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Einführung in die Pädagogische Psychologie

11: Intelligenz und Hochbegabung

Prof. Dr. Benjamin Fauth


(heute Dr. Jessica Kornmann)
VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Selbstregulierte Vertiefung

• Zu den so genannten „Big Five“ der Persönlichkeit gehören u.a.


Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit und Pessimismus.
=> falsch

• Boekaerts unterscheidet zwischen „Regulation des Selbst“, „Regulation


des Lernprozesses“ sowie „Regulation des Verarbeitungsmodus“.
=> richtig

• Das Selbstregulatorische Aufsatztraining von Glaser (2005) enthält die


folgenden Prozeduren: Strategische Planung, Ergebnis- und
prozessbezogene Ziele, Selbstbewertung und Korrektur.
=> richtig

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VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Heutige Veranstaltung - Übersicht

• Intelligenz und Schulleistung

• Intelligenz und Messung der Intelligenz

• Entwicklung der Intelligenz über die Lebensspanne

• Vererbung von Intelligenz und Gruppenunterschiede

• Hochbegabung

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VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Psychologisches Rahmenmodell

Lehrperson Unterricht Familie


(Angebot) Strukturelle Merkmale (z.B. Schicht, Sprache, Kultur),
Prozessmerkmale der Erziehung und Sozialisation

Differenzielles Lernpotential
Wissen
Kulturelle Rahmenbedingungen

Tiefen- Kognitives Lernpotential


Motivationales Lernpotential
strukturen (z.B. Fähigkeitsüberzeugungen (z.B. Vorwissen, Intelligenz,
Über-
zeugung und Interesse) Selbstregulationsstrategien)

Methoden
Motivation Lernaktivitäten Wirkungen
(Nutzung) (Erträge)
Selbst-
Zeit Informations- Fachliche
regulation
Motivation/ verarbeitung Kompetenz
Anstrengungs-
Wiederholende Fachübergreifende
bereitschaft oder komplexere Kompetenzen
Lernprozesse
Erzieherische
Sozialer Wirkungen der
Austausch Schule

Kontext
Regionaler Schulform, Klassen- Schulklima
Kontext Bildungsgang zusammensetzung Klassenklima
Vgl. Kunter & Trautwein, 2013, S. 17; in Anlehnung an ähnliche Modelle bei PISA, Helmke, u.a.

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VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Vorbemerkung
Kognitive Voraussetzungen:
Allgemeine Lernpsychologie vs. differentielle Lernpsychologie

Allgemeinpsychologische Differentielle Psychologie und


Modellvorstellungen zum Lernen Lernen
»Wie geschieht Lernen? »Warum lernen bestimmte Schüler
»Was ist das Gedächtnis? mehr dazu als andere?
»Wie gelangen Informationen vom »Sagen Intelligenzunterschiede
Kurzzeitgedächtnis ins Unterschiede in Schulleistungen
Langzeitgedächtnis? vorher?
»Warum „vergessen“ wir manches »Wie entstehen Kompetenzprofile?
Gelerntes? »…
»…
In den vergangenen Wochen Heute

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VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Heutige Veranstaltung - Übersicht

• Intelligenz und Schulleistung

• Intelligenz und Messung der Intelligenz

• Entwicklung der Intelligenz über die Lebensspanne

• Vererbung von Intelligenz und Gruppenunterschiede

• Hochbegabung

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VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Intelligenz und Schulleistung


• Intelligenztests weisen deutlich positive Zusammenhänge mit den
Schulleistungen in Deutsch und (oft am stärksten) Mathematik auf (im
Mittel um r = .50).
• Selbst wenn Drittvariablen wie Motivation oder soziale Herkunft
kontrolliert werden, leistet Intelligenz noch einen eigenen
Erklärungsbeitrag für Schulleistungen.
• Bester Einzelprädiktor; Aber: mit zunehmenden Schuljahren sinkt der
relative Einfluss der Intelligenz auf die Schulleistung zugunsten des
erworbenen Vorwissens – der „totale“ Effekt sinkt jedoch nicht.
• Weist auf Grenzen der Beeinflussbarkeit von Lernerfolg hin
• Wird verwendet, um Teilleistungsstörungen zu erkennen
• Zusammenhang zur Hochbegabung

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Kurze Übung

Diskutieren Sie mit ihrem Banknachbarn darüber, was


Intelligenz für Sie bedeutet.

