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Übersetzen ais kultureller Transfer 31

übersetzen ais kultureller Transfer* "Begrifr' zuordnen.) — Wir kónnten nun áhnlich mit dem Wort fall
weiterfahren und aufzeigen, dafi in jede Beobachtung bereits Theorie
Hans J. Vermeer eingeht, ebenso in jede Aussage usw. Das haben andere langst getan
Zu behaupten, man komme ohne Theorie also gar nicht aus, ginge a
insofem ins Leeré, ais diese Art von "theoretisieren" mit dem eingang
erwáhnten Einwand gegen eine Translationstheorie ja gar nicht gemeint
wird. Der Einwand ist vorder- und tiefgründiger zugleich.
1. Wozu eine Trandatíonstheorie? Eine Theorie sei, so lautet eine gángige Definition, die umfassende
wissenschaftliche Erklárung für einen Gegenstand bzw. Sachverhalt (ais
Es ist mit zunehmender Reflexión über Translation ein seltsamer Wider- komplexen Gegenstand). So gibt es etwa Theorien in diesem Sinn vo
stand gegen das Theoretisieren im Bereich des Übersetzens ausgebro- Ursprung des Universums, von der Verwandtschaft mehrerer Sprachen
chen, mehr noch ais beim Dolmetschen. (Aber vielleicht liegt der Unter- untereinander, von der Eriernung von Fremdsprachen usw. — Eine Th
schied nur darán, dafi über das Dolmetschen sowieso weniger gespro- rie vom Ursprung der Welt trágt nichts zu deren Besserung bei, ei
chen und geschrieben wird ais über das Übersetzen.) - Ein háufig gegen Theorie von der Verwandtschaft der Sprachen nichts zu deren Regel-
eine Translationstheorie vorgebrachter Einwand lautet etwa: Man habe máfiigkeit. So ist auch eine Translationstheorie zunáchst nur ein abstrak
bisher ohne (viel) Theorie übersetzt ~ und gut übersetzt; man brauche ter wissenschaftlicher Erklárungsversuch für "Translation" (Übersetzen
keine Theorie. Der Einwand geht natüriich ins Leeré, denn er rennt ge- und Dolmetschen): eine Begriffsbestimmung, eine Darstellung des Ge-
gen eine mifiverstandene Theoriekonzeption an. genstandes, eine Explikation seines Funktionierens.
Was ist eigentlich eine Theorie? Solch ein Theoretisieren gehort zur Urneugierde des Menschen, de
Herr N sieht, wie ein Apfel vom Baum fállt. "Der Apfel war reif', wissen móchte, was die Welt im Innersten zusammenhált. Im Wisse
denkt Herr N, und vielleicht denkt er noch hinzu: "Warum fallen Apfel schaftsbetrieb gehort das Theoretisieren zum Selbstverstándnis solchen
eigentlich immer zur Erde, wenn sie reif sind? Hat das etwas mit der Treibens, institutionalisiert zum Beispiel in den akademischen Einrich-
Schwerkraft zu tun?" — Herr N "theoretisiert", und zwar schon beim tungen einer Universitát. Da, wo die Mitarbeiter einer universitáren In
ersten Wort: Wenn Herr N einen Gegenstand, den er im Fall zu beob-stitution sich also mit Translation abgeben, gehort es zu ihrem Aufg
achten glaubt, einen "Apfel" nennt, so ordnet er ihn damit in die Klasse benbereich — und das ist eine Verpflichtung qua Selbstverstándnis!
aller Gegenstánde ein, die Herr N mit seinen Sprachgenossen "Apfel" zu theoretisieren.
zu nennen pflegt. "Dieser Gegenstand ist ein Apfel", ist aber bereits ei- Hiergegen kann sich der eingangs formuherte Einwand also auch
ne "Theorie": denn keine Beobachtung kann direkt bestátigen, dafi nicht richten. Er mufi enger gemeint sein.
dem so "ist"; wir nennen den Gegenstand so, das heifit, wir wollen, dafi (Mitunter verwechselt man Theorie und theoretische Aussage [Theo-
er so heifie; wir schreiben ihm eine Benennung zu, wáhrend wir ihn ei- rieformulierung] und polemisiert etwa gegen die Schwer- und
ner (wesentlich vom Menschen geschaffenen) Klasse zuordnen. (Der stándlichkeit theoretischer Formuherungen. Das aber meint der Ein-
Linguist sagt mit ungefáhr gleicher Bedeutung: einen Gegenstand einem wand nur in seltenen Fallen; er wáre dann ja auch unzureichend gen
formuliert, und man würde üim ein eingehenderes Studium der Form
lierungskunst empfehlen.)
Im vorliegenden Aufsatz werden urspiünglich für eine Vortragsform konzipier-
te Gedanken zur Diskussion gestellt. Die relativ lockere Darstellung und die di-
Bleibt eigentlich nur noch ein Mifiverstándnis für das Dasein unsere
rekte Anrede an den Zuhorer/Leser werden bewufit beibehalten, um die Dar-Einwandes: dafi Theorie sich nicht unmittelbar und handgreiflich (ge-
stellung nicht zu trocken erscheinen zu lassen. Auf einen ausfiihrlichen Litera-
nug) in praküsches Kónnen umsetzen lasse, so nach dem Motto: je
turapparat wird verzichtet; er findet sich wenigstens zum Teil in Vermeer 1983
und Reiíi/Vermeer 1984, sowie vor allem in Holz-Mánttari 1984. mehr Theorie du gelernt hast, desto besser "kannst" du die Sache. (I
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frage mich, ob hier nicht gerade im Deutschen die phonologische Náhelien: Wir sprechen von der Idiokultur eines Individuums, von Diakultu-
iL-ii
von kónnen und kennen zu umgangssprachlichen Interferenzen führt? übergreifenden Parakulturen, zum Beispiel der modernen west-
und
Vgl. kontrastiv: ich kann englisch: niederlándisch ik ken Engelsl) curopái- schen.) Ein Text ist ein Handlungsprodukt. Ein Text ist also ver-
Doch zum Einwand: Wo hatte je ein Opernkritiker (der viel von Opern mit dem Gesamtverhal t
en seines Produzenten und dessen Kultu
und Musik verstehen mufi und versteht) besser gesungen ais SchaljapinknüpftHol
(vgl. z-Mánttári, in diesem Band). 5
(der bekanntlich wenig von Theorie verstand)? Beispiele: Herr N grüfit seinen KoUegen X. Wie Herr N grüfit (ob v
Dafi sich Theorie "unmittelbar" in Praxis umsetzen lassen soUe, ist ha! oder durch Lácheln, ob freundlich oder griesgramig) hángt von
wieder eine unsaubere Ausdrucksweise. Die Umsetzung kónnte erst I l
e rrn N' s übU c hem Verhal t
en ab (nehmen wir an, Herr N sei ein "freu
selbst wieder auf dem Umweg über eine Theorie erfolgen. Darüber ha- tnis zum Kollegen (nehmen wir an, d
ben wir oben gesprochen. Genau eine solche Umsetzung solí nach Mei-licher" Typ), von seinem Verhál
Bekannte), von den Gepflogenheiten der Kultur d
nung einiger Wissenschaftler die Angewandte Sprachwissenschaft leisten, liciden seien gute wir an, dort sei Grüfien beim ersten táglichen Zusa
wenn sie Theorien der Allgemeinen Linguistik praktisch brauchbar ma- Ilerrn N (nehmen
mentreffen von Bekannten nach Rangregeln geordnet obligatorisch un
chen solí. cin e Unteriassung sei daher ein feindlicher Akt, und nehmen wir weit
Wir sind bereits dabei, die Frage "was solí eine Theorie?" zu erór- an, die Kulturgemeinschaft des Herrn N bzw. Herr N habe bestimmt
tern. Vorstellungen von der Kultur des Herrn X [angenommen, dieser sei '
Zum einen "solí" sie also Gegenstánde bzw. Sachverhalte wissen* Inder!]). Handlungen, wie zum Beispiel grüfien, hangen also von
schaftlich erkláren. Davon war die Rede. 1 chen Faktoren ab (wir haben nur ganz wenige aufgezáhlt;hier noch
Gewifi "solí" sie auch Móglichkeiten bieten, eine immer schon aus- paar: Herrn N's aktuelle Disposition [vielleicht hat er Magenkoliken],
geübte Praxis zu beeinflussen — sagen wir es geradeheraus: zu verbessern.aktuelle situationelle Umstánde [vielleicht scheint die Sonne recht
(Es wird sich gleich zeigen, dafi jeder Praktiker schon immer in diesem freundl i
c h (das ist eine Interpretation von Herrn N!)], das gestrige G
Sinn theoretisiert hat.) sprách mit Herrn Y [der einiges über X erzáhlte],.. .).
