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60 Originalarbeit

Selektive Nerventransfers zur verbesserten


Steuerung myoelektrischer Armprothesen
Selective Nerve Transfers to Improve the Control of Myoelectrical
Arm Prostheses

Autoren O. C. Aszmann 1, H. Dietl 2, M. Frey 1

1
Institute Abteilung für Plastische und Rekonstruktive Chirurgie, Medizinische Universität Wien, Österreich
2
Forschungs- und Entwicklungsabteilung, Otto Bock Healthcare Products, Wien, Österreich

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Schlüsselwörter Zusammenfassung Abstract
" selektive Nerventransfers
l ! !
" myoelektrische Arm-
l Die Bewegung myoelektrischer Armprothesen To date, the movement of myoelectrical arm
prothesen
" Steuerungsmechanismen
erfolgt bis dato über 2 transkutane Elektroden, prostheses proceeds via two transcutaneous
l
welche über zwei getrennt innervierte Muskel- electrodes that are controlled by two separately
Key words gruppen angesteuert werden. Die verschiedenen innervated muscle groups. The various control
" selective nerve transfers
l Steuerungsebenen werden durch Kokontraktio- levels are chosen by co-contractions of these
" myoelectric arm prosthetics
l nen dieser Muskeln angewählt und in der jewei- muscles and the respective level is linearly con-
" control mechanisms
l
ligen Ebene mit denselben Muskeln linear ge- trolled by the same muscles. A harmonious
steuert. Ein harmonischer, dem natürlichen Be- course of movement as in the corresponding nat-
wegungsmuster entsprechender Bewegungsab- ural pattern of motion is not possible in this way.
lauf ist mit diesem Steuerungsmechanismus An appreciable improvement would be given by
nicht möglich. Eine wesentliche Verbesserung the control of the individual movement levels by
wäre eine Ansteuerung der einzelnen Bewe- signals that correspond neuronally with the nat-
gungsebenen mit Signalen, welche neuronal mit ural pattern of motion. Just recently, prostheses
dem natürlichen Bewegungsablauf übereinstim- with six control levels have been realised techni-
men. Technisch sind Prothesen mit 6 Steuerungs- cally. The objective is to separate the major arm
ebenen seit Kurzem realisiert. Ziel ist es, die we- nerves, such as the musculocutaneous nerve,
sentlichen Armnerven wie N. musculocutaneus, radial nerve, median nerve and ulnar nerve, from
N. radialis, N. medianus und N. ulnaris aus dem the proximal arm nerve plexus and to transfer
proximalen Armnervengeflecht herauszulösen them to the residual nerve branches of mus-
und an verbliebene Nervenäste von stammnahen cles near the stem in order to create meaningful
Muskeln zu transferieren, um so sinnvolle neuro- neuromuscular units that can serve as impulse
muskuläre Einheiten zu schaffen, die als Impuls- sources for myoelectrical prosthesis. As target
geber für eine myoelektrische Prothese dienen muscles, above all, one can consider the major/
können. Als Zielmuskeln würden sich hier vor al- minor pectoral muscles or, respectively, the latis-
eingereicht 2. 4. 2007
lem der M. pectoralis major/minor beziehungs- simus muscle. According to the activity of the
akzeptiert 10. 9. 2007
weise M. latissimus dorsi anbieten. Diese Mus- donor nerves, these muscles would contract and
Bibliografie keln würden schließlich entsprechend der Akti- control the prosthesis via transcutaneous elec-
DOI 10.1055/s-2007-989415 vität der Spendernerven anspannen und über trode. In this way, a harmonious control corre-
Handchir Mikrochir Plast Chir
transkutane Elektroden die Prothese steuern. sponding intuitively to the natural pattern of
2008; 40: 60 – 65 © Georg
Thieme Verlag KG Stuttgart • Auf diese Weise ist eine harmonische, intuitive movement would be possible without the neces-
New York • ISSN 0722-1819 dem natürlichen Bewegungsmuster entspre- sity for the patient to continuously switch be-
chende Steuerung gewährleistet, ohne dass der tween the various control levels. Prerequisites
Korrespondenzadresse
Univ.-Prof. Dr. med. Patient ständig zwischen den verschiedenen for this are intact proximal muscle groups and
Oskar C. Aszmann Steuerungsebenen wechseln muss. Vorausset- a more or less intact arm nerve plexus with
Abteilung für Plastische und zung sind intakte proximale Muskelgruppen und the possibility to isolate donor nerves according
Wiederherstellende Chirurgie
Medizinische Universität Wien weitgehend intaktes proximales Armnerven- to the topographic-anatomic situation. For this
Währinger Gürtel 18 – 20 geflecht mit der Möglichkeit, Spendernerven ent- reason, a preoperative MRI examination, a high
1090 Wien sprechend topografisch-anatomisch isolieren zu resolution sonographic study and balancing NLG
Österreich
oskar.aszmann@ können. Diesbezüglich ist eine präoperative MRT- and EMG of the residual nerve plexus are neces-
meduniwien.ac.at Untersuchung, hochauflösender Ultraschall und sary. For the preoperative planning phase as well

