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„Feindbild Islam“ by Farid Hafez

… Zur Verdeutlichung seien ein historisches und ein aktuelles Beispiel erwähnt. Adolf Hitler
hat über den Hausarzt seiner Mutter, Eduard Bloch, einmal gesagt: „Ja der ist eine Ausnahme,
das ist ein Edeljude; wenn alle Juden so wären, würde es keine Judenfrage geben.“ 1
Bloch war Jude, aber für Hitler war er nicht primär Jude. Vordergründig war Bloch für Hitler
Arzt, der Arzt seiner Mutter. Weil er aber doch zugleich auch Jude war und seine Qualitäten
den rassistischen Theorien Hitlers widersprachen, stellte er für Hitler eine Ausnahme vom
Stereotyp der Figur des Jüdischen dar. Diese reale Erfahrung mit einem Juden brachte Hitler
nicht dazu, sein Bild zu korrigieren, denn sein Vorurteil stabilisierte sich mithilfe dieser
„Ausnahme“ nur weiter. MuslimInnen kennen diesen Vorgang. Wenn ich heute in einer
Veranstaltung mehrheitlich muslimischen Publikum die Frage stelle, wer schon einmal Sätze
gehört hat wie „Wenn die MuslimInnen so wären wie du…“ oder „Du bist anders als alle
anderen MuslimInnen“, dann melden sich durchschnittlich 90% der Zuhörenden. Oft
begreifen jene, die solche Sätze äußern, nicht einmal, dass sie eine vorurteilsbeladene
verallgemeinernde Aussage treffen, die – obwohl gut gemeint – nichts anderes offenbart als
ihr Vorurteil.
1 Zit. N. Mayrhofer, Rainer: Hamann, Brigitte (13.10.2008): Hitlers Edeljude. Wiener
Zeitung, https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/kultur/literatur/253569_Hamann-Brigitte-
Hitlers-Edeljude.html

[Hafez, Farid: Feinbild Islam. Böhlau Verlag. Wien 2019. S. 15-16]

Medien sind insofern relevant, als sie als Hauptinformationsquelle für das vermeintliche
Wissen über „den Islam“ und „die MuslimInnen“ herangezogen werden. Laut einer
Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 2004 1 im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
antworteten 93% der Befragten auf die Frage, was sie mit dem Islam assoziieren, die
„Unterdrückung von Frauen“. 83% assoziierten „Terror“ mit dem Islam, und nur 6%
betrachteten den Islam als etwas „Sympathisches“. 55% der Befragten meinten in einer
weiteren Allensbach-Umfrage, dass „eine friedliche Koexistenz von christlichem und
islamischem Glauben“ aufgrund zu großer Differenzen nicht möglich sei. Gleichzeitig gaben
nur 15% der Befragten an, dass sie einen persönlichen Bezug zu MuslimInnen hätten. 2
Das zeigt, dass ihr Wissen über den „Islam“ und „MuslimInnen“ erworben sein muss und
nicht aus der persönlichen Erfahrung stammt und dass politische und mediale Diskurse sowie
deren Rezeption in Social Media eine zentrale Rolle für die Konstruktion des Islambildest
zukommt.
1
Peucker, Mario (2009): Islamfeindlichkeit – die empirischen Grundlagen. In: Schneiders,
Thorsten Gerald (hg.): Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen.
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 155-166, 160.
2
Ebd.

[Hafez, Farid: Feindbild Islam. Böhlau Verlag. Wien 2019. S. 46]


Eine Studie der University of Maryland (Global Terrorism Database) 1 über die
Berichterstattung zu Terrorismus in den USA zwischen 2006 bis 2015 zeigt, dass
Terrorismus, der von MuslimInnen ausging, 357% mehr Aufmerksamkeit in den Medien
erhielt als Terrorismus von weißen Nationalisten. Während rechte Gruppen im Zeitraum 2008
bis 2016 doppelt so oft Terror ausübten, wurden ihre Taten im Durchschnitt 15 Artikel mit
entsprechenden Überschriften gewidmet – jenen von MuslimInnen aber 105. Das gilt
insbesondere für Zeitungen mit landesweiter Verbreitung im Gegensatz zu regionalen
Blättern. 2

