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Die deutsche Literatur

in Text und Darstellung


Gegenwart II

Reclam
Digitized by the Internet Archive
in 2012

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Dieser Band gehört zu einem auf 17 Bände angelegten Ab-


riß der deutschen Literatur vom Gegen-
Mittelalter bis zur
wart, dessen Charakteristikum auf dem Wechselspiel von
Text, Darstellung und Kommentar beruht.
Die Reihe ist als Einführung vor allem für Schüler und Stu-
denten konzipiert. Sie dient selbstverständlich auch allen
anderen Interessierten als Kompendium zum Lernen, als

Arbeitsbuch für einen ersten Überblick über literarische


Epochen.
Das leitende Prinzip ist rasche Orientierung, Übersicht und
Vermittlung der literatur geschichtlichen Entwicklung durch
Aufgliederung in Epochen und Gattungen. Die sich hieraus
ergebende Problematik wird in der Einleitung angespro-
chen, die auch die Grundlinien jedes Bandes gibt. Jedem
Kapitel steht eine kurze Einführung als Überblick über den
Themen- oder Gattungsbereich voran. Die signifikanten
Textbeispiele und ihre interpretatorische Aufschlüsselung
werden ergänzt durch bio-bibliographische Daten, durch
eine weiterführende Leseliste, ausgewählte Forschungslite-
ratur und eine synoptische Tabelle, die die Literatur zu den
wichtigsten Ereignissen aus Politik, Wirtschaft, Kunst und
Wissenschaft in Beziehung setzt.
Die deutsche Literatur

Ein Abriß in Text und Darstellung

Herausgegeben von
Otto F. Best und Hans-Jürgen Schmitt

Band 17

Philipp Reclam jun. Stuttgart


Gegenwart II

Herausgegeben von
Gerhard R. Kaiser

Philipp Reclam jun. Stuttgart


Universal-Bibliothek Nr. 18031
Alle Rechte vorbehalten
© 2000 Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart
Gesamtherstellung: Reclam, Ditzingen. Printed in Germany 2000
RECLAM und UNIVERSAL-BIBLIOTHEK sind eingetragene Marken
der Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart
ISBN 3-15-018031-7
Inhalt

Einleitung 11

/. Rede 25

Martin Walser 26
Über Deutschland reden (Ein Bericht)
(Auszug) 27
Günter Grass 30
Rede über den Standort (Auszug) 32

//. Programmatisches, Kritisches 36

Ernst Jandl 37
Anmerkungen zur Dichtkunst (Auszug) 38
Peter Handke 43
Das Bild der Bilder (Auszug) 45
Adolf Muschg 50
Vom Gleichgewichtssinn 52
Franz Fühmann 54
Vor Feuerschlünden. Erfahrung mit
Georg Trakls Gedicht (Auszug) 56
Heiner Müller 61
Die Wunde Woyzeck 65

///. Lyrik 68

Peter Huchel 70
Begegnung 71
Östlicher Fluß 72
Todtmoos 73
Inhalt

Ludwig Greve 73
Schwäbische Alb 75
Mein Vater 76
Sarah Kirsch 77
Wiepersdorf 79
Robert Gernhardt 84
Kleines Lied 86
Liebesgedicht 86
Ermunterung 86
Hans Magnus Enzensberger 87
Kurze Geschichte der Bourgeoisie 90
Chinesische Akrobaten 91
Alte Ehepaare 94
Volker Braun 95
Das Lehen 97
Das Eigentum 97
Ernst Jandl 98
hier sein ein tag 99
staubfederchen 99
a schdiggl flääsch und a haufn baana .... 100
biddaich losszmeneed gaunz alaanech ... 100
swiad ima weniga und weniga 100
Friederike Mayröcker 100
Flugschrift 102
Nausea 104
Wulf Kirsten 105
satzanfang 107
Gottfried Silbermann 107
Oskar Pastior 108
Ballade vom
defekten Kabel / Ballade du
cable defectueux 110
Werner Söllner 112
Siebenbürgischer Heuweg 114
Swanns Reise 115
Inhalt 7

Richard Leising 116


Bodden 117
Der Sieg 119

Durs Grünbein 119


O Heimat, zynischer Euphon 121
Trigeminus 122

Bert Papenfuß-Gorek 125


gelegenheit heizt triebe 127
neue zeitung von alter künde will ich euch
bringen 128

IV Drama 129

Heiner Müller 130


Mauser (Auszug) 132
Botho Strauß 140
Trilogie des Wiedersehens (Szenen 11,5
und 111,7)

George Tabori 14
Mein Kampf (3. Akt) il

V. Kurz- und Kürz estge schichte 167

Reiner Kunze 168


Sechsjähriger 170
Erbe 170
Beweggründe 171
Gefangen 171
Mein Freund, ein Dichter der Liebe 172
Bericht eines Prager Fassadenreinigers ... 173
Jiri Kolaf: Aus »Brücken« , . . 173
Alexander Kluge 174
»Das Zeitgefühl der Rache« fQ75^
8 Inhalt

Peter Bichsel 179


Immer wieder Weisshaupt 180
Abenteuer 183
Sehnsucht 183

BrigitteKronauer )^\
Ehepaar Dortwang \fß5»A/

VI. Novelle, Erzählung 189

Christoph Hein 190


Der fremde Freund (Auszug) 191

Wolfgang Hilbig 199


Alte Abdeckerei (Auszug) 201

VII. Roman 207

Uwe Johnson 208


Jahrestage. Aus dem Leben von
Gesine Cresspahl (Auszug) 210
Hubert Fichte 221
Versuch über die Pubertät (Auszug) . . . 222
Peter Weiss 229
Die Ästhetik des Widerstands (Auszug) . . 231
Elfriede Jelinek 240
Lust (Auszug) -241

Herta Müller 247


Herztier (Auszug) 249

VIII. Autobiographisches 254

Bernward Vesper 256


Die Reise (Auszug) 257
Rolf Dieter Brinkmann 265
Rom, Blicke (Auszug) 267
Inhalt 9

Wolfgang Koeppen 281


Jugend (Auszüge) 283
Thomas Bernhard 289
Ein Kind (Auszug) 292
Günter de Bruyn 298
Rückblick auf Künftiges 300

IX. Aphoristisches, Sprachkritisches 308

Martin Walser 309


Meßmers Gedanken (Auswahl) 310
Elias Canetti 314
Das Geheimherz der Uhr. Aufzeichnungen
1973-1985 (Auswahl) 315
Elazar Benyoetz 318
Der Gedanke steht dahinter, die Meinung
davor 319
Keine Liebe währt so lange wie ihre
Geschichte 320
Der Punkt auf seine Pointe gebracht .... 320
Eckhard Henscheid 321
Dummdeutsch (Auswahl) 322

Weiterführende Leseliste 327


Ausgewählte Forschungsliteratur 331
Synoptische Tabelle 358
Quellenverzeichnis 377
Einleitung

Die im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts - nach der Stu-


dentenrevolte von 1968 - entstandene deutschsprachige Li-
teratur stellt sich als ein Mit- und Gegeneinander unter-
schiedlichster Tendenzen dar. Getragen wurde sie von vier
Generationen, deren Geburtsdaten fast sechzig Jahre aus-
einanderliegen. Die älteste, vor oder während des Ersten
Weltkriegs geboren, ist hier vertreten durch Peter Huchel
(geb. 1903) und Wolf gang Koeppen (geb. 1906), die zwar
noch in den siebziger Jahren mit dem Gedichtband Die
neunte Stunde bzw. der autobiographischen Prosa Jugend
Werke von hohem Rang veröffentlichten, doch damals be-
reits auf ein weitgehend abgeschlossenes (Euvre zurück-
blicken konnten. Zu ihr zählen auch Elias Canetti (geb.
1905), dessen erstes Werk schon vor 1933 erschienen war
und der in den frühen sechziger Jahren mit dem wiederauf-
gelegten Roman Die Blendung sowie dem Großessay Masse
und Macht zwei Hauptwerke veröffentlicht hatte, doch erst
in den siebziger und achtziger Jahren ein breiteres Publi-
kum fand, und George Tabori (geb. 1914), der sich in engli-
scher Sprache, zu der ihn das Exil gezwungen hatte, ver-
stärkt der deutschsprachigen Bühne zuwandte, sowie Peter
Weiss (geb. 1916), der in den Jahren von 1975 bis 1981 mit
der Ästhetik des Widerstands zum abschließenden Höhe-
punkt seines Schaffens fand. Zur zweiten bestimmenden
Generation gehören die in den zwanziger und dreißiger Jah-
ren Geborenen, die wie Franz Fühmann (geb. 1922), Ernst
Jandl (geb. 1925) oder Martin Walser (geb. 1927) bereits alt
genug waren, um als Soldaten oder Flakhelfer in den Zwei-
ten Weltkrieg ziehen zu müssen, oder als Kinder den Ter-
ror der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und die
Schrecken des Krieges bewußt erlebten - wie Hubert Fichte
(geb. 1935) die rassistische Vernichtungsdrohung wegen sei-
12 Einleitung

nes jüdischen Vaters und Volker Braun den Un-


(geb. 1939)
tergang Dresdens. Zu dieser Generation zählen u. a. mit

Günter Grass (geb. 1927), Hans Magnus Enzensberger


(geb. 1929) und Uwe Johnson (geb. 1931) einige der Auto-
ren, die seit der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre der
deutschsprachigen Nachkriegsliteratur thematisch wie for-
mal weiterführende und erstmals wieder auch international
beachtete Impulse verliehen haben. Eine dritte Generation
bilden die in den vierziger Jahren Geborenen, von Rolf Die-
ter Brinkmann und Brigitte Kronauer (beide 1940 geb.) bis
zu Botho Strauß, Christoph Hein (beide 1944 geb.) und
Elfriede Jelinek (geb. 1946). Nur die älteren unter ihnen
mögen sich noch an das Kriegsende erinnern können, alle
aber haben bewußte Erinnerungen an die Jahre nach dem
Zusammenbruch des Nationalsozialismus mit ihrem Ge-
geneinander von Neubeginn und Fortdauer oder Restau-
ration. Zur jüngsten Generation schließlich, die sich zu
Wort meldete, gehören die fünfziger Jahrgänge, hier vertre-
ten durch Werner Söllner (geb. 1951), Herta Müller (geb.
1953) und Bert Papenfuß-Gorek (geb. 1956), sowie die wie
Durs Grünbein (geb. 1962) in den frühen sechziger Jahren
Geborenen.
Eine ganze Reihe von Autoren - stellvertretend seien Weiss
und Johnson genannt - haben das Jahr 1989 nicht mehr er-
lebt, das als Höhepunkt der 1985 mit Gorbatschows Ernen-
nung zum Generalsekretär der KPdSU einsetzenden »Pere-
stroika« eine über die nördliche Hemisphäre hinaus folgen-
reiche weltgeschichtliche Zäsur bildete. Aber auch davon
abgesehen kommt der Generationszugehörigkeit, so wich-
nur bedingt Aussagekraft zu. Denn die besondere
tig sie ist,
Zeugenschaft des einzelnen, seine je unverwechselbare Er-
fahrung ergeben sich ja erst aus dem Zusammenwirken von
»annalistischer« Zeitgenossenschaft und konkreten politisch-
sozialen und kulturräumlichen wie auch geschlechtsspezi-
fischen und ethnischen Prägungen. So wurde für Canetti,
Tabori, Weiss, Greve und Benyoetz das Exil prägend. Teil-
3

Einleitung 1

weise gaben sie ihre Muttersprache auf oder wechselten


zwischen der deutschen Sprache und der Sprache des Lan-
des, das ihnen Schutz gewährt hatte. Die DDR stellte sich
einem kritischen Sozialisten wie Braun, der bewußt im
Land blieb, anders dar als Huchel, den der Staatssicherheits-
dienst jahrelang streng und schikanös überwachte, bevor
die Mächtigen ihm die Übersiedlung nach Westdeutschland
gestatteten. Darauf reagierte Huchel seinerseits anders als
Autoren wie Kunert, Sarah Kirsch oder Hilbig, die in der
Zeit nach Biermanns Zwangsausbürgerung 1976 die DDR
verließen und noch jung genug waren, um sich auf dem
westlichen literarischen Markt zu etablieren. Wiederum
charakteristisch abweichende Lebensgeschichten liegen den
Texten der rumäniendeutschen Autoren Pastior, Söllner
und Herta Müller zugrunde, bei denen sich zu der Erfah-
rung einer in vielen Zügen grotesken Despotie die Trauer
über die im Aussterben begriffene Kultur der eigenen
sprachlichen Minderheit gesellt. Von den (west)deutschen
erheblich abweichende Prägungen gelten auch für die öster-
reichischen und deutschschweizer Autoren. Faßbar ist das
nicht zuletzt in spezifischen räumlichen Orientierungen
und Traditionswahlen, in Handkes idiosynkratisch gegen
das westliche Deutschland gerichteter Ausrichtung am ehe-
maligen Jugoslawien, zumal Slowenien, in Benyoetz' Rück-
griff auf alttestamentliche Spruchweisheit oder in der mi-
nimalistischen Prosa Bichsels, die sich stark am Vorbild
Robert Walsers, eines anderen Deutschschweizers, ausrich-
tet und einen entfernteren Vorläufer in Gottfried Kellers
schmerzlicher Sozialisationsgeschichte Pankraz der Schmol-
ler fand. Schließlich verbinden sich die generationsbeding-
ten auch mit geschlechtsspezifischen sozialen Erfahrungen,
die Jelinek etwa zum Extrem Mimesis an
einer subversiven
die Sprache männlich geprägter Pornographie führte, oder
auch mit Erfahrungen sexueller Devianz, die Fichte in der
Nachfolge des nach wie vor unterschätzten Hans Henny
Jahnn homosexuelle Wunschängste ausformulieren ließ. Be-
14 Einleitung

trachtet man die bis 1990 bestehende alte Bundesrepublik


hypothetisch als Zentrum des deutschsprachigen Kultur-
raums, so stellt sich die seit der Studentenrevolte entstan-
dene Literatur von Rang in hohem Maße als eine Litera-
tur von den kulturräumlichen, politisch-sozialen und ge-
schlechtsspezifischen »Rändern« dar. Darin trifft sie sich
mit einem die letzten Jahrzehnte bestimmenden kritischen
Diskurs Westeuropas und Nordamerikas, der scheinbar
selbstverständliche kulturelle Geltungsansprüche auf unter-
schiedlichste Weise in Frage stellte. Das bezeugt nicht zu-
letzt auch die wachsende Bedeutung der u. a. von italieni-
schen und türkischen Immigranten bzw. Immigrantenkin-
dern geschriebenen Literatur in deutscher Sprache.
Mit der Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Generationen,
Geschlechtern, Kulturen, Ethnien und staatlich-politischen
Räumen hängen voneinander abweichende Wahrnehmun-
gen bzw. Wertungen der historischen Zäsuren zusammen,
die als solche nicht schon Zäsuren von literarischer Bedeu-
tung zu sein brauchen. Im Jahr 1968 erschütterten zwar die
Studentenunruhen mit Frankreich und der Bundesrepublik
Deutschland zwei führende westeuropäische Demokratien,
und für den Ostblock markierte die Okkupation der CSSR
durch die Armeen der Warschauer-Pakt-Staaten einen tiefen
Einschnitt. Doch das Erleben dieser Erschütterungen führte
keineswegs zu einer gemeinsamen europäischen Erfahrung.
Für die Mehrzahl der Autoren aus den realsozialistischen
Staaten leitete sie den endgültigen Abschied vom marxisti-
schen Emanzipationsprojekt ein, während dieses im Westen
einen in die siebziger Jahre hineinreichenden Aufschwung
erfuhr. Damit hängt zusammen, daß die Proteste gegen die
Invasion der CSSR im Verhältnis zu solchen gegen den
Vietnamkrieg verhalten blieben und sich die oppositionellen
68er beider Seiten nach Zusammenbruch des Ostblocks -
sofern sie überhaupt miteinander sprachen - ganz unter-
schiedlicher Erfahrungen entsannen. Im Westen ging mit
»1968« ein entschiedener Kunstverdacht einher, während
5

Einleitung 1

»1968« im Osten die Kunst als entscheidendes Medium von


Vorbehalt, Einspruch und Gegenrede zur Herrschaftsideo-
logie eher noch aufgewertet haben dürfte. Auch »1989« hat
für die Menschen jenseits des Eisernen Vorhangs - mit
stärksten Wirkungen bis in die Gegenwart der Jahrtausend-
wende - etwas ganz anderes bedeutet als für die im wohl-
habenden demokratischen Westen. Dort wurde die Zäsur
nicht abrupt, sondern in - unabweislichen - verzögerten
Wirkungen als solche erst im Abstand eines Jahrzehnts
deutlich. Die Funktion der Kunst und mit ihr die Bedeu-
tung des Schriftstellers wandelten sich damals im Osten in
kürzester Zeit auf dramatische Weise. Willfährige Auto-
ren der ehemals sozialistischen Staaten wie Hermann Kant
konnten nicht weiter auf Vergünstigungen des Systems,
dem sie gedient hatten, hoffen. Ihre kritischen Kontrahen-
ten, zumal Christa Wolf, gingen in wenigen Monaten der
überragenden Bedeutung verlustig, die sie unter den Bedin-
gungen einer fehlenden Öffentlichkeit im westlichen Ver-
ständnis jahrzehntelang besessen hatten - ohne daß sich an
ihrer literarischen Qualität etwas geändert hätte. Mit einem
Schlag sahen sie sich in der gleichen Lage wie ein Günter
Grass, dessen politische Einschätzungen - durchaus reprä-
sentativ für den Erosionsprozeß, dem die Autorität des
Autors unter den Bedingungen westlich-permissiver, zu-
nehmend mediengeprägter Demokratien seit Kriegsende
ausgesetzt war - nicht weiterhin von irgendeiner außerpoli-
tischen Aura geschützt wurden. Wenn schon die West und
Ost übergreifend prägenden politischen Daten unterschied-
lich erfahren wurden, so gilt dies vollends für diejeni-
gen, deren Bedeutung, gesamteuropäisch gesehen, begrenzt
blieb. Für die alte Bundesrepublik Deutschland war dies
etwa die verstärkt seit Mitte der siebziger Jahre zu beobach-
tende Abwendung von der Aufbruchstimmung um 1968 -
u. a. der Rücktritt Willy Brandts, der sogenannte Radikalen-
erlaß, der RAF-Terrorismus und die ihm antwortende
staatliche Gewalt setzten Zeichen. In der DDR bedeutete
16 Einleitung

1976 mit der Ausbürgerung Biermanns und dem darauf


folgenden Exodus einer Vielzahl der führenden Autoren
einen tiefen Einschnitt gerade für die Literatur, aber nicht
nur für sie.
Wie soll man angesichts solcher Verhältnisse und im Blick
auf die Unübersichtlichkeit vielfältigster koexistierender
und konkurrierender Tendenzen die literarische Entwick-
lung des letzten Jahrhundertdrittels fassen? Heinz Ludwig
Arnold, u. a. als Herausgeber der für die Literatur nach 1945
wichtigen »Text und Kritik« -Reihe einer der besten Kenner
der neueren deutschsprachigen Literatur, hat zu Beginn der
neunziger Jahre vorgeschlagen, die Literatur seit Kriegsende
in die drei Etappen »Die Last der Vergangenheit oder Die
Moralisierung der Literaten«, »Die Vision einer Zukunft
oder Die Politisierung des Literarischen« und »Die Flucht
aus der Gegenwart oder Die Privatisierung der Literatur«
zu gliedern. Demnach käme den mit »1968« bezeichneten
literarischen Tendenzen die doppelte Funktion zu, einerseits
die vorausgehende Literatur im Sinne einer politischen
Wendung des moralischen Engagements radikalisierend fort-
geführt, andererseits den Anstoß zur Gegenbewegung ei-
ner individualistischen Flucht aus Geschichte und Verant-
wortung gegeben zu haben. Solch groben Rasterungen sollte
man, da sie - notwendigerweise vereinfachend - orientieren
wollen, nicht ihre mangelnde Differenziertheit vorwerfen.
Zu fragen aber ist nach ihrer die Sache selbst erschließenden
Kraft: Wie steht es um die Richtigkeit der Behauptung, wo-
nach sich die deutschsprachige Literatur der letzten Jahr-
zehnte als »Flucht« und »Privatisierung« lesen lasse? Beim
Versuch einer Antwort stößt man, erwartungsgemäß, nicht
nur auf gegenläufige Tendenzen, für die hier nur solch un-
terschiedliche und im Rang ungleiche Werke wie Bölls Die
verlorene Ehre der Katharina Blum, Johnsons Jahrestage
oder die Dramen und Romane Jelineks genannt seien. Man
sieht sich vor allem dem Sachverhalt gegenüber, daß jene
Tendenzen, die man geneigt sein könnte, vereinfachend als
7

Einleitung 1

negierende Absetzbewegungen zu verstehen, tatsächlich ei-


ner Dialektik von Bruch und Kontinuität folgen. Auch die
Literaturgeschichte der letzten Jahrzehnte vollzieht sich
nicht nur in abrupten Kehrtwendungen, sondern zugleich -
und vielleicht stärker noch - in variierenden und kritischen
Weiterführungen, in der deutlichen Entwicklung von vor-
mals nur nachrangig Thematisiertem, in der zunächst nur
beiläufigen Artikulation von Nebenthemen, die erst zu ei-
nem noch nicht absehbaren späteren Zeitpunkt bestimmend
werden mögen.
Dies gilt zumal für die sogenannte Neue Subjektivität, mit
welchem Schlagwort man so ungleichartige Werke der sieb-
ziger Jahre wie Peter Schneiders Erzählung Lenz, Peter
Handkes Erinnerungsbuch Wunschloses Unglück oder die
Betroffenheitsprosa Karin Strucks zu fassen suchte. Wenn
hier nicht mehr so sehr, wie noch wenige Jahre zuvor, das
»Ich in der Geschichte« als vielmehr die »Geschichte im
Ich« thematisiert wurde (Ingeborg Bachmann), so läßt sich
dies auch als Radikalisierung eines durchaus nicht unpoli-
tischen Interesses lesen, das die schicksalhafte Übermacht
äußerer Geschichte bis in die diskursiv-mediale Prägung und
die psychische Konstitution des einzelnen verfolgt. Wenn
man andererseits in den achtziger Jahren »postmoderne«
Tendenzen zu einem reflektierten, zitathaften Umgang mit
den unterschiedlichsten Gattungen, Schreibkonventionen
oder symbolisch-mythologischen Beständen beobachten
konnte, so handelte es sich dabei nicht in jedem Fall um un-
verbindliche Puzzlespiele oder die simple Negation des gele-
gentlich naiven Authentizitätsanspruchs der »Neuen Sub-
jektivität«, sondern vielfach und ernsthaft um die explizite
Entwicklung des auch ihr von Anfang an inhärenten Pro-
blems, ob und wie sich denn innere und äußere Erfahrung
überhaupt noch literarisch verbindlich aussagen lassen. Und
dieses Problem seinerseits hat - wie auch schon die politische
Wendung um 1968 und die zum »subjektiven Faktor« in
den siebziger Jahren - seine Vorgeschichte in der Genese der
1 8 Einleitung

Moderne, hatte es doch schon am Ausgang der Romantik in


Hegels Vorlesungen zur Ästhetik unter dem Stichwort »Das
Ende der romantischen Kunstform« geheißen: »Das Gebun-
densein an einen besonderen Gehalt und eine nur für diesen
Stoff passende Art der Darstellung ist für den heutigen
Künstler etwas Vergangenes und die Kunst dadurch ein
freies Instrument geworden, das er nach Maßgabe seiner
subjektiven Geschicklichkeit in bezug auf jeden Inhalt,
welcher Art er auch gleichmäßig handhaben kann.«
sei,

Unter den Bedingungen einer sich nach 1989 rasend be-


schleunigenden Weltgeschichte mit ihrer jeden einzelnen
ergreifenden Gewalt gibt Hegels - aufgrund fragwürdiger
geschichtsphilosophischer bzw. ästhetischer Prämissen ge-
gebene - Diagnose etwas von den Schwierigkeiten zu er-
kennen, aus deren Abarbeitung erst die prekäre Verbind-
lichkeit gegenwärtiger Literatur entstehen kann. Dabei geht
es nicht um die Alternative zwischen einer sowieso unmög-
lichen voraussetzungslosen, authentischen Sprache der Be-
troffenheit und einer traditionsgesättigten, hochreflektierten
Kunstsprache, sondern, wie heikel diese auch sein mag, um
die Unterscheidung zwischen einer Artistik, die nichts ande-
res mehr als sich selbst anzeigt, und einer Artistik, die im
Bedenken von geschichtlich gebundener Formprägung über
sich selbst hinaus auf erfahrene Wirklichkeit verweist.
So ließe sich denn die von Arnold mit den Stichworten
»Moralisierung«, »Politisierung« und »Privatisierung« um-
rissene Geschichte der deutschsprachigen Literatur nach
1945 auch anders schreiben: Die Literatur nach 1945 mußte
an die durch den Nationalsozialismus weitgehend unter-
drückte Tradition der europäischen und amerikanischen wie
auch die der eigenen deutschsprachigen Moderne allererst
anknüpfen, um eine - soweit möglich - angemessene Spra-
che für die Katastrophen und Gefährdungen zu finden, in
deren fortdauerndem Bann sie stand. Die Preisgabe des da-
mit aufs engste verbundenen Kunstanspruchs in der 68er-
Bewegung zugunsten operativer, politisierender Formen
9

Einleitung 1

bedeutete zwar einen Bruch mit dem Kunstverständnis der


Vorgängergeneration, stand gleichwohl aber mit der Forde-
rung nach eingreifendem Handeln politisch in deren restau-
rationskritischer Tradition. Die Orientierung auf den »sub-
jektiven Faktor«, wie sie sich in der Absage an die sozial-
utopischen Erwartungen der 68er in den siebziger Jahren
vollzog, war - ungeachtet manch unsäglichen Textes - nicht
durchweg eskapistische Wende, sondern vielfach auch eine
realitätsgerechte Besinnung auf ein - in der Gefährdung in-
dividueller Wahrnehmung und Sprache real erfahrenes -
elementarer begriffenes Politisches. Und die verstärkte Be-
tonung von Tradition und artistischem Handwerk in den
achtziger Jahren begünstigte nicht nur ein durchaus legiti-
mes Virtuosentum, sondern schärfte auch das Bewußtsein
für die Einsicht, daß sich unverwechselbare und damit not-
wendigerweise zeitkritische Erfahrung allein in stets neu zu
findender Form aussagen lasse. Angesichts solch grundsätz-
licher Problemlagen erscheinen Debatten wie die 1990 um
Christa Wolfs Was bleibt und 1993 um Strauß' Essay An-
schwellender Bocksgesang ebenso wie die 1995 um Grass'
Ein weites Feld und 1996 um Handkes Eine winterliche Reise
von literarisch geringer Erheblichkeit, so bezeichnend sie für
ein verändertes politisches und kulturpolitisches Klima auch
sind. Mit dem Zusammenbruch der realsozialistischen Staa-
ten ist die Rolle des Schriftstellers als des moralischen Füh-
rers der Nation ausgespielt, und das Sprechen im Namen ei-
ner neuen nationalen Mythologie erweist sich unter den
ökonomischen, technischen und medialen Bedingungen der
Gegenwart als fragwürdiger Versuch der Erneuerung schon
in der Romantik gescheiterter Bestrebungen. Ihre kritischen
Aufgaben freilich haben die Autoren nicht verloren. Der
Stellenwert der Literatur mag sich in einer Welt digitaler In-
formation dramatisch zu ihren Ungunsten verändert haben,
doch muß damit nicht zugleich ihre Bedeutung als ein Ort,
an dem noch immer emphatisch verstandene Erfahrungen
mitgeteilt werden, gesunken sein - auch das Gegenteil wäre
20 Einleitung

denkbar. Die Fragen jedenfalls sind geblieben: die Endlich-


keit des einzelnen, die Gefährdung seiner Würde, die Be-
drohung der Natur und damit der Lebensgrundlagen der
menschlichen Gattung, und mit den Fragen die Aufgaben
der Literatur: mit ihren Mitteln das in Anschauung zu über-
führen, ins Bewußtsein zu heben, was ist, zu warnen, imagi-
native Freiräume zu schaffen.
Die doppelte, ineinandergreifende, Entwicklung, in der sich
die Abwendung von »1968« vollzog - von der Verfaßtheit
der Gesellschaft bzw. des »Systems« zu der des Ich, des
»subjektiven Faktors«, und von der Kunstfeindschaft zur,
skeptischer gewordenen, Erneuerung des Glaubens an die
Unverzichtbarkeit von Kunst - läßt sich nicht zuletzt an
Veränderungen von Gattungspräferenzen, ja der Gattungen
selbst ablesen. Die 68er-Bewegung hatte agitatorische Lyrik,
Volksstück und, vor allem in der Sachprosa, aber auch in er-
zählender und dramatischer Literatur, dokumentarische
Tendenzen begünstigt. Es ging um die »politische Alphabe-
tisierung Deutschlands«, wie Enzensberger im Kursbuch 15
formulierte, in dem er in Aussicht stellte, daß der Schrift-
steller, der sich auf sie einlasse, »plötzlich eine kritische

Wechselwirkung, ein feedback zwischen Leser und Schrei-


ber« erfahren werde, »von dem er sich als Belletrist nicht
konnte träumen lassen«. Wenige Jahre später veröffentlichte
Enzensberger selber wieder Lyrik, es erschienen zahlreiche
Autobiographien, darunter die dreibändige Canettis und
die fünfbändige Bernhards, und Brinkmann stellte in sei-
nem Tagebuch Rom, Blicke die verurteilungssüchtige eigene
Subjektivität in wütender Aggressivität heraus. Wie der er-
neuerte Kunstanspruch vielfach eine Überprüfung der Se-
mantik traditioneller Gattungen erzwang, ist etwa dem Be-
ginn von Pastiors Autobiographischem Text zu entnehmen,
der mit der Pseudologik der sinngebenden Konjunktionen
den Erklärungsanspruch traditioneller Autobiographik zur
Diskussion stellt: »Obwohl mein Vater nicht nur Zeichen-
lehrer war sondern auch später einmal starb, hat meine Mut-
Einleitung 21

ter mich zwar sowohl in Siebenbürgen als auch in jenem


Jahre, das für mein weiteres Leben ausschlaggebend werden
sollte, aber doch geboren.« Auch bei anderen Autoren be-
deutete die Erneuerung des Kunstanspruchs nicht zugleich
und umstandslos die Wiederaufnahme von 1968 angezwei-
felten Gattungstraditionen. Zwar ist der seit dem Bruch mit
der Regelpoetik im 18. Jahrhundert feststellbare Prozeß der
Auflösung der Gattungen wohl noch stets von der Gegen-
bewegung neuer - normativ weniger verbindlicher - Gat-
tungspräferenzen begleitet gewesen. Doch schärfte auch
dieser gegenläufige Prozeß vielfach das Bewußtsein für die
mit der Automatisierung der Gattungen verbundenen Risi-
ken. So suchen denn die am stärksten reflektierenden Auto-
ren - und nach 1968 stärker wohl als in den fünfziger Jahren
- die durch Gattungen positiv eröffneten Spielräume unter
Vermeidung ihrer Risiken zu nutzen, indem sie Gattungs-
wahl und Thematisierung von Gattungskonventionen in
ein spannungsreiches Verhältnis zueinander bringen. An
Weiss' Ästhetik des Widerstands ist das abzulesen wie an
Johnsons Jahrestagen. Doch läßt sich diese Tendenz nicht
nur in erzählerischen Großformen erkennen. Auch bei Hei-
ner Müller, dem Dramatiker, ist sie faßbar, und zwar im
Mit- und Gegeneinander von Zitatblock, lyrischem Mono-
log und nurmehr punktueller konflikthafter Verdichtung,
oder in Walsers Meßmers Gedanken, dem Versuch einer
sich vom Erzählerischen abwendenden, tendenziell aphori-
stischen, hochgradig reflexiven neuen Prosa.
So wenig mehr Gattungen als Formschemata verbindlich
vorgegeben sind, so wenig sind es bestimmte Schreibwei-
sen. So steht der ins Halluzinatorische gesteigerte Beschrei-
bungsrealismus, mit dem Weiss in der Ästhetik des Wider-
stands die Hinrichtung der Widerstandskämpfer in Plötzen-
see vergegenwärtigt, neben Jelineks zitathafter, ins Groteske
kippender Mimesis an die Sprache der Pornographie und
Koeppens dem Prosagedicht verpflichteten poetisch-herben
Kindheits- und Jugenderinnerungen. In der Lyrik finden
22 Einleitung

sich neben Gedichten in der Nachfolge Benns oder der da-


daistischen Moderne solche, die in Gestus und Ton sehr viel
ältere Traditionen variierend aufnehmen und angesichts de-
rer die Rede von der unablässig progredierenden Formen-
sprache, deren jeweils letzter Stand nur um den Preis des
ästhetischen Scheiterns zu vermeiden sei, fragwürdig er-

scheint. Dennoch daß sie ihre Irritationskraft


trifft es zu,
wesentlich aus der Spannung zu den »avancierten« lyrischen
Idiomen ihrer Zeit gewinnen. Auch im dramatischen Genre
läßt sich die reflektierte Fortbildung unterschiedlichster
Traditionsbestände feststellen: von der Commedia delParte
und dem Chaplinschen Slapstick (Tabori) über das Brecht-
sche Lehrstück (Heiner Müller) bis zur Gesellschaftskomö-
die des Boulevardtheaters des 19. Jahrhunderts (Strauß).
Die Koexistenz unterschiedlichster, ja widersprüchlichster
ästhetischer Bestrebungen, Gattungen und Schreibweisen in
der Literatur der letzten drei Jahrzehnte ist als solche nicht
neu. Schon an den Wenden zum 19. und zum 20. Jahrhun-
dert ließen sich komplexe Schichtungen und Verwerfungen
beobachten. Unter den medialen Bedingungen der Gegen-
wart geraten die Autoren freilich verstärkt in Zugzwang.
Wo keine Formen mehr vorgegeben sind, vielmehr alle im
»musee imaginaire« der Weltliteratur vorhandenen prinzi-
piellzur Verfügung stehen und jede noch so gelungene neue
Formfindung alsbald einem raschen Alterungsprozeß aus-
gesetzt ist, erledigt sich das Problem der Form nicht im
Sinne eines beliebigen Verfügens, sondern es stellt sich in

seiner ganzen Schärfe. Form im emphatischen Sinn ist, je in-


dividuell, Form dieses und nur dieses Inhaltlich-Themati-
schen: sie ist nichts anderes als dessen nach außen - oder in-
nen - gewendete andere Seite. Die besten der hier versam-
melten Texte zeugen denn auch in der Unverwechselbarkeit
und Inkommensurabilität ihrer Form von einer aus indivi-
dueller Erfahrung gespeisten Verbindlichkeit. Mit Ingeborg
Bachmanns Worten sprechen sie, gerade weil hybride Vor-
stellungen individueller, genieästhetischer Autonomie zu
Einleitung 23

verabschieden sind, in ihrer Form vom »Ich ohne Gewähr«,


bei Ludwig Greve in der klassizistisch-hohen Form der
alkäischen Ode wie in Ernst Jandls Stanzen, die eine volks-
tümliche niederösterreichische Strophenform aufnehmen.
So trifft am Ende
des 20. Jahrhunderts beides zu: daß Lite-
ratur bedroht durch Informations- und Bilderflut, Digi-
ist

talisierung und Virtualisierung und daß sie gerade deswegen


als Korrektiv vorerst unverzichtbar bleibt. Was Dieter Wel-
lershoff 1976 für die westlichen Industriegesellschaften fest-
stellte - gerade weil Kunst »aus der Aufgabe der Identitäts-
stiftung und normativen Verhaltenssteuerung« entlassen sei,

könne sie »ohne die Scheinstabilität eines auferlegten Pro-


gramms seismographisch das Beben des Gesellschaftskör-
pers registrieren« -, gilt aller Skepsis zum Trotz bis auf wei-
teres für die Literatur des deutschen Sprachgebiets insge-
samt.
I. Rede

Anders als in Nationen mit einem ausgeprägten Sinn für


Zusammenhang und Zusammengehörigkeit - Frankreich
etwa oder England, auch Italien - hat sich die öffentliche
Rede, die politische wie die Gerichtsrede, als eigenständige
Gattung in Deutschland nie voll entfalten können. Der Ver-
dacht bloßer Rhetorik begleitete in einer immer wieder auf
den einzelnen und dessen Innerlichkeit setzenden polyzen-
trischen Kultur jedes bewußt in die Öffentlichkeit gespro-
chene Wort. »Bei« seiner »Nation«, schrieb Goethe, habe
sich »nichts zu reden« gefunden, und Rudolf Borchardt be-
merkte ein Jahrhundert später im Nachwort seiner »Deut-
schen Denkreden«: »Wir haben nie besessen, was bei unsern
Nachbarn sich mit organischer Notwendigkeit [. .] ausbil-
.

den musste [. .]: jenen Geist der Öffentlichkeit, des ideell


.

vorschwebenden nationalen Gemeinschaftsraumes, der wo


er waltet, jede beliebige Stätte, den offenen Platz wie das
Theater und die Kirche und das gedruckte Blatt zu einer
realen Stätte angeredeter Versammlungen improvisieren
kann.« Nicht »auf Kanzeln und Tribünen«, sondern »in stil-
len Schreibstuben und kleinen Versammlungskammern und
in Gremien der Akademie« hatte Borchardt die Reden »ge-
sucht und gefunden«, die er in seiner Sammlung veröffent-
lichte: fast durchweg Nekrologe auf große Wissenschaftler
und Schriftsteller, »ein Werk«, wie er hervorhob, »dem
weder Bossuets Nation noch eine andre ein gleiches zur Seite
zu stellen« vermöchte. An diesem während der krisen-
geschüttelten Weimarer Republik ausgesprochenen Befund
dürfte sich zwischenzeitlich nicht viel geändert haben, nach
zwei Diktaturen auf deutschem Boden und einer durch die
westlichen Sieger des Zweiten Weltkriegs geschenkten De-
mokratie, die sich ihrer Grundlagen, zumal in Zeiten wirt-
schaftlicher Krisen und wachsender internationaler Ver-
26 /. Rede

flechtungen, noch mühsam versichern muß und darin mit


gegenwärtigen Schwierigkeiten der öffentlichen Rede auch
in den begünstigter en Nationen übereinkommt. In diesem
Sinne stellte das Wendejahr 1989 eine Chance dar, die nur
wenige deutsche Autoren zu nutzen verstanden.

MARTIN WALSER

Geb. 29. März 1927 in Wasserburg am Bodensee. 1944/45 Arbeitsdienst, Flak-


helfer. 1951 Abschluß des Studiums mit einer Promotion über Kafka. Bis 1957
Mitarbeiter des Süddeutschen Rundfunks, seitdem freier Schriftsteller. Lebt in
Überlingen am Bodensee, dem Schauplatz mehrerer seiner Werke. Büchner-
Preis 1981.
Werke: Ein Flugzeug über dem Haus und andere Geschichten (1955); Ehen in
Philippsburg R. (1957); Halbzeit R. (1960); Beschreibung einer Form. Versuch
über Franz Kafka (1961); Erfahrungen und Leseerfahrungen Ess. (1965); Das
Einhorn R. (1966); Die GallistVsche Krankheit R. (1972); Der Sturz R. (1973);
Wie und wovon handelt Literatur? Aufsätze und Reden (1973); Jenseits der
Liebe R. (1976); Ein fliehendes Pferd N. (1978); Seelenarbeit R. (1979); Selbst-
bewußtsein und Ironie. Frankfurter Poetik-Vorlesungen (1981); Brief an Lord
Brandung R. (1985); Meßmers
Liszt R. (1982); Liebeserklärungen Ess. (1983);
Gedanken Aphorismen (1985); Dorle und WolfN. (1987); Gesammelte Stücke
(1987); Die Jagd R. (1988); Über Deutschland reden Ess. (1988); Die Vertei-
digung der Kindheit R. (1991); Ohne einander R. (1993); Vormittag eines
Schriftstellers Ess. (1994); Finks Krieg R. (1996); Werke in zwölf Bänden
(1997); Ein springender Brunnen R. (1998).

Die Rede, die Martin Walser innerhalb der seit 1983 veran-
stalteten »Reden über das eigene Land« am 30. Oktober
1988 in den Münchner Kammerspielen hielt, ist doppelt be-
merkenswert: zum einen als Versuch, die eigene Erfahrung
eines geschichtlich begründeten nationalen Zusammenhangs
aus dem Abseits des seinerzeit selbst im politischen Diskurs
Verdrängten provozierend ins öffentliche Bewußtsein zu he-
ben, und zum anderen als hellsichtige Vorwegnahme des ein
Jahr später laut und ge schichtsmächtig werdenden Strebens
nach Vereinigung der beiden Teile der durch den Eisernen
Martin Walser 27

Vorhang zerrissenen deutschen Nation - eines Strebens, das


noch Jahre später nicht nur ost-, sondern auch westdeutsche
Intellektuelle, die durch 1989 überrascht worden waren, wi-
der Walsers bessere Einsicht als vorwiegend ökonomisch be-
gründet abzuwerten versuchten. (Walser am 5. Dezember
1989: »Hunderttausende, also Massen, haben sich wahrhaf-
tiger und genauer, also richtiger ausgedrückt als alle Intel-
Im zweiten Teil der Rede geht Walser u. a. auf
lektuellen. «)
den aus dem Meißnischen stammenden Weimarer Dichter
Wulf Kirsten ein, dessen Sprache er als »schwer von Vergan-
genheit« rühmt, als eine Sprache, wie sie »bei uns«, im We-
sten, nicht geschrieben worden sei, eine Sprache, »in der
man sich verproviantieren« könne »gegen Geschwindigkeit,
Anpassung, Verlust«.

Über Deutschland reden (Ein Bericht)


(Auszug)

Ist manfähig oder gar verpflichtet, Kindheitsbilder nach-


träglichzu bewerten, oder darf man sich diesem allerreich-
sten Andrang einfach für immer überlassen? Ich habe das
Gefühl, ich könne mit meiner Erinnerung nicht nach Be-
lieben umgehen. Es ist mir, zum Beispiel, nicht möglich,
meine Erinnerung mit Hilfe eines inzwischen erworbenen
Wissens zu belehren. Die Erinnerung reicht zurück in eine
Zeit, von der ich inzwischen weiß, daß sie furchtbar gewe-
sen ist. Jedes Parteigesicht, jede Militärerscheinung, jede
Lehrperson und alle Gesichter aus der Nähe zeigen, daß sie
aus jener Zeit stammen. Aber das Furchtbare selber zeigen
sie nicht. Ein Sechs- bis Achtzehnjähriger, der Auschwitz
nicht bemerkt hat. Kindheit und Jugend entfalten ihren
unendlichen Hunger und Durst, und wenn Uniformen,
Befehlshabergesichter und dergleichen angeboten werden,
dann wird eben das alles verschlungen. Der Ortsgruppen-
leiter erscheint mir als das, was er für mich schon damals ge-
28 /. Rede

wesen ist: quakender Mann in


ein hilflos bairisch-fränkisch
einer schreiend gelbbraunen Uniform, die nirgends hinge-
hörte, nicht in die Gegend und nicht in die Jahreszeit. Er
wirkte, als habe es ihn seinen ganzen Mut gekostet, mit die-
ser grotesken Uniform seine Beamtenwohnung zu verlassen
und auf die Dorfstraße hinauszutreten. Jeder weitere Schritt
muß weiteren Mut gekostet haben. Wenn er dann an seinem
Versammlungsziel ankam, brachte er nur noch dieses ver-
zagte Quaken heraus.
Das Licht, in dem mir die Erinnerung Gegenstände und
Menschen von damals präsentiert, ist ein festhaltendes
Licht, eineArt Genauigkeitselement. Man hat nicht gewußt,
daß man sich das für immer so genau merken wird. Man hat
vor allem nicht gewußt, daß man diesen Bildern nichts
mehr hinzufügen können wird. Keinen Kommentar, keine
Aufklärung, keine Bewertung. Die Bilder sind jeder Unter-
richtung unzugänglich. Alles, was ich inzwischen erfahren
habe, hat diese Bilder nicht verändert. Wenn ich die Bilder
umkreise mit den Maßstäben von heute, kommt mir vor,
die Bilder bedürften der Belehrung auch gar nicht. Das er-
worbene Wissen über die mordende Diktatur ist eins, meine
Erinnerung ist ein anderes. Allerdings nur so lange, als ich
diese Erinnerung für mich behalte. Sobald ich jemanden
daran teilhaben lassen möchte, merke ich, daß ich die Un-
schuld der Erinnerung nicht vermitteln kann. Ich habe nicht
den Mut oder nicht die Fähigkeit, Arbeitsszenen aus Koh-
lenwaggons der Jahre 1940 bis 43 zu erzählen, weil sich her-
eindrängt, daß mit solchen Waggons auch Menschen in KZs
transportiert worden sind. Ich müßte mich, um davon er-
zählen zu können, in ein antifaschistisches Kind verwan-
deln. Ich müßte also reden, wie man heute über diese Zeit
redet. Also bliebe nichts übrig als ein heute Redender. Einer
mehr, der über damals redet, als sei er damals schon der
Heutige gewesen. Ein peinliches Vorgehen. Für mich. Ver-
gangenheit von heute aus gesehen - kann es etwas Über-
flüssigeres geben? Etwas Irreführenderes sicher nicht. Irre-
Martin Walser 29

führend, wenn damit Vergangenheit dargestellt werden soll.


Die meisten Darstellungen der Vergangenheit sind deshalb
Auskünfte über die Gegenwart. Die Vergangenheit liefert
den Stoff, in dem einer heute sich human bewährt.
Historiker, die so vorgehen würden wie ich, rechnet man,
glaube ich, zum Historismus. Eine offenbar momentan
nicht besonders geschätzte Schule. Es gibt aber, zum Bei-
spiel in England, immer noch Forscher, die damit Wichtiges
zutage bringen.
Ich habe das vorweg sagen müssen, weil Deutschland für
mich ein Wort aus jener Vergangenheit ist. Ich weiß, über
diese Vergangenheit soviel Nachträgliches wie jeder andere
auch. Das Ausmaß unserer Verbrechen. Und wenn es schon
schwer zu erklären ist, wie man jede Kindheitsszene von

dem frei halten kann, was diese Kindheit direkt umgab, wie
soll man erklären, daß man sogar ein Wort wie Deutschland
noch retten möchte? Retten für weiteren Gebrauch. Zuerst
glaubt man natürlich, man könne über dieses Land, über
unser Land reden, ohne von Deutschland reden zu müssen.
Aber die Geschichte ist unerläßlich. Wenn sie gutgegangen
wäre, wäre Deutschland sicher nicht zu einem solchen Tag-
und Nachtthema geworden. Wenn die Geschichte gutge-
gangen wäre, würde ich heute abend in Leipzig ins Theater
gehen und morgen wäre ich in Dresden, und daß ich dabei
in Deutschland wäre, wäre das Unwichtigste. Aber weil es
fehlt, hält Thüringen mich besetzt mit Heiligen und Hand-
werkern, mit Spielzeug und Eßzeug, mit Köhlern und Wäl-
dern, mit einer bis ins Erdinnere reichenden Gliederungs-
vielfalt. Wenn ich
heute mit dem Zug an Magdeburg vorbei-
fahre, weiß vor Verlegenheit und Bedauern nicht, wo ich
ich
hinschauen soll. Und wenn mir Königsberg einfällt, gerate
mich dreht und hinunter-
ich in einen Geschichtswirbel, der
schlingt.Jedesmal komme ich wie der Fischer in Edgar Al-
lan Poes Maelström-Geschichte noch weißhaariger zurück.
Daß man nicht einverstanden sein kann mit dem, was pas-
siert ist, zehrt. Das liegt am Jahrgang. Jüngere sind frei da-
30 /. Rede

von. Was ist ihnen Hekuba bzw. Königsberg. Aber auch


jahrgangsnähere Zeitgenossen sind freier davon als ich. Das
ist die Erfahrung, über die ich zu berichten habe. Das ist

mein Problem. Ich werde vorerst noch nicht müde, es aus-


zusprechen, in der Hoffnung, dadurch doch noch zu erfah-
ren, daß es nicht nur mein Problem sei.

GÜNTER GRASS

Geb. 16. Oktober 1927 Danzig; deutsch-polnisches Elternhaus. 1944-46


in
Luftwaffenhelfer, Panzerschütze, Kriegsgefangener. Danach im Kali-Bergbau,
Steinmetz-Praktikum. 1951-56 Studium der Bildhauerei und Graphik. Lebte
1956-59 als freier Schriftsteller in Paris, seit 1960 überwiegend in (West-)Ber-
lin. In den sechziger und siebziger Jahren politisch für die SPD, besonders

Willy Brandt, engagiert; Kritiker der deutschen Wiedervereinigung. Parallel zu


den literarischen zahlreiche graphische Arbeiten. Büchner-Preis 1965, Nobel-
preis für Literatur 1999.
Werke: Die Vorzüge der Windhühner G. (1956); Die Blechtrommel R. (1959);
Katz und Maus N. (1961); Hundejahre R. (1963); Ausgefragt G. und Zeichn.
(1967); örtlich betäubt R. (1969); Theaterspiele (1970); Aus dem Tagebuch ei-
ner Schnecke (1972); Der Butt R. (1977); Denkzettel. Politische Reden und
Aufsätze 1965-1976 (1978); Das Treffen in Telgte E. (1979); Kopfgeburten
oder Die Deutschen sterben aus (1980); Aufsätze zur Literatur 1957-1979
(1980); Die Rättin R. (1986); In Kupfer, auf Stein. Alle Radierungen und Li-
thographien (1986); Werkausgabe (1987, 10 Bde.); Die Gedichte 1955-1986
(1988); Zunge zeigen (1988); Deutscher Lastenausgleich. Wider das dumpfe
Einheitsgebot. Reden und Gespräche (1990); Schreiben nach Auschwitz.
Frankfurter Poetik-Vorlesung (1990); Unkenrufe E. (1992); Ein weites Feld R.
(1995); Fundsachen für Nichtleser. 131 Kurztexte und 117 Aquarelle (1997);
Werkausgabe in 16 Bänden (1997); Mein Jahrhundert Prosa (1999).

Für politische Leistung und politisches Versagen der deut-


schen literarischen Intelligenz im 20. Jahrhundert gibt es kein
sinnfälligeres Beispiel als Heinrich und Thomas Mann, die
»unwissenden Magier«, wie der Historiker Golo Mann sie
einmal nannte. Heinrich Mann hatte während des Ersten
Weltkriegs mit seinem berühmten »Zola«-Essay in dem er y

sich an der aus der Revolution hervorgegangenen Französi-


Martin Walser. Günter Grass 31

sehen Republik orientierte, mutig und entschieden gegen die


wilhelminisch-preußische bzw. deutsch-österreichische Seite
Partei ergriffen.Thomas Mann legte für deren Sache in den
»Gedanken im Kriege«, in »Friedrich und die große Koali-
tion« und (angesichts der Niederlage) in den »Betrachtungen
eines Unpolitischen« nicht weniger entschieden sein Wort ein,
obwohl er freilich durch das vorherrschende nationalistische
Ressentiment gedeckt war. Das gemeinsame Eintreten für die
Weimarer Republik und gegen Hitler brachte die Brüder spä-
ter einander wieder näher. Im Falle Heinrich Manns ging es,
wie seine Autobiographie »Ein Zeitalter wird besichtigt« ver-
rät, mit einer höchst fragwürdigen Wahrnehmung Stalins
einher. Wo Literaten sich, wie Zola im Fall Dreyfus, gegen
manifestes Unrecht oder, wie Heinrich Mann, gegen eine den
Krieg fahrlässig riskierende und bedingungslos betreiben-
de Politik wenden, haben sie eine ernstzunehmende Stimme
einzubringen. Dort aber, wo sie bestehende Macht legitimie-
ren oder utopische Wünschbarkeiten mit dem politisch Not-
wendigen vermischen, begeben sie sich auf ein Feld, wo sie
sich die Kritik nicht nur der politischen Elite, sondern auch
des realitätsbewußten Durchschnittsbürgers gefallen lassen
müssen. 1989 betraf dies Literaten des deutschen Ostens nicht
..

weniger als solche des Westens, und die sich alsbald anschlie-
ßende Debatte um Christa Wolf war auch eine Stellvertreter-
diskussion, in der es um die politische Reife der literarischen
Intelligenz im Augenblick des weltgeschichtlichen Umbruchs
ging. Günter Grass veröffentlichte zur deutschen Wiederver-
einigung im Oktober 1990 unter dem Titel »Ein Schnäppchen
namens DDR« eine »Warnung vor Deutschland«, das als ein
»Monstrum« beanspruche, »Großmacht« zu sein. Ihm haben
neben anderen Günter de Bruyn und Hans Magnus Enzens-
berger widersprochen. De Bruyn machte geltend, daß eine
selbstbewußte, geschichtlich belehrte, von Überheblichkeit
[freie deutsche Nation das Entstehen eines unberechenbaren
Machtvakuums in Mitteleuropa verhindere. Enzensberger
bescheinigte der »überwältigenden Mehrheit der Deutschen,
32 /. Rede

in einer äußerst zugespitzten und politisch gefährlichen Si-


tuation, ein Maß an und Vernunft, das ihr kaum je-
Einsicht
mand zugetraut hätte«, und wies das Verächtlichmachen
östlicher materiellerVerbesserungswünsche durch westliche
Privilegieninhaber - den »Abscheu« vor der »Vorliebe für
die D-Mark« und dem »entsetzlichsten aller Übel«, der
»Fußgängerzone« - deutlich-ironisch zurück. Andere wie
der Soziologe Wolf Lepenies wiesen darauf hin, daß es zur
»Sturzgeburt der Währungsunion und zur blitzartigen po-
litischen Vereinigung der beiden deutschen Staaten« kei-
ne »bezahlbare Alternative« gegeben habe. Innerhalb der
Reihe »Zur Sache: Deutschland« kam Grass in seiner im
Auszug wie dergegebenen Rede vom 23. Februar 1997 im
Dresdner Schauspielhaus auf seine Warnungen in den Jah-
ren des Umbruchs zurück.

Rede über den Standort (Auszug)

Ich weiß, weil jemand ohne Mandat, also ein Schriftsteller


zu Ihnen kann davon ausgegangen werden: Er über-
spricht,
treibt. Und ich gebe zu, daß das Übertreiben zu meinem
Handwerk gehört. Dennoch bitte ich Sie zu bedenken, in-
wieweit und wie oft mich Erfahrungen gelehrt haben, mei-
ner vorauseilenden Sicht zu folgen; auf niederschmetternde
Weise sind meine schlimmsten Übertreibungen von der
Wirklichkeit überboten worden.
Zum letzten Mal habe ich vor sechseinhalb Jahren - so hieß
es - maßlos übertrieben. Sie erinnern sich: Es ging um die
deutsche Einheit. Noch gab es, wenn auch als schäbigen
Rest nur und vorbeugend zur Schrottmasse erklärt, den an-
deren deutschen Staat, die DDR. Die werde billig zu haben
sein, rechneten sich Schlauberger aus. Man müsse nur zu-
greifen.
Ich war gegen diesen übereilten Zugriff und warnte davor,
mit Hilfe einer wahltaktisch zwar wirkungsvoll ausgeklü-
Selbstporträt mit Schnecken nach einer Radierung von Günter Grass
34 /. Rede

gelten, jedoch volkswirtschaftlich ruinösen Währungsunion


jegliches DDR-Produkt und mit ihm eine Vielzahl von Ar-
beitsplätzen auf Null zu bringen. Ich widersprach der west-
lichen Regierungsabsicht, die Vereinigung der beiden Staaten
einzig über den Beitrittsartikel 23 zu vollziehen und den das
Grundgesetz abschließenden Artikel 146 zu mißachten. Ich
sagte voraus: So formal und papieren praktiziert, werde der
Beitritt zum Anschluß verkommen. Ich verhöhnte die Praxis
der zentralistischen Abwicklungsmaschinerie Treuhand und
war mir gewiß, daß solch ein unkontrollierbares Monstrum
ein Übermaß an kriminellem Eifer freisetzen werde. Ich
schlug einen verlangsamten, zur Behutsamkeit einladenden
Weg der Einigung zwischen den Deutschen vor, verbunden
mit einer Zielvorstellung: Nicht eine vergrößerte Bundes-
republik, sondern etwas Neues, ein Bund deutscher Länder,
möge entstehen und so das Beste, das wir haben, den Föde-
ralismus, stärken. Ich warnte, verneinte, schlug vor, ich
machte mir Sorgen und meinte deshalb, beim Ausmalen
absehbarer Gefahren dick auftragen zu müssen.
Damals, als ich so schrecklich übertrieb, wurde mir als Be-
zeichnung für meine nebenberufliche Tätigkeit der Titel
»Schwarzseher der Nation« angehängt. Dabei hatte ich nur
abgestufte Grauwerte benannt; für dicke Schwärze hat dann
die immer noch amtierende Bundesregierung gesorgt: Die
von ihr verursachte Arbeitslosigkeit ist selbst durch einge-
übte Ignoranz nicht mehr zu verdecken; gehäuft zutage tre-
tende Treuhandskandale bezeugen den von mir befürchte-
ten kriminellen Eifer mit milliardenschweren Verlusten. Ein
Heer von Glücksrittern bewies nach Manier mittelalterli-
cher Raubritter hemmungslosen Instinkt. Kleine und große
Schnäppchen wurden gemacht. Das »Absahnen« in großem
Stil erfreute sich steuerlicher Begünstigung; und schon bald

sahen sich die ohnehin geschädigten Bürger der ehemaligen


DDR enteignet: Fortan gehört der Osten weitgehend dem
Westen; und dieser Besitz wird von Generation zu Genera-
tion vererbt werden.
Günter Grass 35

Nur inden übelsten Phasen deutscher Geschichte hat Hab-


sucht so folgenreich um sich greifen dürfen. Arroganz sprach
sich aus: Wir nehmen Euch den Krempel zum Schrottpreis ab
und zahlen noch ne Kleinigkeit drauf. Nach dieser Devise
haben westdeutsche Konzerne mögliche Konkurrenz zum
Verschwinden gebracht. Ob in Zwickau oder Magdeburg,
ob in Bischofferode oder Eisenach, überall wurde vorsorg-
lich planiert.
Und ähnlich rabiat war man bemüht, alles zu löschen,
was an den untergegangenen Staat hätte erinnern können.
Ob Polikliniken oder betriebseigene Kindergärten, nichts
durfte bleiben. Kulturleistungen, die trotz Zensur und ge-
gen ideologische Engstirnigkeit ihren Bestand bewiesen
hatten, waren westlicher Mißachtung sicher. Bücher wurden
wie Makulatur, Bilder als Schund bewertet. Und die Gold-
medaillen erfolgreicher DDR-Sportler hatten im Nachhol-
verfahren als dopingverdächtig zu gelten. Nur dem in
der Berliner Normannenstraße gesichteten Spitzelfleiß des
Staatssicherheitsdienstes kam ungeschmälert Bedeutung zu:
Bis heutzutage wirkt und lähmt das freigesetzte Gift.
So ging und geht man mit Menschen um, die die schwerste
Folgelast des von allen Deutschen verbrecherisch geführten
und verlorenen Krieges hatten tragen müssen. Nicht ein La-
stenausgleich wurde gewährt, vielmehr nahm man wie von
erobertem Feindesland Besitz! Landsleute, denen während
vierzig Jahre lang anhaltender Diktatur Leid genug zuge-
fügt wurde und die, als dann die Mauer fiel, in gutem Glau-
ben gewesen waren, sie dürften ihre beschädigte Existenz
vor weiterer Entstellung bewahren, sahen sich fortwirken-
dem Stasiverdacht ausgesetzt. Und jenes westliche Angebot
von Freiheit, das so verheißungsvoll gewesen war, redu-
zierte sich bald auf Begriffe wie »Reisefreiheit« und »Frei-
heit des Marktes«.
II. Programmatisches, Kritisches

Die moderne Literatur im emphatischen Sinne wurde, von


der Romantik bis zum Expressionismus und zur Neoavant-
garde der Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, von pro-
grammatischen und kritischen Verlautbarungen begleitet,
die bei aller Unterschiedlichkeit, zukunftszugewandt waren
und in der Geste des Bruches mit der Tradition miteinander
übereinstimmten - auch wenn man dabei selbst in einer Tra-
dition der Traditionsbrecher stand. Das daran ablesbare
Selbstbewußtsein war seit den sechziger Jahren heftigen
Erschütterungen ausgesetzt: durch die Einsicht in die Aporien
der Moderne, durch die politisch-gesellschaftskritische Infra-
gestellung der Literatur um 1968 und nicht zuletzt auch
durch die neuen Medien, die den in der militanten Avant-
garde-Metapher ausgesprochenen Führungsanspruch in Fra-
ge stellten. Programmatisches und kritisches Nachdenken
über Literatur hat sich dahingehend entwickelt, daß es aus-
drücklich oder unausdrücklich ihre medienbedingte Mar-
ginalisierung mit bedenkt und diese dabei nicht nur als Be-
drohung, sondern auch als Chance begreift. Es reflektiert
die spezifischen Ermöglich ungsgründe und begrenzten Wir-
kungsmöglichkeiten einer im engeren Sinn politisch verstan-
denen Literatur und redet eher einer Poetik erneuerter sinn-
licher »Weltanschauung« das Wort. Es hat sich zu einem
Nachdenken entwickelt, das, vorsichtig Neuorientierung
auch in der Vergangenheit suchend, die ehrwürdige Illusion
eines voraussetzungslosen, dezisionistischen Aufbruchs in
ästhetisches Neuland aufgegeben hat. In diesem Zusammen-
hang kam, zumal unter den normativen Zwängen des real
existierenden Sozialismus, nicht nur das Vnab gegoltene älte-
rer Avantgardebestände zur Geltung, sondern man eignete
sich auch aus der Genealogie der Avantgarde polemisch aus-
gegrenzte Traditionen neuerlich an; Peter Handke wandte
,

Ernst Jan dl 37

sich gar im Sinne einer Ästhetik der gelassen-offenen Wahr-


nehmung gegen das avantgardistische Primat einer desillu-
sionistischen Ästhetik des Schocks. Diese Neuorientierungen
blieben nicht unwidersprochen. Auch fügen sie sich noch
nicht zu einem deutlichen Bild, aus dem künftige Entwick-
lungen ablesbar wären. Doch lassen sie erkennen, daß die
produktiven Literaten wohl endgültig mit jenen Gewißhei-
ten gebrochen haben, die den historischen Avantgarden seit
der Romantik ihr Selbstbewußtsein verliehen.

ERNST JANDL

Geb. I.August 1925 in Wien. 1943-46 Kriegsdienst, Kriegsgefangenschaft.


Studium der Germanistik und Anglistik; Dissertation über Arthur Schnitzlers
Novellen. Seit 1949 Gymnasiallehrer, zeitweise beurlaubt, dann freier Schrift-
steller in Wien. Freundschaft und Zusammenarbeit mit Friederike Mayröcker.
1973 Mitbegründer der Grazer Autorenversammlung. Büchner-Preis 1984.
Werke: Andere Augen G. (1956); lange gedickte (1964); klare gerührt G.
(1964); mai hart lieh zapfen eihe holt G. (1965); Hosi-Anna G. (1965); Laut
und Luise G. (1966); sprechblasen G. (1968); der künstliche bäum G. (1970);
Fünf Mann Menschen Hsp. (mit F. Mayröcker, 1971); dingfest G. (1973); se-
rienfuss G. (1974); Für alle. Gedichte, Prosa, Theater und Autobiographisches
(1974); Die schöne Kunst des Schreibens Ess. (1976); die bearbeitung der mutze
G. (1978); Aus der Fremde. Sprechoper (1980); der gelbe hund G. (1980); selbst-
porträt des Schachspielers als trinkende uhr G. (1983); Gesammelte Werke
(1985, 3 Bde.); Das Öffnen und Schließen des Mundes. Frankfurter Poetik-
Vorlesungen (1985); idyllen G. (1989); stanzen G. (1992); Lechts und rinks.
Gedichte, Statements, peppermints (1995); Autor in Gesellschaft. Aufsätze
und Reden (1999). Schallplatten-, Kassetten-, CD-Einspielungen eigener Ge-
dichte.

Ernst Jandl konnte sich erst verhältnismäßig spät in der zwei-


ten Hälfte der sechziger Jahre literarisch durchsetzen und
wurde dann vielfach nur einseitig und in Unkenntnis seiner
(literatur)geschichtlichen Herkunft, der Besonderheit seiner
Texte sowie der Folgerichtigkeit seiner literarischen Entwick-
lung wahrgenommen. Die »Anmerkungen zur Dichtkunst«
38 //. Programmatisches, Kritisches

die aufgrund zwei Jahre zuvor entstandener Notizen 1979


geschrieben und veröffentlicht wurden, stellen freilich mehr
dar als eine auf das eigene Werk beschränkte poetologische
Reflexion; der Titel schon signalisiert es. Jandl grenzt sich
vom Unverbindlich keitsverdacht derjenigen ab, denen äs-
thetische Komik als Zeichen von Unreife und Betroffen-
heitsernst als Zeichen literarischer Qualität gelten, und ruft
mit dem Dadaismus den Ursprung einer »neuen Kunst« in
Erinnerung, die der traditionellen » Polarisierung von Sinn
und Unsinn« konsequent widersprach. Dabei hat er teil an
Grundüberzeugungen der literarischen Moderne: daß poeti-
sche Sprache sich in Qualität und Maß durch die spielerische
Abweichung von der zweckgerichteten Sprache des Alltags
bestimme, daß Gedichte nicht »Aussage über einen Gegen-
stand«, sondern selbst »Gegenstand« seien, die eigentliche
Arbeit mithin der Sprache zu gelten habe, und daß es der
Kunst aufgegeben sei, gegen die Verfestigungen des erwach-
senen die Offenheit des kindlichen und jugendlichen Men-
schen zur Geltung zu bringen. Indem er diese Poetik des
»Spiels« und des »Unsinns« auf die »Ungeheuerlichkeit des
ersten Weltkriegs« und die »Tragik der menschlichen Situa-
tion, f...] der Sterblichkeit des Menschen, seiner Aussicht

auf Nichts« bezieht, deutet er auf eine Balance hin, die ihm
wie sonst nur wenigen der größten Autoren des 20. Jahrhun-
derts immer wieder geglückt ist.

Anmerkungen zur Dichtkunst (Auszug)

5) Dichtung und Engagement

Einverständnis sollte es darüber geben, daß Poesie, durch


Jahrzehnte seines Lebens von einem Einzelnen kontinuier-
lich und zielstrebig betrieben, ein bei der Sache Sein und
Ernst Jandl 39

Bleiben voraussetzt, das als Engagement bezeichnet werden


darf, eine sich selbst auferlegte Verpflichtung.
Im übrigen sind wir gewohnt, den Begriff des Engagements
als eine bestimmte Art von Bindung an die Welt zu ver-
stehen, eine verpflichtende Bindung vor allem an solche
Punkte der Welt, die in der Ansicht eines Einzelnen oder
mancher oder vieler oder der meisten nach einer Verände-
rung dringend verlangen. Wir alle wissen, daß es diese nach
Veränderung dringend verlangenden Punkte an unserer
Welt gibt; wir mögen uns nicht immer einig sein, an wel-
chen Punkten die Veränderung am dringendsten sei; und
schon gar nicht werden wir alle uns einig sein über den
Weg, auf dem eine solche Veränderung herbeigeführt wer-
den soll. Daß diese Punkte, an denen die Welt nach Ver-
änderung dringend verlangt, außerhalb des Bereiches von
Kunst und Poesie liegen, daran gibt es wohl kaum einen
Zweifel. Sie liegen jedoch nicht außerhalb der Reichwei-
te von Kunst und Poesie. Nur ein einziger Punkt mög-
licher oder notwendiger Veränderung gehört tatsächlich der
Poesie, ihr allein, und das ist der Punkt der Veränderung
von Poesie selbst - mit all den daran gelagerten Fragen,
ob und wie und wie weit und warum Poesie zu verändern
sei oder nicht - Fragen, deren Beantwortung Sache des ein-
zelnen Dichters ist; er beantwortet sie durch sein Werk,
durch die Art seines Werkes. Daß es seine eigene Sache ist,
die Sache des einzelnen Dichters, darin besteht seine Frei-
heit, die er sich nicht nehmen lassen kann, ohne seine Inte-
grität und Identität als Dichter einzubüßen.
Kein Zweifel indes, daß die Arbeit des Dichters, die seine
eigene Sache ist, Steuerung von außen erfährt, und zwar in
zweifacher Weise: keiner erzeugt Poesie, ohne eine Unzahl
von Impulsen aus der Poesie von einst und jetzt zu empfan-
gen, und aus dem von anderen, einst und jetzt, über Poesie
Gedachten; und keiner erzeugt Poesie, ohne eine Unzahl
von Impulsen aus allen Bereichen der Welt zu empfangen,
40 77. Programmatisches, Kritisches

für die er sich offen hält, so weit und so lange er es nur


kann; ja immer von neuem wird er nach Orten unterwegs
sein, wo solche Impulse mit Heftigkeit auf ihn eindringen.
Diese sind primär nicht auf Dichtung gerichtet, sondern auf
alles und jedes, alle und jeden. Er aber wird sie in Richtung
auf seine Poesie zu lenken versuchen, um sie darin wirksam
zu machen, Impulse von Welt, wirksam im Gedicht als ei-
nem spezifischen Teil dieser Welt.
Die Frage nach dem Engagement aber, als einer verpflich-
tenden Bindung gerade an solche Punkte der Welt, die nach
einer Veränderung dringend verlangen, und die Frage, wie
weit Poesie selbst als Mittel einer solchen Veränderung von
Dingen tauglich sein kann, die außerhalb des Bereiches der
Poesie liegen, wenn auch nicht außerhalb ihrer Reichweite,
wird der an Poesie arbeitet, auf seine eigene Weise be-
jeder,
antworten. Er sagt es und seine Poesie sagt es, oder einfach
seine Poesie sagt es. Ich für mein Teil habe es getan, indem
ichden Begriff Engagement mit dem Begriff des Herausfor-
dernden in Verbindung brachte.
Krieg, das wissen wir, ist ein herausforderndes Thema, aber
es läßt sichzu diesem Thema ein herausforderndes Gedicht
nur schreiben, wenn das Gedicht sich nicht auf das Her-
ausfordernde seines Themas verläßt, sondern als Gedicht
selbst, ungeachtet des Themas, zu einer Herausforderung
wird. Das kann nur durch Veränderungen am Gedicht, sei-
ner Sprache und seiner Struktur geschehen, Veränderungen,
die im Gegensatz zu allem stehen, woran wir uns gewöhnt
haben. Diese Veränderungen zu erreichen, wird mich beim
Schreiben eines solchen Gedichtes mehr zu beschäftigen ha-
ben als das eigentliche Thema; denn das Herausfordernde
des Themas habe ich in mir selbst, als Empörung über den
Krieg, wenn das Thema Krieg heißt; aber das Herausfor-
dernde an dem Gedicht, das entstehen soll, habe ich weder
in mir noch irgendwo außerhalb, sondern ich selbst muß es
erst machen. Also werde ich mich allein auf dieses konzen-
trieren. Es kann sogar auf die entgegengesetzte Weise ge-
Ernst Jandl 41

schehen, so nämlich, daß ich, vorerst ganz ohneThema, an


Sprache als meinem Material zu arbeiten beginne, um dar-
aus etwas möglichst Herausforderndes zu machen, worauf
das im Entstehen begriffene Gedicht unversehens ein her-
ausforderndes Thema, etwa Krieg, in mein Denken rückt
und es an sich zieht.

6) Sinn und Unsinn

Was Dichtung allzu gewichtig als Sinn präsen-


sich in der
tiert, ist mich zuweilen eine wenig anregende Sache. Der
für
Unsinn hingegen, mit Überlegung gestaltet - wieviel Er-
quickung habe ich ihm doch zu verdanken! Seine Überra-
schungen hören nicht auf, überraschend zu sein - auch
wenn ich ein solches Gedicht, ein solches Stück Prosa, wie-
der und wieder
lese. Unsinn, als ein bewußtes Abweichen
von der Logik der Alltagssprache und des zweckgerichte-
ten Denkens, hat eine verjüngende Kraft, die das Verwittern
verzögert, wenn schon nicht verhindert. Darum liebe ich,
und hole mir selbst daraus Kraft, die Gedichte und Texte von
Morgenstern, Schwitters, den Dadaisten, Gertrude Stein,
Friederike Mayröcker, Artmann und Rühm. Sie alle haben,
in ihrer Dichtung, den Sinn als absoluten Regenten entthront
und dadurch den Bereich der Dichtung ins Unbeschränkte
erweitert, weit wie das Leben selbst, das nirgends, soweit ich
blicke, von Sinn eingesäumt ist.
Jedes einzelne tatsächlich existierende Wort einer Sprache
kann, in einen ungewohnten Kontext gestellt, als »Unsinn«
wirken, d. h. als solcher empfunden werden, ohne daß sich
an seinem Sinn = Bedeutung auch nur das geringste geän-
dert hat. Auf diesem Phänomen beruht die Wirkung - be-
friedigend oder verärgernd - einer ganzen Reihe von litera-
rischen Texten seit Beginn dieses Jahrhunderts. Ob Befrie-
digung oder Verärgerung eintritt, hängt von der Erwartung
bzw. der Empfangsfähigkeit des Publikums ab, nämlich je-
42 //. Programmatisches, Kritisches

des einzelnen Lesers oder Zuhörers, wobei ich voraussetze,


daß der Text die Qualität besitzt, die einen zu freuen und
zugleich die anderen zu ärgern.

7) Barrieren

Es gibt im Denken des erwachsenen Menschen, wenn er


sich als ein Fertiger erlebt, Barrieren, die durch nichts zu
durchbrechen sind, unzerstörbare Befestigungen, die ihm
den sogenannten Charakter verleihen, ein unveränderliches
inneres Profil. Alles hängt, für die Kunst, davon ab, ob sie
dieanderen erreicht, vor allem Menschen eines Alters,
wenn noch innere Bewegung herrscht, Kinder, Jugend. Der
Künstler selbst, solange er Neues erstrebt, wird, und zwar
alsbald im Gegensatz zum Gros seiner Altersgenossen, sich
nicht als ein Fertiger erleben, und muß alle Versuchung,
es endlich doch zu sein, abwehren, denn es würde ihn
nicht vorantreiben, sondern zur Ruhe und zum Genuß des
Erreichten und damit ans Ende bringen. Darin liegt seine
Chance und sein Risiko, daß er sich darauf einläßt, nie-
mals fertig zu sein, konträr zu allen, deren Existenz sich
darauf gründet, daß sie es sind. Diese einschneidende Ab-
weichung von der Norm, könnte man sagen, ziehe alle an-
deren Abweichungen nach sich; in Wirklichkeit ist es ein
unauflösbares Geflecht, kein ursächliches Entspringen des
einen aus dem anderen, ebensowenig ein zeitliches Nach-
einander.

8) Die neue Kunst

Das Ende des Normalen ist der Beginn der neuen Kunst -
jeder Rückzug ins Normale ist ein Rückfall in die Fiktion,
daß es irgendwo ein Normales, ein absolut Normales, gibt,
geben könnte, je gegeben hat. Stellvertretend für es, eben
Ernst Jandl. Peter Handke 43

weil es es nicht gibt, steht die Norm, ein willkürlich abge-


messenes Stück innerhalb des Chaos.
Angesichts der Ungeheuerlichkeit des ersten Weltkriegs
entstand Dada, dem Wahnwitz der tatsächlichen Welt eine
Kunst gegenüberstellend, für die es die Polarisierung von
Sinn und Unsinn nicht mehr gab, während sie von den Nor-
men des Alltags weiterhin geschützt blieb, gesetzlich ge-
schützt sozusagen. In der Kunst fielen beide in eins zusam-
men, verschwanden damit überhaupt, und ein drittes trat an
ihre Stelle, nur in der Kunst.

PETER HANDKE
Geb. 6. Dezember 1942
in Griffen bei Klagenfurt. Lebte 1944-48 in Berlin,
dann bis zum
Abitur in Kärnten. 1961-65 Jurastudium in Graz. Provozieren-
der Auftritt während der Tagung der »Gruppe 47« 1966 in Princeton. Früher
Erfolg. Büchner-Preis 1973. Lebte u.a. in Paris und Salzburg; zuletzt wieder
in Paris.
Werke: Die Hornissen R. (1966); Publikumsbeschimpfung Dr. (1966); Selbst-
bezichtigung Dr. (1966); Weissagung Dr. (1966); Kaspar Dr. (1968); Die Innen-
welt der Außenwelt der Innenwelt G. (1969); Das Mündel will Vormund sein
Dr. (1969); Die Angst des Tormanns beim Elfmeter R. (1970); Der Ritt über
den Bodensee Dr. (1971); Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms Ess.
(1972); Wunschloses Unglück E. (1972); Der kurze Brief zum langen Abschied
R. (1972); Als das Wünschen noch geholfen hat G., Ess., Kurztexte, Fotos
(1974); Die Stunde der wahren Empfindung E. (1975); Falsche Bewegung E.
(1975); Die linkshändige Frau E. (1976); Das Gewicht der Welt. Ein Jour-
nal (Nov. 75 - März 77) (1977); Langsame Heimkehr E. (1979); Die Lehre
der Sainte-Victoire E. (1979); Kindergeschichte E. (1981); Über die Dörfer.
Dramatisches Gedicht (1981); Die Geschichte des Bleistifts Aufzeichnungen
(1982); Der Chinese des Schmerzes E. (1983); Phantasien der Wiederholung R.
(1986); Die Abwesenheit. Ein Märchen (1987); Nachmittag eines Schriftstellers
E. (1987); Versuch über die Müdigkeit Prosa (1989); Versuch über die Jukebox
Prosa (1990); Noch einmal für Thukydides Prosa (1990); Versuch über den ge-
glückten Tag Prosa (1991); Die Stunde da wir nichts voneinander wußten Dr.
(1992); Abschied des Träumers vom Neunten Land. Eine Wirklichkeit, die
vergangen ist: Slowenien (1992); Mein Jahr in der Niemandsbucht R. (1994);
Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder
Gerechtigkeit für Serbien (1996); Zurüstungen für die Unsterblichkeit Dr.
44 77. Programmatisches, Kritisches

(1997); In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus R. (1997);
Abschied des Träumers. Winterliche Reise. Sommerlicher Nachtrag (1998); Die
Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg Dr. (1999); Lucie
im Wald mit dem Dingsda E. (1999). Übersetzungen, vor allem aus dem Fran-
zösischen.

Seit der Romantik ist die Geschichte der modernen Litera-


tur durch zwei gegenstrehig aufeinander bezogene Tenden-
zen bestimmt: die poetisier ende Verzauberung der als prosa-
isch erfahrenen Welt, für die Novalis, und die - wie auch
immer phantastisch vermittelte - analytische Ausleuchtung
von Welt und menschlicher Psyche, für die E. T A. Hoff-
mann steht. Die Konstellation wiederholte sich um 1900, als
Stefan George oder Rudolf Borchardt auf die normative
Verbindlichkeit der Form setzten und damit unausdrück-
lich Widerspruch gegen den Naturalismus einlegten, in dem
sich die analytische Ausrichtung des 19. Jahrhunderts zu ei-
nem Determinismus zugespitzt hatte, der sich selbst als wis-
senschaftlich mißverstand. In der deutschen Literatur der
beiden letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts ist diese Ten-
denz vor allem bei Botho Strauß und Peter Handke auszu-
machen, die sich mit wachsender Radikalität von den ideo-
logie- und diskurskritischen Ansätzen entfernten, die ihre
eigenen Anfänge mitgeprägt hatten. In diesem Zusammen-
hang ist Handkes 1980 veröffentlichte »Lehre der Sainte-
Victoire«, zugleich Reise erZählung, Reflexion über bildende
Kunst und poetologisches Traktat, ein entscheidendes Zeug-
nis. Gezanne, dessen Bildern des provenzalischen Berges

Sainte-Victoire sich der Titel verdankt und der schon Rilke


zur Orientierung gedient hatte, wird zum Lehrmeister eines
Schreibens ernannt, das sich im doppelten Abstand zu reli-
giös begründeter Mystik und analytischem Desillusionismus
der ästhetischen Heiligung des unvoreingenommen wahrge-
nommenen und kraft der Form sinnverleihend in die viel-
fältigsten Zusammenhänge gestellten Alltäglichen verpflich-
tet.Unter anderem in der Prosa-Trilogie »Versuch über die
Müdigkeit«, »Versuch über die Jukebox« und »Versuch über
Peter Handke 45

den geglückten Tag« hat Handke diese neue Poetik ausge-


führt, auch in Dramen wie »Über die Dörfer« und »Zurü-
stungen für die Unsterblichkeit«. Im Blick auf den 1986 er-
schienenen Roman »Phantasien der Wiederholung« sprach
ein Kritiker von »Orgel- und Weihwasser-Prosa« Handke
.

seinerseits attackiertewiederholt die deutsche Presse: »das


Böse, nein Schlechte, Verdorbene, hinter dem Firnis des
Geisthüterischen, als Machtrausch in der Form einer alt-
neudeutschen Ideologie, indoktrinierend jede Zeile bis in
den Sportteil und die Bücherbesprechungen, Machthaberei
und -Wirkerei alter Selbstverwöhner und jugendlicher Dün-
kelnasen, ohne Zuneigung und Begeisterung die gesamte
Paarung«.

Das Bild der Bilder (Auszug)

Im Pariser Jeu de Paume hängt ein Bild von Cezanne, vor


dem ich dann zu verstehen glaubte, worum es geht, nicht
nur ihm, dem Maler, und nicht nur jetzt mir, einem Schrift-
steller.

