In diesem Sinne: Packen Sie die bar ja, und nicht nur ein bisschen, denn der
sobald Sie sich Wein nachgiessen? Stattdessen Roaring Twenties bei den Hörnern. Jetzt. ­Titel lautet «Grosse Sorge um Anna Heiser».
hätten Sie auch einfach bleiben können, wie Sie So, wie Sie sind. Die guten Vorsätze kön­ Natürlich will man jetzt in aller Ausführlich­
sind. Dann würden Sie jetzt vielleicht mit einer nen Sie getrost den anderen überlassen.­
››› Fortsetzung auf Seite 64

Weltwoche Nr. 01/02.20 63


Bilder: Schweiz Tourismus, Mandoga Media (DPA, Keystone), Opernhaus
››› Fortsetzung von Seite 63 gelegenen Rioja Alavesa und Rioja Alta. Wenn
keit wissen, wie kaputt sie ist. Beim dritten in Rioja Produzenten generell um eine Image­
Arztbesuch ist man dann bereits enttäuscht, korrektur bemüht sind, wie wir einem Beitrag
wenn in den Illustrierten nichts über Anna Hei­ des Falstaffs vom vergangenen Oktober entneh­
ser steht. Dass ich all diese Stars nicht kenne, men, ist das nachvollziehbar: eine Hinwen­
liegt also daran, dass ich zu selten beim Arzt bin dung zu vermehrter Produktion von Lagenwei­
und folglich mit den Illustrierten nicht in Be­ nen einerseits, anderseits zu «fruchtbetonten,
rührung komme. Ich bin noch zu gesund, um zugänglichen Weinen aller drei Farben». Und
Anna Heiser zu kennen. Ich erfahre nichts vom generell: «Weg von den strengen, von Reife­
Nahtoderlebnis des «In aller Freundschaft»-­ Wein zeiten bestimmten Bandagen hin zu mehr
Stars Julian Weigend, weil ich nur alle sechs Spielraum für die Winzer».
­Monate einmal in der Praxis auftauche, um ein
Belastungs-EKG runterzustrampeln.
Alte hohe Schule Gemeint ist die Stufung von der Crianza
(Ausbau ein Jahr im Fass plus ein weiteres im
Übrigens stelle ich fest, dass das Wartezim­ Von Peter Rüedi Tank oder in der Flasche), über die Reserva (ein
mer meiner Kardiologin jedes halbe Jahr voller Jahr in der Barrique und zusätzlich zwei in der
ist. In unserer kurzlebigen Zeit werden die Leu­ Flasche) zur Gran Reserva (mindestens zwei
te immer schneller älter, gestern schliefen sie
noch bei offenem Fenster, heute wickeln sie sich
nachts in elektrische Heizdecken, und am
E ingeführte Marken haben es, würde man
meinen, leicht, beim Wein wie anderswo.
Tatsächlich liegt in der Marke, wenn wir das
Jahre in der Barrique und darauf drei in der
­Flasche). Diese Tradition hat freilich System.
Sie garantiert unter anderem, dass in Zeiten,
nächsten Tag strömen Busladungen von ihnen Problem einmal vom Weinmacher her be­ in denen immer weniger Weinliebhaber noch
in die Wartezimmer und prügeln sich um die trachten, ein grundlegendes Risiko. Die Ga­ über einen brauchbaren Keller verfügen, sie
neusten Illustrierten, um zu erfahren, ob Julian rantie eines konstanten Geschmacks wider­ doch an «erwachsene» Weine zu einem ver­
Weigend seinen Nahtod überlebt hat und wenn spricht grundsätzlich dem Charakter des nünftigen Preis kommen. Die Reserva «Viña
ja, mit welcher neuen Bachforelle an seiner Weins als einer lebendigen, nie ganz zu kon­ Ardanza» des alteingesessenen Hauses La Rioja
­Seite. Sollte der Trend zum Immer-schneller-­ trollierenden Materie. So können Marken bei Alta (es heisst tatsächlich wie die ganze Un­
immer-älter-Werden sich noch verstärken, wird einer etwas aufmerksameren Kundschaft terappellation) ist dafür ein grossartiges Bei­
die Nachfrage nach Stars, die keiner kennt, bis durchaus abschreckend sein, ob zu Recht oder spiel: eine Cuvée aus Tempranillo und einem
er im Wartezimmer die Illustrierten liest, noch zu Unrecht, ob im Fall des Chianti oder des Viertel Garnacha, reif fruchtig, würzig, mit
zunehmen. Doch woher die benötigten schät­ ­Beaujolais. Oder in dem des Rioja, dessen ­Noten von Mokka und etwas Zimt, frischer Säu­
zungsweise 450 Tonnen Prominente nehmen? überwältigender Erfolg wie bei andern Top­ re, nicht aufdringlichem Holz, weichen Tanni­
Eine Idee wäre, die Schüler einer Sekundar­ sellern sein Image beschädigte. nen. Ein grosser Rioja, wie man ihn sich anders
schule integral zu Prominenten zu erklären Dies ungeachtet der Tatsache, dass aus der nicht wünschen könnte. Im Schweizer Detail­
und ihren Alltag pressemässig zu covern: ­nordostspanischen Appellation zahlreiche handel zum Glück gut präsent.
«Mathe-­Muffel-Star Leon Müller entsetzt: Pau­ wunderbare, sorgfältig gemachte Weine von Wir schlagen einen 2008er und einen 2010er
senbrot nicht vegan». Dieses Prinzip liesse sich ­einem unschlagbaren Preis-Genuss-Verhältnis vor – beide tolle Jahrgänge; beide das, was man
auf Säuglingsstationen ausdehnen: «Ich habe kommen. Und abgesehen davon, dass Rioja gemeinhin «trinkfertig» nennt.
Koliken»-Star Miranda Kunz: «Baby sein fühlt nicht gleich Rioja ist. Die Zone unterteilt sich in
sich an wie die Wechseljahre». drei Unterbereiche: die tiefgelegene, relativ La Rioja Alta: Viña Ardanza Reserva 2008. 13,5 %.
­Globalwine, Zürich. Fr. 28.90. www.globalwine.ch
­flache Rioja Baja mit ihrem heissen Klima, die La Rioja Alta: Viña Ardanza Reserva 2010. 13,5 %.
Linus Reichlin ist Schriftsteller und lebt in Berlin. westlich und höher (Weinberge bis 800 m ü. M.) Peter Kuhn, Dielsdorf. Fr. 29.80. www.peterkuhnweine.ch