1 Global Terrorism Database Codebook (2018): Codebook: Inclusion Criteria and Variables.
University of Maryland, https://www.start.umd.edu/gtd/downloads/Codebook.pdf
[zugegriffen am 05.01.2019]

2 Chalabi, Mona (20.07.2018): Terror attacks by Muslims receive 357% more press attention,
study finds. The Guardian, https://www.theguardian.com/us-news/2018/jul/20/muslim-terror-
attacks-press-coverage-study [zugegriffen am 05.01.2019]

[Hafez, Farid: Feindbild Islam. Böhlau Verlag. Wien 2019. S. 46]

[…] Solange bedeckte muslimische Frauen dort, wo Macht zusammenläuft, nur als
Reinigungspersonal tätig waren, stand die Regulierung ihrer Kleidung nicht im Fokus. Erst
indem sie selbst als gleichwertige Bürgerinnen an der Gesellschaft teilzuhaben versuchten,
wurden ihnen die Grenzen aufgezeigt. Darin offenbart sich die zentrale Dimension von Macht
in diesem Vorgang.

[Hafez, Farid: Feindbild Islam. Böhlau Verlag. Wien 2019. S. 56]

Um ein Beispiel für systematische Gewaltausübung zu finden, genügt es aber, auf ein Land in
unmittelbarer Nähe zu den deutschsprachigen Ländern zu blicken. Am Beispiel von Bosnien
und Herzegowina lässt sich zeigen, wie auf Worte Taten folgen und nationalistische
Mobilisierung mithilfe islamophober Argumentation zu einem Genozid führen kann.
Während des Krieges von 1992 bis 1995 fand auf europäischem Boden das schwerste
Kriegsverbrechen nach dem Holocaust statt. Die Tatsache, dass dieser Genozid nach dem
zweiten Weltkrieg mitten in Europa passieren konnte, sollte ein Warnsignal darstellen. Unter
den damaligen Kriegsverbrechen ist das von Srebrenica am bekanntesten. Dort wurden im Juli
1995 mehr als 8000 Bosniaken – fast ausschließlich Männer im Alter zwischen 13 und 78
Jahren – unter der Federführung von Ratko Mladics Armee der Republika Srpska trotz
Anwesenheit von Blauhelmsoldaten systematisch ermordet. 1
Der damalige Generalsekretär Kofi Annan sagte dazu: „Srebrenica ist eine Tragödie, welche
die Vereinten Nationen durch ihre gesamte Geschichte verfolgen wird.“ 2
Die Begründung für die systematische Vergewaltigung muslimischer Frauen und die
systematische Ermordung muslimischer Männer bestand darin, dass sie der Errichtung eines
Großserbischen Reichs im Wege standen. Nach dem Tod von Josip Broz Tito, der von 1945
bis 1980 Präsident Jugoslawiens war, entstand in Serbien eine intellektuelle Elite, die sich der
nationalistischen Agenda annahm und mit ihrem Diskurs die neue politische Führungsebene
mitprägte. Sie stelle die bosnischen MuslimInnen als moralische Abweichler, den Islam als
minderwertig und unmoralische Religion und letztendlich die MuslimInnen als Gefahr dar. So
schrieb der serbische Poet Milan Pantovic 1995 in einem Gedicht:

„Sie [die MuslimInnen, FH] werden unsere Kreuze zu Mondsicheln machen


Sie werden unsere Priester zu Imamen machen
Und unseren Glauben zum Islam machen
Um also uns zu erhalten, das Kreuz wie unsere Namenstage
Deswegen müssen wir entsprechend handeln: Feuer mit Feuer bekämpfen.“ 3

Am Beispiel Srebrenica zeigt sich, wie heute verschiedene politische Verantwortliche damit
umgehen. Es gibt nicht nur mahnende Worte der Erinnerung, sondern auch – insbesondere
aufseiten serbischer PolitikerInnen – eine Glorifizierung des Genozids, die eine Wiederholung
der Gräueltaten in Aussicht stellt. 4
Die Republika Srpska hat den Srebrenica-Bericht aus dem Jahr 2004, in dem die Opferzahl
der bosniakischen MuslimInnen festgelegt wurde, annuliert. 5
Also Kofi Annan im Jahre 2018 verstarb, weigerten sich die serbischen und kroatischen
Präsidiumsmitglieder, ein Kondolenzschreiben aufzusetzen, da sich der ehemalige
Generalsekretär der UNO seinerzeit für die Fehler in Srebrenica entschuldigt hatte. 6