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bilanzierende NLG und EMG des verbliebenen Armnervenge- as for the postoperative follow-up, a detailed procedure has
flechtes notwendig. In der präoperativen Planungsphase als auch been established, in cooperation with the innovation depart-
in der postoperativen Verlaufskontrolle ist gemeinsam mit der ment of the Otto Bock company, to create the most meaningful
Innovationsabteilung der Fa. Otto Bock ein detailliertes Proze- switch levels, to optimise electrode placement as well as to clar-
dere ausgearbeitet worden, um möglichst sinnvolle Schaltebenen ify prosthesis incorporation. Finally, a complex rehabilitation
zu schaffen, die Elektrodenpositionierung zu optimieren und programme is necessary for the patient to achieve an optimal
auch die Prothesenanbindung zu klären. Schließlich ist ein kom- result.
plexes Rehabilitationsprogramm notwendig, um dem Patienten
ein optimales Ergebnis zu ermöglichen.

Einleitung unter größtmöglicher Konzentration (da nicht intuitiv) einsetz-


! bar ist. Ziel des vorgestellten Projektes ist es, den Patienten
Myoelektrische Prothesen der jetzigen Generation werden meist durch selektive Nerventransfers [3] mit biologischen Impuls-
über zwei transkutane Elektroden verbliebener Muskelstümpfe gebern auszustatten, welche ihm eine harmonische intuitive
angesteuert. Bei Patienten mit transhumeralen Stümpfen wer- Steuerung einer myoelektrischen Prothese ermöglichen und da-
den der M. bizeps und trizeps, bei glenohumeralen Stümpfen mit die Akzeptanz und Effektivität der angebotenen Technik zu
wird meist der M. pectoralis major und der M. latissimus dorsi erhöhen.
verwendet. Mit diesen beiden Impulsgebern kann der Patient
sowohl die Steuerungsebene wechseln (Beugung und Streckung

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im Ellenbogen auf Pro-, Supination, auf Öffnen und Schließen Patient und Methode
der Hand), als auch in jeder Ebene die jeweilige Funktion mit !
denselben Muskeln bedienen. Die Schwierigkeit ist natürlich, Ein 18-jähriger Jugendlicher hat im Oktober 2005 bei einer
dass ein und dieselbe „Bewegung“ mit verschiedenen Funk- Stromverbrennung beide Arme verloren. Links musste der Arm
tionen der Prothese belegt ist und somit für den Patienten nur im glenohumeralen Gelenk abgesetzt werden, rechts konnte

Abb. 1 a bis d Akute Amputationsbilder. a Amputation rechter Arm. b Amputation linker Arm. c Stumpf rechter Arm. d Latissimus-Lappendeckung
rechter Arm.

