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2020 Geistesblitze wie aus der Schnellfeuerwaffe (Archiv)

Samstag, 16.05.2020 Suchen


Startseite Büchermarkt Geistesblitze wie aus der Schnellfeuerwaffe 20.10.2013

Geistesblitze wie aus der


Schnellfeuerwaffe
Buch der Woche: Friedrich A. Kittler: „Die Wahrheit der technischen Welt“, Suhrkamp

Als Medientheoretiker ist Friedrich Kittler eine Legende. Sein Nachlass zeigt
warum: Mit peinlicher Genauigkeit beschreibt er, wie die Literatur durch Technik
beeinflusst wird. Leicht macht er es seinen Lesern dabei nicht, aber das gehört
eben zu seiner Genialität dazu.

Von Frank Hertweck

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Bücher haben ihre Schicksale. Aber sie machen auch welche. Ganz besonders die
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Werke des Medienphilosophen Friedrich Kittler. Sie haben Geschichte gemacht und
Geschichten, Biografien. Computersprache und Griechenliebe
[https://www.deutschlandfunkkultur.de/compute
und-griechenliebe.984.de.html?
Anfang, Mitte der 80er Jahre – damals war der Marxismus zumindest in seinen dram:article_id=240225]
Maschinen im Zentrum des Denkens
parteipolitischen Ausprägungen ziemlich abgewirtschaftet. Man konnte das „Kapital“ [https://www.deutschlandfunkkultur.de/maschin
im-zentrum-des-denkens.974.de.html?
von Karl Marx lesen mit der gefühlt 100. Auflage von Wolfgang Fritz Haugs „Vorlesung
dram:article_id=150802]
zur Einführung ins Kapital“ an der Hand, aber man las nicht länger die Theorie zu einer Nachruf auf den Wissenschaftler
Friedrich Kittler
irgendwie revolutionären Praxis, sondern einfach ein Buch. [https://www.deutschlandfunkkultur.de/nachruf-
auf-den-wissenschaftler-friedrich-
kittler.954.de.html?
1981 erschien Jürgen Habermas‘ „Theorie des Kommunikativen Handelns“. Das war dram:article_id=146691]
so ungefähr das, was vom Marxismus der Frankfurter Schule noch übrig geblieben „Legendär ist der Kampf um seine
Habilitation“
war, ein Werk, das eine Gesellschafts- in eine Sprachtheorie verwandelt hat, weil ihr [https://www.deutschlandfunk.de/legendaer-
die Geschichtsphilosophie abhandengekommen war. Jetzt musste der Sprechakt ist-der-kampf-um-seine-
habilitation.691.de.html?
leisten, was früher der Weltgeist abgesichert hatte: Irgendetwas in unserer rauen dram:article_id=56180]
„Er konnte den ‚Faust‘ mit acht Jahren
Wirklichkeit hatte über sie hinauszuweisen hin in eine bessere und mögliche Zukunft.
auswendig“
Nur mit solch einem Maßstab konnte man zeigen, es läuft etwas schief, ohne als [https://www.deutschlandfunkkultur.de/er-
konnte-den-faust-mit-acht-jahren-
naiver Utopist verschrien zu werden. auswendig.1013.de.html?
dram:article_id=172404]
Die Lösung von Jürgen Habermas war eine Art Unterstellung: Jeder der im Gespräch
argumentiert, behauptet eine Begründungsnotwendigkeit, die auch für das Gegenüber
gelten muss. Wer redet, begründet. Das ist die Idee. Oder in den Worten von
Habermas:

„Wenn die Argumentation nur offen genug geführt und lange genug fortgesetzt werden
könnte,“ dann kann „grundsätzlich ein rational motiviertes Einverständnis erzielt
werden“.

Ein offenes und unendliches Gespräch, und dann würde man sich einigen? Das klang
seltsam steril, aseptisch und war längst durch manche lange Redenacht widerlegt. Am
Ende hatte der recht, der durchhielt. Kurz: Viel Zeit ist kein Faktor der
Wahrheitsfindung. Man überzeugt seinen Gegner nicht, man ermüdet ihn. Habermas
bekam Gegenwind.