Es ist in seinen letzten Lebensjahren, schon nach der Jahr-


hundertwende, gemalt, und sein Motiv sind, wie schon oft
zuvor, Felsblöcke und Kiefern. Im Bildtitel sind auch Ort
und Stelle benannt: Rochers pres des grottes au-dessus de
Chdteau-Noir. (Das ist ein altes Herrschaftshaus oberhalb
des Dorfs Le Tholonet.)
Schwer zu sagen, was ich da verstand. Damals hatte ich vor
allem das Gefühl »Nähe«. Im Bedürfnis, das Erlebte doch
weiterzugeben, kommt mir jetzt, nach langem »Bedenken
des Gesehenen« (eher ein Denksturm), ein Filmbild in den
Sinn: Henry Fonda, wie er in John Fords Die Früchte des
Zorns mit der eigenen Mutter tanzt.
In jener Szene tanzen alle Anwesenden miteinander, zur
Abwehr einer lebensgefährlichen Bedrohung: so verteidigen
sie, von der Landnot Umgetriebene, das Stückchen Erde,
46 77. Programmatisches, Kritisches

auf dem sie endlich eine Bleibe gefunden haben, gegen die
sie umzingelnden Feinde. Obwohl das Tanzen demnach
eine pure List ist (Mutter und Sohn, sich rundum drehend,
werfen einander, wie auch den übrigen, schlaue wachsame
Blicke zu), ist es doch ein Tanz wie nur je einer (und wie
noch keiner), der überspringt als ein herzlicher Zusammen-
halt.
Gefahr, Tanz, Zusammenhalt, Herzlichkeit - das machte
auch mein Nähegefühl vor dem Bild aus: Unvermittelt groß
standen nämlich die Kiefern und Felsen in meinem Inner-
sten - so wie ein aufschwirrender Vogel momentlang mit
riesigen Schwingen den Körper durchfliegt; verflüchtigten
wie solch ein Schrecken, sondern blieben. Ja,
sich aber nicht,
das Nähegefühl war auch eine Erkenntnis: es war da, im
Jahr 1904, zur Zeit der Entstehung des Bildes, etwas Un-
widerrufliches geschehen, als Weltgeschehen; und das Welt-
geschehen war dieses Bild selber.
Cezanne, einmal gebeten zu beschreiben, was er unter »Mo-
tiv« verstünde, führte »sehr langsam« die gespreizten Finger
beider Hände gegeneinander, faltete sie und verschränkte sie.
Als ich davon las, erinnerte ich mich wieder, daß ich beim
Anblick des Bildes die Kiefern und Felsblöcke als verschlun-
gene Schriftzeichen gesehen hatte, so eindeutig wie unbe-
stimmbar. - In einem Brief Cezannes las ich weiter, er male
keinesfalls »nach der Natur« - seine Bilder seien vielmehr
»Konstruktionen und Harmonien parallel zur Natur«. -
Und dann verstand ich, durch die Praxis der Leinwand: die
Dinge, die Kiefern und die Felsen, hatten sich in jenem
historischen Moment auf der reinen Fläche - nicht mehr
rückgängig zu machendes Ende der Raumillusion -, aber in
ihren dem Ort und der Stelle (»au-dessus de Chäteau-
Noir«) verpflichteten Farben und Formen!, zu einer zusam-
menhängenden, in der Menschheitsgeschichte einmaligen
Bilderschrift verschränkt.
ist das Unerhörte - und gibt
Ding-Bild-Schrift in einem: es
trotzdem noch nicht mein ganzes Nahgefühl weiter. - Hier-
Peter Handke 47

her gehört nun jene einzelne Zimmerpflanze, die ich einmal


durch ein Fenster vor der Landschaft als chinesisches
Schriftzeichen erblickte:Cezannes Felsen und Bäume waren
mehr als mehr als reine Formen ohne
solche Schriftzeichen;
Erdenspur - sie waren zusätzlich, von dem dramatischen
Strich (und dem Gestrichel) der Malerhand, ineinanderge-
fügt zu Beschwörungen - und erscheinen mir, der ich davor
anfangs nur denken konnte: »So nah!«, jetzt verbunden mit
den frühesten Höhlenzeichnungen. - Es waren die Dinge;
es waren die Bilder; es war die Schrift; es war der Strich -
und es war das alles im Einklang.
In einigen hundert Jahren werde alles verflacht sein, hatte
der Maler schon aus L'Estaque geschrieben, und hinzuge-
setzt: »Doch das Wenige, das bleibt, ist dem Herzen und
dem Blick doch noch recht teuer.« Und zur Zeit der Fels-
und-Baum-Bilder, dreißig Jahre später, sagte er: »Es steht
schlecht. Man muß sich beeilen, wenn man noch etwas se-
hen will. Alles verschwindet.«
Ist alles verschwunden? Konnte ich damals im Jeu de Paume
nicht spüren, daß Cezannes gewaltiger, in der Menschheits-
geschichte nur einmal möglicher Ding-Bild-Schrift- Strich-
Tanz unsereinem machtvoll und dauernd das Reich der Welt
offenhält? Habe und Felsen nicht als das
ich die Kiefern
Bild der Bilder erlebt, vor dem
immer noch »das gute
sich
Ich« aufrichten konnte? Wie auch vor anderen im Umkreis?
Und wie auch an anderen Orten? Habe ich nicht schon die
Stilleben an der Wand gegenüber als gut umsorgte »Kinder«
gesehen?
Das Jeu de Paume ist ein ziemlich ordinäres Museum -
aber
diese von lieben Dingen leuchtende Wandetwas Beispiel-
ist

schönes (und zudem geht der Blick durch das Fenster hinaus
auf die Place Concorde, die für Cezanne »der einzige Platz«
war). Die Birnen, Pfirsiche, Äpfel und Zwiebeln, die Vasen,
Schalen und Flaschen erscheinen^ auch durch die leichten
Verrückungen und schiefen Ebenen, wie Märchendinge, die
gleich zu leben anfangen werden, und doch ist es sichtlich
48 //. Programmatisches, Kritisches

der Moment vor dem Erdbeben: als seien diese Dinge die
letzten.
Vergleichbar dann die in einem Museum der Schweiz.
Wand
Dort hängen Reihe drei große Porträts: der Maler
in einer
selber, seine Frau, und der Knabe mit der roten Weste.
Diese Leute ohne Eigennamen schauen wie aus den drei
Fenstern eines Zugs, der steht und durch die Zeiten fährt.
Die drei fahren schon lange. Die Fahrt ist noch lange nicht
zu Ende. Nur das Kind scheint müde, den Kopf in die
Hand gestützt; die beiden Erwachsenen sind aufgerichtet,
so ausdruckslos wie geistesgegenwärtig - und ihre Wand
bildet jetzt eine Kreuzung mit der Stillebenwand des Jeu de
Paume: der Zug mit den drei Leuten in Zürich hält an der
Früchtestraße in Paris.
Sind Cezannes Werke demnach Botschaften? Für mich sind
es Vorschläge. (Die Gesichte van Goghs nannte Ludwig
Hohl »auch sagbar«; die Cezannes seien »nur malbar«.) Was
schlagen sie mir vor? Daß sie überhaupt als Vorschläge wir-
ken, ist ihr Geheimnis.
Denn es ist offensichtlich: Fast alles ist verschwunden. In ei-
nem Haufen von Früchten genügt das Stumpfgelb der einen
gewachsten Orange, und ich kann mir nichts weiter vorstel-
len. Wo ist die Farbe, die noch aus der Substanz des Dings
selber kommt? Welches jetzige Ding ist ein Augenstoffi Da-
für suche ich um so bedürftiger eine unberührte Natur. Das
kann immer wieder die Erhabenheit sein, bringt aber auch
immer wieder das Grauen vor einem Horizont, der mich
verschlingen wird. So vertiefe ich mich, im Bedürfnis nach
Dauer, willentlich in die alltäglichen, gemachten Dinge.
Habe ich in dem Graublau des Asphalts nicht gerade einen
Buchenhain Widerscheinen sehen? Hat nicht das Gedröhn
des Abendflugzeugs manchmal einen Tag neu anfangen las-
sen? Ist der Blechstern am Pullover des Kindes nicht ein be-
währtes Ding? Und flattern die endlich von den Zeitungen
erleichterten Plastiktaschen in der Sonne nicht wie helle
Faltenröcke? -Ja, aber das ist nicht die Alltäglichkeit. Die
Peter Handke 49

Klage wird möglich: die Alltäglichkeit ist böse geworden.


Es gibt nur die episodische, traurige Schönheit um die ge-
machten Dinge, die nichts verläßlich Wiederkehrendes ist
und also unwirklich bleibt. (Gewiß, nach Aix habe ich ein-
mal am roten Kunststoffboden des Flughafens von Mar-
seille einen Schimmer des Mergels von der Sainte-Victoire
gesehen . .) Wohl also dem, den zu Hause ein Augenpaar
.

erwartet!
Zwei Dorfalte hörte ich hier einmal sagen: »Wenn sie nichts
glauben - zu was sind die denn überhaupt da?« Ohne ge-
meint zu sein, fühlte ich mich doch betroffen. Beschäftigte
mich denn nicht schon länger der Gedanke, »nur mit einem
Glauben könnten die Dinge auch auf die Dauer wirklich
bleiben?« Was war dieses Geheimnis des Glaubens, das die
Dorfrichter zu kennen schienen? Ich hätte mich nie als
gläubig bezeichnen können, das Kind von einst noch weni-
ger als mich jetzt: aber hatte es nicht schon ganz früh ein
Bild der Bilder für mich gegeben?
Ich will es beschreiben, denn es gehört hierher.
Dieses Bild war ein Ding, in einem bestimmten Behältnis,
in einem großen Raum. Der Raum war die Pfarrkirche, das
Ding war der Kelch mit den weißen Oblaten, die geweiht
Hostien heißen, und sein Behältnis war der in den Altar
eingelassene, wie eine Drehtür zu öffnende und zu schlie-
ßende vergoldete Tabernakel. - Dieses sogenannte »Aller-
heiligste« war mir seinerzeit das Allerwirklichste.
Das Wirkliche hatte auch seinen wiederkehrenden Augen-
blick: sooft nämlich die durch die Worte der Wandlung
sozusagen Gottes Leib gewordenen Brotpartikel mitsamt
ihrem Kelch im Tabernakel geborgen wurden. Der Taber-
nakel drehte sich auf; das Ding, der Kelch, wurde, schon
unter Tüchern, in die Farbenpracht seiner Stoffhöhle ge-
stellt; der Tabernakel drehte sich wieder zu - und jetzt

der strahlende Goldglanz der verschlossenen konkaven


Wölbung.
Und so sehe ich jetzt auch Cezannes »Verwirklichungen«
50 77. Programmatisches, Kritisches

(nur daß ich mich davor aufrichte, statt niederzuknien):


Verwandlung und Bergung der Dinge in Gefahr - nicht in
einer religiösen Zeremonie, sondern in der Glaubensform,
die des Malers Geheimnis war.

ADOLF MUSCHG
Geb. 13. Mai 1934 in Zollikon (Kanton Zürich). Studierte Germanistik, Angli-
stik und Philosophie in Zürich und Cambridge, promovierte bei Emil Staiger
über Ernst Barlach. Deutschlehrer, Lektor in Tokio, Hochschulassistent. Seit
1970 Professor für deutsche Literatur an der Eidgenössischen Technischen
Hochschule Zürich. Büchner-Preis 1994.
Werke: Im Sommer des Hasen R. (1965); Gegenzauber R. (1967); Rumpelstilz
Dr. (1968); Fremdkörper En. (1968); Mitgespielt R. (1969); Liebesgeschichten
(1976); Albissers Grund R. (1974); Kellers Abend Dr. (1975); Entfernte Be-
kannte En. (1976); Gottfried Keller Biogr. (1977); Noch ein Wunsch E. (1979);
Baiyun oder die Freundschaftsgesellschaft R. (1980); Literatur als Therapie?
Ein Exkurs über das Heilbare und das Unheilbare (1981); Leib und Leben En.
(1981); Das Licht und der Schlüssel R. (1984); Goethe als Emigrant. Auf der
Suche nach dem Grünen bei einem alten Dichter (1986); Der Turmhahn und
andere Liebesgeschichten (1987); Die Schweiz am Ende - Am Ende die
Schweiz. Aufsätze, Reden, Vorträge (1990); Wo alles aufhört beginnt das Spiel.
Gedanken zu Mozarts Zauberflöte (1991); Ein ungetreuer Prokurist und an-
dere Erzählungen (1991); Der Rote Ritter. Eine Geschichte von Parziväl R.
(1993); Die Insel, die Kolumbus nicht gefunden hat. Sieben Gesichter Japans
(1995); Wenn Auschwitz in der Schweiz liegt. Fünf Reden eines Schweizers an
seine und keine Nation (1997); O mein Heimatland! 150 Versuche mit dem be-
rühmten Schweizer Echo (1998). Hörspiele, Dramen, Fernsehspiele und Film-
drehbücher.

»Ein System«, so Adolf Muschg in der aus seinen Frankfurter


Poetik-Vorlesungen hervorgegangenen Schrift »Literatur
als Therapie f«, »das von seinen Teilnehmern zugleich be-
herrschte Arbeit und hemmungslosen Konsum erwartet, ist
verrückt und geht in die Luft, wenn es nicht gelingt, seine
Subjekte auf die Stufe der Gefühllosigkeit zu drücken.« Die
Worte geben zu erkennen, in welcher Richtung das Beson-
dere und Bedeutende dieses Autors zu suchen ist, der als Pro-
fessor für deutsche Literatur in Zürich auch äußerlich als
Peter Handke. Adolf Muscbg 51

poeta doctus erkennbar ist und seit Mitte der sechziger Jahre

ein umfängliches Werk vorgelegt hat. Zu dessen Höhepunk-


ten gehört u. a. die ungewöhnlich einfühlsame, die Gren-
zen akademischer Gelehrsamkeit sprengende Studie über
den großen Künstler und unglücklichen Menschen Gottfried
Keller, einen Züricher Landsmann. Gegen die in der 68er-Be-
wegung gängige Geringschätzung, ja Verächtlichmachung
des »Privaten« und der Kunst, die es vorzugsweise mit ihm
zu tun hat, hielt Muschg beharrlich an der individuellen Er-
fahrung fest, an der die Verheerungen einer säkularen ge-
schichtlichen Fehlentwicklung abzulesen seien, wie immer
diese sich historisch und kulturräumlich unterschiedlich aus-
geprägt haben mögen. Insofern gab er der Literatur der soge-
nannten neuen Innerlichkeit recht, die in den siebziger Jah-
ren gegen die verkürzte Wahrnehmung ihrer Vorgänger den
»subjektiven Faktor« geltend machte, ohne ihre zuweilen
narzißtische Tendenz zu teilen. Im Gedanken der »beweg-
lichen Ordnung«, den der folgende Ausschnitt historisch wie
systematisch umreißt, zielt Muschg auf eine Utopie allge-
mein-gesellschaftlichen und damit unauflöslich verbunden,
individuellen, zugleich körperlichen und seelischen, Gleich-
gewichts, deren Artikulation trotz fortgeschrittener Skepsis
unverändert der Kunst aufgegeben sei. Nicht die Wirklich-
keit solch in »beweglicher Ordnung« gelingenden Lebens,
sondern ein Bild seiner Möglichkeit hält der Schluß von »Der
Rote Ritter« in der Vergegenwärtigung Parziväls, Cond-
wirämurs und ihrer schlafenden Kinder fest:

Was hast du beim Einsiedler so viel zu reden gehabt,


fragte sie.

er, genau das wollte ich dich auch fragen.


Seltsam, sagte
So stimmen wir überein, sagte sie.
Und die Antwort?
Lassen wir auf sich beruhen, antwortete sie, und er
spürte das Gewicht ihres Kopfes, ihm anvertraut, eine
Wärme an der anderen.
52 //. Programmatisches, Kritisches

Jeder behält sein Geheimnis für sich, sagte er, dann


haben wir 's gemeinsam.
Pst! sagte sie und legte ihm den Zeigefinger auf den
Mund.

Vom Gleichgewichtssinn

Es ist lange her, daß Autoren, ohne rot zu werden, als Be-
kräftiger und Lobredner ihrer Systeme auftreten und ihren
Zeitgenossen den Dienst der Bestätigung und Versicherung
leisten konnten - sie haben es, von Aristophanes bis zum
»West-östlichen Divan«, mit Leib und Seele nie, immer
with a difference getan, die sich die Machthaber gerade noch
gefallen ließen. Der Hofdichter blieb eine verkleidete Er-
scheinung, auch wenn der durchblickende Hofnarr das Rät-
sel zu lösen und für die Harmlosigkeit der Vortäuschung zu
sprechen schien. Heute tritt aus der entblößten, sich selbst
bloßstellenden Kunst zugleich die absolut gewordene Nar-
retei und, wie in Giacomettis Figuren, die Zerstörung her-
vor, die der Zivilisierte sich selbst angetan hat. Die Kunst
kann die Intaktheit ihres Gleichgewichtsorgans nur dadurch
noch zeigen, daß sie jedes Zugeständnis an das Intakte ver-
weigert. Intakt heißt unberührt: die Künstler sorgen dafür,
daß wir die Defizite an Freiheit und Ordnung mit Händen
greifen können. Aber berührbar ist nur das Körperliche:
darin liegt ein Rest von Verheißung, die »schwache messia-
nische Hoffnung« Walter Benjamins. Wer überhaupt noch
Sinne hat, dem legt jeder dunkle, aber starke Vers auf die
Hand, was er vermißt; nur noch in der Kunst liegt es so auf
der Hand. Jeder Widerstand, den die Prosodie dem Metrum
- also der Erwartungsstruktur des Gedichts - leistet; jede
Zuwiderhandlung gegen die »Helden«-Rolle in einem Ro-
man, jedes Moment überraschender Brechung in einem
Handlungsablauf zeugt von einer möglichen anderen Ge-
schichte als derjenigen, in der der Strukturelle Mensch ver-
Adolf Muschg 53

haftet ist. Jede unversöhnliche Einzelheit


ist eine Anstiftung

zum Aufstand gegen erdrückende Rituale. Jede beglaubigte


Schönheit erinnert aber auch an das Paradies und bringt es
als verlorenes nah.
Der Subtext des Wilden in der Kunst ist die andere Ord-
nung; wie anderseits in jeder künstlerischen Organisation
und ihrer Autonomie der Anspruch auf eine andere Freiheit
bewahrt wird. »Kunstgenuß« ist darum kein schmerzloser
Konsum; er hat mit jener Rezeption des Unvergänglichen
im Vergangenen zu tun, die Benjamin als »Erinnerung« be-
schreibt, deren man sich bemächtigt, »wie sie im Augen-
blick einer Gefahr aufblitzt«. Diese Gefahr aber, vor der das
Kunstwerk ebenso warnt, wie es sie für viele schon zu ver-
körpern scheint, ist der definitive Verlust des Glücks.
Auch die Therapie ist Befähigung zum Glück - dem Glück,
in der Bewegung die Ordnung zu erleben, in der Ordnung
die Bewegung zu lieben. Die Dichtung steht da, wo die
Therapie hin will: auch als beschädigte ist sie ein Glück, ob-
wohl sie von Glück zu reden aufgehört hat. Aber dieses
Glück gelingt nur noch als vorgestelltes und zahlt dafür mit
dem Nichtgelingen des Lebens, dem es entstammt. In der
Therapie aber soll das Leben gelingen. Es wird nie ein
Glück Therapie kann zum Glück befähigen,
sein, aber die
wenn zum Leben befähigt. Die Schritte zum eigenen
sie
Leben sind mühsam und teuer, denn wir bekommen täg-
lich die besten Gründe geliefert, uns mit Funktionieren
zu begnügen, mit dem Markieren von Anwesenheit; in den
Strukturen aufzugehen und höchstens verschwiegen an ih-
nen zu leiden.
Kunst und Therapie haben ein Ziel: Befähigung zum eige-
nen Leben. Aber sie haben nicht einen Weg. Kunst - oder
Literatur - ist keine Therapie, aber sie macht Mut dazu, den
Weg zur Therapie im Ganzen weiterzugehen. Die Therapie
ist nicht Kunst, aber sie dient der Kunst als Bürgschaft für

die Verbindlichkeit, für die Gangbarkeit der lebensverän-


54 77. Programmatisches, Kritisches

dernden Phantasie. Beide arbeiten am Gleichgewichtssinn


einer sich selbst bedrohenden Menschheit. Aus beiden ist
die Einsicht zu schöpfen, daß Überleben erst dann keine
Sorge mehr sein wird, wenn wir leben gelernt haben.

FRANZ FUHMANN

Geb. 15. Januar 1922 in Rokytnice (Böhmen), gest. 8. Juli 1984 in Ost-Berlin.
1939-45 Soldat der Wehrmacht; 1945-49 in sowjetischer Kriegsgefangen-
schaft. Danach in der DDR, wo er bis 1958 als leitender Kulturfunktionär der
NDPD tätig war. Seit 1958 freier 1968 im Zusammenhang mit
Schriftsteller.
dem Prager Frühling Lösung von dogmatischen sozialistischen Positionen und
verstärkte Auseinandersetzung auch mit der eigenen nationalsozialistischen
Vergangenheit. 1976 Unterzeichner der Petition gegen die Ausbürgerung Bier-
manns.
Werke: Die Wiedergeburt unserer nationalen Kultur Rede (1952); Die Fahrt
nach Stalingrad Lyr. Epos (1953); Kameraden N. (1955); Stürzende Schatten
En. (1959); Kabelkran und blauer Peter Rep. (1961); Das Judenauto En.
(1962); Die Richtung der Märchen G. (1962); Der Jongleur im Kino oder Die
Insel der Träume En. (1970); 22 Tage oder Die Hälfte des Lebens Prosa (1973);
Prometheus. Die Titanen seh lacht R. (1974); Erfahrungen und Widersprüche
Ess. (1975); Gedichte und Nachdichtungen (1978); Fräulein Veronika Paul-
mann aus der Pirnaer Vorstadt oder Etwas über das Schauerliche bei E. T A.
Hoffmann Ess. (1979); Saiäns-Fiktschen En. (1981); Vor Feuerschlünden. Er-
fahrung mit Georg Trakls Gedicht (1982); Wandlung, Wahrheit, Würde. Auf-
sätze und Gespräche 1964-1981 (1985). Im Berg. Texte aus dem Nachlaß
(1991). Kinderbücher; Nachdichtungen ungarischer, tschechischer und polni-
scher Lyrik.

Fühmanns Buch über den expressionistischen Lyriker Georg


Trakl gehört zu jenen für die Literatur der DDR, zumal in
den beiden letzten Jahrzehnten vor 1989, bezeichnenden
Werken, in denen Autoren in der Auseinandersetzung mit
dem kulturpolitisch verordneten Erbe bzw. den aus dem
Erbe ausgeschlossenen Traditionen einen Weg ins ideologisch
wie ästhetisch Offene zu gehen versuchten. Ulrich Plenz-
dorfs gegen die Goethepächter gerichteten »Neuen Leiden
des jungen W.« zählen zu ihnen ebenso wie Anna Seghers'
Adolf Muschg. Franz Fühmann 55

»Reisebegegnung« oder der »Rimbaud« -Essay, in dem Vol-


ker Braun provozierend das kritische Gespräch mit dem
»Prenzlauer Berg« suchte. Auch Fühmann selber hatte sich
schon vorher mit dem Essay-Band zu E. T. A. Hoffmann
in diesem Genre versucht. Der Trakl-Text war zunächst ge-
kürzt und verstümmelt unter dem Titel »Gedanken zu Ge-
org Trakls Gedicht« als Nachwort zu einer Auswahlausgabe
des expressionistischen Dichters im Leipziger Reclam-Verlag
erschienen, bevor ihn der Rostocker Hinstorff-Verlag zwei
Jahre vor Fühmanns Tod vollständig unter dem Titel »Vor
Feuerschlünden. Erfahrung mit Georg Trakls Gedicht« her-
ausbrachte. Unter dem reißerischen Aufmacher »Der Sturz
des Engels. Erfahrungen mit Dichtung« erschien noch im
selben Jahr eine westdeutsche Lizenzausgabe bei Hoffmann
und Campe. »Vor Feuerschlünden. Erfahrung mit Georg
Trakls Gedicht« - schon die Glieder dieses Titels drücken die
dreifache Intention des Autors aus. Fühmann geht es nicht
um bloße Leseerlebnisse, Beobachtungen oder Gedanken,
sondern um Erfahrung im emphatischen Wortsinn. Gemeint
ist damit auch die Erfahrung der so fremden eigenen Person.

Fühmann wandelte sich vom gläubigen Nationalsozialisten,


der noch am 5. Mai 1945 nach Ablauf eines Verwundeten-
urlaubs zum Waffendienst zurückkehrte, zum gläubigen
Kommunisten. Als leitender Kulturfunktionär der National-
demokratischen Partei Deutschlands suchte er bürgerliche
Intellektuelle und ehemalige Nazi-Offiziere für die DDR
zu gewinnen. Am Ende trat er, auch von vielen maßgeb-
lichen Literaten seines Landes gemieden, als Förderer und
Fürsprecher einer jüngeren, politisch und ästhetisch radi-
kaleren Autorengeneration hervor, für die etwa Wolfgang
Hilbig und Uwe Kolbe stehen. In seinem Trakl-Buch wird
die autobiographische Rekonstruktion verschiedener Begeg-
nungen mit Trakls Gedicht und dessen existentiell geleitete,
doch essayistisch objektivierte Auslegung zu einem Text ver-
knüpft, der in der Trakl selber entlehnten Metapher der
»Feuerschlünde« die Katastrophenerfahrungen des 20. Jahr-
56 //. Programmatisches, Kritisches

hunderts als äußeres wie als inneres Vernichtungsgeschehen


vergegenwärtigt. Entworfen wird eine Poetik des Gedichts,
die dessen Gründungscharakter betont, sich jeder einsin-
nig-instrumentalisierenden Nutzung widersetzt und das
betroffenmachende Geheimnis als Wesen des Dichterischen
schlechthin zur Geltung bringt.

Vor Feuerschlünden. Erfahrung mit


Georg Trakls Gedicht (Auszug)

Der Wahrheit nachsinnen - / Viel Schmerz; ein Vers Georg


Trakls. - »Gedenkrede auf die Dichter, die für Deutschlands
Freiheit starben« nannte Becher eine dieser seiner Beschwö-
rungen von Jahrhunderterfahrungen, und er schloß sie mit
dem Bekenntnis: »Hier stehe ich, ich kann nicht anders.
Ich glaube an das deutsche Volk Ich glaube an Deutsch-
. . .

land . . .«

Das wurde 1947 geschrieben; was davon wäre zurückzu-


nehmen?
Aus dem Gesagten ergab sich jedoch eine Konsequenz. Galt
es, ein wahres Erbe zu pflegen, mußte man ein falsches von

ihm sondern; einer neuen Saat den Boden zu bereiten gebot,


Wurzeln des alten Unkrauts zu jäten, und dieses Unkraut
hieß Dekadenz, und einer ihrer Exponenten, neben Alfred
Mombert, Theodor Däubler und Else Lasker-Schüler nach-
drücklich mit Namen genannt, hieß Georg Trakl.
Diese Nennung traf mich wie ein Peitschenhieb, und seine
Striemen schmerzen noch heute.
Die Dekadenz, meist pauschal »Formalismus« genannt oder
in diesem Begriff doch stets mitgedacht, war der Prototyp
des zu Verwerfenden, welches Postulat weniger durch Ar-
gumente, denn durch Indizien begründet wurde; es genügte
festzustellen, daß sie, diese Dekadenz, laut einem ihrer ei-
ferndsten Bekämpfen die »sozial Entwurzelten und Ge-
scheiterten, das Absonderliche und Häßliche, das Kranke
Franz Fühmann 57

und Untypische« zum Gegenstand nahm, gar zum Helden


machte und ihr »ein erhebender, der Zukunft zugewandter
Inhalt fehlte«. - Ein Todesurteil. - Es scheint mir wenig an-
gemessen, einen der Namen seiner Vollzieher neben den
Georg Trakls zu stellen; ihr Wirken geschah lemurenhaft,
und allzuoft auch ganz im Verborgenen; doch Einer trat in
Größe hervor, ein Romancier unangefochtenen Ranges,
dessen Epopöe der Jungen Garde des Heldenkampfes der
Sowjetunion uns tief angerührt: Alexander Fadejew. Er
setzte, in seiner berühmten Rede auf dem Weltfriedens-
kongreß zu Wrodtaw 1947, vor einer geistig-moralischen
Weltelite das Gleichheitszeichen zwischen Dekadenz und Fa-
schismus: »Der deutsche Faschismus brauchte Bestien. Und
auch die amerikanischen Monopolkapitalisten brauchen Be-
stien, um ihre Weltherrschaftspläne zu verwirklichen. Die
reaktionären Literaten, Drehbuchverfasser, Philosophen
und Künstler sind treue Diener ihrer Brotgeber. Sie erheben
die Schizophrenen und Narkomanen, die Sadisten und Zu-
hälter, die Provokateure und Mißgestalten, die Spione und
Gangster auf das Piedestal.«
Gewiß, Fadejew nannte nicht Trakls Namen, doch enthielt
sein Register zeitgenössischer Kulturbarbarismen nicht im
Wesen die gleichen Erkennungsmale der Dekadenz? - Von
Namen er nannte, kannte ich nichts
Eliot oder Miller, deren
außer einigen schier unglaublichen Zitaten (besser: deren
Inhaltsangabe), die demnach von der Versicherung, daß es
gar keine Menschen, sondern nur ausgestopfte Strohpuppen
gäbe, bis zu dem Zynismus reichten, des Menschen größtes
Glück sei nicht die Teilnahme am Kampffür den Fort-
schritt, sondern das Entleeren der vollen Blase. - Wiewohl
ich diese Belege nicht im Zusammenhang kannte, kam mir
an ihrer Echtheit kein Zweifel, und ebendarum erschrak ich
vor dem Gedanken, daß Trakl in eine gemeinsame Reihe
mit solchen Leuten zu stellen sei. - Gehörten er und dieser
Eliot wirklich zusammen? - Ich konnte es einfach nicht
glauben: Hieß ein Gedicht nicht Die schöne Stadt} Pries ein
58 77. Programmatisches, Kritisches

anderes nicht die Arbeit der Bauern? Bekannte ein drittes


sich nicht mit Nachdruck zum Wahren?
Zögernd schlug ich das schwarze Bändchen auf und fand
meine Hoffnung jäh zuschanden: Einsamer unterm Ster-
nenzelt / Geht durch die stille Mitternacht. / Der Knab aus
Träumen wirr erwacht, / Sein Antlitz grau im Mond ver-
fällt. // Die Närrin weint mit offnem Haar / Am Fenster,
das vergittert starrt. / Im Teich vorbei auf süßer Fahrt /
Ziehn Liebende sehr wunderbar. // Der Mörder lächelt
bleich im Wein, / Die Kranken Todesgrausen packt. / Die
Nonne betet wund und nackt / Vor des Heilands Kreuzes-
pein. // Die Mutter leis' im Schlafe singt. / Sehr friedlich
schaut zur Nacht das Kind / Mit Augen, die ganz wahrhaft
sind. / Im Hurenhaus Gelächter klingt. // Beim Talglicht
drunt' im Kellerloch / Der Tote malt mit weißer Hand / Ein
grinsend Schweigen an die Wand. / Der Schläfer flüstert im-
mer noch - waren da, in dieser einen Romanze zur Nacht,
Merkmale der
die ich zufällig aufgeschlagen, nicht sämtliche
Dekadenz vereint? Die sozial Entwurzelten und Geschei-
terten, die Absonderlichen, Häßlichen, Kranken und Unty-
pischen drehten sich im schaurigen Reigen mit Narkoma-
nen, Sadisten, Mißgestalten und Gangstern; Schizophrene
traten gleich zweimal auf, und wenn Gelächter aus dem Hu-
renhaus klang, waren ja auch die Zuhälter nicht weit! - Der
Mörder lächelt bleich im Wein -: Was für eine Romanze! -
Doch vielleicht war der Titel ironisch gemeint, vielleicht
war die Reihung kritisch zu sehen, und stand dem Aufgebot
des Verfalls nicht die Macht der Liebenden entgegen, die
sich ihr Menschentum bewahrt? Im Teich vorbei auf süßer
Fahrt / Ziehn Liebende sehr wunderbar - und da begriff ich
die ganze Wucht dieses »im« als Wort mit der Mehrzahl
»Worte«: im Teich, nicht »auf dem Teich« oder »über den
Teich«: Die da im Teich vorbeizogen, waren Tote wie jener,
der drum' im Kellerloch auf die Wand schrieb; dies »im«
bedeutete ja einen Einschluß, und da sprang es mir schon
jählings entgegen: die Närrin im vergitterten Raum, und im
Franz Fühmann 59

Mond, und im Teich, und im Wein, und im Schlafe, und im


Hurenhaus, und im Kellerloch, die staken ja alle in Verlie-
sen, und alle allein, voneinander, allein in ihren
isoliert
Wähnen und Ängsten, und der Einzige, der durch die Nacht
hindurchging, war der Einsame - wenn das keine Dekadenz
war, was war dann Dekadenz, und wenn solche Botschaft
nicht hilflos gegenüber reaktionären Umtrieben machte,
welche sollte es sonsttun? - Aber das Kind, das Kind!
dachte ich verzweifelt, strahlten seine Augen nicht ganz
wahrhaft? Und sofort schoß die Frage auf: Waren sie alle
nicht einmal solch ein Kind gewesen, die Nonne, die När-
rin, der Mörder, die Huren, ihre Besucher und ihre Beschüt-
zer, und arglos als Kind auch ein Eichmann und Goebbels?
Beschwor Trakl nicht just mit diesem Ursprung die Sinnlo-
sigkeit allen Hoffens und Handelns? - Es war wohl so.
Und daran fand ich Gefallen? - Das durfte nicht wahr sein.
- Ein Faun mit toten Augen schaut/ Nach Schatten, die ins
Dunkel gleiten - so las ich auf dem nächsten Blatt; schaute
ich nicht auch so in meine Vergangenheit? Ratlos blätter-
te ich durch das Bändchen, schon allein diese Überschrif-
ten: Melancholie des Abends - Winterdämmerung - Traum
des Bösen - Allerseelen - Melancholie - De profundis - Die
Ratten - Trübsinn - Psalm - Nähe des Todes - Verfall -
Menschliches Elend - Nachtlied - so glitt es dahin, von Ver-
fall zu Umnachtung, aus Zersetzung in den Untergang. -

Und auch die andere Hoffnung schmolz hin: Fratzenhaft


flackert im Herd die Glut / Und ein Schwärm von Fliegen
summt. / Die Mägde lauschen blöd und verstummt / Und
ihre Schläfen hämmert das Blut. // Und manchmal treffen
sich Blicke voll Gier, / Wenn tierischer Dunst die Stube
durchweht. / Eintönig spricht ein Knecht das Gebet - so also
zeichnete dieser Dichter werktätige Menschen, Verbündete
der Arbeiterklasse, die Nachfahren der Helden des Bauern-
kriegs? - Zwar fiel mir ein, daß Marx irgendwo von der
»Idiotie des Landlebens« gesprochen hatte, aber die un-
menschlichen Verhältnisse waren das Eine, die sie bekämp-
60 77. Programmatisches, Kritisches

fenden Menschen das Andre -: War der Kapitalismus nicht


auch Barbarei, doch waren die Arbeiter deswegen Barba-
ren? Gewiß - will sagen: ich war mir gewiß, obwohl ich von
den Arbeitern aus eigener Erfahrung ebensowenig Genaues
wußte wie von den Bauern -, gewiß, es mochte einzelne Ar-
beiter geben, die der Barbarisierung erlagen, doch wurden
sie darum noch lange nicht typisch, und wenn es wohl
Knechte und Mägde gab, die sich dem Triebleben so unter-
warfen, daß sich ihr Dasein darin erschöpfte, war es ja noch
immer Sache des Dichters, über diese tierhafte Stufe des
Menschseins hinwegzusehen.
Überhaupt, und das bemerkte ich ja jetzt erst -: überhaupt
diese krasse Erotik und war damals ein Strik-
Sexualität (es
tum für Aufgeklärtsein, hier ganz scharf, und auch morali-
sierend, zu trennen), die da in kaum verhüllten Symbolen
aus all diesen dunklen Versen brachen: Wie im Traum trifft
sie ein Lachen; / Und sie taumelt in die Schmiede, / Scheu
geduckt vor seinem Lachen, / Wie der Hammer hart und
rüde ....... Stich schwarzer Dorn ....... an roten Brü-
sten saugen / Verfallne Lippen und in schwarzen Laugen /
Des Sonnenjünglings feuchte Locken gleiten ....... Mön-
chin! schließ mich in dein Dunkel ... - Und nächtens . . .

stürzen sie aus roten Schauern ....... Gewaltig bäumt sich


ein schwarzes Pferd; die hyazinthenen Locken der Magd /
Haschen nach der Inbrunst seiner purpurnen Nüstern - . . .

. .Ein blühender Erguß verrinnt sehr sacht / Und Unge-


.

bornes pflegt der eignen Ruh ... - Resedenduft; und


. . .

glühendes Gefühl / Des Bösen ....... Der ihn befeuchtet,


rosig hängt ein Tropfen Tau / Im Rosmarin: hinfließt ein
Hauch von Grabgerüchen ....... Ein Nest von scharlach-
farbnen Schlangen bäumt / Sich trag in ihrem aufgewühlten
Schoß ... - Unter finsteren Tannen / Mischten zwei
. . .

Wölfe ihr Blut / In steinerner Umarmung ....... Wollust,


da er im grünenden Sommergarten dem schweigenden Kind
Gewalt tat ...... Dein Leib ist eine Hyazinthe, / In die
.

ein Mönch die wächsernen Finger taucht - und das war


Franz Fühmann. Heiner Müller 61

noch dazu an einen Knaben, An den Knaben Elis, gerichtet,


das sagte doch blanke Päderastie, und da vordem die Zeile
hieß: O, wie lange bist, Elis, du verstorben, sagte das dazu
auch noch Leichenschändung; und Kinderschändung; und
Sadismus; und Sodomie; und Masochismus; und Masturbie-
ren; ein Kompendium der Perversionen, das Register Fade-
jews hatte Lücken, und wiesen dann Zeilen wie: Im Park er-
blicken zitternd sich Geschwister ....... Schwester, deine
blauen Brauen / Winken leise in der Nacht. / Orgel seufzt
und Hölle lacht / Und es faßt das Herz ein Grauen .......
Schwester, da ich dich fand an einsamer Lichtung / Des
Waldes und Mittag war und groß das Schweigen des
Tiers ... - . Aus verwesender Bläue trat die bleiche Ge-
. .

stalt der Schwester und also sprach ihr blutender Mund:


Stich schwarzer Dorn ... - wiesen solche Zeilen zu alledem
nicht auch noch unverhohlen auf den Inzest? - Stimmte es
wirklich, daß, wie ich einmal gehört, Trakl die eigene
Schwester geschändet?
In welchem Sumpf verlor ich mich?
Wo hatte, schoß es mir durch den Kopf, wo hatte nur Marx
davon gesprochen, daß in Ägypten der Bruder mit der Schwe-
ster geschlafen, und das sei sittlich, weil die Norm gewesen? -
Ich blätterte durch die Marx-Bände, die ich besaß, und mußte
dabei schon wieder denken, daß es sinnlos sei, diese Stelle zu
suchen, wir lebten ja nicht mehr zur Pharaonenzeit. - Hatte
diesAufrechnen überhaupt einen Sinn, was wollte ich mit den
Zitaten beweisen? - Stich schwarzer Dorn.

HEINER MÜLLER

Geb. 9. Januar 1929 als Sohn eines Beamten und einer Textilarbeiterin in Ep-
pendorf bei Chemnitz, gest. 30. Dezember 1995 in Berlin. 1945 Arbeitsdienst,
Volkssturm, Gefangenschaft. Nach dem Abitur Verwaltungsangestellter, Bi-
bliotheksarbeit, Journalist. 1954/55 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deut-
62 77. Programmatisches, Kritisches

sehen Schriftstellerverbandes. 1958 Mitarbeiter am Maxim-Gorki-Theater in


Ost-Berlin, 1970-76 Dramaturg am Berliner Ensemble, danach künstlerischer
Berater an der Volksbühne. Seit 1959 freier Schriftsteller. Zusammenarbeit mit
seiner Frau Inge Müller (gest. 1966). In den achtziger Jahren als bedeutender
Dramatiker zunehmend anerkannt, in der DDR preisgekrönt (Nationalpreis
1986) und wenig, im Westen preisgekrönt (Büchner-Preis 1985) und viel ge-
spielt. 1992 Mitdirektor des Berliner Ensembles, das er zuletzt allein leitete.
Werke: Der Lohndrücker Dr. (1957); Die Korrektur Dr. (1958); Die Umsiedle-
rn! Dr. (1961); Der Bau Dr. (1965); Philoktet Dr. (1966); Herakles 5 Dr. (1966);
Ödipus Tyrann Dr. (1969); Macbeth Dr. (1972); Der Horatier Dr. (1973); Ze-
ment Dr. (1974); Die Schlacht Dr. (1975); Mauser Dr. (1976); Germania Tod in
Berlin Dr. (1977); Hamletmaschine Dr. (1977); Leben Gundlings Friedrich von
Preußens Lessings Schlaf Traum Schrei Dr. (1977); Der Auftrag Dr. (1981);
Quartett Dr. (1981); Rotwelsch Dr. (1982); Verkommenes Ufer Medeamaterial
Landschaft mit Argonauten Dr. (1983); Herzstück Dr. (1983); Anatomie Titus
Fall of Rome. Ein Shakespeare-Kommentar Dr. (1985); Zur Lage der Nation
(1990); Jenseits der Nation (1991); Fünfzig Gedichte 1949-91 (1992); Krieg
ohne Schlacht. Leben in zwei Diktaturen Aut. (1992); Germania 3 Gespenster
am Toten Mann Dr. (1996); Werke (1998 ff).

Unter den Autoren der älteren deutschen Literaturge-


schichte, deren produktiv-anregende Kraft bis in die Gegen-
wart ausstrahlt, ist Georg Büchner sicher einer der wichtig-
sten. Innerhalb seines Werkes kommen dabei der »Lenz«-Er-
zählung und dem »Woyzeck«-Drama besondere Bedeutung
zu, die beide Fragment blieben. Auch insofern trägt der
angesehenste deutsche Literaturpreis nach dem Zweiten
Weltkrieg zu Recht seinen Namen. In der langen Reihe der
Dankreden - von Paul Celans Berufung auf Luciles »Es
lebe der König!« am Ende von »Dantons Tod«, die von der
»Majestät des Absurden« zeuge, bis zu Durs Grünbeins Ak-
zentuierung von Büchners physiologischer Analyse des Men-
schen - läßt sich beobachten, wie dieser Autor noch in der
zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kreative Impulse zu ge-
ben und zum Medium unterschiedlichster Selbstverständi-
gungen zu werden vermochte. Auch Heiner Müllers »Die
Wunde Woyzeck« - der Titel greift den eines berühmten Es-
says von Theodor W. Adorno auf, »Die Wunde Heine« -
wurde 1985 als Dankrede aus Anlaß der Verleihung des
Büchner-Preises gehalten. Es handelt sich, trotz der Wid-
Heiner Müller (Foto: Isolde Ohlbaum)
64 77. Programmatisches, Kritisches

mung an den damals eingekerkerten ANC-Führer Nelson


Mandela, weder um einen politischen noch um einen litera-
turkritischen, noch auch um einen programmatischen oder
hesser: sowohl um einen politischen als auch um einen litera-
turkritischen und programmatischen Text. Er verzichtet auf
argumentative Entfaltung zugunsten einer apokalyptischen
Vision und arbeitet mit eben jenen Mitteln der suggesti-
ven typologischen Engführung (Woyzeck - Runge - Ulrike
Meinhof), der extremen Kontraktion (»spätgeborene Braut
eines andern Findlings der deutschen Literatur«) und des
verdeckten (»die Augenlider weggeschnitten« = Kleist) oder
offenen Zitats (»DEN MUND AN DIE SCHULTER DES
SCHUTZMANNES GEDRÜCKT« = Kafka) wie die im enge-
ren Sinn poetischen Texte Müllers, von denen mit der »WIE-
DERKEHR .« eines seiner wichtigsten Werke der mittleren
. .

Zeit, »Mauser«, anspielend genannt wird. Noch bevor der


Fall des Eisernen Vorhangs die vermutlich weltgeschichtlich
entscheidende Frontstellung aus der Ost-West-Achse um
neunzig Grad drehte, der Blick auf den »Süden«, auf
fällt
Afrika. Dem hochverdichteten Text ist keine politische Ana-
lyseoder gar eine Handlungsanweisung zu entnehmen, viel-
mehr kommt im Gestus seiner harten, gewaltsamen Fügun-
gen eine Radikalität zum Ausdruck, die uns in poetischer
Strenge den durch die »Lüge vom POSTHISTOIRE« ver-
hängten »Blick in die Zukunft« aufzwingt. Die Stelle »beim
Steckenschneiden für den Spießrutenlauf« lautet in der vor-
läufigen Reinschrift Büchners:

Woyzeck. Red was. (Starrt in die Gegend.) Andres!


Wie Ein Feuer fährt um den Himmel und ein
hell!
Getös herunter wie Posaunen. Wies heraufzieht!
Fort. Sieh nicht hinter dich. (Reißt ihn in's Ge-
büsch.)
Andres (nach einer Pause). Woyzeck! hörst du's
noch?
Woyzeck. Still, Alles still, als war die Welt todt.
Heiner Müller 65

Die Wunde Woyzeck


Für Nelson Mandela

Immer noch rasiert Woyzeck seinen Hauptmann, ißt die


verordneten Erbsen, quält mit der Dumpfheit seiner Liebe
seine Marie, staatgeworden seine Bevölkerung, umstellt von
Gespenstern: Der Jäger Runge ist sein blutiger Bruder, pro-
letarisches Werkzeug der Mörder von Rosa Luxemburg;
sein Gefängnis heißt Stalingrad, wo die Ermordete ihm in
der Maske der Kriemhild entgegentritt; ihr Denkmal steht
auf dem Mamaihügel, ihr deutsches Monument, die Mauer,
in Berlin, der Panzerzug der Revolution, zu Politik geron-
nen.DEN MUND AN DIE SCHULTER DES SCHUTZMAN-
NES GEDRÜCKT, DER LEICHTFÜSSIG IHN DAVON-
FÜHRT, hat Kafka ihn von der Bühne verschwinden sehn,
nach dem Brudermord MIT MÜHE DIE LETZTE ÜBELKEIT
VERBEISSEND. Oder als den Patienten, dem der Arzt ins
Bett gelegt wird, mit der Wunde offen wie ein Bergwerk,
aus der die Würmer züngeln. Goyas Riese war seine erste
Erscheinung, der auf den Bergen sitzend die Stunden der
Herrschaft zählt, Vater der Guerilla.
Auf einem Wandbild Parma habe ich
in einer Klosterzelle in
seine abgebrochenen Füße gesehn, riesig in einer arkadi-
schen Landschaft. Irgendwo schwingt vielleicht auf den
Händen sein Körper sich weiter, von Lachen geschüttelt
vielleicht, in eine unbekannte Zukunft, die vielleicht seine
Kreuzung mit der Maschine ist, gegen die Schwerkraft ge-
trieben im Rausch der Raketen. Noch geht er in Afrika sei-
nen Kreuzweg in die Geschichte, die Zeit arbeitet nicht
mehr für ihn, auch sein Hunger ist vielleicht kein revolutio-
näres Element mehr, seit er mit Bomben gestillt werden
kann, während die Tambourmajore der Welt den Planeten
verwüsten, Schlachtfeld des Tourismus, Piste für den Ernst-
fall, kein Blick für das Feuer, das der Armierungssoldat

Franz Johann Christoph Woyzeck beim Steckenschneiden


66 77. Programmatisches, Kritisches

für den Spießrutenlauf um den Himmel bei Darmstadt fah-


ren sah. Ulrike Meinhof, Tochter Preußens und spätgebo-
rene Braut eines andern Findlings der deutschen Literatur,
der sich am Wannsee begraben hat, Protagonistin im letzten
Drama der bürgerlichen Welt, der bewaffneten WIEDER-
KEHR DES JUNGEN GENOSSEN AUS DER KALKGRUBE,
ist seine Schwester mit dem blutigen Halsband der Marie.

Ein vielmal vom Theater geschundener Text, der einem


Dreiundzwanzigj ährigen passiert ist, dem die Parzen bei
der Geburt die Augenlider weggeschnitten haben, vom
Fieber zersprengt bis in die Orthografie, eine Struktur wie
sie beim Bleigießen entstehen mag, wenn die Hand mit
dem Löffel vor dem Blick in die Zukunft zittert, blockiert
als schlafloser Engel den Eingang zum Paradies, in dem die
Unschuld des Stückeschreibens zu Hause war. Wie harmlos
der Pillenknick der neueren Dramatik, Becketts WARTEN
AUF GODOT, vor diesem schnellen Gewitter, das mit
der Geschwindigkeit einer anderen Zeit kommt, Lenz im
Gepäck, den erloschenen Blitz aus Livland, Zeit Georg
Heyms im utopielosen Raum unter dem Eis der Havel,
Konrad Bayers im ausgeweideten Schädel des Vitus Be-
ring, Rolf Dieter Brinkmanns im Rechtsverkehr vor
SHAKESPEARES PUB, wie schamlos die Lüge vom POST-
HISTOIRE vor der barbarischen Wirklichkeit unserer Vor-
geschichte.

DIE WUNDE HEINE beginnt zu vernarben, schief; WOY-


ZECK ist die offene Wunde. Woyzeck lebt, wo der Hund be-
graben liegt, der Hund heißt Woyzeck. Auf seine Auferste-
hung warten wir mit Furcht und/oder Hoffnung, daß der
Hund als Wolf wiederkehrt. Der Wolf kommt aus dem Sü-
den. Wenn die Sonne im Zenit steht, ist er eins mit unserm
Heiner Müller 67

Schatten, beginnt, in der Stunde der Weißglut, Geschichte.


Nicht eh Geschichte passiert ist, lohnt der gemeinsame Un-
tergang im Frost der Entropie, oder, politisch verkürzt, im
Atomblitz, der das Ende der Utopien und der Beginn einer
Wirklichkeit jenseits des Menschen sein wird.
III. Lyrik

Der Satz, daß Lyrik fast zu allen Zeiten nur von wenigen
Lesern geschätzt wurde, ist wohl ebenso wahr wie die Aus-
sage, sie sei die Essenz sprachlicher Kunst. Im deutschen
Kulturraum sah sich die Gattung nach 1945 einer Folge
einander abwechselnder Zumutungen ausgesetzt, die sie -
scheinbar schwach, tatsächlich vital- durch vielfältigen pro-
duktiven Widerspruch abgewehrt hat. Zum einen existierte
die in den fünfziger Jahren dominierende Vorstellung, mo-
derne Lyrik zeichne sich, auf dem Untergrund des Gefühls

existentieller Ausgesetztheit, durch eine suggestive Esoterik


aus, auf die sie nur um den Preis ihrer Selbstaufgabe als
einer wahrhaft zeitangemessenen Sprachkunst verzichten
könne. Zur Zeit der 68er-Bewegung wurde sie dann pro-
grammatisch auf eine agitatorische Funktion beschränkt, so-
fern man ihr überhaupt noch eine Berechtigung zugestand
und sie nicht etwa zugunsten dokumentarischer Texte ganz
fallenließ. Schließlich - die Reihe ist lückenhaft - kam die
rhetorische Anmutung auf, mit dem Zerfall des Avantgar-
de-Paradigmas habe sich in der Offenheit des Posthistoire
jeder Verbindlichkeitsanspruch zugunsten der freien Verfüg-
barkeit über den gesamten Traditionsbestand verflüchtigt.
Tatsächlich macht der Blick auf die Lyrik der Nachkriegs-
zeit und zumal die seit 1970 entstandene mit einer Formen-
vielfalt bekannt, die sich den normativen Einteilungen und
Dichotomien nicht fügt. Gleichwohl läßt sie einen Verbind-
lichkeitsanspruch erkennen, der sich weder in einer unbe-
fragten Tradition noch in der Überbietungsgeschichte der
Avantgarde sieht (der diese Glaubensvokabel entstammt),
sondern ausschließlich in der geschichtlich wie theoretisch
nicht abgesicherten Evidenz seiner jeweiligen ästhetischen
Gestalt gründet. In dieser Perspektive tritt die in Bildern
karger Landschaft sprechende politische Lyrik eines Peter
///. Lyrik 69

Huchel, die in der Weiterführung von naturlyrischen Idio-


men der ersten Jahrhunderthälfte gewonnen wurde, neben
die eines Oskar Pastior, der sich nach Anfängen in der
Nachfolge des Expressionismus dem methodischen Experi-
mentieren verschrieb. Gleiches gilt für Werke von Ludwig
Greve, der u. a. an die klassizistische Odenform anknüpfte,
die Klopstock und Hölderlin in Deutschland durchgesetzt
hatten. Neben Hans Magnus Enzensberger, dessen skep-
tisch -equilibristische Eleganz nicht nur Thema eines hier
ausgewählten Gedichtes ist, kommen die nüchterne Verhal-
tenheit Richard Leisings und Wulf Kirstens widerborstig-
herbe Erinnerungsarbeit zu stehen. Und neben Ernst Jandls
verzweifelter Komik vermag sich Sarah Kirschs kraftvoll-
elegischer Ton ebenso zu behaupten wie Bert Papenfuß-
Goreks idiosynkratische Aggression gegen die Diskurse der
Macht, die er sprachlustvoll zur Kenntlichkeit entstellt. Die
in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts konkurrierenden
Traditionsbestände geben sich in der Retrospektive der spä-
ten neunziger Jahre als frei verfügbare Masken zu erken-
nen, deren Wahl Verbindlichkeit jeweils nur daraus ableiten
kann, daß, wie Harald Härtung es ausdrückte, der Dichter,
der sich maskiert, »versucht, unter der Maske seine authen-
tische Stimme zu finden«. Wenn diese Diagnose im Prinzip
für alle literarischen Gattungen gilt, doch gerade in
so hat es
der Lyrik nicht an solchen authentischen Stimmen gefehlt,
weil in ihr am radikalsten die auf sprachliche Individuation
abzielende Arbeit des Widerstands gegen die instrumenteile
Indienstnahme des Wortes und seine Schwächung in der Be-
liebigkeit und im Rauschen der Kanäle zu leisten war.
70 ///. Lyrik

PETER HUCHEL

Geb. 3. April 1903 in Berlin-Lichterfelde, gest. 30. April 1981 in Staufen bei
Freiburg i. Br. Studium der Literatur und Philosophie. Freier Schriftsteller, Ar-
beiten für den Rundfunk, Übersetzer, Landarbeiter. 1940-45 Soldat, Deser-
tion, sowjetische Kriegsgefangenschaft. 1949-62 Chefredakteur von Sinn und
Form. 1951 Nationalpreis der DDR. Lebte 1962-71 zurückgezogen, bespitzelt
in Wilhelmshorst bei Potsdam. 1971 Ausreise aus der DDR-
Werke: Sternreuse G. (1928); Der Knabenteich G. (1933); Die Herbstkantate
(1935); Die Magd und das Kind Hsp. (1935); Margarethe Minde Hsp. (1935);
Gedichte (1948); Chausseen Chausseen G. (1963); Die Sternenreuse G. (1967);
Gezählte Tage G. (1972); Hans Henny Jahnn / P. H.: Briefwechsel 1951-1959
(1975); Die neunte Stunde G. (1979); Gesammelte Werke (1984); Johannes Bo-
browski / P. H.: Briefwechsel (1993).

Nachdem Peter Huchel 1962 die Chefredaktion von »Sinn


und Form« entzogen und er bis 1971 in der Abgelegenheit
von Wilhelmshorst bei Potsdam behördlich drangsaliert und
rund um die Uhr sicherheitsdienstlich überwacht wurde,
konnte er (auf Drängen u. a. Heinrich Bölls, damals Präsi-
dent des internationalen PEN) 1971 die DDR
verlassen. Im
Südbadischen fand er zwar nicht eine neue Heimat, doch
ein letztes Zuhause. Seine lyrische Sprache blieb, wie »Die
neunte Stunde«, der letzte Gedichtband, zu erkennen gibt,
von diesem lebensgeschichtlich bedeutsamen Einschnitt un-
berührt. Schon früh hatte diese Sprache die mörderische Ge-
schichte des 20. Jahrhunderts unverwechselbar in sich auf-
genommen, die in einer Verbindung von Natur- und Zeit-
gedicht auch ein Äußerstes zu sagen erlaubte. Der Titel
»Begegnung« ist mehrfach beziehbar, nicht nur auf den ins
englische Exil vertriebenen Dichter und Übersetzer Michael
Hamburger, an den die Widmung adressiert war, und auch
nicht nur auf Ingeborg Bachmann, in deren poetologischem
Gedicht »Mein Vogel« die Schleiereule im »Dunstkreis« äugt,
»den das Gelichter bewohnt«. Ingeborg Bachmanns empha-
tischer Beteuerung einer letzten Sicherheit (»was auch ge-
schieht«) antwortet der den Sprecher einschließende Impe-
rativ der Huchelschen Schlußstrophe, deren biblische My-
Peter Huchel 71

thologie und biblisch getönte Sprache ebenso wie der Ver-


zicht auf das deutlich markierende Ausrufungszeichen einen
fortgeschrittenen Stand geschichtlich hervorgerufener Ver-
zweiflung zu erkennen geben. »Östlicher Fluß« spricht in
den rahmenden äußeren Strophen von Verschwinden, Ver-
glimmen, Abwesenheit, und noch die verbliebenen Erinne-
rungs- bzw. Hoffnungsspuren, die in der zweiten Strophe
evoziert werden, sind in sich durchweg gebrochen. »Todt-
moos« knüpft an die alte, in der Romantik und der Natur-
Jahrhunderts erneuerte Tradition vom Schrift-
lyrik des 20.
charakter der Natur an, um in der Nicht-Entzifferbarkeit
des uns anmutungshaft Begegnenden eine unwissende Ohn-
macht zu bekennen, der größere Dignität zukommt als den
fragwürdigen Übersetzungskünsten der scheinbar Wissen-
den. »Nicht geführte Gespräche« lautet der Titel eines Hu-
chel gewidmeten Gedichtes von Günter Eich, in dem dieser
schreibt:
Wir bescheidenen Übersetzer,
etwa von Fahrplänen,
Haarfarbe, Wolkenbildung,
was sollen wir denen sagen,
die einverstanden sind
und die Urtexte lesen?

Begegnung
Für Michael Hamburger

Schleiereule,
Tochter des Schnees,
dem Nachtwind unterworfen,
doch Wurzeln fassend
mit den Krallen
im modrig grindigen Gemäuer,
72 ///. Lyrik

Schnabelgesicht
mit runden Augen,
herzstarre Maske
aus Federn weißen Feuers,
das weder Zeit noch Raum berührt,

kalt weht die Nacht


ans alte Gehöft,
im Vorhof fahles Gelichter,
Schlitten, Gepäck, verschneite Laternen,

in den Töpfen Tod,


in den Krügen Gift,
das Testament an den Balken genagelt.

Das Verborgene unter


den Klauen der Felsen,
die Öffnung in die Nacht,
die Todesangst
wie stechendes Salz ins Fleisch gelegt.

Laßt uns niederfahren


in derSprache der Engel
zu den zerbrochenen Ziegeln Babels.

Östlicher Fluß

Such nicht die Steine


im Wasser über dem Schlamm,
der Kahn ist fort,

der Fluß
nicht mehr mit Netzen
und Reusen bestückt.
Der Sonnendocht,
die Sumpfdotterblume verglomm im Regen.
Peter Huchel Ludwig Greve 73

Nur die Weide gibt noch Rechenschaft,


in ihren Wurzeln
sind die Geheimnisse
der Landstreicher verborgen,
die kümmerlichen Schätze,
der rostige Angelhaken,
die Büchse ohne Boden
zum Aufbewahren längst
vergessener Gespräche.

An den Zweigen
die leeren Nester der Beutelmeisen,
die vogelleichten Schuhe.
Keiner streift sie
den Kindern über die Füße.

Todtmoos

In Todtmoos
sah ich in weißer leuchtender Schneeluft
schneepflückende Wesen fliegen.
Ich griff in den Flockenfall
und fing nur Kälte.

Schneenarben an den Felsen,


Wegzeichen wohin? Schriftzeichen,
nicht zu entziffern.

LUDWIG GREVE

Geb. 23. September 1924 in Berlin in einer assimilierten deutsch-jüdischen Fa-


milie, gest. 12. Juli 1991 bei einem Badeunfall auf Amrum. 1939 weist die ku-
banische Regierung 921 Europa-Flüchtlinge, unter ihnen die Familie Greve,
auf der vor Havanna liegenden »St. Louis« zurück. 1944 Deportation des Va-
74 ///. Lyrik

ters und der Schwester, wahrscheinlich in ein Vernichtungslager; Ludwig


Greve rettet die schwerverletzte Mutter. 1945 Auswanderung nach Palästina.
1950 Rückkehr nach Deutschland. 1952-55 Wohn- und Arbeitsgemeinschaft
in der freien Kunstschule in Sulz a. N. um HAP Grieshaber. 1957-88 Mitar-
beiter des Deutschen Literaturarchivs in Marbach a. N.; dort beteiligt an zahl-
reichen Ausstellungen. Peter-Huchel-Preis 1992 (postum).
Werke: Gedichte (1961); Gedichte (1964); Bei Tag. Neue Gedichte (1974); Sie
lachtund andere Gedichte (1991); Wo gehöre ich hin? Geschichte einer Jugend
Aut. (1994); Ludwig Greve. Texte - Dokumente - Materialien (1995).

Zu den bewegendsten Augenblicken in der Geschichte der


neueren deutschen Literatur zählt der Entschluß Hans Sahls,
sich nach 55 Jahren des Exils, 1989, wieder in Deutschland, in
Tübingen, der Stadt Hölderlins, niederzulassen. In »Char-
terflug in die Vergangenheit« schrieb der in Berlin aufge-
wachsene Dichter, der in New York Rettung gefunden hatte
(vorgestellt wird der offizielle Besuch einer Gruppe von
»Überlebenden« in der verlorenen Heimat):

Als sie sich der Küste von


Long Island näherten,
sahen sie die Schwäne auf der Havel
an sich vorbeiziehen,
und sie weinten.
Ludwig Greve kehrte schon 1950 nach Deutschland zurück.
Der in Berlin Geborene fand in Schillers Geburtsstadt Mar-
bach eine Wirkungsstätte und im Schwäbischen eine Land-
schaft, bei deren Preisung er sich bis zum verhaltenen Ent-
zücken steigern konnte und dabei des Unglücks eingedenk
blieb, das auch seine eigene Familie getroffen hatte. Das ly-
rische Werk Greves ist schmal und blieb, obwohl früh ge-
schätzt von Helmut Heißenbüttel und Karl Krolow, in sei-
ner Distanz zu den modernistischen Tendenzen um 1960,
den politisch -aktualistischen um 1970 und der sie ablösen-
den »neuen Subjektivität« (von der postmodernen Beliebig-
keit zu schweigen) weitgehend unbeachtet. Zu ihm gehören
einige der schönsten neueren Gedichte in deutscher Sprache,
die für Greve »Stiefmutterspräche« blieb, obwohl er zu ihr
Ludwig Greve 75

trotz allem »Vertrauen« hatte. »Schwäbische Alb« setzt be-


stimmt, zögernd und leise ein, bevor der Rhythmus gelöster
wird und, nach der Retardation der vorletzten Strophe,
am Ende in einer Geste glück-, doch nicht rauschhafter,
des Schmerzes gewärtig bleibender Weltzugewandtheit aus-
schwingt. In »Mein Vater« bildet die alkäische Ode die
strenge Form. Diese Form ermöglicht es, das Persönliche ins
geschichtlich Allgemeine zu heben und gleichzeitig den tief-
sten Lebensschmerz und »Begeisterung« zu rühmen und
dankend zu verbinden. »In jeder Zeile der Gedichte ist die
Bitterkeit unseres Lebens gegenwärtig. Aber sie klagt nicht.
Wie von selbst faßt der Vers das Schreckliche und das Er-
füllte, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit zusammen, und es
ist, im Wort, wörtlich, vorhanden« (Heißenbüttel).

Schwäbische Alb

An manchen Tagen, wenigen,


kommt beim Aufwachen Klarheit über mich.
Ich sehe hinter den Nachbarhügeln die Alb,
Rücken an Rücken die Herde wandern.

Es herrscht der nackte, dem Meer entstiegene Himmel,


davor nur Körper bestehn, kein Traum.
Aber die Masse, wohin? entrönne ein Fluß den Ufern,
er wälzte aus Schlamm und Stein die begrabenen
untersten Wellen ans Licht.

Er, dem niemand Atem leiht,


unter Felsen, Grabmälern - der Schmerz löste sich
und Gebirge fängt an, das Hartnäckige,
dran Menschen, Bäume sich klammern, fängt an
zu drängen, fluten, zu atmen -
Last wird Fülle, Fülle Bewegung,
ein Vlies erwärmt die schwarzen, grünen Nacken der Alb.
76 ///. Lyrik

Wenige Tage. Da schwindet, kaum daß sie Leben gewann,


die Alb im Dampf ihrer Nüstern;
wo eben ruhige Kraft mich trug
und weitertrug, ein Kind, das nicht aufhören will,
da glänzt die Leere, im Silberdunst
verschmelzen Tag und Gebirge.

Komm. Mit Wacholderbüschen,


mit Kuppen, hergeschwungenen Flächen komm
und laß mich den Fuß auf deine schlafenden Wellen setzen,
darunter - ich spürs in den Gliedern -
mein Schmerz die mächtige Antwort findet.

Mein Vater

Spät komme ich zu dir.


Wenn Staub mich riefe - aber ich höre nur
im Spiel der feuchten, meiner Lippen,
diese gehorsame Stimme rufen.

Wo niemand wartet, Vater, im Schweigen, wo


in Salz und Asche kenne ich deinen Mund,
der nach den Kindern ruft und ächzend
bittet um Gnade die Menschensöhne.

Die ehmals gute Jacke verriet den Herrn.


Du ohne Mantel, war auch kein Tier dabei
noch Gott: wie sorgsam führtest du in
zwiefacher Kälte dein Kind zur Grube.

Dein Aug, die Stirne, Tafel vom Sinai,


der Nase starker Bogen - ich sehe nichts
und halte Nase, Stirn und deine
Bitternis doch in den hohlen Händen.
Ludwig Greve. Sarah Kirsch 77

Ja, dieseHand, die unschlüssig Wort auf Wort


hier fügt, sieahmte lange die Bögen nach
von deinem Namen, übte heimlich
Strenge und Mut des gerechten Mannes,

dem ich nie sagen konnte: ich bin dein Sohn.


Man hieß uns Fremde. Unsere Sprache war
ein Blick, ein Händetausch, und später
Auflehnung, bleiche Gewalt des Zornes.

Genügt die Trauer? Atem, Begeisterung,


die Liebesnächte danke ich deinem Grab
und auch die Kinder: unerschöpflich
höre sie lachen . . . Ich komme, Vater.

SARAH KIRSCH

Geb. 16. April 1935 in Limlingerode (Harz): Arbeit in einer Zuckerfabrik. Stu-
dierte Biologie in Halled. Saale, anschließend Literatur am Johannes-R.-Be-
a.

War mit dem Schriftsteller Rainer Kirsch verheiratet.


cher-Institut in Leipzig.
1977 Übersiedlung mit dem Sohn nach West-Berlin. Lebt als freie Schriftstelle-
rin in Tielenhemme an der Eider (Schleswig-Holstein). Büchner-Preis 1996.
Werke: Berlin - Sonnenseite Rep. (mit R. Kirsch, 1964); Gespräch mit dem
Saurier G. (mit R. Kirsch, 1965); Landaufenthalt G. (1967); Zaubersprüche G.
(1973); Die Pantherfrau Rep. (1973); Rückenwind G. (1976); Erklärung eini-
ger Dinge. Dokumente und Bilder (1978); Drachensteigen G. (1979); Ge-
schlechtertausch. Drei Geschichten über die Umwandlung der Verhältnisse
(mit I.Morgner und Ch. Wolf, 1980); La Pagene Lyr. Prosa (1980); Erdreich
G. (1982); Katzenleben G. (1984); Irrstern. Prosa (1986); Allerlei- Rauh. Eine
Chronik (1988); Schneewärme G. (1989); Schwingrasen Prosa (1991); Erlkö-
nigs Tochter G. (1992); Das simple Leben G. und Prosa (1994); Bodenlos G.
(1996); Werke in fünf Bänden (1999).

Sarah Kirsch zählt - wie Wolf Biermann oder Volker Braun


- zu jenen Autoren der ehemaligen DDR, deren Stimme
zuerst in den Jahren nach dem Bau der Berliner Mauer
vernehmbar wurde. Schon früh fand sie mit der Lyrik zu
78 ///. Lyrik

der ihr gemäßen Ausdrucksform. Naturlyrik und Land-


schaftgedicht zumal interessierten im Werk der
sie, die ihr
bedeutendsten deutschen Dichterin, Annette von Droste-
Hülshoff und auch in dem ihrer Zeitgenossen Peter Huchel,
Günter Eich und Johannes Bohrowski begegnet sein wer-
den. Der elfteilige Zyklus »Wiepersdorf« aus dem Band
»Rückenwind« (1976) nimmt ein Thema auf dem bereits
von Huchel ein frühes titelgleiches Gedicht gewidmet wor-
den war:
Wo gingt ihr hin? - Geliebte Stimmen,
unsterbliche, wo seid ihr wohl?

und das Eich seinerseits in »Wiepersdorf die Arnimschen


Gräber« aus dem 1948 veröffentlichten Gedichtband »Ab-
gelegene Gehöfte« variiert hatte:

Umspinnt die Gräberhügel


Geißblatt und Rosendorn,
hört im Libellenflügel
des Knaben Wunderhorn!

Wiepersdorf, einst Landsitz Achim und Bettina von Arnims,


diente in der DDR als Erholungsheim für Schriftsteller. Ein
Aufenthalt der Dichterin im Mai 1973 wurde zum biogra-
phischen Ausgangspunkt eines Gedichtzyklus, der die Be-
schwörung des im Märkischen gelegenen Gutes und seiner
Vergangenheit mit dem »Lebensgefühl« einer »Generation«
(Kirsch) dicht verwebt. Dabei kommt der Anspielung auf
Bettina von Arnims anklagendes Armenbuch »Dies Buch
gehört dem König« (1843) besondere Bedeutung zu. Sie er-
möglicht es, die von der Sprecherin, stellvertretend nicht nur
für den künstlerischen Menschen, erlittene Doppelerfahrung
äußerster geschichtlicher Gewalt (»Drei Stunden Panzer
vorbei«) und des Verlangens nach Sicherheit in der Liebe
(»eifrig / War ich bemüht, Apollon zu fassen und gleich-
falls / Ein hübsch klopfendes menschliches Herze erbeu-
ten - / Vergebens«) in die Enge zu führen. (Das siebte Ge-
Sarah Kirsch 79

dicht des Zyklus spielt auf die Schriftstellerkollegen Adolf


Endler und Elke Erb an, ist aber auch ohne diese Informa-
tion verständlich.)

Wiepersdorf

Hier ist das Versmaß elegisch


Das Tempus Praeteritum
Eine hübsche blaßrosa Melancholia
Durch die geschorenen Hecken gewebt

Hinter Jüterbog öffneten sich


Der erste, der zweite Himmel, ließen herab-
Strömen, was sich gesammelt hat, siehe
Es wurde ein mächtiger blasenschlagender
Landregen draus, esgoß sogar Schwefel.
Später in Wiepersdorf, als zwischen zwei

Windhosen die Möglichkeit war sich zu ergehen


Das liebe freie Land
Recht ins Auge zu fassen, war Freude
Freude. Die schönen Fenster im Malsaal
Öfters sechs mal vier kleine Scheiben, die Flügel
Von zierlichen Knebeln gehalten. Innen
Bizarres altes schlängelndes zipfelbemütztes
Kakteengewirr, außen
Maifrischer Park.
Die Steinbilder lächeln -
ich ging
Gleich bis zum Zeus, der hielt den Blitz an der Stelle
Wo der Park mit dem Wald schläft. Englischer Rasen
Den bläuliches Waldgras verstrickt hat, es reckt
Noch ein Fliederbusch wirklich!
Vergißmeinnichtblaue Finger zum Himmel und
80 ///. Lyrik

SelbstverständlichUnmassen Vögel ringsum


In Büsche und Bäume geworfen. Ich staunte
Vor Stunden noch enge im Hochhaus
In der verletzenden viereckigen Gegend, nun
Das - ich dachte bloß noch: Bettina! Hier
Hast du mit sieben Kindern gesessen, und wenn
Landregen abging
Muß es genauso geklappert haben Ende Mai
Auf die frischaufgespannten Blätter - ich sollte
Mal an den König schreiben

Eine Bannmeile schöner frischer Wald


Mit Kuckucken Holztauben und Rotbrüstchen
Habe ich um mich gelegt: unempfindlich
Geh ich im Wind, und der trägt
Nicht einen Seufzer mir zu. Gepanzert
Und obendrein
Einen Minengürtel Einzelheiten
Zierlich drapiert will ich nun bleiben
Auf freiem Feld. Selbst wenn
die harten
Hagelschläge mich treffen, der Donner.
Abends mal ich den Teufel noch schwärzer
Dreh Dornen in den Rosenkranz, jede
Verwünschung; und hoffe
So über den Winter zu kommen in diesem Frühjahr.

Der Kuckuck rief den ganzen Tag und die Lerchen


Fielen wie Steine herab. Als die Sonne
Hinterm gekrümmten Walde gegangen war
Zitterndkam nun ein Nachtwind auf, der die Gardinen
Ordentlich flattern ließ; die zerrissen
Am rauhen Stein der Balustrade.
Ich sah die Hecken geschoren und leer
Sarah Kirsch 81

Unter Buchen ziehen, die Bilder


Der arm- und kopflosen Götter sehr leuchten
Ach und der Schloßteich, das grüne Ufer, vergessen
Mit seinen Entenhäuschen, den Leichen
Der neugeborenen Katzen, ein staubiger Spiegel
Sah er mich an. Im Irrgarten steht
Jelängerjelieber und duftet herauf.
Hier trink ich das Tränklein Vergessen, hier spiel ich
Die Herrin der Bilder und Meubeln bis dann
Nach Tagen das Leben im praktischen Hochhaus
Mich wieder nimmt, in dem ich wie vorher
Bin, nur ein Name im Heidenkalender verstrichen

Ehrwürdiges schönes Haus


Mit dem zwiefachen Dach - doppelt
Allein bin ich da und dem Wetter, dem hellen
Dem knatternden Hagel, so mildem Mond
Ausgesetzt.Ach ich gedenke
Der rührenden Zeit, als fast eines Bruders
ZärtlicheHand mich morgens geweckt hat und fröhlich
Ein Tag der Zwilling des vorigen war. Was bin ich
Inzwischen umhergefahren. Und eifrig
War ich bemüht, Apollon zu fassen und gleichfalls
Ein hübsch klopfendes menschliches Herze erbeuten -
Vergebens. Deshalb
Hab ich nur mich, einen winzigen Knaben und die sich
mehrende
Anzahl der Jahre und hin und wieder
Schön schwimmendes Wolkengetier

Nun beginnen die Frösche; Scharen


Weißflügliger Motten und größerer Schwärmer
Stürzen sich in mein Licht - nichts los
82 ///. Lyrik

In diesem frühschlafenden Land-Strich hinter den Wäldern.


Mitunter wenn ich so wach bin, und
Angewidert vom Pflichtbewußtsein, lediglich ich
Bekam keinen Schlüssel, das Bargeld gezählt hab, renne ich
In flatternden Mondschein hin durch den Wald.
Der Mensch ist hier gut, das Geld stimmt immer:

Hier rollen nur gegen Morgen um vier


Drei Stunden Panzer vorbei und die Landschaft
Sieht am Tage verwunschen aus. Wo ein Weg war
Jetzt eine Schlucht. Schwarze Bauersfrauen auf Rädern
Rufen: es muß
Abwechslung geben.

Wo ich nach Seifenlappen frage im Konsum erfahr ich


Ein Haus und zwei Mann überfahren, es war
Eine mondlose Nacht.

Ich sitze im Schloß - Edi und Elke


In ihrer Mühle. Abends
Haben sie und auch ich
Diese verstiegenen Falter
Seltsamer Farbe und Zeichnung
In unseren Räumen. Ich liege
Auf einem Biedermeiersofa, Edi
Gewiß auf dem Feld-Bett, die älteren Dichter
Wälzend und prüfend. Und Elke
Geht mit ihren verblichenen Schuhen
Noch um das Haus. Da sieht sie
Heute der Sperber an, da denkt sie

An mich hier in diesem


Volkseignen Schloß wo private
Unken Kummer mir vorschrein
Sarah Kirsch 83

Hier ist das so: wenn die Störche


Endlich auf ihren Schornsteinen schlafen
Fangen die Frösche
Gierig zu schreien an.
Sie blühn auf, meine Lampe
Trifft ihregelben beutligen Kehlen, ihr Rücken
Durchstößt schwärzeste Wasser, licht
Liegt das im Pflanzengewirr. Wenn die Katzen
Immer zur selben Stunde schleichen
Fürchten die Mäuse
Für ihre süße fünf schwänzige Brut. Zu der Zeit
Rauche ich die dunkelsten Schwaden und fluche
Du Schönhäutiger Schwacher Verrückter
Dichselberliebender schöngraues
Schielendes Aug ach geh weck

Dieser Abend, Bettina, es ist

Alles beim Immer


alten.
Sind wir allein, wenn wir den Königen schreiben
Denen des Herzens und jenen
Des Staats. Und noch
Erschrickt unser Herz
Wenn auf der anderen Seite des Hauses
Ein Wagen zu hören ist.

10 •

Der Hermaphrodit geht im Parke spazieren


Ich verberge mich zwischen den Zwergen
Der mit dem Clowns-Mund, die Puderperücke
Vertraut mir: der Un-Mensch
Geht um die Zeit noch und wartet
Dort auf einen, endlos zu klagen. Ich danke
Mein Kleiner aus Marmor für diesen Wink, da leg ich
84 ///. Lyrik

Dir meine Hand, ich muß mich bücken, liebvoll


Auf den großen gewichtigen Kopf und schlage
Schnell einen Bogen um jenes Wesen.

11

Männliches Steinbild im Park


Leider leider werden die Damen
Immer schnurriger. Was die nicht mehr
Können und alles vermögen! Die trennen sich
Dreimal im Leben von Diesem und Jenem, die schleppen
Nur das Nötige mit die Kinder, die Arbeit
O wie mir graut!

ROBERT GERNHARDT

Geb. 13. Dezember 1937 in Reval (Estland). Studierte Malerei und Germani-
stik in Stuttgart und Berlin. Lebt seit 1964 in Frankfurt a. M. Seit 1965 freibe-
ruflich als Maler, Zeichner, Karikaturist, Schriftsteller tätig. Mitbegründer des
Satiremagazins Titanic. Wird der »Neuen Frankfurter Schule« zugerechnet,
die mit den Mitteln der Komik die Kulturkritik der Frankfurter Schule um
Adorno und Horkheimer fortführt.
Werke: Die Wahrheit üher Arnold Hau (mit F. W. Bernstein und F. K. Waech-
ter, 1966); Besternte Ernte. Gedichte aus fünfzehn Jahren (mit F.W. Bernstein,

1976); Die Blusen des Böhmen. Geschichten, Bilder, Geschichten in Bildern


und Bilder aus der Geschichte (1977); Welt im Spiegel. WimS 1964-1976 (mit
F.W.Bernstein und F. K. Waechter, 1979); Wörtersee. Gedichte und Bildge-
dichte (1981); Ich Ich Ich R. (1982); Gernhardts Erzählungen. 120 Bilderge-
schichten (1983); Hier spricht der Dichter. 120 Bildgedichte (1985); Letzte
Ölung. Ausgesuchte Satiren (1985); Kippfigur En. (1986); Die Toskana-Thera-
pie Dr. (1986); Es gibt kein richtiges Leben im valschen. Humoresken aus unse-
ren Kreisen (1987); Körper in Cafes G. (1987); Letzte Ölung II. Ausgesuchte
Satiren. Zweiter Teil (1988); Innen und Außen. Bilder. Zeichnungen. Über
Malerei (1988); Was gibt's denn da zu lachen? Kritik der Komiker, Kritik der
Kritiker, Kritik der Komik (1988); Gedanken zum Gedicht. Eine Annäherung
in drei Schritten (1990); Lug und Trug. Drei exemplarische En. (1991); Weiche
Ziele G. (1994); Über Alles. Ein Lese- und Bilderbuch (1994); Wege zum
Ruhm. Dreizehn Hilfestellungen für junge Künstler und eine Warnung (1995);
Gedichte 1954-1994 (1996); Lichte Gedichte (1997); Septemberbuch. Zwanzig
Sarah Kirsch. Robert Gernhardt 85

Zeichnungen zu zehn Gedichten (1997); Klappaltar G. und Prosa (1998);


Der letzte Zeichner. Aufsätze zu Kunst und Karikatur (1999). Zahlreiche wei-
tere Arbeiten, u. a. Kinderbücher, in Zusammenarbeit mit seiner verstorbenen
Frau, der Malerin Almut Gernhardt.

Robert Gernhardt wurde lange Zeit von Literaturkritik und


-Wissenschaft nicht recht wahr-, geschweige denn ernst ge-
nommen. Daß er viel in Zeitschriften und im subkulturellen
Versandbuchhandel veröffentlichte, mag dabei eine Rolle
gespielt haben. Ein Grund könnte auch sein Grenzgänger-
tum zwischen Literatur und bildender Kunst gewesen sein,
das er u. a. in zahlreichen Bildgeschichten fruchtbar machte.

Entscheidend aber war vermutlich, daß komische Kunst sich


in Deutschland zu keiner Zeit besonderer Wertschätzung
erfreute. (»>Ein Volk, das seine Gastwirte nicht ernähren
kann, ist nicht wert, daß es lebt<, liest man manchmal in
Gasthäusern - eigentlich komisch, daß dieser Maßstab bis-
her nicht ernsthaft auf Macher und Lacher angewandt wor-
den ist: Wie hat sich das deutsche Volk beim Unterhalt sei-
ner Komikproduzenten bewährt?«) Die Vorbehalte gegen-
über der Parodie zumal, deren Gernhardt sich gern bedient,
verdecken, daß es auch in dieser Gattung Schlechtes, Durch-
schnitt und brillante Artistik gibt. Sie ließen übersehen, mit
welchem Raffinement Gernhardt den Reim wieder zu
Ehren brachte, den um 1960 kaum noch ein »Ernstdichter«,
d. h.ernstgenommener Dichter, gebrauchte, und daß es ihm
immer wieder gelang, über das rein Parodistische hinaus,
Sinn - allmählich oder plötzlich, »kippend« - in Nichtsinn/
Unsinn und Nichtsinn/ Unsinn in Sinn übergehen zu lassen.
Die wachsende Wertschätzung, die man Gernhardt in den
neunziger fahren entgegenbrachte, ist wie die neuerliche
Annäherung an einen Antipoden wie Ernst Jünger auch In-
dikator der mit »1989« zusammenhängenden Irritationen
im Rollenverständnis des Schriftstellers.
86 ///. Lyrik

Kleines Lied

Bin ich auch arm


Bin ich doch dumm
Bin ich auch schief
Bin ich doch krumm
Bin ich auch blind
Bin ich doch taub
Bin ich auch Fleisch
Werd' ich doch Staub.

Liebesgedicht

Kröten sitzen gern vor Mauern,


wo sie auf die Falter lauern.

Falter sitzen gern an Wänden,


wo sie dann in Kröten enden.

So du, so ich, so wir.


Nur - wer ist welches Tier?

Ermunterung

Hallo, süße Kleine,


komm mit mir ins Reine!

Hier im Reinen ist es schön,


viel schöner, als im Schmutz zu stehn.

Hier gibt es lauter reine Sachen,


die können wir jetzt schmutzig machen.

Schmutz kann man nicht beschmutzen,


laß uns die Reinheit nutzen,
Robert Gernhardt. Hans Magnus Enzensberger 87

Sie derart zu verdrecken,


das Bettchen und die Decken,

Die Laken und die Kissen,


daß alle Leute wissen:

Wir haben alles vollgesaut


und sind jetzt Bräutigam und Braut.

HANS MAGNUS ENZENSBERGER

Geb. 1 1 November 1929 in Kaufbeuren (Allgäu). Gegen Kriegsende zum


.

Volkssturm eingezogen. 1949-54 Studium der Literaturwissenschaft und Phi-


losophie; Promotion über Brentanos Poetik. Arbeitete als Rundfunkredak-
teur, Gastdozent an der Hochschule für Gestaltung in Ulm, Verlagslektor.
Ausgedehnte Auslandsaufenthalte. Begründer bzw. Mitbegründer der Zeit-
schriften Kursbuch und Trans- Atlantik. Lebt in München. Büchner-Preis
1963.
Werke: Verteidigung der wölfe G. (1957); Landessprache G. (i960); Die Entste-
hung eines Gedichts (1962); Einzelheiten Ess. (1962); hlindenschrift G. (1964);
Politik und Verbrechen Ess. (1964); Deutschland, Deutschland unter anderm
Ess. (1967); Das Verhör von Habana Dr. (1970); Gedichte 1955-1970 (1971);
Baukasten zu einer Theorie der Medien (1971); Der kurze Sommer der Anar-
chie R. (1972); Palaver. Politische Überlegungen 1968-1973 (1974); Mauso-
leum. Siebenunddreißig Balladen aus der Geschichte des Fortschritts (1975);
Der Untergang der Titanic Episches Gedicht (1978); Der Menschenfeind des
Moliere Dr. (1979); Die Furie des Verschwindens G. (1980); Politische Bro-
samen Ess. (1982); Der Menschenfreund Dr. (1984); Gedichte 1950-1985
(1986); Ach Europa! Ess. (1987); Mittelmaß und Wahn Ess. (1988); Der flie-
gende Robert. Gedichte, Szenen, Essays (1989); Zukunftsmusik G. (1991); Die
Große Wanderung Ess. (1992); Aussichten auf den Bürgerkrieg Ess. (1993);
Diderots Schatten. Unterhaltungen, Szenen, Essays (1994); Kiosk G. (1995);
Zickzack Ess. (1997); Der Zahlenteufel. Ein Kopfkissenbuch für alle, die Angst
vor der Mathematik haben (1997); Wo warst du, Robertf R. (1998); Leichter
als Luft. Moralische Gedichte (1999). Zahlreiche Übersetzungen (u. a. William
Carlos Williams, Pablo Neruda, Lars Gustafsson) und Anthologien (u. a. Mu-
seum der modernen Poesie, 1960; Allerleihrauh. Viele schöne Kinderreime,
1961).
88 ///. Lyrik

Man hat Hans Magnus Enzensbergers literarische Entwick-


lung gelegentlich in drei Abschnitte eingeteilt: der hochgra-
digpolitisierten Phase der Jahre 1965 bis 1975, in der er sich
als Herausgeber des »Kursbuchs« für eine agitatorische In-
dienstnahme der Literatur einsetzte, sei eine eher am Eigen-
wert der Kunst ausgerichtete Phase vorausgegangen. Diesen
Charakter habe auch die dritte Phase, die die politisierende
ablöste. Die grobe Unterscheidung ist nachvollziehbar, läßt
aber doch übersehen, daß Enzensberger sich auch in den
Jahren entschieden politischen Schriftstellertums, entgegen
dem Anschein manch eigener Verlautbarungen, den Werten
der Artistik nie vollständig versagt hatte. Die Unterschei-
dung verdeckt zugleich, daß er, wie unterschiedlich er auch
immer akzentuierte, nicht nur in seinen Anfängen als zorni-
ger junger Lyriker der westdeutschen Wohlstands- und Wie-
deraufrüstungsgesellschaft, sondern auch im Zuge einer im-
mer skeptischer werdenden Ausrichtung seit der Mitte der
siebziger Jahre die politische Dimension niemals völlig preis-
gab. Davon zeugt schon der Titel des Gedichts »Kurze
Geschichte der Bourgeoisie« aus dem 1980 veröffentlichten
Band »Die Furie des VerSchwindens« das vom Standpunkt
,

der vorweggenommenen Zukunft - »Wißt ihr noch?« - eine


ebenso radikale wie leichtfüßig daherkommende Diagnose
der Gegenwart stellt. Politisch in einem weiteren Sinn ist
aber auch ein Gedicht wie »Alte Ehepaare« aus dem Band
»Zukunftsmusik«, das unausdrücklich gegen allen politi-
schen Dezisionismus eine Haltung und Geste der Nüchtern-
heit, des Zweifels, der Fähigkeit zur Selbstkorrektur, des
hartnäckigen Beharrens und der Eigenverantwortlichkeit
geltend macht (und dabei mit der »Luzidität« ein Schlüssel-
wort von Camus in Erinnerung ruft, der sich in den fünfzi-
ger Jahren u. a. aus politischen Gründen mit Sartre überwor-
fen hatte - beide waren damals Orientierungsgrößen der
westlichen Intelligenz). »Chinesische Akrobaten«, ebenfalls
aus »Zukunftsmusik« greift auf die Bildwelt des Zirkus zu-
,

rück, in der schon der Maler Goya und der Dichter Kafka
Hans Magnus Enzensberger (Foto: Isolde Ohlbaum)
«

90 ///. Lyrik

das ebenso Leichte wie Gefährdete großer Kunst gefaßt


hatten. Peter Rühmkorf, ein Wahlverwandter Enzensber-
gers auch in der Bildlichkeit: »Ein tolles Kunststück, absolut
apart in unserer lyrischen Zirkuskuppel, wobei die optisch
einleuchtende Verwendung der Mittelachse als Balancier-
balken alles andere als bloßer Formalismus ist. Auf ihr, auf
ihm kann das Gedicht sich nämlich dialektisch tänzelnd
voranbewegen, ohne sich bei jeder Gedankenkehre links-
bündig abstützen zu müssen. Von ihr, von ihm aus läßt sich
eine mit Worten eil-gentlich nur schwer zu beschreibende
Equilibristiknummer höchst plausibel als eine eigene Bemü-
hung um ästhetisches Gleichgewicht und inneren Gleichmut
vorführen, denn nur darum kann es einem sich seiner Mittel
bewußten Sprachakrobaten gehen, sich ein erhebendes Bei-
spiel wortwörtlich zu Herzen zu nehmen und einem Non-
plusultra an Körperbeherrschung auf dem Versfuß Folge zu
leisten.

