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APuZ

Aus Politik und Zeitgeschichte


48/2009 · 23. November 2009

Bundeswehr
Hans J. Gießmann · Armin Wagner
Auslandseinsätze der Bundeswehr

Klaus Naumann
Wie strategiefähig ist die deutsche Sicherheitspolitik?

Hans-Joachim Reeb
Die „neue“ Bundeswehr

Hans-Georg Ehrhart
Innere Führung und der Wandel des Kriegsbildes

Michael Paul
Zivil-militärische Interaktion im Auslandseinsatz

Carsten Pietsch · Rüdiger Fiebig


Die Deutschen und ihre Streitkräfte

Karl-Heinz Biesold
Einsatzbedingte psychische Störungen

Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament


Editorial
Der Bundeswehr ist seit ihrer Gründung 1955 auf überzeugen-
de Weise die Ablösung vom düsteren Erbe der Wehrmacht ge-
lungen. Eine Ausdehnung des Auftrags zur unmittelbaren Lan-
desverteidigung war indes bis zum Ende der Blockkonfrontation
1989/91 nicht vorstellbar. Bis heute ist die Rolle einer „Armee im
Einsatz“ in der Öffentlichkeit kein Thema. Es herrscht freundli-
ches Desinteresse; Zustimmung erfahren die Streitkräfte, wenn
es zu Hilfseinsätzen in Deutschland kommt, etwa bei der Oder-
flut im Sommer 2002.

Doch welche Aufgaben über die des Technischen Hilfswerks


hinaus kann und soll die Bundeswehr erfüllen? Seit Anfang der
1990er Jahre sind deutsche Soldatinnen und Soldaten in verschie-
denen NATO-, UNO- oder EU-Missionen auf dem Balkan, am
Horn von Afrika, in Kambodscha, im Nahen Osten oder in Af-
ghanistan im Einsatz gewesen. Spätestens die vom dortigen Bun-
deswehr-Kommando veranlasste Bombardierung zweier offen-
bar von Taliban entführter Tanklastwagen mit zahlreichen To-
desopfern entfachte Anfang September die Debatte über den
Afghanistan-Einsatz erneut. Am Hindukusch geht es um Terror-
bekämpfung und den Aufbau demokratischer Strukturen – doch
wie kann der Militäreinsatz erfolgreich beendet werden?

Dem Primat der Politik über das Militär entspricht es, diese
Frage öffentlich zu diskutieren. Zur politischen Bildung in den
Streitkräften – integraler Bestandteil der „Inneren Führung“ –
gehört die Begründung des Wehrdienstes und der Auslandsein-
sätze. Die Auslandsmissionen haben neue Fragen zur Zukunft
der Wehrpflicht (und des Zivildienstes) aufgeworfen. Eine De-
batte über sicherheitspolitische Strategien und Interessen dürfen
vor allem die Soldaten (und ihre Angehörigen) erwarten. Sie ris-
kieren bei den Auslandseinsätzen ihr Leben, und viele kehren
traumatisiert zurück.

Hans-Georg Golz
Hans J. Gießmann · Armin Wagner schen Kalkül der Bonner Republik bis 1990
spielte die Bundeswehr praktisch keine Rolle.

Auslandseinsätze Ihr Einsatz galt mehr als drei Jahrzehnte lang


als „undenkbarer Ernstfall“ und nur infolge
eines Angriffs des Warschauer Paktes auf den

der Bundeswehr Westen vorstellbar. Seit ihrer Gründung im


Jahre 1955 hatte der Kalte Krieg die Koordi-
naten der Bundeswehr bestimmt. Im Rahmen
des NATO-Vertrages wurde sie für die Lan-

G eneralinspekteur Wolfgang Schneider-


han hatte offenbar den richtigen In-
stinkt. In einem Anfang August 2009 veröf-
desverteidigung gerüstet und auf die Verteidi-
gung des Bündnisgebietes vorbereitet. Zwar
waren auch schon vor 1990 gelegentlich deut-
fentlichten Interview sche Soldaten jenseits der Bündnisgrenzen
drückte der General unterwegs. Doch alles, was „scharf“ über den
Hans J. Gießmann
seine Befürchtung Ausbildungs- und Übungsbetrieb im Ausland
Dr. phil., Dr. sc. pol., Professor,
aus, dass deutsche hinausging, bewegte sich seit der Erdbeben-
geb. 1955; Direktor von Berghof
Soldaten in den Aus- hilfe in Marokko 1960 ausschließlich im Rah-
Conflict Research, Altenstein-
landseinsätzen der men weltweiter humanitärer Hilfe bei Dürre-
straße 48a, 14195 Berlin.
Bundeswehr bislang und Unwetterkatastrophen, bei Explosions-
giessmann@berghof-center.org
„noch nicht bis zum unglücken und Überschwemmungen, bei
Äußersten“ gefordert Waldbränden und Vulkanausbrüchen. 2 Inter-
Armin Wagner
würden. Kämen nationales bewaffnetes Peacekeeping oder gar
Dr. phil., Oberstleutnant i.G.,
durch ihr Handeln Kampfeinsätze waren für die Bundeswehr
geb. 1968; Military Fellow am
erst unbeteiligte Zivi- kein Thema.
Institut für Friedensforschung
listen zu Schaden,
und Sicherheitspolitik an der
würde bald eine öf- Das Ende des Kalten Krieges in Europa
Universität Hamburg,
fentliche Diskussion wurde zu einer Zäsur für ein neues, anderes
Beim Schlump 83,
über soldatische Ent- Einsatzprofil. Die gerade erst vereinigte Ber-
20144 Hamburg.
scheidungen im Ein- liner Republik wurde von den Herausforde-
wagner@ifsh.de
satz entbrennen. Nur rungen einer veränderten globalen Sicher-
wenige Wochen später heitslage in Europa und der Welt völlig über-
war es soweit: In der Nacht zum 4. Septem- rascht. Die Partner und Verbündeten
ber 2009 hatten amerikanische Kampfflug- forderten plötzlich einen solidarischen Bei-
zeuge im afghanischen Norden, nach Anfor- trag der Deutschen zu bewaffneten Friedens-
derung durch den deutschen Kommandeur missionen ein, auf den die Bevölkerung nicht
des Provincial Reconstruction Team (PRT) eingestellt und die Bundeswehr nicht vorbe-
Kunduz, zwei von Taliban gestohlene Tank- reitet war. 20 Jahre später scheint fast normal,
lastwagen bombardiert. Bei dem Angriff was damals kaum vorstellbar war: Aktuell
kamen nicht nur fast 70 mutmaßliche Auf- finden zehn Bundeswehr-Einsätze in acht
ständische ums Leben, sondern auch Dutzen- Ländern sowie im Mittelmeer und auf den
de Zivilisten. Die anschließende Debatte in Seewegen am Horn von Afrika mit ständiger
Deutschland konzentrierte sich, wie Schnei- Präsenz von 8 120 Soldaten (Stand: 1. No-
derhan es vorausgesagt hatte, auf den konkre- vember 2009) statt. 3 Seit 1992 sind deutsche
ten Vorfall, anstatt, wie es notwendig gewesen
1 Lohnt sich der Krieg in Afghanistan? Ein Gespräch
wäre, endlich „in den Zirkeln der großen Po-
litik das Grundsätzliche (zu) klären“. 1 mit Wolfgang Schneiderhan, in: Cicero, (2009) 8, S. 34.
2 Ein Überblick aller Einsätze bis Herbst 2008, also

noch ohne EUNAVFOR Atalanta, bei Hans J. Gieß-


So sehr die Bundeswehr als Instrument mann /Armin Wagner (Hrsg.), Armee im Einsatz.
deutscher Außenpolitik in den vergangenen Grundlagen, Strategien und Ergebnisse einer Beteili-
zwei Jahrzehnten an Bedeutung gewonnen gung der Bundeswehr, Baden-Baden 2009, S. 386 –390.
3 In alphabetischer Reihenfolge: Afghanistan (ISAF;
hat, so wenig scheint bis heute dieses
„Grundsätzliche“ erörtert, sind verlässliche UNAMA), einschließlich einer Basis im usbekischen
Termez; die Anti-Piraterie-Mission der EU, Atalanta,
Leitlinien bestimmt, an denen sich Außen-, vor Somalia und in angrenzenden Gewässern; Bosnien-
Sicherheits- und Entwicklungspolitik bei der Herzegowina (EUFOR Althea); Djibouti und der
Übernahme von Verpflichtungen an den Kri- Seeweg am Horn von Afrika (OEF); Kosovo (KFOR);
senherden der Welt kreuzen. Im außenpoliti- Libanon (UNIFIL); Mittelmeer (OAE); Sudan (UN-

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Soldaten praktisch ohne Unterbrechung deswehr auf dem westlichen Balkan, prak-
jeden Tag außerhalb des Bundesgebiets im tisch vor der eigenen Haustür, zu. Die frühen
Einsatz. In der NATO wie in der EU ist Einsätze, darunter die Beteiligung an der
Deutschland inzwischen einer der größten Überwachung des Waffen- und Handelsem-
Truppensteller. Mitte 2008 erhielt der bargos in der Adria zwischen 1992 und 1996
250 000. deutsche Soldat den Marschbefehl in und an der Luftbrücke zur Versorgung des
einen Auslandseinsatz. eingeschlossenen Sarajevo, ließen noch nicht
vermuten, dass sich die Bundeswehr bald im
NATO-Bündnis an Maßnahmen zur Frie-
Lauter Premieren denserzwingung beteiligen würde. Innenpoli-
tisch brach jedoch bereits 1992 Streit darüber
Die wichtigsten Begründungen für die gegen- aus, welche Befugnisse dem Parlament für die
wärtigen Bundeswehreinsätze fasste die Eu- Einsatzentscheidung einzuräumen waren und
ropäische Sicherheitsstrategie im Jahre 2003 ob die vom Parlamentarischen Rat 1949 in-
in fünf Punkten zusammen: Terrorismus, die tendierten grundgesetzlichen Beschränkun-
Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, gen für deutsche Streitkräfte andere Einsätze
regionale Konflikte, zerbrechliche Staatlich- als solche zur ausschließlichen Verteidigung
keit und organisierte Kriminalität. Keine Deutschlands und des Bündnisgebietes er-
davon ist wirklich neu. Neu ist seit 1990 je- laubten. Konkret ging es um die Auslegung
doch, dass die domestizierenden Wirkungen der Artikel 24 und 87a des Grundgesetzes:
der Ost-West-Konfrontation verschwunden Während Art. 87a GG die Aufstellung von
sind und sich dadurch destabilisierende Ent- Streitkräften zur Verteidigung durch den
wicklungen weltweit verselbständigt und be- Bund betont, verweist Art. 24 Abs. 2 GG auf
schleunigt haben. Anders als unter den ver- sein Recht, in die Beschränkung von Hoheits-
gleichsweise klaren Umständen der Bedro- rechten im Rahmen der Beteiligung an Syste-
hung und Abschreckung während des Ost- men gegenseitiger kollektiver Sicherheit ein-
West-Konflikts ist heute weit weniger er- zuwilligen.
sichtlich, wie die genannten Risiken und Be-
drohungen unter Kontrolle zu bringen sind Ironischer Weise rief die mitregierende
und welche Aufgabe den Streitkräften dabei FDP das Bundesverfassungsgericht an, um
zufallen sollte. Ihr Auftrag ist weniger deut- die Rechtmäßigkeit des eigenen Regierungs-
lich umrissen als in der Vergangenheit, und handelns zu überprüfen. Das BVG bestätigte
vor allem Einsätze jenseits des Verteidigungs- am 12. Juli 1994 die Zustimmungspflicht des
auftrags sind bis heute immer wieder poli- Deutschen Bundestags zu Einsätzen der Bun-
tisch umstritten. In der militärischen Praxis deswehr im Ausland und erlegte ihm gleich-
bedeutet dies für die Bundeswehr, mit vielen zeitig auf, nähere Bestimmungen in ein Ent-
planerischen Ungewissheiten umgehen zu sendegesetz zu fassen. Erst mehr als ein Jahr-
müssen, und oft auch, ihre Möglichkeiten zehnt später verabschiedete der Bundestag
und Grenzen erst in politisch angeordneten schließlich am 18. März 2005 das „Gesetz
Einsätzen kennenzulernen. über die parlamentarische Beteiligung bei der
Entscheidung über den Einsatz bewaffneter
Die ersten großen Einsätze führten die Streitkräfte im Ausland“. In politischer Hin-
Bundeswehr im Rahmen von UN-Missionen sicht noch brisanter war die höchstrichterli-
1992 nach Kambodscha und 1993 nach Soma- che, wenn auch äußerst knappe Anerkennung
lia. Während der Sanitätseinsatz in Südost- der NATO als „System gegenseitiger kollek-
asien erfolgreich abgeschlossen wurde, tiver Sicherheit“. Das oberste deutsche Ge-
konnte dies für die Mission in Ostafrika richt gab der Regierung und dem Parlament
kaum behauptet werden, denn die zur logisti- auf, die sich daraus ergebenden politischen
schen Unterstützung vorgesehene indische und gesetzlichen Schlussfolgerungen zu zie-
Brigade tauchte gar nicht erst am Einsatzort hen. Die juristische Klärung verlagerte damit
auf. Die Bewährungsprobe kam auf die Bun- die Auseinandersetzung weg von der Frage
nach dem „Ob“ hin zum „Wann“ und „Wie“.
MIS; UNAMID). Hinzu kommt die Abstellung von
Für alle damals im Bundestag vertretenen
Einzelpersonal in die DR Kongo im Rahmen von EU-
SEC – oben nicht mitgezählt – sowie die ständig in Parteien galt nunmehr als akzeptiert, dass
Deutschland bereitstehende medizinische Luft- sich die Bundeswehr sowohl an von der
rettungskomponente (STRATAIRMEDEVAC). UNO geführten als auch an mit einem UN-

4 APuZ 48/2009
Mandat versehenen Einsätzen der NATO Als Lehre aus der missglückten Krisenprä-
oder der (W)EU unter Kapitel VI und VII be- vention auf dem Balkan setzte sich Deutsch-
teiligen konnte, sofern diesen das Parlament land mehr als zuvor für eine Stärkung von In-
mit einfacher Mehrheit zustimmte. Das BVG strumenten der zivilen Krisenprävention ein.
hat seither in allen Fällen seiner Anrufung die Die Terroranschläge in den USA vom 11.
Rechtmäßigkeit der Entscheidungen zur Ent- September 2001 veränderten die politische
sendung von Soldaten durch die Regierung Lage ein weiteres Mal. Wieder wurde
bzw. die Mehrheit des Parlaments bestätigt. 4 Deutschland unvorbereitet getroffen. Berlin
Die dem Urteilsspruch ab 1994 folgenden, sehr verfügte über kein Konzept, das als sicher-
unterschiedlichen Einsätze auf dem Balkan, in heitspolitische Alternative zum kritisierten
Osttimor, im Kaukasus und in Afrika schufen Antiterrorkrieg für alle Partner und Verbün-
einen Referenzrahmen für das Ausmaß und deten glaubwürdig gewesen wäre. Stattdessen
die potenzielle Reichweite der deutschen Be- schickten Regierung und Parlament die Bun-
teiligung an bewaffneten Friedensmissionen. deswehr seit 2002 vor allem aus Bündnissoli-
darität in eine Reihe von Einsätzen, die zwar
Vor allem der Balkan wurde zur Nagelpro- jeweils mit einem UN-Mandat versehen
be bei den Verbündeten und in der eigenen waren, jedoch zum Teil keine realistischen
Bevölkerung für die Akzeptanz der Bundes- militärischen Ziele besaßen, wie das EU-En-
wehr als Einsatzarmee. Von 1995 an beteiligte gagement in der DR Kongo oder der NATO-
sich die Bundeswehr zunächst an der Peace Einsatz in Afghanistan. In den zurückliegen-
Implementation Force (IFOR), später, ab den Jahren wurde fast jeder Einsatz der Bun-
Ende 1996, an der Stabilisation Force (SFOR) deswehr zu einer Premiere, zugleich aber
in Bosnien-Herzegowina. Auch an der im auch zu einer Mission mit vielen Unbekann-
Dezember 2004 in die Verantwortung der EU ten und ungewissem Ausgang.
überführten Mission EUFOR Althea war
Deutschland von Anbeginn beteiligt. Seit
Mitte der 1990er Jahre erhöhten sich der per- Kosovo und Afghanistan:
sonelle Umfang und die Intensität des Bun- Lernen durch Handeln
deswehr-Engagements in Friedensmissionen
ständig. Der erste Kampfeinsatz fiel ausge- Die besonders prägenden Einsatzorte des ver-
rechnet in die Frühphase einer rotgrünen Re- gangenen Jahrzehnts waren aus deutscher
gierungskoalition. Beide Parteien wurden von Perspektive das Kosovo und Afghanistan.
inneren Zerreißproben gepeinigt. Die Beteili- Beide Einsätze verweisen auf eine gemischte
gung Deutschlands an der Operation Allied Bilanz. Im Kosovo sollten die „ethnischen
Force im Frühjahr 1999 bedeutete erstmals Säuberungen“ beendet und die Bildung einer
seit 1945 die aktive Teilnahme deutscher demokratischen Gesellschaft im friedlichen
Streitkräfte an Kriegshandlungen. Diese fan- Miteinander ethnischer Gruppen unterstützt
den zudem außerhalb des NATO-Bündnisge- werden. Die Unterdrückung der albanischen
biets statt und, was besonders bemerkenswert Bevölkerung wurde zwar erfolgreich unter-
war, ohne die Legitimation eines vorherigen bunden, das Ziel einer multiethnischen Ge-
UN-Mandats. Die Bundesregierung erachtete meinschaft jedoch verfehlt. Nicht einmal eine
den Waffengang gegen Jugoslawien jedoch als gewaltfreie Nachbarschaft der strikt vonei-
Notmittel, um gemeinsam mit den Verbünde- nander getrennten Gruppen scheint ohne an-
ten eine humanitäre Katastrophe im Kosovo dauernde bewaffnete Präsenz gewährleistet.
zu verhindern. Sie sah ihre Entscheidung des-
halb auch nicht als Präzedenzfall für künftige Ungleich schwieriger noch ist die Lage in
Einsätze an, sondern als aufgezwungenes mi- Afghanistan. Deutschland stellt mit 4 010 Sol-
litärisches Mittel zu einem legitimen humani- daten (1. November 2009) das drittgrößte
tären Zweck. Truppenkontingent der 2002 vom UN-Si-
cherheitsrat beschlossenen International Se-
curity Assistance Force (ISAF) aus 40 Staaten.
4 Vgl. Robert Chr. van Ooyen, Das Bundes-
Ursprünglich zum Schutz der zivilen Mission
verfassungsgericht als außen-und sicherheitspolitischer
Akteur: von der „Out-of-Area“-Entscheidung zum
der UNO, der Regierung und der internatio-
„Tornado- und AWACS-Einsatz“, in: Martin H.W. nalen Helfer entsandt, ist ISAF inzwischen
Möllers/ders. (Hrsg.), Jahrbuch Öffentliche Sicherheit weniger Unterstützungstruppe für den Frie-
2008/2009, Frankfurt/M. 2009, S. 451 –464. densprozess als von den aufständischen Tali-

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ban auserkorene Kriegspartei und befindet Strukturelle Konsequenzen werden aber
sich militärisch in arger Bedrängnis. Vom erst seit 2002 gezogen. Die Truppen wurden
Ziel, durch den Aufbau und die Ausbildung seither neu in Eingreif-, Stabilisierungs- und
von Polizei und Armee für eine selbsttragen- Unterstützungskräfte gegliedert, streitkräfte-
de Sicherheit Sorge zu tragen, ist ISAF nach gemeinsame Aufgaben (Logistik, Sanitäts-
sieben Jahren Einsatzdauer weiter entfernt als dienst, Kommunikation) wurden zentrali-
je zuvor. siert, besonders befähigte Verbände in der Di-
vision Spezielle Operationen gebündelt. Für
Eines scheint dabei für die Bundeswehr klar: die verbundene Führung von Einsätzen wur-
Sie hat in Afghanistan einen „zweiten Rubi- den infrastrukturelle Voraussetzungen ge-
kon“ überschritten, hin zu „Kampfeinsätzen schaffen (Einsatzführungsstab, Einsatzfüh-
mit all ihren Konsequenzen“. 5 Wieder ist die rungskommando, Kommando Operative
eingetretene Lage für die Bundeswehr unge- Führung Eingreifkräfte u. a.). 6 Das individu-
wolltes Ergebnis eines gutgemeinten, jedoch elle Anforderungsprofil an die Soldaten und
politisch falsch eingeschätzten Kalküls. Der Offiziere wurde erhöht, größerer Wert wird
Auftrag der Streitkräfte bestand nach diesem auf die Einheit von geistigen Fähigkeiten,
Verständnis in der militärischen Absicherung technischem Verständnis, einer hohen physi-
ziviler Konflikttransformation. Deutschland schen und psychischen Belastbarkeit sowie
hatte sich wie kaum ein anderes Land dafür ein- interkultureller Kompetenz gelegt. Wurde
gesetzt, nach dem Sturz des Regimes der Tali- der Bundeswehrsoldat früher allein auf den
ban ein ziviles Wiederaufbauprogramm in Verteidigungsfall vorbereitet, der nicht eintre-
Gang zu setzen, und sich hierdurch hohes An- ten sollte, wird ihm in der Einsatzarmee ab-
sehen bei der afghanischen Regierung erwor- verlangt, gleichzeitig verschiedene Aufgaben
ben. Davon ausgehend sah Berlin den Einsatz als „Sozialarbeiter, Ingenieur, Lehrer, Kran-
der Bundeswehr als eine im Land willkommene kenschwester und Boyscout“ (W. Schneider-
Begleitung der Wiederaufbauhilfe an. han) erfüllen zu können, unter Umständen
aber auch tatsächlich kämpfen zu müssen.
Doch Streitkräfte können Defizite im zivi-
len Wiederaufbau nicht kompensieren. Im Im Korsett von
Gegenteil: Angesichts des stagnierenden Ent-
wicklungsfortschritts werden sie vor Ort für Innen- und Bündnispolitik
die Misere mitverantwortlich gemacht und
sind zwischen alle Fronten geraten. Statt ak- Die Prämissen für die Entsendung der Bun-
zeptierte Aufbauhelfer zu sein, müssen sie deswehr in internationale Friedensmissionen
sich täglicher Bedrohungen durch Hecken- stehen inzwischen parteienübergreifend fest. 7
schützen und Selbstmordattentäter erwehren. Allein am linken und am rechten Rand des
Das Dilemma besteht darin, dass die Gründe, politischen Spektrums werden sie in Frage
die zum UN-Mandat führten, fortbestehen. gestellt. Erstens ist ein UN-Mandat für alle
Zugleich ist aber deutlich, dass bewaffnete Einsätze außerhalb der Landesgrenzen anzu-
Friedensmissionen scheitern können, wenn streben. Die Beteiligung am Kosovo-Krieg,
sie nicht in eine konsequent verfolgte zivile bei dessen Beginn ein solches Mandat fehlte,
Aufbaustrategie eingebettet werden. In jedem bezeichnete die Bundesregierung im Nach-
Fall besteht die Gefahr, dass Soldaten in län- hinein ausdrücklich als Ausnahmefall. Zwei-
ger anhaltenden Friedensmissionen in Kämp- tens kommen Einsätze nur in Frage, wenn sie
fe verwickelt werden. Für die Bundeswehr im Rahmen eines Systems gegenseitiger kol-
hat der Einsatz bestätigt, was bereits seit 1999 6 Vgl. Alexander Bitter, „Lessons Learned“ auf dem
in den Planungsstäben erkannt wurde: Soll sie
Weg zur Armee im Einsatz, in: Stefan Mair (Hrsg.),
sich mit Aussicht auf Erfolg an Friedensmis- Auslandseinsätze der Bundeswehr. Leitfragen, Ent-
sionen beteiligen, muss sie sich darauf organi- scheidungsspielräume und Lehren, Berlin 2007, S. 61–
satorisch, technisch und taktisch vorbereiten, 67.
7 Zum Folgenden vgl. Markus Kaim, Deutsches In-
aber auch mental neu aufstellen.
teresse versus Bündnisverpflichtung: Zur Frage natio-
naler Handlungsspielräume bei Auslandseinsätzen der
5 Michael Rühle, Am Rubikon der Kampfeinsätze, in: Bundeswehr, in: H. J. Gießmann /A. Wagner (Anm. 2),
Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 4. 2. 2008, S. 176 –185, sowie Markus Kaim, Deutsche Auslands-
S. 8; vgl. auch Joachim Frank, Ende des Sonderwegs, einsätze in der Multilateralismusfalle?, in: S. Mair
in: Frankfurter Rundschau vom 5. 9. 2009, S. 24. (Anm. 6), S. 43–49.

6 APuZ 48/2009
lektiver Sicherheit stattfinden, dem Deutsch- ventionsarmee war überdies untauglich, um
land angehört. Unter diesen Voraussetzungen innenpolitische Unterstützung für die erfor-
wurde der von der NATO beschlossene und derlichen Reformen zu mobilisieren. An
geführte Einsatz auf dem westlichen Balkan einem klaren politischen Konzept, welches
trotz des fehlenden UN-Mandats von der Re- das Ausmaß der Beteiligung und die Be-
gierung für rechtmäßig erachtet. schränkung von bewaffneten Einsätzen für
die Öffentlichkeit sichtbar machen würde,
Die Festlegung auf diese beiden Prämissen mangelte es der Regierung weiterhin. So war
ist nicht unproblematisch. Einerseits ver- unter diesen Vorzeichen an eine politisch ver-
schafft sie einen berechenbaren Rahmen für mittelbare, konsequente Umsteuerung der
die Beschlussfassung über bewaffnete Ein- Bundeswehr in Ausbildung, Bewaffnung und
sätze, andererseits steckt die Entscheidung in Ausrüstung zur Erlangung von Fähigkeiten
einer „Multilateralismusfalle“. Die Einbin- zur bewaffneten Intervention nicht zu den-
dung in die Militärstrukturen der NATO ken. 9
und EU erlaubt es Deutschland kaum, sich
aus kollektiven Missionen beider Organisa- Das öffentliche Meinungsbild ist ambiva-
tionen herauszuhalten oder dem Drängen lent geblieben. Auf der einen Seite genießt
ihrer Verbündeten zum Mittun nicht nachzu- die Bundeswehr ein hohes Maß an gesell-
geben. schaftlicher Anerkennung und Vertrauen.
Ihre Unterstützung gründet sich aber vor
Für die Bundesregierung bedingt der Wille allem auf solche Rollen, die den Einsatz von
zu politischer Gestaltung im Bündnis die Fä- Waffengewalt ausschließen, so als Fluthelfer
higkeit und Bereitschaft, Führungsverantwor- oder als „Technisches Hilfswerk mit Waffe“
tung in kollektiven Operationen zu überneh- im Ausland, als Militärbeobachter und viel-
men. Denn erwartete Deutschland die Solida- leicht noch als Blauhelme. Als „kämpfender
rität der Verbündeten bei künftigen Einsätzen Truppe“ wird ihr vergleichbare Sympathie
im eigenen Interesse, kann es kaum die Betei- jedoch nicht zuteil, eine Beteiligung der
ligung an Einsätzen in der Gegenwart ver- Bundeswehr an Kampfeinsätzen sieht eine
wehren, die eher im Interesse ihrer Verbünde- deutliche Mehrheit der Deutschen weiter
ten liegen. Bündnissolidarität wird zur Staats- skeptisch. Entsprechend unterentwickelt ist
räson. Welche Konsequenzen ein Ausscheren das öffentliche Interesse daran, ob die Bun-
hervorrufen kann, zeigte die konsequente Po- deswehr über die erforderliche Ausrüstung
sition zum Irakkrieg: Zwar verschaffte sich verfügt, um in solchen Einsätzen zu be-
die Bundesregierung innenpolitisch Luft; der stehen, oder ob die Soldaten ausreichend dar-
offene Dissens im Bündnis riss die NATO je- auf vorbereitet sind, unter Einsatz ihres Le-
doch in die schärfste Krise seit ihrer Grün- bens kämpfen zu müssen. Über den Alltag
dung. der Soldaten im Einsatz, ihre Sorgen und die
Nöte ihrer Angehörigen herrscht weitgehend
Die Bundeswehr blieb von diesem politi- Unkenntnis.
schen Streit weitgehend unbehelligt – ihre
Einsätze vom Balkan bis zur Oderflut hatten Nicht der Bundestagswahl war es deshalb
ihr überraschend starken Rückhalt in der Be- geschuldet, dass das Thema Afghanistan in
völkerung verschafft –, jedoch mahnte nicht den vergangenen Monaten zunehmend in die
nur der Generalinspekteur an, die gebotene Schlagzeilen geriet. Im Gegenteil ist es be-
Weiterentwicklung des Fähigkeitsprofils der merkenswert, dass sich diese Debatte verbrei-
Streitkräfte für kommende Einsätze nicht aus tet hat, obwohl die Großkoalitionäre im stil-
dem Auge zu verlieren. 8 Dem Spitzenmilitär len Einvernehmen mit FDP und Grünen ver-
war bewusst, dass eine Verteidigungsarmee, einbart hatten, Afghanistan und die
wie sie die Bundeswehr mehr als 40 Jahre Bundeswehr aus den Wahlkämpfen herauszu-
lang war, nicht über Nacht in eine effiziente, halten. Der Widerspruch zwischen Rhetorik
zur Intervention befähigte Einsatzarmee um-
gebaut werden konnte. Das Bild einer Inter- 9 Ausführlicher: Heiko Biehl, Von der Verteidigungs-

zur Interventionsarmee. Konturen eines gehemmten


8 Vgl. „Nicht nur auf die Einsätze sehen.“ General Wandels, in: Gerhard Kümmel (Hrsg.), Streitkräfte im
Schneiderhan will breites Fähigkeitsprofil sichern, in: Einsatz. Zur Soziologie militärischer Interventionen,
FAZ vom 2. 8. 2008, S. 4. Baden-Baden 2008, S. 9–20.