Anfang der 80er stand der Zeitgeist nicht auf Vernunft, sondern auf Gefühl, auf
Innerlichkeit. 1977 und ‚78 waren im Roten Stern Verlag die beiden wild bebilderten
Bände der „Männerfantasien“ von Klaus Theweleit erschienen. Sie waren ziemlich
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aufregend, aber sie hatten eine ganz neue Stoßrichtung: Bekämpfe den faschistischen
Mann in Dir, bevor Du das böse Kapital bekämpfst.
In Theweleits Buch tauchte zum ersten Mal das auf, was dann unter dem Etikett
„Poststrukturalismus“ lief, nämlich der „Anti-Ödipus“ von Gilles Deleuze und Felix
Guattari, im Taschenbuch erschienen 1979. Und darin gab es Zitate wie diese:

„Es gibt nur eine Produktion, die des Realen.“

Uuups. Das war ein Hammersatz. Der „Anti-Ödipus“ entwickelte die einleuchtende
Fragestellung, wenn das Proletariat erniedrigt und beleidigt wird, warum wehrt es sich
dann nicht. Die schlagende Antwort: nicht weil es manipuliert wird oder ähnliches,
sondern weil es seine Unterdrückung will. Geradezu verzweifelt bemühte man sich
damals um theoretische Synthesen von Gesellschaft und Individuum, von
marxistischer Kritik und Psychoanalyse.

Aber dann kam noch ein Buch aus Frankreich, im Taschenbuch 1983. Jacques
Derridas, „Grammatologie“. Und aus war`s mit der Synthese. Auch daraus ein Satz:

„Die Rationalität beginnt mit der Destruierung und, wenn nicht der Zerschlagung, so
doch der De-Sedimentisierung, der Dekonstruktion aller Bedeutungen, deren Ursprung
in der Bedeutung des Logos liegt.“

Auch nicht schlecht. Heißt auf Deutsch so viel wie: mit den Mitteln der Vernunft die
Vernunft interpretieren, bis einem Hören und Sehen vergeht, sodass alles, was einem
gerade noch sicher erschien, nichtig wird.

Jetzt war es um die Synthese geschehen, dachte man, aber da leuchtete schon wieder
eine neue am Horizont auf, wieder dank eines Denkers aus Frankreich. Er hieß Michel
Foucault, seine umwerfenden Geschichtswerke „Überwachen und Strafen“ und „Die
Ordnung der Dinge“. Dieses nannte sich im Untertitel eine „Archäologie der
Humanwissenschaften“ und lotete aus, was in einer geschichtlichen Epoche gedacht
und gewusst werden konnte und damit auch, was nicht, jenes erzählte „Die Geburt des
Gefängnisses“ und entwarf eine sehr weitreichende Geschichte der Macht.
Ein berühmter Satz:

„Der Mensch ist eine Erfindung, deren junges Datum die Archäologie unsers Denkens
ganz offen zeigt. Vielleicht auch das baldige Ende.“

Und nun zum letzten Buch, wieder ist es bei Suhrkamp erschienen, wieder in der
unglaublich einflussreichen Wissenschaftsreihe, Jacques Lacan, Schriften 1. Dort heißt
es zum Beispiel:

„Das Unbewußte ist der Teil des konkreten Diskurses als eines überindividuellen, der
dem Subjekt bei der Wiederherstellung der Kontinuität seines bewußten Diskurses
nicht zur Verfügung steht.“

So klang das, Anfang der 80er Jahre, in Freiburg, an der Albert Ludwig-Universität.
Und es gab ein Gerücht, da ist einer, der solche Sätze versteht und erklären kann.
Nicht im historischen Seminar, nicht bei den Philosophen, sondern bei den
Germanisten, die traditionellerweise alles dürfen. Sein Name: Friedrich Kittler.
Einführung in den Poststrukturalismus, hieß das Seminar oder so ähnlich. Was man
lernen durfte: Das meiste, was aus Frankreich kam, hatte seinen Ursprung in
Deutschland oder Österreich: kein Foucault, kein Derrida, kein Lacan ohne Nietzsche,
Freud und vor allem Heidegger.

