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THIERRY CHARLIER / DAPD

Regierungschef Orbán: „Frontalangriff auf die Meinungsfreiheit“

desz-Partei, die mit ihrer Zweidrittelmehr-


UNGARN
heit die Verfassung ändern kann, und der
NSDAP von 1933.

Schleichende Vergiftung Zur Oberaufseherin in Pressefragen ist


Annamária Szalai, 49, bestellt. Ursprüng-
lich Musiklehrerin an einer Grundschule,
trägt die treue Soldatin der orbánschen
Pünktlich zu Beginn der EU-Ratspräsidentschaft macht Premier Fidesz-Partei nun schwere Last auf ihren
Viktor Orbán Ernst: Sein neues Mediengesetz zielt auf die Schultern. Mag sein, dass sie deshalb ab-
Gängelung von Journalisten. Die Generation Facebook protestiert. getaucht ist. „Vielleicht im Urlaub, ich
weiß es nicht“, verlautbart die Pressespre-

A
ttila Mong hat jetzt morgens ei- lieber gegen das Mediengesetz demon- cherin. „Sie liegt krank danieder“, erklärt
gentlich immer frei. Um kurz vor strieren.“ Szalais Stellvertreter. „Auch ich kriege
neun schon sitzt er zwischen gold- Das umfasst 228 Paragrafen und regelt sie nicht mehr ans Telefon“, klagt József
gerahmten Spiegeln im Café des ehrwür- die Befugnisse des Medienaufsichtsrats, Hantos, langjähriger Freund und Ge-
digen Budapester Hotels Astoria und lässt der ab sofort tadelnswerte Umtriebe nicht schäftspartner.
sich Tee bringen. Im Radio läuft das Mor- nur im öffentlich-rechtlichen, sondern Jener Hantos, der mit Szalai, lange be-
genmagazin. auch im privat finanzierten Journalismus vor deren Aufstieg zur obersten Medien-
Die Sendung heißt „180 Minuten“, ihr ahnden soll. Die für sage und schreibe kontrolleurin begann, ein Sexblatt na-
Aushängeschild war: Attila Mong. Der neun Jahre Amtszeit bestellte Vorsitzen- mens „Miami Press“ auf die Beine stellte.
mehrfach preisgekrönte Journalist aber de der neuen Behörde kann wuchtige Mehr oder minder rassige Ungarinnen
hat mittlerweile Mikrofonverbot. Weil er Bußgelder bei „politisch unausgewogener reckten da Rundungen ins Bild. „Wir
am 21. Dezember, live und mit Ansage, Berichterstattung“ verhängen: bis zu wussten damals nicht, wie es weitergehen
eine Schweigeminute einlegte – aus Pro- 90 000 Euro gegen Print- und Online- soll“, sagt Hantos über das gemeinsame
test gegen das neue ungarische Medien- Medien, bis zu 750 000 Euro gegen Ra- Experiment der Nach-Wendezeit. Also
gesetz. dio- und Fernsehsender. Hinzu kommt, habe er ruck, zuck entsprechende „Bilder
Seit dem 1. Januar ist das 175 Seiten dass Ungarns Journalisten künftig ihre aus Österreich besorgt, und Annamária
starke, repressive Paragrafenwerk in Kraft. Quellen offenlegen müssen, wann immer hat als Chefredakteurin die Artikel ge-
An diesem Mittwoch wird nach einer An- angeblich „die nationale Sicherheit“ in schrieben“.
hörung entschieden, was mit Mong und Frage steht. Jugendsünden, kein Fall von „Porno-
seinem gleichfalls suspendierten Chef Seit dem Jahreswechsel hat Ungarn die grafie“, urteilt der Geschäftsmann heute:
Zsolt Bogár geschehen soll. Bis auf weite- Ratspräsidentschaft der EU inne. Sechs Szalai sei trotz ihrer Schmuddelvergan-
res sind beide von der Arbeit freigestellt, Monate lang wird Premier Viktor Orbán genheit die Richtige, um fortan das Zehn-
jedoch verpflichtet, sich zur Verfügung zu auf europäischer Bühne unter verschärf- Millionen-Volk der Ungarn nicht nur vor
halten – mehr als zwei Autostunden dür- ter Beobachtung stehen. Die harten in- Jugendverderbnis und Rassismus, son-
fen sie sich nicht wegbewegen vom Ge- ternationalen Reaktionen auf das neue dern auch vor politischer Beeinflussung
bäude des staatlichen Rundfunks. Mediengesetz liefern ihm einen Vor- durch allzu eigenständige Medien zu
„Es hat sich inzwischen eine Facebook- geschmack. schützen: „Sie ist eine starke Persönlich-
Gruppe mit Leuten gegründet, die vor Es stelle sich die Frage, ließ sich Lu- keit, hundertprozentig loyal.“
dem Rundfunkgebäude für mich Kerzen xemburgs Außenminister Jean Asselborn Das Getuschel über die neue Ober-Zen-
anzünden wollen“, sagt der Moderator. vernehmen, ob ein Land wie Ungarn sorin hält dennoch an und passt ins Bild:
Zum Märtyrer auf dem Altar der ungari- „würdig ist, die EU zu führen“. Vor Or- Eine seltsame Stimmung herrscht dieser
schen Pressefreiheit aber tauge er trotz báns „Führerstaat“ warnte der Historiker Tage an der Donau, da Europa auf Un-
allem nicht: „Ich habe meinen Unter- Michael Stürmer in der „Welt“, und der garn blickt. Man belauert sich beidseits
stützern geschrieben, dass ich noch lebe ungarische Schriftsteller György Konrád der Gräben, die Ungarns Gesellschaft wei-
und keine Grablichter brauche; sie sollten zog gar Parallelen zwischen Orbáns Fi- ter in Rechte und Linke, Freunde und
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Ausland

