Sie sind auf Seite 1von 4

15.5.

2020 Skeptiker, nicht Bürgerschreck (Archiv)

Freitag, 15.05.2020 Suchen


Startseite Büchermarkt Skeptiker, nicht Bürgerschreck 25.06.2009

Skeptiker, nicht Bürgerschreck


Paul Veyne: Foucault – Der Philosoph als Samurai, Reclam

Der vor 25 Jahren verstorbene französische Philosoph Michel Foucault


wurde weniger mit seinen provokanten Thesen populär, dass es
Sexualität erst seit dem 18. Jahrhundert gibt, oder dass der Mensch erst
seit 200 Jahren existiert. Vielmehr reizte die aufgeklärten,
vernunftgläubigen und fortschrittsüberzeugten Zeitgenossen vor allem,
dass er Wahrheit und Macht nicht trennt, wie es in der Tradition weit
verbreitet ist. Foucault war ein Skandal und ist es vermutlich noch immer.

Von Hans-Martin Schönherr-Mann

Der Philosoph Michel Foucault

Was wollte Michel Foucault? Die Vernunft als Wahnsinn begreifen! Die Wahrheit als
Illusion entlarven! Und nebenbei verdirbt er noch die Jugend und lässt das Proletariat
im Stich – so die Vorwürfe, von denen sein Freund, der Althistoriker Paul Veyne in
seiner so persönlichen wie lebendigen Einführung in das Werk Foucaults berichtet, in
der auch dessen Leben pointenreich skizziert wird. Aber haben die Kritiker Foucaults
nicht recht, wenn Paul Veyne erzählt:

„Ich ging bei ihm ein und aus, egal, wer sonst noch zu den Gästen des Abends
gehörte, da mir Foucault den Titel des Homosexuellen honoris causa zuerkannt hatte,
nicht ohne einen leichten Vorwurf: ‚Ich verstehe nicht, wie ein so offener und gebildeter
Mann wie du Frauen den Vorzug geben kann.“

Und anstatt wenigstens die Utopie der Liebe in der christlichen Nächstenliebe bzw. in
der seelischen Liebe zu begreifen, propagiert er auch noch die Realisierung der Liebe
in den körperlichen Lüsten. So bemerkt er 1966 in einem Radiovortrag:

https://www.deutschlandfunk.de/skeptiker-nicht-buergerschreck.700.de.html?dram:article_id=84138 1/4
15.5.2020 Skeptiker, nicht Bürgerschreck (Archiv)

„Vielleicht sollte man auch sagen, in der Liebe spürt man, wie der Körper sich in sich
selbst schließt. Unter den Händen des Anderen existiert er endlich jenseits aller
Utopie, in seiner ganzen Dichte. Unter den Fingern des Anderen, die über den Körper
gleiten, beginnen alle unsichtbaren Teile des Körpers zu existieren. An den Lippen des
Anderen werden die eigenen Lippen spürbar.“

Und entschuldigt etwa Foucaults Popularität solche Infragestellung des sittlich oder
natürlich Gebotenen und Normalen? Zieht nicht der Skandal vielmehr jene Menschen
an, die ihr Vergnügen aus moralischen Schwächen ziehen, wenn Foucault die Liebe
auf die körperlichen Lüste konzentriert? So schreibt Paul Veyne über die Vorlesungen,
die Foucault am renommierten Collège de France hielt, an das er 1970 gerufen wurde:

„Die Vorlesungen Foucaults im Collège de France waren eine Massenattraktion, wie


seinerzeit die von Bergson. Der Hörsaal war überfüllt, die Leute saßen, standen,
manche lagen sogar. Vor dem Auditorium, zu Füßen des Rednerpults, hatte sich auf
dem Boden ein sehr schöner, schlanker und hochgewachsener junger Schauspieler
der Länge nach ausgestreckt und hob seinen Kopf, elegant auf die Hand gestützt, zum
Professor.“

