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16.5.2020 Soundcultures.

Über elektronische und digitale Musik (Archiv)

Freitag, 15.05.2020 Suchen


Startseite Büchermarkt Soundcultures. Über elektronische und digitale Musik 25.06.2003

Soundcultures. Über elektronische


und digitale Musik
Suhrkamp, EUR 12,-

Viele Bücher sind geschrieben worden über die elektronische Revolution, wie sie
von Fernsehen, Computer oder Internet ausgegangen ist. Bei all den
Veröffentlichungen über Neue Medien, Medientechnologie und -theorie ist das Feld
der Musik jedoch fast vollständig ausgespart worden. Diese Lücke will der von
Marcus S. Kleiner und Achim Szepanski herausgegebene Suhrkamp-Band
„Soundcultures“ nun endlich schließen. Man erfährt, was genau sich bei
elektronischer und digitaler Musik abspielt, wie sie produziert und rezipiert wird und
auf welche Weise sie an die Avantgarde des 20. Jahrhunderts anschließt. Dabei
wird die Musik in einen Dialog mit Theorieansätzen aus Philosophie, Informatik und
Musikwissenschaft gebracht – was auch solchen Lesern ein Verständnis der
Materie ermöglicht, die nicht unbedingt mit all den Künstlern, Projekten und CD-
Veröffentlichungen vertraut sind. Anspruch von <em> Soundcultures </em> ist
nicht weniger als die Vermittlung der Kultur der elektronischen Musik. Hilfreich ist
dabei auch eine beiliegende CD mit Hörbeispielen.

Olaf Karnik

Auch wenn im Vorwort eine vereinheitlichende Geschichtsschreibung klar verdammt


wird, so steht die spezielle Perspektive auf elektronische Musik seitens des
Mitherausgebers Achim Szepanski klar im Vordergrund. Szepanski ist Betreiber des
Frankfurter Elektronik-Labels Mille Plateaux . Benannt nach dem gleichnamigen
Hauptwerk der französischen Philosophen Gilles Deleuze und Felix Guattari, hat das
Label sich seit Mitte der 90er Jahre mit zahlreichen Veröffentlichungen zwischen
avanciertem Techno und experimenteller Elektronik einen Namen gemacht hat.
Zentrale Begriffe aus Deleuzes/Guattaris Theorie – etwa Rhizom, Ritornell,
Deterritorialisierung, Werden, organloser Körper – wurden bei Mille Plateaux immer
schon eng auf die musikalische Organisation von Tönen, Klängen und Geräuschen
bezogen. Das Selbstverständnis des Labels beruht geradezu darauf, die theoretischen
Prämissen von Deleuze und Guattari auf musikalische Weise zu realisieren.

Entsprechend umfangreich gestaltet sich auch die Bezugnahme auf Deleuze/Guattari


in Soundcultures . Viele Autoren lassen deren Theorie in ihre Texte einfließen, ob es
dabei um die Rezeption der Performance von Laptop-Musik geht oder um die Illusion
vom reinen Sound. Daneben gibt es auch eine medientheoretische Exploration mit
Marshall McLuhan oder den Versuch einer Kognitionstheorie der Musik. Souverän mit
Philosophiegeschichte und Kommunikationstheorie jonglierend, entwickelt der
Systemtheoretiker Dirk Baecker hier die These, dass elektronische Musik das Hören
selber hörbar werden lasse. Wo Baeckers Diskurs aber nur schillert, ist der brillante
Beitrag von Christoph Cox wirklich erhellend. Im Rückgriff auf Deleuze wird plausibel,
auf welche Weise Musik zu einem organlosen Körper wird:

Wir haben gesehen, dass die klassische Komposition, der Jazz Tune und der
Rocksong Körper sind, die sich aus feststehenden Schichten oder Organen (z.B.
Streichinstrumente / Blasinstrumente / Blechinstrumente / Schlaginstrumente; Vocals /
Gitarre / Bass / Drums) zusammen setzen, die den Klang einfangen und ihn für
bestimmte Funktionen – etwa Melodie/Harmonie/Rhythmus, Refrain, narrative
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Entwicklung – einspannen. Von außen durch ein prädeterminiertes, transzendentales
Schema (Partitur, Diagramm, Song) organisiert, bewegen sie sich im Einklang mit der
pulsierenden Zeit – der Zeit der Entwicklung, der Form, der Erzählung und des Refrain.
Experimentelle Elektronik löst den Klang von dieser Schicht und befreit ihn von der
pulsierenden Zeit. Der Klang erscheint in seiner eigentlichen Form: als ein sich frei
bewegender Strom, reine Möglichkeit, nicht länger oder noch nicht an musikalische
Formen oder Funktionen gebunden. An Stelle von Erzählungen, Melodien und Themen
hören wir die Klänge selbst. Wir hören akustische Kräfte, Affekte, Singularitäten und
Intensitäten, Strukturen, Klangfarben et cetera.