Von Isokrates, einem ungefáhren Zeitgenossen Platos, berichtet man In einem Text stehe der Satz Guten Margen! Die Bedingunge
folgende Anekdote: Ais er eine Rednerschule eróffnen woUte, fragte Vorkommens dieses Satzes in dem betreffenden Text lassen sich dur
man ihn genau dies: "Was soll's? Wozu braucht man Rednerschulen?" ' Angabe der einschlágigen Faktoren analog zu obigem Grufibeispiel a
(Man sieht, derartige Fragen sind uralt. Wie kommt es eigentlich, dafi sie geben und ihre Interdependenz láfit sich analog aufzeigen.
immer noch gestellt - und beantwortet werden?) Und Isokrates ant- — Ei n e Transl ation ist eine Handlung, ein Translat ein Handlungsp
wortete: "Ja, Redner kann ich dort nicht produzieren, zum Redner dukt. Transl a tion habe ich irgendwo definiert ais ein Informationsang
mufi man geboren sein; aber bringt mir einen solchen geborenen Red- bot in ei
n er Sprache z der Kultur Z, das ein Informationsangebot in
ner, und ich mache ihn zu einem guten Redner." — Das wáre die ner Sprache a der Kultur A funktíonsgerecht (!) imitiert. Das heifit u
Aufgabe einer angewandten Theorie: Gebt ihr einen Translator, auch gefáhr: Eine Translation ist nicht die Transkodierung von Wórtern od
einen guten, und sie mufi ihn zu einem besseren machen konnen. Sátzen aus einer Sprache in eine andere, sondern eine komplexe Ha
Wie kónnte eine Theorie aussehen, die so etwas leisten móchte? — lung, in der jemand unter neuen funktionalen und kulturellen und
Jetzt werde ich natürUch meine eigene Translationstheorie vorfíihren: sprachüchen Bedingungen in einer neuen Situation über einen Text
Jede Handlung eines Menschen ist verknüpft mit seinem Gesamtver- (Ausgangssachverhal t) berichtet, i
n dem er i
h n auch formal mógl i
c hst
halten, spiegelt dieses wider, wird von ihm beeinflufit. Handlung und nachahmt. 35
Verhalten sind verknüpft mit den Usancen, Konventionen und Normen Die beiden Bedingungen, auf die es mir im Augenblick ankomm
einer Kultur, in deren Gemeinschaft der betreffende Mensch ais "enkul- solí (ich vereinfache das Modell des leichteren Verstándnisses wegen
turierter" lebt. (Es gibt solche Gemeinschaften auf verschiedenen Ebe- sind: Zieltextfunktion und Translatoreigenschaften. Dazu noch ein pa
Überlegungen:
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Angenommen, Sie müfiten einen Versiclierungsvertrag übersetzen. Am deutlichsten wird das Gewicht der PersonUchkeit des Translators
Belassen Sie die ausgangssprachlichen Formeln in wortlicher Überset- lii'l bcUetristischen Übersetzungen 'oder beim Dolmetschen. Und über
zung, auch wenn sie in der Zielkultur nicht übhch und kaum verstand-piNlore gibt es ja bereits viel Literatur. Man denke an manchen Streit
Uch sind, oder übersetzen Sie entsprechend den in der Zielkultur übli- IIIKT die Qualitát literarischer Übersetzungen. (Ich rede übrigens keinem
chen Formulierungen? (Sven-Olaf Poulsen erwáhnte einmal, dafi dáni- Wcsensunterschied zwischen literarischem und anderem Übersetzen das
sche und deutsche Gerichtsurteile Urteil und Begründung unterschied- Wint! Es gibt nur Gradunterschiede.)
hch anordnen.) Eine Entscheidung, wie zu verfahren sei, hángt offen- Wir wollen nun nicht noch andere Faktoren durchsprechen; die G
sichtlich von dem Zweck der Translation ab: Solí der Versicherungsver- ..iiittendenz meiner Überlegungen dürfte deutlich geworden sein: Trans-
trag ais Vertrags"instrument" in praxei eingesetzt werden, so wird man liilion ist ein sehr komplexes transkulturelles Handeln, und eslohntsich,
zielsprachUche Formulierungen wáhlen; ist er dagegen ais Streitgegen- flliimal darüber nachzudenken. - Es lohnt sich eben auch (dassollt
stand vor Gericht "Dokument" über Formulierungen der Gegenseite, so gc/.eigt werden), weil man beim Nachdenken allerlei lernen kann —
wird man die ausgangssprachlichen Formulierungen nachzuahmen su- /iimindest sich bewufit- oder erneut bewufitmachen kann (ich hatte ja
chen (und eventuell Erklárungen hinzufügen usw.; das interessiert im (il)cn schon gesagt, letztlich wisse jeder Translationspraktiker immer
AugenbUck nicht). - Eine Translation ist abhdngig vom Zweck des « hon um di
e se Dinge).
Translats (vgl. "Skopostheorie" in Reifi/Vermeer 1984). Dieses Translat Z um Bei spi el
, dafi Transl
ation eine zweckabhángige (teleologische)
ist aber Element der Zielkultur, also mit dieser eng verknüpft. (Vgl. Ihin dlung ist. W enn m an das aber weifi, sich dessen bewufit ist, da
oben das Beispiel kulturspezifischer Vertragsformeln.) Eine Translation dieses Wissens auch Entscheidungen fallen und
ist also immer auch ein transkultureller Transfer, die moglichste Lósung kann man aufgrund
ein stehen, weil man sie begründen kann.
eines Phánomens aus seinen alten kulturellen Verknüpfungen und seine liii Dami t hátten wir also drei Antworten auf die Frage, wozu eine
Einpflanzung in zielkulturelle Verknüpfungen.
Ohne diese Verknüpfungen geht es gar nicht ab. Ais Hans Christian Translationstheorie praktisch brauchbar sei (und es gibt sicherlich noc
Andersen sein Marchen von den Galoschen des Glücks schrieb,las man inchr Antworten):
den Text mit anderen Empfmdungen, ais wir dies heute tun würden. So 1. Eine Theorie macht das betreffende Handeln dem Aktanten be-
geht es mit jeder Textproduktion und -rezeption, daher auch mit der wufit; damit macht sie es für ihn transparent und (besser) verstehbar.
immer transkulturellen Translation. 2. Eine Theorie liefert Entscheidungskriterien für praktisches Han-
— Wenn eine Handlung, die ja immer die Handlung eines bestimmten deln; damit erleichtert sie das Handeln (zumindest in seiner Entschei-
Menschen ist, vom Gesamtverhalten dieses Menschen, seiner aktuellen dungsphase).
Disposition, seiner Einstellung gegenüber dem zu behandelnden Gegen- 3. Eine Theorie liefert mit den Entscheidungskriterien Begründungs-
stand und gegenüber einem realen oderfiktivenPartner usw. abhángt, móghchkeiten für Handeln; damit macht sie es gegen Einwánde und
dann mufi auch eine Translation immer eine persónliche Leistung gri ffe gefeit(er).sein
(bei aller Objektivitat, die ihr natürlich zukommen solí). Wie oft streitet Und schhefilich hoffe ich auch skizziert zu haben, dafi Translatio
man über einen Ausdruck ais "Geschmackssache" (weil wir zum Beispiel lberhaupt erst aufgrund einer (bewufiten oder unbewufiten) Theorie
noch viel zu wenig über das Funktionieren von Gehirnen und Sprachen rnóglich ist, denn Translation fordert Entscheidungen auf alien sprach
und deren Determiniertheit wissen). Sed de gustibus non est disputan- chen und kulturellen Rángen: Wortwahl, Satzkonstruktionswahl, Wa
dum, und das heifit: Hier werden individuelle Einstellungen angenom- lies Textaufbaus usw. — Wir müfiten jetzt also darüber diskutieren,
men, gelten Práferenzen ais einzelmenschlich und aus der aktuellen Si- ch Translationstheorien qualitativ bewerten lassen und welches eve
si
tuation heraus bestimmt. tuell die fruchtbarste Theorie (auf dem gegenwártigen Wissenschafts-
stand) sei.
