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2020 Coronavirus in NRW: Hunderte in Quarantäne, Einkäufe vor Haustür abstellen - WELT

PANORAMA CORONAVIRUS IN DEUTSCHLAND

Freunde und Verwandte sollen Lebensmittel vor Haustür


abstellen – Hunderte in NRW in Quarantäne
Stand: 16:39 Uhr | Lesedauer: 13 Minuten

In Deutschland haben sich seit Dienstag elf Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Ein
infiziertes Ehepaar hatte eine „unendliche Vielzahl von Kontakten“. Mehrere Hundert
Menschen stehen nun unter häuslicher Quarantäne.

D as Coronavirus breitet sich in Deutschland weiter aus: In Rheinland-Pfalz, Baden-


Württemberg und Nordrhein-Westfalen sind insgesamt zehn Menschen positiv auf
das Virus getestet worden. Vor dem Hintergrund der neuen Fälle sei „fraglich“, ob die
bisherige Strategie der Behörden aufgehe – also das Virus einzugrenzen und die
Infektionsketten zu unterbrechen, sagte Gesundheitsminister Jens Spahn. Es habe sich
gezeigt, dass die „Infektionsketten teilweise nicht nachvollziehbar sind“, so Spahn. „Das ist
die neue Qualität.“ Er fügte hinzu: „Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Epidemie an
Deutschland vorbeigeht, wird sich nicht ergeben.“

Die Bundesregierung hat einen Krisenstab gebildet. Es gehe vor allem darum, die
Infektionsketten in und nach Deutschland zu unterbrechen, sagte Bundesinnenminister
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Horst Seehofer.

Wer sind die Patienten, und wie geht es ihnen?

Der Zustand des ersten Coronavirus-Patienten in Nordrhein-Westfalen ist weiter kritisch.


Am Montag war der 47-Jährige mit Symptomen einer schweren Lungenentzündung in einem
Krankenhaus in Erkelenz im Kreis Heinsberg bei Aachen aufgenommen und auf der
Intensivstation isoliert worden. In der Nacht zu Mittwoch wurde er ins Uniklinikum
Düsseldorf gebracht. Der Mann leidet an einer Vorerkrankung.

Auch dessen 46-jährige Ehefrau ist infiziert. Sie sei Kindergärtnerin, sagte der nordrhein-
westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann. Beide Patienten befänden sich in der
Uniklinik Düsseldorf. Die beiden haben zwei schulpflichtige Kinder, die derzeit allerdings
keine Symptome hätten, wie Laumann am Mittwoch in Düsseldorf sagte.

Die Infizierten hatten laut Landrat Stephan Pusch (CDU) in den vergangenen 10 bis 14 Tagen
eine „unendliche Vielzahl von Kontakten“ zu anderen Menschen. Laut Laumann hatten sie –
bereits ansteckend – noch während der Karnevalszeit am gesellschaftlichen Leben
teilgenommen. Pusch sagte am Mittwoch in Düsseldorf, es gehe jetzt darum, die
„Infektionsketten zu unterbrechen“.

Am Mittwochabend meldete der Kreis Heinsberg, dass drei weitere Kontaktpersonen des
Ehepaars sich infiziert hätten. „Alle zeigen Grippesymptome und sind derzeit zuhause“, hieß
es in der Mitteilung. Eine stationäre Behandlung im Krankenhaus sei nach jetzigem Stand
nicht erforderlich.„Das ist bei ihnen kein dramatischer Krankheitsverlauf“, sagte Pusch.

Dabei handele es sich unter anderem um eine Mitarbeiterin des schwer erkrankten 47-
Jährigen und deren Lebensgefährten. Zudem sei auch bei einem Arzt nach Angaben der Stadt
Mönchengladbach das Virus nachgewiesen worden.