Kurze Geschichte der Bourgeoisie

Dies war der Augenblick, da wir,


ohne es zu bemerken, fünf Minuten lang
unermeßlich reich waren, großzügig
und elektrisch, gekühlt im Juli,
oder für den Fall daß es November war,
loderte das eingeflogene finnische Holz
in den Renaissancekaminen. Komisch,
alles war da, flog sich ein,
gewissermaßen von selber. Elegant
waren wir, niemand konnte uns leiden.
Wir warfen um uns mit Solokonzerten,
Chips, Orchideen in Cellophan. Wolken,
die Ich sagten. Einmalig!
Hans Magnus Enzensberger 91

Überallhin Linienflüge. Selbst unsre Seufzer


gingen auf Scheckkarte. Wie die Rohrspatzen
schimpften wir durcheinander. Jedermann
hatte sein eigenes Unglück unter dem Sitz,
griffbereit. Eigentlich schade drum.
Es war so praktisch. Das Wasser
floß aus den Wasserhähnen wie nichts.
Wißt ihr noch? Einfach betäubt
von unsern winzigen Gefühlen,
aßen wir wenig. Hätten wir nur geahnt,
daß das alles vorbei sein würde
in fünf Minuten, das Roastbeef Wellington
hätte uns anders, ganz anders geschmeckt.

Chinesische Akrobaten

Ein Wort in die Luft zu werfen


das Wort schwer
ist leicht

Ein Zeichen in die Luft zu tuschen


das Zeichen unmöglich
ist nicht unmöglich

Oder Strich auf Strich


Bambus oder Lust oder Teller zu setzen
Silbe auf Silbe auf Silbe
zu balancieren
immer höher und höher

aah!
92 ///. Lyrik

Aber selber so leichtzu werden


wie ein Strich
eine Silbe
ein Zeichen

am Himmel
eine Minute lang

zu schweben
ist schwer

Unmöglich
so hoch oben
zu atmen

während hier unten


Banditen
immer mehr Banditen
Kaiser Japaner Warlords
wüten

Tausend Jahre lang


hungert die Angst
ängstigt die Lust sich
und schaut zu
atemlos
aaah!

wie am Himmel die Körper


immer und
leichter leichter
schweben

immer höher und höher


balancieren
Hans Magnus Enzensberger 93

Hand
Bambus
Teller
Knie
Frau
Tusche
Strich
Bambus
Hand
Zeichen
Teller
Stange
Frau
Bambus
Strich
Silbe
Knie

Bitte noch einen Strich!


ruft die Lust
Noch einen Teller!
die Angst
bitte nicht!
bitte doch!

Aaaah!
wie leicht!
wie leicht das schwankt
knickt
bricht
kippt
stürzt

Bitte nicht!
94 ///. Lyrik

Die hohen Körper


atmen
eine Minute lang
während sich schneller und schneller
und höher und höher
immer mehr
leere Teller drehn
geisterhaft
leicht
am Himmel
aaaaaaah!

vergißt die Angst ihren Hunger


und die Lust ihre Angst

Alte Ehepaare

Wer so lange geblieben ist,

macht sich wenig vor.

»Ich weiß, daß ich nichts weiß«:


Auch das ist noch übertrieben.

Alte Ehepaare
haben nichts übrig
für das Überflüssige,
lassen das Unentscheidbare
in der Schwebe.

Merkwürdig distanziert,
dieser luzide Blick.
Kühne Rückzüge,
geplant
von langer Hand.
Hans Magnus Enzensberger. Volker Braun 95

Andrerseits hartnäckig
wie der Schachtelhalm.

Resignation -
ein Fremdwort.

Improvisierte Krücken,
Selbsthilfe, Kartoffeln
im eigenen Garten
und im Zweifelsfall,
am Kreuzweg,
die Sauerstoffmaske zur Hand.

Man sieht manches,


wenn das Licht ausgeht.

VOLKER BRAUN

Geb. Mai 1939 in Dresden. Nach dem Abitur Druckereiarbeiter, dann Be-
7.

tonrohrlegerund Maschinist im Kombinat »Schwarze Pumpe«. 1960-64 Phi-


losophie-Studium in Leipzig. Vorübergehend Dramaturg beim Berliner En-
semble und am Deutschen Theater in Ost-Berlin. Lebt als freier Schriftsteller
in Berlin. Nationalpreis der DDR 1988.
Werke: Provokation für mich G. (1965); Vorläufiges G. (1966); Kipper Paul
Bauch Dr. (1966; Überarb. u. d.T. Die Kipper, 1972); Kriegs- Erklärung. Foto-
gramme (1967); Wir und nicht sie G. (1970); Das ungezwungene Leben Kasts
En. (1972); Hinze und Kunze Dr. (1973); Gegen die symmetrische Welt G.
(1974); Unvollendete Geschichte E. (1975); Stücke 1 (1975); Es genügt nicht die
einfache Wahrheit Notate (1975); Training des aufrechten Gangs G. (1979);
Simplex Deutsch Dr. (1980); Stücke II (1981); Berichte von Hinze und Kunze
Prosa (1983); Hinze-Kunze- Roman (1985); Rimbaud. Ein Psalm der Aktuali-
tät Ess. (1985); Langsam knirschender Morgen G. (1987); Die Übergangsge-
sellschaft Dr. (1987); Verheerende Folgen mangelnden Anscheins innerbetrieb-
licher Demokratie Ess. (1988); Bodenloser Satz Prosa (1988); Texte in zeit-
licher Folge (1989-93, 10 Bde.); Die Zickzackbrüche. Ein Abrißkalender
(1992); Iphigenie in Freiheit Dr. (1992); Der Wendehals. Eine Unterhaltung
(1995); Lustgarten. Preußen. G. (1996); Wir befinden uns soweit wohl. Wir
sind erst einmal am Ende. Äußerungen, Notizen, Aufsätze, Reden von 1989 bis
1997 (1998); Tumulus G. (1999).
96 ///. Lyrik

Volker Braun, der seit Mitte der sechziger Jahre als unge-
wöhnlich produktiver Lyriker, Dramatiker und Erzähler
hervorgetreten ist, zählte unter den in der gebliebe- DDR
nen Autoren, denen man wegen ihrer Solidarität mit dem
sozialistischen Projekt - wie immer auch behindert - die
Möglichkeit zur Veröffentlichung ließ, zu den kritischsten.
»Übergangsgesellschaft« lautete der sprechende Titel eines
Tschechows Dramaturgie der Stagnation aufnehmenden
Stückes, das zu den größten Theater erfolgen in den letzten
Jahren der DDR
zählte, » Verheerende Folgen mangelnden
Anscheins innerbetrieblicher Demokratie« der ironische Ti-
tel eines Essaybandes, der ein Jahr vor der »Wende« er-
schien, und »Bodenloser Satz« der die Produktivität des
Zweifels herausstellende Titel einer im selben Jahr veröf-
fentlichten Prosaarbeit.Das erste der beiden folgenden Ge-
dichte ist der Sonettform angenähert: »Das Lehen«, erschien
zuerst 1980,dann 1987 in dem Lyrikband »Langsam knir-
schender Morgen«. Ihm »antwortet«, so Braun selber,
»Mein Eigentum« das er, nach Erstdrucken im ersten Nach-
,

wendejähr, 1992 in den Gedichtzyklus »Rot ist Marlboro«


aufnahm. »Das Lehen« nimmt kontrafaktisch auf einen be-
rühmten Spruch Walthers von der Vogelweide Bezug:
Ich hän min lehen, al die werk, ich hän min lehen.
[...]
ich was so volle scheltens daz min ätem stanc.
daz hat der künec gemachet reine und dar zuo minen sanc.

Indem er den ersehnten »Brüdern« die tatsächlich gesehe-


nen »Lemuren« und dem noch nicht gewonnenen »Leben«
die von der Partei ausgefüllten »Strukturen« gegenüber-
stellt, reißt Braun die Kluft zwischen Realität und Utopie

des Sozialismus auf, deren mögliche Vermittlung nicht mehr


thematische Perspektive des Gedichts selbst ist. »Das Eigen-
tum« zitiert im zweiten Vers Büchner/Weidig und im sech-
stenden Journalisten Ulrich Greiner (»Die toten Sachen des
Realsozialismus sollen bleiben, wo der Pfeffer wächst«, »Die
Volker Braun 97

Zeit«, 22. Juni 1990). Das Gedicht konstatiert das Scheitern


des sozialistischen Projekts und hält gleichzeitig im Schluß-
vers an der Wünschbarkeit einer Alternative zum
trium-
phierenden Kapitalismus fest. Von ihr spricht auch der Satz,
den Braun, gleichsam als Motto, dem letzten Band seiner
»Texte in zeitlicher Folge« vorangestellt hat: »Wir werden
arbeiten wie die Türken, aber unsere arbeitslosen Seelen
werden sich der Zukunft erinnern, einer alten gemeinsamen
Sache, die keinen Namen mehr hat.«

Das Lehen

Ich bleib im Lande und nähre mich im Osten.


Mit meinen Sprüchen, die mich den Kragen kosten
In anderer Zeit: noch bin ich auf dem Posten.
In Wohnungen, geliehn vom Magistrat
Und eß mich satt, wie ihr, an der Silage.
Und werde nicht froh in meiner Chefetage
Die Bleibe, die ich suche, ist kein Staat.
Mit zehn Geboten und mit Eisendraht:
Sähe ich Brüder und keine Lemuren.
Wie komm ich durch den Winter der Strukturen.
Partei mein Fürst: sie hat uns alles gegeben
Und alles ist noch nicht das Leben.
Das Lehen, das ich brauch, wird nicht vergeben.

Das Eigentum

Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen.


KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN.
Ich selber habe ihm den Tritt versetzt.
Es wirft sich weg und seine magre Zierde.
Dem Winter folgt der Sommer der Begierde.
Und ich kann bleiben wo der Pfeffer wächst.
98 ///. Lyrik

Und unverständlich wird mein ganzer Text


Was ich niemals besaß wird mir entrissen.
Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen.
Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle.
Mein Eigentum, jetzt habt ihrs auf der Kralle.
Wann sag ich wieder mein und meine alle.

ERNST JANDL 1

Die hier wie dergegebenen Gedichte Ernst Jandls entstam-


men jeweils einem größeren Zusammenhang, innerhalb des-
sen sie erst ihre volle Bedeutung entfalten, »hier sein ein tag«
ist das Gedicht des vierzehnteiligen Zyklus
dreizehnte
»tagenglas« von 1976. Indem er die sprachlichen Möglichkei-
ten, insbesondere durch den Verzicht auf die Flektion des
Verbs, systematisch einschränkt, schafft Jandl eine zugleich
primitive und hochbewußte Kunstsprache. Diese läßt »eine
oft verzweifelte Anstrengung des Ausdrucks« erkennen, in-
dem sie die Wörter »in die Bahn der Affekte« zwingt (Peter
Horst Neumann). » staubfe derchen« erschien 1989 in dem
Band »idyllen«, der Lyrik der Jahre 1982-1989 versammelt.
Das Gedicht ist auch vom Thema, der Bildlichkeit und dem
emphatisch eingesetzten Temporaladverb »bald« her gesehen
eine produktive Übersetzung von Goethes berühmtem Ge-
2
dicht »Ein gleiches« (»Wandrers Nachtlied«) ins zugleich
Banal-Komische und Verzweifelt-Universelle. Die 1992 ver-
öffentlichten »stanzen«, denen die übrigen Gedichte ent-
nommen sind, verdanken sich einem Produktionsschub des
Spätsommers 1991. Über die Entstehung dieser die poeti-

1 Bio-Bibliographie s. S. 37.
2 Über allen Gipfeln / Ist Ruh, / In allen Wipfeln / Spürest du / Kaum einen
Hauch; / Die Vögelein schweigen im Walde. / Warte nur, balde / Ruhest du
auch.
Volker Braun. Ernst Jandl 99

sehen Möglichkeiten des Dialekts nutzenden »Sprechgedich-


te« teilt Jandl im Nachwort unter anderem mit: »die stan-
ze (>das gschdanzl<), eine vierzeilige volkstümliche gedicht-
bzw. strophenform, lernte ich in meiner frühen kindheit
(etwa bis 1929) während des jährlichen Sommeraufenthaltes
in nie derÖsterreich auf bauernfestlichkeiten kennen und
vergass sie nicht wieder, es gab bei solchen gelegenheiten ei-
nen gschdanzelsänger oder, besser noch, zwei, die zugleich
improvisierend und klischees anwendend eine bauerngesell-
schaft bei Stimmung hielten, diese stanzen wurden zu immer
derselben melodie als eine art Sprechgesang dargeboten, und
dies natürlich im niederösterreichischen dialekt, der sich in
einer gewissen nähe zu den wiener dialekten bewegte. « Den
»stanzen« ist ein Glossar beigegeben; zum Verständnis der
wie dergegebenen Gedichte: »baana - knochen«.

hier sein ein tag

sein ein tag in glasen


ich sehen durch
sehn ich ein wiesen und Schlüssen
und nicht haben furcht

und doch haben ein fürchten


nicht vor wiesen und Schlüssen
doch fürchten zwergen als riesen
und erdenewigkeit
wo himmel helfen müssen

staubfederchen
auf dem boden überall
bald werdet ihr euch sammeln
zu einem staubvögelein
100 ///. Lyrik

und mir in mund fliegen


und in der kehle
mir lustig flattern

a schdiggl flääschund a haufn baana


ollesängwiggld in a haud
und dazua no an namen -
so an wia diu gibz nua amoe

biddaich losszmeneed gaunz alaanech


so diaf owegehn in da finstan
denn da weg is wisszes eh a
so schdeu und so schdaanech

swiad ima weniga und weniga


so weammahoed ima eamma
swiad ima weniga ima no weniga
bis ma goanix haum, daun schdeamma

FRIEDERIKE MAYRÖCKER

Geb. 20. Dezember 1924 in Wien. Luftwaffenhelferin, privates Sprachenstu-


dium. 1939 erste literarische Arbeiten, 1946 erste Veröffentlichung. 1946-69
als Englischlehrerin tätig. Seit 1954 Lebensgemeinschaft und Zusammenarbeit

mit Ernst Jandl. Lebt als freie Schriftstellerin in Wien.


Werke: Larifari Prosa (1956); metaphorisch G. (1965); texte G. (1966); Tod
durch Musen. Poetische Texte (1966); Sägespäne für mein Herzbluten G.
(1967); Minimonsters Traumlexikon. Prosa (1968); Fünf Mann Menschen Hsp.
(mit E. Jandl, 1969); Mövenpink, oder 12 Häuser Hsp. (1969); Fantom Fan
Ernst Jan dl. Friederike Mayröcker 101

Prosa (1971); Arie auf tönernen Füszen. Metaphysisches Theater (197'1); Traube
Fernsehfilm (mit E. Jandl und H. von Cramer, 1971); Blaue Erleuchtungen. Er-
ste Gedichte (1972); je ein umwölhter gipfel E. (1973); in langsamen Blitzen G.
(1974); Das Licht in der Landschaft Prosa (1975); Fast ein Frühling des Mar-
kus M. Prosa (1976); rot ist unten Prosa, G., Hsp. (1977); Heiligenanstalt Prosa
(1978); Ausgewählte Gedichte 1944-1978 (1979); Friederike Mayröcker. Ein
Lesebuch (1979); Die Abschiede Prosa (1980); schwarze Romanzen G. (1981);
Gute Nacht, guten Morgen G. (1982); Magische Blätter Prosa (1983); Reise
durch die Nacht Prosa (1984); Das Anheben der Arme bei Feuersglut. G. und
Prosa (1984); Das Herzzerreißende der Dinge Prosa (1985); Winterglück G.
(1986); mein Herz mein Zimmer mein Name R. (1988); Gesammelte Prosa
1949-1975 (1989); Umbra. Der Schatten. Das ungewisse Garten-Werk. Zu Ar-
beiten von Linde Waber (1989); Stilleben Prosa (1991); Das besessene Alter G.
(1992); Notizen auf einem Kamel G. (1996); das zu Sehende, das zu Hörende
Hsp. (1997); brütt oder Die seufzenden Gärten R. (1998). Weitere Hörspiele,
u. a. in Zusammenarbeit mit E. Jandl; Kinderbücher.

»Das >freie< oder >totale< Gedicht«, so Friederike Mayröcker


1967, »ist meiner Vorstellung nach ein Gedicht, das einen
Ausschnitt aus der Gesamtheit meines Bewußtseins von
der Welt bringt. >Welt< verstanden als etwas Vielschichti-
ges, Dichtes, Bruchstückhaftes, Unauflösbares.« Poetologi-
sche Zeugnisse der Dichterin sind nicht zufällig selten. Ent-
sprechend groß ist ihre Skepsis und ihr Mißtrauen gegenüber
allen Versuchen, das »Vielschichtige« und »Unauflösbare«
von Welt, das jeweils nur als Ausschnitt in einem individuel-
len Bewußtsein aufscheint und im Gedicht Form annehmen
kann, im notwendigerweise rational verkürzenden kriti-
schen Diskurs gleichsam zentralperspektivisch zu verein-
deutigen. Nicht Bildungswissen und Dechiffrierfertigkeit
verlangt diese Dichterin, die durch die Schulen des Expres-
sionismus und des Dadaismus, des Surrealismus und der
konkreten Poesie ging, ihren Lesern ab, sondern Sprachlust,
Assoziations- wie auch Dissoziationsfähigkeit und die Be-
reitschaft, die Spielräume des Textes nach Maßgabe der ih-
nen je eigenen sprachlichen Markierungen selbständig aus-
zuprobieren. Die autobiographischen Anlässe der beiden
folgenden Gedichte aus dem 1992 erschienenen Band »Das
besessene Alter«, die vorübergehende Trennung vom dich-
102 ///. Lyrik

tenden Lebensgefährten, ein morgendlicher Melancholie-


schub (lat. »nausea« >Seekrankheit, Übelkeit, Erbrechen,
Ekel, Langeweile<), sind erahnbar, doch als solche - wie alles
bloß Biographische - belanglos. Im »Ausschnitt« des Ge-
dichts werden sie zu überindividuellen Fassungen von ver-
störender Trennung, in der die Verlorenheit des einsamen
Kindes nachklingt. Sie werden auch zu einer Erfahrung, die
des eigenen Selbst kaum mehr im Monogramm eines »plötz-
lich« wahrgenommenen Handtuchs innezuwerden vermag.
»Wer seine fünf Sinne zusammenhalten will, kann diese
Schriften hassen«, so Franz Schuh im Blick auf den 1996 er-
schienenen Gedichtband »Notizen auf einem Kamel«, »sie
als Wortgeklingel verachten. Ich finde in ihnen ein schönes
Gleichgewicht von Einfachheit und Verrücktheit. >Verrückt-
heit< meint die Erlösung vom Normalsinn durch die Mesal-
liancen der poetischen Freiheit. Worte, Klänge, Bilder bear-
beiten den Leserkopf, und eine sehr subjektive und zugleich
anonyme Sprache [. .] versucht jeden, der nur nahe genug
.

kommt, in den Bann zu schlagen.« Und, in eine utopische


Zukunft blickend, deren Ankunft die Hüter des normalen
Wahnsinns nicht zu fürchten haben: »Ihre Dichtung ist
schon heute für eine Zeit, in der niemand mehr eine Ideolo-
gie benötigen wird.«

Flugschrift

dieseum ihre Köpfe verstürmten


Öhrlinge Stiefmütterchen gelb-
ohrig (zerlegt) isabellen-
farben vom brausenden
April, und legten sich vornüber
beetwärts, kniewärts
auf Knien in feuchte
Erde, Beet-
erde halbviolett, auch weiß, wie
Friederike Mayröcker und Ernst Jandl (Foto: Isolde Ohlbaum)
.

104 ///. Lyrik

der Nordwind wütet, über die


fliegenden Felder (Löß) und weint
aus Augen Stiefmütterchen Augen
und auf die Uhr blickend
im Auto zurück, jetzt, denke ich, steigst
du auf, schließt die Augen, schläfst schon ein, das
hat gescheuert geschauert alle
Wochen gescheuert, also scheuern schauern und
schauen, nämlich nach
etwas schauen, nach-
schauen, nicht wirklich betrachten, wahrnehmen, sehen
nicht wirklich, im Zeichen des
Drachens, und habe
nicht wirklich dein Auge gesehen, betrachtet, in mich
gezogen, so kam es mir vor, und habe versäumt, so kam
es mir vor,
dich verlassen habend, so kam es mir vor, während ich
im Auto zurück, und die Felder verlassend,
noch einmal, noch ein letztes Mal, dein Auge
zu sehen, in dein Auge zu tauchen, dich
zu umarmen, aber jetzt meine Stiefmütterchen Kehle
schnürt mich ein, jetzt
bist du schon auf den Wolken, Durchbitterung> während
einige sonnige Anbetungen oder
Aufzeichnungen eines Widerhimmeis, die dicke
Nacht .

für Ernst Jandl

Nausea

zu Boden stürzt
die Träneam Morgen wenn vor den Scherben
meines Lebens ich stehe und Schreibens
an diesem dunklen Junimorgen
Friederike Mayröcker. Wulf Kirsten 105

der wie mein Grab


schreiend gräßlich die Dohlen
und tödliche Krähenschreie
während vielstimmige Rosenkränze
die Braut des Sesselrückens
wirbeln ins Gebrüll ihrer Lust
im Garten unten die Türkentauben
schnäbeln unten im Garten
während ein Mädchen sich bekreuzigt
vor der gegen die Eingangstür des Wirtshauses lehnenden
Speisentafel
diese dreckige Figur meiner Seele
zu lausen
entdecke ich plötzlich in einem Handtuch
mein Monogramm
die krumme Fensterlade
der Hund mit dem Schlangenblick
spiegeln die Treppe herauf im Traum

WULF KIRSTEN
Geb. 21. Juni 1934 in Klipphausen bei Meißen. Nach einer kaufmännischen
Lehre tätig als Bauarbeiter, Buchhalter und Sachbearbeiter. 1960-64 Studium
der Germanistik und Russistik in Leipzig. 1962-65 Mitarbeit am 'Wörterbuch
der obersächsischen Mundarten. 1965-87 Lektor. Lebt als freier Schriftsteller
in Weimar.
Werke: Gedichte (in der Reihe »Poesiealbum«, 1968); satzanfang G. (1970);
Ziegelbrennersprache G. (1975); der landgänger G. (1976); der bleibaum G.
(1977); Die Schlacht bei Kesselsdorf. Ein Bericht. Kleewunsch. Ein Kleinstadt-
büd Prosa (1984); die erde bei Meißen G. (1986); Winterfreuden Prosa (1987);
Veilchenzeit G. (1989); Stimmenschotter G. (1993); Textur. Reden und
Aufsätze (1998); Wettersturz G. (1999). Herausgeber zahlreicher Prosa- und
Lyrik- Anthologien.

Wulf Kirstens erste Schreibversuche gehen auf das Jahr 1954


zurück; seine ersten Gedichtveröffentlichungen stammen
106 ///. Lyrik

aus dem Jahr


1964. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte er,
u. a.mit »die erde bei Meißen«, das später einer Gedichtaus-
wahl den Titel gab, sein Thema, den ländlichen Arbeits-
und Lebensraum Sachsens und Thüringens, gefunden und
eine unverwechselbare, »öfter bis zur Widerborstigkeit ge-
hende Rauheit der Diktion« gewonnen (Eberhard Haufe).
Anregungen waren dabei u. a. von Johannes Bobrowski -
vor allem dem Roman »Lewins Mühle« - und von Georg
Maurer ausgegangen, dessen Lyrik-Seminar im Leipziger
Johannes-R.-Becher-Institut für Literatur er 1969/70 belegt
hatte. Im Nachwort zu seiner 1979 veröffentlichten Lyrik-
Anthologie »Veränderte Landschaft« schrieb Kirsten über
die dort versammelten Lyriker der DDR: »Jenseits aller
Heimattümelei und Heimatkunst wird Landschaft ent-
deckt, neu gesehen, mit anderen Mitteln als bisher gestaltet.
Das individuelle Lebensgefühl und die gesellschaftlich -poli-
tischen Bezüge werden in dieser Lyrik, die sinnlich vollkom-
mene Rede im Herderschen Sinne geworden ist, gleicher-
maßen transparent. Die poetische Durchdringung der Land-
schaft in Raum und Zeit ermöglicht vertiefte, gesteigerte
Abbildungen der Wirklichkeit, die weit über bloße Deskrip-
tion hinausgehen. Mit dieser Konzentration auf einen rea-
len, begrenzten Raum wird eine >lokale Totalitär erreicht.«
Dem verstandenen Landschaftsgedicht gehört die in der
so
Tiefe der Generationen gesehene Arbeit des Menschen - in
ihren kultivierenden, aber auch in ihren zerstörerischen
Wirkungen - wesentlich zu, wie, umgekehrt, Landschaft
auch noch dort vergegenwärtigt wird, wo die eigene dichte-
rische Arbeit oder die handwerkliche Kunst eines genialen
Orgelbauers im Vordergrund steht, »satzanfang« (1967) ist
das Eröffnungs- und Titelgedicht des ersten vollgültigen Ly-
rikbandes, »Gottfried Silbermann« (1973) erschien zuerst
1977 in »der bleib aum«.
Wulf Kirsten 107

satzanfang

den Winterschlaf abtun und


die Wunschsätze verwandeln!
saataufgang heißt mein satzanfang.
die entwürfe in grün überflügeln
meiner Wortfelder langsamen wuchs.

im Überschwang sich erkühnen


zu trigonometrischer interpunktion!
ans licht bringen
die biografien aller sagbaren dinge
eines erdstrichs zwischenein.

inständig benennen: die leute vom dorf,


ihre ausdauer, ihre werktagsgeduld.
aus wortfiguren Standbilder setzen
einer dynastie von feldbestellern
ohne resonanznamen.

den redefluß hinab im Widerschein


die hafergelben flanken
meines gelobten lands.
seine rauhe, rissige erde
nehm ich ins wort.

Gottfried Silbermann

hof- und landorgelbauer im generalbaßzeitalter,


meißnischer daedalo.
geboren zu Kleinbobritzsch, erdnah und himmelweit,
zu fußen Frauensteins als wäldner.
kein bild, kein grab blieb nach.
ein menschenalter stur und still
am flußlauf der Bobritzsch, der Mulde
108 ///. Lyrik

orgeln gepflanzt.
Sächsisch-Sibirien verakkordiert.
der rauhen köhlerlandschaft
atem
blies er seinen ein.
sorgsam gesetzt
jeder registerknopf und jede pulpete.
zinnblätter ausgehämmert.
den baß gekröpft und akkurat gelötet.
mensuren berechnet, windfragen geklärt,
nicht gewohnt, zu sparen
das seinige und seinen fleiß.
mit haarzirkel, zinnschere und fausthobel,
mit schrägmaß, Stimmdistel und windprobe hantiert
werk- und wundertätig an werken für die dauer.
nie stand die arbeit still.

sich keiner mühe überhoben,


die letzte silberneposaune angeblasen,
gestimmt und intoniert.
gestorben an bleigicht, erdnah und himmelweit.
ein meister aus Sachsen, still und stur.
vollkommner Silbermann,
kein bild, kein grab blieb nach.
eine orgellandschaft gestiftet.

OSKAR PASTIOR

Geb. Oktober 1927 in Hermannstadt (Siebenbürgen). 1945-49 Arbeitsla-


20.
ger in der UdSSR. »Später Kistennagler, Betonmixer, Wohnbaukostenvoran-
schlagkalkulator, in einer kraus waldigen und ondulatorischen Landschaft, die
mit Musik zu tun hat« {Autobiographischer Text). Dreijähriger Militärdienst.
1955-60 Germanistikstudium in Bukarest, 1960-68 Redakteur des deutschen
Programms beim Rumänischen Rundfunk. 1968 als Spätaussiedler in die Bun-
desrepublik. Lebt seit 1969 als freier Schriftsteller in Berlin.
Werke: Offne Worte G. (1964); Gedichte (1965); Vom Sichersten ins Tausend-
ste G. (1969); Gedichtgedichte (1973); Höricht. Sechzig Übertragungen aus ei-
Wulf Kirsten. Oskar Pastwr 109

nem Frequenzbereich (1975); Fleischeslust (1976); Der krimgotische Fächer.


Lieder und Balladen. Mit 1$ Bildtafeln des Autors (1978); Wechselbalg G.
(1980); O. P. / Francesco Petrarca: 33 Gedichte (1983); sonetburger. Mit 3 x
14 Zeichnungen des Autors (1983); Anagrammgedichte (1985); Ingwer und
Anlaß (1985); Lesungen mit Tinnitus G. (1986);
Jedoch. Texte aus diversem
Jalousien aufgemacht. Ein Lesebuch (1987); Kopfnuß Januskopf. Gedichte in
Palindromen (1990); Vokalisen & Gimpelstifte (1992); Eine kleine Kunst-
maschine. 34 Sestinen (1994); Das Unding an sich. Frankfurter Vorlesungen
(1997); Gimpelschneise in die Winterreise - Texte von Wilhelm Müller (1997);
Das Hören des Genitivs G. (1997). Hörspiele, Übersetzungen (u. a. Velemir
Chlebnikow, Urmuz, Tristan Tzara, Gertrude Stein).

Oskar Pastiors Anfänge als deutschsprachiger Lyriker in


Rumänien standen im Zeichen einer späten Aufnahme von
Anregungen der Moderne, u. a. des Expressionis-
klassischen
mus. So endete das Sonett »Heißer Abend im alten Tulcea«
mit den Terzetten:

Auf Steinen hocken Paare, und im Schatten


sieht man Matrosenbeine neben Hüften gehn,
und ab und zu wird groß durch Blätter ein Gesicht

und steht am Zaun und äugt durch grüne Latten,


wie sich beim Bier die Rauchrosetten drehn.
Das Ringelspiel am Kai dreht sich am Abend nicht.

Bereits in der traditionellen Form des gereimten Sonetts in


fünfhebigen Jamben machte Pastior dabei - etwa mit der
Verselbständigung der durch die Kopula »und« (wie auch
durch die Anlehnung an die Struktur des Rondeaus) nur-
mehr formal verbundenen Wahrnehmungspartikel - eine
subversive Tendenz gegen sprachlich -literarische Ordnungs-
schemata geltend, die er als Analogon geschichtlich-kata-
strophaler Gewalt und ihrer Ideologien begreift. In »Ge-
schichte, Poesie«, einem seiner wenigen poetologischen Texte,
schrieb er 1983, es komme ständig darauf an, »auf eine ex-
emplarische Weise kein bissei exemplarisch zu sein - denn
vor den Folgen des Geredes von den Spänen, die im Namen
der Geschichte zu fallen hätten, graust es mich. Es graust
mich vor dem, was die Grund- und Zweck-Logik meiner ei-
.

110 ///. Lyrik

genen Wörter, und sei sie noch so reizend historisch gestört,


anzurichten imstande ist. Indem ich gegen den Automatis-
mus der Angst vor dem Automatismus anschreibe, spiele ich
öffentlich mit der Geschichte des Automatismus.« So zerset-
zen die »sonetburger« lustvoll die Form des Sonetts, die sie
äußerlich bestätigen; in den »Anagrammgedichten« wird aus
»Kaiser Napoleon und die Obstfrau in Brienne«, der Über-
schrift einer Kalendergeschichte Hebels, »Es stob den Biofun-
ker >Alpinino< auseinander«; und das erste der in »Kopfnuß
Januskopf« versammelten »Gedichte in Palindromen« wird
durch die Sätze gerahmt: »liest sich irreversibel die zeit sozu-
sagen selber auspalindromitis? oder wer ist es [. .] >es< ist wer
.

>oder< (palindromitis) aus selber, sozusagen, zeit, die irrever-


sibel sich liest.« Die »Ballade vom defekten Kabel« erschien
zuerst 1978 in »Der krimgotische Fächer«. Für die von Klaus
Ramm 1987 zusammengestellte Textauswahl »Jalousien auf-
gemacht« hat Pastior sie mit Renate Kühn ins Französi-
sche übertragen. Technische Störung (»Kabel«) und Ge-
burtstrauma, Ursprungsverlust (»Naawbl«, Nabel - »Nom-
brouil«, nombril; »Cowlbl«, Kalb - »Kweaunbl«, veau)
werden »krimgotisch« zu einer hinreißenden Trauerlust ver-
schmolzen, die der leicht siebenbürgisch gefärbte Vortrag des
Dichters gesteigert zu Geltung bringt.

Ballade vom defekten Kabel

Adafactas
Cowlbl
Ed rumplnz kataraktasch-lych
Uotrfawls
aachabrawnkts Brambl
aachr dohts . .

Schlochtehz ihm
schlochtehz ihm
ehs klaren Zohn
. 1

Oskar Pastior 1 1

Ihn Uotrfawls

Humrem hä?
Do humrem
Nodo humrem
kaineschfawls

Ehs ischtolt ain däfäktäs


rumpltsch
traktaz
ä nedderschtilchz
Rompl-Grompt

Cowlbl o Cowlbl wottä


Cowlbl-gotz!

Gehbät uns ain


adakuats Ch-bell
ntmr hiechffn
s-trumpltsch Bvchuelltr
aasm
Naawbl

Ballade du cäble defectueux

L'adafactas
Kveaunbl
Illtzcrahoutz cataractaque-lment
Kascavldesk
ossabranx Brambl
ossa 'ndoth . .

Abwattez le

abwattez le

filiozon
112 ///. Lyrik

Lo caskavlad

Lhabemus lä?
Lhabemus
Non jas pam
cascocan

C'eh ben un
embrouillansch
crahounsch
un bassamaschd
Hounschl-Grompt

Kveaunbl o Kveaunbl quäl


Kveaunbl-pryse!

Donnaye-nous z'un
Ch-bell adecvat
por echlevvier
l'Miondsch
trompeste
de l'Nombrouil

(aus dem Krimgotischen ins Französische


übertragen von Renate Kühn und
Oskar Pastior)

WERNER SÖLLNER
Geb. 10. November 1951 in Horia (Banat). 1971-74 Redakteur der rumänisch-
ungarisch-deutschen Studentenzeitschrift Echinox. Nach dem Studium in
Klausenburg (Cluj-Napoca), das er mit einer Arbeit über Celan abschloß,
kurze Zeit Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch; 1976-82 Lektor für
deutschsprachige Bücher in einem Bukarester Kinderbuchverlag. 1978 Lyrik-
preis des Rumänischen Schriftstellerverbandes. Seit 1982 in der Bundesrepu-
blik Deutschland. Lebt als freier Schriftsteller in Bad Soden i. Ts.
Oskar Pastior. Werner Saliner 113

Werke: Wetterberichte G. (1975); Mitteilungen eines Privatmanns G. (1978);


Sprachigkeit. Ein Gedicht (1979); Eine Entwöhnung G. (1980); Das Land, das
Leben G. (1984); Es ist nicht alles in Ordnung, aber ok. Ein Monolog Prosa
(1985); Klingstedts romantische Gründe Prosa (1984); Kopfland. Passagen G.
(1988); Der Schlaf des Trommlers G. (1992); »Keiner will Asche sein- G.
(1994). Nachdichtungen des rumänischen Lyrikers Mircea Dinescu.

Werner Saliner einem Staat aufgewachsen, dessen


ist in
selbsternannter »Führer« Nicolae Ceau§escu am 21. August
1968 auch der Intelligenz des eigenen Landes ein Zeichen
der Hoffnung gab, als er die Intervention der sozialistischen
»Bruderländer« in der CSSR öffentlich einen »Akt imperia-
listischer Aggression« nannte. 1989 war dieser vor seinem
Sturz, den Mircea Dinescu im Fernsehen der Welt bekannt-
gab, nurmehr - furchtbarer! - Popanz Operettenhaften
ein
Zuschnitts. Als Angehöriger der deutschsprachigen Minder-
heit mußte Söllner zu Geschichte, Tradition und Sprache des
deutschen Kulturraums ein anderes Verhältnis entwickeln
als die Autoren der deutschen Schweiz und Österreichs, der
Bundesrepublik Deutschland und der DDR, wie sehr auch
immer diese sich ihrerseits voneinander unterschieden (und
sich zu unterscheiden fortfahren). »Geboren bin ich«, so
sagte er in einer Rede 1996, »nicht in einer anderen Heimat,
sondern in einem anderen Land, in Rumänien. Dort war ich
dreißig Jahre lang angewiesen auf die Sprache, auf Ihre
Sprache, auf die Sprache meiner Fitem und Vorfahren, auf
meine, auf die deutsche Sprache, um so etwas wie Identität
entwickeln zu können. Selbstbewußtsein, das war (und ist)
für mich zuallererst Sprachbewußtsein. Die Sprache ist also
nicht nur das Gedächtnis der Nationen, sondern mehr. Sie
ist das in die Zukunft projizierte Gedächtnis des Individu-

ums, wenn diesem - unabhängig von seiner nationalen


Zugehörigkeit - die Grundlagen seiner Existenz gestohlen
werden.« Fr vollzog 1982 mit dem Entschluß, nicht nach
Rumänien zurückzukehren, einen tiefen Schnitt. Dies be-
deutete mehr als nur die räumliche Entfernung; es war ein
»Sturz« aus dem eigenen »Lebensentwurf« denn die folgen-,
114 ///. Lyrik

den Jahre zwangen die Rumäniendeutschen in einen Ex-


odus, mit dem sich das Ende einer 700jährigen Geschichte
abzuzeichnen begann. Franz Hodjak, an dessen Auswahl-
ausgabe »Sieben bürgische Sprechübung« Saliner mitwirkte,
schreibt dazu in dem Gedicht »Kelling 3« über seinen Ge-
burtsort:
zehn etwa sterben im jähre,
elf wandern ab in die Stadt,
zwölf fahren zum bruder.

Die hier ausgewählten Gedichte stammen aus Söllners 1992


erschienenem Band »Der Schlaf des Trommlers«, der durch
zwei Gedichte gerahmt wird, deren poetologisch-selbst-
reflexiver Charakter entschieden Abstand hält von den
erfahrungsarmen postmodernen Spiegelungseffekten. »Wort-
staub« heißt das Eröffnungsgedicht. Das letzte, »Swanns
Reise«, spielt eigene Erfahrung im Medium einer der wich-
tigsten Figuren Marcel Prousts durch. Mit dem Autor von
»Du cöte de chez Swann«, dem ersten Band von »Ä la re-
cherche du temps perdu«, ist die Möglichkeit aufgerufen,
sich der Vergangenheit sinnlich -erinnernd zu versichern.
Söllner bricht den im Gedanken der unwillkürlichen Er-
innerung gefaßten Erinnerungstrost im Ausblick allein auf
»ein geschriebenes Glück«, das auch am Ende von Prousts
monumentalem Jahrhundertwerk steht.

Siebenbürgischer Heuweg

Hinter den Bergen am Waldrand


neben dem schwarzen, unruhigen Vieh
im gelben Hornissengewölk, hier
war ich, eingewickelt
in diedunklen Tücher des Mittags
unterm Wildapfelbaum.
Wem er Sölln er 115

In der unpoetischen Landschaft


sangen Stein und Metall
ein schartiges Lied, mit dem Eisen
gingen die Männer
durchs kniehohe Gras.

Ein verspäteter Kuckuck rief


mit der fremden Stimme des Glücks
eine unendliche Zahl, schrill
schrie der Maulwurf die Antwort, bevor
sie ihn köpften.

Seine Blutspur entlang


unterwegs, was mich betrifft, an der Hand
des alten Zigeuners, aus der Wunde im Gras
in eine andere Wunde aus Gras.

Swanns Reise

Ich suche den Weg von Combray,


der mir verloren ging,
den ich immer noch geh
zwischen Westkreuz und Ring.

Rechts überholt mich die Zeit


auf einer inneren Spur
wie das fast vollkommene Leid
einer erfundnen Figur.

Liebste, der Weltnebel weicht


in entlegene Wörter zurück:
Was uns am Ende erreicht,
ist ein geschriebenes Glück.
116 ///. Lyrik

RICHARD LEISING

Geb. 24. März 1934 in Chemnitz, gest. 27. Mai 1997 in Berlin. 1952-56 Stu-
dium der Theaterwissenschaft in Weimar und Leipzig. Bis 1990 Arbeit als
Dramaturg, u. a. für Laien-, Kinder- und Jugendtheater. Gozzi-Bearbeitungen:
König Hirsch, Der Rabe. Verbindung zu Heinz Czechowski, Rainer Kirsch,
Sarah Kirsch und Karl Mickel. Lebte zuletzt abwechselnd in Berlin und
Schliengen (Südschwarzwald).

Mit »Gebrochen deutsch« - 1990, in zweiter Auflage 1992


erschienen und bald vergriffen - hat Richard Leising einen
einzigen schmalen Gedichtband veröffentlicht. Postum er-
schienen 1998 unter dem Titel »Die Rotzfahne« Gedichte
und Prosa. Schon 1973 zählte Rainer Kirsch ihn, der damals
kaum mehr als fünfzehn Gedichte veröffentlicht hatte, mit
Karl Mickel, Volker Braun und Adolf Endler zu den »wich-
tigen Dichtern der mittleren Generation« von Lyrikern der
DDR und kündigte an, man werde von diesem Dichter
»noch hören«. Sarah Kirsch teilte 1990 in ihrer enthusiasti-
schen Besprechung von »Gebrochen deutsch« mit, für den
Verleger sei es »Schwerstarbeit« gewesen, Leising »im Lauf
der Zeit zur Herausgabe seiner Texte zu bewegen. Und weil
und obgleich er höchstens noch einmal nach fünfzig Jahren
solch ein schmales Heft vorliegen hat, auch nicht lohnend,
aber doppelt verdienstvoll im Sinne der real waltenden
Marktgesetze.« Und sie fügte hinzu: »Ein Buch, in welchem
jede Seite mit gültigen Strophen bedruckt ist, das ist höchst
selten. Ein uneitles Lebenswerk. Eine Stimme wie vielleicht
die Günter Eichs nach 1945, die uns, nach einem erneuten,
diesmal ökologischen Kahlschlag helfen kann, unsere Lage,
so wie sie ist, zu erkennen.« Leisings Gedichte gewinnen -
sei es beschreibend, zitierend oder reflexiv, sei es lakonisch,
sarkastisch oder melancholisch - ihren Reiz aus metaphern-
armer und scheinbar kunstloser, tatsächlich aber wohlkal-
kulierter, pointensicherer und hintergründiger Schlichtheit
zweiten Grades. Diese Schlichtheit zeigt sich in »Bodden« -
der Name mehrerer Strandseen und Meerbusen der Ostsee
Richard Leising 117

(Rügener, Greifswalder Bodden usw.) - durch den Wechsel


reimloser mit gereimten Versen und Versen mit identischen
Reimen, durch die gegen Ende sich steigernde Brutalisierung
der Sprache sowie durch den abgesetzten Schlußvers, der
den Menschen - »man«, also uns - ironisch empfiehlt, gegen-
über der gequälten Kreatur die Rolle einzunehmen, die Pila-
tus gegenüber dem gepeinigten Jesus innehatte. In »Der
Sieg«, einem Gedicht, dessen Hohn sich auch nach dem
Ende der DDR und ihrer dem Nationalsozialismus nachge-
stalteten sportlichen Massenspektakel keineswegs verbraucht
hat, arbeitete Leising mit subversiven Zitaten realsozialisti-
schen Propagandamülls (»Organ, machtvolles«), minimalen
Abweichungen vom idiomatischen Standard (»Herren [. .] .

verhängen Medaillen«) und Kontraktionen von trockener


Bitterkeit (»Lichte Ergebnisse, die wie Schalmeien blitzen /
In ein herrliches Publikum«). Das Gedicht »Gegen Abend«,
das auf das Jahr 1988, also ein Jahr vor dem Exitus der DDR
datiert ist, endet:

Hier ist der Ort, hier war die Zeit gegeben

Einzig Sinn des Lebens ist zu leben


Sinnlos über alles war der Tod.

Bodden

Wenn das Eis in den Bodden kommt


Kommen die Schwänein den Bodden

Dann hocken sie auf dem letzten Wasser


Dann zieht das Eis Kreise um sie
Dann frieren die Kreise zu
Dann machen sie schlapp
Dann sterben sie
Schnell
118 ///. Lyrik

Dann kommen neue

Dann kann man hingehen


Dann kann man sich einen Schwan greifen
Dann kann man ihn in die Waschküche schleifen
Dann kann man das Wasser in die Wanne schütten
Dann kann man ihn hineinsetzen

Dann kann man ein Feuer machen


Dann kann man das Wasser anwärmen
Dann kann man ihm zu fressen geben

Dann kann man ihm zu fressen geben


Dann kann man ihm Fische und Brot geben
Dann frisst er nicht
Dann kann man ihm Fische und Brot geben

Dann kann man ihm Pudding und Kirschen geben


Dann kann man ihm was man hat geben
Dann frisst er nicht
Dann kann man ihm gute Worte geben

Dann frisst er nicht

Dann wird sein Hals dürr


Dann kann man zusehen wie sein Hals dürr wird
Dann kann man zusehen wie sein Hals gelb wird
Dann schnieft er nicht mehr beim Näherkommen
Dann wartet er auf was
Dann kackt er das Wasser grün
Dann kippt sein Hals über den Wannenrand
Dann verreckt er
Dann muss man ihn herausnehmen
Dann muss man ihm die Daunen herausreißen
Dann muss man ihn in die Grube schmeißen

Dann muss man sich die Hände waschen.


Richard Leising. Durs Grünbein 119

Der Sieg

Das ist der Sieg: Lautsprecher! Organ, machtvolles


Sprich uns über die Zeiten. Keine Wolke im Stadion
Ideale Bedingungen; diese Weiten, diese Höhen, viele
Im Faltenwurf des Rekords. Die Kugeln sind alle
Gestoßen, die Geher gekommen, einige Springer noch
Werden beworfen mit Speeren vom andern Ende des Felds
Worauf die Welt blickt. Wie ist die Zeit? Bestzeit
Ist ausgerufen ausdrücklich, auf drehenden Tafeln
Lichte Ergebnisse, die wie Schalmeien blitzen
In ein herrliches Publikum. Wir zählen eins zwei
Drei Podeste, aufs höchste klettert der Sieg, belaubt
Und ernsthaft; einige Kämpfe dauern noch an, Abend
Trifft schräg die Traversen. Ungültiger Sprung dort!
Zu den tiefern Podesten starten frisch die Niederlagen
Mit Blumen Mädchen tanzen über die Tartanbahn quer
Durch den Einlauf im Marathon, Herren in sportlichem
Anzug verhängen Medaillen. Erfrischungen, Andenken
Abzeichen, Gesundheit und Vaterland; mit schwerem Kranz
Dreht ein Läufer die ehrende Runde. Wer Sieger ist
Dessen Hymne wird gespielt und Fahne gehisst.

DURS GRÜNBEIN

Geb. 9. Oktober 1962


in Dresden. Lebt seit 1985 in Berlin. Studium der Thea-
tergeschichte an der Humboldt-Universität. Stieß spät zum »Prenzlauer
Berg«. Büchner-Preis 1995.
Werke: Grauzone morgens G. (1988); Scbädelbasislektion G. (1991); Von der
üblen Seite G. (1994); Falten und Fallen G. (1994); Den Teuren Toten. 33 Epi-
taphe (1994); Galilei vermißt Dantes Hölle und bleibt an den Maßen hängen
Ess. (1996); Nach den Satiren G. (1999).

Seit Enzensberger, Grass und Handke war in der deutsch-


sprachigen Literatur kein steilerer Aufstieg als der des Lyri-
120 ///. Lyrik

kers und Essayisten Durs Grünbein zu beobachten. Dazu


hat die »blende« von 1989 sicher beigetragen, diese tief ins
Leben der Ostdeutschen einschneidende Gewalt, der Grün-
bein seine jugendliche, doch geschichtsbeladene Stimme lieh.
Dies veranlagte die Darmstädter Akademie alsbald mit da-
zu, dem damals erst 33jährigen Dichter den angesehensten
deutschen Literaturpreis zu verleihen. Grünbein bietet frei-
lich mehr, als die äußeren Umstände seines Erfolgs verraten.
Der radikale Desillusionismus, zu dem die DDR ihre besten
nur den neugierig er-
Köpfe unfreiwillig erzog, bezieht nicht
griffenen, bis 1989 nur als Simulationsraum gegenwärtigen
Westen mit ein, sondern gründet in einer anthropologischen
Radikalität, deren naturwissenschaftlich genährte Nüch-
ternheit über Benn zurück zu Büchner führt: »Der Riesen-
arbeit der Idealisierung, die Schiller noch glaubte leisten zu
müssen, setzt Büchner seinen anthropologischen Realismus
entgegen, f. .] Daß sie tief einschneiden ins Fleisch, daß sie
.

die Leiber zermalmt am Wegrand zurücklassen, das ist es,


was Geschichte und Revolution so weit von jeder Erlösung
entfernt. Und deshalb ist jeder Gesellschaftsentwurf wertlos,
wenn er nicht auch das Bewußtsein von der Zerbrechlich-
keit dieser traurigen Körper einschließt. Mag sein, daß die
Utopien mit der Seele gesucht werden, ausgetragen wer-
den sie auf den Knochen zerschundener Körper, bezahlt mit
den Biographien derer, die mitgeschleift wurden ins jeweils
nächste häßliche Paradies.« (Büchner-Preis-Rede) »O Hei-
mat, zynischer Euphon«, das sich in dem Band »Schädelba-
sislektion« findet, doch noch vor der Öffnung der Mauer
entstanden ist, verbindet die lässig-unterkühlte Diktion des
Mediziners Benn mit dem Anklang an Brechts Refrainzeile
»O Himmel, strahlender Azur« Diese Anlehnung geschieht
.

freilich nicht, um sich von der Geschichte abzuwenden, wie


es Benn getan hatte, und auch nicht, um die Fort schritt sillu-
sionen zu teilen, denen Brecht nach der »Hauspostille«, der
die im Titel rhythmisch zitierte »Ballade von den Seeräu-
bern« entstammt, verfallen war. »Trigeminus« hält im er-
Durs Grünbein 121

zählerischen Duktus vom historischen Ort des »seither«,


also seit dem Mauerfall 1989 Geschehenen Rückblick auf
die Seelenlandschaft im real existierenden Sozialismus. Die
Innervationen, die Reiz Übertragungen geschichtlicher Ge-
walt bringt der Titel pointiert zur Geltung: Trigeminus ist
der fünfte Gehirnnerv, Trigeminus- Neuralgie heißen die at-
tackenweise auftretenden Seh merz anfalle eines oder mehre-
rer Äste dieses Nervs, die durch Kauen, Gähnen, Niesen oder
Sprechen ausgelöst werden und sich zu heftigen Zuckungen
der Gesichts- oder Kaumuskulatur, zum »tic douloureux«
steigern können.

O Heimat, zynischer Euphon

Soviele Flickerbilder in den Künstlerhirnen,


Gewalt, durch Spiegelscherben exorziert, -
Uns nackte Welpen, Erben hoher Stirnen,
Hat man schon früh mit Nervennelken tätowiert.

Der kranken Väter Brut sind wir, der Mauern


Sturzgeburt. >Tief, tief im Deutsch .<, ertränkt,
. .

Enkel von Städtebauern, Fleischbeschauern:


Jedem die fremde Wirklichkeit. (>Geschenkt.<)

>Noch Bombensplitter? !< Gut für Stachelgaumen,


In violetten Babyschädeln installiert.
Sag, welche Schwester drückte ihren Daumen
Ins zarte Fontanell uns ungerührt?

Geröntgt, geimpft, dem deutschen Doppel-Klon,


Gebrochnen Auges, das nach Weitblick giert,
Böse verfallen sind wir, pränatal dressiert.
Deutschland ?< . . . O Heimat, zynischer Euphon.

(Für Thomas Kling)

20/3/89
122 ///. Lyrik

Trigeminus

Dann gingen wir schwimmen, mit den Toten auf du und


du.
In eisgrauen Baggerseen stieß der Fuß auf Gestänge
Rostiger Rohre, Maschinenteile, versenkt im Morast.

Es war dunkel dort unten. Wie offene Welsmäuler steckten


Periskope im Schlamm, Geräte tückischer
Überwasserwesen,
Installiert gegen aufkommendes Leben, im Schutz der
Nacht.

Vor den entzündeten Augen, wie Schlingpflanzen, lose


Trieben die Atemblasen der andern, vergebliche Wünsche,
Mit den schaukelnden Zerrbildern zurück ins Gestrüpp.

In der Haltung von Fröschen, faulenzend, zogen wir


Kreise
Zwischen Ufern kaum älter als wir. In den Wasserspiegeln
Erblickten wir Sägeblätter, Kniescheiben, rotierende
Schatten.

Die Hand streifte Stichlingsnester. In pfeilschnellen Trupps


Schwärmten die Zähesten aus, Pioniere im Trüben. Es galt
Keine Luft zu verlieren, verletzt unter Wasser, kein Blut.

Und jeder erzählte sie anders, Geschichten vom kalten


Stern,
Von Traktoren, auf denen Skelette saßen, am Grund
nachts,
Wo die Erde gefror und Liebespaare beim Baden ertranken.
Durs Grünbein 123

Denn alles war um


den einen Stachel zentriert, diesen
Dorn,
Zum Aufspießen der Wolken, den uns ins Fleisch trieb
Klein, auf dem Handteller zappelnd, der erste mutierte
Fisch.

Gezeugt im verwunschenen Teil eines Landes


Mit Grenzen nach innen, war er Märchen gewöhnt,
Grausamkeit. Daß der Himmel zu hoch hing,
Grund für die Kindheitsfieber, machte ihn platt.
Später ließ es ihn kalt. Dicht wie die Fenster
Hielt er dem Außenraum stand, - ohne Ausblick.
Hinter den Hügeln, gespenstisch, zog den Schluß-
Strich kein Horizont, nur ein rostiger Sperrzaun.
Landeinwärts . gehegte Leere. Sein Biotop, früh
. .

War ein riesiger Müllberg, von Bulldozern


Aufgeworfen, am Stadtrand. Ein Manöverfeld,
Naßkalter Sand, übersät mit Autoreifen und Schrott,
Dazu ein schillernder Teich, eine Einflugschneise,
Ein dürres Wäldchen. So bodennah sah er
Den Lerchenflug aus der Perspektive des Wurms:
Bald konnte er lesen. Und jeder Lilienthal
War ihm lieb, der bewies: Leichter als Luft zu sein,
War normal. Für die Dauer des Traums
Spann aus feinsten Düsen ihm Zeit eine Zuckerwatte
Aus Wasserstoff, unerreichbar für jeden
Abfangjäger, lautlos, ein weißes Flugobjekt.
Er war oft in Gedanken dort oben, wo ein Triebwerk
Die Wolken fräste. Daß jedes Abseits sich selbst
Das nächste war, gab seinen Blicken Halt.
.

124 III. Lyrik

Weit draußen, sobald man die Schläfen rieb, hellhörig


stromernd . .

Den Siedlungen fernblieb, Bahngleisen folgend und


Feldern -
War man nicht fremd hier? Lag nicht gleich vor der Tür,
In den unerwiderten Rufen, im Dunkel, die Grenze
Zu einem Imperium bis zur mongolischen Steppe?
Daß man umstellt war, eingekreist von beweglichen
Truppen,
Sah man erst bei Gewitter, in den Räderspuren im
Wegschlamm
Oder beim Aufschein von Taschenlampen an Waldrändern
abends.
Undenkbar daß ein Kind, beim Ausflug auf seinem neuen
Fahrrad,
Hinter dem Drahtzaun dem fernen Kirgisen im Wachturm,
Dem sibirischen Posten nicht winken sollte, so nah.
Überall gab es Tatorte, graue Regionen. Ein kalter Atlas
Wuchs mit der Kopfhaut über Nacken und Stirn,
Mit jedem Gesichtsnerv, vom Regen erregt,
Bis man das Rauschen von innen erkannte: den Osten,
Die bleiernen Flüsse, die Ebenen, diese Erde im Dauerfrost,
Alles was groß war, verloren und weit bis nach
Wladiwostok.
Jeder Schuß zog einen Strich durch den offenen Raum,
eine Naht,
An der entlang man sich trennen lernte, jedesmal etwas
leichter,
Von den verwilderten Gärten, den entdeckten Verstecken
im Wald.
Eines Tags, unterm Laub ein Schwelbrand (aus welcher
Saga
Von Taigajägern) war da Ameisenbau wie ein Haufen
ein
Knisternder Späne, in dem man brennend versank,
Durs Grünbein. Bert Papenfuß-Gorek 125

Noch einmal geboren, die nackten Arme verätzt.


Einer ertrank beim Schlittschuhlauf. Einer
Erbrach sich als ein andrer ein Auge verlor
Im Spiel mit gefundener Munition. Einer schrie,
Weil die Luft, wie von Sternenlicht infiziert, ihn bedrückte.
Knirschte der Schnee unterm Schritt nicht wie
Insektenpanzer?
Blieb man nicht längst von zu Hause weg ... in
verbotenen Zonen
Unterwegs hinterm Sperrzaun, am Schlachthof, auf
Aschehalden
Mit Platzwunden täglich und wechselnden Freunden.
Trennung -
Das warn die schmalen Gräben, im Auf- und Abgehn
gezogen.
In kalten Händen die Zirkel, bis das Gezeter erstickte
Im Schrank zwischen alten Pullovern, Geographie-
Büchern und Lexika, einige Wetterkarten
Vor dem kurzen Seither.

BERT PAPENFUSS-GOREK

Geb. 11. Januar 1956 in Stavenhagen (Mecklenburg). Schulbesuch in Greifs-


wald. 1972-75 Lehre als Elektronikfacharbeiter. 1975-80 Beleuchter im Stadt-
theater Schwerin und an Berliner Theatern. Lebt seit 1982 als freier Schriftstel-
ler in Berlin.
Werke: dreizehn tanz G. (1988); tiske G. (1990); Soja G. (1990); vorwärts im
zorn &sw. G. (1990); Led Saudaus, notdichtung - karrendichtung (1991);
NUNFT. FKK/ IM endart. novemberklub (1992); Hetze G. (1998).

»Sie, und nicht wir« hatte Klopstock 1789 eine Ode über-
Bewunderung der Französischen
schrieben, in der er seine
Revolution aussprach, bevor diese ihre terroristische Wende
nahm. Mit dem Titel »Wir und nicht sie« zitierte Volker
Braun das Gedicht Ende der sechziger Jahre, um mit ju-
126 ///. Lyrik

gendlicher Geste wenigstens der potentiellen Überlegenheit


des sozialistischen Gesellschaftsentwurfs über den des west-
lichenDeutschland Ausdruck zu verleihen. Wolf Biermann
mit wechselnden Wertungen im Laufe
seinerseits arbeitete
der Jahrzehnte an dieser bipolaren Fixierung. Die Exilbe-
wegung, die seiner Ausbürgerung folgte, befestigte sie im
Bewußtsein nicht nur der politischen, sondern - oft zum Be-
fremden schon der deutschsprachigen österreichischen und
Schweizer Nachbarn - auch des literarischen Deutschland.
Tatsächlich hatte es immer schon, auchden besonders fro-
in
stigen Perioden des Kalten Krieges, persönlicheVerbindun-
gen zwischen den Autoren und produktive Abarbeitungs-
prozesse an ästhetischen Entwicklungen auf der jeweils
anderen Seite des Eisernen Vorhangs gegeben. Noch unüber-
sichtlicher und intrikater wurden die Verhältnisse, als sich in
den achtziger Jahren um den Ost-Berliner Prenzlauer Berg
eine literarische Szene entwickelte, die sich radikal den mehr
oder weniger ideologischen Ansinnen verweigerte, die der
realsozialistische Staat mit der Vorstellung der Literatur un-
verändert verband. Diese Szene wurde überwiegend von
einer Autorengeneration, die in die bereits etablierte DDR
hineingeboren war, getragen. Sie nahm vielfältige westliche
Anregungen von Jandl und Mayröcker wie von Deleuze
und Baudrillard auf und entwickelte Artikulationsmöglich-
keiten, deren eigensinnige Logik die rationale Herrschafts-
sprache jeglicher Prägung untergrub. In einem in der Main-
zer Akademie gehaltenen und 1985 auch in »Sinn und Form«
veröffentlichten Vortrag hat Volker Braun, einer der weni-
gen bedeutenden Autoren der mittleren Generation, die
nach 1976 die DDRnicht verließen, den zornigen Verwei-
gerern die Leviten gelesen, die er in der namentlich nicht
genannten Elke Erb attackierte: »Literarische Befreiungs-
effekte, nicht die Befreiung der Literatur; das Ordnungs-
modell und der Harmonierungszwang werden bei dieser
Erb-Sache umgangen, aber nicht zerbrochen. Das verlangt
radikalere Sätzlein. « Das Urteil auch über Bert Papenfuß-
Bert Papenfuß-Gorek 127

Goreks Gedichte dürfte sich nicht nur in der Retrospektive


auf die konkreten Spielräume, die den Staaten des Ostblocks
und mit ihnen der DDR in den achtziger Jahren verblieben
waren, sondern auch im Blick auf ihre gegen jegliche Logik
der Macht gerichtete sprachkritische und sprach sinnliche
Evidenz anders darstellen, »neue zeitung von alter künde
will ich euch bringen« läßt erkennen, daß es diesem Lyriker
auch nach 1989 nicht die Sprache verschlug.

gelegenheit heizt triebe

zur zeit scharfer weisheitszaehne


auf blaustrumpfaugenweiden
nasser hoeschen abgelassener sokken
schikksalsfaeden abzukappen
traf ich fettern & fettein
ausm hoch &
flachschulwesen
wesentlichste des ferwesungs-
geschehens warens ueberzeugt dass
aufbau raufbau raubbau
abbau herabbau stürz
so betrieben sie lieben
& machten ortschritte

gelegenheit heizt
liebe triebe macht
liebe hiebe fersetzt
der gelegenheit
gelegen sich gibt
128 ///. Lyrik

neue zeitung von alter künde will ich


euch bringen

die vereine »edelweiß«, »eichenlaub« & »immergrün«


der verband der abgebrühten, ausgekochten
& rohlinge, & der verbünd der hinterbliebenen
vereinzelter römischer handwerker, bauern & huren
entboten ein herrisches »kotz gott und killwommen«
den kellnern, kz-touristen, Zaungästen &
betriebsschützern
im super-markte, der seinesgleichen sucht hienieden
zum schütz & trutz der einkaufsparadiese legten sie
zu recht beunruhigt durch wandernde wahlgermanenstämme
römerwälle an, schwedenschanzen, trojerburgen &
schweigemauern
»sie wollen schön aussehen
was heim und ausrüstung betrifft
körperlich sind viele aber
nicht besser gebaut
gemeinde-be amter«
als ein
beschwichtigte der nachwuchsstockstecherkönig gröfaz
hunderte Schiffsladungen mit steinen aus brokdorf
ganze wälder aus waldheim, unzählige tonnen eisennägel
aus eisenhüttenstadt, eine angemessene anzahl Juristen
aus dem juragebiet, jeweiliger rechtsbeugung vorzubeugen
& streng bemessene Wagenladungen münzen aus schwarze
pumpe
waren für diese einmalige anläge, die sich auszahlte
ebenso notwendig wie eine schweizer wirkstoffkombination
die ihnen den weg ebnete zu mehr abwicklungsvitalität
& ruhestandswohlbefinden, probier-sets wurden abgerotzt
IV. Drama

Die Überzeugung, der Mensch handle - wie immer er auch


äußeren und inneren Zwängen unterworfen sein mag - aus
freiem Willen nach Einsichten seines souveränen Verstandes
und den Imperativen seines Gewissens, ist seit der Abkehr
vom Idealismus immer wieder angezweifelt worden. Marx,
der Hegel-Kritiker, stellte sie in der Vorstellung vom Indivi-
duum als Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse in Ab-
rede. Nietzsche, ein noch radikalerer Hegel-Kritiker, leug-
nete sie, indem er die Triebgebundenheit nicht nur unseres
Begehrens und unserer Phantasietätigkeit, sondern selbst die
unseres konzeptionellen Vermögens behauptete. Freud, der
Hegel nicht einmal mehr einer Polemik für wert befand,
reagierte mit der Bestimmung des »Ich« als Kreuzungs-
punkt zwischen den unbewußten Kräften des »Es« und den
kollektiven Ansprüchen des »Über-Ich«. Zeugnisse dieses
Wandels im Verständnis des Menschen finden sich auch in
der zeitgleich entstandenen Literatur, in jenen Gattungen
zumal, die wie das Drama traditionell den agierend-re agie-
renden Menschen zum Mittelpunkt haben: In Hauptmanns
»Die Weber« wird ein Kollektivheld in Szene gesetzt, des-
sen Zerstörungswut weitgehend automatisch-triebhaften Im-
pulsen gehorcht. Schnitzlers »Reigen« vergegenwärtigt die
Macht Menschen nurmehr als
des Begehrens, das sich der
Woyzeck mit
Mittel bedient. Bereits Büchner hatte seinen
den Zügen eines im Ausweglosen endenden Gehetztseins
versehen. Die im 19. Jahrhundert wurzelnde Problemlage
wurde unter den Bedingungen des 20. Jahrhunderts einer-
seits durch die in den beiden Weltkriegen entfesselte techni-
sche Vernichtungsgewalt verschärft, die sich wie die Anony-
mität moderner industriell-wirtschaftlicher Prozesse weitge-
hend der individuellen Erfahrbarkeit entzieht: Benjamin
und Brecht haben sich mit einschlägigen Äußerungen früh
130 IV Drama

zu Wort gemeldet. Andererseits griff die Überzeugung um


sich,der Mensch sei nicht nur der Prägung durch ökonomi-
sche und triebhafte Zwänge ausgesetzt, sondern als denken-
des, empfindendes und wertendes Wesen unauflöslich in die
Strukturen seiner Sprache verstrickt. Aus diesem allgemein-
geschichtlichen und theoretischen Zusammenhang entstand
nicht zuletzt für die dramatische Literatur ein Problem-
druck, auf den sie mit ästhetischen Innovationen zu antwor-
ten versuchte. Auch die nachfolgenden Beispiele aus den
letzten Jahrzehnten lassen sich in diesem säkularen Zusam-
menhang lesen: Heiner Müller stellt in seinem Widerruf der
»Maßnahme« Brecht in Frage, der an der Handlungsmäch-
tigkeit des seiner eigenen Voraussetzungen bewußten revo-
lutionären Subjekts festgehalten hatte. Botho Strauß läßt
seine Figuren eine Sprache sprechen, in denen die Illusion
selbstbewußter Individualität in den kollektiven Diskursen
der westdeutschen Wohlstandsschichten verdampft. George
Tabori unterläuft das durch den Holocaust nahegelegte Pa-
thos, wie es etwa in Hochhuths dramatisch konventionellem
»Stellvertreter« erklingt, durch einen Ton tragisch gebroche-
ner Komik und eine groteske Zuspitzung, indem er Hitler,
seinen wie einen armen Hampelmann daherkommenden
Massenmörder in spe, zum Objekt fürsorglichster Zuwen-
dung des seinerseits ins - liebevoll - Komische spielenden Ju-
den Schlomo Herzl macht.

HEINER MÜLLER 1

Unter den Dramatikern, die in der DDR


auf die über-
ragende Vorbildfigur Brecht folgten, gilt Heiner Müller seit
seinen Anfängen mit Stücken wie »Der Lohndrücker«
(1957) als der bedeutendste. Er ist im übrigen auch der ein-

1 Bio-Bibliographie s. S. 61 f.
Heiner Müller 131

zige, der in den siebziger und achtziger Jahren - trotz ge-


wichtiger Stücke wie Christoph Heins »Die wahre Ge-
schichte des Ah Q« (1984) und Volker Brauns »Die Über-
gangsgesellschaft« (1987) - breite internationale Anerken-
nung erfuhr. Sein Stück »Mauser« entstand 1970. Es wurde
1975 den USA uraufgeführt, erschien 1976 zuerst in eng-
in
lischer Übersetzung und im selben Jahr noch in der West-
berliner Zeitschrift »alternative«. Es bildet nach Auskunft des
Autors mit »Philoktet« (1958/64, UA 1968) und »Der Hora-
tier« (1968, UA 1973) eine »Versuchsreihe«. Das Drama
läßt sich als Auseinandersetzung mit dem 1930 entstande-
nen und anhaltend kontrovers diskutierten Brechtschen
Lehrstück »Die Maßnahme« lesen, dessen Inhalt Brecht fol-
gendermaßen zusammengefaßt hatte: »Vier kommunisti-
sche Agitatoren stehen vor einem Parteigericht, dargestellt
durch den Massenchor. Sie haben in China kommunistische
Propaganda getrieben und dabei ihren jüngsten Genossen
erschießen müssen. Um nun dem Gericht die Notwendigkeit
dieser Maßnahme der Erschießung eines Genossen zu be-
weisen, zeigen sie, wie sich der junge Genosse in den ver-
schiedenen politischen Situationen verhalten hat. Sie zei-
gen, daß der junge Genosse gefühlsmäßig ein Revolutionär
war, aber nicht genügend Disziplin hielt und zu wenig sei-
nen Verstand sprechen ließ, so daß er, ohne es zu wollen, zu
einer schweren Gefahr für die Bewegung wurde. Der Zweck
des Lehrstücks ist also, politisch unrichtiges Verhalten zu
zeigen und dadurch richtiges Verhalten zu lehren. « Brechts
Drama, das die Anteilnahme des geopferten Genossen am
Leiden der bis zur Gesichtslosigkeit Ausgebeuteten ästhe-
tisch nachdrücklich zur Geltung bringt und jenen zugedacht
war, die sich seinen Problemgehalt als Darsteller und Zu-
schauer zugleich ohne weiteres Publikum spielerisch aneig-
nen wollten, darf nicht als politische Handlungsanweisung
mißverstanden werden. Die das Brechtsche Stück umschrei-
bende Kritik Müllers gilt in »Mauser« denn auch nicht
dem häufig vorgebrachten Totalitarismusv erdacht, sondern
132 IV Drama

der Verkennung des Charakters revolutionärer Gewalt, die


den einzelnen zu einer Mordmaschine entstellt - »Mauser«
bezeichnet Person und Waffe -, ja ihn, wie Hofmannsthals
Elektra, orgiastisch tanzend über die Getöteten triumphie-
ren läßt:

Ich nehme unter den Stiefel was ich getötet habe


Ich tanze auf meinem Toten mit stampfendem Tanzschritt
Mir nicht genügt es zu töten, was sterben muß
Damit die Revolution siegt und aufhört das Töten
Sondern es soll nicht mehr da sein und ganz nichts
Und verschwinden vom Gesicht der Erde
Für die kommenden ein reiner Tisch.

»Gerade durch die Identifizierung mit der Rationalität des


Genia Schulz, »schlägt Rationali-
historischen Auftrags«, so
tät in Archaik um, denn die Stimme der subjektiven Ver-
nunft muß verstummen. Archaik aber kulminiert in der
Befreiung von der moralischen Last der Toten und in der
Lust am Töten. Das andauernde Morden spaltet Mauser,
der vor einer fast unlösbaren Aufgabe steht: zugleich als
willenloses Opfer/Tötungsinstrument der Partei zu fungie-
ren und doch die Differenz des subjektiven Empfindens
nicht zu verlieren.«

Mauser (Auszug)

A. Ich habe gekämpft an der Front des Bürgerkriegs


Der Feind hat keine Schwäche gefunden an mir
Ihr habt keine Schwäche gefunden an mir
Jetzt bin ich selber eine Schwäche
Die der Feind nicht finden darf an uns.
Ich habe den Tod ausgeteilt in der Stadt Witebsk
An die Feinde der Revolution in der Stadt Witebsk
Wissend, das tägliche Brot der Revolution
Heiner Müller 133

Ist der Tod ihrer Feinde, wissend, das Gras noch


Müssen wir ausreißen, damit es grün bleibt.
Ich vergaß es nicht am dritten Morgen
Und am siebenten nicht. Aber am zehnten Morgen
Weiß ich es nicht mehr. Töten und Töten
Und jeder dritte vielleicht ist nicht schuldig, der
Vor meinem Revolver steht, Gesicht zum Steinbruch.
Chor. In diesem Kampf, der nicht aufhören wird
In der Stadt Witebsk wie in andern Städten
Als mit unserm Sieg oder Untergang
Verrichten mit zwei schwachen Händen wir jeder
Die Arbeit von zweitausend Händen, gebrochenen
Händen
Händen gebunden mit Ketten und Stricken, Händen
Abgehaun, Händen an unsrer Kehle.
Tausend Hände an unsrer Kehle haben wir
Keinen Atem, zu fragen nach Schuld oder Unschuld
Jede Hand an unsrer Kehle, oder nach Herkunft
Ob sie zerarbeitet ist oder nicht zerarbeitet
Ob das Elend sie um unsern Hals krümmt und die
Unwissenheit über die Wurzel des Elends
Oder die Furcht vor der Revolution, die es ausreißt
Mit der Wurzel. Wer bist du andrer als wir
Oder besondrer, der auf seiner Schwäche besteht.
Der ich sagt mit deinem Mund, ist ein andrer als du.
Nicht eh die Revolution gesiegt hat endgültig
In der Stadt Witebsk wie in andern Städten
Bist du dein Eigentum. Mit deiner Hand
Tötet die Revolution. Mit allen Händen
Mit denen die Revolution tötet, tötest du auch.
Deine Schwäche ist unsre Schwäche
Dein Gewissen ist die Lücke in deinem Bewußtsein
Die eine Lücke an unsrer Front ist. Wer bist du.
A. Ein Soldat der Revolution.
Chor. Willst du also
Daß die Revolution dich entläßt aus dem Auftrag
134 IV Drama

Für den du zu schwach bist, der erfüllt werden muß


Von dem einen oder von dem andern.
A / [Chor]. Nein. / Und das Töten ging weiter,
Gesicht zum Steinbruch.
Am nächstenMorgen vor meinem Revolver ein Bauer
Wie vor ihm seinesgleichen am andern Morgen
Wie vor mir meinesgleichen vor andern Revolvern
Im Nacken Angstschweiß: vier Kämpfer der Revolution
Hat er verraten an unsern und seinen Feind
Im Nacken Angstschweiß, stehend vor andern Revolvern.
Seinesgleichen ist getötet worden
Und meinesgleichen zweitausend Jahre lang
Mit Rad Galgen Strick Halseisen Knute Katorga
Von meines Feindes gleichen, der sein Feind ist
Und mein Revolver gerichtet auf sein Genick jetzt
Ich Rad Galgen Strick Halseisen Knute Katorga
Ich vor meinem Revolver Gesicht zum Steinbruch
Ich mein Revolver gerichtet auf mein Genick.
Wissend, mit meiner Hand tötet die Revolution
Austilgend Rad Galgen Strick Halseisen Knute Katorga
Und es nicht wissend, vor meinem Revolver ein Mensch
Ich zwischen Hand und Revolver, Finger und Abzug
Ich Lücke in meinem Bewußtsein, an unsrer Front.
Chor.
Nicht Menschen zu töten ist dein Auftrag, sondern
Feinde. Nämlich der Mensch ist unbekannt.
Wir wissen, daß das Töten eine Arbeit ist
Aber der Mensch ist mehr als seine Arbeit.
Nicht eh die Revolution gesiegt hat endgültig
In der Stadt Witebsk wie in andern Städten
Werden wir wissen, was das ist, ein Mensch.
Nämlich er ist unsre Arbeit, der unbekannte
Hinter den Masken, der begrabene im Kot
Seiner Geschichte, der wirkliche unter dem Aussatz
Der lebendige in den Versteinerungen
Denn die Revolution zerreißt seine Masken, tilgt
Heiner Müller 135

Seinen Aussatz, wäscht aus dem steinharten Kot


Seiner Geschichte sein Bild, der Mensch, mit
Klaue und Zahn, Bajonett und Maschinengewehr
Aufstehend aus der Kette der Geschlechter
Zerreißend seine blutige Nabelschnur
Im Blitz des wirklichen Anfangs erkennend sich selber
Einer den andern nach seinem Unterschied
Mit der Wurzel gräbt aus dem Menschen den Menschen.
Was zählt ist das Beispiel, der Tod bedeutet nichts.
A. Aber im Schlachtlärm, der zugenommen hatte
Und noch zunahm, stand mit blutigen Händen ich
Soldat und Bajonett der Revolution
Und fragte mit meiner Stimme nach einer Gewißheit.
A [Chor]. Wird das Töten aufhören, wenn die
Revolution gesiegt hat.
Wird die Revolution siegen. Wie lange noch.
Chor.
Du weißt, was wir wissen, wir wissen, was du weißt.
Die Revolution wird siegen oder der Mensch wird nicht
sein
Sondern verschwinden in zunehmender Menschheit.
A. Und ich hörte meine Stimme sagen
An diesem Morgen wie an andern Morgen
TOD DEN FEINDEN DER REVOLUTION und ich sah
Ihn der ich war töten ein Etwas aus Fleisch Blut
Und andrer Materie, nicht fragend nach Schuld oder
Unschuld
Nach dem Namen nicht und ob es ein Feind war
Oder kein Feind, und es bewegte sich nicht mehr
Aber er der ich war hörte nicht auf es zu töten.
Er sagte: / [Chor] Ich habe meine Last abgeworfen
In meinem Nacken die Toten beschweren mich nicht
mehr
Ein Mensch ist etwas, in das man hineinschießt
Bis der Mensch aufsteht aus den Trümmern des
Menschen. /
136 IV Drama

Und als er geschossen hatte wieder und wieder


Durch die aufplatzende Haut in das blutige
Knochen, stimmte er
Fleisch, auf splitternde
Mit den Füßen ab gegen den Leichnam.
A [Chor].
Ich nehme unter den Stiefel was ich getötet habe
Ich tanze auf meinem Toten mit stampfendem Tanzschritt
Mir nicht genügt es zu töten, was sterben muß
Damit die Revolution siegt und aufhört das Töten
Sondern es soll nicht mehr da sein und ganz nichts
Und verschwunden vom Gesicht der Erde
Für die Kommenden ein reiner Tisch.
Chor.
Wir hörten sein Brüllen und sahen was er getan hatte
Nicht mit unserm Auftrag, und er hörte nicht auf zu
schrein
Mit der Stimme des Menschen der den Menschen frißt.
Da wußten wir, daß seine Arbeit ihn aufgebraucht hatte
Und seine Zeit war abgelaufen und führten ihn weg
Einen Feind der Revolution wie andre Feinde
Und nicht wie andre, sondern sein eigener Feind auch
Wissend, das tägliche Brot der Revolution
Ist der Tod ihrer Feinde, wissend, das Gras noch
Müssen wir ausreißen, damit es grün bleibt.
Aber er hatte seine Last abgeworfen
Die zu tragende bis die Revolution gesiegt hat
In seinem Nacken die Toten beschwerten ihn nicht mehr
Die beschwerlichen bis die Revolution gesiegt hat
Sondern seine Last war seine Beute
Also die Revolution hatte für ihn keinen Platz mehr
Und er selber hatte für sich keinen Platz mehr
Als vor den Gewehrläufen der Revolution.
A. Nicht eh sie mich wegnahmen von meiner Arbeit
Und nahmen aus meiner Hand den Revolver weg
Und meine Finger krümmten sich noch wie um die Waffe
Verschieden von mir, sah ich was ich getan hatte
Heiner Müller 137

Und nicht eh sie mich wegführten hörte ich


Meine Stimme und wieder den Schlachtlärm
Der zugenommen hatte und noch zunahm.
A [Chor].
Mich aber führen meinesgleichen zur Wand jetzt
Und ich der es begreift, begreife es nicht.
Warum.
Chor.
Du weißt was wir wissen, wir wissen was du weißt.
Deine Arbeit war blutig und wie keine andere
Aber sie muß getan werden wie andre Arbeit
Von dem einen oder von dem andern.
A. Ich habe meine Arbeit getan. Seht meine Hand.
Chor. Wir sehen, daß deine Hand blutig ist.
A. Wie nicht.
Und lauter als der Schlachtlärm war das Schweigen
In der Stadt Witebsk einen Augenblick lang
Und länger mein Leben war der Augenblick.
als

Der Mensch ist keine Maschine.


Ich bin ein Mensch.
Töten und töten, der gleiche nach jedem Tod
Konnte ich nicht. Gebt mir den Schlaf der Maschine.
Chor. Nicht eh die Revolution gesiegt hat endgültig
In der Stadt Witebsk wie in andern Städten
Werden wir wissen, was das ist, ein Mensch.
A. Ich will es wissen jetzt und hier. Ich frage
An diesem Morgen in der Stadt Witebsk
Mit blutigen Stiefeln auf meinem letzten Weg
Der zum Sterben geführt wird, der keine Zeit hat
Mit meinem letzten Atem jetzt und hier
Frage ich die Revolution nach dem Menschen.
Chor. Du fragst zu früh. Wir können dir nicht helfen.
Und deine Frage hilft der Revolution nicht.
Hör den Schlachtlärm.
A. Ich habe nur eine Zeit.
Hinter dem Schlachtlärm wie ein schwarzer Schnee
Wartet auf mich das Schweigen.
138 IV Drama

Chor. Du stirbst nur einen Tod


Aber die Revolution stirbt viele Tode.
Die Revolution hat viele Zeiten, keine
Zu viel. Der Mensch ist mehr als seine Arbeit
Oder er wird nicht sein. Du bist nicht mehr
Sondern deine Arbeit hat dich aufgebraucht
Du mußt verschwinden vom Gesicht der Erde.
Das Blut, mit dem du befleckt hast deine Hand
Als sie eine Hand der Revolution war
Muß abgewaschen werden mit deinem Blut
Vom Namen der Revolution, die jede Hand braucht
Aber deine Hand nicht mehr.
A. Ich habe getötet
Mit eurem Auftrag.
Chor. Und nicht mit unserm Auftrag.
Zwischen Finger und Abzug der Augenblick
War deine Zeit und unsre. Zwischen Hand und Revolver
die Spanne
War dein Platz in der Front der Revolution
Aber als deine Hand eins wurde mit dem Revolver

Und du wurdest eins mit deiner Arbeit


Und hattest kein Bewußtsein mehr von ihr
Daß sie getan werden muß hier und heute
Damit sie nicht mehr getan werden muß und von keinem
War dein Platz in unsrer Front eine Lücke
Und für dich kein Platz mehr in unsrer Front.
Schrecklich ist Gewohnheit, tödlich das Leichte
die
Mit vielen Wurzeln in uns haust das Vergangene
Das auszureißende mit allen Wurzeln
In unsrer Schwäche stehn die Toten auf
Die zu begrabenden wieder und wieder
Uns selber müssen wir aufgeben jeder eine
Aber einer den andern dürfen wir nicht aufgeben.
Du bist der eine und du bist der andre
Den du zerfleischt hast unter deinem Stiefel
Heiner Müller 139

Der dich zerfleischt hat unter deinem Stiefel


Du hast dich aufgegeben einer den andern
Die Revolution gibt dich nicht auf. Lern sterben.
Was du lernst, vermehrt unsre Erfahrung.
Stirb lernend. Gib die Revolution nicht auf.
A. Ich weigere mich. Ich nehme meinen Tod nicht an.
Mein Leben gehört mir.
Chor. Das Nichts ist dein Eigentum.
A [Chor].
Ich will nicht sterben. Ich werfe mich auf den Boden.
Ich halte mich an der Erde fest mit allen Händen
Ich beiße mich mit den Zähnen fest in der Erde
Die ich nicht verlassen will. Ich schreie.
Chor [A]. Wir wissen, daß das Sterben eine Arbeit ist.

