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Inhalt

1 Für eine Philosophie der Überreaktion . , . . . . . . . . . 7

11 Die Sonne und der Tod


Die Menschenpark-Rede und ihre Folgen . . . . . . . . . 46

111 Zur allgemeinen Poetik des Raums


Über »Sphären I« . . . . . . . . . . , . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 6

IV Ich prophezeie der Philosophie eine andere


Vergangenheit
Über »Sphären 11~ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190

V Arbeit am Widerstand . . . . . , . . . , . . . , . . . . . . . . . . . . 246

VI Amphibische Anthropologie und informelles


Denken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 304

Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 356
Namenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ...*. 366
@ Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main
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Druck: Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden
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Erste Auflage 2001

I z 3 4 j 6 - 06 05 04 01 02 OI
I Für eine Philosophie der Überreaktion

Die Schrecknisse der eigenen Epoche im Ohr

Hans-Jürgen Heinrichs Herr Sloterdijk, der Titel Ihres Buches


Selbstversuch von 1996 hat für mich etwas Unheimliches an sich,
er erinnert an die Kälte eines Laboratoriums, in dem Selbstver-
stümmelungen möglich sind, vielleicht sogar Selbsttötungen,
Es scheint ein Versuch auf Leben und Tod gemeint zu sein.
In den Ecrits der Schriftstellerin Laure, der Lebensgefährtin
von Georges Bataille, gibt es eine Erzählung, in der sie berich-
tet, daß sie sich als kleines Mädchen oft vor den Spiegel ihrer
Mutter gesetzt hat. Dieser Spiegel bestand aus drei Teilen, die
man gegeneinander verdrehen konnte. Mit Hilfe dieser Vor-
richtung zerlegte sie ihren Körper und setzte ihn wieder neu
zusammen. Sie hat diese existentielle Erfahrung der Zerstük-
kelung und Wiederzusammensetzung als die Vorbedingung
ihres Denkens und Schreibens begriffen. Wenn man etwa die
Arbeiten von Unica Zürn, von Hans Bellmer oder die Schriften
von Lacan heranzieht, findet man dieses Element der Selbst-
zerlegung, des verstümmelten und zerstückelten Körpers wie-
der. Hat Ihre Art des Philosophierens ebenfalls die Quelle in
einer solchen Dimension von persönlicher Erfahrung mit Zer-
rissenheit und Ganzheit?
Peter Sloterdijk Ganz sicher, denn ohne den existentiellen An-
trieb wäre die Philosophie eine schale Affaire. Zugleich bin
ich der Meinung, daß Sie mit dieser hoch ansetzenden Kontex-
tuierung des Ausdrucks »Selbstversuch« ein wenig über das
Ziel hinausschießen, das ich mir mit dieser Formulierung ge-
setzt hatte. Ich bin kein Liebhaber des deutschen Expressio-
nismus, in dem die Haltung des Philosophierens auf Leben
und Tod gängig war. Diese Gestik machte vielleicht Sinn, als
man 1918 aus den Schützengräben stieg und ahnte, daß man nie
mehr so richtig nach Hause kommt, wie Hermann Brach eine
8 Für eine Philosophie der Überreaktion Die Schrecknisse der eigenen Epoche
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seiner Figuren in den SchlaJivandlern sagen ließ. Wenn ich von die Wirkungsweise der homöopathischen Dosen weiterhin im
Selbstversuch spreche, denke ich nicht an vivisektorische Ex- dunkeln bleibt.
perimente am eigenen Leib, auch nicht an die Psychose-Ro- So gesehen gehört die Formulierung meines Buchtitels eher in
mantik der französischen Psychoanalyse. Mit diesem Wort die Tradition der romantischen Naturphilosophie, genauer der
schließe ich weder an Camus an, der behauptet hatte, es gebe deutschen Krankheitsmetaphysik, als in die Linie der franzö-
nur ein wirkliches Problem in der Philosophie, den Selbst- sischen Diskurse über den zerstückelten Körper. Aber mehr
mord, noch an Novalis, von dem die aufschlußreiche Bemer- noch geht er natürlich auf Nietzsche zurück, der gelegentlich
kung stammt, die Selbsttötung sei die einzige »ächt philosophi- mit homöopathischen und häufig mit immunologischen Meta-
sche« Handlung. Ich nehme eher Bezug auf ein Phänomen in phern gespielt hat. Nicht umsonst läßt Nietzsche seinen Zara-
der Geschichte der neuzeitlichen Medizin, die homöopathi- thustra zur Menge sagen: »Ich impfe Euch mit dem Wahnsinn«;
sche Bewegung, die auf Samuel Hahnemann zurückgeht. Die- auch das ominöse »Was mich nicht umbringt, macht mich stär-
ser erstaunliche Kopf hat im Jahr 1736 - das ist jetzt fast genau ker<{, hat einen durch und durch immuntheoretischen Sinn.
2OO Jahre her - erstmals das Prinzip des effektiven Heilmittels Nietzsche sah sein ganzes Leben als eine Impfung mit Deka-
formuliert. Zudem war er einer der ersten Heiler, die auf die denzgiften an und versuchte, seine Existenz als integrale Im-
moderne Ungeduld der Patienten mit adäquaten ärztlichen munreaktion zu organisieren. Er konnte sich nicht mit der
Angeboten zukamen. Seiner Überzeugung nach bestand für gepanzerten Harmlosigkeit des letzten Menschen abfinden,
den Arzt die Notwendigkeit, sich selbst mit allem zu vergiften, durch die sich dieser gegen die Infektionen der Zeitgenossen-
was er später den Kranken zu verordnen gedenkt. Von dieser schaft und der Geschichte abschirmt. Daher trat er in seinen
Überlegung stammt das Konzept des Selbstversuchs: Wer Arzt Schriften als ein Provokationstherapeut auf, der mit gezielten
werden möchte, muß Versuchstier sein wollen. Vergiftungen arbeitet. Diese Konnotationen klingen in mei-
Der tiefere Grund für diese Wendung zum Experimentieren nem Titel mit. Das schließt nicht aus, daß die Bilder oder die
am eigenen Leib ist in der romantischen Idee des aktiven Be- Assoziationen, die Sie herantragen, andere Obertonbereiche
zugs zwischen Bild und Sein zu finden. Hahnemann war der treffen und für diese Bedeutungsschichten richtig sind.
Ansicht, daß die Wirkungen der Dosis beim Gesunden und H.-J. H. Von Hahnemann zu Nietzsche - das ist ein weites
beim Kranken sich spiegelbildlich zueinander verhalten. Dem Feld. Zwischen den homöopathischen Kügelchen, die zur
liegt eine anspruchsvolle Semiotik des Arzneimittels zugrunde: Gesundung führen sollen, und den philosophischen Gedan-
Der große optimistische Gedanke der romantischen Medizin, ken, die wohl nicht so direkt heilsame Wirkungen entfalten
zu der die Homöopathie wesentlich gehört, besteht ja darin, können, besteht auf jeden Fall eine große Kluft. Doch er-
daß eine Abbildbeziehung zu unterstellen sei zwischen dem, scheint mir in dem, was Sie gesagt haben, ein Aspekt besonders
was die Krankheit als Phänomenganzheit ist, und den Effek- wichtig: dieses Infiziert-Sein, diese quasi psychosomatische
ten, die ein pures Mittel am gesunden Körper hervorruft. Die Teilhabe an den Gebrechen der eigenen Zeit. Dieser Gedanke
Homöopathie denkt auf der Ebene einer spekulativen Immu- taucht in Ihrem Buch Selbstversuch an einer Schlüsselstelle auf -
nologie. Und insofern Immunprobleme immer mehr ins Zen- wo Sie in einer Anmerkung zur Polemik um Botho Strauß Ihre
trum der künftigen Therapeutik und Systemik rücken werden, Idee der Autorschaft definieren. Diese Passage hat bekennt-
haben wir es mit einer sehr aktuellen Tradition zu tun, obschon nishafte Züge. In Ihrem Plädoyer erklären Sie, daß es für den
IO Für eine Philosophie der Überreaktion Die Schrecknisse der eigenen Epoche 11

Autor die Pflicht zu gefährlichem Denken gibt. Der Schriftstel- maß die Geschichte des modernen Denkens von Heilungs-
ler, sagen Sie, ist nicht dazu da, Kompromisse mit der Harm- phantasmen und ärztlichen Metaphern durchzogen ist. Die
losigkeit zu schließen, Autoren, die zählen, denken wesenhaft wirkungsmächtigste Idee des 19. und 20. Jahrhunderts, das
gefährlich. Ihre experimentelle Philosophie setzt also mehr als Konzept Entfremdung, zielt auf eine universale Therapeutik.
nur ein metaphorisches Verständnis von Homöopathie voraus. Über weite Strecken laufen Politik und Klinik parallel, selbst
Sie wäre vielleicht besser zu charakterisieren durch Ihr Verhält- die Antipoden Marx und Nietzsche haben dies noch miteinan-
nis zu den künstlerischen und philosophischen Avantgarden der gemeinsam. Was mein Buch angeht, bleibt es in jedem Fall
des 20. Jahrhunderts. ratsamer, an Nietzsches Devise vom Leben als dem »Experi-
P.S. Das kann man so sehen. Auch muß man zugeben, daß ment des Erkennenden« zu denken. Ich wollte mit dem Titel
die Homöopathie aufgrund ihres Zusammenhangs mit den re- an Bedingungen von Zeitgenossenschaft erinnern. Man muß
formistischen Lebensphilosophien des Kleinbürgertums eine die Traumüberschüsse der eigenen Epoche und ihren Terror
Imago besitzt, die mit gewagtem Denken schlecht verträglich in sich spüren, um als zeitgenössischer Intellektueller etwas
ist. Dennoch zeigen sich im Hinblick auf Hahnemanns Per- zu sagen zu haben. Man redet in gewisser Weise mit einem
son auch andere Züge. Er war ein Virtuose der Selbstvergif- Sprechauftrag des Staunens und des Schreckens oder, allge-
tung. Er hat seinen Körper geprüft, getestet, belastet, aufs meiner gesagt, der ekstatischen Potentiale der eigenen Zeit.
Spiel gesetzt in einer Weise, die aus ihm eine große Orgel der Wir haben keine anderen Mandate. Als Schriftsteller von heute
Krankheitszustände gemacht hat. Er hat die Dekonstruktion sind wir nicht durch einen Gott und nicht durch einen König
der Gesundheit als psychosomatisches Experiment an sich sel- in unseren Beruf eingesetzt. Wir sind nicht die Briefträger des
ber durchgeführt. Das hat eine Dämonie eigenen Ranges, die Absoluten, sondern Individuen, die die Detonationen der eige-
sich schwerlich vergleichen läßt mit den geborgten Unheim- nen Epoche im Ohr haben. Mit diesem Mandat tritt der
lichkeiten, mit denen manche Autoren der Moderne ihre Ex- Schriftsteller heute vor sein Publikum, es lautet in der Regel
zesse ausmalen. Ich warne vor der Unterschätzung des Ge- nur »eigene Erfahrung«. Auch diese kann ein starker Absender
fährdungspotentials der homöopathischen Medizin. Es ist ein sein, wenn sie ihr Zeugnis vom Ungeheuren ablegt. Sie ermög-
sehr komplexer und durchaus nicht harmloser Ansatz, der sich licht unsere Art von Mediumismus. Wenn es etwas gibt, wovon
unter einer biederen Maske verbirgt. ich überzeugt bin, dann davon, daß es nach der Aufklärung,
Andererseits haben Sie recht, es geht mir nicht um Homöopa- wenn man sie nicht umgangen hat, keine direkten religiösen
thie als solche. »Selbstversuch« ist eine Metapher, die aus der Medien mehr geben kann, wohl aber Medien einer historischen
medizinphilosophischen Sphäre stammt, aber sich nicht in ihr Gestimmtheit oder Medien einer Dringlichkeit.
erschöpft. Sie hat auch eine zufällige Seite: Ich habe die ho- H.-J.H. Da Sie jetzt selbst auf das religiöse Feld angespielt
möopathische Terminologie zur Zeit im Kopf, weil ich vor haben, würde ich gerne gleich auf ein Phänomen zu sprechen
kurzem, im September 96, in der Frankfurter Paulskirche die kommen, das in diesem Bereich ein Jahrzehnt lang für Aufse-
Festrede zum zoojährigen Jubiläum der homöopathischen Be- hen gesorgt hat, auf Bhagwan Shree Rajneesh oder, wie er sich
wegung gehalten habe und zu diesem Zweck in die Geschichte später nannte, Osho, den Sie für eine der größten spirituellen
der frühbürgerlichen Medizin-Ideen eingetaucht bin. Mir ist Gestalten des Jahrhunderts hielten und dem Sie während eines
bei dieser Gelegenheit bewußt geworden, in welchem Aus- längeren Aufenthalts in Indien vor nicht ganz zwanzig Jahren
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persönlich begegnet sind. Ihm ist eine der für mich interessan- Aber ich will meine Eindrücke von der Lektüre Ihres Buchs
testen Passagen Ihres Selbstversuchs gewidmet. Sie nennen ihn ein wenig ordnen: Auf der einen Seite gibt es jenes leichtfü-
den »Wittgenstein der Religion« und führen in wenigen Strichen ßige Umgehen mit schweren Gewichten, auf der anderen ver-
aus, daß ihm zufolge die historischen Religionen nur durch binden Sie ein sehr ernstes philosophisches Anliegen mit dem
»aktive Religionsspiele« neu formulierbar werden. Sie zeigen, eigenen existentiellen Experiment. Sie sagen in diesem Zu-
auf welche Weise Osho seine Religionsexperimente durchge- sammenhang, daß Sie eigentlich einen Roman oder eine Er-
führt hat, und erläutern in diesem Zusammenhang, daß wirk- zählung über Ihre indische Exkursion hätten schreiben sollen.
liche Untersuchung der Religion nur im Experiment entsteht An diese Anspielung auf ein literarisches Genre möchte ich
und nicht so sehr durch die theoretische oder diskursive Kritik. meine nächste Frage anschließen, die nach den Darstellungs-
Bei Osho, diesem großen Religionsentertainer, konnte man formen und nach dem Zusammenhang zwischen Denken und
eine Art von Religionskritik lernen, wie sie in theologischen Schreiben: Wie ist beides für Sie miteinander verknüpft? Ich
Seminaren nicht möglich ist. Unter den wichtigen Autoren der stelle die Frage noch einmal anders: Ist das Denken wesentlich
letzten Jahrzehnte war es bei uns nur Luhmann, der auf eine ein Schreiben-Über, also eine Operation, die vom Autor kon-
analoge Weise - aber mit völlig anderen Mitteln - gezeigt hat, trolliert wird? Ist also das Verfassen eines Textes primär eine
daß die Religion nach allen Versuchen, sie zu überwinden oder Ich-Leistung? Oder empfinden Sie sich - Sie sind ja auch ein
aufzulösen, als ein irreduzibles Phänomen angesehen werden Meister der Sprache wie Lacan und Osho - eher als ein Me-
muß. Sie verschwindet unter modernen Bedingungen nicht nur dium, durch das hindurch etwas sich spricht?
nicht, wie oft behauptet wurde, sondern wird in ihrem Eigen- P. S. Es ist gut, daß Sie die Namen von Lacan und Rajneesh
sinn noch deutlicher profiliert als in der Zeit der traditionellen gleich zu Beginn erwähnen. Beide markieren einen Raum, den
Hochkulturen, wo die Religion sich mit allen anderen Lebens- ich in früheren Jahren frequentierte und aus dem ich einige
aspekten vermischte, besonders mit der Politik und der Moral. entscheidende Lektionen mitgenommen habe. Außerdem sind
Diesen irreduziblen Kern hat Osho, wie Sie darlegen, in expe- solche Namen nützlich im Sinne der Vorsortierung von Begeg-
rimentellen Formen herausgearbeitet. Er hat die Religion in nungschancen. Wenn man sie nennt, melden sich sofort eine
einem chemischen Sinn »radikalisiert«. Er war in gewisser Menge Leute ab, mit denen man seine Zeit verloren hätte. Das
Weise der extremste und ironischste Buddhist des Jahrhun- gilt vor allem für den zweiten von den Genannten. Es ist eine
derts. Offenbar hatte er die Ambition, die Prinzipien der bedauerliche Tatsache, daß die große Mehrheit der deutschen
Avantgarde auf das religiöse Feld anzuwenden. Intellektuellen, zumal der Philosophieprofessoren, an außer-
Das ist ein Zug in Ihrem Denken, der mir sehr sympathisch ist: europäischen Kulturen absolut nicht interessiert ist und mit
wie kompromißlos Sie sich mit den maßgeblichen Figuren des Wut und Hochmut reagiert, wenn man sie daran erinnert, daß es
20. Jahrhunderts befassen und wie radikal Sie sich dem Werk ein so komplexes Universum wie das des indischen Denkens
der innovativsten Autoren ausgesetzt haben. Sie erwähnen in und Meditierens gibt, das dem alteuropäischen in vielen Hin-
diesem Zusammenhang noch einen anderen Entertainer: Jac- sichten ebenbürtig, in manchen vielleicht überlegen war und
ques Lacan. Mir schien, Sie spielten sogar die beiden gegenein- mit dem man sich wohl auseinandersetzen sollte, wenn man
ander aus, wobei man den Eindruck gewinnt, daß bei Ihnen sein Metier ernst nimmt. Sie meinen, ihre eigenen Versuche, die
Lacan schlechter abschneidet. abendländische Metaphysik zu überwinden, bedeuten automa-
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tisch einen Freibrief, die großen Systeme anderer Kulturen Husserl und weitere Figuren aus der phänomenologischen Tra-
ignorieren zu dürfen, Sie möchten nichts davon hören, daß dition hindurchgebissen, und schließlich bin ich in Foucault
eigensinnige indische Wege in die Moderne existieren, sogar eingetaucht, von dem noch immer erst wenige erkannt haben,
ein indischer Typus von romantischer Ironie, ein indischer Sur- was für einen Einschnitt sein Werk bedeutet.
realismus, ein indischer Ökumenismus, ein indischer Dekon- Der Hinweis auf den Roman, den ich meinem Publikum über
struktivismus. Sie wollen nur in Ruhe ihre häuslichen Diskurs- das indische Abenteuer möglicherweise schuldig geblieben
partien spielen und die Grenzen dicht halten. Alles, nur keine bin, zielt aber schon richtig. Es gibt in bezug auf diese Dinge
Ost-Erweiterung der Vernunft! Solange diese Abwehr über- ein tiefsitzendes Darstellungsproblem. Es ist fast unmöglich,
wiegt, ist es klug, es vermeintlichen und wirklichen Gegnern die eigenen Erfahrungen nicht zu karikieren, wenn man die
leicht zu machen. Ein Name genügt, und sie drehen ab. So üblichen Formen heranzieht, die für die Mitteilung gruppen-
können diese Leute weiter in ihrem Hochmut rotieren und auf- dynamischer oder meditativer Erlebnisse zur Verfügung ste-
grund falscher Überlegenheitsgefühle glücklich sein. Es wäre hen.Von daher glaube ich, daß es gut gewesen wäre, in größerer
unphilosophisch, sie dabei zu stören. zeitlicher Nähe an diesen Komplex heranzugehen, mit den
Um Ihr Stichwort »Beschäftigung mit großen Gestalten« auf- Mitteln des modernen Romans, mit der Technik des Bewußt-
zunehmen: Wollte ich autobiographisches Material über meine seinsstroms und der multiplen Perspektiven - aber das hätte,
Anfangszeit zusammentragen, so müßte ich zunächst vor al- wie gesagt, gleich nach 1980 geschehen müssen . . . Jetzt ist es
lem Namen wie Adorno und Bloch nennen, die ich in meiner dafür zu spät, weil der Wind in jeder Hinsicht gedreht hat. Die
Studienzeit völlig absorbiert habe, obschon die Spur ihres Ein- Worte, die damals zu formulieren gewesen wären, sind heute
flusses in meiner Arbeit nur noch indirekt nachzuweisen ist. irgendwo zerstreut. Der Zeitgeist ist ein epochal anderer ge-
Von einer höheren Abstraktionsebene her gesehen bleibe ich worden. Wir lebten damals in der Illusion, man könnte die
trotzdem mit diesen Autoren verbunden, weil ich nie aufgehört Gesellschaft mit einer Freundschafts- und Freundlichkeits-
habe, mich für den versöhnungsphilosophischen Impuls zu in- ethik umstimmen. Es war die Zeit der offensiven Kleingrup-
teressieren, der vom messianischen Denken ausgeht. Auch ist penträumereien.
die von Bloch begonnene politische und technosophische Tag- Was das sprachphilosophische Motiv Ihrer Frage anbelangt, so
traumdeutung weiter aktuell, weil man als philosophischer glaube ich, daß Sie im Prinzip recht haben. Ich verstehe mich
Zeitdiagnostiker sich für das Visionsmanagement und die Illu- als einen Menschen, der unter technischen Medien wie ein Me-
sionswirtschaft der Massenkultur interessieren muß - ich sehe dium zweiten Grades funktioniert, falls man so etwas sagen
darin immer noch einen Teil meines Berufs. Doch weil Vereini- darf. Man muß bedenken, daß der Begriff des Mediums zwei
gungs- und Versöhnungsphilosophien im eigentlichen Wort- grundsätzlich verschiedene Bedeutungen hat - die übrigens
sinn theologische Voraussetzungen machen, die ich nicht teile, umgangssprachlich leichter zu fassen sind als theoretisch. Es
habe ich über nicht-theologische Äquivalente für diese Begriffe gibt apparative Medien, die Programme übertragen, und es
nachgedacht. Man kann in meinem Buch Weltfremdheit von 1 9 9 3 gibt personale Medien, sprich Menschen mit einer gewissen
sehen, wie ich die theologischen Motive der kritischen Theorie Durchlässigkeit, die Epochenaufgaben oder Zeitstimmungen
durch eine Anthropologie der Weltabgewandtheit zu ersetzen übertragen. Zieht man diese beiden Medienbegriffe zusam-
versuche. Auf eine etwas andere Weise habe ich mich durch men und wendet sie auf die eigene Rolle an, so kann man zu
16 Für eine Philosophie der Überreaktion Die Schrecknisse der eigenen Epoche 17
einer Art von Apparatverdacht gegen sich selbst kommen. Die besser gesagt: von den Metamorphosen dieser Impulse, denn
jüngere Literatur- und Medientheorie redet über den Autor wie die Anregungen von damals sind längst wieder anonym ge-
über eine neurologische Schreibmaschine, und das entspricht worden, sie haben sich ein paarmal gedreht und sich in eine
manchmal der Selbsterfahrung in der auktorialen Position. Ich eigensinnige Richtung entwickelt.
wurde mich am liebsten mit einem Klavier vergleichen, das Eines ist sicher: In Indien war ich einer Einstrahlung ausge-
plötzlich von selber zu spielen anfängt. Ein automatisches Kla- setzt, die lange nachwirkte. Ohne die Alchemie, die dort vor
vier des Zeitgeistes. Ich nehme Stimmungen leicht auf, aber ich sich gegangen ist, dieses Herausspringen aus der alteuropäi-
sortiere ziemlich streng. schen Melancholie und aus dem deutschen Masotheorie-Kar-
Auf der anderen Seite bin ich immer auch bereit gewesen - tell wäre meine Schriftstellerei in ihrer Anfangszeit nicht zu
das möchte ich hinzufügen, um jetzt nicht das Klischee von denken. Es gibt in ihr, besonders in den Büchern der achtziger
einem, dem alles leichtfällt, zu bestätigen -, den Preis für neue Jahre, eine Art von Hintergrundstrahlung, ein Echo auf den vi-
Erfahrungen zu entrichten. Das ging öfter, als mir lieb war, bis talen Urknall, der damals passiert ist. Seither sende ich auf einer
an die äußersten Grenzen. Man kann sich heute nicht mehr Frequenz, auf der die deutsche akademische Intelligenz nicht
vorstellen, mit welchem Radikalismus man sich noch in den empfangt, auch die dominierende Publizistik nur zum Teil,
späten siebziger Jahren in Exerzitien und Begegnungsgruppen wohl aber das breitere Publikum. Als die Kritik der zynischen
stürzte. Da war immer ein Hauch von Weltrevolution in der Vernunft erschien, da wurde sichtbar, daß es möglich war, nach
ersten Person im Spiel. Als ich nach Indien gefahren bin, war langer Zeit wieder andere, hellere Tonarten in die Philosophie
ich genau in dieser Lage. Ich war ideologiekritisch aufgekratzt, zu bringen, ohne in Naivität zurückzufallen. Darum tobten sei-
psychologisiert und moralisch erregt, wie es dem Geist der Zeit nerzeit viele der alten Genossen vor Zorn, besonders die Brü-
entsprach, ich war ein mehr oder weniger typischer Adept der der und Schwestern vom Beschädigten Leben, die mir meinen
älteren Frankfurter Schule und der Siebziger-Jahre-Alternativ- Verrat an den Ordensregeln jahrelang nachtrugen, manche von
szene, ein Teilnehmer an dem depressiv-aggressiven Komplex, ihnen grollen sogar bis heute. Sie konnten und wollten um
der damals als die Linke auftrat. Aber ich wußte, Rajneesh hat nichts in der Welt zugeben, daß Aufklärung etwas mit dem Auf-
nicht vor, nach München zu kommen, und wenn ich heraus- klaren der sozialen und individuellen Stimmung zu tun hat. Wie
finden will, was es mit ihm auf sich hat, dann ist es an mir, mich gesagt, das hätte alles ein Thema für eine romanhafte Darstel-
zu bewegen. Die Frage, ob sechs- oder siebentausend Kilome- lung sein können. Vielleicht wird es in zehn oder zwanzig
ter Anreise für ein paar lectures und einige Blickkontakte nicht Jahren wieder möglich, darüber zu schreiben. Dann könnten
zu weit sind, hat sich für mich keine Sekunde gestellt. Ich habe sich diese Substanzen in irgendwelchen vorbewußten Keller-
nie daran gezweifelt, daß Menschen sich dorthin auf den Weg abteilen so abgeklärt haben, daß sie wieder sprachfähig wer-
machen müssen, wo die nächste Seite ihres Lebens geschrie- den. Im Augenblick sieht es nicht danach aus. Das Beste, was
ben werden kann. Das ist der Sinn von Mobilität. Meine Reise ich a posteriori sagen konnte, habe ich vielleicht im Selbstversuch
wurde entscheidend, weil sie zur richtigen Zeit stattgefunden angedeutet, wo ich unter dem Eindruck von Carlos Oliveiras
hat. In Indien ist ein neues Kapitel aufgeschlagen worden, ich Fragen ein wenig zu plaudern angefangen habe.
habe eine radikale Umstimmung erlebt, ich habe Impulse auf- H.-J. H. Ich möchte zwei Begriffe aufgreifen, die Sie eben ver-
genommen, von denen ich bis auf den heutigen Tag lebe, wendet haben, Einstrahlung und Echo. Lassen Sie mich mit
18 Für eine Philosophie der Überreaktion Die Schrecknisse der eigenen Epoche 19
ihrer Hilfe die Vorstellung vom personalen Medium und vom zu verstehen, Lacans Faszination sei für Sie erloschen. Die
»Es, das schreibt«, noch einmal näher kommentieren. Levi- Äußerung wäre erstaunlich, wenn sie einen wirklichen Gegen-
Strauss spricht gelegentlich davon, daß er sich wie eine Tür satz oder gar einen Bruch mit Lacans Revision der Psychoana-
empfinde, durch die die Mythen der fremden Kulturen hin- lyse ausdrücken wollte, denn in gewisser Hinsicht führen Sie
durchgehen. Somit wäre der Autor - und das findet man bei Grundeinsichten Lacans auf einer philosophischen und kultur-
vielen Schriftstellern und Philosophen von Rang - ein Kanal, theoretischen Ebene fort. Es zeigt sich hieran wohl nur, daß
durch den, wenn er offen ist, die Gedanken fließen. Ich erin- Namen von einem bestimmten Moment an unwichtig werden.
nere auch an eine Formulierung von Wittgenstein, der sagte: In Ihrem Buch finden sich Formulierungen wie die von dem
Man sollte Abschied nehmen von einer Formulierung wie »ich »möblierten Nichts«, in dem die Modernen sich aufhalten,
denke« und statt dessen sagen, »dies ist ein Gedanke«, und ich oder von der »Nullpunkt-Situation« nach der Auflösung der
sehe zu, wie ich zu diesem Gedanken in Beziehung trete. Im Subjektillusion -Wendungen, die von der Lacan-Tradition mit
Ernstfall wird man von dem Gedanken »ergriffen«. angeregt sein könnten.
In einem Roman von Yoko Tawada fand ich die bezeichnende P.S. Aus meiner Sicht ist die polemische Intention bei dem
Formulierung: »Man lehrte mich in Deutschland, wenn man Vergleich zwischen Lacan und Rajneesh anders zu gewichten.
von sich selbst spricht, Ich zu sagen.« Das gibt einen Hinweis Ich wollte meinen intellektuellen Freunden signalisieren, daß
darauf, wie sehr dieses Ich eine kulturelle Konvention ist. Ich sie unrecht haben, immer nur den einen zu zitieren und den
lese Ihr Buch als einen Versuch, Ihren Abschied von diesem anderen zu ignorieren. Man weiß doch, wie das Spiel bei uns
konditionierten, lokal verengten und aggressiven Ich zu kom- läuft: Ein Lacan-Zitat bringt intellektuelles Prestige ein, mit
mentieren. In dem Gespräch mit Carlos Oliveira gibt es eine einem Rajneesh-Zitat macht man sich unmöglich. Nun muß
Reihe von Formulierungen, ob von Ihnen oder von Ihrem Ge- ich zugeben, daß ich mich seit jeher eher für Möglichkeiten,
sprächspartner, die diesen Grundgedanken bestätigen. Es bil- sich unmöglich zu machen, interessiert habe. In dieser Hin-
det sich in Ihrem Dialog mit dem jungen spanischen Philoso- sicht gibt es keine besseren Lehrer. Ich bin überzeugt, daß die
phen ein Raum heraus, in dem Formeln auftauchen konnten beiden eng zusammengehören, weil sie eine ähnliche Arbeit in
wie »nomadischer Zombie in der Ego-Gesellschaft« - das war Angriff genommen haben, nur daß Rajneesh noch viel weiter
eine Pointe von Oliveira, oder: »Designer-Individualismus«, gegangen ist als sein europäischer Kollege. Im übrigen hat man
eine Wendung, mit der Sie die jüngste Wendung der Alltagskul- auch die Lacanianer als satanistische Sekte bezeichnet, um die
tur charakterisieren. Parallele zu komplettieren. Kurzum, ich sehe die beiden als
Mir scheint, man kann in solchen Formulierungen ein gewis- Figuren an, die sich gegenseitig erläutern. Bei beiden gab es
ses dekonstruktives Engagement wahrnehmen. Das regional diese Synthese aus Psychoanalyse, Theatralität und spiritueller
fixierte Subjekt steht radikal in Frage: In dieser Einsicht spie- Provokation - zwei zukunftweisende Arten, sich unmöglich zu
gelt sich Ihre langjährige Auseinandersetzung mit den östlichen machen. Ich meine, wir sollten auch im Skandalösen ökumeni-
Traditionen. Auf der anderen Seite konvergiert dieser Befund scher denken. Wenn ich den indischen Meister auf Kosten des
mit Tendenzen der westlichen Theorie-Avantgarde zwischen französischen mattre absolu herausgehoben habe, dann war dies
Lacan und Luhmann. Vielleicht ist vor diesem Hintergrund ein Bekenntnis zu meiner Dankbarkeit, die gegenüber ihm,
Ihre für mich zunächst irritierende Bemerkung in Selbstversuch trotz unvermeidlicher Nachfragen und Abweichungen, inten-
20 Für eine Philosophie der Überreaktion Alternative Geschichtsschreibung 21

siver ist als gegenüber Lacan, von dem ich immer nur Leser Tradition der metaphysischen Ego-Kritik, die im Osten seit
war - obendrein ein Leser, der die Chance der Lektüre oft mit Jahrtausenden besteht. Man muß nur an die buddhistische
gemischten Gefühlen bezahlte, weil ich von manchen absto- Anatman-Doktrin denken, an den Vedanta, an die unzähligen
ßenden Komponenten in seinem Stil und Habitus nie ganz yogischen und tantrischen Schulen der älteren Zeit, an den
habe absehen können. Es gibt bei ihm einen Zug zur Verka- islamisch-hinduistischen Synkretismus in der jüngeren nord-
lauerung des Unbewußten, der mir auch auf theoretischer indischen Mystik sowie an einflußreiche Gestalten der indi-
Ebene problematisch erscheint. Daß wir uns nicht mißverste- schen Spiritualität in diesem Jahrhundert wie Yogananda,
hen: Ich habe mein Exemplar der Ecrits im August 1969 in Meher Baba, Ramana, Aurobindo und Krishnamurti, um ei-
Paris gekauft. Ich hätte über Lacan fast nur Rühmendes zu nige Namen zu nennen, die bis in den Westen gewirkt haben.
sagen, aber wir leben nun einmal nicht in einer Kultur, die lobt. Die ganze indische Kultur ist mit Non-Ego-Theorien vollgeso-
Außerdem lobt man einen Autor am besten dadurch, daß man gen, die gewissermaßen nur darauf warteten, von einem Genie
anknüpft und weiterdenkt. Ich werde mich in meinem Buch neu kombiniert zu werden. Was also die bei uns seit ein paar
Sphären I mit Lacans Theorie des Spiegelstadiums auseinander- Jahrzehnten so genannte Subversion des Subjekts angeht, hat-
setzen und dabei einen Vorschlag zu einer Neuformulierung ten die Europäer zunächst einmal Rückstände aufzuholen.
dieses Theorems vortragen, die darauf hinausläuft, daß wir die
Überbewertung des Imaginären, die für die Wiener Psychoana-
lyse und ihre französische Nachfolge typisch ist, einschränken Von der Notwendigkeit einer alternativen
und statt dessen die psycho-akustischen Grundverhaltnisse Revolutionsgeschichtsschreibung
ausführlicher reflektieren. Ich möchte dazu anregen, ein Sire-
nenstadium an die Stelle des Spiegelstadiums zu setzen. Das H.-J. H. Ich möchte diese Überlegungen nun auf einen ande-
Theorem vom Spiegelstadium ist zwar der berühmteste Punkt ren Aspekt verlagern, nämlich auf die Frage, ob in der moder-
des Lacanschen CEuvres, aber zugleich der schwächste - des- nen Welt überhaupt noch soziale und spirituelle Revolutionen
wegen sollte man, wenn möglich, den großen Impuls, den das möglich sind. In diesem Kontext könnte man Lacan neu lesen,
Theorem enthält, konstruktiv umformulieren. etwa von seiner Formulierung her, daß das Ich die Geistes-
Bei einem Lehrer, der als spiritueller Meister auftritt, ist die krankheit des Westens ist. Das hat durchaus einen kultur-
Anknüpfung in gewisser Hinsicht viel einfacher. Auch die Ab- revolutionären Ton. Wenn man diese These ernst nimmt und
wicklung des Mißtrauens gegen einen solchen Lehrer folgt einsieht, daß Lacan auf eine Art von Buddhismus hinaus will,
einer offeneren Logik. Man sieht von Anfang an, daß man dann erweisen sich vor allem seine frühen Schriften als ein
selber die Entscheidung trifft, ob man es für attraktiver hält, bedeutsamer Schritt aus der idealistischen und subjektivisti-
ihn zu entlarven und seiner Verführung zu widerstehen oder schen Tradition heraus. Es scheint, das alltägliche Ich mußte
mit seinem Angebot zu arbeiten, Man übernimmt die Verant- erst in seiner Selbstherrlichkeit zerstört werden, bevor sich ein
wortung für die eigene Interpretation - etwas, das westlichen befreiter Zugang zu einer nicht ich-bezogenen Funktionsweise
Intellektuellen schwerfällt, die ihre Verdächtigungen habituell des Seelischen umschreiben ließ. In diesem Kontext finde ich
am Objekt festmachen. Trotz seiner Originalität und seines Ihren Begriff des Sirenenstadiums interessant, der mich an
radikalen Nonkonformismus steht Rajneesh-Osho in einer Michel Serres’ Neuinterpretation der Odyssee erinnert.
22 Für eine Philosophie der Überreaktion Alternative Geschichtsschreibung 23

Ich schlage vor, daß Sie Ihre Anregung präzisieren, die Philoso- stark genug fühlt, nach einer gewaltsamen Entfernung der al-
phie wieder enger an das Abenteuer der politischen und mehr ten Herren selbst die Macht zu kontrollieren. Diese numerisch
noch der technischen Revolutionen zu binden. Es ist, sagen Sie, relativ kleine Mittelschicht arbeitet zunächst mit einer cha-
Ihre Ambition, so etwas wie eine nach-marxistische Revolu- rakteristischen rhetorischen Strategie: Sie tritt unmittelbar und
tionstheorie zu erarbeiten. Sie sprechen in diesem Zusammen- ohne Umschweife als die Menschheit auf und gibt sich als der
hang von einem Weltform-Umbruch, der sich in unserer Zeit Teil, der das Ganze ist. Auf diese Weise verkörpert sie das real
vollzieht. Die Frage bleibt: Ist Revolution, so wie Sie sie inter- existierende Paradox einer »universalen Partei«. Hier hat die
pretieren, überhaupt noch das, was man in der politischen und klassische Ideologiekritik ansetzen müssen, mit den Argumen-
ästhetischen Tradition der Moderne unter diesem Begriff ver- ten, die man sich bei einer solchen Sachlage leicht vorstellen
standen hat? Eines Ihrer früheren Bücher trägt den Titel Welt- kann. Man wird Anstoß nehmen an der Pseudouniversalität
revolution der Seele, ein umfangreiches, zweibändiges Lese- und der Bourgeoisie ebenso wie an der Pseudoinklusivität der bür-
Arbeitsbuch zur Gnosis, das 1991 erschien, mit Einleitungs- gerlichen Gesellschaft. Solange die Spannung zwischen einer
essays von Thomas Macho und Ihnen, in denen Sie, wahr- inklusiven Rhetorik und einer exklusiven Politik fortbesteht,
scheinlich zur Überraschung Ihrer bisherigen Leserschaft, mit zieht sich die revolutionäre Uhr immer wieder von selber auf.
einer weitgespannten religionsphilosophischen These auftra- Die politische Urszene - der Eintritt der bisher Ohnmächtigen
ten. Sie erklären in diesem Text, an Thesen des jungen Hans und Ausgeschlossenen in Machtpositionen und Mittelstellun-
Jonas anknüpfend, daß die metaphysische Revolution der gen - wird seither mit allen möglichen Akteuren ständig von
Gnosis und des frühen Christentums zu einer Art von Aus- neuem nachgespielt. Das heißt, daß alle Gruppen und Klassen
bruch aus dem antiken Weltgefängnis führt, und zeigen, wie der Gesellschaft darauf aus sein müssen, Mittelschicht zu wer-
diese Sprengung ideengeschichtlich weiterwirkte. Sie ziehen den. Folglich wird die durchrevolutionierte Gesellschaft nur
die Linien durch bis in die moderne messianische Linke und noch aus Mitte bestehen. Umgekehrt gilt, wo es nur noch Mitte
die zeitgenössischen Alternativkulturen. Wie steht es nach die- gibt, ist die Zeit der Revolutionen, und in diesem Sinn viel-
sen Begriffsausweitungen mit dem Zusammenhang zwischen leicht sogar die politische Geschichte überhaupt, vorbei. Die
den politischen, den kulturellen, den ästhetischen, den ökolo- Mitte ist der Ort ohne Transzendenz. Alle streben zu einem
gischen Revolutionen.? Soll man in diesen Phänomenen nur Ort, von wo aus es nicht weitergeht.
Partialansichten eines umfassenderen revolutionären Gesche- Der geistreichste christliche Revolutionstheoretiker, Eugen
hens erkennen? Rosenstock-Huessy, hat schon um 1930 die Serie der europäi-
P. S. Zunächst einmal ist es nötig, sich zu vergegenwärtigen, schen Revolutionen - unter äußerst idealistischen, genauer
wie es kam, daß der Begriff der Revolution in seiner modern teleologischen Vorzeichen - als eine Prozession in die Mitte
politischen und sozioökonomischen Bestimmung so eng ge- interpretiert. In der befreiten Gesellschaft, sagt er, werden alle
faßt werden konnte. Wir dürfen hier die astronomische Vor- Gruppen oder »Stände«, vom Hochadel bis zum Proletariat,
geschichte des Begriffs revolutio als Gestirnsumlauf beiseite ihren politisch starken Augenblick gehabt und die Freiheits-
lassen. Seit der Französischen Revolution verstehen wir unter geschichte weitergeschrieben haben. Erst nachdem also alle
Revolution einen Umsturz der Machtverhältnisse in der Ge- »Stände« und Kollektive in der öffentlichen Arena aufgetreten
sellschaft zugunsten einer aufrückenden Mittelschicht, die sich sind, wenn alle gekämpft und ihre Sache geltend gemacht
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haben, wenn alle sich im erfolgreichen Aufstand selbst konsti- chenden Revolution zunehmend entfernt - zumal nach seinen
tuiert haben und den Stolz kennen werden, ein kompetenter üblen Erfahrungen mit der »nationalen Revolution« von 17 3 3,
Akteur und ein politisches Subjekt geworden zu sein, wenn also von der ergriffen zu sein er vorgegeben hatte. Wenn es darum
alle Klassen und Gruppen die Passion des Auftretens und geht, große Umwendungen zu deuten, nach denen sich der
Selbst-Werdens auf der politischen Bühne konkret erfahren Sinn von Sein im ganzen neu darstellt, dann braucht man ein
hätten, erst dann, und keinen Augenblick früher, könnte der Konzept von Bewegung, das mächtiger ist als der konventio-
Zyklus der Revolutionen zu seinem Ende gelangt sein, Nun nelle moderne Revolutionsbegriff Ich sehe in dem Ausdruck
dachte Rosenstock tatsächlich, daß mit der russischen, der an- Kehre die Modernisierung des augustinischen Konversions-
geblich proletarischen und damit letzten Revolution, die ei- Gedankens in Verbindung mit einer Aktualisierung des plato-
gentliche pneumatische Weltgeschichte an der Basis angekom- nischen Motivs der Umdrehung, das wir aus dem Höhlen-
men sei und daß das Reich Gottes unter den Menschen dabei gleichnis kennen.
sei, sich zu vollenden - zwar im atheistischen Incognito, aber Mit dem erweiterten Begriff von Revolution als Umdrehung,
immerhin. Weltwende, Konvertierung aller Texte kommen wir nolens volens
Man darf diese Konstruktion ruhig für das nehmen, was sie ist, auf augustinisches Terrain und eo ipso in die heiße Zone der
ein höheres Märchen, wie Theologen es früher gern erzählt christlichen Geschichtstheologie. Sie ist als Korrektiv gegen
haben. Aber selbst wenn es die Wahrheit wäre: Gerade Theo- die Naivitäten der schlicht modernen Auffassungen vom
logen könnten ahnen, daß es mit den menschengemachten revolutionären Handeln noch immer nützlich, auch wenn sie
Revolutionen eine eigene Bewandtnis haben wird. Im Revolu- im übrigen für Menschen, die von dieser Welt sein wollen, un-
tionsbegriff selbst schwingt ja eine Obertonreihe mit, die auf annehmbar ist. Nach der Auffassung des Augustinus ist das
die religiöse Tradition zurückverweist. Schauen wir näher hin, Revolutionsgeschehen durch die Menschwerdung Gottes in
so entdecken wir, daß die Grammatik des Begriffs Revolution Gang gesetzt worden. Die Revolution Gottes läge dann frei-
eine Familienähnlichkeit mit dem Begriff der Konversion auf- lich für uns zweitausend Jahre zurück - in ihr hätte der radikal
weist - insbesondere in der Bestimmung, die Augustinus dem transzendente Gott beschlossen, sich mehr als bisher auf die
Ausdruck gegeben hat. Konversion, radikal verstanden, ist et- Welt einzulassen.Vor diesem Hintergrund erscheint die Weltge-
was, was die Menschen nicht von sich aus vollziehen können, schichte als die Geschichte der Konterrevolutionen des Men-
sondern etwas, was ihnen allein durch die Gnade zustößt. So schen gegen die Revolution Gottes. Ein analoger Sachverhalt
will es zumindest die Orthodoxie. Demnach ist Konversion ließe sich im Blick auf den Osten konstatieren: Dort wäre Ge-
ein Terminus, der nicht in eine Grammatik des Handelns paßt. schichte die Konterrevolution der seinsverhafteten Menschen
Sie müßte vielmehr als »Ereignis« gedacht werden. Zieht man gegen die Revolution des Nichts, die der Buddhismus vollzo-
nun die Analogie zum Phänomen Revolution, dann wäre auch gen hat. Wenn ich heute dazu neige, den Revolutionsbegriff so
diese etwas, was Menschen nicht aus eigenen Stücken machen weit zu fassen, dann wohl auch deswegen, weil ich durch reli-
können, wie die Modernen glauben möchten, sondern müßte gionsgeschichtliche Studien im Lauf des letzten Jahrzehnts
etwas sein, das mit den Menschen geschieht. Der ontologische dazu verleitet worden bin, mit einem sehr extensiven Gegen-
Revolutionär Heidegger hat das in seinem Begriff der Kehre wartsbegriff zu operieren. Ich empfinde Autoren, die erst
angedeutet und sich vom Konzept der gemachten und zu ma- zweitausend Jahre alt sind, noch wie Zeitgenossen - und Zeit-
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genosse ist jemand, der keine Zeit hatte, eine Autorität zu wer-
den. Aus dieser Optik folgt, daß man die größten geschicht- Lob der Übertreibung
lichen Namen wie die von Kollegen und nicht von Autoritäten
behandelt. Das ist sicher eine berufliche Deformation des H.-J. H. Sie sprechen in Ihrem Buch Selbstversuch davon, daß
historischen Bewußtseins, aber ich kann nicht mehr anders. sich die Revolution auch als Wiederholung der eigenen Geburt
Wenn man sich erst einmal durch Religionsgeschichte, Ethno- auf einer anderen Bühne vollziehen könne. Zudem erinnern
logie und andere kulturhistorische Disziplinen an ein Denken Sie an den platonischen Seelen-Umschwung, durch den die
in großen Zeiträumen gewöhnt hat, dann erscheint einem ein Menschen sich »entirren«. Das scheinen schwere, unhand-
Begriff von Revolution sehr kurzatmig, der solche Umbrüche liche Begriffe mit einem großen therapeutischen und ideenge-
in der Ökologie des Geistes, wie es das Aufkommen der Hoch- schichtlichen Tiefgang zu sein. Zugleich habe ich wie viele
religionen gewesen ist, nicht umfaßt. Leser Ihrer Schriften den Eindruck, daß in Ihrer Schreibweise
Daher mache ich in Selbstversuch den Vorschlag, eine veränder- eine ironische Gebrochenheit vorherrscht und eine satirische
te Revolutionsgeschichtsschreibung zu beginnen und mit der Spitze, stellenweise sogar ein gewisser Zynismus. Gibt es nicht
metakosmischen Revolution der Denkungsart in der Achsen- doch auch so etwas wie ein Pathos oder einen hintergründigen
zeit einzusetzen. Es kommt darauf an zu zeigen, wie Menschen Idealismus bei Ihnen? Haben Sie also eine verdeckte Vision,
den Respekt vor dem Sein verloren haben - und wie sie das die Sie, aus welchen Gründen auch immer, nicht ungeschützt
Wünschen gelernt haben, das in die Technik führt. Man könnte exponieren mögen?
im übrigen noch weiter gehen und Technik schlechthin als P. S. Dazu möchte ich zwei Dinge sagen. Erstens: Ich habe ein
Aufstand gegen die Natur definieren - wobei Technik ein Pathos, einen gewissen Sinn für die Kantilene, auch mitten im
Geschehen bezeichnet, das bis in sehr alte Evolutionsstufen Argument. In den meisten meiner Bücher ist eine Belcanto-
zurückreicht. Aber für den Augenblick genügt es, bei dem me- stelle zu finden, hier und da auch eine lyrische Insel und ein
takosmischen Einschnitt, das heißt beim Aufkommen des langsamer Satz, wenn ich so sagen darf. Zweitens: Ich gehe mit
idealistischen Dualismus und beim Protest der Apokalyptik Pathosmitteln sparsam um. Schon mit den wenigen Lyrismen,
gegen die bestehende Welt, Halt zu machen. Die Gnosis-Stu- die ich mir erlaubt habe, habe ich eher schlechte Erfahrungen
dien, die Thomas Macho und ich anfangs der neunziger Jahre gemacht. Es gibt in unserem Land einen Habitus, sich auf
veröffentlicht haben, gehören in diesen Kontext. Darum haben ungeschützte Stellen zu stürzen und ihren Autor für blamiert
wir unser Buch unter dem anzüglichen Titel Weltrevolution der zu halten. Oft meint man, ein Autor sei widerlegt, wenn man
Seele publiziert. Darin ist so etwas wie eine metaphysische De- ihn bei zu schönen Formulierungen überrascht. Ich selber
duktion des »Prinzips links« enthalten - ironischerweise auch prüfe die Zulässigkeit von Pathoswendungen aus dem Kon-
eine Urgeschichte der Frankfurter Schule, eine feine, verwik- text. Wenn er stimmig ist, gebe ich nach, allerdings nur zu
kelte Linie, die von Alexandria ins Institut für Sozialforschung Bedingungen, die literarisch überschaubar bleiben. Ich gehe
und den Hörsaal VI der Johann Wolfgang Goethe-Universität nie so weit wie Ernst Bloch, der als Pathosmeister der deut-
führt. Ich brauche nicht zu erklären, warum die Begeisterung schen Philosophie im 20. Jahrhundert allein dasteht. Hohe
der Betroffenen wie der konventionellen Linken im allgemei- Töne in der philosophischen Prosa sind ein Kunstmittel, um
nen über diese Zuordnungen sehr verhalten ausgefallen ist. Existenz in großen Kontexten sprachlich zu markieren, das hat
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mit messianischen Aufwallungen und universalistischen An- einigermaßen belastbares Gemüt voraussetzt. Dafür ist es
maßungen nichts zu tun. Im übrigen tut die Ironie das Ihre, um nicht notwendig, zusätzlich als Visionär aufzutreten und eine
die schweren unhandlichen Begriffe in Fluß zu halten. Extraportion Idealismus zu bestellen, Verfügbarkeit für große
Was nun die sogenannte visionäre Komponente der philoso- Fragen ist schon genug. In meinen Augen reicht es vollauf,
phischen Arbeit anbelangt, so steht diese auf einem ganz ande- wenn ein Mensch sich in der Wehrlosigkeit gegenüber den gro-
ren Blatt. Ich bin kein Idealist, aber noch weniger ein Zyniker, ßen Themen einigermaßen anständig verhält, indem er seinen
allenfalls ad hoc. Diesen beiden Fallen entgehe ich durch eine Beitrag zur Entidiotisierung des eigenen Ich leistet.
einfache Überlegung. Ich definiere den Philosophen als je- Die Probleme, die uns heute entführen und mitnehmen, sind,
manden, der wehrlos ist gegen Einsichten in große Zusam- wie gesagt, sehr großräumig, zudringlich, beängstigend und
menhänge. Das genügt völlig, um Idealismus zu ersetzen. Mir komplex. Es geht dabei darum, daß Menschen aus ihrer klein-
scheint, daß bekennende Idealisten, Neoplatoniker oder Den- räumigen Wunsch- und Phantasiestruktur, aus ihrer regionalen
ker des angestrengt holistischen Typs allesamt von der Illusion und nationalen Identitätsverfassung herausgebrochen wer-
befallen sind, sie müßten zu den Problemen, die ihnen zu den- den - ob sie wollen oder nicht. Die Seelenformen des Bürger-
ken geben, noch einen Zusatz an eigener Aufgeregtheit oder tums und Kleinbürgertums in der Ersten Welt werden aktuell
gutem Willen hinzufügen. Diese Illusion oder besser diese Vor- umformatiert. Wir werden umgeprägt von einem humanistisch-
nehmtuerei des Denkens kommt mir seltsam vor, mir fehlen nationalistischen Welthorizont auf einen ökologisch-globalen.
die Mittel, dergleichen wirklich zu verstehen. Ich neige eher zu Wir stecken in Bildungsprozessen, die uns verwickeln in die
der Auffassung, daß Menschen Wesen sind, die, sobald sie zu Synchronwelt des Kapitals, des globalen Waren- und Informa-
denken anfangen, eine Art Geiselnahme durch große Themen tionenverkehrs, also in das, was man die Weltwirtschaft nennt.
erleiden. Sobald wir unser Gehirn öffnen, erleben wir, daß Nicht weil wir Idealisten wären, sondern weil wir Realisten wer-
wir Geiseln von Problemen geworden sind, die uns irgendwo- den wollen, suchen wir nach Formen von Denken und Verhal-
hin verschleppen. Nietzsche hat in einem Brief an Overbeck ten, die uns in der aktuellen Globalwelt zur Verkehrsfähigkeit
sinngemäß geschrieben, es sei sein Schicksal, an ein Rad von verhelfen.
Problemen gebunden zu sein, Ich denke, das ist eine deutliche Es gibt hierfür eine antike Analogie: Ganz ähnlich hat Platon
Formulierung. mit der Gründung der Akademie rechtzeitig den Bedarf an
Da stellt sich die Frage, wie wir mit den Problemen, die uns einem neuen Menschentypus erkannt, der in der Großwelt der
kidnappen, umgehen. Ich finde, es ist eine Überforderung, sich ankündigenden hellenistischen Kultur verkehrsfähig wer-
wenn man seine Entführer auch noch lieben soll. Wenn ich den sollte. Sein Idealismus war ein pädagogischer Realismus.
mich darauf einlasse, über politische Philosophie für die post- Gut eine Generation nach der Gründung der Akademie war
imperiale Weltform zu diskutieren oder eine neue Version von durch den Aufstieg des mazedonischen Reiches die Konjunk-
historischer Anthropologie zu entwickeln, dann fühle ich mich tur voll entwickelt. Der Ernstfall für die megalopsychische
ohnehin wie von Aliens entführt. Es wäre zuviel verlangt, Persönlichkeitsstruktur war eingetreten. Natürlich erschienen
auch noch so zu tun, als wäre man erfreut, solche Probleme zu auf dem Erziehungsmarkt dann auch gleich die konkurrieren-
haben. Philosophie heute ist die Kunst, unmittelbar zum Über- den Anbieter, die Peripatetiker, die Skeptiker, die Stoiker, die
komplexen zu sein. Das ist eine athletische Aufgabe, die ein Epikuräer. Wir wissen, daß es nicht die Platoniker waren, die
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sich auf dem antiken Markt der Persönlichkeitsbildung durch- sein will, per se eine Übersteigerung vollzieht? - eine Überstei-
gesetzt haben, sondern die Stoiker. Im antiken Ideenwettbe- gerung ins Visionäre oder ins Pathetische oder ins Poetische.
werb wurden Trainingsprogramme für Seelenformen lanciert, Ist also nicht das Denken als solches immer schon trans-,
die im neuen ökumenisch-imperialen Horizont verwendbar , transrational, transsubjektiv, transroutiniert, in welcher Rich-
und belastbar werden sollten. Man darf nicht vergessen, daß tung auch immer?
die antike Philosophie ein mentales work-out war - Pierre Ha- P.S. Nun, in diesem Sinne bin ich als Pathetiker überführt.
dot hat das überzeugend aufgezeigt, Die logischen Formen Meine ganze Arbeit bewegt sich in solchen Trans-Dimensio-
dienten in ihr als Übungsgeräte. Wir erleben heute, daß die nen, sie wandert ständig zwischen den Fächern, den Sprachen,
soziale Evolution uns wieder eine solche Größerformatierung den Aspekten. Man könnte das als literarische Materialisierung
abverlangt - eine neue Bemühung um Verkehrsfähigkeit mit eines erweiterten Aufklärungsbegriffs verstehen. Außerdem
allen möglichen koexistierenden Kräften in einem globalisier- gibt es in vielen meiner Texte wohl diesen erwähnten existen-
ten Großraum. Die Philosophie ist heute ein super-work-out für tialistischen Faktor, beinahe hätte ich jetzt die alte 68er-Formel
die kommunikativen Energien, die weltweit Anschlüsse fin- von der »Wissenschaft in der ersten Person« benutzt. Aber der
den. Darin steckt schon ein so anspruchsvolles pragmatisches Ausdruck ist falsch, weil es nicht angeht, für die Ich-Form die
Programm, daß ich für Idealismus keine Verwendung sehe. erste Stelle zu fordern. Ich bin beeindruckt durch die Kritik,
H.-J. H. Ich möchte bei den drei Ausdrucken Vision, Pathos, die Eugen Rosenstock-Huessy an der alexandrinischen Schul-
Erkenntnis doch noch einmal nachfassen. Zunächst das Visio- grammatik geübt hat, die der Ich-Fom des Verbums die Stelle
näre. Vielleicht müssen wir visionär denken, wenn wir über- der »ersten Person« in der Konjugationsreihe zusprach - ein
haupt denken wollen. Ich habe etwa die buddhistische Ethik Brauch, der sich bis heute behauptet hat. Rosenstock-Huessy
im Blick mit ihrer Aufforderung, sich immer an einer besseren hält das für den Sündenfall der Linguistik schlechthin, und
Welt zu orientieren, selbst wenn man in einer verdorbenen auch für den der Philosophie, weil die wahre und wirkliche
Umwelt lebt. Eine ähnliche Anmerkung möchte ich bezüglich »erste Person« des Verbums natürlich der Appellativ ist, die
Ihrer Einstellung zum Pathos machen. Ist ein Denken, das Anredeform. Alles andere kann erst auf diese folgen. Ein nicht-
authentisch zu sein versucht, nicht immer notwendigerweise verrücktes Ich entsteht nur, wenn ihm jemand zuvorgekom-
pathetisch? Ist nicht das Pathos eine Erkenntnisqualität? Ist es men ist, der in der richtigen Weise Du zu ihm sagte. Insofern ist
vielleicht nur in unserem akademischen Betrieb, in unserer jede Form von Denken, die dieses Gezeichnetsein durch etwas
Kulturindustrie, zu einem Symptom von Irrationalität oder Vorausgehendes, Zuvorkommendes, Ernennendes anerkennt,
Naivität degeneriert.? Nehmen Sie einen Schriftsteller wie ein pathetisches. Unter diesem Blickwinkel bin ich mit der Ver-
Hans Henny Jahnn, dessen Literatur ohne das Pathos nicht teidigung des Pathos völlig einverstanden.
denkbar wäre. Oder erinnern Sie sich an das, was Roland Bar- Doch was Sie mit dem Begriff »Übersteigerung« andeuten,
thes über Jules Michelet gesagt hat: daß die von ihm inaugu- scheint mir noch wichtiger zu sein. Der Ausdruck gefällt mir,
rierte Geschichtsschreibung einen »Exzeß der Wörter« biete. weil er die Transzendenz auf die Übertreibung zurückführt. Er
Denken Sie an das, was Ranciere in einer jüngeren Arbeit die signalisiert, daß die Rhetorik ihre Rechte gegenüber der Philo-
»Poetik des Wissens« nennt: Muß man dann nicht von der Ein- sophie wiederherstellt. Vor allem widerspricht er dem biologi-
sicht ausgehen, daß ein Denken, das überhaupt noch welthaltig schen Positivismus, der alle Kultur- und Lebensphänomene
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immer nur unter dem Gesichtspunkt von Anpassung be-
schreibt. Der Affe paßt sich an die Savanne an, der Künstler Von Europa und seinem Trauer-Monopol
paßt sich dem Publikumsgeschmack an, die Orthographie paßt
sich dem Sprachgebrauch an. Und wenn all diese Anpassungs- H.-J. H. Gestatten Sie mir eine Ausweitung unserer Überle-
diskurse nur Produkte einer optischen Täuschung wären - gungen ins politische Gebiet. Mein Stichwort lautet hier »Eu-
Projektionen des Lebensgefühls von Angestellten auf die Evo- ropa«. Sie zitieren Albert Camus, der nach dem Ende des
lution? Die Wahrheit ist doch viel eher, daß Leben von Grund Zweiten Weltkrieges bemerkte: »Das Geheimnis Europas ist,
auf Überreaktion ist, eine Expedition ins Unverhältnismäßige, daß es das Leben nicht mehr liebt.« Vielleicht, so heißt es bei
eine Orgie an Eigensinn. Der Mensch ist das Überreaktionstier Ihnen, finden manche Europäer von heute in den Kommenta-
par excellence. Kunst schaffen heißt überreagieren, denken heißt ren des indischen Mystikers Osho zu Nietzsches Also sprach
überreagieren, heiraten heißt überreagieren. Alle entscheiden- Zarathustra Anregungen für eine neue »Religion der Liebe zum
den menschlichen Tätigkeiten sind Übertreibungen. Schon der Leben«. Ich frage mich: Wie hätte man sich das vorzustellen,
aufrechte Gang war eine Hyperbel, die sich nie ganz in biolo- eine neue Religion der Liebe zum Leben?
gische Vorteile aufrechnen ließ. Da ist von vorneherein ein P.S. Habe ich das wirklich gesagt? Dann wollen wir hoffen,
Zug ins Verruckte, Überhöhte im Spiel. Jedes Menschenwort daß es einen tieferen Sinn hat. Nimmt man die Formulierung
ist ein Schuß ins Offene. Das haben die älteren Anthropolo- zum Nennwert, ist sie tautologisch. »Liebe zum Leben« genügt
gien noch viel klarer im Auge gehabt und aus Einsicht in die in jeder Hinsicht, der Zusatz »Religion« ist überflüssig. Die
Allgegenwart des Übertriebenen im menschlichen Verhalten Formulierung ist ein indirektes Zitat, wie Sie wissen, ich spiele
das Maß und die Zurückhaltung gepredigt. Man muß so ver- auf den Untertitel von Hans Peter Duerrs Sedna an - ein Buch,
korkste Konzepte wie »kommunikative Kompetenz« ersetzen das eine kulturphilosophische Abrechnung mit dem metaphy-
durch eine Theorie der anschlußfähigen Übertreibungen. Im sischen Pessimismus enthält, eine bedeutende Arbeit. Offen
übrigen ist Ironie eine Überreaktion auf die Dauerbelästigung gesprochen, »Religion der Liebe zum Leben« kann nur ein Re-
durch Tatsachenbehauptungen. klamespruch sein. Warum habe ich davon geredet? Sinnvoll
Erst auf diesem Niveau könnte die Rede von Kommunikation wird eine solche Wendung vielleicht unter der Prämisse, daß
vielleicht wieder aufregend werden. Ich habe in meinen Frank- Religionen wie Theorien und Kunstwerke im Lauf des 20. Jahr-
furter Poetik-Vorlesungen Zur Welt kommen - Z u r Sprache kom- hunderts Handelsgüter und Dienstleistungen geworden sind
men - das war im Jahr 1988 - das Bild vom »tätowierten Autor« und sich als solche auf allgemeine Marktbedingungen einlas-
verwendet. Ich habe gesagt, ein Autor ist eine verrückte Silbe, sen müssen. Man muß Theologien mit Verlagsprogrammen
ein Wortstück, das nach Mit-Silben sucht, um Platz in einer vergleichen. Die Einsichten Adornos über den Einfluß der
Sinnkette zu finden. Daraus ergibt sich wie von selbst, daß man Warenform auf das Kunstwerk treffen, wenn man näher hin-
subjektzentrierte Strategien aufgeben muß, wenn man nicht sieht, auch auf die Religion zu und ebenso auf den Moralismus:
einsilbig und autistisch bleiben will. Alle diese hehren Geistesphänomene existieren heute wie seit
jeher in erster Linie als Betriebe, es fragt sich nur, ob als Mo-
nopolbetriebe oder als Wettbewerbsbetriebe, als Monopolpro-
dukte oder als konkurrierende Produkte. Es ist vor allem die
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Entdeckung der Konkurrenz, die in diesen Dingen noch im- rechterhalten läßt. Darum ist die These von Camus in meinen
mer schockierend wirkt. Wir haben das ganze 20. Jahrhundert Augen ein Schlüsselwort der Nachkriegszeit, sie vollzieht die
gebraucht, um uns an den Gedanken zu gewöhnen, daß diese deutsch-französische Versöhnung in einer gemeinsamen Ver-
bisher für transzendent und autonom gehaltenen Sphären bis düsterung. Sie resümiert eine Epoche, in der sich die Europäer
ins Innerste durchdrungen sind von dem, was Karl Mannheim im Namen von anmaßenden Abstraktionen gegenseitig zer-
seinerzeit subversiv den »Einfluß der Konkurrenz im Gebiete fleischt hatten. Aber Camus spricht nicht nur von diesem
des Geistigen« genannt hat. Die aktuellen Medienanalysen ma- »Zeitalter der Extreme«, als welches man das 20. Jahrhundert
chen klar, daß man den Moralmarkt und Weltbildermarkt ge- bezeichnet hat. Er hat ein europäisches Kontinuum im Auge,
nauso kühl untersuchen muß, wie man es beim Kunstmarkt das viel weiter zurückreicht. Er stellt fest, daß die Europäer die
schon seit längerem tut. Auch bei den Religionen in der Mo- Freude aus der Welt vertrieben und auf irgendein nebelhaftes
derne hat man es mit Produkten zu tun, die sich bei den Danach, ein Jenseits oder eine Endzeit, vertagt haben. Dieses
Klienten bewähren müssen. Nun sind Religionen, solange sie Zitat, das ich häufiger anführe, weil es übertrieben genug ist,
dominieren, es nicht gewohnt, sich als Dienstleistungen zu um wahr zu sein, nimmt eine von Nietzsche formulierte Ein-
präsentieren. Sie tun sich schwer damit, Angebote zu machen, sicht auf. Nach dessen Diagnose haben die europäischen
die mit anderen verglichen werden können. Sie begründen sich Christen durch eine tausendjährige Praxis des Lebensauf-
von oben und nicht von Bedürfnissen her, in diesem Punkt schubs die Fähigkeit verloren, die Welt und das Dasein in ihr
sind sie wie Suhrkampbücher. Aber wo die Bewährungsprobe umfassend zu bejahen. Sie sind infolgedessen - immer noch in
auf dem Markt explizit verweigert wird, ist das ein Indiz dafür, Nietzsches Terminologie gesprochen - decddents oder, wie man
daß sich ein träger Monopolist um die Leistungs- und Attrak- nationalökonomisch sagen würde, Monopolisten. De’cadence -
tivitätsbewertung durch nicht von ihm unterworfene Instan- man sollte das nicht vergessen - ist nur ein anderes Wort für
zen herumschwindeln möchte. Lebensbedingungen unter einem schützenden Monopol. Der
Der Satz von Camus gibt einen Hinweis auf diese Zusammen- typische dekadent ist auf Subventionen angewiesen und lebt in
hänge: Was heißt das denn - »das Geheimnis Europas ist, daß einer wettbewerbsfreien Nische. Denn für das Gute gibt es
es das Leben nicht mehr liebt«? Zunächst ist dieser Ausspruch keinen Ersatz, nicht wahr? Das heißt, es gibt keine Vergleichs-
nichts anderes als die Paraphrase eines zorniges Worts von möglichkeit.
Georges Clemenceau über den deutschen Charakter, der an- Ohne Zweifel war es Nietzsches entscheidende Intuition,
geblich das Leben nicht liebt. Der kriegerische Franzose hatte daß er zuerst bei Platon, dann bei Paulus, bei der katholischen
sein Staunen über die deutsche Kultur und Unkultur in diesem Kirche und weiter bei Aufklärern einer bewußten Art diesen
Satz zusammengefaßt und somit die unheimlichen Nachbarn bequemen Rückzug auf das konkurrenzlos Gute gewittert hat.
moralisch an den Rand der Menschheitsfamilie verbannt. Er Er hat den Moralwahnsinn durchschaut, der zu einer Beses-
hat die Deutschen gleichsam auf einer völkerpsychologischen senheit durch das bloße Gute führt und davon träumt, man
Ebene zu Feinden des Menschengeschlechts erklärt. Indem könne für dieses ein Monopol einführen und die im Realen
Camus das Wort Clemenceaus auf die Europäer insgesamt be- wie im Logischen unüberwindliche Bipolarität von Gut und
zog, gab er zu verstehen, daß sich der Gegensatz zwischen Böse eben doch nach einer Seite auflösen. Im Grunde ist
Frankreich und Deutschland in diesem Punkt nicht länger auf- die ganze europäische Metaphysik ein Monopolisten-Delirium
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gewesen. Die moralisierenden Metaphysiker sind in Nietz- stisch. Wenn die Vier die Zahl des Monopolisten war, dann ist
sches Augen wie Schiffbrüchige, die glauben, dem Meer Be- die Fünf die Zahl des freien Geistes, genauer: des Unterneh-
dingungen stellen zu dürfen. Mehr noch, sie beschließen, mers der eigenen Überzeugung, des Künstlers. Damit ist die
während sie untergehen, das Meer trockenzulegen, Klassisch Initiative des Zarathstra definiert: Nietzsche wirbt für einen
ausgedrückt ist dieses Motiv in der Johannesapokalypse, wo es Menschentypus, der auch in Sinn-Angelegenheiten an eine
an einer entscheidenden Stelle heißt, daß nach der Wieder- frühgriechische Grundhaltung anknüpft - an den Wettbewerb,
kunft des Messias auch das Meer nicht mehr sein werde. Die die agonale Gesinnung, die Freude am Kräftemessen. Er feiert
moraldämonische, vom Guten besessene Haltung kommt mit die Differenz, die sich offen zeigt, er praktiziert die Großzügig-
dem antiken Idealismus und Prophetismus auf und lebt in keit, die in der freimütigen Selbstmitteilung liegt. Man darf
christlichen Mutationen weiter, sie setzt sich fort bei den sich nicht davon beirren lassen, daß bei Nietzsche die Reklame
modernen Philanthropen, bei den Sozialdemokraten des noch Verkündigung heißt.Vielmehr kann man bei ihm rückwir-
19. Jahrhunderts, bei der deutschen Reichspost, beim Roten kend lernen, daß die sogenannte Verkündigung nichts anderes
Kreuz, bei der sowjetischen Psychiatrie, in der jüngeren Kriti- war als die Reklame des Monopolisten.
schen Theorie, mit einem Wort bei all denen, die von ihrem H.-J. H. Das klingt so, als wollten Sie sagen, daß nur der Wett-
eigenen Gut-und-vernünftig-Sein auf ihre Monopolberechti- bewerb der Lebensformen das ist, was uns Europäer kulturell
gung schließen. verjüngen könnte.
Man könnte also sagen, daß Nietzsches Leistung in der Wie- P.S. Jedenfalls bricht er das depressive Kartell auf. Zahllose
dereinführung des Wettbewerbsgedankens in die Kultur liegt Europäer sind 1914 in einen Maelstrom hineingerissen worden,
und eo ipso in der Wiederherstellung der Einsicht in den polari- aus dem sie, wenn man sich’s recht überlegt, erst heute, am
schen Charakter von Gut und Böse, man könnte auch sagen in Ende des Jahrhunderts, wieder anfangen aufzutauchen. Die Er-
die Mehrwertigkeit der moralischen Sachverhalte. Dieser Im- eignissequenzen von 1914-1918 und von 1939-1945 bezeichnet
puls läßt sich in die Frage fassen: Wie kommen die Europäer zu man als den Ersten und Zweiten Weltkrieg, als wären die Zahlen
einem fünften Evangelium? Nietzsche hat in einem Brief an eins und zwei Behälter, in denen kategorial verschiedene Er-
seinen Verleger sein Werk Also sprach Zarathustra mit diesem eignismengen aufbewahrt werden. In Wahrheit bilden beide
eher ungewöhnlichen Ausdruck beschrieben. Aber was in aller eine zusammenhängende Sequenz, einen einunddreißigjähri-
Welt ist ein fünftes »Evangelium«? Nach meiner Meinung wird gen Krieg, dessen Kernschatten bis 1990 reicht. Diese kommu-
man dieser Formulierung gerecht, wenn man sie als Auftakt zu nizierenden Röhren der Gewalt, des Wahnsinns, des Rachebe-
einer Epoche der Evangelienwettbewerbe liest: Was künftig als dürfnisses und des Traumas durchziehen das Jahrhundert bis
gute Botschaft gelten darf, kann nur noch agonal, im Wettstreit an sein Ende. Sie übergreifen mehrere Generationen und er-
zwischen guten Botschaften, ermittelt werden. Vergessen wir zeugen komplizierte psychische Erbgänge. Man muß berück-
nicht, alle Gesellschaften klimatisieren sich selbst durch Kom- sichtigen, daß in sozialpsychologischer Sicht Nachkriegszeiten
munikationen über ihre Hoffnungen und Verheißungen - aber länger dauern als die Kriege selbst. Das 20. Jahrhundert ist ein
erst für die moderne Welt gilt explizit, daß keine Monokultur kurzes Jahrhundert genannt worden, das »inhaltlich« von 1917
der guten Botschaft mehr akzeptabel sein kann, weder christ- bis 1991 dauert, so lange wie das sowjetische Experiment. Das
lich, noch völkisch, weder sozialistisch, noch liberalkapitali- ist nicht schlecht gesehen. Doch auch in einem kurzen Jahrhun-
38 Für eine Philosophie der Überreaktion Blickwechsel zwischen Napoleon und Hegel 39
dert altern die Menschen überdurchschnittlich, wenn sie, wie
die Europäer, speziell die Deutschen und mehr noch die Ost- Blickwechsel zwischen Napoleon und Hegel
europäer, allen voran die Russen, eine Folge von vier verlorenen
Generationen durchlebt haben. H.-J. H. Ich frage mich, ob das, was Sie eben gesagt haben, die
H.-J. H. Haben Sie selber eine Alternative gefunden? Gibt es sozialpsychologische These bestätigt, daß wir erst jetzt, in den
ein Mittel gegen die Vergreisung? späten neunziger Jahren, das Ende der Nachkriegszeit errei-
P. S. Auf Privatrezept, vielleicht. Ich bin 1947 geboren, ein ty- chen. Oder unterstützt es eher die Theorie vom »Ende der
pisches Nachkriegsgewächs. Ich habe die Nachkriegsluft in Geschichte«, die seit dem Kollaps der Sowjetunion erneut zu
unserem Land geatmet bis zu dem Zeitpunkt, wo ich das zirkulieren begann?
Glück hatte, durch erste Reisen andere Atmosphären zu ent- P. S. Nach meiner Meinung trifft das erste unbedingt zu. Man
decken. Es sind nicht andere Länder, die man durch Reisen muß sich an den sehr harten Gedanken gewöhnen, daß eine
kennenlernt, sondern andere Freiheitszustände. In den sech- Nach-Weltkriegszeit zwei volle Generationen dauert, in man-
ziger Jahren fing das mit der italienischen Freiheit an, dann chen Ländern sogar länger. Nach Dramen von der Größen-
kam die proveqalische Freiheit dazu, zuletzt die nordamerika- ordnung dessen, was die Mitteleuropäer in diesem Jahrhundert
nische. Ich habe durch das Atmen in fremder Luft bemerkt, erlebt haben, müssen mindestens fünfzig Jahre vergehen, be-
was Entgiftung bedeutet. Danach habe ich mich systematisch vor eine Nach-Nachkriegszeit beginnen kann. Es sieht so aus,
entgermanisiert. Ich habe dem heimatlichen Maso-Patriotis- als sei die deutsche Gesellschaft gegenwärtig zum ersten Mal in
mus den Rücken gekehrt. Psychisch war ich unter meiner der Verlegenheit, sich eine Definition geben zu müssen, die
deutschen Adresse lange nicht mehr erreichbar. nicht mehr nur von der festgehaltenen Nachkriegssituation ge-
H.-J.H. Das Rezept hieße demnach reisen und Abstand er- liehen ist.
zeugen? Was das »Ende der Geschichte« angeht, so bin ich als Zeuge für
P.S. Nicht nur. Das beste Gegenmittel gegen die Depres- Aspirationen dieses Typs nur bedingt tauglich, weil ich mit He-
sionsmonopolisten und die Ressentimentverwalter bleiben die gelianismen der bisherigen Machart nichts im Sinn habe. Man
Klassiker. Sie sind das Ausland gegenüber der eigenen Zeit. sollte die Tatsache im Auge behalten, daß dieses Theorem auf
Auch die wesentlichen Autoren des 20. Jahrhunderts muß man Alexandre Kojeve zurückgeht, einen Emigranten aus dem re-
ständig im Auge behalten. Nicht daß wir sie direkt nachahmen volutionären Rußland, der vor seiner Naturalisierung in Frank-
könnten. Das ist unmöglich, weil unsere Lage so völlig anders reich um 1930 Kojewnikow hieß, bei Jaspers studiert und über
ist als die ihre. Aber in einem Punkt bleiben wir mit ihnen russische Theosophie promoviert hatte und in einer undurch-
verwandt. Auch sie haben Werke geschaffen in einer Zeit, als es sichtigen Beziehung zum KGB stand. Kojeve nimmt an, daß in
schon hieß, Werke seien nicht mehr möglich. Hegels Phänomenologie des Geistes, wie in der späteren Enzyklo-
pädie der philosophischen Wissenschaften, so etwas wie ein prinzi-
pielles Ende der Geschichte erreicht worden sei - was immer
»prinzipiell« hier heißen mag. Als es zum virtuellen »Blickkon-
takt« zwischen Hegel und Napoleon gekommen war, nach der
Schlacht von Jena, war Kojeve zufolge die Geschichte in ihrer
40 Für eine Philosophie der Überreaktion Blickwechsel zwischen Napoleon und Hegel 41

