Sie sind auf Seite 1von 18

Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

Die Osterhasen-Verschwörung
Eine Geschichte von Alexandra Fischer-Hunold mit Illustrationen von Elke
Broska, erschienen im Loewe Verlag.
Bibibibip! Bibibibip! plärrte der Wecker los.

Schnell schaltete Julius ihn aus. Er lauschte.

1/18
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

In der Wohnung blieb alles ruhig. Seine Zwillingsschwester und seine Eltern

waren von dem blöden Gepiepe also nicht aufgewacht. Gut so! Denn heute

war Sonntag. Genauer gesagt Ostersonntag.

2/18
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

Und Julius hatte einen Plan. Er wollte dem Osterhasen bei der Arbeit zusehen.

Schon stand Julius am Fenster.

Im Garten war alles ruhig. Ein paar Vögel zwitscherten. Ein Eichhörnchen

kletterte behände die alte, hohe Fichte hinauf. Das Gras glitzerte feucht im

frühen Sonnenlicht. Weit und breit kein Osterhase. Doch was war das?

Julius beugte sich vor.

Da! Der Rhododendron zitterte

verdächtig.

Aufgeregt biss sich Julius auf die

Unterlippe.

Denn genau in diesem Moment schob

sich eine braun-weiße Hasenpfote

zwischen den Blättern durch. Und da

stand er: der Osterhase höchstpersönlich in einer blauen Latzhose, einem

karierten Hemd und einem Tuch, das er keck um den Hals gebunden hatte.

Auf dem Rücken trug er einen Korb voller bunter Eier. Er stellte seine langen

Ohren auf und hielt sein kleines zitterndes Näschen in den Wind. Dann griff er

3/18
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

nach hinten, schnappte sich ein leuchtend rotes Ei und hüpfte hinter den

Kirschbaum.

Plötzlich hörte Julius ein Quietschen. Sein Kopf wirbelte herum.

Eine schwarze Limousine mit der Aufschrift Leni Lehmanns Leihwagen kam
nur wenige Zentimeter vor dem Gartenzaun zum Stehen.

Vier Gestalten sprangen aus dem Wagen. Große Schlapphüte bedeckten ihre

Gesichter, an ihren Händen baumelten riesige Handschuhe und ihre Mäntel

waren so lang, dass sie auf dem Weg in den Garten ständig darüber

stolperten.

Erschrocken linste der Osterhase hinter dem Kirschbaum hervor. Schon

erreichten die Gestalten ihn, packten ihn und schleppten ihn in das Auto. Erst

als der Wagen mit quietschenden Reifen wieder davonbrauste, wachte Julius

aus seiner Erstarrung auf.

4/18
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

„MS-LL 512“, merkte er sich laut das Kennzeichen des Autos, während er in

das Zimmer seiner Zwillingsschwester rannte.

„Was ist denn passiert?“, gähnte Elsa, als Julius sie unsanft rüttelte.

„Steh auf!“, rief Julius.

„Wir müssen den Osterhasen retten! Er ist entführt worden.“

„Was?“ Mit einem Schlag war Elsa hellwach.

5/18
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

„Ich erkläre dir alles auf dem Weg zu Tante Leni!“

„Was hat Tante Leni damit zu tun?“, fragte Elsa, sprang aus dem Bett und zog

sich schnell an. Kaum war auch Julius angezogen, radelten sie in voller Fahrt

über die menschenleeren Straßen.

„Die Entführer sind mit einem Leihwagen von Tante Lenis Leihfirma

gefahren?“, fragte Elsa, nachdem Julius ihr alles erzählt hatte.

„Genau!“, nickte Julius.

„Und deshalb fahren wir zu ihr. Sie kann uns sagen, wer den Wagen gemietet

hat.“

6/18
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

„Und der ist dann der Entführer vom Osterhasen!“, kombinierte Elsa

messerscharf.

„Habt ihr Schlafstörungen?“, brummelte Tante Leni mit einem Blick auf ihre

Armbanduhr. Es war sechs Uhr, als sie Julius und Elsa die Tür öffnete.

„Der Osterhase ist entführt worden!“, keuchte Elsa und schon sprudelte die

Geschichte aus ihrem Mund.

Als sie geendet hatte, murmelte Tante Leni mit verschränkten Armen: „Ihr

wisst aber schon, dass es den Osterhasen nicht wirklich gibt?“

– „Guck doch bitte trotzdem in deinem Verzeichnis nach, Tante Leni!“,

drängelte Elsa.