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Von Freiburg über Paris nach Freiburg, das hatte schon wieder etwas Mystisches.
Und: das Modelabel Poststrukturalismus verwischte die enormen Unterschiede, die es
zwischen den einzelnen Denkern gab. Jacques Derrida war der Philosoph, der mit
seinem fragenden Gestus aus einem Text viele Texte machte, Michel Foucault der
Historiker, der genau den umgekehrten Weg ging, aus vielen Texten wurde einer,
nämlich der Diskurs, das Programm, sozusagen die Bedingung der Möglichkeit der
vielen individuelle Texte einer Wissensepoche.

Deleuze/Guattaris „Anti-Ödipus“ bedeutete einfach Spaß, Theorie-DADA, Anarchie.


„Es atmet, wärmt, ißt. Es scheißt, es fickt“ so begannen theoretische Werke in den
70ern. „Fröhliche Wissenschaft“ nannte man das mit Nietzsche.

Jacques Lacan, wiederum theoretischer Gegner von Gilles Deleuze und Felix Guattari,
war schier unverständlich. „Das Unbewußte ist wie eine Sprache strukturiert.“, so
lautete der Schlüssel seines Denkens. Psychoanalyse und Linguistik verschwisterten
sich in seinem Werk. Und plötzlich war es erlaubt, die Dramaturgie eines Textes zu
verstehen, ohne den Autor in einen Neurotiker zu verwandeln, den der Interpret als
Analytiker auf die Couch legt. Man analysierte nicht länger die Familienkomplexe des
Autors, sondern diejenigen, die sich im literarischen Werk aus-, um- und abbildeten.

Vergleicht man die Einflüsse auf Kittler, dann ist der von Gilles Deleuze, Felix Guattari
und Jacques Derrida eher gering. Lacan spielt im Frühwerk eine enorme Rolle, später
wird er eher ein steiler, immer zur Provokation tauglicher Zitatenlieferant. Dominierend
selbst in der zunehmenden Abgrenzung bleibt Michel Foucault, nicht verwunderlich,
Kittler denkt ebenfalls radikal geschichtlich in Brüchen. Nichts bleibt in der Geschichte
sich selbst gleich. Nicht einmal der Mensch.

Aber das eigentlich Aufregende an Kittler, das was ihn zur Berühmtheit gemacht hat,
war die „Frage nach der Technik.“ Man kannte Karl Marx, die Produktivkräfte, die die
Produktionsverhältnisse umwälzen. Man kannte Walter Benjamins einflussreichen und
geradezu kanonischen Text: „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen
Reproduzierbarkeit“, aber was Friedrich Kittler mit dem Verhältnis von Technik und
Literatur anstellte, das war Zauberei. Der Medienphilosoph Marshall McLuhan und der
große Unbekannte der amerikanischen Literatur Thomas Pynchon, also
„Understanding Media“ und die „Enden der Parabel“ bildeten gleichsam den
entscheidenden Schlussstein im Denken von Friedrich Kittler. Technik, das war für ihn
keine Metapher. Eine Vorlesung über „Radio“ begann mit dem Unterschied von
Amplitudenmodulation und Frequenzmodulation und führte so nebenbei zu Jim
Morrisons „Doors“ und „Riders on the Storm“.

Die Aura der Seminare war enorm. Man fühlte, man hat es mit einem Genie zu tun.
Jeder seiner Gedanken war anders, als man ihn je selbst hätte denken können. Klar
war, es gibt keine heißere Germanistik in Deutschland. Man sprach und schrieb
Kittlerdeutsch: „selbstredend, klar, Klartext, nüchtern, nicht umsonst.“ Freiburg war
Avantgarde. Kittler war im besten Sinne unerhört. Welche hitzigen
Auseinandersetzungen es um seine Habilitationsschrift „Aufschreibesysteme
1800/1900“ gab, die scharfen internen Debatten, das alles kann man heute wunderbar
nachlesen.