der Schweizer Daniel Humm einer der einfluss­ Hintergrundteppich ausrollt. Aus der Küche
reichsten Köche der gehobenen Gastronomie kommen Gerichte in reduzierter Ästhetik,
ist. Wer bei ihm isst – im Drei-Sterne-Restaurant denen man den Aufwand der Zubereitung
«Eleven Madison Park» (EMP) in New York oder nicht immer ansieht. Wie die simple Auber­
im lockeren «NoMad» in Los Angeles –, wird auf gine, die über zwei Tage gegart wird und bes­
jedem Niveau auf eine intelligente, geschmack­ ser schmeckt als jede Aubergine, die ich bis­
volle Küche treffen. Im Dezember ist der USA-­ her gegessen habe. Auch das Wintergemüse,
Auswanderer Humm nach Europa zurückge­ das etwas einsam in einer Schüssel liegt, sieht
kehrt. Mit dem Restaurant «Davies and Brook» nicht nach einer Offenbarung aus, wird aber
Salz & Pfeffer im Londoner Erstklasshotel «Claridge’s» hat er dazu, nachdem eine Umami-reiche Gemüse-­
seine Idee von fine dining aus dem EMP, das als Pilz-Bouillon angegossen wurde und sich
Ode an Daniel eines der besten Restaurants der Welt gilt, ver­
feinert und weiterentwickelt.
der Geschmack eines Kombu-Algen-Öls ent­
faltet. Ein Kaviar-Kürbis-Gericht, das ein
Humm Es ist ein Modell für die gehobene Küche der
Zukunft, die zwanglos zwischen Lockerheit und
ganzes Spektrum von Jod-Noten eröffnet,
oder ein Karottensalat mit Süsse, Säure und
Von David Schnapp Eleganz pendelt: mit Servicepersonal, das durch Bitternoten sind Höhepunkte einer Küche,
Persönlichkeit überzeugt, während professio­ die eindrucksvoll und wegweisend ist.

Z war bin ich wegen der persönlichen Be­


kanntschaft etwas voreingenommen,
trotzdem bin ich überzeugt, dass es gute
nelle Fähigkeiten in intensiven Trainings ange­
lernt werden. Mit einer Bar im Raum, von deren
Tresen man die Eiswürfel im Shaker klirren
Davies and Brook, Claridge’s, Brook St, Mayfair,
London W1K 4HR. Tel. +44 20 7107 8848.
Sonntags geschlossen
­Argumente gibt für die Behauptung, dass hört, während Jazzmusik einen akustischen David Schnapp ist Autor beim «GaultMillau-Channel».