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VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Eine Definition
Individuals differ from one another in their ability to understand complex ideas,
to adapt effectively to the environment, to learn from experience, to engage in
various forms of reasoning, to overcome obstacles by taking thought.
Neisser et al. (1996)

Unter (kognitiver) Intelligenz soll nun verstanden werden: die komplexe


Fähigkeit zum denkgestützten Lösen von Aufgaben und Problemen in
Situationen, die für die Person neu und nicht allein durch Wissensabruf
erfolgreich bearbeitbar sind, die Fähigkeit zum induktiv und deduktiv-logisch
schlussfolgernden Denken, die Fähigkeit zum abstrakten Denken und die
Fähigkeit zu Verständnis und Einsicht – zum Erkennen und zur Herstellung von
Strukturen, Beziehungen, Sinnzusammenhängen und Bedeutungen (s. a.
Rindermann, 2004). Kurz: Intelligenz ist die Fähigkeit zum Denken.
Rindermann (2006)

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VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Heutige Veranstaltung - Übersicht

• Intelligenz und Schulleistung

• Intelligenz und Messung der Intelligenz

• Entwicklung der Intelligenz über die Lebensspanne

• Vererbung von Intelligenz und Gruppenunterschiede

• Hochbegabung

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VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Definitions- und Modellierungsversuche

1883 Sir Francis Galton 1904 Charles Spearman

Intelligenz zeigt sich


in einfachen Intelligenz als
Wahrnehmungs- Generalfaktor (g)
leistungen. verschiedener
kognitiver Leistungen

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VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Das Zwei-Faktorenmodell von Spearman (1904)


Zentrale Annahmen
• Jede Intelligenztestleistung beruht auf zwei Faktoren:
- general intelligence (g-Faktor)
- spezifische Komponente (s-Faktor)
• Positive Korrelationen zwischen unterschiedlichen Intelligenztests sind
durch die Existenz eines Generalfaktors (g) erklärbar, der beide

Abbildung aus Brunner (2006)


Testergebnisse maßgeblich beeinflusst.

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VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Definitions- und Modellierungsversuche


1905 Alfred Binet 1912 William Stern
Intelligenz zeigt sich in
komplexen
Denkvorgängen Intelligenzquotient
(IQ) = Verhältnis von
Binet & Simon (1905): Intelligenzalter zum
Intelligenz: „erfolgreiche Lebensalter
Bewältigung einer
aktuellen Situation“

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VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Definitions- und Modellierungsversuche

1923 Boring 1920 Louis Leon Thurstone


„Intelligenz ist das,
was der Intelligenztest Sieben sog.
misst.“ Primärfaktoren sind
Grundlage der
Intelligenz

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VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Das Primärfaktorenmodell von Thurstone (1938)

Modell mehrerer
gemeinsamer
Faktoren

Zentrale Annahme
Die erfolgreiche Bewältigung von
Intelligenztestaufgaben ist von mehreren
„primären“ Intelligenzdimensionen
(Primary Abilities) in wechselnden
Gewichtungsverhältnissen abhängig.
z.B. Sprachverständnis; Raumvorstellung;
Auffassungsgeschwindigkeit

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VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Definitions- und Modellierungsversuche


1939 David Wechsler 1950 Philip E. Vernon
IQ: Abweichungsmaß vom
Durchschnitt der Gleichaltrigen

Intelligenz ist „die ... Fähigkeit des Intelligenz ist


Individuums, zweckvoll zu handeln, hierarchisch.
vernünftig zu denken und sich mit
seiner Umgebung wirkungsvoll
auseinander zu setzen“ (1956)

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VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Definitions- und Modellierungsversuche

1957 Hofstätter 1957 Raymond Cattell


Intelligenz ist „das Verschiedenen
Ensemble von Fähigkeiten, korrelierten
das den innerhalb einer Primärfaktoren liegen
bestimmten Kultur die unkorrelierten
Erfolgreichen gemeinsam Faktoren fluide und
ist“ kristalline Intelligenz
zugrunde.