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An dieser Stelle kann ich nun zwei Dinge tun: ganz massiv für "mei-Situation agieren), in welcher er gerade selbst stehe. Das würde folge
ne" Theorie (oder "eine" Theorie) werben oder allgemein Kriterien er- des bedeuten:
wahnen, die über die Fruchtbarkeit einer Theorie entscheiden lassen Zunáchst ist natürlich die aktuelle Situation im weiten Sinn des W
(also Metatheorie treiben). Ich versuche letzteres. tes sehr komplex: Dahinein gehóren auch kulturelle Vorkenntnisse, e
C Die Frage, wozu eine Translationstheorie nütze, hángt trivialer- oder worbene Praktiken usw. - also zum Beispiel auch die in einem lan
paradoxerweise von der Entscheidung ab, wozu sie nützen solí. Je spezi- Berufsleben erworbene Praxis, Vertragstexte vom Englischen ins Deut
fischer eine Theorie ist, desto begrenzter ihr Anwendungsbereich, destosche zu übersetzen - mit einem Wort: Stereotypisierungen usw.
leichter wahrscheinhch die Móglichkeit, sie praxisnah zu formulieren. Eine fremde Situation kann nur insoweit vertextet ("behandelt")
(Ais Beispiel denke man an die "Theorie", wie Márchenanfánge vom werden, ais sie in die je aktuelle eigene hineinholbar (assimilierbar) is
[o Deutschen ins Englische zu übersetzen seien.) Je allgemeiner eine Theo- das heifit, hier "prásentierbar" ist (was zum Beispiel auf dem Weg ü
rie, desto umfassender ihr Gültigkeitsbereich (so dafi spezifische Theo- Stereotypisierungen weitgehend móglich sein kann).
rien Teiltheorien von ihr werden), desto abstrakter ist sie aber auch und Die Translatorausbildung mufi dann zweieriei anvisieren:
damit weniger praxisnah. 1. Eine móglichst weitgehende Generalisierbarkeit, um das "Typi-
Ais Beispiel brauche ich nur wieder auf das bereits Gesagte zu ver- sche" des Handelns zu erkennen und nutzen zu kónnen - das hei
iS weisen: Translation wurde ais Sondersorte von Handeln, dieses ais Son- "translatorisches Handeln" (Holz-Mánttári) in seiner Wesenseigenheit l S
dersorte von Verhalten dargestellt. Damit wurden die Implikationen erfassen kónnen (Theorie erwerben, mit Theorie drüber reden lernen,
sprachhcher und kultureller Art deutlich, die für Verhalten allemal gel- das Erworbene einüben), und das geschieht weitgehend sprachunspe
ten. Um ein Wort Meilets umzudeuten: Kulturen sind Systeme, "oü fisch! (Es ist also ein Mifiverstándnis, wenn man mit sprachenpaarb
tout se tient". Dann aber macht die allgemeine Theorie deutlich, wie genen Übungen anfángt und vielleicht sogar bei ihnen verharrt.)
o sehr Translation immer ein transkulturelles Verpflanzen von Texten 2. Eine móglichst grofie Náhe zur Zielsituation (genauer: zur eing
und ihren Elementen ist. Dies zu bedenken, daraus Konsequenzen zu schatzten kulturellen und aktuellen Situation der Zielrezipienten), den
ziehen und daraufhin zu "texten" - darauf kommt es mir beim Nach- die Zielsituation ist ja, wie behauptet wurde, das primar Wichtíge b
denken über Translationen in Theorie und Praxis an. der Translation, - das heifit: Erwerb eines umfassenden "Kulturwis-
sens". (Es ist also eine Verkürzung, wenn man Laudes- oder Ausland
5 Ich móchte ais Exkurs ein Problem ansprechen, dafi meines Erach- kunde ais Sachkunde betreibt: Wieviel Provinzen ein Land hat und
tens in den Zusammenhang unseres Themas gehort: die Ausbildung des viele Kühe dann Milch geben, mufi man nachschlagen kónnen [gew
Translators. wo], der Spezialist lernt das dann durch stándige Wiederholung sowies
In der zuvor skizzierten Theorie steht der Zweck des Zieltextes für Eine Translationstheorie spielt hier also - gleich, wie man zu dem
die Bestimmung von Translationsstrategien an oberster Stelle. Transla- Beispiel Vorgetragenen nun im einzelnen steht — in eine Theorie
tion ist von daher gesehen weniger ein Transfer eines Textes und seiner Ausbildung von Translatoren, also in eine Translationsdidaktik hinüber
Elemente mit all ihren kulturellen Verknüpfungen in eine andere kultu-
relle Umgebung und damit Sprache mit deren Verknüpfungen, sondern Lassen Sie mich noch einmal zur eigentlichen Translationstheorie z
vielmehr ist Translation die Neuvertextung einer "Botschaft", wie Justa rückkehren: Sie ist in sich komplex, so dafi übergeordnete Teile ais
Holz-Mánttári sagt, eines "Informationsangebots", wie oben gesagt wur- tatheorie zu untergeordneten dienen kónnen. Ich meine das in folge
de, in einer neuen kulturellen Umgebung auf deren Bedürfnisse hin. der Weise: Z
Sprachlicher Transfer also nur in beschránktem Sinn. Man streitet oft, was beim Übersetzen den Vorrang haben soUe:
Nun macht Justa Holz-Mánttári auf etwas Wichtiges aufmerksam: Translatzweck, die ausgangssprachliche Form (indem man zum Beispi
Der Mensch kónne eigentiich nur für die Situation verbalisieren (in der verfremdend-retrospektiv übersetzt) oder was immer. Láfit sich hier ein
Entscheidung von der Theorie vom Zweckprimat her treffen?
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Nehmen wir an, ein Text lasse sich ais Faktorenbündel darstellen. 2. Methodologische Schritte zur Translation
Faktoren sind zum Beispiel (unter anderen): die fórmale Struktur, die
Formulierung, der Stil, das Thema, die Funktion etc. Zu berücksichti- Es wáre vermessen vom Theoretiker, wollte er dem-Praktiker etwas
gen sind auch die Produzenten- und jeweihgen Rezipientensituationen. praktische Translationsstrategien erzáhlen. Das Thema sol! daher vi
S Ein Text enthalte zum Beispiel in gegebener Situation für einen gegebe- mehr Anlafi sein, einige Gedanken zum Translationsprozefi unsyste
nen Rezipienten bei gegebener Formuherung eine bestimmte Informa- tisch aufzunehmen, um ein paar Punkte wiederholend ins Gedáchtni
tionsmenge. Andert man nun einen Faktor, so mufi sich das Resultat, mfen.
hier die Informationsmenge ebenfalls andern. Die Anderung eines Fak- Vorab sei noch einmal erwáhnt, dafi ein Translator nicht nur
tors láfit sich durch Variation anderer Faktoren ausgleichen, so dafi die destens zweisprachig, sondern auch bikulturell sein solí — oder, u
lo Informationsmenge (ungefáhr) gleich bleibt. Nehmen wir nun an, ein von Wandruszka háufig behandeltes Thema aufzugreifen und auf
Translat solle den gleichen Zweck erfüllen wie der Ausgangstext, die Komplexitát von Sprachen und Kulturen mit ihren Dia- und Idiog
Textfunktion bleibe also konstant. Solí auch die Informationsmenge gen hinzuweisen: Der Translator solí plurikulturell und im Rahmen
konstant bleiben, so mufifiirdas Translat eine solche Form gefunden ser Kulturen natüriich auch plurilingual sein. Wir kommen darauf z
werden, dafi diese Forderung der Informationskonstanz erfüllt werden rück.
