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ASTROPHYSIK

Neutronensterne:
ultradichte Exoten
Wissenschaftler müssen sich der gesamten Palette phy-
sikalischer Gesetzmäßigkeiten bedienen, um die Vorgänge
im Innern dieser kompakten Himmelskörper aufzuklären.

Von Jeröme Novak alle vier Grundkräfte zu berücksichtigen: nannten Supernovae kamen ihnen für
Gravitation, Elektromagnetismus, schwa- ihre Hypothese gerade recht. Als J. Ro-

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or 150000 Jahren beendete che Wechselwirkung und starke Wechsel- bert Oppenheimer und sein Student
ein Riesenstern in der Gro wirkung. Erst heutzutage — siebzig Jahre, George M. Volkoff in Berkeley nach der
ßen Magellanschen Wolke nachdem die Wissenschaft auf diese exo- Energiequelle ganz normaler Sterne
sein bis dahin unauffälliges tischen Objekte aufmerksam geworden suchten, berechneten sie 1939 auch die
Dasein in einer gigantischen Explosion. ist — sind theoretische Physik und Beob- ersten Modelle für Neutronensterne.
Der Lichtblitz, der von diesem spektaku- achtungstechnik fortgeschritten genug, Doch als man langsam die thermonukle-
lären Ereignis kündete, traf unseren Hei- um den Aufbau von Neutronensternen are Fusion zu verstehen begann, gerieten
matplaneten im Jahr 1987. Die Astrono- einigermaßen modellieren zu können. die Arbeiten dieser Pioniere aus dem
men konnten so die erste mit bloßem Die Geschichte der Neutronensterne Blick und die Neutronensterne in Ver-
Auge sichtbare Supernova seit der Zeit beginnt 1932 mit der Entdeckung des gessenheit — kaum jemand vermochte
von Tycho Brahe und Johannes Kepler namensgebenden Teilchens, des Neu- sich damals vorzustellen, wie man solch
beobachten. Der explodierende Stern - trons, durch den englischen Physiker kleine und kompakte Himmelskörper
Supernova 1987A genannt - schleuderte James Chadwick. Angeblich hatte sein beobachten könne.
seine äußeren Gasschichten mit hoher sowjetischer Fachkollege Lew Landau Dies alles änderte sich 1967, als Joce-
Geschwindigkeit ins All. Doch sein in- noch an dem Tag, an dem er die Entde- lyn Bell und ihr Doktorvater Antony
nerster Teil ist als extrem kompakter ckungsmeldung erhielt, die Idee, es kön- Hewish mit einem speziellen Radioteles-
Neutronenstern übrig geblieben. Dessen ne ultradichte Sterne geben, die im We- kop in Cambridge einen neuen Him-
Dichte ist so groß, als hätte man die sentlichen aus diesen neutralen Materie- melskörper entdeckten, der sehr regelmä-
Sonne auf den Umfang einer Großstadt bausteinen bestehen. ßige Radiopulse aussendet: einen Pulsar.
zusammengepresst. Im kalifornischen Pasadena speku- Schon kurz darauf zeigte sich, dass diese
Wenngleich Neutronensterne mitun- lierten zu jener Zeit die aus Deutschland neue Objektklasse nichts anderes darstellt
ter als »Sternleichen« bezeichnet werden, und der Schweiz stammenden Astrono- als rotierende Neutronensterne, deren
sind sie dennoch nicht inaktiv. Ein sol- men Walter Baade und Fritz Zwicky, ob starkes Magnetfeld wie der Scheinwerfer
cher Himmelskörper - dichter als ein es nicht noch heftigere Sternexplosionen eines Leuchtturms den Kosmos durch-
Atomkern - dreht sich mehrere zehntau- geben könne als die bis dahin bekannten streift. Im folgenden Jahr bestätigte die
send Mal pro Minute um sich selbst. Zu- Novae. Völlig aus Neutronen aufgebaute Entdeckung des Pulsars PSR B0531+21
dem ist sein Magnetfeld millionenfach Sterne als Produkt der von ihnen so ge- im Zentrum des Krebsnebels die Hypo-
stärker als alles, was wir auf der Erde er-
zeugen können. Die Materie in Neutro-
nensternen ist somit extremen physikali-
schen Bedingungen unterworfen. Sterne > Neutronensterne erreichen die billiardenfache Dichte von Wasser - so, als kom-
mit mehr als dem Zehnfachen der Son- primierte man die Cheops-Pyramide auf die Größe eines Stecknadelkopfs.