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Hierarchisches Modell von Cattell (1971)

Zentrale Annahmen Fluide Intelligenz Kristalline Intelligenz


Intelligentes Handeln ist im
wesentlichen von zwei gf1 gc
Komponenten abhängig:
• einer angeborenen,
genetisch verankerten
Komponente (fluide gf2 s v r n f m
Intelligenz)
• einer im Laufe der
Lebenszeit erworbenen
Komponente (kristalline
Intelligenz)
Tests

18 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Definitions- und Modellierungsversuche


Ab 1963 erste Rahmenmodelle

1967 1982 1983


J. Paul Guilford Robert Sternberg Howard Gardner

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VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Multiple Formen von Intelligenz


• Gardner (1983): Frames of Mind
- Musikalische Intelligenz, Körper/Bewegungsintelligenz, Persönliche
Intelligenzen, logisch-mathematische Intelligenz
- Fokus auf Hochbegabungen und „Sonderbegabungen“

• Robert Sternberg (1985): Triarchic theory of intelligence


- Analytic intelligence: klar definierte Aufgaben mit nur einer richtigen
Antwort, persönlich nicht relevant
- Creative intelligence: kreativ, schöpferisch
- Practical intelligence: Problem ist nicht klar definiert bzw. muss erst
erkannt werden, Informationssuche notwendig, verschiedene
Lösungen möglich

20 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Definitions- und Modellierungsversuche


Ab 1963 erste Rahmenmodelle

1967 1982 1983 1982, 1997


J. Paul Guilford Robert Sternberg Howard Gardner Adolf Otto Jäger

21 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Berliner Intelligenzstrukturmodell (Jäger et al., 1997)


Zentrale Annahme
Unterscheidung von Inhalten
(oder Modalitäten) und
Operationen.

Bewertung:
• Konzeptuell überzeugend und
mit empirischen Belegen.
• Test sehr lang.

22 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Heute
Klarheiten:
• Intelligenz ist die allgemeine mentale Fähigkeit einer Person
• ist hierarchisch aufgebaut
• umfasst mehrere Facetten
• ist normalverteilt

Unklarheiten:
• Was gehört alles zu Intelligenz? (Breite)
• Wie ist Intelligenz strukturiert? (Struktur)
• Was ist Intelligenz? (Definition)
„Intelligenz ist das,
was der Intelligenztest
misst.“ (Boring, 1923)

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VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

24 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

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VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

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VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Der Intelligenzquotient als Abweichungsquotient

Der IQ …
• ist der Gesamtwert aller Leistungen einer Person in allen Untertests
• Ist kein absoluter Messwert der Intelligenz, sondern ein statistisch
ermittelter Normwert, der immer auf eine Alters- oder
Jahrgangsgruppe bezogen ist.
• gibt Auskunft, wie weit eine individuelle Gesamtleistung in einem
Intelligenztest von einer Vergleichsgruppe (der Eich- oder
Normstichprobe) abweicht.
• bezieht sich also immer auf eine soziale Norm und wird daher auch als
Abweichungsquotient (von der sozialen Norm) bezeichnet.

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Der IQ als Abweichungsquotient

Rohwert  M
Eichstichp robe
IQ  100  15 *
Sd
Eichstichp robe

• Rohwert: Anzahl der Aufgaben, die eine Person gelöst hat.


• MEichstichprobe: Mittelwert der gelösten Aufgaben in einer Eichstichprobe
• SDEichstichprobe: Standardabweichung der gelösten Aufgaben in einer
Eichstichprobe

28 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Der IQ als Abweichungsquotient


Fiktives Zahlenbeispiel:
Rohwert  M
Eichstichp robe 45 – 38.5 = 6.5
IQ  100  15 *
Sd
Eichstichp robe

• Rohwert: Anzahl der Aufgaben, die eine Person gelöst hat.


• MEichstichprobe: Mittelwert der gelösten Aufgaben in einer Eichstichprobe

29 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Der IQ als Abweichungsquotient


Fiktives Zahlenbeispiel:
Rohwert  M
Eichstichp robe 45 – 38.5 = 6.5
IQ  100  15 *
Sd
Eichstichp robe 6.5 / 5.2 = 1.25

• Rohwert: Anzahl der Aufgaben, die eine Person gelöst hat.


• MEichstichprobe: Mittelwert der gelösten Aufgaben in einer Eichstichprobe
• SDEichstichprobe: Standardabweichung der gelösten Aufgaben in einer
Eichstichprobe

30 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Der IQ als Abweichungsquotient


Fiktives Zahlenbeispiel:
Rohwert  M
Eichstichp robe 45 – 38.5 = 6.5
IQ  100  15 *
Sd
Eichstichp robe 6.5 / 5.2 = 1.25

100 + 15*1.25 = 118.75

• Rohwert: Anzahl der Aufgaben, die eine Person gelöst hat.