Nach bisherigen Erkenntnissen habe der Mediziner eine Karnevalsveranstaltung im Kreis


Heinsberg besucht, auf der auch Kontaktpersonen des schwer erkrankten Mannes aus
Gangelt anwesend gewesen sein sollen. Er hatte Kontakt zu zwölf Patienten. Wie viele
Mitarbeiter mit ihm Kontakt hatten, werde derzeit noch ermittelt, sagte ein Kliniksprecher

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am Donnerstag auf Anfrage. Sie würden dann auf das Virus getestet und unter häusliche
Quarantäne gestellt.

Noch in der vergangenen Woche war der schwer Erkrankte, mit dem die drei neu Infizierten
Kontakt hatten, in der Kölner Uniklinik behandelt worden. Nachdem das Gesundheitsamt
am Dienstagabend darüber informiert worden sei, dass bei dem Mann das Coronavirus
festgestellt worden sei, habe man ermittelt, wer mit dem Patienten in Kontakt gekommen
sei. Bei mehr als 40 Menschen ist bei einem Test der Virus nicht nachgewiesen worden. Bis
zur endgültigen Entwarnung müsse wegen der theoretischen Inkubationszeit jedoch das
Ende der zweiwöchigen Isolation abgewartet werden, teilte die Stadt in der Nacht auf
Donnerstag mit.

Der erkrankte Mann aus NRW hatte laut Pusch Kontakt mit einem Bekannten, der sich
geschäftlich in letzter Zeit in China aufgehalten habe. Das meldete die „Aachener Zeitung“.
Ob sich dieser Mann auch in Behandlung begeben habe, konnte Pusch zunächst nicht sagen.

In Rheinland-Pfalz wurde das Virus bei einem Soldaten nachgewiesen. Es handele sich um
einen 41-jährigen Soldaten der Flugbereitschaft am Militärflughafen Köln-Wahn, der seit
Mittwoch im Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz behandelt werde, teilte die
Bundeswehr mit. Er habe grippeähnliche Symptome, sei aber „in einem gutem Zustand“. In
den Nachbarbundesländern Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen waren zuvor
erstmals Infektionen mit dem neuartigen Virus nachgewiesen worden.

Der Soldat hatte laut der Bundeswehr Kontakt zu dem schwer Erkrankten oder dessen Frau
aus Gangelt im nordrhein-westfälischen Kreis Heinsberg beim dortigen Karneval. „Nur weil
er hörte, dass sein Bekannter in der Uniklinik in Düsseldorf behandelt wird, hat er sich
gemeldet“, sagte Oberstarzt Thomas Harbaum. Zuvor habe der 41-Jährige an eine normale
Grippe geglaubt. Nun werde versucht, seine Kontaktpersonen ausfindig zu machen, um sie
„wegen häuslicher Absonderung“ zu informieren. Aus Sicherheitsgründen wurde am
Mittwoch der Militärflughafen Köln-Wahn vorübergehend geschlossen.

Auch bei einem Patienten im Westpfalz-Klinikum in Kaiserslautern ist das Coronavirus


festgestellt worden. Das sagte die rheinland-pfälzische Gesundheitsministerin Sabine
Bätzing-Lichtenthäler (SPD) am Donnerstag in Mainz. Der Mann sei mit Symptomen am

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Donnerstag selbst in das Klinikum gekommen. Er sei bis vor kurzem im Iran gewesen und
habe dort Kontakt mit einer „symptomatisch auffälligen Person“ gehabt, sagte die Ministerin.

Kurz vor Bekanntwerden neuer Fälle am Mittwochnachmittag in Baden-Württemberg hatte


der dortige Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) Einzelheiten zum „Patienten Null“,
einem 25-jährigen Mann aus Göppingen, bekanntgegeben. Der Fall war am Dienstagabend
bekannt geworden.

Nach Angaben Luchas hatte der junge Mann gemeinsam mit einer Freundin eine Bekannte in
Mailand besucht. Zwei Tage nach den ersten Symptomen meldete er sich beim
Gesundheitsamt. Noch am selben Tag sei ein Abstrich im Landesgesundheitsamt (LGA)
untersucht und der Patient in eine Klinik gebracht worden, sagte Stefan Brockmann, der
Leiter des LGA-Kompetenzzentrums Gesundheitsschutz. Dort werde der Patient isoliert
behandelt. Es gehe ihm aber gut, sein Zustand sei stabil.