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und Realität ist zu groß geworden, als dass er struktur“ 12 mit zivilen und militärischen Ele-
sich durch Stillschweigen oder Sonntagsreden menten. Als Beispiel für ein solches Konzept
zudecken ließe. Dass die Bundeswehr inzwi- könnte der – leider nur halbherzig umge-
schen vor der Entscheidung steht, ihre defen- setzte – Aktionsplan „Zivile Krisenpräventi-
sive Rolle weiter beizubehalten und immer on, Konfliktlösung und Friedenskonsolidie-
mehr zur Zielscheibe von Anschlägen zu wer- rung“ 13 erachtet werden. Die deutschen
den oder sich offensiv an der Bekämpfung PRTs beruhen ebenfalls auf dem Ansatz „ver-
von aufständischen Taliban zu beteiligen und netzter Sicherheit“, ihre Handlungsfähigkeit
ungewollt in einen Krieg hineingezogen zu steht jedoch angesichts der jüngsten Lagever-
werden, ist im öffentlichen Bewusstsein noch schlechterung in Frage.
nicht angekommen. Die ersten Gefechte wur-
den in deutschen Medien noch im Mai 2009 Entscheidend ist: Weder das Weißbuch von
mit fast ungläubigem Erstaunen registriert. 10 2006 noch die Bundesregierung haben bisher
Gleichzeitig meldeten sich aber auch regie- die wichtigsten Fragen zur Durchführung
rungsnahe Stimmen zu Wort, die ein passives von Auslandseinsätzen hinreichend beant-
Weiter-so als potenziell krisenverschärfend wortet. 14 Transparente, berechenbare und
beurteilten und für bündnispolitisch proble- nachprüfbare Kriterien zur Beschlussfassung
matisch hielten. 11 über eine Beteiligung an bewaffneten Frie-
densmissionen fehlen. Das Weißbuch behan-
delt zwar die Bundeswehr als Instrument der
Notwendige Rückkehr Sicherheitspolitik, programmatische Schluss-
folgerungen werden jedoch nicht gezogen.
zum Primat der Politik Allein in Bezug auf die Strukturreformen und
die Bundeswehrplanung gibt es Festlegun-
Spät angesichts der zunehmenden Einsätze
gen. 15 Allerdings ist es paradox, dass die
legte die Bundesregierung im Herbst 2006 ein
Transformation der Bundeswehr ohne Bewer-
neues „Weißbuch zur deutschen Sicherheits-
tung des Erreichten und ohne klare politisch-
politik und zur Zukunft der Bundeswehr“
strategische Orientierung vorangetrieben
vor. Eine Aktualisierung der Aufgabenbe-
wird.
stimmung von 1994 war überfällig. Das
Weißbuch spiegelt die Ratlosigkeit, die tages-
Dabei soll nicht unterschätzt werden, dass
politischen Anforderungen in ein strategi-
ein Konzept „vernetzter Sicherheit“ eine
sches Konzept zu übersetzen. Immerhin
hoch komplexe Angelegenheit ist. 16 Proble-
führte die Kritik an seinen Aussagen erstmals
me systemischer Bewertung durch Vereinfa-
zu einer strategischen Debatte, allerdings
chung aus dem Weg zu räumen, wird jedoch
weitgehend ausgelöst von Diskursen im
der gebotenen politischen Verantwortung
Bündnis und bestimmt von Experten im Ver-
nicht gerecht. Von Regierung und Parlament
teidigungs- und Sicherheitsspektrum. Auf-
sind zwar keine Patentlösungen für jeden
hänger dieser Debatte war der „erweiterte Si-
Eventualfall einzufordern. Flexibles politi-
cherheitsbegriff“, der heute im Umfeld der
sches Handeln muss der Regierung zur Ab-
Bundeswehr als „vernetzte Sicherheit“, im
wehr von Krisen und Bedrohungen auch
Transformationsprozess der NATO als com-
künftig möglich sein. Dies schließt Entschei-
prehensive approach bezeichnet wird. Der
dungen über den Einsatz der Bundeswehr
Begriff bezieht sich sowohl auf die verschie-
denen Formen internationaler und suprana- 12 Vgl. Weißbuch 2006 zur Sicherheitspolitik
tionaler Kooperation als auch auf den Aufbau Deutschlands und zur Zukunft der Bundeswehr, Berlin
einer Art „ressortübergreifenden Netzwerk- 2006, S. 30.
13 Vgl. www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Aussen
10 Vgl. Im Gefecht, in: Der Tagesspiegel vom 2. 5. politik/Themen/Krisenpraevention/Downloads/Aktio
2009, S. 2; Extremisten verwickeln Bundeswehr in nsplan-De.pdf (20. 10. 2009).
Kämpfe, in: Süddeutsche Zeitung vom 9. 5. 2009, S. 1; 14 Vgl. z. B. Stefan Fröhlich, Deutsche Außen- und

Todesschüsse der Bundeswehr, in: die tageszeitung Sicherheitspolitik im Rahmen der EU, in: APuZ,
vom 12. 5. 2009, S. 10. (2008) 43, S. 15–21, hier: S. 16 f.
11 Vgl. Dieter Dettke, Deutschland als europäische 15 Vgl. Weißbuch (Anm. 12), S. 88–91, S. 101 –117,

Macht und Bündnispartner, in: APuZ, (2009) 15 –16, S. 119 –151.


S. 41 –46; grundsätzlich zuvor Volker Perthes, Wie? 16 Vgl. Peter-Michael Sommer, Vernetzte Sicherheit –

Wann? Wo? Wie oft?, in: Internationale Politik, 62 Anspruch und Grenzen, in: Europäische Sicherheit, 58
(2007) 5, S. 16–21, hier: S. 20 f. (2009) 9, S. 15–19.

8 APuZ 48/2009
ein, aber auch dessen bedingten Verzicht. Ab- Afghanistan ist ein Lehrbeispiel dafür, was
zuverlangen sind dem Parlament jedoch klare gerade nicht versucht werden sollte: die mili-
Kriterien, deutsche Soldaten an bestimmten tärische Absicherung der Einführung eines
Einsätzen eben nicht zu beteiligen. Art. 26 Staatsmodells, das große Teile der dortigen
Abs. 1 GG über das Verbot der Vorbereitung Bevölkerung weder verstehen noch mittragen
und Beteiligung an Angriffskriegen bietet wollen. Eine frühzeitige Begrenzung der poli-
hier eine zeitlose Orientierung, wie auch das tischen Ziele auf humanitäre Hilfen und sta-
Friedensgebot der Präambel des Grundgeset- bile Verwaltungsstrukturen hätte den militä-
zes. Der Regierung ist auf der Grundlage des rischen Auftrag klug beschränken können. 17
vom Parlament beschlossenen Entsendegeset- In der gegenwärtigen Situation verbleibt der
zes wiederum aufgegeben, nur solche Ein- Bundeswehr kaum mehr als die Hoffnung,
sätze zu planen und dem Parlament zur Be- dass sie ihre Stellungen solange halten kann,
schlussfassung anzuvertrauen, in denen der bis ein beschleunigter Aufbau von Polizei
Bundeswehr ein völkerrechtlich legitimierter und Armee einen gefahrlosen Rückzug er-
und militärisch erfüllbarer Auftrag zugewie- möglicht. Die Entsendestaaten stehen deshalb
sen wird. Neben der Abwägung von Einsatz- in der Pflicht gegenüber der afghanischen Be-
dauer, Kosten, Umfang und Risiken impli- völkerung und ihren Soldaten, ihre Zusagen
ziert dies immer zugleich die Festlegung auf einzulösen, um größeren Schaden von der
Kriterien, unter denen der Einsatz beendet UNO und der gemeinsamen Mission abzu-
werden kann – oder notfalls rechtzeitig been- wenden. Der Afghanistan-Einsatz verpflich-
det werden muss. Kein bewaffneter Einsatz tet zum Erfolg, weil sein Scheitern unabseh-
darf als Dauerlösung in Betracht gezogen bare Konsequenzen für den Frieden und die
werden. Dies wäre weder dem Interesse an internationale Sicherheit hätte. Erfolg wird
einer selbsttragenden Friedensordnung vor aber nur möglich sein, wenn sich die Entsen-
Ort zuträglich, noch könnte hierfür mit dau- destaaten ihrer Friedensmission entsinnen
erhaftem innenpolitischen Rückhalt gerech- und endlich konkrete Meilensteine für den zi-
net werden. Es darf auch nicht den Einsatz- vilen Wiederaufbau setzen.
kräften zugemutet werden.
Keine Entscheidung über bewaffnete Ein-
Einsatzentscheidungen dürfen nicht aus- sätze sollte der Festlegung auf ein schlüssiges
schließlich auf militärischem Kalkül beruhen, politisches Gesamtkonzept vorauseilen. Wird
sie müssen aber die militärischen Möglichkei- das Primat der Politik beachtet, ist es an der
ten und Grenzen in Rechnung stellen. Bewaff- Politik, in Übereinstimmung mit dem
nete Einsätze benötigen eine klare politische Grundgesetz den Funktionszweck und die
Zweckbestimmung und sind dieser in allen Kriterien bewaffneter Instrumente zur
Phasen unterzuordnen. Die Operation selbst Durchsetzung ihrer Ziele zu artikulieren.
vollzieht sich zwar nach den Regeln völker- Nicht von ungefähr kommt insofern die For-
rechtlich abgesicherten Streitkräftehandelns, derung nach der Entwicklung einer „strategi-
dieses darf sich aber nicht gegenüber der poli- schen Kultur“ 18, die den „Wertewandel“
tischen Zweckbestimmung verselbständigen. deutscher Sicherheitspolitik reflektiert und
Unter Umständen ist politisch über einen be- den Einsätzen von Streitkräften ein sachliches
waffneten Einsatz rechtzeitig und konsequent Kalkül zu unterlegen versucht. Das Gebot
zu entscheiden, um das Entstehen einer huma- des Grundgesetzes, „dem Frieden der Welt
nitären Katastrophe zu vermeiden. Aber selbst zu dienen“, erscheint demgegenüber als der
in einem solchen Fall dürfen die Lage vor Ort ratsamere Wegweiser.
und die Streitkräfte nicht sich selbst überlas-
sen werden, bedarf es, nicht zuletzt im Inter-
esse der Soldaten, die ihr Leben riskieren,
einer verantwortlichen Politik, die den militä- 17 Vgl. auch Stefan Mair, Kriterien für die Beteiligung
rischen Beitrag zu einem friedenspolitischen an Militäreinsätzen, in: ders. (Anm. 6), S. 11–19, hier:
Gesamtkonzept steuert und hegt. Maßvolle S. 16.
Politik impliziert, auf die Entsendung von 18 Vgl. Joachim Krause, Die Zukunft der Bundeswehr

Soldaten zu verzichten, wenn ein militärischer in einer sich verändernden Welt, in: ders./Jan C. Ir-
Beitrag für das Gelingen eines Gesamtkon- lenkaeuser (Hrsg.), Bundeswehr – Die nächsten 50
Jahre, Opladen 2006, S. 11–37.
zepts nicht zu erwarten ist oder gravierende
Erfolgsrisiken erkennbar sind.

APuZ 48/2009 9
Klaus Naumann Bundesregierung, Anfang September einige
Vorschläge zu präsentieren. Seitdem wieder

Wie strategiefähig Schweigen. Wo bleibt ein deutscher


„McChrystal-Bericht“? 3 Welchen Beitrag

ist die deutsche


will Deutschland leisten, um den Einsatz
doch noch zu einem halbwegs guten Ende zu
bringen? Welche Vorstellungen hat die neue

Sicherheitspolitik? Bundesregierung zur angelaufenen Strategie-


diskussion in der NATO? Wie soll die Trans-
formation der Bundeswehr zu einer Einsatz-
armee – bei knappen Kassen – intelligent und

M anchmal zeigen sich die großen Pro-


bleme im unscheinbaren Detail. Wie
Teilnehmer versichern, schickt das Auswärti-
nachhaltig fortgeführt werden? – Der Katalog
offener Fragen ließe sich verlängern. Sie alle
bündeln sich in einer einzigen: Wie strategie-
ge Amt bisher keinen fähig ist die deutsche Sicherheitspolitik? 4
Vertreter zu lokalen
Klaus Naumann
Begräbnisfeierlichkei- Sicherheitspolitik
Dr. phil., geb. 1949; Historiker
ten für gefallene Bun-
und Mitarbeiter am Hamburger im strategischen Praxistest
deswehrsoldaten, ob-
Institut für Sozialforschung,
wohl das Amt die
Mittelweg 36, 20148 Hamburg. Eines der Kernprobleme der strategischen
Federführung über
klaus.naumann@his-online.de Stagnation deutscher Sicherheitspolitik be-
die Auslandsmissio-
nen wahrnimmt. Das steht darin, dass man allzu sehr auf die Kraft
ist nur ein Symptom für vielfältige Irritatio- „bewährter“ Verfahren vertraut. Vierzig Jahre
nen. Welcher politisch-institutionellen Logik lang ist man damit „gut gefahren“, warum
folgt die deutsche Sicherheitspolitik? Selbst sollte das auf einmal anders sein? Ein ver-
diese Grundfrage ist unklar. Der Aktionsplan wandtes Problem zeigt sich in der rezipieren-
„Zivile Krisenprävention“, 2004 von der den Literatur. Noch immer scheint die Er-
Bundesregierung verabschiedet, entwirft ein leichterung darüber, dass die Berliner Repu-
anspruchsvolles integriertes und ressortüber- blik trotz aller – gerade militär- und
greifendes Konzept „erweiterter“ Sicher- sicherheitspolitischen – Anpassungsleistun-
heitsvorsorge. Im Weißbuch des Verteidi- gen nicht „aus der Rolle gefallen“ ist, die
gungsministeriums, 2006 vorgelegt, wird Wahrnehmung zu trüben: Deutschland sei
dieses Konzept lediglich als „Baustein“ er- zum „Sicherheitsexporteur“ geworden, bleibe
wähnt. 1 Wenn der integrierte Ansatz doch aber um Ausgleich, Einbindung und Zivilität
nicht verlorengegangen sein sollte, so man- bemüht. Bei Lichte besehen zeigen sich je-
gelt es zumindest an Übersicht über die Er- doch gravierende – im Folgenden nur an zwei
gebnisse und Probleme der inzwischen seit Beispielen erörterte – Strategieprobleme.
fünfzehn Jahren betriebenen Auslandsein-
1 Bundesregierung, Aktionsplan „Zivile Krisenpräven-
sätze.
tion, Konfliktlösung und Friedenskonsolidierung“
(12. 5. 2004), online: www.auswaertiges-amt.de/diplo/
Ein berufener Beobachter urteilt, „wir sind de/Aussenpolitik/Themen/Krisenpraevention/Downlo
– vor allem wenn es um die Beteiligung der ads/Aktionsplan-De.pdf (20. 10. 2009); Bundesminis-
Bundeswehr ging – fast immer dorthin gegan- terium der Verteidigung (BMVg), Weißbuch zur Sicher-
gen, wo wir eigentlich nicht hingehen woll- heitspolitik Deutschlands (Oktober 2006), online:
ten“. 2 Eine regierungsoffizielle Evaluation www.bundeswehr.de/fileserving/PortalFiles/C1256EF
40036B05B/W26UYEPT431INFODE/WB_2006_dt_
der Einsätze hat es bisher nicht gegeben.
mB.pdf (20. 10. 2009).
Währenddessen steuert der Afghanistan-Ein- 2 Winrich Kühne, Interessen, Kriterien und Probleme
satz in eine ernste politische und Wirksam- deutscher Beteiligung an Friedenseinsätzen – Wann?
keitskrise. Die Obama-Administration unter- Wohin? Warum?, in: Die Friedens-Warte, 82 (2007) 1,
nimmt Anstrengungen zu einem „Strategie- S. 23 –40.
3 Vgl. Wolfgang Ischinger/Timo Noetzel, Afghanistan
wechsel“, die NATO-Partner begrüßen –
darf nicht scheitern, in: Frankfurter Allgemeine Zei-
Anfang April 2009 in Straßburg/Kehl – diese tung (FAZ) vom 12. 10. 2009.
Initiative. Seitdem herrscht Schweigen in der 4 Der Beitrag führt Überlegungen fort aus der Studie
deutschen Sicherheitspolitik. Erst der drama- des Autors: Einsatz ohne Ziel? Die Politikbedürftig-
tische Luftangriff bei Kunduz nötigte die keit des Militärischen, Hamburg 2008.

10 APuZ 48/2009
Zum einen nimmt der Grenznutzen des eta- trugen obendrein Vorbehalte und Einschrän-
blierten multilateralen Handlungsstils ab, kungen in die schließlich beschlossenen Ein-
zum anderen besteht ein lähmender Zwie- sätze hinein. 6 Die Effekte dieses Handlungs-
spalt über die Vereinbarkeiten von hard und stils waren dreifach. Der Legislative wurden
soft power in der Sicherheitspolitik. Beides Mandatierungen (gelegentlich unter Zuhilfe-
sind keine exklusiv deutschen Probleme, aber nahme der Vertrauensfrage) abgefordert, die
wenn man vor der eigenen Tür kehrt, zeigt regierungs- und bündnisintern nach langwie-
sich der Problemberg am deutlichsten. rigem und nur teilweise öffentlichem Tauzie-
hen zustande gekommen waren. Der Bundes-
In der Multilateralismusfalle. Für die deut- tag konnte sich der Zustimmung kaum mehr
sche Politik gibt es absehbar keine sinnvolle entziehen. Jedenfalls ließ das unter den Be-
Alternative zum multilateralen Handeln. Jen- dingungen eines „multilateralen Cäsarismus“
seits dieser Grundsätzlichkeit beginnen je- (P. Schmidt) erpresste Konsensverfahren für
doch die Probleme. In der Sicherheitspolitik strategische Diskussionen, vernetzte Aktio-
zeigten sie sich in einem reaktiven, defensiven nen oder langfristige Perspektiven keinen
und kurzatmigen Handlungsstil. 5 Aus der Raum mehr. Zweitens reduzierte dieses Ver-
Unterstellung, dass das, was gut für Europa, fahren die deutschen Beiträge gleichsam auto-
das Bündnis oder die Staatengemeinschaft sei, matisch auf den kleinstmöglichen Nenner,
auch mit den deutschen Interessen zusam- d. h., die Defensivität des Politikstils schrieb
menfalle, wurde unter der Hand eine politi- sich in die Auslegung der Missionen ein.
sche Selbstbindung konstruiert, die für Initia- Während die Programmaussagen der Sicher-
tiven wenig Raum ließ. Die von Bundeskanz- heitspolitik Prävention, Vorsorge und Früher-
ler Gerhard Schröder im Sommer 2002 in die kennung forderten, begnügte sich die Politik
Wahlkampföffentlichkeit getragene Absage mit Ad-hoc-Maßnahmen. So war dann drit-
an eine deutsche Beteiligung am Irakkrieg, tens die eigentümliche Situation zu besichti-
und zwar auch, wenn dieser UN-mandatiert gen, dass die deutsche Sicherheitspolitik an
sein sollte, musste vor diesem Hintergrund die Stelle einer strategischen Logik der Zwe-
wie ein Tabubruch wirken. Tatsächlich er- cke eine taktische Politik der Vorbehalte
füllte auch diese Geste die genannten Krite- setzte.
rien; sie erfolgte aus der Defensive, war von
keinen praktikablen Alternativvorschlägen Hard Power und/oder Soft Power? Die
begleitet und wurde auch nicht von flankie- deutsche Sicherheitspolitik steht, grundge-
rende Profilierungen (etwa in Afghanistan) setzlich verbürgt, unter Friedensgebot. Sie
ergänzt. richtet sich auf Kriegsverhinderung, Krisen-
dämpfung und Friedenskonsolidierung. Auch
In diesen und ähnlichen Konstellationen hier beginnen die Probleme jenseits dieser
entwickelten sich in den vergangenen Jahren Grundsätze. Handlungspraktische Fragen
regelmäßig sicherheitspolitische Spannungen, drängten sich auf, sobald Deutschland mit
wenn Erwartungen der Bündnispartner oder den Herausforderungen „robuster“, also ge-
seitens EU und UNO auf innenpolitisch mo- waltbewehrter und -ausübender Auslandsein-
tivierte Vorbehalte der deutschen Exekutive sätze konfrontiert wurde. Diese Konstellati-
und Legislative stießen. Auch wenn solche on entwickelte sich seit der zweiten Hälfte
Anfragen noch kaum die deutsche Öffent- der 1990er Jahre in zunehmendem Maße. 7
lichkeit erreicht hatten und um deren politi- Seitdem steht die strategische Frage im
sche Zustimmung zu dieser oder jeder Akti- Raum, wie die Sicherheitspolitik das Span-
vität gar nicht geworben worden war, nah- nungsverhältnis von militärischem Gewalt-
men die letzten beiden Bundesregierungen einsatz, Stabilisierungsmaßnahmen und Auf-
fast regelmäßig eine defensive Haltung ein, bauvorhaben balancieren will.
warteten internationale Anfragen ab – und
6 Musterfall war der Kongo-Einsatz 2005. Vgl. Peter

Schmidt, „Freiwillige vor!“ Bundeswehreinsatz im


5 Vgl. Markus Kaim, Deutsche Auslandseinsätze in Kongo – zur Dialektik einer Führungsrolle wider
der Multilateralismusfalle?, in: Stefan Mair (Hrsg.), Willen, in: Internationale Politik, (2006) 11, S. 68–77.
Auslandseinsätze der Bundeswehr (SWP-Studie 27/ 7 Vgl. Winrich Kühne, Warum bewaffnete Friedens-

07), Berlin 2007, S. 43–49; Peter Schmidt, Nationale missionen?, in: Hans J. Gießmann/Armin Wagner
Entscheidungsspielräume in der Europäischen Union (Hrsg.), Armee im Einsatz, Baden-Baden 2009, S. 33–
und den Vereinten Nationen, in: ebd., S. 50 –58. 45.

APuZ 48/2009 11
Am afghanischen Beispiel zeigte sich, wie Schwarzen Peter in Händen halten und sich
die deutsche Politik diesem Problem auswich, einmal mehr mit dem ungelösten Spannungs-
es mit Scheinlösungen fortschrieb und da- verhältnis von hard und soft power auseinan-
durch – möglicherweise – zur Gefährdung dersetzen müssen – nun aber unter noch un-
des Einsatzzieles beitrug. Zunächst flüchtete günstigeren Bedingungen. Während nämlich
sie in die – ihr angebotene – Zweiteilung die amerikanische Seite auch in der neuen Ein-
einer getrennten Mandatierung von Opera- satzdoktrin nicht genau zwischen Stabilisie-
tion Enduring Freedom (im Rahmen des ame- rungsoperationen und Kriegführung trennt
rikanischen war on terror) einerseits und der und auf der Fähigkeit zu full spectrum operati-
International Security Assistance Force (einer ons gegen einen – nach wie vor – als enemy be-
Stabilisierungsmission) auf der anderen Seite; zeichneten Opponenten besteht, zieht die
dann verschrieb sich Berlin, das sich mit der NATO-Doktrin einen dezidierten Trennstrich
Petersberger Konferenz 2002 stark für die af- zwischen peace operations und war fighting. 9
ghanische Sache engagiert hatte, einem auf Deutschland – anders als Frankreich, Großbri-
die Innenpolitik zugeschnittenen (zunächst tannien oder Kanada – besitzt keine Konzepti-
friedlichen) Stabilisierungsprojekt in Nord- on, sondern stützt sich auf die NATO-Doktrin
afghanistan; schließlich weigerte sich die poli- und bringt abweichende Vorstellungen – siehe
tische Einsatzführung lange Zeit, die sich ver- Multilateralismusfalle – auf dem Wege natio-
schärfende und auf Kampfeinsätze zulaufen- naler Einsatzbeschränkungen („caveats“ im
de Sicherheitslage zur Kenntnis zu nehmen, NATO-Sprachgebrauch) ein.
und entzog sich wiederholt den militärischen
Hilfsersuchen der im Süden und Osten statio- Konzeptionell ist die Politik auf die zivil-
nierten Bündnispartner; als die sich zuspit- militärischen Herausforderungen gut vorbe-
zende Destabilisierung nicht mehr zu leugnen reitet. Zudem steht die Bundeswehr in ihrer
war, begannen rhetorische Gefechte um die Führungs- und Einsatzphilosophie den Im-
Zulässigkeit von Bezeichnung wie „Gefal- plikationen eines Strategiewechsels, der auf
lene“, „Krieg“ oder „Kampfeinsatz“. Beglei- die Gewinnung der hearts and minds der af-
tet wurde der Prozess von Konflikten um ghanischen Bevölkerung zielt, sehr aufge-
Einsatzorte, Auftragsänderungen und militä- schlossen gegenüber. 10 Was der deutschen Si-
rische Zusatzleistungen (Tornados; AWACS), cherheitspolitik indessen fehlt, ist die institu-
die selbst die Verlegung von 40 Fernmeldesol- tionelle Einlösung jener Versprechen, die mit
daten oder die Bundeswehrbegleitung ausge- dem integrierten Ansatz eines erweiterten Si-
bildeter afghanischer Polizeikräfte in den cherheitskonzepts gegeben worden waren.
Süden zu einem Staatsakt werden ließen. Während die sicherheitspolitische Lageent-
wicklung nach strategischen Festlegungen,
Schritt für Schritt hat sich die deutsche Poli- realistischen Zielvorgaben, starken Legitima-
tik aus der OEF-Mission zurückgezogen. tionen, einem zweckgerechten Mitteleinsatz,
Doch obwohl das amerikanische Eingeständ- vertretbaren Zeithorizonten und operativer
nis, mit den desaströsen Effekten ihres war on Beweglichkeit verlangt, sorgen institutionelle
terror de facto die Afghanistan-Mission ge- Hemmschwellen für Blockaden. Kleinste
fährdet zu haben, der deutschen Haltung Veränderungen werden zur Kraftprobe. Einer
scheinbar Recht gibt, stürzt der amerikanische der Kernpunkte dabei ist die nicht ausgetra-
„Strategiewechsel“ 8 die deutsche Politik in
eine neue Zwickmühle. Denn sollte die Strate- 9 Zur amerikanischen Doktrin vgl. ebd.; ferner:

giewende in der NATO auf Gegenliebe sto- NATO Doctrine on Peace Support Operations (AJP-
ßen, wird auch die deutsche Sicherheitspolitik 3.4.1.) (2001) sowie NATO Doctrine on Civil-Military
Operations (AJP-9) (2003). Vgl. dazu Winrich Kühne,
gefordert sein. Doch darauf ist sie schlecht vor-
Peace Operations and Peacebuilding in the Trans-
bereitet. Durch einen transatlantischen Strate- atlantic Dialogue, ZIF Analysis, 8/2009, S. 6 ff., online:
giekonflikt wird sie binnen kurzem wieder den www.zif-berlin.org/fileadmin/uploads/analyse/dokum
ente/veroeffentlichungen/Kuehne_Peace_Operations_
8 Vgl. dazu U.S. Army, Field Manual 3–0 Operations Transatlantic_Dialogue_08_09.pdf (20. 10. 2009).
(Februar 2008), online: www.globalsecurity.org/mili 10 Vgl. Frank Baumgard, Zivil-militärische Zusam-

tary/library/policy/army/fm/3–0/index.html (20. 10. menarbeit der Bundeswehr, in: H.J. Gießmann/A.


2009); General McChrystal, COMISAF Initial Assess- Wagner (Anm. 7); kritisch Hans-Joachim Preuß, Zivil-
ment (30. 8. 2009), online: www.washingtonpost.com/ militärische Zusammenarbeit in Afghanistan. Eine
wp-dyn/content/article/2009/09/21/AR2009092100110. Zwischenbilanz, in: Zeitschrift für Außen- und Si-
html (20. 10. 2009). cherheitspolitik, 1 (2008) 1, S. 26 –35.

