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10    Im Interview VALENTIN ABGOTTSPON l   der landbote   l   Freitag, 31. Dezember 2010

«Gegen Intoleranz sind wir intolerant»


Valentin Abgottspon wehrte sich gegen das Kruzifix in der Der Grossrat und Gemeindepräsident ner Einstellung im Wallis Feinde schaf- für, dass die Gipfelkreuze entfernt
Schule und löste eine grosse Diskussion aus. Im Interview von Stalden, Egon Furrer, hat in einer fen. Das kann schon sein, das Gegen- werden. Sondern sie hinterfragen, ob
Fragestunde das Thema im Parlament teil ist jedoch sicher der Fall: Durch es neue braucht. Stellen wir uns doch
erklärt der Freidenker, auf welche Werte er sich stützt. aufgegriffen. Dann sind die Medien die Diskussion und die Gründung der vor, jemand würde ein Baugesuch für
dar­auf gekommen. Die Behörden wa- Freidenker-Sektion Wallis habe ich eine Buddha-Statue auf dem Matter-
Wie haben Sie Weihnachten gefeiert? Haben auch Sie dazu beigetragen? ren schlicht überfordert. Es war nicht viele Menschen kennen gelernt, die zu horn einreichen – das gäbe einen riesi-
Valentin Abgottspon: Wie wahrschein- Das kann schon sein. Immerhin findet meine Absicht, die Diskussion an mei- Freunden geworden sind. gen Aufstand. Die Diskussion um die
lich die meisten Schweizer: im Kreis jetzt eine Diskussion statt. Ob auch ein nem Arbeitsort zu führen. Gipfelkreuze war ein Medienphäno-
der Familie. Für mich ist es kein reli- Mentalitätswandel stattfindet, kann Wo steht Ihr Fall nun rechtlich? men. Damit wurde eine Schlagzeile ge-
giöses Fest. ich nicht sagen. Wie ist die Stimmung nun in Stalden? Nun muss das Kantonsgericht ent- macht – es ging aber um neue Kreuze.
Ich weiss von einigen Eltern meiner scheiden, ob meiner Beschwerde eine Diese Frage muss erlaubt sein. Lieber
Brauchen Sie Rituale? Was ist das für eine Mentalität, die im Schüler, dass sie mit meiner Kündi- aufschiebende Wirkung zukommt hätten wir, dass die Medien über das
Ich selber brauche sie nicht so sehr. Wallis herrscht? gung nicht einverstanden sind, aller- oder nicht. Wenn ja, könnte ich wäh- Thema «Abschaffung der Kirchen-
Die meisten Rituale in unserem Le- Das Wallis ist geprägt vom Gefühl, dings habe ich das nicht schriftlich. Et- rend des Verfahrens weiterhin unter- steuer für juristische Personen» be-
ben sind übrigens keine kirchlichen speziell zu sein. Das sagt schon der was Gegenteiliges habe ich aber auch richten. Man muss die Kinder ja nicht richten würden. Aber das gibt wohl
Rituale. Wenn man etwa die Lehre Begriff «Ausserschweiz», der verwen- noch nie schriftlich gesehen. Viele in- vor mir schützen. Eine fristlose Kün- keine griffige Schlagzeile.
abschliesst, oder eine Prüfung besteht, det wird: Die Schweiz kam zum Wallis teressierten sich nie dafür, ob ich reli- digung ist nur bei sexuellem Miss-
dann feiert man ein Fest mit Freunden 1815 – nicht umgekehrt. Das ist zwar giös bin oder nicht – weil sie ja selber brauch oder bei Misshandlung ge- Freidenkern wird vorgeworfen, sie sei-
und Familie. Man geht nicht in die Kir- eigentlich als Witz gemeint, aber für nicht oft in die Kirche gehen. Direkte rechtfertigt. en intolerant, würden keine Kompro-
che. Das sind Feste des Übergangs. viele Leute schwingt da wohl doch ein Reaktionen bekomme ich selten. In misse eingehen.