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Abb. 2 a und b Stumpf linker Arm frontal (a)


und seitlich (b).

Tab. 1 Nerventransfermatrix für Patient C. K.

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Quellennerv Zielnerv Resultat (3 Monate postoperativ) Zielsignal
N. musculocutaneous N. pectoralis beginnende Kontraktion Ellenbogenflexion
Pars clavicularis
N. medianus N. pectoralis gut Pronation, Handgelenkflexion
laterale Zinke Pars sternocostalis
N. medianus N. pectoralis gut Fingerflexion
mediale Zinke Pars sternocostalis
N. ulnaris N. pectoralis minor sehr gut Intrinsic Function
Faustschluss
N. radialis N. thoracodorsalis noch keine Kontraktion sichtbar Handgelenk-Finger-Extension
Truncus medius C7 N. supraclavicularis Sensibilität für Daumen und Indexfinger, sensible Rückmeldung für Greiffunktion
Faust und Handfläche getrennt identifizierbar

transhumeral amputiert und ein großer axillo-humeraler Weich- Am Tag vor der Operation wurde gemeinsam mit dem Team der
teildefekt mit einem ipsilateralen myokutanen Latissimus dorsi- Entwicklungsabteilung der Fa. Otto Bock eine Nerventransfer-
Lappen gedeckt werden (l " Abb. 1 a bis d). Nach abgeschlossener matrix erstellt, um ein möglichst sinnvolles Muster zur Prothe-
Wundheilung wurde der Patient am rechten Arm mit einer klas- sensteuerung zu gewährleisten (l " Tab. 1).

sischen zwei Elektroden myoelektrischen Prothese, links mit


einer starren Schulter/Arm-Prothese ausgestattet. Chirurgische Technik
Nach entsprechender Abklärung der anatomischen Gegebenhei- Das Ziel der chirurgischen Intervention war es, die großen Ner-
ten und Vorstellung des Patienten an der Entwicklungsabteilung ven des Armnervengeflechtes aus dem verbliebenen Stumpf
der Fa. Otto Bock wurde ein Plan entwickelt, um dem Patienten herauszulösen und an vorhandene neuromuskuläre Einheiten
am linken (glenohumeral) Schulterstumpf eine durch selektive anzuschließen und möglichst topografisch voneinander zu tren-
Nerventransfers gesteuerte Prothese anbieten zu können. nen, um die Signalqualität zu optimieren. Zu diesem Zweck wur-
Das Armnervengeflecht wurde im Rahmen des Débridements de auch die diesen Muskeln überlagerte Haut radikal entfettet.
knapp distal des M. pectoralis minor abgesetzt und ein dorsaler Die Operation erfolgte in Beachchair-Lagerung mit leicht nach
Hautlappen zur Deckung des Stumpfes verwendet (l " Abb. 2 a rechts gelagertem Kopf. Die Exploration des supraklavikulären
und b). Infraklavikulär fand sich ein exquisites Tinel-Hoffmann- Plexus erfolgte über eine quere Inzision in einer der Halsfalten
Zeichen, welches der Patient unterschiedlichen Regionen des etwa zwei Querfinger über der Klavikula. Neben Prüfung der
Armes und der Hand zuordnen konnte. Zur weiteren Abklärung Intaktheit des Plexus wurde einer der Nn. supraclaviculares am
der regionalen Verhältnisse wurde ein hochauflösender Ultra- Punctum nervosum durchtrennt und an die Wurzel C7 über eine
schall der Plexusanteile durchgeführt. Dieser zeigte gute faszi- End-zu-Seit-Naht koaptiert um eine Hautoberfläche zu gewin-
kuläre Struktur des gesamten Armnervengeflechtes bis knapp nen, die dem Patienten in Zukunft eine sensible Kontaktmög-
zur Amputationsstelle. Dort ließ sich jeweils ein Amputations- lichkeit mit seiner „Hand“ ermöglicht (l" Abb. 3).