Deine Angst gehört dir.


A [Chor]. Was kommt hinter dem Tod.
Chor [A].
Fragte er noch und stand schon auf vom Boden
Nicht mehr schreiend, und wir antworteten ihm:
Du weißt was wir wissen, wir wissen was du weißt
Und deine Frage hilft nicht der Revolution.
Wenn das Leben eine Antwort sein wird
Mag sie erlaubt sein. Aber die Revolution braucht
Dein Ja zu deinem Tod. Und er fragte nicht mehr
Sondern ging zur Wand und sprach das Kommando
Wissend, das tägliche Brot der Revolution
Ist der Tod ihrer Feinde, wissend, das Gras noch
Müssen wir ausreißen, damit es grün bleibt.
A [Chor]. TOD DEN FEINDEN DER REVOLUTION.
140 IV. Drama

BOTHO STRAUSS
Geb. 2. Dezember 1944 in Naumburg (Saale); aufgewachsen in Westdeutsch-

land. Während des - abgebrochenen - Studiums der Germanistik, Theaterwis-


senschaft und Soziologie als Schauspieler tätig. 1967-70 Redakteur bei »Thea-
ter heute«,1970-75 Dramaturg der Berliner Schaubühne. Büchner-Preis 1989.
Lebt auf dem Land bei Berlin.
Werke: Die Hypochonder Dr. (1972); Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle
Kom. (1974); Marlenes Schwester En. (1975); Trilogie des Wiedersehens Dr.
(1976); Die Widmung E. (1977); Groß und klein Dr. (1978); Rumor R. (1980);
Paare Passanten Prosa (1981); Kalldewey, Farce Dr. (1981); Der Park Dr.
(1983); Der junge Mann R. (1984); Diese Erinnerung an einen, der nur einen
Tag zu Gast war G. (1985); Die Fremdenführerin Dr. (1986); Niemand ande-
res Prosa (1987); Versuch, ästhetische und politische Ereignisse zusammenzu-
denken. Texte über Theater 1967-1986 (1987); Besucher. Drei Stücke (1988);
Über Liebe. Geschichten und Bruchstücke (1989); Theaterstücke (1991,
2 Bde.); Beginnlosigkeit. Reflexionen über Fleck und Linie Ess. (1992); Das
Gleichgewicht Dr. (1993); Wohnen Dämmern Lügen Prosa (1994); Ithaka Dr.
(1996); Die Fehler des Kopisten Prosa (1997); Die Ähnlichen Dr. (1998); Jef-
fers- Akt l&II Dr. (1998); Der Aufstand gegen die sekundäre Welt. Bemerkun-
gen zu einer Ästhetik der Anwesenheit (1999).

Die »Trilogie des Wiedersehens« setzt sich aus den Teilen


»Kleine Gesellschaft«, »Niemand Bestimmtes« und »Gute
Beziehung« zusammen, die in abgestuft ironischer Tönung
das Thema der Bindungslosigkeit variieren. Dabei wird die
äußerlich dreiaktige Form, die spielerisch die klassizistischen
Einheiten von Ort und Zeit aufgreift - Schauplatz ist »Mit-
tags«, »Nachmittags«, »Spätnachmittags« der Ausstellungs-
raum eines Kunstvereins -, von einer Tendenz zur Verselb-
ständigung der einzelnen Szene unterlaufen, in der auch
Schnitzlers »Reigen« nachwirken mag. Die verbindende
Handlung - die erfolgreiche Zensur einer Ausstellung neo-
realistischer Bilder - bleibt peripher; zentral sind die szeni-
schen Zustandsbilder. Strauß entwirft ein Panorama der Be-
zieh ungslosigkeit, in dem niemand die Kraft auch nur zum
Abschied aufbringt und das Ich jeder Person im nurmehr
stumpfen Spiegel des anderen verblaßt. Szene 11,5 führt eine
Arztfrau, die von ihrem - anwesenden - Mann getrennt
lebt, mit dem Direktor des Kunstvereins, Szene 111,7 einen
Botho Strauß 141

reichen Drogisten und einen Schauspieler zusammen. Das


Maß der Entfernung zwischen den Personen wird erkenn-
bar gerade im Schein der Nähe. In »Paare Passanten«, ei-
nem Band moralistischer Prosa in der Nachfolge von Ador-
nos »Minima Moralia«, schrieb Strauß fünf Jahre nach der
»Trilogie des Wiedersehens«: »Allein das Wort Beziehungen
immer wieder zu hören, wirkt sich handschweißhemmend
aus. So handelsplatt wie es klingt, sucht es den Umgang mit
der gründlichen Gefahr, welche die Liebe ihrem Wesen nach
für das Gemeinwohl darstellt, künstlich zu ernüchtern und
eine Berechenbarkeit hineinzubeschwören in eine Sphäre,
die immer noch die ursprünglichste, undurchdringlichste und
verschlingendste des Menschen ist.« Waren
Klagen über
die
die »Zwergleidenschaft« und das Fehlen »großer Gefühle«
in der »Trilogie des Wiedersehens« noch in die Distanz der
dramatischen Personenrede gerückt, so zeichnete sich bereits
in »Paare Passanten« eine angestrengte Positivierung ab, die
Strauß, den hellsichtigen Diagnostiker bundesrepublikani-
scher Wohlstandsbefindlichkeiten, zunehmend - und mit
wachsendem Widerstand - die obsolete Rolle des einsamen
dichterischen Sehers beanspruchen ließ. Die Restaurierung
des romantischen Modells einer Erlösung durch Poesie und
Liebe gab sich als Teil des Problems zu erkennen, das es lösen
sollte.

Trilogie des Wiedersehens


(Szenen 11,5 und 111,7)

Ruth und Moritz allein. Moritz sitzt auf der Lehne der
Rundbank. Ruth neben ihm auf dem Polster. Der Stuhl des
Wärters steht leer. Der Wärterjieht hier und da durch den
linken Durchgang, verschwindet\vieder.

v4
142 IV. Drama

Moritz. Sie haben alle ihre Meinung geändert. Einer nach


dem anderen. Zuerst hat es ihnen gefallen, was ich hier
gemacht habe. Jetzt finden sie es schlecht.
Ruth. Ich nicht.
Moritz. Sie nicht? Sie haben nichts gesagt.
Ruth. Der erste Anblick, wenn man Bilder sieht, wissen
Sie, aufgrund eines leichten Herzklopfens, manchmal trü-s^
ist manchmal trügerisch.
gerisch -, ^«-^
Moritz. Herzklopfen? Bei diesen abgebrühten -?
Ruth. Warum haben Sie Ihre Ausstellung kapitalisti-
scher Realismus< genannt? Ich finde, es klingt sehr iro-
nisch -
Moritz. Ja, fragen Sie nur. Ja, ja. Es steckt bestimmt eine
gewisse Ironie dahinter. Richtig. Der Begriff stammt übri-
gens nicht etwa von mir. Erinnern Sie sich, in den frühen
sechziger Jahren, damals, als wir in Europa die amerikani-
sche Popmalerei, erinnern Sie sich? Diese knatterbunte
Haushaltswelt -
Ruth. Wie?
Moritz. Gottverflucht. Habe ich euch nicht den Calde-
rara herbeigeschafft? Wieder einmal! Habe ich euch nicht
>La Sposa< sehen lassen! Pack! >La Sposa< - die Braut,
eben noch gegenständlich, eben noch. Ein Werk, vor dem
man den Blick senkt, weil man nicht wagt, es unverhoh-
len anzugaffen . Das Inbild der Unsichtbaren, wie es
. .

Peter einmal genannt hat Stellen Sie sich vor, so etwas


. . .

gäbe es in Wirklichkeit: würden Sie nicht gerne Ihre Ge-


stalt, Ihren Körper dafür geben, um nur noch Licht zu

sein, ein unsäglich zarter physischer Schimmer. Alle Zeit


wären Sie hell, unauslöschlich und niemand Bestimmtes.
Ruth. Das brauchen Sie mir nicht zu sagen. Ich wäre die
erste -
Moritz. Kaum noch Etwas, doch längst nicht Nichts. Vor
diesem Fall kopfüber, vor dem ins Nichts, schützt Sie ja,
daß Sie Licht sind und leuchten, flirren, verführen - nicht
Nichts, kaum Etwas.
(Er rutscht runter aufs Polster.)
^ ^0> J

-^
'
« Botho Strauß 143
y ';- ^^° >

Hören Sie - wollen wir nicht gemeinsam die Stadt für im-
mer verlassen, Ruth? (Er redet geschwind weiter) Alle
diese individuellen Ansichten, Standpunkte, Rechthabe-
reien,tausend verschiedene Meinungen laufen wie quell-
frische Wildbäche aus allen Richtungen zusammen und^. fci
münden am Ende doch in der stinkenden Kloake einer
gigantischen, idiotischen, durch nichts mehr zu erschüt-
ternden, mit unzähligen Widersprüchen vollgestopften A-C
Meinungslosigkeit .
0S\\ ^\-Wva^
. .
(> c^n^S
$T Cü^ ^
Ruth. Tut es Ihnen weh, daß ich Sie mitunter nicht ganz . ^
richtig verstehe? v\.^*^5
Moritz. Nein. Es tut mir nicht besonders weh. Sie drük-
ken ja auch viel mit Ihrem Gesicht aus.
Ruth. Es gibt immer irgend etwas in mir, das mich daran
hindert, richtig zu verstehen. Ja? Gerade wenn ich Ih-
. . .

nen besonders gut zuhören möchte, werden plötzlich alte


Erinnerungen wach, ich verliere den Faden. Ich hoffe nur,
daß Sie trotzdem, wenn Sie, wie Sie sagen, an meinem
Gesicht nicht vorbeisehen . .

(Moritz sieht auf die Armbanduhr.)


Ruth. Wie spät haben wir 's denn?
(Lothar erscheint hinten im rechten Durchgang und geht
wieder.)
Moritz. Dafür, daß wir zum ersten Mal miteinander re-
den, noch sehr früh. Die Zeit läßt angenehm nach.
ist es

Ruth. Die Uhren stehen aber nicht still. Wenn Sie das
meinen ...
Moritz. Nein. Wir könnten den Zug nach Brüssel noch
erwischen. Oder etwas später den nach München. Wenn
ich mich einmal fragen würde: was hat denn nun am mei-
sten in dir Geschichte gemacht? Waren es die Bilder, die
Kunstwerke, die du liebst oder war es noch mehr die
Liebe selbst - ^
Ruth. Ich habe das Gefühl, Sie wollen mich mit Haut
und Haaren in Ihr Vertrauen ziehen. Ich weiß gar nicht,
wie ich mich verhalten soll. Für mich sind Sie doch in er- v ,

ster Linie ein Mann von Karriere Ich frage mich ein . . .
g \

&s*>vnv yv, y\0* S <^X<^ r> ^ "fj


.

144 IV. Drama

bißchen, was Sie wohl an mir finden? Oder ist das schon
zuviel gefragt? Ich muß immer daran denken, daß Sie
mich heute den ganzen Tag lang quasi nicht zur Kenntnis
genommen haben . .

Moritz. Das ist nicht wahr. Sie täuschen sich. Ich habe Sie
oft genug beobachtet, ohne daß Sie es bemerkt hätten.
Ruth. Das kann man freilich immer sagen.
Moritz. Merkwürdig. Ich habe mir vorgestellt, wie Sie
wohl aussehen, - entschuldigen Sie -, wenn Ihnen etwas
zustößt. Nein, nein, nichts richtig Entsetzliches. Nur et-
was, worüber Sie die Fassung verlieren und anfangen zu
schreien. Ich habe mir das noch nie von einer Frau vorge-
stellt.

Ruth. Es ist ja auch keine schöne Vorstellung.


Moritz. Nein. Es ist die Vorstellung, daß man leichter
Zugang findet, sich stärker hingezogen fühlt -
Ruth (steht auf, streift ihren Rock glatt). Ach so.
Moritz. Zu einem Menschen, der außer sich ist, schreit
oder trauert. Ich gebe dann meinerseits Hemmungen auf
- gehen Sie nicht, Ruth!
Ruth. Wie? Oh, ich bin nicht unbedingt aufgestanden,
um Sie zu verlassen. Kommen Sie doch mit .! <^ . .

^^^ (Moritz steht auf.) ^'\


^
(

Mein Mann nennt mich oft die Frau der ansteckenden Irr-
_* tümer. Verstehen Sie? Ich bekomme erstmal alles in die fal-
sche Kehle und dann ist das Gegenüber natürlich mei-
. . .

stens auch perplex Aber eines muß ich Sie trotzdem


^
. . .

noch fragen: ... ich werde mich vielleicht unsterblich bla-


mieren - bestimmt habe ich mich verhört ... es war aber,
als hätten Sie vorhin ganz ganz rasch zu mir gesagt: >Wol-
len wir diese Stadt nicht verlassen, Ruth?< . . . Stimmt's?
Moritz. Ich glaube ja . . . Warum nicht?
Ruth. Und und -?. . . . . . So etwas dürfen Sie mir nicht
zweimal sagen!
Moritz. Nein ja . . . . . . warum nicht?

V*<c\>0 *<^ Dunkel ^ **?^


I
*$rv«\ i
c Botho Strauß 145
J^*

Martin und Franz sitzen auf der Bank.

Martin. Sie haben ja nun unsere kleine Gesellschaft ken-


nengelernt. Alberne Leute, nicht wahr? Es ist im Grunde
kein Vergnügen mit immer alberner werdenden Freun-
den zu verkehren. Mich eingeschlossen. Nur die Albern
heit erlaubt uns noch -
Franz. Wir selbst zu sein.
Martin. Richtig.
Franz. Nun ja. Darüber denke ich anders.
Martin. Wir verstehen uns nicht, wir beide? Was?
(Er holt ein Zigarettenetui hervor und nimmt sich eine
ligarette.)
Franz. Apart .. .V** C^~
„> *^>

Martin. Ja, hübsche Zigaretten, nicht? Orient, rein und


feinste Wahl. Nehmen Sie. Die können Sie nirgendwo
kaufen. Die laß ich mir spezialanfertigen. Ich bin be-
freundet mit einem Tabakindustriellen, der macht mir
das.
Franz. Das nenne ich individuell.
Martin. Ist es. Individuell und durchdacht. Das Stück für
elf Mark fünfzig - da werden Sie mal zum Kettenraucher!
Rauchen ist Genuß - Massenprodukti o n verhindert Ge-
jiyjß^Sie essen ja auch keineNKonlrouIäden aus der Kon-
servenbüchse. ^ >^ ^ ^ ^ ^ts^ vW-\ ^
Franz. Nein. Wahrhaftig nicht.
(Beide rauchen.)
«

$<0*>
,
^ ec^ \^v\
^
VJ^
Martin. Wie alt sind Sie, wenn ich fragen darf?
Franz. Achtundsechzig. V» v
Martin. Tatsächlich? Ich bin knapp vierundsechzig.
Franz. Jahrgang elf.
Martin. Wir müssen uns aber verstehen, verdammt noch-
mal. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ich habe die Hosen
schon viel zu weit runtergelassen vor Ihnen. Ich dachte,
wir liegen auf der gleichen Welle -
y^
W^ Leu
v*<v
* 146
W IV. Drarm

Franz. Was nur tun? Ich kann Ihnen unmöglich


soll ich
beipflichten, wenn Sinn meines Lebens löst
Sie sagen: der
sich auf wie die Vitamintablette in einem Glas Wasser -
Martin. Wenn aber doch in mir alles auseinanderfällt -!
Franz. Tja. Schlimm. Schlimm. Ich muß trotzdem sagen:
mir geht es nicht so. Im Gegenteil. Es scheint, seit einigen
Jahren haben sich auch die letzten Widersprüche in mir
glücklich miteinander ausgesöhnt Mit Ihrer Frau
. . .

möchten Sie nicht darüber sprechen, nein?


Martin. Ich liebe Viviane. Aber was ich wirklich denke,
weiß niemand.
Franz. Wenn man Sie beide so sieht - entschuldigen Sie,
wenn ich das sagen darf -, man glaubt doch: hier gehen
& zwei Hälften ein und desselben Lebewesens.
£" Martin. Schön und gut. Franz, wie im Leben eines jeden
'"V* reifen Mannes, so gibt es auch bei mir eine natürliche
Dunkelzone, die der eigenen Frau nicht zugänglich ist
*t jr
'
und auch gar nicht zugänglich sein darf. Und dort
.
herrscht kein Frieden.
.
Dort brodelt und zischt ein alter
N
ego. Seitdem ich mich nicht mehr ums Geschäftliche
kümmere, ist mir die Sittlichkeit in den Beziehungen der
enschen untereinander mehr und mehr ein Rätsel ge-
worden. Irgend jemand sagt dauernd zu mir: es ist so-
wieso alles erlaubt. Achte auf die Regeln im Straßenver-
kehr, im übrigen tu, was dir gefällt. Es ist deine Privatsa-
che. Privatsache! Wenn alles Privatsache wird im Leben,
dann ist es nicht mehr interessant. Wir langweilen uns
den Rest unserer Jahre zu Tode. Ich frage mich also: wie
kann ich meinem Leben noch einmal ein zentrales Inter-
esse abgewinnen? Etwas, das alle meine Kräfte in An-
spruch nimmt, volles Risiko Doch nur, indem ich ein
. . .

Gewaltverbrechen begehe -
Franz. In unserem Alter? Ach nein. Ich selbst bin in der
Jugend eine Weile auf der schiefen Bahn gelaufen. Bis zu
einem gewissen Zeitpunkt habe ich eine ähnliche Biogra-
phie -
Botho Strauß 147

Martin. Ich habe mein Verbrechen bereits verübt,


Franz . . . Indem ich nämlich seit diesem Sommer zu einer
Geliebten gehe -
(Franz schweigt und raucht.)
Martin. Ja.
Franz. Das tun Sie wirklich?
Martin. Glauben Sie's mir nicht? Sieh an, er traut es mir
nicht mehr zu! Menschenskind, Sie sind doch auch nicht
schlechter beieinander als ich!
Franz. Es geht so.
Martin. Ich wollte Sie fragen - Sie sehen gleichfalls auf
eine glückliche Ehe zurück vielleicht haben Sie mal . . .

eine ähnliche Erfahrung gemacht?


Franz. Ich möchte nicht darüber sprechen.
Martin. Ach so Möchten Sie nicht.
. . .

Franz. Ich kenne Ihre Frau, ich schätze sie sehr -


Martin. Ich dachte nur: Sie fahren ja morgen wieder . .

Franz. Trotzdem. Ich möchte nicht.


Martin. Ja Oh Gott! . .Also gut. (Er zündet sich eine
. . . .

Zigarette an.) Sprechen wir über etwas anderes . . . Was


hält Sie denn so am Leben?
Franz. Ich liebe meinen Sohn, meine Frau und, last not
least, ich liebe das Theater.
Martin. Richtig. Sie sind ja Schauspieler. Kaum zu glau-
ben, wenn man Sie direkt machen so neben sich hat. Sie
gar nichts von sich her. Schauspieler haben fast immer
diesen gewissen Pfiff. Auch mal ein bißchen Trallala und
Hopsassa!
Franz. Das liegt mir nicht.
Martin. Nein, liegt nicht in der Familie, wie? Ihr Sohn ist

ja auch ein rechter Trauerkloß.


Franz. Holla!
Martin. Ein Komödiant der untersten Garnitur! Ein Sta-
tist! Ein Statist!
Franz. Na, was wird denn das?!
Martin. >Na, was wird denn das<! Mann, Ihren Sturkopp
.

148 IV Drama

möchte ich haben! Nun gehen Sie doch bloß mal ein
. . .

bißchen aus sich heraus, Sie alter Langweiler!


Franz. Ich bin kein Langweiler.
Martin. Ach, ist doch wahr Da lassen Sie mich einfach
. . .

hängen mit meinem Geständnis, ich sitze da und be-


komme einen knallroten Schädel!
Franz. Lieber Herr - was soll ich Ihnen sagen, was soll
ich sagen? Ja, ich habe auch mal Freundinnen gehabt, ich
habe auch Freundinnen gehabt - aber, verstehen Sie
nicht? Das ist vollkommen gleichgültig, völlig bedeu-
tungslos im Vergleich zu Ihnen, zu Ihrem Fall ... Sie und
Viviane ... Sie wissen anscheinend überhaupt nicht Be-
scheid?!
Martin. Gut, gut. Sie fahren morgen wieder nach Hause.
Vergessen Sie alles. Ich habe mich vergaloppiert. Schwö-
ren Sie mir, daß Sie zu niemandem darüber sprechen . .

Schwören Sie es!


Franz. Meinetwegen. Ich schwöre es.

(Sie stehen auf. Richard kommt von links hereingelau-


Jen.)
Richard. Kiepert ist da! ... Helft mir, bitte! . . . Ich
glaube, ich habe richtiges Lampenfieber . . .!

(Er verschwindet wieder nach links.)


Martin. Ich danke Ihnen.
Franz. Nichts zu danken.
Martin. Und - seien Sie mir nicht böse!
Franz. Sie müssen mich verstehen Man kann . . . oft nicht
so, wie man gern möchte.
Martin. Sie. Brauchen wir kein Wort
Aber ja, ich verstehe
darüber zu verlieren. Ich verstehe Sie sehr gut, mein
Lieber.
(Von rechts kommen Susanne, Lothar, Ruth, Johanna.)
Botho Strauß. George Tabori 149

GEORGE TABORI

Geb. 24. Mai 1914 in Budapest. Hilfskellner in Berlin und Dresden, Journalist
und Übersetzer in Budapest. 1936 Emigration nach London. Auslandskorre-
spondent, Nachrichtenoffizier auf dem Balkan und im Nahen Osten. Er-
mordung des Vaters in Auschwitz, die Mutter entkam dem Transport durch
Zufall. 1945 Übersiedlung in die USA. Drehbücher, u. a. für Hitchcock, Regie-
arbeit. Seit1969 als Regisseur und Schauspieler im deutschsprachigen Raum,
zuletzt in Wien. Schreibt seine vor allem für das deutsche Theater bestimmten
Stücke in englischer Sprache. Büchner-Preis 1992.
Werke: Beneath the Stone the Scorpion (dt.: Unter dem Stein der Skorpion) R.
(1943); Companions of the Left Hand (dt.: Gefährten zur linken Hand) R.
(1946); Original Sin (dt.: Ein guter Mord) R. (1947); The Caravan Passes (dt.:

Tod inPort Aarif) R. (1949); The Good One R. (1952); Niggerlovers Dr.
(1967); The Cannibals (dt.: Die Kannibalen) Dr. (1968); Pinkville Dr. (1970);
Clowns Dr. (1972); Sigmunds Freude Dr. (1975); Talk Show Dr. (1976);
Changes Dr. meine Tochter läge tot zu meinen Füßen und
(1976); Ich wollte,
hätte die Juwelen in den Ohren Dr. (1978); My Mother's Courage (dt.: Mutters
Courage) Dr. (1979); Unterammergau oder Die guten Deutschen Ess. (1981);
Son of a Bitch En. (1981); Jubilee {dl.: Jubiläum) Dr. (1983); Peepshow Dr.
(1984); M. Dr. (1985); Meine Kämpfe En. (1986); Mein Kampf Farce (1987);
Weisman and Copperface (dt.: Weisman und Rotgesicht) Dr. (1990); Die Gold-
berg-Variationen Dr. (1991); Nathans Tod Dr. (1991); Betrachtungen über das
Feigenblatt Ess. (1991); Theaterstücke (1994, 2 Bde.); Die letzte Nacht im Sep-
tember Dr. (1997); Die Brecht-Akte Dr. (2000). Fernsehspiele, Hörspiele.

Als die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung be-


schloß, den Büchner-Preis des Jahres 1992 dem englisch
schreibenden ungarischen Juden George Tabori zu verlei-
hen, hatte sie eine ebenso mutige wie kluge Wahl getroffen.
Denn die Stücke dieses Autors, von den »Kannibalen« über
»Mutters Courage« bis zu »Mein Kampf« und den »Gold-
berg-Variationen«, waren nicht nur alsbald in deutschen
Übertragungen - die späteren durchweg von Ursula Grütz-
macher-Tabori - zugänglich, sondern gerade dem Publikum
im deutschen Sprachraum zugedacht, wo sie auch überwie-
gend uraufgeführt wurden. Tabori erklärte, es sei »schon
immer« Aufgabe der Kunst gewesen, »das Verdrängte her-
auszukitzeln, das Verschwiegene auszusprechen, das Ver-
logene in Frage zu stellen«. Entsprechend hat er den Bruch
150 IV Drama

jenes Tabus nicht gescheut, das es verbot, über Gemeinsam-


keiten zwischen Tätern und Opfern der nationalsozialisti-
schen Vernichtungsmaschine nachzudenken: er hat vielmehr
ausdrücklich bekannt, man habe »so viele Ichs in sich« und
könne einen Hitler »nur bewältigen«, wenn man dessen
Züge »in sich erkennen läßt«. »Mein Kampf« führt in einem
Obdachlosenasyl der Wiener Blutgasse den jüdischen Buch-
Hausierer Schlomo Herzl und den eben aus Braunau am
Inn angelangten Adolf Hitler zusammen. Schlomo nimmt
sich des Neuankömmlings fürsorglich an und rät Hitler, als
dieser bei der Aufnahmeprüfung der Kunstakademie durch-
gefallen ist, es doch einmal mit der Politik zu versuchen. Ta-
bori hat das Drama als »Farce« bezeichnet und ihm als
Motto ein Hölderlin-Wort vorangestellt: »Immer spielt ihr
und scherzt? ihr müßt! o Freunde! / mir geht dies / In die
Seele, denn dies müssen Verzweifelte nur.« Im vierten und
fünften Akt tritt »Frau Tod« auf, die sich schließlich für Hit-
ler, wie sie Schlomo mitteilt, nicht »als Opfer«, sondern »als

Täter, als Sensenknabe, als Würgeengel« interessiert - in


dieser Hinsicht sei er »ein Naturtalent«. Taboris Kunst be-
steht nicht nur darin, wie Wolf Biermann in seiner Laudatio
zur Verleihung des Büchner-Preises hervorhob, durch Ko-
mik das Tragische »vorm Triefen« zu bewahren, sondern
durch das Mittel des Kontrastreizes Komisches und Tragi-
sches so zu verbinden, daß man von den Tränen, die sie her-
vorlocken kann, nicht zu sagen weiß, ob es Tränen des La-
chens oder der Trauer sind. »Wenn es einen Grundimpuls,
ein innerstes Motiv in den Erzählungen und Dramen von
George Tabori gibt, ist es wohl dies: das Lachen und die
Liebe - nach Auschwitz. Hitler und der Mord- und Toten-
kult hätten erst dann für alle Zeiten triumphiert, wenn nach
dem Vernichtungswahnsinn nicht wieder begonnen worden
wäre mit den überlebensnotwendigen Tugenden (oder La-
stern) der Menschheit« (Peter von Becker).
Mein Kampf
George Tabori
- v ^ 151

^/^fs
(3. Akt)

Samstag. Hitler schläft noch, seine schrecklichen Füße hän-


gen über Bord. Herzl schlurft hinüber, um ihn zu wecken.

Herzl. Morgen, Hitler! Aufstehen, Hitler, aufstehen!


(Singt.) Wochenend und Sonnenschein.
(Das Monster rührt sich nicht.Herzl klopft an Hitlers
Kopf wie an eine Tür, das Monster knarrt wie eine Tür,
gräbt sich tiefer ins Kissen. Herzl holt eine Tasse kaltes
Wasser und gießt sie vorsichtig in des Schläfers linkes
Ohr.) .„V/^
Hitler (schreit). Hilfe! Wer sind Sie? Wo bin ich? (Er y^
setzt sich auf wie ein Präriehund.) Was machst du da? Soll
mir das Herz stehenbleiben?
Herzl. Es ist elf Uhr in Wien. (Er beginnt, Hitler anzu-
ziehen.) Die Sonne scheint, es ist Schabbes, ich habe dir
ein reichhaltiges Kulturprogramm zusammengestellt, also vY«*^
freue dich. Zuerst einmal solltest du gemächlich den Ring* \j
entlangspazieren und die architektonischen Wunder be- ^T*c
staunen. Dann wird dir eine Tramfahrt zum
Schloß *~
^
,y

Schönbrunn nicht schaden; bewaffne dich mit heißen Ma- Co-


ronen. Und wenn du schwindelfrei bist, wage eine Fahrt
mit dem Riesenrad im Prater und genieße die Vogelper-
spektive. Nachmittags wird Karl Kaplin in mehreren Ki-
nos von Keystone Kops gejagt. Gegen Sonnenuntergang
kannst du zurück sein, zur Belohnung gibt es Kaiser-
schmarrn. O^N
Hitler. Ich scheiß auf deinen Kaiserschmarrn! Ich bleibe ^V \>T
im Bett, ich fühle mich nicht wohl, wahrscheinlich die ^"^Ij
spanische Grippe, die Europa bereits dezimiert hat. ^/v^
Herzl. Mir egal, was du hast - Beulenpest oder Knie- fc\
schleimbeutelentzündung, du machst, daß du hier raus-
kommst, und zwar dalli. Du warst damit einverstanden,
ich erwarte Besuch, der Alleinsein erfordert.
152 IV. Drama

Hitler. Ahaaa! Du willst vermeiden, daß ich deine


Freunde kennenlerne, schämst dich meiner bäurischen
Unverblümtheit, und das nennst du Kameradschaft.
Herzl. Das nenne ich Chuzpe. Verstehst du den Wink
nicht, Hitler? Ich will allein sein mit meiner Besucherin.
Hitler. Ahaa! Geschlechtsverkehr, wie?
Herzl. Eines Tages, wenn du den Flegeljahren entwach-
sen bist, werde ich dir vielleicht die Reinheit dieser Ro-
manze erklären können. Und jetzt setz deinen Hintern in
Bewegung, oder ich rufe nach Frau Merschmeyer und
ihrer Axt.
Hitler. Ist Donau noch zugefroren? Wenn mir ir-
die
gendwas diesem Sodom und Gomorrha zustoßen
in
sollte, bring es meiner Mutter vorsichtig bei.
Herzl. Ich dachte, die wäre tot.
Hitler. Mir ist nicht nach Wortklauben. Leid wird es dir
kaum tun, aber höchstwahrscheinlich wirst du mich nicht
wiedersehen. (Sein Kinn zittert.) Und deinen Mantel
kannst du behalten. (Er läßt ihn zu Boden fallen.) Ich
nehme keine Almosen von einem Sexbesessenen.
Herzl. Amüsier dich!
(Hitler ab.)
Laß uns warten, Schlomo. Warten ist die wahre Zeit.
Wenn man auf den Messias wartet, kommt es aufs Warten
an, nicht aufs Kommen. Also setz dich, Schlomo, und be-
gegne deinem Erlöser mit Lob und Preis, halte die Uhr
an und freue dich, freue dich an der Stimme der Turtel-
taube, es ist schon spät, die Totenglocke läutet, jeder dei-
ner Tage kann der letzte sein.
(Gretchen Globuschek kommt, unter dem Arm eine Mut-
terhenne. Sie zieht sich aus.)
Alle deine Taten sind zu Staub geworden, Schlomo. Wie
sehr hast du dir gewünscht, die russische Revolution an-
zuzetteln, aber die verdammten Russen sind dir zuvorge-
kommen; wie innig hast du gehofft, mit Sarah Bernhardt
durchzubrennen, aber nein, sie ließ sich ein Holzbein
George Tabori 153

wachsen: was hättest du nicht gegeben, deinen rechten


Arm, um den Dreyfus-Prozeß zu gewinnen, aber der
Hauptmann sagte zu dir: Verpiß dich, er ist schon gewon-
nen. OHerr, großer und gnädiger Gott, der du dich jener
erbarmst, die deine Gebote achten, was ich nicht tue,
selbst jetzt, da ich vom Gebet erfüllt bin, sehe ich das
Kind Gretchen Maria Carolina Globuschek, wie sie mich
zur Zeit der Morgenandacht berührt. Meine bösen Finger
krümmen sich beim Anblick ihrer süßen Kugeln, ich sitze
am Ofen wie an den Wassern von Babylon und warte auf
den Messias, sehr wohl, aber ich bin nicht sicher, daß ich
dabeisein will, wenn er kommt. O Herr, offen gesagt,
wäre mir die Globuschek lieber, obwohl ich weiß, daß ich
für meine Verfehlungen bestraft werde. Außerdem, was
mich wirklich quält, o Herr, hier sitze ich und warte, an-
statt zur Synagoge zu gehen oder mir wenigstens über
die, sagen wir, armen Hindus Sorgen zu machen, die vor
Hunger umfallen wie die Fliegen, während ich als Köder
Gummibärchen horte, anstatt mir Gedanken zu machen,
sitze ich hier und sorge mich um die Globuschek und wie
es sein wird, wenn sie aus ihrem Schlüpfer schlüpft, ihr
Marmorleib vor Sommersprossen glühend, und ihre Knie
teilt, eine Offenbarung der Nacht. Schlomo, du bist nicht

nur böse, du bist, was schlimmer ist, leichtfertig. Liest


keine Zeitungen, entsetzliche Nachrichten, hast du das
Gebot des Herrn vergessen: Weine in der Nacht, aber
weine um andere, nicht um dich selbst, und daß An-
ton Pawlowitsch Tschechow gesagt hat: Nur das Ernste
istwahrhaft schön. Scheiß auf Anton Pawlowitsch, laß
meine Geliebte in meinen Garten kommen und von mei-
nen Früchten essen.
Gretchen. Guten Morgen, Schlomo!
Herzl. Guten Morgen, Gretchen!
Gretchen. Hast du Gummibärchen?
Herzl. Ja, ich habe Gummibärchen.
Gretchen. Wie geht es dir, Schlomo?
154 IV. Drama

Herzl. Kalt.
Gretchen. Ich wärme dich.
Herzl. Am heiligen Schabbes?
Gretchen. Du brauchst nichts zu tun, nur daliegen, und
ich schneide dir auch die Zehennägel.
Herzl. O Herr, erhöre mich, was nun?
Gretchen. Was ist los mit dir, Schlomo? Es ist Samstag,
wenn du allein bist, komme ich immer zu dir und rubbel
dich wie immer von oben bis unten. Fürchte dich nicht,
Schlomo. Ich bin den ganzen Tag bei dir, um dich zu
beschützen vor Pferden, der Polizei, Piefkes und Frau
Merschmeyer; und heute darfst du sogar mein Hymen
herzen.
Herzl. Mein verehrungswürdiges Fräulein Globu-
liebes,
schek: Wenn meine Gelenke nicht kalkverseucht wären,
ginge ich nieder auf die Knie und bestürmte Sie, meine
Liebe nicht zu entfachen. Was, zum Teufel, sehen Sie in
einem Kraken wie mir? Ich bin arm, alt, häßlich und kein
Chinese. Außerdem wimmelt Wien von feschen Gardi-
sten, süßen Schulbuben, Heldentenören, Walzertänzern,
Denkgenies, Meistermelancholikern, fast alle blond, mit
enormen Wiener Gliedern. Wenn Sie >Die Schöne und das
Biest< spielen wollen, warum suchen Sie nicht jemand
Schönen heim, wie zum Beispiel Arnold Schönberg, statt
mich in die tödliche Gefahr zu bringen, als geiler Sack
von der Sittenpolizei bestraft zu werden? Ein Feuerstrom
^ * Q trennt uns, ich bin zu schwach, um Ihren Balkon zu er-
**', klimmen, und selbst wenn ich 's täte, ein- oder zweimal
,00^ im Monat, in Panik keuchend, was hätten Sie davon au-
->
j
^"^ ßer einem tölpischen Tätscheln, und ich wäre krank vor
Angst, daß die gesamte Polizei die Tür einbrechen und
mich in Ol kochen wird, also lassen Sie es gut sein, ver-
schwinden Sie aus meinem eisigen Leben, zwar sind Ihre
Schenkel gewißlich wie Juwelen, Ihr Schoß ist wie ein
runder Becher, dem nimmer Getränk mangelt, Ihre zwei
Brüste sind wie zwei junge Rehzwillinge, Zitatende. Salo-
George Tabori v 155 _? \.

mon mit seiner Spürnase für schlec;ntverhohlene Porno-


graphie wußte, was er besang, aber, liebe gnädige Frau,
hier ist ein Pfund Gummibärchen, und adieu!
Gretchen. Ich bleibe!
Herzl. Dann erklären Sie sich.
Gretchen. Meine Eltern - Vater ein Gardist, Mutter eine
geborene Baronesse Bornemissza - begingen eines Som-
merabends Selbstmord, indem sie sich gegenseitig im
Schaumbad ertränkten, was mein Vater in einem par-
fümierten Abschiedsbrief folgendermaßen entschuldigte:
MEIN LIEBSTES GRETCHEN, DEINE MUTTER UND
ICH SIND JUNG, REICH, SCHÖN, VON BLÜHENDER
GESUNDHEIT, SCHRECKLICH VERLIEBT INEINAN-
DER UND DIR, UNSERER EINZIGEN TOCHTER^N
HERZLICHKEIT ZUGETAN," WAS SOIXETST^iFtUNT^ -^
VERGIB UNS, WENN DU KANNST, WIR SEHEN DICH^K
IM HIMMEL ODER AN DEM ANDERN ORT Ich habe ein
Geschenk für dich, Mizzi, die Henne, stubenrein. Sie
^
wird dich warm halten in den Wiener Wintern. <^.

Herzl. Vielen Dank. *>*

Of
Gretchen. Wie häßlich du bist, Schlomo! Heute beson-
ders. Ich könnte dich knuddeln.
Herzl (betet). AUS DER TIEFE RUF ICH, HERR, ZU DIR.
Gretchen. Was ist Häßlichkeit, Schlomo? Tiere sind
schön, besonders Hennen. Das Antlitz einer Henne er-
gibt Sinn, aber die Gesichter der Menschen, ergeben die
Sinn? An diesen scheußlichen kleinen Haaren in deiner
Nase könnte ich ja knabbern, Schlomo, aber diese Nase,
diese unglaubliche Nase, Schlomo, ergibt die Sinn? Ge-
heimnisvoll wie der Nordpol. Wenn ich ein Menschenge-
sicht betrachte, ergibt das keinen Sinn für mich: eine ei-
rige Kugel, oben buschig, zwei Löcher als Augen, zwei
als Ohren, eins als Mund! Versuch nur mal, dir ein Men-
schengesicht anzusehen, völlig unlogisch. Und diese flat-
ternden Ohren, kleine Flügel, mit denen man nicht flie-
gen kann, ergeben überhaupt keinen Sinn! Aber dein Ge-
156 IV. Drama

sieht, mein Liebster, so geheimnisvoll es ist, ergibt einen


Sinn für mich, und auch dein kleiner Krüppelleib. Du
siehst aus wie ein Tier, vielleicht bist du eins, mit dir fühle
ich mich zu Hause wie mit Hennen. Wenn du doch nur
diese seltsamen Schuldgefühle aufgeben würdest, dann
könntest du mein Haustier werden, ich könnte dich füt-
tern und kämmen und entlausen und spazierenführen
und in meinem Bett schlafen lassen, und so würden wir
glücklich leben bis ans Ende unserer Tage. Wollen wir
heiraten?
Herzl. Das ließe man nicht zu.
Gretchen. Gott ließe es zu.
Herzl. Welcher?
Gretchen. Es gibt nur einen.
Herzl. Unglücklicherweise streitet man sich noch dar-
über. Nur einer, schon, aber welcher, es gibt einen für
dich und einen für mich, kann das ein und derselbe sein?
Außerdem wirst du die Braut Christi werden!
Gretchen. Nein, danke. Ich habe beschlossen, nicht
Nonne zu werden. Es ist eintönig, und Haustiere sind
verboten. Außerdem, wie viele Bräute kann Christus ha-
ben? Ich würde die einzige sein wollen. Und dann hat
Großpapa mir sein Land auf der Schwaitlalm hinterlas-
sen. In vier Jahren bin ich mündig. Dann könnten wir uns
in die Hügel zurückziehen und Gänse, Enten, Wiesel,
Hunde, Krokodile, Katzen, Hennen, Hähne und Schmet-
terlinge züchten. Und eines Tages hätten wir Kinder. Ach,
Schlomo, siehst du vor deinem Auge alle diese karotten-
farbenen Babies mit deiner Nase über die Hügel von
Salzburg krabbeln?
Herzl. Du wirst dir noch einen Schnupfen holen.
Gretchen. Mir ist warm. Sieh mich an. Es ist nichts Bö-
ses an meinem Fleisch. Wann immer ich mich im Spiegel
betrachte, sage ichzu mir: Schade, daß Schlomo mich
nicht sehen kann, und der
Spiegel sagt: Geh, mein Kind,
und zeige dich Schlomo, seine Augen sind rein wie AI-
George Tabori 157

penseen. Laß deinen Blick wandern wie das Reh. (Sie öff-
net den Verschluß ihrer Goldkette.) Ich habe dir mein
Hymen gebracht, ich habe es gestern abend verloren.
Herzl. Das ist aber nett. (Er nimmt das Medaillon.) Was

istgeschehen?
Gretchen. Gestern abend unter der Dusche. Ich rutschte
im Seifenwasser aus und machte einen Spagat wie eine
Ballettänzerin und hörte ein kleines Reißen. Jetzt bin ich
eine Frau, aber noch unberührt, und ich werde noch vier
Jahre warten auf unsere Hochzeitsnacht. In der Zwi-
schenzeit, zieh deine Schuhe aus, damit ich dir die Zehen-
nägel schneide, während du mir eine Geschichte erzählst.
Herzl. Ach ja, eine Geschichte. Vielleicht ist das der Sinn
der Dichtung: bei einem nackten Kind zu sitzen und die-
ser nackten Rose von Kind eine Geschichte zu erzählen.
Gut, daß ich heute morgen meine Füße gewaschen habe.
Was für eine Geschichte?
Gretchen. Deine Geschichte. Als du klein warst. Alles,
nur keine Geschichte aus der Bibel! Vergib mir, lieber
Schlomo, aber was ist los mit euch Juden? Alle diese Flü-
che und Klagen, diese Reue und diese Regeln! Selbst wenn
König Salomon ausruft: STEH AUF, NORDWIND, UND
KOMME, SÜDWIND, UND WEHE DURCH MEINEN
GARTEN, DASS DER DUFT SEINER GEWÜRZE STRÖME,
erweckt er nicht ein schönes Mädchen, sondern Christus
erweckt die Kirche. Was übrigens hältst du von Christus?
Herzl. Was halte ich von Christus? Ach, mein schönes
Mädchen, ich könnte dir Geschichten erzählen, daß sich
dir die Haare sträuben. Kommt drauf an, welchen Chri-
stus du meinst? Arthur Christ? Hugo von Christ? Fjodor
Christ?
Gretchen. Jesus.
Herzl. Ach, den. Den liebe ich.
Gretchen. Warum hast du ihn dann getötet?
Herzl. Wer, ich, töten, Jesus, Christus? Wer hat dich mit
solchen Gedanken verseucht?
158 IV Drama °^ ****** * TcÜ*/

Gretchen. Die Evangelisten zum Beispiel.


Herzl. Tratschsammler, was wissen die schon? Nichts
wissen die, träumen ihre eigenen Träume und nicht die
seinen. Keine Einigkeit, nicht mal im Kleinen, und
warum, weil sie nicht dabei waren, darum, aber ich war
dabei, ich weiß, was ich weiß, ich wüßte, wenn ich ihn ge-
tötet hätte, ich habe ihn nicht getötet, ich war den ganzen
s^Tag in den Menschenmassen gewesen, frag seine Mutter,
*\ die genau neben mir in der Menge stand, als er mit dem
J p*" Kreuz herangewankt kam und zusammenbrach. Ich sagte
^ > x zu ihr, frag sie, wenn du mir nicht glaubst, ich sagte zu
^ >> ihr: Geh, tu etwas, er schafft es nie hinauf bis zum Hügel,
\r^J der arme Kerl kann ja kaum auf den Beinen stehen. Da
x
y
S ~N £> drängte sie sich nach vorn, um ihm mit dem verdammten
1

V^r Kreuz zu helfen, aber er wehrte sie ab und zischte durch


^ zusammengebissene Zähne: Misch dich nicht immer ein,
t>\A*\^c -*cn*. v<^ o^lW*»V>^
^*£\ Mutter!
L
^or Gretchen. Erzähl weiteriAuch wenn du lügst. °Ä vv'
O Herzl. Natürlich lüge ich/ Schon als Kind war ich der be-
rste Lügner von Pest*we1l das, was in Pest war, böse war,
y^ also drehte ich es um in das, was es sein sollte, das Gute.
^ \sß^
^ as ^ aDe ^ cn von Großmama Fanny, die mich jede Nacht
v^ mit Lügen von Shakespeare in den Schlaf log, und gleich-
^OitV" gültig, wie viele Leichen das Ende des Märchens bevöl-
iV^ÄpV kerten, Großmama fügte immer hinzu: Und wenn sie
^>*\^ dann leben sie noch heute. Kein
nicht gestorben sind,
\^Cv>° Wunder, daß ich im Alter von sechs Jahren der Anti-Pro-
r
- phet von Pest war, ich kam aus dem Wirbelwind hervor,
j**^ , in Sackleinen, Honig auf der Zunge, Heuschrecken im
Ufljc. Haar, und ich erklärte ihnen im Kindergarten und in den
£c -k Palästen und auf unmißverständliche Weise, daß das, was
^i^ ist, grau ist vor Lügen und das, was sein sollte, die Wahr-
'^K^ heit des Regenbogens, da schlugen sie mir über den
^Cwj.jJ Mund mit toten Fischen, bis mir die Zähne ausfielen, Per-
^W- len vor die Säue, wie mein Vater. Ich mag das Wort nicht,
ich nenne ihn lieber den Drehorgelspieler, und meine be-
1

p-->av V »
y
( -j^ i\d \«> u K x>r*j(\ $ George Tab ort 159 i*

rühmteste Lüge, die, die ihrmdie Seele rettete, nenne ich ©v 1^-
die Wahrheit des Drehorgelspielers. Ich seh ihn schon zu \
einem Häufchen zusammengekrümmt in der Ecke einer
Wachstube, wie er seine zerbrochene Brille gegen die
Hiebe von Gummiknüppeln schützt, die auf seinen kah-
len Schädel regnen; mit jedem Schlag springt ein Spritzer
Blut aus seinem kahlen Schädel und rinnt sein Gesicht her-
unter, so daß, als sie fertig sind mit ihm, seine schützenden
Hände mit jedem einzelnen zerschmetterten Knöchel ihm
in den Schoß fallen und sein Gesicht rot gestreift ist. (Vor
diesem nackten Kind will er nicht weinen. Buchhändler
weinen nicht. Er preßt die Augen zusammen und japst
nach Luft, während das nackte Kind seine Füße wiegt und
liehkost wie schreiende Babies.) Als meine fette Mutter u^rüri
vom Kosakenschwert zersäbelt wurde, versteckte sich der *^
Drehorgelspieler im Kohlenschuppen, statt den Kosaken ^ ;i

aus den Latschen zu heben, ijin an den Füßen herumzu-


schwingen und seinen Bremen an einer Steinwand zu zer- v
^ ,

schmettern. So fing es an. Für mich versteckte er sich V'*^)


nicht im Schuppen, für mich kam er brüllend aus dem X^ik^
Schuppen gestürmt, um den Kosakenkopf zu zerschmet-
tern, die Steinwand glänzte in allen Regenbogenfarben.
«^
Wann immer ich an der Lüge zweifelte, sagte ich zu mei- -* /
nem zweifelnden Selbst: Zweifle nicht; in Lodz hat er j-^
seine Chance vertan, aber eines Tages, hier in Pest, wird ^ ""J
er brüllend aus dem Schuppen gestürmt kommen, ein -Jf
£
Gerechter, um im Gedanken an eine fette Frau Gerechtig-
c
S_
keit zu üben, die, wie eine Wassermelone in zwei Hälften yj ?
geteilt, in einem Massengrab modert. Um
dir die graue —* ~*
Wahrheit zu sagen, nichts davon tat er. Er sang nur in der jg 7t
Synagoge, einen miesfefen I^antor hat die Welt nicht ge- Z> %
hört. Mein Gott, war er mies, traf den Ton nicht, konnte l
ihn, die graue Wahrheit, nicht halten, verwechselte die '§ *„
Psalmen, sie warfen ihn raus, er kaufte diese Orgel und -S ^ .\

drehte sie an Straßenecken, orgelte gottlose Melodien wie r 3 --


WIEN, WIEN, NUR DU ALLEIN und anderes Schmalz. £ J
\cvn^c (XAWM ÜW*4 ->«^ \Q U^cjilU?.
160 IV Drama \

Und so geschah daß die Kindep in der Nachbarschaft


es,

mich Schlomo,(warum orgelt dein Vater


fragten: Sag mal,
auf dieser schrecklichen Orgel ?^und ich sprach zu ihnen:
Meine Brüder, die Orgel ist eine Lüge, um die Polizei zu
täuschen. Die Wahrheit ist, daß mein Vater den Winter-
palast in St. Petersburg stürmen und brüllend durch die
marmornen Hallen donnern wird, um den Zar zu finden
* und seinen bösen Kopf an der Marmorwand zu zer-
JT schmettern. Und meine Brüder glaubten mir und infor-
^< mierten die Polizei, und die Polizei kam, zwei Gendar-
^- men, Hahnenfedern auf ihren Helmen, die unter dem
C^ q^ Kinn festgezurrt waren, mit weißen Handschuhen und
^>vj- gezogenen Schwertern, und sie nahmen mich mit auf die
CJ~~ Wache und gaben mir heiße Schokolade und richteten das
Licht auf meine Augen, und ich sagte ihnen die Wahrheit:
Wie JDanton zum Tee kam zu uns, wie Bakumn^aut dem
fw^ fCTCüchenboden schlief, wie die Kupfermünzen, die klim-
^V^**"^ pernd in den Hut des Drehorgelspielers fielen, alle nach
London geschickt wurden, um dem SchifofrerMarx zu
helfen, seine Miete zu bezahlen und eine Tulpe für seinen
Liebling Jenny zu kaufen. Und die Gendarmen glaubten
meiner Wahrheit und holten meinen Vater und setzten
ihn vor das Licht, mir gegenüber, und sie befragten ihn,
wie er den Zarenkopf an der Marmorwand zerschmettert
habe, wie ich es ihnen erzählt hatte. In der Stille blickte er
mich über den Brillenrand an und überlegte, ob er sagen
sollte: Dies Kind ist ein krankhafter Lügner. Aber er
sagte nichts dergleichen, denn die Decke hatte sich geöff-
net, und siehe, da stand der Engel Michael am diesseitigen
Ufer, in Leinen gekleidet, und ich fragte ihn: Wann wilPs
ein Ende sein mit solchen Wundern? Und er sagte: Gehe
hin, Schlomo, denn es ist verborgen und versiegelt bis auf
die letzte Zeit; viele werden gereinigt, geläutert und be-
währt werden; und die Gottlosen alle werdend nicht ach-
ten, aber die Verständigen werden's achten. Und ich hörte
seine Worte, verstand sie aber nicht, aber mein Vater
George Tabori 161

sprach zu den Gendarmen: Ja, dies Bubele hat die Wahr-


heit gesagt, und da der Zar nicht in der Nähe ist, werde
ich jetzt eure Köpfe an der Wand zerschmettern, was er
tat, bis eine Horde Gendarmen in die Stube gestürmt

kam und ihn vor meinen Augen schlug, bis die Seele ihn
mit einem Winseln verließ, und so geschah es, daß zur
Abwechslung mal der Vater für den Sohn gestorben ist. V*
(Herzls Tränen, mehrere tausend Jahre alt, kommen durch r\^ \> L
Augen, Nase und Mund geschossen, mit einem Brüllen tief % „o
aus den Därmen, und das nackte Kind nimmt sein Gesicht <^e> X
und wischt es an seinem Busen trocken.) W &**
Gretchen. Weine, mein Geliebter, damit ich endlich er-
fahre, was es auf sich hat mit euch Juden.
Herzl. »Meine Kerze brennt an beiden Enden, sie brennt
bis morgen nicht. Oh meine Freunde, ah meine Feinde -
Gretchen. - sie gibt ein schönes Licht.«
(So sitzen sie auf dem Boden, in Frieden, bis Hitler durch
den Raum getorkelt kommt.)
Hitler. Laßt euch nicht stören. (Er greift sich an die Brust.)
Aber wenn ihr einen Moment erübrigen könnt, wäret ihr
wohl so nett und riefet einen Krankenwagen mit Sauer-
stoff? (Dann stolpert er, nach Luft japsend.) Kennt ihr
einen guten Gehirnchirurgen? V> ^ 5w füf\
Herzl. Nein, ich bin selber fremd hier.
Hitler (krächzt). Macht nichts. Es ist wahrscheinlich so-
wieso zu spät. Was sind die Symptome der galoppieren-
den Schwindsucht?
Gretchen. Blutspucken.
Hitler. Das ist es! (Er spuckt, aber alles andere als Blut.)
Herzl. Ich bringe dich ins Bett.
Hitler. Ich will keinen Gefallen von einem Kinderschän-
der. 0*\.V6 *Mi*w*Ver
(DieHenne Mizzi stolziert ein paar Schritte auf ihn zu.)
Die Rache des Geiers. Noch nicht, Todesvogel! Hebe
dich hinweg! <*Wt_
(Herzl und Gretchen versuchen, ihm aufzuhelfen, er
.

162 IV Drama

\ J ^^ macht sich absichtlich schwer, läßt aber murmelnd zu, mit


*- verdrehten Augen, daß sie ihn unter den Achseln hochhe-
ben. Er murmelt die ganze Zeit wie im Fieber, während
i„\ sie ihn zu seinem Bett zerren.)
'^yui Ging die weißen Straßen lang kaiserlicher Glanz . . . . .

^^v^.Vistrahlende Schönheit aber innerhalb der marmor- . . . . . .

A n en Hallen diese r Todesvogel im Kaftan


. . schmieri-
. . . .

er Backenbart scrlacherte mit reinen österreichischen


UVW* & . . .

.Y Muschis hauptsächlich blond und rund


. . . klein, . . .

^s,* g r °ß> mittel . . . seidig, drahtig, kahl, feucht und feigig : ^Wh
s c\vU^ und trefft die Wahl eures Herzens JJw
tretet näher, Leute,

* L^vn zwe i zum Preis von einer. Y***


uA, Gretchen. Mein Herr, falls Sie etwas Neues über Mu-
schis zu sagen haben, sagen Sie es laut und deutlich.
^ Hitler (laut und deutlich). Ich fiebere. Sehen Sie nicht,
\jj^ daß ich fiebere?
\y JHerzl. Du hättest an einem Tag wie diesem meinen Win-
\ «Wettermantel tragen sollen. \^m-
r * Hitler.
Unschuld.
Ich will keinen Gefallenvon einem Verführer der

(Herzl berührt seine Stirn; er hat kein Fieber, aber um


^ y^^ ^'^^^
nichts zu unterlassen, steckt er ein Thermometer zwischen
Hitlers Arschbacken. Gretchen wärmt die Hühnersuppe
auf.)
Herzl. Sechsunddreißigfünf.
Hitler. Sechsunddreißigneun.
Herzl. Du bist ein mieser Schau-
Sechsunddreißigsechs.
(Er zieht Hitler die Stiefel aus.) Du solltest in die
spieler.
Politik gehen.
Hitler. Wie meinen? Glaubst du wirklich?
Herzl. Ja, das glaube ich wirklich. Nichts dabei. Natür-
lich müßtest du deine Grammatik verbessern und dazu
UND ER KAM NACH
^j^das Markus-Evangelium studieren.
J
o- -^ GALILÄA, UND SEIN NAME VERBREITETE SICH IN
£^
.

DER FREMDE, UND ER LEHRTE IM TEMPEL. Mar-


^'>
f kus verbesserte die Grammatik, indem er hinzufügte: in
IHREN Tempeln, und so erfand er das Ghetto. So einfach* ^v^-
ist

DEN
das, vergiß
Juden,
Schlomo,
und du
EINEN
Juden, sprich nur von
wirst ein
i>j

König sein, der über eine ^x&r^


^
Decke von Gebeinen schreitet, und sie werden dir in aV^
den Schnee folgen, und in die Wüste, zum brennenden
Tempel.
Hitler. Danke.
Herzl. Keine Ursache.
Hitler. Du hast geweint. Ich habe beobachtet, wie du ge-
weint hast, eine abscheuliche Angewohnheit bei erwach-
senen Männern, aber eine heimliche Bewunderung für
dieses Weinen kann ich nicht verhehlen. Offenbar bist du
ein talentierter Weiner, wo hast du diese Fähigkeit erwor-
ben? -<?<W*\ c^nVs -act**V^ ^Aö W* ^^
tfMV4* UPwyjAOwW
Herzl (zuckt die Achseln). Übung macht den Meister.
Hitler. Ganz recht, nichts geht über Erfahrung, stimmt's?
Du weinst seit Jahren, vermute ich.
Herzl. Seit zweitausend plus oder minus eineinhalb Wo-
chen.
Hitler. So lange?
Herzl. zweiten Zerstörung des Tempels.
Seit der
Hitler. Oh, ich wußte nicht mal von der ersten.
Herzl. Du liest die falschen Zeitungen. Aber wie auch
immer, ich setzte mich an die Wasser von Babylon, oder
war es Pest, und weinte. ~3 \^rv\ ^-^ VU.Y t ^^\^*Xi*v^
Hitler. Ich fürchte, ich bin nicht sehr gut im Weinen, i
Herzl. Na
ja, man kann nicht alles haben.

Hitler. Beim Begräbnis meiner Mutter zum Beispiel


drückte und drückte ich, keine Tränen, nur ein feuchter
Wind.
Herzl. Drücken hilft nichts, wenn es um Tränen geht.
Keine Muse kommt mit ihrem Kuß, wenn man sie
zwingt.
Hitler. Gibt es eine besondere Technik, die du empfehlen
könntest?
Herzl. Die richtige Stadt hast du dir gewiß ausgesucht.
164 IV. Drama

Die Wiener Schule der Weiner ist unvergleichlich in der


Welt. Technisch gesehen, weint man hier nasser als in
Helgoland. Kein Wunder, die Wiener tragen ihre eigene
>Ja^\ Klagemauer in sich. Nomen est omen. Dreht man die Vo-
v^N um, wird Wiener zu Weiner. Es gibt sogar ein Lied
«j kale
darüber. (Er singt mit Tremolo.) »Wiehien und der Wei-
hein .« Dennoch muß ich zur Vorsicht mahnen, was das
. .

Y1" Wiener Weinen angeht. Im großen ganzen sind die Wie-


\p^ ner Tagweiner; und die, die am Tag weinen, weinen im
,

großen ganzen nur um sich selbst und machen den Kum-


1

H&*
y * mer zum Schmalzer, was sich zufällig auf Walzer reimt.
^aa Wahre Tränen, von Gott geliebte, werden des Nachts ge-
V^fV^ weint, und die, die des Nachts weinen, werden weithin
gehört; wenn du des Nachts weinst, wird jeder, der deine
Klage hört, mit dir weinen, bis dir die Wimpern ausfal-
len; selbst die Sterne und die Planeten werden mit dir
weinen, wenn du des Nachts weinst.
Hitler. Sehr rührend. Könntest du mir beibringen, wie
man weint?
Herzl. Hast du noch nie?
Hitler. Nicht daß ich wüßte.
Herzl. Kannst du an etwas Trauriges denken?
Hitler. Ehrlich gesagt, nein.
Herzl. Versuch es.

Hitler Augen).
(schließt die Sonnenuntergang mit Zy-
pressen? Alpenlichtung im Zwielicht? Ich sehe nur mich
selbst, wie ich widerwillig zur Schule schleiche.
Herzl. Vergiß dich, das führt nur zu Tagweinen. Was ist
mit deiner verstorbenen Mutter?
Hitler. Schlomo, du willst doch nicht, daß wieder die
Winde wehen.
Herzl. Schließ die Augen, Hitler, und stell sie dir tot im
Sarg vor.
Hitler (gehorcht. Ein kleines Kichern kämpft in seinen auf-
geblähten Wangen). Sehr gut, ich sehe sie tot im Sarg.
Herzl. Was genau siehst du?
George Tabori 165

Hitler. Ich sehe sie tot in ihrem Sarg.


Herzl. Was trägt sie?
Hitler. Ein Dirndl.
Herzl. Hör auf zu kichern und beschreibe das Dirndl.
Hitler. Ein reich plissierter Rock mit roten und blauen
Blumen.
Herzl. Und ihr Gesicht?
Hitler. Wie Käse.
Herzl. Was noch?
Geruch nach Krebs, p
Hitler.
Herzl. Wie ist der? ^^^^ ^ CT^-V
.
«4,,$
Hitler. Faulig. Jc**C<"^

Herzl. Faulig wie was?


Hitler. Wie - Schweißruße.
Herzl. Riechst du sie jetzt?
Hitler. Ja.
Herzl. Sag etwas zu ihr.
Hitler. Leb wohl, Mutter.
Herzl. Sag etwas zu ihr, was du ihr immer sagen wolltest,
aber nie gesagt hast.
Hitler. Du bist nie dahintergekommen, wenn ich gelogen
habe. Du hast nie gemerkt, daß ich dir Geld aus der
Handtasche stahl. Du hast auch nicht geahnt, daß ich dich
durchs Schlüsselloch beim Baden beobachtete. Du hast
mich nicht erwischt, als ich an Maria Empfängnis auf dem
Klo die >Fliegenden Blatten las. (Zu Schlomo.) Du rech-
nest mit meiner Dummheit. Du scheinst mir grenzenlos
ehrlichem Arier weit überlegen. Du umspinnst mit übel-
ster Schmeichelei meinen gesunden Geist, um mich zu
Lastern zu verführen. Du ewiger Blutegel am gesunden
Volkskörper! Aus dem Dunst und Nebel deiner Phrasen
erhebt sich grinsend die Fratze des Judentums. Deine
Mütterlichkeit ist wie der MistAder ja auch nicht aus
Liebe aufs Feld gestreut wird. ^ar^NVTXTtfJfc. ^\ ^*~
Herzl. Zitatende. V
w* S\c\W 'L^
Hitler. Niemand liebt mich. ^ \
166 IV. Drama

Herzl. Ich liebe dich.


Hitler. Ach Beweise es.
ja?
Herzl. wie soll ich so was beweisen? Liebenswert
Hitler,
bist du nicht gerade. Dennoch, in diesem Augenblick,
wenn du da sitzt mit nassen Augen, liebe ich dich.
Hitler. Dann küß mich.
Herzl. Oh, mein Gott, Nonnen und Pferde kann ich ge-
rade noch irgendwie ertragen, aber befreie mich aus den
Klauen dieser Tiroler Schwuchtel! - Nein, Hitler, küssen
werde ich dich nicht. Aber erlaube mir, dir eine Ge-
schichte über die wahre Liebe zu erzählen, statt diesen
peinlichen Flirt fortzusetzen.
Hitler. Geschichten, immer diese verrückten Geschich-
ten!
Herzl. Denn das schließlich ist der Sinn der Dichtung,
ungeliebten Kindern Geschichten zu erzählen, bis es sie
schaudert. Nun, es geht die Mär vom großen Rabbi Elie-
ser, daß er in Liebe die Tochter seiner toten Schwester
aufzog und in seinem Bett schlafen ließ, bis sie süße drei-
zehn war und vorne und hinten unmißverständliche Zei-
chen der Weiblichkeit zeigte. Und der große Rabbi sprach
zu ihr: Geh aus meinem Haus, Kind, und verheirate dich.
Sie antwortete: Nein, ich bin deine Magd und möchte
hier bleiben, um dir und deinen Schülern die Füße zu wa-
schen. Und er sagte: Nein, kleine Tochter, ich bin ein alter
Mann, es ist du gehst aus meinem Haus und
besser,
suchst dir einen jungen Mann, der zu deiner Jugend paßt,
einen mit Füßen, die du nicht zu waschen brauchst. Und
sie antwortete: Ich sage es dir zum zweiten Mal, laß mich
bleiben als deine Magd, damit ich dir und deinen Schü-
lern die Füße wasche. Und er segnete die Hartnäckigkeit
ihrer Liebe und ließ sie, in Reinheit, bleiben.
Hitler. Sehr gut. Dann wasch mir die Füße.
Herzl (wäscht Hitler die Füße. Gretchen küßt Hitler).
Geschieht mir recht. Ungeliebten mit stinkenden Füßen
Liebesgeschichten zu erzählen.
V. Kurz- und Kürzestgeschichte

Unterhalb des Romans (dessen im 19. Jahrhundert erhobe-


ner Totalitätsanspruch in Großprojekten wie Uwe Johnsons
»Jahrestage« und Peter Weiss' »Ästhetik des Widerstands«
bis in die jüngste Vergangenheit weiterlebt), unterhalb auch
der vergleichsweise straff durchgeführten Novelle (die in
der Gegenwartsliteratur nur noch ausnahmsweise, von
Christoph Hein etwa in »Der fremde Freund«, gewählt
wird), unterhalb auch der Kurzgeschichte (die nach dem
Zweiten Weltkrieg eine bevorzugte Form war und, wenn-
gleich seltener, noch immer, wie Alexander Kluges »Zeitge-
fühl der Rache« zeigt, zu variierender Entwicklung reizt)
haben sich in der Literatur der letzten Jahrzehnte Formen
erzählender Minimalprosa herausgebildet, die man vorläu-
fig als »Kürzestgeschichte« bezeichnen könnte. Vom Apho-
rismus unterscheidet sich diese Minimalprosa durch ihren
fiktionalen Charakter, von der Anekdote dadurch, daß sie
nicht von einer bekannten historischen Person spricht. Ältere
Traditionen, die Kalendergeschichte Hebels, wie solche der
klassischen Moderne, zumal die Prosa Robert Walsers und
Brechts Keuner-Geschichten, die Hebel mit angeregt hatte,
mögen nachwirken. Mit der Lyrik, von der sie u. a. durch
die nicht gebundene Form getrennt ist, hat solche Minimal-
prosa die Tendenz gemein, mit möglichst geringem äußerem
Wortaufwand etwas über den Menschen und seine ge-
schichtliche Situation auszusagen. Der Lakonismus, dem sie
ihre Wirkung verdankt, kann - wie bei Reiner Kunze - den
Rahmenbedingungen der realsozialistischen Diktatur, aber
auch - wie bei Peter Bichsel - denen der demokratisch ver-
faßten kapitalistischen Schweiz abgerungen sein. Lakonisch
zugespitzt gibt sich auch die erzählende Kurzprosa Kluges.
Im gespannten Ton, der die Kürze als wichtigste Vorausset-
zung hat, ist eine Widerstandsqualität erreicht, die solche
168 V. Kurz- und Kürzestgeschichte

Kleinformen vor leichtem Verbrauch wie vor Alterung


schützt. Hier wie überall in der Literatur besagt der Um-
fang nichts hinsichtlich des Ranges. Zu bedenken aber gilt
es, welcher epochale Ausdruckszwang möglicherweise die

Monumentalwerke von Johnson und Weiss mit der kunst-


vollen Unscheinbarkeit Bichsels verbindet.

REINER KUNZE

Geb. 16. August 1933 in Oelsnitz (Erzgebirge). Studierte Philosophie und


Journalistik in Leipzig, wo er 1959 seine Stelle als wissenschaftlicher Assistent
aus politischenGründen verlor. Hilfsarbeiter, wissenschaftlicher Mitarbeiter
an der Deutschen Akademie der Künste. Seit 1962 freier Schriftsteller. Verhei-
ratet mit einer tschechischen Ärztin. 1976 Ausschluß aus dem Schriftstellerver-
band der DDR. 1977 Übersiedlung in die Bundesrepublik Deutschland. Lebt
bei Passau. Büchner-Preis 1977.
Werke: Vögel über dem Tau G. (1959); Aber die Nachtigall jubelt Prosa
(1962); Widmungen G. (1963); sensible wege G. (1969); zimmerlautstärke G.
(1972); brief mit blauem siegel G. (1973); Die wunderbaren Jahre Prosa
(1976); auf eigene hoffnung G. (1981); eines jeden einziges leben G. (1986);
Deckname »Lyrik«. Eine Dokumentation (1990); Am
Sonnenhang Tgb.
(1993); ein tag auf dieser erde G. (1998). Übersetzungen tschechischer Lyrik,
u. a. von Jan Skäcel und Jaroslaw Seifert; Kinderbücher.

»Die wunderbaren Jahre«, das Buch, das 1976 zum Aus-


schluß Reiner Kunzes aus dem Schriftstellerverband der
DDR führte, erschien in demselben Jahr, in dem die Oberen
der DDR Wolf Biermann nach dessen Kölner Konzert aus-
bürgerten. Ein Jahr später folgte Kunze »freiwillig« Bier-
mann den Westen; der Exodus einiger der bedeutendsten
in
Autoren der DDR
hatte eingesetzt. Der »anstelle eines Nach-
worts« der »Wunderbaren Jahre« stehende Text »Forstarbei-
y
ter« endet mit der Pointe: »Schreibst du s, wie's in der Zei-
tung steht oder wie's im Leben ist?« Kunze gelingt es in dem
schmalen, dennoch gewichtigen Band, in kurzen Erzählun-
gen, quasi- dokumentarischen Berichten von halluzinatori-
scher Schärfe, Zitaten, Prosage dichten und Nachdichtungen
Reiner Kunze 169

tschechischer Lyrik lakonisch die lebensbedrohliche Gewalt


des realen Sozialismus zu beschwören. Der Titel »Die wun-
derbaren Jahre«, Truman Capotes »Grasharfe« entnommen
- »Ich war elf, und später wurde ich / sechzehn. Verdienste
erwarb ich / mir keine, aber das waren die / wunderbaren
Jahre« -, ist nicht ausschließlich, aber doch vorherrschend
ironisch gemeint; die Buchstaben des Adjektivs »wunderbar«
sind denn auch auf dem Umschlag verrückt und, auffälliger
noch, durch einen waagerechten Riß geteilt. Wunderbar sind
die Jahre der heranwachsenden Tochter des Ich-Erzählers,
die sich den Wundern des Lebens zu öffnen im Begriff ist.
Doch dieses Wunderbare ist der Gefahr ausgesetzt, durch
eine totalitäre Gewalt zertreten zu werden, die ohne Ehr-
furcht vor dem Lebendigen niemanden und nichts verschont.
Den geschichtlichen Hintergrund stellt das in der Nieder-
schlagung des Prager Frühlings überdeutlich gewordene Un-
vermögen der sozialistischen Staaten zu einer inneren Re-
form dar, wie sie zwei Jahre später Honecker als Nachfolger
Ulbrichts für die DDR erneut bestätigte. Die Tonabstufun-
gen, mit denen Kunze etwa in »Mein Freund, ein Dichter der
Liebe« arbeitet, verstärken noch das Beklemmende des Bu-
ches, dessen teils verhaltenes, teils offenes Pathos den Wider-
stand gegen totalitäre Gewalt mit einer emphatischen Aus-
zeichnung der Kunst verknüpft. Von ihr, dem Leichten,
Schwebenden, sprechen ebenso wie das Erik Linde gren ent-
nommene Motto, das dem Buch voransteht - »Weil unser ein-
ziges / nest unsere flügel sind« -, der Schlußvers des unten
wiedergegebenen Gedichtes von Jiri Kolar und der poetische
Prosatext »Orgelkonzert (Toccata und Fuge)«, der endet:

Orgeln [. .] müßten zu tönen beginnen und die


alle .

Lügen, von denen die Luft schon so gesättigt ist, daß


der um Ehrlichkeit Bemühte kaum noch atmen kann,
hinwegfegen - unter wessen Dach hervor auch immer,
hinwegdröhnen all den Terror im Geist . .

Wenigstens ein einziges Mal, wenigstens für einen


Mittwochabend.
170 V. Kurz- und Kürzestgeschichte

Sechsjähriger

Er durchbohrt Spielzeugsoldaten mit Stecknadeln. Er stößt


sie ihnen in den Bauch, bis die Spitze aus dem Rücken tritt.
Er stößt sie ihnen in den Rücken, bis die Spitze aus der
Brust tritt.

Sie fallen.
»Und warum gerade diese?«
»Das sind doch die andern.«

Erbe

Infolge ihres oftmals eigenwilligen Verhaltens erfüllt sie

nicht immer die Normen, diean eine Schülerin der Erwei-


terten Oberschule gestellt werden müssen.
(Zeugnis, 30. 6. 1972)

Ein Mal - ein einziges Mal - habe ich es bedauert, daß der
mich immer häufiger quälende Traum, ich ginge von neuem
zur Oberschule, nur ein Traum ist. Das Thema ihres Haus-
aufsatzes lautete: Warum müssen wir uns Goethe kritisch
aneignen - dargestellt an einem Beispiel, und der Lehrer
hatte gesagt, die Betonung liege auf kritisch. Diesen Aufsatz
hätte ich gern geschrieben.
Als Beispiel hätte ich Eckermanns Gespräch mit Goethe ge-
wählt, in dem die Rede auf die jungen Engländer und die
jungen Deutschen kommt und Goethe sagt: »Das Glück der
persönlichen Freiheit, das Bewußtsein des englischen Na-
mens und welche Bedeutung ihm bei anderen Nationen bei-
wohnt, kommt schon den Kindern zugute, so daß sie so-
wohl den Unterrichtsanstalten mit weit
in der Familie als in
größerer Achtung behandelt werden und eine weit glück-
lich-freiere Entwicklung genießen als bei uns Deutschen . . .

Es geht bei uns alles dahin, die liebe Jugend frühzeitig zahm
zu machen und alle Natur, alle Originalität und alle Wild-
Reiner Kunze 171

heit auszutreiben, so daß am Ende nichts übrig bleibt als


der Philister.«
Die Betonung hätte ich auf kritisch gelegt.

Beweggründe

In E., sagte habe sich ein Schüler erhängt.


sie,

Am nächsten Morgen hätten Jungen verschiedener Klas-


sen schwarze Armbinden getragen, aber die Schulleitung
habe durchblicken lassen, daß die Armbinden als Ausdruck
oppositioneller Haltung gewertet würden. Der Schüler sei
Mitglied der Jungen Gemeinde gewesen und habe einen
Zettel mit durchgekreuztem Totenkopf und der Aufschrift
»Jesus Christus« hinterlassen. Als erste hätten die Abitu-
rienten die Armbinden abgelegt, weil sie kurz vor den Prü-
fungen stehen.
Einigen Schülern, die nicht in die Klasse des Toten gehen, sei
es vom Lehrer erlaubt worden, an der Beerdigung teilzuneh-
men, aber auf Anordnung des Direktors habe der Lehrer die
Erlaubnis rückgängig machen müssen. Dem Pfarrer sei es
nicht gelungen, den Direktor umzustimmen.
Die Parteimitglieder habe man angewiesen, Gespräche über
den Toten zu unterbinden.
Am Tag der Beerdigung sei für die Zeit des Unterrichts ein
Schülerwachdienst eingeführt worden, und die Schultür sei
abgeschlossen gewesen.

Gefangen

Sie hatte den »Archipel GULAG« gelesen. Gegen meinen


Rat.Aber nicht von den physischen Foltern
die Berichte
waren es, die sie verfolgten. »Hast du das gelesen von der
Ira Kaiina?« sagte sie. Ich konnte mich nicht erinnern. - Im
Bahnhof der Butyrka, eines Durchgangsgefängnisses, sagt
172 V. Kurz- und Kürzestgeschichte

ein Käufer, nachdem er die siebzehnjährige Ira Kaiina ent-


deckt hat: Na, zeigen Sie mal her. Ihre Ware! Sie wird nackt
zur Besichtigung vorgeführt.
»Wenn du dir vorstellst, daß es über Nacht wieder so wer-
den kann«, sagte sie, »es laufen doch genug herum von die-
sen Typen -, wenn du dir das vorstellst, dann fragst du dich,
warum du hier nicht doch abhaust. Lieber sich dabei ab-
knallen lassen.«

Mein Freund, ein Dichter der Liebe

Er ist einer der Couragiertesten zwischen March und Mol-


dau, ein Tabu-Brecher, ein Dogmen zersetzender Ironiker:
Er hatte das Frühjahr 68 mit herbeigeschrieben.
»Morgens gegen drei steht eine Frau hinter der Tür und
ruft meinen Namen, und gerade diese Nacht ist Alena bei
mir«, sagte er. Mit Alena ist er verheiratet. Sie wohnten
nicht in Prag. Er arbeitete hier nur und hatte hier ein Zim-
mer. »Du weißt doch, wie eifersüchtig Alena ist«, sagte er.
»Zum Glück hat sie einen kindlichen Schlaf. - Die drau-
ßen wartet, und ich überlege, wer das sein kann: Jana? Evic-
ka? ... Däsa? Däsa hatte ich erst vor ein paar Tagen ken-
nengelernt. Auch ein herrliches Mädchen! Aber wenn du
mit einer ein Mal geschlafen hast, erkennst du sie noch nicht
gleich an der Stimme. Sie ruft wieder, klopft. Jetzt regt sich
auch Alena. Ich lege ihr die Hand auf den Mund und sage,
sie soll sich nicht rühren, wahrscheinlich ist das jemand,
dem Bar zugemacht haben, und der weitertrinken
sie die
will. Dann höre ich, wie sie draußen weggeht Halb sie-
. . .

ben klopft es wieder. Dieselbe Stimme. - Ich gehe aufma-


chen, sagt Alena. - So kannst du doch nicht, sage ich und
versuche, sie davon abzubringen. - Ich bin aber neugierig,
sagt sie und nimmt sich den Morgenmantel. Als ich sehe,
daß die Katastrophe nicht mehr abzuwenden ist, verziehe
ich mich ins Bad. Alena kommt zurück, blaß. Prag ist be-
Reiner Kunze 173

setzt, sagt sie, aufdem Wenzelsplatz stehen sowjetische


Panzer. - Junge, wenn du wüßtest, was da in mir vorging:
War ich froh, als es nur die Panzer waren.«

Bericht eines Prager Fassadenglasreinigers

Vier Monate war ich ohne Arbeit. An die siebzig freie Stel-
len bin ich abgelaufen - nichts. Dann endlich hatte ich eine
als Fäkalisator. Aber als ich anfangen wollte, hieß es, es
ginge nicht, weil ich in diesem Beruf zu viel verdienen
würde. Wenn sie dir deinen Posten aberkannt haben, darfst
du eben nur eine bestimmte Summe verdienen Inzwi- . . .

schen waren sie dreimal bei mir. Du kennst viele, du warst


im Auswärtigen Dienst, sagten sie, schreib auf, was du über
die einzelnen weißt - und alles ist vergessen! Daß ich . . .

außen stinke, hätte ich in Kauf genommen.« Er neigte mir


leicht sein Glas zu, dann trank er.

Kolar
Jifi
Aus »Brücken«

Einer reihe mädchen mit gespreizten beinen gleich


Gleich einer Sträflingskolonne
Einem lächeln gleich gefunden in den krümmungen der
nacht
Allem gleich vom kämm bis zur bahre
Heben die brücken ihre nackten leiber dem himmel entgegen
So wölbt sich zwischen uns die poesie
Da aus stein dort aus stahl
Hier ein geöffneter schätz andernorts voller tanzender
kinder
So wölbt sich zwischen uns die poesie
Unerbittlich
Auf leben und tod zwischen leben und tod
174 V. Kurz- und Kürzestgeschichte

ALEXANDER KLUGE
Geb. 14. Februar 1932 in Halberstadt. Promotion zum Dr. jur. 1956. Leitete
das Institut für Filmgestaltung in Ulm. Seit den späten fünfziger Jahren zahl-
reiche Filme, Abhandlungen und dichterische Arbeiten; vielfältige Überschnei-
dungen zwischen diesen Arbeitsschwerpunkten. Lebt als Rechtsanwalt,
Schriftsteller, Fernsehschaffender, Filmregisseur und -politiker in Frankfurt
a. M. und München.
Werke: Lebensläufe En. (1962); Schlachtbeschreibung (1964); Öffentlichkeit
und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer
Öffentlichkeit (mit O. Negt, 1972); Lernprozesse mit tödlichem Ausgang En.
(1973); Gelegenheitsarbeit einer Sklavin. Zur realistischen Methode (1975);
Neue Geschichten. Hefte 1-18. »Unheimlichkeit der Zeit« (1977); Geschichte
und Eigensinn (mit O. Negt, 1981); Theodor Fontane, Heinrich von Kleist und
Anna Wilde. Zur Grammatik der Zeit (1987); Maßverhältnisse des Politischen.
15 Vorschläge zum Unterscheidungsvermögen (mit O. Negt, 1992).

»Mehr als die Chance, sich selbständig zu verhalten, gibt


kein Buch«, heißt es im Vorwort von »Geschichte und Ei-
gensinn«, einer der zahlreichen Arbeiten, die Alexander
Kluge in Zusammenarbeit mit Oskar Negt verfaßt hat. Klu-
ges Filme wie auch seine dichterischen Texte und theoreti-
schen Ausführungen zielen, vorzugsweise durch das Mit-
tel der Montage, auf die Ermöglichung der Selbständigkeit
des Lesers oder Zuschauers und die Zerstörung eines Rezi-
pientenverhaltens, das durch die Hinnahme überkomme-
ner Wahrnehmungsschemata, vorformulierter Bedeutungs-
zuweisungen und Sinnzusammenhänge gekennzeichnet ist.
Das gemeinsame Thema seiner Arbeiten ist der Mensch, der
zwischen zweckrationalem Verhalten und unmittelbarer
Bedürfnisbefriedigung, Kolonialisierung der eigenen Psyche
und hinterhältig eigensinnigem Lustprinzip, Realitätsorien-
tierung und protestierender Phantasie gespalten ist. »Das
Zeitgefühl der Rache«, der Abriß einer Prostituiertenlauf-
bahn, entwickelt diesen Widerspruch quasi- dokumentarisch
in lakonischerPrägnanz als solchen unterschiedlicher Zeit-
erfahrungen. Leben wird, wie es in einer früheren Arbeit
Negt/Kluges mit dem Titel »Öffentlichkeit und Erfahrung«
heißt, einerseits erfahren »als bloße Aufeinanderfolge ver-
Alexander Kluge 175

wertbarer Zeitstücke«; andererseits bleibt »ein nicht oder


nur schwer verwertbarer Rest«, »ein lebendiger, nicht indu-
strialisierter Zeitrhythmus«. Der Widerspruch zwischen die-
sen Zeitrhythmen löst die Katastrophe im verfremdet verge-
genwärtigten Leben des Mädchens »Mucki« Schäfer aus; in
der langfristig angelegten Rache des Kriminalkommissars
Pfuller, der nur durch Straftaten »seinem Gefühl für Pro-
portionen und Gerechtigkeit« zu folgen vermag, findet diese
Katastrophe ihr wiederum in kalter Komik gestaltetes Ge-
gengewicht. Seit dem 19. Jahrhundert ist die Prostitution ein
thematischer und ein metaphorischer Schwerpunkt der eu-
ropäischen Literatur, in ernst zu nehmenden Texten nicht
wegen der sogenannten Pikanterie des Sujets als vielmehr
deswegen, weil sie den Widerspruch zwischen Zweckratio-
nalität und Triebleben als allgemeine gesellschaftliche Er-
fahrung in nicht zu überbietender Zuspitzung zu fassen er-
laubt. Kluge radikalisiert diese Tradition, indem er das ihr
anhaftende Pathos mit ironischer Kälte zerstört. »Was Kluge
an Kleist bewundert: Die Situation, nicht die Sätze zu erhit-
zen, ist an seinen Sätzen gleichfalls zu bewundern« (Karsten
Witte).