Und vielleicht ist dieses Buch bis heute sein schönstes geblieben, argumentativ stark
und vor allem ausführlich, geduldig und nicht, wie viele der Essays und Aufsätze,
extrem verknappt. Es erzählt von den familiären Ursprüngen der romantischen und
klassischen Dichtung, davon, dass die Mütter in der modernen Kernfamilie die

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16.5.2020 Geistesblitze wie aus der Schnellfeuerwaffe (Archiv)
Erziehung übernehmen, dass sie die Söhne sprechen lehren, die dann in ihrer Literatur
davon nur versteckt berichten, nämlich als ein dichterisches Erlauschen der Natur. Neu
war: Kittler las Erziehungsbücher, Unterrichtstexte, Schönschreibvorschriften
gleichsam als Anleitungen für werdende Dichter, die man nur wahrnehmen musste und
nicht ignorieren, wie es die Germanistik bisher getan hatte. Alles stand schon
irgendwo. Das meinte Kittler mit Klartext.

Das Aufschreibesystem 1900 hatte eine offensichtlich technische Ausgangslage. Film,


Grammofon, Schreibmaschine waren gerade erfunden. Jetzt musste die Literatur das
nicht mehr leisten, was sie um 1800 noch wie selbstverständlich getan hatte: eine
vollständige Fantasiewelt erfinden. Die Vision übernahm der Film viel genauer, so wie
das Grammofon die Töne der Wirklichkeit viel präziser speicherte. Literatur wurde, so
Kittler, auf ihre eigene Buchstäblichkeit zurückgeworfen. Sie wurde Avantgarde. In
Zukunft existierte ein Unterschied zwischen sogenannter E- und U-Literatur. Sehr
ernst, das waren in Frankreich Stéphane Mallarmée, in Deutschland Stefan George,
der eigene Buchstaben für seine Lyrik erfand. Und da der Krieg für Kittler gegen
manche historische Einsicht der Motor dieser technischen Entwicklung war,
unterstrichen die Kittlerschüler in allen literarischen Werken fortan alles, was mit Krieg
und Medien zu tun hatte.

Am 18. Oktober 2012 ist Friedrich Kittler gestorben. Selten waren Nachrufe auf einen
Wissenschaftler pathetischer, persönlicher, emotionaler, sentimentaler. Jetzt hat der
Suhrkamp Verlag in eben seiner legendären Wissenschaftsreihe einen Band mit
Aufsätzen von Friedrich Kittler veröffentlicht. Titel: Die Wahrheit der technischen Welt.
Herausgeber ist Hans Ulrich Gumbrecht, der ihn lange kannte, ohne je seinem Denken
zu verfallen. Sein Nachwort ist behutsam, von freundschaftlicher Zuneigung,
Allenfalls spürt man eine Distanzierung vom obsessiven-apokalyptischen Gestus, den
Kittler manchmal pflegte und der dem erprobenden und zugewandten Denkstil
Gumbrechts eher fremd ist.

„Die Auswahl von Hans Ulrich Gumbrecht ist repräsentativ. Sie gliedert das Werk, wie
heute meist üblich, in drei Phasen, eine frühe, in der Familie und Diskurse die große
Rolle spielen, dann die Zeit der Technik, die auch eine des Krieges ist, und schließlich
die Hinwendung zu den alten Griechen.“