64 Weltwoche Nr. 01/02.20


Illustrationen: Jonathan Németh
Auto steller hat die Sachlichkeit im Automobilbau
zur Meisterschaft erhoben.
Vernünftiges neues Jahr Der Vitara sieht gut aus, auf modischen Fir­
lefanz wird dabei aber verzichtet, sieht man
Falls das neue Jahr im Zeichen einer Besinnung auf das Wesentliche von dem grossen «S» im Kühler und der seitli­
chen Sicke im Blech einmal ab. Der 1,4-Liter-­
steht, passt der Suzuki Vitara ideal dazu. Von David Schnapp Boosterjet-Turbomotor ist zwar sparsam di­
mensioniert, aber weil das Allrad-Auto mit

E s ist durchaus möglich, dass das eben


­angelaufene neue Jahr im Zeichen einer
Beschränkung auf das Notwendige stehen
einen zählbaren Nutzen habe, seien For­
schung und Investition in neue Energiequel­
len, denn mit Sonnenenergie und Windkraft
vier Fahrprogrammen und Differenzialsperre
lediglich 1364 Kilogramm schwer ist, wirkt es
flott motorisiert und weist mit rund sechs
könnte. Gerade im Automobilsektor sind sei das Problem nicht zu lösen. Die Politik be­ ­Litern auf hundert Kilometer einen vernünfti­
grosse Umwälzungen im Gange. Die Ur­ hilft sich derweil mit Massnahmen wie stren­ gen Verbrauch auf. Das Kommunikations- und
sachen dafür könnten unterschiedlicher geren CO2-Vorschriften für Autos, womit wir Navigationssystem ist ebenso zweckmässig
nicht sein – auf der einen Seite ist da die – über eine kleine Umfahrung gewisser­ und zeitgemäss wie eine Reihe von Assistenz­
CO2-Hysterie, in deren Folge für jede Salat­ massen – beim Thema dieser Seite sind: Spar­ systemen, etwa Verkehrszeichenerkennung,
gurke Rechenschaft darüber verlangt wird, same, aufs Wesentliche reduzierte Personen­ Spurwechselassistent oder Tempomat mit ak­
wie stark sie die Umwelt mit dem sogenann­ kraftwagen könnten der grosse Trend des tiver Geschwindigkeitsregelung.
ten Klimagas Kohlenstoffdioxid belastet. Ab Jahres 2020 sein. Vernünftig ausgestattet, aber nicht sparta­
und zu geht dabei vergessen, dass CO2 eine nisch, fortschrittlich, aber nicht abgehoben
der Grundlagen des Lebens auf dem Planeten Zweckmässig und zeitgemäss hochtechnisiert – der neue Suzuki Vitara ist
Erde ist. Trotzdem, wer Fleisch isst, Auto Weil Elektroautos zwar interessant, aber noch ein ideales Auto, das sowohl der Topografie
fährt, in die Ferien fliegt oder gar neue Klei­ kaum massentauglich sind, werden sparsame der Schweiz als auch dem weitverbreiteten
der kauft, steht unter Generalverdacht, den Benzin- und Dieselautos weiterhin gefragt Wunsch nach sachlichen Lösungen für gegen­
Planeten in Hitzewallungen zu versetzen. sein. Der Suzuki Vitara ist für die Schweiz so wärtige Probleme gerecht wird.
Der dänische Statistiker Björn Lomborg hat ein Auto, das auf der Basis der Verwesentli­
kürzlich in einer Kolumne darauf hingewie­ chung viel verspricht. Der Vitara hat von allem
sen, dass es völlig unsinnig sei, persönlichen gerade so viel, wie es braucht, um bequem und Suzuki Vitara 1.4 BJ Compact Top
Verzicht als substanziellen Beitrag zu einer sicher voranzukommen, ohne dass man je das Leistung: 140 PS / 103 kW; Hubraum: 1373 ccm; max.
Drehmoment: 220 Nm (bei 1500 U/min); Verbrauch: 6,1
spürbaren Reduktion des menschlichen CO2-­ Gefühl hat, unsachgemässer Überfluss mache (6,3) l / 100 km; Beschleunigung (0–100 km/h): 10,2 sec;
Ausstosses zu propagieren. Das Einzige, was sich breit. Im Gegenteil: Der japanische Her­ Höchstgeschwindigkeit: 200 km/h; Preis: Fr. 32 990.–