Am Mittwochnachmittag wurde bekannt, dass einer der beiden mit dem Coronavirus
infizierten Patienten in Tübingen als Oberarzt in der Pathologie des Universitätsklinikums
beschäftigt ist. ist Der 60-Jährige soll seit dem Wochenende auch Kontakt zu anderen
Medizinern gehabt haben – diese Kontakte seien vollständig erfasst, teilte das Klinikum am
Mittwoch in Tübingen mit. Es seien ein Dutzend Oberärzte getestet und „aus der
Krankenversorgung rausgenommen worden“. Sie seien unter Beobachtung.

Auch die 24 Jahre alte Tochter des Mannes ist mit dem Virus infiziert und wird isoliert
behandelt. Sie hatte den ersten baden-württembergischen Patienten, einen 25-Jährigen aus
dem Kreis Göppingen, nach Mailand begleitet. In Norditalien gibt es derzeit besonders viele
infizierte Kranke.

Am Mittwochabend schließlich wurde eine vierte Infektion mit dem Coronavirus in Baden-
Württemberg bekannt. Der 32-jährige Betroffene aus dem Landkreis Rottweil sei aus dem
Risikogebiet in Italien eingereist und habe keine Verbindungen zu den bislang gemeldeten
drei Patienten im Südwesten, teilte das Gesundheitsministerium am Mittwoch in Stuttgart
mit. Der Mann habe sich nach seiner Rückkehr aus dem italienischen Codogno wegen der
typischen grippeähnlichen Symptome beim örtlichen Gesundheitsamt gemeldet. Am frühen
Mittwochabend bestätigte sich den Angaben zufolge der Verdacht.

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Der Mann werde nun in einem Krankenhaus betreut und isoliert von anderen Patienten
behandelt. Seine Ehefrau, die mit ihm gereist war, und sein Kind sind laut Ministerium
negativ getestet worden. Sie blieben in „häuslicher Absonderung“, hieß es in der Mitteilung.

In Deutschland waren zuvor insgesamt 16 Coronavirus-Infektionen nachgewiesen worden,


die meisten dieser Patienten wurden inzwischen wieder aus dem Krankenhaus entlassen. 14
der Fälle traten in Bayern auf. Bei den anderen beiden Fällen handelte es sich um China-
Rückkehrer, die von der Bundesregierung ausgeflogen worden waren. Sie wurden in der
Uniklinik in Frankfurt am Main behandelt und Mitte Februar entlassen.

Welche Maßnahmen werden ergriffen?

„Die zuständigen Behörden gehen den Fällen nun mit Hochdruck nach, um eine weitere
Verbreitung des Coronavirus so gut es geht zu verhindern“, erklärte Laumann. Es sei nicht
auszuschließen, dass es weitere Fälle im Land geben könne. „Aber unser Gesundheitswesen
ist für solche Erkrankungen gut vorbereitet und aufgestellt.“ Er sieht derzeit keine
Veranlassung, wegen des Ausbruchs in dem Bundesland Ortschaften abzuriegeln, sagte er im
ZDF.

Sowohl in Baden-Württemberg als auch in NRW arbeiteten die Behörden unter Hochdruck
daran, sämtliche Kontaktpersonen der Coronavirus-Patienten zu ermitteln, um eine weitere
Ausbreitung des Erregers zu verhindern.

Der Gangelter Karnevalsverein hat nach eigenen Angaben die Namen seiner Mitglieder dem
zuständigen Kreis Heinsberg gemeldet. „Wir haben dem Kreis unsere Mitgliederlisten
übermittelt und jegliche Unterstützung angeboten“, sagte der Präsident des Karnevalsvereins
„Langbröker Dicke Flaa“, Wilfried Gossen, am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur.