Dass die historische Musik-Avantgarde heute ganz im Universum von Mille Plateaux
aufgeht, darüber herrscht Konsens in Soundcultures . Edgard Varèse, John Cage, die
musique concrète , Karlheinz Stockhausen, amerikanische Computermusik, Noise,
Kraftwerk, Sampling, Scratching – all die musikalischen und technologischen
Revolutionen des 20. Jahrhunderts finden ihre Vollendung in der Produktionsweise und
Ästhetik elektronischer Musik, wie sie bei Mille Plateaux erscheint. Es wirkt tatsächlich
so, als hätten sich einzelne Autoren zur Veranschaulichung ihrer Thesen
ausschließlich im Katalog von Mille Plateaux bedienen dürfen. Insofern kommen rund
80 Prozent heutiger Elektronik-Produktionen gar nicht vor. Auch der Titel des Buches
ist irreführend, werden hier doch gerade nicht unterschiedliche Sound-Kulturen oder
audio-soziale Szenen präsentiert: von HipHop, Techno, Drum & Bass, Dancehall-
Reggae – alles Stile, die sich ebenfalls elektronischer oder digitaler Mittel bedienen –
ist kaum die Rede. Und leider ist schwarze Musik völlig unterrepräsentiert.

Es stellt sich schon ein leichtes Unbehagen ein, wenn mit den angeblich „vielfältigen
Einblicken in die Elektronik“ vor allem der Kosmos und die Unternehmens-Philosophie
von Mille Plateaux beleuchtet wird. Aber trotz der dubiosen Verschränkung von
Herausgeberschaft und Plattenfirmen-Interessen enthält Soundcultures einige
lesenswerte Texte. Michael Harenbergs Analyse virtueller Instrumente zwischen
Simulation und (De)Konstruktion zeigt, wie sehr digitale Musik-Produktion am
Computer immer noch auf Simulationsleistungen von analogen Verfahren und
Arbeitsprozessen beruht. Norbert Schläbitz zeichnet nach, wie sich die Musik der
Gegenwart umfassend dem Geräusch geöffnet hat. Für die Zukunft prognostiziert
Schläbitz eine ebenso kollektive wie anonyme Musik der Netze sowie die neue
Gattung der Medienkomposition. Und zum Glück findet sich in Soundcultures dann
doch noch ein Statement, das die Rezeption von Elektronika und Deleuze/Guattari mal
auf die aktuellen gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Verhältnisse
projiziert. Dabei wird dann deutlich, dass der Diskurs von Soundcultures eher am Ende
einer vielversprechenden Entwicklung steht, welche sich heute zweifelsohne im
Stadium der Ernüchterung befindet.

Nach dem kurzen Sommer, den Dotcoms und Internethype erlebt haben, gehören wohl
auch die goldenen Tage von Techno, Rave und Deleuze und Guattari der
Vergangenheit an. Was noch vor Jahren Ausnahme, aufregend und dissident war, ist
nun Normalfall und Mainstream. Aus Maschinen, die nur als gestörte gut funktionieren,
sind gut geölte geworden. In dem Maße, wie Stil, Jargon und Begriffssound von
Deleuze und Guattari chic geworden und zur Dolce & Gabbana der Theorie mutiert
sind, ist auch Techno dem machtvollen und schelllebigen Wechsel der Moden, Stile
und Trends unterlegen, der die postmoderne Interface-Kultur auszeichnet. (...) Und
heute trägt die Sozialutopie eines immanenten Werdens längst die Embleme des
Kapitals und der Macht, seitdem Beschleunigung, Umherschweifen und Out of Control
zum Markenzeichen des räuberischen Kapitalismus geworden sind, asymmetrische
Krieger sich in Netzwerken und Rhizomen organisieren und der Raum, das Territorium
und die Geopolitik die Zeit wieder erobert haben.

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