Weltwoche Nr. 01/02.20 65


Tamaras Welt Bert gehalten. Mathematik unterrichtet Graf
Zahl. Weil aber auch er für einige bedrohlich

Das erwartet uns 2020 wirkt, ist sich der Schulleiterkongress bei Graf
Zahl als Referenten noch unschlüssig. Zur Dis-
kussion 2020 steht ferner eine ideologische
Ein neues Kabarett-Gesetz schützt Menschen vor Empörung, und
Neuausrichtung der Dozenten: Von den intel-
das Problem der Frauenquote wird endlich gelöst: die satirische lektuellen Eliten des Landes wird angeregt,
Jahresvorschau. Von Tamara Wernli dass, nebst Ernie und Bert, nur noch Kommu-
nisten an Universitäten unterrichten sollen.

D er CO2-Ausstoss nimmt zu, die Erde wird


wärmer. Trotz Warnungen von Greta und
den Grünen steigen Menschen öfter ins Flug-
Gremium zur Prüfung vorzulegen. Die Exper-
ten setzen sich zusammen aus Mitgliedern der
häufigsten Opfergruppen und der Jusos. Die Z wecks Gender-Gerechtigkeit und um Frau-
en sichtbarer zu machen in der Gesell-
zeug. Darum erlässt das Parlament zur Reduk- als anständig befundenen Witze werden dann schaft, werden Biografien von grossen Ent­
tion von CO2 jetzt eine neue Regel: Um eine für die breite Öffentlichkeit auf einer Website deckern und Wissenschaftlern neu verfilmt –
Bewilligung zum Fliegen zu erhalten, muss präsentiert; Pointen, von denen sich mehr als mit Frauen in der Hauptrolle. Die Tatsache,
man Mitglied bei den Grünen sein; die Grünen zehn Menschen beleidigt fühlen, sind bei dass diese Gebiete vom Patriarchat dominiert
fliegen zwar nicht weniger als der Rest der TV-Auftritten nicht mehr zugelassen. seien, setze für Frauen ein komplett falsches
­Gesellschaft. Aber wenn sie fliegen, tun sie es Zeichen. Neu wird Isaac Newton in einem Re-
wenigstens verantwortungsvoll. Im Gegen-
satz zu allen anderen.
Weil viele Schüler während zwanzig Pro-
A uch der Europäische Gerichtshof für
­Menschenrechte hat ein neues Protokoll
verabschiedet: Stehen Fakten in einem Fall
make von dem Plus-Size-Model Tess Holliday
gespielt. Auch wollen Filmemacher nicht mehr
auf inhaltliche Thematik fokussieren, sondern
zent ihrer Schulzeit sowieso am Demonstrie- Gefühlen gegenüber, wiegen die Gefühle
­ auf sexuelle Identität und Geschlecht.
ren sind, wird «Demonstration» noch in die- schwerer – unabhängig davon, ob sich An- Und so wird 2020 endlich auch das Frauen-
sem Jahr zum Hauptfach. Wie aus dem Bil- schuldigungen als wahr erweisen oder nicht. quote-Problem in Unternehmen gelöst: Vier-
dungsministerium zu vernehmen ist, werden Weil Fakten ein gesellschaftliches Konstrukt zig Prozent der männlichen Verwaltungsräte
Schüler so perfekt vorbereitet für eine Karriere sind, sind auf Fakten basierende Beweise in- identifizieren sich einfach vor jeder Sitzung
im Parlament: «Weil sie gute Aktivisten sind kompatibel mit der Menschenwürde, oder so als Frau. Noch nicht einig ist man sich, wie