neurom darstellen. Die durchgeführte Elektrodiagnostik zeigte Die infraklavikuläre Exploration erfolgte über die schon vorhan-
gute Potenziale für die proximalen Nervenäste (N. axillaris, Nn. dene ventrale Narbe seines Schulterstumpfes. Nach entspre-
pectorales, N. suprascapularis), womit ein proximaler Schaden chender Neurolyse des infraklavikulären Plexus aus der Stumpf-
des Armnervengeflechtes weitgehend ausgeschlossen werden narbe wurden die einzelnen Stammnerven entlang der Media-
konnte. Auch die MRT offenbarte regelrechte anatomische Ver- nuszinke identifiziert. Auf diese Weise konnten der N. radialis,
hältnisse, insbesondere zeigte sich kein Hinweis auf Wurzelaus- N. ulnaris, N. medianus (mit seinen beiden Teilen aus dem Fasci-
riss oder Fibrosierung der noch verbliebenen infraklavikulären culus lateralis und medialis) und N. musculocutaneus sicher-
Plexusanteile. gestellt werden. In der Folge wurden die segmentalen Nervi

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Abb. 4 Darstellung der Anschlussnerven der Nn. pectorales.

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Abb. 3 End-zu-Seit-Nervenkoaptation N. supraclavicularis ad Wurzel C7.

pectorales dargestellt und angeschlungen [2]. Es wurden insge-


samt 6 Nervenäste isoliert. Zwei Äste für die Pars clavicularis,
drei für die Pars sternocostalis und einer für die Pars abdomina-
lis/pectoralis minor (l" Abb. 4). Zuletzt wurde noch der N. thora-

codorsalis und axillaris dargestellt.


Entsprechend der präoperativ erarbeiteten Nerventransfermat-
rix wurden nun foglende Nerventransfers durchgeführt: N. mus- N. ulnaris
M. pect. major
culocutaneus ad Pars clavicularis, N. medianus ad Pars sterno- Pars clavicularis
costalis, N. ulnaris ad M. pectoralis minor/Pars abdominalis und Pect. minor
N. musculo-
N. radialis ad N. thoracodorsalis. Diese Nerventransfers wurden cutaneus
durchwegs als End-zu-End-Nervenkoaptationen unter dem OP- N. medianus
Mikroskop durchgeführt (l " Abb. 5 a und b).
N. radialis
M. pect. major
Um eine größtmögliche Trennung der Muskelsignale zu errei-
Pars sternocostalis Latissimus dorsi
chen, wurde die Pars clavicularis in Richtung Klavikula mobili-
siert und der M. pectoralis minor, gestielt an einem Ast der A.
thoracoacromialis, in Richtung Axilla verlagert (l " Abb. 6). Zu- b
letzt wurde die Haut über dem Pectoralis major/minor und über
Abb. 5 a und b a Intraoperative Darstellung der verlagerten Nerven.
dem M. latissimus dorsi radikal entfettet, um die Signalqualität b Halbschematische Darstellung der operativen Details.
zu verbessern [4] (l " Abb. 7).

Resultate lenprofil im Detail zu erfassen (l


" Abb. 8 a). Im 6-Wochen-Ab-

! stand wurde der Patient sowohl von uns als auch von der Fa. Otto
Postoperativer Verlauf Bock begutachtet, um mit der Vorbereitung auf die Prothesen-
Wie erwartet konnte der Patient postoperativ den M. latissimus ansteuerung und Anpassung beginnen zu können.
dorsi und M. pectoralis major nicht mehr ansteuern. Ebenso war Bei der 3-Monate-Nachuntersuchung konnten bei dem Patien-
der Bereich über dem Trigonum colli laterale bis über der Acro- ten eindeutige Muskelkontraktionen im Bereich des M. pectora-
mion hinaus asensibel. Dieses Areal wurde mithilfe des PSSD lis minor et major festgestellt werden, welche der Patient mit
(Pressure Specified Sensory Device) 10 Tage postoperativ genau unterschiedlichen Intentionen ansteuern konnte. Diese konnten
ausgemessen und Isobaren erstellt, um auch das Druckschwel- auch im EMG dargestellt werden. Kontraktionen im Bereich des

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Abb. 6 Verlagerung des M. pectoralis minor zur Verminderung der Abb. 7 Regionale subkutane Entfettung zur Verbesserung der Signal-
Signalüberlagerung. qualität.

