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2020 Die Edelfedern: "Le Monde des livres" - Grande Nation der Literatur (Archiv)

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LESART / ARCHIV | Beitrag vom 29.08.2017 MEISTGELESEN MEISTGEHÖRT

1 TV-Ausstellung „Männerwelten“
Die Edelfedern: „Le Monde des livres“ Jokos und Klaas‘ Sendung zu

Grande Nation der Literatur Sexismus erntet Kritik

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Von Dirk Fuhrig Die unterschätzte Gefahr

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Gebäude der Zentralredaktion von „Le Monde“ (dpa / picture alliance / Ian Langsdon)

„Le Monde des livres“ – die Welt der Bücher, wörtlich übersetzt. Das ist die Jetzt kostenlos herunterladen
Literaturbeilage der Zeitung Le Monde. Wer in Frankreich als Autor etwas werden will,
muss dort vorkommen. Das Blatt ist eine Institution im Literaturbetreib – und
gefürchtet. Ein Redaktionsbesuch. LESART

Die Stimmung ist gut am Umbruchtisch. Es ist Mittwoch Vormittag. Die Seiten für die Ana Schnabl: „Grün wie ich dich liebe
nächste Ausgabe sind fertig. Die Groß-Kritikerinnen und Kritiker sind ausgelassen, grün“
freuen sich über winzige Ungenauigkeiten, die sie in letzter Minute entdeckt haben. Eine gerissene Inszenierung
Stimmt das Geburtsjahr? Sind das nicht zu viele Adjektive?
von Intitmität
Frankreichs Edelfedern beugen sich über die Bögen, die gerade zur inalen Kontrolle
gekommen sind.

Hier noch ein kleines Tipp-Fehler, da eine schiefe Metapher in einer Rezension… 

Jean Birnbaum hat das letzte Wort. Der Redaktionsleiter ist hoch zufrieden. „Le
Monde des livres“ kann endgültig in den Druck gehen.

„'Le Monde des livres‘ ist die älteste Beilage unserer Zeitung. Die Leser sind
unglaublich treu. ‚Le Monde‘ ist an sich ja schon eine Institution, aber für ‚Le Monde Ana Schnabl lässt in „Grün wie ich dich

des Livres‘ gilt das noch stärker. Sie ist Teil der Identität des gesamten Blatts. Wenn Sie liebe grün“ Menschen zu Wort kommen,
die sich jenseits der gesellschaftlichen
da etwas ändern, müssen sie das immer ganz genau erklären. Die Leser haben das
Norm bewegen. Alkoholiker und
Gefühl, man rührt da an etwas, das ihnen gehört.“
Depressive kehren in diesem ersten
Erzählband der slowenischen Autorin mit
Ein knappes Dutzend festangestellte Literatur-Redakteure, dazu etliche freie
größter Offenheit ihr Innerstes hervor.
Rezensenten und prominente Kolumnisten schreiben für diese Instanz im
Mehr
Literaturbetrieb. „Le Monde des livres“ ist seit Jahrzehnten das Zentralorgan fürs
kritische Urteil in Frankreich:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/die-edelfedern-le-monde-des-livres-grande-nation-der.1270.de.html?dram:article_id=394556 1/3
15.5.2020 Die Edelfedern: "Le Monde des livres" - Grande Nation der Literatur (Archiv)

Birnbaum: „In unserem Land ist alles extrem zentralisiert, ganz anders als in Christian Y.Seit 20:03 Uhr
Schmidt Konzert
: „Der kleine Herr
Deutschland. Auch das literarische Milieu konzentriert sich komplett in Paris. Und weil Tod“
Le Monde eben die wichtigste Zeitung ist, wird auch der Literaturteil natürlich Wenn der Tod im Urlaub ist
besonders stark beachtet – egal, ob es gut oder schlecht ist, was wir machen. Viele
Autoren wollen um jeden Preis in Le Monde de Livre auftauchen, und sei es nur mit
einem winzigen Artikel. Sie haben das Gefühl, wenn sie hier nicht vorkommen, dann
existieren sie einfach nicht.“

Die Spezialistin für französische Gegenwartsliteratur

Dafür dass Philosophie und Geschichte auf den Seiten der Literaturbeilage
gebührend vorkommen, dafür ist Nicolas Weill verantwortlich. Und übrigens auch für
Wie sieht das Leben nach dem Tod aus?
alles, was aus Deutschland kommt:
Damit setzte sich der Autor Christian Y.
Schmidt in einer Krise auseinander. Es
Nicolas Weill: „Ich mag zum Beispiel Juli Zeh. Ich war sehr interessiert an dem
entstand sein morbide-überdrehtes Buch
sogenannten Fräuleinwunder Anfang der 2000er Jahre – Judith Hermann.“
„Der kleine Herr Tod“ über einen Unterwelt-
Mitarbeiter im Burn-out. Ein Trostbuch,
In einer der letzten Ausgaben hat Nicolas Weill gerade eine große Würdigung über
sagt er.
einen Schriftsteller verfasst, der selbst in Deutschland erst seit kurzem wieder mehr
Mehr
gelesen wird.

Weill: „Zum Beispiel haben wir eine Ausgabe Peter Weiß gewidmet. Das trifft eine Stuart Hall: „Vertrauter Fremder“
Stimmung der Linken in Frankreich, das macht Peter Weiß aktuell. Ich denke da an La Ein Leben zwischen allen
France insoumise und an Mélenchon.“ Stühlen
Raphaëlle Leyris hat nicht viel Zeit. Sie ist für ein Interview verabredet. Sie ist bei „Le
Monde des livres“ die Spezialistin für französische Gegenwartsliteratur.