»Substanz« vollendet. Die französische Gegenwart hatte über thonläufern, die in der Mehrheit unter zwei Stunden dreißig
die preußische Vergangenheit gesiegt, auch im Denken des laufen können und Steigerungsspielraum von ein paar Minuten
Philosophen. Die letzten weltgeschichtlichen Individuen, Na- haben. Aber sie wissen alle, daß in den nächsten Jahren und
poleon und Hegel, wirkten also auf gleicher Höhe. Ihre Spie- Jahrhunderten niemand unter zwei Stunden laufen wird, es sei
gelung hätte gegenseitig sein können, wäre Napoleon auf die denn, genmanipulierte Läufer träten an den Start, doch selbst
Idee gekommen, bei Hegel sein Portrait zu bestellen. Nach wenn das geschähe, wurde es hinsichtlich der Rahmenverhält-
diesen beiden Endgestalten der notwendigen Geschichte gibt nisse nichts Grundlegendes ändern. Und weil alle wissen,
es nur noch beliebige Subjektivitäten ohne historisches Ge- daß die anderen es auch wissen, traben sie mehr oder weniger
wicht, mit einer einzigen Ausnahme, und die meint Kojeve ordentlich und mehr oder weniger ehrgeizig in der Gruppe
entdeckt zu haben. Sie ist natürlich niemand anders als Stalin. dahin. Die Wahrscheinlichkeit von Ausreißversuchen ist nicht
Am Verhältnis zwischen Napoleon und Hegel nimmt Kojeve sehr groß, weil die Kosten zu hoch sind. Die Überanstren-
Maß, um sein Verhältnis zum Führer der Sowjetunion zu be- gung ist von vorneherein evident. Dieses Sicheinschwingen
stimmen. Das Theorem vom Ende der Geschichte ist also in der nachgeschichtlichen, vom Gedanken der Versicherung be-
einem sophistischen Stalinismus zu Hause, erst später mutiert herrschten Gesellschaften in stabil gerahmte Grundsituatio-
es zum Lob des siegreichen Liberalismus. Stalin war in Kojeves nen wird mit einem enormen Aufwand an Innovations- und
Augen das letzte Individuum, das in einem weltgeschichtlichen Differenzrhetorik kompensiert. In Zukunft darf alles revolu-
Skript agierte und darum einen ebenbürtigen Interpreten tionär sein, weil Revolutionen alten Stils in der dichten Welt
brauchte. Nach Stalins Tod hat Kojeve sein Theorem über die unmöglich sind. Alles darf und soll sogar anders und unter-
finale universal-homogene Gesellschaftsordnung von der So- schieden sein, weil Unterschiede letztlich keinen Unterschied
wjetunion auf die USA und teilweise auf eine lateinisch domi- mehr machen. Das Extreme, das Andere und ganz Andere, das
nierte europäische Union verschoben. Fukuyama mußte kei- sind von jetzt an nur noch ästhetische Kategorien. Luhmann
nen neuen Gedanken denken. hat das Einrasten in Grundsituationen mit dem Ausdruck
Man kann der Meinung sein, daß diese fabelhafte Konstruk- »Ausdifferenzierung der Teilsysteme« belegt. Statt Grundsitua-
tion eine Anmaßung ausdrückt, wie sie für Berufsmegaloma- tionen und Subsysteme könnte man auch Ordnung der Zu-
nen typisch ist. Ich glaube trotzdem, daß das Theorem vom ständigkeiten sagen. Wer Zahnweh hat, geht zum Dentisten,
Ende der Geschichte suggestive Seiten hat oder, um vorsichti- wer Fußweh hat, geht zum Orthopäden, wer Weltschmerz hat,
ger zu reden, daß es sich lohnt, es ernst zu nehmen, bis man geht zu einem Guru. Wer lernen will, geht auf eine Schule. Wer
ganz sicher ist, Besseres zu wissen. Geld braucht, geht zur Bank oder zur Arbeit. Wem die ganze
Der Gedanke, der sich in Kojeves Hegeldeutung artikuliert, Richtung n i c h t paßt, wählt die Opposition oder fährt nach
läßt sich in einer sehr freien Umschreibung etwa so wiederge- Ibiza. Es gibt kein Bedürfnis, für das die ausdifferenzierte Ge-
ben: Die modernen Gesellschaften sind in ein Stadium ein- sellschaft keine zuständige Adresse hätte. Allenfalls die große
getreten, in dem es keine grundlegenden Innovationen mehr Liebe ist nicht mehr zustellbar. Durch die Ausdifferenzierung
geben kann, sondern nur noch Steigerungen oder Variationen entsteht eine Lage, in der immer mehr Leute begreifen, daß
innerhalb von gut abgegrenzten und ausgebauten Dimensio- man kein Verhältnis zum Ganzen haben kann. Das Ganze ist
nen. Die heutige Weltgesellschaft ist wie ein Feld von Mara- keine mögliche Adresse.
42 Für eine Philosophie der Überreaktion Blickwechsel zwischen Napoleon und Hegel 43

Dieses Eintauchen in eine Weltlage, in der unendlich viel pas- als den Erleuchteten kennt, sei es in der hinduistischenversion
siert, aber nichts mehr Geschichte machen kann, wird von des jivanmukti, des zu Lebzeiten Erlösten, und des bhagawan,
dem Konzept fin de I’histoire gar nicht so schlecht zusammen- des göttlichen Herrn, sei es in der buddhistischen Version des
gefaßt. Es steht für das Gefühl der Heutigen, in der Nach- Vollerwachten, des arhat oder bodbisattva. Und so wie der indi-
saison des Extremismus zu leben, der um jeden Preis den sche Erwachte sich nach orthodoxer Lehre an die Serie seiner
Menschen Geschichte machen lassen wollte. Wir blicken auf früheren Existenzen erinnert, so bewahrt der Hegelsche Geist
diese Agonie des Subjektivismus zurück, der hier als Rassen- die Erinnerung an seinen eigenen Prozeß, der Weltgeschichte
politik und dort als Klassenpolitik alles der planenden Verfü- heißt. In beiden Fällen würde der Mensch, der am Ende ist,
gung unterwerfen wollte. Die Frage ist nur, was aus dem zum Lehrer - aber zum Lehrer einer seltsamen Art. Er könnte
denkenden Menschen werden soll, der Einsicht in diese seine nämlich gar nichts anderes mehr tun, als auf die anderen zu
Situation gewonnen hat. Was kann die Maxime: »Erkenne die warten. Das Posthistoire wäre das Warten der Erleuchteten auf
Lage!« jetzt noch bedeuten? Ist die Figur des Weisen in der die in der Geschichte Zurückgebliebenen. Seltsam ist die Stel-
gegenwärtigen Weltsituation möglich? Anders gesagt: Haben lung dieser Lehrer deswegen, weil sie auf ihre Schüler warten
die Ausdrucke Weisheit, Erleuchtung, absolutes Wissen weiter müssen, ohne wirklich etwas für sie tun zu können - so wie die
einen möglichen existentiellen Sinn? Kann es noch Individuen Toten auf die Lebenden warten oder die Entspannten auf die
geben, auf die solche Titel zuträfen? Sind Menschen vorstell- Verkrampften.
bar, die im Wissen am Ende sind oder im Ende leben? Kojeve hat übrigens zu verstehen gegeben, daß der Weise nach
Die Hegelsche Philosophie war attraktiv in dem Maß, wie sie dem Ende der Geschichte aufhören kann, von seiner Weisheit
entschlossen schien, diese Fragen zu bejahen. Sie war nicht Aufhebens zu machen. Sobald die weltgeschichtliche Antithese
umsonst die letzte affirmative Metaphysik, also Theorie der von Macht und Geist erloschen ist, entfällt der Zwang, als Den-
real existierenden absoluten Intelligenz. Es bleibt freilich un- ker ein ernstes Gesicht zu ziehen. Der Weise kann Politiker
bestimmt, was das für uns noch heißen kann und in welcher werden oder Künstler oder Unternehmer. Er kann auch seine
Weise eine solche Intelligenz mit uns etwas zu tun hätte. Nur Weisheit wegwerfen und let it be sagen. Mit der historischen
soviel ist klar, daß menschliche Teilhabe an einer absoluten Antithese von Macht und Geist lösen sich auch andere histori-
Intelligenz einzig als Theorie der fertigen Welt möglich gewe- sche Gegensätze auf, etwa der von Tragödie und Komödie und
sen wäre. Eine solche Welt war die der klassischen Metaphysik; der von Männlich und Weiblich. Der Mann kann abrüsten und
in ihr galt unbeschränkt der Primat der Vergangenheit, in ihr sich androgyn entfalten, er kann ein glückliches Tier werden.
legt die Herkunft den Spielraum des Zukünftigen fest. Doch Er kann Ohrringe tragen und ins lauwarme Wasser steigen. Die
inzwischen haben sich die Wege der Futuristen von denen der Frau beginnt, mit den Attributen der historischen Männlich-
Passeisten getrennt. In welchem Sinn dürfte man die moderne keit zu spielen, und erfindet für sich neue Textbücher, Stel-
Welt fertig nennen, die sich wie keine zuvor durch Einsicht in lungen, Erscheinungsbilder. Darum ist das Posthistoire das
ihre Unfertigkeit charakterisiert und ganz auf den Vorrang der tausendjährige Reich der Geschlechterkonfusion und der ero-
Zukunft setzt? Immerhin, der Hegelsche Weise, als logisches tischen Komik. Das alles sind Beschreibungen, die Sinn ma-
Gewissen des etablierten finalen Rechtsstaats und der Spätkul- chen im Hinblick auf das,was mit den Frauen und Männern des
tur, verkörperte das westliche Pendant dessen, was der Osten letzten Jahrhunderts geschehen ist.
44 Für eine Philosophie der Überreaktion Blickwechsel zwischen Napoleon und Hegel 45

Es steckt also in diesen Hegel-Kojeveschen Suggestionen eine auf den Komplex der neuzeitlichen Wissenschaften und Tech-
Fülle von Wahrheitsgehalten, die man nicht schnell abschüt- niken bezieht. Das gibt der Sache des Denkens einen Ernst,
teln kann. Aber natürlich ist mir wie den meisten Zeitgenossen den die Alten so nicht kannten. Das »besinnliche« Denken tritt
klar, daß die Geschichte nicht in der Weise zu Ende ist, wie ein jetzt auf als Sokratismus der Macht und der Technik, auch als
idealistischer Vollendeter oder, was dasselbe ist, ein Hegelscher Sokratismus des Gehirns in der Welt und der Welt im Gehirn.
Beamter, es suggerieren könnte. Ich halte es eher mit Heideg- Das geht über die antike Situation hinaus. Man muß einfach
gers Einwendungen gegen Hegels Vollendungskonzept und feststellen: Das Wissen vom Nichtwissen ist verbindlicher ge-
denke wie er, daß die historische Irre nicht nur nicht beendet worden.
ist, sondern in eine Epoche noch höherer Spannungen und
Gefährdungen übergeht. Man muß also zwischen Vollendung
und Ende unterscheiden. Selbst wenn das zurückliegende
Weltalter, das metaphysische, seine letzten Möglichkeiten er-
schöpft und insofern das Stadium der Vollendung erreicht hat,
ist der Prozeß des Denkens, des Handelns, des Wollens in kei-
ner Weise abgeschlossen. Auch die Frage nach dem Fortgang
des Revolutionsgeschehens läßt sich nicht klar beantworten,
weder im affirmativen noch im ablehnenden Sinn.Von einem
Posthistoire könnte nur die Rede sein, wenn gewiß wäre, daß
der Schrecken, der zur Geschichte gehörte, hinter uns liegt.
Nichts ist weniger garantiert als das. Es ist nicht wahr, daß wir
nach der Angst leben, die Mehrheit der Menschheit lebt nicht
einmal nach der Not. Von einer fertigen Welt oder von einer
abgeschlossenen Selbsterkenntnis des Menschen in ihr ist im
Blick auf unsere Verhaltnisse beim besten Willen nicht zu re-
den. Im Gegenteil, das Drama der Anthropologie hat eben erst
begonnen. Was vor uns liegt, ist ein Weltalter des Maschinen-
baus und der vertieften Selbsterfahrung des Menschen ange-
sichts seiner wachsenden Fähigkeit, sich in höheren Maschi-
nen zu spiegeln und über den Unterschied zwischen sich selbst
und diesen seinen Kreaturen nachzudenken.
Heidegger hat einen zweiten Sokratismus gestiftet, in dem es
darauf ankommt, genauer denn je zu wissen, daß man nichts
weiß und inwiefern man bei allem vom Nichtwissen ausgehen
muß. Das zweite Abstandnehmen von den Einbildungen des
Wissens unterscheidet sich vom ersten dadurch, daß es sich
Subtexte einer Debatte 47

II Die Sonne und der Tod Und wird nicht diese ganze Verkehrungsmaschinerie in den
Dienst des selbstverordneten Unglücks gestellt?
Die Menschenpark-Rede und ihre Folgen P. S. Der Ausdruck »selbstverordnet« soll vermutlich andeu-
ten, daß auch auf das Unglück kein Verlaß mehr ist. Seit Jahren
testet die deutsche Gesellschaft in Form von Skandalen ihre
Humanismus und Trauma-Spuren - Subtexte einer Debatte sozialpsychologische Kondition, indem sie sich immer wieder
ihrer Standards an innerer Unsicherheit und Unfreiheit verge-
H.-J. H. Lassen Sie mich für den Einstieg in unser neues Ge- wissert. Sie führt in gewissen Abständen die Rituale der Labi-
spräch eine Erinnerung Alain Robbe-Grillets an Roland Bar- lität durch, in denen sie das stärkste Wir-Gefühl erreicht. Es
thes’ Antrittsvorlesung am College de France im Januar 1777 gibt einen Text von Doris Lessing, der unser Problem präzis
wählen, bei welcher Barthes seine ominöse Bemerkung bezeichnet: Prisons we choose to live inside. Die Formulierung
machte, jedes Sprechen sei »faschistisch«, um freilich diese trifft sehr gut manche Aspekte des großen Medien-Kollers
Aussage, die auch ihn selbst betroffen hätte, wenn sie wahr vom Herbst 1999, Die Affaire anläßlich der Menschenpark-
wäre, sogleich mit einer glänzenden Rede matt zu setzen. Er Rede verlief vor allem in ihrer Anfangsphase wie ein Wettbe-
lieferte, sagt Robbe-Grillet in Der wiederkehrende Spiegel, »das werb zur Ermittlung der unfreiesten von allen möglichen
verwirrende Beispiel eines Diskurses, der keiner war; eines Deutungen. Je näher man an den Kern der deutschen Unfrei-
Diskurses, der jede Versuchung des Dogmatismus Schritt für heit herankommt, desto mehr nehmen die zwanghaften Asso-
Schritt in sich zerstörte«. Was er an dieser Stimme bewundert ziationen zu - bis zuletzt nur noch das Nazi-Eine übrigbleibt.
habe, fährt er fort, war, »daß sie mir meine Freiheit ließ, besser: Es gibt bei uns offenbar ein Bedürfnis, die mentalen Gitter-
daß sie ihr mit jedem Nebensatz neue Kräfte verlieh«. stäbe immer wieder zu justieren, hinter denen zu leben hier-
Ich greife diesen Gedanken auf und möchte fragen: Sind die zulande Unzählige beschlossen haben. Man muß darin ein
Menschen in unserer Gesellschaft überhaupt bereit oder fähig, Selbsteinsperrungsphänomen sehen - ich nenne es das maso-
mit dem Freiheitsangebot umzugehen, das ihnen in einer poe- patriotische Syndrom. Wenn »die Strafe die Ehre des Verbre-
tischen Sprache, einem informellen philosophischen Diskurs chers« ist, so wollen viele Deutsche von dieser Ehrung gar
entgegenkommt? Müssen sie so »reagieren«, wie wir es wäh- nicht mehr lassen, zumindest was ihr Moralfeuilleton angeht.
rend der Affaire, die mit Ihrem Namen verbunden wird, haben Sie machen sich ihre Normalisierung so schwer, daß man sie
beobachten können? Ist es übertrieben zu sagen, daß zahllose einer gewissen Eitelkeit verdächtigen muß. Es scheint, sie ha-
Einzelne die Freiheit offensichtlich nicht wollen, da sie doch ben den Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung nie
ihren persönlichen Verzicht auf deren Gebrauch an fiktiven recht verstehen wollen und glauben offenbar noch immer,
Gegnern festmachen müssen, an Gegnern, denen sie Übles sie könnten Glaubwürdigkeitspunkte sammeln, wenn sie sich
nachsagen, weil diese ein schwebendes, gewagtes, zukunftsof- eher schuldig als verantwortlich benehmen. So mancher merkt
fenes Denken praktizieren ? Bestimmt die jüngeren Debatten gar nicht mehr, welchen Eindruck es macht, wenn er im Desi-
in Deutschland nicht dieser eine Grundzug: das Nicht-loslas- gnerbüßerhemd daherkommt. Im Freudianismus wurde man
Sen-Können des Gewesenen als Denk- und Erfahrungshori- wohl von einem sekundären Schuldgewinn sprechen. Leider
zont, die gequälte Unfähigkeit, das Zukünftige zu gestalten? sind diese Phänomene noch nicht ausreichend beschrieben,
48 Die Sonne und der Tod Subtexte einer Debatte 49
weil Psychoanalytiker eher auf die Wiederholungszwänge ach- streiten noch darüber, ob unsere nächsten tierischen Verwand-
ten, die dem Unbewußten entstammen, als auf jene, die ihren ten bis ins Stadium der Satzbildung vordringen oder sich mit
Ursprung im Kalkül und in der Unsicherheit haben. Ich erin- Einzelwort-Lexika begnügen müssen. Daß Großaffen bis zu
nere mich bei diesem Thema an die Nachricht, daß sich zur hundert distinkte Zeichen ausbilden können und diese kom-
Zeit, ausgehend von den USA, wo das Einsperren aus anderen munikativ effizient einsetzen, gilt als sicher. Aber ob sie bis in
Gründen zur Epidemie geworden ist, eine technische Revolu- den syntaktischen Bereich aufsteigen, also Zeichen kombinie-
tion des Strafvollzugs ankündigt, die den Gefängnisbau zum ren und einen primitiven Satz bilden können, ist noch unklar,
Teil überflüssig macht. Jetzt wird mit Hilfe einer elektroni- Der deutsche Journalismus hat im Hinblick auf meine Rede,
schen Fußfessel der fernüberwachte Hausarrest installiert. Die vor allem zu Beginn der Debatte, in großen Teilen nach einem
elektronische Fessel besteht in einem Signalgeber, der an- puren Reizwort-Schema, ganz auf der Pawlowschen Ebene,
schlägt, sobald der Häftling einen Schritt tut, mit dem er die geantwortet und vom Vorkommen eines bestimmten, unver-
Grenzen des Arrestterritoriums überquert. Ich glaube, dieses meidlich problemträchtigen Vokabulars in einem Text an der
virtuelle Gefängnissystem ist die technische Implementierung Syntax vorbei, an der Argumentation vorbei, an der Textarchi-
dessen, was auf mentaler Ebene bei uns seit geraumer Weile tektonik vorbei, an der Autorintention vorbei, das Vorhan-
gilt. Seit dem Ende des Krieges sind in Deutschland die elek- densein von elitistisch eugenischen Intentionen erschlossen -
tronischen Fußfesseln installiert, und das mochte einen guten oder vielmehr nicht erschlossen, sondern hinzu halluziniert,
Sinn gehabt haben, solange dieses Land seine demokratische eben nach dem Gesetz der gesuchten unfreien Assoziation,
Grunderziehung absolvieren mußte. Friedrich Sieburg hat weswegen solche Diagnosen wirklich einen sehr selbstverord-
1954 in einem Aufsatz melancholisch notiert, daß die Deut- neten Eindruck machen. Darin manifestiert sich ein Späterfolg
schen nach der Befreiung von der Diktatur nicht ins Offene der NS-Zeit in den Nervensystemen der Nachlebenden, den
traten, sondern Kerker zum Mitnehmen bevorzugten. Das trifft man aufgrund seiner Obszönität nicht genug denunzieren
zwei Generationen später merkwürdigerweise noch immer zu, kann.
in einem anderen Dekor und mit anderen Akteuren - und mit Damit wir uns recht verstehen: Ich will mit der Kritik, der ich
einer völlig veränderten sozialen Funktion, obwohl wir oder begegnet bin, nicht nur defensiv umgehen, ich bin bereit, über
besser weil wir seit den 68er Jahren spürbar mehr Demokratie eigene Irrtümer nachzudenken, wenn man mich überzeugend
gewagt haben. Auf der Ebene der Diskurse leben wir mehr auf solche hinweist. Ich gehöre zu einer Generation von Intel-
denn je unter der Überwachung von Alarmsystemen, mit de- lektuellen, die nichts so gut eingeübt hat wie die Neigung, sich
nen die Grenzen der Denkareale markiert sind, wobei ent- durch Spiegelungen in anderen zu befragen. Das gehört zum
scheidend ist, daß der Alarm nur auf lexikalische Signale, also Erbe von 68. In dem psychologisierten und politisierten Mi-
auf einzelne Wörter, anspricht, losgelöst von der grammati- lieu, in dem ich lebe, ist es der primäre Reflex, wenn einem der
schen oder syntaktischen Ebene. Wind entgegenbläst, die Schuld auch bei sich selbst zu suchen,
H.-J. H. Also hätten wir es mit einer Regression in einen Be- Aber was da in den Medien geschehen ist, liegt weit außerhalb
reich von sozusagen präsyntaktischen Verständigungsverhält- dessen, wofür sich ein irrender Autor verantwortlich fühlen
nissen zu tun. könnte. Es war doch eher, als wäre eine alte Zyste geplatzt und
P. S. Sagen wir ruhig Primatenkommunikation. Die Forscher hätte den ganzen Organismus in Mitleidenschaft gezogen. Es
Die Sonne und der Tod Subtexte einer Debatte 51
ist, als hielte Hitler immer noch wichtige Zonen deutscher Ge- Systemtheorie und die Kybernetik müßten ihren Betrieb ein-
hirne besetzt, so daß entscheidende Denkoperationen in unse- stellen, denn für sie hat der Ausdruck »Selektion« die Funktion
ren Köpfen nicht mehr ausgeführt werden können. Ganze eines Fundamentalbegriffs. Sollen wir am Ende zugeben, daß
Wortfelder sind für intelligenten Gebrauch gesperrt oder zu- die Deutschen aus historischen Gründen zu sensibel sind für
mindest schwer zugänglich. Ich verstehe, daß manche Men- die modernen Wissenschaften? Der Kuriosität halber merke
schen gegen den Begriff der Züchtung eine Aversion haben, ich an, daß im Französischen der Trainer der Fußballnational-
wenn er auf die menschliche Sphäre angewandt wird, und daß mannschaft s~/..ctionneur heißt.
ihnen das gesamte Begriffsfeld der pädagogischen Menschen- H.-J . H. Lassen Sie mich versuchen, meine eigenen Eindrucke
formung unheimlich ist. Aber es bleibt eine Tatsache, daß vom Stand der Diskussion zu ordnen. Ein erstes folgenreiches
Konzepte dieser Art, vor allem die Triade Erziehen, Zähmen, Resultat der Debatte scheint zu sein, daß eine breite Öffent-
Züchten, zu einer philosophischen oder didaktischen Tradi- lichkeit endgültig hat zur Kenntnis nehmen können, wie eine
tion gehören, die von Platon bis Nietzsche reicht - und ich habe neue Paradigma-Wissenschaft auf die Bühne getreten ist, die
mir die Freiheit genommen, angesichts der aktuellen Biotech- Biologie, im Bündnis mit der Informatik. Man hat ja in den
nik an diese Unterströmung zu erinnern, die vom literarisch letzten Jahrzehnten ständig neue Paradigma-Disziplinen in
orientierten Humanismus bisher meist verdeckt wurde. Was den humanities ausgerufen. Anfangs war es die Linguistik, bei
könnte an einer solchen Verknüpfung des Klassischen mit dem der man sich formale Denkmodelle auslieh, später sollte dann
Aktuellen falsch sein? Man möchte mich gern auf die Rolle des die strukturale Anthropologie die Führungsrolle übernehmen.
Provokateurs festlegen, und ich habe dafür Verständnis, weil Es ist von enormer Tragweite, daß jüngst die Anthropologie
ein Philosoph heute nur Wirkung erzielt, wenn er sich als Pro- ihre Imago als Leitwissenschaft an die Biologie und biologie-
jektionsfläche für affektgeladene Irrtümer zur Verfügung stellt, verwandte Wissenschaften abgegeben hat, weil damit die Kul-
Das ist eine öffentliche Variante von Psychoanalyse, bei der die turwissenschaften einen neuen Anschluß an die Natur- und
Klienten in Form von Rezensionen »frei« assoziieren dürfen. Technikwissenschaften finden.
Aber machen wir uns keine Illusionen: Wenn ein Ausdruck Der zweite Punkt, an dem ich diagnostisch einhaken möchte,
wie »Selektion« bei Sprechern der deutschen Sprache unter ist die Beobachtung, daß die Debatte über die Menschenpark-
Quarantäne gestellt wird, wie es in der Debatte praktisch gefor- Rede, wie gesagt, meistens auf eine präsyntaktische Ebene re-
dert wurde, dann ist die intellektuelle Paralyse vorprogram- duziert war, eine reine Lexikonschlacht. Erst recht ist es von
miert, weil es sich um einen Basisausdruck der modernen Bedeutung, zu betonen, daß, wie man in der Ethnologie seit
Wissenschaften handelt. Ließen wir dieses Verbot gelten, Beginn dieses Jahrhunderts erkannt hat, das vermeintlich
könnten wir zentrale Teile der Mathematik nicht mehr prakti- Chaotische, Regellose, Wilde keineswegs unstrukturiert ist und
zieren, die Spiel- und Entscheidungstheorie wurde lahmgelegt, daß auch das Präsyntaktische seine Strukturen, seine Gesetz-
die formale Linguistik wurde völlig unmöglich, die Biologie mäßigkeiten besitzt. In dieser Debatte kommt zwar etwas
und Metabiologie, Zentralwissenschaften des kommenden scheinbar Dereguliertes, Spontanes, Naturwüchsiges zum Vor-
Jahrhunderts, wären in ihrem logischen Zentrum blockiert. Da schein, aber dieses Regellose unterliegt seinerseits bestimmten
geschähe nicht weniger als ein Angriff auf den Grundwort- Regeln und Gesetzmäßigkeiten, die wir entschlüsseln müssen,
schatz der Lebens- wie der Strukturwissenschaften. Auch die um der Sache auf den Grund zu kommen, und zwar auf der
52 Die Sonne und der Tod Subtexte einer Debatte 53
Ebene der medialen Inszenierung ebenso wie auf der Ebene seren nicht einfach sterben, sie tauchen nur ab und verbinden
des kulturell geprägten Diskurses. sich mit anderen Konzepten, anderen Realitätsfeldern, etwa
Ein dritter, ganz wesentlicher Aspekt scheint mir zu sein, daß mit dem Körperkult, mit der Massenästhetik, mit sexuellen
der Begriff des Obszönen, den Sie eben gebraucht haben, ei- Phantasmen und mit medizinischen Visionen. Es wäre wichtig
gentlich noch viel weiter zu fassen wäre. Er müßte auch auf herauszufinden, an welchen Stellen sich dieser Subtext Gel-
einen ökonomischen Sachverhalt bezogen werden, der bisher tung verschafft, wo er sich sprachlich, bildlich, kulturell mani-
zu wenig Berücksichtigung gefunden hat.Vor kurzem habe ich festiert und wo er verdrängt wird, um sich dann, man kennt
eine Fernsehdebatte verfolgt, mit Bill Gates und Edmund Stoi- solche Verschiebungen, in anderen Formen um so wirkungs-
ber unter anderen, in deren Verlauf der bayerische Ministerprä- voller Geltung zu verschaffen.
sident wörtlich die Feststellung von sich gab: »In der Gentech- P. S. Ich hatte ebenfalls von Anfang an den Eindruck, daß der
nologie müssen wir klotzen.« In Äußerungen dieser Art wird Eklat ein stark überdeterminiertes Geschehen war. Wir hatten
erst die eigentliche Obszönität faßbar, die in der öffentlichen es mit mindestens drei ineinandergekeilten Skandalphänome-
Diskussion als politischer Subtext ständig mitläuft. Die Gesell- nen zu tun und mit entsprechend vielen Entladungen von
schaft der Bundesrepublik erhebt zwar routinemäßig ihren aufgestauter Energie, daher auch mit einer Dreizahl von Sub-
Anspruch auf Wohlstand, Wachstum, Umverteilung und so texten, selbst wenn wir für jede Komponente nur eine einzige
weiter. Aus welchen Quellen die zu verteilenden Reichtümer »Fassung« annehmen - was nicht ganz realistisch ist, denn
hervorgehen sollen, davon möchten die schönen Seelen nichts auch die Teilskandale waren noch einmal in sich komplex und
wissen, da wird gerade unter Rot-Grün geheuchelt wie kaum je mehrdeutig. Darum hatte man schon wenig später das Gefühl,
zuvor. Solange wir uns dieser Obszönität moralisch, mental, daß das Ganze nur eine Hysterie war und man zur Tagesord-
diskursiv nicht stellen, müssen Projektionen und Verlagerun- nung übergehen sollte. Ich denke, es kommt zunächst darauf
gen der unvermeidlichen Spannungen in der Gesellschaft statt- an, die Einzelschichten oder die Subskandale, die in dem
finden. Man hält sich dann an öffentliche Figuren, die politisch »Event« zusammengeflossen sind, jeweils für sich zu untersu-
und ökonomisch weder Macht noch Einfluß haben, das heißt chen, damit wir verstehen, wovon wir eigentlich reden und
an Intellektuelle, die die Reflexion vorantreiben und die diese worüber die Öffentlichkeit sich während der Turbulenz erhitzt
abgedunkelten Probleme zur Sprache bringen. An denen tobt hat. Mit dieser Drei-Faktoren-Analyse stehe ich übrigens nicht
sich die veröffentlichte Meinung aus. allein. Norbert Bolz hat schon im Oktober 1777 während einer
P. S. Wobei noch einmal das Phantasma aufblühen darf, daß es Fernsehdebatte in Baden-Baden eine solche Ansicht vorge-
doch die Hermeneutiker wären und nicht die Ingenieure, die in schlagen.
letzter Ins tanz Geschichte machen. Ein erster Faktor liegt nach meiner Überzeugung in dem Um-
H.-J. H. Mein vierter Punkt wäre schließlich, daß der aktuellen stand, daß das Binnenklima der deutschen Gesellschaft seit
Debatte über die Gentechnik, den »neuen Menschen«, das einigen Jahren durch einen Generationenwechsel geprägt
artificial life und ähnliches zusätzlich ein imaginärer Subtext wird, der ihre bisherig gültigen Selbstbeschreibungen antastet.
zugrunde liegt, in den ungelebte Phantasien und Glücksuto- Man könnte sagen, daß der nervliche Gesellschaftsvertrag
pien einfließen. Die utopischen Potentiale der Gesellschaft der Nachkriegsgeneration aus zeitlichen Gründen überarbeitet
können auch in einer scheinbar entzauberten Zeit wie der un- werden muß. Die Nervensysteme, die noch direkte Berührun-
54 Die Sonne und der Tod Subtexte einer Debatte

gen mit dem Nationalsozialismus hatten, werden ausgetauscht These verliert an Evidenz, sobald Erinnerung als politische In-
gegen Gedächtnisse, die ausschließlich auf einer symbolischen stitution verstanden wird - denn in der politischen Arena wird
Ebene, also durch Zeichen, einen Eindruck vom Charakter der Erinnerung immer als Pharmakon und als Waffe gebraucht.
NS-Herrschaft erworben haben - durch Zeichen, die nicht Auf diesem Feld ist souverän, wer über die Dosis entscheidet.
mehr, wie bisher, von der politischen Pädagogik geformt wer- Wie genau Walser den neuralgischen Punkt der Hochdosie-
den, sondern zunehmend von der Unterhaltungsindustrie, die rungspartei getroffen hatte, zeigte der Aufruhr, der dem Hin-
in jüngerer Zeit von einer sehr merkwürdigen Komplizin er- weis folgte. Die Affäre war ein Indiz dafür, daß der Kampf um
gänzt wird, einer Art Moralindustrie, von deren Funktions- die Rechte an den Zeichen und über die Zumessung der Dosis
weise man sich nur sehr zögernd einen Begriff zu machen künftig härter geführt wird. Dabei ist vor allem der Zeitpunkt
beginnt. Wir beobachten seit einer Weile, wie die Derivatge- signifikant - und damit bin ich wieder bei meinem Argument.
schäfte des Entsetzens in den Vordergrund treten - ein Phäno- Die letzten lebenden Nervensysteme, die wissen, wie das da-
men, dessen Gefahrenpotential man noch nicht abschätzen mals war und zum Teil auch noch, wer es war, erreichen in
kann. Ich neige dazu, es für bedrohlich zu halten. Diese Deri- diesem Jahrzehnt die Grenze des biologisch Möglichen. Folg-
vatgeschäfte mit dem Schlimmsten sind es übrigens, auf die lich kommt, ganz legitim, eine Sorge auf, wie sich dieses
Martin Walser in seiner Paulskirchen-Rede 1998 hingewiesen Wissen in den nächsten Generationen erneut verkörpern soll,
hat, mit dem Argument, daß der Holocaust zu ernst ist, als daß und zwar so, daß es auch die heilsame Kraft des unmittelbaren
man ihn durch mediales Getöse instrumentalisieren dürfte - Zurückschreckens vor dem Schlimmsten überträgt. In der Ge-
weswegen das Gedenken der Opfer, nach Walsers Meinung, nerationenfrage ist also die Besorgnis darum mit angelegt, wie
mehr auf das forum internum der Einzelnen gehört als in den ein neurologisch und existentiell hinreichend tief verankertes
öffentlichen Betrieb. Dies ist eine These, die so lange richtig Tabu sich reproduzieren kann in einer Kultur, die von ihrem
ist, wie man Erinnerung als Erschütterung denkt. Das erschüt- Grunddesign her eine tabulose oder tabufeindliche Lebens-
terte Gewissen darf und muß vielleicht sogar den Veranstaltun- form ist.
gen mißtrauen. Allein in diesem Kontext ist Walsers umstrit- Um diese Sorge zu würdigen, muß man berücksichtigen, daß
tenes Wort vom »Wegschauen« zu verstehen. Man hat diese der Westen spätestens seit dem 19. Jahrhundert ein zivilisato-
Formulierung dekontextuiert, wie üblich, und für strategische risches Labor geworden ist, in dem man mit der Aufhebung
Fehldeutungen mißbraucht. Ich habe, wenn ich das anmerken der Tabufunktionen und der Erweiterung des moralisch Zuläs-
darf, nie nachvollziehen können, wie man in Walsers Konfes- sigen an allen Fronten experimentiert. Die aufgeklärte und
sion etwas anderes hat sehen können als eine Anwendung der weiter aufklärende Gesellschaft versteht sich selbst ja im Prin-
protestantischen Gewissensidee auf die Dunkelheiten der zip als tabulos. Sie muß über alles reden dürfen und alles für
deutschen Geschichte - was an sich schon bemerkenswert ist, Verhandelbar halten, sie muß auch den archaischen Abwehr-
da Walsers persönliche Hintergründe in eine sehr düstere, be- schrecken durch gewöhnliche »strafbewehrte« Verbote erset-
drückte Form von Katholizismus deuten; er selbst hat hierüber zen. Das ging bis zu dem Punkt, daß die Europäer nur mit
bereits in den achtziger Jahren eindrucksvoll Auskunft gege- Hilfe eines polynesischen Importwortes, das über englische
ben. Man versteht in diesem Kontext seine Gereiztheit gegen Ethnologen zu uns kam, sich diese Funktion in ihrer Alltags-
jede Art von Priesterherrschaft und Moralgeschäft. Walsers sprache vergegenwärtigen konnten.
Die Sonne und der Tod Subtexte einer Debatte 57
H.-J. H. In Sicht der vergleichenden Ethnologie entspricht das thropologen in eigener Sache und lernten nach und nach, daß
tabu der Polynesier in etwa dem sacer der Römer, dem ääus auch in der eigenen Kultur dunkle regulative Mechanismen am
der Griechen oder dem kodausch der Hebräer. Freud hat in Werk sind. Dieser Lernprozeß war alles andere als kostenlos.
dem Begriff Tabu zwei Bedeutungen auseinanderzuhalten ver- Gewiß, wir kannten das fünfte Gebot, doch erst durch die in-
sucht, einerseits: heilig, geweiht, numinos, unantastbar, ande- tentionalen Überschreitungen des Gebots in diesem Jahrhun-
rerseits: unheimlich, gefährlich, verboten, unrein. In Polyne- dert haben wir gelernt, daß es nicht eine Vorschrift wie jede
sien gilt noa, »gewöhnlich, gemein«, als Gegenteil von tabu. andere ist, sondern daß ihm primär die Tabu-Funktion zu-
Wundt nennt das Tabu den ältesten ungeschriebenen Geset- kommt - es ist der Text, mit dem etwas quasi Absolutes ins
zeskodex der Menschheit. menschliche Bewußtsein eintritt und eine unbedingte Grenze
In Totem und Tabu ging Freud davon aus, daß das Tabu seiner zieht. Die aufklärenden Gesellschaften haben einsehen müs-
»psychologischen Natur« nach ein Äquivalent zu Kants kate- sen, daß es auch im säkularen Raum so etwas wie das schlecht-
gorischem Imperativ sei, der in der Art eines unbewußten hin Böse gibt und daß sie nolens volens eine Tabufunktion für die
Zwangs wirke. Der Totemismus dagegen sei eine unserem heu- Demokratie in Betracht zu ziehen haben. Etwas von dieser
tigen Fühlen entfremdete, de facto längst aufgegebene religiös- Problemmasse wird mit berührt, wenn einige Kommentatoren
soziale Institution. Der Fortschritt der Menschheitsgeschichte es für nötig hielten, meine - wie ich noch immer denke - ziem-
habe dem Tabu weniger anhaben können als dem Totem. lich leise formulierten Hinweise auf die Risiken einer in den
Freud hatte den ursprünglichen Sinn des Totemismus »aus Horizont gerückten biotechnischen Menschenformung und
seinen infantilen Spuren erraten« wollen. In der Ethnologie die Notwendigkeit einer aktiven Auseinandersetzung mit den
wurde jedoch der Begriff des Totemismus zunehmend demon- neuen Gegebenheiten schon als einen »Tabubruch« zu denun-
tiert: er sei überwiegend ein von Sozialwissenschaftlern kreier- zieren, Dabei ist nicht so sehr die abenteuerliche Fehllektüre
tes Phantom und als kulturhistorischer Begriff wenig brauch- des Textes interessant, der in gewisser Hinsicht eben die Be-
bar. Freuds Buch war fortan unter Ethnologen out und galt denken artikuliert, die meine Kritiker meinten gegen mich
vielen Fachleuten als Beleg dafür, daß mit der Psychoanalyse wenden zu müssen - interessant ist die Haltlosigkeit, mit der
empirisch nicht viel anzufangen sei. Was Freuds Tabu-Begriff sich gewisse Journalisten und andere Diskussionsbeiträger auf
betrifft, so hatte er eine bessere Erfolgskurve. Er übertrug kli- die Unterstellung gestürzt haben, es sei hier eine Grenze über-
nische Einsichten in den Zwangscharakter bestimmter Hand- schritten worden. Das zeigt, zumindest in meinen Augen, wie
lungen auf die Ebene der Kultur. Seither wissen wir: Zwang- begierig man auf die Überschreitung wartet.
haft wirkenden Verboten begegnen wir gerade dort, wo die Die tabu-dynamischen Aspekte alleine hätten aber nie ausge-
Mitglieder der Gesellschaft ein starkes Bedürfnis haben, diese reicht, um Turbulenzen zu produzieren, wie wir sie im Herbst
Verbote zu übertreten. 1999 erlebt haben. Die Affaire wurde von zwei zusätzlichen
P. S. Ich denke, wir Europäer hatten für das Phänomen auch Subskandalen überlagert und in die Höhe getrieben: zum einen
deswegen keinen eigenen Ausdruck, weil wir uns bis vor von der Gentechnologiedebatte als solcher, die in Deutschland
kurzem nicht klargemacht hatten, daß Kulturen im allgemei- überfällig war, zumindest als Politicum, denn hinter den Türen
nen gewisse Tabufunktion für ihre Selbstregulierung nötig war schon einiges gesagt worden; zum anderen von der Ein-
haben. Mit dem Konzept des Tabus wurden wir quasi zu An- sicht in die Dekadenz der Kritischen Theorie, die beim Publik-
58 Die Sonne und der Tod Subtexte einer Debatte 59

werden gewisser Habermas-Briefe an seine Helfer in den unter Mitwirkung Nietzsches und Platons als Gästen im Stu-
Medien aufbrach. Man mußte mit einem Mal zur Kenntnis dio. Ich habe diese Rede gelegentlich als ein Notturno be-
nehmen, daß in Deutschland die Gentechnikdebatte öffentlich zeichnet, um den leisen und unheimlichen Charakter meiner
nie auf der Höhe geführt worden war, die von der Sache ver- Überlegungen anzudeuten. Bei diesem nächtlichen Gespräch
langt wird - und zwar nicht zuletzt aufgrund der bekannten wird gegen Heidegger zu bedenken gegeben - und zwar unter
historischen Blockaden. Wir haben erlebt, wie der Korken von Hinweis auf Beobachtungen Platos und Nietzsches -, daß in
der Überdruckflasche gesprungen ist, nun war der Flaschen- der Lichtung vielleicht doch mehr stattfindet als nur ein stilles
geist der Biotechnologie freigelassen. Im übrigen hat sich Gewahrwerden der Welt als Welt. Nach meiner Überzeugung
durch die zeitliche Nachbarschaft zwischen der Menschen- haben die Menschwerdung im allgemeinen und die Öffnung
park-Debatte und der Beschleunigung des Human Genom- der Lichtung im besonderen etwas mit Domestikation zu tun,
Projekts eine starke Objektivierung der Problemlage ergeben. also mit der Verhäuslichung von homo sapiens. Die Mensch-
Nur am Anfang konnten die deutschen Empfindlichkeiten werdung ist als solche ein spontanes Selbstzüchtungsgesche-
den Ton vorschreiben, mit der Zeit hat die Sachdiskussion die hen gewesen. Mit dieser These wird der Blick auf die biolo-
Oberhand gewonnen. Es ist doch klar, daß die von mir mehr gische Konstitution der Gattung gelenkt, aber mehr noch, wie
angedeuteten als ausgeführten Hinweise einen Realitätsgehalt gesagt, auf deren kulturgeschichtliche Bedingtheit. Worauf es
haben, den man nicht länger verdrängen kann. In der Affaire mir ankommt, ist die These, daß Menschen Geschöpfe einer
wurde diese Verdrängung aufgehoben. Das bedeutete für uns Verwöhnungsgeschichte sind und sie allein in diesem Sinne
den Anschluß an den internationalen Stand der Kunst. Aus »Haustiere« genannt werden können. Man muß sich Gedanken
einem lokalen Mißverständnis ist schließlich etwas geworden, machen über die Art von Häuslichkeit, die bei homo sapiens gilt.
was man in Frankreich einen de’bat national nennen wurde, Das Wohnen in Häusern führt immer zu Verwöhnungen: Das
Für unsere Verhältnisse war das ein Quantensprung in Diskus- auf Herder und Gehlen zurückgehende Theorem vom Men-
sionskultur. schen als Mängelwesen ist eine Deckform dieser Einsicht. Die
Ich sollte vielleicht noch einmal anmerken, daß meine Rede als ungeheuerliche Unwahrscheinlichkeit von Sapiens-Lebensfor-
solche mit Phantasien über die sogenannte Menschenzüch- men muß seit jeher, besonders aber auf der Hochkulturstufe,
tung nichts zu tun hat - sie enthält in dieser Hinsicht lediglich durch eigene Bemühungen um Menschenformung kompen-
die konventionelle These, daß die Evolution von h o m o sapiens siert werden. So läßt sich verstehen, warum in den Hochkulm-
einen biologischen Sonderweg darstellt, der bei einem Kultur- ren ein ständiger Streit um die Erziehung und Dressur des
lebewesen mündet, einem Lebewesen, bei dem - und das ist Menschen stattgefunden hat. Mein anzüglicher Hinweis auf
der weniger konventionelle Teil meiner These - auch in seinem Zarathustras Besuch in der Stadt der kleinen Häuser sollte das
Kulturzustand fortlaufend biologische Prägungen geschehen, anzeigen - in diesem Zusammenhang findet sich der Nietz-
allerdings auf eine eher naturwüchsige und überwiegend unbe- sche-Satz, daß der Mensch »des Menschen bestes Haustier«
wußte Weise, indessen man künftig auch mit bewußt vollzoge- sei. Ein ähnlicher Hinweis steht hinter der von mir zitierten
nen Beiträgen zu diesem Prägungsgeschehen rechnen muß. platonischen Pastorale aus dem Po~&~,&r, in dem das Wesen der
In der Hauptsache ist die Menschenpark-Rede ein szenisches Politik mit der Metapher der freiwilligen Aufsicht über freiwil-
Zwiegespräch mit Heidegger über den Sinn der »Lichtung«, lige, vernunftfähige »Herden« umschrieben wird. In Platons
60 Die Sonne und der Tod Subtexte einer Debatte 61