»Das Zeitgefühl der Rache« v

Baronin Mucki, eine Wertanlage. Sie ist als Prostituierte


eine spezialisierte Fachkraft. Jetzt ist sie 22 Jahre alt, mit

38 Jahren wird sieverbraucht sein. Was dann folgt, ist ent-


weder ein Lotterleben, führt zur Katastrophe oder aber sie
geht freiwillig in Pension. Ihre Zuhälter Tigges und Herr-
chenröther stellen ihr das unverblümt vor Augen.
Als Wertanlage hat Mucki Schäfer ihre Manager 118 000
Mark Abstand bei Erwerb gekostet, hiervon 32 000 (d. h.
der Wert eines Luxus-Kraftwagens Lotus Europa Spe-
176 V Kurz- und Kürzestgescbifbte

cial) Anzahlung. Um rentabel zu sein, muß Frl. Schäfer zwi-


schen ihrem Alter von 22 Jahren und ihrem Alter von 38 Jah-
ren 58 400 Kunden abfertigen. Dies brächte theoretisch,
wenn sie abzüglich ihrer Selbstbehalte auf den Bruttopreis
100 DM für jeden Kunden an Tigges und Herrchenröther
ablieferte, 5 840 000 DM. Es gehen aber noch pro Jahr
30 Tage für Urlaub, Sonntage oder Erholung ab. Wird sie
krank, werden die Ausfalltage auf die 30-Tage-Pauschale für
Erholung angerechnet (Tigges erklärt, wieso Gesundwerden
Erholung ist). Dies bedeutet: 16 Jahre mal 30 Tage mal
10 Kunden ä 100 DM ist gleich 480000 DM. Verbleiben

5 360 000 DM Rückflüsse.


Es ist immer zu wenig Zeit für richtige Arbeit am Kunden,
obwohl doch insgesamt 16 Jahre zur Verfügung stehen.
Mucki Schäfer hat einen Hirtenhund. Den Hund streicheln,
ihm etwas zu fressen geben, ihn einmal kurz angucken (alles
dies setzt bereits voraus, daß Tigges ihn Gassi führt, und
nicht Mucki) bedeutet über 16 Jahre hochgerechnet, denn
falls er stirbt, besorgt Mucki sich einen neuen, einen Verlust

von 600 000 DM. Herrchenröther legt Hundegift aus, in der


Hoffnung, daß der Tod des Hundes Mucki so leid tut, daß
sie auf Neuanschaffung eines Hundes verzichtet. Wird von
Mucki überführt. Sie weiß aber keine Strafen.
Mucki besitzt eine Schwarze Kasse, in die sie kleine Geld-
summen abzweigt.
Das System der Strafen, wenn Mucki nicht pariert, insbe-
sondere sich nicht an die Zeiten Die Strafen beruhen
hält.
darauf, daß Grundlage von Muckis Beruf Vorstellungsver-
mögen ist. Daher hat sie eine Begabung für Angst. Also
sind Strafen: Badezimmer- Verbot, die Gefahr, einem Ver-
rückten oder einem Dilettanten ausgeliefert zu werden.
Hitzewelle. Gegen Abend Hauptstoßzeit. Zwei Amateusen,
Kellnerinnen in dem Lokal, in dem Mucki hauptsächlich
verkehrt, springen ein.
Mucki Schäfers früherer Herr, von dem Tigges und Herr-
chenröther sie gekauft haben, hieß Abführgesiebt, jetzt
Alexander Kluge 177

schon lange tot. Von ihm hat sie ein Kind, das im Internat
in der Nähe
der Edertal-Sperre untergebracht ist. Es soll
vom schmählichen Beruf der Mutter niemals etwas erfah-
Leben führen. Schärfstes Druckmittel ih-
ren, ein besseres
rerManager: die Drohung, der Schulleitung Meldung über
Muckis Tun zu machen.

2.

In dem Verkehrslokal Muckis ist der Kellner Max erkrankt,


ein junger, mandeläugiger Ausländer. Er liegt in der ihm
vom Wirt gestellten Dachkammer. Seinen Arbeitsplatz
nimmt ein Ersatzmann ein, so muß Max seine Bleibe räu-
men. Suche nach einem neuen Platz, praktisch nach Zeit, wo
er seine schwere Hirngrippe ausheilen kann. Von einer der
Kellnerinnen benachrichtigt, nimmt Mucki sich der Sache
an, sucht mit Max irgendein Plätzchen, an dem Ruhe ist für
die Krankheit. Sie hat sich angesteckt, legt sich gleich dazu.
Es ist eine schöne Woche mit diesem vor Krankheit tapp-
sigen jungen Liebhaber. Ein solcher Privatmoment bringt
alles durcheinander.

Tigges und Herrchenröther suchen bereits seit 7 Tagen ihr


verschwundenes Wertobjekt Mucki. Deshalb scheiden auch
alle Verstecke für Max aus, die in Muckis Verfügungsbereich
standen. Jetzt werden Mucki und Max gefunden. Der gene-
sene Max wird krank geschlagen. Es geht aber Tigges um
mehr: Generalprävention. Er wird gefangen gehalten und
soll weiter gequält werden - zur Abschreckung. Das Zuhäl-
terwesen steht der Justiz nicht nach (»was die können, kön-
nen wir auch«). Auch Mucki sieht der Bestrafung entgegen:
Die Schulleitung wird endgültig benachrichtigt. Mucki
Schäfer sieht keinen Ausweg: Sie wendet von Max und sich
die Strafe ab, indem sie ihre Schwarze Kasse abliefert. Tig-
ges, der, solange er nicht wußte, wo diese Kasse versteckt
178 y Kurz- und Kürzestgeschichte

ist, Begnadigung zusagte, sieht jetzt Grund für verschärfte


Bestrafung: Diese Schwarze Kasse war unzulässig.

Mucki Schäfer wendet sich an Kriminalkommissar Pfuller,


der das Vertrauen zahlreicher dieser Frauen besitzt. Sie ori-
entiert ihn über Tigges und Herrchenröthers Tätigkeit, z. B.
ist Max, sondern auch eine Kollegin Muckis von
nicht nur
ihnen krumm und lahm geschlagen worden, anschließend
verstorben. Ziel ist nicht, daß Pfuller eingreift, denn dann
erhielte er ja keine weiteren Informationen. Daß er es weiß,
genügt, eine Art großflächiger Kontrolle und Krisenverhü-
tung zu betreiben.
Aber der ehrgeizige Kriminalrat Kobras, der den konserva-
tiven Pfuller für lax hält, nimmt den Fall Pfuller aus der
Hand. Er hat Pfullers Gepräche mit Wanze abgehört. Jetzt
werden festgenommen: Tigges, Herrchenröther. Max, ohne
Arbeitsbewilligung, wird des Landes verwiesen. Mucki
Schäfer ist Kobras' Kronzeugin.
»Sicher bin ich nur im Gefängnis.« Mucki begeht Straftaten,
um sich ebenfalls einsperren zu lassen. Aber was sie auch
tut, Kobras nimmt es nicht zur Kenntnis. Er braucht eine
nicht vorbestrafte Kronzeugin. Mucki ist verzweifelt.

5.

Der Gerichtstermin rückt näher. Aus dem Gefängnis ver-


lautet,daß Tigges gedroht habe, Mucki umzubringen, wenn
sie gegen ihn aussagt. Mucki will gar nicht gegen ihn aussa-

gen. Sie ist keine Verräterin. Sie verletzt sich die Zunge, um
sich zu hindern, im Verhör weich zu werden. Am besten,
wenn sie gar nichts sagen kann. An den Verletzungen, die
sie sich selbst zugefügt hat, stirbt sie.
Alexander Kluge. Peter Bichsel 179

6.

Nuttenvater Pfuller hat ein Gedächtnis wie ein Elefant. Es


ist gespeist aus seinem Gefühl für Proportionen und Ge-

rechtigkeit. Er arbeitet jahrelang an der Rächung Muckis.


Die Zeit der Rache ist kürzer als die Zeit des Kapitulierens,
aber länger als fast alle übrigen Zeiträume, allerdings auch
kürzer als das Leben eines Baumes oder bestimmter Schild-
kröten oder Karpfen. Es gelingt Pfuller, den ehrgeizigen
Kobras zu stürzen. Kobras wird aus dem Amt entlassen.
Allerdings hat sich Pfuller hierzu in Straftaten verwickeln
müssen, muß ebenfalls in Pension. Das ist ihm die Rache
wert.

PETER BICHSEL

Geb. 24. März 1935 Luzern. Schulbesuch in Ölten; Lehrerseminar in Solo-


in
als Primarlehrer. 1973-81 Berater eines sozialde-
thurn, langjährige Tätigkeit
mokratischen Bundesrates. Lebt als freier Schriftsteller in Bellach bei Solo-
thurn.
Werke: Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen Prosa
(1964); Die Jahreszeiten R. (1967); Kindergeschichten (1969); Des Schweizers
Schweiz. Sitzen als Pflicht Ess. (1969); Geschichten zur falschen Zeit Prosa
(1979); Der Leser. Das Erzählen. Frankfurter Poetik-Vorlesungen (1982);
Schulmeistereien Aufsatz und Reden (1985); Der Busant. Von Polizisten, Trin-
kern und der schönen Magelone Prosa (1985); Irgendwo anderswo. Kolumnen
1980-1985 (1986); Im Gegenteil. Kolumnen 1986-1990 (1990); Zur Stadt Pa-
ris. Geschichten (1993); Ein Tisch ist ein Tisch. Eine Geschichte (1995); Gegen

den Briefträger konnte man nichts machen. Kolumnen 1990-1994 (1995); Die
Totaldemokraten. Aufsätze über die Schweiz (1998); Irgendwo anderswo. Ko-
lumnen 1980-1985 (1999); Cherubin Hammer und Cherubin Hammer E.
(1999); Im Gegenteil. Kolumnen 1986-1990 (1999); Möchten Sie Mozart ge-
wesen sein? Prosa (1999). Hörspiele, Filmdrehbücher.

Marcel Proust ist unter den großen Autoren der klassischen


Moderne, die nach dem Zweiten Weltkrieg der deutschspra-
chigen Literatur als orientierende Größen dienten, dank des
produktiven Widerspruchs, den der in den fünfziger Jahren
180 V. Kurz- und Kürzestgeschichte

erstmals vollständig übertragene Romanzyklus »Ä la recher-


che du temps perdu« erfuhr, einer der bedeutendsten. Spuren
kritischer Auseinandersetzung mit dem Konzept einer durch
unwillkürliche Erinnerungen ausgelösten gelungenen Erin-
nerungsarbeit finden sich im essayistischen und erzähleri-
schen Werk Ingeborg Bachmanns ebenso wie in den »Jahres-
tagen« Uwe Johnsons. Auch bei Peter Bichsel darf man sie
vermuten, zumal in den unter dem
»Zur Stadt Paris«
Titel
erzählten »Geschichten«. Dies nur in bezug auf die
gilt nicht
nachdrückliche Thematisier ung der ohne Spuren vergehen-
den Zeit, sondern auch in bezug auf die Form, in der ihr
zerstörerisches Werk in der äußersten sprachlichen Verknap-
pung des Figuren- und Handlungsumrisses zu ästhetischer
Prägnanz findet. Der Deutschschweizer Peter Bichsel rühm-
te an Johann Peter Hebel, seinem alemannischen Lands-
mann von der anderen Seite des Rheins, dem Autor der Ka-
lendergeschichte »Unverhofftes Wiedersehen«, die »epische
Breite in der Kürze«, eine Formel, die auch für seine eigene
melancholische Kurzprosa und die Robert Walsers, eines an-
deren Vorbildes, gilt. Der Titel »Zur Stadt Paris« verdankt
sich der kürzesten Geschichte des Buches, die Bichsel damit
auch zum Motto des ganzen Buches erhob.

Immer wieder Weisshaupt

Das ist die Geschichte von Albert Weisshaupt, der 1969, aus
dem Gefängnis kommend, seine Freundin besuchen wollte
und auf den Friedhof geführt wurde, dort lag sie.
Nach eigener Aussage weinte er hier, vierundfünfzig Jahre
alt, zum ersten Mal in seinem Leben. Schön war die Freun-

din nicht und eine unter vielen, aber Albert Weisshaupt


hatte eine Neigung zum Weinen.
Nach eigener Aussage hatte Weisshaupt mit einem raffinier-
ten Trick als Zweiundzwanzigjähriger einige hundert Fran-
ken ergaunert. (Er füllte Pappschachteln mit nassem Säge-
Peter Bich sei 181

mehl, verpackte sie in makellos neues Packpapier, wartete


vor Arzthäusern - denn Ärzte sind wohlhabend, dachte
er sich, und haben ein Dienstmädchen -, wartete also vor
Arzthäusern, bis die Frau des Arztes mit dem Dackel, Pudel
oder Setter aus dem Haus kam, ging dann hin, drückte auf
die Hausglocke und sagte, wenn das Dienstmädchen kam:
»Die Wäsche« - »d' Wösch«, und kassierte gegen Quittung
einen Betrag von gegen zwanzig Franken.) Nach eigener
Aussage schämte sich Albert Weisshaupt im Jahre 1937, und
nach Aussage des Staatsanwalts war seine Tat ruchlos. Sein
Verteidiger wies darauf hin, daß Albert ohne Eltern auf-
gewachsen sei, seine Jugend bei Bauern und in Erziehungs-
heimen verbracht habe, eine freudlose Jugend, und bat das
Gericht um Milde. Im Jahre 1938 saß er seine ersten acht
Monate. Dann saß er als ehemaliger Legionär, dann als
Schläger, Körperverletzung, er weiß nicht, wie das Eisen-
rohr in seine Hand kam, dann wieder, dann wieder.
Im Februar 1970 holte ihn die Polizei morgens um fünf aus
dem Bett. Weisshaupt hatte im »Bären« beobachtet, wie ein
Dieb einem Hehler ein gestohlenes Tonbandgerät verkaufte
(immer wieder Tonbandgeräte). Weisshaupt war Zeuge.
Im Mai 1970 die Verhandlung. Weisshaupt bekommt eine
Vorladung. Weisshaupt ist Zeuge - dunkler Anzug, weißes
Hemd, diskrete Krawatte.
»Immer wieder Weisshaupt«, sagte der Richter, und er
drohte ihm, ihn, Weisshaupt, unter Vormundschaft zu stel-
len, wenn er ihn, Weisshaupt, hier noch mal sehe. Dies zum
Zeugen Weisshaupt, dem es endlich gelang, im Gerichtspro-
tokoll ohne die Worte »nach seiner eigenen Aussage« zu
stehen. Der Richter, seit dreißig Jahren im Amt, hatte genug
von Weisshaupt - immer wieder Weisshaupt.
Und Weisshaupt weinte, als er das Gericht verließ. Nach
seiner eigenen Aussage weinte er zum ersten Mal seit fünf-
undfünfzig Jahren. Weisshaupt weint immer zum ersten
Mal, denn ihm, der eine Neigung zum Weinen hat, wurde
beigebracht, nicht zu weinen. Dies wurde ihm beigebracht
182 V. Kurz- und Kürzestgeschichte

von einem frommen Emmentaler Bauern, der ihn, wenn


er sonntags von der Kirche kam, an eine Säule band und
auspeitschte, weil, so sagte er, der Heiland auch leiden
mußte.
Und Weisshaupt schlägt, wenn man ihn berührt. Weiss-
haupt weint nicht, wenn man ihn schlägt. Weisshaupt hat
gelernt, nicht zu weinen.
Als er, der seine Chance beim Bauern im Emmental ver-
paßte - der Bauer, ein ruhiger Bürger, der nie ins Wirtshaus
ging -, als Albert Weisshaupt 1930 in die Erziehungsanstalt
kam, wurde er von den Zöglingen gezwungen, sich auf den
Tisch zu stellen und zu onanieren. Dafür, daß er es nicht tat
- vorerst nicht -, wurde er vom Wärter verprügelt, denn die
Zöglinge verklagten ihn für etwas, was er nicht getan hatte,
oder für etwas, was er getan hatte, oder für etwas, was an-
dere getan hatten.
Das hat inzwischen vergessen, aber 1931 gab es nicht
er
Weisshaupt fand eine. Er schrieb aus der
viele Lehrstellen.
Anstalt - und heimlich - einem Kaminfeger, von ihm weiß
er heute noch Name und Adresse. Aber der Vormund hatte
Albert Weisshaupt begreiflich gemacht - ein Vormund mit
weicher, dunkler Stimme und mit Verständnis -, daß heute,
wo die Lehrstellen doch selten, er vielleicht doch besser dem
anderen, der Eltern habe - einen Vater habe, hatte der Vor-
mund gesagt -, die Stelle überlassen solle. Das begriff
Albert, weil er gelernt hatte, zu begreifen, und er verzich-
tete.
Nun Narben einen Namen - Fritz Glauser,
hat eine seiner
Kaminfegermeister. Und Albert Weisshaupt ist vierzig Jahre
älter geworden und hat überlebt. Und hat überlebt.
Und hat überlebt.
Nun fragt er - betrunken -, warum haben sie mich nicht
umgebracht? Warum sind die Leute so?
Doch Albert Weisshaupt, der Richter weiß es, hält es in kei-
ner Stelle lange aus. Und Weisshaupt schlägt, wenn man ihn
berührt.
Peter Bichsel. Brigitte Kronauer 183

Abenteuer

Einmal in seinem Leben - er war schon 47 - stolperte er


mitten am Tag, mitten in der Stadt. Irgendwie unterschätzte
er die Höhe des Trottoirrandes. Anfänglich bestand der
Verdacht, daß der Mittelhandknochen gebrochen sei.

Sehnsucht

In Langnau im Emmental gab es ein Warenhaus. Das hieß


Zur Stadt Paris. Ob das eine Geschichte ist?

BRIGITTE KRONAUER
Geb. 29. Dezember 1940in Essen. Pädagogikstudium, Schuldienst. Seit 1971
Lebt in Hamburg.
freie Schriftstellerin.
Werke: Der unvermeidliche Gang der Dinge Prosa (1974); Die Revolution der
Nachahmung Prosa (1975); Vom Umgang mit der Natur En. (1977); Frau
Mühlenheck im Gehäus R. (1980); Die gemusterte Nacht En. (1981); Rita
Münster R. (1983); Berittener Bogenschütze R. (1986); Aufsätze zur Literatur
(1987); Die Frau in den Kissen R. (1990); Schnurrer. Geschichten (1992); Hin-
und herbrausende Züge En. (1993); Die Wiese En. (1993); Das Taschentuch R.
(1994); Die Einöde und ihr Prophet En., Ess. (1996); Kulturgeschichte der
Mißverständnisse (mit E. Henscheid und G. Henschel, 1997).

Mit großer Konsequenz hat Brigitte Kronauer seit den sieb-


ziger Jahren einenDoppelgedanken erzählerisch verfolgt,
der die deutschsprachige Literatur seit der klassischen Mo-
derne - Hofmannsthals »Chandos- Brief« etwa oder Musils
»Mann ohne Eigenschaften« - nicht mehr losgelassen hat:
Die Geschichten, in denen Menschen ihr Leben erzählen,
sind hochgradig literarisch -künstlerische Fiktionen. Dies ist

den Erzählerinnen und Erzählern in der Regel nicht be-


wußt. Nur in den seltenen Augenblicken, in denen diese oft
lebensnotwendigen Gespinste zerreißen, werden wir - he-
184 V. Kurz- und Kürzestgeschichte

fremdet, beglückt oder schockiert - einer anderen Wirklich-


keit gewahr. Diese kann uns mit der Gewalt des »fascino-
sum« und des »tremendum« ergreifen, die Rudolf Otto dem
»Heiligen« zugesprochen hatte, obwohl dies unter den Be-
dingungen der Gegenwart keineswegs als religiös im traditio-
nellen Sinne verstanden werden sollte. Die Autorin stellt in
ihrem ersten Roman, »Frau Mühlenbeck im Gehäus«, in
durch gehaltener alternierender Sequenz der Titelfigur, einer
virtuosen Erzählerin ihrer Lebensgeschichte(n), eine in dieser
Hinsicht gänzlich unbegabte junge Lehrerin gegenüber. Im
Nachwort zu der Auswahlausgabe »Die Wiese« (1993), der
das darin zuerst veröffentlichte und nachfolgend wiederge-
gebene »Porträt Nr. 5« entnommen ist, wendet sie ihre ge-
schichten-kritische Skepsis auch auf die probeweise skizzierte
eigene literarische Entwicklung an - nicht ohne dem Leser
das »in den Köpfen der Erwachsenen verwurzelte Instru-
mentarium der Literatur« für die ihm abverlangte Abbruch-
arbeit gleich mitzuliefern: »das dramatische Vokabular, all
die Adverbien, die die Welt nach lokalen, temporalen, moda-
len, kausalen Umständen gliedern, raffen und dehnen, das
Setzen von Anfang und Ende, Selektion auf ein Ziel hin,
Hierarchisierung nach Beweisführungsaspekten, Organisa-
tion von Zusammenhängen usw.« Brigitte Kronauers Ideal
des Erzählens besteht darin, daß »Geschichten [. .] wie ein .

Blatt [. . .] schwankend und dennoch fest« sein sollten. Der


folgende Text entspricht dieser Forderung in hohem Maße,
denn er gewinnt in der kreisförmigen Anordnung und der in
sie eingelassenen Pointe seine ästhetische Prägnanz: das un-

heilschwere Wort »Schicksal«, mit der die verlassene Ehefrau


das äußerliche Scheitern ihres Lebens besiegelt, hat die Kraft,
sie »unverzüglich« zu trösten. Einen Menschen ganz aus
Goethe-Zitaten zusammenzusetzen, hatte Musil sich einst in
vorgenommen. Brigitte Kronauer schreibt
einer Arbeitsnotiz
einen wunderbar leichten Text, in der ein einziges abend-
ländisches Hochtonwort die wie eine Marionette zusammen-
gebrochene »Heldin« wieder aufrichtet und strafft.
Brigitte Kronauer 185

Ehepaar Dortwang

Bei einem Schrebergartenfest mit Tanz, Bier und Grill-


würstchen gab es zwischen Herrn IJk>rtwang und seiner
Frau die wohl leidenschaftlichste Verständigung ihres gan-
zen zwanzig Jahre alten Ehelebens. Das Fest fand Ende
September statt. Herr Dortwang, ein hagerer, grauköpfiger
Mann, gehörte keineswegs dem Verein an. Er verbrachte
seine freie Zeit hauptsächlich im eigenen, hinter dem Häus-
chen des Paars gelegenen Garten. Auch seine Frau hatte,
wie ihn, der Zufall zu den Kleingärtnern verschlagen oder
eben die Fügung. Sie wurde in einem bestimmten Augen-
blick während des Festes, kurz nach ihrem Eintreffen, weiß
und rot, abwechselnd in schneller gefährlicher Folge, wohl
weil sie sich nicht entscheiden konnte, und erst als ihr das
Wort »Schicksal« einfiel, nahm ihr großes, rundes Gesicht
wieder natürliche Farbe an, nämlich das Inkarnat einer iro-
nischerweise permanenten leichten Entflammung wegen ih-
res Bluthochdrucks. ^ v^X
Herr Dortwang war ein umständlicher Erzähler. Das störte
nur deshalb, weil seine Frau, wenn er nach Wör-
vielleicht
tern zu suchen begann, was allerdings häufig vorkam, ihm ^
schleunigst beisprang. Ob aus Hilfsbereitschaft oder reiner
Ungeduld, ließ sich meist,wohl auch für sie selbst, nicht
klar entscheiden. »Wir sind damals an diesem, diesem .« . . ,

»Fluß spazierengegangen« ergänzte Frau Dortwang, und —*


genauso »Fluß spazierengegangen« wiederholte und ver- ?,

vollständigte dann Herr Dortwang. Auf jeden Fall mußte er


^
es selbst noch einmal sagen, was den Vortrag nicht fesseln- *n

der machte. Fuhr er dann einmal anders fort ». Bach ent-


. .

lang gelaufen«, signalisierte das den Zuhörern schon unge-


wöhnliche Eigensinnigkeit. Allerdings passierte das hin und
wieder.
Frau Dortwang war eine außerordentlich imponierende,
energische Ehefrau, eine auch wegen ihrer Körperkräfte an-
gesehene Altenpflegerin, die hinzuverdiente zum Gehalt ih-
186 V. Kurz- und Kürzestgeschichte

res Mannes, der seine eigene kleine Firma aufgegeben hatte


und als Elektriker in einem größeren Betrieb arbeitete. Das
kam vor allem dem achtzehnjährigen Sohn zugute.
Mit ihrem Gatten hatte Frau Dortwang keine Schwierigkei-
ten, mit diesem insgesamt, nicht nur im Sprechen, ein wenig
schwerfälligen, nur langsam zum Wesentlichen kommenden
Mann. Sie war es vor allem, die bestimmte, welche Bezie-
hungen zur Umwelt unterhalten wurden, legte die Urteile
über gemeinsame Bekannte fest und ordnete an, wann sie
geändert werden durften und in welcher Weise. Sie verstand
darüber hinaus, auch das annähernd mühelos, ihren Mann
im noch privateren Zusammenleben zu dirigieren, sich sei-
nen stets zeitraubenden Betrachtungen zu entziehen durch
ein »Ah, ich muß schnell noch ..« und ihn aus seinem
.

Hang zur gelegentlichen, fast ins Schneckenhafte spielenden


Melancholie aufzuschrecken durch laute Radiomusik oder
hervorragend zubereiteten Heringssalat. Und so in allem
anderen auch!
Herr Dortwang schien mit seiner tatkräftig-strammen Frau
zufrieden. Meist sah man ihn ja nicht schwermütig, sondern
herzlich lachend hinter blitzenden Brillengläsern, ja mög-
licherweise sogar spöttisch funkelten dann seine Augen, als
begriffe er alles und amüsierte sich gelassen dabei. Sehr sel-
ten nur - und hatte man es einmal gesehen, war man miß-
trauisch für immer geworden - stand dieses Lachen plötz-
lich still, setzte aus und wurde grimassenhaft wieder aufge-
nommen, abrupt funkelnd, herzlich usw.
Für Frau Dortwang existierte außer diesem Lachen noch ein
Lächeln, und das brachte sie, nur dieses eine, diese eine Ver-
fehlung, in ihrem Innersten und verschwiegen, zur Weiß-
glut. Eine junge Bekannte, längst von ihr abgeurteilt, er-
zeugte, nach ihrer Verbannung, sobald der Name fiel, auf
Herrn Dortwangs Gesicht ein Träumen. Es überflutete seine
Wangen, seine Augen, sogar seine Stirn glättete sich dann,
und das Schlimmste: Er ahnte es selbst anscheinend gar
nicht, es widerfuhr ihm in aller Unschuld. Frau Dortwang
v. ^ Brigitte Kronauer 187

sagte den Namen ab und zu Vur Kontrolle. Sie konnte ihn


mit noch so viel Verdammnis* belegen: Herr Dortwang lä-
chelte verzückt in zärtlichemJErinnern, obschon doch nie
etwas Anstößiges zwischen den beiden vorgefallen sein
konnte und man die Person niemals wiedergesehen hatte.
Aber auch das ging mit den Jahren vorüber. Freunde der
Familie, Kollegen des Mannes, Verwandte, die, wenn sie der
Hafer stach, lebhaft und lüstern von üblichen Ehebrüchen
erzählten, wußte sie in gewohnter Manier abzuschmettern
durch Berichte über das Alten- und Pflegeheim, wo sich das
Leben zeigte, wie es war, jenseits solcher Mätzchen.
An einem Abend Ende August, nachdem er den Rasen ge-
schnitten und sich geduscht hatte, ging ihr Mann, als hätte er
es irgendwo gelesen, zum Briefkasten und kam nicht mehr
zurück. Die üblichen Nachforschungen ergaben nichts. Bei
der Polizei wies man sie auf das Klassische des Falles hin.
»Bangen«, »Hoffen«, »Zorn« waren die Wörter, die nun,
ließen Mutter und Sohn verlautbaren, den Zustand der rest-
lichen Familie kennzeichneten. Für Frau Dortwang stand
bald fest, als man weder einen Verletzten, Toten oder Verirr-
ten mit Gedächtnisverlust fur'sie aufgefunden hatte, daß ihr
Mann auf und davon war, jeder Pflicht davongelaufen. ja, O
wenn sie, arg bedrängt von Kreislaufbeschwerden, trotz al-
ler Disziplin, ächzend auf ihrem Stuhl gesessen hatte, keu-
chend nachts im Bett (manchmal auch, um Entscheidungen
zu beschleunigen): Wie konnte sie einstmals dann mit seiner
Verzweiflung rechnen! In letzter Zeit hatte er nur still neben
ihr ausgehalten, vielleicht aus vollem Herzen geistesabwe-
send hinter seinem ruhigen Gesicht. Und doch war dieser
Streich zu unglaublich, als daß sie hätte kampflos resignie-
ren können. Sie telefonierte, schrieb, wartete.
Ihr Sohn half dabei getreu. Fünf Wochen nach Herrn Dort-
wangs Verschwinden überredete er seine Mutter, ihn mit
zu einem geselligen Abend im Schrebergartenverein seiner
neuen Freundin zu begleiten, der Zerstreuung wegen und
um endlich ein im Sommerschlußverkauf aufgrund der
188 V. Kurz- und Kurze stge schichte

Kleidergröße günstig (ergattertes Leinenkostüm auszufüh-


ren. Dort entdeckten sieSbeim zweiten Walzer auf der Tanz-
fläche Herrn Dortwang^) heiter eine junge, ihnen unbe-
kannte Frau umbalzend/Frau Dortwang rüstete sich, errö-
tend und erblassend, zu Gefacht und Befehl. Da begegnete
sie dem Blick ihres Mannes, v ^
<0*t***
Es war ein durchaus konventionell Bestürzung,
Blick, der
Scham ausdrückte, auch Erleichterung darüber, daß sich nun
das Versteckspiel dem Ende zuneigte, aber ebenso, alles un-
gerührt glasierend, die sanft unflätige Freude, sich einen
Traum bis zum Rand erfüllt zu haben, und Frau Dortwang
erkannte wankend und entmachtet die nie wiedergutzuma-
chende Auflehnung, den an die Grundfesten gehenden Ver-
rat, und sie brach spektakulär zusammen wegen dieser er-

sten Einsicht, nicht wegen der vergleichsweise läppischen


Konsequenz, die lautete: Korrektur ausgeschlossen, brach
in fast letaler Implosion zusammen nicht einmal wegen die-
ser ersten Einsicht, vielmehr unter dem erstmals zündenden
und sofort und für immer letztmaligen Wort- und Regime-
wechsel per Blick, dann aber, noch bevor sich die Ambulanz
um sie bemühen mußte, fiel der unverzüglich Getrösteten
das Wort »Schicksal« ein und leistete Beistand. »Schicksal«,
sagte sie zu ihreniSohn undden folgenden Wochen bei
in
jeder Gelegenheit zufahren Pfleglingen, der Gesichtsfarbe
nach konstant entflamml

<k^
^
VI. Novelle, Erzählung

So wenig die Gattungen fiktionalen Erzählens, von der Mi-


nimalprosa bis zum Roman, durch Umfangsangaben zu be-
stimmen sind, so eng hängen doch ihre je besonderen ästhe-
tischen Möglichkeiten auch mit quantitativen Verhältnissen
zusammen. So sehen sich Uwe Johnson mit seiner mehr-
strängigen Erinnerungsarbeit in den »Jahrestagen«, Thomas
Bernhard mit der (immer wieder neu ansetzenden, sich
schmähend abwendenden und zugleich liebend gedenken-
den) Vergegenwärtigung Österreichs in der »Auslöschung«
oder Hubert Fichte mit der formal vielfältigen Facettierung
des »Versuchs über die Pubertät« auf die Großform Roman
verwiesen. Die lakonisch-kritische Erzählprosa eines Peter
Bichsel, Reiner Kunze oder Alexander Kluge gewinnt Poin-
tierung durch Verkürzung, Weglassen oder Verstummen
und kann damit an die so unterschiedlichen Traditionen der
Anekdote, der Kalender- oder der Kurzgeschichte anschlie-
ßen. Wieder andere ästhetische Möglichkeiten sind der Er-
zählung mittlerer Länge und der vergleichsweise strengeren
Novelle eigen. Sie betonen - stärker als der Roman und in
der Regel einsträngig - das Ausschnitthafte des Erzählten.
Sie vergegenwärtigen jedoch den Ausschnitt, wie immer
auch im einzelnen lakonisch, nicht wie die fiktionale Mini-
malprosa in einer gleichsam elektrisch aufgeladenen äußer-
sten Gedrängtheit. Charakter und Handlung, Zeit, Ort und
Umstände werden vielmehr mit einer wenigstens punktuell
ins Detail sich einlassenden Besonderung gezeichnet. Chri-
stoph Heins »Der fremde Freund« und Wolfgang Hilbigs
»Alte Abdeckerei« stellen in gewissem Sinne Extreme des
Formkontinuums von fiktionaler Erzählprosa mittleren Um-
fangs dar. Hein, der zugleich als einer der wichtigsten Dra-
matiker der DDR hervorgetreten ist, arbeitet mit einer ver-
gleichsweise straffen, durch markante Ereignisse geglieder-
190 VI. Novelle, Erzählung

ten Handlung und kommt auch in der analytischen Anla-


ge traditioneller Dramatik nahe. Aus diesem Grund ist die
Gattungsbezeichnung »Novelle« im Untertitel gerechtfer-
tigt. Hilbig hingegen, der auch Gedichte schreibt, läßt die

Handlung zugunsten einer apokalyptisch gezeichneten Sze-


nerie zurücktreten, die zugleich Landschaft geschichtlicher
Katastrophen und Landschaft einer verstörten, gehetzten
Seele ist; die Tradition des Prosagedichtes dürfte bei dieser
»Erzählung«, so der Untertitel, eine wichtige und anre-
gende Rolle gespielt haben.

CHRISTOPH HEIN

Geb. 8. April 1944 in Heinzendorf (Schlesien). 1958-61 Besuch eines Gymna-


siums in West-Berlin, da er als Sohn eines Pfarrers die Oberschule in der DDR
nicht besuchen durfte. 1961 Rückkehr in die DDR. Montagearbeiter, Kellner,
Buchhändler, Journalist, Schauspieler, Regieassistent. 1967—71 Philosophiestu-
dium in Leipzig und Ost-Berlin. 1971 Dramaturg, 1974 Autor bei der Volks-
bühne. Seit 1979 freier Schriftsteller. Lebt in Berlin.
Werke: Schlötel oder Was solls Dr. (1974); Cromwell Dr. (1978); Einladung
zum Lever Bourgeois Prosa (1980); Lassalle Dr. (1981); Der fremde Freund N.
(1982); Die wahre Geschichte des Ah Q Dr. (1983); Horns Ende R. (1985); Pas-
sage Dr. (1987); Öffentlich arbeiten Ess. (1987); Der Tangospieler E. (1989);
Die Ritter der Tafelrunde Kom. (1989); Die fünfte Grundrechenart. Aufsätze
und Reden 1986-1989 (1990); Der »Bund proletarisch-revolutionärer Schrift-
steller Deutschlands«. Biographie eines kulturpolitischen Experiments in der
Weimarer Republik (1991); Das Napoleon-Spiel R. (1993); Exekution eines
Kalbes und andere Erzählungen (1994); Randow Kom. (1994); Von allem An-
fang an En. (1997).

Christoph Generation von


Hein gehört der mittleren
Schriftstellern derehemaligen DDR
an, hat aber erst ver-
gleichsweise spät zu veröffentlichen begonnen. Unter den
nach Biermanns Zwangsausbürgerung im Land verbliebe-
nen Autoren war er im letzten Jahrzehnt des realsozialisti-
schen deutschen Staates mit Heiner Müller und Volker
Braun wohl der bedeutendste, wenngleich die Mehrzahl der
Christoph Hein 191

östlichen wie der westlichen Leser und vor allem Leserinnen


der stärker zu Identifikationen einladenden Christa Wolf
den Vorzug gab. Parallel zum dramatischen Werk, das ihn
zu einem der meistgespielten deutschsprachigen Autoren
machte, entstand ein erzählerisches CEuvre, aus dem neben
dem Roman »Horns Ende«, der den Rückblick auf die An-
fänge der DDR mit dem auf die nationalsozialistische Vor-
geschichte verbindet, »Der fremde Freund« herausragt. In
dieser »Novelle«, die in Westdeutschland unter dem symbo-
lischen Titel »Drachenblut« erschien, berichtet eine vierzig-
jährige Ich-Erzählerin, die Ärztin, geschieden und kinder-
los ist und einem Ost-Berliner Hochhaus lebt, nach
in
dem Tod ihres bei aller äußeren Nähe »fremd« gebliebe-
nen Freundes, aus ihrem ereignisarmen, von Verdrängungen
und Bindungsangst gezeichneten Leben. Durch die Ober-
fläche gleichmütig beteuerter Zufriedenheit scheint das Un-
genügen an einer Existenz durch, die sich echte personale
Bindungen versagt, gerade darin aber ihr Unglück erfährt.
Bezüge auf die Lebensbedingungen der DDR, die Reisebe-
schränkungen etwa, sind unübersehbar, doch weitet sich das
Psychogramm eines DDR- spezifischen Sozialcharakters zur
Diagnose der seelischen Beschädigungen unter den Bedin-
gungen technisch-moderner Zivilisation. Den Schluß poin-
tiert sie ironisch: »Ich bin mit meiner Wohnung zufrieden.
Meine Haut ist in Ordnung. Was mir Spaß macht, kann ich
mir leisten. Ich bin gesund. Alles was ich erreichen konnte,
habe ich erreicht. Ich wüßte nichts, was mir fehlt. Ich habe
es geschafft. Mir geht es gut. - Ende.«

Der fremde Freund (Auszug)

Samstag früh klingelte Henry bei mir. Er stand in der Tür,


den Filzhut zurückgeschoben und lächelte mich an, ohne et-
was zu sagen. Ich fragte ihn, wo er gewesen sei, und er
sagte, daß er mit mir schlafen wolle. Er zog mich aus, und
192 VI. Novelle, Erzählung

wir liebten uns den ganzen Vormittag. Zwischendurch


machte ich uns Frühstück, und er erzählte, daß er eine Wo-
che in Ungarn gewesen wäre. Mit einigen Kollegen hatte er
Großstädte besucht, um sich dort Rekonstruktionen techni-
scher Anlagen anzusehen. Es habe ihm Spaß gemacht, aber
insgesamt sei es etwas anstrengend gewesen. Die Kollegen
hätten alle sehr viel getrunken. Schon am Morgen sei man in
die Cafes gegangen, und da er selten Alkohol trinke, habe er
nur gestört. Er erzählte von den ungarischen Bauernmärk-
ten und den Thermalbädern. Als ich ihn fragte, warum er
mir nicht gesagt habe, daß er verreise, schwieg er. Ich lag
neben ihm und wartete darauf, daß er antwortete. Ich
spürte, daß er verärgert war, aber es war mir gleichgültig.
Ich dachte, sagte er schließlich, wir hätten eine Vereinba-
rung.
Dann rauchte er und sah mich an. Ich sagte, daß ich auf ihn
gewartet hätte, daß ich beunruhigt gewesen sei. Er drehte
sich weg und sagte grob, ich solle das bleiben lassen, wir
seien nicht verheiratet.
Ich stand auf, zog meinen Bademantel über und ging in die
Küche, um das Geschirr abzuwaschen. Als ich ins Zimmer
zurückkam, lag er im Bett und las in einer Zeitschrift. Er
fragte, ob er gehen solle, und ich schüttelte den Kopf. Ich
setzte mich aufs Bett und sagte ihm, daß ich ihn sehr gern
habe, und er entgegnete, ich solle aufpassen, daß ich mich
nicht in ihn verliebe. Er sei dafür ungeeignet. Wir küßten
uns, und er zog mich wieder ins Bett.
Am frühen Nachmittag fuhren wir aus der Stadt raus. Ich
nahm die Tasche mit den Fotoapparaten und den Objekti-
ven mit.
In einem Dorfgasthaus aßen wir Rührei und Käse. Die Mit-
tagszeit war vorbei, und der Wirt hatte nur widerwillig un-
sere Bestellungentgegengenommen.
Außer uns saßen drei alte Männer in der Gaststätte. Sie be-
trachteten uns schweigend und rauchten. Solange wir im
Raum waren, sahen sie zu uns herüber und sagten kein
Christoph Hein 193

Wort. Der Wirt brachte ihnen Bier, nachdem er unser Essen


serviert hatte, und setzte sich zu ihnen.
Ich sagte zu Henry, daß die Männer all unsere Bewegungen
genau verfolgen würden. Gewiß haben sie uns erkannt,
scherzte ich. Henry ging auf das Spiel ein. Kein Wunder, al-
berte er, unsere verdammten Steckbriefe hängen ja überall.
Er sagte, ich solle die Alten im Auge behalten, er würde den
Wirt übernehmen. Falls er telefonieren sollte, würde er ihn
ohne Anruf abknallen. Ich müßte dann die Alten in Schach
halten, während er zum Wagen rennen und den Motor star-
ten würde.
Henry zog den Filzhut ins Gesicht. Seine Augen leuchteten.
Ich sagte, vielleicht habe der Wirt bereits in der Küche tele-
foniert, und die Polizei sei schon unterwegs.
Das ist möglich, flüsterte er verschwörerisch. In diesem Fall
würde er seine Haut so teuer wie möglich verkaufen.
Wir nickten uns entschlossen zu.
Dann kam die Frau aus der Küche. Sie stellte sich neben un-
seren Tisch und fragte, ob es geschmeckt habe. Es
sei schon
reichlich spät, sonsthabe sie immer ein gutes Mittagessen.
Sie wollte wissen, ob wir aus Berlin kämen und die Chori-
ner Straße kennen würden. Dort wohne ihre Tochter. Sie sei
mit einem Bäckermeister verheiratet und habe überhaupt
keine Sehnsucht mehr nach ihrem Heimatdorf.
Als wir zahlen wollten, sagte sie, das mache der Chef selbst.
Sie rief den Wirt. Er kam und kassierte mürrisch das Geld,
und sie blieb an unserem Tisch stehen. Sie wünschte uns ei-
nen guten Tag und eine gute Fahrt.
Beim Hinausgehen drehte ich mich zu den drei alten Män-
nern um. Sie betrachteten mich unbewegt. Ich nickte ihnen
zu, und sie lächelten dankbar zurück.
Die Eisbude neben der Gaststätte war jetzt geöffnet. Meh-
rere junge Leute mit Motorrädern standen und saßen davor.
Andere fuhren langsam um die Gruppe herum, hielten und
sahen zu uns herüber.
An unserem Auto standen zwei junge Mädchen. Sie fragten,
194 VI. Novelle, Erzählung

ob wir mitnehmen könnten. Ich fragte, wohin sie müß-


sie
ten, und Das kommt darauf an, wo Sie hinfahren.
sie sagten:
Sie grinsten mich an. Ich begriff nicht, was sie wollten, und
sie lachten mich aus.
Dann gingen sie zu Henry und fragten ihn, und Henry ant-
wortete etwas, was ich nicht verstand. Die Mädchen steck-
ten ihm die Zunge raus und sagten, er sei eine verklemmte
schwule Fotze. Dann gingen sie zur Gruppe vor der Eis-
bude. Sie waren vielleicht fünfzehn Jahre alt.
Wir stiegen ins Auto. Ein Junge rief uns etwas zu, und die
anderen lachten. Als Henry losfuhr, warf einer eine Hand-
voll Kiesel und Sand gegen die Scheiben. Henry stoppte so-
fort, aber ich bat ihn, weiterzufahren.
Ich fragte ihn, was er den Mädchen gesagt hätte.
Nichts, erwiderte er, nichts Besonderes. Nur daß ich sie
nicht mitnehme.
Ich drehte mich um und betrachtete die schnell entschwin-
dende Gruppe mit den Motorrädern.
Sie langweilen sich, sagte ich.

Ja, sagte Henry, sie langweilen sich. Sie werden sich ihr gan-
zes Leben langweilen.
Ich hatte die Landkarte auf den Knien und versuchte, auf
ihr ein Fahrzielzu finden. Ich entschied mich für eine Sied-
lung, die der Karte nach an einem Fluß liegen mußte. Eine
Mühle war eingezeichnet, und ich hoffte, sie sei ein geeigne-
tesFotoobjekt.
Henry fuhr wie immer schnell. Während ich die Karte be-
trachtete, erzählte er von den Grachten in Amsterdam. Er
hatte sie als Kind gesehen. In seinen Träumen stünde er oft
an den Grachten. Sie mußten ihn sehr beeindruckt haben.
Vor uns auf der Landstraße fuhr ein Traktor. Dann ging al-
les sehr schnell. Ich hatte den Kopf über die Karte gebeugt.
Ich merkte, wie Henry den Wagen beschleunigte und aus
der Spur lenkte. Als ich aufsah, stand der Traktor seitlich
vor uns. Henry trat auf die Bremse, riß den Wagen nach
links, gab Gas, bremste und riß mit beiden Händen am
Christoph Hein 195

Steuer. Ich fiel nach vorn in den Gurt und stützte mich an
der Scheibe ab. Ein Hinterrad des Traktors verdeckte für ei-
nen Moment das rechte Türfenster. Der Wagen prallte nach
oben und fiel zurück. Ich stieß mit dem Kopf gegen das
Dach und klammerte mich an Henry. Das Bodenblech oder
der Auspuff schlugen mehrmals metallen und hart auf. Der
Wagen schlingerte heftig und wurde endlich langsamer. Als
Henry ihn zum Stehen brachte, sah ich nach dem Traktor,
der jetzt quer auf der Fahrbahn stand. Der Fahrer lag über
dem riesigen Lenkrad, bewegungslos. Ich sah nur seinen
kopflosen Rücken und stieß wohl einen Schrei aus. Henry
faßte meinen Arm und fragte, ob alles in Ordnung sei. Ich
zeigte auf den Traktorfahrer. Wortlos streckte ich meine
Hand in seine Richtung. Im gleichen Augenblick richtete
sich dieser auf, sah sich um und kletterte von dem Fahr-
zeug.
Noch einmal gut gegangen, sagte Henry und lächelte mich
beruhigend an.
Wir standen auf einem Kartoffelfeld. Den schmalen, tiefen
Graben, der uns von der Straße trennte, mußte der Wagen
übersprungen haben. Ich atmete tief durch und erwiderte
nichts.
Der Bauer war um seinen Traktor herumgegangen und kam
jetzt zu uns. Er riß Henrys Tür auf und ob er
schrie ihn an,
verrückt sei, ob er ihn nicht gesehen habe. Er hörte nicht
auf zu schreien.
Henry stieg aus, warf einen kurzen Blick auf den Wagen
und fragte den Bauern, ob an seinem Fahrzeug irgend etwas
kaputt sei. Der Bauer schrie weiter, er habe lange zuvor ge-
blinkt und sei schon auf der linken Fahrspur gewesen, als
Henry ihn überholen wollte. Henry fragte ihn nochmals, ob
an seinem Fahrzeug ein Schaden entstanden sei. Der Bauer
verneinte und faßte Henry am Jackett. Ob er denn nicht be-
greife, daß er um ein Haar mit seinem Traktor unseren Wa-
gen zerquetscht hätte. Zerquetscht wie ... Er suchte nach
einem Wort, aber in seiner Erregung fiel ihm nichts ein.
196 VI. Novelle, Erzählung

Um ein Haar, sagte Henry sanft.


Ich konnte sein Gesicht nicht sehen, aber ich spürte am Ton
seiner Stimme, daß er lächelte.
Um ein Haar, wiederholte er, was geschieht nicht alles um
ein Haar.
Der Bauer ließ ihn los, trat einen Schritt zurück und sah
Henry fassungslos an.
Ich zeige dich an, sagte er heiser.
Dann holte er aus und schlug seine Faust in Henrys Ge-
sicht. Henry stolperte zurück, fiel auf die Motorhaube, sein
Kopf schlug aufs Blech. Er blieb liegen. Direkt vor mir, we-
nige Zentimeter entfernt, getrennt nur durch die Wind-
schutzscheibe, lag sein Kopf. Die Augen waren geschlossen.
Ich sprang aus dem Wagen und faßte Henry an. Er war be-
sinnungslos.
Holen Sie Wasser, rief ich dem Bauern zu. Der stand blaß
und bewegungslos vor dem Auto. Ich sagte ihm nochmals,
er solle Wasser holen. Ich ließ Henry langsam auf die Erde
gleiten. Als ich seinen Kopf anhob, öffnete er die Augen
und sah mich an. Der Bauer kam über den Graben gestie-
felt. In der Hand hielt er eine Flasche, halbvoll mit rötlicher
Limonade.
Henry sagte, es sei alles okay, und stand auf. Er betastete
seinen linken Wangenknochen. Ich sagte, es sei besser, er
würde noch etwas liegenbleiben, doch er bestand darauf,
sofort weiterzufahren.
Der Bauer stand unschlüssig mit seiner Flasche am Wagen.
Seine Wut war verraucht, und er brummte vor sich hin.
Ich sagte ihm, es sei alles in Ordnung, und er könne weiter-
fahren.
So? fragte er mißtrauisch.
Er war vielleicht vierzig Jahre, durch seinen Stoppelbart und
das herunterhängende Kinn wirkte er älter.
Viel hätte nicht gefehlt, sagte er, viel nicht.
Henry kauerte hinter dem Wagen und betrachtete die Un-
terseite der Karosserie.
Christoph Hein 197

Gehn Sie schon, sagte ich, gehn Sie endlich.


Und da er sich unentschlossen den Kopf kratzte, fügte ich
hinzu: Sie können unbesorgt sein, ich bin Ärztin.
Verrückt so was, sagte er, viel hätte nicht gefehlt.
Er drehte sich um und ging zu seinem Traktor. Bevor er los-
fuhr, sah er zu uns. Er schüttelte den Kopf.
Ich setzte mich ans Steuer. Henry sah mich mit zusammen-
gekniffenen Augen an, sagte aber nichts und stieg ein. Ich
fuhr ein Stück auf dem Kartoffelacker entlang, bis ich einen
Übergang zur Straße fand. Die Räder wühlten sich in die
weiche Erde.
Auf der Chaussee fragte ich Henry, ob er nicht gesehen
habe, daß der Traktor links abbiege. Er sagte, er hätte ihn
zuvor noch überholen wollen. Und dann setzte er hinzu, er
habe den Wagen eine Sekunde zu spät beschleunigt, eine
Sekunde, in der er an mich gedacht habe, an mein Unbe-
hagen, schnell zu fahren. Ich schwieg. Ich ärgerte mich, ihn
überhaupt gefragt zu haben, und bemühte mich, gut zu
fahren.
Von der Mühle waren nur noch Mauerreste und verfaulte
Balken zu sehen. Offenbar war sie von der Dorfbevölke-
rung ausgeschlachtet worden. Überall wucherte Unkraut.
Wir mußten vorsichtig laufen, um nicht über in den Brenn-
nesseln verborgene Stangen und Eisen zu stolpern.
Ich fotografierte den zerfallenen, ziegellosen Dachstuhl, in
dem eine kleine Birke wuchs mit hellen, fast farblosen Blät-
tern. Um sie zu erreichen, mußte ich an den Mauerresten
emporklettern. Oben lag Gerumpel, ein altes Radio, verro-
stete Gartengeräte, ein Holzbock, durchgefaulte, blasige
Pappe. Dazwischen Erde, Strohreste, auf einem Eisenträger
eine Wasserpfütze, die ölig-violett schimmerte. Ich bewegte
mich tastend auf die dünne, buschhohe Birke zu, deren ver-
krümmter Wipfel sich nach außen bog, nach dem freien
Feld. Sehnsucht nach dem Wald. Der Spiegel der Kamera er-
faßte den Baum, einen freigelegten Eisenträger, den Ho-
rizont. Dann kam ein radloser Kinderwagen ins Objektiv.
198 VI. Novelle, Erzählung

Ich versuchte, weiterzugehen. Ein Stein bröckelte, etwas fiel

hinunter. Plötzlich bekam ich einen Schweißausbruch. Ich


faßte nach der Mauer und tastete mich zurück. Ich wagte
nicht, aufzublicken und verwünschte meine Waghalsigkeit.
Endlich erreichte ich den Mauervorsprung, wo ich hochge-
klettert war. Henry wartete unten. Er bemerkte mich nicht,
er spielte mit der Fußspitze an einer Distel. Er wirkte verlo-
ren hier draußen, mit den blanken, schwarzen Schuhen, der
enganliegenden Weste und dem Filzhut. Er stand gelang-
weilt in dem wild wuchernden Unkraut, zwischen Mauer-
resten und verfaulenden Balken, vor den dunklen, vielleicht
schon abgestorbenen Weiden am Flußrand, wie in einer Ge-
sellschaft, in der er keinen kennt und nur mühsam sein Un-
behagen verbergen kann.
Ich rief ihn. Er sah zu mir hoch und fragte, ob ich fertig sei.
Ich fragte ihn, ob er sich langweile, und er meinte, es sei er-
träglich.Er half mir, herunterzuklettern und wollte wissen,
was ich oben fotografiert habe. Ich sagte es ihm, und er sah
mich so verständnislos an, daß ich auflachte und ihn um-
armte.
Später liefen wir durch den Wald. Henry war damit be-
schäftigt, Büschen und Zweigen auszuweichen. Es war ihm
anzumerken, daß er den Spaziergang als eine unnötige und
sinnlose Strapaze empfand. Es bedeutete ihm offensichtlich
nichts, zwischen Bäumen hindurchzulaufen, auf federnden
Moosboden zu treten, die Stimmen und Geräusche eines
Waldes zu hören. Die Landschaft gehörte nicht zu ihm, er
konnte sich in ihr nicht bewegen. Der weiche, etwas mora-
stige Boden, die von Spinnweben überzogenen Sträucher,
die abgefallenen Äste, die unter unseren Schuhen leise
knackten, alles spiegelte sich in seinem Gesicht, in seinen
Bewegungen als Überdruß wider. Er war ein Stadtmensch.
Es bedeutete ihm nichts, hier draußen zu sein. Anfangs re-
dete ich fortwährend auf ihn ein, zeigte ihm, was mir auf-
fiel, hüpfte vor ihm her und war fest entschlossen, sein ge-

langweiltes Benehmen nicht wahrzuhaben. Als er mit dem


Christoph Hein. Wolfgang Hühig 199

Fuß in eine Fuchshöhle trat und gereizt fluchte, fragte ich


ihn, was er am Sonntag
vorhabe. Er stand auf einem Bein
und betastete den Knöchel. Dann trat er vorsichtig auf,
humpelte und sagte, daß er morgen zu seiner Frau fahre.
Die Antwort nahm mir für Augenblicke den Atem. Ich war
unfähig, einen Gedanken zu fassen. Mein Gehirn kreiste
taumelnd um dieses Wort. Ich wollte etwas sagen, eine un-
verbindliche Phrase, um ihm meine Gelassenheit zu demon-
strieren, und zermarterte mir den Kopf. Stell dich nicht so
an, sagte ich mir, du wirst doch nicht so blöd sein. Vor Wut
hätte ich laut aufheulen können. Ich fühlte mich gedemütigt,
hintergangen. Er hatte mir nichts gesagt. Nie hatte er von
einer Frau gesprochen, davon, daß er verheiratet sei. Und
nun die unvermutete Mitteilung. Seine Frau. Er erzählte
es ganz nebenbei. Irgendwo hatte er eine Frau, auch zwei
Kinder. Ich fühlte mich maßlos gekränkt. Warum hatte er es
mir nicht gesagt, warum nur. Warum sagte er es jetzt.

WOLFGANG HILBIG

Geb. 31. August 1941 in Meuselwitz (sächsisch-thüringisches Braunkohlere-


vier). Aufgewachsen in einer Bergarbeiterfamilie, in der der Großvater mütter-
licherseits noch Analphabet war. Nach der Lehre als Bohrwerksdreher und der
Ableistung der Wehrpflicht bei der Volksarmee u. a. Werkzeugmacher, Erd-
bauarbeiter, Heizer. Seit 1979 freier Schriftsteller, gefördert durch Franz Füh-
mann. Verließ 1985 die DDR. Lebt in Berlin.
Werke: abwesenheit G. (1979); Unterm Neumond En. (1982); stimme stimme
G. und Prosa (1983); Der Brief En. (1985); die versprengung G. (1986); Die Ter-
ritorien der Seele Prosa (1986); Wir Weiber Prosa (1987); Eine Übertragung R.
(1989); Über den Tonfall Prosa (1990); Alte Abdeckerei E. (1991); Er, nicht ich
E. (1992); »Ich« R. (1993); Grünes grünes Grab En. (1993); Die Arbeit an den
Öfen En. (1994); Abriß der Kritik. Frankfurter Poetikvorlesungen H995).

Wolfgang Hilbig entstammt einer Arbeiterfamilie und ist -


seiher lange Jahre Arbeiter - durch die Schule eines »Zirkels
schreibender Arbeiter« und von Lyrikseminaren zur Vorbe-
200 VI. Novelle, Erzählung

reitung der DDR-Arbeiterfestspiele gegangen. Er hat sich


schon früh denkbar weit von der parteilich -konventionellen
Ästhetik entfernt, die den Initiatoren solcher Veranstaltun-
gen vorgeschwebt hatte. Zu richtungweisenden Größen für
seine Lyrik und Prosa wurden nicht die der Tradition sozia-
listischer Literatur zugezählten Autoren, sondern ihre aus
dem »Erbe« ausgegrenzten Antipoden an der Schnittstelle
von später Romantik und früher Moderne: E. T. A. Hoff-
mann, Edgar Allan Poe, Charles Baudelaire sowie deren
Nachfolger in der symbolistischen, expressionistischen und
surrealistischen Literatur des späten 19. und frühen 20. Jahr-
hunderts. Hilbig, der, nachdem Buch im Westen
er sein erstes
veröffentlicht hatte, für kurze Zeit inhaftiert wurde und
bis zu seiner Ausreise nur einen Band (»stimme stimme«,
1983) in der DDR veröffentlichen konnte, bringt das offi-
ziell Tabuierte, die industrielle Verwüstung der Landschaft,
die unterdrückte Sexualität und die anhaltende mörderische
Gewalt der deutschen Geschichte zur Sprache. Er entsagt den
Illusionen sachlicher Information und distanzierter Beschrei-
bung, mischt Faszination und Schrecken, Gegenstand und
Subjekt der Wahrnehmung, wörtliche und metaphorische
Bedeutung, Vergangenheit und Gegenwart, den Raum der
engeren Heimat und den der Weltgeschichte und bringt dies
in einer von Trauer grundierten, rhythmisch differenzierten
und gesteigert selbstreflexiven Sprache prägnant zur Gel-
tung. Der folgende Auszug, der Beginn der wohl auch in
produktiv-überbietender Auseinandersetzung mit Zolas Ka-
tastrophenszenarien und Volker Brauns »Bodenloser Satz«
entstandenen Erzählung »Alte Abdeckerei«, entwirft das
Bild einer durch die Industrie gezeichneten Landschaft,
die zugleich (in der Korrespondenz von »Dämmerung« und
»Müdigkeit«) Landschaft der Seele und (andeutend in der
Metapher der »langgezogenen Wunde«, ausdrücklich im kur-
sivierten Signalwort »Rampe«) Landschaft des massenhaften
Mordens ist.
n\ w -* Wolfgang Hi big 201

Alte Abdeckerei (Auszug) Co^ * W^ °^

Ich besann mich auf ein Flüßchen hinter der Stadt, ein selt-
sam schimmerndes, an manchen Tagen fast milchfarbenes
Gewässer, das ich kilometerweit verfolgt habe, einen Herbst
lang oder noch länger, vielleicht nur,um einmal hinauszu-
kommen aus einem Territorium, das, wenn ich es endgültig
sagen soll, von den Grenzen meiner Müdigkeit eingeschlos-
sen war. Und ich folgte diesem Weg wie unter lautlosem
Flügelschlagen; wenn es dunkel wurde, begann ich mit ei-
nem Schrecken zu rechnen, vielleicht mit einem marker-
schütternden Schrei, nach welchem Stille eintritt nichts
. . .

dergleichen, die Ruhe hinter Stadt und Wald war das stete
Dasein winziger Geräusche. Äcker, Wiesen, Brachflächen,
wie sie von beiden Seiten heranschwollen im Dunst der
immer trüberen Tage, schienen das Plüßchen über manche
Strecken zu einem bloßen RiriÜsalzu drosseln; oft glich es
der bläulichen Klinge eines langen geraden Messers, das
durch entzweigeschnittenes Gelände fuhr, man meinte die
langgezogene Wunde noch dampfen zu sehen. - In eini-
ger Entfernung, in einer Senke, lagen die reglosen Augen
zweier runder Waldseen, den Blick nach innen, schon halb
unter die dunklen Lider gekehrt, die der Schatten des Wald-
rands über ihren gleichmütigen Schlummer schob. Von dort
kam ich zwischen welken Krautfeldern einen Fußpfad her-
auf, der vor dem Bach abknickte und seinen Lauf zu beglei-
ten begann; zwischen diesem Weg und dem Gewässer stand
hohes Gras, das grau gewordene, wild gesträubte Herbst-
gras dieser trüben Tage, davon mir die Sicht auf das eilige,
noch kaum hörbare Rinnsal verdeckt war. Schon bald erho-
ben sich aus dem Gras, mit fast regelmäßigen Abständen,
alte verkommene Kopfweiden, dann gab es die Weiden auch
auf der anderen Seite des Bachs; da sie stets in die Zwischen-
räume der Weiden diesseits des Bachs gesetzt waren und
sich von drüben herüber neigten, ebenso, wie die Weiden
diesseits schräg hinüber strebten über die Bachmitte, wurde
202 VI. Novell^, Erzählung

von deirnsprossenden Gezweig auf ihren dickgeschwollenen


Häuptern, geradezu ein Dach über dem Flüßchen gebildet,
unter dem\ nun, besonders wenn die Dämmerung dichter
fiel, das Rieseln des Wassers stärker tönte, ja, bald zu wider-

hallen schien, wie in einem langgestreckten Gewölbe. Und


wenn ich anhielt und lauschte, kam daß ich mich
es vor,
selbst im Innern dieser Überdachung aus Weidengezweig
wähnte, und manchmal glaubte ich mitzufließen, schau-
kelnd unter einem schwarzen Baldachin aus Weidenzwei-
gen, in einer Barke von ätzender Trauer, unergründlich trei-
bend in ziellosen Kreisen, um auf dem Sand ganz anderer
Gegenden zu stranden. Nun waren die Stimmen des Flie-
ßens zu einem dichten Geräusch geworden, so daß ich al-
les übrige Geraun aus der Dunkelheit, die das Ende des
Abends besiegelt hatte, nicht mehr wahrnahm, wiewohl es
noch da war, vielleicht in Form eines Schreitens über den
Feldern, in Form von Geraschel, von dem die Blätter win-
dig durchstreift wurden, zusätzlich vielleicht in Form rol-
lender Geräusche eines fernen Eisenbahnzugs, der fuhr und
fuhr, als dürfe er die ganze Nacht hindurch sein Rollen und
Klappern nicht enden lassen. Dann war das Geräusch des
Gewässers ein Rieseln, das mir geschwätzig um die Glied-
maßen rann und mehr und mehr alles überströmte und zu-
deckte, was von draußen noch in meine Müdigkeit eindrin-
gen wollte. Und es war das Geräusch meiner Müdigkeit
lärmte und schäumte
selbst, die wenn ich auch eher an
. . .

die Ahnungen hellwachen Trippeins und Wisperns glaubte,


eher an schlafsuchende Schatten, tappend und schwatzend,
wenn das Wasser über die Wurzeln der Weiden am Rand
des Grabens spülte, wenn es manchmal einen Stein oder
eineHandvoll Erde aus dem Ufer löste, oder an niederhän-
genden Halmen entlangstrich, daß die Vorstellung eines
winzigen Sprühens oder Zischens entstand, dem nachzulau-
schen sofort nicht mehr möglich war, weil es hinter mir ver-
schwand, oder hinter dem nächsten Zischen oder Sprühen
schon zurückgeblieben war. Wenn ich meinte, die Geräu-
Wolfgang Hübig 203

sehe würden von dem Flüßchen vor mir davongetragen,


dann wußte ich für mich, daß ich auf dem Rückweg war, auf
einem schon halb unbewußten Rückweg, in meiner Schläf-
rigkeit, der ich zu entrinnen suchte, die aber immer wieder
vor mir entstand. Es war das Flüßchen, das mir entrann . . .

doch sein Rinnen erneuerte sich fortlaufend vor mir, fort-


während erneuerte sich sein Fortlaufen vor mir ... so daß
ich manchmal anhielt, mich zu vergewissern, ob das Rinnsal
nicht hinter mir umgekehrt sei, oder abgedriftet sei in einen
Seitenarm, und im Begriff, mich inmitten völliger Lautlo-
sigkeit zurückzulassen: ich entsann mich, daß ich dem Was-
ser, seinem Geräusch, wenige Schritte schnell nachlief, um

ein schnell versunkenes Gekicher, das ich vor einem Augen-


blick glaubte gesehen oder gehört zu haben, wieder einzu-
holen . doch schon war es mir für immer entronnen, für
. .

immer war mir die Erinnerung daran verflossen, und ehe


ich es begriff, war mir in meiner Schläfrigkeit die Erinne-
rung an die Richtung entflohen, und damit die Richtung
meines Rückwegs. Und ich witterte angestrengt, um zu hö-
ren, wohin das Wasser floß: die Entscheidung darüber war
mir nicht möglich, das Gehör diente mir nicht zu jener Ori-
entierung, die meinem Auge leicht gewesen wäre, es war, als
ströme das Wasser über mich hinweg, es floß in meinem er-
müdeten Hirn nach verschiedenen Richtungen, es floß gren-
zenlos, so grenzenlos wie ein fern verebbendes Eisenbahn-
geräusch, das dennoch nicht aus dem Territorium zu fahren
vermochte, in dessen Mitte ich stand, inmitten eines Territo-
riums, das konzentrisch den Ort umkreiste, auf dem ich die
Augen geschlossen hielt. Geräusch über Geräusch rann mir
beißend durch die Augen, und ich wußte, während ich wei-
ter hastete, daß ein sonderbarer hellgrauer Dunst mich ein-
süßschmeckender Atem, er trocknete mir die Ra-
hüllte, ein
chenhöhle aus, schien meinen Schritt zu hemmen und lag
mir schwer auf Gesicht und Gliedern .und am nächsten
. .

Nachmittag, wenn ich meinen Fußmarsch wiederholte,


glaubte ich den Geruch noch immer aus den Kleidern zu
.

204 VI. Novelle, Erzählung

spüren. Seit langem schon hatte er sich in meinen Kleidern


gesammelt, in den Kleidern, die ich nie zu wechseln ver-
mochte, wie ich die Erde nicht zu wechseln vermochte . .

schon seit vielen Nachmittagen, ein Geruch, der an Alter


zunahm, je öfter ich ihn durchstreifte mit einer Logik,
. . .

die ihresgleichen zu suchen schien, sagte ich mir, daß er im-


mer älter werde, dieser Geruch, und um so zäher, desto län-
ger ich ihn durchstreife, und daß die Zeit näherkam, in der
ich ihn endlich den mir ganz eigentümlichen Geruch nennen
konnte . wenn wir andauerten, der Geruch und ich, geeint
. .

zu einem Amalgam, das die Erde wie Wasser bedeckte. An


allen Nachmittagen in einem bestimmten Herbst ging ich
diesen Weg, alle Tage eiliger, ohne Unterbrechung bald, da
ich jeden Schritt vollkommen kannte . fast jeden Fußbreit
. .

wiedererkannte, wenn mir das letzte Licht der späten Nach-


mittage half, die mir bald wie ein einziger Nachmittag wa-
ren. Und nach kurzer Zeit hatte ich mir angewöhnt, diesen
Weg am Nachmittag meinen Rückweg zu nennen. Morgen,
sagte ich mir immer wieder, werde ich dieselbe Strecke noch
einmal zurückgehen, und vielleicht ein entscheidendes Stück
weiter zurück. - Damit kämpfte ich die dumpfe Unzufrie-
denheit nieder, die mich alle Tage befiel, an denen ich erneut
bis zu einer mir schon altbekannten Stelle kam, und doch
nicht mehr zweifelte, daß eben dort meine Umkehr bevor-
stand, an genau dieser Stelle, wieder und wieder. Von genau
dieser Stelle aus begann meine Umkehr in die Nacht: es war
ein Ort, den ich so oft gesehen hatte, daß er mir vollkom-
men geläufig erschien, geläufig, aber nicht beschreibbar: die
Substantive, über die ich zu diesem Zweck zu verfügen
schien, erwiesen sich mir immer wieder als trügerische Mit-
tel, und sie hielten mir unaufhörlich die Ohnmacht aller Be-

schreibungen vor Augen ... sie nahmen sich gegenüber den


Nuancen des Sichtbaren höchstens wie dürftige Informatio-
nen aus. - Am
vorläufigen Ende jeder meiner Wanderungen
warf der Damm einer Kohlenbahnlinie die schon langweilig
gewordene Parallele von Weg und Bach, mitsamt den Wei-
Wolfgang Hilbig 205

denreihen, gründlich durcheinander. Der Bach benutzte ei-


nen Durchstich durch den Bahndamm, floß ein Stück unter
der Erde fort, tauchte erst wieder auf, wo das Gelände sich
an einer Stelle zu einer Senke abwärts stufte, dort ver-
schwand er in den Wiesen, verzweigte sich in einem Delta
von Nebensträngen und Tümpeln, nur ein paar wenige
Weiden noch ließen die Windungen seines unschlüssig sich
fortsetzenden Hauptlaufs vermuten. Der Weg führte steil
den Bahndamm hinauf, oben endete er in einer Art Plateau,
oder er lief in das Bruchstück einer Straße aus, welche,
ebenfalls erhöht, im rechten Winkel an die Bahnstrecke
stieß. Im ersten Augenblick bot sich das Bild einer wahl-
losen Erdaufschüttung, doch bei genauerem Hinsehen er-
kannte man die ruinösen Fragmente der Betonbefestigung,
die völlig verwachsen waren von Gesträuch und Gras, über-
schüttet offenbar von der Kohlenlast umgestürzter Bahnlo-
ren, und durchmischt vom Geröll der zerbröckelten Beton-
decke; es war zu sehen, daß hier eine Fahrbahn an die Ge-
leise herangeführt worden war: ich nannte dieses in dem
Wiesengrund sichtlich deplaziert wirkende und verrottende
Betonfundament die Rampe. Hier oben auf der Rampe hielt
ich an; an einigen Stellen an ihrem Rand . am Rand der
. .

Brücke . .waren noch die Stümpfe der Winkeleisen zu se-


.

hen, die einem dereinst ordnungsgemäßen, nun längst ver-


schrotteten Geländer angehört hatten; es war nicht zu leug-
nen, daß ich hier oben stets, atemlos schwankend an der ge-
länderlosen Seite auf dem Beton, mit spürbarem Schwindel
in das einige Meter unter mir fließende Wasser blickte, das
schräg und pfeilschnell unter der B rücken wölbung jagte.
Verschlammtes Gras und beinahe weiß erstorbenes Ge-
sträuch peitschten seine Oberfläche, hohles Gurgeln tönte,
wo das Wasser an den verschlickten Steinpfeilern entlang-
fuhr. Wie immer erreichte ich hier oben den Gipfel des Ein-
drucks, ganz ohne Stütze, völlig ohne eine Verbindung zu
sein zu den Bildern, die mich umgaben: mit diesem Ein-
druck hatte ich die Brücke schon erstiegen, oben fand ich
206 VI. Novelle, Erzählung

mich wieder in dem sicheren Gefühl, vollkommen entblößt


auferstanden zu sein unter dem
grauen winderfüllten Him-
mel, soeben mich erhoben zu haben unter der Nähe der
trostlosen Wolken, die nur knapp über den schwingenden
Fahrleitungsdrähten zerflogen und flatternd nach Osten ge-
fegt wurden . auf einmal erschien mir die Gegend maßlos
. .

beweglich, der Rest des Tages überrauschte mich in atemlo-


ser Schwäche, die ersten Abenddüsternisse ballten sich im
Norden unter dem Horizont, gegen den bald die Lichter in
den Dorfhäusern aufblinken mußten, um ihn zum Ver-
schwinden zu bringen. Und es war, als drehe sich mit der
Flut unterhalb der Brücke das gesamte Gelände im Kreis
und unter mir hinweg.
VII. Roman

In seinem berühmten Essay »Der Erzähler. Betrachtungen


zum Werk Nikolai Lesskows« hatte Walter Benjamin den
Erzähler im engeren Sinne, der, aus Erfahrung schöpfend,
dem Leser bzw. Zuhörer rate, vom Romancier unterschie-
den, der, »selbst unberaten«, keinen Rat geben könne. An-
gesichts derneuen »Form der Mitteilung«, der »Informa-
für die eigene Zeit auch schon die Krise des
tion«, hatte er
Romans diagnostiziert. Tatsächlich läßt sich Romanschrei-
ben unter den Bedingungen der Gegenwart als eine dop-
pelte Abgrenzungsarbeit umschreiben: einerseits gegen die
rasende Geschwindigkeit, die inassimilierbare Fülle und die
nivellierende Tendenz der atomisierten Informationen, de-
ren Träger inzwischen das Bild mehr schon als das Wort ist,
andererseits das geschichtlich überkommene Ansinnen, der
Informationsflut ein Deutungs- oder Orientierungsangebot,
womöglich gar eine moralisierende Belehrung entgegenzu-
setzen. So besteht denn die Aufgabe des heutigen Roman-
ciers darin, das neutrale geschichtliche Datenmaterial ima-
ginativ strukturierend dem individuellen und kollektiven
Gedenken zuzueignen, ohne es im Sinne einer unter den Be-
dingungen der Gegenwart illusorischen Zentralperspektive
ordnen zu wollen. So wenig ihm dabei, aufs Ganze gesehen,
die Tradition des Romans seit dem 19. Jahrhundert, als die
Form zur zu helfen ver-
literarischen Leitgattung aufstieg,
mag, so sehr bietet diese im einzelnen doch Verfahrensmög-
lichkeiten an, die produktiv fortgeschrieben werden konn-
ten. So stehen die Monumentalwerke von Uwe Johnson und
Peter Weiss, wenngleich damit nichts über ihr je eigenes Ge-
setz gesagt ist, auch in der Tradition der dokumentarischen,
ja wissenschaftlich inspirierten Romanenzyklopädien des
19.Jahrhunderts (Balzac, Zola). Die perspektivischen Über-
blendungen und subjektlosen Erzählblöcke bei Herta Mül-
208 VII. Roman

ler und Hubert Fichte bewegen sich auch in der Nachfolge


von perspektivischen Radikalisierungen, wie sie sich aus
der Entwicklung der erlebten Rede (Flaubert, James), des
inneren Monologs (Schnitzler, Joyce) und des montierenden
Erzählens (Döblin, Aragon) ergaben. Die geliehene Stimme
männlicher Pornographie bei Elfriede Jelinek ist der Reihe
jener kritischen sprachlichen Mimesis zuzuordnen, die sich,
nicht nur im Roman (Flaubert, Musil), als eine der frucht-
barsten Möglichkeiten der literarischen Moderne heraus-
gestellt hat. Es gibt kein überkommenes Modell mehr und
schon gar keins, das auf spannendes Erzählen setzt, das
sagt, was ein gültiger Roman unter heutigen Bedingungen
sei. Es existiert allein das jeweils heikle Gleichgewicht zwi-

schen ästhetisch strukturierendem Ordnungsansinnen und,


kontrapunktisch, entschiedener Enthaltsamkeit hinsichtlich
weitgehend illusorisch gewordener Letztverbindlichkeiten.

UWE JOHNSON
Geb. 20. Juli 1934 in Kammin (Pommern), gest. 23. oder 24. Februar 1984
in Sheerness-on-Sea auf der Isle of Sheppey (Themsemündung), wo er seit
1974 lebte. Bei Kriegsende in einer NS-Heimschule in Polen, von wo er floh.
1952-56 Studium der Germanistik und Anglistik in Rostock und Leipzig.
1959 Übersiedlung nach West-Berlin. Längere Aufenthalte in New York.
Büchner-Preis 1971.
Werke: Mutmassungen über Jakob R. (1959); Das dritte Buch über Achim R.
(1961); Karsch und andere Prosa (1964); Zwei Ansichten E. (1965); Jahrestage.
Aus dem Leben von Gesine Cresspahl (Bd. 1: 1970, Bd. 2: 1971, Bd. 3: 1973,
Bd. 4: 1983); Eine Reise nach Klagenfurt (1974); Berliner Sachen Aufsätze
(1975); Begleitumstände. Frankfurter Vorlesungen (1980); Skizze eines Verun-
glückten E. (1982); Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953 R. (1985); Por-
träts und Erinnerungen (1988); Entwöhnung von einem Arbeitsplatz. Klausu-
ren und frühe Prosatexte (1992); »Wo ist der Erzähler auffindbar?« Gutachten
für Verlage 1956-1958 (1992); Heute Neunzig Jahr Romanfragment (1996);
U. J. / Siegfried Unseld: Der Briefwechsel (1999).
Uwe Johnson 209

Die vierbändigen »Jahrestage. Aus dem Lehen von Gesine


Cresspahl« sind nicht nur Johnsons umfangreichstes, son-
dern auch sein vielschichtigstes Werk. Die Eintragungen, auf
die sich der Titel bezieht, beginnen am 21. August 1967 und
enden am 20. August 1968, einen Tag vor dem Einfall der
Warschauer-Pakt-Staaten in die CSSR. Mittelpunktsfigur
ist, wie der Untertitel ausweist, Gesine Cresspahl, die der

Leser aus den »Mutmassungen über Jakob« kennt und die,


nun in fortgeschrittenerem Alter, mit ihrer Tochter Marie als
Bankangestellte in New York lebt. Es sind im wesentlichen
drei Komplexe, die der Roman in der äußerlichen Mono-
tonie der regelmäßigen Tageseintragungen außerordentlich
spannungsreich und voller Korrespondenzen vergegenwär-
tigt: der New Yorker Alltag des Berufs- bzw. Schullebens,

der Freunde und Bekannten, der Wohnung in der respekta-


blen Upper West Side von Manhattan und der Ausflüge in
die nähere oder weitere Umgebung der Metropole; weiterhin
die »New York Times« mit ihren innen- und außenpoliti-
schen Nachrichten, etwa vom Vietnamkrieg und aus den
unruhigen Schwarzen- Ghettos nach der Ermordung Martin
Luther Kings und schließlich das mecklenburgische Jerichow,
dessen nationalsozialistische Vergangenheit mit der Ge-
schichte von Gesines Eltern heraufgerufen wird. Trotz der
dialogischen Vielstimmigkeit des Romans und unbeschadet
dessen, daß Johnson, der als Erzähler ins Werk selbst einge-
führt wird, sich gelegentlich weit von ihrer Innensicht zu ent-
fernen scheint, fällt Gesine nicht nur in einem äußerlichen
Sinn die zentrale Rolle zu. Alltags- und Weltgeschichte wer-
den nicht als »Ich in der Geschichte«, sondern als »Geschichte
im Ich« vergegenwärtigt: Es ist in ihrer Auswahl, Akzentuie-
rung und Wertung Gesines Lektüre der »New York Times«,
mit der es der Leser zu tun hat, und sie ist es, die dem Drän-
gen der skeptisch teilnehmenden Marie nachgibt und mit der
Geschichte der eigenen Herkunft ihre Geschichte Deutsch-
lands in Vorkrieg, Krieg und Nachkrieg erzählt. In Gesine -
wie in ihrer Tochter - hat Johnson eine skeptisch-nüchterne,
210 VII. Roman

zugleich aber moralisch-anteilnehmende Haltung gegen-


über den Katastrophenerfahrungen des 20. Jahrhunderts ge-
faßt, deren melancholische Grundierung sich vor der na-
heliegenden Resignation vorzusehen weiß: »Daß Öffent-
lichkeit und Rechtsprechung für eine Gesellschaft das sein
können, was lebensgeschichtliche Selbstreflexion für ein In-
dividuum ist, das ist der utopische Gehalt der >]ahrestage<,
wenn sie denn einen haben« (Bernd Auerochs).

Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl


(Auszug)

1. Oktober, 1967 Sonntag; Beginn der Heizperiode

Nun werden die Morgenträume wieder interpunktiert von


den Nöten des heißen Wassers, das Mr. Robinson aus dem
Keller in freistehenden Rohren durch Stockwerk nach
Stockwerk aufwärts schickt. Das Wasser erschrickt vor der
kalten Luft, prallt allseitig vor der ungleichen Federung, so
daß im Schlaf ein alter Kerl erscheint, neben dem Kopfende
des Bettes aufragend, der hat eine eiserne Kehle, eine schar-
tige Röhre hat der im Hals, der atmet mit Rasierklingen,
der frißt Glas und Schrott. Noch springen kleine Kiesel auf
und ab, knallen hin und her. Unverhofft beengt, führt der
Atem des Wassers schnelle ängstliche Schläge gegen das
Metall. Der gleichmäßige Rhythmus zerfasert in schwäch-
lichen, versiegenden Herztönen. Der Kerl denkt nicht ans
Sterben, der treibt sich einen Stacheldrahtbesen in die Kehle,
unter kratzenden, kitzelnden, schabenden Lauten, die gera-
dezu behaglich klingen. Zum Nachräumen schickt er kleine
Männer mit scharfen Hämmern hinein, die das Rohr abklop-
fen mit bedächtigen, unverhofften Hieben, abwechselnd mit
dem spitzen und dem stumpfen Ende. Die werden alle in
mehreren bürstenden Schwüngen hochgehustet und stürzen
dann dumpf unten auf, mit einem Zirpen, als brächen ihnen
die Knochen. Langsam spült der Kerl nach, aber nicht in ei-
Uwe Johnson 211

nem Schluck, sondern mit einzeln fallenden Tropfen, die


hüpfen wie die Flöhe. Ein Scherbenhaufen rasselt abwärts,
ineinander klirrend, ohne indessen aufzuschlagen in dem
schmetternden Knall, den die Erwartung vorbereitet hat.
Die Scherben sind verklumpt in gläserne Bälle, mit denen
gurgelt einer. Jetzt hüstelt er. Er fühlt sich nicht bemerkt, er
räuspert sich viele behäbige Male. Endlich hustet er los, mit
kräftigen Schulterstößen. Endlich ist der Schlaf so faden-
scheinig,daß die Bilder mitten im Laufen reißen. Es ist kein
Traum, es ist das morgendliche Anlaufen der Heizung. Die
Heizperiode hat begonnen.

Sehr geehrte Hausverwaltung, immer von neuem kann


ich dieseGeräusche nicht glauben.
Schon recht, Mrs. Cresspahl
Aber nicht in New York.
In New York müssen die Leute in den Slums halbe Tage
lang mit Hämmern an die Heizrohre schlagen, ehe der
Hauswart die Heizung anwirft.
wahr, daß unser Haus mit seinen siebzig Jahren in-
Ist es
nen durch und durch verrottet ist?
Unverkennbar, Mrs. Cresspahl. Es ist verrottet, durch
und durch. Das sind die Hypotheken, die fressen sich von
oben nach unten durch. Einen Guten Morgen übrigens,
Mrs. Cresspahl.