nenmasse, die also noch schwerer sind als > Unter solch extremen Bedingungen verhält sich die Materie, als wäre sie tief-
der zur Supernova 1987A gewordene, gefroren, auch wenn der Stern mehrere hundert Millionen Grad heiß ist.
enden als Schwarze Löcher. Während in > Um den Aufbau von Neutronensternen zu beschreiben, müssen die Wissen-
diesen seltsamen Gebilden die Gravitati- schaftler in ihren Modellen Astro-und Teilchenphysik vereinen.
on dominiert, sind in Neutronensternen

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these von Baade und Zwicky, nach der Demzufolge verliert der Pulsar mit
Neutronensterne bei Sternexplosionen den Signalen Energie. Der schnellste be-
entstehen. Als irdische Detektoren dut- kannte Pulsar, PSR B1937+21, hat eine
zende Neutrinos auffingen, die von der Rotationsperiode von 1,56 Millisekun-
Supernova 1987A in der Großen Magel- den, dreht sich also 640 Mal pro Sekun-
lanschen Wolke stammten, ließ sich diese de um seine Achse. Damit der Himmels-
These auch experimentell erhärten. Denn körper bei einer solchen Kreiselgeschwin-
Neutrinos sind ein starker Hinweis auf digkeit nicht von der Fliehkraft zerrissen
die »Neutronisierung« der Sternmaterie wird, muss seine Dichte diejenige der
während einer Supernovaexplosion: Pro- Atomkerne übersteigen. Dieser Befund
tonen und Elektronen verschmelzen zu bestätigt, dass es sich um einen aus kom- Die Supernova 1987A: Die Explo-
Neutronen und geben dabei Neutrinos primierten Neutronen zusammengesetz- sion eines Riesensterns in der Gro-
ab. Man nennt diesen Prozess den inver- ten Stern handelt, quasi um einen ßen Magellanschen Wolke erzeugte einen
sen Beta-Zerfall (Bild auf S. 39). »Atomkern« in makroskopischen Di- Neutrinoschauer, der auf der Erde nach-
Bis heute kennen die Astronomen mensionen. Astronomen vermuten, dass gewiesen werden konnte - ein direkter
1300 Pulsare. Die in dieser Form beob- die Radiowellen von einem starken Mag- Beleg dafür, dass sich ein großer Teil der
achtbaren Neutronensterne (also diejeni- netfeld ausgehen, das von der Rotation Protonen und Elektronen zu Neutronen
gen, deren Strahlenbündel regelmäßig des Gestirns mitgerissen wird. Aus der und Neutrinos verbanden. I
unsere Sichtlinie kreuzt) senden Pulse beobachteten Abbremsung kann man
stabiler Amplitude aus. Dies belegt, dass den Energieverlust durch Abstrahlung
der Pulse und somit die Stärke des Felds
die Emission der Signale mit der Rota-
bestimmen. Für das Feld des Krebsnebel- Das Magnetfeld verstärkt sich dabei
tion der Quelle verbunden ist. Jedoch
pulsars ergeben sich mehrere hundert
beobachtet man im Lauf der Zeit eine ebenfalls um ein Vieltausendfaches.