kann. Jede Form ist informationshaltig, die eine mehr, die andere weni- Womit beginnt der Translationsprozefi? Verkürzen wir die Kompl
ger (immer gesehen auf dem Hintergrund einer Situation etc., wie oben tát menschlichen Handelns (vgl. dazu Holz-Mánttári 1984), so konn
erwáhnt). Eine verfremdende Übersetzung enthált nun neben der Infor- wir sagen: mit einem Auftrag, den sich der Übersetzer selbst setzt
mation, die jede Form mit sich trágt, zusátzlich die Information (in der den er in eigener Mitverantwortung übernimmt. Letzten Endes, so
Zielsprache ungebráuchUch/ungewóhnUch, daher von spezifischer Wir- sich sagen, bestimmt der Übersetzer seinen Auftrag. Aber das ethi
^0 kung). Also: Eine sich dem Ausgangstext anpassende Zielformulierung Problem wollen wir in dieser Diskussion ausklammem. - Ein Auftr
erhoht (in diesem vereinfachten Modell) die Informationsmenge! - All- ist eine Zielsetzung zu bestimmtem Zweck.
gemein gesprochen: Die Textfaktoren sind Bündel, "oü tout se tient". Nehmen wir an, der Auftrag laute: Übersetze die Gebrauchsan
Eine theoretische Überlegung macht die Zusammenhange durchsichtig sung für die Waschmaschine Marke XY! — Es wird háufig vergesse
und hilft nun bei der praktischen Entscheidung: Die Faktoren gelten re- eine solche Anweisung bis zur Sinnlosigkeit unvollstándig ist: Tats
2S lativ aufeinander. Je nach dem, was ais Konstante gelten solí oder in be- lich fehlt die wesentliche Ziel- und Zweckangabe, zum Beispiel: ü
stimmtem Grad variiert werden solí, bestimmt sich hierdurch auch die setze [...] ais Gebrauchsanweisung! - Es gibt ja auch andere Mogli
Variation oder Konstanz aller übrigen Faktoren. Am vereinfachten Bei- keiten, andere mogliche Ziele für eine Translation, zum Beispiel: ai
spiel iUustriert: Verfremdendes Übersetzen erhoht die Informations- Fremdsprachenlehrbuchmaterial zu primar sprachkontrastiven Zwecke
menge (in einer dem Ausgangstext nicht inhárenten Weise). Die Ent- oder ais Dokument für einen Gerichtsprozefi. Immerhin mufi gesagt
¿0 scheidung heifit: Was solí gelten, was kann in Kauf genommen werden? werden, dafi derartige Ziel- und Zweckangaben in vielen Fallen im
Man kann sich nicht mehr über die "richtige" Praxis streiten, nur noch mitverstanden werden, etwa ais: übersetze in der Funktion des Au
darüber, welcher Faktor primar gesetzt werden solí. Dies mufi begrün- gangstextes (übersetze mit Funktionskonstanz)! - Aber wir wollen
det werden (unter Umstánden mit einer neuen Theorie, zum Beispiel nen Augenblick überiegen, dafi diese Konstanzanweisung gar nicht
der vom Primat des Zwecks). - Eine Theorie macht also manchen Prak- selbstverstándlich ist, zum Teil gar nicht befolgt werden kann: Ne
3£ tikerstreit überflüssig, indem sie seine Bedingungen relativiert. Vielleicht wir an, ein Werk des kolumbianischen Nobelpreistrágers García
ist dies auch ein Nutzen der Theorie. quez werde ins Deutsche übersetzt. García Márquez schreibt sozi
tische Romane über Zustánde seiner Heimat. Gewifi will er unter
rem damit seinen Landsleuten einen Spiegel vorhalten: Seht, so i
40 Hans J. Vermeer Übersetzen ais kultureller Transfer 41
Lage; nun bessert sie! — Genau diese Funktion kann aber keine Überset-Laien heraus. Der quált sich dann mit halb-, un- und mifiverstandene
zung mehr erfüllen: Eine deutsche Fassung wird ja zum Beispiel im all- Text, Fachwórtern, schlechten Bildreproduktionen und schematischen
gemeinen für Deutsche in Europa hergestellt. Denen sagt man aber nicht: Skizzen etc. herum. — Nun kommt der Übersetzer. Im Netz seiner
Seht, so ist die Lage in Kolumbien; nun bessert sie! — Schon "inKolum-sammenhange soUte wohl stehen "übersetze funktíonsgerecht!" — D
bien" ist etwas anderes ais: die Lage in Kolumbien, eurer Heimat. - heifit unter Umstánden auch: Vertexte teilweise neu, bis die Sache f
Man fragt die Deutschen vielleicht: Wenn die Lage in Kolumbien so ist, den intendierten Zielrezipienten verstándlich ist! — Ein Übersetzer sollt
was geht das euch nun an? Die Sozialkritik bekommt in der Überset- keine Angst haben, schlecht verfafite Ausgangstexte zur Erfüllung seines
zung eine andere Funktion. Und noch eines andert sich:fiirKolumbia- gesetzten Ziels neu zu vertexten! (Hier ist unter Übersetzern vieleich
ner ist Kolumbien das bekannte Heimatland, für andere spanischsprachi- noch manche — auch ethisch interessante — Aufklárungsarbeit zu l
ge Lateinamerikaner das Nachbarland; für Europaer ist es ein exotisches sten.) — Ja, und schliefilich ist da der Zielrezipient. Im Netz seiner
südamerikanisches Land, über das man im allgemeinen herzlich wenig s am m enhange steht die Forderung: "lafit mich den Text verstehen!"
weifi. (Wer kann die Staatenkarte Südamerikas aus dem Gedáchtnis Und der Translator müfite nun wissen, dafi dieses Verstehen eben i
zeichnen?) Die Kritik am Bekannten wird in einer Übersetzung zur In- Net z der Zusammenhange des Zielrezipienten geschehen mufi, das ei
formation über Exotisches und exotische Zustánde umfunktioniert. - anderes ist ais sein eigenes und das des Ausgangstexters und das d
All dies wird implizit bei Auftragsübernahme mitgedacht — oder (mei- Auftragsfirma. Das eben meinte ich mit, ais ich vorhin sagte, ein Ü
stens) auch nicht. Funktionskonstanz ist ein sehr komplexer, meist nur setzer müsse plurikulturell sein: Er mufi die Welten des Auftraggebers
halbwahrer Sachverhalt. - Wenn der Brasilianer José Lins do Regó in seine eigene und die des Zielrezipienten unterscheiden konnen und a
Nordostbrasüien (der "Nordeste" besagt dem Brasilianer sehr viel!) von drei kennen und in Relation zueinander bringen kónnen.
cachaga erzáhlt, empfinden seine Landsleute bei der Lektüre ganz ande- Damit sind wir schon bei einem wichtigen Aspekt der náchsten Fr
res ais Deutsche, wenn sie an der Stelle von Zuckerrohrbranntwein ge: Ein Auftrag sei erteilt; ais Voraussetzung wird ein Ausgangstext
(Giese), Zuckerrohrschnaps oder Schnaps lesen. — liefert, den es im schon kurz skizzierten Sinn zu "übersetzen" gilt.
Nehmen wir also an, ein Auftrag habe eine hinreichend genaue Ziel- sen Ausgangstext ais Voraussetzung und sozusagen ais Themenstellun
und Zwecksetzung. Was weiter? mufi der Übersetzer zunáchst rezipieren.