12 APuZ 48/2009
gene Spannung zwischen dem Einsatz von Beratungs- oder Analysezentrum nicht
hard und soft power. wahrgenommen. In den Ministerien domi-
niert Ressortdenken. Anreize (oder Sanktio-
nen!), die auf eine themenbezogene oder
Strukturelle Strategieblockaden strukturelle Integration zielen, gibt es nicht.
Das Non-Plus-Ultra ministerieller Koopera-
Die Ausgangsbedingungen der Sicherheitspo- tion besteht in der Festlegung der Feder-
litik werden noch unkomfortabler, wenn man führung, ansonsten beschränkt sich die Zu-
sich die strukturellen Blockaden vor Augen sammenarbeit auf horizontale Formen. Das
führt. Das 2000 von der rotgrünen Bundesre- Instrumentarium des Aktionsplans „Zivile
gierung vorgelegte „Gesamtkonzept Zivile Krisenprävention“ (Ressortkreis, Beirat) ist
Krisenprävention“ forderte eine „auf die je- nur unzureichend mit Vollmachten, Kapazi-
weilige Situation zugeschnittene politische täten und Ressourcen ausgestattet. Die
Gesamtstrategie“, welche die politischen „In- „Operationalität und Durchsetzungskraft“
strumente (. . .) verzahnt“. Zu dieser „Verzah- staatlicher Akteure lasse zu wünschen übrig,
nung“ haben der „Aktionsplan zivile Krisen- kritisierte der Beirat „Zivile Krisenpräven-
prävention“ (2004), das „Übersektorale Kon- tion“. 14
zept zur Krisenprävention“ des BMZ (2005)
sowie das „Weißbuch zur Sicherheitspolitik“ Vor diesem Hintergrund ist es wenig ver-
des BMVg (2006) weitere Beiträge geliefert. 11 wunderlich, dass das aktualisierte „Afghanis-
Freilich kann von einer „politischen Gesamt- tan-Konzept der Bundesregierung“ (Septem-
strategie“ nicht gesprochen werden. Es gibt ber 2008) 15 – verantwortet von den vier si-
Vorklärungen, Heuristiken, Mehrebenenan- cherheitsrelevanten Ministerien – nicht nur
sätze und Definitionen: Warum gelingt der keine Evaluation der Einsatz- und
Schritt zur expliziten Strategiebildung nicht? Aufbauleistungen bot, sondern auch in seiner
Strategy follows structure, antwortet die neu- Lageanalyse schon im Moment der Veröffent-
ere Policyforschung – der Teufel steckt in den lichung überholt war und in seinen Absichts-
institutionellen Strukturen. 12 Erhärten lässt erklärungen unpräzise blieb. Inbegriff struk-
sich diese Annahme, wenn man sich die Ar- tureller Unzulänglichkeiten, die bis heute auf
beitsweisen von Exekutive und Legislative die strategische Ebene der Einsatzführung
vor Augen führt. 13 durchschlagen, war das katastrophale Versa-
gen der deutschen (Innen-)Politik, der bereits
Das Kanzleramt spiegelt in seinen Abtei- 2002 verkündeten und dann 2007 an die EU
lungen die Ministerien, integriert diese aber abgegebene Rolle einer lead nation bei der af-
nur durch Staatssekretärsrunden und das ghanischen Polizeiausbildung gerecht zu wer-
Kabinett. Der Bundessicherheitsrat, der die den – obwohl die „Sicherheitsbereichsre-
relevanten Ministerien auf Kanzleramtsebe- form“ zu einem der erklärten Schwerpunkte
ne zusammenführt, wird als strategisches deutscher ziviler Krisenprävention gehört
und auch im Rahmen der militärischen Ein-
11 Vgl. Anm. 1 sowie Bundesregierung, Gesamt-
satzplanung mit an vorderster Stelle steht.
konzept „Zivile Krisenprävention, Konfliktlösung und
Die von Deutschland und von der EU formu-
Friedenskonsolidierung“, online: www.auswaertiges-
amt.de/diplo/de/Aussenpolitik/Themen/Krisenpraeve lierten Selbstverpflichtungen in der Polizei-
ntion/Grundlagen/Ueberblick.html (20. 10. 2009); ausbildung sind bis heute nicht realisiert wor-
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammen- den. Inzwischen führen sie aber – beispiels-
arbeit und Entwicklung (BMZ), „Übersektorales weise in der Nordregion – zu dramatischen
Konzept zur Krisenprävention, Konfliktbearbeitung Beeinträchtigungen der Sicherheitslage. 16
und Friedensförderung in der deutschen Entwick-
lungszusammenarbeit“ (Juni 2005), online: www.bmz.
de/de/service/infothek/fach/konzepte/konzept131.pdf 14 Vgl. Bericht und Stellungnahme des Beirats „Zivile

(20. 10. 2009). Krisenprävention“ zum 2. Umsetzungsbericht des


12 Vgl. Manuela Glaab, Strategie und Politik: das Fall- Aktionsplans, Berlin 2008.
beispiel Deutschland, in: Thomas Fischer u. a. (Hrsg.), 15 Das Afghanistan-Konzept der Bundesregierung

Die Strategie der Politik. Ergebnisse einer ver- (September 2008), online: www.bundesregierung.de/
gleichenden Studie, Gütersloh 2007, S. 103. Content/DE/__Anlagen/2008/09/2008– 09 – 23-brosch
13 Vgl. Cord Meier-Klodt, Einsatzbereit in der Krise? uere-afghanistan-konzept,property=publicationFile.
Entscheidungsstrukturen der deutschen Sicherheits- pdf (20. 10. 2009).
politik auf dem Prüfstand (SWP-Studie 34/02), Berlin 16 Zum Polizeieinsatz liegt ein nicht veröffentlichter

2002. Bericht des BMI und BMVg vor. Vgl. FAZ vom 23. 1.

APuZ 48/2009 13
Diese Blockadestrukturen werden auf Par- bundesdeutschen Militärpolitik. Strategie
lamentsebene nicht wirksam durchbrochen. wurde auf Bündnisebene entwickelt, und es
Hier herrscht das Ausschuss- und Unteraus- dauerte Jahre, ehe sich die deutsche Militärpo-
schusswesen; es fehlt eine sicherheitspolitische litik zu Formulierungen wie „Deutsches Stra-
Querschnittstruktur (wie sie im Aktionsplan tegisches Konzept“ (1966) aufschwang – und
angestoßen worden ist). Auch das Parlaments- auch das nur im internen Sprachgebrauch ver-
beteiligungsgesetz stellt kein Gegengewicht traulicher Dokumente. 18
dar, da es sich auf die Mandatierung der militä-
rischen Seite der Einsätze beschränkt und da- Die Folge davon war, dass es weder eine
durch – sozusagen gegen die besseren Absich- entwickelte strategic community gab noch die
ten der Abgeordneten – zur weiteren Margi- Selbstverständlichkeit öffentlicher strategie-
nalisierung der nichtmilitärischen (zivilen wie politischer Klärungen. 19 Die „strategische
staatlichen) Komponenten der Missionen bei- Kultur“ der alten Bundesrepublik zeichnete
trägt. Die jährliche Routine der Mandatsver- sich – paradox formuliert – dadurch aus, über
längerung, die sich weithin auf Kontingent- Strategie nicht zu reden. Wenn dies dennoch
stärken, Einsatzräume oder Einsatzmittel stattfand, musste es von engagierten Gegen-
(AWACS; Tornados) beschränkt, wird selten experten und sozialen Bewegungen – siehe
durch strategische Gedankengänge und Ziel- die Nachrüstungsdebatte der 1980er Jahre –
formulierungen unterbrochen. 17 Kurzum, der gleichsam erzwungen werden. Ein später Re-
erklärte Wille zur Strategie läuft sich in den flex dieser Ausgangslage besteht beispielswei-
institutionellen Strukturen tot. Deutschland se darin, dass man in der politikwissenschaft-
handelt berechenbar, aber es bleibt dramatisch lichen Literatur zu Fragen der deutschen
unter seinen Möglichkeiten. Außen- und Sicherheitspolitik noch heute
vergebens nach dem Stichwort „Strategie“
„Rückkehr“ der Strategie sucht oder nur dann fündig wird, wenn von
der NATO-Ebene die Rede ist. 20 Ein weite-
Die Formulierung der „Rückkehr“ des Strate- res Ergebnis dieser Entwicklungen war der
gieproblems wird hier in Anführungszeichen Verfall strategischen Denkens im Militär
gesetzt, um auf eine spezifische Problematik selbst. Während „Ausnahmepersönlichkei-
aus der Erbmasse der Bonner Republik auf- ten“ wie der Generalinspekteur Ulrich de
merksam zu machen. Gewiss fügte sich das Maizière oder der Reformer Wolf Graf Bau-
verteidigungspolitische Konzept der Kriegs- dissin beträchtliche Anstrengungen zur
verhinderung durch Abschreckung einem stra- Schärfung des strategischen Profils der Streit-
tegischen Kalkül ein. Nicht zu übersehen war kräfte unternahmen, führten strategische Stu-
hingegen, dass der Teilstaat Bundesrepublik als dien in der Generalstabsausbildung ein Schat-
Bündnispartner der NATO die strategische tendasein und verkamen zu operativ-takti-
Souveränität verloren hatte. Dafür gab es zwei schen Sandkastenübungen. 21
Gründe: In einer Konstellation weltweiter
Blockkonfrontation und atomarer Vernich- Diese Praxis wurde durch den paradigmati-
tungswaffen (über die die Bundesrepublik schen Wechsel der Politik nach 1990 von der
nicht verfügen durfte und wollte) war Landes- „(Landes-)Verteidigung“ zur „Sicherheit“ in
verteidigung aus eigener Kraft unmöglich ge- Frage gestellt. Es bedurfte einer knapp zehn-
worden. Zudem stand die Bundesrepublik aus jährigen Anlaufzeit, um nach ersten Vorstö-
Gründen ihres historischen Herkommens
18 Vgl. Klaus Naumann, Machtasymmetrie und Si-
unter Kuratel. Als einziger NATO-Mitglied-
cherheitsdilemma. Ein Rückblick auf die Bundeswehr
staat waren alle Verbände der Bundeswehr
des Kalten Kriegs, in: Mittelweg 36, 14 (2005) 6, S. 13–
dem Bündnis unterstellt; es gab kein strategi- 28.
sches Zentrum (vormals: Generalstab) der 19 Vgl. Kerry Longhurst, Germany and the Use of

Force, Manchester-New York 2004.


2009. Der Ertrag der deutschen Ausbildungs- 20 Vgl. etwa Bundesakademie für Sicherheitspolitik,

anstrengungen ist strittig, vgl. Stephan Löwenstein, Sicherheitspolitik in neuen Dimensionen, Hamburg
Interministerielle Entfremdung, in: FAZ vom 4. 12. 2006; Franz-Josef Meiers, Zu neuen Ufern? Die deut-
2008. sche Sicherheits- und Verteidigungspolitik in einer
17 Vgl. Timo Noetzel/Benjamin Schreer, Parlaments- Welt des Wandels, 1990–2000, Paderborn 2005.
vorbehalt auf dem Prüfstand. Anpassung der Kon- 21 Vgl. dazu Martin Kutz, Deutsche Soldaten. Eine

trollstrukturen erforderlich (SWP-Aktuell 10), Berlin Kultur- und Mentalitätsgeschichte, Darmstadt 2006,
2007. S. 220 ff., S. 242 ff.

14 APuZ 48/2009
ßen in der Ära des Verteidigungsministers rung, was unter „deutschen Interessen“ ver-
Volker Rühe dann unter Rotgrün zu Klärun- standen werden könne, und ebenso wertvoll
gen hinsichtlich der „erweiterten“ Struktur waren die im Zuge der heraufziehenden Af-
der Sicherheit, der Veränderung des Bundes- ghanistankrise formulierten Kriterienkataloge
wehrauftrags und der nachhaltigen Neuaus- für künftige Einsätze. Problematisch wurden
richtung der Steitkräftestruktur zu kom- solche Interventionen dann, wenn sie von den
men. 22 Gleichwohl blieb die strategische Rezipienten (oder ihren Autoren) als Ersatz-
Stelle der neuen Sicherheitspolitik leer. Ein vornahmen für das Strategieproblem gesehen
Blick ins „Weißbuch“ von 2006 führt das wurden. Aus Interessen oder Einsatzkriterien
deutlich vor Augen: Dort herrscht nachgera- folgen indessen keine zwingenden Hand-
de ein Problemuniversalismus weltweit mög- lungsoptionen. Angesichts der Diffusität der
licher wie akuter Risiken und Gefährdungen, Sicherheitslage, der Komplexität der Hand-
die jedoch nur durch die Versicherung zu- lungsmöglichkeiten und der Problematik, in
sammengehalten werden, diesen Herausfor- diesen Kontexten „vitale“, unmittelbar hand-
derungen gelte es, „dort zu begegnen, wo sie lungsrelevante Interessen zu bestimmen, sind
entstehen“. die besagten Kataloge und Aufzählungen
nicht mehr (aber auch nicht weniger) als heu-
Die deutsche Politik, so scheint es, ist drauf ristische Vorüberlegungen und rhetorische
und dran, in die selbst aufgestellte Sicherheits- Plausibilitätsgeneratoren. Strategien, strategi-
falle zu tappen. Sicherheit ist ein greedy para- sches Denken und Handeln, bestehen hin-
digm, ein Konzept von hoher Unbestimmt- gegen aus handlungsrelevanten, kontingen-
heit, schwieriger Zurechenbarkeit und kom- zfreundlichen und entscheidungsstarken
plexen Handlungsimplikationen. Schlechthin Syntheseleistungen. Genau das wird, wie die
alles und jedes kann zum „Sicherheitspro- Irritationen und Blockaden unterstreichen, an
blem“ werden oder in den Bann von Präven- der aktuellen deutschen Sicherheitspolitik
tionskalkülen geraten. Folgen wir den sozio- vermisst. Daher ist es kein Wunder, wenn in
logischen Überlegungen zum Sicherheitspara- jüngster Zeit der Ruf nach Strategie ertönt –
digma, signalisiert dieses zunächst nur das sowohl bei den Protagonisten eines neuen
„Leitbild beherrschbarer Komplexität“, ver- NATO-Strategiekonzepts wie bei den Kriti-
bleibt jedoch im Horizont eines „abstrakten kern der regierungsoffiziellen Maßnahmen
Programmbegriffs“, welcher der Konkretisie- zur Krisenprävention oder bei Politikanalyti-
rung und nicht zuletzt der geteilten Überzeu- kern. 24
gung bedarf, dieses oder jenes diene der Plau-
sibilisierung von Sicherheit. Niklas Luhmann Worum geht es beim strategischen Ge-
hat nüchtern konstatiert, Sicherheitsleistun- schäft in der Sicherheitspolitik? Das Strate-
gen bestünden darin, zumindest das Gefühl zu giekonzept, das im „erweiterten Sicherheits-
erzeugen, „als ob die Zukunft sicher wäre“. 23 begriff“ implizit mitschwingt, bezieht sich
Aus dieser Paradoxie des Sicherheitsparadig- auf die „Grand Strategy“, 25 auf ein strategi-
mas führt nur die Anstrengung der Definition sches Gesamtkonzept, das die Politik in den
und der Strategie heraus. Mittelpunkt stellt, zivilen Anstrengungen das
Hauptgewicht zuspricht, das Militär den po-
Was die Definitionsanstrengungen betrifft, litischen Zweckbestimmungen unterordnet
so hat die Sicherheitspolitik einige Fort- und im Zusammenhandeln ein Höchstmaß an
schritte gemacht. Unerlässlich war die Klä- Kohärenz erzeugen möchte. Wie grand diese

22 Vgl. die Verteidigungspolitischen Richtlinien des 24 Vgl. General a.D. Klaus Naumann, NATO, quo

BMVg von 1994 und 2003. vadis? Ansätze einer Grand Strategy für eine unsichere
23 Vgl. Franz-Xaver Kaufmann, Sicherheit: Das Leit- Welt. Vortrag für die Deutsch-Atlantische Gesell-
bild beherrschbarer Komplexität, in: Stephan Lesse- schaft, Bonn, 31. 5. 2008; Frank A. Stengel/Christoph
nich (Hrsg.), Wohlfahrtsstaatliche Grundbegriffe, Weller, Vier Jahre Aktionsplan „Zivile Krisenpräven-
Frankfurt/M.-New York 2003, S. 73 –104; Niklas tion“ – war das alles?, in: GIGA Focus, (1998) 11, on-
Luhmann, Sicherheit und Risiko aus der Sicht der So- line: www.giga-hamburg.de/dl/download.php?d=/con
zialwissenschaft, in: 4. Akademie-Forum, Die Sicher- tent/publikationen/pdf/gf_global_0811.pdf (20. 10.
heit technische Systeme. Vorträge der Rheinisch West- 2009); grundlegend Joachim Raschke/Ralf Tils, Politi-
fälischen Akademie der Wissenschaften, Opladen sche Strategie. Eine Grundlegung, Wiesbaden 2007.
1987, S. 63–66; Ekkehard Lippert u. a. (Hrsg.), Sicher- 25 Vgl. Hew Strachan, The Lost Meaning of Strategy,

heit in der unsicheren Gesellschaft, Opladen 1997. in: Survival, 47 (2005) 3, S. 33 –54.

APuZ 48/2009 15
Strategie indessen realistischer Weise sein einer entwickelten Strategiefähigkeit auf
kann (und sein sollte), ist umstritten. Zumin- gesicherter institutioneller Basis. 27
dest drei Faktoren sind zu benennen, die in
Rechnung gestellt werden sollten.
Strategierelevante
1. Strategisches Handeln ist Prozesshandeln, Korrekturmöglichkeiten
das zielbewusst, zeitoffen und korrekturfä-
hig bleiben muss. Sowohl die Genese stra- Strategiefähigkeit braucht kein master mind,
tegischer Entwürfe wie ihre Umsetzung er- sondern die Ausbildung zu strategischem
fordern klare Zuständigkeiten und steue- Denken und die Etablierung strategiefreund-
rungsfähige Führungsstrukturen, müssen licher Institutionen. Aus den laufenden Dis-
aber kontingenzfreundlich ausgelegt sein, kussionen sollen hier einige Vorschläge vor-
interne Abstimmungen ermöglichen und gestellt werden. 28
öffentliche Legitimationen erwirtschaften.
1. Die Bundesregierung sollte einen jährli-
2. Alle strategischen Akteure sind mit der chen sicherheitspolitischen Bericht als
Mehr-Ebenen-Problematik der Umset- Leitliniendokument erstellen lassen, der
zung strategischer Konzepte konfrontiert. von der Kanzlerin bzw. vom Kanzler in
Das BMZ hat einen „Multi-Track-Ansatz“ einer Regierungserklärung präsentiert
der Entwicklungszusammenarbeit formu- wird. Dieser Bericht sollte die Lage analy-
liert, der die erste politische und militäri- sieren, das Erreichte bilanzieren und
sche Führungsebene von einer zweiten Handlungsperspektiven und -prioritäten
Ebene der zivilen und administrativen für das laufende Jahr entwerfen. Das
Führungseliten bzw. Organisationen könnte Anstoß für strategische Selbstver-
(NGOs usw.) unterscheidet und dem auf ständigungen, öffentliche Legitimationsbe-
der dritten Ebene (grassroot) „Multiplika- schaffung und die Entwicklung einer stra-
toren in Staatsapparat und Zivilgesell- tegischen Öffentlichkeit sein. Hier würde
schaft“ hinzufügt. Das Kohärenzproblem sich Gelegenheit bieten, zur Diskussion
strategischen Handelns besteht nicht zu- über ein neues strategisches Konzept der
letzt darin, diese drei Ebenen durch Koor- NATO oder zu den Auslandsmissionen
dination und Kooperation zu verbinden. Stellung zu nehmen und den deutschen
Berücksichtigt man, dass auf allen drei Beitrag zu profilieren.
Ebenen unterschiedliche Akteurskonstel-
lationen, Interessen, Realitätsdeutungen 2. Aus aktuellen Gründen ist es dringend ge-
und daher „Logiken“ konkurrieren, be- boten, die Führungsstrukturen des Afgha-
kommt man einen Eindruck, wie schwer nistan-Einsatzes zu bündeln und aus dem
die Kohärenzforderung einzulösen ist. 26 Nebeneinander von einem – bislang unen-
gagierten – Kanzleramt, dem federführen-
3. Daher ist es angeraten, die Erwartungen den Außenamt (mit einem inzwischen
an Kohärenz und Integration nicht zu schon wieder unsichtbaren Sonderbeauf-
übersteigern. An Stelle des Rufs nach tragten) und den nicht eben eindeutigen
immer neuen Koordinationsstrukturen, militärischen Führungsstrukturen heraus-
welche die Gefahr wuchernder Bürokra- zuführen. Der langfristige Effekt könnte
tien, zusätzlicher Komplikationen und
neuer Formelkompromisse bergen, scheint 27 Vgl. W. Kühne (Anm. 9), S. 34 ff.
es sinnvoller, nach Formen eines manage-
28 Vgl. Peter Croll/Tobias Debiel/Stephan Klingebeil,
Plädoyer für eine integrative deutsche Sicherheits-
ment of diversity zu suchen, das auf der
strategie, Bonn-Duisburg, April 2007; Peter Croll u. a.,
Basis einer unity of purpose die Kräfte Memorandum zur Bundestagswahl 2009: Ge-
konzentrisch bündelt. Dazu bedarf es waltkonflikten vorbeugen: sichtbarer – wirksamer –
handlungsfähiger, August 2009; Winfried Nachtwei,
Viel beschworen, wenig bekannt: Zivile Krisenpräven-
26 Vgl. BMZ, Übersektorales Konzept, S. 10f.; weiter- tion (Stand: März 2008), online: www.nachtwei.de
führend Klaus Schlichte/Alex Veit, Coupled Arenas: (20. 10. 2009); Bundesakademie für Sicherheitspolitik
Why state-building is so difficult, Working Papers (BAKS), Seminar für Sicherheitspolitik 2007: Asym-
Micropolitics, (2007) 3, online: www.ipw.ovgu.de/in metrien als Herausforderung. Rahmenkonzept für eine
ipw_media/schlichte/mikropolitik/03_07_Coupled_Ar ressortübergreifende Sicherheitspolitik, Berlin, Juni
enas.pdf (20. 10. 2009). 2007.

16 APuZ 48/2009
darin liegen, aus dem aktuellen Fall Folge- Hans-Joachim Reeb
rungen für eine integrierte politische Füh-
rung der Auslandsmissionen zu entwi-
ckeln, die dem Umfang der Ziele und Auf-
gaben gerecht wird.
Die „neue“
3. Ergänzt werden sollte das auf Parlaments-
ebene durch eine Ausweitung der Einsatz-
Bundeswehr
mandate über den militärischen Horizont
hinaus. Es bleibt zu prüfen, ob der Bun-
destag einen speziellen (Querschnitts-)
D ie Bundeswehr hat sich durch die Aus-
landseinsätze stark verändert. Es kann
jedoch nur noch ein kleiner Teil der derzeit
Ausschuss für Auslandsmissionen einrich-
aktiven Soldatinnen
ten oder einem Unterausschuss zur Zivilen
und Soldaten aus eige- Hans-Joachim Reeb
Krisenprävention entsprechendes Gewicht
nem Erleben die mar- Dr. phil., geb. 1955; Lehrbeauf-
verleihen sollte. Der indirekte Effekt wäre
kanten Unterschiede tragter an der Helmut-Schmidt-
eine Stärkung des Primats der (parlamen-
zur „alten“ Bundes- Universität. Universität der Bun-
tarischen) Politik.
wehr erkennen. Weni- deswehr Hamburg, Postfach
ger als 20 Prozent von 70 08 22, 22008 Hamburg.
4. Dringend notwendig sind unabhängige
ihnen traten ihren reeb@hsu-hh.de
Evaluierungsmaßnahmen hinsichtlich der
Dienst vor 1990 an.
Umsetzung des Arbeitsplans Zivile Kri-
Für die Mehrheit der Militärangehörigen ist
senprävention, des Verlaufs und Ergebnis-
die „neue“ Bundeswehr zur Selbstverständ-
ses der inzwischen 15-jährigen Praxis der
lichkeit geworden.
Auslandseinsätze sowie der Bilanzierung
der Transformation der Bundeswehr zu
Ausschlaggebend für die Veränderungen ist
einer Einsatzarmee. Eine der Folgewir-
der sicherheitspolitische Wandel der vergan-
kungen solcher Bestandsaufnahmen im
genen beiden Jahrzehnte. Die Militärge-
Bereich „Sicherheit“ könnte sein, dass das
schichte registriert seit Mitte der 1990er Jahre
Auswärtige Amt und das Verteidigungsmi-
eine Transformation in den westlichen Streit-
nisterium enger zusammenrücken, so dass
kräften, die eine Antwort auf Herausforde-
ein künftiges Weißbuch endlich unter ge-
rungen durch die „neuen Kriege“ (H. Münk-
meinsamer Regie erstellt und präsentiert
ler) geben will. 1 Es lässt sich aber kein Schlüs-
werden könnte.
seldokument benennen, durch das dieser
paradigmatische Wandel eingeleitet worden
5. Wer strategische Kompetenz und Hand-
wäre. Anders als 1950, als die richtungweisen-
lungsfähigkeit entwickeln will, muss dar-
de „Himmeroder Denkschrift“ die Erwartung
über nachdenken, wie das unentschlossene
aussprach, dass etwas „Neues zu schaffen“
und untergewichtige Nebeneinander von
sei, 2 hat sich seit dem 3. Oktober 1990 ein
Bundessicherheitsrat und dem Ressort-
eher schleichender Prozess in der deutschen
kreis Zivile Krisenprävention aufgelöst
Militärpolitik vollzogen. Die meisten der seit-
werden kann zugunsten einer (oder doch
dem durchgeführten Auslandseinsätze ent-
zweier?) lenkungsfähigen, ressourcenstar-
standen aus nicht vorhersehbaren Krisenver-
ken und finanziell aktionsfähigen Instan-
läufen und mussten kurzfristig entschieden
z(en) oder Task Group(s). Auf dieser
und geplant werden. Mittlerweile weisen wis-
(Stabs-)Ebene wäre beispielsweise das
senschaftliche Analysen auf die verschiedenen
jährliche Leitliniendokument zur Sicher-
Facetten der Auslandseinsätze hin. 3
heitspolitik vorzubereiten. Der Ort dieser
Instanzen liegt demnach im Kanzleramt. 1 Vgl. Rolf-Dieter Müller, Militärgeschichte, Köln-

Weimar-Wien 2009, S. 355.


2 Vgl. Hans-Jürgen Rautenberg/Norbert Wiggers-

haus, Die „Himmeroder Denkschrift“ vom Oktober


1950. Politische und militärische Überlegungen für ei-
nen Beitrag der Bundesrepublik Deutschland zur
westeuropäischen Verteidigung, Karlsruhe 1977.
3 Vgl. zuletzt Sabine Jaberg u. a. (Hrsg.), Auslands-

einsätze der Bundeswehr. Sozialwissenschaftliche


Analysen, Diagnosen und Perspektiven, Berlin 2009.

APuZ 48/2009 17
Staatliche Institutionen wie die Bundeswehr fen, weiterhin globale soziale (z. B. Armut)
lassen sich nach ihrem Auftrag und den Moda- und ökologische Probleme (z. B. Wasser-
litäten zur Auftragserfüllung beschreiben. knappheit, Klimawandel) zugerechnet. Krisen
Dazu dient hier als Strukturierungsmuster die können nicht nur durch staatliche Regime,
für die Konzeption Innere Führung vorge- sondern besonders auch durch private Gewalt-
schlagene Unterscheidung in die Aspekte der akteure verursacht werden, die territorial nicht
Legitimation (des militärischen Handelns) und eindeutig identifizierbar sind, aber große me-
der Integration (in Staat und Gesellschaft) ei- diale Aufmerksamkeit erzielen.
nerseits sowie der Organisation und der Moti-
vation (der Soldaten) andererseits. 4 Entlang Diese Risiken zeigen, wie verflochten und
dieser vier Funktionsbereiche sollen die Aus- verwundbar die zivilisatorischen, ökonomi-
prägungen einer „Armee im Einsatz“ anhand schen und informationellen Bereiche der Ge-
der bekannten Tatsachen und Merkmale re- sellschaft geworden sind. Sie korrespondieren
konstruiert und analysiert werden. mit neuen Konzepten eines „umfassenden“
oder „vernetzten“ Sicherheitsbegriffs. Sicher-
Neuer Auftrag heit muss demnach mit diplomatischen, politi-
schen und notfalls auch militärischen Mitteln
Für westliche Demokratien gilt, dass Aufstel- garantiert werden. Dazu ist aber nicht mehr
lung, Ausgestaltung und Einsatz ihrer Streit- nur allein ein Staat in der Lage, vielmehr ist
kräfte gegenüber der Bevölkerung gut begrün- eine kooperativ handelnde Gemeinschaft von
det sein müssen. Der Prozess der Legitimie- Allianzen und Bündnissen notwendig. Auf-
rung führt im Idealfall zur gesellschaftlichen grund seiner multilateralen Ausrichtung und
Legitimität, die sich in Umfragen als Akzep- Exportabhängigkeit kommt dem wiederver-
tanz messen lässt sowie in einem ethisch fun- einten Deutschland eine größere internationale
dierten Diskurs niederschlagen muss. Auf- Verantwortung zu. Es besteht in der deutschen
grund ihres Gewaltpotenzials werden die Politik eine große Übereinstimmung, dass
Streitkräfte außerdem umfassend in staatliche folglich Beiträge aufgrund dieses Sicherheits-
und gesellschaftliche Strukturen integriert. verständnisses geleistet werden müssen – auch
mit militärischen Mitteln.
Legitimation von Streitkräften in einer glo-
balisierten Welt. Die Begründungen für eine Das hat Auswirkungen auf den Auftrag der
Transformation der Bundeswehr leiten sich Bundeswehr. Seit Anfang der 1990er Jahre
aus neuen Bedrohungen ab und aus einem ver- engagieren sich deutsche Soldaten in Einsät-
änderten Verständnis von Sicherheit, um die- zen unterschiedlicher Art und Intensität, u. a.
sen Bedrohungen zu begegnen. 5 Die Risiken in Kambodscha (1992), Somalia (1993), Bos-
in Zeiten des Kalten Krieges erschienen kalku- nien-Herzegowina (seit 1995), dem Kosovo
lierbar, da der Gegner, seine Ziele und Poten- (seit 1999) und Afghanistan (seit 2001), später
ziale weitgehend bekannt waren. Die interna- in Afrika (Kongo 2003, 2006; Sudan 2007; vor
tionale Staaten- und Gesellschaftswelt ist un- Somalia 2009) und im Nahen Osten (seit
berechenbarer geworden. Eine Vielzahl an 2006). 6 Aktuell befinden sich rund 7800 Sol-
globalen Problemen greift ineinander und daten an einem Dutzend von Einsatzorten.
kann sich zur Gefahr für die Sicherheit des ei- Diese Entwicklung wurde aber erst 2004
genen Landes ausweiten. Diesem Gefähr- durch einen neu formulierten Auftrag kon-
dungspotenzial werden aus westlicher Sicht zeptionell nachvollzogen: „Die Bundeswehr
die durch Staatszerfall begünstigten „neuen ist Instrument einer umfassend angelegten,
Kriege“ und der internationale Terrorismus, vorausschauenden Sicherheits- und Verteidi-
die Proliferation von Massenvernichtungswaf- gungspolitik und hat den Auftrag, die außen-
politische Handlungsfähigkeit Deutschlands
4 Die Konzeption Innere Führung nimmt die Außen- zu sichern, einen Beitrag zur Stabilität im
beziehungen zur Politik und Gesellschaft (Streitkräfte europäischen und globalen Rahmen zu leis-
in der Demokratie) und die militärischen Binnen- ten, die nationale Sicherheit und Verteidigung
beziehungen (Demokratie in den Streitkräften) in den
Blick, vgl. Hans-Joachim Reeb/Peter Többicke, Lexi-
kon Innere Führung, Regensburg 20033. 6 Vgl. Sven Bernhard Gareis, Deutsche Soldaten in al-
5 Vgl. Bundesministerium der Verteidigung (BMVg), ler Welt. Internationale Bundeswehreinsätze als Ins-
Weißbuch 2006 zur Sicherheitspolitik Deutschlands trument der Außen- und Sicherheitspolitik Deutsch-
und zur Zukunft der Bundeswehr, Berlin 2006, S. 20 ff. lands, in: Politische Bildung, 42 (2009) 2, S. 47 ff.

