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15.5.

2020 Festival in Avignon - Absage an abendländische Denktraditionen

Freitag, 15.05.2020 Suchen


Startseite Kultur heute Absage an abendländische Denktraditionen 14.07.2019

Festival in Avignon

Absage an abendländische
Denktraditionen
Avignon befasst sich in diesem Jahr mit der Geschichte Europas, dessen
Schicksal heute ungewisser ist als noch vor Jahren. Neben
Theatermachern stellen auch Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen
kritische Fragen. Interessant sind vor allem jene, die europäische
Denktraditionen verlassen.
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Von Eberhard Spreng in der Dlf Audiothek

Der Ehrenhof des Papstpalastes in der Altstadt von Avignon während einer Festival-
Veranstaltung (Christophe Raynaud De Lage / Festival d'Avignon)

MEHR ZUM THEMA


„L’histoire inquiete“, Die Geschichte beunruhigt. Das sagt der Historiker Patrick
Festival d'Avignon
Boucheron, der beim Festival in Avignon gleich viermal in einer Debattenreihe auftrat. [https://www.deutschlandfunk.de/festival-
Damit war aber nicht nur gemeint, dass die Phantome der Geschichte ihre Schatten d-avignon-trauma-therapie-
theater.691.de.html?
über das heutige Europa werfen: Diktatur, Barbarei, Neonationalismus, die in dram:article_id=453324] Trauma,
Therapie, Theater
verschiedenen Theaterarbeiten von um Europa besorgten Künstlern angesprochen
werden. Boucheron betont vielmehr, dass jede Generation von Historikern aus der Bilanz des Festival d'Avignon 2018
[https://www.deutschlandfunk.de/bilanz-
Geschichte neue Erkenntnisse gewinnen kann und dass deshalb auch das, was als
des-festival-d-avignon-2018-
gesichert hinter uns liegt, jederzeit neue beunruhigende Aspekte offenbaren kann. kopftheater.691.de.html?
dram:article_id=423542] Kopftheater,
Körpertheater

Frankreich
Europa muss eigene Geschichte neu erzählen [https://www.deutschlandfunk.de/frankreich-
weltgeschichte-in-
anekdoten.1310.de.html?
dram:article_id=382781] Weltgeschichte in
Anekdoten
Schnell zeigte sich, dass die Denkwerkstatt „Les Ateliers de la Pensée“ auch in
anderen Begegnungen über das mäßig interessante Gedankenniveau der bisherigen
Theateraufführungen hinaus kam. Die sind nämlich bislang bis auf eine Ausnahme
kaum mehr als eine Ansammlungen europäischer Archetypen, Daten und Ereignisse.
Dass Europa sich seine eigene Geschichte völlig neu erzählen muss, daran erinnert
eine Stimme von außerhalb, die des senegalesischen Philosophen Souleyman Bachir
Diagne.
https://www.deutschlandfunk.de/festival-in-avignon-absage-an-abendlaendische.691.de.html?dram:article_id=453853 1/3
15.5.2020 Festival in Avignon - Absage an abendländische Denktraditionen

„Europa glaubt gerne an seine universalistische Vormachtstellung: Oben der Himmel


der Ideen, der sich direkt auf Europa fokussiert. Deshalb ist es Zentrum aller
universalistischen Vorstellungswelten. Der Rest der Welt muss folgen. Diese Idee gibt
es seit dem 19. Jahrhundert. Seit Hegel und der Kolonialzeit. Und die Peripherie wurde
erst Teil der Weltgeschichte, als Europa seinen Blick auf sie richtete.“

Diagnes Aufforderung zur Dekolonisierung macht vor allem vor dem Hintergrund des
zentralen Programmfokus Sinn, den Avignon sich für dieses Jahr vorgenommen hat:
Die „Odyssee“, aber auch der „Aeneas“-Mythos, die „Orestie“ und das griechische
Erbe.

„Die Wissensvermittlung von Griechenland zum Rest Europas, früher nannte man sie
lateinisch „Translatio Studiorum“, erfolgte nicht auf direktem Wege: Nicht von Athen
nach Rom und dann nach Paris, Heidelberg oder London. Griechische Philosophie
wurde auch in Nishapur im Iran unterrichtet, kam von Bagdad nach Córdoba, Fez und
dann nach Timbuktu. Die Leute wissen nicht, dass die aristotelische Philosophie in
Timbuktu gelehrt wurde, lange bevor die Europäer Mali kolonisierten.“

Neue Aufmerksamkeit gegenüber der Natur

Die vielleicht radikalste Absage an abendländische Denktraditionen erteilte in der


Gesprächsreihe „Les Ateliers de la Pensée“ die Literaturtheoretikerin Marielle Macé.
Angesichts der ökologischen Katastrophen und dem wachsenden Gefühl, auf einem
vom Menschen beschädigten Planeten zu leben, antwortet sie auf die Frage, ob es
möglich sei, der entzauberten Welt den Zauber zurückzugeben.

„Derzeit erwacht das Interesse und die Leidenschaft für animistische Kosmologien
wieder, die uns verloren gegangen waren. Also die Vorstellung, dass eine Pflanze, ein
Tier so etwas wie eine Person ist und eine Seele hat. Ich sehe bei uns sogar einen
Neid gegenüber animistischen Völkern. Und plötzlich erscheinen Bücher, die die
Intelligenz der Bäume beschreiben, oder die des Wassers. Es gibt da etwas, das uns
zu einer neuen Aufmerksamkeit gegenüber der Natur aufruft.“

Dass die weit über Theaterdiskurse hinausgreifende Frage nach einem neuen
abendländische Animismus überhaupt in Avignon gestellt wird, hängt mit der Hoffnung
zusammen, die Dichter und die Poesie könnten in einer der Verzweiflung zutreibenden
Kultur neue optimistische Räume öffnen, auch fürs Theater. Und spätestens seit
Sophokles ist „le monde enchanté“, also die sich selbst besingende, sich selbst
beseelende Welt, die Domäne der Poeten. Und die haben ihre Sprache dereinst der
Natur und dem Gesang der Vögel abgelauscht. Rückkehr allenthalben.

Wissenschaftler eröffnen neue Denkräume

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15.5.2020 Festival in Avignon - Absage an abendländische Denktraditionen

Europas Zukunft liegt in einem radikal veränderten Blick auf Vergangenes und
Verlorenes. Orestie-Regisseur Jean-Pierre Vincent glaubt daher fest an die Rolle eines
Antikentheaters als Rettung in der Not.

„Die Geschichte ist hilfreich in Momenten der Gefahr und ich glaube, wir alle, die
Menschheit, ist derzeit in Gefahr. Deshalb ist wichtig, sich in Erinnerung zu rufen, auf
welchem Wege sich die Menschheit in einer vergangenen Epoche aus der Gefahr
befreit hat.“

Avignon will in diesem Jahr den Poeten das Wort erteilen, aber es sind vor allem die
Wissenschaftler, die dem europäischen Bewusstsein neue Räume öffnen.

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