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2020 Wenn Altbekanntes plötzlich neu tönt (Archiv)

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FAZIT / ARCHIV | Beitrag vom 08.11.2006 MEISTGELESEN MEISTGEHÖRT

Wenn Altbekanntes plötzlich neu tönt 1 Diagnose Sepsis


Die unterschätzte Gefahr
Der Komponist Bernhard Lang transformiert Wiederholungen
2 TV-Ausstellung „Männerwelten“
Jokos und Klaas‘ Sendung zu
Von Jörn Florian Fuchs
Sexismus erntet Kritik

Podcast abonnieren 3 Rachel Cusk: „Danach. Über


Ehe und Trennung“
Zum Teufel mit der Scheinheiligkeit

4 Unabhängigkeit der
Weltgesundheitsorganisation
Das Dilemma der WHO – (Dieser
Beitrag ist zwei Jahre alt.)

5 Rap und
Verschwörungstheorien
Sido driftet ab

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Der Österreicher Bernhard Lang versucht sich als Mittler zwischen der E- und U-
Musik. Sein Faible für postmoderne Theorien schlägt sich auch in seinem Werk
nieder: altbekanntes klingt neu und gleichzeitig altbacken, wenn Lang Versatzstücke KULTURPRESSESCHAU
ineinander schachtelt und durch den elektronischen Reißwolf jagt. Seine jetzt
aufgeführte Oper „I Hate Mozart“ eröffnet ungeahnte Klangräume. Aus den Feuilletons
40 Jahre „Löwenzahn“
Der gute alte Adorno hätte sich das wohl nicht träumen lassen – neue Musik
discotauglich, zum Abrocken oder gar Raven geeignet? Schlechterdings unmöglich!
Zu sperrig sind sie, die Klangwelten der neutönenden Zeitgenossen. Eben E-Musik,
anstrengend und nicht für jedermanns Ohren. Über Jahrzehnte hinweg blieb ein
unüberbrückbarer Graben zwischen dem Ernsten, Schweren und dem Leichteren,
Unterhaltsamen.

Mittlerweile gibt es aber eine ganze Reihe von Komponisten, die nicht nur eine Brücke
schlagen zwischen E und U, sondern denen es auch völlig egal ist, wie man ihre Musik
nun bezeichnet. Seit den späten 90er Jahren scheint es zudem einen Die „Süddeutsche Zeitung“ gratuliert der
Paradigmenwechsel zu geben, die E-Musik-Szene öffnet sich mehr und mehr für Sendung „Löwenzahn“ zum 40. Natürlich
Elemente des Jazz, Pop oder sogar für beatlastige Technomusik. nicht, ohne an den leider schon
verstorbenen Peter Lustig zu erinnern, der
Einer der äußerst unbekümmerten Verbinder von E und U ist der 1957 geborene die Sendung bis heute prägt.
Österreicher Bernhard Lang. Bernhard Lang kommt ursprünglich vom Jazz, studierte Mehr
in den Achtzigern jedoch von Grund auf Musikwissenschaft und Komposition bei
einschlägigen Lehrern: Gösta Neuwirth und Georg Friedrich Haas. Lang vertiefte sich
weitere Beiträge
allerdings auch in philosophische Schriften und verschlang die postmodernen
Konvolute von Gilles Deleuze, Felix Guattari oder Jacques Derrida.
DER THEATERPODCAST
Inspiriert durch die Dekonstruktion und das Denken in schleifenförmigen Zirkeln,
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16.5.2020 Wenn Altbekanntes plötzlich neu tönt (Archiv)
begann Lang einen umfangreichen Werkzyklus mit dem Titel Differenz und
Wiederholung. Das Kompositionsprinzip ist dabei bestechend einfach und zugleich Folge 25 Seit 18:05 Uhr Feature
doch komplex. Einzelne Klang iguren, teilweise entliehen aus aktueller Popmusik oder Zurück aus dem Netz: Theater
klassischem Jazz werden gegeneinander verschoben, wiederholt, unter Corona-Au lagen
übereinandergestapelt und immer wieder durch einen elektronischen Reißwolf
gejagt, sprich versampelt. Das Altbekannte tönt so ganz neu und das Neue wirkt zwar
neu, aber irgendwie auch – ein wenig – altbekannt.