Später, wenn die Heizung ihre Erregung zu hilflosem Zi-


schen in den Heizkörperventilen gedämpft hat, treten die
anderen Geräusche des Sonntags auf. Da ist das Rascheln,
mit dem das gefallene Laub den Schuhen der Spaziergänger
nachgibt. Da ist der Wecker in einer der Wohnungen über
uns, der die Stunde vor dem Gottesdienst ankündigt. Da
ist der wabblige Salat aus den symphonischen Rundfunk-

programmen. Da ist der Flüsterwind im Park, der gelang-


weiltes Kindergespräch ins Fenster steckt. Da ist das leise
Klicken, das entsteht, wenn der Parkwächter sich mit sei-
212 VII. Roman

nem ganzen Gewicht an die Ketten der Kinderschaukeln


hängt, eine nach der anderen,um einem Unglück auch für
diesen Tag vorzubeugen.
Wir meinen den stillen Parkwächter, den sechseinhalb Fuß
langen, den mageren und wortkargen, der die Kinder grüßt,
als seien sie seine Arbeitgeber. Wir meinen nicht seinen
Assistenten aus dem Sommer, den Puertorikaner, der die
grüne Dienstkleidung des Gartenbauamtes zwischen den
Müttern spazierentrug wie eine Uniform, die Handschuhe
wie eine Feldflasche am Gürtel, der mit den Kindern johlte,
in straffer Haltung paradierte, bis alle ihn wahrgenommen
hatten. Wir meinen den Neger, dessen Overall die Arbeit
anzusehen ist, der die Handschuhe meist an den Händen
hat, wenn er Abfall und Laub zusammenfegt, auch unter
und hinter den Bänken, wie in eigenem Garten, während
der andere, auch noch stolz auf den grauen Schimmer in sei-
nen Haaren, die Damen unterhielt. Der andere konnte lesen
und schreiben, der muß hier nicht mehr arbeiten. Der Ne-
ger ist geblieben. Er grüßt die erwachsenen Gäste des Spiel-
platzes von langer Bekanntschaft her, jedoch nicht vertrau-
lich,mit einem beiläufigen, gleichsam verzeihenden Lächeln.
Wir kennen von ihm nicht einmal seinen Vornamen.
Zu den anderen frühen Geräuschen des Sonntags gehört
das Ächzen des Liftkabels, wenn Esmeralda den Jungen
vom Zeitungsvertrieb West End ins dreizehnte Stockwerk
fährt. Dann kommt er in dreistufigen Sprüngen hinunter
auf der dröhnenden Eisentreppe hinter dem Aufzuggehäuse
und verbreitet in Stockwerk nach Stockwerk die New York
Times, fünf amerikanische Pfund Papier, die mit sattem
Klatschen vor den numerierten Türen aufschlagen, auch vor
der Wohnung 204. Mrs. Cresspahl will nicht noch einmal
eine Sonntagsausgabe versäumen: seit gestern gehört sie zu
den Kunden dieses abgerissenen Negerjungen, der gleich
die schwere Haustür hinter sich knallen lassen wird, erleich-
tert für die wenigen Schritte, die ihn von seinem gewichtig
beladenen Karren trennen.
Uwe Johnson 213

Gouverneur Romney hat sich neunzehn Tage lang in den


städtischen Slums des Landes umgesehen. Er glaubt die
Städte am Rande der offenen Rebellion. Der Psychologe
Dr. Clark, New York, hat den Ghettoneger von heute be-
schrieben als zynisch, verbittert, feindselig und entnervt,
weil die berufliche Situation, die der Wohnverhältnisse und
die der Schule im nationalen Slum keinerlei Fortschritt auf-
weisen.
Die Sowjets werden einem ihrer Schriftsteller den Prozeß
machen, weil er protestierte dagegen, daß Schriftstellern ein
Prozeß gemacht wurde.
In der Schlacht um Conthien haben die amerikanischen
Marineinfanteristen einen neuen Audruck für den Tod un-
ter Artilleriefeuer: man wird »weggeblasen«.
Vorsitzende und Vertrauensleute von sieben Gewerkschaf-
ten, die Arbeitnehmer der New York Times vertreten, ha-
ben bei Stadt, Staat und Bund um mehr Polizeischutz gebe-
ten. Aus Angst vor Überfällen trauen die sich nicht mehr
auf die Straße vor dem Gebäude der Times, die bei die-
ser Gelegenheit ihre eigene Adresse meldet: 229 West
41. Straße.
Und die gewöhnlichen Morde.
Der Park vor den Fenstern ist jetzt ganz beleuchtet von der

Oktobersonne, die allen Farben einen Stich ins Unglaub-


liche zufügt, den gelben Laubsprenkeln im Gras, der Ele-
fantenhaut der kahlen Platanen, dem bunten Astgewirr der
Dornbüsche auf der oberen Promenade, dem kalten Hud-
son, dem verwischten Walddunst auf dem jenseitigen Ufer,
dem stählernen Himmel. Das Sonntägliche ist auf einen
Sonntag gefallen. Es ist ein nahezu unschuldiges Bild, in
dem Kinder und Spaziergänger leben wie harmlos. Es ist

eine Täuschung, und fühlt sich an wie Heimat.


214 VII. Roman

2. Oktober, 1967 Montag

Dej Buh stesti


steht gemalt in bunter Fraktur auf dem neonweißen Glas-
kasten, der den Vordergrund des Restaurants »U Svateho
Väclava« in Hälften trennt. Es sitzt versteckt auf der Ost-
seite Manhattans, in den siebziger Straßen, inmitten ungari-
scher und deutscher Wohngebiete. Der Weg dahin führt von
der Lexington-Ubahn über die Dritte und Zweite Avenue,
entlang baufälliger Quartiere, auf zerrissenem Pflaster, vor-
bei an Ladenbesitzern auf Wache bei ihren Auslagen, unter
den Blicken von Nachbarn im Gespräch auf Treppenstufen,
hindurch zwischen Unrat und narbenstarrenden Katzen,
neben verlassenen Schulhofwüsten und demontierten Autos
zu einem kleinen Wohnhaus, dessen Erdgeschoß kein Re-
staurant zu erkennen gibt. Die blaue Tür deutet mit dünn-
strichigen Rechtecken in weiß und rot die Farben der tsche-
choslowakischen Republik an, und Tschechisch spricht das
Publikum drinnen an den abständigen Tischen, vertraulich,
überhörbar, als sei dies immer noch die Zeit des Bürgertums
auf der Kleinseite von Prag. Das abonnierte Publikum ist
bejahrt, förmlich gekleidet, würdig, die von Ehe mundtoten
Paare wie jener einzelne Herr, der über erhobenem Glas die
Lippen bewegt, als spräche er mit Toten, die allein noch sein
teigiges vergreistes Gesicht erkennten. Jünger, und flotter
angezogen, sind die Vertreter der C.S.S.R. bei den Vereinten
Nationen, die Verwalter wie die Spione der neuen Macht,
die hier unbefangen neben den Entmachteten und Flücht-
lingen ihres Landes das gleiche Heimweh nach böhmischer,
tschechischer, auch europäischer Küche abfüttern. Die mö-
gen alle wissen, was »Dej Buh stesti« bedeutet; wir wissen
es nicht, und auch Dmitri Weiszand traut sich nicht an eine
Übersetzung.
Dmitri Weiszand, Gastgeber von Mrs. & Miss Cresspahl an
diesem Abend, ist geniert. Er sollte es wissen. Denn dieser
Herr mit den slawischen Knochen in seinem Gesicht, dem
Uwe Johnson 215

schweren östlichen Akzent, dem herzlichen Gehabe, ist von


Geburt Pole, den Tschechen benachbart, und nicht ihrer
Sprache? Aber Pole ist er nur von Geburt. Als die Sowjet-
union 1939 Ostpolen aus der Kriegsbeute der Nazis wie ab-
gemacht an sich zog, riß sie auch das Kind Weiszand unter
ihren Nagel und wechselte seine Staatsbürgerschaft aus und
lehrte ihn in der sonst unveränderten Schule die russische
Sprache und noch so ein schwieriges Fach, genannt Patrio-
tismus. Da hatte er schon mit den hinteren Bänken vorlieb
nehmen müssen. Als zwei Jahre später die Deutschen die
Beute zurücknahmen, kassierten sie auch den Schüler Weis-
zand, aber eine Staatsbürgerschaft hatten sie nicht für ihn,
und in einer Schule sollte er nichteinmal mehr Tschechisch
lernen. Später war er einmal zum Behelf und auf zwei Jahre
Deutscher, und die Amerikaner, als sie ihn einließen, schrie-
ben ihm das als Herkunft in seine Papiere. Er kann an
Deutsch wohl zehn Worte. Und dieser Herr Weiszand mit
seinem jugendlichen braunen Haarschopf, dem fülligen Ge-
sichtsfleisch, einer von Alter fast nicht beschädigten Mimik
und Haut, er ist in seinen vierziger Jahren, ein Absolvent
mehrerer Lager in Osteuropa, in denen er Französisch, Ru-
mänisch, Italienisch, Holländisch und eben auch Tsche-
chisch hätte lernen können, aber die Lehrer waren nicht bei
der Sache, und als er in New Jersey ausgeladen wurde, kam
er ohne Geschwister und Eltern, da war ihm die Erinnerung
an sie so zuwider wie die Sprachen Russisch und Polnisch,
in denen sie auftraten. - Einer meiner Freunde ist Professor
für Slawistik: sagt Mr. Weiszand geniert: Er wird es für uns
herausfinden, dej Buh stesti.

Marie ist nicht gern zu Gast im Restaurant Zum Heiligen


Wenzel; es gehört zu den Vorlieben, die sie Gesine nachse-
hen will. Sie kann sich nicht mit dem Gespräch nebenan un-
terhalten. Der Abstand zwischen den Tischen, die weißen
Tücher, die zu Bischofsmützen gefalteten Servietten, es er-
innert sie an Reisen nach Europa. Sie mag aber dies Land
nicht verlassen. Die Geschichte vom Heiligen Wenzel, den
216 VII. Roman

sein Bruder Boleslav am 28. September 935 erschlagen ließ,


die Erinnerung der Geschäftsleitung an ersprießliche Zeiten
auf der prager Kleinseite, auf die Rückseite der Speisekarte
gedruckt, es sind ihr zu alte Sachen. Die jungen Studenten,
die hier als Servierer arbeiten, haben immer noch ihren Hei-
matakzent, sie sind ihr zu zuvorkommend. Auch ginge
D. E. ungern in ein solches Eßgeschäft. Weiterhin, sie hat
hier in dem roten Samtkleid mit dem Spitzenkragen er-
scheinen müssen. Sie ißt unbehaglich von ihrem fremdarti-
gen Schweinebraten mit den auswärtigen Knödeln, setzt ihr
Besteck steif hin und her, hört ungeduldig dem erfolglosen
Wortwechsel zwischen Dmitri und Gesine zu.
- Was sagen Sie zu den 8,8 %, die die neuen deutschen Na-
zis in den bremer Wahlen gewonnen haben? sagt Mr. Weis-
zand, an der Cresspahlschen New York Times fingernd.
Was immer solche acht Sitze im Landtag von Bremen be-
deuten mögen, Marie hat es nicht anders erwartet als daß
ihre Mutter auf eine unangenehme Weise die Schultern an-
hebt, den Blick auf dem Teller hält, vor der Frage scheut.
Marie erinnert sich nun, warum D. E. europäische Lokale in
New York ausläßt.
Ich weiß es. Wenn ich damit leben soll, dann doch nicht in
der Nähe von Juden.

- Wie sehen Sie das Verhalten der Tochter Stalins an: sagt Ge-
sine nach einer Weile, und Marie erkennt, daß die Frage ihre
Absicht unterlaufen hat, daß sie sie wegwünscht, und tat-
sächlich wird Mr. Weiszands freundwillige Miene um ein
Winziges starr, und er kommt nicht weiter als: Gewiß, eine
Zeit lang gehörte ich zum losen Besitz von Herrn Stalin, je-
doch .., und Marie gibt ihrer Langeweile nach und beginnt,
.

vorsichtig, schiefhalsig, in der New York Times zu lesen.


»(Reuters) Die Zeitung Bild am Sonntag meldete heute, daß
Stalins ältester Sohn 1944 von den Nazis erschossen wurde,
weil er sich geweigert hatte, vor russischen Arbeitern in ei-
Uwe Johnson 217

nem berliner Rüstungswerk eine antisowjetische Rede zu


halten.«
Aber Gesines krumme Brauen, den nicht strafenden, nur
besorgten Seitenblick hält Marie nicht aus, und sie macht
sich auf den Weg, ihr Betragen gut zu machen. Sie geht zwi-
schen den Tischen zur Bar am Eingang, finster unter der
Aufmerksamkeit der übrigen Gäste, und bespricht sich eine
Weile mit dem alten Mann an der Kasse. Er ist ganz
schwarz gekleidet, er hält sein Gesicht so still, seine Augen
bewegen sich selten, und sie wendet sich nicht gern an ihn.
Aber er antwortet ihr wie einer Erwachsenen, er fordert die
Zuschauer nicht auf zur Belustigung an ihr, und während er
ihr mit einer marklosen, gleichgültigen Stimme Bescheid
gibt, bietet er ihr das Glas mit den Oliven an.
- Ich will euch sagen, was es bedeutet, dej Buh stesti: sagt
Marie am Tisch. Sie sagt es zweimal, erst auf Englisch, da-
mit Mr. Weiszand wieder an ihre Höflichkeit glaubt, dann
deutsch, um Gesine zu versöhnen: Gott bringe dir Glück,
heißt es.

3. Oktober, 1967 Dienstag

Emmy Creutz, Friedhofsgärtnersgattin zu Jerichow, schickt


ihre Rechnung wie jeden Oktober. Sehr geehrte Frau Cress-
pahl, das Abdecken Ihrer Grabstätten zum Winter macht je
sechs Mark, einschließlich Bukett. Fällig ist außerdem die
jährliche Gebühr für Dauerpflege, drei Gräber ä 20 Mark.
Aus Saigon berichtet die New York Times von Bombenan-
griffen auf Nordvietnam. Bomber vom Typ B 52 haben in
sieben Einsätzen in nur drei Tagen 110 sekundäre Explosio-
nen ausgelöst. Bei einem Angriff nordwestlich von Con-
thien verursachten die Abwürfe 44 sekundäre Explosionen
und drei Großfeuer, die die ganze Gegend in Flammen setz-
ten.
Emmy Creutz fügt ihrer Aufstellung, zur Kontrolle, foto-
grafischeAufnahmen der Gräber bei. Lisbeth Cresspahls
Eisenkreuz ist nach wie vor nicht abgeklopft und lackiert.
218 VII. Roman

Auf den Findling, den die Stadt Jerichow Cresspahl auf den
Schädel gewuchtet hat, haben die Metallbuchstaben Rost-
flecken lecken lassen. Die Platte mit Jakobs Namen, die auf
seinem Hügel liegen sollte, steht abermals davor, wie ein
Preisschild. Wo käme Emmy Creutz wohl hin, wenn sie das
Aussehen des Friedhofs den Kunden überließe.
Auf Istrien wurde Erich Rajako witsch gefangen, von 1941
bis 1943 Leiter der Deportationen im Haag. Die Nieder-
lande suchen ihn wegen der Ermordung von 100 000 Juden
(geschätzt).
Die Bilder der jerichower Gräber zeigen den Zustand vom
August, ein Gewimmel trockener Blumenfarben, keine
dunklen Töne. Nur über Lisbeth Cresspahl wächst der
Efeu, den wir für alle gewünscht haben. Aber Creutzens
müssen an ihr Geschäft denken. - Die beiden anderen liegen
in der Mittagssonne: schrieb Emmy Creutz: da hält Efeu
sich nicht. Efeu ist nicht viel Arbeit nachzusagen.
Die New York Times berichtet, zu Ehren der sowjetischen
Revolution, über die Auswirkung der Säuberung, die Stalin
unter seinen Genossen durch Beria und Alexander N. Po-
skrebyshew anstellen ließ. Poskrebyshew war zuverlässig.
Auch gegen die Erschießung seiner Frau, eines langjährigen
Parteimitglieds, unternahm er nichts.
Unsere Mehrleistungen aus dem Rechnungsjahr 1966/1967
will Emmy Creutz zum Teil mit der Anpflanzung von
Stiefmütterchen abgegolten haben (damit doch immer was
Blühendes auf einem Grab ist, Frau Cresspahl). Die hält das
für einen Garten. Für den Restbetrag, und im Vorgriff auf
das Konto 1968/1969 erbittet sie eine Erweiterung der Sach-
leistungen.
General Poskrebyshew starb seinen eigenen Tod im Herbst
vorigen Jahres, umhegt im Krankenhaus des Kreml. Seine
Erinnerung war ungetrübt. Dort erzählte er eine Geschichte
über seinen Freund Beria. - Sitzt jener Verdiente Genosse
noch: wurde Beria gefragt. Beria grinste. - Ne: sagte er. -
Der sitzt nicht mehr. Der liegt flach auf dem Fußboden.
Uwe Johnson 219

Beim Vortragen dieser Anekdote brach General Poskreby-


shew ebenfalls in brüllendes Gelächter aus.
Emmy Creutz wünscht sich als Honorar 1 Herrenpullover
(Silastik) mit Rollkragen in Weinrot, Größe 48-50, 1 bügel-
freies Oberhemd, Größe 43, und 1 Herrenanorak Größe 56,
Nylon, gefüttert, nicht so kurz, die Farbe wie Sie denken,
Frau Cresspahl. Von diesen Waren kann Emmy Creutz
nur aus der Werbung im westdeutschen Fernsehen erfahren
haben.
Nach einem anderen Opfer gefragt, verzog General Poskre-
byshew das Gesicht und sagte: Muß erschossen worden
sein. Mit dem Einsatz von Gift haben wir erst 1940 ange-
fangen, oder so in der Drehe.
Das kostet uns den Vormittag des Sonnabend in den Wa-
renhäusern um den Herald Square. Dann müssen wir das
Paket an Ite Milenius in Lübeck schicken, damit Emmy
Creutz der Zoll für Sendungen aus den U. S. A. erspart
bleibt. Ite Milenius muß amtliche Bescheinigungen über
Desinfektion beschaffen, sonst werden Textilien zu Gun-
sten der Deutschen Demokratischen Republik eingezogen.
Ite Milenius soll die Sachen auf drei Päckchen nach Jerichow
verteilen, an Emmy, Erich und Jürgen Creutz, da die Deut-
sche Demokratische Republik nicht drei Kleidungsstücke in
einer Sendung erlaubt. Dafür wird nun Ite Milenius ihrer-
seits einen Wunschzettel über Weihnachtsgeschenke bei uns
einreichen.
In Darmstadt wurde gestern der Prozeß eröffnet gegen
11 Angehörige des SS-Sonderkommandos A4, die 1941 an
der Ermordung von etwa 80 000 Sowjetbürgern, darunter
70 000 Juden, beteiligt waren. In Kiew trieben sie 33 771
Männer und Frauen und Kinder an den Rand der Schlucht
Babi Jar, erschossen sie und stießen sie hinunter in weniger
als 36 Stunden.
Wer wird denn nun den weinroten Pullover tragen, Creutz
mit seinen einundsiebzig Jahren, oder Jürgen, stellvertreten-
der Befehlshaber im Militärbezirk Schwerin, Offizier der
220 VII. Roman

ostdeutschen Armee und Gegner des westdeutschen Werbe-


fernsehens? Womöglich will er das zur Ausgehuniform an-
ziehen.
Im Juli waren noch 72 Prozent der Öffentlichkeit in den
U. S.A. für die Fortsetzung des Krieges in Viet Nam, im
August noch 61 Prozent. Jetzt sind es noch 58 vom Hun-
dert.
Amalie Creutz, die erste Frau, erhängte sich im Oktober
1945 in ihrem Schlafzimmer. Sie tat es am hellichten Tag,
zur Mittagszeit, vielleicht in der Hoffnung, sie würde noch
rechtzeitig gefunden von den beiden Arbeitern, für die sie
zu kochen hatte. Sie war im dritten Monat schwanger, von
irgend einem der elf Sowjetsoldaten, die sie im Gräfinnen-
wald vergewaltigt hatten. Das Gesuch des Bürgermeisters
Cresspahl um eine Abtreibung wurde im Krankenhaus von
Gneez und im Gesundheitsamt Schwerin zurückgewiesen.
(Und Cresspahl wurde von der Spionageabwehr der Roten
Armee in Haft genommen.) Nun hatte Amalie Creutz
Angst vor ihrem Mann, der noch in französischer Gefan-
genschaft lebte. Sie hatte Angst vor der öffentlichen Mei-
nung Jerichows, die Creutz hindern würde, ihr zu glauben.
Begraben helfen hat sie Jakobs Mutter. 1950 nahm Creutz
eine seiner Arbeiterinnen zur Frau, Emmy Burbach aus
Reichenberg in Schlesien, Witwe. Sie war zwölf Jahre jünger
als er, und anfangs war er froh, daß sie ihm die Geschäfts-
führung abnahm. Früher setzte er über ihre Rechnungs-
briefe an Cresspahls Tochter: Liebe Gesine, und darunter:
dein Erich Creutz. Jetzt steht da: Hochachtungsvoll, Emmy
Creutz.
Dann haben wir noch das Grab von Marie Abs in Hanno-
ver, Westdeutschland. Das lebt von automatischen Bank-
Überweisungen. Wenn de Sünn von'n Himmel föll, set wi
all int Düstern.
Uwe Johnson. Hubert Fichte 221

HUBERT FICHTE

Geb. 21. März 1935 in Perleberg (Brandenburg), gest. 8. März 1986 in Ham-
burg. Sohn Juden und protestantisch getauft, wuchs in Hamburg-Lok-
eines
stedt bei der Mutter und dem Großvater mütterlicherseits auf. Nach dem
Krieg Kinderdarsteller, Schauspielstudium. Bekanntschaft mit Hans Henny
Jahnn. Arbeitete längere Zeit in der Landwirtschaft. Seit 1963 freier Schriftstel-
ler in Hamburg. Studienaufenthalte u. a. in Brasilien und der Karibik.
Werke: Der Aufbruch nach Turku En. (1963); Das Waisenhaus R. (1965); Die
Palette R. (1968); Detlevs Imitationen »Grünspan« R. (1971); Interviews aus
dem Palais d'Amour etc. (1972; erw. Neuausg. u. d. T. Wolli Indienfahrer,
1978); Versuch über die Pubertät R. (1974); Xango. Die afroamerikanischen
Religionen. Bahia, Haiti, Trinidad (1976, 2 Bde.); Petersilie. Die afroamerika-
nischen Religionen. Santo Domingo, Venezuela, Miami, Grenada (1980,
2 Bde.); Die Geschichte der Empfindlichkeit (1987-94, 16 Bde.).

Gegen Ende des »Versuchs über die Pubertät« stellt Hubert,


der Ich-Erzähler von Fichtes Roman, fest: »Allmählich ent-
wickelt sich in mir die Freiheit, das Diskrepante zu schrei-
ben, das ich früher in der Lokstedter Einheitlichkeit sorgsam
wegstrich; meine Niederlagen fixieren, Sprünge, Widersprü-
che, das Unzusammenhängende nicht kitten, sondern Teile
unverbunden nebeneinander bestehen lassen, mit zwei fal-
schen, übertriebenen Aussagen die Tatsachen anpeilen.« Die
selbstreflexive Schleife, die der Roman damit vollzieht, steht
in der kritischen Nachfolge Prousts, auf den vor allem in der
zweiten Hälfte immer wieder angespielt wird. Wie »Ä la re-
cherche du temps perdu« entwirft der »Versuch« eine mehr-
fache, u. a. sexuelle und künstlerische Suchbewegung. Wäh-
rend Proust diese jedoch im Augenblick der wiedergefun-
denen Zeit zum Zielpunkt einer innerweltlichen Epiphanie
zu führen beansprucht, hält Fichte am »Diskrepanten« al-
lerErfahrung bis in den letzten Abschnitt des »Versuchs«
an den Vorspann anknüpfend, »Magie« als »große
fest, der,
Einbettung ins Instinktive« und Leben »in einer ganz säku-
larisierten Welt« pointierend gegenüberstellt. Folgerichtig
verbinden sich bei ihm lineares Erzählen im Anschluß an
den autobiographischen Roman und montierende Arran-
222 VII. Roman

gements, Dokumentation und Imaginäres, Ich-Erkundung


und Zeitgeschichte. Der Erzähler des »Versuchs« erfährt sich
als »ein Mischling ersten Grades, ein uneheliches Kind und
nun auch noch schwul«. Nach einer glücklichen Formulie-
rung Hans Mayers weitet sich die »Selbstauskunft« zur
»poetischen Anthropologie«, in der die Initiation des europäi-
schen Homosexuellen neben magische Praktiken in den syn-
kretistischen Religionen Südamerikas zu stehen kommt.

Versuch über die Pubertät


(Auszug)

Ich beschreibe Alex und lese es ihm vor:


»Mein Freund, der Trinker.
Ich höre seine Schritte aufdem Gartenweg. Ich öffne - und
schon als er mir an der Tür entgegentritt, ist es offenkundig
für mich, daß er entweder unmittelbar vorher zufällig zu
trinken begonnen hat oder daß er in der vorigen Nacht
schon betrunken war und mich jetzt, nachdem er geschlafen
hat, nur aufsucht, um mich nicht vergeblich auf ihn warten
zu lassen.
Aber er befindet sich noch unbestimmt vor dem neuen
Rausch, noch ist seine Sucht nicht voll erwacht.
An den unscheinbarsten Anzeichen erkenne ich untrüglich
seinen Zustand: Scheinbar geht er mit heiterer Sicherheit die
Treppe hinauf. Aber diese Gelöstheit ist lediglich eine ange-
strengte Verlangsamung jeder Bewegung, aus Furcht, unsi-
cher aufzutreten.
Als eine leichte Unterhaltung auflebt (in der jeder den ande-
ren glauben machen will, daß er noch nicht weiß), fließen
ihm für einige Sekunden die Worte ungeformt ineinander,
auch scheinen seine Gedankengänge unterbrochen, er zö-
gert und spricht endlich weiter. Wenn er zuhört wieder,
sieht er zuweilen ohne Anteilnahme vor sich hin, und wahl-
los sind seine Ablehnung oder sein Zustimmen.
Hubert Fichte 223

Auf der Straße dann spricht er von der Sonne und ich kann
ahnen, wieviel glühender und gesonderter schon für ihn das
Licht sein mag, wie ihn die Umgebung mit einer neuartigen
Tiefe einfängt und sich in wechselnder Spannung verdichtet
und wieder in einzelne Bestandteile spaltet, die sich aus ih-
rer gewohnten Fügung lösen und ihm in neuer Bedeutung
und geheimnisvoller Beziehung wahrnehmbar werden.
Er will Kaffee trinken, aus einem letzten Alltagswunsch,
sich zu ernüchtern vielleicht, sicherlich aber, um seine Wach-
heit und Empfangsbereitschaft zu steigern, um nicht ohne
Bewußtsein in das unwegsame Gebiet seines Trunkes einzu-
dringen, denn er sucht eine eigenwillige Erfahrung, eine ein-
same Kenntnisnahme, in der es keine Gefolgschaft gibt.
Jedem anderen erscheint es als ichsüchtiges Laster. Immer
wieder wird er davon erfüllt, erblich haftet es ihm an.
Aber als echtes Laster, das ihn prägt und dem er unbedingt
und entsetzlich verzweiflungsvoll immer nachhängen wird,
da es ein Bindeglied seines Wesens darstellt, ist es einem
genauen Verhältnis von Forderung und Erfüllung unter-
worfen.
Ich schlage eine Gaststätte vor und auf dem Weg dorthin
unterhalten wir uns mühelos.
Da entlädt sich plötzlich über ein unbedeutendes Vorkomm-
nis seine langsam angestaute Sehnsucht in Unwillen.
Noch zeigt ihm ein letztes Alltagsbewußtsein auf, wie weit
ihn das Trinken für heute schon gewonnen hat, und die
Angst auch, daß er sich beim Abstieg verlieren könnte, ohne
sich tief in sich neugestaltet wiederzufinden, nötigt ihn zu
matten Lügen vor sich selbst und treibt ihn dann zu dieser
trotzigen Begierde.
Die Gaststätte ist erreicht.
Im Dunst der Wirtsstube zittert seine Fassung. Als er sich
setzt, schwankt er.
Von dem ersten, schleunigen Schluck Bier haftet weißer
Schaum an seinen Lippen. Nun gießt er den Schnaps in das
restliche Bier.
224 VII. Roman

Mit zurückgelehntem Kopf und halbgeschlossenen Augen


leert er das in seiner Hand Glas gleichmäßig
leicht zitternde
in sich hinein. Er halben Liter
bestellt Zigaretten, einen
Bier, einen Schnaps. Und während er mir gesprächig von
dem Rausch der vergangenen Nacht erzählt, regt es sich von
neuem in ihm, er wird davon erfaßt und macht sich auf den
Weg hinunter.
- Einen halben Liter Bier, einen Schnaps.
Unachtsam, wenn er spricht, schlägt er über Tisch und Fuß-
boden seine Zigarettenasche ab - er will sie wieder vom
Tischtuch blasen, aber er wirbelt auch aus dem Aschbecher
die Reste auf, die dann über den ganzen Tisch rieseln. Als er
sich jedoch mit dem brennenden Ende der alten Zigarette
die neue anzündet, gelingt ihm dies mit jahrelang geüb-
ter Fertigkeit. Seine Augen werden von dumpfer, schwerer
Farbe - mit geminderter Schärfe, als haben sie sich aus ih-
rer Fassung gelockert, gleiten sie zögernd über die Um-
gebung.
Unbefriedigt von sich, bezeichnet er empört, mit der Un-
trüglichkeit seines wiederbelebten Trunkes, jedes Versagen
seiner Umwelt.
mischt er den Inhalt des nächsten großen und klei-
Eilfertig
nen Glases. Von der alten Zigarette läßt er die Hälfte zu-
rück, wenn er sich die neue anzündet. Langsam fallen seine
Augen zu, es ist, als schwelle jedes Lid bis zur Braue hin an
und gleite so, lastend, immer weiter hinab an der feuchten
Fläche des Augapfels.
Auch die Linie von den Nasenflügeln hinab vertieft sich,
die Lippen sind knapp gespannt, noch betont durch kleine
Falten, die von den Mundwinkeln her an der Unterlippe
entlangstreben.
Je mehr er trinkt, desto schwerer legt sich ein tiefer Zug von
tiefer Entbehrung über sein Gesicht.
Mit großer Bewegung wischt er sich den Mund mit dem
Handrücken ab und fährt durch sein Haar. Zuckend öffnet er
die Augen. Aus Angst, abzustoßen, setzt er ungeschickt ein
Lächeln auf. Er sucht wohl ein heitres Wort. Umsonst, kein
Hubert Fichte 225

Scherz ihm ein. So bittet er mich, ihn zu verlassen, da er


fällt

betrunken (Wenn ich jetzt gehe, wird er weitertrinken,


sei.

bis sich die Grenze zwischen Iris und gelbgewordenem Au-


genweiß verwischt und er vor Atemnot und Bewußtseinsläh-
mung die Anfangssilben der Wörter mehrmals wiederholt.
Vielleicht überkommt ihn ein Weinkrampf, er prügelt sich
und zerschlägt alles oder er begeht wieder einen Selbst-
mordversuch und man liefert ihn, vielleicht endgültig, in
eine Heilanstalt ein. - Oder geht auch er, wenn ich ihn ver-
lasse, ernüchtert, daß ihm keiner mehr zuhört?)
Da bricht er in mein Zögern hinein, aus Angst, allein zu
bleiben, in Haß und Abscheu aus. Hastig will er sich eine
neue Zigarette anstecken, angestrengt runzelt er die Brauen
und kneift die Augen zusammen, Mund, selbst die neue
sein
Zigarette, die er steif mit den Lippen und der linken Hand
hält, sind eins nach dem anderen gespannt auf das Anzün-
den mit dem glimmenden Rest, der in der anderen Hand hin
und her zuckt und der sich dann, ungenügend gelöscht, im
Ascher in einem gradlinigen Rauchfaden aufzehrt.
Seine Worte verlieren sich unverständlich. Er wünscht Kaf-
fee. Er bezahlt. Er bestellt von neuem Bier. Er bezahlt aber-
mals. Ich will gehen. Ich reiße mich los. Durch meinen be-
stimmten Aufbruch erstaunt, folgt er mir. Er taumelt. Seine
Hände streckt er weit von sich, der Tür entgegen, und
schwankt an den Pfosten vorbeiwischend hinaus.
An der Luft, in der neuen Umgebung zutiefst aufgewühlt,
schlägt er die Hände vor sein Gesicht, er prustet unwillig
und stöhnt und stammelt. Ich ziehe ihn weiter.
Um mit dem Fuß erst über den
fest aufzutreten, tastet er
Boden hin und bevor er ihn niedersetzt jedoch, lenkt er
her,
ihn, plötzlich in seiner Absicht unterbrochen, zu sehr nach
außen. Mit dem nächsten Schritt versucht er, diese Abirrung
auszugleichen, aber er gleitet zu weit in die entgegenge-
setzte Richtung. Manchmal hält er sich flüchtig an einer
Mauer.«
226 VII. Roman

Die Toten ohne Begräbnis wollen nicht wieder aus meinem


Hals heraus. Trotz Stimmbildner Brau 's Bemühungen, ver-
weigert die Prüfungskommission dem frühreifen Altklugen
gerne das staatliche Schauspielerpatent.
Die Stimmbänder sind nicht mehr zu retten.
Emmi und Herrman Ohlsen schmeißen Alex raus.
Als ich am Montag pünktlich wie verabredet komme, sagt
Emmi:
- Es ging nicht mehr!
Das sagt man immer: Es ging nicht mehr!
- Er beschimpfte die Untermieter und die Nachbarn. Er
brannte Löcher in die Vorhänge. Er hielt den Hausstand
auf, daß der Junge nicht mehr rechtzeitig in die Schule kam.
Ich hätte beinahe meine Stellung bei Lehmitz verloren. Der
Wermut zerstört alles. Ein so gebildeter und vornehmer
Mensch, wenn er nüchtern war.
Herrman ist es peinlich.
Er hat Alex in einem Hotel in der Königstraße unter-
gebracht und bezahlt heimlich von dem Geld, das Emmi
hinter Bergen von Schmalz und Eisbein verdient, die auf
schmale Zettel in hartnäckiger Schrift geschriebenen Rech-
nungen der Absteige.
Herrman bringt mich bis an die Tür.
Ich gehe das nach Graupen riechende Treppenhaus hoch
und in dem rosa Nuttenzimmer liegt Dante und ruft:
- Ich will zu Herrman!
Ich ziehe ihn an und führe ihn durch die Graupen hinunter,
raus in die nüchterne Sonne der Königstraße und die ganze
Welt sieht zu, die früh frühstückenden Maurer, die Straßen-
bahnschaffner, die Bierverleger, die Schornsteinfeger, die
Jungen und Mädchen in der Pubertät, wie Alex mich ein-
hakt, und ich führe ihn, geniert und erhaben, wie Antigone
ihren Vater, Fußlänge um Fußlänge.
Er glaubt, es geht zu Herrman Ohlsen zurück, aber ich
führe ihn im Kreis, denn Herrman hat gesagt:
- Ich will ihm gerne von Emmis Verdientem das Hotel
bezahlen, aber wenn er zurückkommt und zerstört meine
Hubert Fichte 227

Familie, wie er seine Familie zerstört hat, dann kriegt er


Prügel!
- Wo ist Herrman? ruft Alex.
- Ich kann Herrman nicht finden, sage ich und führe ihn an
den Maurern vorbei wieder zurück zu dem kleinen Hotel in
der Königstraße.

- Was machen Sie denn nun? fragt Herr Kaufmann im Ar-


beitsamt Besenbinderhof und spielt mit seinen Stempeln,
zögert die Pause hinaus, bis er den Datumsstempel auf die
häßliche Karte drückt, der bedeutet, ich habe mich gemel-
det, ich war bereit zur Arbeitsvermittlung, und der mir das
Recht gibt, 23,85 in Niendorf, zwischen Oberschule und
Friedhof, abzuholen.
Die Idee des Arbeitsamts ist für mich immer noch verbun-
den mit Rasierklingen und Parteiabzeichen, Hungersuppe
und Einweisungsbefehlen für Halbjuden, und der Stempel,
mit dem Herr Kaufmann zögert, ist nicht weit von meiner
Haut entfernt.
- Was ich nun mache? Ich hänge das Scheißtheater an den
Nagel und fahre nach Frankreich und arbeite in der Land-
wirtschaft!
Das istallerdings eine aparte Antwort.
Und da »Landwirtschaft« in Deutschland immer noch
»Scholle« bedeutet und Herr Kaufmann nicht die Arbeits-
losen haßt, sondern die Schauspieler, die Dekadenten, die
Nichtstuer, die Entarteten, ruft er:
- Bravo! Gratuliere! Also zwei Monate gebe ich Ihnen
Zeit.
Und stempelt, stempelt endlich, drückt den Stempel ins Kis-
den schmutzigen Pappfet-
sen, haucht ihn an, brennt ihn in
zen wackelt beim Drücken hin und her, atmet
ein, drückt,
auf und hängt den Stempel zurück.

Der Zollinspektor a. D. kassiert von seiner arbeitslosen


Tochter Miete. Er hat seinem arbeitslosen Enkel die Stun-
228 VII. Roman

den beim Stimmbildner Brau bezahlt; aber Miete verlangt


er von seinem Enkel auch.

Uns gegenüber wird ein Haus gebaut.


Fast wie unseres.
Ein Einfamilienhaus, wo aber dann doch die Tochter, wenn
sie keinen abgekriegt hat, oder der geschiedene Sohn mit ei-
nem entsprechenden Butterbrotaufstrich geduldet werden
können.
Unterkellert, Wohnstube, Herrenzimmer, Küche - im Erd-
geschoß. Oben das Schlafzimmer der Eltern und ein halbes
Zimmer mit Dachschrägung und ein Gelaß.
Das unbebaute Grundstück war den Vorkrieg, den Krieg
hindurch und die schlechte Zeit über zu etwas Unverwund-
barem aus Brombeeren, Amseln, Kröten, Flieder zusam-
mengewachsen. Jetzt wird es von einem blauen Donnerwa-
gen besetzt.
«Ein dicker, cholerischer Mann, eine geduldige Frau, eine
freundliche Tochter und ein unausstehlicher Junge, dem die
Pubertät die Brustwarzen aufschwellt, schachten, schleppen,
graben, zimmern, klettern, fügen, mischen, gießen, schau-
feln, stampfen, lachen, schimpfen, pissen, essen, weinen,
putzen, niesen, loten und so weiter.
Meine Familie liebt diese Familie gegenüber nicht.
Ein Homosexueller lernt gewisse Lektionen der normalen
Gesellschaft nicht, dafür lernt er die Lektionen der Homo-
sexuellen.
Ich beobachtete den Jungen von gegenüber nicht.
Ich beobachte ihn doch, aber nicht, um mich ihm zu nähern,
sondern um ihn wegzudrängen.
Ich will nicht schon wieder einen Freund fürs Leben.
Ich reagiere wie eingeschnappt auf seine Schlager, Flöter,
Jodler und auf sein:
- Guten Morgen!
Die Angst des Homosexuellen, sich am Arbeitsplatz, in der
Stammkneipe, in seinem Wohnblock auszusetzen.
Hubert Fichte. Peter Weiss 229

Das heißt: Ich sublimiere und werde von den Normalen als
wertvoll erachtet.
Das Haus gegenüber nimmt zu.
Wo früher der Wind war oder Zweige mit Äpfeln, sind jetzt
schon Wände und Höhlungen; bald werden es Nierentische
und Fernsehtruhen sein.

PETER WEISS

Geb. 18. November 1916 in Nowawes bei Berlin, gest. 10. Mai 1982 in Stock-
holm. Mit den Eltern Emigration über England, die Tschechoslowakei und die
Schweiz nach Schweden, wo er bis zu seinem Tod lebte. Maler; Filmregisseur.
Seit 1960 freier Schriftsteller. Schrieb zunächst schwedisch, erst seit den fünfzi-
ger Jahren deutsch. Büchner-Preis 1982.
Werke: Der Schatten des Körpers des Kutschers E. (1960); Abschied von den
Eltern E. (1961); Fluchtpunkt R. (1962); Nacht mit Gästen Dr. (1963); Das Ge-
spräch der drei Gehenden Prosa (1963); Die Verfolgung und Ermordung Jean
Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton
unter Anleitung des Herrn de Sade Dr. (1963); Die Ermittlung. Oratorium in
11 Gesängen (1965); Gesang vom Lusitanischen Popanz Dr. (1967); Diskurs
über die Vorgeschichte und den Verlauf des langandauernden Befreiungskrie-
ges in Viet Nam als Beispiel für die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes
der Unterdrückten gegen die Unterdrücker sowie über die Versuche der Verei-
nigten Staaten von Amerika, die Grundlagen der Revolution zu vernichten
Dr. (1968); Rapporte Ess. (1968); Trotzki im Exil Dr. (1970); Hölderlin Dr.
(1971); Rapporte 2 Ess. (1971); Der Prozeß Dr. (1975); Die Ästhetik des Wider-
stands R. (1975-81, 3 Bde.); Stücke 1 (1976); Stücke 2 (1977, 2 Bde.); Notizbü-
cher 1971-1980 (1981, 2 Bde.); Notizbücher 1960-1971 (1982, 2 Bde.).

Peter Weiss' spätes Hauptwerk »Die Ästhetik des Wider-


stands« bringt - gegen die kunstfeindlichen Tendenzen der
68 er- Bewegung, deren politischen Zielen ihr Autor kritisch
verbunden war - Literatur und bildende Kunst als unver-
zichtbare Archive der Erinnerung geschichtlicher Katastro-
phen zur Geltung. Auf ihrem Weg vom Berlin des Jahres
1937 über den Spanischen Bürgerkrieg ins skandinavische
Exil erlebt die nur passagenweise als Ich-Erzähler hervor-
tretende Mittelpunktsfigur die Niederlagen der kämpfenden
230 VII. Roman

Linken. Neben den Skulpturen des Pergamon-Frieses wer-


den insbesondere Gemälde wie Picassos »Guernica« und
Gericaults »Floß der Medusa« in ausführlichen, auch kom-
positorisch bedeutsamen Evokationen sprachlich vergegen-
3
wärtigt. Die an ihnen - wie an Weiss eigenem Werk - ables-
bare »Ästhetik des Widerstands« ist, als genitivus objectivus
und genitivus subjectivus, doppelt bezogen: Sie ist zugleich
ästhetische Gestaltung des Widerstands und - unter Ein-
schluß von Folter und Hinrichtung - Ästhetik, Sinnlichkeit,
Körperlichkeit des Widerstands selbst. Die »Ästhetik des Wi-
derstands«, laut Untertitel ein »Roman« (worin sich ihr
Gattungscharakter keineswegs erschöpft), hat wie Dantes
»Divina Commedia«, auf die sie Bezug nimmt, die äußere
Form eines Triptychons. Der folgende Auszug ist dem Be-
ginn des zweiten Teils entnommen und schildert, wie sich die
Freiwilligen der Internationalen Brigaden nach dem Sieg
Francos im Spanischen Bürgerkrieg gestrandet in Paris wie-
derfinden. Das Thema »Floß der Medusa«, das schon in den
vorausgehenden Spanien-Passagen beiläufig angeschnitten
wurde, wird nun mit der Lektüre des Berichts aufgenom-
men, der Gericaults Gemälde zugrunde lag, bevor dieses
selbst im Louvre den Betrachter überwältigt und ihm das
Ausmaß seines Scheiterns in Sinne und Bewußtsein brennt.
Die erschöpften Republikaner - zu Beginn des Auszugs wer-
den sie noch wie die Schiffbrüchigen Gericaults beschrieben
- erscheinen am Ende in gesteigert halluzinatorischem Rea-
lismus als Opfer der »mächtigen Fluten«: »Bald vor, bald
zurückgeschleudert, um jeden Atemzug ringend, die Schreie
der über Bord Gespülten vernehmend, ersehnten wir den
Anbruch des Tags.« Mit der Erfahrung von Kunst verbindet
sich nicht die utopische Perspektive einer geschichtlichen
Versöhnung, sondern die Gewißheit einer Katastrophe, die
wie die mythische Medusa schockhaft erstarren macht. We-
sentlich in ihm, diesem Schock, sieht Weiss die Möglichkeit
der Kunst angelegt, in erfahrungsgesättigtem Gedenken den
Blick auf eine menschenwürdige Zukunft offenzuhalten.
Peter Weiss 231

Die Ästhetik des Widerstands


(Auszug)

Der bärtige Zwerg aus Ebenholz hielt in seinen Fäusten den


Leuchter über mich. Kanapees, riesige gepolsterte Sessel,
Tische mit Marmorplatten oder mit Intarsien verziert, spie-
gelten sich im Parkettboden, an den mit Damast bespannten
Wänden hingen dunkle Gemälde, Seestücke, Landschaften,
in schweren Goldrahmen, einem Altar gleich erhob sich der
Vorbau des Kamins, und unter dem dreiteiligen Fenster in
gotischem Stil führte eine Wendeltreppe hinauf zur Galerie,
die, mit einem Geländer voller Chinoiserien, den Saal in
halber Höhe umlief. Schlafende lagen auf den Sofas, kauer-
ten in den Fauteuils, zerschlißne Kleidungsstücke waren
über die Lehnen geworfen, ein nackter Fuß ragte aus einer
Decke hervor, eine schlaffe gedunsne Hand hing hinab zu
staubigen Stiefeln. Wieder lagerten wir in einer dieser Hal-
len, die zu nichts anderm dazusein schienen, als uns an den
Dualismus zu erinnern, der unser ganzes Vorhaben be-
stimmte. Doch waren wir diesmal nicht gekommen, um das
prunkvolle Bauwerk eines zeitweilig außer Kraft gesetzten
Finanzadels zu requirieren und für unsre Zwecke zu benut-
zen, sondern um uns beherbergen zu lassen vom Haus-
herrn, für die Dauer einiger Tage, ehe wir, jeder seinen eig-
nen Weg suchend, weiterziehn würden. Entlassen aus der
zerfallenden spanischen Republik, am Abend in Paris einge-
troffen, hatten wir unser Quartier bezogen in der Biblio-
thek der Cercles des Nations, an der Rue Casimir Perier,
diesem Palais, das während des Zweiten Kaiserreichs errich-
tet worden war für den Marquis d'Estourmelle, und das un-
ter seinem jetzigen Eigentümer, dem schwedischen Bankier
Aschberg, der Weltfriedensbewegung und dem Ausschuß
zur Gründung einer deutschen Volksfront zur Verfügung
stand. Übermüdet, doch zum Einschlafen nicht fähig, war
ich zu den Regalen gegangen und auf ein Buch gestoßen,
das ich zur Lektüre an mich nahm. Von den Sätzen auf den
232 VII. Roman

vergilbten Seiten ging eine ungemein beruhigende Wirkung


aus, obgleich der Bericht sich mit Gewißheit auf die Kata-
strophe hinbewegte. Es war, als ließe sich, angesichts des
hier beschriebnen, längst vollendeten Ereignisses, alles, was
aufgerissen in mir lag, zu einer Schlichtung bringen. Den
siebzehnten Juni Achtzehnhundert Sechzehn, morgens um
sieben Uhr, bei gutem Wind, hatte das nach dem Senegal be-
orderte Geschwader, unter Anführung des Fregattenkapi-
täns, Herrn von Chaumareys, die Reede der Insel Aix ver-
lassen. Bereits vier Jahrhunderte vor der Ausfahrt der fran-
zösischen Flotteneinheit war Cadamosto, der Venezianer,
im Auftrag Portugals, den Fluß im Senegalland hinaufgese-
gelt, die Portugiesen hatten ihre Faktoreien an der Küste
etabliert, die Holländer lösten sie ab, und diese wurden von
den Franzosen vertrieben, die im Delta die Stadt Saint Louis
gründeten und zum Zentrum des Sklavenhandels machten.
Fortan standen die Niederlassungen zwischen dem Cap
Blanc und dem Gambia Strom abwechselnd unter französi-
scher und englischer Hoheit, bis das Gebiet, durch die Pari-
ser Verträge von Achtzehnhundert Fünfzehn, Frankreich
überlassen wurde. Nach der langen Zeit der Kriege, der
französischen Niederlage, der Verbannung Napoleons auf
Sankt Helena, konnte Großbritannien, das fast alle verlang-
ten Kolonien erhalten hatte, es sich leisten, Frankreich, bei
der Installierung des achtzehnten Louis, die von Trocken-
steppen und Halbwüsten bedeckte Landspitze im äußersten
Westen Afrikas zuzusprechen. Vom Kap der Guten Hoff-
nung aus die Bodenschätze des Südens erschließend, im Be-
sitz der fruchtbaren Ufer des Gambia und des Hafens Bat-
hurst, behielten die Engländer sich zudem das Recht vor,
gemeinsam mit den Franzosen den Handel mit Kautschuk
zu betreiben und durch eigne Forts und Umschlagstellen zu
sichern. An Bord des durch den Golf von Biscaya steuern-
den Flaggschiffs Medusa befanden sich der Gouverneur und
die übrigen Beamten, die Frankreichs neue Kronkolonie
verwalten sollten, einige Ingenieure, Landvermesser und
Peter Weiss 233

Siedler, fünf Ärzte und zwei Apotheker für das Hospital,


ein Teil der Offiziere und Marinesoldaten der drei Kompa-
nien, zu je vierundachtzig Mann, die der Garnison zuge-
ordnet worden waren, vier Magazinwärter, sechs Schreiber,
zwei Oberschreiber sowie einunddreißig Bedienstete, dar-
unter acht Kinder. Insgesamt wurden vom Seefahrtsmini-
sterium dreihundertfünfundsechzig Menschen nach dem Se-
negal ausgeschickt, von denen etwa zweihundertvierzig auf
die Fregatte und die andern auf die Korvette Echo, die Bark
Loire und die Brigg Argus kamen, eine Zahl, die sich, in
Anbetracht der wachsenden Interessen Europas am afrika-
nischen Kontinent und in Erwartung weitrer Zwistigkeiten
bei der Aufteilung der eroberten Areale, geringfügig aus-
nahm. Die Unternehmung, in ihrer improvisierten, fahrläs-
sigen Art, entsprach der Lage, in der Frankreich sich befand,
erdrückt von der Last der Kriegsschulden, die an die Bank
von England zu zahlen waren, gleichzeitig von England
und den Alliierten, in Besorgnis um das Wiederaufkommen
revolutionärer Impulse, hergerichtet zu scheinbarer Stabi-
lität. Der König, nach zwanzig Jahren Exil, hatte seine

Günstlinge in die leitenden Ämter eingesetzt, ohne Erfah-


rung waren die aus der Emigration zurückgekehrten Ari-
stokraten, beseelt nur vom Drang, wieder zu Einfluß und
Besitz zu gelangen. Mehr als an den Auftrag, dem Hof Ge-
winn zu bringen, dachten die Beamten an die Möglichkeit
eigner Bereicherung, hoffend, die einst von den Portugiesen
gemeldeten Goldadern an den obern Läufen des Senegal
wiederzufinden. Auch die Offiziere versprachen sich Ein-
künfte von den Streifzügen im Busch, vom Verkauf von
Elfenbein, Häuten und Fellen, und die Leute des Bataillons
konnten allenfalls mit Abwechslung rechnen bei den Straf-
expeditionen gegen die Stämme der Berber. Ansonsten
schien sich alles im Rahmen des kleinlich Administrativen,
zu bewegen, ohne Stoff weder für Triumphe
fast Idyllischen
noch für Tragik. Der Leser aber, der sich im November
Achtzehnhundert Siebzehn in das eben erschienene Buch
234 VII. Roman

über den Schiffbruch der Medusa vertiefte, sah, wie sich


hier die Epoche der er lebte, aus Engstirnig-
entfaltete, in
keit, Selbstsucht und Habgier sah er ein Imperium mit pro-
vinziellen Zügen emporwachsen, die Profiteure sah er, und
deren Opfer. Die Leiden der Ausgesetzten auf dem Floß
des gestrandeten Schiffs hatten ihn, wie viele andre, erschüt-
tert, die Schrift der beiden Überlebenden, Savigny und Cor-

reard, die ich in der zeitgenössischen deutschen Überset-


zung in der Nacht vom zwanzigsten auf den einundzwan-
zigsten September Neunzehnhundert Achtunddreißig las,
brachte ihm nun eine Fülle von Szenen nah, aus denen sich,
nach einem Jahr des Entwerf ens, jene Zusammenfassung
ergab, die in seinem großen Bild in Erscheinung trat. Die
Phasen wurden mir deutlich, die der Maler, auf der Suche
nach einem Ausdruck für seine Empörung, durchlebt hatte.
Gleich nach der Umseglung des Kap Finisterre, bei schö-
nem Wetter und schwachem Nordost, stellte ein Vorfall die
Fahrt unter das Zeichen des Unheils. Als man sich, den
Sprüngen der Tümmler zusehend, auf dem Achterdeck der
Fregatte befand, war ein Aufschrei zu hören gewesen, ein
Schiffsjunge, hieß es, sei über Bord gestürzt und, nachdem
er sich einige Augenblicke noch an einem herabhängenden
Strick festgehalten habe, bei der schnellen Fahrt abgetrie-
ben. Mit dem Sinn für Genauigkeit, den die Autoren schon
bei der Aufzählung der Teilnehmer an der Expedition an
den Tag gelegt hatten, beschrieben sie nun, da sich über den
Verunglückten nichts mehr vermelden ließ, die ausgeworfne
Rettungstonne. Diese, an einem Tau befestigt, aus Kork-
stücken zusammengefügt, einen Meter im Durchschnitt
messend, eine kleine Flaggenstange tragend, ließ sich von
Gericault zeichnen. Ihre Leere, und die Leere des Wassers
ringsum, deutete die Verlorenheit an, die bald kommen
würde. Das nach zehn Tagen erreichte Madeira stieg vor
dem Blick des Lesenden auf, gleich einem kolorierten Stich,
mit der Stadt Funchal, die Landhäuser eingebettet in Blu-
mengärten und Wälder von Dattelpalmen, Pomeranzen und
Peter Weiss 235

Zitronen, die Weinhänge gesäumt mit Lorbeer und Para-


diesfeigenbäumen. Am folgenden Morgen wurden die In-
seln Selvagens gesichtet, und bei Sonnenuntergang Tene-
riffa, ein Schauspiel, das die Verfasser zunächst hinriß zur

Schildrung der majestätischen Gestalt des Pico de Teyde,


das Haupt wie mit Feuer gekrönt, worauf sie die exakte
Höhe des Bergs und dessen Lage im Gradnetz angaben. Die
Einfahrt in die Bucht von Santa Cruz, vorbei an der Fe-
stung San Cristobal, nannten sie nicht ohne an den Sieg zu
erinnern, den eine Handvoll Franzosen hier über die engli-
sche Flotte errungen hatte, nach dem
langen Gefecht, bei
dem Admiral Nelson einen Arm Im Hafen ging das
verlor.
Geschwader vor Anker, Boote fuhren zur Stadt, denn es
sollten Weine und Früchte eingekauft werden, und Seihge-
fäße in Mörserform, wie sie auf der Insel aus vulkanischer
Erde verfertigt wurden. Die Beobachtungen bei diesem Be-
such regten den Maler zu Skizzen an, in denen seine Nei-
gung zum Ausdruck kam, einen Vorgang in verschiedne
Stadien zu zerlegen. Wie ihn während der Studien zum Bild
des Schiffbruchs die Geschichte des Meuchelmords beschäf-
tigte, der an dem Revolutionär Fualdes begangen worden
war, und er auf einer Folge von Blättern die bestialischen
Einzelheiten der Tat aufzeigte, so sann er darüber nach, was
die Chronisten über die Entfeßlung der Leidenschaften in
Santa Cruz vorzubringen hatten. Fualdes war in ein Bordell
gelockt, auf einem Tisch abgestochen, sein Blut von Schwei-
nen auf geschleckt, seine Leiche in den Fluß geworfen wor-
den. In dieser Stadt nun, die in einer Mulde lag zwischen
schlackig zerklüfteten Felsen und einer dschungelähnlichen
Flora, aus der Zedern und Drachenblutbäume emporstie-
gen, in dieser Stadt, mit den niedrigen weißen Häusern un-
ter brennendem Himmel, verbreitete sich, nach der Kunde
von der Ankunft der Franzosen, eine eigentümliche Erre-
gung und Lüsternheit. Die Frauen traten vor die Türen, eil-
ten den Fremden, die sich auf den Gassen zeigten, entgegen
und forderten sie auf, bei ihnen einzukehren und der Göttin
236 VII. Roman

von Paphos zu opfern. Es geschah dies oft in Gegenwart


der Männer, die kein Recht hatten, sich dagegen aufzuleh-
nen, denn die Heilige Inquisition hatte es einmal so gewollt,
und die zahlreichen Mönche auf der Insel trugen Sorge, die-
sen Gebrauch aufrechtzuerhalten. Die flimmernde Hitze,
Mieders aufknüpfend, den blen-
die Frauen, die Schnüre des
dend weißen, mit Spitzen gesäumten Rock anhebend und
zurückschlagend, einen spitzen schwarzen Lackschuh vor-
schiebend, die entblößten, ineinander verschlungnen Kör-
per auf den Lagern, die alten Namen der Insel, anspielend
auf das Unzugängliche, die Glückseligkeit, die Gärten der
Hesperiden, doch auch gemahnend an eine tödliche Gefahr,
die Grenze zwischen Tag und ewiger Nacht, die auftauchen-
den Basaltsäulen und Phonolithblöcke der Vorgebirge, der
Duft des weißen Ginsters am Fuß des Kraterbergs, der
Pechglanz der Obsidianstreifen in den grauen, gelben und
rostroten Bimssteinwänden, die Klumpen des Tuffs, die
rauchenden Spalten und Schlote der Seitenkrater, mit ge-
ronnener Lava in irisierenden Schwefelfarben, der glasige
Kegel auf der Höhe, dies alles rief in Gericault Phantasien
hervor, die ihn die Isolation empfinden ließen, in die er sich
selbst versetzt hatte. Er zerriß das Gezeichnete, die quä-
lende Unruhe aber prägte weiterhin jeden Augenblick, dem
er bildhafte Form Wieder auf offner See, passierte die
gab.
Flotte am ersten Juli das Cap Bojodar und erreichte um
zehn Uhr morgens den Wendekreis des Krebses, wobei die
Passagiere sich von der Taufsitte belustigen ließen, deren
Hauptzweck, nach den Worten der Berichterstatter, wohl
das Trinkgeld war, das man bei dieser Gelegenheit den Ma-
trosen zuwendete. Am zweiten Juli wurde, vom Cap Barbas
aus, Kurs auf den Golf Saint Cyprien genommen. Das Land
lag nur halb auf Kanonenschußweite, deutlich war die Kü-
ste mit dem Wüstenstreifen zu sehn, und hohe Klippen da-
vor, an denen das Meer sich heftig brach. Der vom Marine-
minister angewiesnen Route folgend, navigierten die Schiffe
zwischen Rudeln von Felsen hindurch, die Warnungen eini-
Peter Weiss 237

ger Seeleute abweisend glaubte der Befehlshaber der Fre-


gatte, das Cap Blanc gesichtet zu haben, doch hatte er es,

was sich bald zeigte, mit einer dicken Wolke verwechselt. In


der Nacht brannte die Korvette Echo mehrmals Zündpulver
ab und steckte eine Fackel am Besanmast auf, die Wachtha-
benden der Medusa aber ließen es sich nicht einmal einfal-
len, auf die Signale zu antworten. Bei Tagesanbruch zeigte
immer niedriger werdenden Wasserstand, ab-
das Senkblei
gekommen von den übrigen Fahrzeugen glitt das Flagg-
schiff der langen Sandbank vor der Insel Arguin entgegen,
selbst diejenigen, die in der Seefahrt am
ungeübtesten wa-
ren, bemerkten die gelbliche Verfärbung der Wellen. Alle
Beisegel backbords wurden aufgesetzt, um so viel Wind wie
möglich zur Wendung zu gewinnen, doch das Schiff stieß
mit dem Steuerruder auf Grund, wurde einen Augenblick
wieder flott, blieb dann, nach erneutem Ruck, fest sitzen, an
einer Stelle, die nur noch fünf Meter und sechzig Zentimeter
Tiefe maß, und die Flut hatte jetzt ihren höchsten Stand er-
reicht. Tagelang mochte sich der Maler mit den Geschehnis-
sen befaßt haben, die ihm die folgenden Seiten des Buchs
vermittelten. Mit solcher Greifbarkeit waren die Bestür-
zung und Verzweiflung, die Wirrnis und Erstarrung ge-
schildert, daß der Lesende sich mitten zwischen den Ge-
strandeten dünkte. Er hörte das Geschrei, das Donnern der
Brandung an den Schiffsrumpf. Die Segel wurden niederge-
lassen, die Mastkörbe abgenommen, Segelstangen und Bug-
spriet, Pulverfässer und Holzwerk ins Meer geworfen, im
Kielraum wurde der Boden aus den Wassertonnen geschla-
gen und man fing zu pumpen an, das Schiff aber war nicht
mehr zu retten. Die vierundvierzig Kanonen, deren Entfer-
nung das Gewicht beträchtlich erleichtert hätte, blieben an
Bord, denn man hoffte, sie später bergen zu können. Da die
Fregatte nur sechs kleinere Boote mit sich führte, die un-
möglich alle Passagiere und Mannschaften, zusammen mehr
als vierhundert Personen, zu fassen vermochten, wurde in
Eile ein Floß gebaut, das, nach den Berechnungen des Gou-
238 VII. Roman

verneurs, zweihundert Menschen tragen sollte. Der Him-


mel bedeckte sich, ein Sturm kam von der Seeseite her, die
Fregatte schlingerte stark, ihr Kiel barst in der Nacht, das
Ruder brach ab und hing nur noch mit seinen Ketten am
Heck. Den fünften Juli frühmorgens wurde beschlossen,
das Wrack, das umzuschlagen drohte, sofort zu räumen.
Die Soldaten wurden auf das Floß verwiesen, sie wollten
ihre Gewehre und Patronen mitnehmen, was ihnen verwei-
gert wurde. Nur ihren Säbel oder Karabiner durften sie be-
halten, während die Offiziere Flinten und Pistolen bei sich
trugen. Das Floß, dessen Konstruktionszeichnung im Kup-
ferdruck dem Buch beigegeben war und von dem der Maler
sich ein Modell anfertigen ließ, war zwanzig Meter lang und
sieben Meter breit. Marsstengen waren an den Längsseiten,
dazwischen Rahen und Bramstengen des Fockmasts und
Großmasts angebracht und dick mit Takelwerk verkno-
tet worden, im rechten Winkel darüber waren Bretter des
Decks genagelt, fünfmal unterteilt von längren Bohlen, die
seitwärts zwei bis drei Meter hinausragten, am Bug bildeten
zwei einander überkreuzende Bramrahen eine Art Brust-
wehr, und als Geländer, denn so wurde es genannt von de-
nen, die das Floß bauen ließen, doch nicht im Sinn hat-
ten, sich ihm anzuvertrauen, diente ein Gebinde aus allerlei
Hölzern, kaum einen halben Meter hoch. Beim ersten An-
blick schien es noch möglich, daß auf dem Floß an die zwei-
hundert Menschen Platz finden könnten, doch kaum hatten
sich etwa fünfzig darauf zusammengeschart, begann es, bis
an die Reling zu sinken, und auch als die meisten Fässer mit
Lebensmitteln abgeworfen worden waren, standen die Aus-
gesetzten, nach dem Hinzukommen der übrigen, bis über
die Hüfte im Wasser, so eng aneinandergepreßt, daß sie sich
nicht rühren konnten. Es waren ihrer hundertneunundvier-
zig, nämlich hundertzwanzig Angehörige der Truppen und
neunundzwanzig Seeleute und Passagiere, unter ihnen ei-
ne Frau. Sie hatten sechs Tonnen Wein und zwei Tonnen
Trinkwasser bei sich. Ein Sack Zwieback wurde ihnen zuge-
Peter Weiss 239

worfen und einiges Segeltuch, obgleich kein Mast auf dem


Floß angebracht worden war, und auch kein Steuerruder.
Die Instrumente und Karten, die der Kapitän ihnen ver-
sprochen hatte, erhielten die Schiffbrüchigen nicht. Herr
Chaumareys enteilte und bestieg das Stabsboot, das, neben
den zwölf Ruderern, zweiundvierzig Mann aufnahm. Im
großen Schiffsboot, mit vierzehn Ruderern, befanden sich
der Gouverneur und die höhern Beamten, insgesamt fünf-
unddreißig Personen, nebst reichlichem Gepäck. Das dritte
Boot, von zwölf Mann gerudert, war von achtundzwan-
zig Offizieren eingenommen worden. Dreißig Menschen
drängten sich in der ruderlosen Schaluppe zusammen, und
dreißig auch in dem Kahn mit acht Ruderern, der zum Ha-
fendienst am Senegal bestimmt war, fünfzehn schließlich
kamen in die Jolle. Mindestens dreißig Mann mußten also
ertrunken oder an Bord der Medusa zurückgeblieben sein.
Die Vorstellung von diesem Einschiffen, unter Gebrüll und
Hieben, während die Wogen die Schanzkleidung und die
Maststümpfe der gekenterten Fregatte zertrümmerten, das
Hinunterklettern auf Strickleitern, an Seilen, die Hilferufe
der ins Meer Gestürzten, die verzerrten Münder, aufge-
rißnen Augen, emporgestreckten, gespreizten Hände, die
Anstrengung, das Floß von der glitschigen Bordwand ab-
zustoßen, der Augenblick, da der Gouverneur, in einem
Armstuhl sitzend, von der Zugwinde ins Hauptboot hinab-
gelassen wurde, solche Eindrücke nahmen den Maler in An-
spruch, ehe ihn das Bild des vollgeladnen Floßes überwäl-
tigte. Von den kleinsten, am wenigsten seetüchtigen Booten
war es ins Schlepptau genommen worden, und als die Ru-
derer sahn, daß sich die Boote des Gouverneurs und des
Kapitäns entfernten, gaben sie bald, selber ankämpfend ge-
gen die schwerer werdende See, das Bugsieren auf und lie-
ßen die Seile fahren. Während die Flottille auf das Ufer zu-
steuerte, wurde das Floß, das sich nicht manövrieren ließ,
von den Strömungen der Ebbe hinaus aufs Meer getrieben.
Noch wollten sich die Versammelten nicht für verlassen
240 VII. Roman

halten. Die Küste war zu sehn, und die Insel Arguin, mit
den Ruinen der alten portugiesischen Festung, die Schiff-
brüchigen nahmen an, daß die Boote zu ihnen zurückkeh-
ren, oder die Echo, Loire und Argus sie sichten würden.
Doch die Nacht brach ein, ohne daß sie Hilfe erhalten hät-
ten. Mächtige Fluten überrollten uns. Bald vor, bald zu-
um jeden Atemzug ringend, die Schreie
rückgeschleudert,
der über Bord Gespülten vernehmend, ersehnten wir den
Anbruch des Tags.

ELFRIEDE JELINEK

Geb. 20. Oktober 1946 in Mürzzuschlag (Steiermark). Wuchs in Wien auf, wo


sie auch 1964-67 Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte studierte und 1971
einen Konservatoriumsabschluß als Organistin erlangte. 1974-91 Mitglied der
KPÖ. Lebt in Wien und München. Büchner-Preis 1998.
Werke: Lisas Schatten G. (1967); wir sind lockvögel baby R. (1970); Die end-
lose Unschuldigkeit Ess. (1970); Michael. Ein Jugendbuch für die Infantilge-
sellschaft R. (1972); Die Liebhaberinnen R. (1975); Clara S. Dr. (1977); buko-
lit. hörroman (1979); Die Ausgesperrten R. (1980); ende, gedichte 1966-1968

(1980); Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen
der Gesellschaft Dr. (1981); Burgtheater Dr. (1982); Die Klavierspielerin R.
(1983); Krankheit oder Moderne Frauen Dr. (1984); Oh Wildnis, oh Schutz vor
ihr Prosa (1985); Lust R. (1989); Wolken. Heim Dr. (1990); Isabelle Huppert
in Malina. Ein Filmbuch von Elfriede Jelinek, nach dem Roman von Ingeborg
Bachmann (1991); Totenauberg Dr. (1991); ende G. (1991); Die Kinder der To-
ten R. (1995); Stecken, Stab und Stangl Dr. (1997); Ein Sportstück Dr. (1998).
Zahlreiche Hörspiele.

Elfriede Jelinek hat, wie sie selber sagte, entscheidende An-


stöße durch die »Mythen des Alltags« des französischen Kul-
turtheoretikers Roland Barthes erhalten (»Mythologies«,
1957, dt. 1964). Die Mythen, die sie selber seit dreißig Jah-
ren in den vielfältigsten Gattungen und Formen literarisch
zu zerstören unternimmt, sind zumal die der ökonomischen
Ausbeutung und der von männlichem HerrSchaftsanspruch
gezeichneten Sexualität, die sie, wie auch die christliche
Peter Weiss. Elfriede Jelinek 241

Lehre vom Schöpfergott, in die historische Perspektive eines


im Alltag fortdauernden Nationalsozialismus stellt. Wesent-
liches Mittel der Destruktion des Mythos ist dabei dessen in-
tertextuelle Vergegenwärtigung. So wird der Mythos, in un-
terschiedlichen Graden verfremdet, jeweils zum Kippen ge-
bracht. »Lust«, von Elfrie de Jelinek selber als ihr wichtigstes
Buch bezeichnet, vergegenwärtigt das Leben einer Direkto-
renfrau, die dem männlichen Verfügungsanspruch nicht nur
in der Person ihres Ehemannes, sondern auch der ihres wo-
möglich noch brutaleren jugendlichen Liebhabers unterwor-
fen ist und diesem Anspruch schon im eigenen Sohn - den sie

am Ende erstickt - begegnet. Perspektive und Sprache sind


vorherrschend die der männlichen Pornographie und ihres
kalten, voyeuristischen Blickes. Durch den weitgehenden
Verzicht auf distanzierende erzählerische Vermittlung zu-
gunsten der mit höhnischen Klassik erzitaten und blödeln-
den Kalauern durchsetzten, scheinbar affirmativen Sprache
äußerster physischer und psychischer Gewalt wird dem Le-
ser eine peinigende Nähe zum Dargestellten aufgezwungen,
die ihren Ausgangspunkt nicht zuletzt in der männlich-
medialen, wahrnehmungs- und verhaltenssteuernden Ver-
marktung von Erotik und Sexualität hat: »So steht die Frau
still wie eine Klomuschel, damit der Mann sein Geschäft in

sie hineinmachen kann.« ^ \ \,

Lust (Auszug)

Das Wasser ist blau und geht nie zur Ruhe. Doch der Mann
kommt von seinem Tageswerk nach Hause zurück. Ge-
schmack ist nicht jedermanns Sache. Das Kind hat heute
nachmittag Unterricht. Der Direktor hat alles auf Com-
puter umgestellt, schreibt sich als Hobby die Programme
selbst. Nicht liebt er Wildes, der stumme Wald sagt ihm gar
nichts. Die Frau öffnet die Tür, und er erkennt, daß nichts
zu groß für seine Herrschaft ist, aber auch nichts darf zu
242 VII. Roman

klein sein, sonst wird's sofort geöffnet. Seine Gier ist auf-
richtig, siepaßt zu ihm wie die Geige unter das Kinn seines
Kindes. Die Lieben begegnen sich im Haus mehrmals, denn
ihnen kommt alles aus dem Herzen und wird ins Helle hin-
ein verkündet. Der Mann möchte jetzt mit seiner himmli-
schen Frau allein sein. Die armen Leute müssen zahlen, be-
vor sie sich ans Ufer legen dürfen. ^»

Jetzt hat die Frau nicht einmal Zej*f die Augen niederzu-
schlagen. Der Direktor pflichtet'ihr nicht bei, als sie in die
Küche will und etwas hinrichten/Er ergreift entschieden ih-
ren Arm. Zuerst will er sie sich vornehmen, dafür hat er
2 Termine abgesagt. Die Frau öffnet den Mund, um ihm ab-
zusagen. Sie denkt an seine Kraft und schließt den Mund
wieder. Dieser Mann würde auch im Schoß von Felsen seine
Melodie spielen, er würde schallend auf der Geige und dem
JX) > Glied streicheln. Immer wieder geht dieses Lied los, dieser

' ^knallende Laut, der so überraschend furchtbar ist, von un-


* JL willigen Blicken begleitet. Diese Frau hat nicht das Herz,
\V '-'sich abzuschlagen, sie wandelt wehrlos. Der Mann ist im-

mer bereit und freut sich auf sich. Der fröhliche Tag ist Ar-
men wie Reichen gegönnt, doch leider gönnen ihn die Ar-
men den Reichen nicht. Die Frau lacht nervös, als sich der
Mann, noch im Mantel, gezielt vor ihr entblößt. Er entblö-
det sich nicht, seinen Schwanz dahingestellt zu lassen. Die
Frau lacht lauter und schlägt sich mit der Hand erschrocken
auf den Mund. Ihr werden Prügel angedroht. "'Sie hallt noch
wider von der Musik auf dem Plattenteller, wo sich ihre und
andrer Menschen Gefühle in Gestalt von Joh. Seb. Bach, für
den menschl. Genuß bestens geeignet, im Kreis herum dre-
hen. Der Mann ragt inmitten seiner Stacheln von Haar und
Hitze aus sich heraus. So vergrößern die Männer sich und
ihre Werke, die aber bald wieder hinter ihnen zusammenfal-
len. Sicherer stehen die Bäume im Wald. Der Direktor
spricht ruhig von der Fut und wie er sie gleich auseinander-
reißen wird. Er ist wie betrunken. Seine Worte schwanken

o^ U-v^V 'n<A^* OnW^ W> Kk»

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Elfriede Jelinek 243

herum. Er Frau mit der linken Hand an der Hüfte


hält die
fest und wenn überhaupt, die zweckdienliche
zieht ihr,
Kleidung über den Kopf. Sie zappelt vor seinem Schwerge-
wicht. Er schimpft laut über ihre Strumpfhosen, die er ihr
längstens verboten hat. Strümpfe seien weiblicher und nüt-
zen die Löcher besser aus, wenn sie nicht überhaupt neue
schaffen. Er werde die Frau ab sofort mindestens zweimal
zur Gänze auslösten, kündigt er an. Die Frauen, mit Hoff-
nungen zugepflanzt, leben von der Erinnerung, die Männer
jedoch vom Augenblick, der ihnen gehört und sich, sorgsam
gepflegt, zu einem Häuferl Zeit zusammensetzen läßt, das
ebenfalls ihnen gehört. In der Nacht müssen sie schlafen, da
können sie nicht nachtanken. Sie sind lauter Feuer und er- &
wärmen sich (über sich) in kleinen Gefäßen. Überraschen- j^
derweise ist diese Frau heimlich durch Tabletten unfrucht- £ d
bar gemacht, des Mannes nie besänftigtes Herz würde es
nicht gestatten, daß aus seinem immer vollen Tank kein Le- <^Vp
ben ausgeschenkt werden kann. £* io^

Neben der Frau fallen Kleidungshaufen zusammen wie tote


Der Mann, immer noch im Mantel, steht mit seinem
Tiere.
starken Glied zwischen den Falten seiner Kleidung, als fiele
Licht auf einen Stein. Strumpfhose und Unterhose bilden
einen feuchten Ring um die Hausschuhe der Frau, aus de-
nen sie steigt. Das Glück scheint die Frau schlaff zu ma-
chen, sie kann es nicht fassen. Der schwere Schädel des Di-
rektors wühlt sich beißend in ihr Schamhaar, allzeit bereit
ist sein Verlangen, etwas von ihr zu verlangen. Er neigt sein
Haupt ins Freie und drückt statt dessen das ihrige an seinen
Flaschenhals, wo schmecken soll. Ihre Beine sind ge-
es ihr
wird befühlt. Er spaltet ihr den Schädel
fesselt, sie selbst
über seinem Schwanz, verschwindet in ihr und zwickt sie als
Hilfslieferung noch fest in den Hintern. Er drückt ihre
Stirn nach hinten, daß ihr Genick ungeschickt knackt, und
schlürft an ihren Schamlippen, alles zusammengenommen
und gebündelt, damit still aus seinen Augen das Leben auf
244 VII. Roman

sie schauen kann. Das Obst wird schon noch reifen. Das
kommt heraus, wenn man viele menschl. Gewohnheiten
aufeinanderstapelt, damit man im Wipfel was abpflücken
kann, das einem dann doch nicht schmeckt. Es ist alles
durch Verbote, die Vorboten der Gelüste, begrenzt. Auch
auf einem kleinen Hügel wächst nicht endlos viel, und
unsre Grenzen sind auch nicht weiter, als wir es fassen kön-
nen, und wir fassen nicht viel mit unsren harten kleinen
Blutgefäßen.

Der Mann geht ganz allein weiter. Lange tut es der Frau
aber nicht gut, in dieser Stellung auszuharren, die sie bei
ihm im Haus hat. Sie zappelt, muß die Beine ein bißchen
öffnen, achtlos wird ihr mit seinen Zähnen etwas von ihrem
Bauch gerupft.Der Mann lebt in seiner eigenen Lebens-
hölle, abermanchmal muß er herauskommen und einen
Ausflug auf die Weide machen. Die Frau wehrt sich, doch
gewiß nur zum Schein, sie kann noch mehr Ohrfeigen be-
kommen, wenn sie die Seele des Mannes leugnen will, die
sich hell erleuchten möcht. Ziemlich viel ist getrunken wor-
den. Fast entleert sich der Direktor in seine kostspielige
Umgebung, in deren Dämmer er über die Diät wütet, die
die Frau ihm kocht. Sie will ihn nicht einlassen. Dabei fühlt
er sich so groß, als wäre er jeder. Nur sich ein wenig ab-
laden zwischen den Stehlampen, das würde ihn entlasten,
muß er doch die Last von vielen tragen, die einfach nur
dumm an den Ufern wachsen wie Gras und nicht an den
Morgen denken, da sie aufstehen müssen. Hermann. Jetzt
breitet er seine Frau, nachdem er sie unten aus ihren Schu-
hen gehoben hat, über den Tisch im Wohnzimmer. Überall
kann jeder hereinschauen und neidisch sein, wieviel Schönes
von den Reichen verborgengehalten wird. Sie wird auf den
Tisch gepreßt, ihre Brüste große warme Fladen .Dung, sie

Der Mann hebt das Bein in seinem eig<


fallen auseinander.
1

nen Garten, dann geht er hinaus und hebt es an jeder weite-


ren Ecke. Die dämmrigsten Gründe bleiben nicht verschont

» k 'S.. J ftjgk*
v
Elfriede Jelinek 245

von ihm. Das ist so normal wie Eros, der die beiden noch ~f
nie zu entfachen vermochte aus den dünnen Hölzern, die "^

sie, geboren wie sie nun einmal sind, aber nicht geborgen,
partout nicht bleiben wollen. Nein, der Direktor wird doch
auf Inserate antworten, um seinen Ford Imperium gegen
ein neueres, kräftigeres Modell einzutauschen. Wenn nur
nicht die Angst vor der neuesten Krankheit wäre, die Werk- *-
statte des Herrn würde nimmermehr schweigen. Und auch
^
in der Wohnung klebten die Anschläge auf dem schwarzen
Brett: Lust, der weiße Abgeordnete; mächtige Wellen laufen
durch die Zeit, und mächtig wollen die Männer immerdar
etwas. Lieb ist ihnen die Ferne, aber was naheliegt, das be-
nützen sie auch. Die Frau will fort, entkommen dieser stin-
kenden Fessel, in der das Holz vor ihrer Hütte schmachtet.
Die Frau ist dem Nichts entwendet worden und wird mit
dem Stempel des Mannes jeden Tag aufs neue entwertet. Sie
ist verloren. Er kippt die Baggerschaufeln ihrer Beine über 7? X
sich. Vom Tisch fallen mehrere Gegenstände, die dem Kind ^ o
gehören, und prallen weich auf den Teppich. Der Mann ist
derjenige, der klassische Musik noch zu schätzen weiß. Mit
einem Arm greift er vor sich hin und eröffnet eine Anlage.
Es klingt, die Frau läßt sich viel gefallen, und es leben die
Sterblichen von Lohn und Arbeit, aber, nicht wahr, Musik
gehört halt einfach dazu. Der Direktor hält die Frau mit sei-
nem Gewicht nieder. Um die freudig von der Mühe zur
Ruh wechselnden Arbeiter niederzuhalten, genügt seine
Unterschrift, er muß sich nicht mit seinem Körper draufle-
gen. Und sein Stachel schläft nie an seinen Hoden. Aber in
der Brust schlafen die Freunde, mit denen er einst ins Bor-
dell ging. Der Frau wird ein neues Kleid versprochen, wäh-
rend der Mann sich den Mantel und das Jackett wegreißt. Er
kämpft mit dem Alkohol, seine Krawatte ist ihm zum Strick
gedreht. Ich möchte das jetzt an dieser Stelle neu in Worte
kleiden! Mit einem Untergriff ist vorhin die Stereoanlage in
Brand gesetzt worden, jetzt rast die Musik vom Teller und
bewegt den Direktor etwas schneller. Tonärmel springen
246 VII. Roman

nach vorn, um einzugreifen, ein Direktor muß seinen


Schwanz auf die Welt bringen! Sein Vergnügen soll über-
dauern, bis der Boden zu sehen ist und die Armen, aus de-
nen die Liebe geleert worden ist, aus ihren Gleisen gerissen
werden und ins Arbeitsamt fahren müssen. Alles soll ewig
sein und noch dazu oft wiederholt werden können, so spre-
chen die Männer und zerren an den Zügeln, die einst liebe-
voll ihre Mama gehalten hat. Ja, das geht wohl. Und jetzt
fährt dieser Mann wie geschmiert in seine Frau hinein und
wieder heraus. Auf diesem Feld kann sich die Natur nicht
geirrt haben, denn wir wollten doch nie etwas andres wach-
sen lassen. Sie befinden sich hier in einer Fleischgemeinde,
und die Nebenerwerbsbauern, die leicht weinen, wenn sie
nicht eingestellt werden, ja, die werden zornig, wenn ihre
Frauen sanft über das überraschte Schlachtvieh streicheln.
Mit dem Tod befreunden die Herren sich gern, aber der Be-
trieb soll weitergehn. Und auch den Ärmsten wird das Ver-
gnügen gerne gegönnt von den weiblichen Armen, in denen
sie täglich ab 22 Uhr groß werden dürfen. Für diesen Direk-
tor gilt aber nicht die Zeit, denn er erzeugt sie ja selbst in
seiner Fabrik, und die Uhren werden gestochen, bis sie
schrein.

Er beißt Frau in die Brust, und dadurch schießen ihre


die
Hände nach vorn. Das weckt ihn nur noch mehr auf, er
schlägt sie auf den Hinterkopf und hält ihre Hände, seine
alten Feindinnen, fester. Auch seine Knechte liebt er nicht.
Er stopft sein Geschlecht in die Frau. Die Musik schreit, die
Körper schreiten voran. Die Frau Direktor gerät etwas aus
ihrer Fassung, deswegen hat die Birne ja auch solche
Schwierigkeiten beim Glühen. Ein schlafender Hund ist der
Mann, den man nicht hätte wecken sollen und aus dem
Rund der Geschäftsfreunde nach Hause holen. Die Waffe
trägt er unterm Gürtel. Jetzt ist er wie ein Schuß herausge-
knallt. Der Einsatz im Sport ist verloren. Die Frau wird ge-
küßt. Spuckend wird ihr Liebes ins Ohr geträufelt, diese
Elfriede Jelinek. Herta Müller 247

Blume mögen Sie ihr nicht danken?


hat nicht lang geblüht,
Vorhin hat noch in ihr herumgewälzt, bald werden
er sich
seine Finger auf der Geige einen guten Ton erzeugen. Was
wendet die Frau den Kopf? In der Natur haben wir doch
das kleinste Glied noch, obwohl es nicht
alle Platz! Selbst
sehr gefragt Dieser Mann hat sich in die Frau ausgeleert,
ist.

eines Tages möchte er sich dafür in Gold aufwiegeln lassen


zu noch rauschenderen Taten im Swimmingpool! In ordent-
lich gekrümmter Absprungshaltung fällt der Direktor von
der Frau ab, seine Abfälle läßt er ihr da. Denn bald um-
schließt die Falle des Haushalts sie wieder, und sie kehrt zu-
rück woher sie kam. Die Sonne ist noch lang nicht unter-
gegangen. Der Mann hat sich heiter ergossen und geht,
während Schlamm aus seinem Mund und seinem Genital
austritt, sich vom Genuß seines Tagesgebäcks säubern.

HERTA MÜLLER

Geb. 17.August 1953 in Nitzkydorf (Rumänien) als Angehörige der Minder-


heit der Banater Schwaben. 1973-76 Studium der Germanistik und Rumäni-
stik in Temeswar. Übersetzerin, Deutschlehrerin, Kindergärtnerin. Wiederholt
Sanktionen ausgesetzt, u. a. 1980, nachdem sie es abgelehnt hatte, für den Ge-
heimdienst zu arbeiten. 1987 mit Richard Wagner Ausreise in die Bundesrepu-
blik Deutschland. Lebt in Berlin.
Werke: Niederungen Prosa (1982); Drückender Tango Prosa (1984); Der
Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt E. (1986); Barfüßiger Februar Prosa
(1987); Reisende auf einem Bein Prosa (1989); Der Teufel sitzt im Spiegel. Wie
Wahrnehmung sich erfindet Ess. (1991); Der Fuchs war damals schon der Jäger
R. (1992); Der Wächter nimmt seinen Kamm Collage (1995); Herztier R.
(1994); Hunger und Seide Ess. (1995); Heute wäre ich mir lieber nicht begeg-
net R. (1997).