Feinde spalten. Belastendes Material kur- schaft und Kultur Gefolgsleute installie- gestutztem Bart, Denkerbrille und griff-
siert wie zu Zeiten von János Kádárs ren lassen. bereiter Fanta-Flasche biegt Gábor Simo-
Gulaschkommunismus; kritische Journa- Dass der Machtrausch des Budapester novits um die Ecke. Der Wirtschafts-
listen werden gemaßregelt, andere dre- Regierungschefs das einfache Wahlvolk student ist einer der Orbán-Gegner aus
hen eilfertig ihr Fähnlein in den neuen unberührt ließ, ist noch verständlich: Wer der Generation Facebook und sagt: „Ich
Wind. während der Weihnachtstage zwischen glaube nicht, dass Orbán uns in die Stein-
Seit Ende Mai 2010 regiert Viktor Or- Mietskasernen aus der Kaiserzeit durch zeit zurückschickt. Ich glaube auch nicht,
bán das Land. Aus dem ehemals liberalen die Budapester Josefstadt spaziert, der dass wir wirkliche Zensur zu befürchten
Oppositionspolitiker der Wendezeit ist sieht, dass viele Menschen hier andere haben. Aber ich glaube, dass es um eine
ein abgebrühter Machtpolitiker im natio- Sorgen haben. Mit Pudelmützen gegen sehr ernstzunehmende Angelegenheit
nalen Gewand geworden. Seine angeblich den beißenden Frost geschützt, stehen geht.“
dem „Volkswillen“ geschuldete „konser- Arme und Obdachlose Schlange vor den Simonovits hat mit einem Dutzend
vative Revolution“ vollzieht er auf einem Suppenküchen. Doch selbst im Herzen anderer vier Tage vor Weihnachten eine
Boden, den ihm die Erben der ehemali- der Josefstadt regt sich Widerstand. Mit Demonstration vor dem Budapester Par-
gen Sozialistischen Arbeiterpar- lament auf die Beine gestellt,
tei nach Jahren der Misswirt- von der dann Bilder um die Welt
schaft hinterlassen haben. gingen: Ernste junge Menschen
„Kämen anstelle Orbáns die standen da, Heftpflaster über die
Sozialisten wieder an die Macht, Lippen geklebt, daneben andere,
sie würden dort weitermachen, die die Hand vor den Mund hal-
wo sie aufgehört haben, und ten. Im Zentrum: Simonovits.
nichts wäre besser“, sagt der li- Die Bilder wurden weltweit
berale Jurist László Majtényi, der gedruckt und täuschten ein we-
bis vor gut einem Jahr das Auf- nig darüber hinweg, dass allen-
sichtsgremium für Rundfunk und falls 1500 von zehn Millionen
Fernsehen leitete. Er gab den Ungarn Lust verspürten, gegen
Posten erst auf, als offensichtlich das neue Gesetz zu protestieren.
wurde, wie innig die damals „Wir hatten nicht einmal ein Po-
noch regierenden Sozialisten mit dest, wir mussten Bierkästen aus
den Orbán-Gefolgsleuten kun- der nächsten Kneipe anschlep-
gelten. pen“, sagt Simonovits, der Wert
Wer die Wurzel allen ungari- darauf legt, nicht als „politisch
schen Übels in der neuen Regie- aktiver“, sondern als „politisch
rung suche, liege deshalb falsch, bewusster“ Ungar wahrgenom-
sagt Majtényi: „Schon das alte men zu werden. Mit Parteien will
System war korrupt, nun wird es die Jugend hier möglichst wenig
auf andere Art schlimmer – das zu tun haben.
neue Mediengesetz ist ein Fron- In jener Nacht, da im Parla-
talangriff auf unser Grundrecht ment das Mediengesetz verab-
Meinungsfreiheit.“ schiedet wurde, war auch Pál
Dass Ungarns EU-Partner sich Eötvös unter den Demonstran-
erst jetzt, dafür aber schlagartig ten. Er diente 33 Jahre lang als
erschrocken zeigten, zeuge zu- Redakteur bei „Népszabadság“,
mindest von mangelnder Sorg- der ehemaligen Zeitung der un-
faltspflicht, kommentiert der garischen Einheitspartei – die
MARTIN FEJER / EST&OST