Rund 20 Stücke sind im Rahmen von Differenz und Wiederholung mittlerweile


entstanden, besetzungstechnisch ist alles dabei, vom Soloinstrument über das
elektroakustisch verstärkte Kammerensemble bis zum gewaltig wummernden
Orchestersound reicht das Spektrum.

Inspiriert von Deleuze/Guattaris Theorie des Rhizoms, überführt Bernhard Lang In einigen Bundesländern dürfen die
einzelne Klänge gleichsam assoziativ in neue Zustände, fasst sie zu Blöcken Theater wieder öffnen – unter strengsten
zusammen oder hebt einzelne Instrumentalstimmen heraus und lässt sie solistisch Au lagen. Wie kann das aussehen: Live-
Theater unter Corona-Bedingungen?
agieren. Das Wiederholen größerer blockhafter Klangereignisse kontrastiert er dabei
Darüber sprechen wir mit der
häu ig mit einer Solostimme, die sich – manchmal verzweifelt – Gehör verschaffen
Theaterkritikerin Cornelia Fiedler und dem
will.
Schauspieler Martin Wuttke.
Mehr
In seiner ersten Oper, dem Theater der Wiederholungen, verwendete Lang unter
anderem Protokolle der Nürnberger Prozesse, Texte von Marquis de Sade und William
S. Burroughs. Die textlichen und musikalischen Wiederholungsschleifen führen dabei Folge 24
zu einer reichlich klaustrophobischen Atmosphäre. Produktivitätsdruck in der
Krise? Theater im
Im Theater der Wiederholungen sind die Akteure gefangen in einem Ge lecht aus hyperaktiven Stillstand
Texten, Tönen und Gesten.

Bernhard Lang geht es vor allem um das Aufzeigen der zerstörerischen Kraft des
Alten, Überkommenen und Wiederholten. Gemeint sind damit sowohl politische
Ideologien als auch klassische Texte oder Kunstwerke. Gegen den
Wiederholungszwang des Alten setzt Lang die Hoffnung auf das Neue, das sich aus
dem Alten entwickelt:

„Gleichzeitig steht dem gegenüber die entwickelnde Wiederholung, dass sich


wirklich Zyklen in Hinsicht eines au klärerischen Fortschritts entwickeln. Also dass Die Theater sind geschlossen. Zum
Wiederholungen quasi transformiert werden, dass man zurückgreift auf ältere Stillstand gekommen sind sie nicht:
Modelle, die man transformiert im Sinne eines Fortschritts.“ Produziert wird jetzt fürs Internet, so
hektisch wie zuvor für die Bühne. Nur:
Lang versucht einen neuen Hörblick auf das ständig wiederholte Alte zu gewinnen, Setzen die Theater digital fort, worüber sie
indem er es in einen neuen Rahmen, in andere Kontexte stellt und so einen Weg vom schon vor Corona klagten?
Alten hin zum produktiv Neuen aufzeigt. Es geht also letztlich um Kritik und um Mehr
Au klärung:
weitere Beiträge
„Letztendlich ist die Beschäftigung mit der Wiederholung eigentlich bei mir
dekonstruktivistische Methode – es ist eine Form der Kritik.“

In „I hate Mozart“ geht es Lang um die Frage, was man im Mozartjahr aus Mozart
machen kann und soll, wie man die ständige Wiederaufführung seiner Werke
produktiv kommentiert. „I hate Mozart“ ist ein bissiger Kommentar zum Kulturbetrieb
und zur medialen Ausschlachtung des Jubilars; der Zuschauer erlebt die Proben zur
Aufführung einer neuen Mozart-Oper, mit Verwicklungen, Affären und der Angst vor
dem ersten Auftritt. Librettist und Regisseur Michael Sturminger stellt ein
umfangreiches Personal auf die Bühne, Sängerinnen und Sänger, ein Dirigent,
Kritiker, Agenten einer Künstleragentur und das Publikum spielen mit- und
gegeneinander.

Das musikalische Material stammt zum Teil aus Mozart-Opern, es sind Arien, die Lang
durch einen Loop-Generator jagt. Die elektronisch versampelten Mozart-Arien
eröffnen einen manchmal verstörenden, manchmal geradezu betörenden Klangraum,
Mozart wie aus einer geisterhaften Ferne ...

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