18 APuZ 48/2009
zu gewährleisten und zur Verteidigung der gering war, die Grundgesetzartikel zur Bun-
Verbündeten beizutragen, die multinationale deswehr der veränderten Sicherheitslage an-
Zusammenarbeit und Integration zu för- zupassen. Den fehlenden politischen Willen
dern.“ 7 In der „Konzeption der Bundes- musste das Bundesverfassungsgericht durch
wehr“ wird deutlich gemacht, wo künftig der sein Urteil vom 14. Juli 1994 ersetzen. Das
Schwerpunkt liegt: „Einsätze zur internatio- höchste Gericht erteilte die rechtliche Legiti-
nalen Konfliktverhütung und Krisenbewälti- mation von Militäreinsätzen unter der Bedin-
gung – einschließlich des Kampfes gegen den gung einer vorherigen parlamentarischen Zu-
internationalen Terrorismus – sind für deut- stimmung. Das Parlamentsbeteiligungsgesetz
sche Streitkräfte auf absehbare Zeit die wahr- setzte diese Vorgaben allerdings erst 2005 um.
scheinlicheren Aufgaben und beanspruchen Mit diesen Regelungen konnte die Politik
die Bundeswehr in besonderem Maße.“ 8 leben, wenngleich Lücken bleiben bzw. Pro-
bleme nicht gelöst sind.
Dieser Auftrag kommt einem „Funktions-
und Legitimationswandel“ (A. Geis) der Grundsätzlich spiegelt der zentrale Begriff
Streitkräfte gleich, denn die bisherige Begrün- der „Verteidigung“ in Art. 87a GG als Defi-
dung, durch Verteidigungsfähigkeit und -be- nition des Auftrags der Bundeswehr die Rea-
reitschaft vor einem militärischen Angriff auf litäten nicht mehr wider. Das zeigt sich in
das eigene Land abzuschrecken, tritt deutlich dem Streit, ob die Lage in Afghanistan als
in den Hintergrund. Die seit 1990 geführte Le- Krieg bezeichnet werden kann. Befürchtet
gitimationsdebatte belegt rückschauend die wird nämlich, dass dann auch in Deutschland
Zögerlichkeit der deutschen Politik, diese ver- vom Verteidigungsfall (Art. 115a GG) mit
änderten Realitäten umzusetzen, und zeigte seinen weit reichenden Konsequenzen für die
lange Zeit ein mentales Festhalten an der über- Arbeit der Verfassungsorgane ausgegangen
holten Verteidigungsidee des Kalten Krieges. werden müsste. Die Anwendung des deut-
schen Rechts unter Friedensbedingungen
Integration der Bundeswehr in Staat und spüren die Soldaten in Afghanistan: Sie befin-
Gesellschaft. Die als „Wehrverfassung“ be- den sich beim Kampf gegen Aufständische in
zeichnete Integration der Bundeswehr in das einer außergewöhnlichen Situation, werden
Staatsgefüge galt als Kernelement der Refor- (straf-)rechtlich aber wie Polizisten auf Ver-
men bei der Wiederbewaffnung Mitte der brecherjagd behandelt. Ein zweites Problem
1950er Jahre. Dem gingen heftige und leiden- ergibt sich für das exekutive Handeln aus
schaftliche Debatten voraus, weil zu Recht dem Parlamentsvorbehalt, müssten Streit-
die Lehre aus der unheilvollen Vergangenheit kräfte in der Wahrnehmung von Bündnisver-
gezogen wurde, das Militär innerhalb der pflichtungen ad hoc bereitgestellt werden.
Staatsorganisation einzuhegen. Von nicht we- Deutschland hat einerseits der NATO Re-
niger Auseinandersetzungen wurden die mit sponse Force (NRF) und andererseits den EU-
der „Notstandsverfassung“ von 1968 ins Battlegroups schnell verfügbare Truppen zu-
Grundgesetz eingefügten Ergänzungen der gesagt. In Fällen sofortiger Reaktion wird die
Wehrverfassung begleitet. 9 Exekutive durch die derzeitigen verfassungs-
rechtlichen Regelungen behindert. Schließlich
Vor diesem Hintergrund erscheint es ver- steht eine eindeutige Klarstellung im Grund-
ständlich, dass bisher das politische Interesse gesetz aus, inwiefern die Bundeswehr zur
Abwehr von terroristischen Bedrohungen im
Inland eingesetzt werden kann bzw. soll. 10
7 BMVg, Verteidigungspolitische Richtlinien, Berlin

2003, S. 27
8 BMVg, Konzeption der Bundeswehr (KdB), Berlin
Eine Ursache, die veränderten Bedrohun-
2004, S. 14 f. gen und den neuen Auftrag der Bundeswehr
9 Als wichtige Elemente gelten neben dem Friedens- nicht deutlich, sondern nur interpretativ im
gebot die weit reichenden Budget- und Kontrollrechte Grundgesetz abbilden zu können, liegt in
des Bundestags, der Oberbefehl im Frieden beim Bun- parteipolitischen Rücksichtnahmen gegen-
desminister der Verteidigung, die abschließende Er- über der Bevölkerung. Politiker meinen, be-
wähnung der Aufgaben der Bundeswehr im Grund-
gesetz, d. h. Einsatz im Innern nur zur Amtshilfe, im
Katastrophenfall und bei größeren Aufständen, Geltung 10 Den Gesetzentwurf der Bundesregierung vom

der Grundrechte der Soldaten bei ausschließlich funk- 2. 10. 2008 (Änderung von Art. 35 GG) wollte die SPD
tionaler Einschränkbarkeit aufgrund eines Gesetzes. später nicht mehr mittragen.

APuZ 48/2009 19
stimmte „rote Linien“ beim Einsatz der scheidungsprozesse verständlicher in die Öf-
Bundeswehr nicht überschreiten zu dür- fentlichkeit gebracht werden. Umstritten ist,
fen. 11 Die Bundeswehr erfährt, in Umfragen ob eine gesellschaftliche Verankerung der
gemessen, als Institution eine hohe öffentli- neuen Bundeswehr noch über die Wehrpflicht
che Akzeptanz. Die Zustimmung zu einzel- garantiert werden kann. Weniger als 20 Pro-
nen Aufgaben nimmt aber mit zunehmen- zent aller jungen Männer eines Geburtsjahr-
dem Grad des militärischen Engagements ab. ganges rücken in die Streitkräfte ein. 13
Die mittlerweile als Kampfeinsatz wahrge-
nommene ISAF-Mission in Afghanistan wird
nur noch von rund 40 Prozent der Bürgerin- Auftragserfüllung
nen und Bürger unterstützt. 12 Darin spiegelt
sich die seit Ende des Zweiten Weltkriegs Die Streitkräfte sind Teil einer staatlichen Or-
ausgeprägte „Kultur der Zurückhaltung“ in ganisation, die einen politisch legitimierten
der deutschen Bevölkerung wider, mit der und gesellschaftlich akzeptierten Auftrag er-
eine prinzipielle Abneigung gegenüber dem folgreich erfüllen können muss. Ungenü-
Kriegerischen in der Außenpolitik dokumen- gende Effizienz beeinträchtigt deshalb die
tiert wird. Andererseits honorieren die Deut- Legitimation und Integration der Streitkräfte
schen solche Streitkräfte, die bei Katastro- gleichermaßen. Neben den Ressourcen, In-
phen und beim Wiederaufbau von zerfallen- strumenten und Strukturen der Organisation
den Staaten helfen. Bundeswehr ist die Motivation der Soldaten
bei der Auftragserfüllung zu betrachten.
Die Integration in die Gesellschaft leidet
nicht nur auf der Werte-, sondern mehr noch Organisation Bundeswehr. Die Bundesre-
auf der Verhaltensebene. Durch die Halbie- gierung setzte bereits 1999 die Experten-
rung der Streitkräfte und die Reduzierung Kommission „Gemeinsame Sicherheit und
von Standorten bei gleichzeitiger Vergröße- Zukunft der Bundeswehr“ unter Leitung von
rung des Bundesgebietes werden nur noch Bundespräsident a.D. Richard von Weizsä-
wenige Familien direkt mit der Bundeswehr cker ein, um eine „Erneuerung der Bundes-
konfrontiert. Die meisten Bürger nehmen das wehr von Grund auf“ einzuleiten. 14 Die am
Militär ausschließlich in der Medienberichter- 23. Mai 2000 vorgelegten weit reichenden
stattung wahr, so dass kein authentisches, Empfehlungen kamen nicht zum Tragen. 15
sondern mehr ein selektives Bild von den Erst mit den Verteidigungspolitischen Richt-
Streitkräften entsteht. Die neue Bundeswehr linien vom 21. Mai 2003 leitete Verteidigungs-
ist in der öffentlichen Wahrnehmung kein minister Peter Struck die Transformation der
„Gemeinschaftsgut“, gegenüber dem sich alle Bundeswehr ein. Die Streitkräfte sollten
Bürger verpflichtet fühlen, sondern immer künftig in Umfang, Struktur und ihren Fähig-
mehr eine „staatliche Dienstleistungsagen- keiten auf „die wahrscheinlicheren Aufgaben
tur“. Der Trend zur „Verstaatlichung des Mi- der internationalen Konfliktverhütung und
litärs“ (E. Wiesendahl) ist unverkennbar. Krisenbewältigung und gegen den Terror“ 16
ausgerichtet werden. Dazu erließ Struck am
Eine stärkere Verankerung in der Gesell- 9. August 2004 das Planungspapier „Konzep-
schaft wird dadurch erschwert, dass außerhalb tion der Bundeswehr“ (KdB) als Grundlage
von Fachkreisen keine nachhaltige sicherheits- für weitere militärinterne Vorgaben. „Ziel der
politische Debatte geführt wird. Als Ergebnis Transformation der Bundeswehr ist die Ver-
einer solchen Diskussion wäre eine Sicher- besserung ihrer Einsatzfähigkeit. Um dieses
heitsstrategie zu erwarten, in der die grundle- 13 Vgl. die genauen Daten in der Antwort der Bun-
genden außenpolitischen Interessen und die
desregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Die
Grundsätze zum Einsatz von Streitkräften auf- Linke, in: BT-Drs. 16/12522 vom 26. 3. 2009.
geführt wären. Auf jedem Fall müssten die 14 Vgl. Bericht der Kommission „Gemeinsame Si-

undurchsichtigen sicherheitspolitischen Ent- cherheit und Zukunft der Bundeswehr“ vom 23. 5.
2000, S. 11.
15 Verteidigungsminister Rudolf Scharping ließ sich
11 Vgl. Franz-Josef Meiers, Die roten Linien der Si- vom Generalinspekteur der Bundeswehr ein zweites
cherheitspolitik, in: Österreichische Militärische Zeit- Papier vorlegen, folgte aber letztlich einer durch den
schrift, 45 (2007) 3, S. 291 ff. Planungsstab unter Leitung von General Harald Kujat
12 Vgl. Infratest dimap, ARD-DeutschlandTrend Ex- ausgearbeiteten Konzeption.
tra, September 2009. 16 BMVg (Anm. 7), S. 13.

20 APuZ 48/2009
Ziel zu erreichen, sind die Aufgaben, Fähig- industriepolitische Einflüsse verhinderten
keiten und Ausrüstung mit den verfügbaren bisher eine stringente und umfassende
Finanzmitteln in einem bundeswehr- und Ausrüstung der Truppe mit geeigneten Waf-
streitkräftegemeinsamen Ansatz zu synchro- fensystemen und moderner Technologie. In
nisieren. Alles, was dem nicht dient, ist nach- das öffentliche Blickfeld rücken immer wie-
rangig.“ 17 Weiterer Handlungsdruck ergab der die Probleme des europäischen Luftfahrt-
sich aus der Beteiligung an den neuen Struk- unternehmens EADS, das geplante Trans-
turen in NATO und EU. portflugzeug A400M wie bestellt herzustellen
und an die Luftwaffe liefern zu können, des
Die zahlreichen Ressortentscheidungen Weiteren das Fehlen von Hubschraubern
und Teilkonzeptionen konnten bisher nur (NH90, Tiger) oder die Umrüstung der Bun-
sehr unterschiedlich umgesetzt werden. Au- deswehr auf ein neues IT-System (Herkules).
ßerdem wird Transformation als Gestaltung Die neue Bundeswehr kann trotz Ansätzen
eines fortlaufenden, vorausschauenden An- zur „vernetzten Operationsführung“ noch
passungsprozesses verstanden, der an keinem lange nicht an eine Hightech-Armee wie die
„Endpunkt“ ankommt. Deutliche Lücken der USA heranreichen.
zwischen Anspruch und Wirklichkeit sind
weiterhin vorhanden. 18 Wesentlich weiter fortgeschritten ist die ein-
geleitete neue Struktur der Streitkräfte. Das
Planungsabsichten zum Umbau der Bun- Weißbuch 2006 gibt eine Soll-Stärke von
deswehr stehen unter dem Vorbehalt parla- 252.500 Soldaten an. Hierbei gehören 35.000
mentarischer Entscheidungen, denn die zah- Soldaten zu den Einsatzkräften, die innerhalb
lenmäßige Stärke der Streitkräfte und die kurzer Zeit für friedenssichernde Kampfein-
Grundzüge ihrer Organisation müssen sich sätze zur Verfügung stehen sollen, davon
gemäß Art. 87a Abs. 1 S. 2 GG aus dem Haus- 15.000 für die NRF und 18.000 für die EU-
haltsplan ergeben. Der Verteidigungshaushalt Battlegroups. Weitere 70.000 Soldatinnen und
beträgt 2009 – einschließlich der Leistungen an Soldaten gehören zu den Stabilisierungskräf-
die Versorgungsempfänger – 31,2 Milliarden ten, von denen planerisch an die 20 Prozent für
EUR. Gegenüber 1980 ist sein Anteil am Ge- bis zu fünf parallel laufende Einsätze vorgese-
samthaushalt des Bundes halbiert worden. 1,3 hen sind. Die übrigen 147.500 Soldaten dienen
Prozent des Bruttoinlandsproduktes stehen als Unterstützungskräfte. Diese Personal-
für die Bundeswehr zur Verfügung; die Ziel- struktur weist in der Realität gravierende Lü-
marke innerhalb der NATO liegt bei 2,0 Pro- cken bei Medizinern und Spezialisten in ver-
zent. Die Auslandseinsätze schlagen mit schiedenen Truppengattungen auf. Abzuwar-
mindestens einer Milliarde EUR zu Buche. ten bleibt, welche Entlastungseffekte durch die
Nur durch die im „Finanzplan des Bundes bis Privatisierung von militärischen Teilaufgaben
2013“ angestrebte Aufstockung der Gelder (z. B. Fuhrpark, IT) entstehen werden.
könnte in einigen Jahren wieder die Marke von
30 Prozent für Investitionsausgaben erreicht Als Kernelement der Transformation gilt die
werden. Zur Vermeidung einer Unterfinanzie- Ausrichtung der Streitkräfte nach Fähigkeiten:
rung ist eine Steigerung unumgänglich, auch Führungsfähigkeit, Nachrichtengewinnung
gerade weil in den nächsten Jahren größere und Aufklärung, Mobilität, Wirksamkeit im
Rüstungsprojekte zu realisieren sind. Einsatz, Unterstützung und Durchhaltefähig-
keit sowie Überlebensfähigkeit und Schutz. Or-
An der Ausstattung der Streitkräfte werden ganisatorische Konsequenz ist die Verschlan-
die Schwierigkeiten sichtbar, den neuen Auf- kung der Teilstreitkräfte Heer, Luftwaffe und
trag mit den richtigen Instrumenten zu unter- Marine bei gleichzeitiger Verlagerung von
füttern. Das lange Festhalten an alten Struk- streitkräftegemeinsamen Aufgaben auf die neu
turen, die begrenzten Haushaltsmittel sowie geschaffene Streitkräftebasis. Der Einsatzfüh-
rungsstab unter Leitung des Generalinspek-
17 BMVg (Anm. 8), S. 5. teurs sowie entsprechende Kommandobehör-
18 Vgl. Franz-Josef Meiers, Zur Transformation der den sollen die Entscheidungsverfahren in Aus-
Bundeswehr, in: APuZ, (2005) 21, S. 20 ff.; umfassende
landseinsätzen vereinfachen. Im Laufe von über
Darstellung der Lage in der Antwort der Bundesregie-
rung auf die Große Anfrage der FDP-Fraktion „Die 15 Jahren Einsatzpraxis sind die operativen und
Bundeswehr – eine aufgabenorientierte Streitkraft?, in: taktischen Grundsätze immer weiter den Erfah-
BT-Drs. 16/12681 vom 22. 4. 2009. rungen und Erfordernissen angepasst worden –

APuZ 48/2009 21
zuletzt in den Einsatzregeln für Afghanistan. häufiger für Verwendungen im Ausland einge-
Die regelmäßigen Erfahrungsberichte der teilt werden.
Kommandeure in den Einsatzgebieten be-
schreiben die weiterhin vorhandenen Mängel Die Auslandseinsätze rückten auch die
und Defizite in der Auftragserfüllung, insbe- besonderen Lebensumstände in den Mittel-
sondere in der Ausrüstung, dem Fähigkeitspro- punkt, die im Alltagsbetrieb nur für wenige
fil und in der Operationsführung. Soldaten von Relevanz sind. Zu regeln
waren beispielsweise die geeignete persönli-
Motivation der Soldatinnen und Soldaten. che Ausrüstung (Tropenbekleidung), klima-
Die Konzeption Innere Führung wurde tisierte Unterkünfte, eingeschränkte Sexuali-
durch die Neuauflage der Dienstvorschrift tät oder bezahlbare Kommunikation mit der
ZDv 10/1 vom Januar 2008 als sogenannte Heimat. Als neues Ausbildungsziel wurde
Unternehmens- und Führungsphilosophie die Befähigung zur interkulturellen Kompe-
auch für die Einsatzarmee ausdrücklich be- tenz formuliert. Sie soll den Soldaten in den
stätigt. Sie zielt innerhalb der Streitkräfte Stabilisierungseinsätzen helfen, mit der Zi-
weiterhin auf das Leitbild des „Staatsbürgers vilbevölkerung kommunikativ richtig umzu-
in Uniform“, der von der Sinnhaftigkeit sei- gehen und vor Ort sensibel zu reagieren.
ner Tätigkeit überzeugt ist. Die militärischen Der Ansatz „vernetzte Sicherheit“ verlangt
Vorgesetzten haben gemäß dieser Konzepti- des Weiteren, verständnisvoll mit zivilen
on die Aufgabe, durch ihr Führungsverhalten Aufbauteams, Hilfsorganisationen, regiona-
zu motivieren und durch politischen Unter- len Sicherheitskräften und Verbündeten mit
richt zur Information und Urteilsbildung der einer anderen Militärkultur zusammenzuar-
Soldaten beizutragen. Der Wehrbeauftragte beiten.
des Deutschen Bundestags stellt in diesen
Bereichen indes regelmäßig Mängel fest. 19 Die zunehmende Gewalt in Nordafghanis-
Kritiker befürchten, dass diese Defizite in tan seit Anfang 2009 verdeutlicht die beson-
einer neuen Bundeswehr noch zunehmen deren Belastungen aus den asymmetrischen
werden. 20 Konfliktstrukturen für die Soldaten. Sie tref-
fen dort auf Gewalttäter ohne moralische
Die Auslandseinsätze brachten zahlreiche Skrupel, die bewusst die Zivilbevölkerung in
Gefahren und Belastungen für die Soldaten mit ihr Kalkül einbeziehen. Um ihr Ziel, den
sich, auf die Politik und Militär seit den ersten Abzug der Bundeswehr, zu erreichen, provo-
Erfahrungen in den 1990er Jahren reagiert zieren sie die Soldaten mit Gewalttaten. Mit
haben. Durch das Einsatzversorgungsgesetz Hilfe der internationalen Medienberichter-
(2004, rückwirkend seit 2002 in Kraft) und das stattung gelingt es ihnen, eine breite öffentli-
Einsatz-Weiterverwendungsgesetz (2007) che Debatte über die kämpfende Rolle der
konnten Lücken in der Versorgung und Ver- Bundeswehr auszulösen.
wendung von verwundeten Soldaten bzw. für
Hinterbliebene gefallener Soldaten geschlossen Die Bundeswehrführung hat erkannt, dass
werden. Die Belastungen durch die häufige das neue soldatische Umfeld eine gründliche
Trennung von der Familie oder dem Partner Auseinandersetzung mit Tod, Verwundung und
wurden durch eine generelle Verkürzung der psychischen Folgeschäden (ca. 400 an Posttrau-
Einsatzdauer auf vier Monate (2005) sowie die matischen Belastungsstörungen erkrankte Sol-
bundesweiten Familienbetreuungszentren ge- daten 2008) erforderlich macht. Damit wird ein
mindert. Die „Vereinbarkeit von Familie und Thema berührt, das in der alten Bundeswehr ta-
Dienst“ ist – auch wegen der Aufnahme von buisiert wurde. Auch um den Preis von Ein-
Soldatinnen in allen Verwendungen seit 2001 – schränkungen im Inland genießt die sanitäts-
als Leitprinzip formuliert worden. Betroffen dienstliche Versorgung während der Einsätze
bleiben aber die Soldaten aus Spezialverwen- – auch zur Stärkung der Einsatzmotivation –
dungen, die wegen der engen Personalstruktur höchste Priorität. Die ethische Debatte um das
soldatische Selbstverständnis steht dagegen
19 Vgl. zuletzt Jahresbericht 2008, in: BT-Drs. 16/
noch am Anfang.
12200 vom 26. 3. 2009.
20 Vgl. Detlef Bald u. a. (Hrsg.), Zurückgestutzt, sinn- Als symbolische Signalwirkungen für die Ver-
entleert, unverstanden: Die Innere Führung der Bun- änderungen des Soldatenberufs können die Stif-
deswehr, Baden-Baden 2008. tung des „Ehrenkreuzes der Bundeswehr für

22 APuZ 48/2009
Tapferkeit“ 21 und das am 8. September 2009 Hans-Georg Ehrhart
eingeweihte Ehrenmal der Bundeswehr angese-
hen werden. In der Auseinandersetzung um das
künftige Soldatenbild stehen Protagonisten
eines neu entdeckten Kämpfertums den Ver-
fechtern vom „Staatsbürger in Uniform“ gegen-
Innere Führung
über. Die breite Anforderungspalette angesichts
unterschiedlicher Einsatzszenarien kann aber und der Wandel
nur von einem Soldaten erfüllt werden, der
nicht nur ein einsatz- und kampfbereiter Soldat,
sondern auch ein verantwortungsbewusster und
des Kriegsbildes
aufgeklärter Staatsbürger ist. Trotz der minis-
teriellen Vorgaben ist diese Debatte in der Trup-
pe noch nicht entschieden. Dabei ist auch zu
klären, inwieweit durch die veränderten Struk-
turen der Bundeswehr nicht eine „Zweiklassen-
W as haben Wolf Graf Baudissin (1907–
1993), einer der „Väter der Inneren
Führung“, und Carl von Clausewitz
Armee“ gefördert wird, in der Elitebildungen
(1780–1831), einer
Vorschub geleistet wird und unterschiedliche
der größten Strategie- Hans-Georg Ehrhart
Standards in der Mittelausstattung gelten.
theoretiker der Ge- Dr. phil., geb. 1955; Leiter des
schichte, gemeinsam? Zentrums für Europäische Frie-
Fazit und Ausblick Beide gingen von dens- und Sicherheitsstudien
einem ganzheitlichen, am Institut für Friedensfor-
Als das Neue an der „neuen“ Bundeswehr
Politik, Gesellschaft, schung und Sicherheitspolitik
kann der aus dem sicherheitspolitischen Wan-
Geschichte und Ethik an der Universität Hamburg,
del abgeleitete Auftrag konstatiert werden.
integrierenden Ansatz Beim Schlump 83,
Nicht mehr abstrakte Abschreckungsfähig-
aus. Die Wechselwir- 20144 Hamburg.
keit, sondern die konkrete Einsatzrealität
kungen dieser Kräfte ehrhart@ifsh.de
kennzeichnet die „neue“ Bundeswehr. Diese
spiegeln sich wider in
Veränderung ist in den verfassungsrechtlichen
den Streitkräften und den Kriegsbildern.
Grundlagen, im Verhältnis der Streitkräfte
Beide sind Teil dieses dynamischen Bezie-
zur Gesellschaft und in der Ausstattung der
hungsgeflechts. Innere Führung als Füh-
Bundeswehr noch nicht hinreichend nach-
rungsphilosophie und Strukturmerkmal de-
vollzogen worden. Dagegen haben sich die
mokratieverträglicher deutscher Streitkräfte
meisten Soldatinnen und Soldaten mit den
muss sich also angesichts eines veränderten
neuen Bedingungen arrangiert.
Kriegsbildes anpassen und zugleich ihren un-
verrückbaren Kern bewahren.
Deutschland wird ohne eine eigene Sicher-
heitsstrategie weiterhin von einer Ad-hoc-
Dabei gilt es auch heute die Mahnung Bau-
Entscheidung zur nächsten – beeinflusst durch
dissins an die Politik zu beherzigen: „Die
die Verbündeten – getrieben werden. Eine mi-
Parteien müssen (. . .) die Clausewitz-These
litärpolitische Gestaltungsmacht setzt entspre-
vom politischen Charakter alles Militärischen
chende Strukturen im vernetzten Sicherheits-
ernst nehmen.“ 1 Dem Deutschen Bundestag
denken, verlässliche Planungen und den Willen
fällt bei der demokratischen Kontrolle der
zur Ausgestaltung der Bundeswehr voraus.
Bundeswehr vor dem Hintergrund des jewei-
Nur dann werden die neuen Aufgaben für die
ligen Kriegsbildes eine bedeutende Rolle zu.
Gesellschaft nachvollziehbar, und es könnte
Er kontrolliert die Bundeswehr über sein
eine breitere Basis für eine sicherheitspoliti-
Budgetrecht, den Verteidigungsausschuss und
sche Kultur in Deutschland entstehen. 22
die Institution des Wehrbeauftragten, und er
entscheidet über die Entsendung der Bundes-
wehr in eine Krisenregion. Gleichzeitig neh-
21 Bundeskanzlerin Angela Merkel zeichnete am 6. 7.
men die Grundsätze der Inneren Führung
2009 die ersten vier Soldaten aus.
22 Vgl. als Grundlage für die politische Bildung: Hans- auch den Bundestag in die Pflicht.
Joachim Reeb, Sicherheitspolitik, in: Wochenschau.
1 Zit. nach: Axel Eggebrecht (Hrsg.), Die zornigen al-
Sek. II, 60 (2009) 3–4, S. 99–178.
ten Männer. Gedanken über Deutschland seit 1945,
Reinbek 1982, S. 223.