7/18
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

„Und sag uns, wer den Wagen gemietet hat.“

„Das Kennzeichen lautet: MS-LL 512“, ergänzte Julius eilig.

„Na gut! Weil ihr es seid!“, seufzte Tante Leni und schaltete den Rechner ein.

Nach einigen Sekunden tippte sie auf den Bildschirm. „Da habt ihr euren

Entführer!“

8/18
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

„Vorname: Pick Nachname: Picke-die-Pick“, las Julius ungläubig.

„Adresse: Federglück 7?“

9/18
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

„Komischer Name!“, meinte Elsa, als

sie wenig später wieder bei ihren

Rädern standen. „Und was machen wir

jetzt? Gehen wir zur Polizei?“

Julius schüttelte den Kopf. „Die

werden auch sagen, dass es den

Osterhasen nicht gibt! Nein, wir fahren

selbst hin!“

Bei Federglück 7 handelte es sich um

ein wunderschönes Grundstück mit bunt bemalten Schuppen, einem See,

vielen grünen Wiesen, Bäumen und Blumen und einem großen Misthaufen.

Irgendwo hier mussten die Entführer den Osterhasen versteckt haben.

„Komm, Elsa!“, flüsterte Julius. „Lass uns den Osterhasen suchen!“

Elsa atmete tief durch und kletterte hinter ihrem Bruder über den Zaun. Sie

liefen ein Stück über die Wiese und spähten in einen Schuppen: Da parkte es,

das Entführerauto! Im zweiten Schuppen standen Farbeimer, Pinsel und

Körbe mit bunt bemalten Eiern. Vorsichtig schlichen die Geschwister weiter

zum dritten Schuppen.

10/18
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

Julius stellte sich auf die Zehenspitzen und linste durch das Fenster.

Elsa stand neben ihm. Es verschlug ihnen beinahe den Atem! Mit dem Rücken

zu ihnen standen die Entführer vor dem Osterhasen, der auf einem Stuhl saß,

und redeten auf ihn ein.

„Kannst du etwas verstehen?“, flüsterte Julius Elsa zu.

„Wer seid ihr denn?“, fragte da eine Stimme hinter ihnen. Bevor Julius und

Elsa herumwirbeln konnten, wurden sie gepackt und in den Schuppen

gebracht.

„Diese Spione haben gelauscht!“, verkündete die Stimme.

11/18
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

Julius und Elsa zitterten wie

Espenlaub, als sich jetzt alle vier

Entführer zu ihnen umdrehten.

„Oh, nö, pook!“, stieß einer der

Entführer hervor, riss sich den Hut vom

Kopf und schleuderte seinen Mantel in

eine Ecke. Einer nach dem anderen tat

es ihm gleich.

„Ihr seid ja, ihr seid ja ...“, stammelte

Julius.

„… Hühner!“, vollendete Elsa für ihn den Satz. „Ganz normale Hühner!“

– „Te-te-te!“, schnalzte das Huhn, das offensichtlich die Anführerin war,

verächtlich.

„Da haben wir es, Osterhase. Genau das meine ich. Jedes Jahr das Gleiche.

Wir rackern uns zu Ostern mit dem Eierlegen ab, geben uns größte Mühe, die

schönsten Eier überhaupt zu legen, wir schrubben und polieren sie und betten

sie auf Watte. Und wer bekommt das ganze Lob? Auf wen freuen sich die

Kinder? Auf den Osterhasen. Und wir? Wir sind nur ganz normale Hühner.

Ohne uns gäbe es aber keine Ostereier und auch keinen Osterhasen! Doch

12/18
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

niemand nennt uns Osterhühner! Und deshalb nehmen wir das mit dem

ganzen Ostern ab sofort selbst in die Hand!“

– „Aber Pick!“, widersprach der Osterhase.

„Die Sache ist doch die: Ihr legt die Eier, ich bemale und verteile sie. Das nennt

man Teamwork. Also, Gemeinschaftsarbeit! Jeder von uns macht einfach

das, was er am besten kann.“

Julius stieß Elsa in die Seite. „Das ist also Pick Picke-die-Pick!“, wisperte er ihr

zu.