Es ist trivial zu wiederholen, dafi jeder Mensch zu jedem Zeitpunkt Rezipieren heifit, so aufnehmen und interpretieren und eventuell d
in einem eng vernetzten Kontinuum móglicher Welten existiert - Meil- zu die nótigen Vorarbeiten wie Information über Textzusammenháng
let hátte heute vielleicht auch mit Bezug hierauf gesagt, das Leben sei Zusammenhange des Inhalts mit aufiertextlichen Phánomenen, gegebe-
ein offenes System, "oü tout se tient". Für unser Thema besagt dies fol- nenfalls Information über den Autor usw., leisten, wie man das in
gendes: Rezeptionstheorie der Textwissenschaft eben zu handhaben lernt. Wen
Die an der vorerwáhnten Gebrauchsanweisung interessierte Firma nun die voraufstehenden Überlegungen gelten, dann mufi der Rezipie
steht in einem Netz von Zusammenhángen, in deren Mittelpunkt viel- hier ein dreifaches tun: Versuchen, im Sinn des Autors (und eventu
leicht die Devise "produziere und verkaufe!" hángt. Sie gibt den Auf- dessen Auftraggebers) zu verstehen (das heifit, die Autorintention fes
trag zur Vertextung einer Gebrauchsanweisung für einen ihrer Gerátety- stellen); versuchen, im Rahmen der eigenen móglichen Welten zu vers
pen an eineflrmeninterneoder -externe Institution. (Ich folge hier Ge- hen (das heifit, unter Einbezug der eigenen Situation interpretieren)
danken von Holz-Mánttári.) Diese Institution steht wieder in einem und schliefilich versuchen, die Autorwelt und die eigene miteinander
Netz anderer Zusammenhange, in deren Mittelpunkt vielleicht die De- vergleichen, also zu fragen, was die Autorintention und das vom A
vise "be clear" hángt (um eine Grice'sche Máxime zu bemühen) - oder tatsáchUch Ausgedrückte (was ja zweieriei sein kann) in der eigenen
háufig auch die Devise "mach's schnell ab, time is money". Nicht im- pientenwelt bedeuten. (Nachher kommt das ganze noch einmal: in d
zi
mer kommt eine idéale Gebrauchsanweisung für den hausfráulichen Translator-Zielrezipientenrelation.) — Ich gehe hier nicht auf Rezep-
42 Hans J. Vermeer Übersetzen ais kultureller Transfer 43
tionsmodi ein, das würde zu weit führen. Aber ein Gesichtspunkt scheint sein mufi. - Und es versteht sich von hierher auch, dafi Kohárenz
noch wichtig: Solí der Translator-als-Rezipient bei der Rezeption des Zusammenhang mit dem Ausgangstext vom gesetzten Ziel und Zwe
Ausgangstexts bereits seine móglichen Zielrezipienten berücksichtigen, her erst an dritter Stelle nach der Funktion (dem Zweck) und der i
das heifit, fragen, was der Text in deren móglichen Welten bedeutet? textuellen Kohárenz des Translats kommt.
Ich glaube nicht. Das kann er sich allenfalls für eine zweite oder vierte Natürlich steht das Translat und stehen Übersetzer und Zielrezipie
Ausgangstextíektüre aufsparen, nachdem er den Text zunáchst ais Rezi- ten wieder in den Netzwerken ihrer "Lebens"zusammenhánge. Das w
pient und nicht ais zukünftiger Übersetzer aufgenommen hat. (Hier berücksichtigt sein. In der Praxis heifit das, dafi man zielkulturelle Ko
scheint es aber unterschiedliche Rezipiententypen zu geben.) Eines soll- ventionen und Normen der Vertextung beachten mufi. (Katharina R
te er gewifi nicht tun: sich zielsprachliche Formulierungen überiegen! hat das an Todesanzeigen aufgezeigt.) Und diese Konventionen und
Wenn sie ihm spontan einfallen, solí er sie nicht verdrángen, aber sie ge- Normen rangieren vor der Imitation des Ausgangstexts. Dieser ist eb
wifi in dieser Phase noch nicht suchen. Das würde die Rezeptionsarbeit nicht, wie manche noch zu meinen scheinen, der Angelpunkt des Ü
erheblich beeintráchtigen! setzens. Richtschnur für eine Translation ist der Translatzweck. (Die g
Noch einmal zur Rezeption: Was es nach den vorstehenden Überle- naue Imitation von Ausgangstextformen kann ein Translatzweck sein
gungen gewifi nicht gibt, ist "der" Ausgangstext. Es gibt nur einen je Der Übersetzer mufi die Konventionen und Normen der Zielkultu
spezifisch interpretierten Ausgangstext, sozusagen den Ausgangstext- und ihrer Vertextungsstrategien kennen. Er mufi, wie gesagt, plurikult
für-den-Rezipienten-X-im-Zeitpunkt-tx- "Der" Ausgangstext kann also rell und plurilingual sein - wahrscheinhch zuerst plurikulturell: Sprac
auch nicht Grundlage und Ausgangspunkt für "die" Übersetzung sein fehler verzeiht man leichter ais weniger bewufite, aber anscheinend ti
(die es ebenso wenig gibt). Er ist entthront, die Translation dieser Fik- fer ansetzende soziale Verstófie.
tion enthoben. Der Translator steht in seiner eigenen Situation. Aber er mufi imst
Schliefien wir gleich an: Es kann auch nicht "die" Übersetzung ge- de sein (wie jeder Texter), die potentielen Situationen (genauer: Sit
ben, sondern ebenfalls immer nur die jeweils von einem Übersetzer für tionstypen) seiner intendierten Rezipienten zu antizipieren. Und er
seine intendierten Rezipienten in gegebener Situation angefertigte indi- mufi wissen, wen er ais Rezipienten intendiert. - Auch hier ist die
viduelle Übersetzung. (Dies gilt auch - durch Zéro-Setzung der Unter- gige Formulierung eines Auftrags háufig mifiverstándlich: Die Zieltex
schiede -, wenn sich wie im Fall der Septuaginta-Legende 70 formal adressaten werden im Fall einer Gebrauchsanweisung im allgemeinen
identische VersionenfindensoUten. Wir sehen aber schon, dafi man in nicht angegeben, sind aber implizit recht genau umschreibbar. Etwas
der Realitát nicht mit solchen Fallen rechnen kann - was unter ande- ders steht es im Fall literarischer Übersetzungen. Hier imaginiert der
rem zum Beispiel zur Vorsicht bei Zensuren nótigt!). Übersetzer háufig seine Rezipienten ais Menschen seines eigenen Ty
Damit wáren wir bei der eigentlichen Übersetzungsarbeit (zu Einzel- seiner Vorbildung usw. — und hat damit eben seine intendierten L
heiten s. Holz-Mánttári 1984): Es gibt gar keine Textproduktion-zur-Verwendung ohne bewufite od
Gelenkt wird sie in unserem Modell, wie zu Anfang gesagt, vom Auf- unbewufite Vorstellung von potentielen Lesern. Auch der Romanaut
tragsziel und -zweck. Eine Gebrauchsanweisung für den Betrieb einer stellt sich Leu te seines Schlages vor, der Groschenromanautor eben
privaten Waschmaschine solí eben ais Gebrauchsanweisung für die sie - auftragsgemáfi — das Lieschen Müller des gángigen Clichés. Aber
(potentiell) benutzenden Hausfrauen verstándlich sein. Das jedenfalls ist dann eben eine Vorstellung; der Rezipient existiert in der Erwartu
mufi das Translat leisten (wollen). Alies Übersetzen hat sich danach zu und Einschátzung des Produzenten.
richten. Alie "Imitation" des Ausgangstexts ist diesem Ziel unterzuord- — Verstehen und kommunizieren kann man wohl uiiter drei Gr
nen! — Es versteht sich von selbst, dafi der Zieltext (das Translat) zur bedingungen: áhnliche Erfahrungen machen, in die gleiche Kultur int
Erreichung des gesetzten Ziels und Zwecks in sich verstándlich, stim- griert sein und — für die Aktualitát des Geschehens — aktueU á
mig, mit einem Fremdwort: "kohárent" (oder wie Bollnow sagt: bündig) disponiert sein. In diesem Sinn wurde oben gefordert, der Translat
44 Hans J. Vermeer Übersetzen ais kultureller Transfer 45
solle bi- oder genauer: plurikulturell sein. Zur Enkulturation gehort Ich greife noch einmal einen Gedanken von Justa Holz-Mánttári a
auch die Erwerbung der einschlágigen Sprachkompetenz. Recht betrachtet übersetzt man immer, wenn man kommuniziert, ná
Wir haben bisher von der Übersetzung von Texten gesprochen. Diese lich Eigenes (Idio-Kulturelles) oder Angeeignetes in die Zusammenhan
Redeweise ist nun auch noch zu prázisieren und auszuweiten. Die Ver- ge der Welten des Partners. Man sollte nicht sagen, es gebe unter
netzung von Texten mit anderen kulturellen Elementen und Verhaltens- Menschen einige Übersetzer, sondern unter alien Übersetzern einige,
weisen weist darauf hin, dafi der Übersetzer es nicht beim Text allein Mensch genug sind, andern beim interpersonalen Transfer durch ihr
bewenden lassen kann. Reden/Schreiben ist immer nur Teilverbalisie- Spezialkenntnisse zu helfen. Diese Spezialkenntnisse auf breitester Basis
rung von Situation (und ihrer Zusammenhange). Aber was verbalisiert zu vermitteln, ist Aufgabe der Übersetzer- und Dolmetscherinstitutio-
wird, ist wie die Art und Weise der Verbalisierung kultur- und darin nen.