M. latissimus dorsi waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest-


Abb. 8 a bis c

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stellbar.
a, b Sensibles Defizit
Die Sensibilität im Bereich des Trigonum colli laterale zeigte nach Neurotomie des
deutliche Regeneration, wobei der Patient in unterschiedlichen N. supraclavicularis lat.
Hautbereichen eindeutige Areale seiner Hand wiederfinden Die Region wurde mit
konnte, wenn auch noch die Qualität der Sensibilität deutlich dem Pressure Specified
vermindert ist (l
" Abb. 8 b). Sensory Device (PSSD)
mittels Isobaren genau
quantifiziert. c Defi-
Rehabilitation nierte Bereiche der
Sechs Wochen postoperativ wurde mit der speziellen Physiothe- spezifischen Reinnerva-
rapie begonnen. Diese wird vor Ort mit einer eigens dafür einge- tion für Finger, Hand,
schulten Physiotherapeutin durchgeführt. Ziel dieser Therapie Faust und Daumen.
sind zum jetzigen Zeitpunkt Förderung der allgemeinen Fitness
und Ausdauer, Schulung der Bewegungsökonomie, Rumpf- und
Gangtraining. Letztlich wurde eine spezielle Wirbelsäulengym-
nastik zur Wahrnehmung, Aufrichtung und Symmetrierung der
Wirbelsäule begonnen, die schließlich auch für das Tragen der
Prothese wesentliche Voraussetzungen sind.

Signalbearbeitung
Die Signalbearbeitung verfolgt zunächst zwei Ziele: Einerseits
um den Verlauf und die Qualität der neu etablierten Biosignale
dokumentieren und einordnen zu können, andererseits um
dem Patienten ein Biofeedback zu ermöglichen und neu gewon-
nene Funktionen zu stärken und zu trainieren. Die Ableitung der
Biosignale erfolgt einerseits über konventionelle 3-polige Stan-
dardelektroden beziehungsweise über 18-polige Arrayelektro-
den. Diese Art der Signalverarbeitung hat das Ziel, über Impuls-
muster bestimmte Bewegungsabläufe zu definieren und in die
Steuerung zu integrieren. In den nächsten Wochen wird mittels 2
/mm 2
einer eigens dafür entwickelten Software ein Biofeedbackpro- 40 gm
/mm
20 gm m2
tokoll erarbeitet, welches es dem Patienten ermöglicht, mit den 5 gm
/m 2
/mm
1 gm
von ihm generierten Signalen einen virtuellen Arm anzusteuern.
c

Prothesenanpassung und Entwicklung


Die wesentlichen Herausforderungen an die Prothetik sind ei-
nerseits eine körpergerechte, im täglichen Leben tragbare Pass- insbesondere genügend Freiheitsgrade bietet, um die gewonne-
form, welche andererseits auch genügend Stabilität und Sicher- nen Impulse auch entsprechend verarbeiten zu können (Außen-/
heit der Signalübertragung gewährleisten soll. Das Gewicht der Innenrotation, Ellenbeugung/Streckung, Pro-/Supination, Hand-
Prothese konnte durch Minimierung der einzelnen Komponen- öffnen/Schließen).
ten auf etwa 2,5 kg reduziert werden. Die Fa. Otto Bock hat in
den letzten Jahren eine Mehrkomponenten-Prothese entwickelt,
welche den Anforderungen dieses Patienten gerecht wird und

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Diskussion definieren, die Bereiche der Hand abbilden. So zum Beispiel