Millionen Tesla. Zum Vergleich: Das
stetige Abnahme der Rotationsfrequenz. 5 Die Rechnungen von Oppenheimer
Magnetfeld der Erde beträgt etwa 10-
• und Volkoff zeigen, dass es eine maxima-
Tesla, in speziellen Labors können Felder
le Masse gibt, jenseits derer der Super-
von hundert Tesla erzeugt werden.
novarest nicht zu einem Neutronenstern,
Der Krebsnebel ist ein Relikt der Das Supernovamodell von Baade sondern weiter zu einem Schwarzen
1054 beobachteten Supernova. In- und Zwicky erklärt die schnelle Rotation Loch kollabiert. Denn dann kann selbst
mitten des Nebels befindet sich ein Pul- und das starke Magnetfeld der Neutro- der nach außen wirkende Druck der
sar - der Überrest eines Sterns, der bei nensterne auf einfache Weise. Wenn ein Neutronen der Schwerkraft nicht stand-
seiner Explosion die Gasschlieren hinter- rotierender Stern — beziehungsweise sein halten. Diese Obergrenze von etwa 3,2
lassen hat. In der Röntgenaufnahme des Zentralbereich - durch die Explosion Sonnenmassen ist für die Theoretiker
Pulsars (kleines Bild) vermutet man Jets, komprimiert wird, bleibt sein Drehim- sehr wichtig, da sie die verschiedenen
die mit der Rotation des Sterns den Him- puls erhalten: Wie eine Eisläuferin, die Möglichkeiten, wie sich Neutronenster-
mel durchstreifen und die auf der Erde ihre Arme nah an den Körper nimmt, ne bilden können, einschränkt. Eine
beobachtbaren Radiopulse aussenden. erhöht er seine Drehgeschwindigkeit. weitere Obergrenze gibt es für die Rota-
tionsgeschwindigkeit eines solchen Ob-
jekts. Selbst das Magnetfeld kann nicht
beliebig groß werden — übersteigt der
magnetische Druck den Massendruck,
so wird der Stern instabil.
Um ein Modell für Neutronensterne
zu erstellen, müssen wir wissen, wie ihre
Materie auf Druck- und Temperaturän-
derungen reagiert. Da wir nicht alle ein-
zelnen Teilchen des Sterns berücksich-
tigen und ihre unzähligen Wechselwir-
kungen berechnen können, fassen wir
ihre mikroskopischen Eigenschaften in
der so genannten Zustandsgieichung zu-
sammen. Diese Formel verknüpft die
Dichte mit dem Druck und der Tempe-
ratur im Gleichgewichtszustand.
Wenn ein Neutronenstern entsteht,
beträgt seine Temperatur im Innern zu-
nächst über 100 Milliarden Kelvin.
Doch ein Großteil dieser Energie wird
binnen kurzem in Form von Neutrinos
abgestrahlt. Schon nach einem Jahr ist

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die Innentemperatur auf eine Milliarde Wirkung bestimmt wird. Ein Quark und sen ist metallisch, seine Atomkerne bil-
Kelvin gesunken. Dies mag noch immer ein Antiquark können sich zu einem Me- den also ein kompaktes Kristallgitter, das
als extrem heiß erscheinen, doch rela- son zusammenlagern, während je drei von einem See freier Elektronen durch-
tiviert sich diese Sicht, wenn wir die Quarks ein so genanntes Baryon bilden. flutet wird. Wegen der enormen Schwer-
quantenmechanischen Eigenschaften der Zu der letztgenannten Teilchengrup- kraft ist die Oberfläche dieser Metall-
Neutronen betrachten. pe gehören alle Grundbausteine der ge- schale sehr glatt - etwaige »Berge« wären
Diese Teilchen unterliegen nämlich wöhnlichen Materie, die Protonen (die höchstens einige Millimeter hoch.