Liest man die Aufsätze hintereinander weg, der älteste ist von 1978, der jüngste von
2010, dann fällt einem die unglaubliche Stringenz in seinem Schaffen auf. Ob Familie,
Medien, oder wie im Spätwerk die Griechen, alles bleibt doch irgendwie kittlerhaft.
Auch die griechische Antike wird technisch beschrieben, damals war der Speicher
eben das Alphabet. Zwei der schönsten Texte finden sich im ersten Teil „Emergenz
einer historischen Sensibilität“: sie heißen „Lullaby of Birdland“, eine kanonische
Lektüre von Goethes „Wanderers Nachtlied“, nach der „Über allen Gipfeln“ ein
Wiegenlied ist, der Mutter abgelauscht, bevor Sprache wieder im Schlafe versinkt, und,
fast ebenso kanonisch für das, was Kittler auszeichnet, „Der Gott der Ohren“, eine
medientechnische Lesart von Pink Floyds „Brain damage“ von der millionenfach
verkauften LP „Dark side oft the moon“. Nach ihr wandert der Wahnsinn durch mono,
Stereo und Quadrophonie von außen in unsere Köpfe. „The lunatic is in my head.“

Was auffällt, heute mehr als früher, ist die große Hermetik, die fehlende Bereitschaft,
auch nur irgendwelche Einstiege zu erleichtern. Methodik ist Kittlers Sache nicht. Wie
genau Technik auf Literatur wirkt, wird nie abstrakt geklärt, sondern immer konkret
erzählt. Die Essays scheinen wie aus einem großen Gedankenstrom
herausgeschnitten, sie sind anspielungsreich. Alles ist so weitläufig assoziativ, alles
hängt so sehr mit allem zusammen, dass man das Gefühl bekommt, es bräuchte einen

https://www.deutschlandfunk.de/geistesblitze-wie-aus-der-schnellfeuerwaffe.700.de.html?dram:article_id=265762 4/6
16.5.2020 Geistesblitze wie aus der Schnellfeuerwaffe (Archiv)
größeren Rahmen als nur einen Aufsatz, um solch ein Beschreibungsnetz
zusammenzuhalten.
Darum gibt es den sehr klugen Hinweis von Hans Ulrich Gumbrecht, am Ende jeder
„Denketappe“ Friedrich Kittler stehe ein Buch.

Im zweiten Teil „Kulturgeschichte als Mediengeschichte“ gibt es die beeindruckende


Interpretation von Novalis „Heinrich von Ofterdingen“, ein Schlüsseltext im Werk
Friedrich Kittlers, weil er davon ausgeht, dass Wahnsinn die Wahrheit einer Epoche
ausspricht, und wo steckt mehr Verrücktheit als in den literarischen Texten der
Romantik?

Dann Richard Wagner, Thomas Pynchon, die Rolling Stones, die Beatles, Jimi Hendrix
im Kittler-Klassiker: „Rock Musik – ein Missbrauch von Heeresgerät.“ usw. Das sind
zeitlose Texte. Manche sind einem fremd geworden, vor allem die im strengen Sinne
technischen Texte, man mag die anarchistische Kritik Kittlers an IBM oder Microsoft,
die den Programmiererzugriff auf die Basiscodes ihrer Computer und Programme
blockieren, Apple tut bis heute nichts anderes. Man liest vom „Signal-Rausch-
Abstand“, den Friedrich Kittler mathematisch ambitioniert einer illustren Runde von
Geisteswissenschaftlern vorgetragen hat, und wäre gerne dabei gewesen, um deren
Reaktionen zu sehen. Nachdem die Germanisten gerade Mediengeschichte gelernt
und zu schreiben begonnen hatten, provozierte Kittler mit Fourieranalyse und Claude
Shannons Informationsbestimmung.

Man wundert sich heute mehr als damals, dass er der technokratischen
Weißwäscherei des nationalsozialistischen Rüstungsministers Albert Speer nach dem
Krieg auf den Leim geht, der das 3. Reich als Technodiktatur beschreibt, in der nur
einer das Sagen habe, nämlich der da ganz oben und alle darunter, und damit auch
Speer, gar nichts.