APuZ 48/2009 23
Bewaffnete Konflikte und die damit ver- und Soldaten steht, müssen die Vorgesetzten
bundenen Kriegsbilder haben sich drastisch die Ansprüche hinsichtlich ihrer „freiheitli-
verändert. Das stellt die Bundeswehr als chen Gesinnung“ erfüllen, denn „sie be-
„Armee im Einsatz“ und die politische Füh- stimmt den Geist, in dem der tägliche Dienst
rung vor große Herausforderungen und hat sich vollzieht“. 5 Die Reformer um Baudissin
zugleich gravierende Auswirkungen auf das knüpften bewusst an den Widerstand vom 20.
Markenzeichen der Bundeswehr – die Innere Juli 1944 an, denn „in diesem Ereignis werden
Führung. erneut Traditionen der Freiheit, der Moral,
der Verantwortung, des Rechts gestiftet, die
Innere Führung während des unmittelbar an Traditionslinien anknüpften,
deren Bedeutung über viele Jahrzehnte ver-
Ost-West-Konflikts schüttet war“. 6

Die Frage nach dem vorherrschenden Kriegs- Aus dieser Traditionslinie und dem nuklea-
bild, also „nach Erscheinungsform, Intensität, ren Kriegsbild leitete Baudissin auch das Leit-
Ausdehnung und damit nach den Möglich- bild des „Soldaten für den Frieden“ ab. Ein
keiten, Mitteln und Zwecken – kurz, dem kritisch denkender, mit Urteilskraft und fe-
Wesen eines kommenden Krieges“, 2 muss ster moralischer Basis ausgestatteter Soldat,
angesichts der dynamischen Veränderungs- der sich als Teil einer rechtsstaatlichen und
prozesse immer wieder gestellt und realitäts- demokratischen Ordnung begreift, soll ge-
nah beantwortet werden. Für Baudissin stand wappnet sein gegen totalitäre und freiheitsbe-
außer Frage, dass Krieg „in Charakter, Ziel- drohliche Sirenengesänge. Er ist befähigt zu
setzung, Motivation und Instrumentarium erkennen, dass es angesichts des neuen
durch die staatlichen und gesellschaftlichen Kriegsbildes „mit seinen eigengesetzlichen,
Ordnungen der Kriegführenden geprägt und alles vernichtenden Kräften (. . .) kein politi-
aus ihren Energien gespeist wird“. 3 Nach der sches Ziel (gibt), welches mit kriegerischen
Erfahrung des von Deutschland verschulde- Mitteln angestrebt werden darf und kann –
ten totalen Krieges 1939 bis 1945 und ange- außer der Verteidigung gegen einen das
sichts eines neuen Kriegsbildes, das durch die Leben und die Freiheit zerstörenden An-
wechselseitige Androhung nuklearer Vernich- griff“. 7 Baudissin hat diesen Abschied vom
tung gekennzeichnet war, bedurfte es eines traditionellen militärischen Denken treffend
radikalen Umdenkens beim Aufbau der als „geistige Revolution“ bezeichnet. Künftig
neuen, westdeutschen Armee. Dieses neue sollte es Aufgabe des Soldaten sein, „im Frie-
Denken führte zu den sich ergänzenden Leit- den den Frieden zu bewahren und im Krieg
bildern des „Bürgers in Uniform“ und des den Rückweg in den Frieden offen zu hal-
„Soldaten für den Frieden“. ten“. 8

Dem Leitbild des „Bürgers in Uniform“ Die Demokratisierung der deutschen


liegt das Postulat der Verträglichkeit von frei- Streitkräfte hatte eine staatsrechtliche und
heitlich-demokratischer Ordnung und libera- eine gesellschaftspolitische Seite. Hauptsäch-
ler pluralistischer Gesellschaft einerseits und lich ging es darum, die Kontrolle über die
hierarchisch strukturierten, dem Prinzip von Streitkräfte, den Primat der Politik und die
Befehl und Gehorsam unterworfenen Streit- Einbindung der Armee in die demokratisch
kräften andererseits zu Grunde. Der Soldat verfasste Bundesrepublik sicherzustellen.
muss Staatsbürger sein, „um seiner Aufgabe Dies geschah durch die entsprechenden Ver-
gewachsen zu sein“. 4 Nur wenn er aktiver, fassungsartikel, etwa durch Art. 115a GG,
selbstbestimmter Teil einer freiheitlichen de- wonach der Bundestag den Verteidigungsfall
mokratischen Gesellschaft ist, wird er sich für feststellt; Art. 53a, der die Kontrolle des Bun-
diese einsetzen. Da das Kriegsbild in einem destags auch während des Verteidigungsfalls
engen Zusammenhang mit Organisation,
Ausbildung und Erziehung der Soldatinnen 5 Ebd., S. 63 f.
6 Detlef Bald, Graf Baudissin und die Reform des
2 Wolf Graf von Baudissin, Soldat für den Frieden, deutschen Militärs, in: Hilmar Linnenkamp/Dieter S.
Entwürfe für eine zeitgemäße Bundeswehr, hrsg. und Lutz (Hrsg.), Innere Führung. Zum Gedenken an Wolf
eingeleitet von Peter von Schubert, München 1970, S. 55. Graf von Baudissin, Baden-Baden 1995, S. 36.
3 Ebd., S. 71. 7 W. Graf v. Baudissin (Anm. 2), S. 24.
4 Ebd., S. 217. 8 Ebd., S. 28.

24 APuZ 48/2009
regelt; Art. 115b, der die politische Ausübung reduzierten sie funktionalistisch auf eine
der Befehls- und Kommandogewalt festlegt; Technik zur angemessenen Menschenfüh-
Art. 87a, der die Aufstellung und Befugnisse rung. 9 Konservative und reaktionäre Kreise
der Streitkräfte regelt und letztere auf die hintertrieben die Umsetzung der Reformen
Verteidigung einschränkt; Art. 45a, der be- zeitweise so erfolgreich, dass Baudissin und
stimmt, dass der Verteidigungsausschuss auch seine Mitstreiter Ende der 1960er Jahre mein-
die Rechte eines Untersuchungsausschusses ten, die Militärreform sei gescheitert. Doch
wahrnehmen kann; oder Art. 45b über die brauchte dieser Neuanfang seine Zeit – die
Berufung eines Wehrbeauftragten zum Schutz Ausarbeitung der Zentralen Dienstvorschrift
der Grundrechte und als Hilfsorgan des Bun- „Hilfen für die Innere Führung“ (ZDv 10/1)
destags bei der Ausübung seiner parlamenta- erfolgte erst 1971 –, „er war schwierig zu rea-
rischen Kontrolle. lisieren, doch schließlich bescherte er der
Bundeswehr den Erfolg, in der Republik und
Bereits die Präambel des Grundgesetzes der Demokratie anzukommen“. 10
benennt den politischen Auftrag, „als gleich-
berechtigtes Glied in einem vereinten Europa
dem Frieden in der Welt zu dienen“. Die Kriegsbild im Zeitalter der
Grundrechte gelten auch für die Soldaten,
wenngleich einzelne von ihnen gemäß
„postinternationalen Beziehungen“
Art. 17a durch Gesetze für Zwecke der Ver-
Baudissin betonte, dass es in Umbruchzeiten
teidigung eingeschränkt werden können.
besonders schwierig ist, „ein zutreffendes
Wegen ihrer Selbstbindung müssen noch drei
Bild eines möglichen Krieges zu ent-
weitere Grundgesetzartikel erwähnt werden:
werfen“. 11 Diese Aussage gilt auch für die
Art. 24 erlaubt es dem Bund, sich zur Wahr-
Gegenwart. Historische Wendezeiten sind
ung des Friedens einem kollektiven Sicher-
erst im Rückblick als solche eindeutig zu be-
heitssystem einzuordnen und hierbei in die
stimmen. Die Zeit des Übergangs wird des-
Beschränkung seiner Hoheitsrechte einzuwil-
halb meist mit dem Zusatz „post“ versehen.
ligen; Art. 25 erhebt die allgemeinen Regeln
Damit wird angezeigt, dass etwas vorüber
des Völkerrechts in unmittelbaren Gesetzes-
und etwas Neues, aber noch nicht deutlich
rang; Art. 26 verbietet die Vorbereitung und
Erfassbares im Entstehen ist. So ist in der an-
Führung eines Angriffskrieges.
gelsächsischen Fachliteratur von „postinter-
nationalen Beziehungen“ 12 und von „post-
Die gesellschaftspolitische Seite der Demo-
modernem Militär“ 13 die Rede, um die sich
kratisierung der Streitkräfte muss als zäher
abzeichnende neue Qualität in diesen Berei-
und konfliktreicher Prozess beschrieben wer-
chen zu beschreiben.
den. 1950 schlug mit der „Himmeroder
Denkschrift“ die Geburtsstunde des „Inneren
In den postinternationalen Beziehungen hat
Gefüges“, später Innere Führung genannt.
die militärische Gewaltanwendung ihren Cha-
Dass sie überhaupt das Licht der Welt erbli-
rakter verändert. Seit Ende des Zweiten Welt-
cken konnte, lag an vielen Faktoren, etwa
kriegs hat es nur eine Handvoll zwischenstaat-
dem moralischen Versagen der deutschen Eli-
ten während des Nationalsozialismus, dem 9 Vgl. Detlef Bald, Militär und Gesellschaft 1945–
Versuch, deutsches Militär wenige Jahre nach 1990. Die Bundeswehr der Bonner Republik, Baden-
Ende des Zweiten Weltkrieges wieder akzep- Baden 1994, S. 58 ff.
10 Detlef Bald, „Innere Führung“ nach dem Jahr 2000.
tabel zu machen, der Kontrolle der Sieger-
mächte, dem Kalten Krieg und der antimilita- Normative Impulse für den Umbau der Bundeswehr,
in: Hans-Georg Ehrhart (Hrsg.), Militär und Gesell-
ristischen Grundhaltung großer Bevölke-
schaft im Kontext europäischer Sicherheit. Wie mo-
rungsteile. Gleichwohl stießen die Ideen dern ist das Denken von Graf Baudissin im 21. Jahr-
Baudissins bei ihrer Umsetzung auf teils hef- hundert?, Baden-Baden 2001, S. 47.
tigen Widerstand, brachen sie doch radikal 11 W. Graf v. Baudissin (Anm. 2), S. 56.
12 James Rosenau, Turbulence in World Politics, New
mit den Vorstellungen von Traditionalisten
und Technokraten. Die einen hielten der In- York 1990; ausführlich dazu: Hans-Georg Ehrhart,
Militärische Macht als außenpolitisches Instrument im
neren Führung – oftmals diffamiert als „Inne-
21. Jahrhundert, in: Österreichische Militärische Zeit-
res Gewürge“ – die vermeintlich „ewig gülti- schrift, (2002) 6, S. 683–690.
gen“ Werte des Soldatentums als einer Profes- 13 Charles C. Moskos/John A. Williams/David R. Segal

sion sui generis entgegen, die anderen (eds.), The Postmodern Military, New York, 2000.

APuZ 48/2009 25
licher Kriege gegeben. Der mittlerweile vor- Stabilisierungsoperationen können notwen-
herrschende Kriegstyp ist der so genannte low dig sein zur Unterstützung krisenhafter Län-
intensity conflict, 14 der vom Nuklearkrieg und der oder Regionen. 18 Sie werden in der post-
vom klassischen konventionellen Krieg unter- modernen Gesellschaft aber nur akzeptiert,
schieden wird. Dieser Begriff erfasst alle wenn sie durch ein UN-Mandat legitimiert
Kriegstypen, die nicht zwischen Staaten aus- und erfolgreich sind. Ein Erfolgskriterium ist
getragen werden. Die Ursachen für solche be- die Verbesserung der Lage der Menschen vor
waffneten Konflikte sind hauptsächlich das Ort. Dazu braucht es eines nachhaltigen zivi-
Ringen um Macht, Identität, Grenzen oder len Engagements der Staatengemeinschaft,
Ressourcen. Nach Martin van Creveld sind woran es aber oftmals mangelt. Ein anderes
für diesen Kriegstyp drei Merkmale charakte- Erfolgskriterium ist, dass die eigenen Soldaten
ristisch: Erstens findet er vornehmlich (aber den Auftrag möglichst unbeschadet überste-
nicht nur) innerhalb von Gesellschaften der hen. Das kann dazu führen, dass zivile Opfer
Entwicklungsländer statt; zweitens sind öf- in Kauf genommen werden, wodurch wieder-
fentliche und private Akteure involviert, das um die Legitimität der ganzen Mission in
heißt, es stehen sich nicht mehr nur reguläre Frage gestellt werden kann.
Streitkräfte gegenüber; drittens werden gerade
von den irregulären Akteuren in der Regel Asymmetrische Kriege in Form von Auf-
keine komplexen Waffensysteme eingesetzt, standsbekämpfung sind auf globaler Ebene
sondern die „einfachen“ Mittel des Bürger- das dominierende Kriegsbild der Zukunft. 19
und Guerillakrieges, wozu auch Terrorakte Den Krieg gegen das Taliban-Regime in Af-
gehören. 15 ghanistan konnten die USA schnell gewin-
nen, den Kampf gegen die terroristischen
Innerstaatliche Konflikte sind zu einem si- Netzwerke oder die Aufständischen aber
gnifikanten Ausdruck des politischen Wan- nicht. Während sich der Starke modernster
dels geworden. Diese Entwicklung hat Ein- Kriegstechnik bedient, operiert der Schwache
fluss auf die sicherheitspolitische Funktion mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mit-
von Streitkräften. Lautete der Auftrag der teln. Es handelt sich um einen transnationalen
Bundeswehr früher primär Landesverteidi- Gegner ohne klare Konturen, der zuschlägt,
gung, so dient ihr Einsatz gemäß der offiziel- wann und wo es ihm richtig erscheint. Da er
len Sprachregelung heute „dem Ziel aktiver einer „höheren“ Sache dient und sein Leben
Sicherheitsvorsorge: durch vorbeugende, zu opfern bereit ist, kann er kaum abge-
zeitgerechte Maßnahmen gewaltsame Kon- schreckt werden. Der Starke scheint im
flikte zu verhindern, sie einzudämmen und/ Kampf mit dem Schwachen immer im Nach-
oder in der Folge eines bewaffneten Kon- teil zu sein, insbesondere als demokratischer
flikts die nachhaltige Stabilisierung und den Staat. Respektiert er die eigenen ethischen
Wiederaufbau staatlicher und gesellschaftli- Grundsätze und die (völker-)rechtlichen
cher Strukturen zu unterstützen“. 16 Das ei- Normen, so dürfte er Schwierigkeiten haben
gentliche „Kerngeschäft“ des postmodernen gegen einen Gegner, dem das alles nichts be-
Militärs und der Bundeswehr besteht also deutet, weil er einer anderen „Rationalität“
aus Stabilisierungsoperationen, aber auch aus folgt. Passt sich der Starke den Methoden des
asymmetrischer Kriegführung und Auf- Gegners an, so untergräbt er nicht nur die
standsbekämpfung. 17 Moral der eigenen Streitkräfte, sondern auch
die ethischen Grundlagen seiner Gesellschaft.
14 Dieser Ausdruck wird synonym mit dem Begriff

der asymmetrischen Kriegführung verwendet. Andere Ob und wie die demokratischen Staaten
sprechen von „kleinen“, „unkonventionellen“ oder
aus dieser widersprüchlichen Lage herausfin-
„sub-konventionellen“ Kriegen. Vgl. Christopher
Daase, Kleine Kriege – Große Wirkung. Wie unkon-
ventionelle Kriegführung die internationale Politik Martin Kutz (Hrsg.), Gesellschaft, Militär, Krieg und
verändert, Baden-Baden 1999. Frieden im Denken von Wolf Graf von Baudissin, Ba-
15 Vgl. Martin van Creveld, On Future War, London den-Baden 2004, S. 105 –129.
1991, S. 20. 18 Vgl. Handbuch der US Army FM 3– 07 Stability
16 BMVg, Weißbuch 2006, Berlin 2006, S. 35 f. Operations, Oct 2008, online: www.usacac.army.mil/
17 Vgl. dazu Roland Kaestner, Kriegsbilder im 21. cac2/repository/FM307/FM3 –07.pdf (1. 8. 2009).
Jahrhundert – Ein Analyseversuch im Geiste Bau- 19 Vgl. Handbuch der US-Army FM 3– 24 Counterin-

dissins, abgeleitet von Veränderungen der inter- surgency, Dec 2006, online: www.usgcoin.org/library/
nationalen Sicherheitspolitik im 21. Jahrhundert, in: doctrine/COIN-FM3–24.pdf (1. 8. 2009).

26 APuZ 48/2009
den, ist nicht abzusehen. Zivil-militärische dem zivilen Umfeld auf das für die militäri-
Konzepte der Aufstandsbekämpfung, der ver- sche Auftragserfüllung notwendige Maß.
netzten Sicherheit oder des comprehensive
approach werfen große Probleme auf. 20 Sie Motivation, d. h. Stärken der Bereitschaft
sind Ausdruck eines neuen Sicherheitsdilem- des Soldaten zur gewissenhaften Erfüllung
mas, das Ergebnis einer Interaktion zwischen seiner militärischen Pflichten.
Staaten- und Gesellschaftswelt ist. Es ergibt
sich zum einen aus den erhöhten Möglichkei- Gestalten der inneren Ordnung, d. h. ihre
ten einer globalisierten Welt und zum ande- Ausrichtung an effizienter Ausführung mili-
ren aus der abnehmenden Effizienz des Staa- tärischer Aufgaben als auch deren menschen-
tensystems, Abweichungen von seinen Re- würdige Umsetzung.“ 22
geln durch nicht-staatliche Akteure zu Die Innere Führung hat sich nur allmählich
verhindern. Für letztgenannte steigt damit an die einschneidenden Veränderungen ange-
der Handlungsspielraum, eigene Ziele zu ver- passt. Zwar kam es bereits drei Jahre nach
folgen und Unsicherheit zu produzieren. Ver- dem Beitritt der DDR zum Bundesgebiet zur
suche, Sicherheit durch Intervention wieder- Neufassung der ZDv 10/1. Sie konnte den
herzustellen, können zu Rückschlägen und, weltpolitischen Veränderungen aber nicht
vermittelt über die Wechselwirkungen mit Rechnung tragen. Das darin vorherrschende
komplexen Globalisierungsprozessen, zu Selbstverständnis entsprach eher dem eines
neuer Unsicherheit führen. 21 funktionierenden Großbetriebs. Angesichts
der Aufgabe der Verschmelzung zweier deut-
Innere Führung im Wandel scher Streitkräfte („Armee der Einheit“) gab
es eine stärkere Betonung der politischen Bil-
Der radikale Wandel des internationalen Um- dung, von Einsätzen wurde hingegen „nur
feldes und das veränderte Kriegsbild haben unspezifisch und eher hypothetisch gespro-
zwangsläufig Auswirkungen auf die deutsche chen“. 23 In der Anlage zur ZDv wurde ledig-
Außen- und Sicherheitspolitik. Spätestens mit lich darauf hingewiesen, dass es zur Grund-
dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts pflicht des Soldaten gehöre, „im äußersten
von 1994 sind die verfassungsrechtlichen Vor- Fall“ sein Leben einzusetzen. Vom Töten an-
aussetzungen für den Einsatz deutscher derer war noch nicht die Rede.
Streitkräfte außerhalb des Bündnisgebietes
geklärt. Die Bundeswehr ist zur Einsatzarmee Dieses Thema findet sich erst in der neuen,
geworden. Die Frage ist, wie sich die Innere 2008 erlassenen ZDv 10/1. Demnach sollen
Führung vor diesem Hintergrund entwickelt die Soldaten in den Grundsätzen der Inneren
hat. Neben der völkerrechtlichen und parla- Führung Sicherheit für ihr Handeln finden,
mentarischen Legitimität gelten deren ur- denn, so die klare Aussage, „der militärische
sprüngliche Ziele weiterhin: Auftrag erfordert in letzter Konsequenz, im
Kampf zu töten und dabei das eigene Leben
„Legitimation, d. h. Vermittlung ethischer und das Leben von Kameraden einzuset-
Normen und politischer und rechtlicher Be- zen.“ 24 Sie sind gebunden an Kriterien wie
gründungen für den militärischen Auftrag das Leitbild vom Staatsbürger in Uniform,
sowie den soldatischen Dienst. Integration von Staat und Gesellschaft, ethi-
sche, rechtliche und politische Legitimation
Integration, d. h. Einbindung der Bundes- des Auftrages, Verwirklichung wesentlicher
wehr und des Soldaten in Staat und Gesell-
schaft, Verständnis erzielen für die Aufgaben 22 Hans-Günther Fröhling, Die Sicherheit Deutsch-
der Bundeswehr im Bündnis und in Systemen
lands wird auch am Hindukusch verteidigt! Brauchen
kollektiver Sicherheit sowie Beschränkungen wir eine neue Innere Führung?, in: Detlef Bald/Hans-
der Unterschiede zwischen Streitkräften und Günther Fröhling/Jürgen Groß/Claus von Rosen
(Hrsg.), Zurückgestutzt, sinnentleert, unverstanden:
20 Vgl. Michael Brzoska/Hans-Georg Ehrhart, Zivil- Die innere Führung der Bundeswehr, Baden-Baden
militärische Kooperation in Konfliktnachsorge und 2007, S. 126 f.
Wiederaufbau, Policy Paper 30, Stiftung Entwicklung 23 Berthold Meyer, Innere Führung und Auslands-

und Frieden, November 2008. einsätze: Was wird aus dem Markenzeichen der Bun-
21 Vgl. Philip G. Cerny, The New Security Dilemma: deswehr?, HSFK-Report, (2009) 2, S. 11.
divisibility, defection and disorder in the global era, in: 24 ZDv 10/1, Innere Führung, Selbstverständnis und

Review of International Studies, 26 (2000), S. 623 –646. Führungskultur der Bundeswehr, BMVg 2008, S. 18 f.

APuZ 48/2009 27
staatlicher und gesellschaftlicher Werte und nen Einsätze wie in Afghanistan ab, und
Interessen in den Streitkräften oder Grenzen selbst der Truppe ist deren Sinn nur schwer
für „Befehl und Gehorsam“. 25 zu vermitteln. 30 Die Politik agiert derweil
mit Symbolik wie der Einführung einer Tap-
Das veränderte Kriegsbild und der erweiterte ferkeitsmedaille und der Einrichtung eines
Auftrag haben zu vielen Anpassungsschritten Ehrenmals sowie mit die Einsatzwirklichkeit
genötigt. So wurde die Bundeswehr einem per- verschleiernden rhetorischen Drahtseilakten.
manenten Transformationsprozess unterzogen.
Sie mutierte de facto zu einer Freiwilligenar- Nach eineinhalb Jahrzehnten Einsatzerfah-
mee. Im Zentrum für Innere Führung wurden rung wird immerhin von „Gefallenen“ gespro-
eine zentrale Offiziers- und Unteroffiziersaus- chen, das Wort Krieg aber tunlichst vermieden.
bildung sowie neue Ausbildungsinhalte für Deutschland wird zwar seit Jahren am Hindu-
Auslandseinsätze entwickelt. Reintegrationsse- kusch verteidigt, und Art. 5 des NATO-Ver-
minare zur Einsatzvor- und -nachbereitung trages ist seitdem in Kraft, aber den Verteidi-
wurden konzipiert, Lehrinhalte zur Menschen- gungsfall gemäß Art. 115a GG will die Bun-
führung im Einsatz den neuen Anforderungen desregierung nicht ausrufen, unter anderem,
angepasst und Kriseninterventionsteams zur weil sich das Kriegsbild radikal geändert hat. 31
Vermeidung Posttraumatischer Belastungsstö- Es geht eben nicht mehr um klassische Landes-
rungen ausgebildet. Die Bundeswehr öffnete verteidigung, sondern um Aufstandsbekämp-
sich für Frauen, führte Gender-Mainstreaming fung. Dementsprechend ist im Juli 2009 die Ta-
ein, befasste sich konzeptionell mit Themen wie schenkarte mit Einsatzgrundsätzen für die Sol-
„Muslime in den Streitkräften“ und „Aussied- daten in Afghanistan angepasst worden.
lerdeutsche in der Bundeswehr“ und verstärkte Seitdem ist der Waffeneinsatz gegen Personen
den Stellenwert der politischen Bildung zur ausdrücklich erlaubt, die Angriffe „planen,
Motivation der Soldaten im Einsatz. vorbereiten, unterstützen oder ein sonstiges
feindseliges Verhalten zeigen“. 32 Die Bundes-
Während die Vorschriften zur Inneren wehr steht also vor neuen Herausforderungen.
Führung also an die Anforderungen des be- Wie sagte doch Baudissin 1962: „Erst aus
ruflichen Alltags angepasst werden, muss die einem wirklichkeitsnahen Kriegsbild lassen
Frage aufgeworfen werden, ob die Umset- sich die Probleme ableiten, vor die Staat, Volk,
zung des hohen Anspruches des Konzepts Wirtschaft, militärische Führung und der ein-
überhaupt gelingt. Wie Ende der 1960er zelne im Kriegsfalle gestellt werden.“ 33
Jahre, so erheben sich auch heute kritische
Stimmen, die den faktischen Abschied von Schlussfolgerungen
der Inneren Führung befürchten 26 und die
Reduzierung ihres Inhaltes, ihres Gewichts Innere Führung ist eine pragmatische Theorie,
und ihres Stellenwerts konstatieren. 27 in der die Wechselwirkungen „zwischen Militär
Gleichwohl gilt es als gesichert, dass die Kon- auf der einen und Demokratie, Geschichte und
formisten und Technokraten dominieren. 28 Kriegsbild auf der anderen Seite historisch-sys-
Zugleich nimmt die Kluft zwischen der Bun- tematisch reflektiert werden“. 34 Dem ehemali-
deswehr und der Gesellschaft zu, wie Bun- gen Wehrbeauftragten Wilfried Penner ist zu-
despräsident und Wehrbeauftragter einhellig
beklagen. 29 Die meisten Bundesbürger leh- 30 Vgl. Deutscher Bundeswehrverband, Bericht zur

Mitgliederbefragung des Deutschen Bundeswehr-


25 Vgl. ebd., S. 10 –14. Verbandes (Strohmeier-Studie), Bonn, online: www.db
26 Vgl. etwa Rudolf Hamann, Abschied vom Staats- wv.de/dbwv/interd.nsf/FILES/DBWV_Gesamt.pdf/
bürger in Uniform. Fünf Thesen zum Verfall der Inneren $FILE/DBWV_Gesamt.pdf (1. 8. 2009).
Führung, in: Detlef Bald et al. (Anm. 22), S. 29–46. 31 Andere mutmaßliche Gründe sind versicherungs-
27 Vgl. Jürgen Groß, Einleitung, in: ebd., S. 7 –25. rechtlicher (Im Krieg entfällt der private Ver-
28 Vgl. Elmar Wiesendahl, Zur Aktualität der Inneren sicherungsschutz für Verletzte und Hinterbliebene)
Führung von Baudissin für das 21. Jahrhundert. Ein und verfassungsrechtlicher Art (Im Krieg ginge die
analytischer Bezugsrahmen, in: ders. (Hrsg.), Innere Befehls- und Kommandogewalt auf die Bundes-
Führung für das 21. Jahrhundert. Die Bundeswehr und kanzlerin über).
das Erbe Baudissins, Paderborn 2007, S. 11–28. 32 Zitate in: Neue Einsatzregeln tragen der Entwick-
29 Vgl. etwa die Rede von Bundespräsident Horst Köh- lung Rechnung, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung
ler vom 14. 9. 2007, online: www.bundesregierung.de/ vom 29. 7. 2009, S. 2.
nn_1514/Content/DE/Bulletin/2007/09/94– 1-bpr-fest 33 W. Graf v. Baudissin (Anm. 2), S. 56.

akt.html (1. 8. 2009). 34 H.-G. Fröhling (Anm. 22), S. 124 f.

28 APuZ 48/2009
zustimmen: Die heutigen Auslandseinsätze Michael Paul
sind eine Probe aufs Exempel, „ob die Innere
Führung eine Kopfgeburt wohlmeinender Mili-
tärphilosophen für den ,Normalfall‘ ist, für den
Ernstfall aber nicht taugt“. 35 Bei aller Notwen-
Zivil-militärische
digkeit, die Prinzipien der Inneren Führung in
der Einsatzrealität zu erfahren, besteht die Ge-
fahr, dass schließlich ihre Wesenselemente in
Interaktion im
den Hintergrund rücken. Diese wird genährt
durch die wachsende Kluft zwischen Bundes-
Auslandseinsatz
wehr und Gesellschaft sowie die Herausforde-
rungen eines neuen Kriegsbildes, das insbeson-
dere in der Aufstandsbekämpfung die Gefahr
birgt, zu einem „schmutzigen Krieg“ zu dege- D eutschland beteiligt sich mit bis zu 4500
Soldatinnen und Soldaten am Einsatz in
Afghanistan (International Security Assistan-
nerieren.
ce Force/ISAF). Die
Der traditionelle Typ des Kämpfers ist längst Staats- und Regie-
aufgegeben worden, weil er nicht taugt – weder rungschefs haben den Michael Paul
im Ideal noch in den Einsätzen. Der „postmo- ISAF-Einsatz beim Dr. phil., geb. 1959; Senior
derne Soldat“ ist nicht nur Kämpfer, sondern NATO-Gipfel in Fellow, Forschungsgruppe
auch Friedenswahrer, Vermittler, Retter und Straßburg/Kehl als Sicherheitspolitik, Deutsches
Helfer. Er sollte geleitet werden von dem Be- „zentrale Priorität“ be- Institut für Internationale Politik
wusstsein, Teil einer tendenziell universellen zeichnet. Die afghani- und Sicherheit, Stiftung Wissen-
Werte- und Risikogemeinschaft zu sein, aber sche Regierung soll schaft und Politik (SWP), Lud-
auch erkennen können, wenn er für bloße Inter- dabei unterstützt wer- wigkirchplatz 3 – 4, 10719 Berlin.
essenpolitik missbraucht wird. Ob es gelingt, den, ein sicheres, stabi- michael.paul@swp-berlin.org
einen verantwortungsvollen Soldaten für den les und demokratisches
Frieden unter den neuen Bedingungen zu prä- Land aufzubauen. 1 Entsprechend wurde im
gen, hängt von vielen Faktoren ab, nicht zuletzt Afghanistan-Konzept der Bundesregierung
auch von der Beantwortung der friedensethi- argumentiert, der Aufbauprozess könne nur
schen Frage, „welches Maß und welche Art von gelingen, wenn in einem umfassenden, ver-
Solidarität Deutschland den jeweils Betroffenen netzten Ansatz zivile und militärische Maß-
schuldet und was unser Staat, unsere Gesell- nahmen abgestimmt werden. 2
schaft darüber hinaus leisten können und sich
zumuten wollen“. 36 In der ZDv 10/1 wird zu Das Prinzip vernetzter Sicherheit spiegelt
Recht darauf hingewiesen, dass Soldaten gerade sich in der ressortübergreifenden Arbeit deut-
in Extremsituationen über „ausgeprägte ethi- scher Wiederaufbauteams wider. Weitere Be-
sche Kompetenz“ verfügen müssen. 37 Es ist rührungspunkte zu den Streitkräften bestehen
Aufgabe von Politik und Gesellschaft, darauf seitens staatlicher und nichtstaatlicher Hilfs-
zu achten, dass die Anwendung militärischer organisationen etwa bei der Nutzung militä-
Gewalt nicht „normalisiert“ wird und dass, rischer Infrastruktur und Transportkapazitä-
wenn sie denn erfolgen muss, ein realistisches ten für Notstandshilfe, beim militärischen
Kriegsbild unter Beachtung der Wertekultur Schutz für Konvois, beim Personal und der
der Bundesrepublik Deutschland zugrunde ge- Verteilung von Hilfsgütern sowie beim Infor-
legt wird. mationsaustausch. Allerdings werden die Bei-
träge der Bundeswehr von manchen Hilfsor-
ganisationen kritisiert, die darin eine proble-
matische Verknüpfung erkennen – weil die
35 Wilfried Penner, Innere Führung im 21. Jahr-
Konditionalität der militärischen Hilfe im
hundert: Herausforderungen und Perspektiven aus der
Gegensatz zum humanitären Gedanken stehe
Sicht des Wehrbeauftragten, in: H.-G. Ehrhart
(Anm. 10), S. 27. oder weil sie eine militärische Landnahme an-
36 Klaus Ebeling, Die Einsatzarmee in der Perspektive
1 Vgl. Gipfelerklärung von Straßburg/Kehl. Treffen
ethischer Reflexionen zur Inneren Führung (Teil I), in:
M. Kutz (Anm. 17), S. 74 f. des Nordatlantikrats auf Ebene der Staats- und Regie-
37 ZDv 10/1 (Anm. 24), S. 19. rungschefs am 4. 4. 2009, Ziffer 9.
2 Vgl. Bundesregierung, Das Afghanistan-Konzept

der Bundesregierung, Berlin 2008, S. 14.