als Fermionen dem Pauli-Prinzip, wo- aus zwei up- und einem down-Quark be- Die Eisenschale ist ungefähr zehn
nach sich zwei Fermionen nicht im glei- stehen) und die Neutronen (zusammen- Meter dick, und ihre Dichte steigt nach
chen Quantenzustand befinden können. gesetzt aus einem up- und zwei down- innen rasch an. Je höher die Dichte
Energetisch betrachtet müssen sich die Quarks). Baryonen folgen dem Pauli- wird, desto näher pressen sich die Elek-
Neutronen also übereinander stapeln. Prinzip (sind also Fermionen), wahrend tronen an die Atomkerne. Wenn sie
Selbst wenn ein System aus Fermionen Mesonen alle im gleichen Quantenzu- schließlich in Reichweite der schwachen
die Temperatur null Kelvin hätte, könn- stand kondensieren können (man nennt Wechselwirkung kommen, werden sie
ten sich die Teilchen nicht alle auf dem derartige Teilchen Bosonen). Die schwa- von den Protonen der Atomkerne einge-
niedrigsten Energieniveau ansammeln, ehe Wechselwirkung äußert sich in Form fangen, und es bilden sich Neutronen.
sondern müssten auf höhere Niveaus des Beta-Zerfalls (ein Neutron zerfällt in Infolgedessen sind die Atomkerne umso
ausweichen — bis zu einer Grenzenergie, ein Proton, ein Elektron sowie ein Anti- stärker mit Neutronen angereichert, je
die nach dem italienischen Physiker En- neutrino) und seiner inversen Reaktion tiefer sie sich in der Metallschicht befin-
rico Fermi benannt ist. In der Realität - (ein Proton und ein Elektron verbinden den. Schließlich wird die Anreicherung
bei endlichen Temperaturen - können sich zu einem Neutron und geben ein so groß, dass Neutronen aus den Atom-
manche Teilchen auch Zustände ober- Neutrino ab). Da beide Prozesse perma- kernen herauszutröpfeln beginnen.
halb der Fermi-Energie besetzen. nent stattfinden und dabei die Neutro- Dieses Phänomen markiert den
nen-, Protonen- und Elektronenpopula- Übergang zur inneren Kruste, die ein bis
Tiefgefroren bei einer Milliarde Grad tionen zahlenmäßig stabil bleiben, liegt zwei Kilometer dick ist und deren Dich-
ein Reaktionsgleichgewicht vor. In erster te etwa ein Tausendstel der Atomkern-
Die Fermi-Energie ist umso höher, je
Näherung bestehen Neutronensterne so- dichte beträgt. Sie trennt die äußere kris-
größer die Teilchenzahl ist. Für Neutro-
mit aus Neutronen, Protonen und Elek- talline Kruste, die aus mit Neutronen
nensterne mit ihrer hohen Teilchendichte
tronen im Beta-Gleichgewicht, denn die
erreicht sie ungefähr 10^34 Joule, was einer
Neutrinos werden ins All abgestrahlt.
Temperatur von 100 Milliarden Kelvin
entspricht. In einem neu gebildeten Neu- Deutlich wird das bei einem mittel-
tronenstern, der ungefähr diese Tempera- großen Neutronenstern: Er hat vierzig
tur aufweist, befindet sich deshalb ein ge- Prozent mehr Masse als die Sonne, je-
wisser Anteil der Teilchen in angeregten doch nur einen Durchmesser von etwa
Zuständen oberhalb der Fermi-Energie. zwanzig Kilometern und ist kalt. An sei-
Hat sich der Neutronenstern nun auf ner Oberfläche ist der Druck null. Des-
eine Milliarde Kelvin abgekühlt, beträgt halb gibt es dort infolge des Beta-Zerfalls
seine Temperatur - und somit die mittle- keine freien Neutronen. Die Materie
re Energie der Teilchen - nur noch ein liegt in Form von Eisen vor, dessen Kern
Hundertstel der Fermi-Energie, sodass von allen Elementen der stabilste ist. Ei-
fast alle Teilchen Energieniveaus unter-
halb dieser Grenze einnehmen. Dieser
Zustand unterscheidet sich nur wenig
von dem bei der Temperatur null. Neu- Das Pauli-Prinzip verbietet Teilchen