Dass die Verharmlosung derartiger Gewaltexzesse nicht auf eine bestimme Gruppe
beschränkt ist, zeigt das Beispiel des Norwegers Anders Behring Breivik, der in seinem 1500
Seiten umfassenden Manifest deutlich machte, was die Motivation für seine Tat war. Breivik
gab vor, das christliche Abendland vor der Islamisierung – ausgehend von MarxinInnen,
IslamistInnen und heidnischen KapitalistInnen – schützen zu wollen. Interessant ist in diesem
Zusammenhang, dass in den ersten medialen Reaktionen von Der Spiele über die Welt bis
Österreich davon ausgegangen wurde, dass es sich hierbei um einen islamistischen Anschlag
handle. 7
1
United Nations, International Residual Mechanism for Criminal Tribunals: The Conflicts,
http://www.icty.org/sid/322
2
United Nations, Meeting Coverage and Press Releases (10.07.2000): Srebrenica tragedy will
forever haunt United Nations history, says secretary-general on fifth anniversary of city’s fall,
https://www.un.org/press/en/2000/20000710.sgsm7489.doc.html
3
Pantovic, Milan (1995), zit. N. Cigar, Norman (2003): The Nationalist Serbian Intellectuals
and Islam: Defining and Eliminating a Muslim Community. In: Qureshi, Emran/Sells,
Michael A. (Hg.): The New Crusades: Constructing the Muslim Enemy. New York: Columbia
University Press, 314-351, 333.
4
Gadzo, Mersiha (12.07.2018): 11 Lessons about Srebrenica genocide „unwelcome“ in
Brussels. Al Jazeera, https://www.aljazeera.com/news/europe/2018/07/11-lessons-srebrenica-
genocide-unwelcome-brussels-180711151335396.html
5
ORF (20.08.2018): Peritsch: Entscheidung zu Srebrenica „moralischer Bankrott“,
https://orf.at/v2/stories/2451678/
6
N1 Sarajevo (20.08.2018): Ivanic, Covic against Izetbegovic’s letter to Annan family,
http://ba.n1info.com/English/NEWS/a280163/Ivanic-Covic-against-Izetbegovic-s-letter-to-
Annan-family.html
7
Vgl. Köhler, Fabian (23.07.2015): Die 11 größten medialen Breivik-Verharmloser. Schantall
und Scharia, http://www.schantall-und-scharia.de/die-11-groessten-medialen-breivik-
verharmloser/

[Hafez, Farid: Feindbild Islam. Böhlau Verlag. Wien 2019. S. 77-78]


ENTMENSCHLICHUNG

Wie eingangs bereits gesagt, liegt im Prozess der Entmenschlichung ein zentrales Merkmal
rassistischer Handlung, denn erst er kann eine Andersbehandlung legitimieren. In der
Antisemitismusforschung wurde die Strategie der Entmenschlichung im Detail
herausgearbeitet. Für Jüdinnen und Juden standen sinnbildlich zerstörerische Elemente wie
Blutsauger, Krebsgeschwür, Schmarotzer, Seuche, Ungeziefer oder Volksschädling. Während
im mittelalterlichen Antijudaismus das Jüdische mit dem Teuflischen identifiziert und folglich
als dämonische Macht begriffen wurde, sollte mit dem wissenschaftlichen Antisemitismus in
der Zeit positivistischen Wissenschaftsverständnisses der jüdische „Virus“ mit politischen
Methoden auszumerzen. 1

So beschrieb Adolf Hitler in Mein Kampf „den Juden“ nicht als Menschen, sondern als
Krankheitserreger:

„Er ist und bleibt der typische Parasit, ein Schmarotzer, der wie ein schädlicher Bazillus sich
immer mehr ausbreitet, sowie nur ein günstiger Nährboden dazu einlädt. Die Wirkung seines
Daseins gleicht ebenfalls der von Schmarotzern: wo er auftritt, stirbt das Wirtsvolk nach
kürzerer oder längerer Zeit ab.“ 2