Mehrere Hundert Menschen stehen nun unter häuslicher Quarantäne. Die Leute dürften 14
Tage lang ihre Wohnungen nicht verlassen und müssten sich von Freunden, Verwandten oder
Nachbarn mit Lebensmitteln versorgen lassen, die dann die Einkäufe vor der Haustür
abstellten. Das funktioniere sehr gut. Außerdem müssten die Menschen in Quarantäne nach
Vorgaben des Gesundheitsamtes eine Art Protokoll zu ihrem Gesundheitszustand erstellen.

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In Mönchengladbach läuft am Krankenhaus Maria Hilf die Suche nach Menschen, die
Kontakt zu dem mit dem Coronavirus infizierten Arzt hatten.

Der Kreis Heinsberg habe einen Krisenstab einberufen, der bereits erste Maßnahmen
ergriffen habe. So bleiben die Schulen und Kindergärten im Kreisgebiet bis Montag
geschlossen, in der Kreisverwaltung soll es keinen Publikumsverkehr geben.

Der baden-württembergische Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) mahnte zur


Besonnenheit. „Baden-Württemberg hat sich schon früh auf diesen Fall eingestellt. Alle
beteiligten Stellen arbeiten eng und intensiv zusammen.“ Lucha wollte seinen Urlaub
abbrechen und am Mittwoch die Presse informieren.

Vom Robert Koch-Institut (RKI) hieß es, Ziel in Deutschland sei es, eine Erkrankungswelle
hinauszuzögern, um zu vermeiden, dass die Covid-19- und die derzeitige Grippewelle
zusammenfallen.

Eine Sprecherin von DB Regio NRW sagte der Deutschen Presse-Agentur am frühen
Mittwochmorgen, man sei „im ständigen Austausch“ mit den Behörden. Zu den möglichen
Maßnahmen gegen eine Ausbreitung könne auch eine Einschränkung des öffentlichen
Nahverkehrs gehören. Man habe bislang aber keine besonderen Maßnahmen eingeleitet, hieß
es von mehreren Verkehrsbetrieben.

Sollten Behörden die Schließung eines Betriebs aufgrund des Coronavirus veranlassen, dann
sind Arbeitgeber dazu verpflichtet, den Beschäftigten weiterhin Lohn zu zahlen. Dies gilt
“wenn die Arbeitnehmer arbeitsfähig und arbeitsbereit sind, aber der Arbeitgeber sie aus
Gründen nicht beschäftigen kann, die in seiner betrieblichen Sphäre liegen”. Das bestätigte
das Bundesarbeitsministerium (BMAS) auf Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland.
Die ausgefallenen Arbeitszeiten müssten grundsätzlich nicht nachgearbeitet werden, sagte
ein Sprecher.

Wenn Kindergärten oder Schulen als Vorsichtsmaßnahme gegen die Ausbreitung des
neuartigen Coronavirus geschlossen bleiben, können Arbeitnehmer notfalls für die
Kinderbetreuung daheim bleiben. Ob sie in dieser Zeit aber auch weiter ihr Gehalt
bekommen, hängt davon ab, ob wirklich keine andere Betreuung möglich war, erklärt
Nathalie Oberthür, Fachanwältin für Arbeitsrecht aus Köln.

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In weiten Teilen der Welt werden nicht mehr nur die Daten von landenden Fluggästen aus
China in Deutschland erfasst. Auch ankommende Fluggäste aus Südkorea, Japan, dem Iran
und Italien müssten nun ihre Daten abgeben, sagte Jens Spahn am Donnerstag in Berlin. Dies
habe ein gemeinsamer Krisenstab von Gesundheits- und Innenministerium entschieden.
Entsprechende Aussteigerkarten sollen sicherstellen, dass alle Reisenden schnell kontaktiert
werden können, wenn sich herausstellt, dass ein Fluggast infiziert ist.