Der dritte Teil heißt: Griechenland als seinsgeschichtlicher Ursprung. Kittler reiht sich
ein in eine deutsche Sehnsuchtstradition, in der die Deutschen als die besseren
Griechen gelten. Das Buch endet mit den elegischen, fast sentimentalen Texten zu den
alten Griechen, mit dem Gedanken, dass das erste Vokalalphabet, das griechische,
gleichursprünglich ist, mit Homers „Odyssee“ und dem Hexameter, in dem sie
geschrieben wurde, ja mehr noch, der sie zusammenhält. Poesie ist aller Technik
Anfang. Ob dieser Gedanke richtig ist, ist sehr kompliziert zu beweisen, er unterstellt
eine extreme Frühdatierung des Epos, aber er ist schön. Vielleicht war Friedrich Kittler
darum von ihm so begeistert.

Es sind wehmütige Texte, voller persönlicher Hinweise, eine noch entschiedenere


Hinwendung zu Martin Heidegger findet in ihnen statt, aber auch hier gilt, fast muss
man sein spätes „opus magnum“ lesen, die Teilbände von „Musik und Mathematik“, die
2006 und 2009 erschienen sind und beeindruckende, pulsierende, manchmal
aufgeregte, aber auch überwältigende Interpretationen von Homer über die
Vorsokratiker hin zu Aristoteles bieten. Ganz wahrer deutscher Professor ist es eine
Verfallsgeschichte, die Kittler erzählt. Der Historiker führt aus, was bei Martin
Heidegger philosophische Setzung war. Die Seinsvergessenheit, die Heidegger am
Werke sieht, verwandelt sich bei Kittler in die Diagnose der Liebesvergessenheit.

„Seit Sokrates wissen wir nicht mehr die Liebe, sondern lieben das Wissen.“

So sein Fazit. Und er schrieb sich zurück in die Zeiten der Liebe. Darin war er dann
doch ein Hippie. Vielleicht lag`s an John Coltrane, an Jimi Hendrix, an Pink Floyd, die
kleine Form, die Single sozusagen, ist nicht wirklich Kittlers Ding, er denkt mindestens

https://www.deutschlandfunk.de/geistesblitze-wie-aus-der-schnellfeuerwaffe.700.de.html?dram:article_id=265762 5/6
16.5.2020 Geistesblitze wie aus der Schnellfeuerwaffe (Archiv)
in LP Länge. Solch eine Einschränkung muss man bei diesem Band mit Aufsätzen,
also Singles, in Kauf nehmen.
Kittler ist längst zu einem Klassiker geworden, unvollendet. Sein geplantes Spätwerk
„Musik und Mathematik“ war auf mindestens vier Bände konzipiert. Aber sein Werk ist
auch gleichzeitig vollendet. Es ist von großer Einheitlichkeit. Es gibt keine Brüche,
allenfalls Tieferlegungen. Schon „Der Gott der Ohren“ aus dem Jahr 1982 hebt an:

„Die Griechen hatten einen Gott, der im Akustischen hauste. Wenn die Hirten träumten
und die Stille des Mittags sich überschlug, dröhnte plötzlich Pan in den Ohren.“

Und mit dem Auftakt in der griechischen, vorklassischen Antike sind die
geschichtlichen Ursprünge freigelegt. Kittler ist ein Diskursbegründer, oder – schöner –
ein Ursprungsdenker, weil er dem Denken ein neues Maß gesetzt hat. Nach Kittler ist
anders als vor Kittler. Was ihn mit Michel Foucault verbindet: Die Exorzisten des
Humanismus, diejenigen, die den Menschen im Singular von der Tagesordnung des
Denkens streichen wollten, haben ihm im Spätwerk im Plural eine Renaissance
beschert, der eine aus „Sorge um sich“, der andere aus Sorge um die Liebe. Die
letzten Worte gelten dem Ich, dem Du, und dem Wir, das sie gemeinsam sind. Das ist
bei Kittler kein Verrat an seinem Werk, sondern – ganz musikalisch – einfach eine
andere Klangfarbe.

Friedrich A. Kittler, Die Wahrheit der technischen Welt


Herausgegeben von Hans Ulrich Gumbrecht, Suhrkamp Verlag, 18 Euro

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