sprachspezifisch. (In Indien sagt man nicht danke, man macht eine
Dankgebárde.) Übersetzen wird so zum Teil eines (allerdings primar ver-
balen) Handelns überhaupt, in dem der ganze Mensch und die ganze Si- 3. Zur Begründung von Translatvarianten
tuation eingesetzt werden. Gesten und Gebárden gehóren wesentlich
mit zum Kommunizieren. Auch das Kleid, das man trágt, oder die Haar- Nimmt man nun also Ergebnisse der Handlungstheorie, der interkult
tracht, die man neu ausprobiert, kónnen zum Gehngen oder Mifilingen rellen Kommunikation und der Rezeptions- und Wirkungstheorien z
einer (face-to-face)-Kommunikation beitragen. Im Text selbst werden sammen, so ergibt sich eine gute Basis für translationstheoretische Üb
solche Dinge unterschiedlich verbalisiert. Lassen Sie mich auch dazu ein legungen. Deren Brauchbarkeit ist kurz aufzuweisen und ihre Anwen
Beispiel geben: Der berühmte caballero déla triste figura, der Donbarkei Qui- t ("Fruchtbarkeit") anzudeuten.
jote des Cervantes, in franzósischer Übersetzung chevalier de la triste Dies solí hier für einen engen Ausschnitt geschehen, indem die e
figure, wurde im Deutschen zum Ritter von der traurigen Gestalt. risch feststellbare Existenz von Translatvarianten zu einem Ausgangs
Stackelberg hat angemerkt, dafi figura/figure "Gesicht" hiefien und text theoretisch abgesichert (begründet) und positiv gewertet werden
nicht "Gestalt", also müsse man wohi Ritter mit dem klaglichen Gesicht solí. Dabei ist abzuweisen, dafi Translatvarianten einem wie auch im
übersetzen. Die Überlegung ist nicht stichhaltig. Erstens ist die zuvor ge- gearteten Ungenügen entspringen (dem "Traduttore-traditore-Syn-
nannte deutsche Fassung lángst zum geflügelten Wort geworden, und in drom"), das im Wesen der Translation selbst begründet liege, deren
der besprochenen Vernetzung aller Elemente mufi heute auch auf die- übung immer ein "Opfer" von Ausgangstextmerkmalen erzwinge.
sen Schlagwortcharakter des Ausdrucks Rücksicht genommen werden, Varianten kónnen vortheoretisch auch dem Spiel mit der Sprach
um nicht befremdend zu verfremden. (Stackelberg geht hierauf ein.) und der Überfülle gedanklicher Móglichkeiten entspringen. Erasmus 'D
Zweitens wurde zur Zeit Cervantes' die Schónheit (oder HáfiUchkeit) duphci copia rerum et verborum' ('De utraque verborum ac rerum
eines Menschen vorab in seinem Gesicht reprásentiert gedacht (viel copia') hat (1.33) 150 lateinische Varianten für ich habe mich ü
mehr sah man auch nicht von ihm). Heute wird Schónheit durch den nen Brief sehrgefreut und 200 für ich werde dich nie ver
ganzen Kórper vermittelt (wie oft spricht man von den Beinen einer (Die folgenden Beispiele habe ich alie schon einmal an anderen
Frau, was zu Cervantes' Zeit undenkbar gewesen wáre). Was also zu len gebracht. Sie sind lediglich Illustrationen zur Theorie.)
recht übersetzt wurde, war nicht das Wort mit seinem Inhalt, sondern In einem englischsprachigen Versicherungsformular ist die Rede vo
das Gemeinte (der Sinn), das, was das Wort im Kontext der Kultur prá- damages caused by strikers. In deutschen Versicherungsvertr
sentieren sollte. Denn vernetzt sind nicht Wórter, sondern im jeweiligen an entsprechender Stelle gewóhnlich Schdden infolge Streiks
Kontext modifizierbare "Kultureme". Damit werden wir wieder über áhnliche Formulierung. Es wird von der Sache Streik gesprochen,
den verbalen Kommunikationsteil hinausgewiesen in eine Gesamtbe- rend das Englische von den strikers ais Personen redet. Das Übli
trachtung von kulturspezifischem Verhalten. Praxis wird hier nur festgestellt, braucht an dieser Stelle nicht begrün
46 Hans J. Vermeer Übersetzen ais kultureller Transfer 47
zu werden. - Nun ist es aber denkbar, dafi bei einem Versiclierungspro- Eingángige Beispiele lassen sich in Bibelübersetzungenfinden.Hier
zefi die beiden Fassungen unterschiedliche Interpretationen zulassen nur eines: Im Johannesprolog erscheint die Ununterschiedenheit von
und ihre praktische Aquivalenz aufierhalb von Gebrauchsformularen, Wort und Tat (hebráisch dabar) zu griechisch lógos mit desse
zum Beispiel für eine juristische Urteilsfindung, nicht ausreicht. Eine da- griechisch-philosophischen und griechisch-jüdisch-spekulativen Hinter-
für adáquatere Übersetzung müfite diskutiert werden. grund zur Einleitung eines "operativen" Bekehrungsversuchs abgewan-
Im ersten Fall (dem Versicherungsvertrag) ist der Text "Handlungs^' delt. Wenn die hieronymianische Vulgata dafür das lateinische verb
mittel" ("Instrument") zu einemjenseits von ihm selbst hegenden Zweck setzt, so ist der ursprüngliche Zweck für den Schon-Christen obsolet g
(dem Zustandekommen eines Vertrages), im zweiten Fall (dem Gerichts- worden; der Text hat sich zur "heiligen" Schrift, in ihrer Wortgebun-
dokument) ist der Text selbst "Handlungsgegenstand" ("Dokument"). denheit zum "magischen" Text gewandelt. In abermaliger Wandlung z
Hier kommt es auf das Fazit der Überlegung an; Die Translation einer mehr rationalen Handlung transferiert die neue deutsche Einheit
wird vom Zweck des Translats bestimmt. übersetzung explikativ Er, der 'das Wort' ist und fügt eine erkl
Jede Handlung ist zweckorientiert, auch die Rede. Die Rhetorik Anmerkung hinzu.
wufite das von ihren frühen griechischen Anfángen an. Bei der Transla-
tion (ais Handlung) mufi man es heute ais primare Strategiebedingung Fragt man, weshalb überhaupt ein gegebener Text produziert worde
betonen, weil die Eigenstandigkeit des Translats gegenüber dem Aus- sei, so lautet die wohl allgemeinste Antwort und Begründung: weil
gangstext vielfach verschleiert erscheint. Produzent glaubte, in der gegebenen Situation seinem Partner/seinen
Deutlich wird die Eigenstandigkeit des Translats gegenüber dem Aus- Partnern eine wie auch immer geartete "Information" im weitesten
gangstext vor allem bei Werbetexten. ~ Bei der Übersetzung eines italie- Sinn des Wortes zukommen lassen zu kónnen/soUen.
nischen Geschichtsbuchs ins Deutsche wird auf das unterschiedliche Da sich solche Annahmen in einem interkulturellen Transfer quan
Vorwissen von Italienern und Deutschen über die Geschichte Italiens ; tativ und qualitativ ándern werden (das heifit, es werden andere Inf
Rücksicht genommen. — Reifi verweist auf unterschiedliche rhetorische mati onsteile relevant), andert sich bei einer Translation notwendiger-
Traditionen im deutsch- und spanischsprachigen Sachbuchbereich. ' und bewufiterweise auch die Informationsstrategie. Vorgenanntes Bibel
Je nach Zweck, Adressatengruppe usw. konnten vorgenannte Über- beispiel kann, besonders in seinem letzten Teil, auch in dieser Hinsi
setzungen auch je anders ausfallen. herangezogen werden.