Park sollen bekanntlich die tapfere und die besonnene Ge- hätte. Es waren gewisse »engagierte« Feuilletonisten und einige
mütsart miteinander kombiniert werden. Die Metapher vom Borderliner des Humanismus, die sich zu meiner Rede etwas
»Menschenpark« ist also eine Platon-Paraphrase - wobei ich einfallen ließen.
selber zum Ausdruck »Park« eher amerikanische als europäi- Der dritte Skandal im Skandal warf ein Schlaglicht auf die
sche Bedeutungen assoziierte. Man hätte eigentlich auf Nach- Diskurshegemonien in der deutschen Öffentlichkeit. Ich habe
barbegriffe wie Maschinenparks und Themenparks kommen in meinem Nachruf auf die jüngere Kritische Theorie in der
müssen, meinetwegen auf Eurodisney oder auf die Insel Uto- Zeitvorn 9. September 1999 Die Kritische Theorie ist totdie tech-
pia des Thomas Morus - warum auch nicht, da dort ziemlich nischen Sachverhalte offengelegt, die zu der Affaire geführt
unverblümte Brautschaurituale üblich waren. Ich hätte es, um hatten. Ich wollte den okkulten spiritus rector der Affaire, Jürgen
ehrlich zu sein, nie für möglich gehalten, daß ein paar Zitate Habermas, daran erinnern, daß es nicht angeht, sich in einer
aus Klassikern der Ideengeschichte bei philosophisch Unvor- Angelegenheit von solchem Streitwert durch Journalisten ver-
bereiteten solche Wirkungen provozieren könnten, Aber viel- treten zu lassen. Leider hat er sich der Herausforderung zum
leicht sollte man positiv denken und sich sagen, daß der Austausch der Argumente nicht gestellt. Wiederholten Einla-
Skandal ein gutes Zeichen war. Ließ er nicht erkennen, daß die dungen seitens Dritter, sich über unsere Differenzen auf einem
öffentliche Intelligenz wieder bereit ist, auf einen Problem- Podium zu verständigen, hat er sich verweigert. Was die Partei-
Alarm anzusprechen? gänger von Habermas angeht, haben sie erst gar nicht ver-
Zu den ersten Resultaten der Affaire gehört jedenfalls, daß sucht, meine Darlegung zu entkräften. Ich verstehe, daß die
man zu verstehen beginnt, wie die Sache der sogenannten Fakten für die Partei der Angreifer beschämend sind, so daß sie
»Anthropotechniken« zur Sache einer Anthropopolitik werden an einer weiteren Fokussierung der Aufmerksamkeit auf die
muß. Auf diese Ausdrücke kommen wir zurück. Die Gattungs- Zeugnisse kein Interesse haben. Habermas hat den Wieder-
frage wird also zu einem Politicum - das ist ein Sachverhalt, abdruck seines Leserbriefs an die Zeit, in dem er seine Nicht-
auf den Michel Foucault vor fünfundzwanzig Jahren in sei- beteiligung an der Montage der Affaire beteuerte, in einer
nen Überlegungen zu der von ihm so bezeichneten Biopolitik holländischen Dokumentation der Debatte verboten. (Regels
hingewiesen hat. Im übrigen habe ich Grund festzustellen, daß voor het Mensenpark. Kroniek van een Debaat, Boom, Amsterdam,
die Kenner der Forschungssituation in Deutschland sich in der 2000). In diesem Band sind Beiträge von Richard Dworkin,
Affaire überwiegend versachlichend geäußert haben. Ernst- Rüdiger Safranksi, Antje Vollmer, Slavoj ZiZek, Robert Spae-
Ludwig Winnacker, der Vorsitzende der Deutschen Forschungs- mann, Bruno Latour, Lorenz Jäger, Wim Boefink, Henri Atlan
gemeinschaft, Hans Lehrach, Koordinator des deutschen Ge- und anderen versammelt - man sollte meinen, das sei eine
nomprojekts, Wolf Singer, Leiter des Max-Planck-Instituts für Gesellschaft, in der sich ein Argurnentierer sehen lassen kann.
Gehirnforschung in Frankfurt, und andere Wissenschaftler Habermas hat es vorgezogen, seine Verantwortung abzustrei-
haben inmitten der Turbulenz zu den Sachfragen in einer, wie ten. Ich habe zur Person und zur Sache die einzig mögliche
mir schien, angemessenen Tonart Stellung genommen. Selbst- Konsequenz formuliert: daß von der vielgerühmten Frankfur-
verständlich wurde mir nicht in allen Punkten recht gegeben, ter Schule, die zu Adornos Lebzeiten und bis zur Kritik der
aber die meisten halten ganz zu Recht die Aufregung für über- zynischen Vernunft auch meine Schule und mein wichtigstes Be-
trieben. Sie fanden in meinem Text nichts, was sie beunruhigt zugssys tem war, nicht viel mehr übriggeblieben ist als ein
62 Die Sonne und der Tod Subtexte einer Debatte 63
Klüngel zur Ausübung von Mentalitätsmacht und ein paar aka- P. S. Die Antwort von Habermas ist priesterlich im technischen
demische Seilschaften. Es hat sich im konkreten Fall gezeigt, Sinn des Wortes, wenn man von Nietzsches Definition des
daß sich in diesem Verein kein konfliktfähiges Gegenüber Priesters ausgeht.
mehr ausmachen läßt. Nach meiner Definition ist eine Theorie H.-J.H. Der Philosoph als Vorsprecher des Konsensus und
dann tot, wenn sie nur noch Selbstgespräche führen kann. bloßer Nach-Denker von Vorgedachtem - und eine Spur mehr
Diese Feststellungen sagen aber nicht die ganze Wahrheit, von den befreienden denkerischen Möglichkeiten, die von den
denn wenn es auch zutrifft, daß es mit der Kritischen Theorie wesentlichen Autoren dieses Jahrhunderts, von Bataille,Valcry,
aufgrund ihrer prinzipiellen Fehlanlage nicht mehr weitergeht Canetti, Adorno, Benjamin, Foucault und Deleuze offengelegt
und daß es ihr nicht gelungen ist, eine überzeugende dritte wurden. Ich frage nur, können diese Abgrenzungszwänge,
Generation hervorzubringen - was typisch ist für jede nur diese Verhärtungen innerhalb der akademisierten Philosophie
konjunkturelle Bewegung -, so bleibt es doch eine Tatsache, selbst aufgelöst, können die Gräben überbrückt werden?
daß der Breitenerfolg der Frankfurter Schule auf der Ebene P.S. Wollte man ein wenig boshaft sein, könnte man wahr-
diffuser Mentalitätsprägungen nach wie vor beachtlich ist. Man heitsgemäß konstatieren, daß die historische Leistung der
könnte sogar behaupten, daß der ganze linksliberale Block, zeitgenössischen Schulphilosophie in der vorbildlichen Selbst-
das mentale Mittelfeld der deutschen Medienlandschaft, aus verwaltung ihrer Überflüssigkeit besteht - einer Überflüssig-
ihren vagen Adepten besteht, das heißt aus Leuten, die für sich keit, die Bestandsgarantien besitzt dank ihrer Festschreibung
den Vorzug in Anspruch nehmen wollen, kritischer zu sein als in den Kultushaushalten der Länder. Der offizielle Philoso-
der affirmative Rest. Für diese überwältigende Mehrheit ist phiebetrieb - ich meine jetzt nicht die Kritische Theorie im
es charakteristisch, daß sie sich als eine bedrohte Minderheit besonderen - ist vor allem ein System, in dem Anpassung an
ausgibt - weswegen sie ihre Hegemonie gern im Stil von Wi- selbstreproduktive Zwanghaftigkeit belohnt wird. Unnötig zu
derstand gegen eine Übermacht ausübt. sagen, daß es auch ein paar seriöse Ausnahmen gibt, einige
H.-J. H. Ich möchte aus Habermas’ Stellungnahme zu Ihrem wirkliche Talente und einige produktive Forschungszweige.
satirisch-polemischen Manifest Die Kritische Theorie ist tot zwei Aufs Ganze gesehen ist der Eindruck von Stagnation überwäl-
Wendungen aufgreifen. Habermas bezeichnet in seinem Brief tigend. Wer Analogien ziehen möchte, kann Ähnliches bei den
..
an die Zeit, der unter der Überschrift »Post vom bösen Geist« entgeisterten Geistlichen des 19. Jahrhunderts beobachten, die
erschien, Ihr Denken als »neuheidnisch«. Er fügt die Bemer- in die Laufbahnen der protestantischen Kirchen eingerückt
kung hinzu, Sie gehörten zur »gesunden Vorhut einer nachrük- sind, obwohl es mit ihrer Spiritualität weil3 Gott nicht mehr
kenden Generation«, von der er sich offenbar wenig Gutes weit her war. Um so tüchtiger waren solche Leute seit jeher
verspricht. Zwischen dem Prädikat »neuheidnisch« und dem beim Ausschauen nach Reproduktionsmöglichkeiten und
Wort von der »gesunden Vorhut« gibt es einen latenten Zusam- beim Sich-Einnisten in Pfründensystemen. Für sie ist die Uni-
menhang, den man explizit machen muß, um die Absichten versität einfach eine ökologische Nische, Der Philosophiepro-
des Verfassers zu würdigen. Wenn man den Brief von Haber- fessor ist an die Universität angepaßt wie der Pinguin an die
mas an die Zeitliest, so merkt man als erstes, wie fassungslos er Antarktis. In evolutionärer Sicht ist der Akademismus in der
darüber ist, daß es jemand gewagt hat, das Konsensussystem Philosophie ein Nebeneffekt aus der chronischen Überpro-
seiner Schule in Frage zu stellen. duktion von Habilitierten, der zum Wettbewerb um falsche
64 Die Sonne und der Tod Subtexte einer Debatte

Vorzüge führt - es werden über Generationen hinweg Unarten reich seinen Freund Jürgen Habermas einen Melanchthon des
belohnt und Fehlhaltungen hochgezogen. Die Beobachtun- 20. Jahrhunderts genannt: Das ist gut gesehen und vornehm
gen von Max Weber zu diesem Thema gelten heute noch ge- formuliert, denn so wie Melanchthon gewissermaßen der Justi-
nauso wie am Anfang des Jahrhunderts. Ob diese strukturellen ziar der Reformation war, wenn auch selbst kein Reformator,
Voraussetzungen der Entgeisterung aufgelöst werden kön- war Habermas in seiner produktiveren Phase eine Art Theorie-
nen, wie Sie sagen, das weiß ich nicht - ich zweifle daran, denn diplomat und ein Diskursmanager mit Sinn für historische
Universitäten sind nach allem, was wir von ihnen wissen, Kompromisse. Ich würde ihn allerdings weniger als einen
stark selbstbezügliche, völlig kritikresistente und kaum re- Melanchthon, sondern als einen David Friedrich Strauß des
formfähige Institutionen. 20. Jahrhunderts bezeichnen, einen Gelehrtentypus, über den
Aber lassen Sie mich noch etwas zu diesem ominösen Termi- Nietzsche in der ersten U n z e i t g e m ä ß e n Betrachtung das Nötige
nus »neuheidnisch« sagen, der wie ein erratischer Block in der gesagt hat. Aber die Zeiten haben sich geändert, inzwischen
Klischeewüste der Debatte über meine Rede liegenblieb. merken auch die Uneingeweihten, daß die Habermasschen
H.-J. H. Die Auffälligkeit des Ausdrucks läßt vermuten, daß Formeln stumpf geworden sind. Sie greifen an den realen Ver-
er als Symptom gelesen werden kann. Sollte man um diesen hältnissen zwischen Kommunikatoren vorbei, ob von Anfang
Block umherwandern und ihn genauer untersuchen? an oder durch Veränderung der historischen Umstände, das sei
P. S. Genau das ist es, was wir hier tun sollten. Mir scheint, dahingestellt. Der Ausgangspunkt beim zwanglos konsensus-
wenn man verstanden hat, was »neuheidnisch« bedeutet und produktiven Gespräch unter Freunden läßt sich auf krypto-
wann der Ausdruck eingesetzt wird, dann begreift man, was die monologische Prämissen hin durchschauen. Luhmanns Dia-
Kritische Theorie im Habermas-Stil eigentlich ist und seit jeher gnose hatte trocken gelautet, daß man es mit dem Ausfluß
war: der Entwurf einer Zivilreligion für die deutsche Nach- eines alteuropäischen Wahrheitskonzepts zu tun hat, wobei das
kriegsgesellschaft auf der Basis eines intersubjektiven Idealis- Wort alteuropäisch hier synonym mit monologisch zu lesen ist:
mus. Zivilreligionen sind Entwürfe für erwünschte Illusio- Obschon das Habermas-Modell dialogtheoretisch angelegt ist,
nen. Man hat in jüngster Zeit die Kritische Theorie als ein hat es einen nicht mehr zu verhehlenden monologischen Zug,
Schlüsselphänomen in der »intellektuellen Gründung der Bun- ja einen jakobinischen Kern - wenn man unter Jakobinismus
desrepublik« beschrieben und dabei den paraphilosophischen, die ständig ansprechbare Bereitschaft zur Vollstreckung des
mentalitätspolitischen Faktor des Phänomens auf den Begriff Konsensus versteht. Die Verständigung a la Habermas beruht
gebracht. Was in den sechziger Jahren zugunsten von Haber- auf der Unterwerfung der Teilnehmer unter eine Vor-Verstän-
mas sprach, war sein Sinn für die historische Lage: Damals digung, von der er hofft, sie ließe sich methodisch kontrollie-
brauchte man angesichts der deutschen Zustände so etwas ren. Mit ein wenig Distanz sieht man aber, daß der intendierte
wie einen Religionsfrieden in den Sozialwissenschaften und in Konsensus und seine Herstellung in überwachten kommuni-
den ideologiekritischen Diskursen. Habermas hat den overkill- kativen Prozeduren eine religiöse Phantasie darstellt, die dem
Aspekt in der Gesellschaftskritik der älteren Kritischen Theo- Abendmahl nachempfunden ist. Doch wird man ohne Brot,
rie und im Neomarxismus abzufangen versucht und ganz auf ohne Wein an den Konferenztisch des Herrn zitiert. Wer sich
Westintegration der Vernunft gesetzt. Das ist eine Leistung, nicht im voraus unterwirft, wird erst gar nicht eingeladen. Ich
über die sich reden läßt. Alexander Kluge hat einmal sehrgeist- betone, daß diese Bemerkungen sich an den Wortlaut der Texte
66 Die Sonne und der Tod Subtexte einer Debatte 67

halten. Habermas hat seine Nähe zu theologischen Motiven, pas nur soviel annehmen darf, wie mit dem regelmäßigen
zumindest solchen aus der jüdisch-christlichen Tradition, in Besuch von diskursphilosophischen Seminaren vereinbar ist.
seinen späteren Publikationen offen reklamiert. Er spricht in Der weltliche Humanismus soll nur legitim sein, wenn er unter
eigener Sache von der »diskursiven Verflüssigung religiöser christlich-monotheistischer Kontrolle bleibt.
Gehalte«. Damit ist eine Aufgabe bezeichnet, die ernst genom- Wie angedeutet, ist dieses Kulturkampfschema seit dem 19.
men werden könnte, wenn sie gut gemacht würde. Das Pro- Jahrhundert in Deutschland und Mitteleuropa virulent. Wenn
blem mit Habermas ist, daß er an seine eigene Theorie nur bei es um »Athen oder Jerusalem« geht, entscheidet der gute Eu-
gutem Wetter glaubt. Auf der strategischen Ebene denkt er ropäer sich entweder für Jerusalem, sofern er für sein Ethos
konsequenter als irgendwer sonst in Freund-Feind-Katego- exklusiv die jüdisch-christliche Quelle in Anspruch nimmt,
rien. Carl Schmitt steht ihm viel näher als Karl Barth. oder er entscheidet für Athen mit Jerusalem, wie es im Juste
Aber nun zum kritischen Punkt: Der Ausdruck »neuheidnisch« milieu üblich ist. Aber er darf, wenn es nach den Kontrolleuren
stammt aus dem Antimodernismuskampf der Kirchen, die ginge, nie für Athen als erste Adresse votieren. Seltsam genug
sich mit der Heraufkunft einer säkular orientierten Gesell- ist nur, daß die progressiven Europäer seit dem 18. Jahrhundert
schaft im 19. Jahrhundert um nichts in der Welt haben abfinden fast ohne Ausnahme Graecophile sind, die Athen gewählt ha-
wollen. In den kulturkämpferischen Reden der Kirchenmän- ben und insofern durchweg das Prädikat neuheidnisch verdie-
ner wird etwa Goethe routinemäßig als der erfolgreichste und nen. Aber auf dieser Ebene ist das Wort ohnehin längst ein
gefährlichste von allen Neu-Heiden attackiert. Er verkörpert Nonsens-Ausdruck. Wissenschaft, Technik, Parlamentarismus,
das Böse, sofern er die Kunst über die Moral stellte und das Geldwirtschaft, Kunst, Massenunterhaltung, Medizin, Kör-
Unendliche eher in der Natur finden wollte als in den Kirchen. perkultur - praktisch alles, was die moderne Welt ausmacht -
Habermas, als Pastorenenkel, hat solche Wendungen natürlich sind keine christlichen Projekte, sie haben auch keine spezi-
noch im Ohr. Allein, er möchte suggerieren, daß auch Hitler fisch monotheistischen Voraussetzungen. Bei allem Respekt
ein Heide war. Ist aber nicht in Friedrich Heers Studie über die vor der Bemühung um das religiöse Erbe der regionalen Hoch-
Geschichte des Judentums Gottes erste Liebe ausdrücklich und kulturen darf man sogar fragen, ob der Monotheismus als
im wesentlichen richtig von dem verirrten »österreichischen Matrix für eine zeitgenössische Ethik taugt oder ob man in ihm
Katholiken Adolf Hitler« die Rede? Habermas unterstellt fer- nicht vielmehr die Mutter aller Fanatismen sehen muß. Der
ner, daß die sogenannten Heiden eine Neigung haben, aus Friedensforscher Johan Galtung hat hinsichtlich der polemo-
der abendländischen Tradition auszusteigen, um wieder Men- genen Energie der monotheistischen Religionen eine verhee-
schenopfer einzuführen und Bäume anzubeten. rende Bilanz aufgestellt, und selbst wenn man die positiven
Wo von Heiden die Rede ist, da kann der Missionar nicht weit Momente gegenrechnet, bleibt ein starker Überhang an Be-
sein. Im Grunde ist Habermas ein Theoretiker der Reeduka- denken. Die religiöse Kultivierung des Schuldgefühls, Kern
tion geblieben - wie gesagt, eine historisch respektable, aber der monotheistischen Über-Ich-Bildungen, ist keine geeignete
kontraproduktiv gewordene Position. Wenn Habermas gegen Affektbasis für einen modernen Gesellschaftsentwurf. Gewiß
das »neuheidnische« Element im modernen Denken stichelt, steht die Aufklärung, von der wir herkommen, hier und da in
so spricht aus ihm der deutsche Ziviltheologe im Philosophen- der Schuld des Christentums, aber ihr way of life ist kulturell
habit. Er will vorschreiben, daß man vom antiken Erbe Euro- breiter angelegt als die vita christiana und führt darum mit Not-
68 Die Sonne und der Tod Subtexte einer Debatte 69
Wendigkeit in eine nachchristliche und nachreligiöse Situation, ein Symptom dafür, wie schwer es vielen Kommentatoren fällt,
Eugen Rosenstock-Huessy, über den wir schon im ersten In- die von Hannah Arendt konstatierte Banalität des Bösen in
terview sprachen, hat diese Einsicht bereits in den zwanziger ihren ganzen Bodenlosigkeit nachzuvollziehen. Daß sich hin-
Jahren formuliert und aus ihr einen offensiven Begriff von ter Verbrechen größten Ausmaßes nicht eine Spur von höhe-
praktizierender Nachchristlichkeit entwickelt. Ich glaube, daß rem Sinn verbirgt - das ist eine hermeneutische Zumutung, der
..
dies nach wie vor dem Stand der Kunst entspricht. Habermas viele Zeitgenossen und Uberlebende nicht gewachsen waren.
hat üblicherweise einen gut entwickelten Sinn für strategische Die Verbrechen legen allenfalls umfassende Verwahrlosungen
Begriffsbildung. Wenn er in diesem Fall so danebengreift, dann bei den Tätern offen. Zugegeben, die Faschismen haben, wie
aus idiosynkratischen Gründen. Er macht dem theologischen die real existierenden Sozialismen, von Anfang an die Pubertät
Antimodernismus schöne Augen, weil er zu seiner Kommuni- symbolpolitisch ausgebeutet. Man hat aus Zeltlagerritualen
kationstheorie, in der radikale Gesellschaftsbewegungen nicht und Sonnwendfeiern einen Mehrwert an Feierlichkeit produ-
vorgesehen sind, ein wenig Radikalismusabwehr hinzukaufen ziert, der von den Betroffenen als Gottesdienst mißverstanden
muß - bezeichnenderweise bei der Theologie und nicht bei der werden konnte. Aber solche Rituale haben nicht mehr spiritu-
Sozialpsychologie. Sein Pech ist, daß die NS-Bewegung essen- elles Gewicht als, sagen wir, die Eröffnungsfeier eines Sport-
tiell kein »Neuheidentum« gewesen ist, obschon manche Kir- fests oder die Sitzung eines Elfer-Rates. George Mosse hat
chenleute und Ideologen das bis heute gern so sehen möchten. übrigens in seinem Buch Die Nationalisierung der Massen sehr
Gewiß, der Nationalsozialismus besaß wie alle Großideologien klar gezeigt, wie die politischen Liturgien der NS-Versamm-
des 20. Jahrhunderts eine Kultoberfläche, die manche Inter- lungen nicht auf religiöse Vorbilder, sondern auf Formen des
preten - Eric Voegelin an erster Stelle - dazu verführte, ihn als öffentlichen Klassikerkults im 19. Jahrhundert zurückgehen.
eine »politische Religion« zu interpretieren. Solche Deutungen Daß wir uns richtig verstehen: Es hat in Deutschland und an-
beweisen nur, daß oft gerade kluge Interpreten nicht imstande derswo einen kleinen religiös motivierten Widerstand gegen
sind, hohle Gegenstände so hohl zu lassen, wie sie sind. Sie den Nationalsozialismus und andere Manifestationen von Fa-
legen etwas Geisthaftes, Prinzipielles in sie hinein, was ihrem schismus gegeben, sehr punktuell, ohne Massenbasis und ohne
trivialen Charakter nicht entspricht. Diese Interpretationen ausreichende Wirkung, aber immerhin vorhanden. In diesem
spielgeln die Eitelkeit der Interpreten, die über weniger als eine engen Widerstandskontext hat - trotz des katastrophalen Ver-
Religion nicht reden wollen. Aus der Addition von Rassisten- sagens der Kirchen im »Dritten Reich« - die Antithese christ-
dummheit, Bürokratendummheit und Soldatendummheit ent- lich-heidnisch noch einmal einen relativ annehmbaren Sinn
steht noch lange kein religiöses Phänomen. Auch die Tatsache, erhalten. Außerhalb dieses Zusammenhangs ist die Sprach-
daß manche Nazis zwanghaft mit der Unterscheidung zwi- regelung unbrauchbar, um nicht zu sagen lächerlich. Die NS-
schen dem deutschen Guten und dem nichtdeutschen Bösen Ideologie war eine Mixtur aus militaristischer Fitness-Bewe-
gearbeitet haben, ist kein Indiz dafür, daß hier gnostischer gung und völkischer Event-Kultur, auf der Basis einer sehr
Dualismus am Werk war, wie der unselige Denunziant aller flachen und sehr groben naturalistischen Machtlehre. Mit Re-
Moderne, Voegelin, vermutete, sondern es handelt sich um ligion hat das nicht das geringste zu tun. Faschismus ist eine
simples binäres Denken am grenzdebilen Pol. Die impulsive Politik der integralen Rache; er spricht Verliererkollektive an
pseudometaphysische Überinterpretation des Faschismus ist und verführt sie zu selbstzerstörerischen Kompensationen.
70 Die Sonne und der Tod Subtexte einer Debatte 71

Nichts anderes ist die Hitler-Formel. Der Faschismus bietet Griechenland aufgezählt, während andere Autoren, insbeson-
abgeschlagenen Ambitionsträgern alternative Aufstiegsmög- dere Jan Assmann, darauf bestanden haben, daß Ägypten in
lichkeiten an - das ist sein Geheimnis. Er bringt trotzige Verlie- einer solchen Liste, wenn sie sinnvoll sein soll, unmöglich
rer auf Nebenwegen zum Genuß. Darin besteht seine Attrak- fehlen darf. Assmann hat das Nötige dazu beigetragen, die
tivität. Wilhelm Reich hat den Faschismus als eine Form der chronologische Mystifikation im Achsenzeittheorem aufzulö-
emotionalen Pest definiert, womit wir wieder auf den Boden sen, indem er zeigen konnte, daß die bewußten Kulturen des
der politischen Sozialpsychologie zurückgeführt werden. Noch »Durchbruchs« keine anderen sind als die Kulturen, die zur
in der Gegenwart kann man diese Mechanismen lokal wie in Schrift übergegangen waren und deshalb eine neue Ökologie
Laborversuchen beobachten, etwa im ostdeutschen National- der Erinnerung und eine neue Persönlichkeitskultur entwickel-
hooliganismus oder bei den in ihrer Kränkung fixierten Serben ten, die um die Figuren der Schriftkundigen und Weisen gra-
unter dem Linksfaschisten Milosevic, der sich die ganze Zeit vitierten - mit diesen Annahmen läßt sich die ägyptische
über als unbeirrbarer nationaler Sozialist präsentierte. Wotan Verfrühung gegenüber der angeblichen temporalen Achse
und andere rezyklierte Götter haben bei solchen Inszenierun- plausibel deuten: Es geht in Wahrheit um eine Schriftachse.
gen des Größenressentiments nichts zu suchen, das mythologi- Aber was im Augenblick zählt, ist die Tatsache, daß wir bei
sche Geflunkere tat nie etwas zur Sache. einer solchen Sicht schon über den Athener wie den Jerusale-
Was den Ausdruck »neuheidnisch« bei Habermas völlig un- mer Regionalismus hinaus sind. Wir hätten sechs hochkultu-
möglich macht, ist die Tatsache, daß er von einem fatalen relle Formationen, die als virtuelle Ausgangspunkte für Pfade
Kulturprovinzialismus zeugt. Sein Verwender möchte nicht in Weltkulturen in Frage kommen, vielleicht müssen wir sogar
wahrhaben, was Toynbee-Leser, Leser Max und Alfred Webers, acht solcher Ansätze anerkennen, wenn wir die mesopotami-
Leser von Marcel Granet, Leser von Heinrich Zimmer und schen und die mittelamerikanischen Versuche dazurechnen,
nicht zuletzt Leser von Karl Jaspers und Gotthard Günther was strittig ist. Sicher ist nur, daß sich in einer Mehrzahl von
über den Pluralismus der Hochkulturen wissen. Ich bin sicher, Hochkulturen ein Durchbruch zum Denken des Umgreifen-
daß Habermas früher einmal auf diese Diskussionen einen den vollzogen hat. Es kommt etwas arg Provinzielles zum
Bli c k geworfen hat, sich aber nur wenig von ihnen aneignen Vorschein, wenn Habermas suggeriert, daß Europa oder die
wollte. Man versteht, wieso, denn er konnte die reale Vielheit christlich-hellenistische Synthese die einzige Kultur wäre, die
der Kulturen in seinem Konsensusmodell nicht brauchen. den Übergang zum Denken des Universalen geleistet habe. In
Seine »idealen Sprechsituationen« sind durch und durch mo- Wahrheit haben wir es in weltkultureller Sicht mit einem Plura-
nokulturell vorbehandelt, die »Einbeziehung des Anderen« lismus der Universalismen zu tun - wobei man in bezug auf
macht genau dort halt, wo man die Kulturgrenzen überschrei- alle einschränkend sagen muß, daß sie einen regionalen Cha-
ten müßte, um den wirklichen Anderen zu Gesicht zu bekom- rakter besitzen und nicht tel quel globalisiert werden können.
men. Wäre es nicht so, müßte darauf eingegangen werden, daß Wie eine umspannende Weltkultur aussehen wird, ist zum ge-
seit der sogenannten Achsen-Zeit mindestens fünf »Kulturen genwärtigen Zeitpunkt unmöglich zu sagen, doch alles spricht
des Durchbruchs« zu hochkulturellen, universalistischen, po- dafür, daß sie eher pluralistisch als monotheistisch und eher
tentiell menschheitsethischen Weltauslegungen existieren, Jas- technologisch als metaphysisch orientiert sein wird; in ihr
pers hat bekanntlich China, Indien, Persien, Palästina und wird der säkular-multikulturelle Faktor ebenso stark sein wie
72 Die Sonne und der Tod Subtexte einer Debatte 73
der religionsökumenische, vermutlich stärker. Da stellt sich die Lektüre-Fenster beobachten. In ihrem Weltbild fehlt alles, was
Frage: Soll es durch eurozentrische Moraldogmatiker dem- zur ethnologischen Bibliothek des 20. Jahrhunderts gehört; es
nächst verboten werden, sich für außereuropäische Möglich- fehlt alles, was kulturell Osten oder Süden ist, bei den jüngeren
keiten universaler Weltauslegung zu interessieren, etwa für die fehlt zudem jeder glaubhafte Bezug zur modernen Kunst, und
chinesischen, die hinduistischen, die buddhistischen Formen? das ist für eine Philosophie, die zeitgenössisch sein will, ein
Soll etwa suggeriert werden, daß der Sinai-Standard der Ethik fataler Befund.Wenn in der Habermasschule von »Lebenswelt«
auf dem Spiel stehe, sobald man sich als westlicher Philosoph geredet wird, ist das eine Phrase für ein unbebautes Feld, auf
die Freiheit nimmt, sich für die Ethik des achtfachen Pfades zu dem kein Halm an konkreten Kenntnissen mehr wächst. Han-
interessieren? Ich lehne den Ausdruck »neuheidnisch« wegen nah Arendt hat einmal im Blick auf John Dewey gesagt, sein
seiner polemogenen Implikationen ab; es ist ein mit Theolo- Denken sitze in einem »Elfenbeinturm des Common Sense« -
genressentiment vollgesogenes Wort von gestern und vorge- ein Wort, das die jüngere Kritische Theorie im voraus resü-
stern, es ist auch innertheologisch Symptom einer überwunde- miert. Die andere schwierige Erbschaft der Kritischen Theorie
nen Situation. Einen Theologen, der einen solchen Ausdruck rührt daher, daß das hastig gerettete Gewissen des nachträg-
heute noch öffentlich einsetzen wollte, wurde man sofort als lichen Antifaschismus mit ihr verbunden ist. Genug dazu.
einen integristischen Reaktionär identifizieren. Was man einem H.-J. H. Diese Erörterung über das angeblich Neuheidnische
Theologen nicht durchgehen lassen kann, darf man einem So- schließt an das an, was wir soeben unter den Stichworten Frei-
ziologen erst recht nicht zugestehen, andernfalls wurden die heit und Selbsteinsperrung diskutierten. Freiheit ist ja nicht nur
Voraussetzungen für zivilisierten Verkehr zwischen den welt- ein individuelles Begehren, sie ist auch eine Manifestation von
anschaulichen Fraktionen der säkularisierten Gesellschaft zer- kulturellem Möglichkeitsbewußtsein. Was bestimmten Theo-
stört. Es ist eine pure Brandstiftervokabel. Symptomatisch rie-Vertretern in unserer verengten Sphäre offenbar nicht mög-
hierfür ist, daß das Wort »neuheidnisch« praktisch immer in lich ist, das ist: die längst ermöglichten realen Erweiterungen
kunstfeindlicher Absicht eingesetzt wird. Es dient frustrierten des Kulturbewußtseins und des Identitätsbewußtseins in ihr
Moralverkäufern dazu, Suchbewegungen von Schriftstellern Eigendenken zu integrieren.
und Künstlern in der nachchristlichen Situation schlechtzuma- Die rhetorische Wirksamkeit von Begriffen wie »neuheid-
chen. Die Nachchristlichkeit unserer Weltlage ist eine histori- nisch« besteht darin, daß sie eine Doppelfunktion haben. Sie
sche Gegebenheit. Sie verlangt nach Gestaltungen, nicht nach zielen einerseits auf ein Unbewußtes, sie rekurrieren also auf
Vorwürfen. etwas, was für die Benutzer der Ausdrücke selbst nicht greifbar
Ich fürchte also, bei unserem Neuheidentums-Experten kom- ist, was aber andererseits im kulturellen Unbewußten codiert
men mehrere problematische Erbschaften zusammen. Vor und abgelagert ist. Insofern haben diese etwas erratisch in die
allem eine starke Kurzsichtigkeit in anthropologischen, ethno- Diskussion eingebrachten Ausdrücke eine viel höhere Signi-
logischen und kulturwissenschaftliche Fragen, ein Befund, fikanz als Begriffe, die mit Überlegtheit verwendet werden.
der nicht nur die jüngere Frankfurter Schule trifft, sondern Solche Ausdrücke erzielen Wirkung dadurch, daß sie das real
auch schon für die meisten Vertreter der älteren Kritischen Heterogene und Komplexe auf polarisierende und exklusive
Theorie gegolten hat. Sie alle sind entschlossen eurozentrisch Optionen reduzieren.
geblieben. Sie sind Leute, die die Welt durch ein zu schmales Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang folgende Frage
74 Die Sonne und der Tod Subtexte einer Debatte 75

stellen: Sehen Sie die Debatte um Ihren Vortrag in der Folge selben Skandal in mehreren Lieferungen gegeben. Unter spe-
des 1986 begonnenen »Historikerstreits« über die Vergleich- kulativen Auspizien ist eine solche Kohärenzthese nicht unin-
barkeit oder Unvergleichbarkeit des Holocaust mit den Groß- teressant. Sie könnte aber noch mehr hergeben, wenn man sie
verbrechen Stalins? Sehen Sie sie in einem Zusammenhang mit medientheoretisch formulieren wurde. Vor allem in einer Hin-
früheren deutschen Debatten, also in der Folge des 1993 ge- sicht hatten wir offensichtlich immer denselben Skandal, in-
führten Streits über Botho Strauß’ Essay Anschwellender Bocks- sofern nämlich, als bei allen Aufführungen des Dramas die
gesang mit seinen provozierenden Thesen zum »verklemmten große Mehrheit der Gesellschaft nie eine Chance hatte, aus den
deutschen Selbsthaß« und zur Unfähigkeit der Modernen, das Vorgängen etwas zu lernen. Das einzige offiziell zugelassene
Tragische zu erfahren? Und weiter in der Folge der 1996 geführ- Ergebnis der Skandale ist die Erschöpfung, das plausible Ende
ten Debatte um Goldhagens Buch Hitlers willige Vollstrecker? der Überdruß. Systemtheoretiker werden dies vielleicht mit der
Und natürlich auch in der Folge des Walser-Bubis-Streits von Bemerkung quittieren, daß Gesellschaften als ganze ohnedies
1998? keine lernfähigen Entitäten sind und weder eine »vernünftige
P.S. Zunächst einmal: Ich bin überzeugt, daß jeder Skandal Identität« ausbilden noch ein globales Gedächtnis besitzen, so
ein Phänomen eigenen Rechts ist und jede Skandaltotalität ein daß man auch aus dem kollektiven Nicht-Lernen keine über-
individuiertes Ereignis darstellt. Damit hängt die Beobach- triebenen Folgerungen ziehen darf. Was mir zu denken gibt, ist
tung zusammen, daß man weder Debatten noch Skandale der Umstand, daß die Erregungswellen während der letzten
»machen« kann; bei jedem Versuch, einen Skandal oder eine Jahre dichter aufeinandergefolgt sind: In Deutschland wird seit
nationale Debatte willkürlich zu inszenieren, wird man mit Mitte der neunziger Jahre praktisch in jedem Herbst eine
Sicherheit scheitern. Bloße Provokationen besitzen keinen Alarmdebatte geführt. Das könnte ein Krisensymptom sein,
Mehrwert, die Eskalation, die dem Skandal seine Macht oder vielleicht aber auch ein Zeichen der Unsicherheit in der trotz
seinen Sog verschafft, findet nicht statt. Die Aufschaukelung allem beginnenden Normalisierung. Wir wissen noch nicht,
von ein paar brauchbaren Sätzen zu einem nationalen Eklat ist was diese Herbstunruhen bedeuten.
ein Geschehen, das man autopoietisch nennen könnte. Kein H.-J. H. Und was meinen Sie selbst: Besteht hier eine Konti-
noch so schlauer Regisseur wäre imstande, es als Kampagne zu nuität? Worin liegt die Verwandtschaft zwischen den Debat-
inszenieren, Das heißt nicht, daß es keine Drahtzieher oder ten?
Einheizer gäbe, doch sie spielen nur am Anfang eine Rolle. P. S. All diese Affairen sind in erster Linie Demonstrationen
Der Rest ist Mechanik. Natürlich darf man fragen: Gibt es der Medienmacht in modernen Gesellschaften. Darin besteht
zwischen diesen vier oder fünf größeren Skandalindividuen ihr innerer Zusammenhang. Sie zeigen, daß das bekannte Wort
der jüngeren Zeit in Deutschland ein Verwandtschaftssystem? Renans, die Nation sei ein tägliches Plebiszit, auf einer viel
Existiert eine identische Kerbe, in die bei all diesen Anlässen buchstäblicheren Ebene wahr ist, als man bisher zu denken
geschlagen wird? Diese Fragen sind öffentlich gestellt und be- gewagt hat. Nur müßte man den Ausdruck Plebiszit präzisie-
jahend beantwortet worden, etwa durch Roger de Weck in ren - denn worum es geht, sind tägliche Abstimmungen der
einem Leitartikel in der Zeitvorn Herbst 1999. Doch zog er für Bevölkerung über Erregungsvorschläge, die ihr durch die Me-
mein Empfinden eine etwas zu glatte Linie durch die Punkte dien präsentiert werden. Im Skandal kommt die Wahrheit über
hindurch, als habe es »im Grunde« immer nur den einen und die mediale Konstruktion der Massengesellschaft ans Licht -
76 Die Sonne und der Tod Subtexte einer Debatte 77

doch nimmt man sie gerade dann in der Regel nicht wahr, Überschrift wie »Die autogene Erregung« oder »Die kommuni-
weil man immer auf das Thema des Skandals schaut und nicht kative Illusion« erscheinen kann. Ich werde den Vorschlag
auf die medialen Mechanismen. Auf diesen Sachverhalt zielt machen, moderne Gesellschaften nicht mehr wie üblich unter
meine Bemerkung in Die Kritische Theorie ist tat, daß nur ein dem Gesichtspunkt ihrer Synthesis durch Information oder
Metaskandal die Machart des Skandals aufdecken kann. Ein durch Wertgemeinschaften und geteilte politisch-moralische
solcher Metaskandal hat sich in meinem Fall tatsächlich vollzo- Sinnstrukturen zu erklären. Viel eher scheint es plausibel, die
gen, vielleicht nicht so umfassend, wie zu wünschen gewesen großen massenmedial integrierten Gesellschaftskörper als
wäre, aber doch deutlich genug. selbststressierende Ensembles zu charakterisieren. Ich habe
Man muß sich mehr als bisher klarmachen, daß moderne Ge- dieses Modell in meiner Berliner Rede von 1997 zum 9. No-
sellschaften wie Themenbörsen organisiert sind. An diesen vember unter dem Titel Der starke Grund, zusammen zu sein.
werden ständig neue Themenwerte emittiert und in Tagesge- Erinnermgen an die Erfindung des Volkes schon einmal durchge-
schäften gehandelt. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, spielt und bin sicher, daß das Ergebnis des Vorversuchs die
ist die Öffentlichkeit viel weniger ein Medium der Aufklärung Fortsetzung rechtfertigt. Bei dieser Probe sieht man bereits in
als ein Forum zur Abwicklung von Themengeschäften. Die nuce, wie das Modell einer Deutung der sozialen Synthesis
großen Massenmedien, egal ob Druck- oder Funkmedien, be- durch Stress funktioniert. Alles spricht dafür, daß Menschen,
finden sich in einem permanenten Kampf um den Höchstkurs die keinen reellen Grund zum Zusammenleben unter demsel-
ihrer Themen. Und wenn sich ein Skandalthema gesellschafts- ben symbolischen oder politischen Obdach haben, sich einen
weit durchsetzt, dann bedeutet das zunächst nur, daß es einer solchen Grund autogen induzieren, indem sie sich als Teilneh-
Redaktion gelungen ist, einen Erregungsvorschlag zu machen, mer an den Aktivitäten einer Selbsterregungskommune enga-
der von den Konkurrenten unter allen Umständen nachge- gieren. Dabei finden zwischen semantischen und stressori-
ahmt werden muß - bis an den Punkt, wo quasi eine ganze schen Mechanismen Austauschvorgänge statt, die noch nicht
Gesellschaft monothematisch wird und in ein und derselben ausreichend beschrieben sind.
Erregung synchronisiert ist. Ich wurde den Nationalstaat als Um hier voranzukommen, erprobe ich eine Umstülpung der
ein System
, definieren, in dem Monothematiken oder Mono- psychoanalytischen Denkweise. Diese hat im Hinblick auf In-
hysterien für die Integration des Ganzen eingesetzt werden. dividuen eine Brücke zwischen Energetik und Semantik aufge-
Zwischen Napoleon und Hitler vollzogen sich solche ‘Total- baut, indem sie gezeigt hat, wie körpereigene Triebspannungen
synchronisierungen hauptsächlich durch die Kriege, danach mit kulturell vermittelten Bedeutungsketten, also Sprachäuße-
überwiegend durch Katastrophen und Affairen. rungen und Ausdrucksgesten, zusammengeschlossen sind; die
Seit einigen Jahren arbeite ich an einem Beschreibungsversuch Analyse kann darlegen, daß und wie die Energetik des Individu-
für moderne Mediengesellschaften, der durch Anregungen ums sich symptomproduktiv in die Signifikantenkette ein-
von Rene Girard und Gabriel Tarde motiviert ist. Dazu kom- hängt. Alle großen Psychoanalytiker haben diesen Sinn für
men neuerdings Anstöße von Heiner Mühlmann und Bazon die Subversion des Semantischen durch das Energetische -und
Brock, die mit ihrer Kritik der Ernstfall-Vernunft etwas Wich- umgekehrt - besessen. Ich wurde von der Psychoanalyse den
tiges in Bewegung gebracht haben. Ich denke, daß das Me- Ansatz, Energetik mit Semantik zu koppeln, beibehalten, aber
dien-Buch, das ich vorbereite, in zwei, drei Jahren unter einer in entgegengesetzter Richtung. Ich frage darum nicht mit Freud
78 Die Sonne und der Tod Subtexte einer Debatte 79
oder deMause: Welche individual- und familienpsychologi- tischen Konzept der gemeinsamen Halluzination, mit dem
schen Affekte können auf kollektiven und politischen Bühnen dynamischen Konzept der Nachahmungsflüsse, dem energeti-
agiert werden - zum Beispiel Ambivalenzen in der Vaterbin- schen Konzept der kollektiven Erregung und dem ontologi-
dung oder Abkömmlinge des Geburtsdramas? Mich interes- schen Konzept der Komplexität oder der Zusammengesetzt-
siert die umgekehrte Perspektive, ähnlich Deleuze: Welche heit von Ensembles aus Monaden und Zellen. Es ist kein
genuin gruppen- und massendynamischen Energien artikulie- Zufall, daß wir Gilles Deleuze am Beginn der Tarde-Renais-
ren sich in den Kollektiven und nur dort? Welche Erregungs- sance finden, die sich zur Zeit mit der Edition einer neuen
abläufe, welche Phantasmen, welche thematischen Epidemien Werkausgabe bei dem französischen Verlag Les em$cbeurs de
sind für soziale Großkörper typisch und wie breiten sie sich penser en rond abzeichnet - in meinen Augen einer der Glücks-
aus, wie teilen sie sich den Individuen und den Gruppen mit? fälle in der Theoriegeschichte unseres Jahrzehnts. Kein Zufall
Welche Spannungen kann man nur dadurch erleben, daß die auch, daß einer der produktivsten jüngeren Philosophen in
Erregung der Gruppe auf dich übergreift, und inwiefern und in Frankreich, der Deleuze nahestand, Eric Alliez, bei der Neu-
welchen Fällen ist das, was einzelne erfahren, bloß eine schein- ausgabe der Werke von Tarde eine wichtige Rolle spielt. Man
individuelle Manifestation von kollektiven Kraftflüssen und darf vielleicht anmerken, daß Rene Girard, der inzwischen bei
Sensationsnachahmungswellen? Mit einer Feldtheorie der epi- uns durch seine Theorie der mimetischen Konkurrenz und der
demischen Erregung kommt man also zu einer Gesellschafts- Triangulierungskonflikte bekannt wurde, ein Tardianer rein-
beschreibung in mimetologischen Ausdrücken - und das sten Wassers ist - man könnte ihm allenfalls vorhalten, daß er
bedeutet: man kehrt zurück zu Gabriel Tarde. Das ist etwas seinen großen Vorgänger zu selten zitiert. Immerhin wissen wir
Seltsames - diese Rückkehr zu einem, der nie so richtig da war! durch sein Werk wieder etwas besser, daß es bei den Prozessen
Etwas übertrieben gesprochen: Es gibt ein Verhängnis der der Mimesis oder der eifersüchtigen Nachahmung um das
französischen Sozialwissenschaften namens Durkheim (und realissimum der Gesellschaften geht, Bei beiden knüpfe ich in
analog dazu ein deutsches Verhängnis in der Gesellschafts- meinen neueren Arbeiten an, bei Girard schon länger, bei
theorie namens Max Weber). Durkheim ist durch seinen aka- Tarde erst in jüngster Zeit. Mit Hilfe dieser Autoren, zu denen,
demischen Erfolg - der natürlich unter anderen Aspekten wie gesagt, die kulturgenetische Theorie von Heiner Mühl-
hoch verdient war - direkt verantwortlich dafür, daß die Tarde- mann zur Natur der Kulturen hinzukommt, läßt sich darstellen:
Linie in der französischen Soziologie praktisch neutralisiert Die virtuellen Körper der großen sozialen Ensembles werden
wurde. Erst heute läßt sich überblicken, wie fatal das für die durch stress-mimetische Mechanismen integriert. In ihrem In-
Wissenschaften von der Gesellschaft war, denn nur bei Tarde nern fließen Energien von einer Art, die ich diskrete Paniken
hätte man das Vokabular und die Syntax lernen können, mit beziehungsweise Mikro- oder Makro-Epidemien nenne. Unter
deren Hilfe sich eine moderne Gesellschaft angemessen be- ihrer Wirkung werden Einheits-,Verwandtschafts- oder Kohä-
schreiben läßt. Er hat die informatische und moralische My- renzhalluzinationen in künstlich geschaffene soziale Einheiten
stifikation der Gesellschaftstheorie, die heute überall an der projiziert oder besser in diesen induziert, und dies um so inten-
Macht ist, schon im Ansatz aufgelöst. Tarde hatte die Gesell- siver, je jünger, künstlicher und willkürlicher diese Einheiten
schaft in Ausdrücken von überlegener Beschreibungs- und sind. Man kann das mit einer furchterregenden Deutlichkeit an
Deutungskraft erfaßt, zum einen mit dem parapsychoanaly- den jüngsten »Nationen« beobachten, die sich unter den Au-
80 Die Sonne und der Tod Subtexte einer Debatte 81