tronensterne verhalten sich folglich we- mit halbzahligem Spin, den glei-
gen ihrer extremen Dichte wie tiefgefro- chen Quantenzustand einzunehmen. Bei
rene Körper, wenngleich ihre Temperatur einer Temperatur von null Kelvin (a) wür-
eine Milliarde Kelvin beträgt. den sich die Teilchen übereinander sta-
Nun ist noch die Veränderung des peln, bis sie die so genannte Fermi-Ener-
Drucks in Abhängigkeit von der Dichte gie (TF) erreichen, die wegen der extre-
zu bestimmen. Dazu betrachten wir, wie men Teilchendichte sehr hoch ist. Bei
die Bestandteile der Materie bei nuklea- hoher Temperatur (b) besetzen viele Teil-
ren Dichten miteinander reagieren. Wir chen Niveaus oberhalb der Fermi-Ener-
begegnen hierbei allen fundamentalen gie. Wenn die Temperatur jedoch deutlich
Teilchen und Kräften: den Leptonen (ins- unterhalb der Fermi-Energte liegt, ähnelt
besondere Elektronen und deren Neutri- die Teilchenkonfiguration derjenigen bei
nos), die der schwachen Wechselwirkung Temperatur null (c) - der Stern verhält
unterliegen, und den Quarks (namens up, sich wie ein tiefgefrorener Körper, auch
down, strange, charm, bottom und top), dann, wenn seine Temperatur eine Milli-
deren Verhalten von der starken Wechsel- arde Kelvin beträgt.
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SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT MÄRZ 2004
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angereicherten Atomkernen besteht, von Beschreibung muss man eine spezielle schneller der Druck mit der Dichte an-
der noch tiefer liegenden Flüssigkeit aus Theorie, die Quantenchromodynamik, steigt. Je härter sie ist, desto größer ist
Neutronen, Protonen und Elektronen verwenden - eine komplexe Aufgabe. die maximale Masse, oberhalb derer der
im Beta-Gleichgewicht. Unser bisheriges Wissen über das quan- beschriebene Stern nicht mehr existieren
Der Aufbau der inneren Kruste tenmechanische Verhalten von Kernbau- kann. Ein Modell, das ein Mesonenkon-
gleicht italienischen Nudelgerichten: Zu- steinen stammt aus der Kernphysik und densat im Kern zulässt, läuft auf eine
nächst entstehen im festen Kristall kleine deren Experimenten zum Aufbau der ir- sehr weiche Zustandsgieichung hinaus,
flüssige Bereiche. Größere dieser Zonen dischen Atomkerne. Beschleuniger, in da diese als Bosonen nur einen geringen
zerplatzen, treffen wieder zusammen und denen die Physiker schwere Ionen auf- Anteil am Druck haben, und verbietet
formen »Spagetti« aus Neutronenflüssig- einander schießen, liefern uns Informa- das Vorhandensein von sehr masserei-
keit. Diese »Spagetti« wiederum bilden tionen über die Kompressibilität der chen Neutronensternen. Würde man
eine Art »Lasagne-Struktur« aus, in der Kernbausteine. Dennoch kann man nun einen Neutronenstern finden, des-
sich flüssige Schichten aus Neutronen nicht einfach aus den Eigenschaften der sen Masse über dem durch dieses Modell
und kristalline Schichten aus Atomker- irdischen Atomkerne auf diejenigen der vorgegebenen Grenzwert liegt, so müsste
nen abwechseln. Die Flüssigkeitsschich- Neutronensternmaterie schließen. man die zu Grunde gelegte Zustands-
ten werden in dem Maße dicker, wie die Irdische Atomkerne enthalten unge- gleichung als falsch erachten und den
noch verbliebenen kristallinen Bereiche fähr gleich viel Neutronen wie Protonen, Schluss ziehen, dass es in Neutronenster-
immer weiter zurückgedrängt werden. sind positiv geladen, heiß im Vergleich nen kein Mesonenkondensat gibt.
