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2020 "Wir sind sowieso immer in Bewegung" (Archiv)

Freitag, 15.05.2020 Suchen


Startseite Aus Kultur- und Sozialwissenschaften „Wir sind sowieso immer in Bewegung“ 06.08.2009

„Wir sind sowieso immer in


Bewegung“
Der Begriff der Identität in Zeiten der Migration

Mehr als 100 internationale Wissenschaftler diskutierten bei der Kölner


Konferenz über Gilles Deleuzes und Felix Guattaris Konzept der Identität.
Gerade in Zeiten der Migration erlebt es eine Renaissance.

Von Kersten Knipp

Vor dem Hintergrund der Migration hat der Begriff „Identität“ eine besondere Bedeutung. (AP)

„Wer sind wir“, fragte der im Dezember letzten Jahres verstorbene Politologe Samuel
Huntington in einem seiner letzten Werke mit sorgenvoller Miene. Er sorgte sich um
den massiven Zuzug der Lateinamerikaner in die Vereinigten Staaten. Die, so fürchtete
er, würden die nordamerikanische Identität auf Dauer untergraben. Die Frage ist nur:
Was ist Identität? Deleuze und Guattari, so der Kölner Amerikanist Hanjo Beressem,
der Leiter der Konferenz, würden den Begriff sehr vorsichtig gebrauchen – weil ihnen
schon die Vorstellung einer absoluten, eindeutige definierten und feststehenden
Identität problematisch erscheine.

„Das Interessante bei Deleuze ist, dass er wirklich von Konzepten ausgeht, ein Grund
des Denkens und ein Grund des Lebens von einer Multiplizität und Diversität. Es geht
nicht darum, von einer Identität auszugehen, die man in irgendeinen kulturellen oder
ökologischen Kontext gibt, sondern wir selber sind schon Produkte, die aus einer
darunterliegenden Multiplizität und Diversität entstanden sind. Das heißt: politisch ist
Deleuze gerade unendlich anwendbar, denke ich, heutzutage, weil er nicht von einer
festgelegten Identität ausgeht. Deleuze und Guattari gehen davon aus, dass es ein
Natur-Kultur-Kontinuum gibt, das heißt, man müsste heute gerade auch im
Migrationsbereich den Begriff der Kultur öffnen zu anderen Kulturen hin. Das heißt, wir

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bestehen nicht nur aus menschlichen Kulturen, wir bestehen auch aus bakteriellen
Kulturen, aus verschiedenen Zusammenschlüssen und Auflösungen.“

Wer sind wir? Nicht zuletzt auch unsere Bakterien, auch wenn wir das so genau gar
nicht wissen wollen. Aber die Bakterien lehren uns eines: Migrationsphänomene
verlaufen unter der Hand, sind oft unsichtbar, verlaufen unbemerkt. Das gilt für
Kulturen und deren gegenseitige Beeinflussung, es gilt aber auch für reale
Wanderbewegungen; auch wenn die reichen Länder sich gegen die Migranten aus den
ärmeren, meist im Süden der Welt gelegenen Regionen, abzusondern versuchen. Ein
Projekt, das nun jene weltweiten Bewegungen anzuhalten versucht, die die
europäischen Länder seit der Entdeckung der beiden Amerikas und dem Zeitalter des
Kolonialismus ganz wesentlich mit angestoßen haben. Wird dieses Projekt Erfolg
haben? Deleuze und Guattari würden es bezweifeln, meint die an der Virgina
University lehrende Kulturwissenschaftlerin Janell Watson. Und zwar aus ganz
grundlegenden Erwägungen.

„Das Konzept der kulturellen Identität ist in den letzten Jahrzehnten vielfach kritisiert
worden. Denn es nimmt an, dass es fest definierte Kulturen gibt und jeder Mensch
einer davon angehöre. Wir wissen aber, dass das nicht stimmt. Vor allem, weil es
immer Migrationsphänomene gegeben hat, die jetzt, im Zeitalter der Globalisierung,
enorm angewachsen sind. Deleuze und Guattari nehmen diese Konzepte
menschlicher Beziehungen auf und entwickeln sie weiter in Richtung einer
überindividuellen Konzeption des Menschen. Sie gehen den migratorischen
Phänomenen des Menschen nach, den kulturellen Phänomenen zwischen Gruppen.
Diese Phänomene lösen sich auf, wandern zwischen den Gruppen hin und her,
verbinden und vernetzen sich neu, so dass immer etwas zerfällt und daraus etwas
Neues entsteht.“

Dasselbe Schicksal wie die Identitäten erleiden die Begriffe. ‚Die zivilisierte Welt‘ oder
auch ‚die zivilisierten Menschen‘: Das sind Vorstellungen, denen Deleuze und Guattari
nur bedingt, eigentlich aber überhaupt nicht vertrauen. Ihnen zufolge, so der in Cardiff
lehrende Literaturwissenschaftler Ian Buchanan, handelt es sich idealisierte
Selbstbeschreibungen vor einem historisch nicht unproblematischen Hintergrund.