gen der Weltöffentlichkeit in ethnogene Delirien versetzen - Selbstabschottungseffekt der nationalen Pressen und der na-
diesen ganz jungen Wahnkollektiven, die als Groß-Serben, tionalsprachlichen Schulsysteme, Wenn man aber sieht, wie
Groß-Mazedonier oder als was weiß ich auftreten. Die älteren sich 1914 die Gelehrten und Studenten Europas in der Mehr-
Ethnien haben dies im Prinzip nicht anders gemacht, als sie heit verhalten haben, dann weiß man. daß es mit den vielge-
Nationalstaaten wurden, aber sie haben inzwischen eine ge- rühmten universalistischen Potentialen der Gymnasialkultur,
wisse Tradition oder eine Abgeklärtheit gewonnen, die ihnen der Wissenschaftskultur und der Aufklärung durch Druck-
hilft, ihre ethnohalluzinatorischen Mechanismen ein wenig ru- medien nicht so weit her war. Allgemein gilt, daß moderne
higer einzusetzen. Elias Canetti hat vor mehr als einem halben Nationalgesellschaften in ihren Gründungsphasen dazu verur-
Jahrhundert schon das Entscheidende ausgesprochen, als er in teilt sind, so zu tun, als seien sie vom Anfang der Zeiten her
seinen Aufzeichnungen Die Provinz des Menschen schrieb: »Die bestehende Kommunen im schlafenden Zustand gewesen und
Einheit eines Volkes besteht hauptsächlich darin, daß es unter müßten jetzt endlich zu sich selbst erwachen. Sie brauchen, um
Umständen wie ein einziger Verfolgungswahnsinniger handeln in Form zu kommen, immer so etwas wie einen »Ruck«, der in
kann.« In unserem Kontext muß man auch die Umkehrung der Regel durch die Provokation eines äußeren Feindes indu-
des Satzes berücksichtigen: Die Rechtfertigung eines einzel- ziert wird, in dessen Abwesenheit auch durch die eines inne-
nen Paranoikers besteht darin, daß er gelegentlich wie die ren. Ernest Gellner hat die Aufwachdelirien der medial ))zu
Inkarnation eines ganzen Volkes handeln kann. Beide Thesen sich« gebrachten modernen Nationalgesellschaften sehr tref-
zusammen umreißen das Feld, auf dem sich die Beziehungen fend beschrieben, und Thomas Macho hat in einer spannen-
zwischen nationalisierten Massen und ihren Führern organi- den Studie gezeigt, wie das Pflanzen von Freiheitsbäumen
sieren. Eine vergleichbare Sicht hatte schon Nietzsche wäh- diesen Neustart von schlummernden Bürgernationen aus dem
rend seines letzten luziden Jahres entwickelt, als er nicht mehr Selbstalarm symbolisch interpunktiert.
entscheiden konnte, wovor er sich mehr ekelte: vor dem Hoch- All diese erst vor kurzem, das heißt vor höchstens acht bis zehn
mut der mickrigen Hohenzollern im besonderen oder vor dem Generationen entstandenen Groß-Ensembles der Amerika-
Gesamtbild der europäischen Politik, die sich die Aufreizung ner, der Franzosen, der Italiener, der Belgier, der Deutschen
der Völker zu sinnloser Selbstüberhebung zum Prinzip ge- und so weiter haben es ohne Ausnahme mit der Aufgabe zu
macht hatte. Alle diese Intuitionen zielen in dieselbe Richtung: tun, sich mit Hilfe der ebenfalls erst vor kurzem eingeführ-
Ohne ein gewisses Maß an Paranoisierung sind Nationen neu- ten massenmedialen und nationalpädagogischen Techniken
zeitlichen Typs nicht vorstellbar und nicht herstellbar. Die für selbst zu synthetisieren. Vergessen wir nicht: Es gibt den Na-
diesen Effekt entscheidende Agentur ist der Verbund aus tionalstaat erst seit zweihundert Jahren in der Folge der Fran-
Printmedien und Schulen - der früher auch die Mitwirkung der zösischen Revolution und der pressebasierten Telekommuni-
nationalkirchlichen Institutionen nötig machte. Nur in diesem kation, und es gibt daher erst seit dieser Zeit die Synergie
Medienverbund kann die Zeichenglocke produziert werden, von Bürgerpolitik und Massenmedien. Marshall McLuhan hat
unter der die Nationen je für sich in ihre kulturellen Klausuren nicht umsonst die Presse als »Baumeisterin der Nationalis-
eingesponnen sind - allenfalls die universaleren Kontexte der men« charakterisiert - einen Umstand, den man so lange nicht
Kirchen, der Universitäten und der Hochkünste, seit den sech- ins Zentrum der Aufmerksamkeit stellen konnte, wie die My-
ziger Jahren auch der Popkultur, entziehen sich teilweise dem stifikation des Buchdrucks und der Zeitungspresse als Träger
82 Die Sonne und der Tod Subtexte einer Debatte 83
der sogenannten Aufklärung sich an der Macht halten konnte. nach, wenn wir Globalisierung sagen? Wir reden in der Sache
Diese pressefromme Sicht bestimmt etwa noch ein Buch wie von der Durchsetzung des Synchronstress-Systems im Welt-
Strukturwwandel der Öffentlichkeit von Habermas, einen Klassi- maßstab. Dieses hat so große Fortschritte gemacht, daß für
ker der medientheoretischen Unschuld. Inzwischen hat sich asozial gilt, wer sich für den Synchronstress nicht ständig zur
eine härtere Sicht der Dinge durchgesetzt: Nur durch Interak- Verfügung hält. Erregbarkeit ist jetzt die erste Bürgerpflicht.
tion zwischen Massenmedien und mit Massenmedien kann der Wir brauchen daher keinen allgemeinen Militärdienst mehr.Was
Synchronstress hergestellt werden, durch den große Bevölke- verlangt wird, ist der allgemeine Themendienst, also die Bereit-
rungen innerhalb von wenigen Wochen, neuerdings sogar von schaft, seine Rolle zu spielen als Reizleiter für opportune kol-
wenigen Tagen oder Stunden in synchrone Alarmstresszustän- lektive Psychosen, Gefordert wird Verfügbarkeit in der Mobil-
de und militante Erregungsrhythmen versetzt werden. Diese machung der Adressen. Wer das verweigert, ist heute in einem
thematischen Epidemien gehören zu den gefährlicheren Kata- höheren Sinne ein Dissident gegenüber dem Identitätsdienst,
strophenpotentialen unserer Zeit, und sie sind die am wenig- den die Gesellschaft ihren Mitgliedern abverlangt, als jemand,
sten untersuchten; die »Massenwahntheorie«, die Hermann der erklärt: »Bevor ich für das Vaterland eine Waffe anrühre,
Broch gefordert und vorbereitet hat, ist seit den vierziger Jahren pflege ich einen inkontinenten Alten.«
kaum von der Stelle gekommen. Man darf bei diesen Überle- H.-J. H. Ich möchte darauf hinweisen, daß diese Subversion
gungen den Faktor Zeit nicht außer Betracht lassen: Früher des Semantischen durch das Energetische einen auffälligen
haben Gerüchte und andere semantische Erreger nicht schnel- Nebeneffekt produziert: nämlich daß dort, wo diese Unter-
ler reisen können als die schnellsten Transportmittel, also etwa wanderung akut geschieht, auch der stärkste Widerstand gegen
so schnell wie der Kurier des Zaren oder im Tempo einer könig- die Einsicht in diesen Wirkungszusammenhang auftritt. Das
lichen Poststafette. Es kursieren bezeichnende Anekdoten hat die Geschichte der Psychoanalyse gezeigt.
über den diplomatischen Verkehr zwischen den USA und dem Heiner Müller hat vor einigen Jahren pointiert gesagt: »Analyse
französischen Direktorium. Zum Beispiel wird überliefert, daß findet nicht mehr in der Philosophie, sondern auf dem Theater
Thomas Jefferson während seiner ersten Amtszeit als US-Präsi- statt.« Kann denn die Sozialwissenschaft überhaupt noch der
dent sich einmal nach dem damaligen Gesandten der USA in Ort gesellschaftlicher Klärungen sein? Spielt sich die Aufklä-
Frankreich erkundigte, wobei sein sommerliches Gespräch mit rung nicht eher an anderen Schauplätzen ab, etwa in Form von
dem Außenminister etwa wie folgt verlief: »Mister Miller ist lokalen Ontologien, worauf ja ein Teil Ihrer Argumentation in
jetzt seit anderthalb Jahren in Frankreich, und wir haben von den Sphären zielt? Oder liegt die aktuelle Stagnation daran, daß
ihm noch keine Nachricht. Sollten wir bis Weihnachten nichts wir uns zu sehr in der deutschen Sondersituation eingerichtet
von ihm hören, schreiben wir ihm einen Brief.« Heute würde haben? Sie haben einmal angedeutet, daß Sie einen »Anarchis-
man den verschollenen Botschafter über sein mobil phone zur mus im Gewande des Konformismus« kommen sehen. Diese
Strecke bringen. Wir würden ihm die Pflicht zur Verfügbarkeit selbstverordnete Harmlosigkeit, dieser neue globalisierte Kon-
im Dort und Jetzt aufnötigen - also Daueransprechbarkeit von formismus und der Rückzug auf das Nachdenken, wie wir
ihm verlangen. Die ist systemisch gedacht nichts anderes als ein gesagt haben - zu welchen Folgen wird diese intellektuelle
Ausdruck des Vernetzungs- oder Globalisierungsprozesses in Mutlosigkeit führen, in der Gesellschaft im ganzen und ihren
seinem aktuellen Verdichtungsschub. Wovon reden wir dem- Wissensinstitutionen?
84 Die Sonne und der Tod Subtexte einer Debatte
P. S. Sie sagen es selbst. Man muß sich darauf gefaßt machen, Exzeß in eine wiedergefundene Normalität zurückschwingen,
daß die effektive Aufklärung von einer Seite her kommt, wo als ob sie nie am Wahnsinn teilgenommen hätten.
man sie nicht erwartet. Sie geht dort weiter, wo ihre Kontrol- Ich provoziere deine Autonomie-Illusion nie zuverlässiger,
leure und selbsterklärten Platzhalter nicht hinschauen. Man als wenn ich dir am konkreten Beispiel zeige, daß du unfähig
kann das am Beispiel der abgeflachten Psychoanalyse erläu- bist, eine Erregungskette in dir enden zu lassen. Damit taste
tern: Ein Stuck floskelhafter Selbstanalyse ist heute bereits in ich deine Souveränitätsillusion an. Das könnte eine nützliche
die allgemeinen Verkehrsformen eingebaut. Die meisten Ange- Provokation sein. Nichts anderes wäre ja die Definition von
hörigen der Mittelschichten mit höherem Bildungsgrad haben Souveränität - sich von Meinungsepidemien distanzieren kön-
sich an den Gedanken gewöhnt, daß sie nicht Herr im eigenen nen: den Erregungsdienst verweigern. Wir leben immer in
Haus sind - sie geben also ihrem Unbewußten eine Chance kollektiven Erregungsfeldern, daran ist, solange wir soziale
und spielen in der individualpsychologischen Komödie mit, Wesen sind, nichts zu ändern. Der stressorische Input reicht
so gut sie können. Sie haben sich damit abgefunden, daß es unweigerlich in mich hinein: die Gedanken sind unfrei, jeder
denkt, wenn ich denke, und daß es redet, wenn ich rede. In die- kann sie erraten. Sie kommen aus der Zeitung und führen in
ser Hinsicht sind alle längst immun und gegen weitere Auf- die Zeitung zurück. Meine Souveränität, falls sie existiert, kann
klärungsschocks abgefedert. Für die Analyse, die das Außen sich allein darin zeigen, daß ich den aufgenommenen Impuls in
bearbeitet, ist diese ironische Stoßdämpfung noch nicht gege- mir absterben lasse oder daß ich ihn, wenn überhaupt, in völlig
ben, weil man nicht bemerkt hat, was sich hier theoretisch tut. verwandelter, geprüfter, gefilterter, umcodierter Form weiter-
Darum werden die Scheinaufklärer eine besonders heftige Ab- gebe. Es hilft ja nichts, es abzustreiten: ich bin frei nur in dem
wehr entwickeln, wenn man ihnen nachweist, daß sie in den Maß, wie ich Eskalationen unterbrechen und mich gegen Mei-
stress-verteilenden Systemen nicht autonom agieren, sondern nungsinfektionen immunisieren kann. Genau das macht noch
nur als Reizleiter und intermediäre Batterien funktionieren. immer die Mission des Philosophen in der Gesellschaft aus,
Man kann ohne Aufwand zeigen, daß alle Einzelnen einen Er- wenn man für einen Augenblick pathetisch reden darf: zu be-
regungs-Input und einen Erregungs-Output besitzen und daß weisen, daß ein Subjekt ein Unterbrecher sein kann und nicht
sie, je nach dem Organisationsgrad ihrer Individualität, den nur ein einfacher Kanal für den Durchlaß von thematischen
Input mehr oder weniger unprozessiert wieder aus sich entlas- Epidemien und Erregungswellen. Die Klassiker drücken das
sen, vielleicht ein wenig gedämpft, vielleicht mit verstärkter mit dem Wort Besonnenheit aus. In diesem Konzept rühren
Amplitude. Jedenfalls sind Individuen Transformatoren, die in Ethik und Energetik aneinander: Als Träger einer philosophi-
den Durchsatz von themengebundenen Energieflüssen ein- schen Funktion darf ich und will ich weder Reizleiter in einer
geschaltet sind. Ihre sogenannten Meinungen sind die thema- stress-semantischen Kette sein noch Automat eines ethischen
tischen und moralischen Formen der Mode. Psychohistorisch Imperativs. Bei kleineren Themen und niederen Spannungen
gesehen entspricht diese optische Drehung einer realen Um- sind Intellektuelle im übrigen daran gewöhnt, aufgenommene
stellung von Endoneurose auf Exoneurose, das heißt von Impulse sofort durch ein Negationsprogramm hindurchlau-
Eigenkonfusion auf Mitmachkonfusion. Einiges hiervon hat fen zu lassen - man hat dann immer sofort die Befriedigung,
Hermann Broch in seiner Massenwahntheorie vorweggenom- anders zu denken als der Autor einer These. Dies wird als
men - einer Theorie, die erklärt, wieso die Mitmacher nach dem schnelle Kritik-Prämie genossen. Bei hohen Spannungen ge-
86 Die Sonne und der Tod Schwebendes Denken: Zur Kritik des Unsagbaren 87
lingt das kaum mehr, weil die Gleichrichtungsenergien stärker glaubt man gern, die Gesellschaft schlüge im Sozialphiloso-
sind als die Dissidenzgewohnheiten. Durch hochenergetische phen die Augen auf und sähe sich zum ersten Mal selbst voll
Themen wird fast alles mitgerissen. Man kann im Blick auf die und ganz, wie sie ist. Wo ein Soziologe ist, da wird es wie von
Affaire, die mit meinem Namen assoziiert wird, sehr gut zei- selber Licht. Heiner Müller hat aus Zweifel am Soziologen-
gen, daß zahlreiche Journalisten, doch mehr noch Kollegen wahn auf einen anderen Ort für produktive Wahrheitsspiele
aus dem Fachbereich Philosophie, denen wahrscheinlich viel hingezeigt, das Theater. Dies paßt mit dem, was eben über
daran liegt, als autonome, sachlich urteilende Intellektuelle zu Psychoanalyse und Stressanalyse gesagt wurde, gut zusammen,
gelten, in ziemlich mechanischer Weise als Kanäle für den weil das europäische Theater seit den Griechen ein Auftauch-
Transport von Aufreizungsimpulsen fungiert haben, und zwar ort ist, an dem eher die energetischen Lebensaspekte als die
in den meisten Fällen deswegen, weil man für eine Umarbei- semantischen prozessiert werden - nicht umsonst bedeutet
tung des Inputs keine Zeit aufbringt. In solchen Situationen drama Ereignis. Theater ist eine Klammerinstitution, eine Art
funktioniert die intellektuelle Askese, die Bemühung um Ab- von ästhetischem Orakel, ein teuer bezahlter, aber in seiner
stand, nicht mehr. Bemerkenswert wenige haben es fertigge- Leistungskraft noch lange nicht zu Ende durchdachter Ort,
bracht, sich eine eigene, das heißt von der Erregungsinduktion an dem das Auftauchen, das Zur-Sprache-Kommen und das
unabhängige Meinung zu bilden und die Nachahmungswelle Sichtbarwerden des bis dahin Unsichtbaren sich vollziehen
zu unterbrechen. Man wird sich in Zukunft immer fragen müs- kann. Es ist eine mirakulöse Institution. Man kann nicht genug
sen: Leiste ich einen Beitrag zu einer Debatte, oder laufe ich in darüber staunen, daß es einer Gesellschaft zuweilen gelingt, ihr
einer Hetzmeute mit? Oder ist es dasselbe? Unbewußtes an bestimmten Schauplätzen spielen zu lassen.
Für Anhänger der Subjektautonomie ist diese Analyse nicht
schmeichelhaft; aber sie hat beschreibende Kraft, sie schließt
gut an erklärende Theorien an, und sie ist mit unseren alltäg- Schwebendes Denken: Zur Kritik des Unsagbaren
lichen Intuitionen kompatibel. Man sieht hier, daß auch die
umgestülpte, nach außen gedrehte Form der Analyse - nennen H.-J. H. Ich nehme noch einmal Bezug auf die Bewunderung
wir sie probeweise Stress-Feldanalyse - in subjektivitätskriti- Robbe-Grillets für Roland Barthes’ »gleitendes Denken«, ein
scher Hinsicht zu einem ähnlich subversiven Ergebnis kommt Denken, das unaufhörlich etwas in Worte faßt, ohne dieses
wie die anspruchsvollere Psychoanalyse, zumal in ihren fran- Etwas erstarren zu lassen. Von Georges Bataille kennen wir die
zösischen Varianten: Unter beiden Optiken wird das Subjekt These, daß der Diskurs nur von Nutzen sei, wenn er sich selbst
als etwas angesehen, das nur imaginär im Kontrollzentrum der ausstreicht und sein Verschwinden vorbereitet. Ich knüpfe
eigenen Unternehmungen stehen kann, in Wahrheit aber ein hieran die Frage, wie sich die Rolle des Philosophen in sprach-
Agent ist, der am Rande eines eigengesetzlichen und nicht- philosophischer und poetologischer Hinsicht bestimmen
subjektiven Sinn- und Energiegeschehens dahintreibt. ließe. Bataille hat davon gesprochen, daß man die Philosophie
Wir beide teilen ja die Skepsis gegen das Phantasma der moder- aufheben müsse, um zu ihr zurückzufinden. In der Sprache
nen Sozialphilosophie und der dialogphilosophisch aufge- könne man nicht ergreifen, worauf es ankomme. Wie ist das
protzten Soziologie, daß sie der Ort wären, wo die Gesellschaft Unsagbare philosophisch faßbar?
am meisten von sich weiß. Wo solche Delirien am Werk sind, da P. S. Vielleicht sollte ich sofort zugeben, daß ich, was das soge-
88 Die Sonne und der Tod Schwebendes Denken: Zur Kritik des Unsagbaren 89
nannte Unsagbare angeht, keine besonderen Ambitionen hege. ein Graben klafft, den man im allgemeinen unbemerkt über-
Es genügt, scheint mir, die Grenzen regulärer Sprachspiele ein windet, weil er von der alltäglichen Sprachspielroutine zuge-
wenig hinauszurücken. Außerdem ist zu bedenken, daß das schüttet wird. Die einfachste Meditation, die elementarste
Konzept des Unsagbaren äußerst vieldeutig ist - mir kommen Sensibilisierungsübung bringt zu Bewußtsein, daß zwischen
im Augenblick drei oder vier grundlegend verschiedene Be- der sinnlichen Gewißheit - besser gesagt zwischen der »primi-
stimmungsmöglichkeiten in den Sinn. tiven Präsenz«, ein Ausdruck, der sich bei dem Neo-Phänome-
H.-J. H. Ich sollte wohl zum Hinweis auf das Unsagbare den nologen Hermann Schmitz findet - auf der einen Seite und
Freudschen Begriff des Unheimlichen hinzufügen. Unheim- den symbolischen Operationen, die wir in Sätzen ausführen,
lichkeit ist zunächst eine Angelegenheit des Blicks, aber auch auf der anderen kein Kontinuum besteht. Das gehört zu den
der Macht des Angeblickten über den Blickenden, eine Macht, Grunderfahrungen, von denen die Meditierer sprechen: Sie
die Walter Benjamin im Kultwert auratischer Objekte er- machen sich mit Hilfe von diskreten Schizotechniken bewußt,
kannte. daß wir üblicherweise ständig von einem sprachlich artikulier-
P. S. Nach meiner Meinung kommt das Unheimliche innerhalb ten Bewußtseinsstrom durchflossen werden, der uns vor-
des Komplexes, den man das Unsagbare nennt, erst an späterer täuscht, Wahrnehmung und Sprache seien zur Deckung ge-
Stelle. Ein primäres Bestimmungsmerkmal wäre wohl, daß bracht. Sobald man den inneren Sprachprozeß neutralisiert,
unsagbar notwendigerweise all das sein wird, was außerhalb blühen die Wahrnehmungen so sehr auf, daß man anfängt, un-
eines Ensembles eingespielter Sprachspiele liegt - das ergibt ter Ausdrucksnot zu leiden, sofern man sagen will, was man
das codespezifisch Unsagbare. Man bekommt es mit ihm zu jetzt sieht und spürt. Die Differenz ist so dramatisch, daß man-
tun, wenn man zwischen die Sprachen gerät - eine Erfahrung, che Künstler mit der Empfindung kämpfen, sie müßten ent-
die in der Moderne mobilitätsbedingt immer häufiger auftritt. weder eine neue Sprache erfinden oder völlig verstummen.
Zum Beispiel können die meisten Sprachen den Sinn des deut- Hofmannsthal hat in seinem Chandos-Brief eine unfreiwillige
schen Worts »unheimlich« nicht adäquat wiedergeben. Be- Schizo-Krise gestaltet, denken Sie an die berühmte Ratten-
denken Sie, wie sich die Franzosen, beim Versuch, Freud zu Szene und an seine Formel von dem »ungeheuren Anteilneh-
übersetzen, mit ihrer etrangete’ ingui&ante abquälen; das engli- men« an der Agonie dieser Tiere, diesem Hinüberfließen des
sche uncanny hat seinerseits eine Klangfarbe, in der die Konno- Gefühls in die Kreaturen, das sich neben oder jenseits der
tationen des deutschen Ausdrucks weitgehend verschwinden. Sprache vollzieht, Die Illusion von der Absorbierung der
Wenn man in einem solchen Kontext auf etwas »Unsagbares« Wahrnehmung in den vertrauten Sprachwendungen ist eine Art
aufmerksam wird, hat dies mit dem Anstoßen an den Grenzen von Ekstaseschutzvorrichtung, denn wurde man die radikale
einer Sprache zu tun. Man bemerkt dann, daß in dem einen Eigenwertigkeit und Außerverbalität der Wahrnehmung eigens
Code komplexe Vorstellungen artikuliert werden können, die meditieren, so würde man ständig aus sich selbst herauskata-
sich in einem anderen Code verlieren. pultiert, man wurde sozusagen fortwährend in die Dinge hin-
Daneben gibt es ein zweites Unsagbares: Nennen wir es das ausfallen, sofern jedes Ding eine Einladung zur Exzentrierung
Wahrnehmungs-unsagbare. Mit ihm kommen wir dem Ansatz ist. Also ist nicht nur das Individuum ineffabel, auch alles
von Bataille schon näher. Es gründet in der Tatsache, daß zwi- Komplexe, Situative, Umgebungshafte, Atmosphärische ist
schen symbolischen Operationen und Wahrnehmungsakten es. Die ganzheitlich verfaßten Situationsgefühle und Umblicke
90 Die Sonne und der Tod Schwebendes Denken: Zur Kritik des Unsagbaren 91
übersteigen immer den Ausdruck. Deswegen sind soziale Sy- machen. Damals hat sich so etwas wie die Dämonie einer logi-
steme so organisiert, daß sie das Luxurieren von explizitge- schen Unsagbarkeit ins Denken eingeschlichen, denn nach
machter Wahrnehmung bei ihren Mitgliedern normalerweise dem bekannten scholastischen Lehrsatz hat das Endliche mit
unterdrücken, da sonst mehr Mystiker entstehen wurden, als dem Unendlichen kein gemeinsames Maß. Operationen mit
eine Gesellschaft absorbieren kann. dem Wert unendlich sind seither als eine ständige Selbstgefähr-
H.-J. H. Ezra Pound vergleicht in Vortizismus den Schriftstel- dung der menschlichen Intelligenz hintergründig präsent. Im
ler, der sich dem Unsagbaren öffnet und dadurch über das Grunde geht es hier mehr um das Unvorstellbare als das Un-
vorhandene Sprachrepertoire hinausgeht, mit dem Maler, der sagbare, weil eben das Unendliche per definitionem das ist, was
mehr Farbtöne und Farbstufen kennen und ausprobieren muß, das Vorstellen übersteigt. Zugleich ist unsere Intelligenz so or-
als Farbnamen vorhanden sind. Er spricht auch einmal von der ganisiert, daß wir dennoch versuchen, das Unvorstellbare vor-
»Ballung« und den »ausstrahlenden Schwingungsknoten, aus zustellen. Ein gewisses Maß an Unendlichkeitsstress gehört
dem, durch den und in den immerfort Ideen dringen«. zum modus operandi der europäischen Intelligenz. Über Fragen
P.S. Das entspricht dem eben angedeuteten Überschuß der dieser Art hat Spengler aufschlußreiche Bemerkungen zu Pa-
Nuancen im Wahrnehmungskontinuum über die lexikalischen pier gebracht, als er die Kulturen im Hinblick auf ihre mathe-
Möglichkeiten der Sprache. Übrigens haben Farbphysiologen matischen Stile unterschied. Er hat etwa gezeigt, daß für die
in jüngerer Zeit erklärt, daß der menschliche Sehapparat bis zu Antike die Quadratur des Kreises ein charakteristisches Pro-
zehn Millionen Farbnuancen unterscheiden kann. Auch wenn blem war, also der Versuch, den Abgrund zwischen zwei end-
nur jeweils tausend davon ein sprachliches Äquivalent hätten, lichen geometrischen Figuren zu überbrücken. Hingegen hat
müßte man zehntausend Farbwörter lernen: Kein Menschen- sich der Geist der abendländischen Kultur in der Infinitesimal-
leben wäre lang genug, um diese Ausdrücke in erfolgreichen rechnung des Leibnizschen oder des Newtonschen Typs mani-
Sprachspielen einzuüben. Man darf daran erinnern, daß die festiert, also in Rechnungen mit dem Wert Unendlich. Leibniz
meisten Menschen mit einem aktiven Vokabular von drei- bis hat vormachen können, wie man den Unendlichkeitsdämon
fünftausend Wörtern ihre gesamte Existenz bestreiten. Nur mathematisch zähmt, indem man einen diskreten Sprung ins
dank extremer Vergröberungen kommt man sprachlich durch unendlich Große oder unendlich Kleine vollzieht und trotz-
die Wahrnehmungswelt hindurch. Was die Aussagbarkeit von dem so tut, als sei man in einem rechnerisch kontrollierten
Formen, von Gestalten, von Anmutungsqualitäten und Atmo- Kontinuum geblieben.
sphären angeht, so ist das Gefalle zwischen den sprachlichen Was Bataille angeht, so kommt bei ihm, scheint mir, noch eine
Möglichkeiten und den sinnlichen Präsenzen noch exzessiver vierte Abschattung ins Spiel, ich würde sie das dionysische
als bei den Farben, und dabei haben wir über Menschengesich- Unsagbare nennen. Bataille ist fasziniert durch die unverfaßte
ter, Stimmtimbres und andere extrem individuierte Phäno- Wirklichkeit, die im Subjekt als das energetisch Unheimliche
mene noch nicht einmal gesprochen. oder das dynamisch Erhabene auftaucht - so lese ich sein
Darüber hinaus gibt es ein logisches Unsagbares, das für die Konzept von »innerer Erfahrung«. Wenn man sich an die Kant-
Europäer von der Seite des philosophischen Denkens herein- sche Definition des Erhabenen erinnert, wonach nur die sitt-
brach, seit im hohen Mittelalter Philosophen und Theologen liche Erhebung des Subjekts angesichts der Möglichkeit seiner
angefangen haben, mit dem Begriff des Unendlichen ernst zu Vernichtung durch eine Übermacht erhaben heißen darf, dann
92 Die Sonne und der Tod Schwebendes Denken: Zur Kritik des Unsagbaren 93
ist das Bataillesche Unsagbare dieser Definition benachbart - die großen Denkenden am Ende vital ausgepumpt zurückge-
allerdings mit verkehrtem Vorzeichen, denn da, wo das Kant- blieben sind, während umgekehrt die großen Vitalen denke-
sche Subjekt auf sich beharrt und sich angesichts des Überwäl- risch leerlaufen. Gurdjieff sprach von der Pflicht, »gemäß der
tigenden selbst bewahrt, dort wurde das Bataillesche Subjekt eigenen Individualität der Nachwelt nützliche Kenntnisse zu
sich hingeben oder, wie er sagt, sich verschwenden. überliefern« - wohlgemerkt: gemäß der eigenen Individualität,
Lassen Sie mich hier eine ideengeschichtliche Fußnote an- also der individuellen Kombination von Lebens- und Seins-
fügen, das einigermaßen dramatische Verhältnis zwischen Ba- wissen. Foucault bemerkte kurz vor seinem Tod, man müsse
taille und Alexandre Kojeve betreffend, wie es Dominique »in jedem Augenblick, Schritt für Schritt, das, was man denkt
Auffret in seiner Monographie über Kojeve dargestellt hat. Ba- und sagt, mit dem konfrontieren, was man tut, was man ist«.
taille ist in der Begegnung mit Kojeve klargeworden, daß für Der Schlüssel zur »persönlichen poetischen Einstellung des
ihn der Weg zur Souveränität, was immer das jetzt heißt, nicht Philosophen« dürfe nicht in seinen Ideen gesucht werden,
mehr über die Philosophie führen konnte. Kojeve hatte vor »sondern vielmehr in seiner Philosophie-als-Leben, in seinem
Batailles Augen diese Möglichkeit verbraucht, so daß es für philosophischen Leben, seinem Ethos«. So gesagt 198 3.
Bataille nie in Frage kam, mit diesem »absoluten Meister« in Lassen Sie mich noch eine Erwägung einbringen in bezug
Konkurrenz zu treten - erst Lacan hat, wie Insider wissen, auf das, was wir hier das »schwebende Denken« nennen. In
mit Kojeve in dieser Hinsicht die Konkurrenz aufgenommen. den letzten Jahren seines Lebens wurde Roland Barthes von
Anekdoten berichten, Bataille sei zuweilen wie tot aus dem der Frage heimgesucht, ob er im Verhältnis zu den Gelehrten
»Seminar« gekommen, in dem Kojeve seine Exegese der Phä- der Sorbonne nicht ein Hochstapler sei. »Umsonst habe er
nomenalogie des Geistes zelebrierte. In ihm bleibt die entschei- ihm«, schreibt Robbe-Grillet, »entgegnet, daß er natürlich ein
dende Frage zurück: Ist eine nicht-logische Souveränität mög- Schwindler sei, weil er eben ein richtiger Schriftsteller sei,
lich? Gibt es einen Weg zum Gipfel, der nicht über Hegel führt? und nicht ein )Schreibender<, um seine eigene Unterscheidung
Die Antwort liefert er in seinem Werk, das den Sprung vom aufzugreifen, denn die )Wahrheit( eines Schriftstellers, falls sie
Logizismus zum Vitalismus vorführt. existiert, könne nur in der Anhäufung, dem Exzeß und der
H.-J. H. Also: Wie ist es möglich, von der Idee eines souverä- Überwindung seiner notwendigen Lügen bestehen. Er war
nen Denkens zu der Idee eines souveränen Seins zu gelangen? nicht überzeugt, gewiß, ich hätte das Recht, ja die Pflicht zu
Was Bataille betrifft: Er vertritt nicht nur die individualistische schwindeln, er aber nicht, denn er sei nicht kreativ.«
oder egomanische Seite, sondern partizipiert schon an einer Was ist ein Denker in unserer Zeit? Kann er noch Meisterden-
dyadischen Form des Souveräns. Ich habe ihn einmal einen ker sein, einer, der versucht, in einer letzten Terminologie
verkappten Buddhisten genannt, weil er die monologische endgültige Gewißheiten zu liefern? Doch wohl nicht. Aber auf
Souveränität überwinden will, weg von der Souveränität des welche Weise soll sein Denken gesellschaftliche Wirkungen
Denkens und hin zu der Souveränität des Seins. Oder wie es freisetzen? Durch Affirmation? Durch Subversion? Worin be-
bei Gurdjieff heißt: Lebenswissen und Seinswissen sind mit- steht die Chance des schwebenden Denkens? Hat der poe-
einander in Verbindung zu bringen. Es stellt sich die Frage, ob tische Diskurs die Möglichkeit, das Starre und Substantielle
wir beides verwirklichen können, ein energetisch starkes Le- auszuhebeln, etwa wie ein unbewaffneter T’ai-Chi-Kämpfer
ben und ein energetisch starkes Denken. Bisher scheint es, daß gelegentlich den gerüsteten Soldaten besiegt?
94 Die Sonne und der Tod Schwebendes Denken: Zur Kritik des Unsagbaren 95
P. S. Ich erinnere mich an ein Wort, das Bataille im Blick auf zwischen Operieren und Zaubern in der modernen ärztlichen
Hegel formuliert hat: Er fand zu Lebzeiten das Heil, von ihm Praxis vorzubereiten. Der Ausdruck geht zurück auf einen im
blieb nichts übrig als ein Besenstiel. Ein starker Denkender Italien der Renaissance aufgekommenen Typus von Markt-
und ein schwacher Lebender, das ist die Standard-Diagnose schreiern aus der Stadt Cerreto, die für ihre Heilkräuter be-
des Vitalisten über den Logizisten. Durch Batailles Bemerkun- kannt war, die Cerretani, aus denen auf dem Umweg über das
gen klingt die Rede aus dem Zarathustra über die Hinterwelt- Französische die charlatans wurden. Was haben Heilkräuteraus-
ler hindurch. Nietzsche hatte seinen Propheten sagen lassen, rufer und Philosophen gemeinsam? Ich denke, eine ganze
noch die höchsten Wesen, die der alte Kontinent hervorge- Menge. Die einen preisen Wundermittel an, die meistens ver-
bracht hat, seien nur Zwitter aus Pflanze und Gespenst gewe- sagen, die anderen handeln mit Weltformeln, die sich immer
sen. Da hört man das Vitalistische Argument in Reinkultur: Es blamieren. Ich wurde so weit gehen zu sagen, daß seit Fichte
äußert sich als Pflanzenverdacht gegen alle Philosophie und als die meisten Philosophen, die sich außerhalb der Universität
Gespensterverdacht gegen alle Philosophen, beides vor dem einen Namen gemacht haben, als Scharlatane gelten dürfen,
Hintergrund einer neuen Intensitätsutopie, nämlich daß ein weil sie vorgaben, die Krankheiten der Welt oder der bürger-
nicht vom Leben ausgeschlossener Typus des Denkens entste- lichen Gesellschaft aus einem Punkte zu kurieren, sei es durch
hen soll. Was könnte man gegen eine solche Vision einwenden? die Setzung des Ich, sei es durch die Rückführung des Pro-
Vielleicht nur, daß man niemandem trauen dürfte, der sich sel- dukts zum Produzenten, sei es durch die Anpreisung der
ber als Verwirklicher dieses Doppellebens anpreisen wurde. idealen Kommunikationssituation. Heute scheint es uns, als
Roland Barthes’ Selbstzweifel drucken sicher die Verlegenheit seien solche Ärzte gefährlicher als die Krankheiten, die sie zu
eines Autors aus, der dem Leben wenig schuldig blieb und beheben versprechen. Dagegen hätten wir gern mehr von je-
dafür mit dem Verdacht bezahlte, er sei der Wissenschaft etwas ner foucaultianischen und lacanschen Scharlatanerie, die ihren
schuldig geblieben. Ich lebe, also kann ich nur ein Scharlatan Klienten von vornherein erklärt, ich helfe euch selbstverständ-
sein. Für die Option, die getrennten Stärken zu vereinigen, lich, so gut ich kann, aber ich rate euch, bei euren Symptomen
muß man den Titel Scharlatanerie wohl bis auf weiteres akzep- zu bleiben, ihr habt nichts Besseres, Das ist freilich nicht eben
tieren. Michel Foucault zum Beispiel, der das Votum für eine das, was die einfache Therapievernunft sich unter einem Hel-
starke Liaison zwischen den beiden Intensitäten eindrucksvoll fer der notleidenden Menschheit vorstellt.
verkörpert hat, mußte sich den Scharlatanerie-Vorwurf des H.-J. H. Zu der Figur des Scharlatans im Philosophen sollte
öfteren anhören, aber er schaute sich die Leute, die solche man die des Narren hinzunehmen, vielleicht auch die Figur
Vorwürfe erheben, an und amüsierte sich. Er war ein Vitalist des Homöopathen, und nicht zuletzt die des Aktionskünstlers.
großen Stils, trinkfest wie ein Sokrates redivivus, Nächte hin- Hierher gehört wohl auch alles, was Bataille als das »lachende
durch die anatomische Ausstattung seiner Liebhaber disku- Denken« bezeichnet hat. Im übrigen, selbst wenn man bei
tierend, ein Athlet im Archiv, ein Ausdauersportler vor der Foucault nicht wie üblich die kurzschlüssige Verbindung zwi-
Schreibmaschine und vor Mikrophonen. schen Biographie und Werk herstellt, zeigt sich in seiner Exi-
Wissen Sie, was mit dem Begriff Scharlatan gesagt ist? Ich habe stenz doch eine ungeheure Paradoxie: sich vorzustellen, daß
mich vor kurzem einmal mit der Wortgeschichte befaßt, um der Denker dort am vitalsten ist, wo er sich triebdynamisch
einen medizinphilosophischen Vortrag über den Unterschied unterwürfig gibt. Das masochistische Element im Triebleben
96 Die Sonne und der Tod Schwebendes Denken: Zur Kritik des Unsagbaren 97
von Foucault hat offensichtlich mit einer gesteigerten aktivisti- keinen Sinn, so zu tun, als seien nur das Grauen und das
schen Form des Denkens koexistieren können. menschliche Scheitern dem Ausdruck transzendent. Jedes
P.S. Man muß hierzu die Ausführungen von Deleuze und Dies-Da ist unaussprechlich, dieses Glas, dieser Hosenknopf,
Guattari über die Suche des Masochisten nachlesen. Die Auto- dieser Lichtreflex auf dem Kaffeelöffel da. Ich mißtraue der
ren zeigen, wie die quälerischen Prozeduren nur eine Methode Attitüde von Schriftstellern, die Grenzen ihrer literarischen
sind, sich einen »organlosen Körper« zu schaffen. Ich verstehe Möglichkeiten mit den gesammelten Schrecknissen des Jahr-
den Ausdruck so, daß der organlose Körper kein Objekt mehr hunderts zu erklären.
sein kann, kein festgestelltes leidendes Ding. Indem der Maso- H.-J. H. Dennoch, der Philosoph sei meist »eine Art Mischgat-
chist Leiden übersteht, überzeugt er sich davon, daß seine tung zwischen Dichter und Gelehrtem«, hat noch Flaubert
Lebendigkeit unteilbar ist und daß seine innere Energie weiter behaupten können - und wie sehr haben sich heute die Pole
geht als jede qualvolle Objektivierung. auseinandergelebt! Darum stehen wir vor dem verschärften
H.-J. H.: Lassen Sie uns noch einmal auf die Frage nach den Problem: Wie weit kann man dem Dichterischen und dem un-
Möglichkeiten und Grenzen des diskursiven Ausdrucks zu- mittelbar Werdenden, dem Prozeßhaften und Ereignishaften
rückkommen. Der Schriftsteller Georges-Arthur Goldschmidt des Denkens überhaupt im philosophischen Diskurs Geltung
hat behauptet, ein Werk wie Kafkas Schloß erreiche eine Di- verschaffen, wie kann sich das »Schwebende« und »Frei-Flot-
mension, die der Philosophie, sosehr sie sich bemüht, immer tierende« im Text materialisieren? Safranski spricht von den
verschlossen bleibe. Das Scheitern des Menschen und das »Sichten«, die sich im Kommen und Gehen des Gedankens
Schaudern angesichts des Äußersten seien in der Sprache der verschieben, so wie der Begriff disctirsus ursprünglich ein men-
Philosophie nicht faßbar. Nicht zufällig haben Denker wie tales Hin- und Herschreiten zwischen den Örtern der Rede
Nietzsche oder Cioran literarische Ausdrucksformen gesucht. meinte.
Foucaults schönstes Buch, das über Raymond Roussel, ist zu- Ich frage ganz direkt: Wäre der entscheidende Fortschritt der
gleich dasjenige, das sich am weitesten von der Philosophie Philosophie nicht der Schritt am der Philosophie? Man findet
entfernt, es ist neben die besten Texte von Jabes, von Blanchot, diese Anregung bei Edmond Jabes offen ausgesprochen: »In
von Leiris, von Bataille und einige der großen Essays von den letzten Jahren«, schreibt er, »hat die Philosophie einen ent-
Sartre zu stellen. Unvergeßlich ist mir, wie Foucault in Rous- scheidenden Schritt atis der Philosophie heraus gemacht, um in
sels Haut schlüpft, wie er seine Sprachmagie aufnimmt, wie er das einzutreten, was ich das Poetische nenne, und um es zum
sich blitzschnell einzurichten weiß in den minimalen Abwei- ersten Mal philosophisch zu denken. Es gibt ein Denken in der
chungen zwischen zwei Wörtern oder Sätzen, die gleichwohl Poesie, das nur Dichter kennen, weil es eine poetische Logik
explosive Bedeutungsunterschiede markieren, und wie zwi- gibt, verschieden von der, die wir mit einem solchen Namen
schen diesen Wendungen (etwa >billard«, Stoßkugelspiel, und bezeichnen. Die Philosophie hat jetzt verstanden, daß es nicht
~~~il~ard«, Plünderer) ein, wie Foucault sagt, »Gewebe aus Wor- die eine Logik gibt, sondern daß es viele gibt, darunter auch die
ten, Geheimnissen und Zeichen«, ein »Sprachereignis« hervor- poetische Logik.«
geht. »Die Romanfiktion«, hat Robbe-Grillet gesagt, als wollte er
P. S. Ich muß gestehen, ich bleibe zunehmend ungerührt, wenn Jabes antworten, »die Romanfiktion ist bereits so etwas wie das
ich Äußerungen wie die von Goldschmidt höre. Es hat doch Weltwerden der Philosophie.« Könnte man analog von der phi-
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losophischen Fiktion sagen, sie sei Vorschule für den Roman? sich die Situation der antiken Sprachkultur im Ausgang der
Oder ist der Roman doch etwas, das sich nur in der Welt des klassischen Periode spiegelt. Da bildet sich der Roman heraus
Romans schreibt? Nathalie Sarraute hat diese These vehement als das große Fahrzeug, auf dem sich die Fragmente der verlo-
vertreten, ähnlich Harry Mulisch, der darauf insistiert, »die renen großen Form, des Epos, sammeln können - es kommen
Psychoanalyse könne viel vom Roman, der Roman aber nichts Trümmer der Tragödie und der Komödie hinzu, Reste der Ly-
von der Psychoanalyse lernen«. Ist die Philosophie nicht auch rik, Überbleibsel der Spruchkultur und der gnomischen Weis-
ihrerseits etwas, das sich für immer nur in der Geschichte der heitsüberlieferung, Spuren des Rätsels, auch größere Fetzen
Philosophie ereignen kann? des Mythos, der ja seit langem über seine naive Zeit hinaus ist,
P.S. Der Schritt der Philosophie aus der Philosophie: Die zudem eine gute Dosis an Juristen-, Sophisten- und Rhetoren-
Wendung hat etwas Frappierendes. Das liegt wohl daran, daß sprachspielen, ein letzter Rest von Mysteriengeflüster nicht
Jabes auf eine scheinbar selbstverständliche Weise ein Problem zu vergessen. Der antike Romancier ist also eine Art Sprach-
überspringt, mit dem sich andere, auch ich, wie mit einer un- lumpensammler, der mitnimmt, was an ausgehöhlten Formen
lösbaren Aufgabe abplagen. Jabes geht von etwas aus, was herumliegt. So formiert sich ein Sprachenknäuel, das den Ro-
andere meinen, erst beweisen zu müssen: daß es eine Pluralität man ergibt und dessen Genie, bei Licht besehen, Platon
der Logiken gibt, also nicht irgendein nebelhaftes Anderes, gewesen ist. Die besten Romane der Antike sind die platoni-
sondern auskristallisierte Vielfalten, konkrete Verfahren der schen Dialoge, sie bieten gleichsam die noblere Version der
Welterzeugung. »kynischen Buntschriftstellerei« - Nietzsches Ausdruck. Der
H.-J. H. Für Jabes spricht, daß er weiß, wovon er redet, wenn Roman ist, das hat Lukacs in seiner genialen Phase gezeigt, die
er sagt, »die Philosophie ist durch irgendein unsichtbares oder Sprachform derer, die die Wahrheit nicht haben. Er liefert die
vielleicht auch sichtbares Tor in den poetischen Bereich hin- Form, wie man in der entzauberten Welt eins zum anderen fügt.
übergegangen«. Die Verzweiflung des Schriftstellers - notiert Von da an gilt das Motto, viel lügen die Dichter, die Wahrheit
Jabes einmal in seinem Kleinen unverdächtigen Buch der Subversion hingegen ist in der Prosa - denn die Prosa sagt die Wahrheit
- besteht darin, »in unbestimmter Weise auf ein Buch hinarbei- über unsere Lage in der Abwesenheit der Wahrheit, oder we-
ten zu müssen, das er nicht schreibt«. Worte sind »Schattenge- nigstens angesichts des erschwerten Zugangs zu ihr. Wer das
schöpfe, Sinnbilder des Mangels«, Schreiben heißt: mit einem ernst nimmt, versteht erstens, warum Platon, als er die Be-
unbekannten Gesicht aussehen. zeichnung philosophos erfand, die Revolution der Prosa sanktio-
P. S. Auch hier möchte ich einwenden, daß man dem Mangel- nierte, die der Suche als Lebensform entspricht - die Zeit der
denken mit etwas mehr Reserve begegnen muß. Es ist proble- wirklichen Weisen ist vorüber, die vom Dreifuß herab reine
matisch, das Abwesende zu fetischisieren und die Kreativität Ergebnisse vorsangen; und versteht zweitens, warum die Ge-
vom Mangel her zu denken. Doch zu dem Motiv »Pluralität der schichte der Philosophie über weite Strecken die Geschichte
Logiken« gibt es auch einen Zugang aus der Geschichte der einer Sprachverarmung ist, weil sie ihre ursprüngliche Form,
älteren Philosophie. Wie der junge Nietzsche in einem inspi- das romanhafte Aggregat zahlreicher Redegattungen, immer
rierten Passus über die Rettung der antiken Poesie im platoni- mehr ausdünnt, um am Ende auf den puren Traktat und die
schen Dialog angedeutet hat, ist die philosophische Prosa aus syllogistische Anorexie zusammenzuschrumpfen. Nur wenn
einer Sprachen- und Formenmischung hervorgegangen, in der man diese Verarmungsgeschichte vor Augen hat, ermißt man,
100 Die Sonne und der Tod »Regeln für den Menschenpark« 101

welche Renaissance das 19. Jahrhundert beim nicht traktat-


gebundenen Typus von Denken gebracht hat - es genügt, an »Regeln für den Menschenpark« oder: Bedenke den Blitz!
Schopenhauer, Heine, Marx, Michelet, Kierkegaard und vor
allem an Nietzsche zu erinnern. Von dieser Wiederkehr der H.-J. H. Regeln für den Menschenpark lautet der Titel Ihres Vor-
Sprache in der Philosophie hängt fast alles ab, was im 20. Jahr- trags, im Untertitel heißt es: Ein Antwortschreiben zu Heideggers
hundert an lesbarem und wiederlesbarem Denken entstand. Brief über den Humanismus. Diese beiden Formulierungen schei-
Lukacs hat den Roman als Ausdrucksform der »metaphysi- nen auf ganz unterschiedlichen Denk- und Sprachebenen
schen Obdachlosigkeit<< zwar dem modernen Menschen zuge- angesiedelt. Im Titel werden Codierungen oder Normierungen
ordnet, aber schon die Antike hatte das Risiko dieser Obdach- in Erinnerung gerufen, Regeln für das Zusammenleben von
losigkeit gespürt und sich durch die neureligiösen Formen von Menschen in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der
Paraphilosophie - so nennt Kojeve die dogmatisierten Schul- Zukunft; im Untertitel wird eine interne philosophische Aus-
systeme - den Unschlüssigen als Führer angeboten. Am relati- einandersetzung mit Heideggers Seinsdenken und mit dem
ven Vorrang der Suche war aber auch in den erbaulichen und Humanismus angekündigt. In ästhetisch verdichteter Textge-
doktrinären Restaurationen der späten Antike nicht mehr zu stalt, in der neben einer reflektierten Metaphernstrategie auch
zweifeln. Humor und Ironie ihren Platz haben, versuchen Sie eine mehr-
Dabei bleibt es im wesentlichen bis zum Anbruch der Moderne, schichtige Erörterung der für die Menschheit entscheidenden
wenn wir für den Augenblick von dem enormen Interludium Frage, welche Regeln sie sich selbst auferlegen muß, wenn sie
der Renaissancephilosophie absehen. Bis an die Schwelle der am Projekt der Gentechnologie festhält und zugleich an einer
modernen Verhältnisse herrscht zwischen der Prosa der Wahr- menschenwürdigen Zukunft interessiert ist. Für diesen Kom-
heit und der Poesie des Scheins ein Verhältnis, das man mit plex von Fragen und Verhaltensweisen haben Sie den Aus-
einer schönen mittelalterlichen Metapher als das einer Magd druck »Anthropotechniken« eingeführt - eine Wortprägung,
zur Herrin umschreibt. Durch einen historischen Kompromiß die sofort Wirkung gezeigt hat. Warum hat Ihre Form der Dar-
der Sprachen bleiben Poesie und Rhetorik als ancillae philoso- stellung, fast mehr noch als der Inhalt, eine solche massive
phiae angestellt. Sie dürfen nützen, aber nicht selbst etwas sein Aggression hervorgerufen und zu geradezu widersinnigen Les-
wollen. Für den metaphysischen Text gilt, was Nicholson Ba- arten geführt?
ker in einem geglückten Satz festgehalten hat: »Große Wahr- P.S. In meinen Augen kommen alle Mißverständnisse und
heiten werden wie gütige Madonnen von Dutzenden geschäf- Entstellungen, soweit sie nicht private Absichten und die er-
tiger, fröhlicher Engel des Details hochgehalten.« Das kann wähnten unfreien Assoziationen spiegeln, aus einer Lesever-
heißen: Über die tödlichen Abstraktionen legt sich ein farbiger weigerung. Das drückt sich in dem Umstand aus, daß von
Sprachschleier, der die Lebbarkeit und Lesbarkeit des Unleb- denen, die meine Rede bisher öffentlich kommentiert haben,
baren und Unlesbaren vortäuscht. Dann aber ist im 19. Jahr- fast keiner bereit war, dem Hinweis nachzugehen, daß es sich
hundert die Lage entstanden, in der die dienende Funktion der um eine »Antwort« handelt - um die Suche nach der Mög-
Poesie gegenüber der Herrin Philosophie nicht mehr durchge- lichkeit eines Antwort-Schreibens oder einer Zuschrift zu
halten werden konnte. Nun geht die poetische Funktion in einem als Brief bezeichneten Text von Martin Heidegger aus
Führung, und hier knüpfen wir an. dem Jahr 1946, der seinerseits eine Antwort hatte sein wollen
102 Die Sonne und der Tod »Regeln für den Menschenpark« 103

auf eine suggestive Frage, gestellt von dem jungen Franzosen völlig verzerrte Rezeption. Der Name Heidegger ist bei uns
Jean Beaufret: Wie kann man dem Wort Humanismus einen neuen immer ein Joker innerhalb einer politisch-narzißtischen Dis-
Sinn geben.? - comment redonner un sens au mot >Humanisme<? Nun, kussionskultur geblieben, den man ausspielt, um zu zeigen:Wir
was heißt es, im Jahr 1997 in der Schweiz oder 1999 vor der sind hier im Lager der anständigen Leute.
deutschen Öffentlichkeit auf Heideggers Gedanken zum Hu- Ich muß wohl eines zugeben: Mein Versuch, Heidegger von
manismus eine Antwort zu formulieren? Nach dem deutschen seiner stärksten Stelle aus wieder zum Zeitgenossen zu ma-
Herbst 1999 wissen wir etwas mehr über die Risiken, die an chen, ist in dieser Rede exemplarisch gescheitert. Und zwar
dem Versuch haften, Heidegger einer Antwort zu würdigen, gescheitert deswegen, weil ich es in meinem Text mit zwei
die auf seiner eigenen Ebene ansetzt. Zumindest auf indirekte Höchstschwierigkeiten zu tun hatte, von denen ich nicht wahr-
Weise hat sich gezeigt, wie explosiv es sein kann, Heidegger das heitsgemäß behaupten dürfte, ich hätte sie bis auf den Grund
Wort zu geben - indem man ihn ernsthaft mit den Autoren ins durchdrungen, Beide haben einen sehr empfindlichen Bezug
Gespräch setzt, die in seine Nähe gehören, eben Nietzsche zur Frage nach dem Menschen und tragen darum eine hohe
und Platon, die in meiner Rede als Gastredner mit Heidegger ideenpolitische und affektive Ladung. Die erste Schwierigkeit
zusammentreffen. Man hatte sich schon so sehr an eine Situa- betrifft die ontologische Zurückstufung des modern verstan-
tion gewöhnt, in der die Maxime »Nie wieder große Kulturpo- denen Menschen als Subjekt, die zweite hat mit der Titanen-
litik!« in Kraft war. Und jetzt dieser Hinweis auf ein Problem, schlacht zwischen Seele und Maschine zu tun, die in der
bei dem man mit Sichkleinstellen nicht weiterkommt. hochtechnologischen Phase der Geschichte losgebrochen ist.
Der darauf einsetzende Skandal ist ein Beweis dafür, daß Damit liegen zwei große Komplikationen vor, die in zwei
die Heidegger-Rezeption im Nachkriegsdeutschland nie zu große menschliche oder kulturelle Empfindlichkeiten hinein-
sinnvollen Ergebnissen geführt hat, weder in der Frühphase wirken - trennbar oder untrennbar, das sei dahingestellt. Auf
noch in der Spätphase, also weder in der frömmelnden Anleh- jeden Fall wäre es falsch zu sagen, daß der Eklat unvermeidlich
nung, die bis in die sechziger Jahre hinein dominierte, noch in war. Die Rede war zwei Jahre vor der deutschen Debatte schon
der von Adornos Jargon der Eigentlichkeit inaugurierten Ableh- einmal auf einer Basler Theatermatinee vor großem Publikum
nungsphase, die summarisch gesehen bis heute anhält und gehalten worden, und zwar als Schlußvortrag einer langen Se-
deren Merkmal darin besteht, daß sich jetzt Feuilletonisten rie von Reflexionen über Aspekte des Humanismus in der
für berechtigt halten, moralisierende Gesamturteile abzugeben Gegenwart. Vor mir hatten in dieser Reihe Imre Kertesz, Joa-
über einen Denker, der sich ohne Zweifel in die Höhenlinie chim Gauck, Vittorio Hösle, Elisabeth Bronfen, Wolfgang
der europäischen Philosophie eingetragen hat - vielleicht der Rihm, Annemarie Schimmel,Vittorio Lampugnani und andere
einzige in unserem Jahrhundert, den man auf lange Sicht in gesprochen, ich durfte sicher sein, einem Publikum zu begeg-
einem Atemzug mit Platon, Augustinus, Thomas, Spinoza, nen, das dem Thema »Humanismus heute« in seiner ganzen
Kant, Hegel und Nietzsche wird nennen dürfen. Anlehnung Zerklüftung zu begegnen bereit war. Diese Serie von Vorträgen
und Ablehnung sind nur zwei Arten und Weisen, einen Denker ist inzwischen im Schwabe Verlag Basel unter der Herausge-
zu mißbrauchen, wobei es scheint, daß das Mißbrauchen für berschaft von Frank Geerk, dem Initiator der damaligen Ver-
die Ablehnung bei uns ein besonders tief eingespielter Mecha- anstaltung, erschienen - ich würde wünschen, daß sich die
nismus ist. Die Voraussetzung dafür ist eine seit längerem deutschen Feuilletonisten die Mühe machten, das Ganze im
104 Die Sonne und der Tod »Regeln für den Menschenpark« 105
Kontext nachzulesen. Man wurde dann den Gedanken plausi- Gott gesprochen, aber seit Heideggers Intervention wissen
bel finden, daß Denunziation nur ein anderes Wort ist für wir, daß man von der sorglosen Gleichung von Gott und Sein
Kontextzerstörung. Ich erinnere mich gut daran, wie mein die Finger lassen soll.
Text, den ein bekannter Schauspieler an meiner Stelle verlas - Das sind Gedanken, die zwar sehr anspruchsvoll, aber so ganz
ich hatte damals Probleme mit der Stimme -, in einer Atmo- neu und befremdend nun auch nicht sind. Die christliche Tra-
sphäre von Heiterkeit und Angeregtheit rezipiert wurde, wie es dition, wo sie augustinisch war, ist durchsetzt vom theozen-
der zugleich ironischen und ernsten Diktion der Ausführun- trischen oder theonomen Denken. Augustinus rechnet mit
gen entsprach. In der Lesung durch einen professionellen einem unheilbaren Zug zur Verkehrtheit beim Menschen, mit
Sprecher kam vor allem die Komik der Plato-Passage sehr gut einer unausrottbaren Liebe zum Falschen, die zurückgeht auf
heraus, der Scherze-Charakter meines Umgangs mit dem anti- die Neigung, sich selbst auf Kosten des Schöpfers zu bevorzu-
ken Dialog wurde glänzend hervorgehoben. Das Basler Publi- gen, und dies bis zu einem solchen Grade, daß ohne das Ent-
kum amüsierte sich auf eine sehr hörbare Weise während gegenkommen Gottes mit Menschen schlechterdings nichts
dieses ganzen Abschnitts, bei dem Habermas in seiner unver- Heilsames mehr anzufangen wäre. In Heideggers berühmtem
öffentlichten, aber von vielen Leuten eingesehenen Privatre- Diktum aus dem Gespräch mit Rudolf Augstein, »Nur ein