zur Fermi-Energie und enthalten keine Diese Überlegung zeigt, wie astrono-
Quarksuppe in Seltsamen Sternen strange-Quaxks. Gänzlich andere Verhält- mische Beobachtungen einige der theore-
Ab dieser Tiefe, in der die Dichte derje- nisse hingegen können in einem Neutro- tischen Modelle aussortieren können. So
nigen von Atomkernen gleicht, besteht nenstern vorliegen: hohe Dichte von ergibt sich beispielsweise aus der Hypo-
der Stern vor allem aus Neutronen, Pro- strange-Quarks, eine im Vergleich zur these, nach der Neutronensterne aus ei-
tonen und Elektronen. Auch Myonen Fermi-Energie geringe Temperatur, ein nem Fermigas bestehen (also Körper sind,
sind vorhanden. Ist die Temperatur des neutraler Zustand (weil Elektronen und deren Druck einzig von Fermionen her-
Sterns niedrig genug, werden die Neu- Myonen Teil der Flüssigkeit sind und die vorgerufen wird, die dem Pauli-Prinzip
tronen superflüssig und die Protonen su- Ladung der Protonen ausgleichen) und unterworfen sind), eine maximale Masse
praleitfahig. Was in noch größerer Tiefe weitaus mehr Neutronen als Protonen. von siebzig Prozent der Sonnenmasse.
vor sich geht, wenn die Dichte das Drei- Zudem bindet in Atomkernen die Nun sind aber zahlreiche Neutronenster-
fache der Atomkerndichte übersteigt, starke Wechselwirkung die Protonen
entzieht sich unserer Kenntnis. und Neutronen aneinander, während in
Astrophysiker vermuten jedoch, dass Neutronensternen die Gravitation für
dort exotische Teilchen gebildet werden den Zusammenhalt sorgt. Neutronen-
wie etwa Hyperonen, die strange-Quarks sterne sind also nicht einfach »große
enthalten. Auch Pionen oder Kaonen Atomkerne« — zumal bei ihren hohen
könnten zugegen sein. Diese Partikel sind Dichten auch neue Teilchen auftreten
Bosonen, können also in einem gemein- wie Myonen und Hyperonen. Diese Teil-
samen Quantenzustand kondensieren. chen können die Physiker in ihren Be-
Ein solches Bose-Einstein-Kondensat schleunigerexperimenten nur im isolier-
würde dem Gewicht der höheren Schich- ten Zustand untersuchen - in Neutro-
ten kaum Gegendruck entgegensetzen nensternen verhalten sie sich gewiss
können. Sollte sich in einem genügend anders. Aus all diesen Gründen kennen
massereichen Neutronenstern tatsächlich wir die Zustandsgieichung der Materie
ein solches Kondensat ausbilden, könnte in Neutronensternen nicht.
er einen erneuten Kollaps erleiden, sodass Die verschiedenen Modelle, welche
ein Schwarzes Loch entstünde. die Theoretiker vorgeschlagen haben,
Wenn die Dichte im Zentrum des lassen sich nach der »Härte« ihrer
Sterns hoch genug wird, kann sich die Zustandsgieichung unterscheiden. Eine
Materie schließlich in eine Suppe aus frei- Zustandsgieichung ist umso härter, je
en Quarks umwandeln: Ähnlich wie zu-
vor Neutronen aus den Atomkernen aus-
sickerten, treten nun Quarks aus den Me-
sonen und Baryonen aus und bilden eine Der Übergang von der inneren
Quarkflüssigkeit. Da der Stern neben den Kruste zum flüssigen Mantel voll-
up- und down-Quarks, die wir von der zieht sich allmählich. Zunächst bilden
gewöhnlichen Materie kennen, auch sich in der festen Kruste kleine Bereiche
strange-Quarks enthält, sprechen die As- aus Neutronenflüssigkeit die sich mit
tronomen von einem Seltsamen Stern. zunehmender Tiefe zusammenlagern
Die Kräfte zwischen Quarks vermit- und schließlich die kristallinen Schichten
telt die starke Wechselwirkung. Zu ihrer zurückdrängen.