Innenminister Horst Seehofer (CSU) sagte, solche Aussteigerkarten sollten auch im


grenzüberschreitenden Zug- und Busverkehr ausgefüllt werden. Hier hoffe er auf eine
Selbstverpflichtung der Transportunternehmen. Im Schiffsverkehr werde dies angeordnet.
Für das Unterbrechen der Infektionsketten sei so ein Schritt unverzichtbar.

Der eingerichtete Krisenstab der Bundesregierung solle Freitag eine Empfehlung geben, ob
Messen wie die Internationale Tourismusbörse ITB abgesagt werden sollten. Es müsse
abgewogen werden zwischen Gesundheitsschutz und wirtschaftlichen Interessen.

Im Übrigen würden Asylbewerber auf das neue Coronavirus getestet, sagte Seehofer. Denn
die meisten würden über vorbelastete Länder wie den Iran, den Irak oder Afghanistan
einreisen. An diesem Freitag wolle sich der Krisenstab mit dem Umgang mit
Großveranstaltungen befassen.

Jens Spahn hat sich mit Vertretern der Ärzteschaft und Apothekern in Verbindung gesetzt. Er
betonte, es sollten lieber zu viele Tests als zu wenige Tests durchgeführt werden. Die
Behandlung von Infizierten erfordere keine Hochsicherheitsisoliereinrichtungen. Zur
Behandlung des Virus sei nach bisherigen Erkenntnissen die reguläre Intensivstation und die
reguläre Isolierung ausreichend, und hier gebe es einige tausend Betten. Im übrigen sei es
jederzeit möglich, weitere provisorische Isoliereinheiten einzurichten.

Wie schätzen Experten und Politiker die Lage ein?

Die Krankenhausgesellschaft sieht im Fall eines größeren Coronavirus-Ausbruchs in


Deutschland eine mögliche Erkrankung des Personals als größte Herausforderung. Die
Kliniken seien grundsätzlich gut gerüstet und auf eine Lage wie bei Grippewellen eingestellt,
sagte Landesverbandsgeschäftsführer Matthias Einwag. Auch auf eine Isolation von Kranken
seien sie vorbereitet. „Aber da es anders als bei der Grippe keine Impfung gegen das Virus

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gibt, bekommen wir ein Problem, wenn Ärzte und Schwestern erkranken.“ Dann werde auch
der Mangel an Fachkräften noch stärker spürbar werden.

Angesichts der Ausbreitung in Europa und Deutschland spricht die Bundesregierung von
einer „neuen Situation“. Das Virus sei deutlich nähergerückt, sagte Regierungssprecher
Steffen Seibert am Mittwoch in Berlin.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sieht Deutschland „am Beginn einer Coronavirus-
Epidemie“. Er habe die Gesundheitsminister der Länder in einer Telefonkonferenz
aufgefordert, ihre Pandemiepläne „zu aktivieren und ihr mögliches Inkrafttreten
vorzubereiten“, sagte Spahn am Mittwoch in Berlin. „Die Lage hat sich in den letzten
Stunden geändert, das muss man leider sagen“, fügte der Minister hinzu. Noch sei keine
Pandemie ausgebrochen – „aber ich finde es wichtig, dass wir uns auf diese Situation
vorbereiten“.

Bundesinnenminister Horst Seehofer sieht „die Lage deutlich verschärft“. Seehofer betonte,
die Regierung werde alles „Menschenmögliche“ zum Schutz der Bevölkerung tun. Eine
Garantie dafür gebe es aber nicht.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier rechnet wegen der Ausbreitung des Virus nicht
mit umfassenden und großflächigen Lieferengpässen für die deutsche Wirtschaft. Allerdings
könnte es sich auf die Produktion negativ auswirken, wenn Vorleistungsgüter mit Verspätung
geliefert würden. Zudem könnten deutsche Exporte nach China an Schwung verlieren, wenn
es in der Volksrepublik zu einer Wachstumsverlangsamung komme.