zension in Panik gerät. Gott kann uns noch retten«, kann man einen fernen Nachhall
Lassen Sie mich zunächst die erste Schwierigkeit skizzieren, des augustinischen Ansatzes hören. Es kommt nicht nur auf
bei deren Auslegung man, all things considered, auf Heideggers den Menschen nicht an - selbst wenn es auf ihn ankäme, wäre
Beitrag nicht verzichten kann. Nennen wir sie noch einmal, um ihm nicht zu helfen, weil nur der Gott oder ein Gott ihn noch
bei der Abkürzung zu bleiben, die Dezentrierung des Men- retten kann. Selbsthelferturn ist menschlicherseits nicht mög-
schen. Sie ist im Spiel, wenn Heidegger behauptet, die bishe- lich, wird uns da nachdrücklich versichert. Deswegen führen
rige Metaphysik habe »nicht hoch genug<< vom Menschen menschengemachte Revolutionen zu nichts - das ist und
gedacht. Zu niedrig denkt man ihm zufolge, wenn man den bleibt die Grundüberzeugung des abgedankten Revolutionärs
Menschen als ein animal mit einem Zusatz an Vernunft vor- Heidegger von dem Moment an, in dem er das Nazi-Unwesen
stellt, wie es der Tradition entspricht. Hoch genug setzt man durchschaute und sich von der falschen Revolution, ja von der
an, wenn man den Menschen als den Da-Seienden bedenkt, Revolutionsillusion überhaupt zurückzog -, sie machen alles
das heißt als das Wesen, das in der Lichtung des Seins steht immer nur schlimmer, weil sie unweigerlich erneut anthropo-
oder die Lichtung selbst ist. Ich habe versucht, Heideggers zentrisch und gestell-immanent ansetzen und niemals mehr
Denkbewegung nach der ominösen Kehre, insbesondere seit zuwege bringen können als die Fortsetzung der schicksalhaf-
dem Zweiten Weltkrieg, in sehr knappen Umrissen nachzu- ten Gestell- und Selbstermächtigungsdynamik mit anderen
zeichnen, ausgehend von der äußerst katholisch klingenden Mitteln.
These, daß es auch in der modernen Welt nicht so sehr auf den Diese dunkle und menschenskeptische Anthropologie geht
Menschen ankommt, sondern auf etwas, das über den Men- den Modernen gegen den Strich, denn die Moderne stellt sich
schen hinausgeht und wofür er nur Medium oder Resonanz- alternativelos als ein Ermächtigungs- und Fortschrittsprojekt
boden sein kann - Heidegger sagt »Hüter« und »Nachbar« -, der politischen Vernunft und der Technik vor, ein Projekt, das
nämlich auf das Sein. Die christliche Tradition hätte hier von nur Sinn ergibt, wenn der Mensch aus eigener Kraft gut und
106 Die Sonne und der Tod »Regeln für den Menschenpark« 107
klug sein kann, zumindest klug und gut genug, um nicht sofort Nichtsdestoweniger läßt sich zeigen, daß es sich bei Heideg-
an sich selbst zu scheitern, Aufklärung ist nur möglich, wenn gers Zurückweisung des gewöhnlichen Humanismus um eine
der Mensch nicht schon kurzfristig der Gnade bedarf, um das Denkgebärde handelt, die im alteuropäischen Bestand veran-
Richtige zu tun. Die Modernen sind eben keine Augustiner kert ist und über die man sich nicht so sehr aufregen müßte,
mehr, sondern Pelagianer oder humanistische Semi-Mono- wenn man noch eine Ahnung hätte von dem, was das theo-
theisten, meistens jedoch nur diffuse Atheisten mit einer Aus- nome Denken seit jeher gewollt und gelehrt hat. Nun sagt
steuer an quasi-transzendenten Menschenrechten. Für die Ver- Heidegger im Jahr 1946, »daß nicht der Mensch das Wesent-
fechter von theonomen oder ontonomen Denkformen ist liche ist, sondern das Sein als die Dimension des Ekstatischen
dieser pelagianische Humanismus hingegen nichts als die fort- der (menschlichen) Ek-sistenz«. Der Satz war wohl eine Zeit-
geschrittenste Form von kreatürlich-rebellischer Verblendung bombe, die nach 50 Jahren durch meine Paraphrase gezündet
und die Matrix der subjektivistischen Selbstgerechtigkeit, die
nach ihrer Überzeugung in die Vernutzung, Entstellung und H.-J. H. Vor diesen Hintergründen erscheint die Gentechnik
Vernichtung von allem führen muß. Diesen Irrungen gegen- im Grunde nur als die aktuellste Phase in dem, was Sie als
über wäre in der Sicht der Theonomisten eine radikale Dämp- den Selbstermächtigungsprozeß bezeichnet haben und was bei
fung angesagt - bei Heidegger ist von Besinnung die Rede -, Heidegger das Ge-Stell heißt. Mit ihr rückt die Objektivierung
und zwar mit der Betonung darauf, daß auch diese etwas ist, des Seienden eine Stufe weiter vor bis ins Innerste der Lebens-
was man nicht Selbsthaft machen kann, sondern was uns vom mechanik. Die Diskussion über den Griff nach den Genen ist
Sein »gegeben« oder »geschickt« werden muß, wenn sie denn als solche nicht neu. Sie wird seit mindestens zwanzig Jahren
statthaben soll. geführt und hat inzwischen geradezu etwas Gebetsmühlenhaf-
Das Problem, das sich bei solchen Reden stellt, ist nicht, daß tes, man hat jedes Argument von jeder Seite unzählige Male
sie beim ersten Anhören so schwer zu verstehen wären, denn gehört.Was ist eigentlich passiert, daß jetzt ein solcher Schub
schwierig werden sie erst in der Tiefenstruktur, wo man die einsetzt? Ich sehe für den Moment davon ab, daß die Men-
Grammatik der Handlung gegen die Grammatik des Ereignis- schenpark-Rede nur indirekt mit der Gentechnik zu tun hat
ses austauschen müßte. Die Krux mit diesen Reden ist viel- und daß Ihre Intention als Autor nicht auf einen Beitrag zu
mehr, daß sie so peinlich sind - sie verstoßen gegen den guten dieser Debatte im engeren Sinn aus war, wie viele Kritiker un-
humanistischen Ton und den neo-pelagianischen Konsensus, terstellt haben. Ich frage Sie trotzdem:Warum und wie hat man
kurzum gegen den bürgerlichen, den kritischen, den subjekt- diese Biotechnikdimension in den Text hineinlesen können?
autonomistischen Geschmack. Es ist ja wahr, Theonomie ist Was ist das Neue an der heutigen Situation?
geschmacklos, weil radikal gegen jede Art von Menscheneitel- P. S. Nun, das Neue liegt in zwei zeittypischen Momenten:
keit gerichtet, und Ontonomie ist es genauso. Man sollte in akut in der Zuspitzung des genetic ingeneering-Problems und
guter Gesellschaft solche Reden einfach nicht führen. Nur, chronisch in der Zuspitzung des Humanismus zum Funda-
was gibt Heidegger auf gute Gesellschaft? Das Zentrum in mentalismus der westlichen Kultur. Beide Phänomene haben
Gott und der Mensch ein Punkt in der Peripherie, das Sein im mit dem zu tun, was ich vorhin die zweite Höchstschwierigkeit
Zentrum und das Da-Sein als Hüter des Seins an den Rand in der Menschenpark-Rede genannt habe. Zu dem ersten Mo-
versetzt: dergleichen will man nicht mehr hören. ment möchte ich bemerken: Wir leben imaginär schon jetzt in
108 Die Sonne und der Tod »Regeln für den Menschenpark« 109
einem Kalender post Dolly creatam. Seit der Publikation der Bot- Menschen für ihre Auffassung vom Unterschied zwischen
schaft von der schafgewordenen Klonzelle im Februar 1997 ist Menschengleich und Menschenähnlich demonstrieren.
in den Köpfen der Menschen nichts mehr wie zuvor. Man H.-J. H. Mit diesen Andeutungen setzen Sie die aktuellen Ent-
spürt mit einem Mal, daß der Eintritt in die Ernstfallphase des wicklungen in einen religionsphilosophischen Kontext, der bis
Biotechnik bereits hinter uns liegt. Nun passiert etwas ganz ins Frühchristliche zurückreicht. Wir können das Neue offen-
Bemerkenswertes - etwas, was unsere religiösen Programme bar nur wahrnehmen, wenn man es vor eine solche historische
reaktiviert, Es folgt eine rein metaphysische Debatte. Die Folie stellt. Ich frage mich aber, ob man so der Neuheit des
Phantasie springt mit einem Satz an ein potentielles Ende der Neuen wirklich gerecht wird.
Entwicklung, kaum daß vage Anfange sich gezeigt haben, und P. S. Lassen Sie mich, um diesen Einwand aufzunehmen, ein
schon wird vom Schaf auf den Menschen geschlossen - viel- paar Worte über die zweite von den erwähnten Höchstschwie-
leicht auch deswegen, weil die Assoziation zwischen Gott und rigkeiten sagen. Wir leben heute inmitten von etwas, was dem
Lamm das alteuropäische Imaginäre anspricht, wer will das von Platon erwähnten Riesenkampf um das Sein entspricht, in
ausschließen. Sicher ist nur, man wittert die metaphysische dem Streit um die Neuziehung der Grenzen zwischen dem
Sensation. Alle ahnen irgendwie, der Klon-Mensch wäre der Seelischen und dem Maschinellen oder dem Subjektiven und
erste Mensch nach Christus, auf den die nizäische Formel geni- dem höheren Mechanismus. Daß diese Grenzen neu vermes-
tus non factus wieder anzuwenden wäre, zumindest sinngemäß, sen werden müssen, ist eine Folge aus der modernen Naturwis-
denn genitus heißt im Theologencode: von Gottvater direkt senschaft und der psychologischen und soziologischen Auf-
durch Selbstmitteilung hervorgerufen und nicht durch physi- klärung, Ich definiere, in Anlehnung an Gotthard Günther,
sche Kausalität erzeugt, aber auch nicht nach dem Adam- die ontologische Aufklärung, mithin den Basisvorgang der
Verfahren hergestellt. Mithin, so wie Dolly kein schafgemach- Modernität, als einen epochalen Beweisprozeß - nämlich als
tes Schaf mehr ist, so wäre auch der homo clonatus kein men- progressiven Nachweis, daß dem Mechanismus sehr viel grö-
schengezeugter Mensch mehr, und zugleich erst recht in einem ßere Anteile am Gesamtbestand des Seienden gehören, als die
verschärften Sinn ein menschengemachter Mensch, er wäre traditionelle Subjekt-, Geist- und Seelenmetaphysik angenom-
der Homunculus, von dem die Europäer durch ihre alchemisti- men hatte. Diese Beweise geschehen durch Maschinenbau,
schen Avantgarden seit der Renaissance reden. Mit ihm würde Man findet, je weiter man eindringt, immer mehr Mechani-
die bisherige genealogische Logik auf den Kopf gestellt. Das sches im Herzland dessen, was man für das genuin Seelische
Klonen gäbe, wurde es häufiger angewandt - was unmöglich und Subjektive hielt. Die Folge davon ist, daß die Menschen in
ist -, dem ohnehin schon angeschlagenen biparentalen System ein Zeitalter eintreten, das ihnen auf eine ganz überpersönliche
den letzten Stoß. Was sollte man etwa von einem weiblichen Weise das Herz aus dem Leib reißen wird, sofern sie auf alten
Individuum denken, das die Zwillingsschwester ihrer Mutter und offenbar unhaltbaren, metaphysisch codierten Unter-
wäre und ihre Tochter? Man kann nicht leugnen, daß diese scheidungen beharren. Durch die Offenlegung des Mechani-
Fragen einen gewissen Streitwert haben. Wenn man liest, daß schen im scheinbaren Kernbereich des Subjektiven wird so gut
im Byzanz des 4. Jahrhunderts die Menschen für den Unter- wie alles angetastet, was unantastbar schien oder scheinen
schied zwischen Gottgleich und Gottähnlich auf die Straße wollte: das Verhältnis zum Kind, das Verhältnis zum Tier, das
gegangen sind, dann scheint es nicht abwegig, daß um 2000 die Verhältnis zum eigenen Körper einschließlich seiner Ei- und
110 Die Sonne und der Tod »Regeln für den Menschenpark« 111

Samenzellen, das Verhältnis zum erotischen Erleben, das Ver- räumigen Wandlungen geäußert haben. Sollte ich den Men-
hältnis zu den Gefühlen und den subjektiven Zuständen, das schenpark-Vortrag noch einmal schreiben, so wurde ich ihn
Verhältnis zur Sprache und schließlich das Verhältnis zu dem anders aufbauen, ich wurde zwei der eminentesten intellek-
Absoluten, das uns in den unverfügbar scheinenden Grenz- tuellen Äußerungen von Denkern nach den beiden größten
ereignissen von Geburt und Tod gegeben war. Sozialkatastrophen des 20. Jahrhunderts nebeneinanderstel-
Man darf in diesem Zusammenhang daran erinnern, daß auch len - ich verwende jetzt das Wort Katastrophe doppelsinnig,
heute auf den am meisten zeugnishaften Zeichen des Men- zugleich prozeßtheoretisch und umgangssprachlich: Zum ei-
schenlebens, auf den Grabsteinen, die beiden Kontaktstellen nen wurde ich Bezug nehmen auf Paul Valerys Aufsatz Lu cr&
mit dem Unverfügbaren oder Absoluten, das Geburtsdatum de PeJprit von 1319 (mit einem Nachtrag 1922), zum anderen
..
und das Todesdatum, angegeben werden. Gleich ob man, wie eben wieder auf Heideggers Brief Uber den H~rnanismu~ von
christlich üblich, ein Kreuz hinzufügt oder eine Pyramide, wie 1946. Zwei Texte, von denen jeder auf seine Weise unmittelbar
manche Freimaurer es taten, oder einen Stern, wie man ihn auf zum Monströsen ist. In beiden taucht die Frage auf: Wer war
Heideggers Grabstein in Meßkirch sehen kann, die Daten von eigentlich das Subjekt dieser Krise? Wer ist es, der aus dem
Geburt und Tod als solche fehlen nie. Sie sind die unübersteig- Vorgefallenen etwas lernt? Und was ergibt sich für die, die
baren Markierungen - die Berührungspunkte zwischen dem das Ereignis überdenken, aus dem, was sie von ihm erfassen?
Zufälligen und dem Unbedingten. Und dennoch sieht man in Beide Autoren fällen über die Katastrophenkomplexe, auf die
der Gegenwart, wie diese Daten, diese Merkzeichen unserer sie zurückschauen, nicht so sehr moralische Urteile, sondern
Berührung mit dem Unverfügbaren, in Bewegung geraten sehen in ihnen Aussagen über die Technik als eigentliche Welt-
sind. Wie keine Zivilisation zuvor hat die gegenwärtige dazu macht. Valery hat das in einer zivilisationstheoretischen Ton-
angesetzt, die Grenzenmarken zu verschieben. Die Geburt lage getan, Heidegger in einer humanismus- und subjektivitäts-
wird planbar, der Tod wird in gewissen Spielräumen aufschieb- kritischen Form. Valery sagt: Wir wissen nun, daß auch die
bar, der Körper wird in einem bisher unvorstellbaren Ausmaß Zivilisation sterblich ist und »daß der Abgrund der Geschichte
operabel, Sexualität und Fortpflanzung werden auseinander- Raum hat für alle«. Das ist ein Satz, der seit seiner Formulie-
gelegt, die Gefühl e werden pharmakologisch moderiert, die rung nicht aufgehört hat zu wachsen. Ich habe keinen Zweifel
psychischen Zustände von ästhetischen und chemischen daran, daß er unter die zwei oder drei absoluten Jahrhundert-
Techniken geformt, das logische Denken, das Sprechen, das worte gerechnet werden muß. Er bedeutet, verbindlich und
Übersetzen und viele andere mentale Operationen können als buchstäblich: Nicht nur der Mensch ist sterblich, wie die grie-
Rechnungen angeschrieben und von Computern wiederholt chische, die christliche und die humanistische Tradition annah-
werden - man könnte mit dieser Liste fortfahren. men; nicht die Individuen allein sind sterblich, sondern auch
Was ist aus diesen Beobachtungen zu lernen? Sie betreffen ka- die Zivilisation muß jetzt als sterbliche und fallible Unterneh-
tastrophische Vorgänge von einer kulturtheoretischen Trag- mung begriffen werden, auch nachdem sie ihre bisher fürchter-
weite, die niemand überblickt. Man soll vielleicht angesichts so lichste Krise mit knapper Not überlebt hat.Valery hat in einer
großer Fragen nicht den Narren auf eigene Faust spielen und kühnen Wend ung Sterblichkeit und Zivilisation miteinander so
sofort selber antworten, sondern erst einmal zusehen, wie sich konfiguriert, daß schon das ökologische Problem hervortritt.
einige der grijßten Autoren des Jahrhunderts über diese groß- Ganze Kulturen, ganze Daseinsstil-Kollektive - insbesondere
112 Die Sonne und der Tod »Regeln für den Menschenpark« 113
die Hochtechnologiegesellschaften - müssen sich von nun an Strophe schauen, um zu erfahren, wie es um die Sache des
zu ihrer Endlichkeit verhaltenwenn das immanente Selbstver- Seins und des Menschen wirklich steht. Le soleilni la mort ne se
nichtungsrisiko der Kultur steigt, müssen die Menschen zu petivent regarder fixement, heißt ein bekanntes Wort von La
ihrer Macht und deren Ausübung zunehmend bewußt Stellung Rochefoucauld, man kann weder unverwandt in die Sonne
nehmen. Sie schulden sich spätestens seit dem Ersten Welt- blicken noch in den Tod. Nach Heidegger wäre hinzuzufügen,
krieg eine Antwort auf die Frage, ob sie aus dem, was ihnen man kann auch nicht in den Menschen oder in die Lichtung
zugestoßen ist, etwas über sich selbst haben lernen können. blicken.
Wie würden wir heute antworten, wenn man uns drängen H.-J. H. Heideggers skandalträchtige Geste in seinem Huma-
wollte, auf dieselbe Frage einzugehen? Haben die Europäer nismus-Brief bestand darin, zu fordern, trotzdem in diesen
aus dem Ersten Weltkrieg, aus der Offenbarung des Prinzips Blitz zu sehen, der durch den Menschen, den »Hüter des
Materialschlacht, aus der Epiphanie der totalen Mobilma- Seins«, zuckt?
chung und der Vernutzung von allem und jedem entschei- P.S. Wenn dergleichen verlangt wird, weiß man zunächst
dende Schlüsse hinsichtlich ihrer eigenen Kultur gezogen? nicht, ob es Aufklärung oder Mystik ist. Üblicherweise ver-
Sind sie andere geworden durch das, was mit ihnen geschehen steht man unter Aufklärung oder Erfahrungsdenken: daß man
war? Hat es bei ihnen eine Metanoia, ein Umdenken in den beleuchtete oder selbstleuchtende Dinge anschaut und in öf-
letzten Motivschichten, gegeben? Man darf skeptisch bleiben. fentlichen Beschreibungen festhält, was man sieht. Wo die erste
Wollte man bejahend antworten, könnte man allenfalls auf Ansicht nicht tief genug geht, deckt oder schneidet man die
Minderheiten-Lernprozesse verweisen. Dinge auf und setzt ihr Inneres der Beleuchtung aus. Die für
Heidegger wiederholt vor einem noch dunkleren Hintergrund die Aufklärung typische Grundgeste ist: Verborgenes in die
die Valerysche Bewegung und fragt seinerseits: Was erfahren Sichtbarkeit bringen. Sie ist eine universale Praxis des Ver-
wir denn über den Menschen, wenn wir auf den Katastrophen- dachts gegen das Latente. Nun macht Heidegger einen ziem-
komplex zurückblicken, aus dem wir aufgetaucht sind? Spricht lich subversiven Vorschlag. Er regt an, daß man nicht nur das
aus den Riesenschlachten unserer Zeit nicht so etwas wie eine anschaut, was im Licht liegt, sondern daß man darüber nach-
Anthropodizee, ein Lehrsatz über die Menschen, die die Ak- denkt, wie das Licht und die Dinge zusammenkommen, anders
teure des Geschehens waren und die sich schließlich, auch wo gesagt, man soll die Lichtung als solche meditieren. Die Lich-
sie als Täter auftreten wollten, fast ohne Ausnahme auf der tung ist gleichsam der weltgebende Blitz, und diesen sollten
leidenden Seite der Geschichte wiederfanden? Wenn Heideg- wir jetzt eigens vergegenwärtigen. Aber wer direkt in ihn
ger im Brief an den jungen Franzosen im Jahr 1946 das Etikett schaut, wird geblendet.
Humanismus zurückweist mit der Bemerkung, solche Begriffe Wenn man es sich recht überlegt, geht es Heidegger darum,
hätten schon genug Unheil angerichtet, dann muß man die eine Art von anonymer Religion zu stiften, abseits der klassi-
historische Szene mitbedenken - dieses Bilanzziehen nach schen Metaphysik und doch auf eine konservative Weise, eine
dem Schlimmsten und dieses Hinwirken auf eine tiefere Dia- Religion der Lichtung. Deren Grundsatz lautet, daß die Men-
gnose hinsichtlich der modernen Menschenwelt, die in ihren schen noch verhaltener und noch gesammelter zu werden
Massenvernichtungsorgien gewissermaßen ihre Selbstdarstel- haben, als sie je waren. Sie sollen nicht nur die Zehn Gebote
lung vollzogen hätte. Man müßte eher in den Blitz der Kata- beachten oder auf dem achtfachen Pfad wandeln, was gut und
114 Die Sonne und der Tod »Regeln für den Menschenpark« 115

ehrenhaft bleibt, eins wie das andere, und für immer unver- gen, daß Heidegger letztlich in allem Recht gehabt hätte. Sein
zichtbar. Sie sollen zusätzlich ein elftes, ein ontologisches Ge- großes Versäumnis war es, daß er dem Abgrund der NS-Juden-
bot beachten und einen neunten Zweig des Pfads betreten, vernichtung und den Ungeheuerlichkeiten des sowjetischen
wenn man so sagen dürfte.Voraussetzung dafür ist, daß sie den Exterminismus aus dem Weg ging. Damit war sein Scheitern
Blitz bedenken und sich in seinem Licht selber als die Unheim- als Denker des Gegenwärtigen nach einer entscheidenden
lichen fürchten lernen. Wenn man es auf eine einfache Formel Seite vorprogrammiert, denn er hätte seine Grundanfrage an
bringen will, beginnt die besinnliche Empfehlung des Huma- die Technikwelt nur angemessen entfalten können, wenn er die
nismus-Briefes mit der Diagnose: Der Mensch kennt sich Phänomenologie der Todespolitiken so explizit entfaltet hätte,
selber noch gar nicht, weil er noch nie richtig nach sich selbst wie die Geschehnisse des Jahrhunderts es forderten. In diesen
gefragt hat. Wenn er sich konventionell als animal rationah de- Vernichtungsblitz konnte er auch nicht schauen, Er sieht einen
finiert, fügt er nur zwei scheinbar vertraute Größen zusam- Augenblick lang in die gefährliche Richtung, dann muß er den
men: Er bildet sich ein, zu wissen, was Tiere sind, und er glaubt Blick abwenden. Was hat er gesehen? Eine noch umfassendere
zu verstehen, was die Ratio ist, und indem er die beiden Tri- Vernichtung?Was er in der Blendung danach noch wahrnimmt,
vialitäten addiert, meint er zu guter Letzt, er habe Übersicht sind gespenstische Abstraktionen, in denen die Unterschiede
hergestellt und sei bei sich zu Hause. Auf dieser Ebene argu- zwischen Tätern und Opfern, Angreifern und Verteidigern, To-
mentieren auch heute noch oder schon wieder all diejenigen, talitaristen und Demokraten noch nicht wieder so evident
denen die Ungewißheiten und Unübersichtlichkeiten, alt oder sind, wie sie dem normalsichtigen Auge erscheinen.Von da an
neu, zu viel geworden sind und sich in einen »neuen Humanis- kann es nur noch Mißverständnisse geben.
mus« retten wollen, zum Beispiel die reaktionären Neokantia- Versuchen wir, die ontologische Exzentrik der menschlichen
ner in Frankreich, die das angeblich antihumane Denken von Situation, dieses Hinausstehen ins Offene, näher zu charakte-
1968 zuerst verhunzt und dann in seiner Verhunzungsgestalt risieren. Die Natur wird von der modernen Wissenschaft be-
scharf abgelehnt haben. Human, da weiß man, was man hat. schrieben als eine sich selber bauende Hypermaschine. Der
Der Humanismus ist der Fundamentalismus unserer Kultur, er gängige Ausdruck für Selbstbau heißt Evolution. Innerhalb
ist die politische Religion des globalisierten okzidentalen Men- des großen physikalischen Maschinenbaus, von dem die Kos-
schen, der sich für so gut und klarsichtig hält, daß er sich gern mologie und die Geologie handeln, finden zwei Prozesse des
überall nachgeahmt sähe. Sondermaschinenbaus statt: Zum einen werden Lebensma-
Heidegger ist ein Ontologe der Unheimlichkeit des Menschen schinen gebaut, und zwar autoplastisch oder autopoietisch.
bei sich selbst, wenn er darauf hinweist, daß der Mensch den Das ist schon unheimlich: daß es da auch noch lebt und nicht
Ort im Seienden innehat, wo sich die Seinsfrage überhaupt erst nur »ist«, daß es spürt und treibt, daß in die Welt punktuell so
stellt. Durch den Menschen hindurch geschehen all diese ex- etwas wie beginnende Weltoffenheit eingebaut wird, durch
plosiven Ereignisse wie der Weltkrieg als planetarische Projek- arganismische Sensibilität, durch Pflanzlichkeit, durch Tier-
tion der Machtfrage und die Totalbenutzung der Erde und des werdung. Seltsam, daß die leidlosen Atome so leichtsinnig
Lebendigen für die Produktion, den Verkehr, den Konsum. Wo waren, sich auf Nervlichkeit, auf Schmerz und Gedächtnis ein-
so gefragt wird, ist es mit der Erbaulichkeit des Humanismus zulassen, lange vor dem Menschen. Ist das nicht eine Unfaß-
in Schule und Sonntagspolitik vorbei. Ich will damit nicht sa- barkeit für sich? Das ist sie ohne Zweifel, aber nur, wenn der
116 Die Sonne und der Tod »Regeln für den Menschenpark« 117
Mensch da ist, dem sie auffällt. Sie kann ihm freilich nur auf- stellt. Bei Gestalten dieses Ranges geht es um Neufassungen
fallen vor dem Hintergrund seiner eigenen, noch größeren Un- des modus vivendi. Bei Heidegger wird es für uns deswegen so
geheuerlichkeit, seiner noch enormeren Auffälligkeit, seiner unheimlich, weil uns die Zurückführung seiner Gedanken auf
ontologischen Ekstase, die man diskret mit dem Allerwelts- die mystischen Muster und die christlichen Analogien letztlich
wort Existenz bezeichnet. Damit kommen wir zu dem zweiten nichts nützt.Wir können nicht sagen, bei Meister Eckhart steht
Sonderaspekt: daß beim Menschen zusätzlich zur Lebensma- das alles schon, denn Meister Eckhart hat die Atombombe
schine evolutionär so etwas wie eine Geistmaschine entstan- nicht erlebt, aber Heidegger hat sie erlebt, und mehr noch
den ist als die Möglichkeit, zu denken und im Denken die Welt als das, er hat sie gedacht. Im Herbst 1946, als er den Huma-
als Welt aufgehen zu lassen. Heidegger hat in einem quasi- nismus-Brief redigierte, war nicht nur die Wahrheit über
naturphilosophischen Passus der Grundbegriffe der Metaphysik, Auschwitz gelüftet und über die Hitlerei, da waren seit einem
1929- 19 30, nach den berühmten Langeweile-Abschnitten, die Jahr die beiden amerikanischen Bomben über Japan abgewor-
Differenzen zwischen der Weltlosigkeit der Steine, der Welt- fen. Gewiß hat Heidegger damals auch apologetische Interes-
armut des Tieres und dem weltbildenden Wesen des Men- sen verfolgt, doch sie spielen im grundgedanklichen Bereich
schen herausgearbeitet, im übrigen mit einer Darstellungs- nicht die Rolle, die man ihnen zuweist, wenn man nur das her-
kraft, die kaum ihresgleichen hat, zugleich professoral und vorkehren will, worin Heidegger unrecht hatte. Die Blitze von
dämonisch. Das läßt sich auch so lesen, als sei beim Menschen Hiroshima und Nagasaki waren so etwas wie Offenbarungen
zu allem Bisherigen eine Art von ontologischem Organ hinzu- des Stands der Dinge auf der Linie seiner Betrachtungen. Die
gekommen, ein Welt-Sinn oder eine Totalitätsfühligkeit, wie beiden Atompilze kamen, seiner Sicht gemäß, aus dem Kern
sie kein Tier besitzen konnte - vorausgesetzt, der Mensch des Humanozentrismus, sie waren Menschenwitz-und-Kunst
»macht auf« und hebt den Kopf und existiert, Ansonsten blie- in quintessentieller Form, sie waren Gestell und Explosion in
be auch für Mitglieder der Menschengattung wahr, was Hei- einem, sie waren der Offenbarungseid der modernen Physik
degger bemerkt: »der vulgäre Verstand sieht vor lauter Seien- und in gewisser Hinsicht die deutlichste Selbsterklärung nicht
dem die Welt nicht«. Diese potenzierte Unheimlichkeit der nur der amerikanischen, sondern der modernen Stellung zur
Seinsfrage, als Menschenfrage oder besser als Sein-durch-Men- Welt überhaupt.
schen-Frage gestellt, macht den enormen Angriffswert der Deswegen hat es keinen Sinn, Heidegger nach rückwärts zu
scheinbar so betulichen Heideggerschen Reflexionen aus. lesen, als habe er dasselbe gesagt wie die deutschen Mystiker,
Manche Zeitgenossen haben gespürt, daß Fragestellungen von nur angepaßt an den Geist der Zeit. Die Versuche, Heidegger
einer ähnlichen Mächtigkeit nur in den Zeiten der Schöpfung von den Blitzen unseres Jahrhunderts zu trennen, verarmen
der Hochreligionen aufgekommen waren. So umfassend, wie die Diskussion und verkleinern die Sicht. Er war in seiner Zeit
ein Religionsstifter nach einem Heilsweg fragt, fragt Heideeger der stärkste Interpret des historischen Ereignisses, daß die
nach der Wahrheit über den Menschen oder vermittels des Menschen Herren über das nukleare Feuer geworden sind, ob-
Menschen. Man versteht ihn besser, glaube ich, wenn man ihn schon er die strategischen und physikalischen Details der
mit Lehrern der zurückgezogenen Weisheit wie Lao-Tse, mit neuen Situation nirgendwo so ausführlich behandelt hat, wie es
indischen Denkmeistern wie Shankara und Nagarjuna oder Jaspers in Die Atombombe und die Zukunft des Menschen tat. Aber
Religionsgründern wie Paulus, Mani oder Luther in eine Linie ihm war klar, daß sich die Seinsfrage durch die Macht- und
118 Die Sonne und der Tod Arena-Mediologie

Technikfrage hindurch stellt. Und wie richtig das gesehen ist, einer Wiederholung der Antike unter zeitgenössischen Pseud-
bemerken wir heute nicht zuletzt daran, daß die Spitzentech- onymen gekommen ist.
nologien in den life sciences sich daran machen, die Codes des Man sieht von der Moderne wie von der Antike nicht genug,
Lebendigen umzuschreiben. wenn man nur die Hochebene des Streits zwischen den anciens
und den modernes in Literatur und bildender Kunst ins Auge
faßt. Denn unterhalb der offiziellen, sublimen literarischen
Arena-Mediologie Traditionen, unterhalb der Gymnasiumantike gibt es Renais-
sancen, über die man erneut eine Querelle führen müßte -
H.-J. H. Wenn wir versuchen, von der Turbulenz der Men- Wiedergeburten von der dunkleren Art. Man hat bisher unter
schenpark-Debatte jetzt noch einen Schritt weiter zurückzu- Renaissance immer nur die Wiederanknüpfung der europäi-
treten:Was läßt sich an ihr in bezug auf die historische Situation schen Wissenschafts- und Kunst-Eliten an den literarischen
und die innere Verfassung unserer Gesellschaft und ihre kul- und ästhetischen Modellen der Antike verstanden. Aber da-
turelle Lage ablesen.? Ich denke, wir sollten unsere oben be- bei hat man etwas ganz Wesentliches übersehen. Auch die rö-
gonnene Subtext-Analyse noch ein Stuck voran treiben und misch-antike Massenkultur hat inzwischen bewiesen, daß sie
fragen, worin das bisher Ungesagte und Ungesehene der Af- renaissancefähig ist, und zwar in einem Ausmaß, das den Be-
faire liegt. obachtern noch immer nicht ganz klar geworden ist - das ist
P. S. Mir scheint, daß sich in der medialen Abwicklung der Af- die Lektion, die man aus dem 20. Jahrhundert in zivilisations-
faire etwas Entscheidendes über Aufmerksamkeitsproduktion historischer Perspektive ziehen muß. Denn es ist eben nicht
in der Massenkultur lernen ließ und darüber hinaus über die mit der Feststellung getan, daß die Modernen die griechische
mediale Fabrik der modernen Gesellschaft, Im Grunde wurde Wettkampfkultur wiederaufgenommen haben und die Olym-
ich jedem Kulturwissenschaftler und Philosophen, der wissen pischen Spiele wiederholen. Worauf es vielmehr ankommt, ist
möchte, wie die soziale Konstruktion von Wirklichkeit außer- die Wiederkehr der römischen Arena und die tendenzielle Ver-
halb von Fachzeitschriften geschieht, wünschen, daß er einmal wandlung der zeitgenössischen Gesellschaft in eine Zuschau-
die Erfahrung machen dürfte, zum Gegenstand eines natio- erkulisse für das neue Theater der Grausamkeit, Die frühe
nalen Skandals zu werden. Ich habe in diesen Monaten mehr Kritische Theorie hatte schon einige Intuitionen in dieser
über die Funktionsweise unserer Öffentlichkeit gelernt als in Richtung entwickelt, nicht umsonst hat sie den Begriff der
meinem ganzen bisherigen Leben. Nun, ich übertreibe, aber Kunst- oder Kulturindustrie von Alois Riegl, einem Kenner
diese Erfahrung ist mit soziologischen Doktorhüten nicht auf- der römischen Kunstgeschichte, übernommen, der sich mit
zuwiegen. Ich erwachte eines Morgens und fand mich berüch- spätantiker Kulturmassenware, Vasen, Haushaltsgegenstän-
tigt. Was war da passiert? Welchen Spaß haben sich die Medien den, Wandbildern, Grabschmuck et cetera befaßt hatte. Aber
und das Schicksal mit mir erlaubt, als sie beschlossen, einen diese Intuitionen stoßen nicht zum Entscheidenden durch.
eher marginalen, in einer umfangreichen Arbeit vergrabenen Die Mitte der römischen Kulturindustrie waren grausame Cir-
Intellektuellen zu skandalisieren? Für mich ist dieses Erlebnis cus-Bilder, man könnte sagen, ihr Hauptartikel waren snuff
wie ein empirischer Beweis dafür, daß es in der Moderne auch movies live. Man hat nicht genug darauf geachtet, daß das stärk-
noch in einem ganz anderen Sinn, als Nietzsche dachte, zu ste Symbol und Medium der antiken Massenkultur, nämlich die
120 Die Sonne und der Tod Arena-Mediologie 121

römische Arena, erst im 20. Jahrhundert wiedergekehrt ist, und bedeuteten so gut wie nichts mehr, abgesehen vom Kult des
zwar als architektonische wie als dramaturgische Form. Wenn Erfolges oder des Resultats. Fortuna war damals eine Stadion-
es neben unseren Altphilologen auch Altgymnastiker oder Alt- göttin. Faktisch war eine Umwandlung des Rituals zum Ge-
gladiosophen gäbe, dann wüßte man über das Drama, das sich metzel in Gang gebracht worden. Sein Sinn lag darin, Sieger
im Lauf des 20. Jahrhunderts vollzogen hat, wohl etwas mehr, zu produzieren, mit deren Schicksalen sich deprimierte Mas-
leider gibt es nur Sportjournalisten, die in der Regel keine Ah- sen identifizieren konnten. Auf dieser Funktionsebene haben
nung haben von den Spielen, in denen sie selber engagiert sind. sich die Spiele 500 Jahre lang mit ungeheurem Erfolg gehal-
So berichten sie zwar über die Spiele, die sie beobachten, aber ten - das ist zivilisationsgeschichtlich einzigartig: das Unter-
sie haben keinen Blick für die Arena, in der sie selber agieren. haltungsmassaker als Langzeitinstitution, im übrigen unter
Indem sie berichten, wirken sie mit bei der Umwandlung der zunehmendem Einsatz von seltenen, großen Tieren, deren Ab-
Gesellschaft in eine virtuelle Gesamtarena. Dabei entsteht die schlachtung man als Kampfspektakel aufmachte. Ein direkter
totalitäre Mediengesellschaft, die tendenziell alles ins Innere Ausläufer der römischen Tiermassaker oder, wie man sagte, der
der Arena zieht. Venationen, wörtlich: der Jagden im Stadion, hat in Spanien bis
Darum spricht die wichtigste Subtextdimension, die in den heute überlebt.
Medienskandalen des letzten Jahrzehnts mitschwingt, von Man könnte dieses System mit guten Gründen als einen Enter-
der Wiederkehr der Arena in den Unterhaltungsmedien der tainmentfaschismus bezeichnen. Diese Sprachregelung hätte
nachchristlichen Gesellschaft. Dieser Befund geht noch über den Vorteil, von vorneherein den Akzent darauf zu setzen, daß
die Annahmen von Guy Debord in seiner Analyse der soci&’ zwischen Massenunterhaltung und Ressentiment-Manage-
du spectacle hinaus. Die Römer hatten, ausgehend von den ment faschistoiden Typs ein klarer Zusammenhang besteht.
Schwertkämpferspielen, die ursprünglich im etruskischen Be- Sozialpsychologen haben die Hypothese vorgebracht, die Ge-
gräbnisritual ihren Ort gehabt hatten, schon um 1 0 0 vor Chri- walt in den Arenen habe die Gewalt in der übrigen Gesellschaft
stus eine Art von Protokulturindustrie aufgebaut. Rom wurde gebunden - eine sehr prekäre Annahme gerade dann, wenn sie
auf diese Weise zu einem grausamen Hollywood. In der Kai- zuträfe. Aus ihr würde folgen, daß quasi nur ein Ventilfaschis-
serzeit expandierte das System zu einem förmlichen Europa- mus den Realfaschismus psychopolitisch bändigen könnte.
pokal der Bestialität, in dem die Landesmeister unter den Dies gäbe dem Ausdruck »Energiepolitik(( eine ziemlich pi-
Totschlägern aus allen Provinzen und in allen Waffengattungen kante Nebenbedeutung.
rings um das Mittelmeer involviert waren. Man hatte das Ri- Nun muß man auf folgenden Mechanismus achten: Unsere
tual inzwischen primitivästhetisch weiterentwickelt zum Un- Zivilisation besitzt in den Parlamenten, den Nachrichtensyste-
terhaltungsduell und zum faszinatorischen Blutsport. Der men und den Sportarenen, um nur diese drei Instanzen der
Bezug zum einstigen Begräbnisritus lag zuletzt nur noch darin, Öffentlichkeit zu nennen, ein System von Unterscheidungen
daß es der unverhohlene Sinn der Spiele war, die Verlierer oder Diskretionen, die das Funktionieren der modernen Mas-
auf der Sandbahn ins Jenseits zu schicken. Mythische Über- sengesellschaft in halbwegs beruhigten Formen garantieren.
höhungsversuche waren in den Eröffnungs- und Abschluß- Aber es gibt einen Ausnahmezustand, bei dem zwischen den
ritualen zwar immer noch anzutreffen sowie in manchen The- Feldern die Grenzen verschwinden, so daß die soziale Fusion,
menmassakern, etwa in nachgespielten Schlachten, aber sie die Totalisierung durch die Krise möglich wird. Dieser plötz-
122 Die Sonne und der Tod Arena-Mediologie 123
liche Ausnahmezustand heißt bei uns der Skandal oder die ben haben, von der Zeit und vom Spiegel. Soll man daraus
Affaire. Affairen und Skandale sind dramatische Entdifferen- schließen, daß das kritische Bewußtsein auf die Formel Panik,
zierungen der Gesellschaft, in denen mit einem Mal alle über et circenses umgestellt hat? Damit will ich aber nicht sagen, es
alles alles sagen können, und das überall. Das Parlament wird gebe keine authentische Kritik mehr. Doch ich weiß jetzt,
Arena, die Arena wird Nachrichtenmedium, das Nachrich- daß Kritik vor allem als Widerstand gegen den neu-römischen
tenmedium wird Parlament - die Krise hebt die Trennung der Feuilletoncircus ausgeübt wird. Ich denke an den bewunderns-
Funktionsbereiche auf. Alle genießen diesen Ausnahmezu- werten Artikel von Antje Vollmer Die Ritter der Übermoral in
stand, wenn auch ein wenig mit schlechtem Gewissen, weswe- der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, an Klaus Podaks klare Pro-
gen man bei diesen Walpurgisnächten der Empörung nur blemanalyse in der Siiddeutschen Zeitung und einige andere Inter-
Leute opfern soll, denen man wirkliche Fehler nachsagen zu ventionen. Es gab eine kleine Anzahl von Publizisten, in den
können glaubt. Denn wenn das Opfer nicht selber schuld ist, Funkmedien wie in der Presse, die den Mißbrauch und die
wie dürfte man sich an der Jagd auf es beteiligen? Bei der Fu- Mißfunktion der Öffentlichkeit in der Affaire begriffen hatten.
sion übernimmt die Arenafunktion die Führung, sie steuert die Sie stellten Wellenbrecher gegen die Flut dar.
Versammlung der schaulustigen Masse angesichts des Spekta- Wenn man den Subtext solcher Vorgänge entziffern will, sollte
kels, das fasziniert und synchronisiert. man darauf achten, daß der Stand der europäischen Kultur
Was die neue Arena eigentlich ist, nämlich eine Erregungs- und sich unter anderem daran ablesen läßt, wie die Antike wieder-
Fusionsmaschine für die Massenkultur, das können die Moder- verwendet wird. Unter diesem Gesichtspunkt ist unsere Bezie-
nen nur wissen, nachdem sie sich selber hineinbegeben haben, hung zum römischen Präzedenzfall dramatisch. Man muß
aber nicht als Zuschauer, sondern als Kämpfer - das letztere sich nur gewisse Daten der europäischen Architekturgeschich-
geschieht, sobald man eine öffentliche Person wird, ein Po- te vergegenwärtigen: In karolingischer Zeit hat die christliche
litiker, ein Medienstar, ein Spitzensportler oder ein Skandal- Monarchie zuerst römische Bauformen wie die Basilika und
objekt. Die Kämpferposition ist deswegen so informativ, weil das Rundgebäude wiederholt, das 16. Jahrhundert wiederholt
man in die Arenamitte gerät und von dort aus die entschei- die Villa, im 17. und 18. Jahrhundert kommen auch die gräzisie-
dende Information mitnimmt: daß die Tribüne rundum aus- renden Formen wieder herauf, der Tempel, der Rundtempel,
sichtslos geschlossen ist und daß nur der Kampferfolg darüber die Wandelhalle; dem folgt ein halb absolutistischer, halb bür-
entscheidet, ob und wie man aus dem Kessel herauskommt - gerlicher Gebrauch des Amphitheaters fürs Hoftheater, dann
eine Frage, die sich für die Leute auf den Rängen niemals stellt, für die Sitzordnung der neuen Parlamente, die älteren Univer-
weil es von ihnen keiner weit hat zum Ausgang. Für den Zu- sitätshörsäle nicht zu vergessen. All das sind Bauformen, in
schauer stehen die Christen und die Löwen auf derselben denen einzelne Menschenstimmen zu hören sind. Die antike
Stufe, wodurch garantiert ist, daß man sich immer amüsiert. Form, deren Wiederholung am längsten auf sich hat warten
Was auf der einen Seite eine diskutierende Demokratie, ist aus lassen, war die Arena, das neue Sportstadion, der Wettkampf-
der anderen Perspektive gesehen schon das totale Stadion. Was Zirkus. Diese sozial-architektonische Raum- und Versamm-
meinen Fall angeht, so muß man bedenken, daß das Fanfaren- lungsidee erlebt erst im 20. Jahrhundert eine Wiederkehr, dann
signal zum Beginn der Spiele von Medien ausgegangen ist, die aber sofort in epidemischen Ausmaßen, ohne Zweifel deswe-
sich der Kritik und der bürgerlichen Wachsamkeit verschrie- gen, weil das römische Rundtheater die suggestivste Raumfor-
124 Die Sonne und der Tod Noch einmal: Nach dem Humanismus
mel für die Bedürfnisse der wiedererstandenen Massenkultur des Circus geworden. Clinton ging aus der Affaire nur deswe-
liefert. Das Stadion ist die pure Neo-Antike an ihrem dunklen gen halbwegs unbeschädigt hervor, weil er selber die Regeln
Grenzwert. Es ist die Kultstätte des Fatalismus, der wieder zur des Circus akzeptierte und wie ein erprobter Gladiator bis zum
Religion der Massen geworden ist. Das Fatum ist der Spruch, Ende durchhielt. Ich denke, daß angesichts dieser Dammbrü-
der den Unterschied zwischen Siegern und Verlierern feststellt. che für die Faschismus- und Massenwahntheorie der Zukunft
Zugleich ist es die VOX omnium, das Gebrüll der Menge. Die und für den konkreten Widerstand gegen die erneute schlei-
großen Stadien sind seine architektonische Form, von ihr her chende Umwandlung der res publica in die Arenagesellschaft
ist die neue Massenzivilisation am schlüssigsten zu denken. In alles noch zu tun bleibt.
der antiken Arena strömten die Zuschauer zusammen, um da-
beizusein, wenn der Sieger den Fuß auf den Verlierer stellt. In
der modernen Arena haben sich immerhin Spielformen der Molekularbiologie und Bio-Gnosis - Noch einmal: Nach
unblutigen Unterscheidung zwischen Siegern und Verlierern dem Humanismus
durchgesetzt. Der sogenannte Sport beruht aber weiter auf der
Faszination durch die Beobachtung der Unterscheidung von H.-J. H. Versuchen wir, im Rückblick auf dieses Gespräch das
Sieg und Niederlage. Man muß jetzt nur noch begreifen, daß Thema der Menschenpark-Rede noch einmal auf den kriti-
diese Faszinationen auch außerhalb der sichtbaren Stadien in- schen Punkt zu bringen. Sie beginnen eine philosophisch-
szeniert werden, und zwar in dem Maß, wie die Gesellschaft als literarische Reflexion über die Potentiale der Barbarei inmitten
ganze zeitweilig eine totalitäre Meta-Arena wird. der Zivilisation und ihre Eindämmung. Vor diesem Hinter-
Sobald die Gesellschaft sich entdifferenziert, im Skandal, in grund ist die Frage akut geworden: Wie steht der Mensch zu
der Affäre, springt die Arenafunktion auf die Massenmedien sich selbst, wenn er sich im Spiegel der künftigen gentechno-
über, die bei der Menschenjagd auch im Realen bekanntlich logischen Praxis anschaut? Aber auch im Spiegel der moder-
nicht zimperlich sind. Dann bildet die durchmediatisierte Ge- nen Chirurgie und verwandter Praktiken. Ich denke an die
sellschaft ein einziges Stadion, in dem man fachmännisch Praxis der Organ-Implantation, an das Einsetzen von Herz-
amüsiert die Venation beobachtet. Und von jedem, den es schrittmachern und zahllose prothetische Techniken. Das
trifft, kann man wahrheitsgemäß sagen, er ist ja nicht der er- stellt eine anthropologische Umstrukturierung dar, einerseits
ste. eine Art unheimlicher Selbstkolonisierung und Selbstentfrem-
In meinen Augen ist die Clinton-Lewinsky-Affaire ein Bruch- dung, andererseits eine Chance und eine Ausdehnung des
punkt in der jüngsten Zivilisationsgeschichte. Spätestens von Lebendigen über seine bisherigen Grenzen hinaus. Diese Pra-
diesem Moment an wird niemand mehr behaupten dürfen, er xis ist eigentlich per se ein Skandal, weil sie vom Menschen
habe nicht gewußt, welche Spiele jetzt begonnen haben. Mit extreme Selbstverdinglichungen verlangt im Austausch gegen
der globalisierten Medientreibjagd auf den US-Präsidenten die erstaunliche Erweiterung von Aktionsspielräumen. Das
und seine kleine Freundin ist eine kritische Schwelle über- Unheimliche kommt uns in diesen Techniken unmittelbar
schritten worden. Man konnte damals konkret verfolgen, wie nahe. Man fragt sich unwillkürlich: Kann dieses Unheimliche
das sogenannte öffentliche Interesse vom Arenainteresse auf- ins Barbarische übergehen.? Oder ist es nicht schon dieses
gesaugt wurde. Die Politik war für Monate zu einer Funktion selbst?
126 Die Sonne und der Tod Noch einmal: Nach dem Humanismus 127
Da diese Techniken den meisten Menschen nicht direkt zu- tion es vermochte. In diesem Sinn geht es Ihnen meines
gänglich oder verfügbar sind, richten sich ihr Befremden und Erachtens vordringlich nicht um ein wissenschaftliches oder
ihr Protest gegen diejenigen, die den Wandlungsvorgang arti- moralisches Problem, sondern um die Frage des angemesse-
kulieren oder nachstellen, wie manche Künstler es in Perfor- nen Hörens, des Anhörens und Zuhörens, des Andenkens
mances tun. Oder gegen Romanciers wie Michel Houellebecq, und Bedenkens, um Anthropo-Poesie, um die Hervorrufung
der in Frankreich zum Objekt der heftigsten Aggressionen ge- des Menschen, um sein Zur-Welt-Kommen, seine Menschwer-
worden ist. Also werden Künstler, Philosophen und Schrift- dung.
steller zu Projektionsflächen für Aggression, Wut, Trauer, die P. S. Nicht umsonst ist mein Vortrag als ein Antwortschreiben
an den anonymen Prozessen nicht unmittelbar ausagiert wer- auf Heideggers Humanismus-Brief angelegt. Ich ging, als ich
den können. ihn schrieb, davon aus, daß in diesem mehr als fünfzig Jahre
P.S. Diese Betrachtung trifft einen Aspekt der Affaire ganz alten Text die Frage nach dem Menschenwesen so weit voraus-
genau. Ich möchte nur hinzufügen, daß die Menschenpark- gedacht ist, daß man bei ihm anschließen muß, wenn man als
Rede über drei Schlüsselworten aufgebaut war: Lichtung, Do- philosophischer Anthropologe weiterdenken will - was heute
mestikation, Anthropotechnik. Von diesen Ausdrücken hat im übrigen eher eine minoritäre Position ist. Zahlreiche smarte
bisher nur einer, der letzte, den Weg zum Bewußtsein des Pu- Intellektuelle haben inzwischen das Thema Mensch als eine
blikums gefunden. Er hat gewirkt wie eine Hagelrakete, die überholte Theoriefigur abgeschrieben.
eine Gewitterwolke zum Abregnen gebracht hat. Ich kann mir Mein Interesse an Heideggers Vorgaben wird besonders durch
schon vorstellen, daß in manchen Reaktionen so etwas wie die pastoralen Formulierungen geweckt, für die der Humanis-
eine hilflose Verbitterung über die Thematik als solche und die musbrief berühmt ist, nicht zuletzt bei denen, die sich darüber
globale Tendenz, die in ihr erscheint, zum Ausdruck gekom- mokieren. Nun ja, was um alles in der Welt sind Hirten des
men ist. Dafür spricht, daß in manchen Voten der Vorwurf zu Seins?Was sind die Hüter, was sind die Nachbarn in bezug auf
hören war, ich hätte zwar nur allzu reale Probleme berührt, dieses seltsame Abstraktum? Soviel ist klar, daß Heideggers
aber vergessen, mich von den erwähnten Unheimlichkeiten Pastoral-Diskurs eminent ethisch ist, weil durch ihn eine be-
moralisch zu distanzieren. Ich verstehe, daß gerade der beiläu- sondere Form von Verhaltenheit, von Sammlung, von Beschei-
fige Charakter meiner Hinweise zu Projektionen eingeladen denheit, von Hinhören, von Vorbereitung gefordert wird, man
hat. könnte fast von einem Katalog ontologischer Sekundärtugen-
H.-J. H. Man ging so weit, zu unterstellen, Sie hätten einer den sprechen. Man spürt die Ermahnung, sich zu verhalten wie
»Menschenzüchtung« auf der Linie platonischer Elitekonzepte die fünf klugen Jungfrauen aus Matthäus 2 5, die ihre Lampen
das Wort geredet. Wer den Text liest, braucht sich mit dieser am Brennen hielten, bis der Bräutigam eintraf. Bereitsein für
Absurdität nicht aufzuhalten. Was bleibt, ist die Einsicht, daß Seinszuspruch ist alles.
eine neue anthropologische Selbstverständigung auf der Ta- Aber mit dieser Ethik der Verhaltenheit hat es eine eigenartige
gesordnung steht. Der Mensch, so scheinen Sie im Anschluß Bewandtnis. Heideggers Verständnis des Hirt-Seins ist sicher
an gewisse Wendungen von Heidegger zu fordern, sollte nicht aus zwei Quellen gespeist: zunächst vom Bild des christlichen
definiert werden, bevor man nicht gründlicher über ihn nach- guten Hirten, der für seine Schafe alles tut, daneben auch von
gedacht hat, als die metaphysische, die humanistische Tradi- bukolisch-bäuerlichen Hüterbuben-Metaphern. Beide Male hat
128 Die Sonne und der Tod Noch einmal: Nach dem Humanismus
man es mit relativ schwachen und untechnischen Rollen zu ich mir erlaubt, an die hirtennomadische Imago des bösen und
tun, denn Heideggers Hirt, das ist sehr wichtig, ist eigentlich unheimlichen Hirten zu erinnern, sicher in einer viel zu lako-
kein Könner von diesem und jenem, sein einziges Vermögen nischen Form. Auch dies ist ein Subtext, den man explizit
besteht darin, daß er gut wach sein kann und merkt, was bei der machen muß.
Herde los ist. Es macht einen Teil des Zaubers von Heideggers Für die Agrarhirtentradition ergibt es einen guten Sinn, das
Metaphern aus, daß sie ein scheinbares Nichtstun, das hütende Zusammensein von Hirt und Tier im Zeichen der Gelassen-
Wachen, als eine Höchstmöglichkeit des Daseins auszeichnen. heit, also eines untechnischen Offenseins fürs Anwesende, zu
Ich bin sicher, daß dies ein Grund ist, warum nicht wenige charakterisieren. Allenfalls muß dieser Hirt dafür sorgen,
Schüler aus dem fernen Osten den Weg nach Freiburg und daß kein Tier verlorengeht. So hat es die christliche Tradition
Todtnauberg gefunden haben. mit diesem Bild gehalten, ja, sie ging so weit, zu lehren, daß sich
Was tun die Heideggerschen Hirten? Sie wachen eben, das der gute Hirt für seine Schafe opfert. Ganz anders beim hir-
heißt, sie tun das Ihre dazu, daß die Welt Welt sein kann, und tennomadischen Typus: Dieser spekuliert mit den Fortpflan-
sonst nichts. Dem liegt die spirituelle Einsicht zugrunde, daß zungsprozessen seiner Herden, aus einem Grund, den man
wenig viel ist, während viel so gut wie gar nichts ist, wenn die leicht errät: Er will von ihr genau das, was man bei einem Ku-
Voraussetzungen falsch sind. Es ist nichts, solange der Vieltuer chen angeblich nicht kann, nämlich ihn sowohl haben als auch
nur ein rasender Schläfer bleibt, der aus der aktivistischen essen. Die Hirten sind ihrem Zivilisationsdesign nach Fleisch-
Hypnose nie erwacht. esser, sie hüten ihre Herden folglich nicht nur, sondern über-
Zu diesen Heideggerschen Hinweisen, die aus der Weisheits- wachen und steuern ihre Fortpflanzung im höchstmöglichen
tradition kommen und wieder in ihr verklingen, habe ich eine Ausmaß, so daß sie ständig Tierüberschüsse zum Verzehren
Beobachtung hinzugefügt, die sein idyllisches Hüterbild modi- erhalten, Diese Hirten tragen nicht das Merkmal Gelassenheit
fiziert. Ich sage, in der Lichtung sitzen nicht nur stille Hirten an sich, sondern das Merkmal Produktion, sprich Tierverwer-
und gelassene Hüter. Da sind noch andere, nicht so gute Hir- tung, like it or not. Sie sind Züchter und eo ipso Biotechniker, auf
ten am Werk, von denen eigens die Rede sein muß. Man hat zur einer schlichten Stufe, wie sich versteht. Sie manipulieren die
Kenntnis zu nehmen, daß es zwei radikal verschiedene Pasto- Lebensprozesse in aller Konsequenz. Sieht man näher zu,
ralen gibt, eine idyllische und eine unheimliche - kulturge- dann erkennt man, daß auf der anderen Seite auch die bäuer-
schichtlich gesprochen, eine bäuerliche und eine hirtennoma- liche Existenz den Lebensprozessen keineswegs nur in der
dische. Diese Differenz hat der Berliner Philosoph Thomas Haltung untechnischer Betreuung beiwohnt, sondern daß
Macho, von dem man noch nicht genug wahrgenommen hat, auch in ihr Lebensmanipulationen die entscheidende Rolle
daß in seinem Werk ein neues Paradigma philosophischer Kul- spielen, allerdings eher in bezug auf die pflanzliche Welt.
turgeschichte sich abzeichnet, kürzlich in einem Aufsatz unter Folglich ist in der Lichtung viel mehr im Gang als nur ein stilles
dem Titel Lust auf Fleisch? scharf herausgestellt. Man kann hier Hüten dessen, was von sich her da ist. Das Wachsein in der
lernen, daß es den guten und den bösen Hirten gibt, den agra- Lichtung ist mehr als die Betreuung einer Offenheit. Nichts an-
rischen Viehhalter und den nomadischen Viehzüchter. Nun, deres habe ich in meinem Basler Kommentar zur Problematik
während Heidegger, wie man leicht erkennt, an der christlichen der Pflege des Menschlichen durch den Menschen gesagt.