und demonstrieren können.» Zudem wird ähnlich; das haben die Richter in ihren Urtei- man mit der daraus folgenden Entwicklung
­eine neue staatliche Behörde ins Leben geru- len zu berücksichtigen. Auch zählt es neu zu umgehen soll: Delikte, die von Frauen began-
fen mit Berufsaktivisten, zuständig für De- den Grundrechten jedes Bürgers, niemals kri- gen werden, nehmen rasant zu, Frauenge-
monstrationen, Sitzstreiks und das öffentliche tisiert, provoziert, belacht, parodiert oder fängnisse sind überfüllt. Gleichzeitig droht
Anprangern von SUV-Fahrern. blossgestellt zu werden (Ausnahme: SUV-Fah- 2020 der Kollaps des Rentensystems, seit sich
Der Friedensnobelpreis geht dieses Jahr an rer). Bei Vorurteilen gegenüber Mitmenschen auch grosse Teile der Arbeitnehmer jeweils am
Extinction Rebellion für ihre unglaublich drohen zudem fünf Jahre Haft. Aufgrund der Montag als über 65-Jährige identifizieren –
­kreative Performance. Die Laudatio hält ein nun chronisch überforderten Gerichte wird und ihre Rente einfordern.
unbekannter Opportunist: «So werden die entschieden, dass Frauen, die Männer wegen Und noch eine gute Nachricht: 2020 wird
Probleme der Welt gelöst.» Leider können sexueller Belästigung beschuldigen, jeweils zwar eine raketenhafte Zunahme von Hate-­
auch sie nicht verhindern, dass wegen der Erd­ ohne Gerichtsverfahren recht gegeben und Speech gemessen, seit ein staatsnahes Stiftungs-
erwärmung verheerenderweise auch der letzte ­automatisch das gewünschte Schmerzensgeld Start-up neue Wörter und Sätze als Hate-­Speech
Teil des Great Barrier Reef in Australien ab- zugesprochen wird. (Allerdings steht die Re- einstuft, darunter «aber», «warum», «ich bin
stirbt. In Deutschland erklären AfD-Politiker, gel in Konflikt mit der Opfergruppen-Hitliste, anderer Meinung», «ich kritisiere» und «ich
dass das nichts mit dem CO2-Ausstoss zu tun darum wird das Gerichtsverfahren nur bei al- denke». Aufgrund von verbesserten Internet-­
habe: «Schuld sind vermutlich die Afrikaner. ten, weissen Männern ausgesetzt.) Algorithmen aber werden diese verletzenden
Sie werden wohl immer die Türen zur Sauna Weil die Rhetorik an den Universitäten für Kommentare von der automatischen Text­
offen stehen lassen.» Studenten weltweit immer furchteinflössen- erkennung frühzeitig erfasst und entspre-
2020 wird ein neues Kabarett-Gesetz verab- der geworden ist und Studenten aufgrund von chend zensuriert.
schiedet: Kabarettisten und Comedians wie Dozenten mit einer anderen Weltanschauung Ihnen allen ein frohes neues Jahr!
Dieter Nuhr und Michael Elsener sind ver- reihenweise psychologische Hilfe beanspru- Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt bei Basel.
pflichtet, ihre Witze vor dem Auftritt einem chen, werden Vorlesungen neu von Ernie und Aktuelles Video auf www.weltwoche.ch