• MEichstichprobe: Mittelwert der gelösten Aufgaben in einer Eichstichprobe
• SDEichstichprobe: Standardabweichung der gelösten Aufgaben in einer
Eichstichprobe

31 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Intelligenzverteilung

32 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Heutige Veranstaltung - Übersicht

• Intelligenz und Schulleistung

• Intelligenz und Messung der Intelligenz

• Entwicklung der Intelligenz über die Lebensspanne

• Vererbung von Intelligenz und Gruppenunterschiede

• Hochbegabung

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VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Intelligenzentwicklung über die Lebensspanne

Quelle: Amelang, M & Bartussek, D. (1997). Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung (4. Auflg., S. 198). Stuttgart:
Kohlhammer.

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VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Interindividuelle Stabilität
Korrelation zwischen der Intelligenz in der Kindheit und Jugend und der
Intelligenz im frühen Erwachsenenalter
0,9

0,75

0,6
Korrelation

0,45

0,3

0,15

0
0 3 6 9 12 15
Lebensalter
Quelle: Oerter, R. & Montada, L. (2002). Entwicklungspsychologie (5. Auflg., S. 37). Weinheim: Beltz/PVU.

35 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Heutige Veranstaltung - Übersicht

• Intelligenz und Schulleistung

• Intelligenz und Messung der Intelligenz

• Entwicklung der Intelligenz über die Lebensspanne

• Vererbung von Intelligenz und Gruppenunterschiede

• Hochbegabung

36 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Anlage-Umwelt-Debatte
Entstehung interindividueller Unterschiede:
• Stammen Unterschiede eher aus der Person (Anlagen) oder aus den
Erfahrungen und Einflüssen, denen eine Person ausgesetzt ist
(Umwelt)?

Zwei Arten von Umwelteinflüssen


• „Gemeinsame Umwelt“: Einflüsse, die die Ähnlichkeit zwischen
Familienmitgliedern vergrößern – gemeinsame Aktivitäten, ähnliche
Erziehungsmethoden
• „Spezifische Umwelt“: Einflüsse, die die Unähnlichkeit vergrößern – z.B.
spezifische Freundeskreise der Kinder.

37 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Anlage-Umwelt-Debatte
Verhaltensgenetische Forschung:
• Genetisch informative Studiendesigns notwendig
• Untersuchung unterschiedlicher Verwandtschaftsgrade hinsichtlich der
Ähnlichkeit in Bezug auf Merkmale
- Zwillingsstudien
 ein- vs. zweieiige Zwillinge
 gemeinsam vs. getrennt aufgewachsene
- Adoptionsstudien
 leibliche vs. adoptierte Geschwister
 leibliche vs. Adoptiveltern

38 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Erblichkeitskoeffizienten
• Hohe Korrelationen in der Intelligenz
- zwischen Eltern und Kindern, zwischen Geschwistern
- z.B.:
- EZ gemeinsam aufgewachsen: .86
- EZ getrennt aufgewachsen: .75
- ZZ gemeinsam aufgewachsen: .60
- Geschwister gemeinsam aufgewachsen: .47
- Adoptivgeschwister: .32

• Erblichkeit der IQ-Unterschiede: etwa 50%; weitere 25% gehen auf


gemeinsame Umwelt, 15% auf spezifische Umwelt zurück. 10% sind
Messfehler (Loehlin, 1989)

39 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Erblichkeitskoeffizienten

• Anlage und Umwelt stehen in Wechselwirkung: Anlage-Umwelt-


Interaktionen
- Passive Beziehungen: Verbal begabte Eltern bieten Umwelt, die
„sprachlich“ angereichert ist (z.B. Vorlesen)
- Reaktive Beziehungen: Umwelt reagiert auf die Begabung und
unterstützt (z.B. Mathematik-Olympiade, entsprechendes Spielzeug)
- Aktive Beziehungen: Begabte Kinder suchen sich passende
Umwelten (z.B. Schülerzeitung)

40 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Missverständnisse vermeiden!

• Erblichkeit ist KEINE Konstante!


- Stark variierende Umwelten: genetischer Einfluss niedriger
- Sehr ähnliche Umwelten (zum Beispiel durch allgemeine
Schulpflicht): genetischer Einfluss steigt (verbleibende Unterschiede
zwischen Personen gehen stärker auf genetische Unterschiede
zurück)

• Erblichkeit sagt nichts über die Veränderbarkeit aus! Mittelwerte vs.