Ais drittes Beispiel sei eine Stelle aus Marc Aurel genannt: Ein Ü
Der Zweck einer Translation ist von der Handlungssituation mit- setzer glaubt, vor allem Information über die Struktur des philosophi
abhángig. Nicht jeder Zweck láfit sich in jeder Situation erreichen. An- schen Ausgangstexts liefern zu sollen:
dert sich also eine Situation, so kann ein Zweck inadáquat oder obsolet
werden. Das Finstere des Gesichts ist gar sehr wider die Natur; wenn i
Da sich bei einer Translation ais interkulturellem Transfer die Situa- ihm oft die Freundhchkeit stirbt, verlóscht sie zuletzt, so dafi
tion von der Ausgangstextproduktion zur Zieltextrezeption notwendi- überhaupt nicht mehr entzündet werden kann. Eben diesem ver
suche bewufit zu folgen, dafi es wider die Vernunft ist. Denn
ger- und trivialerweise bedeutend (und mehrfach) andert, ergeben sich wenn auch die Mitempfindung für die Verkehrtheit schwinden
drei Móglichkeiten: wird, was bleibt noch für ein Grund zu leben? (übers. v. W.
Entweder bleibt ein Zweck konstant — dann andert sich ein anderer 1er; Marc Aurel 7.24)
Translationsfaktor, zum Beispiel die Wirkung —, oder ein Text wird fiir
eine Translation ungeeignet, oder es andert sich der Translatzweck. Stellt man demgegenüber die Aktualitát der Aussage in der heutig
(Letzteres ist ein praktisch háufig eintretender Fall! Die - notwendige — Welt voran, so mag eine Übersetzung zum Beispiel folgendermafien l
Entscheidung zu einer Móglichkeit ist unter Umstánden auch ein tén:
translationsethisches Problem.)
48 Hans J. Vermeer Übersetzen ais kultureller Transfer 49
Ein finsteres Gesicht ist etwas ganz Widernatürliches. Wer dauernd Auf der Begründungsebene ist zum Beispiel kurz zu erinnern, daf
unfreundlich dreinbliclct, wird schhefilich zum Misanthropen.
Man mufi sich ganz klarmachen, dafi das wider alie Vernunft ist. Handlungen von Annahmen des Handelnden über eine Situation ausg
Wenn man namhch nicht einmal mehr merkt, dafi man bose ge- lien. Situation ais ungemein komplexer Faktor umfafit dabei neben de
worden ist — wozu dann noch leben? kulturspezifischen Vorwissen im Rahmen der aktuellen Situation auc
den Handelnden und seine(n) Partner und die gegenseitigen Erwartu
Soellner verweist darauf, dafi man in einer anderen Kultur nicht nur gen, die Siegrist mit dem Term "reflexive Ko-Orientierung" umschrie
anders spricht, auch über anderes spricht. und für die sich bereits um 1560 ein prágnanter Satz bei Joáo de B
Ein Viertes ist in diesem Zusammenhang zu erwahnen: Eine Hand- (Décadas 2.8.5)findet:"Eu te entendo, que me entendes, que te ent
lung strebt nach einer Balance von Ókonomie und optimalem Resultat. do, que me engañas" (Ich weifi, dafi du weifit, dafi ich weifi, dafi
Ohne auf terminologische Erórterungen einzugehen, mochte ich der Be- mi ch betrügst).
quemlichkeit halber vom Stil ais der Oberflachenform einer Handlung Da auf der Begründungsebene Annahmen ais Faktoren auftreten,
sprechen, in dem sich diese Balance manifestiert. kann jedes Handeln immer nur ein tentatives sein. Im verbalen Berei
Stil und Stilstrategie andern sich kulturspezifisch. Setzt man Kultur, kann es ais "Angebot" zu einer Information bezeichnet werden. (Da
wie üblich, ais vielschichtiges zeitsensitives Gefíige mit Para-, Dia- und wird zumindest terminologisch auch ein Gegensatz zu S.J. Schmidts
Idio-Ebenen an, so dürfte mit vorstehenden Überlegungen die Notwen- "Instruktion" beabsichtigt.)
digkeit von Translatvarianten hinreichend dargetan sein. Auf der Interaktionsebene (die einer übergeordneten Begründung
bedarf - Holz-Manttari spricht jetzt umfassender von "Kooperation")
Nun ist über Variantenarten begründend zu reden: wurde Textualisiemng impUzit ais Sondersorte von Handlung interpre
Ein Text, bzw. vom Rezeptionsprozefi her gesprochen, eine Textwir- tiert. Für eine Translationstheorie ergibt sich damit eine wesentliche
kung, entsteht aus dem Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Hier wer- Einstellung: Da verbale und non-verbale Handlung in Interaktionen
den der Kürze halber die interdependenten Phanomene Situation, funktional und háufig auch formal nicht exakt trennbar erscheinen,
Zweck, "Inhalt" (Thema) und Stil (Form) herausgestellt. Formalisiert mufi eine allgemeine Translationstheorie jedenfalls über den nur-sprach
man sie ais Funktíonsgleichung, so zeigt sich deutíich, worauf ich abzie- l
ic hen Aspekt hinausgreifen und im kulturspezifischen Handlungsrau
le: Variiert man einen Faktor, so andert sich der Funktionswert; solí überhaupt angesiedelt werden.
dieser konstant bleiben, so mufi bei Variation eines Faktors mindestens Ais Beispiel sei nur vordergründig darauf verwiesen, dafi verbale
ein weiterer ko-variiert werden. Handlungen der einen nicht-verbale Handlungen einer anderen Kultur
Im interkulturellen Transfer mufi mindestens ein Faktor, trivialer- entsprechen konnen; vgl. das Danken.
weise die Situation, variieren. Je nachdem, welcher weitere Faktor oder Inwieweit sich Verbalisierung und nichtverbale Handlung in einer
welche weiteren Faktoren und bei mehreren, in welchem Verháltnis zu- Transl ation (man denke vor allem an das Dolmetschen) kompensiere
einander, einer Ko-Variation unterworfen wird/werden, erhált man un- i ángt (unter anderem) von einer Gewichtung der vorgenannten Fakt
terschiedliche Transíate. ren untereinander ab. Wieder kónnen unterschiedUche Transíate entst
Wegen der Interdependenz der Faktoren untereinander und weiterer hen. Hier werden auch unterschiedliche Strategien zwischen dem D
Einschránkungen (ein Faktor kann zum Beispiel nicht "Zéro" werden) metschen, soweit es eine face-to-face-Kommunikation ist, und dem
und wegen der Abhangigkeit von kulturellen Wertungen ist die Varia- Übersetzen begründbar.
tionsmenge nicht beliebig grofi. (Sie ist natürUch auf der idiokulturellen Dafi intentionale Handlungen immer auch Wertungen implizieren,
Ebene wesentlich grófier ais auf der parakultureUen.) láfit sie ais Kulturspezifika erscheinen. Die triviale Feststellung, Transla
Die mogliche Variatíonsmenge erhoht sich, zieht man die Komplexi- tionen seien mit zwei Sprachen - genauer: Lekten auf Para-, Dia- o
tát jedes einzelnen Faktors in Betracht. Idio-Ebene - befafit, láfit sich in die folgenreichere Behauptung über-
führen, Translationen seien immer ein bi-kultureller Prozefi.
50 Hans J. Vermeer Übersetzen ais kultureller Transfer 51
Eine Vertextung kann intra-lingual oder inter-kulturell vorgeno einer Novelle ais Novelle-zu-Unterhaltungszwecken), so entsteht ein
men werden. (Letzteres ist zum Beispiel der Fall, wenn ein Reisepro- Translat ais "Extensión" des Ausgangstexts.
spekt über Italien in Italien für Franzosen auf franzósisch geschrieben Beide Translationsstrategien, die man unter Variierung zweier Ter
wird.) Eine Translation ist gegenüber den vorgenannten Vertextungspro- inini von Postgate ais "retrospektiv" bzw. "prospektiv" bezeichnen
zeduren immer inter-hngual plus inter-kulturell. kónnte, gelten in unserer Kultur ais legitim.