Nach den bisher bekannten Zahlen ist das Virus laut Robert Koch-Institut (RKI) tödlicher als
die Grippe. Wie viel höher die Sterberate ausfalle, werde man nach dem Ende der Epidemie
sehen, sagte Institutspräsident Lothar Wieler am Donnerstag in Berlin. Er sprach von einem
schweren Krankheitsform: 80 Prozent der Infizierten hätte nur milde Symptome, bei circa 15
Prozent jedoch würde die Infektion zu einem schweren Krankheitsverlauf führen. Bei 1-2
Prozent der Infizierten führe die Krankheit zum Tod.

Eine Ansteckung über Oberflächen gilt weiter als unwahrscheinlich. Das gilt für Lebensmittel
ebenso wie für Spielzeug oder andere Waren. Obst aus Norditalien zum Beispiel könne daher

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weiter ohne Bedenken gekauft und verzehrt werden, sagte Prof. Lars Schaade, Vizepräsident
des Robert-Koch-Instituts am Donnerstag in Berlin.

Nach Einschätzung von Virologen ist eine Epidemie in Deutschland jedoch


unwahrscheinlich. Es sei davon auszugehen gewesen, dass es weitere Fälle in Deutschland
geben werde, sagte der Virologe Stephan Ludwig von der Westfälischen Wilhelms-
Universität Münster dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Es ist im Moment allerdings
noch nicht die Gefahr einer großen Epidemie gegeben.“

Mit Blick auf eine Ausbreitung des Virus sagte Ludwig: „Wichtig wird es sein, möglichst
frühzeitig Infektionen zu erkennen und die Infizierten zu isolieren und zu behandeln.“

Die deutschen Kommunen warnen vor Panik. „Deutschland ist nicht erst seit Bekanntwerden
des neuen Virus sehr gut auf einen möglichen Ausbruch von Pandemien vorbereitet“, sagte
Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes.

Weltweit hat sich die Corona-Epidemie inzwischen in fast 30 Ländern ausgebreitet, 80.000
Infektionen sind bekannt. Mehr als 2700 Menschen sind daran gestorben – die meisten von
ihnen in China, dem Ursprung der Epidemie.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) sieht den Kampf gegen das
neue Coronavirus als europäische Aufgabe: „Die Fälle machen nicht an der Grenze halt“,
sagte Laschet in der Online-Sendung „BILD Live“. Die Situation müsse man nun „europäisch
gemeinsam lösen“, so Laschet.

Ein Sprecher des bayerischen Gesundheitsministeriums sagte: „Wenn es erforderlich ist,


können wichtige Grundrechte wie Freiheit der Person, Versammlungsfreiheit oder
Unverletzlichkeit der Wohnung sowie das Recht auf körperliche Unversehrtheit
eingeschränkt werden.“

Italien kämpft gegenwärtig gegen den größten Infektionsherd in Europa. Dort stieg die Zahl
der Todesopfer nach Behördenangaben am Mittwoch auf zwölf, die Zahl der Infizierten auf
374.

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Trotz dieser Entwicklung beschlossen mehrere europäische Gesundheitsminister bei einem


Krisentreffen in Rom, die Grenzen zu Italien vorerst offen zu lassen. Dies teilte der
italienische Innenminister Roberto Speranza nach dem Gespräch mit seinen Kollegen aus
Deutschland, Frankreich, Österreich, Kroatien und der Schweiz in Rom mit. Eine Schließung
der Grenzen „wäre ein Fehler und unverhältnismäßig“.

Spahn sagte nach dem Treffen: „Wir nehmen die Situation sehr, sehr ernst.“ Bei den nun in
Europa aufgetretenen Fällen sei „nicht mehr jede Infektionskette nachvollziehbar“. „Das
heißt, wir haben eine neue Lage, mit der wir umgehen müssen“, sagte Spahn weiter. Als er
sich in Rom äußerte, waren die neuen Infektionsfälle in Deutschland offiziell noch nicht
bekannt.

Reuters/dpa/cwu/wolf/mre/tpf/jha/säd

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