Mit Franz Hodjak, Werner Saliner und Richard Wagner


zählt Herta Müller zu jener vermutlich letzten Generation
banatschwäbischer Autoren, die seit den achtziger Jahren
die deutsche Literatur der Gegenwart um bis dahin unbe-
248 VII. Roman

kannte Themen wie auch um neue künstlerische Ausdrucks-


möglichkeiten bereichert haben. In lakonisch verknappter
Syntax und spannungsreich verdichteten Bildern vergegen-
wärtigen ihre Prosaarbeiten die dumpfe, zurückgebliebene
Welt des rumäniendeutschen Dorfes mit seiner bis in die
Erzählgegenwart fortdauernden nationalsozialistischen Ver-
gangenheit, die von ökonomischer Ineffizienz, Korruption
und Erpressung bestimmte Überwachungsdiktatur Ceauses-
cus und deren anhaltende Macht noch über jene, die ihr,
äußerlich, in den Westen entrannen. »Herztier« erzählt die
miteinander verbundenen Geschichten einer Gruppe von
jungen Menschen, die sich mit den offiziellen Lügen nicht
abfinden wollen und, sofern sie nicht durch Mord oder Frei-
tod enden, auf Dauer von Bespitzelung und entwürdigender
Gewalt gezeichnet bleiben. In einem von Kälte und Miß-
trauen geprägten Raum setzt das Wort vom Herztier, das
die Großmutter der Erzählerin spricht und ihr von dieser
zurückgegeben wird, bewußt nur einen schwachen Gegen-
akzent (»Ruh dein Herztier aus, du hast heute so viel ge-
spielt. « - »Der Mund der Großmutter stand offen, obwohl

um das Kinn ein Tuch gebunden war. Ruh dein Herztier


aus, sagte ich zu ihr.«) Ihre Poetik radikaler Wahrnehmung
faßte Herta Müller in der Spiegelmetapher, die zumal der
desillusionistischen Romanliteratur des 19. Jahrhunderts zur
Selbstverständigung gedient hatte: »Wer sich selber nie be-
gegnet, wer den Spiegel liegen läßt, hat Angst davor, wie er
in der Wahrnehmung der anderen gesehen und erfunden
wird [. Die Mächtigen müssen wegen ihrer Macht im-
. .].

mer durch Augäpfel der anderen gehn. Wie gerne wür-


die
den sie den Augäpfeln, durch die sie gehn, den Blick enteig-
nen«. - Aus dem Glossar im Anhang des Romans: Kam-
pelsackel (schwäbisch): Ein aus Stoff genähter Beutel für
Kämme, der an der Wand über dem Waschtisch hängt.
Herta Müller 249

Herztier (Auszug)

Wir wollten das Land nicht verlassen. Nicht in dieDonau,


nicht in die Luft, nicht in Güterzüge steigen. Wir gingen in
den struppigen Park. Edgar sagte: Wenn der Richtige gehen
müßte, könnten alle anderen im Land bleiben. Er glaubte es
selber nicht. Niemand glaubte, daß der Richtige gehen muß.
Man hörte jeden Tag Gerüchte über die alten und neuen
Krankheiten des Diktators. Auch ihnen glaubte niemand.
Dennoch flüsterten alle in ein nächstes Ohr. Auch wir gaben
die Gerüchte weiter, als wäre der Schleichvirus des Todes
drin, der den Diktator zuletzt doch erreicht: Lungenkrebs,
Rachenkrebs flüsterten wir, Darmkrebs, Gehirnschwund,
Lähmung, Blutkrebs.
Er mußte wieder weg, flüsterten die Leute: Frankreich oder
China, Belgien, England oder Korea, Libyen oder Syrien,
Deutschland oder Kuba. Jede seiner Reisen war im Geflü-
ster gepaart mit dem Wunsch, selber zu fliehen.
Jede Flucht war ein Angebot an den Tod. Deshalb hatte das
Geflüster diesen Sog. Jede zweite Flucht scheiterte an den
Hunden und Kugeln der Wächter.
Das fließende Wasser, die fahrenden Güterzüge, die stehen-
den Felder waren Todesstrecken. Im Maisfeld fanden Bau-
ern beim Ernten zusammengedorrte oder aufgeplatzte, von
Krähen leergepickte Leichen. Die Bauern brachen den Mais
und ließen die Leichen liegen, weil es besser war, sie nicht
zu sehen. Im Spätherbst ackerten die Traktoren.
Die Angst vor der Flucht machte aus jeder Reise des Dikta-
tors eine Dringlichkeitsreise zum Arzt: fernöstliche Luft ge-
gen Lungenkrebs, Wildwurzeln gegen Rachenkrebs, Heiz-
batterien gegen Darmkrebs, Akupunktur gegen Gehirn-
schwund, Bäder gegen Lähmung. Nur für eine Krankheit,
hieß es, fährt er nicht weg: Das Kinderblut gegen Blutkrebs
bekommt er im Land. In den Geburtenkliniken wird es den
Neugeborenen mit japanischen Saugnadeln aus der Stirn
gepumpt.
250 VII. Roman

Die Gerüchte über die Krankheiten des Diktators ähnelten


den Briefen, die Edgar, Kurt, Georg und ich von den Müt-
tern bekamen. Das Geflüster mahnte zum Abwarten mit
der Flucht. Jedem wurde von der Schadensfreude heiß, ohne
daß der Schaden jemals kam. Jedem schlich die Leiche des
Diktators wie das eigene, verdorbene Leben durch die Stirn.
Alle wollten ihn überleben.

Weil wir Angst hatten, waren Edgar, Kurt, Georg und ich
täglich zusammen. Wir saßen zusammen am Tisch, aber die
Angst blieb so einzeln in jedem Kopf, wie wir sie mitbrach-
ten, wenn wir uns trafen. Wir lachten viel, um sie voreinan-
der zu verstecken. Doch Angst schert aus. Wenn man sein
Gesicht beherrscht, schlüpft sie in die Stimme. Wenn es ge-
lingt, Gesicht und Stimme wie ein abgestorbenes Stück im
Griff zu halten, verläßt sie sogar die Finger. Sie legt sich au-
ßerhalb der Haut hin. Sie liegt frei herum, man sieht sie auf
den Gegenständen, die in der Nähe sind.
Wir sahen, wessen Angst an welcher Stelle lag, weil wir uns
schon lange kannten. Wir konnten uns oft nicht ertragen,
weil wir aufeinander angewiesen waren. Wir mußten uns
kränken.
Du mit deiner schwäbischen Vergeßlichkeit. Du mit deiner
schwäbischen Eile oder Warterei. Mit deinem schwäbischen
Geldzählen. Mit deiner schwäbischen Klobigkeit. Du mit
deinem schwäbischen Schluckauf oder Niesen, mit deinen
schwäbischen Socken oder Hemden, sagten wir.
Du schwäbisches Arschkappelmuster, du schwäbisches
Mondskalb, du schwäbisches Kampelsackel. Wir brauchten
Wut aus langen Wörtern, die uns trennten. Wir erfanden sie
wie Flüche als Abstand gegeneinander. Das Lachen war
hart, wir bohrten den Schmerz an. Es ging schnell, denn wir
kannten uns von innen. Wir wußten genau, was den ande-
ren verletzt. Es reizte uns, wenn er litt. Er sollte unter der
rohen Liebe zusammenbrechen und spüren, wie wenig er
aushielt. Jede Beleidigung fädelte die nächste ein, bis der
Herta Müller 251

Getroffene schwieg. Und noch eine Weile danach. Noch


eine Weile fielen Worte in sein stummes Gesicht wie Heu-
schrecken in kahlgefressenes Feld.
Wir hatten in der Angst einer in den anderen so tief hinein-
gesehen, wie es nicht erlaubt ist. Wir brauchten in diesem
langen Vertrauen die Umkehrung, die unerwartet kam. Der
Haß durfte treten und vernichten. In großer Nähe zueinan-
der die Liebe mähen, weil sie nachwuchs wie das tiefe Gras.
Entschuldigungen nahmen die Kränkung so schnell zurück,
wie man im Mund die Luft anhält.
Der gesuchte Streit war immer Absicht, nur was er antat,
blieb ein Versehen. Am Ende der Wut wurde jedesmal,
ohne Worte zu erfinden, die Liebe ausgesprochen. Es gab
sie immer. Aber im Streit hatte die Liebe Krallen.
Edgar sagte einmal, als er mir den Schlüssel zum Sommer-
haus gab: Du mit deinem schwäbischen Lächeln. Ich spürte
die Krallen und weiß nicht, wieso mir damals der Mund
nicht aus dem Gesicht fiel. Im
Rückgriff aller Tage fühlte
ich mich so im daß mir kein Wort zum Wi-
Stich gelassen,
dersprechen einfiel. Vielleicht wurde mein Mund eine reife
Erbsenschote. So dürr und schmal stellte ich mir Lippen
vor, die ich nicht haben wollte. Ein schwäbisches Lächeln
war wie der Vater, den ich mir nicht aussuchen konnte. Wie
die Mutter, die ich nicht haben wollte.
Auch damals saßen wir im Kino, in der letzten Reihe. Auch
damals stand auf der Leinwand eine Fabrikhalle. Eine Ar-
beiterin spannte Wollfäden auf eine Strickmaschine. Eine
andere Arbeiterin kam mit einem roten Apfel zu ihr und
sah ihr zu. Die Arbeiterin strich die Fäden auf der Strick-
maschine glatt und sagte: Ich glaube, ich habe mich verliebt.
Sie nahm der anderen den Apfel aus der Hand und biß
hinein.
Während dieses Films legte Kurt seine Hand auf meinen
Arm. Er erzählte auch damals einen Traum. In diesem
Traum waren Männer beim Frisör. An der Wand oben hing
eine Schiefertafel, sie war ein Kreuzworträtsel. Alle Männer
252 VII. Roman

zeigten mit Kleiderbügeln auf die noch leeren Würfel und


sagten Buchstaben. Der Frisör stand auf der Leiter und trug
die Buchstaben ein. Kurt setzte sich vor den Spiegel. Die
Männer sagten: Bevor das nicht gelöst ist, gibt es keine Fri-
sur. Wir waren eher da. Als Kurt aufstand und ging, rief der
Frisör ihm nach: Bringen Sie morgen Ihr Messer von zu
Hause mit.
Wieso träume ich von diesem Messer, fragte Kurt in mein
Ohr, obwohl er wußte, weshalb. Edgar, Georg und Kurt
hatten keine Rasiermesser mehr. Sie waren aus ihren ver-
schlossenen Koffern verschwunden.

Edgar war weit weggezogen in eine dreckige Industriestadt.


Alle in dieser Stadt machten Blechschafe und nannten sie
Metallurgie.
Ich besuchte Edgar im Spätsommer. Und ich sah die dicken
Schornsteine, die rotenRauchschwaden und Losungen. Die
Bodega mit trübem Maulbeerschnaps und das Nachhause-
torkeln in die nackten Wohnblockviertel. Dort hinkten die
Alten durchs Gras. Die kleinsten zerlumpten Kinder aßen
Malvensamen am Wegrand. Ihre Arme reichten noch nicht
zu den Maulbeerästen hinauf. Die Alten nannten den Mal-
vensamen Herrgottsbrot. Sie sagten, daß von ihm der Ver-
stand wächst. Die mageren Hunde und Katzen ließen sich
beim Lauern und Springen nach Käfern und Mäusen nicht
stören.
Wenn im Hochsommer die Sonne brennt, sagte Edgar, lie-
gen alle Hunde und Katzen unter den Maulbeerbäumen
und schlafen. Wenn die Sonne ihr Fell wärmt, sind sie zu
schwach, um den Hunger zu stillen. Die Schweine im dür-
ren Gras fressen die gärenden Maulbeeren und verlieren das
Gleichgewicht. Sie sind besoffen wie Menschen.
Wenn der Winter kam, wurden die Schweine zwischen den
Wohnblocks geschlachtet. Wenn es wenig schneit, bleibt das
Gras den ganzen Winter blutig, sagte Edgar.
Edgar und ich gingen zu der zerfallenen Schule. Die Sonne
Herta Müller 253

blinzelte, wo sie hinschien, saßen Fliegen. Sie waren klein,


aber nicht stumpfgrau und wie zu spät geschlüpfte
hilflos,
Fliegen aussehen. Sie glänzten grün und brummten, wenn
sie sich in mein Haar setzten. Sie ließen sich ein paar
Schritte tragen und brummten wieder in die Luft.
Im Sommer sitzen sie auf den schlafenden Tieren, sagte Ed-
gar. Sie lassen sich gleichmäßig heben und senken von den
Atemzügen unter dem Fell.
Edgar war Lehrer in dieser Stadt. Vierhundert Schüler, die
kleinsten sind sechs, die größten zehn Jahre alt, sagte Edgar.
Sie essen Maulbeeren, damit sie für die Parteilieder eine
gute Stimme haben und Herrgottsbrot für den Verstand
beim Einmaleins. Sie spielen Fußball für die Muskulatur an
den Beinen und üben das Schönschreiben als Fingerfertig-
keit. Von innen kommt der Durchfall, von außen Krätze
und Läuse.
Die Pferdewagen fuhren schneller durch die Straßen als die
Busse. Die Wagenräder rasselten, die Hufe klangen dumpf.
Hier trugen die Pferde keine Stöckelschuhe, sondern grüne
und rote Wollquasten an den Augen. Die gleichen Quasten
hingen an den Peitschen. Die Pferde werden so hart ge-
schlagen, sagte Edgar, daß sie sich die Peitschenquasten
merken. Dann werden die gleichen Quasten an ihre Augen
gehängt. Die Pferde fürchten sich und laufen.
In den Bussen, sagte Edgar, sitzen die Leute mit gesenkten
Köpfen. Man glaubt, sie schlafen. Die ersten Tage habe ich
mich gefragt, wieso die an der richtigen Haltestelle aufwa-
chen und aussteigen können. Wenn man mit ihnen im Bus
fährt, senkt man den Kopf wie sie. Der Boden ist zerbro-
chen. Durch die Löcher sieht man den Weg.
VIII. Autobiographisches

Neuere Forschungen zur Autobiographie haben in mehrfa-


cher Hinsicht die Verwobenheit von Fakten und Fiktionen
herausgestellt, die bereits Goethe mit dem Titel »Dichtung
und Wahrheit« zu bedenken gegeben hatte. So wies man
unter dem Stichwort »autobiographischer Pakt« darauf hin,
daß beispielsweise Fontanes »Meine Kinderjahre« und Tho-
mas Manns »Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull«, in
denen jeweils ein Ich einen Ausschnitt seines Lebens rück-
blickend erzählt, nicht durch inhärente Textmerkmale, son-
dern allein aufgrund unseres Vorwissens gattungsmäßig als
Autobiographie und Ich-Roman zu unterscheiden sind -
daß der Autor im einen Fall aus seinem eigenen Leben, im
anderen aber das einer erfundenen Figur berichtet und sich
dabei der autobiographischen Form bedient. Insbesondere
aber führte das geschärfte Bewußtsein für die durch kausale
und finale Verknüpfungen hergestellte teleologische Struk-
tur traditionell autobiographischen Erzählens zur Verab-
schiedung naiver Vorstellungen von der Fähigkeit sprach-
licher Vergegenwärtigung und Darstellbarkeit individuellen
Lebens, daß auf eine entscheidende Lebenswende hin-
sei es,
zurückgenommener
gearbeitet oder sei es auch nur, daß, mit
Emphase, das Lebensmaterial im Hinblick auf den rück-
blickenden Erzähler als dessen Vorgeschichte ausgewertet,
akzentuiertund bewertet wird. Schließlich wurde diese Ten-
denz zu der These verschärft, nicht nur sei jede Autobiogra-
phie notwendigerweise von Fiktivem durchsetzt, sondern
alle nicht-autobiographische Literatursei letzten Endes Au-
tobiographie. Dies gilt im Prinzip für jeden Text, auch für
eine Fallanalyse Freuds etwa, indem der Text selbst gegen
die Intention seines Verfassers von diesem zeuge, ja womög-
lich autobiographisch aussagekräftiger als die im engeren
Sinn autobiographischen Werke sei, weil er weniger stark
VIII. Autobiographisches 255

der bewußten Erinnerungsarbeit unterworfen ist. Die Skep-


sis,die in solche Überlegungen einfloß, berührt sich nicht
nur mit Entwicklungen der fiktionalen Erzählprosa späte-
Moderne, sondern nährt sich auch
stens seit der klassischen
aus der autobiographischen Literatur selbst. Sie ist bei Wal-
ter Benjamin greifbar, der in »Berliner Kindheit um Neun-
zehnhundert« zugunsten scharfer Einzelbilder auf ein er-
zählerisches Kontinuum verzichtet. Man findet sie ebenso
bei Roland Barthes, der in der Konstellation von Fotogra-
fien und Text eine mediale Differenz herausstellt, die sich
gegen die synthetisierende Leistung herkömmlicher Auto-
biographien sperrt. Gleiches gilt für Vladimir Nabokow, der,
statt Erinnerungen zu erzählen, deren Wesen zu bestimmen
sucht: »Wenn ich meine Kindheit erkunde, f. .] sehe ich das
.

Erwachen des Bewußtseins als eine Reihe vereinzelter Hel-


ligkeiten, deren Abstände sich nach und nach verringern, bis
lichte Wahrnehmungsblöcke entstehen, die dem Gedächtnis
schlüpfrigen Halt bieten.« Dies letzte Beispiel ist Günter
de Bruyns Büchlein »Das erzählte Ich. Über Wahrheit und
Dichtung in der Autobiographie« entnommen, an dessen
nüchternen, klugen Beobachtungen abgelesen werden kann,
welch reflexive Schärfe seine beiden eigenen noch stark der
Tradition verhafteten autobiographischen Bücher geprägt
hat. Solche Schärfe ist sicher auch für Thomas Bernhard in
Anschlag zu bringen, dessen erzählerische Inszenierung ei-
nes Fahrradsturzes eine Zukunftsungewisse Vorausdeutung
der in seinen fünf autobiographischen Büchern thematisier-
ten dichterischen Selbstfindung im Durchgang durch die To-
deserfahrung darstellt. Oder für Wolfgang Koeppen, der in
»Jugend« auf eine gesteigerte Poetizität hinarbeitet; diese
ermöglicht es, im Bild, das der Autor entwirft, seine Genera-
tion, ja selbst noch altersspezifische Erfahrungen heutiger,
jüngerer Leser wiederzuerkennen. Die Gewaltsamkeit, mit
der Bernward Vesper das erzählerische Kontinuum bricht -
in formaler Hinsicht ist die aus thematischen Gründen aus-
gewählte Stelle eher untypisch -, gibt ihrerseits nicht nur
256 VIII. Autobiographisches

den dezisionistisch-gewaltbereiten Gestus der 68er, sondern


auch ein übergreifendes, produktiv gewendetes Mißtrauen
gegen die Formensprache überkommenen autobiographi-
schen Erzählens zu erkennen. Von ihm zeugt auch Rolf Die-
ter Brinkmanns römisches Tagebuch, nicht zuletzt in den po-
lemischen Bezugnahmen auf Goethes »Italienische Reise«.

BERNWARD VESPER

Geb. 1. August 1938 in Frankfurt a. d. Oder, Freitod am 15. Mai 1971 in der
Psychiatrischen Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. Sohn Will Vespers
(1882-1962), Gauobmann des NS-Reichsverbandes deutscher
seinerzeit
Schriftsteller. nach einer Verlagsbuchhändlerlehre ab 1961 Ge-
Studierte
schichte, Germanistik, Soziologie. 1965 engagierte er sich im Bundestagswahl-
kampf für die den folgenden Jahren zunehmende Radikalisierung. Le-
SPD; in
bensgefährte Gudrun dem gemeinsamen Sohn Felix ist der
Ensslins bis 1967;
autobiographische, Fragment gebliebene »Romanessay« Die Reise gewidmet
(postum 1977).

Im »Brief an den Vater« hat Kafka für den übermächtigen


Vater-Tyrannen Bilder von halluzinatorischer Schärfe ge-
funden: »Manchmal stelle ich mir die Erdkarte ausgespannt
und Dich quer über sie hingestreckt vor. Und es ist mir
dann, als kämen für mein Leben nur die Gegenden in Be-
tracht, die Du entweder nicht bedeckst oder die nicht in
Deiner Reichweite liegen. Und das sind entsprechend der
Vorstellung, die ich von Deiner Größe habe, nicht viele und
nicht sehr trostreiche Gegenden [. .].« Auch die Gegenden,.

die Bernward Vesper außerhalb der Reichweite seines Va-


ters - nach dessen Tod - fand, waren nicht viele und nicht
sehr trostreich: ein Leben in wachsender Entfernung zu den
Normen des bürgerlichen Alltags, sodann die APO, aus der
Gudrun Ensslin, seine Lebensgefährtin, in den terroristi-
schen Untergrund abglitt, schließlich die Droge. Aber waren
es überhaupt Gegenden außerhalb der väterlichen Reich-
weite? Blieb die Generation der 68er nicht vielfach dort
^V li^j^JAn df- v- iA*j-W<? e ™ w * r4 v*#f r 257

nochaem autoritär-selbstgerechten Habitus der Väter ver-^j&b-


haftet, die sienach zwanzig Jahren bundesrepublikanischen^ ^^
Leugnern, Verdrängens und Her unterspielens der national-
sozialistischen Verbrechen zur Verantwortung zog? Vesper
stößt wenigstens gelegentlich zu dieser Frage vor. Eine im
Manuskript der »Reise« gestrichene Passage lautet: »Nur
auf Grund dieser autoritätsfixierten Halluzination stehn die
meisten das Leben durch. Ob sie- sie nun Gott, Pflicht,
Mord, Revolution nennen oder wie immer. Die >Bewegung<
hat uns überhaupt nicht daraus befreit«. »Die Reise« ist ein
prominentes Werk der in der zweiten Hälfte der siebziger
Jahre veröffentlichten »Väterliteratur«. Vesper verzichtet in
dem Fragment gebliebenen »Romanessay« auf einen durch-
gehenden Erzählzusammenhang und bedient sich, vom Zei-
tungsausschnitt bis zum Drogennotat, der vielfältigsten Mit-
tel, die im revoltierenden Ich des Schreibers, das sich die
eigene subjektgeschichtliche Verstrickung nur in Ansätzen
eingesteht, ihren Fluchtpunkt haben. Zu selbständigen auto-
biographischen Teileinheiten sind die Erinnerungen an das
väterliche Gut Triangel geformt. Entsprechend wird in dem
folgenden Auszug die Verdrängung des Todes als »Verbre-
chen gegen das Leben« und damit das erinnerte Kindheits-
»Paradies« in seiner Fragwürdigkeit kenntlich gemacht. (Der
durch doppelte Schrägstriche hervorgehobene Halbsatz ist
eine Autor-Ergänzung im Nachlaß- Manuskript.)

Die Reise (Auszug)

Aus der Gleichmäßigkeit des Sommers, dem rhythmenlosen


Abfließen der Tagesläufe, dem Aufstehn, dem Schulweg,
den Stunden in den engen tintenbeklecksten, mit Runen
und Initialen übersäten Bänken, dem Rückweg, dem Mit-
tagessen, dem Mittagsschlaf, den Schularbeiten, den Spielen,
dem Nachtgebet, dem Schlafengehen glitt die Zeit unmerk-
lich hinüber in den Herbst, wenn morgens der Tau auf den
258 VIII. Autobiographisches

Wiesen kälter, wenn aus der Aller der Nebel aufstieg, wenn
der Sand auf dem Weg zur Mausekuhle feuchter wurde, wo
wir, die kleineren Kinder, unter Kiefern und Bärlapp unser
Lager hatten, hinüberblickend zur Rotferderchen-Kuhle,
wo die älteren, die Dorfkinder, die Arbeiter, die erst nach
fünf Uhr, wenn die Sonne hinter dem Pocken, auf ihren Rä-
dern oben, wo der Hügel gegen den Fluß abfällt, erschie-
nen, sich auf Decken und Handtüchern lagerten, Kopfstand
übten, ins Wasser stürzten, das dort tief und gefährlich sein
soll, sich, wie mir schien, brutal aufeinanderwarfen, sich un-

tertauchten, sich, ohne Anlaß, in Gruppen teilten und auf-


einander losgingen, wenn das Wasser schließlich so kalt
wurde, daß man sich erkältete, einen Schnupfen, leichtes
Fieber sich zuzog und das Baden für dieses Jahr vorüber
war, wenn wieder die Kraniche über dem Moor aufzogen,
Vögel, die aus einer Gegend kamen, die irgendwo jenseits
der Wälder liegen mußte, in ein Land fliegend, das, unvor-
stellbar genug, nicht von Frösten heimgesucht wurde, dann
gingen die Vorräte zu Ende, dann wurde irgendwann bei
Tisch, so daß wir es hörten, der Termin für das Schlachtfest
festgelegt, dann mußten wir in der Schule abermals das Ge-
dicht >Wurst, wieder Wurst< lernen, mit dem der Lehrer, der
uns eindrücklich den Wert der alten Überlieferung erläu-
terte, wonach Nachbarn sich in jedem Dorf die ersten fri-
schen Würste, ein Stück Lamm, eine Lende vom Schlacht-
fest, einen Eimer Brühe zuschicken, eine Gabe, die, sobald

das eigene Schwein, das den Sommer über im Koben gemä-


stet worden, gefallen, erwidert werden mußte, darauf hin-
wies, daß man auch den Lehrer und den Pfarrer, wie es im
Gedicht stand, nicht übergehen dürfte, selbst wenn diese,
wie es der Fall war, selbst kein Schwein schlachteten.
Dann wurden die Mollen aus der Treppenbutze geholt und
vom Staub, der sich seit dem Frühjahr angesetzt, gereinigt,
dann die Weckgläser, die, nachdem man sie geleert, umge-
kehrt auf einem Regal gesammelt, gespült, die Weckringe,
von denen manche, obwohl mit Talkum behandelt, von der
Bernward Vesper 259

Trockenheit und Wärme brüchig geworden, ergänzt, die


großen Messer, die unbenutzt in der Schublade geruht,
vom Gärtner in die Schmiede gebracht, wo man sie, am
Schleifstein, den ich drehte, während er, die Finger an der
Schneide, die Schneide fest auf den rauhen, gelblichen Stein
gedrückt, scharf schliff, während das Wasser, das aus der
Wanne, durch die der Stein mit seiner unteren Hälfte lief,
hochgeschleudert wurde, den heiß werdenden Stahl immer
wieder kühlte, an Griff und Schneide, vermischt mit feinem,
durch die Reibung abgelöstem Sand an seinen haarigen
Händen entlangfloß, von seinen Ellbogen, die knochig her-
ausragten, da er die blaue Jacke abgelegt, das Hemd hochge-
krempelt hatte, herabtropfte.
Dann wurde Holz gehackt, Torf herangefahren, dann wur-
den Aushilfen bestellt, die schon am Tage vorher kamen, als
es darum ging, die Gewürze zu präparieren, den Thymian,
der, gebüschelt zum Trocknen abzukämmen
aufgehängt,
und auszulesen, Majoran und Basilikum zu reiben und
weißen und schwarzen Pfeffer, wenn man ihn auftreiben
konnte, zu mahlen. Denn an dem Tag selbst, an dem nicht
nur die Tiere getötet und ausgeschlachtet, Würste, Schin-
ken, Wellfleisch zubereitet und gestopft, gekocht und ge-
hackt werden, sondern auch ein großes Schlachtessen ange-
richtet werden mußte, bei dem jeder so viel Fleisch essen
konnte, wie er wollte, war keine Zeit zu verlieren, mußte
alles gut organisiert und vorbereitet sein.
An diesem Abend vor dem Schlachttag, ich war vielleicht
zehn, nahm ich mir vor, das zu tun, was meine Schwester,
die ein Jahr älter war, tat, ohne es sich vorzunehmen, im
Schlaf zu sprechen. Als meine Mutter gegen Mitternacht an
mein Bett kam, mich zuzudecken, sagte ich bei geschlosse-
nen Augen: »Das Sauerkraut fehlt noch!« Und sie fragte:
»Was fehlt?« Und ich: »Das Sauerkraut!« Daß jemand, der
die Angewohnheit hat, im Schlaf zu sprechen, kaum auf
eine Frage antwortet, fiel meiner Mutter nicht auf, im Ge-
genteil, man sprach am kommenden Tag, obwohl doch alles
260 VIII. Autobiographisches

sehr beschäftigt war, wiederholt von meinem merkwürdi-


gen Verhalten, beschäftigte sich mit mir, bemerkte, daß also
nicht nur meine Schwester, sondern auch ich, was man nie
zuvor geglaubt, aus dem Schlaf heraus Sätze murmelte, so-
gar, das war neu, aber nicht erstaunlich, da man ähnliches
schon in den Berichten von Folterungen und Verhören
wußte, denen deutsche Gefangene unterworfen, im Lub-
janka, wo von der Decke herab eine nackte Glühbirne di-
rekt ins Gesicht des Schläfers blendete, Fragen beantwor-
tete, eine Eigenschaft, die, noch ungefährlich, eines Tages
für mich bedrohlich werden könnte.
An diesem Morgen, als es noch dämmrig, das Licht rechts
und links neben den Rollos, die die beiden Fenster am
Kopfende meines Bettes verschlossen, noch grau und milch-
weiß, ich aber unten schon den Staubsauger hörte und die
Schritte der Mädchen aus den Bodenkammern die Treppe
hinunter und wußte, daß jetzt die beiden Mastschweine, die
wir am Tage zuvor im Schweinestall noch begutachtet, wie
sie dort, im Halbdunkel, ein rotes Farbkreuz auf dem Rük-
ken, tiefatmend lagen, zum letzten Mal gefüttert und dann
vom Gutshof herübergebracht werden würden, stand ich,
das Wecken durch das Mädchen, das mich zum Frühstück
vor der Schule holen würde, nicht abwartend, auf, zog mich
an, schlich leise die Treppe hinunter, zur vorderen Haustür
hinaus auf den Hof, wo ich am Quietschen und Schreien,
das aus den halboffenen Luken des Schweinestalls tönte, er-
kannte, daß die Fütterungszeit bereits gekommen, hockte
mich in die Rübenkammer, wo man, durch die angelehnte
Tür, den Gang überblicken konnte, auf dem jetzt, vom
Schweinemeister getrieben, die beiden Säue herankamen,
links einbogen, zwischen zwei Leitplanken, die ihnen nur
die Möglichkeit ließen, auf die Waage zu laufen, wo man,
mit großen, eisernen Gewichten ihr Gewicht feststellte, sie
dann, eine Zugtür anhebend, in einen geschlossenen Holz-
käfig trieb, der auf einer Rutsche, einem mit eisernen Kufen
beschlagenen, radlosen Gefährt stand, das, als man den
Bernward Vesper 261

Käfig geschlossen hatte, von dem kleinen Schimmel, dem


Flüchtlingspferd, über die kurze, mit Kopfsteinen gepfla-
sterte Strecke zur Waschküche geschleift wurde.
Kaum war der Troß verschwunden, lief ich, durch den Ge-

müsegarten abkürzend, zum Haus zurück, sah, wie man


dort die beiden Schweine aus dem Käfig ließ, während der
Bodenmeister, der das hohepriesterliche Amt des Schlach-
ters bekleidete, geschickt ein Lasso um einen Hinterlauf
zog, so daß die Tiere, an einen Pflock gebunden, nicht ent-
laufen konnten, sondern, im Rasen neben der Betonplatte
wühlend, mit ansehen konnten, wie man aus der Waschkü-
che Eimer mit heißem Wasser heranschleppte, und Glinde-
mann, wie der Gärtner in einen weißblau gestreiften Sträf-
lingskittel gekleidet, eine große weiße Gummischürze vor
dem Bauch, einen Schluck aus der Schnapsflasche nahm, die
Messer, die in einer Molle bereitlagen, prüfte, dann zu ei-
nem großen Trog ging, der umgestürzt auf der Betonplatte
lag, eine Maske aufnahm, die mich an die Gasmasken erin-
nerte, die wir, gegen Ende des Krieges, probeweise aufset-
zen mußten, sich, zusammen mit dem Gärtner, der ersten
fetten Sau näherte, die Maske, die dort, wo sie auf der Stirn
des Tieres aufsitzen würde, einen großen metallenen Nippel
besaß, dem sich sträubenden Schwein um den Kopf legte,
und, als er sich vergewissert hatte, daß sie fest saß, an dem
Strick zog, der das Hinterbein des Tieres fesselte, so daß es
krachend umstürzte, mit einem Geräusch, das ich auch zu
hören meinte, wenn ich das Bild in der Jugendbibel ansah,
auf dem dargestellt ist, wie Samson die Säulen des Tempels
einreißt, und, ehe es einen Versuch machen konnte, sich zu
erheben, den Strick auch um den zweiten Hinterlauf legte,
während gleichzeitig durch den Gärtner die Vorderläufe
gefesselt wurden, so daß das zuckende und stöhnende Tier,
die Maske über den Augen, sich nicht länger sträuben,
nicht aufspringen, nicht davonlaufen konnte, sondern dem
Schlag, der jetzt mit dem mächtigen Vorschlaghammer aus-
geführt wurde, der, vom Bodenmeister geschwungen, in
262 VIII. Autobiographisches

schrägem Bogen auf den Nippel niedersauste, hilflos ausge-


liefert war.
Ich hörte das Krachen des Hammers, sah, wie der Nippel
tief in den Schädel des Tieres eindrang, hörte das entsetz-
liche Schreien, das das Tier aus weit aufgerissenem Rachen
ausstieß, wobei mir seine braunen, fast fauligen Zähne auf-
fielen, hörte einen zweiten Schlag, sah, wie die Männer sich
über das schreiende, sich verkrampfende Tier stürzten, es
auf den umgekehrten Trog zerrten, so daß es jetzt etwas er-
höht dalag, während der Gärtner zum größten Messer griff,
während ein Mädchen mit einer großen Emailleschüssel
vom Haus gelaufen kam, die sie dort, wo der Kopf des Tie-
res über den Boden des Troges hinausragte, niedersetzte,
genau unter den Hals, über den sich der Gärtner jetzt
beugte, und während das Schreien des Tieres, das kon-
trollose Ausströmen ungeheurer Schallmassen aus seinem
Innern immer noch andauerte, mit einem Schnitt die Kehle
durchtrennte, so daß Blut hervorquoll, dann, da das Herz
noch schlug, in wilden Pumpenstößen hervorschoß, in die
Emailleschüssel floß, in die jetzt das Mädchen, den rechten
Ärmel des blauen Kleides hochgekrempelt, die Hand ein-
tauchte, und das schäumend weiß und rot quirlende Blut zu
schlagen begann. Ich sah, wie sie plötzlich bleich wurde und
in der Hocke zu wanken begann, sah, wie der Gärtner zu-
sprang und sie festhielt, während sie mit ihrer blutroten
Hand durch die Luft fuhr, wie der Bodenmeister ihren Platz
einnahm, gelassen vor der Schüssel niederkniete, mit lang-
samen, gleichmäßigen Bewegungen das erst noch stark
fließende Blut umrührte, während durch den Körper des
Schweins ein letztes Zucken lief, die Schnauze sich krampf-
haft öffnete, die Schreie verstummten und der noch einmal
aufbebende Koloß sich streckte und regungslos liegenblieb.
Der Gärtner führte das Küchenmädchen zum Haus hin-
über. Ich stand da, hinter der Hausecke, sah hinter dem Ab-
flußrohr der Regenrinne auf die plötzlich so stille Szene:
Das Blut muß, wenn es den Körper verläßt, gerührt wer-
Bernward Vesper 263

und weiße
den, damit es nicht gerinnt, damit sich nicht rote
Blutkörperchen trennen, wenn sie mit der Luft in Berüh-
rung kommen, damit es brauchbar bleibt für die weitere
Verwendung, als Fülle für die Blutwürste, untermischt mit
Speck und Kräutern, für die Zungenwurst, die man in den
Magen füllt. Das hatte ich schon gehört. Aber das alles war
so fern gewesen, getrennt durch die Wände, durch den Ab-
stand, nur verbunden durch die Schreie der sterbenden
Tiere, die ich in meinem Bett gehört, ohne daß ich gewußt
hatte, was was zwischen dem Abend,
eigentlich geschieht,
wo wir die Schweine zum und
letztenmal begutachteten
dem Mittag, wo wir, aus der Schule kommend, den Kadaver,
ausgespannt auf der Leiter, die Flomen durch Stöcke ausein-
andergehalten, das schon starre, erkaltete Fleisch an der
Wand stehen sahen, wie ein Ding, wie etwas, das niemals
Leben gehabt hat.
Ich aß mein Frühstück, niemand hatte mich be-
lief fort,

merkt, ich sah das Zucken des Tieres, hörte seinen Schrei,
sah dies Aufbäumen und das Zusammensacken, die Stille,

den Tod und, weit davon mich schuldig zu fühlen,


entfernt,
weil ich etwas Verbotenes getan hatte, fühlte ich, daß ich in
ein Geheimnis eingedrungen war, daß ich, als ich das grau-
same Gemetzel beobachtete, der Wirklichkeit näher gekom-
men war und ich ahnte zugleich, daß das Verbot, dem Ster-
ben zuzusehn, nicht mich schützen sollte vor dem blutigen,
brutalen Anblick, sondern meinen Vater. Ich sollte nicht
seine Angst vor dem Tod sehen, vor dem fiesen, endgülti-
gen, alles beendenden, alles zerstörenden Verrecken, und
dies Ausklammern, Aussparen eines entsetzlichen und
dies
erhabenen Augenblicks, dies kam mir dumpf vor wie ein
Verbrechen gegen das Leben, gegen das Sein überhaupt,
eine furchtbare und gemeine Lüge.
Man hatte uns die Tiere gezeigt und das Fleisch aufgetischt,
man hatte uns gesagt, ein Kind ist geboren und >jemand ist
gestorben^ aber nur der Schall der Schulglocke um sechs
Uhr hatte es angezeigt, // warum rief man nicht das Dorf
264 VIII. Autobiographisches

zusammen, um alle am Todeskampf teilnehmen zu las-


sen? // oder der schwarze Anzug, den man anlegte, ehe
man in die Kutsche stieg, um
zur Beerdigung zu fahren.
Aber das wunderbare, Mysterium des Todes war
herrliche
nur gegenwärtig in einer alles durchdringenden Angst. Ich
ahnte zum ersten Mal, daß ich den Tod kennenlernen
wollte, als etwas, das geschieht. Und ich dachte daran, daß
nach dem Tod meiner Halbschwester Ulrike mein Vater das
Bild seiner Tochter vom Schreibtisch entfernte und es ver-
mied, jemals über sie zu sprechen. Und später, als meine
Großmutter im Todeskampf, ja, als sie im Sarg lag, weigerte
er sich, hinzugehn, sie zu betrachten.
Aber jetzt, als ich aus der Schule zurückkam, in die Wasch-
küche eintrat, wo man daran ging, in verschiedenen Gefä-
ßen die Füllung für die Würste zuzubereiten, die Semmelle-
berwurst, die man mit Weißbrot streckte, die Schlackwurst,
den Schwartenmagen, die Plockwurst, wo im großen Kessel
die fette Brühe brodelte, spürte ich nichts mehr von dem
Schauder des Morgens. Und hier zu sein war uns nicht ver-
boten, es wurde den Mädchen nachgesehn, wenn sie uns
vom Gehackten, von der Fülle der Mettwurst etwas zu ko-
sten gaben. Hier durften wir zusehn, wie kleine Dampfwür-
ste, die den Kindern vorbehalten sind, mit der Wurst-

maschine gestopft wurden, hier sahen wir auch, wie ein


ahnungsloser Gast mit der >Sülzpresse< angekeucht kam, ei-
nem schweren Korb, der mit Feldsteinen gefüllt war, die als
unentbehrlich über eine weite Strecke heranzuschleppen
man ihm aufgetragen hatte, zum Spaß aller, die den Trick
bereits kannten. Und dann gab es das Schlachtessen, die
chromwandigen Terrinen voller Wellfleisch, die Ohren, die
Nieren, Bauchfleisch, dazu Sauerkraut und Erbsenpüree (in
einer Zeit, wo ich mir das Brot aus der Speisekammer holte,
um mich nachts heimlich satt zu essen). Und als man mit
dem Triangel läutete, stand ich im Badezimmer, die Erwar-
tung des frischen, saftigen Fleisches, von dem ich genug be-
kommen würde, staute sich an, verkrampfte mich. Ich
Bernward Vesper. Rolf Dieter Brinkmann 265

merkte, wie ich erstarrte, wie mir übel wurde. Ich mußte
mich über das Waschbecken lehnen und Ströme von Spei-
chel flössen aus meinem Mund, der sich schmerzhaft starr
verzog. Ja, es ist das Paradies, meinst du nicht auch, es war
das Paradies?

ROLF DIETER BRINKMANN


Geb. 16. April 1940 in Vechta bei Oldenburg, gest. 23. April 1975 an den Fol-
gen eines Autounfalls in London. 1958 Abbruch der Schule und einer Verwal-
tungslehre. 1959 Buchhändlerlehre in Essen. 1963 Studium an der Pädagogi-
schen Hochschule Köln. 1964 Heirat mit Maleen Kramer, Geburt des Sohnes
Robert. 1972-73 Stipendiat der Villa Massimo in Rom. 1974 Gast am German
Department der University of Texas in Austin.
Werke: Ihr nennt esSprache G. (1962); Le Chant du Monde G. (1964); Die
Umarmung En. (1965); Ohne Neger G. (1965); &-Gedichte (1966); Raupen-
bahn En. (1966); Was fraglich ist wofür G. (1967); Godzilla G. (1968); Keiner
weiß mehr R. (1968); Die Piloten G. (1968); Standphotos G. (1969); Gras G.
(1970); Westwärts 1 & 2 G. (1975); Rom, Blicke (1979); Standphotos. Gedichte
1962-1970 (1980); Der Film in Worten. Prosa. Erzählungen. Essays. Hörspiele.
Fotos. Collagen 1965-1974 (1982); Erzählungen (1985); Eiswasser in der Gua-
delupe Str. G. (1985); Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen
Aufstand: Träume Aufstände/Gewalt/Morde. REISE ZEIT MAGAZIN. Die
Story ist schnell erzählt. Tgb. (1987); Schnitte Schrift-Bild-Collage (1988);
Briefe an Hartmut 1974-1975 (1999). Fotoserien, Bildcollagen, Kurzfilme.
Übersetzer und Herausgeber amerikanischer Underground-Literatur.

Die Opposition gegen das literarische Establishment - »Oh-


renschmalz von Enzensberger / die Lyrik Heißenbüttels /
ein Fötus in Spiritus« wie es in dem frühen Gedicht »Kul-
,

turgüter« heißt - ließ Rolf Dieter Brinkmann in den sechzi-


ger Jahren die amerikanische Pop-art mit ihrem Interesse an
neuen Medien, Werbung und Alltagsästhetik aufnehmen
und führte ihn später vorübergehend in die Nähe der prote-
stierenden 68er-Generationsgenossen. Als er sich nach 1970
radikal aus der (sub)kulturellen Szene zurückzog und in
wütenden Ausfällen den neomarxistischen Träumern ihre
kopflastige Fortschrittsideologie um die Ohren schlug, begab
266 VIII. Autobiographisches

er sich- weniger als Opfer denn willentlich - in eine nahezu


vollständige Einsamkeit. Aus dieser heraus machte er die Er-
fahrung des Körpers und das unveräußerliche Eigenrecht
jedes Individuums im produktiv gewendeten Ressentiment
gegen alle, wie immer gearteten, Kollektivismen geltend
und versuchte - gegen die überkommene Überzeugung der
sprachlichen Präsenz von »Sinn« - der unverstellten Wahr-
nehmung zu ihrem Recht zu verhelfen: »Ich denke, daß das
Gedicht die geeignetste Form ist, spontan erfaßte Vorgänge
und Bewegungen, eine nur in einem Augenblick sich deutlich
zeigende Empfindlichkeit konkret, als snap-shot festzuhal-
ten. [. .] Es gibt kein anderes Material als das, was allen zu-
.

gänglich ist und womit jeder alltäglich umgeht, was man auf-
nimmt, wenn man aus dem Fenster guckt, auf der Straße
steht, an einem Schaufenster vorbeigeht, Knöpfe, Knöpfe,
was man gebraucht, woran man denkt und sich erinnert, alles
ganz gewöhnlich, Filmbilder, Reklamebilder, Sätze aus ir-
gendeiner Lektüre oder aus zurückliegenden Gesprächen,
Meinungen, Gefasel, Gefasel, Ketchup, eine Schlagermelo-
die, die bestimmte Eindrücke neu in einem entstehen läßt«
(einleitende »Notiz« zu »Die Piloten«, 1968). Das postum er-
schienene Werk »Rom, Blicke«, eine Mischung aus Reisebrief
und -tagebuch, in dem die ideologisch verfestigte Wahrneh-
mung der Postkarten in der Collage mit betont banalen und
häßlichen Fotografien aufgebrochen wird, macht im Blick
auf Rom nicht die ich-bildende Macht der abendländischen
Tradition geltend - auf Goethe, den »Idioten«, der »jeden
kleinen Katzenschiß« bewundert habe, zielen mehrere Sei-
tenhiebe -, sondern führt ein Panorama von Ruinen und eine
von amerikanischen Alltagsikonen geprägte Stadtlandschaft
vor Augen, deren in Schmutz, Verkehrschaos und Straßen-
prostitution anschaubare Wirklichkeit die Verfallenheit an
den Tod erkennen läßt. Insofern kommt der nachfolgenden
Schilderung eines Besuchs der »Mondo Cane« -Gruft allego-
rische Bedeutung zu. Mit der an die nationalsozialistischen
Vernichtungslager erinnernden Auslöschung von Individua-
lität noch über den Tod hinaus wird der europäisch-amerika-
Rolf Dieter Brinkmann 267

nischen Zivilisation ein Bild entgegengehalten, in dem sie

ihrer (selb st)zerstörerischen Antriebsenergien gewahr wer-


den soll Gegenkräfte beschwört Brinkmann u. a. mit der
Nennung Hans Henny Jahnns, dessen »Fluß ohne Ufer« das
Ich des Buches in Rom liest, und Giordano Brunos, des auf
dem Campo de Fiori am 17. Februar 1600 verbrannten
3

»abgefallenen Dominikanermönchs« der »immer auf der


,

Seite Einzelner, nicht der Vielen« gestanden habe: »Die Fi-


gur des Giordano Bruno ist ganz wenigen Symbole
eines der
für die totale Individualität des Menschen, seine Einzelheit,
die unverwechselbar gedacht werden sollte und in der An-
lage gewiß als Möglichkeit verbanden ist.«

Rom, Blicke (Auszug)

Freitag, 24.Nov. 72, L. M., ein windiger Tag, Regenbewöl-


kung, bleich-graues Licht, Herbst. Kam nicht zum Arbei-
ten, und ging mir diesen Keller ansehen, wie bereits gestern
268 VIII. Autobiographisches

vorgehabt./Stieg wieder an derselben Haltestelle nahe der


amerikanischen Botschaft aus, überall wimmelte es von Po-
irgendein Protest gegen irgendeine der zahllosen
lizisten,
Verwahrlosungen, die täglich auftreten, lief ab: als ich aus-
stieg, stand 1 kleine Menge vor 1 Haus und jemand sprach
metallen durch 1 Megaphon/die Polizisten hielten sich ab-
seits auf, sogar 1 Bus sah ich, in dem sie hergefahren waren
- seltsame Zusammenstellungen von baumelnder Pistole an
der Uniformjacke und 1 Säbel an der anderen Seite/weiße
Riemen über der Brust, rote Streifen an der Hose/3 ital.
Jeeps bewachend vor der US-Botschaft (welche Botschaft,
die sie vertreten müßte bewacht werden? Und was für ein
Land, eine Stadt ist das, die solchen Botschaften Aufenthalt
& Schutz gewährt: so geht alles weiter den Rutsch in eine
unübersehbare Entropie, in den Zustand der Erstarrung -
schon heute kaputt, was morgen zu leben ist?)/weiße Licht-
löcher, bizarres gezacktes Weiß in den fast entlaubten
Platanenbaumkronen die Via Veneto hinab, fahl-grün-ge-
schuppte Stämme/Windstöße, langes Warten vor 1 Ampel/
(ich schlug den Mantelkragen hoch, fröstelte etwas)/: die
Steinstufen hoch zur Kirche & rechts den Seiteneingang in
die »Mondo Cane«-Gruft: 1 Vorraum zuerst, mit 2 rum-
latschenden Capuzinern in Kutten & kahlem Kopf, dafür
Barte, sie schauten frech der Blick, das fiel mir auf, war zy-
nisch-abgebrüht, keine Trauer, keine entsetzte Miene, keine
leere Gleichgültigkeit, kein Interesse, sie bewachten & han-
delten mit einer Perversion - im Vorraum: Postkartenstän-
der, Ständer mit Rosenkränzen, Papstbildern, Broschüren
über 1 stigmatisierten Pater, & dazu: Totenköpfe in Nach-
bildungen, kleine Papstbüsten, Puppen (!) in Zellophan-
kästchen zum Verkauf! /rechts der Eingang zu 1 schmalen
Gang, gewölbt, an dem dann links jeweils die einzelnen Ge-
wölbe liegen, rechts die Außenmauer./Das Licht ist düster,
man muß mit den Augen tasten, & tastet mit den Augen
zuerst eine Fülle als: Knochenfülle, & vielleicht macht es
Rolf Dieter Brinkmann 269

diese Fülle, die das Empfinden betäubt, stumpf macht, ver-


gessen läßt, was man sieht - Stapel von Köpfen (—

2. —> Stapel von Beckenknochen, Stapel


Karte: 24. 11. 72)
von Arm & Beinknochen, Stapel von Schulterknochen -
alles getrennt, für sich - sortierte Menschenknochen/:
ringsum gestapelt, wie 1 Todeslager, etwas, nein, nichts an
1 Ersatzteillager erinnernd./Das Grauen kommt langsam:

ein Grauen über die Perversion, 1 Grauen an das Show-


Tod-Business mit Toten, 1 Grauen über Menschen & Ideen,
so etwas anzustellen, zu verfertigen - & 1 Ekel, über die
Blödheit/Das Verlöschen des Einzelnen in der Totenmasse
bis über den Tod hinaus - eine wahnwitzige Besessenheit
guckt hervor: die Besessenheit der Idee, der Gemeinschaft/
von allen Seiten dringen Menschenknochen aus dem stump-
fen Licht auf mich ein: jede individuelle Regung, das spüre
ich wohl, soll betäubt werden, runtergeknüppelt - der ein-
zige schauerige Exhibitionismus, den ich kenne (wie trau-
rig dagegen, 1 Zeiger im Park, der sein Geschlechtsteil dem
270 VIII. Autobiographisches

Blick verstohlen, hinter eineröden Aktentasche anbietet, ei-


nen Exhibitionisten zu nennen - wo das nur verwirrt, ver-
einsamt, vor dem Erlöschen der sinnlichen Freude ist - ich
begriff: jeder, der nur etwas gegen Sexualität sagt, egal in
welcher Form sie sich äußert, hat unrecht, so etwa sagte es
1 x Adorno)/Da war der Tod zu Stukkaturen verarbeitet, da

hingen Lampen aus menschlichen Knochen verfertigt - die


langen Schienbeinknochen als Halter, muschelige Knochen
als Gefäße/es waren braune, torfmullartige Flächen gelassen
in den Grüften, worin einige Holzkreuze standen - zwi-
schen gestapelten Gebeinen freigelassener Raum für ausge-
trocknete Toten in Ketten, mit Draht an die Mauer festge-
bunden, da war ein Arm mit einem anderen Arm in 1 Kutte
samt Hand zu 1 Kreuz stilisiert/winzige Gelenkknochen
waren zu Bögen verarbeitet - hier hat 1 gewütet, der per-
vertierte vom Leben/ich beugte mich vor & sah aus 1 ver-
staubten Kutte faserige Gebilde herauskommen, zu einer
verschwommenen betenden Gebärde gekreuzt - zusam-
mengebunden mit Draht - ausgetrocknete Haut, die Hände
ein wuseliges Gewirr der Zersetzung/von der Decke wollte
1 Gerippe runterstürzen/hinter mir redeten laut und unge-

rührt 1 holländisches Paar in ihrer puddinghaften Halsspra-


che/sonst war niemand mit im Gang/von oben, aus der Kir-
che, kamen verwischte pumpende Harmoniumtöne/es roch
nach nichts/

(3. Karte: 24. 11. 72): plötzlich, als ich einen grauen, porösen
Kopfknochen sah, irgendeiner, fiel mir ein, daß wir 1952,
53 im Gebüsch an der Kirche zu Vechta, zwischen faulen-
dem Laub, Fußball gespielt hatten mit einem derartigen
Menschenknochen (fühlte ich da nicht 1 Grauen? Ich habe
mitgemacht, ich wollte gern mitspielen mit anderen, es war
1 gute Gelegenheit: war es so?)/& ich erinnerte mich eines

Schulausflugs in den Hümmling zu 1 Kloster, wo der Altar


1 gläserner Sarg war, man schaute auf 1 vertrocknete Leiche!
& das sollte festlich sein, für Gottes-Feste! 1 unmenschliche
Rolf Dieter Brinkmann 271

Schweinerei Nachdenklich, dieser wahnwitzige To-


ist es!)/:

desfetischismus des Menschen


- da ist ein grauer, vorzeit-

licher Schatten bis heute, der die Freuden des Körpers ver-
wesen machen möchte durch die Psyche des Menschen, sein
Denken)/Fratzen waren die Gesichter: aus 1 vertrockneten
Mund ragte 1 Zahn raus, die anderen waren alle weg, ver-
braucht - man stelle sich 1 x die notwendigen Putzarbeiten
in diesen Räumen vor: täglich müssen Menschenknochen
werden, wohin jetzt mit diesem Zahn? etc./Das
gerichtet
Abendland, jeder, der sich darin bewegt, jeder, ist besessen
von dem Tod! Von der Idee des Todes! Mehr Tod als Le-
ben./& mir fiel auch wieder ein, daß über der Steinpforte
des Kölner Melatenfriedhofs in Goldschrift steht »Sacer
Locus« - Heiliger Ort - aber im alltäglichen Leben gibt es
keine heiligen Orte: es gibt ja auch so viel davon,

(4. K.: 24. 11. 72), was?/& mir fiel 1 Szene eine, die ich
hier abends bei 1 Rundgang durch das Viertel sah: näm-
lich abends, nachts, zwischen den schwarzen Baumschatten
272 VIII. Autobiographisches

niedrig am Boden & dicht am Straßenrand die roten Glut-


stellen der Holzkohle für wartenden Nutten, die dort
die
standen oder hockten & sich wärmten, von aufblendenden
Wagenlichtern jäh herausgehobene halb entkleidete Frauen-
körper, die nach Abblenden des Wagenlichts wieder in den
schwarz-staubigen Schatten mit der roten Glut unten zu-
rücksanken in Einzelteilen von Schenkeln, Titten, Bäuchen,
Hintern - während auf der anderen Seite der breiten Straße
über eine hohe Mauer Zementblöcke ragten, vor denen
kleine Lämpchen flackerten - die Miniatur-Hochhäuser der
Gräber, der Toten, in die Luft gesetzte Schubläden Schubkä-
sten - während in den Autos, sobald eine reingekrochen
war, & die nur wenige Meter weiter in den Schatten eines
Hauses auf dem Gehweg geparkt werden, die Titten heraus-
gezogen werden, die Strumpfhose zwischen den Knien
hing, dieHose aufgeknöpft war &
herausgeholt das haarige
Hautgebeutel, Sack &
steifer Schwanz, &
jetzt 1 vielgliedri-
ges Gebilde geworden, mit Anblick aus der Blechkiste auf
die Totenlämpchen: Sex, Tod, Geld, alles in eins, zu 1 Zeit,
an 1 Ort./Ich ging noch rasch mir oben die Kirche ansehen:
düster, 1 Harmoniumgesuppe von
Rolf Dieter Brinkmann 273

R ^»\

(5. K.: 24. 11. 72) —» einem verborgenen Ort, aus dem trü-

ben Halbdunkel, in dem mir die abgenutzte Schäbigkeit


auffiel (: man bedenke doch lx, wie viele Einzelknochen
hier reingegangen sind & den Ort zerwetzt haben wegen
ungezählter Miseren) (:& an den Miseren verdienen natür-
lich die Priester, jeder Pfarrer, jeder Religion, jeder Reli-
gionsart: wie Parasiten, die sich um Schmerzen, Wunden
sammeln & davon leben, das ist ihre Berechtigung, konkret,
alles andere ist Hokuspokus & Tempeltänzerei/man beden-
ke: ganzer Berufsstand, der von Ausweglosigkeiten lebt,
1

kann der 1 Interesse haben sie zu beheben?)/: Es gab da ko-

mische Stühle - Bänke, Reihen nicht - sahen aus wie falsch


gesehen &
falsch konstruiert: tiefe, dicht über dem Boden
angebrachte Sitzflächen mit Bastbespannung, &
oben an der
Lehne ein schmales Längsbrett: bis ich in der Ecke einen
Braunkuttigen sah &der so uneinsichtig zusammen mit den
Stühlen 1 Gebilde abgab: der tiefe Sitz ist zum Knien, das
Längsbrett zum Aufstützen der Arme: da hockte er Fleisch-
massig modrig auf dem Sitz tief &wölbte sich oben mit den
Armen vor: er hatte sich einen 2. Stuhl rangezogen, das
274 VIII. Autobiographisches
Rolf Dieter Brinkmann 275

wars:/Ich ging rum &


wieder raus; draußen latschte einer
der Wächter raus &
am Eingang, in Sandalen, der Ro-
rein
senkranz schaukelte & schlenkerte/Regenhimmel, ich sah
von der Treppe in die Bäume, die mit gezackten weißen
Licht-

(6. Karte: 24. 11. 72) —» flecken in den Kronen durchsichtig


waren & die an dem Straßenrand standen/gegenüber dem
Keller mit Menschenknochen als Schmuck 1 Parfumladen -
daneben 1 Hotel, exquisit, Hotel Alexander, daneben noch
1 Hotel: (Projektion: die Oberkiefer halbrunde, die ich eben
zu 1 Einlege-Schnörkel- Arbeit über mir an der Decke sah,

als Verzierung in der Eingangshalle zu dem Messing ro- &


ten Läufern ?)/(:Touristen hatten auf der Schädelwölbung
irgendeines anderen ihre Namen mit Daten geschrieben!)/:
da wackelten die vollen Körper, alle geschlossen durch Ideen
& Gedanken/(Der Eingang zum Leib, zur Wärme eines an-
deren: geschlossen)/Hinter mir, an der Kirchmauer 1 Ta-
fel: Centro Cooperazione Missionario Cappucini - Cappu-

zino-Kaffee-Mission? Cooperazion mit dem Tod? Missio-


276 VIII. Autobiographisches

nieren mittels Grauen?)/: gleich neben den gestapelten


Menschenknochen, unten dran, neben dem Treppenauf-
gang: 1 Boutique »Unisex« mit Schildern von Diners Club
& Fichel Club & Carte Blanche/Die Kirche war natürlich
einer unbefleckt (vom Sperma unbefleckt = also Sperma gibt
Flecken!?) Empfangenen geweiht »Immacolata Concezio-
ne«/: unten 1 Witz von 1 Schwulen: rost-rotes Haar, weiche
beige-braune Flanellhose/Busse stinken in die Platanen/auf
solchen Maschinen rasen sie hier überall herum, laut und
stinkend/

(7. —» »sieht nach Regen aus«, denke


Karte: 24. 11. 72)
ich./l runtergehendes Flugzeug über den Dächern/(: und
sieh mal diese giftigen Flugmaschinen an! Versprühen gif-
tige italienische Nationalfarben, das Gift der Nation/&
kommen heulend heran, Tod, Tod, Tod, was sonst? verbrei-
ten sie?)/(: das wird alles mittels solcher Karten unter die
Leute gebracht - & noch so viele Polizisten, überhaupt Uni-
formierte, sah ich bisher in 1 Land wie hier in Italien!)//: da
ging schon wieder einer dieser Halbaffen-Kontrolleure in
Uniform.//(kam gerade aus dem Bus, der direkt vor der
Kirche hält)//: 1 juckte sich mal wieder ausgiebig am Sack
durch die Hose, einer rülpste ungeniert laut, hörte das
bis zu mir in Höhe der Baumkronen/Rundblick: Scandi-
navisches Reisebüro, amerikanisches Fotzengegacker/Ho-
tel Imperial/(gelbes Messing)/grün-bleich geschuppte Baum-
stämme, düsterer Himmel/hatte etwas Kopfschmerzen/
es war gegen 4 Uhr/ich ging nachdenklich die abfallende
Straße, das erste Stück der Via Veneto hinunter bis zum
Platz Barberini mit dem schwarzangelaufenen Brustkorb
des wasserspeienden Tritonen, dahinter die Baustelle vor
der Metro Roma & rundum Reklamen: Disney On Parade/
Richard Burton als Barbablu (Blau-

(8. Karte: 24. 11. 72) -> Bart)/& großes Hitler-Frontal-Bild


in rosafarbenen Wolken für Documenti Terribili/daneben
Rolf Dieter Brinkmann 277

eine Nackte hingestreckt über das Panorama einer Stadt für


Le Mille e Una Notte/: Mickey Mouse zieht den Zylinder
unentwegt/: fühlte ich noch was außer Wirrwarr? Spürte
ich noch mich selber außer permanentem Aufpassen auf
den Wagenverkehr?/: Schuhgeschäfte, Boutiquen, Pullover,
Glas, Silber, Zeitungsstände, Bars, nur zum Stehen!/: da
stand ich, 20 nach 4 unter dem herbstlichen Rom-Himmel,
mit gestapelten Menschenknochen (wie bei Cannibalen, zur
Erinnerung an vergangene Feste, so kams mir jetzt in dem
Verkehrslärm erinnernd vor: 1 protzen, was sie alle gefres-
sen hatten in der vergangenen Zeit, durch Jahrhunderte -
& sollten sie auch nicht unentwegt »Menschen fangen«?
Abgenagte Knochen, also) hinter mir//: Rom ist das!//
(Mensch, geh mir weg mit dem Süden & den Halb-Affen!)
- was mich wundert, ist: sie, wir, Menschen, haben nun al-
les, schöne Kleider, Geschäfte, Museen, Untergrundbahnen,

Autos, Flugzeuge, sogar Sex ohne schwarze Balken vor dem


Geschlechtsteil: warum sieht denn alles so

(9. Karte: 24. Nov. 72) — > unendlich weit ausgedehnt häßlich
aus? Warum ändert sich nicht das Straßenbild, was die At-
mosphäre von Lebendigkeit &
Schönheit anbelangt? Sie
tragen doch alle gute Kleidung,wissen doch alle, daß es
sie
tatsächlich keine Druckerschwärzebalken (wie bei Verbre-
chern oder Razzia-Polizisten vor den Augen: ist das Ge-
schlechtsteil »sehend«? Ein Auge? Ganz bestimmt! Was
die Behandlung, Tätigkeit, Empfindlichkeit, Befriedigung,
Freudeempfindung anbelangt - also doch 1 Auge) vor dem
Geschlecht gibt: warum diese erloschene Atmosphäre, was
das konkrete Leben auf der Straße anbelangt (& sollte ich
so dumpf sein, mir etwa trügerisch vorzustellen, daß die
Einzelnen, die ich mir einzeln auf der Straße ansehen kann,
ohne daß sie sich beobachtet fühlen, sie also gleichsam im
Zustand des Unbeobachteten, »live«, erwische, für Sekun-
den, sollte ich glauben, daß ihre Fröhlichkeiten, ihre Le-
benslust hinter geschlossenen Türen &
in geschlossenen
278 VIII. Autobiographisches

Zimmern erst richtig zum Vorschein käme? Das macht mir


niemand weis! Wie oft war ich auf kleinen Zusammenkünf-
ten, & wie oft sah ich das, was jeder Einzelne unter Lustig-
keit ver-

(10. Karte, 24. 11. 72) —> stand: die erloschene Atmosphäre
rief bloß eine kindische Hysterie von Lustigkeit hervor,
aber kein Behagen./-: Wenn ich das schon wieder lese &
sehe: »Das jüngste Gericht«, wird mir übel vor der Verlo-
genheit - ein jüngstes Gericht gibt es nicht, wird es nie ge-
ben, es gibt für den einzelnen Menschen nur die Gegenwart,
& kein Kollektiv! /Da stürzen die nackten Leiber durch
imaginäre Räume: sind alles Masochisten gewesen, die sich
das ausgedacht haben &
sogar gewollt haben!/Und so klebe
ich 1 Foto aus der Gegenwart drauf & was ist der Unter-
schied?/: »die Rosinen mir rauspicken aus der Gegenwart?«
Aus einem verfaulten, verfaulenden Lebensteig der Zivilisa-
tion & Kultur ?/Ich sehe, was ich sehe! /Schatten, die sich be-
wegen, überall, Schatten in den Menschen, Menschheits-
schatten in den Nervenreaktionen, ich zucke zusammen./
Draußen regnet Wasser aus den kondensierten Gasen &
Dämpfen, schwarze Nachtdämpfe über den Häusern, sich
biegende Bäume, schwarze, rauhe große Pflanzen/: das bis-
her eigenartigste waren total blattlose Bäume, an den kah-
len Ästen & Zweigen hingen rote Früchte/:

(11. Karte: 24. Nov. 72)/-» ich denke, daß die Durch-
schnittsmenschen dermaßen zu sind (»geschlossen«), daß
sie gar nicht sehen, wo, in welcher Welt, welcher Zeit, an
welchem Ort sie leben &
was für Bilder, Eindrücke, die im
abwesenden Zustand, während ihre Gedanken woanders
sind, in sie eindringen wie Viren &
sie zerfressen - oder sie
wollen es nicht sehen, im Gegensatz zum ersten, und dann
frage ich mich heimlich, was haben sie als Einzelne dagegen
zu setzen? Da verbergen sie ihre Schätze, wenn es welche
sind, und drucksen verlegen herum./Ich fühle mich manch-
Rolf Dieter Brinkmann 279

"'

?"Cl*ILJSM^

mal ungeheuer ohne Ideen, ohne Gedanken, ohne Vor-


leer,

stellungen: ich sehe mich um, was ist da, was ist los? Ich
habe nur, das weiß ich, diese Gegenwart, in der ich mich be-
finde konkret zur Verfügung, diesen Augenblick & das Ma-
280 VIII. Autobiographisches

was darin ist - mehr nicht, aber doch, trotz dieser Be-
terial,

schränkung habe ich jedesmal eine viel größere Ansicht &


Einstellung zu dem, was da ist, als das, was zu mir spricht
aus dem, was da ist, 1 Zimmer, 1 Essen, 1 Straße, 1 Mensch,
1 Gespräch, 1 Idee, die geäußert wird - das ist kein Traum-

zustand, liebe Maleen, wie Du meinst, es ist keine Flucht


aus der Gegenwart, deren Beschränkungen ich überall sehe,
aber ich sehe auch die Verrottung, & immer ist in mir die
weitere, hellere Vorstellung, & sie muß möglich sein,

(12. Karte, 24. 11. 72) konkret, andernfalls ich sie ja gar
nicht denken könnte. Wie konkret? Alles genauso, Straßen,
Menschen, Ideen, nur ganz anders./Vielleicht, mag sein, ich
bin 1 Bauer - ich furchte mich nicht mehr davor, ein garsti-
ger Bauer zu sein, pflügen, reinsäen, sehen was rauskommt,
sehr naiv. - Pah, was sind denn schon die anderen, mit ih-
rem Bewußtsein, ihren Formulierungen, ihren Aussprü-
chen? Man wird sehen. & ich beziehe auch Deine vielen
Vorbehalte mit ein, Deine Vorbehalte, die Du oftmals, im
einzelnen Fall, nur machen konntest auf Grund bestimmter
Rolf Dieter Brinkmann. Wolfgang Koeppen 281

Ansichten über Stil, Form-Abdrucks & Verhaltensfragen,


auf Grund von Dir Fleisch) gewordener Zivilisa-
fleisch (in
tionswerte./(Ich meine die sinnliche Ausschweifung, ohne
Absicherungen hier & da, ohne Vorbehalte - Vorbehalte,
die riesenhaften imaginären Gestalten aus einer Vergangen-
heit: wie lächerlich sie hier auch gerade in Rom zusammen-
schrumpfen, besehe ich mir die Rückstände! /(Zivilisation:
hier auf der Postkarte hast Du sie - da fliegen Jagdbomber,
Militärmaschinen, der Sonne entgegen!/- Dagegen ist nur
1 Sinnlichkeit zu setzen, ohne Grenzen. Sonne! (wenigstens

ihr Licht! )/Ich wünsche Dir Freundliches. D. R. waren es


zu lange nachdenkliche Gänge?

WOLFGANG KOEPPEN
Geb. 23. Juni 1906 in Greifswald, gest. 15. März 1996 in München. Arbeitete
u. a. alsDramaturg, Feuilletonredakteur und Filmautor. Im Zweiten Weltkrieg
»stellte« er sich »unter«, wie es in einem autobiographischen Nachwort heißt.
Lebte seit Ende des Krieges als freier Autor in München. Büchner-Preis
1962.
Werke: Eine unglückliche Liebe R. (1934); Die Mauer schwankt R. (1935;
u. d. T. Die Pflicht 1939); Tauben im Gras R. (1951); Das Treibhaus R. (1953);
Der Tod in Rom R. (1954); Nach Rußland und anderswohin. Empfindsame
Reisen (1958); Amerikafahrt (1959); Reisen nach Frankreich (1961); Roma-
nisches Cafe Prosa (1972); Jugend Prosa (1976); Die elenden Skribenten
Aufsätze (1981); Gesammelte Werke (1986, 6 Bde.); Angst. Erzählungen 1974-
1984 (1987); Es war einmal in Masuren (1991); Jakob Littners Aufzeichnun-
gen aus einem Erdloch R. (1992); Ich bin gern in Venedig warum Filmskript
(1994).

Wolfgang Koeppen war in der ersten Hälfte der fünfziger


Jahre einer der thematisch wie formal produktivsten deut-
schen Romanciers. Er trat um 1960 mit drei Reisebüchern
hervor, bevor er fast zu verstummen schien, um schließlich
in den siebziger Jahren - nach den das Berlin der zwanziger
Jahre vergegenwärtigenden Erinnerungen »Romanisches
Cafe« - mit »Jugend« einen schmalen, doch gewichtigen
282 VIII. Autobiographisches

Band poetischer Erinnerungsprosa vorzulegen. Die im fol-


genden wie dergegebenen Abschnitte, der erste und der
letzte, bilden den Rahmen eines Buches, das die selbstkriti-
schen Zweifel an den Möglichkeiten autobiographischer
Selbstversicherung produktiv aufnimmt, die seit Goethes
Vorwort zu »Dichtung und Wahrheit« nicht mehr ver-
stummt sind. Goethe hatte unbeschadet solcher Zweifel die
eigene Entwicklung auf das Ziel »Weimar« hin geschrieben,
das metonymisch für die dichterische und zugleich die poli-
tisch tätige Existenz in der deutschen Provinz stand. Von
solcher Zielgerichtetheit ist in »Jugend« kaum mehr etwas
zu spüren, auch wenn des Autors Entwurf einer ästhetischen
Existenz wenigstens skizzenhaft in den Blick kommt. Der
weitgehende Verzicht auf chronologische und finale Ver-
knüpfungen eröffnet in Verbindung mit der Preisgabe von
faktentreuer zugunsten poetischer Wahrheit einen ästheti-
schen Spielraum, in dem das Erinnerungsmaterial, rhyth-
misch und lautlich durchgeformt, in die Gattungstradition
des Prosagedichts eingeschmolzen werden kann. Dies nun
steht entschieden in der kritischen Nachfolge Goethes wie
auch des seinerseits bereits kritisch an Goethe anknüpfenden
Autobiographen Fontane oder auch Prousts, auf den der
letzte Abschnitt verdeckt Bezug nimmt. Die einzelnen, titel-
losen, nur durch größere Räume voneinander abgesetzten
Bilder aber verbinden sich unter anderem durch motivische
und thematische Entsprechungen zu einem Ganzen, dessen
Titel »Jugend« die singulären Erfahrungen des Erzählers,
von dem es berichtet, immer auch auf die Erfahrung von
Jugend überhaupt durchsichtig macht. »Das Gedichtete be-
hauptet sein Recht, wie das Geschehene«, lautet das Goethe
entlehnte Motto des Buches. So ist denn nicht nur vom
Greifswaid der Kaiserzeit, des Ersten Weltkriegs oder der
Weimarer Republik die Rede, sondern auch vom Greifs-
wald, das Caspar David Friedrich ein Jahrhundert zuvor
gemalt hatte, und von »Greifswald« als dem allen Men-
schen gemeinsamen Ort der Herkunft, in der Angst und
Wolfgang Koeppen 283

Licht sich he drückend-wunderbar mischen und in dem noch


spätere lesende Generationen Bilder ihrer Jugend, »die Süße
und die Bitternis des Lehens« (Koeppen), werden erkennen
können.

Jugend (Auszüge)

Meine Mutter fürchtete die Schlangen. An warmen Som-


mertagen gingen wir durch das Rosental, die bei Sturmflu-
ten vom Meer überspülte Flur auf brackigem Grund, das
Gut zu sehen, Ephraimshagen mit seiner abweisenden ge-
kalkten Mauer, der junkerlichen Auffahrtsallee, dem Säu-
lenportal von dorisch-preußischer Strenge, der bröckelnden
traurigen Sandsteinheiterkeit der hier wie im Stundenglas
des Sensenmannes sichtbar verrieselnden Zeit, der stolzen
albernen Herrschsucht des Herrenhauses, dem ungestürz-
ten Gesindekönigtum, der alten Reserverittmeisterherrlich-
keit zwischen den Ställen, der schwarzweiß gestrichenen
Fahnenstange und ihren auf Halbmast gesetzten alldeut-
schen Träumen, ein Hahn krähte auf dem Mist, aus prallen
Eutern säuerte Milch, Zeugung drängte zur Schlachtung,
Spiritus fuselte aus den Bottichen der Brennerei, leer gähn-
ten die geöffneten Fenster im Mittagslicht, weiß blühten
gesteifte Stores, es glänzten die fuchsrot polierten Mö-
belpommerschen Empires, die schweren blanken Schränke
mit Säulen und goldenen Beschlägen, die Kommoden mit
Lorbeer und Girlanden, die Bettstellen mit gedrechselten
Schwanenhälsen, es schliefen die gebrochenen Brokate der
Sessel im Salon, die speckigen Lederstühle der Bibliothek
mit der Rangliste der Königlich Preußischen Armee, dem
Jagdkalender, Bismarcks Erinnerungen, und irgendwie da-
hingeraten und vergessen das Buch der Lieder, die Bilder
der Toten, ihre Säbel, ihre Pistolen, ihre Ehre an der Wand,
ein Hund trottete durch den Sand, er kannte uns nicht, eine
Pflugschar rostete, und meine Mutter sprach, es gehörte
284 VIII. Autobiographisches

uns, schrie es, als wolle sie es mir einhämmern, in den Kopf
pressen, ins Herz schlagen, daß auch ich teilhabe an Verlust
und Leid, sie sollten mein Erbe sein, denn obwohl meine
Mutter schon in der Stadt geboren war, in der engen Kam-
mer der Armut, redete sie von Ephraimshagen mit der Bit-
terkeit, beraubt zu sein, und ich erkannte wieder in ihrem
kleinen, von Müdigkeit verzehrten Gesicht der Großmutter
verhärmte Züge, sah aber auch im jungen Gesicht meiner
Mutter der Großmutter Brautbild erscheinen mit dem wie
Spinnweb das Haupt deckenden Schleier, von einem wan-
dernden Pinsler getuscht, einem verachteten Gesellen, der
mit den Mägden gegessen und wohl auch die Decken und
Wände des Hauses mit klassischen Ornamenten geziert
hatte und den frivolen, fröstelnden Gestalten der Götter auf
Wolken geschorener Wolle, der uralten Verführung, doch
Zauber blieb es, wie er das im Kommenden Verborgene, die
Liebesenttäuschung, den Trug der Leidenschaft, all den Ver-
fall um das Brautlächeln und das geschmückte Haar der

Achtzehnjährigen gelegt hatte, und ich schaute auch die


Großmutter wie ich sie wahrgenommen hatte mit Säug-
lingssinnen, ihr zu Tränen bereites Gesicht mit dem nun
schon gewollten und erstarrten Ausdruck vergeblichen
Grübelns, so beugte sie sich über den Korb, in dem ich lag,
schenkte mir Liebe und Haß, ich empfand ihre aus meinem
Anblick sich nährende und tödlich wuchernde Verzweif-
lung, denn meine Geburt sah sie wie ein letztes und endgül-
tiges Siegel auf der Sippe Untergang gepreßt, auf den Verlust
der Ehrbarkeit, auf die Hingabe von Land und Ansehen,
und meine Mutter blickte wie ins Paradies durch die Ein-
fahrt aus verklumptem Lehm, geformt von den Hufen der
müden Ackerpferde, durchfurcht von den eisenbereiften Rä-
dern der Erntewagen, vertrieben vertrieben aus eingebilde-
ter Sicherheit und törichtem Stolz, doch ich fand nicht mehr
den Garten Eden, nichts zog mich an, und auf dem Rück-
weg gegen Abend, Mücken hielten summend Ball über den
verworfenen Tümpeln salziger Nässe, hörte meine Mutter
Wolfgang Koeppen 285

es rascheln im verdorrten Gras, die Schlangen, erschrak sie,


die tückischen Ottern des Rosentals, sie eilte fort, der Him-
mel finsterte über der Abdeckerei, Blitz und Donner droh-
ten der Stadt, zogen gegen die berühmte Silhouette des ro-
mantischen Malers, da waren die spielenden Fohlen auf der
Weide, die einsamen Männer, die traurig den Mond betrach-
ten, die im Hafen ruhenden schlafenden Boote mit ihren
Masten zu Afrikas Küsten in Knabenträumen, die Türme
und Dächer von St. Nikolai, St. Jakobi und St. Marie drück-
ten schwer die Gemeinde, glichen, aus rotem Backstein ge-
gen den nie erreichten Himmel gebaut, Festungen tollküh-
ner Planung, vergreist in Wüste, Wildnis und Sumpf, und in
den Kirchen lagen verlassen die leeren Schiffe, gebetlose
Hallen hinter verschlossenen Türen, der Gnade der Beichte
und Lossprechung entzogen, lagen die ungeschmückten
protestantischen Altäre, die Kanzeln schulmeisterlicher Pre-
diger, der verlorene Aufstand begrabener Gewissen, wäh-
rend es in den Gassen ringsum behäbig nach Abendbrot
roch, nach Spickaal, nach Bratkartoffel und Fisch, nach
Speck und Kleiebrot, nach Buchweizengrütze und Klütte-
grütt, nach bürgerlicher Bescheidung, tückischer Demut,
familiärer Niedertracht in Furcht und Enge und blind in
Dummheit, nach der verwelkenden Erinnerung an die ar-
men Helden des Krieges, nach der konservierten schönen
Leiche des Kaiserreichs, dem von hinten erdolchten pase-
walker Kürassier im Köchinnenglanz der roten Biesen auf
weißem Tuch, nach dem Mensurblut der Studenten über
den stinkenden Schurz korporierten Mutes ins Sägemehl
der Kneipen gelaufen, nach dem Blut der von tollwütiger
Feme Erschlagenen, ins Torfmoor versenkt, zu den Hünen-
gräbern getragen, nach Mädchenblut in versteckter Wäsche
unter das Sofa der guten Stube gestopft, nach der Asepsis,
dem Eiter, der Anatomie der Kliniken, dem Schweiß der
Kranken, dem Entsetzen der Sterbenden, der Angst der Ex-
aminierten und der schuldig Unschuldigen im Gefängnis
ausgeliefert den Wärtern, nach dem Wahn der Irren in der
286 VIII. Autobiographisches

Heilanstalt hinter den Gleisen und nach den Witzen die


man über macht, nach den verfaulten Blumen der Fried-
sie
höfe und dem Tod, den jeder in seiner Brust trägt, nach dem
gasenden Schlick des Wallgrabens und der Abwässer, dem
drängenden Atem der Liebenden unter dem Gebüsch in den
Ruderbooten des Sommers, nach den Gespinsten der Pro-
fessoren, den toten Herzen der Beamten, dem Staub der
Gesetze, und dann die Armut der Langen Reihe und der
grauen Schule verknöcherte Schmach, wie haßte ich die
Stadt und wünschte die Schlangen herbei, eine gleitende
Natter um jeden Pfosten, der ein Dach trug, ein Bett und
den tiefen Schlaf all der Gerechten stützte.

Ich schrieb, meine Mutter fürchtete die Schlangen. Sie sah


sie im brackigen Grund, wenn wir am Meer entlang zum al-
ten Gut gingen. Gras krankte in salziger Lauge. Das Rad
der Saline stand still. Aus der Abdeckerei faulte Verwesung.
Ich haßte die Stadt hinter den Wiesen, die berühmte Sil-

houette, die der Maler gemalt hatte. Ich sah sie von Ottern
gefressen. Aber wird man mich verstehen? Ich darf nicht
zugeben, daß es gleichgültig wäre, ob mich keiner versteht
oder einer, der natürlich wichtig würde und meine Bemü-
hung nicht ganz vergeblich sein ließe, wenn ich auch selber
nicht weiß, ob ich etwas verstanden habe oder überhaupt
etwas zu verstehen war. Es ereignete sich etwas, und es er-
eignet sich ja immer etwas und unendlich viel, es war einmal
und wird sein, das ist unübersehbar, aber dies betraf mich,
nicht andere, obwohl was andere zerschmettert auch mich
vernichtet, oder ich beobachtete etwas, es ging vor, ich habe
es erlebt, ich war Zeuge, es war ein Augenblick, eine Se-
kunde, ich könnte annehmen, möchte hoffen, es war ein be-
stimmter wenn auch winziger Punkt in der Zeit, ein immer-
hin zu lokalisierendes Ereignis im All, und schon wegge-
wischt und wäre nie gewesen, ruhte es nicht gespeichert in
mir, in dem Gedächtnis irgendeiner Zelle, die ermüden,
krank, ausgemerzt, veröden, sterben kann, doch solange ich
Wolfgang Koeppen 287

bin und denke, die furchtbaren Gefahren überstehe, nicht


den Verstand verliere, sind Aufzeichnungen da, Daten, wie
sie es nennen, die hervorgezogen, herbeigerufen werden
können wie auf den jetzt modernen und unheimlichen Ma-
schinen, die man elektrische Gehirne heißt, da liegt die Er-
innerung in einem unordentlichen verwirrenden Netz,
griffbereit, nur wehe, wenn ich den Schlüssel verloren habe,
die Fähigkeit, den Mechanismus zu bedienen, wenn ich die
Taste nicht mehr finde, die Vergangenheit herbeiruft, sie zur
Gegenwart und gar zur Zukunft in unentrinnbare Bezie-
hung setzt, vielleicht konnte ich nie mit dem umgehen, mit
dem mich die Schöpfung ausstattete, und nur noch zufällig
löst irgendeine ungewollte Erregung ein Bild aus dem Vor-
rat bewahrter doch vergessener gleichgültiger Eindrücke
und macht es bedeutsam, wiederholt den längst vergange-
nen Augenblick, schafft ihn neu oder täuscht mich darin. Es
ist, als betrachte ich eine alte Photographie. Ich habe sie auf-

genommen; vielleicht bin ich auch aufgenommen worden.