Raphaëlle Leyris: „Neben Michel Houellebecq – über den man sich natürlich streiten
kann, aber er ist ein wichtiger Autor – würde ich sagen: Emmanuel Carrère, Maylis de
Kerangal mit ihrem ziemlich spektakulären Werk, ihren sehr kühlen und zugleich sehr
menschlichen Texten. Ich bewundere sie sehr.“

Ein lobender Artikel von Raphaëlle Leyris kann Schriftsteller groß machen – oder
Die posthum erschienene Autobiogra ie
vernichten. Zum literarischen Saisonauftakt, der „Rentrée“ Anfang September, hat sie
des ein lussreichen Kulturwissenschaftlers
einen Artikel über die aktuellen Tendenzen der französischen Literatur geschrieben. Stuart Hall verknüpft wissenschaftlichen
Werdegang mit Persönlichem – und dem
Leyris: „Außerdem Marie Darrieussecq, die jetzt eine Art Science-Fiction-Roman großen Ganzen der Kolonialgeschichte des
herausbringt. Mathias Enard, Jérôme Ferrari mit seinen langen Sätzen und seinem 20. Jahrhunderts.
ganz besonderen Humor, Marie NDiaye … ich merke gerade, das sind fast alles Mehr
Goncourt-Preisträger – aber manchmal treffen sie eben die richtigen.“

Ganz hinten links in der Bücher-Redaktion residiert Florence Noiville. Ihr Name steht weitere Beiträge

unter vielen Artikeln über internationale Autoren:

BUCHKRITIK
Florence Noiville: „Ich kümmere mich um alles, was nicht auf Französisch geschrieben
ist – ein ganz weites Feld also. Hier auf meinen Schreibtisch sehen Sie gerade die
Briefe von Nabokov an Vera, die demnächst auf Französisch herauskommen. Natürlich Roberto Simanowski:
„Todesalgorithmus“
bin ich keine Expertin für jede Sprache auf der Welt – das wäre zu schön, aber
übermenschlich.“ Die Selbstentmachtung des
Menschen
Blick auf die Literatur hat sich gewandelt

Florence Noiville beobachtet auch die literarische Szene in Deutschland:

„Herta Müller habe ich interviewt. Und über dieses eine Porträt von ihr haben wir uns
schon häu ig amüsiert. Ich habe sie im Berliner Literaturhaus getroffen und sie hat mir
erzählt, sie wollte eigentlich nie Schriftstellerin werden, sondern Friseurin – das war
ein geniales Interview.“
Die Unantastbarkeit der Menschenwürde
Jean Birnbaum: „Früher hatten wir nur Rezensionen im Blatt. Man hat uns vorgeworfen, ist in Gefahr, wenn Künstliche Intelligenz
wir seien zu ‚grau‘. Das heißt, wir würden unsere Begeisterung und unsere wütende mit über Leben und Tod entscheiden soll.
Ablehnung in der Aufteilung der Seiten nicht genügend deutlich machen. Mittlerweile Bleibt nur: den Algorithmen gleich ganz
sind wir wesentlich ‚pluralistischer‘ geworden, abwechslungsreicher – sowohl im Ton die Macht zu übergeben – so die
als auch in den Formen.“ provoziernde Idee des
Medienwissenschaftlers Roberto
Jean Birnbaum, der als junger Journalist beim Radiosender France Culture begonnen Simanowski.
hat und seit 2011 Le Monde des livres“ leitet blättert durch die kürzlich erschienenen
https://www.deutschlandfunkkultur.de/die-edelfedern-le-monde-des-livres-grande-nation-der.1270.de.html?dram:article_id=394556 2/3
15.5.2020 Die Edelfedern: "Le Monde des livres" - Grande Nation der Literatur (Archiv)
hat und seit 2011 „Le Monde des livres leitet, blättert durch die kürzlich erschienenen
Mehr
Ausgaben: Seit 20:03 Uhr Konzert

„Hier haben Sie unseren Chronisten Chevillard, der oft ziemlich heftig auf ein Buch weitere Beiträge
eindrischt. Oder Patrick Boucheron, der neue Star der Intellektuellen in Frankreich, der
hat jetzt auch eine Kolumne bei uns. Genauso wie Roger Pol-Droit, unser Philosoph.“
SACHBUCHBESTENLISTE

Wie in anderen Medien auch, so hat sich der Blick auf die Literatur auch bei „Le
Monde des livres“ in der letzten Zeit stark gewandelt.

„Ein Lektor vom Verlag Gallimard hat mir einmal gesagt: Das Problem der „Monde des
livres“ ist, dass Ihr keine bestimmte Art von Literatur gegenüber einer anderen
verteidigt. Aber es gibt heutzutage dieses Frontstellungen nicht mehr. Wir haben
sicherlich einen bestimmten Geschmack, aber das hat doch nichts mit einer
literarischen Schule zu tun. Es ist total schwierig, Tendenzen zu beschreiben. Die
Vielfalt ist ungeheuer große. Vor allem die vielen Stimmen von Frauen.“
Die besten Sachbücher im Mai
Und diese Frauen emp iehlt der Chef von „Le Monde des livres“: Catherine Millet,
Christine Angot, Yasmina Reza, und Agnès Desarthe und die coole Virginie
Despentes.

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