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William Montgomery Watt (Der Einfluss des Islam

auf Europa)

Die Abhängigkeit Europas von der arabischen Medizin währte bis zum 15. und 16.
Jahrhundert und wird auch von der Liste der ersten gedruckten Bücher bezeugt. Das
erste überhaupt stammte von Ferrari da Grado, einem Professor in Pavia, und war ein
Kommentar zum neunten Teil des Continens, jenes großen medizinischen
Kompendiums Rhazes. Der Canon des Avicenna kam 1473 heraus und dann noch
einmal 1475; er hatte die dritte Auflage erreicht, bevor die erste Arbeit Galens
gedruckt wurde. Bis 1500 waren sechzehn Auflagen des Canon erschienen. Da er bis
nach 1650 ein gebräuchliches Lehrbuch blieb, hat man ihn das meiststudierte
medizinische Werk der Geschichte genannt. Auf den Canon folgten andere Werke, die
aus dem Arabischen übersetzt waren, darunter solche von Rhazes, Averroes, Hunyan
ibn Ishaq, Isaak dem Juden und Haly Abbas.

Nach den Berechnungen eines Statistikers beweist die Zahl der Verweise in den frühen
europäischen Standardwerken zur Medizin schlüssig, dass der arabische Einfluss auf
die europäische Medizin viel größer war als der griechische. So wird in den Werken
Ferraris da Grado mehr als dreitausendmal Avicenna zitiert; Rhazes und Galen sind
jeweils tausendmal vertreten, Hippokrates nur hundertmal. Mit einem Wort: Die
europäische Medizin im 15. und 16. Jahrhundert war kaum mehr als ein Anhängsel der
arabischen Medizin.

[Watt, M. William: Der Einfluss des Islam auf das europäische Mittelalter. S. 92-93]

Hält man sich alle Aspekte der mittelalterlichen Konfrontation von Christentum und
Islam vor Augen, so wird klar, dass der Einfluss des Islam auf das westliche
Christentum größer ist, als für gewöhnlich angenommen wird. Der Islam gab an
Westeuropa nicht nur viele materielle Erzeugnisse und technische Entdeckungen
weiter, er gab Europa nicht nur geistige Anregungen auf dem Gebiet der
Naturwissenschaften und der Philosophie; er gab ihm auch den Anstoß, ein neues Bild
von sich selbst zu entwerfen. Weil Europa sich gegen den Islam wehrte, spielte es den
Einfluss der Sarazenen herunter und übertrieb seine Abhängigkeit vom griechisch-
römischen Erbe. So haben wir Westeuropäer heute, an der Schwellte zum Zeitalter der
Einen Welt, die wichtige Aufgabe, diese falsche Akzentsetzung zu korrigieren und
uneingeschränkt anzuerkennen, was wir den Arabern und der islamischen Welt
verdanken.

[Watt, M. William: Der Einfluss des Islam auf das europäische Mittelalter. S. 112-113]