und bäuerlichen Semantik vom guten Hirten anknüpft, habe Gleich, ob es Bauern oder Viehzüchterkulturen sind, die hier
130 Die Sonne und der Tod Noch einmal: Nach dem Humanismus 131
agieren, eine gewisse Prototechnik des Zugreifens auf Lebens- das Problem der Zwischengenerationen nicht mehr, die nur als
prozesse ist in beiden Formen immer schon gegeben. Tiere und Mittel für eine spätere Generation mit den gewünschten Ziel-
Pflanzen züchten heißt Fortpflanzungschancen ungleich ver- eigenschaften verbraucht wurde. Die Idee der genetischen
teilen, also aufziehen und bevorzugen, ausscheiden und unter- Konstruktion impliziert ja den direkten Zugriff auf das Resul-
drücken, nach Kriterien, die vom menschlichen Vorteil abgele- tat, ohne Umweg über die mittleren Generationen. Damit fällt
sen werden. Vor diesem Hintergrund läßt sich verstehen, daß auch das anstößigste Moment der alten Züchtungspraxis weg,
quer durch die moderne Welt ein ungeheurer Konflikt läuft - das Eliminieren der nichtgewünschten Exemplare. Das mag
nämlich der zwischen Lebensschützern und Lebensverbrau- bei Obstbäumen und Rosen noch angehen, bei Tieren ist es
chern, typologisch gesprochen, zwischen dem bäuerlichen und bereits problematisch, beim Menschen wäre es ein Horror au-
dem nomadischen Habitus. ßerhalb jeglicher Debatte. Man muß kein Kantianer sein, um
Das ethische Dilemma der Modernen besteht darin, daß sie zu verstehen, daß Menschen nicht Mittel sein dürfen, schon
wie Pflanzenesser denken und wie Fleischesser leben. Deswe- gar nicht Mittelglieder in einer Züchtungssequenz, sondern
gen können Ethik und Technik bei uns nie parallel laufen. Wir daß sie in jeder Lebenslage, in jeder Kultur und in jeder Zeit
wollen so gut sein wie die guten Hirten, aber so gut leben wie ihren Daseinszweck in sich selber tragen. Damit ist im übrigen
die bösen Hirten, die für ihre Schlachtfeste und ihre lebenver- angedeutet, warum unsere Kultur, sowie sie anfängt, evolutio-
schwendenden Prassereien nachteilhaft berühmt sind. Dieser nistisch, naturalistisch, futuristisch zu denken, sich auf der
Dualismus bewirkt, daß alle heutigen Debatten über Ethik schiefen Ebene befindet, weil zum Evolutionismus per se die
einen falschen Ton haben. Der moderne Mann spricht mit ge- Versuchung gehört, eine gegebene Generation zu relativieren
spaltener Zunge, er ist ein Nomade im Schafspelz oder der im Hinblick auf das, was eine nächste erreicht haben wird.
böse Hirte im Gewand des guten: ein Endverbraucher. Wenn Darum hatte der alte Leopold von Ranke so ganz unrecht
man dem heute intellektuell populär gewordenen Lob der No- nicht, als er meinte, der Begriff der Entwicklung sei eine Belei-
maden begegnet, sollte man daran denken, daß damit letztlich digung für die menschliche Würde. Diese läßt sich nur bewah-
die hirtennomadische Seinsweise rehabilitiert wird - niemand ren, wenn jede Zeit unmittelbar zu Gott ist und jede Epoche
soll glauben, daß dies ein harmloser Diskurs ist. Um diesem als eine eigenwertige Realisation des Ewigen gilt. Wollten wir
Thema näher zu kommen, könnte es nützlich sein, ein Buch diesen Gedanken aufheben und die Evolution absolut setzen,
von Jeremy Rifkin aus der Phase, in der seine Position klarer dann verstricken wir uns in einen unheilbaren Zynismus ge-
war als heute, wiederzulesen: Das Imperium der Rinder, 1994, genüber jeder Vergangenheit und Gegenwart, weil das Leben
in dem der monströse Parallelismus zwischen Machtgeschich- in beiden Zeitstufen für den Evolutionisten wenig bedeutet
te und Großviehzuchtgeschichte bis zu seiner letzten Über- gegenüber dem, was die sogenannte Höherentwicklung der
spitzung im zeitgenössischen Fleischkapitalismus entwickelt Späteren erreicht haben wird. In diesem Kontext darf man
wird. noch einmal an die Großdiagnose Heideggers über das abend-
Man muß zudem einen bisher zu wenig beachteten Punkt be- ländische Denken erinnern, an dem er die Seinsblindheit be-
tonen: Mit der modernen Gentechnik nimmt der Begriff merkt haben wollte.
Züchten eine Bedeutung an, die mit seinen traditionellen Kon- H.-J. H. Man versteht jetzt zugleich besser, was Sie meinen,
notationen überhaupt nichts mehr zu tun hat, denn hier gibt es wenn Sie sagen, daß man über die Heideggersche Infragestel-
132 Die Sonne und der Tod Noch einmal: Nach dem Humanismus 133
lung des Humanismus noch hinausgehen muß. Der Huma- keine zu geben. Was aus der Hand des vollkommenen Schöp-
nismus ist in allen seinen Varianten ein von Philosophen, fers hervorgeht, ist eo ipso immer akzeptabel, Auf der Linie der
Ideologen und Kolumnisten je nach Bedarf benutztes Pro- platonischen Ontologie tritt derselbe Gedanke als das Axiom
gramm. Jörg Haider hat seinen Wahlkampf im Herbst 1 9 9 9 auf: »Alles Seiende ist gut.« Die Autoren der biblischen Genesis
österreichweit mit humanistischen Slogans geführt. Der fran- und Platon hatten je auf ihre Weise das Interesse gemeinsam,
zösische Philosoph Philippe Lacoue-Labarthe hat daher mit mit einer Optimal- und Maximaltheologie anzufangen, um die
guten Argumenten sagen können: »Der Nazismus ist ein Hu- konkurrierenden imperialen Kosmo- und Theogonien auszu-
mamsmus.« schalten. Das ist einer der Gründe, warum die beiden Supre-
Ich möchte eine letzte Frage in bezug auf das so schwierig matismen miteinander fusionieren konnten und die christliche
gewordene Thema von Menschenwurde und Technik stellen, Theologie ergaben.
nachdem die Prozeduren der Menschenproduktion jetzt bis an Zwischen dem 2. und dem 4. Jahrhundert nach Christus fingen
den biologischen Kern herangekommen sind. In der christ- Menschen in der östlichen Wetterecke des römischen Imperi-
lichen Tradition besitzen Menschen Würde als Geschöpfe oder ums an, über das Schöpfer- und Demiurgentum aus einer
Ebenbilder Gottes. Was soll aus dieser Würde werden, wenn veränderten Interessenlage heraus nachzudenken. Zwischen
Menschen an Menschen gentechnisch herumpfuschen? In ei- Jerusalem und Alexandria kommt jetzt die Idee eines Gottes
ner Fernseh-Diskussion haben Sie dieses Problem einmal in auf, bei dem Können und Wollen nicht mehr eins sind. Sobald
der Weise berührt, daß Sie ein Pfuschverbot aufgestellt sehen die Vorstellung eines zweitklassigen Urhebers die Bühne des
wollten, etwa in der Form eines gentechnischen Moratoriums. Denkens betreten hat, ist es um den prinzipiellen Respekt vor
Das drückt aber, wenn ich recht sehe, die Vorstellung aus, daß der Schöpfung geschehen.Von nun an ist es möglich zu denken,
die Menschen auf lange Sicht das Recht haben sollen, Nach- daß Seiendes auch aus der Hand eines Pfuschgottes hervorge-
besserungen an ihrer natürlichen Kondition vorzunehmen, hen kann. In der Folge sind die Gedanken der frühen Europäer
sofern solche Maßnahmen sinnvoll zu verantworten sind. in bezug auf den ersten Macher gespalten in solche, die gutka-
P.S. Ich fürchte, wir haben uns das Schwierigste für den tholisch die Optimalität der Schöpfung verteidigen, weswegen
Schluß aufgehoben und werden es nicht angemessen zu Ende Eingriffe in die genetischen Tiefenstrukturen nicht in Frage
diskutieren. Soviel vielleicht, um die Komplikationen anzu- kommen, und solche, die kritisch gegen das Seiende meinen,
deuten, die vor uns liegen: In der christlichen Haupttradition daß die Schöpfung ein Ergebnis aus unzureichendem Können,
wird Gott als ein Schöpfer vorgestellt, bei dem Wollen und also punktuell oder generell mißlungen, ist. An der letzteren
Können eins sind. Das klassische Attribut »Allmacht« bringt Diagnose hängt naturgemäß die These, daß Nachbesserungen
dies zum Ausdruck. Weil er sie besitzt, muß Gott keine Schöp- legitim sein werden, Vorausgesetz, ihre Vertreter wären an irdi-
fungsfolgenabschätzungskommission anhören. Er kann und schen Optimierungen noch interessiert. Wir stehen also - in-
darf sich geradewegs ausdrücken und gibt seine Vollkommen- mitten der modernen Ingenieurskulturen - in der Sukzession
heit an das Geschaffene linear weiter, ohne daß er ein Pfusch- einer Theologie des Machens, die von einer gnostischen Ge-
problem fürchten müßte, das bei jedem schwächeren Urheber genströmung unterspült ist.Wir habendeswegen nicht nur helle
sofort aufträte. Gegen das vollkommene Werk eines vollkom- Empfindungen in bezug auf Macherturn - in bezug auf gött-
menen Urhebers gibt es keine Reklamation und braucht es liches nicht und auf menschliches erst recht nicht.
134 Die Sonne und der Tod Noch einmal: Nach dem Humanismus ‘35

Man möchte geradezu glauben, daß wir im Augenblick eine des Rades, die ballistische Bahn des Pfeils, der vom Bogen
spätantike Szene auf der modernen Bühne nachspielen. Die schnellt, die Knotenkunst und so weiter. Technik war über
eine Menschheitsfraktion tritt dabei als der Macher auf und die Jahrtausende hinweg Alletechnik, das heißt auf gegennatür-
andere reklamiert dagegen. Die Differenz zwischen Schöpfer- lichen Funktionen und abstrakten Geometrien aufgebaute
gott und Erlösergott wiederholt sich in der Differenz zwischen Mechanik. Alletechnischen Maschinen sieht man auf den er-
Mächermensch und - wie sollen wir den anderen nennen, viel- sten Blick an, daß sie Konstrukte und keine Gewächse sind.
leicht Hütermensch oder Heideggermensch? Das spiegelt sich in den Technik-Aversionen zahlloser Men-
Vor Jahren saß ich einmal auf einem Podium mit Pinchas La- schen wider. Jetzt ist zum ersten Mal die Schwelle erreicht, wo
pide, der eine merkwürdige para-gnostische Anekdote von die Technik anfängt, eine naturähnliche Technik zu werden -
einem Rabbi aus dem spätantiken Judentum erzählte. Dieser Homöotechnik statt Alletechnik. Sie bricht nicht mehr so sehr
nicht ganz talmudkonforme Theologe soll gelehrt haben, daß mit dem modm opemndi der Natur, sondern knüpft an, sie ko-
Gott siebenundzwanzig Mal vergeblich versucht hatte, die operiert, sie schleust sich ein in Eigenproduktionen des Leben-
Schöpfung ins Leben zu rufen, und erst beim achtundzwanzig- digen, die aufgrund langfristig bewährter evolutionärer Er-
sten Anlauf sei es ihm gelungen, eine Welt hervorzubringen, folgsmuster in Gang sind. Da beginnt eine neue Form von
die hielt. Das zeigt, Denker unserer Traditionskette haben das Kooperation und Symbiose mit der alten Natur, ein Vorgang,
Pfuschproblem viel früher entdeckt, als man gemeinhin an- der auf seine Weise genauso unheimlich ist wie die erste Tech-
nimmt. Unter der Decke des katholischen Schöpfungsopti- nik. Doch werden die neuen Epinaturen der zweiten Technik
mismus, der sich mit dem platonischen Bonitätsvorurteil etwas ganz anderes sein als die Kontranaturen der erstenTech-
gegenüber allem Seienden zu beiderseitigern Vorteil vermischt nik.
hat, verbirgt sich eine Unterströmung an dissidenter Ontolo- Vielleicht ist das, was ich hier Homöotechnik nenne, nichts
gie, in der man den göttlichen und menschlichen Machern anderes als das, was in der Kabbala vorausgeträumt worden ist.
mißtraut und ihnen nicht von vornherein Können und Gelin- Sie stellte bekanntlich einen Versuch dar, die skripturalen Pro-
gen unterstellt. Das zwingt dieselben um so mehr, zu beweisen, zeduren Gottes aufzufinden und nachzuahmen. Die Kabba-
daß sie wirklich können, was sie zu können behaupten. Die listen waren die ersten, denen klar wurde, daß Gott kein
modernen Gen-Ingenieure argumentieren hier übrigens aus ei- Humanist ist,’ sondern ein Informatiker. Er schreibt keine
ner Position der Stärke, denn sie dürfen darauf hinweisen, daß Texte, sondern er schreibt die Codes. Wer wie Gott schreiben
Menschen, die an Erbkrankheiten leiden, keine guten Beispiele könnte, der würde dem Konzept von Schrift eine Bedeutung
für göttliche Schöpfungskunst darstellen. Wenn solche Men- geben, wie sie kein menschlicher Schreiber bisher verstand.
schen bloß aus der Hand eines dummen Zufalls defekt hervor- Genetiker und Informatiker schreiben schon anders. Auch in
gegangen sind, so sind gekonnte Maßnahmen zur Kompensa- diesem Sinn hat eine posthumanistische Ära begonnen.
tion des Zufalls a priori legitim.
Ein letztes Wort über die Technikfurcht in unserer Kultur. Alle
Technik ist bisher kontranatura1 gewesen, weil sie Prinzipien
eingesetzt hat, die in der Natur so nicht vorkommen, zum Bei-
spiel den Schnitt der geraden Messerklinge, die reine Rotation
Archäologie des Intimen ‘37
Ill Zur allgemeinen Poetik des Raums Ihre philosophische »Archäologie des Intimen« - so lautete
der ursprünglich geplante Untertitel von Sphären I - setzt
Über »Sphären I« darum bei einer völlig anderen Vorstellung von Intimität an
und bringt an allererster Stelle den schon erwähnten, so völlig
unphilosophisch klingenden Ausdruck »Blasen« ins Spiel. Eine
Archäologie des Intimen Philosophie, die sich unter das Bild der Blase stellt und da-
mit allen Assoziationen um Seifen- und Luftblasen, also eher
H.-J. H. Herr Sloterdij k, die Blasen, die Sphären und das Intime - Nichtigem, Instabilem, fast Ungegenständlichem, freien Lauf
das sind drei Begriffe oder richtiger Quasi-Begriffe, vielleicht läßt, situiert sich selbstbewußt in den Randzonen des akade-
sogar Nicht-Begriffe, also verbale Spielformen von eher evo- misch und kulturell Gefestigten und spielt - das wäre schon
kativem Charakter, die den Titel und die Konzeption Ihres meine erste Frage: sehe ich das richtig? - mit der Phantasie, von
neuen Buches prägen. Ich möchte vorschlagen, daß wir mit der Peripherie her das Zentrum aufzuweichen. So steht denn
diesen Begriffen/Nicht-Begriffen daher nicht wie mit Defini- auch eine Gedichtzeile von Henri Michaux: »Wenn man erst
tionen umgehen, weil dies kontradiktorisch wäre zu dem von wußte, wie weich ich geblieben bin im Grunde« an zentraler
Ihnen eingeschlagenen Denkweg und zu dem, was diese Be- Stelle des ersten Bandes Ihrer »Sphären«-Trilogie.
griffe, diese Wörter und Bilder wollen, nämlich den Raum weit P.S. Es ist ein wenig riskant, in der deutschen Sprache den
machen. Ausdruck »Blasen« zu verwenden, um eine philosophische Un-
Lassen Sie mich mit der Frage nach dem Status des Intimen in tersuchung über Intimität in Gang zu bringen. Die Konse-
der zeitgenössischen Kultur beginnen. Trotz der übermächti- quenz davon ist, daß sich bei vielen Hörern und Lesern
gen Telepräsenz des Intimen, der randvoll mit sogenannten urologische Assoziationen einstellen, in zweiter Linie Vorstel-
Tabuthemen gefüllten Unterhaltung, sind Nähe und Zärtlich- lungen, wie Sie sagen, aus dem Bereich des Flüchtigen, Nichti-
keit, die Fragilität der menschlichen Begegnungen, das Wagnis gen, Substanzlosen, die wir mit Bildern wie Seifenblase,
einer tiefen erotischenverbindung ferner gerückt denn je. Und Luftblase, Sprechblase verbinden. Die Clinton-Lewinsky-Af-
so sind die vor Jahren von Richard Sennett diagnostizierte ))Ty- faire hat dem Wort wohl auch nicht gutgetan. Aber diese
rannei der Intimität« und die damit einhergehende Entkräf- Risiken mußte-ich eingehen, ich mußte diese Assoziationen
tung der öffentlichen Sphäre nur ein Oberflächeneffekt, der zulassen, um die Intention des Buches, beinahe hätte ich ge-
einen falschen Schein von Nähe hervorruft. Die intimistische sagt seine Stxategie, schon im Titel offenzulegen. Es geht mir
Unterwanderung der Gesellschaft, die Sennett kritisiert, hat ja darum, etwas dazu beizutragen, die übermächtigen Erbstücke
nicht wirklich zu einem vertrauteren Verhältnis mit den ver- der Substanz- und Einzelding-Metaphysik, die in den Köpfen
borgeneren Schichten des Selbst geführt. Eher hat man den der Menschen immer noch festsitzen, aufzulösen, Vorstellun-
Eindruck, daß die Selbsterfahrung der einzelnen und das Po- gen, die seit z 5 oo Jahren die Europäer mit einer grammatischen
tential zu Phantasien und Visionen für die Gemeinschaften Luftspiegelung über den sogenannten harten Kern des Wirk-
heute mehr blockiert sind als je zuvor. Der Intimitätskult ist lichen blenden. Das Substanzdenken hat uns seit kaum vor-
bizarre Verbindungen und Allianzen mit der Entfremdung, der denklichen Zeiten dazu verführt, das Wesentliche von Welt
Anonymität und der Technologie eingegangen. und Leben in dem und nur in dem zu suchen, was man dinglich
138 Zur allgemeinen Poetik des Raums Archäologie des Intimen 139
und einzeln anfassen kann, was stofflich und formal Bestand Seifenblasen aus einer Schlaufe in die Luft bläst und mit Begei-
hat, was in den Objekten und Zuständen, die uns begegnen, als sterung seinen eigenen Kunstwerken hinterherblickt, bis die
deren Essenz sich immerfort bewährt. Folglich begreifen wir bunten Dinger zerplatzen.
in der Regel das Wesenhafte unter einer dingontologischen Um dasselbe ohne Bild zu formulieren: Das philosophische
Auffassung. Die Substanz ist das, was die Welt im Innersten Engagement von Sphären 1 besteht in dem Vorsatz, die in der
zusammenhält, und nur solche Dinge und Regelmäßigkeiten, philosophischen Tradition stiefmütterlich behandelte Katego-
die das Prädikat substantiell tragen, gelten nach allgemeinem rie der Relation, der Beziehung, des Sehwebens in einem Inein-
Dafürhalten der Rede wert. In der Ordnung der Dinge und in ander-Miteinander, des Enthaltenseins in einem Zwischen, zu
der Ordnung der Worte herrscht dieselbe Voreingenommen- einer erstrangigen Größe zu erheben und die sogenannten
heit für das Solide, Handgreifliche, Substantielle, Grundle- Substanzen und Individuen nur als Momente oder Pole in
gende in Verbindung mit dem Glauben, daß Einzeldinge, einer Geschichte des Sehwebens zu behandeln. Dies alles aber
individuelle körperliche Objekte und Personen das Rückgrat nicht im Stil einer Dialogphilosophie, wie sie unter den Theo-
des Wirklichen bilden. So gesehen ist unsere Kultur ihrer phi- logen populär geworden ist, sondern mit Hilfe einer profanen
losophischen Grammatik nach immer noch, wie in den Tagen oder anthropologischen Theorie des geteilten Raums oder des
des Aristoteles, ganz substantialistisch und individualistisch subjektiven Feldes.
engagiert - daran hat die jüngere Wende zu einem funktionali- H.-J. H. Genau besehen, setzten Sie ja mit solchen Manövern
stischen und kybernetischen Denkstil viel weniger geändert, nur konsequent fort, was Sie mit jeder Ihrer Schriften getan
als gelegentlich behauptet wird. Im Alltag sind wir nach wie haben: An den Stellen, wo sich das Starre und das Begrenzte
vor Hardcore-Metaphysiker - der Festkörperglauben, das hard- etabliert hatte, wo der Substanzfetischismus, wie Sie sagen,
ware-Credo und der metaphysische Individualismus sitzen bei sich festgesetzt hatte, den Raum wieder zu öffnen, um beweg-
uns tiefer als alle neu hinzugelernten Reden über die Immate- liche Formeln für eine moderne Selbsterfahrung zu entwik-
rialien, die Medien und die auftauchende Halbwelt zwischen keln, um Figuren eines konvulsivischen und Vitalistischen
Geist und Silikon, die sich Information nennt. Denkens zu erproben. Es geht Ihnen offensichtlich darum,
Wenn ich das Bild der Blase ins Zentrum meiner Überlegungen diesen, wie Sie es nennen, gehauchten Raum weit zu machen,
stelle, signalisiert das die Absicht, mit der Revision des Sub- eine schwebende Bewegung einzuführen und dabei experi-
stanzfetischismus und des metaphysischen Individualismus mentelle Kombinationen, Rückgriffe auf Ältestes, Fernstes zu
ernst zu machen. Das heißt, wir setzen beim Zerbrechlichsten wagen. Sie sprachen früher einmal von »Subversionsübungen
und beim Gemeinsamen an, wir beginnen jetzt im gehauchten gegen den Absolutismus der Geschichte und der Vergesell-
Raum, in einer dünnwandigen Struktur, die schon durch ihre schaftung«. Sie wollten die »Aufmerksamkeit für Seitenbeweg-
fragile Form und durchsichtige Erscheinung zu verstehen gibt, lichkeit<< schärfen. Statt den Menschen nur hinzunehmen als
daß wir uns nicht auf einer Grundlage aufstützen oder Sicher- ein fertig in-der-Welt-seiendes Wesen, gilt Ihr Augenmerk jetzt
heit suchen bei einem Fundament, schon gar nicht bei einem einer Maieutik, dem geburtlichen Ankommen auf der Erde,
inconcti~~tim oder einem anderen äußeren oder inneren Felsen- dem Hervorbringen von Welten, dem In-Sphären-Sein des
grund, sondern daß wir uns auf den Vorschlag einlassen, bei Menschen.
einer schwebenden Bewegung mitzugehen, wie ein Kind, das Wo liegt der Übergang von Ihrer Kritik der gvzischen Hrnunf,
140 Zur allgemeinen Poetik des Raums Archäologie des Intimen 141

198 3, von Ihrem E.wotaoi.mm, 1989, und Ihren Ausführungen Es waren zwei einschneidende Erlebnisse am Ende jener
über die fortbestehende Notwendigkeit einer Revolutions- Jahre, durch die mir bewußt wurde, daß wir trotz all unserer
theorie im Selbstvermcb, 1996, zu dieser jüngsten, schwebenden Diskurswut für entscheidende Lebensinhalte so gut wie gar
Bewegung in Sphären 1, zu diesem in seiner Offenheit sich jetzt keine Ausdrucksmittel haben - ich denke an meine psycho-
noch radikaler artikulierenden Denken? Lassen sich hierfür analytischen Experimente und an die Indienerfahrung. Durch
auch biographische Motive nennen? Und habe ich recht mit beides bin ich aus der akademischen und bürgerlichen Stan-
meiner Vermutung, daß zwischen Ihren jüngsten Arbeiten und dardkultur herauskatapultiert worden. Mit einer Beobachtung
Ihren älteren Büchern ein gewisser Einschnitt beobachtbar wie der, daß es uns bei aller offiziellen Diskurskultur an Aus-
. -
1str druck für Wesentliches fehlt, stand ich weiß Gott nicht allein.
P.S. Lassen Sie mich mit der biographischen Anmerkung Alle, die damals mit einem experimentierenden Leben jen-
beginnen. Ich gehöre, wie früher angedeutet, zu der ersten seits der gängigen Wirklichkeitsdefinitionen begonnen haben,
Nachkriegsgeneration in Deutschland, die in den beginnenden waren an der Suche nach einem höheren Code beteiligt. Wir
sechziger Jahren angefangen hat, sich eigene Gedanken zu ma- haben die Mangelempfindung aber meistens in die ästheti-
chen - wie man das so schön und irreführend nennt, denn die sehen Subkulturen abgedrängt und uns für Arbeitsteilung ent-
eigenen Gedanken, mit denen man anfängt, sind die massiv- schieden: im Alltag und in den Seminaren die trockenen Spra-
sten Klischees der Zeit, in der man lebt. 1962 war ich fünfzehn, chen der lebensweltlichen und der szientistischen Trivialität;
welche eigenen Gedanken konnte ich mir da machen? Natür- was darüber hinausging, verschob man in die Poesie, in die
lich habe ich mich vollgesogen mit den Ideen, Konzepten, Encountergruppen, in die Esoterik, ins Kino.
Sprachen, die damals in der Luft lagen, zuerst mit dem franzö- Für einen Intellektuellen mit einer gewissen Ausdrucksambi-
sischen Existentialismus und danach mit der Kritischen Theo- tion war diese Spaltung auf die Dauer unannehmbar. Ich habe
rie in beiderlei Gestalt. Von dem, was literarisch möglich war, aus meinen Indientagen das Bedürfnis mitgebracht, eine Spra-
bekam ich einen Begriff durch Benn, Valery, Cesare Pavese, che für den fehlendenTeil zu finden. Meine sämtlichen frühen
auch durch den jungen Rühmkorf, durch Alexander Kluge und Arbeiten, die Kritik der qniscben LG-nunft, 198 3, Der Zawber-
Oswald Wiener.Von 1967 an tauchte ich in den Strukturalismus bazma, 198 5, Der Denker atif der Biihne, 1986, und was sich dem
ein, der damals aufkam, gleichzeitig in die Phänomenologie anschließt, waren Versuche, mit einem barocken Gemisch aus
der Merleau-Pontyschen Richtung, ich las Max Bense, den erzählerischen, argumentierenden, satirischen, lyrischen und
frühen Foucault, den frühen Derrida, und zum ersten Mal vielleicht sogar pantomimischen Redeformen die Grenzen
Gotthard Günthers Das Be~ti$‘~se& der Maschinen, die erste des expressiv Möglichen ein wenig weiter zu ziehen und die
große Philosophie der Kybernetik, die für mich heute noch Grenzsteine auf dem abgezirkelten Feld der philosophischen
einmal wichtig wird. Ich wog damals nicht mehr als der Sup- Diskursspiele zu verrücken.
penkasper am dritten Tage, litt aber in Theoriesachen an Ich hätte zu jener Zeit noch nicht geglaubt, daß möglich ist,
grenzenloser Freßsucht. Die Schulen und Autoren, die ich da- was ich heute tue. Inzwischen gehe ich mit grundbegrifflichem
mals studierte, waren ausnahmslos eingebettet in ein Klima Ernst an Ungegenständliches heran, das bislang immer nur im
von sozialwissenschaftlicher Aufklärung und in eine im weite- _ Klangbereich poetischer Sprachen indirekt mitnotiert war. Das
sten Sinne szientistische Atmosphäre. ist, als ob man aus einer Obertonreihe eine Begriffsliste macht.
142 Zur allgemeinen Poetik des Raums Archäologie des Intimen 143
Ich übe jetzt eine Sprache ein für Vorgegenständliches, Unge- Menschen zuerst und eigentlich und wirklich sind. Wir sind
genständliches, Mediales, und wenn mich nicht alles täuscht, nämlich so gut niemals umstandlos »in-der-Welt«, um die omi-
wurde Sphären Ivan der Kritik überwiegend als ein mehr oder nöse Formel aus Sein und Zeit auch einmal mit einer gewissen
weniger gelungener Versuch in dieser Richtung verstanden, Reserve auszusprechen, sondern üblicherweise in einer getön-
obschon manche Blätter gegen den »Wahn und Kitsch« meiner ten Raum-Blase, an einer bestimmten und gestimmten Stelle,
Darstellungsexperimente gewütet haben. Ich fasse das als ein einem Ort, der seine eigentümliche sphärische Ausgespannt-
gutes Zeichen au< denn alles, was den theoretisierenden Pan- heit besitzt. Nur in Katastrophen, wenn alle Behausungen
zerlurchen zu nahe tritt, wird von ihnen totgebissen, und das implodieren und das nackte Außen offen liegt, sind die Sterb-
bestätigt, daß wirklich etwas Neues im Raum ist. Um dieses lichen vielleicht tatsächlich hineingehalten in das Nichts, wie
Buch schreiben zu können, habe ich im Lauf der letzten Jahre Heidegger sagt, aber in der Regel gilt für sie das Gesetz des
einen Sprachkurs für mich selbst entwickelt, denn die Sphären, Aufenthalts in einem geteilten Raum, das Prinzip der selbst-
soviel ist klar, sind in einer Hybridsprache geschrieben, in ei- dichtenden Sphären. In gewisser Weise knüpfe ich bei dem
nem Deutsch, das es nicht gibt und das den Lesern wie eine durch Sigmund Freud bekannt, wenn auch nicht populär ge-
seltsame, ich hoffe: schöne Fremdsprache erscheinen muß. machten Versuch an, den Menschen als ein topologisches
Die Rede ist in meinem Buch von den tonalen Zuständen oder Rätsel zu charakterisieren, genauer als ein Wesen, bei dem man
den mikroklimatischen Ganzverhältnissen, in denen die Men- immer die Frage stellen muß: Wo ist es eigentlich? Auf welcher
schen »leben, weben und sind« und in denen sie aufgelöst und latenten Bühne agiert es, wenn es tut, was es manifest tut? So
so selbstverständlich eingetaucht sind, daß sie üblicherweise entsteht eine neue Philosophie des Ortes, die in Analogie zur
nie thematisiert werden. Wir leben in einer Kultur, die über das zweiten Freudschen Topologie - die den seelischen Raum in
Offenkundigste, über die Grundlichtung, die Atmosphären, in drei Felder, Es, Ich, Über-Ich, eingeteilt hat - eine philosophi-
denen wir uns bewegen, so gut wie überhaupt nicht sprechen sche Auskunft auf die Frage: Wo ist der Mensch? formulieren
kann, allenfalls in Form der groben Unterscheidung zwischen will.
guter und schlechter Stimmung. Ich wollte mit meinen Theo- Die Antwort ist bei mir keine psychologische, sondern eine
rien über die sphärische Verfaßtheit menschlicher Existenz raumtheoretische, sie lautet: Zunächst sind Menschen einbe-
einen Sprachzuwachs erzielen, der es möglich macht, in Zu- zogen in eine bipolare Sphäre, einen intim getönten Bezie-
kunft diese normalerweise nicht beachteten Grundöffnungen hungsraum, den .es nur geben kann kraft der Zugehörigkeit
in den Vordergrund zu rücken, auch als Intellektuelle, als Phi- und der Zugewandtheit von Zusammenlebenden zueinander -
losophen, als Akteure in einer Kultur der klimatologischen einen Nähe-Raum also, den man kaum bemerkt, solange man
Genauigkeit. Man könnte sagen, ich kehre das Verhältnis von ihm angehört, und den man vermißt, wenn man ihn verloren
Figur und Grund um, wie es einer technischen Kultur ent- hat. Damit Sphären als solche auffallen, müssen sie zerplatzt
spricht, in der Implizites zu Explizitem und Vages zu Exaktem sein. Erst als verlorene werden sie theoriefahig. Nähebezie-
wird. Seit es Klimaanlagen gibt, steht eine förmliche Klima- hungen sind autogene Gefäße - ein bizarrer Ausdruck, der
theorie auf der Tagesordnung. einem bizarren Sachverhalt entspricht, weil er andeutet, daß
Das führt nun dazu, daß ich mit dem Bild der Blase versuche, hier der Inhalt sich selbst enthält. Ein »dichtes« Paar ist ein
den Ort zu beschreiben und zu evozieren, in dem oder an dem. solcher autogener Container, ein Selbstbehälter. Die verbunde-
144 Zur allgemeinen Poetik des Raums Zwischenwelt-Denken 145

nen Zwei sind zuvor in ihrem selbsterzeugten Innenraum, und Deckt sich Ihre Neubestimmung des menschlichen Orts nicht
dann erst an ihrer äußeren Weltstelle. Sobald man sich der Er- in manchen Aspekten mit dem, was Wissenschaftler am Rande
innerung an diese Grundverhältnisse unterzogen und eine der akademischen Institutionen wie Ken Wilber, Katja Walter
gewisse Sphären-Aufmerksamkeit entwickelt hat, kann man oder die Chaos-Theoretiker, formuliert haben? -Autoren, die
nicht mehr so leicht in die Banalitäten konventioneller und erkennen lassen, daß die avanciertenTheorien der Natur- und
neutraler Raumvorstellungen zurückfallen. Die Antworten der Humanwissenschaften ein Mandala von kosmischen und uni-
Physiker, der Kartographen und der Einwohnermeldeämter versalen Bezügen zu beschreiben begonnen haben, das tiefer
auf die Frage: Wo ist der Mensch?, können nicht mehr befrie- und weiter reicht als alles, was bisherige Standardwissenschaf-
digen. Mir geht es im Widerspruch zu den alltäglichen Ortsvor- ten gekannt haben?
stellungen und veräußerlichten Behälter- und Kartenaussagen P. S. Ich meine, der Zugang zu meinem Buch ergibt sich nicht
darum, Menschen als Teile eines akuten Beziehungsgeheimnis- so sehr durch wissenschaftskritische Überlegungen, sondern
ses zu beschreiben. Darum sage ich, es gibt keine Individuen, durch eine formale Betrachtung der menschlichen Situation.
sondern nur Dividuen - es gibt die Menschen nur als Partikel Tatsächlich gehe ich von einer Formfrage aus, die man am be-
oder Pole von Sphären. Es existieren ausschließlich Paare und sten erklären kann, wenn man sich danach erkundigt, was der
ihre Erweiterungen - was sich für das Individuum hält, ist bei Gegenstand der Psychologie sei. Wollte man weiterhin als Sub-
Licht gesehen meist nur der trotzige Rest einer gescheiterten s tanzialis t und Individualist alteuropäischen Typs argumentie-
oder verhohlenen Paarstruktur. Davon handelt dieses mon- renwürde man, auf das Objekt der Psychologie angesprochen,
ströse Buch. selbstverständlich erklären, dieses könne in nichts anderem
bestehen als im Einzelmenschen, mitsamt seinem internen
Funktionieren und seinen externen Beziehungen. Die okzi-
Zwischenweit-Denken dentale Psychologie ist eine der szientifischen Formen des
metaphysischen Individualismus. Dieser stellt gewohnheits-
H.-J. H. Sie haben jetzt schon das Koordinatensystem dessen mäßig Wer-Fragen und Wie-Fragen.
umrissen, was bei Ihnen Sphärologie oder Innenraumtheorie Die Sphärologie setzt von vornherein anders an. Wie gesagt,
heißt. Nach dem, was Sie bisher gesagt haben, könnte Sphäre geht sie von der Frage aus: Wo ist das Individuum? Und beant-
am ehesten als eine neue raum-ontologische Bestimmung wortet sie, wie eben gehört, mit dem Hinweis auf eine elemen-
verstanden werden, die sich an topologischen und psychologi- tare Form: Es ist-in einer Sphäre - es ist in einem gewölbten
schen Merkmalen orientiert, an einer Orts- und Raumbestim- psychischen Feld, als Pol unter Polen. An dieser Stelle kommt
mung für koexistierende Wesen. Dafür war offenkundig eine schon das Griechische ins Spiel, denn wir müssen das Wort
andere Sprache als die akademisch erstarrte vonnöten, eine sphaira zunächst etymologisch korrekt mit »Kugel« übersetzen.
Sprache, die sich zu eigen macht, was in den poetischen Dis- Was folgt daraus? Wenn wir sagen, ein Mensch sei ein Teil oder
kursen ausgebildet worden ist, und dabei gleichwohl, das ein Pol einer Sphäre - dann sagen wir implicite: Menschen sind
haben Sie betont, einen grundbegrifflichen Anspruch bewah- Wesen, die in unrunden Kugeln vorkommen.
ren will. Daher bekennen Sie sich, mehr als je zuvor in Ihren Bis auf weiteres müssen wir noch darauf verzichten, die Kugel-
Schriften, zu einem sehr ernsten philosophischen Engage- form präzise und mathematisch aufzufassen - obschon die
ment.
146 Zur allgemeinen Poetik des Raums Zwischenwelt-Denken ‘47
mittelalterliche Metaphysik gelegentlich so weit gegangen ist, minimal-komplette Struktur zu erreichen. Zunächst aber ge-
zu behaupten, auch die Einzelseelen hätten, so wie Gott und nügt es, bis zwei, oder besser ab zwei zu zählen. Ich lasse die
die Welt im ganzen, eine vollkommene Kugelgestalt. Der expli- Ontologie mit der Zwei-Zahl beginnen.
zite geometrische Idealismus geht uns hier noch nichts an - im Dabei verschwindet ein Problem, das die klassische Metaphy-
Bereich der Intimsphären kommen exakte Kugeln nicht in Be- sik bis zum Überdruß diskutiert hat:Wenn man die Eins an den
tracht. Diese werden erst bei den Makrosphären ihre Rolle Anfang stellt, ist man gezwungen, darüber nachzudenken, wie
spielen, also bei den umgreifenden Totalitäten, von denen ich dieses Eine sich derart selbst teilen konnte, daß es aus sich den
in Sphären 14 Globen handle. Im intim-psychischen Feld haben Übergang in die Zwei- und Mehrzahl schaffte. Die klassische
wir es immer nur mit vagen, relativ amorphen sphärischen For- spekulative Metaphysik ist ein einziges Phantasieren über die
men zu tun, gewissermaßen mit unsichtbaren Nestern, mit Selbstzerreißurig und Selbstbegattung des Einen, über seine
subtilen Zelten, in denen die Zwei sich gegenseitig klimatisie- Ur-Teilung oder Ur-Entzweiung und seine Wege zur Wieder-
ren. Noch einmal also fragen wir: Wo ist das Individuum? Und vereinigung - hier liegt die Matrix der sogenannten Großen
geben die sphärologische Antwort: Es ist zunächst und zu- Erzählungen. Auch was das 19. Jahrhundert philosophisch un-
meist Teil eines Paares - wobei es darauf ankommt, nicht nur ter Geschichte versteht, bleibt diesem Schema unterworfen.
das manifeste Paar zu beobachten, sondern vor allem die un- Der Spuk fallt weg, wenn wir mit der Zwei beginnen. Mit dem
sichtbare oder virtuelle Paarstruktur. Das Paar wäre also die Denken der Zwei beziehe ich den Standpunkt einer minimal-
primäre sphärische Form, die es zu beachten gilt. Die dyadi- pluralistischen Ontologie. Was ich die Sphäre nenne, ist von
sehe Verfaßtheit ist die Situation der Situationen. Diese Ant- Anfang an nur als dyadische Form, als Zweieinigkeitsstruktur
wort ist absolut nicht-trivial, sie versteht sich für niemanden gegeben. Und diese hat eigene Zeitstrukturen, die sich nicht
von selbst - wäre es anders, so hätte ich nicht fast 700 Seiten reduzieren lassen auf die Form der Urerzählung: Einheit-Tren-
auf die Konsolidierung der These verwenden müssen. nung-Wiedervereinigung.
Das ganze Unternehmen der Blasentheorie - also die Mikro- H.-J. H. Bevor wir auf diese spezifischen Paarbildungen zu
sphärologie, die Suche nach dem Modus menschlicher Bezo- sprechen kommen, will ich gerne noch einige Dinge allgemei-
genheit im Bereich der subtilsten, beinahe unstofflichen Be- nerer Art klären, und zwar den schon von Ihnen angespro-
ziehungsstrukturen - kreist um ein Darstellungsproblem: Wie chenen Zug zur Totalität, den universalen Anspruch Ihres
müssen wir von den weniger offensichtlichen Verhältnissen Ansatzes und dieses wie mir scheint neue, um informelle
zwischen Paaren reden, wenn wir sie gut beschreiben wollen? Aspekte erweiterte Wissenschaftsverständnis. Dazu zwei Ge-
Nicht wie ein Standesbeamter oder ein Paartherapeut, nicht sichtspunkte: Zum einen möchte ich eine Formulierung des
wie ein Voyeur oder ein Leser vonTrivialromanen, sondern mit Philosophen Georges Bataille ins Spiel bringen, der bemerkt
philosophischer Radikalität und morphologischer Aufmerk- hat, die Wissenschaft abstrahiere immer den von ihr unter-
samkeit. Die Mikrosphärologie also, die Lehre von den kleinen suchten Gegenstand aus der Totalität der Welt. Sie untersuche
Binnenräumen, ist eine Untersuchung der psychischen Seifen- ihn gesondert, sie erforsche das Atom oder die Zelle je für
blase, in der mindestens zwei Menschen vorkommen - zwei sich, vom Kontext der singulären Geschichte abgetrennt. Und
und mehr: Ich gebe in meinem Buch Gründe an, warum man selbst wenn sie diese Objekte wieder in größere Einheiten
im Bereich des Seelischen bisfiinfiählen können muß, um eine einfügt, fahre sie immer fort zu isolieren. Gegenstände der
148 Zur allgemeinen Poetik des Raums Zwischenwelt-Denken 149
Wissenschaft sind die Dinge also insoweit, als sie getrennt be- Fähigkeiten beim Menschen selbst hinaus und ist die Sphäro-
trachtet werden können. Ist diese von Bataille formulierte logie in diesem Sinne eine philosophische Form von Medien-
Grenze Überschreitbar? Stellt die Sphärologie einen Versuch Theorie?
dar, innerhalb der Wissenschaft die Trennung aufzuheben und P.S. Mir scheint, ich habe jetzt zwei sehr verschiedene Dinge
die Totalität in den Blick zu bekommen, auch auf eine sprach- zu behandeln: Zum ersten, Batailles Bemerkung entspringt,
lich befriedigende Weise? wenn ich sie richtig verstehe, aus einem impulsverwandten
Zum anderen: Ihre Sphärologie - Sie machen kein Hehl dar- Gedanken, nämlich dem des Vorrangs der Ganzverhältnisse
aus - will so etwas wie eine alternative Kosmogonie sein, also oder der holistisch aufgefaßten Sachlagen vor den thematisch
ein umfassender Entwurf vom Weltganzen, der Menschen, herausgehobenen Einzelheiten. Wenn er die Wissenschaften
Götter und Engel umfaßt, sagen wir eine Individualkosmo- in ihrem Grundgestus als isolierende Tätigkeiten beschreibt,
gonie. Da es sich bei Ihrem Projekt um ein zeitgenössisches, sagt er im Grunde genommen nichts anderes, als daß die Wis-
und das heißt durch viele Götterverehrungen und Götzenent- senschaften durch Modellabstraktion zu ihren Gegenständen
thronungen hindurchgegangenes, sehr individualisiertes und kommen, Das ist heute die Standardmeinung unter Epistemo-
avanciertes Denken handelt, müssen manches Ideal und man- logen, kein kritischer Einwurf. Ein wissenschaftlicher Gegen-
cher Gott daran glauben, an allererster Stelle das Bild des stand ist immer schon einer, der durch eine Ausgrenzung, man
Menschen als Heros, als ein in das Nichts hineingehaltenes könnte auch sagen durch bewußte Herausreißung aus seinem
einsames Wesen - hineingehalten wohin eigentlich? Das ist natürlichen Ort und durch Verfremdung im Modell die Kon-
eine zentrale Frage bei Ihnen, dieses Hinein, das Innen als turschärfe erreicht, die er braucht, um den Ansprüchen an
»Falte des Außen«, um mit Deleuze und Foucault zu reden. Sie wissenschaftliche Methodik zu genügen. Die Erfolge der neu-
bestimmen in diesem Buch Intimität als »Abgründigkeit im zeitlichen Wissenschaften hängen bekanntlich mit der Mathe-
Nächstliegenden« und entwickeln von Kapitel zu Kapitel im- matisierung zusammen, und diese setzt die Reduktion der
mer neue Winkel der Annäherung an den intimen Raum. Sie Objekte auf die sogenannten Primärqualitäten voraus. Ohne
hatten früher gelegentlich behauptet, die Existentialphiloso- Primat der Analyse ist Wissenschaft nicht zu haben.
phie habe ausgedient, aber ist nicht der Eindruck berechtigt, Der Habitus des Isolierens ist natürlich ein starker Faktor in
daß diese jetzt bei Ihnen expliziter denn je zurückkehrt, und der modernen Mentalitätsbildung. Wir bleiben dem Substanz-
zwar anthropologisch gewendet? Jede Geburt, sagen Sie, ist fetischismus nach wie vor verfallen in dem Maß, wie wir
eine Chance zu einem Weltaufgang, ja, inzwischen rühmen Sie glauben, daß zuerst die Dinge als einzelne kommen und dann
sogar mit einem gewissen erkenntnisträchtigen Pathos, wie ihre Beziehungen zueinander. Die bislang letzte und subtilste,
ich meine, die »auserwählte Hohlheit« des Menschen und spre- überaus erfolgreiche Form des individualistischen Substantia-
chen von seiner »Eignung, ein Kanal für Einblasungen zu lismus tritt heute unter einem fast perfekten Incognito auf,
sein«. in der Gestalt der Systemtheorie. In ihr werden Systeme als
Könnten Sie das noch etwas näher erläutern und darlegen, ob Quasi-Monaden angesetzt, die sich von ihren spezifischen
und wie diese Vorstellung von »Einblasurigen« sich unterschei- Umwelten unterscheiden, wobei die Reihenfolge immer strikt
det von dem, was wir unter medialen Prozessen oder Medium- beachtet wird: zuerst und vor allem die Binnenbeziehungen
Sein verstehen? Wollen Sie auf eine Untersuchung medialer des Systems zu sich selbst, dann die Außenbeziehungen. Luh-
150 Zur allgemeinen Poetik des Raums Zwischenwelt-Denken 151
mann macht aus diesem Motiv seines Theoriedesigns kein Ge- wäre im Zentrum der Einzelne, und um ihn herum sein Privat-
heimnis, da er offen erklärt, Systeme verhalten sich vorrangig eigentum an space. In Wahrheit hat das humane Feld von sich
zu sich selbst und nur marginal zum sogenannten Anderen. Er aus die Struktur einer Ellipse oder einer mehrpoligen Sphäre,
sagt an einer Stelle unverblümt, Selbstbezug schlägt Fremdbe- von welcher Menschen, als individuelle Dividuen, per se nicht
zug tausend zu eins. die Zentren sein können. Was Pol ist, kann eben nicht den
Im Gegensatz dazu machen Autoren wie Bataille und zahlrei- Mittelpunkt darstellen.
che andere, darunter auch ich, im übrigen vor allem die Dia- Die Provokation beim Gebrauch des Bildes der Blase besteht
logphilosophen auf der Linie von Buber und Rosenzweig, die darin, sich eine vage Kugel mit zwei und mehr Brennpunkten
Annahme, daß wir von einem autonomen Zwischen auszuge- vorzustellen, so daß wir von Anfang an, durch das Denkbild
hen haben. In der Sprache der philosophischen Tradition selbst, die Zentristische Ideologie hinter uns lassen. Der Ge-
gesprochen, wir rehabilitieren endlich die Relation auf Kosten winn aus diesem Neuansatz ist beträchtlich: Wir haben kein
der Substanz; wir rehabilitieren auch das Akzidentielle auf Ko- primäres oder absolutes Zentrum mehr, das sich zu einer
sten des Essentiellen, die Situation auf Kosten der Komponen- Umwelt verhält, sondern Pole, die sich gegenseitig anstrahlen,
ten. Die klassische Metaphysik hatte immer das Wesentliche durchdringen, auf Abstand halten und evozieren. Die Um-
auf die erste Stelle gerückt und dann das zufällig Hinzukom- Welt ist hier durch die In-Welt oder Mit-Welt ersetzt. In der
mende folgen lassen; sie hat die Substanz, die Essenz, glori- In-Welt sind Resonanzen bestimmend. Sie beruhen auf Akten
fiziert und das Akzidens, das Attribut, eher kavaliersmäßig des Sich-ins-Leben-Rufens und des Selber-zum-Leben-Er-
behandelt. Die Sprachspiele der Alltagsontologie verfahren bis wachens durch das Angesprochensein, und genau das ist es,
heute nicht anders: zuerst das Zugrundeliegende, dann das was ich mit der bizarren Formulierung, die Sie zitiert haben, zu
Daraufgestellte; zuerst der Träger, dann die zufällig angehängte charakterisieren versuche: auserwählte Hohlheit. Mit diesem
Eigenschaft; zuerst die Sache selbst, dann ihre Beziehungen zu Konzept will ich auf eine Medientheorie hinaus, in der die Ein-
anderem. Unsere Sprachen sind so gebaut, daß wir praktisch zelnen als Zwischenstationen in kommunikativen Netzen be-
mit jedem Satz diesen Habitus bestätigen. schrieben werden.
Aber wer vom menschlichen Feld sprechen will, muß radikal Klassische Beispiele für Seelen-Raumauffassungen dieses
anders anfangen. Das bringt uns zu dem zweiten von Ihnen Typs finden wir in der religiösen Überlieferung und in der reli-
befragten Punkt, der Medialität. Ich verstehe den Menschen als gionsphilosophischen Literatur. Ich mache mir, wie Sie wissen,
ein raumlösliches Wesen, als einen psychischen Feldeffekt - die Mühe, in der Einleitang zum ersten Band der Sphären eine
doch muß ich mich hier schon korrigieren, weil die Rede von etwas heterodoxe Lektüre des biblischen Schöpfungsberichtes
einem menschlichen Raum ihrerseits wieder substanzfetischi- zu geben, indem ich zeige, wieso Adam als keramischer Hohl-
stische Implikationen ins Spiel bringen könnte. Wenn ich körper geschaffen werden mußte und warum der Gott der
Raum sage, dann meine ich nicht das, was Amerikaner rekla- Genesis mit solchem Nachdruck als Töpfer charakterisiert wird,
mieren, wenn sie erklären, sie bräuchten, um sich wohl zu mithin als ein Demiurg, der den ersten Menschen ausgerech-
fühlen, ihren eigenen s-acc. Das ist derselbe individualistische net in Lehm und keinem anderen Werkstoff modelliert. Der
Murks noch einmal, und all das muß logisch und psycholo- Grund dafür ist, daß die Menschen ihre erste Idee des Hohl-
gisch abgeräumt werden, wenn man richtig anfangen will: als seins, des Behälter-Seins, des Durchgang-Seins bei der kerami-
152 Zur allgemeinen Poetik des Raums Zwischenwelt-Denken 153
schert Gefäßproduktion eingeübt haben. Alle Medientheorie, Gott und Mensch gleichzeitig im Regelkreis der dyadischen
ja vielleicht die Technik überhaupt, ruht auf dem elementarsten Resonanz. Soviel, denke ich, gibt schon der biblische Mythos
und genialsten Gedanken der frühen Menschheit, auf der Idee fast unerzwungen her.
der Gefäßherstellung. Sie hatte zur Folge, daß man auch den Damit haben wir das Konzept »primäres Paar« in einer respek-
Menschen vom Prinzip Gefäß her zu denken begann. Men- tablen mythologischen Version etabliert. Jetzt ist es nicht mehr
schen schaffen heißt also in erster Linie Gefäße machen. Der allzu schwierig, die Zwischenschritte zu gehen, die uns zu
Gott der Bibel verhält sich in diesem Punkt nur keramisch modernen Auffassungen von menschlichen Tiefenbeziehun-
korrekt.Was man später Metaphysik nennt, ist eigentlich Meta- gen bringen, Ich denke jetzt vor allem an das, was während
keramik. Gott will bekanntlich einen Menschen schaffen, der der beiden letzten Generationen an psychoanalytischer und
ihm gleicht, aber er gleicht ihm eben nur dadurch, daß auch er paläopsychologischer Forschung zutage gebracht worden ist,
hohl ist - denn hohl sein heißt, etwas durchgehen lassen kön- an diesen imposanten Komplex aus Erkenntnissen über die
nen. Hohlheit ist die erste Rate des Seelischen und des Gött- psychodynamischen Gewebe der frühen Mutter-Kind-Bezie-
lichen. Wäre der Mensch nur ein kompakter Körper, hätte er in hung - ich erwähne hier nur die Strömungen der prä- und
der Gott-Unähnlichkeit verbleiben müssen, wie die übrige perinatalen Psychologie zwischen Gustav Hans Graber und
nicht-leitfähige Materie. Erst durch die Nicht-Massivität kann Ludwig Janus, die sich in letzter Zeit zu einer konsolidierten
die Ähnlichkeit mit einem Durchlässigkeitswesen, sagen wir Disziplin entwickelt hat, Was sich in den letzten fünfzig Jahren
einem Geist, beginnen. Infolge der Tatsache, daß Adam hohl an Einsichten in den dyadischen Primärraum aufgetan hat,
ist, daß er Gefäßeigenschaften hat, und nur ihretwegen, ge- übersteigt die Vorstellungskraft der meisten Zeitgenossen bei
winnt der Lehmling, die androide Plastik, eine Chance, gott- weitem. Ich erinnere an die Arbeiten von Kafkalides, von
ähnlich zu sein. Gottähnlichkeit besteht, wie gesagt, in nichts Grunberger, von Grof, von Tomatis, von DeMause und ande-
anderem als in dieser auserwählten Hohlheit. Wenn man etwas ren. Nichtsdestoweniger will in den szientistischen Kulturen
ins Hohle hineinbläst, entsteht eine Schwingung, aus dieser kaum jemand mitwissen, was hier gewußt wird. Auch die soge-
wiederum entstehen Sprache, Beseeltheit, Intentionalität, Ko- nannte kritische Theorie verhält sich in diesen Fragen offen
Subjektivität. reaktionär. Man kommt, wenn man sichs recht überlegt, nicht
Je tiefer man in diese Geschichte eindringt, desto deutlicher umhin, festzustellen, daß die aktuellen Business-Gesellschaf-
sieht man, daß Gott selbst gar nicht dagewesen sein kann ten insgesamt sich in einer Art von kognitivem Streik gegen
vor seiner Verausgabung in den Hauch für Adam. Bei einer das humanwissenschaftliche Wissen verbunden haben. Sie
kritischen Lektüre des Schöpfungsberichtes ergibt sich der wollen nichts hören und sehen von dem, was von den Pionie-
Befund, daß Gott nur zum Schein vor der Erschaffung des ren der Psychologie, der Ethnologie, Pränatalistik, der Neuro-
Menschen existiert, in Wirklichkeit aber gleichzeitig mit ihm linguistik, der Psychoakustik zu Tage gebracht wurde. Wäre das
entsteht, und zwar aus dem Akt der Inspiration, den er mit alles rezipiert, wurde es Risse an den individualistischen Pan-
Adam austauscht. Sobald es in Adam klingt und widerhallt und zern der Mehrheiten hinterlassen.
in ihm die »lebendige Seele« erwacht, wird Gott seinerseits erst Sphären 1 ist in einer gewissen Weise der Versuch, diese uner-
existent. Er kann kein Prius haben vor der Resonanz. Die Ein- träglich gewordene Spaltung der Wissenswelten zu relativieren
hauchurig ist also kein Einwegprozeß, vielmehr entstehen und so etwas wie eine demokratische Esoterik zu kreieren.
154 Zur allgemeinen Poetik des Raums Zwischenwelt-Denken

Den Ausdruck »kreieren« muß ich sofort zurücknehmen, denn richtet, weder im Imaginären noch in den physischen Archi-
im Grunde habe ich nur gesammelt, angeordnet und scharfge- tekturen der Gesellschaft.« Um Ihr Verständnis vom Dyadi-
macht, was man heute über den psychischen Raum allgemein sehen richtig wiederzugeben, ist es wichtig, es in dieser weiten
wissen kann, auch und gerade wenn es oft ein wenig esoterisch historisch-anthropologischen Perspektive wahrzunehmen, und
und somnambulisch klingt - ich tat dies in dem Gefühl, ein überdies in einer poetischen Dimension. Ich bin mir nicht
Zwischenarchiv anzulegen für die Jahrzehnte des Vergessens, sicher, ob Sie Rilke zitieren, ich erinnere mich im Augenblick
die wir im Augenblick durchqueren und deren Ende nicht ab- an seine wunderbare Zeile: »Durch alle Wesen reicht der eine
zusehen ist. Wenn man sich erinnert, was wir in den sechziger Raum -Weltinnenraum«, - eine Vorstellung, die auch bei Ba-
und siebziger Jahren schon einmal für zum Greifen nahe hiel- taille Bedeutung gewinnt. Dieser wirft die Frage auf, wie die
ten und welche Öffnungen sich ankündigten, kommen einem »innere Erfahrung«, wie das Intime überhaupt darstellbar ist,
die heutigen Verhältnisse unsäglich vor, als eine einzige Betäu- und seine Antwort ist eindeutig: man kann Intimität nicht dis-
bung, Neuspießerturn im Sozialen, Neuscholastik im Theore- kursiv artikulieren.
tischen, Verblödung in den Medien, Ressentiment bei den Ist der begriffliche Ernst, zu dem Sie vorhin sich bekannten,
Älteren, böse gewordener Ehrgeiz bei vielen Jüngeren, eine womöglich nur verlorene Liebesmüh? Ist er vielleicht ein ver-
entgeisterte Zeitvon den wenigen, die das Feuer hüten, sitzen geblicher Tribut, den Sie der Wissenschaft zollen, für den man
die meisten isoliert in ihren Tunneln. Das mindeste, was man Ihnen aber nicht danken wird? Ist nicht letztlich Ihr Denken -
sagen darf, ist wohl, daß die Zeit für große Zusammenfassun- ähnlich wie es Bataille für sich behauptete - eines, das sich
gen nicht günstig ist. Eigentlich ist mein Buch eine antizykli- nur im Verschwinden findet, eines, das auf das Verdunsten des
sche Investition in die Intelligenz von zeitgenössischen und Diskursiven angelegt ist und nicht auf die begriffliche Affir-
späteren Lesern, die sich dafür interessieren werden, was vor mation, so daß es Ihnen gelegentlich selbst etwas schwindlig
ihnen gewußt wurde. werden mußte bei Ihrem Vorhaben? Ich habe den Eindruck,
H.-J. H. Die erwähnte dyadische Beziehung wird von Ihnen daß Sie die Intimität, das Innenräumliche oder, wie Leo Frobe-