wenig Ernst mit. Das hat vielleicht mit der Beiz sagt mir niemand, ich würde War­um sind Sie religionslos? Eine Sache ist richtig: Wir gehen kei-
Sie haben im Wallis als Oberstufenleh- der geografischen Abgeschiedenheit doch spinnen. Viel eher sagt man das Ich bin religionslos geworden: durch ne Kompromisse ein, wenn es dar­um
rer gearbeitet und verlangten, dass die zu tun. Die Stärke der katholischen meinem Bruder. Gratulationen habe Menschen, denen ich begegnet bin, geht, Grundrechte einzufordern oder
Kruzifixe in den Schulzimmern ent- Kirche hat sicher auch viel Einfluss. ich allerdings schon bekommen und durch Bücher, die ich gelesen habe, Freiheitsrechte zu verteidigen. Gegen
fernt werden. Warum? auch wüste anonyme Briefe, in denen durch das Nachdenken, durch meine Intoleranz sind wir intolerant. Aber
Das stimmt so Sehen Sie sich als ich zum Suizid aufgefordert werde. Bildung. Mit meiner Weltanschauung uns vorzuwerfen, dass wir eine Ex­
nicht ganz. Das typischen Walli- Stalden ist mit 1200 Einwohnern klein, bin ich sehr zufrieden, denn da geht tremposition einnehmen, weil wir kon-
Kreuz in meinem ser? gegrüsst werde ich nach wie vor. Rück- es mit rechten Dingen zu. Es gibt zum fessionsneutrale Schulen wollen, ist
Schulzimmer habe «Irgendwann wurde Nein. Ich fühle meldungen bekomme ich auch von Beispiel nichts Übernatürliches darin. ein rhetorischer Kunstgriff. Intolerant
ich bereits vor zwei der Glaube eine mich aber eindeu- ausserhalb des Wallis. Schliesslich ent- Meine Ethik stütze ich nicht auf jahr- sind diejenigen, die es nicht ertragen,
Jahren abgehängt. Beleidigung für tig als Walliser. Ich wickelte sich das Kruzifix zu einem na- tausendealte Bücher, sondern auf die dass man dieses Kreuz abhängt.
Und ich habe nur wohne im Wallis tionalen Thema, nicht zuletzt weil eine Menschenrechte.
gefordert, dass das meine Intelligenz» und habe da auch «Arena» dazu stattfand. Die Werte Soli- Aber ist es denn so
Kreuz im Lehrer- meinen sozialen darität, Fairness, schlimm in einem
zimmer und das in Mittelpunkt. Ge- Haben Sie jemals bereut, sich gegen Gerechtigkeit, «Die Freidenker- Raum zu unter-
einem anderen Raum ebenfalls ent- wisse Dinge des Walliser-Seins lebe ich das Kreuz in der Schule engagiert zu Gleichberechti- Bewegung ist keine richten, in dem ein
fernt werden. Es war keine Maximal- nicht so stark, Religiosität etwa ist mir haben? Das braucht ja recht viel Mut. gung haben für extremistische Kreuz hängt?
forderung. Zudem habe ich mich auch fremd. Wenn man die Hartnäckigkeit Nein. Ich bin zwar kein Stoiker. Aber mich nichts mit Das ist nicht ein-
dagegen ausgesprochen, dass ich als als Walliser Eigenschaft bezeichnen gewisse Dinge sind mir egal. Ich kann Religion zu tun. Bewegung» mal der Punkt,
Lehrer an der Schulmesse teilnehmen will, dann bin ich mindestens in dieser gut ignorieren, was gewisse Menschen Im Gegenteil: Ich aber es ist mir nicht
muss. Grundsätzlich bin ich dafür, Hinsicht typisch. Ich werde auch bis über mich denken, die mich persönlich weiss, dass viele egal. Im Wallis ist
dass sich staatliche Schulen den Reli- zum Schluss gegen meine Kündigung nicht kennen oder zu wenig gut infor- grosse Kirchen gegen diese Werte an- das ganze Schulsystem durchwachsen
gionen ge­gen­über neutral verhalten. ankämpfen. miert sind. Ich bereue nichts. Jemand kämpften und teilweise immer noch vom Katholizismus. Das Kreuz ist ein
Das Kreuz ist ein Zeichen dafür, dass hat mir gesagt, ich würde mir mit mei- kämpfen. Zeichen dafür. Das finde ich schlecht.
das nicht so ist. Anders als in anderen Sie haben eine fristlose Kündigung er-
Kantonen sind im Wallis die Schulen halten. Die Schulbehörden begründen Haben Sie schlechte Erfahrungen mit Sind aus Ihrer Sicht alle Katholiken
religiös durchtränkt. Die Neutralität ist sie mit einem zerrütteten Vertrau- der katholischen Kirche gemacht? dumm?
nicht gegeben. Es finden auch religiöse ensverhältnis. Was sagen Sie Nein, das heisst, es gab keinen Nein, selbstverständlich nicht. Ich ken-
Rituale während des Unterrichts statt, dazu? konkreten Anlass oder et- ne viele Katholiken, mit denen man
vom Lehrer wird zudem erwartet, dass Im juristischen Fach- was Ähnliches. Irgendwann sehr gut diskutieren kann. Viele Leu-
er an diesen Ritualen teilnimmt. jargon nennt man das wurde der Glaube – böse te bleiben ja auch aus Bequemlichkeit
Schutzbehauptung. ausgedrückt – eine Belei- in der Kirche, oder wegen der Rituale.