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ne mit l,4facher Sonnenmasse bekannt. Inzwischen haben andere Beobach-
Die Astronomen folgern daraus, dass in rungen gezeigt, wie unerwartet komplex
ihnen nicht der Druck von Fermionen. ein Neutronenstern ist. Manche schei-
sondern die starke Wechselwirkung der nen gelegentlich einen »Kick« zu bekom-
hier maßgeblichen Teilchen der Gravita- men: Die Frequenz ihrer Radiosignale
tion entgegenwirkt. erhöht sich unvermittelt und kehrt erst
im Laufe von Tagen zu ihrem vorherigen
Was Beobachtungen verraten Wert zurück. Dieses Phänomen wurde
Im Wesentlichen geht es darum, aus den bei vier Pulsaren bereits mehrfach beob-
theoretischen Modellen Werte für beob- achtet. Die deutliche Diskontinuität des
achtbare Größen abzuleiten und diese Signals lässt vermuten, dass die Ursache Beim Beta-Zerfall zerfällt ein Neu-
dann mit den Beobachtungsbefunden zu des Phänomens in der festen Kruste zu tron in ein Proton, ein Elektron und
vergleichen. Da ist zunächst die Masse suchen ist. Es könnte eine Art Sternbe- ein Antineutrino, während sich beim in-
von Neutronensternen, die man dann ben sein, eine tektonische Verschiebung, versen Prozess ein Proton und ein Elek-
recht einfach ermitteln kann, wenn sich die von den superfluiden Neutronen in tron in ein Neutron und ein Neutrino um-
der Neutronenstern in einem Doppelsys- den inneren Schichten angetrieben wird. wandeln.
tem befindet. Bisher widerspricht keines Das Superfluid dreht sich nicht wie
der Ergebnisse den klassischen Zustands- eine gewöhnliche Flüssigkeit mit dem
gleichungen. Mit dem europäischen Rönt- Rest des Sterns mit, sondern fließt rei-
gensatelliten XMM-Newton ist es einem bungslos. Es tritt sogar noch ein weiteres die Gravitation ab, so würde er wegen
Forscherteam um Jean Cottam vom God- außergewöhnliches Quantenphänomen seines Innendrucks explodieren. Ein
dard-Raumflugzentrum der Nasa in auf, das man von Experimenten mit su- Seltsamer Stern hingegen würde sich
Greenbelt gelungen, das Verhältnis von perflüssigem Helium im Labor kennt: kaum bewegen.
Masse zu Radius - die so genannte Kom- Anstatt als Ganzes zu rotieren, bilden Seltsame Sterne sollten kleiner sein
paktheit - des Neutronensterns EXO sich im Flüssigkeitsvolumen Wirbel aus. und rascher rotieren als Neutronensterne.