„Aber das Legen von so wunderschönen Eiern ist viel anstrengender als das

Anmalen und Verteilen!“, erwiderte Pick Picke-die-Pick dem Osterhasen.

„Uns steht auch mal ein Dankeschön zu und wir möchten auch das Glitzern in

den Augen der Kinder sehen, wenn sie nach den Ostereiern suchen. Eine

13/18
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

Abordnung Hühner ist schon unterwegs und verteilt Eier. Meine Freunde hier

werden aufpassen, dass du und die beiden hier ...“

Pick Picke-die-Pick kniff die Hühneraugen zusammen. „Wer seid ihr

überhaupt?“

„Das ist meine Schwester Elsa und ich bin Julius!“, sagte Julius.

Das Oberhuhn nickte. „Also, sie passen auf, dass ihr drei nicht verschwindet,

während ich mich ebenfalls ans Ostereierverteilen mache!“

Der Osterhase schlug die Pfoten vor die Augen. „Das kann doch nicht gut

gehen!“, murmelte er immer wieder.

Plötzlich knisterte es. Eilig fingerte Pick Picke-die-Pick ein Walkie-Talkie aus

ihrer Manteltasche. „Hier ist das Oberhuhn. Was gibt’s zu tun?“

Julius spitzte die Ohren.

„Große Katastrophe!“, jammerte eine

Hühnerstimme. „Wir haben Plattfüße

von den schweren Körben. Wir können

sie einfach nicht länger tragen. Unsere

Eier verlieren in dem feuchten Gras die

14/18
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

Farbe und außerdem sind schon ganz

viele zerbrochen und ausgelaufen! Wir müssen irgendetwas falsch gemacht

haben!“

– „Ja, habt ihr die Eier denn nicht gekocht?“ Mit einem Satz war der

Osterhase auf den Pfoten.

Pick Picke-die-Pick schüttelte traurig ihr Hühnerköpfchen.

„Hätten wir das tun sollen?“

– „Und die Farbe?“, rief der Osterhase entsetzt.

„Ihr müsst doch spezielle Ostereierfarbe nehmen!“

Eine dicke Träne kullerte aus dem

linken Auge des Oberhuhns. Liebevoll

strich Elsa ihm über die weichen

Federn. Fassungslos schlug der

Osterhase die Pfoten über seinen

langen Ohren zusammen.

„Ihr habt das Osterfest ruiniert!“ Wieder knisterte es im Funkgerät: „Wir

brauchen Verstärkung! Dringend!“

15/18
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

Entschlossen schnappte sich Julius das Funkgerät.

„Ist schon unterwegs!“ Julius überlegte kurz. „Jetzt müssen wir alle ran!“

„Wie meinst du das?“, schniefte das Oberhuhn. „Ihr macht das, was ihr

machen wolltet!“, rief der Osterhase und schulterte seinen Korb.

Julius nickte. „Ihr helft dem Osterhasen beim Verstecken der Eier!“

„Ist das euer Ernst?“, fragte das Oberhuhn. Der Osterhase nickte. „Ihr hättet

mich auch einfach fragen können, ob ihr mitmachen dürft. Ich hätte bestimmt

nicht Nein gesagt!“

„Oh, wie tut mir das alles leid!“ Verlegen scharrte das Oberhuhn mit der Kralle

im Sand herum. „Ich habe einfach gedacht, du würdest es nie erlauben!“

„Elsa und ich helfen auch mit!“, verkündete Julius.

„Au fein!“ Begeistert klatschte Elsa in die Hände.

„Wartet noch!“, rief Julius und zog Block und Stift aus der Hosentasche. „Alle

sollen wissen, von wem die Ostereier kommen.“

Zusammen machten sie sich an die Arbeit, und als die Stadt erwachte, lagen

16/18
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

in allen Gärten viele bunte Ostereier. Mittendrin lag jeweils ein kleines

Zettelchen und darauf stand in Julius’ und Elsas allerbester

Schönschreibschrift geschrieben:

Frohe Ostern wünschen Euch der Osterhase und die Osterhühner!

Die Osterhasen-Verschwörung
Geschichte aus: Ich für dich, du für mich. Ostergeschichten
Autor: Alexandra Fischer-Hunold
Illustration: Elke Broska
Verlag: Loewe
Alterseinstufung: ab 7 Jahren
ISBN: 978-3-7855-7712-7

17/18
Powered by TCPDF (www.tcpdf.org)