Doch seine Popularität stützt sich auch nicht darauf, dass er sich aktiv politisch
beteiligt hätte, außer punktuell, wenn ihn eine Angelegenheit interessierte. Kein
Wunder, wenn die Linken ihre Probleme mit Foucault hatten. Der gut 20 Jahre ältere
Sartre war sein Intimfeind. Die Kommunistische Partei mochte keine Homosexuellen.
Und die Rechten hielten ihn für einen Linken. So schreibt Paul Veyne:

„Dieser angebliche Linke war weder Freudianer noch Marxist, weder Sozialist noch
Anhänger des Fortschritts, Dritte-Welt-Aktivist oder Heideggerianer, er war kein ‚linker
Nietzscheaner‘ (wie so mancher) und übrigens auch kein rechter, sondern er war der
Inaktuelle, der Unzeitgemäße seiner Zeit, um einen hier durchaus angebrachten
Begriff Nietzsches aufzugreifen. Aufgrund dessen war er Non-Konformist, was
ausreichend schien, um ihn zu den Linken zu rechnen.“

Damit stellt sich indes um so dringender die Frage, ob sich Foucault nicht im Stile
eines Bürgerschrecks schlicht einen Spaß daraus machte, alle ethischen Werte
aufzulassen, wenn er beispielsweise die körperliche Lust der seelischen Liebe
vorzieht, wenn er die Vernunft zum Wahnsinn und die Wahrheit zur Illusion erklärt.
Doch Paul Veyne nimmt ihn vor einigen gängigen Vorwürfen in Schutz:

„Foucault war ebenso wenig Nihilist wie Subjektivist, Relativist oder Historist. Nach
seinem eigenen Bekenntnis war er Skeptiker.“

Woran aber zweifelte Foucault? Müsste er daher nicht zunächst an sich selbst
zweifeln, genauso wie an Wahrheit, Vernunft oder der Nächstenliebe? Das könnte man
meinen, wenn er bekennt:

„Aber jeden Morgen dieselbe Erscheinung, dieselbe Verletzung. Vor meinen Augen
zeichnet sich unausweichlich das Bild ab, das der Spiegel mir aufzwingt: mageres
Gesicht, gebeugte Schultern, kurzsichtiger Blick, keine Haare mehr, wirklich nicht
schön. Und in dieser hässlichen Schale meines Kopfes, in diesem Käfig, den ich nicht
mag, muss ich mich nun zeigen. Durch dieses Gitter muss ich reden, blicken und mich
ansehen lassen. In dieser Haut muss ich dahinvegetieren. Mein Körper ist der Ort, von
dem es keine Entrinnen gibt, an den ich verdammt bin.“

https://www.deutschlandfunk.de/skeptiker-nicht-buergerschreck.700.de.html?dram:article_id=84138 2/4
15.5.2020 Skeptiker, nicht Bürgerschreck (Archiv)
Doch mit einer kritischen Betrachtung seiner selbst stellt er sich als Person gerade
nicht in Frage. Das mag als Skeptiker geboten scheinen. Foucault zweifelt indes nicht
an den einzelnen Menschen oder den konkreten Ereignissen, an den Details oder
Fakten, sondern – obwohl er gelernter Philosoph ist – an den großen Theorien, die
Mensch und Welt auf einen objektiven Begriff bringen wollen, die ein allgemeines
Wesen des Menschen oder eine allumfassenden Nächstenliebe propagieren.
Stattdessen kümmert er sich um das Detail. Wenn er in seinen Werken Wahnsinn,
Sexualität, Klinik oder Gefängnis analysiert, stützt er sich penibel auf historische
Quellen, Dokumente und Archivmaterial. Paul Veyne bringt Foucaults Credo auf
folgende treffende Formel:

„Friede den kleinen Fakten, Krieg den Allgemeinheiten.“

Eine allgemeine Wahrheit, eine universelle Vernunft, eine allumfassende


Nächstenliebe bleiben dem konkreten Leben der Menschen fremd, wollen es zumeist
nur prägen und steuern. Ihm gerecht zu werden, darum bemühen sie sich nicht. Darum
jedoch geht es Foucault, auch zum Preis, dass er damit auf massive Ablehnung stößt
und Skandale verursacht: ein Mensch, der die christlichen, die liberalen, die
sozialistischen Ideale gleichermaßen ablehnt und sich auch noch offen zu einer
alternativen Sexualität bekennt. Doch mit seinem Programm ‚zu den kleinen Fakten‘
steht er im Denken des 20. Jahrhunderts keinesfalls allein, sondern mitten im Trend
der Avantgarde, wiewohl seine Vorstellung von Wissenschaft dabei eine etwas
persönliche Suche nach wenig thematisierten Orten beinhalten:

„Die erwachsene Gesellschaft hat lange vor den Kindern ihre eigenen Gegenräume
erfunden, diese lokalisierten Orte, diese realen Orte jenseits aller Orte. Zum Beispiel
Gärten, Friedhöfe, Irrenanstalten, Bordelle, Gefängnisse, die Dörfer des Club
Méditerranée und viele andere. Ich träume nun von einer Wissenschaft – und ich sage
ausdrücklich Wissenschaft –, deren Gegenstand diese verschiedenen Räume wären,
diese anderen Orte, diese mythischen oder realen Negationen des Raumes, in dem
wir leben.“

Aber wenn man auf den großen Begriff verzichten will, der die Welt erklärt, stellt man
damit nicht auch die Geschichte in Frage? Arbeitet man damit nicht beispielsweise
Leugnern des Holocausts in die Hände? Verschwörungstheoretiker bezweifeln gerne
Zusammenhänge jedweder Art, z.B. den Holocaust als Erfindung der jüdischen
Weltverschwörung, wie sie überhaupt die Welt von trügerischen Mächten beherrscht
und manipuliert sehen – wie sich die Gnostiker, eine große religiöse Strömung in der
Spätantike, die Welt vorstellen. Dem hält Paul Veyne entgegen:

„Sechs Millionen ermordete Juden sind ein Faktum, und die Fakten sind störrisch,
sagte Foucault, als er nach den Verbrechen Stalins gefragt wurde. Man kann darüber
diskutieren, wie der Genozid zu interpretieren ist (universelle Banalität des Bösen?
Tragische Folge eines deutschen Sonderweges? Bürgerlicher und militärischer
Gehorsam gegenüber der Autorität, der sattsam bekannten Obrigkeit?) Doch das
Faktum des Völkermordes bleibt bestehen, Tag für Tag, und nur ein gnostischer
Diskurs könnte ihn bestreiten.“

Wenn Foucault die Wahrheit bezweifelt, so nur die allumfassende, die Welt insgesamt
erklärende Theorie, gerade nicht die Wahrheit der Tatsachen: Wer immer den ersten
Weltkrieg verursacht haben mag, darüber kann man streiten, nicht darüber dass
Deutschland Belgien überfiel. Die Wahrheit der kleinen Fakten bleibt indes für die
großen Ideen ein Skandal, weil sie sich daran regelmäßig vergeblich abarbeiten und
letztlich daran scheitern. Paul Veyne hat für das Skandalon Foucault eine etwas

https://www.deutschlandfunk.de/skeptiker-nicht-buergerschreck.700.de.html?dram:article_id=84138 3/4
15.5.2020 Skeptiker, nicht Bürgerschreck (Archiv)
andere Bezeichnung gewählt:

„Seine bissigen Bücher sind mit dem Schwert geschrieben, mit dem Säbel eines
Samurai, eines durch und durch nüchternen und grenzenlos kaltblütigen und
reservierten Mannes. Sie selbst sind Schwerter, deren Handhabung einen Leser
voraussetzt, der von sich aus den erforderlichen Lebensschwung besitzt.“

Paul Veyne: Foucault – Der Philosoph als Samurai (2008), Reclam, Stuttgart 2009,
218 Seiten

Deutschlandradio © 2009-2020

Deutschlandradio Datenschutz Nutzungsbedingungen Hilfe


Impressum Kontakt Presse Partner ARD ZDF Phoenix arte
Chronik der Mauer

https://www.deutschlandfunk.de/skeptiker-nicht-buergerschreck.700.de.html?dram:article_id=84138 4/4