ontologisch verstanden und gelegentlich sogar mit kosmologi- nius sagte, den »Innensinn der Dinge«, mit begrifflichen Mit-
sehen Bedeutungen aufgeladen. Sie wird bei Ihnen offenbar teln mehr festhalten möchten, als es der Sache nach möglich
nicht nur individual-lebensgeschichtlich gedacht und thera- ist. Da drängt sich mir die Frage auf, ob die angemessene
peutisch rekonstruiert wie in der klassischen Psychoanalyse, Orientierung vielleicht nicht besser in der Kunst zu suchen
sondern ist darüber hinaus ein Gegenstand ontologischer und gewesen wäre. Mir kommt der japanische Performancemaler
anthropologischer Bestimmungen. Sie sagen an einer hervor- Katsua Shiraga in den Sinn: der sich meditierend in ein Seil
gehobenen Stelle, daß während des größten Teils der mensch- hängt, dabei spontan Farbmassen am Boden aufhäuft, dann
lichen Evolution nahezu die Gesamtheit dessen, was einzelne rhythmisch darüber schwingend mit den Füßen die Farbe ver-
Menschen dachten und fühlten, für ihre Umwelt in so hohem teilt, aus dem Bild schwingend, zurückschwingend neue Farbe
Maße durchsichtig war, als wären es ihre eigenen Erlebnisse. dazugebend, bei neuen Schwüngen die Farben vermengt zu
»Die Vorstellung von privaten Ideen hatte noch keinen Anhalt schillernden Kurven, um schließlich oft am Rande des psychi-
in der Erfahrung oder im sozialen Raumkonzept.« Sie schrei- schen Zusammenbruchs das Aktionsfeld zu verlassen. Shiraga
ben weiter: »Noch waren für die einzelnen keine Zellen er- spricht von einem »Ergreifen« der eigenen Beschaffenheit. Er
156 Zur allgemeinen Poetik des Raums Zwischenwelt-Denken Ir7
postuliert, daß eine Gesellschaft geschaffen werden müsse, in Grunde, warum mein Buch so umfangreich geraten ist, be-
der die Menschen sich gegenseitig voreinander kreativ offen- steht darin, daß es mit einer gewissen Geduld und einer ge-
baren. wissen Detailliebe eine solche Sammlung ausschreibt. Ich gebe
P. S. Die Frage beschwört den Bekenntnisfall herauf. Nun gut, als philosophischer Prosaschriftsteller einigen intimistischen
ich habe mich in der Tat bis an die Grenze zur autonom künst- Motiven eine Breite, die sie sonst vielleicht noch nie gehabt
lerischen Schreibweise vorgewagt, mich aber meistens davor haben. Aber ich lege Wert auf die Feststellung, daß ich nichts
gehütet, sie zu überschreiten. Ich verbleibe, zumindest nach erfinde.
meiner Selbstlektüre, im Raum der erweiterten philosophi- Das gilt besonders für die inzwischen berüchtigten Plazenta-
schen Prosa und daher im Bezirk der Begriffe, auch wenn Kapitel von Sphiiren I, für die ich viel Spott und Wut auf mich
mehr als üblich Bildliches, Metaphorisches, Klanghaftes dazu- gezogen habe, als hätte ich ein Organ, das es nicht gibt, in die
kommt. Ohnehin bin ich der Meinung, daß die evokative Rede Humanwissenschaften einführen wollen. Man hat getan, als sei
ein legitimes Element der Philosophie ist. Kurzum, ich glaube, die Plazenta das Ungeheuer von Loch Ness und ich der Schar-
daß die Alternative, die Bataille beschreibt zwischen den posi- latan, der es gesichtet haben will. Die Wahrheit ist, daß ich ein
tiven Diskursen und dem Diskurs im Verschwinden und im biologisch gegebenes Organ mit kulturell gegebenen Diskur-
Rückzug keine vollständige ist. Es gibt zwischen der Sprache sen und Praktiken, die es betreffen, neu in Zusammenhang
der Wissenschaft und den Sprachen der Poesie ein breites Zwi- gebracht habe, und jeder Leser ist frei, daraus seine persön-
schenreich, über dessen Ausdehnung und Bedeutung noch lichen Folgerungen zu ziehen, Allerdings, wenn ich den sehr
nicht abschließend geurteilt werden kann. Mein Buch ist in massiven Widerstand bestimmter Kritiker gerade in bezug auf
dem Zwischenreich angesiedelt, und ich behaupte, daß es in diese beiden Kapitel in einer ruhigeren Stimmung auf mich
beiden Richtungen einen ständigen Austausch gibt. Dabei wirken lasse, dann muß ich zugeben, daß ich mich nicht bekla-
kann die Wissenschaft bei der Poesie viel lernen, sobald sie gen darf. Ich wußte, auf welches Gebiet ich mich begeben
weiß, welche Fragen sie an die poetischen Sprachen zu richten hatte. Ich war außerdem inkonsequent hinsichtlich meiner
hätte. Für mich bedeutet die sphärologische Analyse ein Ver- eigenen Bedenken gegen die Versuchung, den Organnamen
fahren, die Fragen zu formulieren, die durch poetische, mythi- hinzuschreiben, denn ich habe zwar die Grunde zu zögern
sche, religiöse Redeformen beantwortet sind, ohne daß kaum ausführlich dargestellt, aber dann habe ich mich doch über
je ein Philosoph auf die Idee gekommen wäre, diese Quellen sie hinweggesetzt und das Geheimnis ausgeplaudert. Diese
sinnvoll zu benutzen. In ihnen besitzen wir ein Schatzhaus des Veräußerlichung rächt sich, denn eine noch so diskrete und
Ausdruckswissens über sphärische Realitäten, man muß nur schwebende Darstellung kommt gegen die Brutalität der phy-
lernen, es mit der begrifflichen Dimension zu konfigurieren. siologischen Bezeichnungen nicht auf. Es wäre vielleicht bes-
Die Literaturen haben unendlich viel mehr geglückt und gültig ser gewesen, bei dem Symbol des Lebensbaums haltzuma-
formuliert, als das akademische Wissen weiß - wie ja über- chen.
haupt die Philosophie des 20. Jahrhunderts fast überall verspä- Aber ich komme auf Ihre Frage zurück: Solange ich kann,
tet ist gegenüber dem, was in den Künsten und den Techniken werde ich mich gegen die Zumutung wehren, zwischen Poesie
geschieht. Es geht jetzt darum, aufmerksamer als bisher aufzu- und Philosophie zu wählen. Die Philosophie hat alle Grunde,
holen, zu übersetzen, zu sammeln, zu verknüpfen. Einer der den virtuellen rationalen Reichtum der poetischen Sprachen
19 Zur allgemeinen Poetik des Raums Logik der Symbiose

genauer anzusehen und das Wissen der poetischen Rede für schwört, wie oft er von Sphärenmusik spricht, von Entrük-
die theoretische Modellbildung fruchtbar zu machen. kungszuständen, von dyadischen Vorstellungen, von der Ge-
genwart des Unendlichen, und wie all diese Konzepte sich in
seiner Philosophie der Ekstase mit größter Selbstverständlich-
Logik der Symbiose keit darstellen.
Ich wiederhole meine Frage: Wie ist dieser Raum, dieser sphä-
H.-J. H. Es gibt wohl noch einen anderen Grund, warum Sie an rische Raum der inneren Erfahrung, in Sprache einholbar?
der Option festhalten, für beide Seiten und in beide Richtun- Oder ist die Frage anachronistisch? Stellt sie sich vielleicht
gen zu sprechen. Das ist die Tatsache, daß Ihre philosophi- immer erst nachträglich, nach dem Verlust der Selbstverständ-
schen Untersuchungen doch mit Dringlichkeit auf Wahrheit lichkeit, mit der die innere Erfahrung, das Bewußtsein des
zielen, wenn auch eine ausweichende Wahrheit, die sich eher In-Seins in anderen Zeiten hingenommen und ausgesprochen
durch Verbergung offenbart. Der Wahrheitsorientierung zu- wurde?
liebe wählen Sie eine vergleichsweise starke Wissensposition, P. S. Meines Erachtens trifft diese Vermutung uneingeschränkt
wobei das Entscheidende wiederum zu sein scheint, daß dies zu. Die meisten Menschen der älteren Antike und des Weltal-
eine paradoxe Stärke meint, denn die Position des erkennen- ters davor hätten für die Probleme, die wir hier erörtern, kein
den Subjekts wird bei Ihnen ja nicht überhöht und gefestigt, Verständnis aufgebracht - aus dem einsichtigen Grund, daß sie
sondern »versenkt« und aufgeweicht, sie wird erweitert um in einem durch und durch partizipativ ausgelegten oralen Uni-
Qualitäten, derer man sich im Verlauf der Wissenschaftsge- versum lebten, in dem die Vorstellung einer isolierten, zur
schichte mühevoll entledigt hatte: das Intime und das Ekstati- »Umwelt« Abstand haltenden oder transzendenten Seele völlig
sche. abwegig gewesen wäre. Die Beobachter-Seele ist erst mit der
Ich möchte noch einmal die Frage wiederholen, ob die Ab- Schrift entstanden. Wer in der Lösung lebt, der versteht das
gründe und die Turbulenzen, die den Untergrund Ihres Nach- Problem nicht.
denkens über die Sphären bilden, überhaupt in eine verallge- Nach einer älteren Auffassung ist der Mensch ein Wesen, das
meinerbare Erkenntnisform eingehen können. Ich möchte in an allem, was ihm begegnet, teilhat. Man kann keinen Baum
diesem Zusammenhang auf Henri Michaux zu sprechen kom- sehen, ohne selber baumförmig zu werden, keinem Jaguar be-
men. Zufällig habe ich Ihr Buch Spkären 1 gleichzeitig mit gegnen, ohne das Jaguarförmige in sich zu spüren. Keiner kann
Michaux’ Band Erkenntnis dwcb Abgrinde gelesen, dem letzten eine Frau anschauen oder berühren, ohne ein Stück weit zu ihr
seiner sogenannten Drogenbücher, und ich glaubte feststel- hinüberzufließen. Das alles gilt immer auch in umgekehrter
len zu können, daß Ihre Sphärologie in dieser durch Drogen- Richtung, darum gehen beim Prä-alphabetischen Menschen
erfahrung, man könnte sogar sagen durch Drogenerkenntnis die fremden Präsensen ein und aus. Seele ist etwas, was ständig
inspirierten Schrift eine vollkommen mühelose und nahezu Besuch hat. In frühen Kulturen haben sich die Menschen als
selbstverständliche Parallele findet, denn Michaux denkt und Wesen vorgestellt, die andauernd mit der Möglichkeit einer
praktiziert seine lyrischen Operationen gelegentlich in fast Invasion durch die Seelen der Anderen rechnen, wobei die
gleichlautenden Begriffsbildungen oder Begriffsauflösungen. menschlichen, die tierischen, die pflanzlichen, die göttlichen
Mich hat frappiert, wie er die Idee des Ununterbrochenen be- Anderen anfangs nur graduell verschieden waren. Sie kommen
160 Zur allgemeinen Poetik des Raums Logik der Symbiose 161

in dich hinein wie die Sprache: durch das Ohr. Wie das große liegengelassen werden. Wer noch ein Minimum an guter kom-
Thema der Neuzeit Selbständigkeit heißt, so ist das große munitarischer Erfahrung mitbekommen hat, wer jemals Mit-
Thema aller vorneuzeitlichen oder oralen Epochen Besessen- glied einer dichten Gemeinde war, religiös oder nichtreligiös,
heit oder Besitzbarkeit - und vielleicht ist es das Merkmal der wer je gespürt hat, wie sich in politischen, künstlerischen, theo-
Postmoderne, daß das Denken in Besessenheitsbegriffen zu- retisierenden Gruppen, auch unter Arbeitskollegen und sport-
rückkommt, weil jetzt das transzendente, von Gott versiegelte lichen Teams, so etwas wie intensive Gemeingeister ausbilden,
Ich dahin ist. Deswegen phantasiert die Massenkultur wieder wer also jemals ein deutliches Animations- und Solidaritätser-
so viel über psychische Invasoren und die Schwierigkeit, sie lebnis gehabt hat, den braucht man zur sphärologischen Denk-
loszuwerden. Es liegt mir daran, zu zeigen, daß unter den er- weise nicht umständlich zu bekehren.
starrten Masken der Selbständigkeitskultur die Plasmen der H.-J. H. Ich möchte Sie bitten, Ihre Vorstellung von Innenraum
alten invasiven Erfahrungsformen, der frühen partizipativen, und Intimität noch etwas weiter zu präzisieren, so wie Sie es in
obsessiven, penetrativen Erlebnismuster nach wie vor oder Ihrem Buch Blasen exzessiv tun. Ihre ))Archäologie des Inti-
wieder da sind. Davon weiß, wie immer, Hollywood mehr als mem< setzt bemerkenswerterweise nicht auf die psychotische
die akademische Philosophie. Zersplitterung, die Lacan vor allem interessiert hat, sondern
Die klassische Formulierung für das Dasein in resonanter Teil- auf die Rundheit des Daseins, wie Sie mit Gaston Bachelard
habe hat, was den christlichen Kulturkreis angeht, der Apostel betonen. Es geht Ihnen um die Erkundung geglückter gemein-
Paulus in der berühmten Rede auf dem Areopag gegeben, wo samer innenraumhafter Bereiche, um Überlappungen und ver-
er von dem Unbekannten Gott spricht, dem die Athener in schränkte Raumschöpfungen für »Wesen, an denen das Außen
weiser Voraussicht einen Altar errichtet hatten. Von dem be- arbeitet«. Sie sagen, alle Geschichte sei »eine Geschichte von
hauptet Paulus listig, er antizipiere den Gott, den er verkünde. Beseelungsverhältnissen«. Im gegebenen Zusammenhang ist
In diesem Zusammenhang fällt die epochale Charakterisie- es wohl wichtig, zu betonen, daß in Ihrer Sicht die These, alles
rung jenes Gottes, »in dem wir leben, weben und sind« - wie sei außen, und das Verlangen, alles nach innen zu ziehen, nur
Luther großartig übersetzt, in Worten, die das Existieren im zwei verschiedene Formen desselben autistischen Deliriums
Modus des teilhabenden Einfließens in eine sphärische Ge- sind, Beide Postulate streben, wie Sie sagen, illusorisch hinweg
samtform unüberbietbar zum Ausdruck bringen. Man muß die von der ekstatischen Verflechtung der Subjekte in den gemein-
Kläglichkeit der Übersetzung in der Neuen Jerusalemer Bibel samen Innenraum, »in dem die real Zusammenlebenden an-
danebenhalten, um Luthers Prägnanzwunder zu würdigen, einander zehren<<.
denn da heißt es dürr und traurig: »Denn in ihm leben wir, P. S. Mit Hilfe des sphärischen Grundmodells läßt sich die Ver-
bewegen wir uns und sind wir<c - A~ostelgescbicbte 17, 28, diese flechtung oder Verschränkung der Pole in einem Paar-Dual
Unglücksmenschen von Neuübersetzern haben das »weben« leicht plausibel machen, denn ich generalisiere lediglich das
verlernt. An derselben Stelle wird dieser Gott ausdrücklich bekannte Phänomen der psychischen Symbiose von seinen
als der Nicht-Ferne beschrieben, der jedem einzelnen intim biologischen und anthropologischen Prämissen her. Ich ziehe
benachbart ist und zugleich alle betreut. Doch so ganz sind die äußersten Folgerungen aus der normalen und doch exzes-
solche Erfahrungen selbst heute nicht aus der Welt verbannt, siv anmutenden existentiellen Verschränkung von mehreren
obschon sie marginal geworden sind und von der Theorie links Leben ineinander, wie sie bei Mutter und Fötus oder in der
162 Zur allgemeinen Poetik des Raums Logik der Symbiose 163
Relation zwischen Hypnotiseur und Somnambule oder in der sonanzraum haben - was zugleich die Voraussetzung für die
Paarverliebtheit auftritt. Wenn ich Paar sage, soll man besser Ausbildung von intensiven Eigenräumen ist. Kurzum, Mi-
nicht an zwei Leute denken, die sich zu einem genitalen Team chaux’ psychonautisches Talent kommt, glaube ich, daher, daß
zusammengetan haben, sondern wenn möglich an ein roman- er seiner Grundstruktur nach ein Symbiotiker großen Stils ge-
tisches Paar, bei dem jeder von beiden weiß, wie es ist, wenn wesen ist, ein Mensch, für den das Hinüberfließen ins andere
man die eigenen Eingeweide mit denen des anderen verwech- zur ersten und zweiten Natur gehörte. Wenn er danach als
selt hat. Geht man vom Symbiose-Paradigma aus, dann ver- unfreiwilliger Solitär mit Hilfe der Drogen so etwas wie ein
steht man sehr wohl, was es mit den Formulierungen auf sich Kosmonaut im seelischen Weltraum wurde, dann illustriert das
hat, von denen Sie eben Beispiele zitiert haben. Man begreift, nur eine spätere Phase desselben Talents in derselben psychi-
warum Intimität zunächst ohne jede Vermittlung durch Dro- schen Matrix.
generfahrung auftritt, es sei denn, man betrachtet die Mutter- Ich denke, für die Philosophie hat der Fall Michaux etwas
Kind-Intimität oder die Paar-Symbiose als einen naturwüchsi- Exemplarisches. Denn Philosophen sind ex officio immer im
gen endokrinologisch gesteuerten Drogeneffekt. Daß der von LMichauxschen Feld unterwegs, zwischen Symbiose und Di-
Ihnen zitierte Michaux in seinen späteren Jahren zum Drogen- stanz, schon Platon konnte Mathematik und Erotik nicht
experimentator wurde, steht auf dem einen Blatt seines Le- voneinander trennen. Ich suggeriere im Vorwort zu Sphären 1,
bensbuchs, doch auf einer früheren Seite steht, daß er ein daß jede Liebesgeschichte im Grunde ein geometrisches Exer-
großer Liebender, ein unverbesserlicher Symbiotiker gewesen zitium ist, nämlich der Versuch, ins Runde zu kommen und die
ist. Er hatte in seinen jüngeren und mittleren Jahren eine uner- erste Kugel zu rekonstruieren.
setzliche Lebensgefährtin, er war mit ihr verschmolzen, wie die H.-J . H. Ich würde Sie bitten, zwei, drei weitere Formulierun-
platonischen Urmenschenhälften es je nur sein konnten, und gen aus Ihrem Buch zu erläutern. Es ist von einer »Drift« die
er wurde durch ihren frühen Tod zu einem von jenen tragi- Rede, die den Denkenden auf den »lymphischen Flüssen der
schen Überlebenden, denen die Aufgabe zufällt, die zur Unzeit präsubjektiv primitiven Selbsterfahrung vorwärts« ziehe. Wenn
verstorbene andere Hälfte zu überdauern. Er verlor seine Le- man Ihr Buch liest, dann sieht man, daß das keine Anthropo-
bensgefährtin Ende der vierziger Jahre, wenn ich mich recht logie der primitiven Mentalität im Sinne von Levi-Bruhls For-
erinnere, und mußte danach seine Existenz neu definieren. Er mel ergibt, und doch klingt das unweigerlich mit an. Es ist
machte also erst in der Mitte des Lebens die Verlusterfahrung, von einem »auratischen Universum« die Rede, das sich entfalte
die für zahllose Menschen schon ganz am Anfang ihres Da- »ganz aus Resonanzen und Schwebstoffen gesponnen«; in die-
seins steht - die traumatische Entdeckung, daß der intime sem bleibe »die Urgeschichte des Seelischen« zu suchen. Es
Andere unerreichbar geworden ist, daß man sich folglich in gehe darum, sich an die Nähe zu erinnern, in der sich kontu-
sich selbst einrichten und Härte entwickeln muß. Im allgemei- rierte Subjekte entgrenzen und neufassen können, also um
nen gilt ja die Weisheit, daß zu einem selbständigen Indivi- Allianzen zwischen -Schwebewesen statt harter Abgrenzung
duum nur jemand werden kann, der ein für allemal weil3 oder zwischen Einzelnen. Und in diesem Zusammenhang fällt Ihre
zu wissen glaubt: »Ich bleibe letztlich alleine übrig.« Feier des Idioten als eines »Engels ohne Botschaft« auf, sowie
Dagegen war es für den frühen Michaux selbstverständlich, Ihre Theorie des offenen Fließraums, des ich-erfüllten Klang-
daß Menschen zu zweit einen gemeinsamen Innen- und Re- raums. Sie gehen an einer Stelle sogar so weit zu sagen, »die
164 Zur allgemeinen Poetik des Raums Logik der Symbiose 165
Welt klingt nach mir, wenn ich mich zeige, wie ich mir verspro- ist mithin eine sehr feine, sehr aufgeladene resonante Zone
chen bin«. besonderer Art gegeben, die vielleicht mit besserem Recht als
Spürten Sie nicht manchmal eine Scheu, so zu sprechen und die Genitalien es verdienen würde, Intimzone zu heißen.
sich zu konfrontieren mit dem Unverständnis, auf das Sie sto- Danach beschreibe ich, im dritten Kapitel, das der Proto-Psy-
ßen werden? Wie konnten Sie mit der Schwierigkeit umgehen, choanalyse des Renaissancezeitalters gewidmet ist, jene Af-
auf dieses Weiche, Zarte, Schwebende, Offene, Fließende so fekttransaktionen zwischen Menschen, die von den Philoso-
insistent hinzuweisen angesichts einer Gesellschaft, in der Ver- phen der Renaissance unter dem Begriff der Magie oder
härtung, Unoffenheit, Häme, Gewalt den modzu vivendi bestim- Faszination diskutiert wurden: Wie kommt es, fragen die Den-
men? ker der frühen Neuzeit zwischen Ficino und Shakespeare, wie
P. S. Mir ist, als hörte ich hier zwei verschiedene Fragen, die kommt es, daß Menschen andere mit ihren eigenen Affekten
man nicht mit einer gemeinsamen Antwort abdecken kann. Zu- anstecken können? Wie müssen Menschen beschrieben wer-
nächst möchte ich betonen, daß Intimität, so wie ich sie er- den, wenn man sie unter dem Aspekt ihrer Beeinflußbarkeit
läutere, kein zusammenhangloses Phantasma oder ein Luft- und Infizierbarkeit durch die Gemütsregungen der anderen
gespinst ist, sondern eine szenische Realität, die sich auf verstehen will? Wie lassen sich die faszinatorischen und eroto-
angebbare Grund-Szenen abbilden läßt. Hier liegt die methodi- magischen Wirkungen zwischen ihnen und den übrigen We-
sche Gemeinsamkeit meiner Arbeit mit dem psychoanalyti- senheiten systematisch ordnen und manipulieren? Man kann
schen Verfahren zutage, denn hier wie dort bekommen alle von Ian Coulianu hierüber eine Menge lernen, diesem großen
Beschreibungen und Deutungen nur Hand und Fuß, wenn sie Religionshistoriker, der vor einigen Jahren unter mysteriösen
sich auf konkrete, erinnerbare, konturscharfe Szenen beziehen Umständen in den USA ermordet worden ist. Er hat in der
lassen - man mag diese Urszenen nennen oder nicht. Wir brau- besten Studie, die je über Erotik und Magie in der Renaissance-
chen also ständig szenische Evidenz, gerade für das Subtilste. philosophie geschrieben wurde, an die vor-cartesische Reso-
Ich gebe ein Beispiel: Es gibt in Sphären Iein Kapitel über In- nanz-Ontologie erinnert.
terfazialität - darunter verstehe ich die Gesamtheit dessen, was Das alles sind Überlegungen, die offenkundig im Vorfeld der
zwischen den Gesichtern von Menschen geschieht, all das, Tiefenpsychologien und Massenpsychologien angesiedelt sind.
was Gesichter mit anderen Gesichtern zu tun haben. Dieses Diese konnten ja seit dem späten 18. Jahrhundert nur in Gang
Vis-a-vis oder Face-a-Face - das ist für mich eine szenische kommen, weil sich die Erwartungen der Renaissance-Magier
Realität von großer Tragweite. Ich leite aus diesem Interesse an eine Technologie der Affekte in einem jahrhunderteüber-
das Recht ab, die interfaziale Realität als eine Zone eigensinni- greifenden Experiment bestätigt und erfüllt haben - denn wie
ger Verhältnisse gründlicher zu untersuchen, als dies meines die magnetapathische, die hypnotische und zuletzt auch die
Wissens zuvor irgendwo geschehen ist. Ich zeige, daß Men- psychoanalytische und die gruppendynamische Praxis zeigen,
schen mit ihren Gesichtern, diesen einander anblickenden gibt es tatsächlich so etwas wie Verfahren der Affektentfesse-
Flächen, immer aneinander arbeiten - ja daß sie das Gesicht lung, die kunstmäßig eingesetzt werden können. Was man im
der anderen erst in die Sichtbarkeit, Bedeutsamkeit, Lesbarkeit 18. und 19. Jahrhundert den Rapport, im 20. Jahrhundert die
herausziehen, ein Vorgang, den ich die Protraktion nenne, also Übertragung nannte, gehört zu einem szenischen Arrange-
den Prozeß, der zum Portrait hinführt. Zwischen Gesichtern ment, in dem der Seelensturm einer früh blockierten oder
166 Zur allgemeinen Poetik des Raums Logik der Symbiose 167
verirrten Leidenschaft wieder zum Aufbrechen gebracht wird. immer in der Vergangenheit, denn wir fürchten uns nicht so
Das ist das Geheimnis der psychoanalytischen Grundsitua- sehr vor dem Tod, wir fliehen vor der Katastrophe der Ge-
tion, von der ich zeigen wollte, daß sie in ihren Prämissen bis burt. I/om Nachteil, geboren x~ sein - das könnte als Überschrift
ins ~j. Jahrhundert zurückverfolgt werden kann. Die szeni- über die gesamte moderne Philosophie gesetzt werden. Für die
schen Kerne, die diesen Experimenten im zwischenmensch- archaischen Kulturen wäre eine solche Formulierung wenig
lichen Nähe-Feld die Grundlage bieten, gehen nach meiner sinnvoll. Erst Hiob hat das Niveau erreicht, auf dem ein
Darstellung auf die Urszene der Urszenen zurück, die fötale Mensch den Tag seiner Geburt verfluchen konnte - indessen
Einwohnung in der Mutter. die Weltbilddichtungen der vor-antiken Völker daran arbeiten,
Unumgänglich war nach diesen Prämissen ein Kapitel, das die Geburt zu relativieren und den Schock des Hinausfallens in
vierte von acht insgesamt, das ich unter die etwas irritierende die Nichtmutter ontologisch abzumildern. Das konnte bis zur
Überschrift »negative Gynäkologie« gestellt habe, worin ich völligen Ableugnung des Geborenseins gehen - zumindest bis
erkläre, daß und warum Menschen immer eine bestimmte Stel- zur Leugnung der These, wir seien draußen. Und warum sind
lung gegenüber dem mütterlichen Raum einnehmen. Alles, wir es angeblich nicht? Weil alles Mutter ist, weil die eigene
was ich dort zu Papier gebracht habe, geht von der Einsicht Mutter als die große allgemeine Mutter ewig wiederkehrt, weil
aus, daß die Mutter zunächst nicht als Person zu denken ist, die ganze Welt in Fruchtwasser schwimmt - denken Sie an die
sondern als ein Ort, eine Gefäßform, eine räumliche Immun- ägyptischen und mesopotamischen Vorstellungen von einem
struktur - und als ein Klangraum, eine Stimme. Seit jeher ))Weltumgebungswasser«, das alles Seiende wie in einer am-
stehen Menschen vor der Aufgabe, ihre Position in oder ge- niotischen Blase enthält. An Bildern wie diesen zeigt sich, in
genüber diesem Gefäß zu deuten. Ich behaupte, daß bis zur welcher Form die frühen Kulturen für eine Art von matriarcha-
antiken Dämmerung der großen Weltbilder in Asien und in lisch gefärbter All-Immanenz optiert haben. Ich merke hier
Europa die Menschen sich bemüht haben, zu beweisen, daß sie nur nebenbei an, daß die Moderne ein komplementäres Deli-
selbst als Geborene immer noch in der Mutter sind, wenn auch rium entwickelt hat, die Innenraum-Leugnung, Man könnte
nicht in der biologischen Mutter, sondern in der metaphori- daraus ein Kriterium machen: Modern ist, wer abstreitet, je-
schen, in der Mutterphysis oder im Schoß des Alls. Daraus mals innen gewesen zu sein.
folgt die Annahme, daß menschliche Geburten zunächst nur Damit komme ich zu dem anderen Moment, nach dem Sie
aus einem engeren in ein weiteres Innen führen. Hier ist alles fragen, dem Risiko einer so fragilen und peinlichen Rede. Ich
Höhle. Für das archaische Denken bedeutet In-der-Welt-Sein teile es mit jedem Leser. Wer sich durch Sphdren I hindurchliest,
wie selbstverständlich ein erweitertes In-der-Mutter-Sein - erst durchläuft einen topologischen Kurs, in dem Urszenen des
das metaphysische Weltalter wird daraus ein In-Gott-Sein ma- geteilten Lebens durchgearbeitet werden. Daß dabei manches
chen und das nach-metaphysische ein In-die-Welt-Geworfen- extremistisch erscheint und oft an Grenzen des Darstellbaren
Sein. Da entsteht zum ersten Mal ein reales Außen. und des Annehmbaren rührt, liegt in der Natur der Sache. Die
Nur vor diesem Hintergrund läßt sich verstehen, warum für die gynäkologischen, plazentologischen, psychoakustischen Kapi-
Modernen die Geburt unweigerlich eine Katastrophe darstellt. tel sind für die Leser eine Zumutung. Ich begleite sie, wenn sie
Emile Cioran hat das in seinem Buch De I’inconvt$zient d’&-e ne wollen, bis an den Punkt, an dem sich die wichtigste sphärolo-
luzide herausgearbeitet - er sagt: das Schlimmste für uns liegt gische Einsicht mitteilt, nämlich daß alle Menschen Zwillinge
168 Zur allgemeinen Poetik des Raums Zwischen Heidegger und Lacan 169
sind, ohne es zu wissen. Im Anschluß an Thomas Machos unserem nächsten Zyklus von Fragen und Antworten um die
Theorie der Nobjekte, das heißt psychischen Prä-Objekte und Nutzbarmachung der Psychoanalyse für Ihre Sphärologie ge-
innerer Un-Gegenstände, trage ich Evidenzen zusammen für hen und um Ihre Abgrenzung gegen sie. Das Konzept der
die These, daß Menschen allesamt infolge ihrer intra-uterinen Nobjekte haben Sie bereits erwähnt, das die intimen Ergänzer
Kohabitation mit der Plazenta Wesen darstellen, die bleibend des archaischen Subjekts zusammenfaßt - ein Ausdruck, der
auf anonyme Begleitung hin angelegt sind. in die Nähe einer verwandten Konzeption gehört, ich meine
Der hierfür einschlägige Hauptmythos der Europäer, der Zen- die Ding-Konzeption (Chase) von Jacques Lacan. Sie versu-
tralmythos der Oper, die Geschichte von Orpheus und Eury- chen, mit Hilfe erweiterter psychoanalytischer Bestimmun-
dike, ist in Wahrheit ein Mythos des plazentalen Doubles gen - Nobjekte, plazentales Double, psychoakustisches Bon-
und keine Geschichte des erotischen Paares. Eurydike ist von ding,vokale Nabelschnur - und gestutzt auf Gaston Bachelards
vorneherein in der Unterwelt, nur scheinbar verlieren wir sie Phänomenologie des erlebten Raumes Freuds Szientismus zu
mitten aus dem Leben, Darum muß die Gefährtin als immer überwinden, wobei zu sagen bleibt, daß dieser Szientismus
schon verlorene besungen werden, sämtliche Versuche, sie wohl auch bei Freud selbst sehr viel durchlässiger ist, als man
wieder herbeizusingen, stehen im Zeichen des Unmöglichen. das nach Ihrer zugespitzten Kritik vermuten möchte. Was mir
Alle Menschen sind Zwillinge, aber von okkulter Art, denn die besonders auffällt, das ist neben der Abweisung Freuds, vor
meisten haben den Zwilling verworfen und erinnern sich nicht, allem seiner Trieblehre, eine pointierte Distanzierung von La-
je einen gehabt zu haben. Durch die Verwerfung der Erinne- tan, während Sie eine andere Position stark machen, diejenige
rung an das Proto-Dual entsteht eine allgemeine Disposition Martin Heideggers.
zu schlechten Ersatzbildungen. Man verlernt das Finden, wenn Lassen Sie mich zu Lacan zwei Dinge anmerken. Sie greifen
das Suchbild zerstört ist. Die tiefere Taktlosigkeit fangt mit seine Idee vom Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion an
der verworfenen Dualerinnerung an. Die Menschen, die gegen als einen »Urpsychosedogmatismus, der seinen Motiven nach
maligne Beziehungen am meisten immun sind, das sind nach nicht psychoanalytischen, sondern kryptokatholischen, sur-
meinen Beobachtungen diejenigen, die mit ihrem okkulten realistischen und paraphilosophischen Interessen verpflichtet«
Zwilling in einer diskreten Beziehung leben - sie haben den sei. Nichtsdestoweniger gilt für Lacan, daß bei ihm ein gleiten-
berühmten Schutzengel, zeitgemäßer gesprochen, sie passen des, ein schwebendes Sprechen laut wird, das dem Ihren sehr
gut auf sich selber auf. In den USAverabschieden sich Freunde verwandt ist und das sich auch der Heideggerschen Euphorie
mit den Worten Lake care ofJIoasel& was eigentlich ein diskreter des »Es-spricht«, des »Die-Sprache-spricht-uns-ihr-Wesen-zu«
Engelsgruß ist. verpflichtet weiß. Das Entscheidende aber scheint mir zu sein,
daß Lacan zu seiner Zeit ein nahezu unübersteigbares Hin-
dernis überwinden mußte, um zu dem neuen Ort der Rede
Zwischen Heidegger und Lacan durchzudringen, nämlich das, was er die Geisteskrankheit des
westlichen Menschen genannt hat, die Fiktion der Identität,
H.-J. H. Sie haben mit Ihren Erläuterungen jetzt schon überge- den Glauben an ein von Grund auf mit sich versöhntes, solides
leitet zum Schlußteil meiner Überlegungen und Nachfragen, und identisches Ich. In diesem Identitätsfetischismus haben
den ersten Band Ihres Sphären-Werks betreffend. Es soll in sich der europäische Ethnozentrismus, die bürgerliche Anpas-
170 Zur allgemeinen Poetik des Raums Zwischen Heidegger und Lacan 171
sungsideologie und die neurotische Abschottung gegen den Das Problem mit Lacan fängt für mich dort an, wo er dem
anderen widergespiegelt. Dagegen konstruierte Lacan das Ich Freudianismus, dem Medizinerfuror, der Weißkittelideologie
als ein Ich-der-Andere. Diese subversiv neue Konzeption hat des 17. Jahrhunderts Tribut zollt und sich dem klinischen
sich ihren bekanntesten Ausdruck verschafft in der Umkeh- Dogma unterwirft, Einsicht ins Seelische sei von der Patholo-
rung der Freudschen Regel »Wo Es war, soll Ich werdentc zu gie her zu entwickeln.
»Wo Ich war, soll Es werden<<. Ein solches Wagnis verlangte H.-J. H. Er war immerhin Psychiater.
nach der Entmystifizierung des kohärenten, transparenten, in- P.S. Leider war er das. Man sollte als Psychotherapeut aber
tegren Ich, weswegen für Lacan gewisse psychologische und nicht Arzt sein, sondern Unternehmer. Vielleicht auch Rekla-
ästhetische Durchbrüche jener Zeit, zumal die künstlerischen me-Experte oder Dramaturg, auf jeden Fall müßte man einen
Erkundungen eines Salvadore Dati oder eines Hans Bellmer, Beruf ausüben, in dem es darauf ankommt, wie man mit Men-
gerade recht kamen, denn da tauchten Darstellungen gespal- schen redet, im Appellativ, durch Evokationen, durch Reso-
tener und zerstückelter Körper auf. Auch was bei Ihnen die nanz, durch Aufhau von Erwartung, durch emanzipierende Ab-
dyadische Struktur heißt, ist in Lacans Formel vom Begehren stinenz in Verbindung mit einem Projekt. Die Medikalisierung
als dem »Begehren des anderem< auf bestimmte Weise schon der Psychologie ist eine Verirrung, eine Kulturkatastrophe.
da, einer Formel, die Raum schafft für ein Denken in Dya- Im siebten Kapitel von Sphären 1versuche ich, die psychoaku-
den, Symbiosen, Resonanzen, Durchdringungen, Sphären. stische Konstitution des Subjekts vor dem Subjekt herauszu-
Für mich sind daher die Abstände zwischen Freud und Lacan arbeiten, indem ich andeute, wie bei der allerersten Kommu-
einerseits, Bachelard und Macho andererseits gar nicht so dra- nion oder Intimberührung, lange vor allem Zeichenaustausch,
matisch. eine nach innen gerichtete Begrüßung geschieht. Es gibt da so
P.S. Das ist wohl richtig gesehen, Meine sachliche Nähe zu etwas wie eine evangelische Frequenz der Begrüßung. Der
dem, was Lacan sagt, ist ganz eng, noch größer ist die Ver- älteste seelische Raum ist eine tönende Kammer, in der Be-
wandtschaft in den Prozeduren. In meinen Augen und für grüßungsspiele und klangliche Prophezeiungen geschehen,
meine Ohren hat Lacan immer viel mehr recht in dem, was er prä- und postnatal. Durch ihn ziehen sich akustische Nabel-
tut, als in dem, was er sagt. Er scheint ständig daran erinnern schnüre, die Stimmen und Gehöre aufeinander abstimmen.
zu wollen, daß die Wahrheit in der Performance, nicht in den Vielleicht sind viele Menschen deswegen so heimatlich sound-
Aussagesätzen erscheint. Daher kommt niemand mit ihm zu- abhängig, und manchmal auch so musiksüchtig, weil sie auf
recht, der in einer buchhalterischen Einstellung herauskriegen die Frequenz ihrer Begrüßung geeicht sind. Sie können sich
will, was genau gesagt wurde. Lacan entzieht sich meistens der nicht leicht aus ihrer Erstmusik lösen, weil sie an ihre akusti-
Erwartung, man könne ihn zum Komplizen dessen machen, schen Proto-Evangelien, die frühesten akustischen Prophezei-
was man von ihm weiß und wodurch man sich im Kopf gut ungen ihres Lebens, gebunden bleiben. Das übrigens hat Lacan
fühlt. Man konnte ihn nie fassen, um ihn ins eigene Meinungs- als Sprachzauberer, Evokateur, Improvisator, Stammler und
system einzubauen - erst posthum kam es zu dem ziemlich ab- Clown glänzend getroffen. Mir wäre nur lieber, er hätte nicht
stoßenden Effekt, daß sogenannte Schüler in seinem Namen mit einer so optisch fixierten Theorie wie der des Spiegelsta-
Posten besetzen, Kolumnen füllen und immer ganz genau wis- diums begonnen, sondern mit einer musikologischen Theorie,
sen wollten, wie was gemeint war. in der das Dual als Duett interpretiert worden wäre.
172 Zur allgemeinen Poetik des Raums Zwischen Heideeger und Lacan 173
Lacan hat ja die Tatsache entdeckt, daß die Patienten wie Mu- Meine Frage lautet nun, wie können Sie im Rahmen dieser
siker sind, die ihre Stücke nicht richtig können. Die Neurose ist Überlegungen so stark an Heidegger festhalten? Ich habe Ihre
ein chronisches Falschspielen. Wenn wir von einem Unbewuß- Arbeiten insgesamt noch einmal auf Heideggerbezüge hin
ten reden, sagen wir ja im wesentlichen nur, daß ein Sprecher durchgesehen, und mir ist aufgefallen, daß nahezu in allen Bü-
vieles von dem, was in seiner Sprache spricht, nicht selber chern dieser Denker eine Rolle spielt. An ihm arbeiten Sie sich
sagt - oder umgekehrt, daß er versucht, das, was sich in ihm ab, vor allem wenn Sie Heideggers In-der-Welt-Sein umdenken
verraten möchte, nicht zu sagen. Die Fehler, die er macht, sind und erweitern zu einem Zur-Welt-Kommen. In Ihrem Buch
nicht so sehr seine eigenen, sondern durch den wesentlichen Ewotaoimm von 1989 schreiben Sie: »Sobald eine psycholo-
Anderen in ihn hineinkopiert worden. Deswegen wird der gisch und anthropologisch geerdete Philosophie in eine Medi-
Sprechende von seiner Sprache verraten. Diesen Verrat kann tation selbstgeburtlicher Strukturen eintritt, gelangt sie zu einer
das Ohr des Psychoanalytikers aufgrund einer professionali- inhaltsreicheren Rettung der metaphysischen Diskurse über
sierten Intuition hören. Das analytische Arrangement dient das Sein und das Nichts, als Heideggers Andenken des Seins es
dazu, das Verratene an den Selbstverräter zurückzugeben, zu leisten vermochte.«
Es wäre zu wünschen, daß die Psychoanalyse es lernen könnte, In Ihrem jetzigen Buch wird die Heideggersche Frage »was
von ihrem Imagofetischismus und ihrem Objektbeziehungs- bedeutet In-Sein überhaupt?« neu aufgegriffen, ja es scheint,
wahn ein wenig abzurücken, auch von der Romantik der Psy- sie dient Ihnen als Keimform Ihres eigenen Entwurfs. Sie ent-
chose, die auf dem Höhepunkt der Lacansekte in Paris böse wickeln die Idee, daß bei Heidegger nicht nur eine Abhandlung
Blüten getrieben hat. Nun, es macht die Stärke der psychoanaly- über Sein und Zeit, sondern auch über Sein und Raum vor-
tischen Bewegung aus, daß man mit den Fehlern der Meister liege, wenn auch erst in larvenhafter Form. Das in Sein undZeit
schöpferisch weiterarbeiten kann. Die psychologischen Lern- »subthematisch eingeklemmte Projekt Sein und Raum«, so sa-
prozesse, die das moderne Wissen vom Menschen voranbrin- gen Sie, gelte es zu befreien, um die Vorstellung einer von
gen, gehen über die Biographien großer einzelner Beiträger Grund auf ergänzten Existenz des Menschen zur Entfaltung
hinaus, sie haben die Verfassung einer echten lernenden Insti- zu bringen. Ist,aber Heideggers Ontologie wirklich kompatibel
tution gewonnen, die über die Lebenszeit einer Forschergene- mit Ihrem Vorhaben?
ration hinausreicht und Langzeitgeduld ermöglicht - weswe- Der wunderbare Cioran, den Sie eben erwähnten, hat einmal in
gen die Sache des Seelischen und des Wissens von ihm noch einem Gespräch mit mir vor zwanzig Jahren gesagt: Heidegger
lange nicht zu Ende ist und Überraschungen wahrscheinlich denkt nicht wirklich, er denkt über das Denken, er ist in gewis-
bleiben. Es geht in diesem Feld vor allem durch geniale Irrtü- sem Sinn ein Hochstapler.
mer voran. Meine Arbeit gehört in die Korrekturphase des P.S. Ich kannte diese erstaunliche Äußerung nicht, aber sie
Vorstoßes, der sich bei Lacan und anderen vollzogen hatte. überrascht mich nicht, denn Heidegger und Cioran bilden in
H.-J. H. Die Freudsche Triebtheorie ist in der Tat, nicht nur von meinen Augen so etwas wie Antipoden im Feld der ontologi-
Ihnen, als eine Form der Abwehr von Nähe gelesen worden. sehen Grundreaktionen - da sind Antipathien vorprogram-
Dagegen machen Sie anstelle des Triebbegriffs den Gestalt- miert.Wenn der eine erklärt, der Sinn von Denken sei Danken,
begriff stark, das morphologische Denken, den Sinn für Wand- und zwar für die Gabe des Seins, so hält der andere dagegen,
lung und Metamorphose, für permanente Geburt. der Sinn von Denken sei Zurückzahlen, und zwar für die Zu-
174 Zur allgemeinen Poetik des Raums Zwischen Heideeger und Lacan 175

muturig des Seins - ich habe das kürzlich in einem kleinen Heidegger ist für mich so anregend geworden, weil er derje-
Aufsatz skizziert.1 Was beiden gemeinsam ist, das ist ihr Miß- nige ist, der das Problem der ekstatischen Immanenz eines exi-
trauen gegen alles, was nicht die naturbelassene Seinswelt ist, stierenden Wesens in der Welt auf beispiellos ernsthafte Weise
gegen die Willenswelt, die Technikwelt, die Welt als Projekt durchdacht hat. Seine Formel vom In-der-Welt-Sein enthält
und Experiment. Beide empfinden ein enormes Ressentiment dieses sehr rätselhafte »in«, diese scheinbar evidenteste aller
gegenüber der Kultur der Menschen, die wollen können, das räumlichen Präpositionen, die zugleich die dunkelste ist. Wir
bezeichnet eine ihnen gemeinsame Grenze. Beide entwickeln sind »in der Welt«: Was heißt das eigentlich? Wo sind wir,
darum also die masochistische Grundreaktion gegenüber dem wenn wir in der Welt sind? Was hat es mit diesem In- oder
Erhabenen in der geschehenden Geschichte, wobei Cioran das Inne-Sein auf sich? In-Sein wird üblicherweise abgeleitet von
Genießen eher im Widerstand und der Herabsetzung findet, der Erfahrung gewöhnlicher Behälterbeziehungen. Wir sind
Heidegger eher im Mitgehen mit dem Schicksal. So viel oder so in einem Zimmer, dieses Zimmer ist in einer Stadt, die Stadt
wenig zu dieser seltsamen Konstellation. ist in einem Land, das Land ist auf der Erde, die Erde ist im
Damit ist aber nicht erklärt, warum Heidegger wichtig bleibt. Weltraum. Das ergibt Babuschka-Physik, orientiert am Enthal-
Die Antwort haben Sie selbst vorhin angedeutet, als Sie darauf tensein von Etwas in Etwas, vom kleinsten »In«halt bis zum
hinwiesen, daß mir im Verhältnis zu ihm nur eines zu tun blieb: Behälter aller Behälter, dem All. Heidegger hat mit dieser Ge-
ich brauchte bloß seine Grundformel vom Dasein als In-der- wohnheit, das In-Sein alltagsphysikalisch auszulegen, gebro-
Welt-Sein zu dynamisieren, und damit war die Alternativformel chen und gezeigt, daß das menschliche In-etwas-Sein gar keine
Zur-Welt-Kommen erreicht. Zudem habe ich auf diese Weise Behälteranalogien zuläßt, sondern im Gegenteil ein Hinausste-
eine Wendung gefunden, die mehr die Anfänge als die Enden hen, eine ekstatische Positionalität oder ein Hinausgehalten-
betont. Dadurch wird es möglich, das biologische Phänomen sein bedeutet.
Geburt ontologisch zu befragen. Man kann klarmachen, war- Wenn ich über Heideggers Exposition des Raumproblems ei-
um der Mensch das Wesen ist, bei dem Geborenwerden nicht nen Schritt hinaus tue, so diesen, daß ich den Ort des Men-
ausreicht, um zur Welt zu kommen. Denn Menschen müssen schen als Sphäre interpretiere und mich nicht ganz abfinde mit
nicht nur aus einer Mutter ins Freie gesetzt werden, sie stehen der kahlen, einsam klingenden Formel vom In-der-Welt-Sein,
zudem vor der Herausforderung, ins »Haus des Seins« einzu- Der Begriff Welt, den Heidegger benutzt, ist nach meinem
ziehen. Zur-Welt-Kommen ist die philosophische Formel für Dafürhalten seinerseits noch zu metaphysisch gedacht, er ist
ein biologisches Ereignis von ontologischem Charakter. Die totalistisch überspannt, weswegen ich diesen Ausdruck durch
Geburt ist dafür eine zwar notwendige, aber nicht zureichende den der Sphäre ersetze. Sobald ich »Sphäre« an die Stelle von
Bedingung. Der Weltaufgang im Weltankömmling Mensch - »Welt« setze, ziehe ich mir das Problem zu, das Sie vorhin an-
das ist es, was ich unter Heideggers Anregung etwas beharr- gesprochen haben, nämlich daß ich zu einem Individualkos-
licher in den Blick nehme, als dies in der bisherigen philoso- mologen werde. Ich müßte für jeden einzelnen Menschen die
phischen und anthropologischen Tradition möglich war. Weltgeschichte erzählen. Für jeden und jede wäre zu zeigen,
wie er oder sie in einer unverwechselbaren Bewegung des Zur-
I »Der selbstlose Revanchisw, in: Textbuch zu dem H6rbuch »Cafard«, Origi-
nalaufnahmen von E. M. Cioran Ig74-19yo,Verlag suppose, Köln 1998; auch welt-Kommens sich in seiner oder ihrer Sphäre einlebt und wie
in: l? SI., Nicht gerettet.Versuche nach Heideger. Frankfurt a. M. 2001 diese Sphäre dann so anwächst, daß sie in verschiedenen Stu-
176 Zur allgemeinen Poetik des Raums , VC’eltall und Asyl 177
fen und Formaten für diesen Menschen das Weltganze dar- sen höchsten Ranges zu isolieren«, sei der von Ihnen vorge-
stellt - die Welt eines Säuglings, die Welt eines Dorfmenschen, legte »Rechenschaftsbericht vom Anfang und Gestaltwandel
die Welt eines Volksmenschen, die Welt eines Imperiummen- der Sphären« der erste erneute Versuch, einem Formbegriff
sehen, die Welt eines Menschen im Zeitalter der Globalisie- eine höchstrangige Stellung in den Kulturwissenschaften zu-
rung. Das alles sind verschiedene Formate des In-der-Welt- zuweisen. Frage: Welche Rolle spielt in Ihrem Entwurf die
Seins, wenn man es sphärologisch auslegt. »Form«? Oder ist Form nur ein anderer Ausdruck für Ge-
stalt?
P. S. Ich gebrauche in meinem Buch die Ausdrücke Gestalt und
Weltall und Asyl Form synonym. Natürlich bin ich darauf gefaßt, daß jemand,
der heute als Kulturtheoretiker von Gestalt redet, sein Verhält-
H.-J. H. Lassen Sie uns versuchen, ein Fazit zu ziehen und nis zu Spengler klären muß. Ich bin, ich sage es ohne Hinter-
schon den Übergang von Sphären 1 zum zweiten und dritten gedanken, überzeugt: man wird mit Spengler, wenn man erst
> Band Ihrer Sphärologie anzudeuten. Wird Heidegger, den ich einmal versteht, wovon er redet, nicht fertig, weil man mit dem
hier als Stellvertreter der traditionellen, trotz allem akademisch Problem selbst, das er hatte oder das ihn hatte, nicht fertig
gebliebenen Philosophie erwähne, auch im weiteren Verlauf wird. Warum? Spenglers zentrale Denkerfahrung liegt in der
des Projekts noch eine Rolle spielen? Ist es nicht vielmehr Beobachtung, daß Formen ein Eigenleben haben - sein ganzes
so, daß Ihr gestalthaftes, poetisches, in Wandlung begriffenes Genie steckt in diesem Motiv. Für ihn sind, wie für die Großen
Denken sich an solchen letztlich doch statischen, der Begriffs- unter den Strukturalisten nach ihm, Propp und Levi-Strauss
welt verhafteten Autoren nur abarbeitet wie an Übungspart- vor anderen, die Menschen nur von Bedeutung als Agenturen
nern, die Sie hinter sich lassen wollen? Ich hatte, je mehr ich in von Formen, die vor ihnen beginnen, durch sie hindurchwir-
Ihre Texte eindrang, zunehmend den Eindruck, daß die Zau- ken und über sie hinausgehen. Man könnte ihm, analog zu dem
berformel in Ihrer Suche nach dem »Gold« des menschlichen bekannten Marxwort, den Satz in den Mund legen, alle Ge-
Daseins eher in der Morphologie gefunden wird, für die ja schichte ist die Geschichte von Form-Spannungen. Die Form,
der Begriff des Sphärischen selber zeugt. Sie ist es, die Ihre phi- die Spengler vor allem interessiert, ist das, was er eine Kultur
losophische Poetik des Raums ermöglicht, die zugleich eine nennt.
Poetik des Gestaltwandels, des Übergangs von Raum zu Raum Nun ist Spenglers Formbegriff, der über Goethes Idee der
erschließt. Unübersehbar ist hier die Nähe zu Rilke, zu Speng- Urpflanze bis auf die aristotelische Zoologie zurückgeht,
ler, zu Michaux, zu Bachelard, zu Bataille. durch und durch organologisch geprägt, er gehört zu einem
Was Oswald Spengler angeht, so würdigen Sie ihn als einen lebensphilosophischen Sprachspiel, in dem das Leben als Sub-
der bedeutendsten Theoretiker des Raums - wir haben oben stanz betrachtet wird und die Individuen als Akzidentien. Nur
Leo Frobenius erwähnt, von dessen Unterscheidung zwischen darum konnte Spengler die von ihm so genannten »Kultu-
Kulturen des Höhlengefühls und solchen des Weitegefühls ren« als »Lebewesen höchsten Ranges« bezeichnen: Er meint
Spengler entscheidend inspiriert wurde. Aber Sie setzen sich damit, daß es ein Gestaltgesetz gibt, ein strukturelles Muß, wel-
auch deutlich von ihm ab, indem Sie betonen: Nach Spenglers ches bewirkt, daß in einer Kultur an dieser oder jener Steile
gescheitertem Gewaltstreich, »Kulturen insgesamt als Lebewe- ihres Gestaltbogens nur Ereignisse, Akteure und Institutionen
178 Zur allgemeinen Poetik des Raums Weltall und Asyl 179
von einer gewissen formal vorherbestimmten Qualität auftre- Hand liegt, daß sie keine Kugelgestalt im geometrischen Sinn
ten müssen und keine anderen. Man kann dieser Idee eine ge- haben können und daß sie eher als »erfüllte« Rundungen oder
wisse logische Mächtigkeit nicht absprechen, obschon Speng- schwangere Raume vorzustellen sind. Darum eben Blasen,
lers Beispiele zweifelhaft bleiben und oft mehr verblüffen als nicht präzise Kugeln; metaphorische Sphären, nicht mit dem
überzeugen. Zirkel konstruierte Rundbauten oder Rundkosmen.
Im Denken des 20. Jahrhunderts blieb der morphologische Das ändert sich von Grund auf, sobald wir die großen Formen
Impuls stets präsent, obwohl Humanisten und Historisten al- ins Auge fassen, von denen der zweite Band spricht - er trägt
les getan haben, ihn in den Hintergrund zu drängen. Morpho- nicht umsonst den Titel Globen und handelt nicht zufällig von
logen und Strukturalisten haben soviel gemeinsam, daß sie Gott und der Welt, sofern beide von der Tradition als inklusive
beeindruckt sind von formalen Ordnungen, die sich über das Kugeln gedacht wurden. Aber ich meine zeigen zu können,
Leben, Arbeiten, Sprechen der einzelnen und der Völker legen daß auch Gott und der Kosmos nie als leere Kugeln vorgestellt
und sich wie Strukturgötter an der Macht halten, bis andere werden durften. Im Zentrum von Globen steht die Weltbild-
Ordnungen sich gegen sie durchsetzen - auch Strukturen ken- revolution der griechischen Aufklärung, von der man nachwei-
nen Götterdämmerungen. Das sind Ideen, mit denen man sen kann, daß sie hinsichtlich des philosophischen Weltbilds
nicht fertig wird, weil sich in ihnen im wahren Sinn des Wortes nichts anderes bedeutet als die Durchsetzung eines geome-
unausdenkbare Verhältnisse anzeigen. trischen Idealismus in der Kosmologie und eines logischen
Aber um zu erklären, wie ich zu meinem Verständnis des For- Idealismus in der Theologie - und die Verknüpfung beider.
malen gekommen bin, muß ich anders ansetzen. Spenglers Hier, in den Doktrinen der alten Akademie, wurde der Begriff
Ideen zu einer Morphologie der Weltgeschichte spielen dabei der Kugel erstmals metaphysisch scharf gemacht. Vom Pla-
keine Rolle, eine um so größere hingegen Bachelards Pro- tonismus, der effektiv ein morphologischer Idealismus war,
gramm einer Poetik des Razkmes. Es gibt in seinem unermeßlich nimmt die unermeßliche Tradition der Kugelmetaphysik ihren
kenntnisreichen, überaus sympathischen, sehr klugen und sehr Lauf, durch die gesamte abendländische Ideengeschichte hin-
naiven Buch gleichen Namens ein kleines Kapitel unter der durch bis an die Schwelle der Neuzeit, wo mit dem Anbruch
Überschrift »Die Phänomenologie des Runden«, in dem ich des anti-platonischen Experiments, das wir Moderne nennen,
zwei wegweisende Aussagen gefunden habe. Von denen lautet das klassische Erbe Alteuropas wie über Nacht in Vergessen-
die erste: »Die Welt ist rund um das runde Dasein« - daraus heit geriet. Mehr als zweitausend Jahre Kugelmetaphysik sind
ist die ganze Mikrosphärologie von Sphären 1 hervorgegangen, keine Kleinigkeit, Trotzdem ist dieser Komplex von der jün-
wobei eine zweite These mitwirkt, nämlich: »Die Kugel der geren Schulphilosophie nicht nur vernachlässigt, sondern
Geometrie ist die leere, wesensmäßig leere Kugel. Sie kann uns praktisch ignoriert worden, so daß meine Arbeit, bis auf sehr
kein gutes Symbol abgeben für unsere phänomenologischen wenige Ausnahmen, etwa Dietrich Mahnkes Studie über die
Studien über die volle Rundung.« All-Sphäre aus den dreißiger Jahren, keine wirklichen Vorgän-
Für die Mikrosphärologie im ersten Band sind diese Motti ger hat. Die Vergeßlichkeit der zeitgenössischen Schulmän-
verbindlich, weil ich es dort, wie gesagt, mit den zartwandigen ner in bezug auf Ideen, mit denen sie nicht selber unmittelbar
Kleinwelten der Paarverbundenheit, der symbiotischen Parti- etwas anfangen können, ist imponierend.
zipation, der intimen Resonanz zu tun habe, von denen auf der Der Form-Begriff, mit dem ich in Sphären 1 und Sphären 11
180 Zur allgemeinen Poetik des Raums Weltall und Asyl 181
arbeite, wird also nicht, wie bei den Morphologen und den Ich lege Wert auf die Beobachtung, daß es von den Globen bis
Strukturalisten üblich, als Ordnungsmuster in die Gegenstän- vor kurzem immer zwei gegeben hat, den himmlischen und
de hineingelegt oder als deren latente Struktur, quasi als ihr den terrestrischen. Daß wir heute den Erdglobus isoliert vor
formales Unbewußtes expliziert, sondern ich habe es, zumal uns stehen haben, verrätselt schon etwas von der metaphysi-
im zweiten Band, schon mit einer artikulierten Geschichte von schen Krise des menschlichen Orts.
prägnanten Vors tellungen über die Welt-Form als Kugeltotali- Wenn die Alten die Rundheit des Kosmos meditierten, so ge-
tät zu tun. Von Platon über Plotin zum Bzrch der 24 P/Xosophen schah dies hauptsächlich in erbaulicher Absicht. Die Welt ist
und weiter zu Kusanus, Kepler, Leibniz, Novalis spannt sich rund - deswegen gehen am Ende alle Dinge gut, dies war das