Korrelationen
- Im Mittel steigende Intelligenzleistungen für alle Schüler möglich,
obwohl die Rangposition der einzelnen Schüler hoch sein kann
- Beispiel: Größe stark genetisch determiniert, aber Menschen wurden
dennoch immer größer
41 | Einführung in die Pädagogische Psychologie
VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Kontroverse Thesen zu Gruppenunterschieden und ihren


Ursachen

42 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Gruppenunterschiede
• Bedeutsame Intelligenzunterschiede: Schwarze vs. Weiße in den USA
– bis zu einer SD in vielen IQ-Tests

• Sind diese Unterschiede Folge genetischer Unterschiede und damit


„vererbt“?

43 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Mögliche Gründe für Unterschiede: Tests


a) Test bias: IQ-Tests messen keine Fähigkeiten, die prädiktiv sind für
wichtige Kriterien bzw. unterschiedlich prädiktiv in den Gruppen?
- Das scheint nicht der Fall zu sein – IQ-Tests sind sehr prädiktiv
b) Test-Charakteristiken: Sprachliche Aspekte etc.?
- Das scheint nicht der Fall zu sein – IQ-Tests sind sehr prädiktiv

44 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Mögliche Gründe für Unterschiede


a) Sozioökonomische Faktoren
- Klären einen Teil der Unterschiede auf, aber nur einen Teil
b) Ghetto/Kasten-Effekte
- es fehle an „effort optimism“
c) Kulturelle Effekte: passt die Herkunftskultur zur Majoritätskultur, z.B.
bei „Zusammenarbeit“ etc.?
- unklar, wie groß die Effekte sind
d) Genetische Unterschiede?
- Entscheidend ist, wie „unterschiedlich“ die Lebensbedingungen der
verglichenen Gruppen sind. Je ähnlicher, desto stärkere Argumente
gibt es für eine „Genetik-Hypothese“

Literatur: Neisser et al. (1996)

45 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Resümee
• Intelligenzunterschiede werden zu bestimmten Maße vererbt

• Die Intelligenzentwicklung ist stark durch die Umgebung beeinflussbar

• Vorwissen ist „wichtiger“ als Intelligenz

46 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Heutige Veranstaltung - Übersicht

• Intelligenz und Schulleistung

• Intelligenz und Messung der Intelligenz

• Entwicklung der Intelligenz über die Lebensspanne

• Vererbung von Intelligenz und Gruppenunterschiede

• Hochbegabung

47 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Hochbegabung und Hochbegabtenförderung

1. Was ist Hochbegabung?

2. Wie werden Hochbegabte gefördert?

48 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Wer ist hochbegabt?

49 | Einführung in die Pädagogische Psychologie – WS 2012 © 2012 Universität Tübingen


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Hochbegabungsmodelle:
Einfaktorentheorie (z.B. Terman, 1925)
ein einziger Faktor (IQ) ist für herausragende Leistungen verantwortlich

Hochbegabung

50 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Hochbegabungsmodelle:
Drei-Ringe-Konzept von Renzulli (1978)
• Hohe intellektuelle Fähigkeiten sind Grundvoraussetzung, reichen
allerdings nicht aus  hinzukommen hohe Kreativität und Motivation

51 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Hochbegabungsmodelle:
Modell der triadischen Interdependenz nach Mönks (1995)
• Weiterentwicklung des Modells von Renzulli (1978) durch Hinzunahme
von Umweltfaktoren Familie, Freunde, Schule als günstige Lernumwelt

52 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Hochbegabungsmodelle:
Münchner Hochbegabungsmodell (z.B. Heller et al., 1995)

53 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Hochbegabungsmodelle

23 verschiedene Autoren(gruppen) = 23 verschiedene Modelle


 Sternberg & Davidson (2005). Conceptions of giftedness (2. Aufl.). Cambridge: Cambridge Univ.
Press.

Gliederungsversuch: Zuordnung der Modelle in Kategorien


(z.B. Sternberg, Jarvin & Grigorenko, 2011)
• kein Konzept
• allgemeine kognitive Leistungsfähigkeit (IQ)
• IQ und andere Konstrukte
• Restkategorie

 Unterstützung „IQ und andere Konstrukte“


 jedoch große Heterogenität hinsichtlich der anderen Konstrukte

54 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Heutiger Stand
• Hochbegabung ist ein Resultat aus Anlage und Umwelt
• Hochbegabung umfasst Intelligenz + X (intellektueller Bereich)

Unklarheiten
• Potential vs. Leistung
( Underachievement?)
• breit vs. spezifisch
• personale Faktoren (Motivation, Selbstkontrolle, Kreativität etc.)
• kontextuelle Faktoren (Unterstützung Elternhaus, gleichbegabte Peers
etc.)