APuZ 48/2009 29
gestammter Ressourcen und Tätigkeitsfelder und militärischer Akteure im Einsatzland. Die
befürchten. Konfliktursachen sollen überwunden werden,
damit sich ein politisch-wirtschaftliches System
Ziel des Konzepts zivil-militärischer Zu- aufbauen lässt, das ein friedliches Zusammenle-
sammenarbeit (Civil-Military Co-operation/ ben im Sinne von Friedenskonsolidierung er-
CIMIC) ist es, die Erfüllung des militärischen möglicht. Stabilisierungseinsätze enthalten
Auftrags zu unterstützen. Idealiter ist daher ein komplexes Zusammenspiel von Auf-
CIMIC bei der Entwicklung einer militäri- gaben und Hilfeleistungen. Sie können sich je
sche und zivile Aspekte umfassenden Ge- nach Ursache und Art des Konflikts, seiner
samtstrategie beteiligt und leistet einen prak- Dauer und Intensität sowie dem Kräfte- und
tischen Beitrag, um die dort definierten Ziele Mittelansatz erheblich voneinander unterschei-
zu erreichen. Inwiefern diese Zielsetzung mit den. Zudem sind sie in der Regel dadurch ge-
der Einsatzpraxis übereinstimmt, wird im kennzeichnet, dass sie in fluiden Sicherheitsla-
Folgenden am Beispiel des ISAF-Einsatzes gen stattfinden – so müssen oft simultan huma-
hinterfragt. Dazu wird zunächst die CIMIC- nitäre Hilfe, Peacekeeping in Form
Konzeption erläutert. Darauf aufbauend wer- sporadischer Gefechte mit militanten Oppositi-
den das ISAF-Mandat und der Auftrag darge- onsgruppierungen und intensive Kampfhand-
stellt und problematisiert: Worin liegen die lungen durchgeführt werden.
Ziele des ISAF-Einsatzes, und welche
CIMIC-Maßnahmen haben sich zur Errei- Kontrovers diskutiert werden Art und Um-
chung des Einsatzauftrages besonders qualifi- fang zivil-militärischer Interaktion. Eine Am-
ziert? Welche Probleme und Widersprüche bivalenz von CIMIC zeigt sich darin, dass es
haben sich ergeben? einerseits ein operativ-taktisches Instrument
des Kommandeurs zur Erfüllung des militäri-
Ursachen und Rahmenbedingungen schen Auftrags ist, andererseits subsidiäre
Hilfs- und Aufbauleistungen oft als originärer
der CIMIC-Konzeption Beitrag der Streitkräfte dargestellt werden.
Dabei ist der Eindruck, dass „Soldaten als
Die Grundsätze zivil-militärischen Zu- Entwicklungshelfer“ tätig wären, weder
sammenwirkens resultieren maßgeblich aus realistisch noch wünschenswert. Er reflektiert
den NATO-Einsätzen im ehemaligen Jugo- vielmehr das politische Spannungsfeld, in dem
slawien. Diese begründeten eine neuartige CIMIC zu verorten ist.
Gleichzeitigkeit von zivilen und militärischen
Maßnahmen. Angesichts der komplexen hu- Es ist das genuine Interesse der Politik und
manitären Notlage und der sich daraus erge- ihrer Streitkräfte im Auslandseinsatz, ein unsi-
benden Notwendigkeit einer Abstimmung cheres Umfeld so weit zu stabilisieren, dass
zwischen den Streitkräften und den zivilen sich die Soldaten möglichst bald wieder zu-
Akteuren wurde deutlich, dass das Zusam- rückziehen können. Wesentliche Gründe
menwirken verbessert werden musste. Ein Er- dafür sind die hohen Kosten und die geringe
gebnis dieses Lernprozesses war die CIMIC- Akzeptanz eines längerfristigen Militäreinsat-
Doktrin mit ihren drei Kernfunktionen – die zes in demokratisch verfassten Entsendestaa-
Zusammenarbeit mit dem zivilen Umfeld er- ten. Die erfolgreiche Stabilisierung einer
leichtern, die Akzeptanz des Einsatzes bei Nachkriegsgesellschaft, die einen Abzug der
der Zivilbevölkerung erhöhen (um den Streitkräfte ermöglicht, bemisst sich daran, in-
Schutz der Truppe zu stärken) sowie zur wieweit Frieden und Sicherheit so weit konso-
Operationsplanung und -führung beitragen. 3 lidiert sind, dass sich ein Rückfall in den
Kriegszustand vermeiden lässt und staatliche
Die aktuelle CIMIC-Konzeption ist damit Strukturen gestärkt werden können. Diese
ein Ergebnis der Herausforderungen von multi- vorwiegend zivile Aufgabe der internationa-
funktionalen Stabilisierungseinsätzen. Hierbei len Gemeinschaft kann nur in einem sicheren
geht es um eine vielfältige Interaktion ziviler und stabilen Umfeld nachhaltig bewältigt wer-
3 Vgl. ausführlich Michael Paul, CIMIC am Beispiel
den. CIMIC hat in diesem Kontext die Funk-
tion, den Kommandeur bei der Wahrnehmung
des ISAF-Einsatzes. Konzeption, Umsetzung und
Weiterentwicklung zivil-militärischer Interaktion im seiner Aufgaben – unter anderem hinsichtlich
Auslandseinsatz (SWP-Studie 31/08), Berlin 2008, des Eigenschutzes – zu unterstützen und sub-
S. 7– 13. sidiär zum zivilen Wiederaufbau beizutragen.

30 APuZ 48/2009
Im weiteren Sinne kann CIMIC als Teil eines Prinzipiell wird gegenüber zivilen Organi-
umfassenden politisch-strategischen Instru- sationen keine Kontrollfunktion beansprucht.
mentariums unterstützend tätig sein. CIMIC Vielmehr soll das CIMIC-Personal ein um-
wirkt dabei unverändert am Gesamtprozess fassendes Verständnis von Mandat, Rolle,
mit, ist aber nicht mehr zentraler Träger des Struktur, Methoden und Prinzipien ziviler
zivil-militärischen Zusammenwirkens. Der Organisationen besitzen. Diese Verbindungs-
Begriff Zusammenwirken wird insofern der arbeit ist frühzeitig einzuleiten, auch auf der
CIMIC-Aufgabe im Kontext eines umfassen- Basis von Daten über das Einsatzland, die im
den Ansatzes eher gerecht. Vorfeld des Einsatzes erhoben und vor Ort
aktualisiert werden. CIMIC-Kräfte sind also
Dauerhaft zu befriedende Nachkriegsge- bereits im frühen Planungsstadium und in der
sellschaften erfordern ein langwieriges, mili- Umsetzung des Streitkräfteeinsatzes tätig.
tärisch abgestütztes Engagement. Dabei kann
CIMIC kräfteverstärkend wirken, so dass Im Einsatz selbst stellen vertrauensbilden-
sich der Einsatz wirkungsvoller durchführen de Beziehungen zu den zivilen Akteuren
und damit früher beenden bzw. im Umfang einen Schwerpunkt dar. Zu dieser Aufgabe
reduzieren lässt. Denn die im CIMIC-Aufga- zählen Kontaktaufnahme und -pflege; die
benbereich eingesetzten Soldaten sind durch Einbeziehung relevanter ziviler Akteure in
konstante Verbindungs- und Kontaktarbeit in die Planung auf strategischer und operativer
der Lage, die sozialen, wirtschaftlichen und Ebene; eine kontinuierliche Beurteilung des
politischen Prozesse vor Ort zeitnah zu beur- zivilen Umfelds, einschließlich der Identifi-
teilen. Dadurch wird es möglich, potentiell zierung lokaler Bedürfnisse (Trinkwasserver-
destabilisierende Entwicklungen frühzeitig sorgung, Infrastruktur, medizinische Versor-
zu erkennen und im Falle einer militärisch re- gung) und der Einschätzung, ob und in wel-
levanten Situation entsprechende Kräfte ein- chem Maße diese befriedigt werden können;
zusetzen. Dies kann im Laufe einer erfolgrei- die Beaufsichtigung entsprechender Aktivitä-
chen Stabilisierungsphase dazu beitragen, die ten, gegebenenfalls unter Hinzuziehung von
Streitkräfte zu reduzieren. Damit sich dies in Spezialisten sowie die Orientierung an einer
einer gemeinsamen integrierten Vorgehens- zeitgerechten Übergabe von Verantwortung
weise erreichen lässt, muss CIMIC dem spe- an die zivilen Agenturen und schließlich die
zifischen Aufgabenspektrum im Einsatzge- Beratung des Kommandeurs.
biet angepasst werden. Schließlich muss die
militärische Operationsplanung in eine kohä- Diese Aktivitäten bilden die Grundlage für
rente politische Gesamtplanung integriert die beiden anderen Aufgabenbereiche – die
werden, da militärische Maßnahmen allein Unterstützung des zivilen Umfelds und die
nicht zu nachhaltigen Effekten führen. Unterstützung der Streitkräfte. Dabei kann
sich das Profil von CIMIC gemäß den Gege-
benheiten des Einsatzes verändern. Einsätze
unterliegen sich ständig verändernden Rah-
CIMIC-Kernfunktionen menbedingungen und können sich daher
nach Auftrag, Intensität, Schwerpunktset-
Die Gestaltung zivil-militärischer Beziehun- zung sowie Kräfte- und Mittelansatz erheb-
gen besteht hauptsächlich in deren Aufbau lich voneinander unterscheiden. Bei einem
und Koordination, im Informationsaustausch fließenden oder plötzlichen Wechsel der In-
über die wechselseitigen Auswirkungen mili- tensitäten hat die Beurteilung der zivilen
tärischen und zivilen Handelns sowie in Be- Lage entscheidende Bedeutung. Bei allen Sze-
kanntgabe und Abstimmung von Einsatz- narien müssen zur Erstellung eines zivilen
und Operationsplanungen. Auf diese Weise Lagebildes politische, soziale, kulturelle, reli-
soll die Voraussetzung dafür geschaffen wer- giöse, wirtschaftliche, ökologische und huma-
den, dass zivile Akteure einerseits Verständ- nitäre Bedingungen des Landes und seiner
nis für Bedingungen, Möglichkeiten und Bevölkerung berücksichtigt werden, außer-
Grenzen militärischen Handelns entwickeln, dem der Zustand der – meist nur rudimentär
andererseits militärische Belange bei der Pla- vorhandenen – Behörden und Strukturen auf
nung und Durchführung ihrer Maßnahmen regionaler und lokaler Ebene. Ebenso wichtig
berücksichtigen. Im Idealfall entsteht ein syn- ist die Präsenz von internationalen Organisa-
ergetisches Miteinander. tionen, Regierungs- und Nichtregierungsor-

APuZ 48/2009 31
ganisationen sowie Agenturen der Geberlän- scheidungsfindung bei der Operationspla-
der bzw. Hauptgeldgeber (wie EU, Welt- nung ein. In seinem Lagevortrag kann ein
bank) mit ihren Mandaten, Rollen, Methoden CIMIC-Offizier bestimmte Maßnahmen zur
und Prinzipien. Eigensicherung empfehlen, Unterstützungs-
möglichkeiten vorschlagen, Koordinations-
Die Unterstützung ziviler Stellen und Ak- und Abstimmungsbedarf gegenüber zivilen
teure soll als zweite CIMIC-Aufgabe die Ak- Organisationen anmelden oder die Auswir-
zeptanz der Streitkräfte erhöhen, um so den kungen des Einsatzes der eigenen Kräfte auf
Schutz der Truppe zu verbessern. Ein breites die Lebensbedingungen der Bevölkerung ein-
Spektrum an Handlungsoptionen ist vor schätzen. Er kann gegebenenfalls einen Un-
allem dort erforderlich, wo es um die Schaf- terstützungsbedarf für das zivile Umfeld er-
fung eines sicheren Umfelds geht. Begünstigt klären oder Verhaltensmaßregeln im Einsatz-
werden kann dieser Prozess dadurch, dass gebiet bekanntgeben. Schließlich sind die
Hilfe mittelbar erfolgt, indem Unterstüt- Streitkräfte auf zivile Ressourcen vor Ort an-
zungsleistungen koordiniert werden, oder da- gewiesen. Gleichzeitig sollen nachteilige Aus-
durch, dass man die Bevölkerung unmittelbar wirkungen auf Bevölkerung, Wirtschaft, Um-
unterstützt (um vorteilhafte Bedingungen für welt, Infrastruktur oder die Arbeit humanitä-
den militärischen Einsatz zu schaffen und/ rer Organisationen vermieden werden.
oder weil zivile Strukturen dazu nicht in der
Lage sind). Außerdem sind im Rahmen ver- Bundeswehr im ISAF-Einsatz
fügbarer Kräfte und Mittel zusätzliche Leis-
tungen möglich. Berücksichtigt werden müs- Die Bundesregierung hat in ihrem „Afghanis-
sen dabei die Vorgaben des Gastlandes sowie tan-Konzept“ die Aufgabe der Streitkräfte so
Entwicklungskonzepte der Geberländer, festgelegt: „Die militärische Komponente
außerdem übergeordnete Ziele nationaler, schafft (. . .) das notwendige sichere Umfeld
internationaler sowie supranationaler Institu- für den Wiederaufbauprozess – so lange, bis
tionen. Generell dient die Unterstützung des die afghanischen Sicherheitsorgane dazu
zivilen Umfelds der Durchführung des eige- selbst in der Lage sind.“ 4 Gemäß ISAF-Ope-
nen Auftrags und erfolgt subsidiär. rationsplan dienen die Wiederaufbauteams
(Provincial Reconstruction Teams/PRTs) als
Drittens wirken CIMIC-Stabsoffiziere an „Katalysatoren des Wandels“, zu deren mili-
der militärischen Operationsplanung und tärischer Unterstützung die ISAF-Kräfte bei-
-führung mit, indem sie das militärische Füh- tragen. Präsenz und Engagement sollen ein
rungspersonal beraten. So leisten sie eine Un- Umfeld erzeugen, in dem Vertrauen und Si-
terstützung der Streitkräfte. Die wesentliche cherheit herrschen und Aufbauarbeit möglich
Grundlage dafür bilden Informationen über ist. Dabei reicht die Bandbreite militärischer
die Lage der zivilen Akteure einschließlich Operationen vom Selbstschutz bis zu offensi-
der Bevölkerung sowie die Bewertung der ven Land- und Luftoperationen.
wechselseitigen Auswirkungen militärischen
und zivilen Handelns. Das zivile Lagebild Rechte und Pflichten der im Ausland täti-
enthält Daten über die soziale und wirtschaft- gen Truppe sind vor allem aus dem Mandat
liche Lage der Bevölkerung, die ethnische Si- abzuleiten, das dem Einsatz zugrunde liegt.
tuation sowie kulturelle und religiöse Beson- Deutschland hat dem Operationsplan und
derheiten, den Zustand der zivilen Infrastruk- den Einsatzregeln im NATO-Rat zuge-
tur sowie des Bildungs-, Gesundheits- und stimmt, jedoch Erklärungen zur nationalen
Veterinärwesens und des staatlichen Sicher- Umsetzung abgegeben. So sollen deutsche
heitssektors. Zudem informiert das Lagebild Soldaten militärische Gewalt nur gemäß dem
darüber, wie das Handeln der Streitkräfte Prinzip der Verhältnismäßigkeit einsetzen
wahrgenommen wird, welche Maßnahmen und grundsätzlich in den ISAF-Regionen
zivile Akteure planen und welche gemeinsa- Nord und Kabul operieren – in anderen Re-
men Projekte durchgeführt werden. gionen nur für zeitlich und im Umfang be-
grenzte Unterstützungsmaßnahmen. Aus
Zur Vervollständigung des Gesamtlagebil- Sicht der Bundesregierung führen die Vorbe-
des tragen neben CIMIC weitere Funktions- halte zu keiner Einschränkung der Hand-
bereiche eines Stabes oder Hauptquartiers
bei. CIMIC wirkt unmittelbar auf die Ent- 4 Bundesregierung (Anm. 2), S. 14.

32 APuZ 48/2009
lungsfähigkeit. Darüber hinaus dürfen sich Nord den Auftrag, ein sicheres und stabiles
Soldaten nur in gepanzerten Fahrzeugen, mit Umfeld zu schaffen und die Bedingungen für
medizinischer Unterstützung sowie in Be- eine weitere positive Entwicklung herzustel-
gleitung von Kampfmittelbeseitigungsteams len. Ein grundlegendes Problem besteht je-
auf Patrouille begeben. 5 Verbunden mit wei- doch darin, dass im konzeptionellen Design
teren Einsatzrestriktionen erschweren solche der ISAF-Mission die extrem defizitären
Vorgaben die ISAF-Einsatzkoordination und Strukturen des kriegszerstörten afghanischen
gemeinsame Aktionen mit afghanischen Si- Staatswesens nicht hinreichend berücksichtigt
cherheitskräften. Das Problem verschärft wurden. Faktisch muss ein „Staatsaufbau
sich, wenn gleichzeitig Fähigkeitslücken auf- ohne Staat“ betrieben werden. 7 Angesichts
treten – bei Aufklärung, Kommunikation, dieser Situation, die durch eine sich ver-
Fahrzeugen, Infanterie- und Pionierkräften schlechternde Sicherheitslage erschwert wird,
oder Lufttransport. Kurzum: „Die Vorbe- erscheint der im Vergleich zum Balkan-Enga-
halte, wie die Lücken, erhöhen das Risiko gement geringe Streitkräfte- und Mittelansatz
für jeden ISAF-Angehörigen in Afghanis- fragwürdig.
tan.“ 6
Die Bedeutung von CIMIC-Kräften bei
Deutschland trägt als Leitnation die Ver- der Beschaffung von Informationen, mit
antwortung in der Nordregion, insbesondere denen sich die Entwicklung im Einsatzgebiet
durch die PRTs in Kunduz und Feyzabad beurteilen lässt, kann gerade in fluiden Si-
sowie ein permanentes Beratungsteam in cherheitslagen nicht hoch genug eingeschätzt
Taloqan. Grundprinzip ist das Zusammen- werden. Gleichwohl waren 2008 im deut-
wirken ziviler und militärischer Experten, schen ISAF-Einsatzkontingent nur 36 Solda-
die gleichrangig unter einem politischen Ge- ten im Bereich CIMIC eingesetzt – davon je-
samtauftrag arbeiten und größere Wirkung weils zwölf in den beiden Wiederaufbau-
erzielen, indem sie konzeptionell und opera- teams. Wie soll mit einer derart geringen
tiv integriert agieren. Die militärischen Fä- Zahl an CIMIC-Personal ein realistisches
higkeiten dienen dazu, Sicherheit herzustel- Lagebild erstellt werden? Zweifellos müssen
len und so die Arbeit der zivilen Agenturen nicht alle Daten kontinuierlich durch Erkun-
zu ermöglichen. Im Idealfall trägt CIMIC dungstrupps überprüft und nicht alle Erhe-
zum Eigenschutz bei. Allerdings ist der bungen von CIMIC-Kräften durchgeführt
Kommandeur aufgrund mangelnder militäri- werden. Allerdings war bei dem auslaufen-
scher Fähigkeiten häufig auf die Zusammen- den Einsatz im Kosovo – wo eine vergleich-
arbeit mit lokalen Machthabern angewiesen, bare Situation bestand (Nachkriegsgesell-
um den Schutz des PRT zu gewährleisten. schaft, fehlende Staatlichkeit, Gewaltkrimi-
Eine häufig geäußerte Kritik lautet daher, nalität) – mit 67 Soldaten ein größeres
dass in PRTs unter deutscher Leitung der Kräftekontingent in der Verbindungsarbeit
Selbstschutz vor der Auftragserfüllung, also tätig, obwohl das deutsche Einsatzgebiet in
der Sicherheitsherstellung, rangiere und die den nordafghanischen Provinzen Badakhs-
Bundeswehr hauptsächlich mit der Eigensi- han, Kunduz und Takhar mit einer Fläche
cherung beschäftigt sei. So wirken sich deut- von 64 520 Quadratkilometern sechsmal so
sche Einsatzbeschränkungen direkt auf die groß ist wie das Kosovo.
Umsetzung militärischer Fähigkeiten aus.
Zivil-militärische Beziehungen
CIMIC-Funktionen im ISAF-Einsatz Der Einsatz deutscher CIMIC-Kräfte er-
folgt in unterschiedlicher Form. Die
Abgeleitet vom ISAF-Mandat hat der deut- CIMIC-Stabskräfte im Regionalkommando
sche Kommandeur des Regionalkommandos Nord und in den PRTs beauftragen Erkun-
5 Dass sich Soldaten nur geschützt auf Patrouille be-
dungstrupps (zwei Mann und ein Sprach-
mittler sowie Begleitschutz), die die zivile
geben, ist selbstverständlich. Der personelle und tech-
nische Aufwand kann je nach Vorgabe aber unter- Lage erfassen, Kontakte herstellen und pfle-
schiedlich ausfallen. gen, Projekte identifizieren sowie bei deren
6 General Karl-Heinz Lather, zit. nach: In Afghanis-

tan fehlen Soldaten, in: Frankfurter Allgemeine Zei- 7 Vgl. Citha D. Maaß, Afghanistan: Staatsaufbau ohne

tung vom 10. 5. 2008, S. 5. Staat (SWP-Studie 4/2007), Berlin 2007.

APuZ 48/2009 33
Abstimmung und Realisierung unterstüt- Ein Dilemma besteht in diesem Kontext
zend tätig sind. Die zur Erkundung einge- darin, dass einerseits Hilfe notwendig ist, die
setzten Feldkräfte haben die Aufgabe, in in vielen Fällen nur Streitkräfte leisten können,
den Ortschaften ihrer Zuständigkeitsgebiete weil zivile Alternativen nicht zur Verfügung
Gespräche zu führen und Eindrücke zu stehen (so infolge des harten Winters 2007/
sammeln, um daraus Village Profiles zu er- 2008, der im Januar fast tausend Tote in der Be-
stellen. Erfasst werden relevante Aspekte völkerung forderte), und dass sich damit ande-
wie die Trinkwasserversorgung, die Bil- rerseits „humanitäre Räume“ verringern, in
dungsinfrastruktur, die Sicherheitslage oder denen Hilfsorganisationen in zeitlicher und
der Zustand lokaler Institutionen. Zudem räumlicher Distanz zu den Streitkräften den
überprüfen Projekttrupps (ein Bauingenieur Dialog mit allen Beteiligten führen können.
und ein Bautechniker sowie ein Sprachmitt-
ler) die Entwicklung von Infrastrukturpro-
jekten. Die Verbindungsarbeit wird von den Das Problem hinlänglicher Kräfte
Offizieren allein in Begleitung eines Sprach-
mittlers geleistet – dazu gehören Gespräche Lässt die im Vergleich zum Balkan geringe
mit Vertretern von Provinzregierung, Pro- Zahl eingesetzter Kräfte darauf schließen, dass
vinzrat, afghanischer Armee und Polizei das bei seiner Einführung hochgepriesene
sowie Medien, mit Bürgermeistern, Mullahs CIMIC-Konzept auf dem Weg der Marginali-
und Ältesten oder den Repräsentanten von sierung ist? Eher nicht – vielmehr könnte man
UNAMA (Regierungs- und Nichtregie- argumentieren, dass die Bundeswehr in Nord-
rungsorganisationen). Aus all diesen Infor- afghanistan unzureichend präsent ist und
mationen erstellen die CIMIC-Stabskräfte daher zur Verbesserung der Sicherheitslage (im
das zivile Lagebild. Sinne des Mandats und des Einsatzauftrags)
nur begrenzt beitragen kann. Das gegebene
Aufgrund einer restriktiven Selbstver- Streitkräftedispositiv ermöglicht jedenfalls
pflichtung des Verteidigungsministeriums keine raumgreifende CIMIC-Arbeit. Wenn
werden keine umfangreichen Aufbauprojekte sich CIMIC-Kräfte nur mit Begleitschutz und
durchgeführt. 8 Vorrangig werden Unterstüt- in geschützten Fahrzeugen außerhalb des
zungsmaßnahmen umgesetzt, die schnelle, Camps bewegen dürfen, dafür aber weder Sol-
sofort sichtbare Ergebnisse zeitigen. Diese daten noch geschützte Fahrzeuge in ausrei-
Quick Impact Projects beruhen auf der Beur- chender Zahl zur Verfügung stehen, kann der
teilung der zivilen Lage und können auch hu- Auftrag nur in reduziertem Umfang ausge-
manitäre Hilfen beinhalten. Zudem steht dem führt werden – und dies angesichts der übrigen
Kommandeur ein „Handgeld“ in Höhe von selbstgesetzten Beschränkungen in einer sich
30 000 EUR für den Einsatzzeitraum von vier verschlechternden Sicherheitslage.
Monaten zur Verfügung, das er für Maßnah-
men verwenden kann, die operativ notwendig Damit der militärische Auftrag, ein sicheres
sind. Grundsätzlich werden Mittel für Umfeld zu schaffen, erfüllt werden kann,
CIMIC-Projekte in Afghanistan von Dritten sind hinlängliche Kräfte notwendig. Wenn
bereitgestellt – auch durch private Spender, die Entsendestaaten ihre Soldaten nicht in der
Firmen und Vereine. Die Bundeswehr stellt zugesagten Anzahl und noch dazu unter Vor-
das notwendige Personal, Material und tech- behalten bereitstellen, kann dies zur Eskalati-
nische Gerät zur Verfügung. Insgesamt fallen on der Gewalt beitragen – dann werden näm-
Anzahl und Finanzvolumen von CIMIC- lich Luftwaffe und Artillerie statt besser ge-
Projekten in Afghanistan signifikant geringer eigneter Landstreitkräfte für taktische
aus als bei den Balkan-Einsätzen. 9 Einsätze herangezogen. Die dadurch verur-
sachten zivilen Opfer bedeuten nicht nur
8 So wurde zugesagt, „keine CIMIC im gleichen Um- einen Verlust an Menschenleben, sondern
fang wie bei den Balkan-Einsätzen durchzuführen, sind auch politisch kontraproduktiv: Die Un-
sondern allenfalls so viel an Nothilfe zu leisten, wie es terstützung des Einsatzes in der afghanischen
für Zwecke der militärischen Stabilisierung unabding- Bevölkerung geht verloren, die Taliban finden
bar ist“. Michael Schmunk, Die deutschen Provincial
Reconstruction Teams. Ein neues Instrument zum
günstigere Bedingungen für die Rekrutierung
Nation-Building (SWP-Studie 33/05), Berlin 2005, neuer Kämpfer, und darüber hinaus ver-
S. 29. schlechtert sich in den Entsendestaaten die
9 Vgl. M. Paul (Anm. 3), S. 20. öffentliche Meinung zum Einsatz.