Kann man nicht sagen, dass die Reli- Das ist es für mich digung für meine Intelligenz. Die Freidenkerbewegung bietet aller-
gion im Wallis einfach Tradition hat? und das habe ich Der Märchenglaube und das dings auch Rituale an: Willkommens-
Im Wallis ist es auch Tradition, dass auch in meiner Harmonische aus der Kind- feiern, Hochzeiten oder Abschied.
man etwa Schwule nicht mit offenen Beschwerde so heit waren irgendwann ein-
Armen empfängt. Die meisten Homo- geschrieben. In mal keine lebbare Weltan- Was haben die Freidenker erreicht?
sexuellen leben nicht mehr im Wallis, früheren Proto- schauung mehr. Mich stört Dass die Schulen neutral sind, kommt
sie ziehen weg, nach Bern, nach Zü- kollen war im- das Unaufrichtige der ka- aus der Aufklärung heraus – das ist
rich. Nur mit dem «Status quo» zu ar- mer vom Kreuz tholischen Kirche. Man soll- auch eine Freidenkerbewegung. Ge-
gumentieren, geht nicht. Wir haben in die Rede. te nicht so tun, als ob man nau dieselben Überlegungen hatten
der Schweiz Rechte. Ob ich schwul bin überall nur das Schöne auch in der Politik grossen Einfluss.
oder Freidenker – das sollte keinen Was ist Ihrer und Gute herauspicken Früher war die FDP zum Beispiel sehr
Einfluss haben. Die Grundrechte gel- Meinung nach kann. Wenn die Kirche laizistisch. Dass man heute aus der
ten für jeden Schweizer Bürger. der wahre sagt, dass Homosexuali- Kirche austreten kann, ist auch eine
Grund für die tät schlecht ist, kann man freidenkerische Sache. Gut ist heute,
Was liegt im Wallis noch im Argen? Kündigung? nicht so tun, als ob das gut dass die Freidenker auf sich aufmerk-
Wenn wir beim Religiösen bleiben Für mich ist das wäre, wenn man damit nicht sam machen können. Das Hinterfra-
wollen: die intransparente Finanzie- eine Überreak- einverstanden ist. Das wäre un- gen ist wertvoll.
rung der Kirche. Es gibt keine auf der tion. Ein Einkni- ehrlich.
Steuerrechnung ausgewiesene Kir- cken vor dem Druck Wie blicken Sie in das neue Jahr?
chensteuer. Man kann im Wallis aus der öffentlichen Haben Sie Verständnis für dieje- Ich würde gerne wieder eine neue Stel-
der Kirche austreten und bekommt Diskussion. nigen, die Freidenker als «Extre- le antreten – am liebsten im Wallis.
dann irgendeinen Betrag zurück, der Dass die Ge- misten» anschauen? Und ich werde mich weiterhin gegen
unklar zusammengesetzt ist. Ich per- schichte an Nein. Denn diese Menschen ken- meine Kündigung wehren. Aber sonst
sönlich war offenbar schon Thema in die Medien nen die Freidenker nicht. In den habe ich nichts vor. Vorsätze habe ich
Sonntagspredigten – und finanzierte gekommen Medien werden wir ja nicht um- sowieso keine. Ich lasse das Leben auf
diese womöglich noch mit. Auch hier ist, ist aber fassend dargestellt. Die Frei- mich zukommen und wünsche mir,
ist die Trennung von Kirche und Staat nicht meine denker-Bewegung ist keine dass die Freidenker etwas mehr Good-
nicht vollzogen. Und die Politiker Schuld. ex­tremistische Bewegung. Es will bekommen, dass mehr Menschen
kommen nicht auf die Idee, das zu än- stört die Leute einfach, dass wir bemerken, dass Freidenker nicht für
dern. Die jüngere Generation ist aber gewisse Dinge hinterfragen. Sie die Abschaffung aller Religionen ein-
in Aufbruchstimmung. sind sehr schnell eingeschnappt. treten, sondern sich für die Einhaltung
der Menschenrechte einsetzen.
Die Freidenker verlangen auch,  lINTERVIEW: ELISABETTA ANTONELLI
dass keine Gipfelkreuze mehr an-
gebracht werden. Das ist
doch extrem.
zur person
Die Freiden- Valentin Abgottspon hat Germanistik
ker sind und Philosophie studiert. Der 31-Jäh-
nicht rige ar­bei­te­te seit 2006 als Oberstu-
da- fenlehrer in Stalden, Kanton Wallis.
Abgottspon gründete die Freidenker-
Sektion Wallis mit. Heute präsidiert
er sie. In einem Brief Ende August ver-
langte er von der Schulleitung, dass
er nicht mehr in Räumen unterrichten
müsse, in denen Kruzifixe hängen. An-
fang Oktober erhielt er eine fristlose
Kündigung, weil das «Vertrauensver-
hältnis gestört ist». Abgottspons Be-
schwerde ist noch beim Kantonsge-
Bild: Marc Dahinden richt hängig. (ea)