Verschiedene Hochbegabungsmodelle stehen (ungeprüft) nebeneinander.

55 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Hochbegabung und Hochbegabtenförderung

1. Was ist Hochbegabung?

2. Wie werden Hochbegabte gefördert?

56 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Ansätze zur Hochbegabtenförderung


1. Hochbegabtenförderung ist nicht notwendig.

2. interne Förderung
• „besondere“ Lehrmethoden und Aufgaben
(z.B. explorierendes Lernen)

3. Akzeleration
• vorzeitige Einschulung (early entrance)
• Überspringen von Klassen (grade skipping)
• Belegen von Universitätskursen (advanced placement)
während Schulzeit

57 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Ansätze zur Hochbegabtenförderung


4. Enrichment
• vertikal vs. horizontal
• inner- vs. außerhalb der regulären Schulzeit

5. Leistungsgruppierung
• zwischen Klassenstufen (cross-grade grouping)
• innerhalb einer Klasse(nstufe) (within-class grouping)
• Akzeleration für Schülergruppen (accelerated classes)
 z.B. Hochbegabtenzug
(inkl. Enrichment)
• Hochbegabtenschulen (whole school for the gifted)

58 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Ansätze zur Hochbegabtenförderung – was wirkt?


ABER: oftmals Maßnahmen vermischt und keine echten Kontrollgruppen

Akzeleration (Steenbergen-Hu & Moon, 2011)


• Leistung .18
• Sozial-emotionale .08

Enrichment (Kulik, 1992; Vaughn, Feldhusen, & Asher, 1991)


• vertikal vs. horizontal -
• inner- vs. außerhalb der .65 (inner-) bzw.
regulären Schulzeit .41 (außerhalb)

Leistungsgruppierung (Kulik, 1992)


• zwischen Klassenstufen .30
• innerhalb einer Klasse(nstufe) .25
• Akzeleration für Schülergruppen .87
• Hochbegabtenschulen -
59 | Einführung in die Pädagogische Psychologie
VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Ansätze zur Hochbegabtenförderung – was wirkt?


ABER: oftmals Maßnahmen vermischt und keine echten Kontrollgruppen

Längsschnittstudie mit mathematisch Begabten über 20 Jahre (Wai,


Lubinski, Benbow & Steiger, 2010)

 Educational dose: angemessene intellektuelle Stimulierung


 Mehr berufliche Erfolge (Doktortitel, Patente, Beschäftigungsrate
etc.)
 Beispiel: Mehr Förderung im Kindes- und Jugendalter erhöht die
Wahrscheinlichkeit später erfolgreich zu publizieren um den Faktor
2,3

60 | Einführung in die Pädagogische Psychologie


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Forschungsprojekt zu Hochbegabung an der Uni Tübingen:


wissenschaftliche Begleitung Hector-Kinderakademien (HKA)

• Hector-Kinderakademien
o Enrichment-Förderangebote außerhalb des regulären Schulunterrichts für
(hoch)begabte Grundschulkinder
o flächendeckendes Angebot in ganz Baden-Württemberg mit über 60 Standorten
 Förderung von bis zu 40.000 Kindern angedacht

61 | Ingo Zettler | Hochbegabung und Hochbegabtenförderung © 2012 Universität Tübingen


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Literatur
Neisser, U., Boodoo, G., Bouchard, T. J. J., Boykin, A. W., Brody, N.,
Ceci, S. J., . . . Urbina, S. (1996). Intelligence: Knowns and unknowns.
American Psychologist, 51, 77–101. doi:10.1037/0003-066X.51.2.77

Roberts, R. D. & Lipnevich, A. A. (2012). From general intelligence to


multiple intelligences: Meanings, models, and measures. In APA
Handbook Educational Psychology, Part 2. Washington: APA.

Subotnik, R., Olszewski-Kubilius, P. & Worrell, F. (2011). Rethinking


Giftedness and Gifted Education: A Proposed Direction Forward Based on
Psychological Science. Psychological Science in the Public Interest, 12, 3-
54.

62 | Einführung in die Pädagogische Psychologie © 2012 Universität Tübingen


VL 11: Intelligenz und Hochbegabung

Danke.
63 | Einführung in die Pädagogische Psychologie