Entsprechend formulierte Propagandaminister Goebbels die Konsequenzen:

„Die Juden sind die Läuse der zivilisierten Menschheit. Man muss sie irgendwie ausrotten,
sonst werden sie immer wieder ihre peinigende und lästige Rolle spielen. Nur wenn man mit
der nötigen Brutalität gegen sie vorgeht, wird man mit ihnen fertig“ 3

Heute zeigen sich ähnliche Formen der Entmenschlichung in der verbalen Dehumanisierung
und verächtlichen Sprache gegen MuslimInnen und ihre Religion. Beispielhaft sei heir der
kurzzeitig für die ÖVP im österreichischen Nationalrat sitzende Efgani Dönmez genannt, der
damals noch als der Partei Die Grünen angehörendes Mitglied des Bundesrats zu einer
vollverschleierten Frau während einer Live-Diskussion sagte: „Diese Geisteskinder sind
Spaß- und Hirnbefreit. […] Sie sind ein Stückchen Elend. Ganz ehrlich. Sie wurden
gehirngewaschen.“ 4
Die Worte „Spaß- und Hirnbefreit“ sind nicht nur eine Degradierung seiner
gegenüberstehenden Person, der er damit de facto jede Selbständigkeit abgesprochen hat. Sie
zeugen, gepaart mit seiner sexistischen Reaktion auf die Intervention der Moderatorin, von
einer Haltung, die dem Gegenüber das Menschsein abspricht. Identifizieren wir die Fähigkeit
zu denken und das damit einhergehende Potenzial zu Entwicklung und Kreativität als zentrale
Kriterien für die Heraushebung des Menschen aus der Tierwelt, dann degradiert Dönmez hier
sein muslimisches Gegenüber zum Tier. Mit dem Zusatz ein „Stückchen Elend“ verbindet er
diese Beschaffenheit mit einem Zustand des Elends, einem Zustand, welcher Not, Armut und
Hilflosigkeit beschreibt. Diese entmenschlichende Sprache ist Teil des islamophoben
Sprechens, in manchen Formen ist sie aggressiv, wie das obige Beispiel zeigt. In anderen
Formen kommt sie auf subtilere Weise daher. Gegenwärtig kleidet sich der Rassismus in der
Form scheinbar aufklärerischer und liberaler Argumentationen, während er sich in der Zeit
des Nationalismus der damals scheinbar wissenschaftlichen, nämlich positivistischen
Argumentation bedient hatte.
1
Erb, Rainer/Bergmann, Werner (1989): Die Nachseite der Judenemanzipation. Der
Widerstand gegen die Integration der Juden in Deutschland 1790-1860. Berlin: Metropol,
196.
2
Hitler, Adolf (1938): Mein Kampf. München. Zentralverlag der NSDAP, 334.
3
Zit. N. Kershaw, Ian (2000): Hitler. 1936-1945. Stuttgart, München: Deutsche Verlags-
Anstalt, 621
4
https://www.blick.ch/news/schweiz/oesi-politiker-beleidigt-nora-illi-am-tv-sie-sollten-mal-
wieder-ein-bisschen-luft-unter-den-schleier-lassen-id5657181.html

[Hafez, Farid: Feindbild Islam. Böhlau Verlag. Wien 2019. S. 115-116]

[…] Dies gilt insbesondere im Bildungsbereich, wo im Falle Österreichs nicht nur


Islamophobie als häufigster Diskriminierungsgrund an Schulen genannt wird, […] 1

1 Vgl. Initiative für ein Diskriminierungsfreies Bildungswesen (IDB) (Hg.) (2017):


Diskriminierung im österreichischen Bildungswesen. Bericht 2017,
http://diskriminierungsfrei.at/wp-content/uploads/2018/06/4_5827922925889520712.pdf

Rassismus durch Pädagogen. Wiener Zeitung,


https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/politik/oesterreich/528339-Rassismus-durch-
Paedagogen.html?em_cnt_page=1

[Hafez, Farid: Feindbild Islam. Böhlau Verlag. Wien 2019. S. 125]