66 Weltwoche Nr. 01/02.20


Bild: Gabriel Hill
9. Januar 2020 Denkanstoss Nr. 649 Anzeige

Lösung zum Denkanstoss Nr. 648

Waagrecht _ 5 WEIHNACHTEN 11 Where’s


WALDO? 12 AKKORDEON 15 ELLIPSE
von griech. élleipsis = Mangel: hat zwei
Fokusse. 16 GEORGE Bush senior und
junior 18 FELDSTECHER 20 IRLAND
23 IHM: lui = franz. ihr/ihm 24 IEEP:
Geländewagen 25 ISRAEL 28 AG: Kanton
Aargau 29 (Br)ASIL(ien) 30 CAR 31 RECHT
32 ASNO: span. Esel wie auch burro (ital.
Butter) 33 OHNMACHT 34 ENTER(haken
oder ­taste)

Senkrecht _ 1 TELLERRAND 2 PAKET


3 STROHMANN: Argument, Vogelscheu­
che 4 ONE: engl. eine(r/s) oder man 5 WAL­
FISCH 6 IDILL 7 (Hip­)HOP: engl. Hopser
8 NASS 9 HOECHSTER 10 [POEBEL]N
11 WE the people …: Anfang der US­Verfas­
Lösungswort _ Teigwaren al dente sung 13 KG: Kilogramm 14 DREISATZ
Die rosa eingefärbten Felder ergeben waagrecht fortlaufend das gesuchte Lösungswort. 17 G[REISE] 19 (H)EIGHT 21 Eine Epoche
beginnt in der Chronologie eine AERA.
22 Den roten Hahn aufs DACH setzen
Waagrecht _ 5 Radikales Verfahren: Danach ist die Potenz oder der Zahn weg. bedeutet das Haus anzünden. 26 ARM
10 Gewürzter Kräutersud, in dem der König der Meere ruht. 12 Dabei gerät Globe­ 27 (F)LECK
trotters biologischer Rhythmus aus dem Takt. 15 Geht’s auf keine solche Rinder­
damenrinde, geht’s gar nicht. 16 Sie lebt definitiv im und eventuell auch am längsten Lösungswort _ WINTERFEST
Fluss Europas. 17 Palindromisches Verb, das gänzlich aus n und e besteht. 18 Biotop­
serenade oder Waschweiberkonzert. 19 Dient Fädenverflechter als Ansporn oder IoT­
Verfechter als Plattform. 20 Die Königin im Spiel der Könige. 22 Bei der festlichen
Tafelei ist für Frankophone immer Suppe dabei. 24 Handwerk Rum­getriebener, ver­
brecherisch umtriebiger nautischer Rumtreiber. 28 Dessen Synonym ist sprichwört­
lich zumindest teilweise besser als Selbst­Vertrauen. 30 Ein Schlager, der rockt oder
ein Rock, der einschlägt. 32 Ach, du heiliges geladenes Teilchen; verpasst Regelbre­
chern ein meist wirtschaftliches Veilchen. 33 Die Biozapfsäule für Säuger wie Säue.

Senkrecht _ 1 Seine Streicheserie nahm ein tödliches Ende infolge eines Malörs
[sic] nach einem Gläschen des Likörs. 2 Wer beim Tanzturnier nicht daran ist und
trotzdem tanzt, tanzt zweifellos daraus. 3 Höfliche Petition mit sprachlicher
Schmierfunktion. 4 Karibischer Pot­Pop. 5 Verhält sich zu Friday wie gestern zu
morgen. 6 Er lebt bekanntlich von der Hand in den Mund. 7 So ein Teil dient Bur­
roughs’ jodelndem Dschungelmann als Kletterseil. 8 Sammelt sich wie von Geis­
terhand in Keller, Estrich und Unterstand. 9 Mithilfe dieser Kunst sichert man sich
einfacher der Zuhörer Gunst. 11 Die leisen beissen, die krummen schummeln.
13 Paramagnetisches Erzerzeugnis oder Recheneinheit in der zentralen Rechenein­
heit. 14 Dafür – mit 5/8 Spaltgehalt – wird tonnenweise Süssholz geraspelt. 21 Der
macht alles «glenzend» neu. 23 Bereits genannt, wird regional als Dämmerstun­
de erkannt. 25 Nicht die, sondern das Poetin inspiriert Spitzensportler zu Spitzen­
leistungen. 26 Ist im unteren Teil der oberen Extremität und zudem unter Breit­
maulnashörnern zu verorten. 27 Verläuft entre la ville de Neuhausen et le château
de Laufen auffallend abfallend. 29 Auf mehr als einem solchen Brett brettern solche
wie Suter oder Feuz. 31 Das ist es, was die Freunde des DIY lieber selber machen.
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Profitieren Sie auch diesen Januar wieder von freien Pisten,


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Ab CHF 790,– p. P. im Doppelzimmer


mit Halbpension für 4 Nächte inkl. 3-Tages-Skipass
Ab CHF 1510,– p. P. im Doppelzimmer
mit Halbpension für 7 Nächte inkl. 6-Tages-Skipass
dazu: CHF 50,– Gutschein für das ZEGG Sport & Mode &
CHF 25,– Spa Gutschein p. P., Chasa Montana Pink und
süsse Verführung zur Anreise

WINTER DELUXE: Eingebettet in der Silvretta Arena Samnaun-Ischgl


öffnet das familiäre Chasa Montana im Engadiner Stil die Tür zu einem
grenzenlosen Skiparadies mit 238 km Pisten. Neben dem 5 Gang
Halbpensionswahlmenü verwöhnen drei À-la-carte-Restaurants mit
Spezialitäten von der italienischen Küche über das Gourmet-Stübli
(16 Punkte Gault&Millau, 1 Michelin-Stern) bis hin zum Fondue- &
Raclette-Stübli – gekrönt von über 1.000 verschiedenen Weinsorten.
Der 1.500 m2 große Montana Spa mit römischem Hallenbad, Sauna-
landschaft, Außen-Solepool, Fitnesscenter und Beauty- und Massage-
center bietet Wellness vom Feinsten. Für Damen ist ein exklusiver Lady
Saunabereich reserviert. Die Zollfrei Geschäfte von ZEGG bieten ein
umfangreiches Angebot an Top-Marken!

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