! spürt der Patient den Daumen, den Zeigefinger und den Mittel-
Die technische Entwicklung der letzten Jahre hat auf dem Gebiet finger im Bereich des Trapeziusvorderrandes [2]. Die Faust spürt
der Servotechnik, Kraftübertragung, Energieversorgung und Im- er knapp oberhalb der Klavikula und die Handfläche etwa am
pulsintegration gewaltige Fortschritte gemacht. Heute sind Pro- Hinterrand des M. sternocleidomastoideus. Dies mag für den jet-
thesen mit mehr als sieben Freiheitsgraden technisch realisier- zigen Stand der Technik noch eine Herausforderung sein, jedoch
bar und von Größe und Gewicht durchaus für den täglichen haben wir dem Patienten zumindest die biologischen Vorausset-
Gebrauch denkbar. Jedoch ist die Akzeptanz von myoelektri- zungen geschaffen, um eine sensible Rückmeldung seiner Pro-
schen Prothesen nach wie vor relativ niedrig. Die Hauptgründe these zu ermöglichen (l " Abb. 8 b).

waren bisher das Gewicht, instabile Elektrodenplatzierung und


als wesentlichstes Argument die vom normalen Bewegungs- Interessenkonflikt: Nein
muster entkoppelte Steuerung. D. h. der Patient muss mit 2 Im-
pulsgebern (zum Beispiel Bizeps/Trizeps im Fall eines trans-
humeralen Stumpfes) drei verschiedene Ebenen ansteuern und
Oskar C. Aszmann
diese jeweils mit denselben Muskeln (völlig unphysiologisch)
Geb. am 23. Mai 1966 in Wien. Nach einem
aktivieren. Diese Impulsgebung wird von den Patienten nur
zweijährigen Ausflug in das Studium der
schwer erlernt und auf Dauer nicht verwendet.
Philosophie und Biologie folgte das Medi-
Das Ziel der vorgestellten Studie ist es Nerven so zu verlagern,
zinstudium von 1988 bis 1994 an der Medi-
dass entsprechend dem natürlichen Bewegungsmuster Impulse
zinischen Fakultät der Universität Wien.
generiert werden, welche über transkutane Elektroden eine
Schon während des Studiums entdeckte er