Transíate ais vom Kontinuum ihrer "Welten" abhángige Handlungs- Auch im zweiten Fall ergeben sich übrigens Weltveranderungen.
resultate sind vom vorgeordneten Ausgangstext um diese "Welten" ver- bleibt meist unausgesprochen - und leider oft auch dem Translator u
schieden. i)ewu6t —, dafi gerade diese Veránderungen einen Begründungsfakt
Beispiel: Man nehme einen beliebigen literarischen Text und seine fiir eine Translation abgeben kónnen.(Die Wirkungstheorie weifi darum.
Übersetzung. Jedes Wort des Ausgangstextes beschwórt für den aus- Gerade das für den Zielrezipienten Fremde, "Exotische", der dargest
gangskulturellen Leser und jedes Wort des Zieltextes für den zielkultu- ten Welt, die für den Ausgangstextrezipienten gar nicht (so) fremd
rellen Leser eine je andere Welt ais fiir den jeweiligen Nicht-"Fachmann" cxotisch ist, erhoht den Reiz am Zieltext.
herauf. Translatvarianten würden andere Welten schaffen. Für die Argumentation ist es übrigens irrelevant, wenn die bisherig
Die Nicht-Banalitát der Behauptung liegt in zwei Folgerungen: Beispiele überwiegend aus dem Bereich der Belletristik gewáhlt wurd
1. Über Varían ten werte ist in ihr zunáchst nichts auszumachen. Es Auch die Entscheidung zwischen den Fachtermini Atomreaktor
gibt nicht "die" grundsátzlich bessere Translation. Kernkraftwerk hátte herangezogen werden kónnen (vgl. Schmitt,
2. Zwingend wird eine Begründung für Faktorwertungen, das sem Band).
heifit fiir Variation und Gewichtung der Faktoren.
Überraschenderweise ist eine solche Begründung nur noch kulturspe- Ais Bewertungskriterien bei vorliegenden Translatvarianten haben
zifisch zu geben: Die Behauptung, sie liege in der Annahme des Han- sich aus den vorstehenden Überlegungen zwei Faktoren ergeben:
delnden, ein situationsspezifisches Ziel optimal erreichen zu wollen (in 1. der "rnformations"gehalt eines Translats, der immer situations-
diesem Wollen ist ein Sollen ais Sondersorte der Entscheidungsbegrün- spezifisch — genauer: situationstypenspezifisch — ist (Information
dung eingeschlossen), mufi durch eine genauere Begriffsbestimmung von fafit in dem hier verstandenen weiten Sinn zum Beispiel auch die F
"Translation" prázisiert werden. - Im modernen europáischen Ver- schónheit eines lyrischen Gedichts);
stándnis (das ist das Kulturspezifikum!) liegt "Translation" da vor, wo 2. der Imitationsgrad (ais Kulturspezifikum im Rahmen unserer
ein Ausgangstext so transferiert wird, dafi der Zieltext ihn (zweckab- Translationstheorie), der zweckabhángig ist.
hángig!) auf móglichst alien Rángen "imitiert". Rangordnung und Imi- Wie die Rezeptionstheorie seit langem weifi, sind unterschiedliche
tationsgrad hángen dabei, wie gesagt, vom Translatzweck ab. Textrezeptionen (die sich zum Beispiel in unterschiedUchen Translat
Grundsátzlich ist der Zweck im Rahmen der gegebenen Situationsbe- manifestieren — vgl. z.B- die Diskussion um die Kafka-Übersetzun
dingungen frei wáhlbar; nicht alie Zwecke erlauben jedoch eine Transla- ins Franzósische), nicht ipso facto wertverschieden. So ist keine Tra
tion (im definierten Verstándnis). lation ein "Opfer" (es sei denn absichtlich oder aus Unvermógen,
Weicht der Zieltextzweck wesentlich vom Ausgangstextzweck ab, so hier nicht diskutiert wird); jede realisiert anderes, wie jede Textrezep
entsteht nach unserem Verstándnis lediglich ein Translat ais Hilfsmit- tion nur eine Untermenge aller móglichen Interpretationen aktualisie
tel zu einem dem Ausgangstext fremden Zweck (zum Beispiel bei Ver- und je anderes realisiert und auch jede spátere Rezeption nicht (wes
wendung einer Kurzgeschichte zu Sprachlehrzwecken [Über die Brauch- Uch) mehr realisiert, weil sie die Wirkungshistorie miteinbezieht, so
barkeit eines solchen Verfahrens ist an dieser Stelle nicht zu urteilen]); dern in diesem Einbezug wieder anderes, indem einiges ais unwicht
variiert der Zieltextzweck den Ausgangstextzweck innerhalb eines un- oder nicht mehr gewufit auch wieder verlorengeht. — Der Translator
mittelbar übergeordneten Begriffsrahmens (zum Beispiel bei Translation dert, notwendigerweise. Das ist sein Elend und sein Glanz (wie Orte
Übersetzen ais kultureller Transfer 53
52 Hans J. Vermeer
Gasset sagen würde), seine sctiópferische Chance — und seine Verant- Miill Literatur
wortung. Handeln. Theor
Der besprochene Informationsgehalt eines Translats ist natürlich nur i,„l. Manttari, Justa (1984),ainTranslatorisches
(/„>de, Hel si
n ki
: Suomal en Tiedeakatemia.
dann für den des Ausgangstexts unkundigen Zielrezipienten erreichbar, Hans G./Kufi maul, Paul (1982), Strategie der Übersetz
wenn das Translat — unabhángig vom Ausgangstext! — in sich auf dem / c/ir-und ^rfteífífcttc^, Tübingen: Narr.
Hintergrund des zielkulturellen Vorverstandnisses kohárent ist.(Theilers M,.,ü Katharina/Vermeer, Hans J, (1984), Grundlegung einer all
Marc-Aurel-Übersetzung genügt diesem Anspruch nicht.) nen Translationstheorie, Tübingen: Niemeyer.
Das zweite Bewertungskriterium, der Imitationsgrad, ist — zweckbe- V.nneer, Hans J. (1983), Aufsatze zur Translationstheorie.
dingt unterschiedlich gewichtig — in eine sprachliche und eine kulturelle
Imitation zu spalten.
Vgl. folgendes Beispiel: In Rudyard Kiplings The Jungle Book árgert
sich ein Wolf über einen erfolglos jagenden Tiger: Does he think our
bucks are like his fat Waingunga bullocks? — Der deutsche Übersetzer
(Dagobert von Mikusch) formuliert: Glaubt er etwa, dafi unsere Bócke
ebenso dumm sind wie seine fetten Ochsen am Waingungaflufi? — Wir
konzentrieren uns auf die Entsprechung bullock : Ochse. Laut Wórter-
bucheintrag ist sie "korrekt"; der Text bleibt kohárent; die andere
"Welt" stort kaum einen Zielrezipienten. Und doch bin ich noch nicht
zufrieden: Die Geschichte spielt in Indien. Der indische bullock ist der
Prototyp des máchtigen, aber muden Tieres; einen bullock zu tóten, ist
niedertráchtig. Einen Ochsen zu tóten (der in der deutschen Umgangs-
sprache vielfach mit dem Stier gleichgesetzt wird) erfordert Mut, Kraft,
Gewandtheit. Ais "Kulturem" entspricht dem bullock an dieser Stelle
kein deutscher Wórterbucheintrag; die "Idee" wird meines Erachtens'
am ehesten von Büffel erfüllt.
Wenn Translation, wie jede Handlung, kulturspezifisch gewertete
Entscheidungen únpliziert, also zumindest in diesem Sinn (wir lassen
anderes beiseite) eine kreative Tátigkeit ist, dann entsteht u.U. ein drit-
tes Entscheidungskriterium: ein ethisches.
Wahrscheinhch genügt es námlich nicht, sich ais blofier (Sprach?-)
"Mittler" zu verstehen. Man mufi auch Kulturmittler sein. Die Bikul-
turalitát des Translators erst vermag zwischen Angehórigen zweier sich
sonst nicht óder nicht hinreichend verstándlicher Kulturen zu vermit-
teln. In diesem Sinn steuert das ethische Verstándnis die Translations-
strategie mit (wobei hier nicht zu diskutieren ist, ob Zusatzinformatio-
nen im Text oder ais Anmerkung, Vorbemerkung oder Nachwort zum
Text zu übermitteln sind).