„Wenn Deleuze und Guattari von ‚zivilisierten Menschen‘ sprechen, meinen sie das
ironisch. Denn ‚Zivilisation‘, so sehen sie es, bedeutet immer Kapitalismus. Sie
interessieren sich für die Frage, warum die Gesellschaft sich dafür entschieden hat,
kapitalistisch zu werden. Die ersten Regungen dazu finden sie in den sogenannten
primitiven Gesellschaften. Diese, schreiben Deleuze und Guattari, hätten gegen die
Idee des Staates einige Vorbehalte gehabt, da er die Freiheit des einzelnen
einschränke. Eine solche Vorstellung ist natürlich einigermaßen problematisch,
weshalb sie sie unter dem Zeichen der Ironie zitieren.“

Mehr als historisch korrekte Beschreibungen ist der Begriff vom „zivilisierten
Menschen“ Deleuze und Guattari zufolge ein politischer Begriff, der dazu dient, eine
bestimmte Weltsicht und ihr entspringende Verhaltens- und Wirtschaftsformen zu
legitimieren. Das Beispiel zeigt, wie sich Begriffe einsetzen lassen, um eine bestimmte
Ordnung zu zementieren. Viele Menschen sehnen sich nach einer festen Ordnung.
Und darum, so Hanjo Beressem, betreiben Deleuze und Guattari auch keine
leichtfertige Begriffskritik, wollen darum auch den Multikulturalismus nicht euphorisch
feiern.

„Dieses dynamische Agieren, glaube ich, ist, um Migration zu verstehen, und auch
positiv zu verstehen, nicht im Sinne von ‚Wir müssen uns jetzt bewegen‘, sondern ‚Wir

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sind sowieso immer in Bewegung‘. Und Kulturen sind nur Verlangsamungen von
Bewegungen, das heißt, die Bewegung kommt erst, Kulturen sind Verlangsamungen,
‚solidifications‘, also Verhärtungen von Bewegungen, die uns aber im Endeffekt
ausmachen. Und gerade die Migration erlaubt es natürlich, diese Verlangsamungen
wieder aufzubrechen, um wieder dynamischer zu werden. Und das in einem nicht
falsch verstandenem Affirmativen, dass man sagt, das ist ja toll, wenn man jetzt seine
Heimat verlassen muss – so geht es nicht, sondern es geht darum, wie kann ich
Heimaten irgendwo anders wieder mit anderen komplexen Zusammenhängen
aufbauen. Und wie finde ich mich in diesen anderen Heimaten, die wiederum nicht nur
kulturelle Heimaten sind, sondern Heimaten, die ökologisch gesehen auch Heimaten
sind.“

Die Skepsis, die Deleuze und Guattari auch ihrer eigenen Kritik gegenüber haben, ist
darin begründet, dass sie eben nicht sofort eingängig ist. Das zeigt gerade ihr
Identitätskonzept. Identität ist zwar in Bewegung, neigt aber zur Verharrung. Das zeigt
derzeit etwa das Problem gesellschaftlicher Minderheiten, die, ganz gleich welcher
Couleur, leicht zur Abgrenzung neigen; und eine bestimmte historisch Phase ihrer
Identität damit erstarren lassen. Dem, erläutert Janell Watson, setzen Deleuze und
Guattari eine ganz andere Vorstellung von Identitätspolitik entgegen.

„Deleuze und Guattari entwickeln die Vorstellung des Menschen im


Minderheitenstatus. Es kann sich um andere Minderheiten, etwa kulturelle oder
politische, handeln. Und diese Minderheiten tendieren immer dazu, geschlossene
Gesellschaften zu bilden, die in eigenen, oft relativ rigiden, Regeln leben. Und Deleuze
und Guattari hingegen ermutigen Minoritäten, das, was sie von der
Mehrheitsgesellschaft unterscheidet, aktiv anzunehmen und es als kreative Dynamik
einzusetzen und etwas Neues aus ihr zu entwickeln; etwas, das im Gegensatz zu den
Traditionen steht, zumindest aber zu deren allzu konservativen Strömungen. Auf diese
Weise können Minderheiten ein neues Verständnis ihrer selbst und damit ein neues
Verhältnis zur Mehrheit entwickeln.“

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