eine goldene Kette von höchstrangigen Aussagen über die not- philosophische Evangelium der Antike. Für die Modernen
wendige Kugelgestalt des Göttlichen und des Kosmos. hingegen folgt aus dem Satz, daß die Welt rund ist, etwas Ent-
Ich lese die klassische Metaphysik als eine Bibliothek von wirk- gegengesetztes, nämlich, daß wir vor den anderen nicht mehr
samen Aussagen über das Weltganze als Immunsystem. Onto- sicher sind - dies ist das Dysangelium der Neuzeit. Bezeich-
logie ist also erste Immunologie und kann daher nie irrelevant nenderweise haben die Europäer über die sogenannte Glo-
werden. Aber ein Ontologe von heute ist, dem Fortschritt des balisierung erst zu klagen begonnen, als sie die Gewißheit
Immunproblembewußtseins entsprechend, nicht mehr das- verloren hatten, beim Ausgriff auf den umrundeten Planeten
selbe wie ein klassischer Theoretiker des Seins. stets die Gewinner zu sein. Solange wir, über mehr als vierhun-
Ich darf nun weiter anmerken, daß ich der Meinung bin, in dert Jahre hinweg, als Entdecker zu den Entdeckten kamen
Globen erstmals die eigentliche und wirkliche Geschichte des- und die Fremden als Zubehör unserer Weltnahme mit in Kauf
sen dargestellt zu haben, was in der gegenwärtigen Soziologie, nahmen, hat kaum jemand an der »Globalisierung<c Anstoß
in der Politik und im Journalismus unter dem hysterischen genommen - allenfalls in der Form von Kritik an den Unge-
Reizwort Globalisierung diskutiert wird. Denn Globalisierung, rechtigkeiten des Imperialismus und der Sklavenhaltung. Jetzt
soviel ist klar, ist seit über zweitausend Jahren das Hauptanlie- aber, wo der planetarische Gegenverkehr einsetzt und die an-
gen der alteuropäischen philosophischen Theologie und Kos- deren uns ebenso leicht erreichen können wie wir sie, schreit
mologie gewesen, nämlich die Rationalisierung von Gott und alles Zeter und Mordio, die Antipoden nehmen uns Wohl-
Welt mit Hilfe des mächtigsten konstruktiv beherrschbaren standsprivilegien weg.
Formgedankens, der Kugel. Was wir heute darunter verstehen, Nur eine nüchterne Wahrnehmung hilft hier weiter: Die Euro-
ist nur ein aufgeregtes Nachspiel zu einem Stuck, das tief in die päer können sich schon seit einer Weile nicht mehr einbilden,
Vergangenheit reicht und von dessen wahren Dimensionen der Weltnabel zu sein, sie müssen sich darauf einrichten, daß
und Prämissen zur Zeit so gut wie niemand mehr etwas ahnt, außereuropäische Mächte sich emanzipiert haben und Europa
Das Emblem dieser alten Geschichte ist der Globus selbst, mit einer Art von Gegenentdeckung, von Gegeneroberung
dieses von der Antike erfundene Mittel der geometrischen, bedrängen. Ich erzähle darum in Sphären 11 nicht nur die
besser uranometrischen Weltdarstellung, das seit dem Beginn Geschichte der metaphysischen Globalisierung, aus der der
der Neuzeit, exakt vom Jahr der Kolumbusfahrt an, 1492, bis alteuropäische Kosmosbegriff und die klassische Lehre vom
heute eine Triumphgeschiche gekannt hat, deren Ausmaße ans allesumfassenden, alleserfüllenden Gott entstanden; ich skiz-
Unglaubliche rühren. ziere im letzten Kapitel des umfangreichen Bandes auch die
182 Zur allgemeinen Poetik des Raums Weltall und Asyl 183

Geschichte der Neuzeit zwischen Christoph Kolumbus und nicht vielmehr ein charakteristischer Zug der modernen Zivi-
George Soros - und zwar unter dem Gesichtspunkt, wie sich lisation? Ist also, wie Sie sagen, »die Faszination des Menschen
die Erde für die moderne Wahrnehmung als die einzige und durch den Menschen« die Regel oder nicht vielmehr die gegen-
letzte Kugel ins Zentrum geschoben hat. Von 1492 bis 1945 seitige Abschottung? Sind die chronischen Vernichtungen von
reicht die Kernepoche der terrestrischen Globalisierung. Menschen durch Menschen in unserem Jahrhundert wirklich
Von der metaphysischen Globalisierung und der terrestrischen nur momentane Entgleisungen?
ist eine dritte zu unterscheiden, die sich für uns vor allem in Bei der Lektüre Ihres Buches stellen sich bei mir zwei entge-
der Virtualisierung des Raums darstellt, bewirkt durch schnel- gengesetzte Empfindungen ein: Auf der einen Seite erscheint
les Geld und schnelle Information. Wenn Gesellschaften eine es suggestiv, wie Sie für einen geometrischen Vitalismus plä-
Überproduktion von Bildern und Texten betreiben, entsteht dieren, für eine intensivierte Konfiguration von Leben und
»Schaum« - Gerede ohne Kontrolle an äußeren Referenten, Theorie, von Erotik und Formbildung. Man fühlt sich eingela-
chaotische Sinnproduktion, chronischer Schwindel, Surfer- den, sich in kosmischen Gewölben zu entspannen und eine
ideologie. Davon wird der dritte Band handeln, unter demTitel >>Übertragungsliebe zum Ganzen« auszubilden, ja, gerade die-
Schätime. Menschen, die Schaumproduktion betreiben, kön- ses letztere Motiv, die Emanzipation der Übertragung von den
nen weder ideale Paare bilden noch sich in die Hyperkugel des neurotischen Projektionen und ihre Freisetzung in schöpfe-
Einen Kosmos oder des Einen Gottes retten, Das centrzkm seczr- rische Vorgänge, empfinde ich als eine der Bereicherungen
titatis - so hat die Metaphysik ihren Gott genannt - ist für Ihres Buches. Frappierend, wie Sie sagen, was man auf andere
sie unerreichbar geworden. Für sie gelten die Spielregeln des übertrage, seien weniger Affekte als primäre Raumerfahrun-
psychischen Überlebenskampfs in überkomplexen Situatio- gen. Aber, und das ist die andere Empfindung, gleichsam der
nen - globalisierte Guerilla. Für diese nicht immer leicht skeptische Widerspruch: Glauben Sie wirklich, daß Ihr Ent-
verständlichen Trends mache ich im Schlußband einen neuen wurf sich angesichts der geschichtlichen Erfahrungen behaup-
Interpretationsvorschlag. ten kann, vor allem im Blick auf die Greuel des 20. Jahrhun-
H.-J. H. Sie haben eindringlich für den Nutzen Ihrer Philo- derts.
sophie zum Verständnis zeitgenössischer Prozesse plädiert. P. S. Ihre Frage klingt für mich so, als wollten Sie mich auffor-
Meine letzte Frage will diesen Anspruch testen am härtesten dern, zu aktuellen Büchern Stellung zu nehmen, die verspre-
aller möglichen Gegensätze zu Ihrem Sphärendenken: Wie chen, das 20. Jahrhundert zu verstehen. Da ist über Nacht und
lassen sich mit Ihrer Sphärologie die Extremformen der sozia- ad hoc eine eigene Gattung entstanden, die man Bilanzliteratur
len Entzweiung und ideologischen Verneinung des Anderen nennen könnte. Ich gebe zu, ich bin gegenüber der Leistungs-
begreifen, wie sie sich im 20. Jahrhundert exemplarisch im Na- fähigkeit der bisherigen Jahrhundertzusammenfassungen aus
tionalsozialismus und anderen Formen des politischen Exter- der Feder von Historikern und Moralphilosophen ein wenig
minismus manifestiert haben? Hannah Arendt, und nach ihr skeptisch, denn ich bin davon überzeugt, daß man von dieser
Alain Finkielkraut, haben darauf hingewiesen, daß in den Epoche und ihren Katastrophen nur Oberflächenansichten
großen Dramen dieses Jahrhunderts der Mensch den ande- erhält, solange die Konfiguration von Räumen, Bevölkerun-
ren Menschen nicht als seinesgleichen erkannt hat. Ist dieses gen und Ideologien nicht auf viel tieferer Ebene durchdacht
Nichterkennen nur eine historische Ausnahme, oder ist es worden ist, als dies auf Basis der bis heute gängigen Theorien
184 Zur allgemeinen Poetik des Raums Weltall und Asyl 185
möglich war. Ich schlage, um eine schärfere Optik zu entwik- tausend Menschen zusammengefaßt sind in eine gemeinsa-
keln, eine politische Poetik des Raumes vor, und erst von die- me Sprache, eine gemeinsame Rhythmik und Ritualistik, in
ser könnten sinnvolle Diagnosen über gescheiterte politische ein Feld gemeinsamer ethnokulinarischer, ethnomedizinischer,
Raumbildungen abhängen. ethnobotanischer Gewohnheiten? Das sind die Fragen, die
Um hierfür den richtigen Anfang zu finden, ist es wichtig, man stellen muß, um sich im Bewußtsein zu halten, daß man
den Kleingruppencharakter der menschlichen Erstbeseelun- es mit unglaublich komplizierten, überaus unwahrscheinli-
gen und die Kleinformatigkeit der primären Sphärenbildungen chen und nichtsdestoweniger durch und durch wirklichkeits-
ernst zu nehmen, viel ernster, als die kuranten Formen politi- mächtigen Vorgängen zu tun hat. Was geschieht da eigentlich,
scher Philosophie es tun, die wie aus der Pistole geschossen wenn aus Horden Völker entstehen? Wie sind solche ethno-
mit dem Menschen als -on pol&%on anfangen. Dagegen hat technischen Prozesse, solche Selbsterzeugungen von Groß-
schon Thomas von Aquin, den ich im übrigen nicht so oft als gruppen zu denken? Wie funktionieren die ethnopoietischen
Zeugen anrufe, Einspruch erhoben mit seinem Satz: >>Humo est Rückkoppelungen über lange Zeitspannen hin und in welchen
animal magis familiale g#am politi6gm.c~ Über dieses Argument Medien?
darf man nicht hinweggehen, weil man sich sonst zur anthro- Die soziologische Anthropologie, als deren wichtigsten Autor
pologischen Blindheit verurteilt - was ein Kennzeichen der ich Dieter Claessens nenne, hat für das Größenwachstum von
modernen politischen Ideologien ist, der völkischen wie der Kulturen eine bezwingende Deutung vorgeschlagen: nach ihr
kommunistischen, die den Menschen allesamt ignorant über- ist die Konstruktion von abstrakteren Großeinheiten zurück-
politisieren, übersoziologisieren, überpolemisieren. Um dem zuführen auf einen allgemein wirksamen Mechanismus von
wahnhaften Element in diesen politischen Anthropologien Anheimelungstechniken und Befreundungsverfahren, der in
auszuweichen, gehe ich regelmäßig zurück auf einfache Situa- der Übertragung von Vertrautem auf Unvertrautes und von
tionen vom Typus der Mutter-Kind-Relation, des Liebespaa- Familiärem auf Unfamiliäres beruht. Dies erklärt die Allgegen-
res, der Klein- und Großfamilie, meinetwegen der Urhorde. wart von familialistischen Rhetoriken in allen sozialen Groß-
Der Vorzug des Ansatzes bei der kleinen Form ist, daß er das strukturen, gerade in solchen, die mit Familien am wenigsten
Staunen lehrt angesichts von sozialen Ensembles, die größer gemeinsam haben, wie Armeen, Kirchen, Universitäten, Impe-
sind als eine primitive Horde oder ein einfacher Clan und doch rien, Nationalstaaten. Die Großformen leben davon, daß sie
nicht über Nacht zerfallen. Die Ethnologie ist ein wunderbares einen imaginären Fundus an kleinsphärischen Erlebnisweisen
Korrektiv gegen die Soziologie, weil sie das Augenmerk auf die absaugen und transferieren können - wo solche Vertrautheits-
vorpolitischen Lebensformen der Menschen und die kleinfor- übertragungen mißlingen, wie zum Beispiel in der aktuellen
matigen Grundverhältnisse gerichtet hat. In allen größeren Europa-Konstruktion, dort bleibt die große Struktur unterani-
Einheiten muß man bereits die Wirksamkeit von Amplifika- miert und wird von den Einwohnern als Unwirklichkeit oder
tionstechniken und Übertragungsmechanismen voraussetzen, als Moloch erlebt. Das Geheimnis der großen Politik ist in
die sich von den einfachen Formen her keineswegs von selbst gewisser Weise ein ständiger Umcodierungsvorgang von Klein
verstehen. Schon die Stabilisierung der Einheit eines kleinen zu Groß, von Konkret zu Abstrakt, man könnte auch sagen:
))Volkes« erfordert einen abenteuerlich komplexen ethnopoie- ein permanenter Formatstress. Sie beruht auf einer nachhalti-
tischen Prozeß. Wie ist es möglich, daß zehntausend, hundert- gen Vortäuschung von imaginären Gemeinschaften durch die
186 Zur allgemeinen Poetik des Raums Weltall und Asyl 187
Verwendung des intimen, familialen Codes zugunsten des die modernen Äquivalente zu den Frobeniusschen Kulturen
nicht-familialen Nicht-Intimen. des »Weitegefühls«. Die Sozialphilosophie führt hier das tradi-
Ich nähere mich der Frage, mit der Sie mich konfrontiert haben, tionelle Argument ins Feld, daß die typischen Soziopathen der
Kann die Sphärologie die Explosionen zwischenmenschlicher modernen Gesellschaft - insbesondere Individuen mit einer
und interethnischer Gewalt im abgelaufenen Jahrhundert mit Neigung zu rechtsextremen Haltungen - unter einem Mangel
ihren Grundannahmen verträglich deuten? Aus meiner Sicht an »Anerkennung« leiden, ein Ausdruck, der seine Herkunft
muß die Antwort heißen, daß man das Gewaltproblem noch aus der Begriffswelt des jungen Hegel nicht verleugnet. Aber
gar nicht richtig beschrieben hat, wenn man das Phänomen mit dem Konzept der gewährten oder verweigerten Anerken-
der platzenden Sphären und der implodierenden Lebensge- nung, so sehr es für die Rhetorik der Integration unentbehrlich
meinschaften nicht von seinem Ursprung her sieht. Gerade ist, läßt sich nur eine Oberfläche beschreiben. Die Mikrosphä-
aus sphärologischer Sicht läßt sich gut verstehen, daß unzäh- rologie wirft einen viel gründlicheren Blick in die Strukturen
lige Menschen des 20. Jahrhunderts in katastrophische Umfor- der menschlichen Teilhabeverhältnisse und ihre Deformatio-
matierungen ihrer Lebenswelten hineingerissen worden sind, nen. Tatsächlich gehört die Moderne den politischen Höhlen-
ohne daß sie die psychischen Mittel vorgefunden oder entwik- bauten und ihren Hysterien. Daß psychotisierte Menschen in
kelt hätten, sich ihre neuen Verhältnisse anzuheimeln und solchen Zeiten anfangen, an einer Verwirrung der Urteilskraft
zu befreunden. Die Unheimlichkeit der modernen Lebensver- zu leiden und sich in wahnhaften Pseudokommunen zusam-
hältnisse macht insgesamt die Befreundung prekär. Über- menzurotten, ergibt sich aus ihrer Lage. Pseudokommunen
tragbare positive Heimat- und Familiengefühle sind zu einer oder soziale Pseudohöhlen beruhen auf Wahnsystemen, die
knappen Ressource geworden. Die Ausgangspunkte für posi- letztlich immer die Form eines Heil-durch-Vernichtung-Ver-
tive, schöpferische Übertragungen als solche sind bereits sprechens haben - genau das ist es, was Menschen mit einer
kompromittiert, schon die Symbiosen sind kontaminiert, die Grundstörung der vitalen Urteilskraft am meisten anspricht.
familialen Schutzräume, die Vertrautheitsbiotope schrump- Nur so haben sich zahllose Deutsche hinter dem vulgärenTo-
fen. desengel Hitler sammeln können.
Das 20. Jahrhundert ist ein Zeitalter der politischen Psychosen, Wahnsysteme dieser Art haben mit dem Normalitätssystem
in deren Kern sich überall Formatpsychosen und Raumstress- viel mehr gemeinsam, als man üblicherweise bedenkt, denn
Symptome verraten. Diese haben so gut wie immer die Form alle modernen Nationalgesellschaften können nur als imagi-
von Zugehörigkeitsstörungen. Die losgerissenen Einzelnen näre Gemeinschaften Bestand haben, sie haben allesamt ein
wissen nicht mehr, wie und wo sie wohnen, mit wem sie zu- Stuck weit Pseudohöhlencharakter. Solche imagined commza-
sammengehören, in welchen Formaten sie kommunizieren, nities - der Ausdruck stammt von Benedict Anderson - sind
was sie konvertieren können und was nicht. Sie wissen nicht von Grund auf labil und hochgradig fiktiv, von der Wahn-
mehr, wer sie sind und wer die anderen sind - und sie können grenze nur geringfügig weiter entfernt als die offen psychopa-
es nicht wissen, denn solches Wissen entsteht, wie sphärolo- thische Politik. Philippe Lacoue-Labarthe spricht in diesem
gisch zu zeigen ist, immer nur dort, wo hinreichend gute Kontext von Politik-Fiktion - so wie man von sciencefictz’on
Primärsphären gedeihen, von denen aus Übertragungen ins redet. Die Beviilkerungen von Nationalstaaten, wie wir sie
Weitere ohne Selbstverlustangst geschehen können: das wären heute kennen, sind nach dieser Beschreibung immer schon
188 Zur allgemeinen Poetik des Raums Weltall und Asyl 189
purepolitzcrtl-fiction-Einheiten. Der Hauptzweck moderner Po- mehr Böses als aus Bosheit - aber von diesem Effekt gibt es
litik besteht darin, eine schwindelerregende Zahl von Men- im Christentum wie in der traditionellen Linken eine hart-
schen unter einem gemeinsamen ethnisch-kulturellen Obdach näckige Fehlbeschreibung unter dem Begriff Gleichgültigkeit
zu beherbergen und ihnen ein Beschäftigungs- und Versor- oder Trägheit des Herzens. Man assoziiert die Ermüdbarkeit
gungsprogramm zu bieten. zu schnell mit Schuld, Und wenn in ihr nur Grenzen der Ge-
Moderne Nationen versteht man daher, glaube ich, am besten, sellschaft spürbar würden? Hier kommt ein scheinbar konser-
wenn man in ihnen politische Asyle sieht - und zwar, so para- vativer, in Wahrheit pragmatischer Interessenhorizont in Sicht.
dox es klingt, Einheimischenasyle. Ein Asyl ist ein Zufluchts- Es gibt gerade aus der Sicht des zu schützenden guten Lebens
ort, ein Schutzraum für Entwurzelte und Bedrohte. Heute sind ein Bewahrungsinteresse in bezug auf soziale Biotope, ein In-
es nicht allein die Flüchtlinge von außen, sondern fast genauso teresse, dem man helfen muß, sich in nicht-reaktionären und
die Einheimischen, die sich bedroht und virtuell entwurzelt nicht-repressiven Formen auszudrücken. Auch eine Kulturpo-
fühlen. Nationalasyle stützen die notwendige Illusion von Ver- litik der Linken muß dem Rechnung tragen, indem sie dem
ankerung, von territorialer Immunität, von solidarischer Ein- lokalen Impuls, dem sphärischen Bedürfnis zu nicht-reaktio-
bettung, und wo diese Asylfunktion versagt, bricht die Gewalt nären Genugtuungen verhilft. Wenn sie vor dieser sozial-
auf. Man soll nie mehr sagen, Asylantenpolitik sei eine Sparte ökologischen Aufgabe versagt, bleiben die Explosionen nicht
der Innenpolitik unter anderen, sie ist heute der Kern des Po- aus. Die Endlichkeit und die Offenheit gleichzeitig zu denken,
litischen überhaupt. Die traditionelle Unterscheidung von ein- darauf wird es ankommen.
heimischer Bevölkerung und Asylanten trifft die Verhältnisse
nicht mehr; es gibt nur noch Beziehungen zwischen Mehr-
heitsasylanten und Minderheitsasylanten.
Ich habe eben den Ausdruck »notwendige Illusion« verwen-
det. Er ist Teil eines Vokabulars, mit dem ein neuer Diskurs
über die Bedingungen des gelingenden Lebens in einer end-
lichen Welt geführt wird. Die Menschheit befindet sich heute
in einem ungeheuren Durchmischungs- und Mobilisierungs-
vorgang, der voller Risiken ist und der mit angetrieben wird
von sehr illusorischen Vorstellungen über die Verträglichkeit
und Vermischbarkeit von allem mit allem. Gegen solche Illu-
sionen erinnert die sphärologische Analyse an die Endlichkeit
von Lebenszeiten, die Enge von Orten und Aufmerksamkei-
ten, die Knappheit der moralischen Energien, an die Kostbar-
keit von gemeinsamen, motivierenden Erinnerungen - es ist
eine unverantwortliche Illusion, zu meinen, die Reserven der
Anteilnahme von Menschen an Menschen seien nicht er-
schöpfbar. Sie sind es nur allzusehr. Aus Müdigkeit geschieht
Von Kampfmoral und Mystik 301
VI Amphibische Anthropologie und den Kritikern als »Der Tanz mit dem Tod« berühmt wurde, das
informelles Denken sie selber aber den »Tanz um das Leben« nannte.
Auch meine zweite Geschichte handelt mittelbar vom Kampf
zwischen dem Weichen und dem Harten und unmittelbar von
Von Kampfmoral und Mystik einer schockhaften Desillusionierung. Diese Geschichte muß
vor allem deswegen einen Platz in unseren Wechselreden ha-
H.-J. H. Herr Sloterdijk, ich möchte zwei Geschichten an den ben, weil ich in früheren Gesprächen gelegentlich mit einem
Anfang unseres letzten Gesprächs stellen. Die eine ist fiktiv, Zug der Bewunderung vom zen-buddhistischen Geist, vom
die andere historisch, jede von beiden rührt an einige zentrale »Anfangergeist«, gesprochen habe. Wie jede Idealisierung war-
Aspekte unserer bisherigen Überlegungen und ist doch viel- tet wohl auch diese nur darauf, entzaubert zu werden: 1997
leicht auch schon geeignet, eine Fährte ins Kommende zu erschien im englischen Original und 1999 in deutscher Überset-
legen. zung eine Analyse des Verhältnisses von Zen, Nationali.mu.r ztnd
Die erste Geschichte hat Ivo Andric unter dem Titel Anka md Krieg, einer wahrhaft unheimlichen Allianz. Der Autor, Brian
der Walferzählt. Ich resümiere: Aska, ein Lamm, ist seit jeher Daizen A. Victoria, selbst Zen-Priester in Neuseeland, hat aus
ein wenig anders als die anderen Lämmer, obendrein möchte unzähligen Dokumenten die Geschichte einer fatalen Verstrik-
es in die Ballettschule gehen. Eines Tages verliert sich dieses kung rekonstruiert, die für Zen-Liebhaber ans Unvorstellbare
unschuldige Geschöpf im Wald, und genau wie die Eltern be- grenzt. Mit einem Mal müssen wir zur Kenntnis nehmen, zu
fürchtet haben, wird es von einem Wolf überrascht. Obgleich welchen perversen Allianzen es zwischen Meditationskultur
Aska in Todesangst gerät, bewahrt sie äußerlich die Ruhe und und Imperialismus kommen konnte. Ich führe nur einige we-
beginnt vorzuführen, was sie in der Ballettschule gelernt hat. nige Zitate an: Der hochgepriesene Zen-Meister Harada So-
Ihr Tanz, berichtet der Erzähler, sei ein wahres Wunder gewe- gaku schrieb 1939: »Wenn befohlen wird zu marschieren:
sen und habe ein zusätzliches Wunder hervorgerufen; der Wolf marsch, marsch; wenn befohlen wird zu schießen: peng, peng.
läßt sich von der Anmut des Lamms verzaubern. »Die kleine Dies ist die Manifestation der höchsten Weisheit der Erleuch-
Aska fühlte hundert Leben in sich und nützte die Kraft dieser tung.« Von dem Zen-Meister Hakuun Yasutani sind die Worte
hundert Leben dazu aus, ihr einziges Leben, das sie schon ver- überliefert: »Alle Maschinen werden mit Schrauben zusam-
loren wußte, zu verlängern. Wir wissen nicht, wieviel Kraft und mengebaut, die Rechtsgewinde haben. Rechtsgerichtetheit
wie viele Möglichkeiten jedes Lebewesen in sich trägt. Wir zeigt an, daß etwas entsteht, während Linksgerichtetheit Zer-
ahnen nicht einmal, was wir alles können, wir sind da und ver- störung anzeigt.« Und von dem sanften, weisen Daisetzu T.
gehen, ohne zu erfahren, was wir alles hätten sein können und Suzuki - für den Westen der würdige Repräsentant des Zen
was wir hätten tun können. Nur in großen und außerordent- schlechthin- stammen Äußerungen wie: »Die Religion sollte zu
lichen Augenblicken entdeckt man dieses Geheimnis, und ein allererst versuchen, die Existenz des Staates zu erhalten.«
solcher Augenblick war es, in dem Aska um ihr verlorenes Rudolf Hess äußerte: »Auch wir kämpfen, um den Individua-
Leben tanzte.« Aber es kommt, wie es kommen muß, die Men- lismus zu vernichten. Wir kämpfen für ein neues Deutschland,
schen aus dem Dorf eilen herbei und töten den Wolf, der sich das auf der neuen Idee des Totalitarismus aufgebaut ist. In
doch schon verwandelt hatte. Aska erfand ihr Ballett, das bei Japan ist diese Art zu denken für das Volk völlig natürlich.«
306 Amphibische Anthropologie und informelles Denken Von Kampfmoral und Mystik 307

Und Hitler: »Wir haben eben überhaupt das Unglück, eine Erfindzmg des I/ol,&es- das ist nicht eben das, was Liebhaber der
falsche Religion zu besitzen. Warum haben wir nicht die der Lehre von den substantiellen Völkern gerne hören. Aber diese
Japaner, die das Opfer für das Vaterland als das Höchste an- kalte Analyse ist nach allem, was wir mit politischen Enthusi-
sieht?« asmen und ethnischen Idealismen erlebt haben, unentbehr-
Daraus ergibt sich eine aus meiner Sicht selbstkritische Frage lich. Im übrigen liegt hier einer der Gründe für meine Reserven
zu Beginn dieses Gesprächs: Müssen wir nicht auch die von gegenüber der jüngeren Kritischen Theorie, die in meinen
uns ins Spiel gebrachten »sanften« Begriffe etwas vorsichtiger Augen nichts anderes ist als eine Form von Neo-Idealismus.
betrachten? Wo sind denn die Ecken am Runden? Haben wir Jahrhunderte gebraucht, um den objektiven Idealis-
P. S. Die Sphären hören auf, rund zu sein, wenn sie platzen. mus der Alten und den subjektiven Idealismus der Modernen
Und sie platzen unaufhörlich, das haben wir seit dem Beginn zu überwinden, nur um uns einem intersubjektiven Idealismus
unserer Gespräche herausgestellt. Ich sollte vielleicht noch in die Arme zu werfen? Man bedankt sich höflich.
einmal sagen, daß die Sphärologie, wie ich sie verstehe, eine Der Fall Japans liegt natürlich anders. Um seine Besonderheit
kühle Theorieform ist. Sie setzt eine starke Beobachterposition zu verstehen, ist zu bedenken, daß dort noch im ersten Drittel
gegenüber den Lebensprozessen voraus. Man kann sie nur des 20. Jahrhunderts relativ intakte spätmittelalterliche Tradi-
betreiben, wenn man den Standpunkt des Außen oder der tionen bestanden, die nun allzu direkt mit der Moderne zu-
Nichtzugehörigkeit erreicht hat. Doch das bedeutet nicht, daß sammenprallen mußten. Ich erlaube mir anzumerken, daß die
man dort stehenbleiben darf Bestimmte Sphären regenerieren Äußerungen von Meister Peng peng in der Kontinuität des me-
sich nach ihrer Zerstörung und gewinnen an Volumen. Davon taphysischen Integrismus zu lesen sind. So zynisch und absurd
muß die Rede sein, die Regeneration und das Wachstum der sie klingen: sie sind in der holistischenTradition verankert, ob-
Sphären ist der Vorgang, der mehr zu denken gibt als die schon es vielen gegenwärtigen Interessenten solcher Lehren
Vernichtung. Sphärentheorie ist also keine neue Spielart von schwerfallen wird, sich mit diesem Befund anzufreunden, Es
Idealismus. Ich habe nichts im Sinn mit neo-holistischen oder ist eine Linie, die im Westen als praktische Mystik, in Indien als
neo-totalistischen Denkformen, wie sie für manche Revivals Karma-Yoga, in Japan als Weg des Kämpfers bekannt ist-hier
der klassischen Metaphysik und ihre neureligiösen Travestien wie dort hat man es mit Schulen der Verwirklichung durch
charakteristisch sind. Die Pointe der Sphärologie liegt darin, die Tat zu tun. Die Kenner der westlichen Tradition erinnern
das Phänomen der gemeinsamen Animationen in nicht-ideali- sich an Meister Eckbarts berüchtigte Predigt über Martha und
stischen Begriffen neu zu untersuchen. Es geht ihr darum, Maria, in der mit einem Mal die vita aha spirituell den Vor-
nicht-begeistert von Begeisterungen zu reden. Wie das klingen zug vor dem kontemplativen Leben erhält, obwohl der evange-
könnte, läßt sich vielleicht an meinen beiden politischen Reden lische Text das Gegenteil sagt. Die Predigt Eckbarts ist ein
tirsprecben atif Detitscb, von 1370, und Der starke Grund, xtisam- Meisterstück hermeneutischer Skrupellosigkeit. Aus ihr kann
men xti sein, von 1398, beobachten, zumal an der letzten, in der man lernen, wie leicht es Kirchenmännern fällt, den Schrift-
ich nationale Vereinigungsphantasmen einer sehr kalten Ana- sinn auf den Kopf zu stellen, wenn der Zusammenhang es
lyse unterziehe. Ich beschreibe dort die modernen politischen fordert. Und dieser Zusammenhang ist eindeutig: Religionsso-
Kommunen als medientechnisch hervorgerufene selbststres- ziologisch gesehen handelt es sich bei solchen kühnen, sinn-
sierende Fiktionen - daher der Untertitel Erinnermgen an die verdrehenden Exegesen um Anpassungen von Mönchs- und
308 Amphibische Anthropologie und informelles Denken Von Kampfmoral und Mystik 309
Priesterethiken an die Bedürfnisse von Stadt- und Weltmen- primären Dokumenten der indischen Tradition gehört die Bba-
schen. Es wäre doch naiv anzunehmen, daß die Machteliten in gavad Gita, das am weitesten verbreitete der vier philosophi-
traditionalen Gesellschaften bereit gewesen wären, auf die me- schen Lehrgedichte, die in das heroische Epos Mahabharata
taphysische Überhöhung ihres wa_y of Izz$ zu verzichten, Im eingeschoben sind, und von dem es, manchen indischen Ge-
Westen kennen wir das durch die Existenzstilisierungen des lehrten zufolge, mehr Kommentare und Interpretationen gibt
christlichen Rittertums und durch die Allianzen zwischen als vom Neuen Testament. Liest man den Text auf der buch-
Thron und Altar, sprich Kriegertum und Priestertum. Was wir stäblichen Ebene, so führt er die Kriegerethik in reinster Form
aus dem Mund von Zen-Meistern des 20. Jahrhunderts hören, vor - durch einen enormen mystischen Mehrwert angerei-
zeigt analog dazu das Bündnis von Staat und Meditationshalle chert. In dem Gedicht wird der Nachweis erbracht, daß das
auf Heil nirgendwo anders liegt als im Durchhalten einer Linie
Um allgemeiner zu sprechen: Man muß sich vor der Versu- kriegerisch-praktischer Tugend. Als erleuchtet soll gelten, wer
chung hüten, eine simple Gleichungsetzung von Spiritualität noch in der menschlich unmöglichsten Situation seine Krie-
und pazifistischer Abstinenz vorzunehmen. Es ist nicht wahr, gerpflicht erfüllt, selbst wenn dabei Verwandte durch eigene
historisch nicht und psychologisch nicht, daß jeder, der einen Hand getötet werden. Man muß sich nur die Lage des Helden
Vorbehalt gegen die groben Wege der Weltkinder ausdrucken Arjuna auf dem Schlachtfeld vergegenwärtigen: Im Blick auf
wollte, geradewegs ins Kloster gehen mußte - oder an andere die zahllosen männlichen Verwandten, all die Onkel und
Orte, an denen sich der spirituelle Weltvorbehalt leben ließ. Schwäger auf der gegnerischen Seite, verläßt den Protagoni-
Man weiß, daß es neben dem Kloster auch den Wald, die Wüste, sten sein Kampfgeist, er meint, es sei für ihn besser, tot zu sein,
das Gebirge als Räume des Rückzugs aus der gesellschaftlichen als in Gestalt der Verwandten sein eigenes Blut anzugreifen.
Gewalt gegeben hat, im Westen wie im Osten. Thomas Macho Nun zeigt sich, wie die meditative Betrachtung in die Sinnkrise
hat in seinen Studien zur Geschichte der von ihm so genann- eingreift und die kriegerischen Kräfte wieder aufrichtet. Aus
ten »Einsamkeitstechniken« die Topographie der Rückzugs- der Sicht der Gita wären gerade die spirituell scheinbar wert-
räume kulturkomparatistisch rekonstruiert. An solchen Orten volleren Handlungen, der Verzicht auf den Kampf, die Selbst-
opfern die Individuen ihren unmittelbaren Lebenskomfort, entwaffnung des Kriegers, das Absteigen vom Streitwagen, der
einschließlich der Sexualität, und hängen ihre innerweltlichen Austritt aus der Kausalordnung des Gewalthandelns, für den
Narzißmen aus - gegen das Privileg, sich mit ihrer spirituellen Täter verhängnisvoll. Sie wurden zum Verlust der Ehre führen
Vervollkommnung beschäftigen zu dürfen. Sie praktizieren da- und dadurch eine karrnische Katastrophe für den Nicht-Täter
bei meistens eine Art von »schriftgestützter Einsamkeit«, wie bewirken.
die Mediologen sagen. Aber es liegt auf der Hand, daß der H.-J. H. In der Bbaguvad Gita wird also eine Pflichtmystik ent-
Bruch mit der Welt durch die vita contemplativa nur eine Hälfte wickelt, die sich in dem Gebot zusammenfaßt: TU unter allen
des spirituellen Komplexes ausmacht. Die andere Hälfte ent- Umständen, was du sollst! Nach dem äußeren Erfolg des Han-
fällt auf Versuche, spirituelle Verklärungen - um protestantisch delns frage nicht!
zu reden: Rechtfertigungen - für ihre Aktion in der Welt zu P. S. Das klingt für unsere Ohren nach kategorischem Impera-
finden. tiv und Preußens Gloria, doch stammt es aus völlig anderen
Das stärkste Beispiel hierfür ist auch das bekannteste: Zu den Quellen. Es gibt in der indischenTradition eine Linie von Weis-
310 Amphibische Anthropologie und informelles Denken Von Kampfmoral und Mystik 311
heitslehren, die unverblümt die Verträglichkeit zwischen Spiri- lotria aufzugeben und sich fürs wahre Ganze zu verzehren. Die
tualität und kriegerischer Aktion verkünden. Sri Aurobindo Substanz ist alles, die Reflexionen sind nichts. Im Buddhismus
hat diese Auffassung in die Tradition des Yoga des Handelns ist die Opposition umgekehrt gewichtet. Wer hier die Wahrheit
eingeordnet, andere Autoren sprechen von bbakti-marga, dem wählt, muß sich für das Nichts entscheiden und die Anhaf-
Pfad der tätigen Hingabe. Solche Praxis-Ideen siedeln sich tung an den Scheingebilden des Seins fallenlassen. Auch hier
auf einer Ebene an, die ich als den mystischen Integrismus ist unbedingte Preisgabe der nichtigen, bloß vorgestellten
bezeichne. Wollte man es boshaft formulieren, wäre zu sagen, Selbstheit der Preis, den man für spirituelle Vervollkommnung
daß Mystik hier zu einem Teil der psychologischen Kriegfüh- zu zahlen hat. In beiden Fällen erhält der eine Wahrheitswert
rung, um nicht zu sagen zu einer Waffengattung, geworden ist. unbedingte Priorität, während der andere der Nichtigkeit ver-
Wer es gelernt hat, an die metaphysische Identität von Täter fällt - weswegen man vorgeblich nicht wirklich etwas opfert,
und Opfer zu glauben, darf vielleicht auch annehmen, daß der wenn man das Einzelne, Okkasionelle, Wesenlose, Reflexive
Feindetöter in der gerechten Schlacht nur auf der Oberfläche preisgibt. Einheit ist,Vielheit ist nicht; Ganzheit ist, Einzelheit
tötet, während das unzerstörbare, allgemeinsame Selbst in der ist nicht; Wesen ist, Unwesen ist nicht. Substanz ist, Akzidenz
Tiefe überdauert. ist nicht. Im zweiwertigen Denkraum wird also immer eine
Vergleichbares findet man in der westlichen Tradition, insbe- Seite der Unterscheidung ontologisch irrealisiert, und das muß
sondere in bestimmten Formen des religiösen Militarismus - zu unsanften Verwicklungen führen.
das fängt beim miles christiangx an und geht über die Kreuzfah- Man kann sich vorstellen, was geschieht, wenn diese radikalen
rer vor Jerusalem und die Cromwellschen Puritanertruppen bis Simplifikationen direkt auf das Leben, auf das Empfindliche,
zur Jugend von Langemarck und den panzersegnenden Popen das Überkomplexe angewendet werden. Der Sinn für Meta-
im letzten Krieg um Serbien. Wir wissen, daß auch der Islam physik ist eigentlich nur der Sinn für gelebte Abstraktionen. Er
den heiligen Krieger kennt, sogar den heiligen Mörder, man ist das Ernstmachen mit der zweiwertigen Logik inverbindung
denkt an die Drogensekte der Assassinen, von denen die Fran- mit dem einwertigen Seinsgedanken. Kierkegaard hat völlig
zosen ihr Wort für den Mörder, assassin, herleiten. Wir haben es zu recht bemerkt, daß im Kern der christlichen Botschaft eine
in allen Fällen mit Vertretern von opferholistischen Kampfmo- Art Grausamkeit ohnegleichen am Werk ist - eine unermeß-
ralen zu tun, die praktisch immer von substanzmetaphysischen liche Überforderung des Menschen durch das Absolute, gegen
Denkformen unterfüttert werden. Sie sind das präzise Gegen- welches wir immer und grenzenlos unrecht haben. Ohne eine
teil von sanftem Denken. mächtige primärmasochistische Disposition ist solches Ernst-
Mit einem Blick auf die Baupläne traditioneller Metaphysiken machen mit der Hingabe an die Wahrheit kaum möglich - und
läßt sich diese unsanfte Logik näher erläutern. Unter den Vor- die Ergebnisse sprechen für sich. Die Verbindung von Zwei-
..
aussetzungen des gewöhnlichen zweiwertigen Denkens muß wertigkeit und Ernstfallgesinnung ist das Ubelste, was in
sich der Mensch entscheiden, ob er den Weg der Wahrheit oder Hochkulturen passieren kann, und es passiert doch mit syste-
den des Scheins gehen möchte. Wenn er den Weg der Wahrheit mischer Notwendigkeit, weil alle Kulturen bisher auf die
wählt, muß er sich für das eine Sein entscheiden und das Nicht- Ernstfall-Ethik geeicht waren - ein Gedanke, dem Bazon
Sein fallenlassen - das entspricht der westlichen Option. Nun Brock und Heiner Mühlmann in ihren jüngeren Arbeiten
hat man das Unwesentliche für das Wesentliche zu opfern, Al- Schärfe gegeben haben, Wenn es also ernst wird, geht das Den-
312 Amphibische Anthropologie und informelles Denken Von Kampfmoral und Mystik 311
ken von sich aus ins Weglassen über. Das Weglassen des Überdeutlichkeit in einem Brief an Lou Salome ausgedrückt:
Scheinhaften, Unwesentlichen, bloß Reflexiven und Negati- »Heroismus ist der gute Wille zum absoluten Selbst-Unter-
ven ist die ontologische Matrix des Opfers. Die allgemeine gange.« Wenn die nötigen Prämissen beisammen sind, springt
Pointe liegt darin, daß es das eigene Ich ist, das weggelassen der Funke vom Kloster in die Burg über oder von der Medita-
werden muß, denn es steht immer auf der wesenlosen Seite. In tionshalle in die Waffenhalle und in den Hangar, wo die Kami-
der asymmetrisch interpretierten Zweiwertigkeit muß immer kaze-Maschinen warten.
die eine Seite für die andere die Zeche zahlen, entweder das Wo die Japaner ihr Soldaten-Zen hatten, da hatten wir in Eu-
Nichts für das Sein oder das Sein für das Nichts, das Subjekt ropa und im Westen den Kreuzzug, einen opfermystischen
für die Substanz oder die Substanz für das Subjekt. Das Ost Aktionstypus, den man unterschätzen wurde, hielte man ihn
und West übergreifende Merkmal ist der Opferholismus, für eine erloschene mittelalterliche Idee. Als General Eisen-
sprich die spirituelle Regel, daß sich das wesenlose Einzelne hower nach dem Zweiten Weltkrieg seine Memoiren unter dem
für das wesentliche Ganze freudig vernichten lassen soll. Den Titel Crtisade in Ewope publizierte, war das in keiner Weise me-
substanzmonistischen Systemen gilt als selbstverständlich, taphorisch gemeint. Dennoch darf man nicht vergessen, daß
daß das Individuelle und Subjektive nur eine illusorische Ab- es sich um verschleppte feudalontologische Denkformen han-
spaltung vom einzig wahrhaft seienden Einen und Ganzen delt, die vor allem in Gesellschaften mit großen Modernisie-
darstellt und Erkenntnis oder Erleuchtung darum ipsofdcto zur rungsrückständen wie Deutschland und Japan eine Nachkon-
Aufhebung des subjektiven Scheins führt. Hierdurch ist diese junktur erleben konnten. Allgemein wird die Wiederkehr der
Metaphysik nichts anderes als eine Schule der Gewaltbereit- Aktionsmystik dadurch erleichtert, daß alle Staaten im Krieg
schaft gegenüber sich selbst - und gegenüber Nichtigkeiten heroische und opferholistische Sprachen gebrauchen. Im
gleichen Ranges, zum Beispiel unerleuchteten Mitmenschen. Krieg schlägt die Stunde der Wahrheit für die philosophiaperen-
Erkennen heißt in diesem Kontext: in die wahre Substanz ein- f2i.L
gehen oder vom vorgeblich Eigenen leer werden um des Einen Kurzum, wenn Brian Victoria lokale Liaisonen zwischen Bud-
willen. Die Neoplatoniker sprechen von der henosis, Einswer- dhismus und Nationalismus aufdeckt, so ist das ein Kapitel
dung, während die lateinischen Väter von der unio reden. In der nachholender Religionskritik an einem von Europäern oft
alten Ontologie besitzt, wenn man sich’s recht überlegt, durch- idealisierten Fernen Osten. Es gibt ähnliche jüngere Aufklä-
weg der Satz Geltung: secwzdm non datw. Schon das Zweite ist rungsunternehmen für die dunkle Seite des tibetischen La-
nicht gegeben, schon die Welt als Anblick ist angesichts des maismus und andere theokratische Systeme. Wir erinnern uns
Absoluten nur ein Schein, und erst recht ist das Subjekt oder daran, daß vor nicht langer Zeit grauenvolle Morde im indi-
der Reflexionsprozeß gegenüber der einen Substanz nur ein schen Sitz des Dalai Lama verübt worden sind - es wurden
Nichts, eine pseudoreale Trübung, die man aufklären und weg- Mönche von Angehörigen einer rivalisierenden tibetisch-bud-
schaffen soll. Darum ist diese Logik des mystischen Selbstop- dhistischen Sekte lebend gehäutet. Man findet da den Stoff zu
fers oder des Sterbens um der all-einen Wahrheit willen in den Schauerromanen jenseits der Vorstellungskraft von Liebha-
alten Weisheitstraditionen so tief verankert. Man sollte nicht bern östlicher Spiritualität. Die schärfsten Abrechnungen mit
überrascht sein, wenn sie hier und da mit offen kriegerischen solchen schockierenden Phänomenen stammen aus der Feder
Konnotationen auftritt. Nietzsche hat das mit seinemTalent zu von enttäuschten Idealisten, die sich von den überkritisierten
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Formen der westlichen Religion, insbesondere Judentum und den Vorzug vor dem Wert der Identität und lassen den Unter-
Christentum, einem unterkritisierten Osten zugewendet hat- schied, das Einzelne und das Nichts real sein. Damit ist der
ten. Sie erleben manchmal ein Erwachen, das nicht in allem der Rückführung des Einzelnen in die eine Substanz ein Riegel
Erleuchtung gleichkommt. vorgeschoben, der lokal-monistische Moloch wird nicht länger
Die Denkaufgabe besteht aber in etwas viel Umfassenderem - gefüttert.
in der Notwendigkeit, die opferholistische Denkform als sol- Im übrigen ist die Parallele zwischen dem Imperialismus des
che aufzuheben, und mit ihr das gesamte Paradigma der zwei- kaiserlichen Japan und dem europäischen Faschismus trüge-
wertigen Weltauslegungen. Von diesen stammt unser Erbe an risch, man merkt es an dem maulenden Zungenschlag der
Paranoia, von der wiederum der militante Ernst abhängt und Herren Hess und Hitler, Bei letzteren hat es sich von Anfang
dessen ganzes Gefolge an Auslöschungsbereitschaft nach in- an um einen Gangster-Holismus und eine reaktionäre Reichs-
nen und außen, Was klinisch Paranoia heißt, ist bewußtseins- Bastelei gehandelt, Hess spricht nicht ganz zu unrecht vom
theoretisch die Folge aus dem allzu engen Sichanketten von Totalitarismus als einer neuen Idee - denn die faschistoide Ver-
Kultursubjekten an ihre Weltbilder, ihre Gemeinschaften und bindung des traditionellen Holismus mit dem modernen Kon-
ihre Moralen - Luhmann würde von Identifikation mit Weltbe- zept der totalen Mobilmachung ist etwas, wofür es in der
schreibungen erster Ordnung sprechen. Die überfällige Ab- Geschichte der politischen Ideen kein Beispiel gibt. Es handelt
kehr von den Opfersystemen gelingt nur dann, wenn man die sich um eine Improvisation von Emporkömmlingen, die sich
Kampfmetaphysik und den Militärholismus, allgemeiner: den ideell ein wenig Substanz anschaffen wollten. Hitler, Hess und
politischen Holismus der historischen Gruppen außer Kraft Co. waren Aufsteiger und Verbrecher, die sich für eine mit den
setzt, ohne in die individualistische und nihilistische Falle zu Methoden von Arrivisten kompatible Weltanschauung interes-
laufen - das ist die Wette der zeitgenössischen Philosophie, wo sierten - es ist ein wenig unheimlich, wie sie dabei nach Osten
sie auf der Höhe der Probleme denkt. Natürlich ist das auch schielten, als könnte man von dort Ideen importieren, die ge-
das Engagement des Sph&a-Projekts. Unser Ernstfall besteht eignet wären, westliche Freiheitstraditionen zu unterhöhlen!
darin, daß wir den Ernstfall der Zweiwertigkeit, die tötet, un- Im Osten selbst stellte sich die Lage ganz anders dar. Viele
terwandern. Jedes Weltalter hat eine Idee von dem, was ihm als Anhänger des »kaiserlichen Weges« in Japan waren noch tragi-
das Ernsteste gelten soll - und für uns ist die Überwindung der sche Holisten alten Schlages. Für sie existierte jenes Ganze
Feindlogik der Gedanke, ernster als welcher nichts gedacht noch in einer scheinbar substantiellen Form, zu dessen Gun-
werden kann. Der Feind ist die eigene Zweiwertigkeit als Ge- sten sich der einzelne in Übereinstimmung mit dem heroi-
stalt. schen Codex opfern sollte. Zumindest war das der persönliche
Was den allgemeinen Teil der Korrektur am altmetaphysischen Glaube vieler Kämpfer. Sie wurden von ihrer überholten histo-
Modell angeht, so sind sich die meisten Modernen darin einig, rischen Situation zum Narren gehalten. Ich erinnere daran, daß
daß bei uns das secwzdzm dattirontologisch und das tertizlm dattir Ivan Morris in seinem Buch Adel des Scheiterns die Kamikaze-
logisch gelten soll - also lassen wir nicht nur das Sein zu, son- Piloten von 1944-45 in eine Tradition des vornehmen Unter-
dern auch das Nichts. Sein ist, und Nichts ist. Neben Ja und gangs eingeordnet hat, die bis ins frühe japanische Mittelalter
Nein gibt es nun auch auf der theoretischen Ebene immer eine zurückreicht. In psychoanalytischer Sicht möchte man sagen,
dritte Option. Wir geben dadurch der Realität der Differenz daß es in allen Feudalsystemen darum ging, primärmasochi-
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stische Energien durch eine grandiose Codierung in die Kul- aufgrund der neuen Sinnverhältnisse implodiert. Das macht
tur zu integrieren. Alle hochgetriebenen Dienstgedanken zeh- die Situation für die Nachgeborenen sehr viel einfacher, denn
ren von dieser Umwandlung. Bis 194j schien für die östlichen die Versuchung durch den erhaltenen Holismus der Imperien
Kämpfer, wenigstens für einen Teil von ihnen, die Hingabe an und den National-Holismus der Staaten ist bei uns praktisch
das Ganze als eine intakte Geste möglich zu sein. Man muß in wirkungslos geworden. Das Ganze, an das sich die neueren
Rechnung stellen, daß es für traditionalistische Japaner damals Holisten halten können, ist nicht mehr national und imperial
undenkbar war, im eigenen Staat eine Verbrechensagentur zu codiert, sondern global, planetarisch, menschheitsweit. Noch
vermuten, denn die Gehorsamskultur des Ostens war noch um nie war es so leicht, Universalist zu sein. Es ist eine Neben-
vieles dichter als die europäische, die immerhin schon tiefe wirkung des globalisierten Kapitalismus, daß nun auch die
Risse zeigte. Wir hatten spätestens seit dem Aufkommen des Spiritualität wie von selbst transpatriotisch, postnational und
Liberalismus und des Anarchismus im 19. Jahrhundert An- postimperial auftritt.
sätze zu einer autoritätskritischen Gegenkultur. Rückwirkend H.-J. H. Wir sind offenbar wieder mitten im Versuch, den hi-
wird die Tragödie von der Farce unterhöhlt: nun erscheint die storischen Ort zu bestimmen, an dem das sphärologische
opferholistische Maschinerie vollends monströs und uner- Denken einsetzt. Man spricht heute viel von der nach-meta-
träglich - viel später wurde auch bekannt, daß man bei den physischen Situation, aber die Charakterisierung der neuen
Tausenden von freiwilligen Helden, die sich mit ihren Bomben Denkbedingungen ist, wie wir im Gang unserer Gespräche im-
auf die amerikanischen Schiffe stürzen sollten, oft mit nicht mer wieder bemerken, nicht so einfach zu leisten, wie man in
ganz vornehmen Methoden nachgeholfen hatte, mit Alkohol, den politisch korrekten Kreisen meint.
mit Drohungen, mit einschüchternder Überredung, mit Ab- Ich möchte unsere Überlegungen nun eher in eine kosmologi-
schiedskitsch und ergriffen winkenden Mädchen. Dennoch sehe oder kosmogonische Perspektive lenken. Der Ausdruck
scheint es eine beträchtliche Zahl von authentischen Roman- »Kosmogonie« zielt mehr auf das mythische Reden über das
tikern gegeben zu haben, die sich dem edlen Sport des Todes kosmische Ganze und seine Ursprünge, »Kosmologie« hin-
verschrieben hatten. Man weiß nicht recht, was man über gegen mehr auf naturwissenschaftliche Welterklärungen. Für
einen Mann denken soll wie jenen xjährigen Piloten von der den Augenblick genügt vielleicht der Hinweis, daß das Eine
Kampfstaffel Sieben Leben, der, als er im Februar 1945 um- der Philosophie, des Mythos und der Naturwissenschaften
kam, ein Haiku hinterließ: »Könnten wir fallen/Wie Kirsch- letztlich nicht so weit auseinanderliegen.
blüten im Frühling /So rein und strahlend!« Die bemannten Wir finden in den neuen Kosmologien Begriffe oder, richtiger:
Bomben wurden Kirschblüten genannt, und ihre Piloten wa- Bilder und Metaphern, die wir von der Mythologie und der
ren dazu erzogen worden, sich dafür zu bedanken, daß sie für Literatur her seit langem kennen. Ich greife einige dieser Meta-
ihre Selbstmordeinsätze ausgewählt worden waren, Sollte man phern aus der neuen Kosmologie heraus: die Vorstellung vom
einem solchen jungen Mann vielleicht einen Nachruf widmen, Kosmos als einem Wellenmeer, in dem sich jede Bewegung,
der in einem Nietzsche nachempfundenen Ausspruch Hannah jede Veränderung wie durch »verbindende Muster« im gesam-
Arendts besteht: »Keiner hat das Recht zu gehorchen«? ten Wirkungsfeld fortpflanzt; man könnte von einem »kos-
Die albtraumartigen Aufblähungen des politischen Holismus mologischen Ozean« sprechen. Es ist ferner die Rede von
sind im gesamten Wes ten -und wohl auch in Japan -nach 194> kosmischen »Zyklen«, von einem pulsierenden Universum; die
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von uns beobachtete Welt taucht gleichsam in periodischen bespaare, der geteilte Raum der primitiven Gruppen und der
Abständen aus einem Meer von energetischen Strömen auf imaginierten Gemeinschaften. Deswegen beschränken sich die
und versinkt wieder darin. Berührungspunkte der sphärologischen Raumanalyse mit den
Es fällt nicht schwer, von hier aus den Bogen zu schlagen zu Kosmologien der Naturwissenschaft auf ganz wenige Mo-
der altindischen Vorstellung von Prana und Akasha im Raja- mente. Gemeinsamkeiten zwischen der zeitgenössischen Phy-
Yoga oder der alten chinesischen Vorstellung von CPi, der sik und der Sphärologie setzen erst dort wieder ein, wo die
Ureinheit, oder vom Tau, über das es bei Lao Tse heißt: »Bevor Naturwissenschaften ihrerseits an die Grenzen gehen und
Himmel und Erde entstanden, war da ein unbestimmbares sich in exoterisehe, psychologisch relevante Bilder übersetzen,
Etwas - ganz ruhig und ganz leer. Es steht allein für sich - Dann können die symbiotischen, symbolischen und surrealen
unveränderlich; und unermüdlich wirkt es überall. Man mag Raumstrukturen, die ich in meiner Interpersonal-Kosmologie
es für die Mutter von allem halten, was unter dem Himmel ist. oder dyadischen Raumtheorie beschreibe, mit Grenzaussagen
Ich kenne seinen Namen nicht, aber man soll es 2äo nennen.« der physikalischen Kosmologie in Zusammenhang gebracht
Und in den Mtindaka Upanzibaden heißt es von Brahman, der werden. Aber wie Sie selber sagen, geschieht das dadurch, daß
»Mutter aller Dinge«, dem Urgrund des Universums: »Brah- die moderne Naturwissenschaft in Popularisierungen Meta-
man dehnt sich aus; aus ihm ist die Materie hervorgegan- phern benutzt, die an die Sprachen des bewohnten, erlebten
gen, und aus der Materie das Leben, der Geist, die Wahrheit und animierten Raums anschließen.
und die Unsterblichkeit.« Ervin Laszlo kommentiert dies so: Völlig anders stellt sich die Sache unter einem historischen
»Die wahrgenommene Welt ist eine natürliche und spontane Blickwinkel dar: In dem Globen-Buch zeige ich, daß auch die
Emanation aus dieser unveränderlichen und unvergänglichen klassische Kosmologie oder Kosmo-Ontologie nur eine rie-
Sphäre.« sige Ausweitung des Eigenraum-Gedankens war, oder wie wir
Der Sphärenbegriff taucht somit auch in der zeitgenössischen früher gesagt haben, ein Nabel-Extensionsweltbild. Die alte
kosmogonischen Spekulation auf Das berechtigt mich zu der Kosmologie ist also im Grunde ein metaphorisches Immunsy-
Überlegung, ob sich nicht der Bogen spannen läßt vom mo- stem, eine Inflation der symbolischen und lebensweltlichen
dernen physikalischen Bild des »kosmologischen Meeres« zur Sphäre, ein Exzeß der Häuslichkeit im Großen und Größten.
Kosmos-Sphäre der alteuropäischen Kosmologie, die Sie in Hier galt die heilige Allianz zwischen Theologie und Kosmo-
Sphären 11 in Erinnerung rufen. logie, zwischen Selbstaussage und Weltbeschreibung: die eige-
P.S. Ich muß zunächst dagegenhalten, daß in meinen Ent- nen Götter mußten in diesen Systemen natürlich immer auch
würfen naturwissenschaftliche Ausdrücke eine untergeordnete die Prinzipien des Universums sein. Eben mit dieser Denk-
Rolle spielen. Das liegt daran, daß der Sphärenbegriff, wie ich weise hat die Moderne gebrochen, um freie Bahn zu schaffen
ihn verwende, durch den Ausgang bei der Prä-personalen dya- für ihre operativen Revolutionen. Darum sind die Theologen
dischen Grunderfahrung geprägt ist. Er akzentuiert die quasi der Gegenwart, ob jüdisch, protestantisch oder katholisch, in
surrealen Raumschöpfungen zwischen Menschen. Ich interes- kosmologischen Angelegenheiten kleinlaut geworden, bis hin
siere mich nicht so sehr für den Raum der Physiker - solange er zur völligen Abstinenz von Aussagen über die Natur. Sie inter-
konventionell gedacht wird. Was mich angeht, ist der Raum der pretieren nur noch einen Gott der Kommunikationen. Das ist,
Surrealisten und der Symbolisten, der Raum der Haß- und Lie- gemessen an der Tradition, ein Halbatheismus, das heißt ein