34 APuZ 48/2009
Eine zentrale Herausforderung für ISAF dings können solche Einsätze nur dann
und die afghanischen Sicherheitskräfte be- nachhaltige Wirkung erzeugen, wenn sie mit zi-
steht darin, das Vertrauen der Bevölkerung in viler Aufbauhilfe und Sicherheitsgewährleis-
die eigene Durchsetzungsfähigkeit zu stär- tung durch afghanische Sicherheitskräfte ver-
ken. Dies verweist jedoch wiederum auf das bunden sind.
Problem hinlänglicher Kräfte: Gebiete, die
von Aufständischen befreit worden sind, Resümee
können danach nicht gesichert werden, weil
die ISAF-Streitkräfte anderweitig eingesetzt In der deutschen Debatte wird der Beitrag der
werden müssen und afghanische Soldaten CIMIC-Kräfte häufig in Konkurrenz zu
noch nicht in ausreichender Zahl und mit Hilfsorganisationen gesetzt. Dabei wird über-
dem nötigen Ausbildungs- und Ausrüstungs- sehen, dass sie für diese Rolle weder personell
stand zur Verfügung stehen. noch materiell hinreichend ausgestattet sind.
Angesichts der reservierten bis ablehnenden
Insofern greift die populäre Variante von Haltung der deutschen Bevölkerung zum
CIMIC, an Grundbedürfnisse und materielle ISAF-Einsatz bietet CIMIC andererseits ein
Eigeninteressen der Bevölkerung anzuknüp- positives Bild. Denn mit Impressionen vom
fen, im Kontext der Aufstandsbekämpfung Brückenbau und vom Brunnenbohren gewinnt
zu kurz. Denn die Bevölkerung muss nicht der deutsche Beitrag zum internationalen Mili-
nur davon überzeugt werden, dass der Erfolg täreinsatz ein populäres, da ziviles Image. Die
von ISAF in ihrem eigenen Interesse ist, son- innenpolitische Legitimation des Einsatzes
dern auch daran glauben, dass ISAF und die wird gefördert, und die Mandatsverlängerung
eigenen Streitkräfte einen dauerhaften Schutz ist leichter zu erlangen. CIMIC-Projekte kön-
gewährleisten. Beides bedingt flexibel ein- nen jedoch nur punktuell und nicht nachhaltig
setzbare und ausreichend ausgestattete Streit- erfolgreich sein. Außerdem sind sie nicht ge-
kräfte. Dabei wird nicht die Absicht verfolgt, eignet, notwendige Beiträge im Rahmen der
das Land flächendeckend militärisch zu kon- Bündnissolidarität – die aktive Herstellung
trollieren. Vielmehr sind zur Aufstandsbe- von Sicherheit – zu ersetzen. Wenn daran erin-
kämpfung wesentlich nichtmilitärische Maß- nert wird, dass man „Soldaten – und nicht be-
nahmen notwendig; gerade diese erfordern waffnete Entwicklungshelfer!“ 10 nach Afgha-
ein sicheres und stabiles Umfeld. nistan geschickt habe, geht es insofern auch
um den Beitrag Deutschlands in langwierigen
Nachhaltige Sicherheit kann letztlich nur die und gefährlichen Stabilisierungseinsätzen.
Afghanische Nationalarmee (ANA) gewährleis-
ten. Sie hat quantitative und vor allem auch qua- Im Einsatz in Afghanistan erweckt die Ver-
litative Fortschritte gemacht. Zunehmend fin- pflichtung des Verteidigungsministeriums, al-
den große Militäroperationen unter afghani- lenfalls Nothilfe zu leisten, zusammen mit
scher Führung statt. Zu den als beispielhaft nationalen Vorbehalten und unzulänglichen
angeführten Einsätzen gehörte die Operation Ressourcen den Eindruck einer Selbstblocka-
„Harekate Yolo II“ von November 2007, deren de. Daraus sollte nicht die Konsequenz gezo-
Ziel die Bekämpfung von Aufständischen in gen werden, dass auf die Unterstützung der
den nordwestlichen Provinzen Faryab und Streitkräfte beim Wiederaufbau verzichtet
Badghis war. Die Afghanen führten die Offen- werden könnte; sie ist gerade in fluiden Si-
sive gemeinsam mit der norwegischen Quick cherheitslagen unverzichtbar und erfordert
Reaction Force; die Bundeswehr leistete Aufklä- hinlängliche CIMIC-Fähigkeiten zu Verbin-
rung und Sanitätshilfe. Deutsche CIMIC-Kräf- dungsarbeit, Projektunterstützung und Lage-
te waren in die Operation eingebunden und mit beurteilung. Ein Ansatz mag umfassend kon-
der Beschaffung von Hilfsgütern befasst; die zipiert und eine Doktrin detailliert sein, ihre
Verteilung dieser Winterhilfe wurde den ANA- Realisierung ist jedoch nur durch entspre-
Soldaten überlassen, um deren Ansehen in der chendes Personal und Ressourcen möglich.
Bevölkerung zu fördern. In diesem Fall gingen
aktive Sicherheitsherstellung und Eigenschutz
eine wirkungsvolle Symbiose ein. Dass Aufga-
10 Hans-Ulrich Klose, Gleiches Risiko für alle, in:
ben sukzessive von einheimischen Sicherheits-
Süddeutsche Zeitung vom 21. 2. 2008, S. 2.
kräften übernommen werden, stärkt das Prin-
zip afghanischer Eigenverantwortung. Aller-

APuZ 48/2009 35
Rüdiger Fiebig · Carsten Pietsch die Bundeswehr ihm gegenüber „bei nahezu
jedem Truppenbesuch vom Rekruten bis zum

Die Deutschen General hin offen beklagt“ werde. 2

Wie ist dieses Lamento über fehlende Un-

und ihre terstützung der Soldatinnen und Soldaten


und mangelnde Anteilnahme an deren Ein-
satz zu bewerten? Auf der Grundlage der Be-
Streitkräfte völkerungsbefragung 2008 des Sozialwissen-
schaftlichen Instituts der Bundeswehr 3 soll
ergründet werden, welche Formen des Rück-
halts es für die deutschen Streitkräfte tatsäch-

N achdem das Bundesverfassungsgericht


vor 15 Jahren die Auslandseinsätze der
Bundeswehr legitimiert hat (BVerfGE 90,
lich unter den Bürgerinnen und Bürgern gibt.
Rückhalt kann in diesem Sinn neben Fakten-
wissen über die Bundeswehr und deren Ein-
286), ist der Einsatz sätze auch Kategorien wie Vertrauen und po-
deutscher Streitkräfte sitive Bewertung der Aufgabenerfüllung um-
Rüdiger Fiebig
fernab der Heimat fassen.
Dipl.-Pol., geb. 1980;
zum Normalfall ge-
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
worden: So war im Dazu sollen im Folgenden der Kenntnis-
am Sozialwissenschaftlichen
zurückliegenden Jahr stand der Deutschen über die Bundeswehr
Institut der Bundeswehr, Pro-
militärisches Personal und ihr Vertrauen in die Streitkräfte skizziert
jektleiter im Forschungsschwer-
in einer Gesamtstärke werden. Abschließend soll untersucht wer-
punkt „Einstellungsforschung
von knapp 7000 Sol- den, woraus sich dieses Vertrauen der Bevöl-
und Meinungsumfragen“ für die
datinnen und Soldaten kerung in die Bundeswehr speist.
jährliche Bevölkerungsumfrage
in verschiedenen Mis-
zum sicherheits- und verteidi-
sionen im Auftrag der
gungspolitischen Meinungsbild
UNO, der Europä- Kenntnisstand der Deutschen
der Deutschen sowie die Streit-
kräftebefragung, Sozialwissen-
ischen Union oder der über ihre Streitkräfte
NATO weltweit im
schaftliches Institut der
Einsatz. Bereits im Rahmen früherer Bevölkerungsbe-
Bundeswehr, Postfach 1142,
15331 Strausberg. fragungen des Sozialwissenschaftlichen Insti-
Doch wie sieht es tuts wurde deutlich, dass sicherheits- und ver-
ruedigerfiebig@
an der „Heimatfront“ teidigungspolitische Themen im Gegensatz
bundeswehr.org
aus? Im vergangenen zu Themenbereichen innenpolitischer Natur
Herbst machte der von deutlich nachrangiger Bedeutung für das
Carsten Pietsch
von Bundespräsident
M.A., geb. 1977; Wissenschaftli-
Horst Köhler ge- Die im vorliegenden Artikel vorgetragenen Ansichten
cher Mitarbeiter am Sozial- und Meinungen sind ausschließlich diejenigen der Au-
prägte Begriff vom
wissenschaftlichen Institut toren und geben nicht notwendigerweise die Sicht oder
„freundlichen Desin-
der Bundeswehr (s.o.). die Auffassung des Bundesministeriums der Verteidi-
teresse“ an der Bun- gung wieder.
carstenpietsch@
deswehr die Runde, 1 Deutsche Sicherheitspolitik – Stärken, Schwächen,
bundeswehr.org
womit er konstatierte, Aufgaben. Ansprache von Bundespräsident Horst
dass die Bürgerinnen Köhler beim Forum Sicherheitspolitik „Impulse 21“
und Bürger zu wenig Anteil nähmen am Auf- am 27. 11. 2008 in Berlin.
2 Deutscher Bundestag, Drs. 16/12200, Unterrichtung
trag und Einsatz deutscher Soldatinnen und
durch den Wehrbeauftragten, Jahresbericht 2008 (50.
Soldaten – schließlich wolle „(k)eine Armee
Bericht), S. 6.
der Welt (. . .) sich bei ihrem Einsatz nur auf 3 Grundgesamtheit: Alle deutschsprachigen Personen
moderne Waffen und Gerät stützen, sie will ab 16 Jahren, die in Privathaushalten in der Bundes-
auch begleitet sein von Unterstützung durch republik Deutschland leben; 2422 realisierte Inter-
die Mitbürger, von Anteilnahme an ihrem ge- views. Stichprobenziehung: Im Rahmen des ADM-
fährlichen Dienst“. 1 Einen ähnlichen Ton Mastersamples, repräsentative, mehrstufig geschichtete
Zufallsstichprobe, Random Route-Verfahren. Er-
schlug der Wehrbeauftragte des Bundestages hebungsmethode: CAPI, 280 Interviewer. Befragungs-
Reinhold Robbe im Frühjahr 2009 an, als er zeitraum: Juni 2008. Bundesweite Datenerhebung
in seinem jährlichen Bericht feststellte, dass durch TNS Emnid. Durchschnittliche Interviewdauer:
der fehlende Rückhalt der Bevölkerung für ca. 60 Minuten.

36 APuZ 48/2009
Gros der Bürgerinnen und Bürger sind. 4 Mi- Abbildung 1: Index Informationsniveau
thin fühlt sich der Einzelne in der Regel von
Politikbereichen wie Sozial-, Bildungs-, oder 20
Arbeitsmarktpolitik unmittelbar betroffen

Richtige Antworten auf

(Angaben in Prozent)
16

neun Wissensfragen
und schenkt diesen Themen dementspre- 15 15 15 14
chend große Aufmerksamkeit; an dem ver- 11
10 9
gleichsweise abstrakten, vor allem medial ver-
7
mittelten sicherheits- und verteidigungspoli- 6 4
5
tischen Themenkomplex herrscht aber ein 3
wesentlich geringeres Interesse – was auf Sei- 0
ten der Bürgerinnen und Bürger denn auch in 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9
Anzahl der richtig beantworteten Wissensfragen
einem Kenntnisstand resultieren kann, der als
gering bezeichnet werden darf.
Datenbasis: Bevölkerungsbefragung des Sozialwissenschaftlichen
Um den Kenntnisstand der Bevölkerung Instituts der Bundeswehr 2008.
abzubilden, wurden als Teil der Bevölke- Datenbasis für alle Tabellen und Abbildungen: Bevölkerungsbe-
fragung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr
rungsbefragung neun Wissensfragen gestellt:
2008.
(richtige Antwort von vier Wahlmöglichkei-
ten jeweils in eckigen Klammern): 1. Wie
viele Soldatinnen und Soldaten der Bundes-
Abbildung 1 veranschaulicht, dass über 50
wehr befinden sich derzeit im Auslandsein-
Prozent der Befragten keine bis lediglich fünf
satz? [ca. 5 000 bis 10 000], 2. Wie heißt der
dieser Wissensfragen richtig beantworten
gegenwärtige Bundesminister der Verteidi-
können. Eine Minderheit beantwortet sechs
gung? [Franz Josef Jung], 3. Deutschland be-
bis neun Fragen richtig; lediglich vier Prozent
teiligt sich zurzeit an der Friedenstruppe der
der Befragten beantworten alle Wissensfragen
Vereinten Nationen im Libanon (UNIFIL).
richtig. Dabei handelt es sich bei den Fragen
Welche Kräfte der Bundeswehr sind mit die-
mit dem höchsten Anteil an richtigen Ant-
sem Einsatz hauptsächlich betraut? [Die Ma-
worten um die Frage nach der Situation von
rine], 4. Seit wann befindet sich die Bundes-
Frauen in der Bundeswehr, die 75 Prozent
wehr im Rahmen der ISAF-Friedenstruppe in
der Befragten richtig beantworten, sowie um
Afghanistan im Einsatz? [2002], 5. Wer muss
die Frage danach, wer zustimmen muss,
grundsätzlich zustimmen, bevor die Bundes-
bevor die Bundeswehr einen bewaffneten
wehr einen bewaffneten Auslandseinsatz
Auslandseinsatz durchführen kann, auf die 70
durchführen kann? [Der Bundestag], 6. In
Prozent der Befragten die richtige Antwort
welchem Land ist die Bundeswehr gegenwär-
wissen. Die größten Wissenslücken tun sich
tig im Einsatz? [Bosnien-Herzegowina], 7.
hingegen auf bei der Frage nach der Anzahl
Wie viele Monate dauert der Grundwehr-
der derzeit im Dienst der Bundeswehr be-
dienst in der Bundeswehr? [9 Monate], 8.
findlichen Soldatinnen und Soldaten, die nur
Welche der folgenden Aussagen beschreibt
37 Prozent der Befragten richtig beantwor-
die Situation von Frauen in der Bundeswehr
ten, sowie bei der Frage zur gegenwärtigen
korrekt? [Frauen ist der Dienst an der Waffe
Anzahl der Bundeswehrsoldaten im Aus-
grundsätzlich erlaubt], 9. Wie viele Soldatin-
landseinsatz und dem Jahr, seit sich die Bun-
nen und Soldaten leisten gegenwärtig Dienst
deswehr im Rahmen der ISAF-Friedens-
in der Bundeswehr? [ca. 200 000 bis 300 000].
truppe in Afghanistan im Einsatz befindet;
hier antworten jeweils 40 Prozent richtig.
4 Vgl. dazu etwa Rüdiger Fiebig, Internationales En-

gagement Deutschlands, in Thomas Bulmahn/ders./ Insgesamt unterstreichen diese Ergebnisse


Wolfgang Sender, Sicherheits- und verteidigungs- die Tatsache des relativ geringen sicherheits-
politisches Meinungsklima in der Bundesrepublik
und verteidigungspolitischen Kenntnisstands
Deutschland. Ergebnisse der Bevölkerungsbefragung
2006 des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bun- der Bürgerinnen und Bürger und deren
deswehr. Forschungsbericht 84, Strausberg 2007, (Nicht-)Wissen über die Auslandseinsätze
S. 45 –58, hier: S. 53–56. Siehe auch Hans Rattinger/ der Bundeswehr. 5 Dies muss für sich noch
Joachim Behnke/Christian Holst, Außenpolitik und
öffentliche Meinung in der Bundesrepublik. Ein Da-
tenhandbuch zu Umfragen seit 1954, Frankfurt/M. 5 Siehe für ähnliche Befunde auch Rüdiger Fiebig,

1995, Tabelle 3946. Auslandseinsätze der Bundeswehr, in: Thomas Bul-

APuZ 48/2009 37
Tabelle 1: Vertrauen in öffentliche Einrichtungen und Organisationen im Vergleich
Vertrauen Sie den folgenden Einrichtungen und Organisationen oder misstrauen Sie ihnen? (Angaben in Prozent)
vertraue voll vertraue eher vertraue eher vertraue über-
und ganz bzw. nicht haupt nicht bzw.
überwiegend überwiegend
nicht
1. Polizei 58 33 6 3
2. Bundesverfassungsgericht 55 33 8 4
3. Bundeswehr 51 38 7 4
4. Bundeskriminalamt 45 40 10 5
5. Öffentliche Schulen 42 39 14 5
6. Evangelische Kirche 28 38 17 17
7. Bundesnachrichtendienst 24 34 24 18
8. Gesetzliche Krankenversicherung 23 41 23 13
9. Katholische Kirche 23 32 21 24
10. Deutscher Bundestag 22 36 26 16
11. Bundesregierung 20 34 27 19
12. Gewerkschaften 19 36 27 18
13. Gesetzliche Rentenversicherung 18 31 30 21
14. Bundesagentur für Arbeit 13 29 31 27
15. Politische Parteien 8 20 35 36

kein genuines Desinteresse an der Bundes- in Deutschland vertrauen den deutschen


wehr implizieren. Der geringe Kenntnisstand Streitkräften, darunter 51 Prozent „voll und
mag verschiedene Gründe haben: So dürfte ganz“ bzw. „überwiegend“; weitere 38 Pro-
ein wichtiger Faktor darin liegen, dass die In- zent vertrauen ihnen „eher“. Lediglich sie-
teressen der Bundesbürger vorwiegend im in- ben Prozent haben „eher kein Vertrauen“,
nenpolitischen Themenspektrum liegen. weitere vier Prozent „überwiegend kein“
Gleichzeitig kann davon ausgegangen wer- bzw. „überhaupt kein Vertrauen“. Insbeson-
den, dass die veränderte, über Jahrzehnte dere bei einem Vergleich mit anderen öffent-
durch Zurückhaltung geprägte Rolle der lichen Einrichtungen und Organisationen
Bundesrepublik als international agierender zeigt sich, wie groß das Vertrauen in die
militärischer Akteur sich erst langsam im Bundeswehr ist: Hinter zwei Institutionen,
Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger denen „traditionell“ hohes Vertrauen ge-
verfestigt. 6 schenkt wird, nämlich der Polizei 7 und dem
Bundesverfassungsgericht (BVerfG), 8 nimmt
Vertrauen in die Bundeswehr die Bundeswehr einen Spitzenplatz ein; von
den 15 betrachteten Institutionen belegt sie
Befragt man die Bürgerinnen und Bürger zu den dritten Rang, deutlich etwa vor der Bun-
ihrem Vertrauen in verschiedene staatliche desregierung, die Platz 11 belegt, und weit
Einrichtungen und nichtstaatliche Organisa- vor den politischen Parteien, denen nur etwa
tionen, so fällt auf, dass das Vertrauen in die jeder vierte Bundesbürger Vertrauen schenkt.
Bundeswehr außerordentlich groß ist (Ta-
belle 1): Insgesamt 89 Prozent der Menschen
7 Vgl. z. B. die internationale GfK-Studie zum Ver-

mahn u. a., Sicherheits- und verteidigungspolitisches trauen der Bürger in verschiedene Berufsgruppen und
Meinungsklima in der Bundesrepublik Deutschland. Organisationen: www.gfk.com/imperia/md/content/
Ergebnisse der Bevölkerungsbefragung 2007 des So- presse/pd__gfk_trust_index_dfin.pdf (28. 10. 2009),
zialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr. For- oder Daten des Deutschen Instituts für Wirtschafts-
schungsbericht 86, Strausberg 2008, S. 109–125, hier: forschung im Rahmen des Sozio-Ökonomischen Pa-
S. 113 f. nels: www.diw.de/sixcms/detail.php?id=diw_01.c.43
6 Siehe zu Wandel (und Kontinuität) der deutschen 362. de (28. 10. 2009).
Außenpolitik die Beiträge in APuZ, (2004) 11, sowie 8 Vgl. zum hohen Vertrauen in das BVerfG Hans

– auch die akademische Diskussion nachzeichnend – Vorländer/André Brodocz, Das Vertrauen in das Bun-
Gunther Hellmann, Sag beim Abschied leise Servus. desverfassungsgericht. Ergebnisse einer repräsen-
Die Zivilmacht Deutschland beginnt ein neues „Selbst“ tativen Bevölkerungsumfrage, in: Hans Vorländer
zu behaupten, in: Politische Vierteljahresschrift, 43 (Hrsg.), Die Deutungsmacht der Verfassungsgerichts-
(2002) 3, S. 498–507. barkeit, Wiesbaden 2006, S. 259– 295.

38 APuZ 48/2009
Tabelle 2: Bewertung der Aufgabenerfüllung öffentlicher Einrichtungen
Wie erfüllen die folgenden Einrichtungen und Organisationen – nach allem was Sie darüber wissen – zurzeit ihre
Aufgaben? (Angaben in Prozent)
(sehr) gut eher gut eher schlecht (sehr) schlecht
Polizei 60 32 6 3
Bundesverfassungsgericht 54 36 8 2
Bundeswehr 53 39 6 2
Bundeskriminalamt 47 41 9 3
Öffentliche Schulen 38 37 18 7
Evangelische Kirche 28 43 17 12
Bundesnachrichtendienst 28 39 21 12
Katholische Kirche 24 38 20 18
Gewerkschaften 19 37 28 16
Deutscher Bundestag 19 36 29 16
Gesetzliche Krankenversicherung 18 40 29 13
Bundesregierung 18 33 31 18
Gesetzliche Rentenversicherung 16 35 33 16
Bundesagentur für Arbeit 12 29 35 25
Politische Parteien 8 21 37 34

Auffällig an der Rangordnung der Institu- Welche Grundlage hat das Vertrauen in öf-
tionen nach ihren Vertrauensanteilen ist die fentliche Institutionen, insbesondere in die
Tatsache, dass die besten Bewertungen – Bundeswehr? Die Beurteilung der Aufgaben-
mit Ausnahme der öffentlichen Schulen – erfüllung der einzelnen Einrichtungen gibt
auf Institutionen entfallen, mit denen der Hinweise auf die Determinanten von Ver-
Bürger meist kaum in Kontakt tritt und die trauen.
keine unmittelbare Leistung, beispielsweise
finanzieller Natur, liefern müssen. Kritischer
werden dagegen jene Institutionen beurteilt, Wahrgenommene Aufgabenerfüllung
welche konkrete Leistungen erbringen müs- der Bundeswehr
sen, die vom einzelnen Bürger auch im ei-
genen Geldbeutel zu spüren sind (wie im Die wahrgenommene Aufgabenerfüllung der
Falle der gesetzlichen Versicherungen), oder abgefragten Institutionen zeigt sich fast de-
denen die Verantwortung für eine solche ckungsgleich zu dem Maß, in dem ihnen von
Leistung zugeschrieben werden kann (wie der Bevölkerung Vertrauen entgegengebracht
den Parteien, der Regierung oder dem Bun- wird (Tabelle 2). 53 Prozent der Befragten
destag). sind der Ansicht, die Bundeswehr erfülle ihre
Aufgaben „gut“ oder sogar „sehr gut“. Weite-
Das Vertrauen in die Streitkräfte ist auf re 39 Prozent sind der Meinung, sie erfülle
hohem Niveau stabil: Im Jahr 2008 vertrauten ihre Aufgaben „eher gut“. Dieses Urteil wird
89 Prozent der Bundesbürger der Bundes- wiederum nur von der Polizei und vom Bun-
wehr, ein Jahr zuvor waren es 87, 2006 im- desverfassungsgericht übertroffen, deren Auf-
merhin 79 Prozent. Dies entkräftet zwar gabenerfüllung von 60 bzw. 54 Prozent als gut
nicht den Vorwurf des „freundlichen Desin- oder sehr gut beurteilt wird. Die Rangord-
teresses“ der Bundesbürger, zeigt aber auch, nung der weiteren Institutionen erfolgt fast in
auf welcher stabilen Vertrauensgrundlage die gleicher Weise wie im Falle des Vertrauens
Bundeswehr als Institution operiert – wenn
auch das tatsächliche Wissen über sie gering Auch hier fällt die Beurteilung dieser Insti-
ist. Dieser vermeintliche Widerspruch lässt tutionen mit sozioökonomischen Bewer-
sich dadurch relativieren, dass die Bürgerin- tungskriterien auf: Während der Bürger die
nen und Bürger höchstwahrscheinlich genau- Aufgabenerfüllung von besonders positiv be-
so wenig über das BVerfG, dessen Bestellung werteten Einrichtungen wie der Polizei oder
und Verfahren wissen und ihm dennoch gro- der Bundeswehr meist nur in Not- oder Kri-
ßes Vertrauen entgegenbringen, ohne dass ein sensituationen wirklich persönlich wahr-
fehlender Rückhalt des BVerfG in der Bevöl- nimmt, ist die Leistung von gesetzlichen Ver-
kerung beklagt würde. sicherungen oder der Bundesagentur für Ar-

APuZ 48/2009 39
beit für viele Menschen oft tagtäglich spürbar Abbildung 2: Haltungen der Bundesbürger zu öf-
und das Urteil oft dementsprechend kriti- fentlichen Einrichtungen im Vergleich
scher.
hhhhh Bundeswehr
Abbildung 2 macht den Zusammenhang Bundesverfassungsgericht

10 20 30 40 50 60 70 80 90
Polizei

GUTE AUFGABENERFÜLLUNG (Prozent)


zwischen dem Vertrauen in öffentliche Insti- Bundeskriminalamt
tutionen und dem Maß, in dem diese in den Öffentliche Schulen
Evangelische Kirche
Augen der Bevölkerung ihre Aufgaben erfül- Bundesnachrichtendienst
len, noch deutlicher. Die einzelnen Einrichtun- Katholische Kirche Gesetzliche Krankenversicherung
gen ordnen sich grob entlang einer Geraden; Gewerkschaften Verfassungsschutz
Gesetzliche Rentenversicherung Bundestag
das Vertrauen nimmt also in etwa gleichmäßig Bundesregierung
mit der wahrgenommenen Qualität der Aufga- Bundesagentur für Arbeit
benerfüllung einer Institution zu.
Politische Parteien

Wie beurteilt die Bevölkerung die Leistun-


gen der Bundeswehr? Die Bevölkerungsbe-
fragung 2008 bietet auch zu dieser Frage An- 10 20 30 40 VERTRAUEN 70 80 (Prozent)
haltspunkte. Abbildung 3 zeigt die Bewertun-
gen der Befragten zu bestimmten Aspekten
der Bundeswehr. Neben dem öffentlichen
Auftreten der Soldaten fällt insbesondere die Abbildung 3: Bewertung der Bundeswehr durch die
Bewertung der Leistungen der Bundeswehr Bürger
bei ihren Einsätzen im In- und Ausland ins
Auge. 79 Prozent bewerten die Leistungen
im Auslandseinsatz „eher positiv“, „positiv“ Die Leistungen der Bundeswehr bei
63 27 41 5
oder sogar „sehr positiv“, und 90 Prozent ihren Einsätzen im Inland

geben dieses Urteil für die Aktivitäten der


Die Attraktivität der Bundeswehr als
Bundeswehr im Inland ab. Arbeitgeber
51 27 7 5 10

Die Bevölkerung bewertet die Arbeit der Die Leistungen der Bundeswehr bei
ihren Einsätzen im Ausland
50 29 8 6 7
Bundeswehr auch an konkreten Aufgaben ge-
messen als sehr positiv. Besonders Einsätze Das öffentliche Auftreten der Soldaten 48 36 7 2 7
im Inland, also zum Beispiel die Hilfseinsätze
der Bundeswehr bei Flutkatastrophen, schei-
Die militärische Zusammenarbeit im
nen das Meinungsbild der Bevölkerung zu Rahmen der Europäischen Union
44 35 6 2 13

prägen. Neben der Frage der Auftragserfül- (Sehr) positiv Eher positiv Eher negativ
lung erscheint auch die Bewertung von Leis- (Sehr) negativ Weiß nicht

tungen der Bundeswehr bei ihren Einsätzen


als möglicher Grund für das große Vertrauen
der Deutschen in die Bundeswehr.

Der Wirkung verschiedener möglicher De- Abstand größte Auswirkung auf das Vertrau-
terminanten dieses Vertrauens lässt sich mit en in die Bundeswehr kommt der wahrge-
Hilfe des statistischen Instruments der linea- nommenen Aufgabenerfüllung der Streit-
ren Regressionsanalyse genauer untersuchen. kräfte zu.
Abbildung 4 zeigt die Ergebnisse einer sol-
chen Analyse: Dabei wird deutlich, dass so- Die Analyse der Einflussvariablen macht
zialstrukturelle Faktoren wie das Alter, das deutlich, dass das Vertrauen in die Bundes-
Geschlecht oder der formale Bildungsgrad wehr keineswegs ein durch Sozialisierung er-
der Bevölkerung nur einen verschwindend worbenes Merkmal ist, das etwa durch den
geringen und nicht signifikanten Effekt auf Bildungsgrad oder das Alter determiniert ist.
das Ausmaß des Vertrauens in die Bundes- Vielmehr entsteht das Vertrauen in die Insti-
wehr haben. Eine deutlich stärkere und signi- tution Bundeswehr durch die Beobachtung
fikante Wirkung hat die Frage der Beurtei- der Bevölkerung, dass die deutschen Streit-
lung der Leistungen der Bundeswehr bei kräfte ihre Aufgaben erfüllen und im Allge-
ihren Einsätzen im In- und Ausland. Die mit meinen einen „guten Job“ machen.

40 APuZ 48/2009
Abbildung 4: Determinanten des Vertrauens in die Begreift man Vertrauen darüber hinaus
Bundeswehr auch als „Reduktion sozialer Komplexität“,
das zu Entscheidungen mit nur begrenzten
Alter
oder fehlenden Information befähigt, 9 so er-
hält es hier eine gewichtige Funktion ange-
Geschlecht
-0,025 (n.s.)
sichts des eher geringen sachlichen Informa-
Bildungsniveau
0,029 (n.s.)
tionsstandes der Bevölkerung über die Bun-
Beurteilung der Leistung der Bw:
0,018 (n.s.)
Vertrauen in die
deswehr: So führen andauernde (positive)
Inlandseinsätze 0,113 Bundeswehr Erfahrungen zu der plausiblen Vermutung,
Beurteilung der Leistung der Bw: 0,116 dass die Institution an sich zum einen legi-
Auslandseinsätze tim ist und zum anderen die vom Individu-
0,599
Wahrgenommene
um gewünschten Ergebnissen „liefert“ –
Aufgabenerfüllung der Bw wobei es für den Einzelnen gar nicht wich-
tig ist, die Institution und ihre Strukturen
n.s. = nicht signifikant; Regressionskoeffizienten Beta, R2 =
genauer zu kennen: Es ist ausreichend, dass
0,500. das Individuum eine grobe Vorstellung von
der Institution und ihren grundlegenden
Merkmalen hat. 10

Fazit Insbesondere im Vergleich etwa mit der


Art der auch affektiv geprägten Unterstüt-
Das „freundliche Desinteresse“ an den Belan-
zung der Streitkräfte, wie sie den Soldatin-
gen der Bundeswehr wird bei vielen Gelegen-
nen und Soldaten in den USA oder Groß-
heiten zitiert. Gleichwohl bedeutet dies nicht,
britannien von Politik und Gesellschaft zu-
dass die Deutschen der Bundeswehr und
teil wird, mag mancher Bundeswehrangehö-
ihren Soldatinnen und Soldaten den Rücken
rige hierzulande mehr oder einen besser
kehren würden: Betrachtet man Vertrauen als
sichtbaren Rückhalt einfordern. Geringes
Faktor, der auch Zustimmung zur jeweiligen
Wissen über die Bundeswehr und ihre Aus-
Einrichtung ausdrückt, so ist es um die Bun-
landseinsätze ist indes kein Indikator für
deswehr als Institution im Gefüge des deut-
fehlende Unterstützung der Streitkräfte,
schen politischen Systems gut bestellt: Seit
denn schließlich erwächst das Vertrauen in
Jahren wird ihr ein sehr hohes Maß an Ver-
die Streitkräfte vor allem aus der Wahrneh-
trauen entgegengebracht, das den deutschen
mung, dass die Bundeswehr in Deutschland
Streitkräften zumal im Vergleich mit anderen
wie auch bei den Auslandseinsätzen ihren
Einrichtungen auf der Vertrauensskala einen
Auftrag erfüllt.
Spitzenplatz sichert.