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mehrstufige Prothese gleichzeitig steuern können, ohne dass
seine Liebe für die Anatomie. An der Abtei-
der Patient laufend verschiedene Steuerungsebenen wechseln
lung für Anatomie und Zellbiologie war er
muss [5]. Diese „intuitive“ Bewegungskontrolle soll es dem
dann auch zunächst als Demonstrator und schließlich als wissen-
Patienten erleichtern, mit der komplexen Technik zurechtzu-
schaftlicher Assistent in der Arbeitsgruppe von Prof. Mayr (Neu-
kommen. Wesentlich ist sicher die Auswahl der entsprechenden
roanatomie und Nervenregeneration) tätig. Der Einstieg in die
Spender- und Zielnerven, die sogenannte Nerventransfermatrix,
Plastische und Rekonstruktive Chirurgie erfolgte über das faszi-
welche, gemeinsam mit den Orthopädietechnikern, den Bedürf-
nierende Thema der Nervenrekonstruktion durch Prof. H. Millesi.
nissen des Patienten und natürlich den gegebenen anatomi-
Es folgte ein vierjähriger Aufenthalt an der Johns Hopkins Univer-
schen Verhältnissen angepasst werden muss. Jene Nerven, wel-
sity in Baltimore, Maryland. Dort lernte er das nervenchirurgische
che verschiedene Funktionen erfüllen müssen, wie z. B. der N.
Handwerk bei Prof. A. Lee Dellon und vertiefte seine grundlagen-
radialis (Ellenbogenextension/Supination/Handgelenk-/Finger-
wissenschaftlichen Kenntnisse zum Thema „Neurobiologie der
streckung) sollten an Zielmuskeln mit möglichst großer End-
Nervenregeneration“ bei Prof. T. M. Brushart. Zusätzlich verfasste
organaufteilung angeschlossen werden, damit die Möglichkeit
er zahlreiche anatomische Studien an der Abteilung für Anatomie
besteht, unterschiedliche möglichst örtlich getrennte Funktions-
und Neurobiologie bei Prof. C. Barrett (UMAB). Seine Ausbildung
areale herauszuarbeiten. Für andere, wie z. B. für den N. mus-
zum Facharzt für Plastische und Rekonstruktive Chirurgie absol-
culocutaneus ist dies nicht notwendig, da hier nur eine Funk-
vierte er von 1998 bis 2004 an der Abteilung für Plastische und
tion (Ellenbeugung) zu erwarten ist beziehungsweise auch ge-
Rekonstruktive Chirurgie bei Prof. M. Frey an der Medizinischen
wünscht wird.
Universtiät Wien, wo er auch im April 2004 seine Venia docendi
Ein wesentlicher Punkt ist schließlich die postoperative Rehabi-
erhielt. Hier leitet er die nervenchirurgische Spezialambulanz und
litierung des Patienten um die neu gewonnene Funktion sinnvoll
ist auch weiterhin wissenschaftlich hauptsächlich diesem Thema
in die Prothesensteuerung integrieren zu können beziehungs-
verpflichtet.
weise auch zu trainieren. Da der Patient beide Arme verloren
hat, ist eine Spiegelbildaktivierung nicht möglich, die optische
Rückmeldung ist aber sicher wesentlich für die optimale Steue-
rungskontrolle. Hierzu hat die Fa. Otto Bock ein Biofeedbacksys- Literatur
tem, den virtuellen Arm, geschaffen, um dem Patienten zu helfen 1 Aszmann OC, Muse V, Dellon AL: Evidence of collateral sprouting after
mit der aufwendigen Technik zurechtzukommen. sensory nerve resection. Ann Plast Surg 1996; 37: 520 – 525
2 Aszmann OC, Rab M, Kamolz LP, Frey M: The anatomy of the pectoral
Nach Ende des sechsten Monats sollten ausgereifte Impulsmus- nerves and their significance in brachial plexus reconstruction. J Hand
ter neurobiologisch etabliert sein und mit klaren Steuerungsebe- Surg [Am] 2000; 25: 942 – 947
nen korreliert werden. In der Zwischenzeit kann die Prothese 3 Hijjawi JB, Kuiken TA, Lipschutz RD, Miller LA, Stubblefield KA, Duma-
entsprechend angepasst und nach den Bedürfnissen des Patien- nian GA: Improved myoelectric prosthesis control accomplished using
multiple nerve transfers. Plast Reconstr Surg 2006; 118: 1573 – 1578
ten modifiziert werden. Zum Zeitpunkt der Prothesenanlage
4 Kuiken TA, Lowery MM, Stoykov NS: The effect of subcutaneous fat on
sollte die Impulsgebung und Kontrolle des virtuellen Systems myoelectric signal amplitude and cross talk. Prosthet Orthot Int
problemlos funktionieren, um ein möglichst schnelles Integrie- 2003; 27: 48 – 54
ren der Prothese in das Körperbild zu ermöglichen. 5 Kuiken TA, Dumanian GA, Lipschutz RD, Miller LA, Stubblefield KA: The
Wie aus den vorläufigen Untersuchungen hervorgeht, ist es use of targeted muscle reinnervation for improved myoelectric pros-
thesis control in a bilateral shoulder disarticulation amputee. Prosthet
möglich, durch eine End-zu-Seit-Naht des N. supraclavicularis
Orthot Int 2004; 28: 245 – 253
an die Wurzel C7 sensible Areale im Trigonum colli laterale zu

Aszmann OC et al. Selektive Nerventransfers zur … Handchir Mikrochir Plast Chir 2008; 40: 60 – 65