0748-676 zu ermitteln. Dieses liegt - in Entlang dieser »Vortices« genannten Die Beobachtung eines Pulsars mit einer
Einheiten, bei denen die Gravitations- Röhren ist Rotation möglich. Vortices Periode von weniger als einer halben Mil-
konstante und die Lichtgeschwindigkeit stoßen dort an die feste Kruste, wo Neu- lisekunde wäre bereits ein Hinweis auf
eins beträgt - bei fast 0,25. Im Vergleich tronen die Atomkerne verlassen. Das er- derartige Himmelskörper. Zwei vom Sa-
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zur Erde (10- ) oder zur Sonne (10- ) ist klärt letztlich auch den »Kick«. Denn telliten Chandra beobachtete Objekte ha-
dies ein riesiger Wert, aber nur wenig das Innere von Neutronensternen be- ben im April 2002 Aufsehen erregt: Der
kleiner als der Wert für Schwarze Löcher steht aus zwei Flüssigkeiten: einer nor- bereits erwähnte Pulsar im Nebel 3C58,
(0,5). Dieses Ergebnis stimmt mit den malen aus Protonen und Elektronen so- dessen Abkühlungsprozess zu schnell er-
gewöhnlichen Modellen sehr gut überein. wie einer superflüssigen aus Neutronen. scheint, und RXJ 18565-3754, aus des-
Die Oberflächentemperatur von Neu- Wegen des Energieverlusts durch Ab- sen gemessener Leuchtkraft und Tempe-
tronensternen leiten die Astronomen aus strahlung in der Nähe der Oberfläche ratur man seine Entfernung zur Erde und
dem Spektrum im Röntgenbereich ab. verlangsamt sich der Stern, aber diese seinen Radius ermitteln konnte. Mit
Kürzlich hat eine Arbeitsgruppe um Ste- Abbremsung betrifft zunächst nur die Durchmessern um elf Kilometer sind bei-
phen S. Murray vom Harvard Smithso- Schale und den normal flüssigen Teil. de eigentlich zu klein für einen Neutro-
nian Center for Astrophysics in Cam- Das Superfluid rotiert ungebremst wei- nenstern. Sind sie also Seltsame Sterne?
bridge mit dem Röntgen Satelliten Chan- ter. Dadurch verbiegen sich die an der Noch lässt die Genauigkeit der Beobach-
dra die Temperatur eines der jüngsten Kruste verankerten Vortices und ziehen tungen, aber auch diejenige der Theorie
Neutronensterne im Milchstraßensystem so fest an ihr, bis sie irgendwann reißt. zu viele Fragen offen.
gemessen: des zentralen Pulsars im Nebel Die Astronomen hoffen, durch neue •:-:•:•:•:•:•—•:-:-:•-v:^:->:-:-:-:-ra-»**+^^na

3C58, der als Relikt der im Jahr 1181 Beobachtungstechniken bald zu weiteren I Jerome Novak forscht am
aufgeleuchteten Supernova gilt. Ange- spektakulären Erkenntnissen zu kom- I Laboratoire de l'Univers et
sichts des geringen Alters des Sterns er- men. Insbesondere die Entdeckung der de ses Theories in Meudon,
scheint seine Temperatur sehr niedrig. das gemeinsam vom Centre
bislang nur hypothetischen Gravitations-
National de la Recherche
Einige Astronomen vermuten, es könne wellen könnte das Wissen um die Vor- Scientifique, der Sternwarte
sich um einen Seltsamen Stern handeln. gänge in Neutronensternen erweitern. Paris-Meudon und der Uni-
Womöglich sind aber die Neutronen in Ob es tatsächlich Seltsame Sterne versität Paris 7 betrieben wird.
3C58 superfluid und kühlen sich des- gibt, die aus freien Quarks zusammen- Physics of neutron star interiors. Von David
halb schneller ab. Ein solcher Prozess gesetzt sind, kann ebenfalls nur durch Blaschke, Norman K. Glendenning und Armen
wird im bisherigen Modell nicht berück- Beobachtungen geklärt werden. Da Selt- Sedrakian (Hg.). Springer, 2001
sichtigt. Den Radius eines Neutronen- same Sterne nicht durch Gravitation, Compact stars. Nuclear physics, particle physics
sterns zu messen ist sehr schwierig, aber sondern durch starke Wechselwirkung and general relativity. Von Norman K. Glenden-
man kann ihn indirekt bestimmen, sei es zusammengehalten würden, sollten sie ning. 2. Aufl., Springer, 2000
über die Temperatur, die Leuchtkraft sich von Neutronensternen unterschei- Weblinks zu diesem Thema finden Sie bei
und die Entfernung des Sterns oder aber den, wie ein Gedankenexperiment zeigt: www.spektrum.de unter »Inhaltsverzeichnis«.
über seine Kompaktheit und Masse. Schaltete man in einem Neutronenstern

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