Dieses Vertrauen kann als Anerkennung


für die Aufgabenerfüllung der Bundeswehr
in Vergangenheit und Gegenwart gewertet
werden. Dazu mögen Erfahrungen zählen
wie etwa der Einsatz der Bundeswehr wäh-
rend des Oderhochwassers oder aber auch
die Teilnahme der Bundeswehr an internatio-
nalen Missionen. Daneben kann das Vertrau-
en auch als Ausdruck des Empfindens gelten, 9 Vgl. Niklas Luhmann, Vertrautheit, Zuversicht,

dass die Bundeswehr im Wertekanon der Ge- Vertrauen: Probleme und Alternativen, in: Martin
sellschaft verwurzelt ist. Dazu mag der Um- Hartmann/Claus Offe (Hrsg.), Vertrauen. Die Grund-
stand einen Beitrag leisten, dass die Bundes- lage des sozialen Zusammenhalts. Frankfurt/M.–New
York 2001, S. 144–160, sowie insgesamt Niklas Luh-
wehr sich am Leitbild des „Staatsbürgers in mann, Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion so-
Uniform“ orientiert und mit der Inneren zialer Komplexität, Stuttgart 2000.
Führung eine Führungskultur zu praktizie- 10 Vgl. Dieter Fuchs/Oscar W. Gabriel/Kerstin Völkl,

ren sucht, welche die Geltung der Werte und Vertrauen in politische Institutionen und politische
Normen des Grundgesetzes auch im militäri- Unterstützung, in: Österreichische Zeitschrift für Po-
schen Bereich festschreibt und Sondernor- litikwissenschaft, 31(2002) 4, S. 427–449, hier: S. 433.
men ausschließt.

APuZ 48/2009 41
Karl-Heinz Biesold Während Notfallmedizin, Einsatzchirurgie
und Infektiologie in erster Linie der Verhü-
tung von Gesundheitsschäden bzw. der opti-
Einsatzbedingte malen Behandlung von Verletzungen wäh-
rend des Einsatzes dienen, kommen die psy-
psychische Störungen chischen Auswirkungen nach dem Erleben
extremer Belastungen nicht selten erst nach
dem Ende der Einsätze, manchmal mit mo-
nate- und jahrelanger Latenz, zur Erschei-
Menschen verlassen das Land und kehren zu- nung. Körperliche Traumatisierungen sind in
rück mit Erfahrungen, die auf extreme Weise der Regel unmittelbar sichtbar und meist
anders sind als die ihrer zurückgebliebenen auch rasch in ihren Ausmaßen überschaubar.
Mitmenschen. Jonathan Shay 1 Die Folgen seelischer Verletzungen werden
aber von den Betroffenen nicht selten zu-
nächst gar nicht registriert oder akzeptiert
Karl-Heinz Biesold
Dr. med., geb. 1950; Oberst-
arzt in der Abteilung Psychia-
D ie Bundeswehr
nimmt seit Anfang
der 1990er Jahre im
und von Vorgesetzten, Kameraden und auch
von den behandelnden Ärzten nicht wahrge-
Rahmen ihres erweiter- nommen. Dies erschwert die Erfassung der
trie, Psychotherapie und Psy-
ten Aufgabenspektrums Erkrankten, verhindert die rechtzeitige, adä-
chotraumatologie am Bundes-
an internationalen frie- quate therapeutische Hilfestellung und macht
wehrkrankenhaus Hamburg,
denssichernden, militä- verlässliche epidemiologische Aussagen ohne
Lesserstraße 180,
rischen Einsätzen und gezielte Untersuchungen fast unmöglich.
22049 Hamburg.
karlheinzbiesold@ UN-Beobachtermissio-
bundeswehr.org nen teil. Stressoren bei militärischen Einsätzen
Bedingt durch die Aufgaben, die im Trans- Die besonderen Bedingungen der friedens-
formationsprozess der Streitkräfte aus den sichernden oder -schaffenden internationalen
neuen Einsatzgrundsätzen für die Bundes- Einsätze im Rahmen von UN-, EU- und
wehr folgen, wurden auch Veränderungen in NATO-Missionen stellen außergewöhnliche
der sanitätsdienstlichen Organisation und der Anforderungen an die Soldaten der Bundes-
medizinischen Versorgung erforderlich. In wehr. Sie werden mit Not und Elend, Leichen
der modernen Wehrmedizin des 21. Jahrhun- und Verstümmelungen, mit Chaos und Zerstö-
derts sind es drei große Themenbereiche, die rung, unklaren Konfliktlagen, eventuell Ge-
im Sanitätsdienst der Bundeswehr die Ein- fangenschaft, mit fremden Kulturen, lang dau-
satzmedizin dominieren: ernder Trennung von zu Hause, dienstlicher
Überforderung, aber auch mit Langeweile und
1. Notfallmedizin und Einsatzchirurgie mit Unterforderung konfrontiert. Oft besteht die
der Optimierung schneller, lebensretten- Belastung im Gefühl totaler Hilflosigkeit ge-
der Maßnahmen in der golden hour bis genüber den Verhältnissen im Einsatzland.
hin zu den modernen Entwicklungen der
damage-control-surgery und der medical Der politische Auftrag (humanitärer Ein-
evacuation mit einer optimierten Ret- satz) und die persönliche Motivation, helfen
tungskette vom Einsatzort bis ins Hei-
1 Jonathan Shay ist amerikanischer Psychotherapeut,
matland.
der seit vielen Jahren in der Betreuung von Kriegs-
veteranen tätig ist. In Deutschland ist er durch sein
2. Hygiene und Infektiologie mit Erfor- Buch Achill in Vietnam: Kampftrauma und Persön-
schung weltweiter Gesundheitsrisiken lichkeitsverlust (Hamburg 1998, Orig. 1995) bekannt
durch medical intelligence und der An- geworden, in dem er Parallelen zwischen dem Viet-
wendung aktuellster tropenmedizinischer namkrieg (1960/65–30. 4. 1975) und dem Trojanischen
Diagnose- und Therapiestandards. Krieg (12. oder 13. Jahrhundert v. Chr.) aufzeigt, die
belegen, dass Kriege in jedem Zeitalter permanente
3. Psychotraumatologie 2 mit präventiven, seelische Zerstörungen bei Individuen und Gesell-
schaften verursachen.
diagnostischen und therapeutischen Strate- 2 Psychotraumatologie ist ein eigenständiger Zweig
gien zum Erhalt oder zur Wiederherstel- der Psychiatrie und Psychologie, der sich mit der Er-
lung der seelischen Gesundheit nach mili- forschung und Behandlung seelischer Verwundungen
tärischen Einsätzen. (Traumata) befasst.

42 APuZ 48/2009
zu wollen, können mitunter in deutlichem Depressionen, Angstzuständen oder PTBS lit-
Gegensatz zu Einstellung und Haltung der ten. Fast alle Soldaten waren Opfer eines be-
Bevölkerung in den Hilfsgebieten stehen. waffneten Angriffs geworden, mussten Schuss-
Manchmal werden die Soldaten als Besatzer waffen gebrauchen und hatten Kontakt mit
gesehen, ihnen schlagen Ablehnung und Hass Toten; viele wurden Zeuge der Tötung oder
entgegen, sie geraten zwischen die Fronten ri- schweren Verletzung von Kameraden.
valisierender Gruppen oder werden zum Ziel
von Terroranschlägen und setzen dabei ihr Allerdings begab sich nur gut ein Viertel der
Leben oder ihre Gesundheit aufs Spiel. Soldaten mit behandlungsbedürftigen psychi-
schen Störungen in fachkundige Betreuung.
Auch im Heimatland treffen Soldaten der Der Grund dafür liegt in der Angst vor Stigma-
Bundeswehr oft auf Zweifel, Unverständnis, tisierung. Die Soldaten wollen nicht als „weich“
Gleichgültigkeit, ja Ablehnung ihres Einsat- gelten, fürchten den Verlust des Vertrauens
zes. Auch die eigene Partnerin bzw. der Part- ihrer Kameraden und der Vorgesetzten und
ner oder die Familie können manchmal kaum haben Angst vor Laufbahnnachteilen. 25 Pro-
verstehen und akzeptieren, was der Einzelne zent glauben überhaupt nicht an die Wirksam-
erlebt und wie sehr ihn dies verändert hat. keit jeglicher psychotherapeutischer Unterstüt-
zung. Das ist tragisch, denn es gilt als erwiesen,
dass es bei nicht behandelten PTBS zu vermehr-
Akute und chronische ten dienstlichen Ausfallzeiten, einer erhöhten
Belastungsreaktionen Anzahl vorzeitiger Dienstunfähigkeiten, einer
erhöhten Scheidungsrate, zu einer gehäuften
Beim Erleben kurzfristiger oder länger dau- Suchtentwicklungsrate und möglicherweise zu
ernder Extremsituationen wird die Fähigkeit sozialer Desintegration kommen kann. Der
zur Verarbeitung der Belastungen oft über- Dienstherr steht in der Fürsorgepflicht, genau-
fordert. Intensive, überwältigende und desor- so wie bei körperlichen Verletzungen.
ganisierende Erfahrungen zerstören Orientie-
rungen und Halt gebende Selbst- und Welt-
bilder. Es kann zur Entwicklung einer Psychosoziale Unterstützung
psychischen Störung kommen, die sich bei
anhaltender Belastung schleichend, bei Ex- Zur frühzeitigen Intervention nach belasten-
tremerlebnissen akut entwickeln kann. den Ereignissen, wurden Krisenintervention-
steams (KIT) gebildet, die den Betroffenen
Die Erkrankungsrate der eingesetzten Sol- psychische Erste Hilfe und psychosoziale Un-
daten an Posttraumatischen Belastungsstö- terstützung anbieten können. Die Effektivität
rungen (PTBS) (s. die Abbildung) nach frie- der Erstmaßnahmen ist in der wissenschaftli-
densschaffenden (UN-)Einsätzen liegt nach chen Diskussion allerdings umstritten. Aus
internationalen Untersuchungsergebnissen diesem Grunde wird innerhalb der Bundes-
zwischen drei und acht Prozent, je nach Ein- wehr ein modifiziertes, Zielgruppen orientier-
satzland und Einsatzbelastungen. Sie kann tes Verfahren in Gruppen durchgeführt, zumal
bei spezifischen Belastungen merklich höher bei Großschadensereignissen meist eine Indi-
liegen – etwa bei den niederländischen UN- vidualversorgung zunächst nicht möglich ist.
Soldaten, die 1995 in Srebrenica/Bosnien-
Herzegowina untätig dem Massaker an den Die organisatorischen Einzelheiten der psy-
bosniakischen Muslimen zusehen mussten; chosozialen Betreuung regelt das „Medizi-
dort kam es zu acht Prozent an PTBS und 29 nisch-psychologischen Stresskonzept der
Prozent an partiellen PTBS (behandlungsbe- Bundeswehr“. Die wichtigste Stress vorbeu-
dürftige Teilsymptome) leidenden Soldaten. gende Maßnahme ist eine realitätsnahe militä-
rische Vorbereitung auf die Einsätze, wie sie in
Bei Kampfhandlungen steigen die Erkran- der Vorausbildung umgesetzt wird, gemäß
kungsraten bei Soldaten deutlich an. Studien dem alten Clausewitz-Zitat: „Es ist unendlich
der US-Army (Walter Reed Army Institute of wichtig, daß der Soldat, hoch oder niedrig, auf
Research 2004) an über 6 000 Soldaten in Af- welcher Stufe er auch stehe, diejenigen Er-
ghanistan und im Irak haben ergeben, dass nach scheinungen des Krieges, die ihn beim ersten-
dem Irak-Einsatz ca. 16,5 und nach dem Afgha- mal in Verwunderung und Verlegenheit setzen,
nistan-Einsatz elf Prozent der US-Soldaten an nicht erst im Kriege zum erstenmal sehe; sind

APuZ 48/2009 43
Abbildung: Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung

Wiedererinnerung
(Intrusion)
• Wiederholte aufdrängende Erinnerung oder Wiederinszenierungen der Ereignisse in
Gedächtnis (Nachhallerinnerungen, flashbacks), Tagträumen oder Träumen

Erhöhtes Erregungsniveau
• Zustand erhöhter vegetativer Übererregbarkeit mit Vigilanzsteigerung, übermäßiger
Schreckhaftigkeit und Schlaflosigkeit

Rückzug
(Konstriktion)
• Andauerndes Gefühl von Betäubtsein und emotionaler Stumpfheit, Gleichgültigkeit
und Teilnahmslosigkeit gegenüber anderen Menschen, Anhedonie
• Vermeidung von Aktivitäten und Situationen, die Erinnerungen
an das Trauma wachrufen können
• Angst und Depressionen mit Suizidgedanken, Alkoholmissbrauch
und Drogenkonsum
• akute Ausbrüche von Angst, Panik, Aggression, ausgelöst durch
Erinnerung / Wiederholung des Traumas, sog. triggern

sie ihm früher nur ein einziges Mal vorgekom- Training in Rollenspielen. Des Weiteren ist
men, so ist er schon halb damit vertraut.“ 3 eine persönliche Schulung im Erkennen von
Stress-Symptomen und mit dem Erlernen
Die tragenden Säulen des medizinisch-psy- von Stressbewältigungsstrategien unverzicht-
chologischen Stress-Konzeptes sind das Drei- bar. Dies beinhaltet speziell die Ausbildung
Phasen-Modell und das Drei-Ebenen-Kon- der militärischen Führer (Führen unter Be-
zept. Das Drei-Phasen-Modell regelt die lastung, Gesprächsführung, Stressbewälti-
Maßnahmen in den verschiedenen Stadien gung), denn sie sind es, die verantwortlich
(Phasen) des Einsatzes: Einsatzvorbereitung, sind für das physische und psychische Wohl-
Einsatzdurchführung und Einsatznachberei- ergehen ihrer Soldaten.
tung. Das Drei-Ebenen-Konzept umfasst die
Stufen (Ebenen) der Hilfen bei psychischen In der Einsatzbegleitung kommt es auf das
Belastungen im Einsatz je nach Ausmaß und Erkennen und richtige Reagieren auf akute
Notwendigkeit. psychische Stressreaktionen an. Bei critical
incidents soll durch Sofortmaßnahmen (z. B.
In der Einsatzvorbereitung sollte der Krisenintervention durch Fachkräfte) Folge-
Schwerpunkt in der Personalauswahl liegen. schäden vorgebeugt werden. Allgemeine Be-
Persönliche Fitness und emotionale Stabilität treuungsmaßnahmen (Sport, Unterhaltungs-
sind genauso wichtig wie eine gute militäri- angebote, Betreuungsfahrten, Kurzurlaub)
sche Ausbildung mit eingehenden Informa- können ebenfalls der Stressreduktion dienen.
tionen über Auftrag, Gefährdungsrisiko und Für die Angehörigen erfolgt eine Betreuung
Lebensbedingungen im Einsatz sowie gezielte im Heimatland in Familienbetreuungszentren
Vorbereitung auf kritische Situationen durch und -betreuungsstellen, die über die Bundes-
republik verteilt sind.
3 Carl von Clausewitz (1780–1831), Vom Kriege. Er-
Bestandteil der Einsatznachbereitung sind
stes Buch, Achtes Kapitel, online: http://gutenberg.
spiegel.de/?id=5&xid=324&kapitel=3&cHash=36a606 die Rückkehreruntersuchungen durch die
ef9b2#gb_found (2. 11. 2009). Truppenärzte einschließlich einer psychologi-

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schen Befragung zu Stress- und PTBS-Symptomen. Je chendeckenden Netzwerks psychiatrisch-psychothera-
nach Bedarf erfolgt die Einleitung erforderlicher psy- peutischer Ambulanzen in Fachsanitätszentren, das
chosozialer Betreuungsmaßnahmen (z. B. Präventivku- mehr Möglichkeiten für ambulante Psychotherapien
ren) oder einer gezielten fachärztlichen Betreuung in durch Bundeswehrärzte bieten kann, muss dringend
einem Bundeswehrkrankenhaus oder Fachsanitätszen- aufgebaut werden.
trum. Darüber hinaus nehmen alle Soldaten nach dem
Einsatz an einem Reintegrationsseminar teil, das über Im stationären Setting hat es sich bewährt, die Pa-
ein bis zwei Tage in Gruppen von etwa 20 Teilnehmern tienten zu einem einwöchigen diagnostischen Aufent-
durch dafür ausgebildete „Moderatoren“ durchgeführt halt einzubestellen. Dabei wird der therapeutische
und von Militärseelsorgern, Sozialarbeitern, Psycholo- Aufwand abgeschätzt, der Aufbau einer belastbaren
gen, gegebenenfalls auch Psychiatern, unterstützt Vertrauensbeziehung eingeleitet sowie das Krankheits-
wird. Ziele sind dabei, emotionale Spannungen abzu- modell erklärt. Der Betroffene erhält eine Einweisung
bauen, erlebte Störungen und Belastungen offen anzu- in das therapeutische Vorgehen. Für die eigentliche
sprechen, sich auf die weitere Zukunft einzustellen Therapiephase wird ein sechs- bis achtwöchiger Auf-
(Dienst in der Heimat), bei Bedarf Einzelgespräche enthalt eingeplant, der je nach Therapieverlauf ver-
oder Partnerberatung anzubieten und weiteren Betreu- kürzt, verlängert oder durch eine oder mehrere weitere
ungs- oder Behandlungsbedarf zu erkennen. Das um- stationäre Therapiesequenzen ergänzt werden kann.
fassende Konzept soll sicherstellen, dass durch eine in- Eine ambulante Nachbetreuung wird gewährleistet.
tensive Vorbereitung psychische Belastungen vermie-
den, rechtzeitig erkannt und richtig abgebaut und Normalisierung und Psychoedukation. Dem Betrof-
gegebenenfalls einer adäquaten Behandlung zugeführt fenen wird vermittelt, dass es sich bei seiner Störung
werden, sodass selbst beim Auftreten von PTBS die um eine „normale Reaktion“ einer „normalen Person“
Prognose für die seelische Gesundheit der Soldaten auf eine unnormale, d. h. pathogene Situation handelt.
insgesamt als positiv eingeschätzt werden darf. Die Zusammenhänge zwischen Extremsituation und
Stressreaktion müssen adressatengerecht vermittelt
werden. Diese „Psychoedukation“ ist ein unverzicht-
Ambulante und stationäre Behandlung barer Schritt.

Aus dem spezifischen militärischen Berufsfeld ergeben Besonderheit des Berufes. Es hat sich in unserer Ar-
sich Unterschiede zum zivilen Bereich, die überwie- beit mit Soldaten, Feuerwehrleuten, Polizisten, Justiz-
gend aus psychosozialen Gründen zu berücksichtigen vollzugsangestellten und Angehörigen anderer „Ge-
sind. Der Soldatenberuf ist mit außergewöhnlichen fahrenberufe“ als günstig erwiesen, das Besondere
körperlichen und seelischen Belastungen und Gefahren dieser Berufssituation zu betonen, indem wir hervor-
verbunden und stellt erhöhte Anforderungen an die heben, dass der Betroffene seine Traumatisierung ge-
physische und psychische Belastbarkeit und Leistungs- rade deshalb erfahren hat, weil er standhält und han-
fähigkeit. Dies bedeutet, dass sich Störungen in diesem delt, wo viele andere Menschen weglaufen oder ge-
Bereich, etwa hervorgerufen durch Traumatisierungen, lähmt reagieren. Oft führt dies allein schon zu einer
gravierend auf die Dienstfähigkeit auswirken können. spontanen Entlastung, weil es die quälende Störung in
Daher wird in der sanitätsdienstlichen Versorgung den einen positiven, wenn man so will „starken“ Kontext
präventiven Aspekten der Krankheitsverhütung, aber einbindet, mit dem sich die Patienten identifizieren,
auch der Vorbeugung langer Krankheitsverläufe und der zu ihrer corporate identity gehört.
der Chronifizierung ein hoher Stellenwert beigemes-
sen. Würdigen der Bewältigungsversuche. Sehr früh wer-
den die bisherigen Bewältigungsversuche angespro-
Soldaten bevorzugen in der Regel eine Versorgung chen und auch dann positiv bewertet, wenn sie von
in Bundeswehreinrichtungen, da hier die spezifischen außen gesehen als nicht gelungen erscheinen. Diese
Kenntnisse über Einsatzgegebenheiten, -gefahren und Reaktionen sind Versuche, den verlorenen Zustand
Traumatisierungen sowie über militärischen Alltagsan- „vor dem Trauma“ wiederherzustellen. So ist es durch-
forderungen vorhanden sind. Allerdings verfügt die aus funktional, wenn ein Soldat, der während des Ein-
Bundeswehr derzeit nur noch über vier Bundeswehr- satzes im Schlaf verletzt worden ist, mit Überwachheit,
krankenhäuser, in denen eine stationäre Traumathera- Unruhe bei Dunkelheit und Schlafstörungen reagiert.
pie angeboten wird. Eine engmaschige regionalisierte Es hat die Funktion, ihn vor erneuter Gefahr zu schüt-
Versorgung in der Nähe der Dienst- und/oder Wohn- zen.
orte, die gleichzeitig auch ein profundes Erfahrungs-
wissen des militärischen Lebensfeldes einbringen Äußere Belastungsfaktoren. Hilfestellung bei äußeren
kann, ist damit nicht zu leisten. Der Aufbau eines flä- Belastungsfaktoren, die in der Stabilisierungsphase viel

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seelische Energie beanspruchen würden (Beerdigung, setzten sowie den Verbindungen zu personal-
anstehende Disziplinar- oder Gerichtsverfahren, finan- führenden Stellen bestehen günstige Bedin-
zielle Not, unversorgte Angehörige), macht gelegentlich gungen zur beruflichen Wiedereingliederung.
die Einschaltung von Sozialdiensten und Militärseelsor- Für die Einschätzung der traumatisierenden
ge erforderlich. Dem Aspekt (mangelnder) Fürsorge Auslöser oder Stressbelastungen im Rahmen
kommt eine eminent wichtige Bedeutung zu: Jeder Sol- der Therapie oder zur Begutachtung der
dat vertraut darauf, dass er von seinem Dienstherrn un- Wehrdienstbeschädigung verfügen wir im
terstützt wird, wenn er bei der Ausübung seines Dienstes Bundeswehrkrankenhaus über intensive
Schaden nimmt. Wird diese Erwartung enttäuscht, Kenntnisse des beruflichen Umfeldes der Pa-
kommt es nicht selten zu tiefer Verbitterung, die eine tienten, nicht zuletzt auch aus eigenen Ein-
Chronifizierung der PTBS bewirkt. Der Betroffene satzerfahrungen heraus. Unsere Bemühungen
empfindet seinen Einsatz und damit seine Person ent- zielen darauf, den Soldaten, die traumatisiert
wertet, reagiert mit Depression, Hass und psychosoma- aus dem Einsatz zurückkehren, effektive Hilfe
tischen Störungen. Zu der Belastung der traumatisieren- dabei zu leisten, um in die „Normalität“ zu-
den Situation addiert sich das bittere Gefühl, verraten rückzufinden. Die bisherigen Erfahrungen be-
worden zu sein. legen, dass dies möglich ist, wenn die notwen-
dige personelle, materielle und organisatori-
Stabilisierungsverfahren. Imaginative und Entspan- sche Unterstützung gewährleistet ist.
nungsverfahren sind zentrale Bestandteile der Stabili-
sierungsarbeit. Sie haben das Ziel, die Verarbeitungska- Zusammenfassende Bewertung
pazität des Patienten zu stützen oder zu verbessern.
Hierzu gehören Selbstkontrolltechniken und Entspan- Die Personalsituation im Bereich der Wehr-
nungsverfahren zur Erregungskontrolle (Autogenes psychiatrie ist derzeit besorgniserregend. Vor
Training, Jacobsen-Entspannung, Lichtstromtechnik, allem im ärztlichen Bereich besteht ein großer
Selbstinstruktionstechniken), aber auch imaginativer Mangel an Fachkräften. In der Bundeswehr
Ressourcenaufbau (Innere Helfer, Baumübung). gibt es keinen organisierten Military Mental
Health Service (MMHS), wie er bei anderen
Traumabearbeitung und Konfrontation NATO-Partnern, etwa bei den Amerikanern
und Briten, existiert. Dort arbeiten unter sa-
Die Traumabearbeitung erfolgt in Einzeltherapie und nitätsdienstlicher Führung Ärzte, hochquali-
bedient sich unterschiedlicher Verfahren (insbesondere fizierte Fachpflegekräfte (Mental Health Pro-
EMDR, 4 kognitiver Verhaltenstherapie, psychodyna- fessionals/MHP), Sozialarbeiter und anderes
mischer Verfahren, imaginativer Distanzierungs- und therapeutisches Personal im präventiven Be-
Dosierungstechniken). Die Zahl der PTBS-Fälle steigt reich (Schulung und Ausbildung) und in der
seit 1996 stetig an. 1999/2000 war dies fast ausschließ- Einsatzbegleitung in Combat-Stress-Teams
lich auf die relativ große Anzahl von Soldaten aus dem zusammen. Die Relation von eingesetzten
Kosovo-Einsatz zurückzuführen, welche die Erleb- MHPs zur Anzahl der Soldaten in den Streit-
nisse und Eindrücke nicht verarbeiten konnten. Seit kräften ist in den NATO-Streitkräften sehr
2002 rekrutiert sich der überwiegende Teil der Betrof- unterschiedlich und den verfügbaren Quellen
fenen aus den Afghanistan-Kontingenten; von 2006 bis zufolge in den US-Streitkräften fast um den
2008 hat sich ihre Zahl vervierfacht. Handelte es sich Faktor 10 höher als in der Bundeswehr.
um einmalige Traumatisierungen von Soldaten, bei
denen die Konstellationen von Ereignis-, Risiko- und Letztendlich müssten aus fachpsychiatri-
Schutzfaktoren relativ günstig waren, so können die scher Sicht im gesamten Bereich der psycho-
notwendigen Interventionen mitunter relativ schnell sozialen Versorgung, vor allem in Hinblick
zu einer stabilen Distanzierung vom Erlebten führen. auf weitere, auch potentiell gefährlichere Ein-
sätze, das Personal deutlich aufgestockt, die
Insgesamt ist es unsere Erfahrung, dass die Behand- jetzt angewandten Maßnahmen evaluiert, ko-
lung innerhalb einer Bundeswehreinrichtung für die ordiniert und wissenschaftliche Standards und
traumatisierten Soldaten und Soldatinnen deutliche militärische Erfahrungen angepasst und die
Vorteile mit sich bringt. Durch die mögliche Zusam- Organisationsstrukturen verändert werden.
menarbeit mit Angehörigen, Kameraden und Vorge-
4 Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) ist

eine von Francine Shapiro in den USA entwickelte psycho-


therapeutische Methode für die Behandlung von Traumatisierten.

46 APuZ 48/2009
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Scheitern des Chomeinismus Die Veröffentlichungen
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Jugend im Iran – Für Unterrichtszwecke dürfen
Verliert die Islamische Republik ihre Söhne und Töchter? Kopien in Klassensatzstärke herge-
stellt werden.
Nasrin Alavi
Die Kinder der Revolution – die iranische Blogosphäre ISSN 0479-611 X
Bundeswehr APuZ 48/2009

Hans J. Gießmann · Armin Wagner


3-9 Auslandseinsätze der Bundeswehr
Die Bundeswehr hat sich zur Einsatzarmee gewandelt. Ihr Auftrag ist die Unter-
stützung der Außenpolitik in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht. Eine Frie-
densmission kann nur als Teil eines schlüssigen Gesamtkonzepts gelingen.

Klaus Naumann
10-17 Wie strategiefähig ist die deutsche Sicherheitspolitik?
Der tradierte Handlungsstil der Bonner Republik und institutionelle Blockaden
verhindern die Strategiefähigkeit der deutschen Sicherheitspolitik. Mit einer Reihe
praktischer Veränderungen ließe sich jedoch Abhilfe schaffen.

Hans-Joachim Reeb
17-23 Die „neue“ Bundeswehr
Die Bundeswehr hat sich aufgrund der Auslandseinsätze verändert. Dieser Wandel
muss deutlicher in den verfassungsrechtlichen Grundlagen, im Verhältnis zur Ge-
sellschaft und in der Ausstattung der Truppe nachvollzogen werden.

Hans-Georg Ehrhart
23-29 Innere Führung und der Wandel des Kriegsbildes
Bewaffnete Konflikte und die damit verbundenen Kriegsbilder haben sich drastisch
verändert. Das stellt die Bundeswehr als „Armee im Einsatz“ und ihr Marken-
zeichen, die Innere Führung, vor große Herausforderungen.

Michael Paul
29-35 Zivil-militärische Interaktion im Auslandseinsatz
Ziel der zivil-militärischen Zusammenarbeit (CIMIC) ist es, die Erfüllung des mili-
tärischen Auftrags zu unterstützen. Dies erfordert hinlängliche CIMIC-Fähigkei-
ten der Bundeswehr, etwa beim ISAF-Einsatz in Afghanistan.

Rüdiger Fiebig · Carsten Pietsch


36-41 Die Deutschen und ihre Streitkräfte
Auf empirischer Grundlage wird dargestellt, in welchen Formen – etwa Faktenwis-
sen über die Bundeswehr und deren Einsätze, Vertrauen und positive Bewertung
der Aufgabenerfüllung – sich Rückhalt für die Streitkräfte ausdrückt.

Karl-Heinz Biesold
42-46 Einsatzbedingte psychische Störungen
Die besonderen Bedingungen der internationalen Einsätze im Rahmen von UN-,
EU- und NATO-Missionen stellen hohe Anforderungen an die Soldatinnen und Sol-
daten der Bundeswehr. Häufig kommt es zu Posttraumatischen Belastungsstörungen.