„Pester Lloyd“: „Das Kind ist in letzten 15 Jahre als Chefredak-


den Brunnen gefallen, dabei ha- teur. Eötvös sagt: „Wir Journalis-
ben die Eltern die ganze Zeit ten waren in der Wendezeit die
sorglos zugeschaut, wie es auf Speerspitzen der Veränderung.
dem Brunnenrand herumtollte. Das ist vorbei. Dieser deprimier-
Nichts an der Entwicklung in Journalist Mong: Mikrofonverbot nach Schweigeminute te Berufsstand ist zu nichts mehr
Ungarn ist wirklich überra- zu motivieren.“
schend.“ Ungarns Medienlandschaft im
Kritiklos flankiert von seinen Jahr 2011 wird geprägt von RTL
christdemokratischen Brüdern und ProSiebenSat.1, von Ringier,
und Schwestern in der Europäi- dem Springer-Verlag und der
schen Volkspartei, von Bundes- WAZ-Gruppe. Protest gegen Or-
kanzlerin Angela Merkel, EU- bán und sein Mediengesetz blieb
Kommissionspräsident José Ma- aus dieser Richtung bisher aus –
nuel Barroso und Ratspräsident ein erschütterndes Signal aus
Herman Van Rompuy, hat Orbán dem Lager westlicher Werte-
Ungarns politische Landschaft gemeinschaft, wie der Veteran
umpflügen dürfen. Er hat unge- Eötvös beklagt, denn er glaubt:
MARTIN FEJER / EST&OST

rügt die Befugnisse des Verfas- „Die Schaffung der neuen Me-
sungsgerichts beschnitten, die dien-Aufsichtsbehörde ist eine
Unabhängigkeit der Zentralbank Art Ursünde. Sie wirkt wie Ar-
in Frage gestellt und in der Ge- sen in winzigen Portionen. Das
neralstaatsanwaltschaft wie auf Ergebnis ist schleichende Vergif-
den Spitzenposten in Wissen- Student Simonovits, Kommilitonin: Demo vor dem Parlament tung.“ W����� M���

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