Es ist Mittag. Ein hoher lichtloser Himmel im Januar. Meine
oder ihre Augen von der unsichtbaren Sonne gequält. Ich
marterte sie oder mich. Oder was wollte ich? Ein Gesicht
einwecken wie Obst für den Winter, Fleisch für karge Jahre,
und am Ende, in den jüngsten Tagen, der penetrante Ge-
schmack der eisernen Ration und doch die Erdbeeren von
einst, der Geruch des Gartens, das Beet an einem Sommer-
morgen nach dem Gewitterregen der Nacht, dieser Urwald
kleiner Pflanzen, grüne überlappende Blätter der Stauden
die rauhgraue Gewölbe bildeten, in denen die Erdkröte saß,
und das Kind, dieser Riese, beugt sich über die Welt, ein
Gottvater, der vertreiben konnte oder gnädig gewähren las-
sen, doch das eingelegte Fleisch erinnert besser nicht an das
Kalb, an seinen sanften Blick, das warme staubtrockene
Fell, dies ist die Hand, die dich streichelte, meine Hand, die
das Messer nahm, die Kehle aufreißt, den Leib zerhackt,
den Braten wendet, das Fleisch zum Munde führt, eine alte
Schuld, vom Naturrecht gebilligt, schließlich schon nicht
288 VIII. Autobiographisches

mehr organisch, ein Vorgang, wie er grauenvoll in den Ge-


setzbüchern steht. Sie geht über die kleine Brücke aus mor-
schem Holz, will zum Kastanienwall, es ist ihr letzter Spa-
ziergang, sie kann das nicht wissen, zum letzten Mal ist sie
von ihrem Bett aufgestanden, ein milder Tag wie er manch-
mal zwischen den Frösten kommt, der Himmel ist reinge-
fegt von Nebel und Schnee und bebt Unendlichkeit, und sie
erwartet das von mir, die Hilfe zum Sterben, eine Sinnge-
bung nur, ihr Leben, das am Ende ist, soll einen Sinn be-
kommen, den sie verstehen könnte, oder ich soll ihr Leben
rechtfertigen, so wie ich dastand auf jener Brücke, in einem
Mantel reif für den Müll, mit lange nicht geschnittenem
Haar, existenzlos, jeder sagte: ohne Zukunft, doch es ist ein
Wort nur, ein Blick vielleicht, selbst eine kleine zurückhal-
tende Gebärde meiner Hand in den zerrissenen Handschu-
hen, auf die sie hofft, und ich sage nichts, kein Wort, ich
blicke sie an und blicke sie nicht an, ich bewege mich nicht
und bewege mich, nicht auf sie zu, mehr von ihr weg, ich
weiß das alles, ich unterdrücke sogar mühsam ein Weinen,
und doch ist die Begegnung mir hinderlich, hält mich auf,
lenkt mich ab, von was, von nichts, ich weiß es nicht und
merke, dies prägt sich mir ein, und vielleicht redete ich
dann, viel, unsinnig, blickte umher wie in die Enge getrie-
ben, auf zum Himmel, mir ähnlich, er schwieg, von der
Brücke hinunter zum schmutzigen Eis des Ryckgrabens,
stellte mit erregten Gesten etwas dar, was meiner Empfin-
dung völlig widersprach. Der Reif ist um die Brust gelegt, es
brennen die Augen, die feucht werden, es brennt die Hand,
die erstarrt, wie sehr das schmerzt, denn ich spürte nichts, es
war nicht mein Tod, der sich im Eishaus der Sträucher unter
den kahlen Kastanien entkleidete, ich verließ sie schon,
oder ließ sie mich verlassen, Iphigenie, wie üblich, auch
wenn ich ihr den Arm reichte, sie heimführte oder so tat
und an das Geschäft dachte, das ich nicht habe.
Wolfgang Koeppen. Thomas Bernhard 289

THOMAS BERNHARD
Geb. 9. Februar 1931 als uneheliches Kind in Kloster Heerlen bei Maastricht
(Niederlande), gest. 12. Februar 1989 in Gmunden (Salzkammergut). Bis 1937
wuchs er beiden Großeltern mütterlicherseits auf, dem österreichischen Hei-
matschriftsteller Johannes Freumbichler, der ihn künstlerisch förderte, und
dessen Lebensgefährtin Anna Bernhard. Ab 1937 in der Familie der nun ver-
ehelichten Mutter. Familiäre und schulische Schwierigkeiten; 1942 in einem
Heim für Schwererziehbare. Nach dem Krieg mehrjähriger Krankenhaus- und
Sanatoriumsaufenthalt wegen einer schweren Lungentuberkulose. Musik- und
Theaterstudium; journalistische Arbeit. 1963 literarischer Durchbruch. Büch-
ner-Preis 1970. Als Dramatiker enge Zusammenarbeit mit Claus Peymann
und Bernhard Minetti.
Werke: Auf der Erde und in der Hölle G. (1957); In hora mortis G. (1958);
Unter dem Eisen des Mondes G. (1958); Frost R. (1963); Amras Prosa (1964);
Verstörung R. (1967); Prosa (1967); Ungenach E. (1968); Watten E. (1969); Das
Kalkwerk R. (1970); Ein Fest für Boris Dr. (1970); Geben E. (1971); Midland
in Stilfs En. (1971); Der Ignorant und der Wahnsinnige Dr. (1972); Die Jagdge-
sellschaft Dr. (1974); Die Macht der Gewohnheit Dr. (1974); Der Präsident Dr.
(1975); Korrektur R. (1975); Die Ursache. Eine Andeutung Aut. (1975); Der
Keller. Eine Entziehung Aut. (1976); Die Berühmten Dr. (1976); Immanuel
Kant Dr. (1978); Der Atem. Eine Entscheidung Aut. (1978); Der Stimmenimi-
tator En. (1978);/* E. (1978); Die Kälte. Eine Isolation Aut. (1981); Über allen
Gipfeln ist Ruh Dr. (1980); Ein Kind Aut. (1982); Wittgensteins Neffe E.

(1982); Beton E. (1982); Holzfällen E. (1984); Der Theatermacher Dr. (1985);


Alte Meister E. (1985); Ritter, Dene, Voss Dr. (1986); Auslöschung. Ein Zerfall
R. (1986); Heldenplatz Dr. (1988); »Die eigentliche Natur ist in den Zeitun-
gen«. Reden und Stellungnahmen (1996).

Als der Salzhurger Otto- Müller-Verlag, der bereits zwei


Gedichtbände Thomas Bernhards herausgebracht hatte, es
1961 ablehnte, den dritten, »Frost«, zu veröffentlichen,
überschrieb der Autor seinen ersten Roman mit dem freige-
wordenen Titel. Damit hatte er, auch äußerlich, eine Wen-
dung zur gebrocheneren, ironischeren Erzählform vollzo-
gen, die sich in der Folge als außerordentlich fruchtbar er-
wies. Carl Zuckmayer, der in den dreißiger fahren schon für
den von Bernhard geliebten Großvater eingetreten war,
schrieb eine begeisterte Rezension zu »Frost«; Peter Handke
verfaßte einige Jahre später, als sein eigener Aufstieg begann,
eine hellsichtige Analyse der Sprachverwendung im zweiten
290 VIII. Autobiographisches

Roman, »VerStörung«; und in Ingeborg Bachmanns Nach-


laß hat sich ein 1969 verfaßtes kritisches Fragment gefun-
den, das von höchster Bewunderung zeugt: »Das Müssen,
die Notwendigkeit, das Unausweichliche stempelt alle Bü-
cher von Bernhard, angefangen vielleicht mit >Amras<, in
dem die Unruhe vielleicht noch stärker ist als die Beherr-
schung dieser Unruhe, die gläserne Ruhe im Umgang mit
einer zerbröckelnden Welt. f. .] Ich bin überzeugt, daß die
.

letzte Prosa von Bernhard über die Becketts weit hinaus-


geht, ihr unendlich überlegen ist, durch das Zwingende, das
Unausweichliche und die Härte.« Seit den siebziger Jahren
trat dann zum erzählerischen Werk immer mehr ein dra-
matisches CEuvre, das Claus Peymann als einer der füh-
renden Regisseure des deutschsprachigen Kulturraums und
große Schauspieler wie Bernhard Minetti, Gert Voss und
Traugott Buhre auf der Bühne durchsetzten. »Auslöschung.
Ein Zerfall«, Bernhards letzter Roman und umfänglichstes
Werk, ist mit einem Motto Montaignes überschrieben: »Ich
fühle, wie der Tod mich beständig in seinen Klauen hat. Wie
ich mich auch verhalte, er ist überall da.« Damit war indi-
rekt auf die autobiographische Dimension auch dieses fiktio-
nalen Werkes hingewiesen, das in den Jahren nach Abschluß
des im engeren Sinn autobiographischen CEuvres entstand.
In diesem konstruiert Bernhard die Herkunft seines Schrei-
bens aus der frühen Begegnung mit dem Tod, dem er, zumal
im letzten Lebensjahrzehnt, als durch Krankheit schwer Ge-
zeichneter beständig ins Auge sah. »Auslöschung« drückt
den Wunsch, zugleich aber auch die Unmöglichkeit des Ich-
Erzählers aus, das eigene Herkommen aus dem von einem
machtbesessenen, autoritären Katholizismus und vom Na-
tionalsozialismus bleibend geprägten Österreich schreibend
zu vernichten. Davon erzählen auch die fünf autobiogra-
phischen Bände »Die Ursache«, »Der Keller«, »Der Atem«,
»Die Kälte« und »Ein Kind«. Der zuletzt erschienene, durch
den Titel hervorgehobene Band, dessen Beginn ausgewählt
wurde, gibt die frühesten Erinnerungen wieder. Wie im
Thomas Bernhard (Foto: Isolde Ohlbaum)
292 VIII. Autobiographisches

eigentlichen Romanwerk verdankt sich die Aufhellung des


inhaltlich Bedrückenden der ironisch -rhetorischen Durch-
formung und der rhythmischen Gliederung des Berichteten.
Anderen Stellen ist sie mit dem verklärten Bild des Großva-
ters eingeschrieben. Entsprechend werden im Roman »Aus-
löschung« als Gegengewicht zu all dem Bedrückenden Orte
und Augenblicke der Kindheit, des mediterranen Südens
und Personen wie Muraus italienischer Schüler Gambetti
oder die Schriftstellerin Maria, hinter der die Gestalt Inge-
borg Bachmanns aufscheint, vergegenwärtigt.

Ein Kind (Auszug)

Im Alter von acht Jahren trat ich auf dem alten Steyr- Waf-
fenrad meines Vormunds, der zu diesem Zeitpunkt in Polen
eingerückt und im Begriff war, mit der deutschen Armee
in Rußland einzumarschieren, unter unserer Wohnung auf
dem Taubenmarkt in Traunstein in der Menschenleere eines
selbstbewußten Provinzmittags meine erste Runde. Auf
den Geschmack dieser mir vollkommen neuen Disziplin ge-
kommen, radelte ich bald aus dem Taubenmarkt hinaus
durch die Schaumburgerstraße auf den Stadtplatz, um nach
zwei oder drei Runden um die Pfarrkirche den kühnen, wie
sich schon Stunden später zeigen mußte, verhängnisvollen
Entschluß zu fassen, auf dem, wie ich glaubte, von mir
schon geradezu perfekt beherrschten Rad meine nahe dem
sechsunddreißig Kilometer entfernten Salzburg in einem
mit viel Kleinbürgerliebe gepflegten Blumengarten lebende
und an den Sonntagen beliebte Schnitzel backende Tante
Fanny aufzusuchen, die mir als das geeignetste Ziel meiner
Erstfahrt erschien und bei der ich mich nach einer bestimmt
nicht zu kurzen Phase der absoluten Bewunderung für
mein Kunststück anzuessen und auszuschlafen gedachte.
Die auserwählte Klasse der Radfahrer hatte ich von den er-
sten bewußten Augenblicken meines begierigen Sehens an
Thomas Bernhard 293

bewundert, jetzt Mensch hatte mich


gehörte ich dazu. Kein
diese so lange vergeblich bewunderte Kunst gelehrt, ich
hatte, ganz ohne um Erlaubnis zu bitten, das kostbare
Steyr- Waffenrad meines Vormunds aus dem Vorhaus ge-
schoben, nicht ohne schmerzendes Schuldbewußtsein, und
mich, ohne über das Wie nachzudenken, auf die Pedale ge-
stemmt und war losgefahren. Da ich nicht stürzte, empfand
ich mich schon in diesen ersten Augenblicken auf dem Fahr-
rad als Triumphator. Es wäre ganz gegen meine Natur ge-
wesen, nach einigen Runden wieder abzusteigen; wie in al-
lem trieb ich das nun einmal begonnene Unternehmen bis
zum Äußersten. Ohne einem einzigen dafür zuständigen
Menschen ein Wort gesagt zu haben, verließ ich auf der luf-
tigen Höhe des Waffenrades und des damit verbundenen
Vergnügens den Stadtplatz, um schließlich in der sogenann-
ten Au und dann in der freien Natur Richtung Salzburg die
Räder laufen zu lassen. Obwohl ich noch zu klein war, um
tatsächlich auf dem Sattel zu sitzen, ich mußte ja, wie alle
andern zu kleinen Anfänger, mit dem Fuß unter die Stange
durch auf das Pedal, beschleunigte ich zusehends meine
Geschwindigkeit, daß es fortwährend bergab ging, war ein
zusätzlicher Genuß. Wenn die Meinigen wüßten, was ich,
durch einen durch nichts vorher angekündigten Entschluß,
schon erreicht habe, dachte ich, wenn sie mich sehen und
naturgemäß gleichzeitig, weil sie keine andere Wahl haben,
bewundern könnten! Ich malte mir den höchsten, ja den al-
lerhöchsten Grad ihrer Verblüffung aus. Daß mein Können
mein Vergehen oder gar Verbrechen auszulöschen imstande
sei, daran zweifelte ich nicht eine Sekunde. Wem, außer mir,
gelingt es schon, zum allererstenmal auf das Rad zu steigen
und auf und davon zu und noch dazu mit dem
fahren,
höchsten Anspruch, nach Salzburg! Sie müßten einsehen,
daß ich mich doch immer, gegen die größten Hemmnisse
und Widerstände, durchsetzte und Sieger sei! Vor allem
wünschte ich, während ich die Pedale trat und es schon in
die Schluchten unterhalb Surbergs ging, mein wie nichts auf
294 VIII. Autobiographisches

der Welt geliebter Großvater könnte mich auf dem Fahrrad


sehen. Da sie waren und überhaupt nichts von mei-
nicht da
nem nun schon sehr weit vorangetriebenen Abenteuer wuß-
ten, mußte ich zeugenlos mein Werk vollbringen. Sind wir
auf der Höhe, wünschen wir den Beobachter als Bewunde-
rer wie sonst nichts herbei, aber dieser Beobachter als Be-
wunderer fehlte. Ich begnügte mich mit der Selbstbeobach-
tung und der Selbstbewunderung. Je härter mir die Ge-
schwindigkeit ins Gesicht blies, je mehr ich mich meinem
Ziel, der Tante Fanny, näherte, desto radikaler vergrößerte
sich dieEntfernung aus dem Ort meiner Ungeheuerlichkeit.
Wenn ich auf der Geraden für einen Augenblick die Augen
zumachte, kostete ich die Glückseligkeit des Triumphators.
Insgeheim war ich mir mit meinem Großvater einig: ich
hatte an diesem Tag die größte Entdeckung meines bisheri-
gen Lebens gemacht, ich hatte meiner Existenz eine neue
Wendung gegeben, möglicherweise die entscheidende der
mechanischen Fortbewegung auf Rädern. So also begegnet
der Radfahrer der Welt: von oben! Er rast dahin, ohne mit
seinen Füßen den Erdboden zu berühren, er ist ein Radfah-
rer,was beinahe soviel bedeutet wie: ich bin der Beherrscher
der Welt. In einem beispiellosen Hochgefühl erreichte ich
Teisendorf, das durch seine Brauerei berühmt ist. Gleich da-
nach mußte ich absteigen und das Waffenrad meines einge-
rückten und dadurch tatsächlich beinahe völlig entrückten
Vormunds schieben. Ich lernte die unangenehme Seite des
Radfahrens kennen. Der Weg zog sich, ich zählte abwech-
selnd die Randsteine und die Risse im Asphalt, ich hatte bis
jetzt nicht bemerkt, daß der Strumpf an meinem rechten
Bein von der Kette ölverschmiert war und in Fetzen herun-
terhing. Der Anblick war deprimierend, sollte sich gerade
aus diesem Blick auf den zerrissenen Strumpf auf dem öl-
beschmierten, ja schon blutigen Bein eine Tragödie ent-
wickeln? Ich hatte Straß vor mir. Ich kannte die Landschaft
und ihre Ortschaften von mehreren Bahnreisen zu meiner
Tante Fanny, die mit meinem Onkel, dem Bruder meiner
Thomas Bernhard 295

Mutter, verheiratet war. Es hatte jetzt alles eine vollkom-


men andere Perspektive. Sollten meine Lungenflügel nicht
mehr die Kraft bis Salzburg haben? Ich schwang mich auf
das Rad und trat in die Pedale, es war jetzt mehr aus Ver-
zweiflung und Ehrgeiz denn aus Verzückung und Enthu-
siasmus, daß ich die berühmte Rennfahrerhaltung einnahm,
um die Geschwindigkeit noch einmal steigern zu können.
Hinter Straß, von wo aus man schon Niederstraß sehen
kann, riß die Kette und verwickelte sich erbarmungslos in
den Speichen des Hinterrades. Ich war in den Straßengraben
katapultiert worden. Ohne Zweifel, das war das Ende. Ich
stand auf und blickte mich um. Es hatte mich niemand be-
obachtet. Es wäre zu lächerlich gewesen, in diesem fatalen
Kopfsprung ertappt worden zu sein. Ich hob das Fahrrad
auf und versuchte, die Kette aus den Speichen zu ziehen.
Mit Ol und Blut verschmiert, zitternd vor Enttäuschung,
blickte ich in die Richtung, in welcher ich Salzburg vermu-
tete. Immerhin, ich hätte nur noch zwölf oder dreizehn Ki-
lometer zu überwinden gehabt. Erst jetzt war ich darauf ge-
kommen, daß ich die Adresse meiner Tante Fanny gar nicht
kannte. Ich hätte das Haus im Blumengarten niemals gefun-
den. Auf meine Frage: wo ist oder wo wohnt meine Tante
Fanny? hätte es, wäre ich tatsächlich bis Salzburg gekom-
men, gar keine oder mehrere hundert Antworten gegeben.
Ich stand da und beneidete die Vorüberfahrenden in ihren
Automobilen und auf ihren Motorrädern, die von meiner
verunglückten Existenz keinerlei Notiz nahmen. Wenig-
stens ließ sich das Hinterrad wieder drehen, also konnte ich
das Steyr- Waffenrad meines Vormunds schieben, allerdings
dahin zurück, wo nurmehr das Unheil auf mich wartete
und wo es aufeinmal jäh finster zu werden drohte. Im
Überschwang meines Ausflugs hatte ich naturgemäß auch
kein Zeitgefühl mehr gehabt, und zu allem Überdruß war
auch noch von einem Augenblick auf den andern ein Gewit-
ter hereingebrochen, das die Landschaft, die ich gerade noch
mit dem höchsten aller Hochgefühle durcheilt hatte, in ein
296 VIIL Autobiographisches

Inferno verwandelte. Brutale Wassermassen ergossen sich


über mich und hatten in Sekundenschnelle aus der Straße
einen reißenden Fluß gemacht, und unter den tosenden
Wassermassen mein Rad schiebend, heulte ich unaufhör-
lich. Bei jeder Umdrehung verklemmten sich die verboge-

nen Speichen, die Finsternis war vollkommen, ich sah nichts


mehr. Wie immer, so dachte ich, bin ich einer Versuchung,
die nur ein durch und durch furchtbares Ende haben konn-
te, zum Opfer gefallen. Entsetzt stellte ich mir den Zustand

meiner Mutter vor, wie sie, nicht zum erstenmal, die Poli-
zeiwachstube im Rathaus betritt, ratlos, wütend, von dem
schrecklichen, fürchterlichen Kind stammelnd. Der Großva-
ter, weit außerhalb und am anderen Ende der Stadt, hatte

keine Ahnung. Auf ihn setzte ich jetzt wieder alles. Es war
mir klar: an den Montagsschulbesuch war nicht zu denken.
Ich hatte mich unerlaubt und auf die gemeinste Weise aus
dem Staub gemacht und dazu auch noch das Waffenrad mei-
nes Vormunds ruiniert. Ich schob ein Gerumpel. Mein Kör-
per war abwechselnd von den Wassermassen und von einer
unbarmherzigen Angst geschüttelt. So tappte ich mich meh-
rere Stunden zurück. Alles wollte ich wiedergutmachen,
aber hatte ich überhaupt noch die Möglichkeit dazu? Ich
hatte mich nicht geändert, meine Beteuerungen waren
nichts wert, meine guten Vorsätze waren wieder nichts
anderes als Geplapper gewesen. Ich verfluchte mich. Ich
wollte sterben. Aber so einfach war das nicht. Ich bemüh-
te mich um eine menschenwürdige Haltung. Ich verurteil-
te mich zur Höchststrafe. Nicht zur Todesstrafe, aber zur
Höchststrafe, wenn ich auch nicht genau wußte, was die-
se Höchststrafe sein könnte, gleich darauf war ich mir
wieder der Absurditität dieses teuflischen Spiels bewußt.
Die Schwere der Verbrechen hatte zweifellos zugenommen,
das empfand ich ganz deutlich. Alle bisherigen Vergehen
und Verbrechen waren gegen dieses nichts. Meine Schul-
schwänzereien, meine Lügen, meine immer wieder über-
all gestellten Fallen kamen mir gegenüber meinem neuen
Thomas Bernhard 297

Vergehen oder Verbrechen, wie immer, harmlos vor. Ich


hatte einen gefährlichen Grad meiner Verbrecherlaufbahn
erreicht. Das kostbare Waffenrad ruiniert, die Kleider be-
schmutzt und zerrissen, das ganze Vertrauen in mich auf die
niederträchtigste Weise gebrochen. Das Wort Reue empfand
ich augenblicklich als geschmacklos. Ich rechnete, während
ich mein Fahrrad durch das Inferno schob, immer wieder al-
les von oben bis unten durch, addierte, dividierte, subtra-
hierte, der Urteilsspruch mußte entsetzlich sein. Das Wort
unverzeihlich markierte fortwährend meine Gedanken. Was
nützte es, daß ich heulte und mich verfluchte? Ich liebte
meine Mutter, aber ich war ihr kein lieber Sohn, nichts war
einfach mit mir, alles Komplizierte meinerseits überstieg
ihre Kräfte. Ichwar grausam, ich war niederträchtig, ich war
hinterhältig, ich war, daswar das Schlimmste, gefinkelt. Der
Gedanke an mich erfüllte mich mit Abscheu. Wenn ich, zu-
hause an ihre Schulter gelehnt, ihr Atmen zu meinem Glück
machen könnte, wenn sie ihren Tolstoj liest oder einen
anderen von ihr geliebten russischen Roman, dachte ich.
Wie verkommen bin ich. Ekelhaft. Wie ich meine Seele be-
schmutzt habe! Wie ich Mutter und Großvater wieder zu-
tiefst betrogen habe! Du bist, was sie dich nennen, das
scheußlichste aller Kinder! Ich dachte, ich könnte jetzt,
wo die Welt doch nichts ist als eine zutiefst verabscheuungs-
würdige, finstere Häßlichkeit, wäre ich zuhause, ohne
Scham und ohne schlechtes Gewissen ins Bett gehen. Ich
hörte das Gute Nacht meiner Mutter und heulte noch hefti-
ger. Hatte ich denn überhaupt noch Schuhe an den Beinen?
Es war, als hätte der Regen alles von mir weggeschwemmt,
als hätte er mir nichts als meine Armseligkeit gelassen. Aber
ich durfte nicht aufgeben. Ein Licht und das in dem Licht
langsam erkennbare Wort Gasthaus waren jetzt meine
Hoffnung. Mein Großvater hatte mich immer gewarnt: die
Welt ist widerwärtig, unerbittlich, tödlich. Wie recht er
hatte. Es ist alles noch viel schlimmer, als ich dachte. Eigent-
lich wollte ich auf der Stelle tot sein. Aber dann schob ich
298 VIII. Autobiographisches

das Fahrrad noch die paar Meter auf die Gasthaustür zu,
lehnte es an die Mauer und trat ein. Auf einem Podium tanz-
ten Bauernburschen und -mädchen zu einer Kapelle, die mir
wohlbekannte Tänze spielte, aber das tröstete mich nicht, im
Gegenteil, jetzt fühlte ich mich vollkommen ausgeschlossen.
Die ganze menschliche Gesellschaft stand mir als einzigem,
der nicht zu ihr gehörte, gegenüber. Ich war ihr Feind. Ich
war der Verbrecher. Ich verdiente es nicht mehr, in ihr zu
sein, sie verwahrte sich gegen mich. Harmonie, Lustigkeit,
Geborgenheit, darin hatte ich nichts mehr zu suchen. Jetzt
zeigt der Finger der ganzen Welt auf mich, tödlich. Während
des Tanzes wurde meine Erbärmlichkeit nicht zur Kenntnis
genommen, aber dann, als die Paare das Podium verließen,
war ich entdeckt. Ich schämte mich zutiefst, gleichzeitig war
ich glücklich, angesprochen zu sein. Woher? Wohin? Wer
und wo sind deine Eltern? Sie haben kein Telefon? Nun gut,
setz dich her. Ich setzte mich. Trink! Ich trank. Deck dich zu.
Ich deckte mich zu. Ein derber Förstermantel schützte mich.
Die Kellnerin fragte, ich antwortete und weinte. Das Kind
fiel aufeinmal wieder kopfüber in seine Kindheit hinein. Die
Kellnerin berührte es am Nacken. Streichelte es. Es war ge-
rettet. Aber das ändert nichts an der Tatsache, daß dieses
Kind das scheußlichste Kind ist von allen Kindern. Du hast
mir noch gefehlt! war der immer wiederkehrende Ruf mei-
ner Mutter. Ich höre ihn auch heute noch deutlich. Ein
Schreckenskind! Ein Fehltritt! Ich kauerte geduckt in einer
finsteren Ecke der Wirtsstube und beobachtete die Szene.

GÜNTER DE BRUYN
Geb. 1. November 1926in Berlin, Luftwaffenhelfer, Soldat, Kriegsgefangen-
nach einem Neulehrerkurs, Lehrer in einem Dorf der Mark
schaft. Bis 1949,
Brandenburg. 1953 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Bi-
bliothekswesen in Ost-Berlin. Seit 1961 freier Schriftsteller. Lebt in einem
Dorf bei Frankfurt a. d. O. und in Berlin.
Thomas Bernhard. Günter de Bruyn 299

Werke: Hochzeit in Weltzow E. (1960); Wiedersehen an der Spree E. (i960);


Der Hohlweg R. (1963); Ein schwarzer, abgrundtiefer See En. (1963); Buri-
dans Esel R. (1968); Preisverleihung R. (1972); Das Leben des Jean Paul Fried-
rich Richter Biogr. (1975); Märkische Forschungen E. (1978); Im Querschnitt
Prosa und Ess. (1979); Babylon Prosa (1980); Neue Herrlichkeit R. (1984);
Lesefreuden. Über Bücher und Menschen Ess. (1986); Jubelschreie, Trauerge-
sänge. Deutsche Befindlichkeiten (1991); Im Spreeland (1991); Zwischenbi-
lanz. Eine Jugend in Berlin Aut. (1992); Mein Brandenburg (1993); Das
erzählte Ich. Über Wahrheit und Dichtung in der Autobiographie (1995);
Vierzig Jahre. Ein Lebensbericht (1996); Die Finckensteins. Eine Familie im
Dienste Preußens (1999); Deutsche Zustände Ess. (1999). Umfängliche Her-
ausgebertätigkeit.

Der Weg Günter de Bruyns zur Literatur war nur schein-


bar kurz. Als Sohn eines Übersetzers geboren - der Vater
schrieb auch Weihnachtsgedichte und -märchen für die Kin-
der wurden ihm gegen Kriegsende Hölderlins »Hyperion«
y

und Thomas Manns »Tonio Kroger« zu »Lebensereignissen«


wie er selber es ausdrückte. Nach einem Intermezzo als Leh-
rer verschaffte ihm die Tätigkeit als Bibliothekar die Gele-
genheit, seinen Lesehunger zu stillen. Die eigenen Schreib-
versuche freilich litten unter den auferlegten wie auch verin-
nerlichten Vorgaben der normativen sozialistischen Ästhetik
in den Jahren des Kalten Kriegs, und so hat de Bruyn sich
denn später entschieden von seinen ersten Veröffentlichun-
gen distanziert, für die etwa der sozialistische Entwicklungs-
roman »Der Hohlweg« steht. In den späten sechziger und in
den siebziger Jahren erst fand er in seinem teils erzähleri-
schen, teils essayistischen Werk mit der kritischen Wendung
gegen den DDR- Konformismus seinen eigenen, so leisen
wie bestimmten ironischen Ton. Davon zeugen die Romane
»Buridans Esel«, der, durchaus bemerkenswert für die DDR-
Literatur der späten Sechziger, einen »Bürger« - in des Wor-
tes doppelter Bedeutung - zwischen zwei Frauen zeigt, und
'»Neue Herrlichkeit«, dessen Titel schon den kritischen Ab-
stand zu seinem Gegenstand, der angepaßten neuen Funk-
tionärselite, signalisiert. Zu nennen sind hier ebenso seine
»Erbe «-kritischen essayistischen und biographischen Arbei-
.

300 VIII. Autobiographisches

ten, unter denen die Monographie über Jean Paul, einen der
großen Außenseiter der Goethezeit, herausragt. Günter de
Bruyn schreibe eine Prosa, so Volker Klotz 1984, »die blitz-
und auch den Leser packt, ohne ihn ins
schnell zugreift
Ungefähre fortzureißen«; er kenne »kaum einen andern
deutschsprachigen Erzähler heute, der so lapidar die Sätze
setzt, fügt und in schlüssige Sequenzen treibt. Den Gemüts-
kitt der Selbsteinbringer kann er sich und uns ersparen.« Die
Worte gelten auch noch für den 1986 begonnenen und nach
1989 vollendeten ersten Band der Autobiographie. »Zwi-
schenbilanz« berichtet vom Leben im Dritten Reich, den
Nachkriegsjahren und endet mit einem Ausblick auf die
DDR, deren Physiognomie sich schon früh so zu erkennen
gab, wie sie sich bis zu ihrem sang- und klanglosen Ver-
schwinden zeigen sollte. Die weltgeschichtlichen Ereignisse,
wiewohl sie aus dem wissenden Rückblick des Sechzigjähri-
gen geschrieben sind, erscheinen im engen Horizont eines
Ich, dessen Verzicht auf alle Anflüge von eitlem Narzißmus
sich mit der durch zwei - durchaus auch in ihren Unter-
schieden wahrgenommenen - Diktaturen erzwungenen Zu-
rücknahme, ja Panzerung des Ich verbindet. Dem Leser
wird nachdrücklich zu Bewußtsein gebracht, daß die fahre
massenhaften Vernichtungsgeschehens für die Generation de
Bruyns auch Jahre der jugendlichen Selbstsuche, der Liebe,
ja des Glücks waren. Dabei hat sich die qualitative Teleolo-
gie traditionell autobiographischen Erzählens in eine Rich-
tung verschoben, die mit dem deutschen Titel eines Werkes
von Thornton Wilder bezeichnet werden könnte: »Wir sind
noch einmal davongekommen«

Rückblick auf Künftiges

Gäbe es zwischen der Jugend und dem Erwachsensein eine


deutliche Grenze, an der jede Entschuldigung wegen Min-
derjährigkeit und Unreife endet, würde ich sie bei mir auf
Günter de Bruyn 301

den 1. Oktober 1949 legen, als in Berlin meine Bibliotheks-

ausbildung begann. Die neue Lebensperiode fiel ziemlich


genau mit einem neuen Kapitel der deutschen Geschichte
zusammen - ein Zufall, wie ich ihn schon von früher her
kannte: Hitler regierte ziemlich exakt meine zwölfjährige
Schulzeit hindurch. Jetzt begann mein Berufs- und Mannes-
alter mit dem Beginn des östlichen deutschen Staates, der zu
der Zeit, in der ich in den Vorruhestand hätte gehen kön-
nen, sein Ende fand. Sein Abtreten fiel in die Entstehungs-
zeit dieses Buches, verzögerte seinen Abschluß, veränderte
es aber nicht.
An Details des Staatsgründungsakts kann ich mich nicht
mehr erinnern, wohl aber an das, was ich damals las. Eine
Woche zuvor hatte meine Berufsausbildung mit einem
Praktikantenhalbjahr in der Volksbücherei Berlin-Mitte be-
gonnen. Mühelos war ich zwischen Regalen und Katalogen
heimisch geworden und hatte mich, aller Lektürebeschaf-
fungssorgen enthoben, paradiesisch gefühlt. Auf Empfeh-
lung einer älteren Bibliothekarin war ich an Thomas Wolfe
geraten. Von Zeit und Strom war das bleibende Erlebnis
dieser Wochen; der 7. Oktober aber verstärkte zwar das Ge-
fühl von Bedrohung, das schon die Gründung des west-
deutschen Staates begleitet hatte (weil nämlich Staaten Sol-
daten brauchen), ging sonst aber spurlos an mir vorbei.
Wahrscheinlich war ich, wie dutzendemale später, zu einer
Kundgebung beordert worden, war, um mich sehen zu las-
sen, zur befohlenen Zeit am Stellplatz erschienen und hatte
mich dann durch Verlorengehen in der Menge von der
Truppe entfernt.
Hätte ich nicht auch das Dorf mit der Stadt, das Pädagogi-
sche mit dem Literarischen vertauschen, sondern lediglich
dem politischen Druck des Schuldienstes entkommen wol-
len, wäre das Gefühl dagewesen, vom Regen in die Traufe
geraten zu sein. Denn die Bibliotheksschule des nun zur
Hauptstadt gewordenen Stadtdrittels überbot die ländliche
Schulbehörde an politischem Eifer bei weitem. Sie wurde
302 VIII. Autobiographisches

von Leuten geleitet, die ihr einseitiges Wissen für die


Quintessenz aller Wahrheiten an Stalin wie an den
hielten,
Erlöser glaubten, diesen Glauben Wissenschaft nannten,
ihre Moral und Ästhetik für richtig und endgültig hielten,
alle Menschen für gleich erklärten, sich selbst aber unausge-
sprochen als Elite empfanden und Erziehung und Lehre wie
Agitation handhabten - die also, kurz gesagt, ein treues Ab-
bild des Staates waren, der in diesen Tagen entstand. Wie
dieser fühlten sich die leitenden Damen in erster Linie dazu
berufen, treue Genossen, oder doch wenigstens ergebene
zu machen. Sie waren so selbstsicher
Staatsbürger, aus uns
daß sie mit ihren Schülern, mich ausge-
in dieser Hinsicht,
nommen, schon nach wenigen Wochen per du verkehrten
und ihnen leitende Posten in Aussicht stellten. Gleichzeitig
aber war ihr Mißtrauen so rege, daß sie die Privatlektüre zu
überwachen und die Privatsphäre zu erforschen versuchten.
Der kürzeste Weg, sich bei ihnen Liebkind zu machen, war
der, ihnen zu beichten oder Rat bei ihnen zu holen, am be-
sten bei weltanschaulichen Zweifeln oder Problemen mit
der Moral. Jungen, die geistreich und witzig waren, und
Mädchen, die Schminke benutzten, hatten kaum Chancen,
in die Schule aufgenommen zu werden, und wenn sich
Liebschaften zwischen den Schülern anbahnten, fragte man,
ob die der großen Sache wohl dienlich wären, und schaltete
sich in der Anfangsphase schon ein. Bei Liebeskummer, po-
litischer Skepsis oder bei Ehekrisen wurde das Studium der
Grundlagen des Leninismus empfohlen; denn dort stand an-
geblich die Antwort auf jede Frage schon drin.
Glücklicherweise hatten die Leiterinnen neben Sendungsbe-
wußtsein und agitatorischem Eifer auch Erfahrungen des
Berufs zu bieten, so daß man bei ihnen das bibliothekari-
sche Handwerk auch mitbekam. Wichtiger für mich aber
war, wie ich mir nachträglich sage, daß man bei ihnen ein
hartes Training im Umgang mit der Macht der Einheitspar-
tei absolvierte, das einem in den nächsten Jahrzehnten zu-

gute kam. Man erhielt eine Einführung in die politische


Günter de Bruyn 303

Glaubenslehre, der Stalins Schrift Über historischen und


dialektischen Materialismuszugrunde gelegt wurde, lernte
die Werthierarchie der Probleme kennen, so daß man die
zur Diskussion freigegebenen von den geheiligten unter-
scheiden konnte; und man wurde in die geltende Sprachre-
gelung eingeführt. Man begriff, daß man nie spontan reagie-
ren, nie der ständigen Aufforderung zur Ehrlichkeit nach-
kommen durfte, daß man viel schweigen oder sich bedeckt
halten mußte und Widerreden besser in Frageform kleidete,
so daß sie wie Hilferufe eines nach Erkenntnissen Hun-
gernden wirkten; denn die Fachschule war, wie der Staat,
auch Missionsschule, deren Aufgabe in der Bekehrung der
Heiden bestand.
Diese angeblich auf Überzeugung, in Wahrheit auf Macht
und Angst gegründete Pädagogik erreichte zwar nie ihr
Ziel: den neuen, sozialistischen Menschen, aber sie blieb
doch nicht wirkungslos. Ob man eigne Meinungen nicht
mitgebracht hatte oder keinen Wert auf sie legte, sich also
die vorgeschriebenen leicht zu eigen machte; ob man heu-
chelte und das mit notwendigem Selbstschutz entschuldigte;
ob man ein selbständig Denkender bleiben, aber doch die
Ausbildung beenden wollte und deshalb die eignen Gedan-
ken für sich behalten und die verordneten Meinungen nur
als Lehrstoff betrachten und nachbeten mußte - in jedem
Fall wurde man zur Disziplin und zur Beachtung von
Grenzen erzogen und damit für das System brauchbar oder
doch wenigstens ungefährlich gemacht.
Gehemmt wurde der Widerstandswille auch durch den die
Macht adelnden Antifaschismus, den einzigen Bestandteil
der verordneten Lehre, der der eignen Meinung entsprach.
Da aber diese Meinung sich bei den meisten von uns erst
durch den Krieg und nach Hitler gebildet hatte, fühlten wir
uns mehr oder weniger mit Schuld beladen und glaubten
den Emigranten und Widerstandskämpfern gegenüber zu
Ehrfurcht verpflichtet zu sein: in diesem Punkt war man
moralisch erpreßbar. Die Kritik an Verblendung und Intole-
304 VIII. Autobiographisches

ranz war getrübt von schlechtem Gewissen. Denn die ei-


fernde Schulleiterin hatte unter Hitler im Gefängnis geses-
sen, der dogmatische und gebildetste der Dozenten war ein
Emigrant gewesen - man selbst aber hatte Hitler gedient.
Man war also auch in moralischer Hinsicht der Schwächere
und wurde es noch mehr durch die ständige Vorsicht, die
doch eine Form von Unehrlichkeit war. Dem durch Stärke
und Unbeirrbarkeit imponierenden Glauben an die Mach-
barkeit des schlechthin Vollkommenen setzte man eine
Skepsis entgegen, der es, da sie auf Vernunft und Tatsachen-
sinn beruhte, an erhabenen Zukunftsvisionen fehlte und
die, da sie sich nicht oder nur kleinlaut zu äußern wagte, et-
was Kleinliches und Hinterhältiges bekam.
Auch wurde der Skeptiker bald zum Außenseiter. Die Ver-
suchung war groß, der Vernunft abzuschwören, um ehr-
lichen Herzens in der Glaubensgemeinschaft aufgehen zu
können. Es waren nicht die Schlechtesten, die diesen Weg
wählten, der alles andere war als bequem. Denn verlangt
wurde nicht nur Unterordnung, sondern auch eine Selbst-
verleugnung, die nicht nur eignes Denken, sondern auch
eignes Wahrnehmen verbot. Man mußte Wahrheiten über
Stalin für Lüge halten, die Justizverbrechen im eignen Land
rechtfertigen, sich blind machen und taub stellen und bei je-
der Kursänderung glauben, es gehe geradeaus.
Neben den wenigen wahrhaft Bekehrten und der Masse der
Mitläufer gab es an der Schule natürlich auch karrieresüch-
tige Anpasser, in deren Züchtung der Staat später führend
war. Diese falschen Gläubigen waren mir in ihren Beweg-
gründen zwar begreiflicher als die echten, dafür aber so wi-
derwärtig, daß ich später als Schriftsteller vor allem sie zum
Ziel meiner Kritik machte - wie ich heute noch finde, mit ei-
nigem Recht. Denn sie waren die sichersten und skrupello-
sesten Stützen des Staates, die das sich ausbildende Kasten-
wesen voranbrachten und genossen und nie zur Systemkri-
tik neigten, während bei vielen der ehrlichen Utopisten sich
beim Vergleich des Gewollten mit dem Gewordenen das
Günter de Bruyn 305

schlechte Gewissen regte, so daß sie ins Abseits gerieten,


sich ihren Willen zerbrechen ließen oder zu Kritikern wur-
den, die bekämpft, verfolgt und verunglimpft wurden und
dazu noch das Leid tragen mußten, der Bewegung, der sie
sich aufgeopfert hatten, abtrünnig zu sein.
Ein Modell des entstehenden Staates war die winzige Fach-
schule auch hinsichtlich der ost-westlichen Fluchtbewe-
gung, die im Berlin dieser Zeit noch leicht zu bewerkstelli-
gen war. Dieser Auszug von Millionen, der schon vor der
Gründung des Staates begann und bis in seine Endphase an-
wurde prägend für ihn. Er bedeutete mehr, als
hielt, die
Zahlen sagen, weil die Flüchtenden eine Auslese darstellten,
deren Qualität vor allem in Vitalität bestand. Neben den
tatsächlich Verfolgten, den an Leib und Leben Gefährdeten,
die ein Potential von politischem Wollen und Standhaftig-
keit darstellten, gingen die kritischen Geister, die ein Feld
öffentlicher Artikulierung brauchten, die technischen Spe-
zialisten, die Ehrgeizigen und die Abenteurer, die Leute mit
Privatinitiative und die Wohlstandsgierigen - und sie alle
nahmen Kreativität und Lebendigkeit aus dem Osten mit.
Es war ein Ausleseprozeß, wie er um die Jahrhundertwende
in den berlin-nahen Dörfern stattgefunden hatte. Da wurde
jeder, der Mut und Elan hatte, in Neukölln oder am Wed-
ding zum Großstädter, und nur die Flaschen, wie Freund
H. es freundlicherweise, auf mich gezielt, ausdrückte, blie-
ben auf dem Lande zurück.
Ich war unter den Zurückbleibenden. Das Warum wird den
nächsten Band meiner Lebensbilanz ausfüllen. Dort werde
ich auch die Frage zu beantworten versuchen, weshalb ich
mir die geistige und moralische Mühsal der kommunisti-
schen Utopie hatte ersparen können. Vielleicht spielte da-
bei der Katholizismus eine Rolle, weil er das nötige Glau-
benspotential schon abgedeckt hatte, vielleicht wirkte eine
auf Autonomie zielende Kindheitsprägung; vielleicht wurde
Freund H.s Beeinflussung wirksam; ganz sicher aber schütz-
ten mich meine Erfahrungen mit dem Dritten Reich.
306 VIII. Autobiographisches

Denn formal und methodisch waren die beiden Ideologie-


Antipoden sich ähnlich. Fahnen und Marschkolonnen, ju-
belnde Massen und stereotype Parolen, die Perfidie, Zwang
als Freiwilligkeit auszugeben, und die erneute Vergottung
eines weisen, allmächtigen Führers erzeugten gleiche psy-
chische Reaktionen, die bei mir als Widerwillen auftraten,
vermischt mit Angst. Auch wenn ich mir gewünscht hät-
te, zur Avantgarde des Menschheitsparadieses zu gehören,

wäre mir das nicht möglich gewesen, und zwar nicht nur
aus politischer Überzeugung, die ich damals in Ansätzen
wohl auch schon hatte, sondern aus psychisch-physischer
Unfähigkeit.
Das Glück dieser Jahre konnte das alles nicht trüben. Ich
genoß meine Stadt, und da sie geteilt war, doppelt, denn
beide Seiten gehörten ja mir. Ich las viel, schrieb viel, be-
suchte Kinos, Theater und wurde dabei mei-
Universitäten,
ner selbst langsam sicherer und lebte mich in Berlin und
Umgebung immer mehr ein. Politik interessierte mich nur
in dritter Linie, in erster und zweiter Bücher und Men-
schen. Ich war jung und fand folglich sehr viele Bücher,
Filme und Frauen schön. Staaten waren für mich ein nicht
notwendiges Übel. Sie okkupierten mich und meine Ge-
gend und maßten sich an, Grenzen zu ziehen, wo es für
mich keine gab. Der Staat, dessen Gründung sich meinem
Gedächtnis nicht eingeprägt hatte, ließ ein Jahr später durch
die Sprengung des Schlosses eine starke Erinnerung an seine
Anfänge zurück.
Die Zwergfachschule, die ich zu Bildungszwecken mehr
schwänzte als besuchte, befand sich in der damals noch
schmalen Breitestraße, im Ermeler-Haus, einem Bürgerhaus
aus dem 18. Jahrhundert, das später umgesetzt wurde und
heute, etwas entstellt, am Märkischen Ufer steht. Im Par-
terre und im zweiten Stock hatte die Ratsbibliothek ein
Notquartier gefunden, im ersten Stock, zu dem man auf ei-
ner barock-geschwungenen Treppe gelangte, wurden wir
unterrichtet, und auf der anderen Seite der Straße, im Mar-
Günter de Bruyn 307

Stallgebäude, befand sich die Stadtbibliothek. Es war der


ideale Ort, um Stadtgeschichte zu treiben. Ringsum waren
Entdeckungen zu machen, in der Sperlingsgasse mit Raabe-
Diele, in der die Gold-Else residierte, oder im Nicolai-
Haus mit dem duftenden Reseda-Wein. Zwei Minuten wa-
ren es nur bis zur Schloßruine. In den Pausen konnte man
auf den Stufen des Kaiser- Wilhelm-Denkmals oder im Schat-
ten der erhaltenen Portale sitzen und nach dem Unterricht
einen Umweg über den wenig zerstörten Schlüterhof ma-
chen, denn die Absperrungen waren leicht zu umgehen.
Die Parterreräume an der Schloßfreiheit waren früh schon
ausgebaut worden, der Weiße Saal hatte ein Notdach erhal-
ten, Ausstellungen hatten hier Platz gefunden, als letzte die
zur Hundertjahrfeier der achtundvierziger Revolution. Als
Interessierter kannte man sich schon aus in der Schloßruine,
erwartete, daß Jahr für Jahr ein Teilstück wiederhergestellt
werden würde, war also über Ulbrichts Abrißbefehl ent-
setzt.Die Dozenten, die für die Erhaltung des Schlosses ge-
wesen waren, änderten über Nacht ihre Meinung, weil allen
Relikten des Feudalismus doch der Garaus gemacht werden
mußte und für die Werktätigen ein Aufmarschplatz nötig
war. Durch weiträumige Absperrungen wurde mein Schul-
weg nun länger. Deutlich erinnere ich mich an die Ohn-
machtsgefühle, die durch die sie begleitende Feigheit etwas
von Selbstbeleidigung haben, an die geflüsterten Wutausbrü-
che auf Bibliotheksfluren und an die mit Hohn untermischte
Scham, als die Schulchefin die Detonationen der Sprengun-
gen Freudenschüsse nannte, weil durch sie nicht zerstört,
sondern aufgebaut wurde, ein besseres, neues Berlin.
Im September 1950 wurde mit den Sprengungen begonnen,
zu Neujahr waren sie abgeschlossen, im April waren die
Trümmer abgefahren, und in die Öde des riesigen, von Rui-
nen umstandenen Platzes wurde eine Tribüne für die Partei-
führung gebaut.
IX. Aphoristisches, Sprachkritisches

Wenn von »Aphorismus«, sondern von »Aphori-


hier nicht
stischem« die Rede ist, so geschieht dies, um darauf auf-
merksam zu machen, daß nicht alle der nachfolgenden
Beispiele von Martin Walser, Elias Canetti und Elazar Be-
nyoetz dem strengen Gattungsbegriff entsprechen, daß Über-
gänge zu anderen Formen minimalistischer Sachprosa vor-
liegen können. Bei einem Aphorismus im strengen Sinn han-
delt es sich nach Harald Fricke um einen nichtfiktionalen
Text (im Unterschied etwa zum Witz in Prosa) in metrisch
nicht gebundener Form (im Unterschied etwa zum Epi-
gramm) innerhalb einer Serie gleichartiger, doch voneinan-
der isolierter, in der Reihenfolge vertauschbarer Texte (im
Unterschied zu kohärenten Thesen, nachträglich isolierten
Apophthegmata und chronologisch geordneten Tagebuch-
eintragungen). Aphorismen sind konzis, bestehen oft nur aus
einem Satz und zeichnen sich durch sprachliche oder auch
sachliche Pointierung aus: »Der Mensch kommt unter allen
Tieren der Welt dem Affen am nächsten« (Lichtenberg). Zur
zweitausendjährigen Vorgeschichte der Gattung zählen u. a.
die religiöse Spruchweisheit und Lehrsätze der medizini-
schen Tradition. Ihren entscheidenden Einsatz im neuzeit-
lichen Europa bilden die 1665 erschienenen »Reflexions ou
Sentences et Maximes morales« von La Rochefoucauld. Die
deutsche Geschichte beginnt, noch bevor sich der Gattungs-
begriff festigt, mit den »Sudelbüchern« Lichtenbergs sowie
mit Friedrich Schlegels »Athenäums-« und Novalis' »Blü-
tenstaub« -Fragmenten. Einen späteren kulturräumlichen
Schwerpunkt hat der Aphorismus in Wien mit Autoren wie
Schnitzler, Hofmannsthal und Kraus. Dabei fällt - wie bei
der Wiener Moderne überhaupt - der Anteil jüdischer Auto-
ren ins Auge. Die Gattung, in deren Tradition sich nach dem
Zweiten Weltkrieg Theodor W. Adorno mit den »Minima
Moralia« stellte (die ihrerseits auf Botho Strauß' »Paare Pas-
Martin Walser 309

santen« wirkten), steht nicht eben im Vordergrund der Ge-


genwartsliteratur, doch gehören zu ihr einige der bemerkens-
wertesten Bücher der letzten Jahrzehnte: die mehrbändigen
»Aufzeichnungen« des Kraus-Schülers Canetti, die extrem
verknappte Aphoristik von Benyoetz, der u. a. auf die he-
bräische Spruch dich tung zurückgreift, wie auch »Mefimers
Gedanken« von Martin Walser, die sich trotz des Wechsels
zwischen erster und dritter Person, in der sie gehalten sind,
wie Apophthegmata, d. h. nachträglich isolierte Reflexionen,
aus einer - nicht existierenden - Autobiographie ausneh-
men. Dem besonders sprachbewußten Aphorismus wird hier
mit Einträgen aus Eckhard Henscheids »Dummdeutsch«
ein Spiegel deutscher Befindlichkeiten im Stil von Flauberts
»Dictionnaire des idees reques« an die Seite gestellt.

MARTIN WALSER 1

Martin Walser, der seit den fünfziger Jahren als Essayist,


Dramatiker und vor allem als erzählender Chronist
Westdeutschlands und der wechselnden Stimmungslagen sei-
ner Mittelschichten hervorgetreten ist, hat 1985 mit »Mefi-
mers Gedanken« einen minimalistischen Kontrapunkt zu
seinem sonst überwiegend wortreichen CEuvre gesetzt. Mit
dem schmalen und dennoch gewichtigen Bändchen stellte er
sich in die Tradition autobiographischer Selbsterkundung,
zugleich aber auch in die Linie erzählender Kurzprosa
Robert Walserschen wie auch Brechtschen Zuschnitts und
die des Aphorismus. Die drei überschriftslosen, nur mit rö-
mischen Ziffern markierten Teile, die in wechselnder Ak-
zentuierung den Schwerpunkten »Ich«, »die anderen« und
»Schreiben« gelten, führen eine »Selbstbeschuldigungs«-
und eine »Selbstrechtfertigungsroutine« samt ihrer »Entblö-
ßungsverb ergungssprach e« vor, die sich von den oft selbst-

1 Bio-Bibliographie s. S. 26.
310 IX. Aphoristisches, Sprachkritisches

gefälligen autobiographischen Suchbewegungen abwenden,


wie sie mit dem 68er-Bewegung und ihres ge-
Zerfall der
schichtsphilosophischen Utopismus in Schwang kamen. Am
bedeutendsten Ursprung neuzeitlicher Philosophie stand mit
y
dem sum« Descartes die konstituierende Lei-
»cogito, ergo
stung der Selbsterfahrung im Denken. An einem wesent-
lichen Ursprung moderner Literatur, in Rousseaus »Confes-
sions«, ist der hybride Anspruch rückhaltloser, gottgleicher
Selbsterkenntnis zu finden. In Walsers Text wird beiden, wie
immer durch das personale Medium perspektiviert, in Sät-
zen wie »Wenn ich meine Mütze aufsetze, bin ich, denkt
Meßmer« und »Das, was man auch sich selbst gegenüber
verschweigen muß, ist die Wahrheit. Meint Meßmer« eine
entschiedene Absage erteilt, sei es im Gestus ironischer Bre-
chung, sei es in dem radikalisierender Überbietung. Es macht
u. a. den Rang der Walserschen Kurzprosa aus, daß ihre dia-

gnostische Schärfe zugleich dem rätselhaften, entgleitenden


Ich eines alternden Mannes und der geschichtlichen Situa-
tion gilt, in der dieses Ich lebt.

Meßmers Gedanken (Auswahl)

Von allen Stimmen, die aus mir sprechen, ist meine die
schwächste.

Alleinsein hat keinen Ton. Lautlos wartet, wer allein ist. So-
bald er Gott annimmt, singt er. Sich durchschauend wird er
wieder stumm.

Ich habe mehr Kleider, als ich brauche. Von mir werden
Schuhe bleiben und Hemden wie neu. Ich habe mehr Raum,
als ich brauche. Ich habe Angst, mir werde, was ich nicht
brauche, genommen.
Martin Walser 311

Die Selbstbeschuldigungsroutine und die Selbstrechtferti-


gungsroutine - es ist ein und dieselbe Routine. Zwischen
Beschuldigung und Rechtfertigung kann ich keinen Unter-
schied sehen.

Das, was man auch sich selbst gegenüber verschweigen


muß, ist die Wahrheit. Meint Meßmer.

Man kann sich darauf verlassen, daß das, was ich sage, um
so weniger meine Meinung ist, je heftiger ich es sage. Ich
wundere mich selber darüber, wie ich mich anstrenge, etwas
zu beweisen, was ich selber nicht glaube. Und weil ich, was
ich beweisen will, selber nicht glaube, ist es so anstrengend,
es zu beweisen. Geht es anderen anders?

Er muß also hin. Bitte, denkt Meßmer, jetzt spielt er denen


einmal den Unterlegenen, Untergebenen, Ergebenen, den
überhaupt nicht in Frage Kommenden. Und unheimlich
schmeicheln wird er denen. Bis alle nur noch lachen und sa-
gen: Nein, nein, nein, hör jetzt auf damit, das ist wirklich
zuviel. Er tut es also. Keiner lacht. Keiner bittet ihn, aufzu-
hören. Keiner sagt, es sei wirklich zuviel. Noch nie war die
Stimmung so gut. Noch nie waren sie so freundlich zu ihm.
Meßmer beschließt, bei dieser Rolle zu bleiben.

Wir sind alle glücklich, wenn wir nichts miteinander zu tun


haben.

Ich bin auf eine gute Meinung von mir angewiesen.

II

Er kann nicht so gut kämpfen wie sein Gegner, weil er ge-


gen das Gute kämpft, sein Gegner aber gegen ihn.
312 IX. Aphoristisches, Sprachkritisches

Er beschließt, sich jetzt nicht mehr anzupassen. Er will end-


lich er selber sein. Von jetzt an tut er das Gegenteil von
dem, was man von ihm erwartet. Er merkt, daß er nicht das
tut,was er will, sondern nur das Gegenteil von dem, was
man von ihm erwartet.

Wie man sich neigt und zum Verteidiger der Bösartigkeit


wird: der Mitläufer von heute.

Einerseits zu Tode erzogen, andererseits ohne wirkliche


Moral. Vielleicht ist er nicht im mindesten moralisch. Unfä-
hig dazu. Verglichen mit anderen. Die Hoffnung, andere
seien in Wirklichkeit auch so, ist ein Beweis seiner Unemp-
findlichkeit.

Daß man meint, die anderen müßten teilnehmen an dem,


was einen selber trifft, ist ein Gefühl von früher, als man
noch in der Herde oder Horde wohnte und die Schnauzen
aneinander rieb. Noch lebt der Instinkt, der diesen Kontakt
sucht. Dann findet er nichts.

Das Höchste: wenn es gelänge, die eigene Person statt als


Hauptperson als Nebenperson darzustellen.

Übertrieben alles, was sich nicht auf den Tod bezieht; was

den angeht, kann man nur untertreiben.

Versehrt vom Christentum, stand er seinem Körper unver-


söhnt gegenüber. Er versuchte, sich immer wieder zu täu-
schen, wollte wirklich klein beigeben, zufrieden sein - um-
sonst. Er konnte sich nicht abfinden mit seinem Körper.
Mit all dem Drum und Dran. Alles Körperliche wurde ihm
eine unerschöpfliche Quelle des Mißvergnügens. Tod und
Teufel, das war sein Körper, sonst nichts.
Martin Walser 313

Schnell und unbestimmt, heiß von Willen und Leere, ange-


strengt vom Ende, kippen wir uns in den Grund.

Ich lebe wie nicht.

Wahrscheinlich muß man, will man geliebt werden, lieben.

III

An einem Tag passiert soviel mehr, als man an einem Tag


schreiben kann. Nur in einem Gedicht könnte man alles sa-
gen. Weil er kein Gedicht machen kann, hat er das Gefühl,
es in der Gegenwart nicht aushalten zu können.

Es gibt keine Feinde mehr. Nur noch Aggressionen, ins


Leere gerichtet. Verfluchungen, die ein Ungläubiger aus-
stößt, sind lächerlich. Wenn alles nichts ist, hält man, bitte,
den Mund. Wenn man ihn aufmacht, muß man zugeben,
daß man sich Illusionen macht, daß man etwas glaubt. Die
erste religiöse Entwicklung gipfelte in dem Satz, man solle
seine Feinde lieben. Die zweite religiöse Entwicklung, die
sich nicht mehr religiös nennen wird, könnte mit dem Satz
anfangen: Es gibt keine Feinde mehr.

Ich will den Ton hervorbringen, der durch mein Leben ent-
steht.

Mindestens ein Vogel auf geheiztem Ast will er sein, ganz


geschützt und frei.

Jeder eine Galaxie, in der es schreit.

Wenn ich meine Mütze aufsetze, bin ich, denkt Meßmer.


314 IX. Aphoristisches, Sprachkritisches

ELIAS CANETTI

Geb. 25. Juli 1905 als Kind spanisch-jüdischer Eltern in Rustschuk (Bulga-
rien), gest. 14. August 1994 in Zürich. 1911 Übersiedlung der Familie nach
Manchester, 1913 nach dem Tod des Vaters nach Wien, Zürich, schließlich
Frankfurt a. M. 1924-29 naturwissenschaftliches Studium und Promotion in
Wien. 1938 Emigration nach London, wo er lange lebte; zuletzt in der
Schweiz. Büchner-Preis 1972. Nobelpreis für Literatur 1981. Das Deutsche
war nach dem Spaniolischen, Englischen und Französischen erst die vierte
Sprache, die Canetti erlernte.
Werke: Hochzeit Dr. (1932); Die Blendung R. (1935); Komödie der Eitelkeit
Dr. (1950); Masse und Macht Abhandlung (1960); Die Befristeten Dr. (1964);
Aufzeichnungen 1942-1948 (1965); Die Stimmen von Marrakesch. Aufzeich-
nungen nach einer Reise (1968); Der andere Prozeß. Kafkas Briefe an Feiice
(1969); Alle vergeudete Verehrung. Aufzeichnungen 1949-1960 (1970); Die
gespaltene Zukunft. Aufsätze und Gespräche (1972); Die Provinz des Men-
schen. Aufzeichnungen 1942-1972 (1973); Der Ohrenzeuge. Fünfzig Charak-
tere (1974); Das Gewissen der Worte Ess. (1975); Die gerettete Zunge. Ge-
schichte einer Jugend (1977); Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte 1921-1931
(1980); Das Augenspiel. Lebensgeschichte 1931-1933 (1985); Das Geheimherz
der Uhr. Aufzeichnungen 1973-1985 (1987); Die Fliegenpein. Aufzeichnungen
(1992); Gesammelte Werke in 8 Bänden (1992-95); Nachträge aus Hampstead.
Aufzeichnungen 1954-1971 (1994); Aufzeichnungen 1992-1993 (1996); Auf-
zeichnungen 1973-1984 II (1999).

Mit »Die gerettete Zunge«, »Die Fackel im Ohr« und »Das


Augenspiel« legte Elias Canetti in seinem achten Lebens-
jahrzehnt eine außerordentlich weit- und zeithaltige auto-
biographische Trilogie vor, deren auf das Erreichen der eige-
nen Bestimmung als Schriftsteller abzielende Tendenz sich
in die teleologische Gattungstradition eintrug, wie Goethe
sie in »Dichtung und Wahrheit« glanzvoll vertreten hatte.
Diesem kontinuierlichen und zielgerichteten Erzählen ste-
hen mehrere Bände »Aufzeichnungen« gegenüber, darunter
»Die Provinz des Menschen«, »Das Geheimherz der Uhr«
und »Die Fliegenpein«, deren vorherrschend aphoristischer
Charakter, ebenfalls gattungskonform (Lichtenberg dürfte
besonders wichtig gewesen sein), Zusammenhang ausdrück-
lich verweigert und im Diskontinuierlichen Überraschendes,
Abgründiges und Widersprüchliches zur Geltung bringt.
Canettis Aphorismen enthalten sich der entlarv ungspsycho-
Elias Canetti 315

logischen großen Geste, die Nietzsche aus der Tradition der


französischen Moralistik erneuert und Karl Kraus, betont
sprach spielerisch, in gesteigert aggressiven Ausfällen wei-
terentwickelt hatte. Sie sind, ohne die Spur eines Zweifels
am Heiklen der condition humaine zu lassen, entschieden
freundlich den Menschen und der Welt zugewandt; sie ver-
zichten auf den sprachlichen Glanz zugunsten der gedank-
lichen Vertiefung; sie bringen in der neugierigen Hinnahme
des Alters - nicht des Todes! -, in der Fürsprache für die vom
Menschen bedrohte wie in der Trauer über die schon ausge-
rottete Kreatur und im Trost, den der Gedanke an das ohne
jeden einzelnen von uns weitergehende Leben zu gewähren
vermag, eine altersgelassene Wahrnehmung zur Geltung,
für die allein Weisheit der angemessene Begriff ist. Ihre still-
schweigende Absage an alles Befangen- Morose bezeugt eine
Kraft, zu der nach 1945 unter den deutschsprachigen Auto-
renwohl allein solche jüdischer Herkunft fähig waren -
Ludwig Greve und Elazar Benyoetz wären in diesem Zu-
sammenhang ebenfalls zu nennen. »[. .] ganz jüdischer
.

Tradition getreu, ist dem Dasein ge-


seine poetische Energie
radezu heftig zugewandt. Bekäme er dreihundert oder vier-
hundert Jahre zugestanden, es wäre Genugtuung für einen
Autor, dessen Neugier auf das Leben im biblischen Alter
keinen Deut abgenommen hat« (Gert Mattenklott).

Das Geheimherz der Uhr. Aufzeichnungen 1973-1985


(Auswahl)

Man kann nur leben, indem man oft genug nicht macht, was
man sichvornimmt.
Die Kunst besteht darin, sich das Richtige zum Nichtma-
chen vorzunehmen.
Es erstickt, wer sich gehorcht, nicht weniger, als wer ande-
ren gehorcht. Nur der Inkonsequente, der sich Befehle gibt,
denen er ausweicht, erstickt nicht.
316 IX. Aphoristisches, Sprachkritisches

Manchmal, unter besonderen Umständen, ist es richtig zu


ersticken.

Der Gedankenheuchler: immer wenn eine Wahrheit droht,


versteckt er sich hinter einem Gedanken.

Den Verfall beobachten, worin sich das Alter ausdrückt, es


ohne Emotion und Übertreibung verzeichnen.
Ermüdung aller Passionen, besonders aber jener für die
Ewigkeit. Die »Unsterblichkeit« wird lästig und unheim-
lich.Das könnte damit zusammenhängen, daß man nur
Fragliches verlassen wird und es gern los wäre.
Mehr Verachtung für sich, aber sie ist nicht genug schmerz-

haft. Man wünscht sich Reisen, Bewegung, doch ohne Orts-


veränderung. Härtere Reaktionen auf Beleidigung, man ist

unverträglicher. Anbetungen lassen nach, ihre Wucht ver-


ringert sich.
Das Gedächtnis setzt aus. Doch es ist alles da. Auch das
Vergessenste meldet sich wieder, aber wann es will.

Die Jugendgeschichte darf nicht zu einem Katalog dessen


werden, was im späteren Leben wichtig wurde. Sie muß
auch die Verschwendung enthalten, das Scheitern und die
Vergeudung.
Man ist ein Betrüger, wenn man in seiner Jugend nur ent-
deckt, was man ohnehin weiß. Darf man aber sagen, daß je-
der verlorene Ansatz einen Sinn hatte?
Wirklich bedeutungsvoll erscheint mir jeder Mensch, der in
der Erinnerung noch da ist, jeder. Es quält mich, daß ich
manche zurückfallen lasse, ohne über sie zu sprechen.
Manches finde ich nicht mehr, von anderem wende ich mich
ab. Auf wie viel Wegen müßte man 's noch versuchen?

Sätze, die ihn ins Herz getroffen haben, Sätze, die er sich
nicht zugeben kann.
Elias Canetti 317

Schön war 's, ruhig an den alten Orten zu sein, schön auch,
an neuen zu sein, nach denen man sich lange gesehnt hat.
Am schönsten aber wäre es, sicher zu sein, daß sie nicht zu-
grunde gehen müssen, wenn man nicht mehr da ist.

Er will keine Gedanken mehr, die zubeißen. Er will Gedan-


ken, die den Atem erleichtern.

Jeder Entschluß hat etwas Befreiendes, selbst wenn er ins


Unglück führt. Wäre es denn sonst zu erklären, daß so viele
offenen Auges und aufrecht in ihr Unglück schreiten?

Eine Gelehrsamkeit zum Ersticken. Man erfährt von einem


Gegenstand so viel, daß man nie mehr etwas von ihm wis-
sen möchte. Die Nähte platzen. Man wendet sich von ihm
ab. Wie hat man sich für ihn interessieren können?
Dreitausend Antworten auf jede Frage. Welche Frage hält
das aus?

Deine Menschenverehrung wäre anrüchig, wenn du Men-


schen nicht so gut kennen würdest.
Wer das Schlechteste verehrt, glaubt an seine Verwand-
lung.

Es gibt Feindschaften, die man nicht versäumen darf.


Schweigen ist Fäulnis.

Daß du die neue Lebensform nicht siebst, sollst du nicht


überschätzen.
Wenn nur andere, später, sie finden und fassen, - auf dich
kommt es nicht an.
Schwer einzusehen ist es, daß es auf dich nicht ankommt.

Die größte Konzentration von allen Dichtern, die ich


kenne, hat Büchner. Jeder Satz von ihm ist mir neu. Ich
kenne jeden, aber er ist mir neu.
318 IX. Aphoristisches, Sprachkritisches

Die Gefahren summieren sich, jede einzelne von ihnen ist


überwältigend geworden. Jede ist erkannt und genannt, jede
ist berechnet worden. Gezähmt ist keine. Vielen Leuten

geht es gut. Kinder verhungern. Man kann gerade noch


atmen.

Der Schatz des Gesehenen als Schatz der guten Werke.

Da uns vorgelebt haben, die Chinesen, seit langem, seit


sie
jeher, ist es um so schmerzlicher zu sehen, wie sie uns jetzt
nacheifern. Schließlich, wenn sie uns eingeholt haben, wer-
den sie alles verloren haben, was sie vor uns voraushatten.

ELAZAR BENYOETZ

Geb. 24. März 1937 in Wiener Neustadt. 1939 nach Palästina gerettet. 1959
Rabbinerexamen. 1963-68 mit Renate Heuer Aufbau des Bibliographia-Judai-
ca- Archivs in West-Berlin. 1957 erster hebräischer Gedichtband; seit 1969
Veröffentlichungen in deutscher Sprache. 1988 Adelbert-von-Chamisso-Preis,
mit dem Werke ausländischer Autoren in deutscher Sprache ausgezeichnet
werden.
Deutschsprachige Werke: Sahadutha (1969); Einsprüche (1973); Einsätze
(1975); Worthaltung. Sätze und Gegensätze (1977); Eingeholt. Neue Einsätze
(1979); Vielleicht-Vielschwer (1981); Treffpunkt Scheideweg (1990); Filigranit.
Ein Buch aus Büchern (1992); Brüderlichkeit. Das älteste Spiel mit dem Feuer
(1994); Variationen über ein verlorenes Thema (1997); Wenn Gott verloren
geht (1998).

Nach lyrischenAnfängen in modernem Hebräisch hat Elazar


Benyoetz den letzten drei Jahrzehnten, in denen er wieder
in
in Israel lebte, ein umfängliches deutschsprachiges Werk ge-
schaffen, dessen Reichtum noch zu entdecken bleibt: »hoch-
gradig sprachreflexive Minimalprosa und -lyrik sowie, seit
1990, Collagen aus Aphorismen, Gedichten, Briefen und
kontextbildenden Zitaten« (Christoph Grubitz, dem auch
die folgenden Einsichten zu danken sind). Die extrem kurzen
Aphorismen, aus denen dieses Werk überwiegend besteht,
Elias Canetti. Elazar Benyoetz 319

sind Ergebnis einer zugleich fein unterscheidenden - »filigra-


nen« - und zur Gliderständigkeit härtenden - »granitenen« -
Sprachverdichtung. Der Titel des Buches »Filigranit«, dem
die folgenden Auszüge entnommen sind, besteht, so Benyoetz
selber, »aus einem einzigen, neuen, seinen Kern schützenden
Wort« und meint nicht den »Inhalt« dieses Buches, sondern
dessen »Worthaltung«. Sprache und Sittlichkeit werden in ei-
ner Engführung aufeinander bezogen, die auf den entlarven-
den Gestus moralistischer Aphoristik verzichtet, den Nietz-
sche aus der französischen Tradition des 17. Jahrhunderts
übernommen hatte. Diese Engführung nimmt nur bedingt
den ideologiekritischen Impuls auf, der für den Aphoristiker
Karl Kraus zu Beginn des 20. Jahrhunderts wesentlich war,
und wendet sich statt dessen in Übereinstimmung mit reli-
gionsphilosophischen Ansätzen Martin Bubers, Emmanuel
Levinas' und Margarete Susmans - dialogisch dem lesenden
Gegenüber zu. Benyoetz spielt mit der Sprache - oder spielt
die Sprache mit ihmf Er übersetzt verblaßte lexikalisierte
Metaphern in Bilder zurück, nutzt Paronomasien und stellt
Mehrdeutigkeiten aus. Doch geht er auf Distanz zur roman-
tischen Tradition, die sich derselben Mittel zu sprachma-
gischer Suggestivität bedient hatte. An ihre Stelle ist eine
»Worthaltung« getreten, deren Verbindung von skrupulöser
Sprachgenauigkeit und selbstkritischer Redlichkeit einer dia-
logischen Ethik der Differenz den Weg bereiten möchte.

Der Gedanke steht dahinter, die Meinung davor

Gedanken werden verfolgt, sie müssen darum ausweichen;


Gedanken sind ausweichend, sie müssen darum verfolgt
werden

Zwei Gedanken, die einander ausschließen - zwei Sätze, die


einander ergänzen
320 IX. Aphoristisches, Sprachkritisches

Am eigenen Irrtum hat sonst niemand Anteil, um so schwe-


rer trennen wir uns von ihm

Sich selbst zu widersprechen ist ein Gebot der Redlich-


keit

Im Widerspruch zu sich selbst beginnt der Dialog

Keine Liebe währt so lange wie ihre Geschichte

Vertrauen nicht schenken: wie Verdacht - schöpfen

Keiner verdient eine größere Liebe, als er zu wecken ver-


steht

Wenn du keinen Lohn erwartest, wirst du um deine Liebe


auch nie betrogen werden

Für den Liebenden ist man nur noch wichtig, nicht mehr in-
teressant

Was über das nackte Leben geht, ist bloß gelebt

Der Punkt auf seine Pointe gebracht

ahnen - herbeifühlen
betrachten - anziehen
verdeutlichen - verkleinmünzen
beteuern - billigen
schweigen - entsagen

fortschreiten - abrücken
verwirklichen - entzaubern
erlösen - entbinden
Elazar Benyoetz. Eckhard Henscheid 321

ECKHARD HENSCHEID

Geb. 14. September 1941 in Amberg (Oberpfalz). Studium der Germanistik


und Publizistik in München. Arbeitete als Redakteur; 1979 Mitbegründer der
satirischen Monatsschrift Titanic. Lebt in Amberg und Frankfurt a. M.
Werke: Trilogie des laufenden Schwachsinns: Die Vollidioten R. (1972); Geht
in Ordnung - sowieso — genau R. (1977); Die Mätresse des Bischofs R.
(1978); Verdi ist der Mozart Wagners. Ein Opernführer für Versierte und Ver-
sehrte (1979); Ein scharmanter Bauer. Erzählungen und Bagatellen (1980);
Beim Fressen beim Fernsehen fällt der Vater dem Kartoffel aus dem Maul.
Kurzroman (1981); Roßmann, Roßmann . .Drei Kafka-Geschichten (1982);
.

Wie Max Horkheimer einmal sogar Adorno hereinlegte. Anekdoten über Fuß-
ball, Kritische Theorie, Hegel und Schach (1983); Dolce Madonna Bionda R.

(1983); Dummdeutsch. Ein satirisch-polemisches Wörterbuch (1985); Frau Kil-


lermann greift ein. Erzählungen und Bagatellen (1985); Helmut Kohl. Biogra-
phie einer Jugend (1985); Sudelblätter (1987); Maria Schnee (1988); Was ist ei-
gentlich der Herr Engholm für einer? Ausgewählte Satiren und Glossen, erste
Folge 1969-1989 (1989); Hoch lebe Erzbischof Paul Casimir Marcinkus! Aus-
gewählte Satiren und Glossen, zweite Folge 1970-1990 (1990); Wie man eine
Dame verräumt. Ausgewählte Satiren und Glossen, dritte Folge 1971-1990
(1990); Die Wolken ziehen dahin. Feuilletons (1992); Kleine Poesien. Neue
Prosa (1992); An krummen Wegen Gedichte und Anverwandtes (1994); Wel-
che Tiere und warum das Himmelreich erlangen. Neue theologische Studien
(1995); Kulturgeschichte der Mißverständnisse (mit G. Henschel und B. Kro-
nauer, 1997).

Die Reihe der Moni, die Eckhard Henscheid seinem Wör-


terbuch des »Dummdeutschen« voranstellt, beginnt mit ei-
nem Wort Fontanes: »Das Menschlichste, das wir haben, ist
doch die Sprache, und wir haben sie, um zu sprechen. « Fon-
tane selber hat mit der Genauigkeit, der humorvollen Ge-
lassenheit und der Urbanität seiner Sprache Maßstäbe ge-
setzt, an denen noch gegenwärtige Sprachkritik orien-
sich
tieren kann. Seine Vorbilder und Vorläufer im engeren Sinn
nennt Henscheid in der Vorbemerkung zur Neuausgabe des
zuerst 1985 erschienenen Buches: Karl Kraus, Kurt Tuchol-
sky, die »Ur-Ziehväter«, Dolf Sternbergers und Wilhelm
E. Süßkinds »Wörterbuch des Unmenschen«, Karl Korns
»Sprache in der verwalteten Welt«, Theodor W. Adornos
»Jargon der Eigentlich keit« und Victor Klemperers »Lingua
322 IX. Aphoristisches, Sprachkritisches

Tertii Imperii«. »Dummdeutsch« so erläutert er, »das meint


,

[. . Agglomerat, eine Emulsion, ein Syndrom aus vor


.] ein
allem Werbe- und Kommerzdeutsch, aus altem Feuilleton-
und neuem Professorendeutsch (und umgekehrt), aus dem
Deutsch der sogenannten Psychoszene und dem einer neuen
Innerlichkeit speziell linker Provenienz, aus eher handfest-
törichtem Presse- und Mediendeutsch, aus Sport- und Büro-
kratendeutsch; mit einer schmächtigen Auswahl wird der
nicht mehr überschaubare US-Import berücksichtigt; in klei-
nen Dosen kamen auch immer mal Infiltrate aus der vor-
maligen DDR
zu dieser ebenso polykausalen wie polyvalen-
ten und nicht zuletzt fast immer so oder so wichtigmach eri-
schen Brühe.« Wenn die Physiognomie einer Person an ihrer
Sprache ablesbar ist, so nicht minder die einer Gesellschaft.
Im kritischen Spiegel von »Dummdeutsch« schrieb Hen-
scheid eine Geschichte der Gegenwart.

Dummdeutsch (Auswahl)

Besteckberaterin Damen dieses Standes beschäftigt die


Firma WMF. Wir raten: den Löffel für die Suppe, das Messer
zum Schneiden, die Gabel - na? - zum Spachteln, genau!

Betroffenheitsschwelle Die gibt's nämlich auch noch.


Und zwar zumindest dem
Geseire der deutschen Philo-
in
logen, nämlich in der Zeitschrift des deutschen Philologen-
verbands, und der ganze Passus lautet: »Je bedrängender die
Präsenz der hohen Zahl von Ereignissen und Probleme (!)
ist, die zu verarbeiten sind, je höher deshalb die Betroffen-

heits- und Sensationsschwellen gesetzt werden, desto weni-


ger darf Schule hektisch werden. Die Erhöhung der Betrof-
fenheitsschwelle als Folge der Präsenz der täglichen >Fern-
sehkatastrophen< .« . .

Usw. Und solche Schwellköpfe sollen also unseren Kindern


und Kindeskindern Goethe, Fontane und Kafka beibringen.
Eckhard Henscheid 323

Bio-Möbel Achtung, Achtung, »Wohnwelt 2000 infor-


miert Möbelkäufer:« Mit dem Schlachtruf »Wohn-
alle
Gefühl zum Angreifen« hat das inflationäre Bio-Gebabbel
die Endrunde erreicht. »Als Ausdruck persönlicher Natür-
lichkeit« wird vorläufig kein x-beliebiger Wohnschrott mehr
verkauft, sondern der »Bio-Lebensraum«, der die »glaub-
würdige und geschlossene Verkörperung einer eigenen Wohn-
Persönlichkeit« darstellt. Orientierungslose und gleichgül-
tige Wohner sehen sich um Kanten« mitge-
die »gesofteten
rissen. »Mit BIO wird das Wohnen in seiner Funktion und
Schönheit durchschaubar und ist somit auch für den >Laien<
leicht nachzuvollziehen.« Sturheil und kopfüber, Sinn und
Verstand unter die donnernden Hufe tretend, geht es dann
in die Zielgerade: »Der Bio-Ausziehtisch macht auch das
Gruppen-Erlebnis zum natürlichen Kontakt.« Sieg des vp
»Vollholz-Konzeptes«, Notschlachtung des Texters. x^^V^ L

Eingliederungsdifferenzierung Dieses famose Wort


stammt aus dem Schatzkästlein des Hauptgeschäftsführers
^y
«5**^

des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall Dieter Kirchner


und bedeutet auf deutsch, daß die Arbeitslosen für einen
Appel und ein Eiv (»Einstiegslohngruppe«) auf ein Weilchen
(»zeitlich befristet^eingestellt werden sollen, um bei sin-
kendem Bedarf doppeksangeschmiert wieder zum Ausstei-
gen genötigt zu werden. Antweitere »Neustrukturierungs-
maßnahmen« des reichen CmkelsICirchner warten alle
Kindlein mit offenen Händen, leuchterTderi Augen und glü-
henden Backen. Vgl. —» Freistellen. ^^ aV^v^C* .
^
Feeling »Das feeling«, definierte Wolfgang Prosingers
Scene-Sprache, »ist das A&O des alternativen Lebens.«
Deshalb habe es möglichst authentisch zu sein. Oder
mindestens —» echt. Oder jedenfalls —> geil. Im unter Um-
ständen sogar wieder treudeutschen Sinn der nagelneuen
Gertrud Höhlerschen »Fühlqualitäten«; es darf dies alles
nicht wahr sein, ist es aber.

oUV
(/

*. i o
^
324 IX. Aphoristisches, Sprachkritisches

Die Steigerung bzw. das Ziel des Feelings sind die Vibra-
tions, die möglichst good zu sein haben; sonst ist auf sie ge-
pfiffen.

Geflügelte Jahresendfigur Ehe das inzwischen etwas ob-


solete DDR-Deutsch restlos vergessen wird, soll diese ge-
flügelte Presse-Pretiose für »Christbaumengel« hier doch,
stellvertretend für den Restschamott, noch einmal konser-
viert, ja konsekriert, ja kanonisiert werden.

Körpergeist Ein weit von Hegels Welt-, von Goe-


jenseits
thes Erd- und von E. T. A.Hoffmanns Weingeist situiertes,
extrem intrikates Inkarnat von - suum cuique - Botho
Strauß; wem denn sonst.

Solidarität, internationale Ost-Dummdeutsch, in die Tat


umgesetzt in Ungarn (1956), in der Tschechoslowakei
(1968) und in Afghanistan (1980).

Stillgruppe Ist keine neue Form des Schweigemarschs,


sondern das kollektiv erlebte Rundumabfüttern alternativ
aufgezogener Winzlinge, deren Mütter wirklich nicht mehr
alle beisammen haben. Psychoanalytiker sehen darin auch
eine frühe Einübung in Gemeinschaftserlebnisse späterer
Jahre wie Weitwichsen, Gruppensex, Kegelabende.

Verfassungsschützer Das sind Herren, die unsere in der


Verfassung aufgeschriebenen Rechte schützen. Sie passen
auf, daß niemand unsere Würde antastet, unsere Briefe auf-
macht, unser Telefon abhört oder unsere Wohnung verletzt.
Wenn jemand uns die freie Meinungsäußerung oder das
Versammlungsrecht abschneiden will - na, der soll sie ken-
nenlernen! Ganz verrückt vor Wut werden sie, wenn Leute
wegen ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe oder ihrer politi-
schen Anschauungen benachteiligt werden. Da werden die
echt zum Tiger. Damit wir ihnen mit Dankesbezeugungen
Eckhard Henscheid 325

nicht lästig fallen, sind sie gut getarnt. Sie sehen aus wie alle
- mit einer Ausnahme: Sie tragen das Grundgesetz ständig
unter dem Arm. Wenn sie's nicht gerade zu Hause liegenge-
lassen haben.

Wahnsinn Jugenddummdeutsch. Meint: Klasse, Spitze,


—» Vor allem Playmates und verwandte Schrumpf-
echt gut.
köpfe haben heutzutage oft ein »wahnsinnig gutes Feeling
drauf« bzw. sind überhaupt »wahnsinnig —» gut drauf und
am —> Abfahren«.
Im übrigen und wiederum mehr bei den Erwachsenen geht
es beim Wahnsinn um das andauernd wahnsinng —» geile
Gefühl durch die andauernd zu lesenden »Wahnsinns-
preise«, die aber möglicherweise nicht bedeuten, daß etwas
wahnsinnig teuer ist, sondern in einer gewissen zerebralen
Aberration eventuell eher im Gegenteil. Und es geht in ei-
ner affinen Deviation um z. B. den »bayerischen Ferien-
Hit« z. B. in Geiselwind, Sommer 1992: »Freizeit-Land, di-
rekt an der Autobahn A3- Atemberaubende Super-Neu-
heiten >Enterprise<, >Shuttle<, >Elastic Jumping< und jede
Menge weitere Attraktionen bieten >Freizeit total< - Super
ist das Inklusivpreis-System - Ein Wahnsinns- Vergnügen!

Jeden Tag geöffnet.« {K^<LT \y**CV© V*^


Und so weiter im unverkennbar jetzt gesamtgesellschaft-
lichen Freizeit- Alzheimer, der ja auch aus dieser Geiselwin-
der Gegend stammte. Während Richard Wagner zur Vor-
sicht sich etwas nördlicher ansiedelte: »O Weltenwahns Um-
nachten!« ~\^>^ ^cO^\ ^r-t{ch(f \o iASKN^
Weiterführende Leseliste

Die ausgewählten Textbeispiele sind, sofern sie nicht in sich abge-


schlossene Arbeiten darstellen, herausragenden Werken entnom-
men, deren vollständige Lektüre empfohlen wird. Weitere Anhalts-
punkte für ein vertiefendes Quellenstudium bietet die Literatur-
Spalte der synoptischen Tabelle. Statt einzelner Titel seien hier
einige Anthologien und Textsammlungen genannt.

Anderson, Sascha / Erb, Elke (Hrsg.): Berührung ist nur eine Rand-
erscheinung. Neue Literatur aus der DDR. Köln 1985.
Bebn, Manfred (Hrsg.): Geschichten aus der Geschichte der DDR
1949-1979. Neuwied/Darmstadt 1981.
Bender, Hans (Hrsg.): In diesem Lande leben wir. Deutsche Ge-
dichte der Gegenwart. München 1978.
Braun, Michael / Thill, Hans (Hrsg.): Punktzeit. Deutschsprachige
Lyrik der achtziger Jahre. Heidelberg 1987.
Breuer, Dieter (Hrsg.): Deutsche Lyrik nach 1945. Frankfurt a. M.
1988.
Büchner-Preis-Reden 1951-1971. Mit einem Vorwort von Ernst Jo-
hann. Stuttgart 1972.
Büchner-Preis-Reden 1971-1983. Mit einem Vorwort von Herbert
Heckmann. Stuttgart 1984.
Büchner-Preis-Reden 1984-1994. Hrsg. von der Deutschen Akade-
mie für Sprache und Dichtung. Vorwort von Herbert Heck-
mann. Stuttgart 1994.
Conrady, Karl Otto (Hrsg.): Von einem Land und vom andern. Ge-
dichte zur deutschen Wende 1989/1990. Mit einem Essay.
Frankfurt a. M. 1993.
Döring, Christian / Steinen, Hajo (Hrsg.): Schöne Aussichten.
Neue Prosa aus der DDR. Frankfurt a. M. 1990.
Drews, Jörg (Hrsg.): Das bleibt. Deutsche Gedichte 1945-1995.
Leipzig 1995.
Durzak, Manfred (Hrsg.): Erzählte Zeit. 50 deutsche Kurzgeschich-
ten der Gegenwart. Stuttgart 1980.
Elm, Theo (Hrsg.): Kristallisationen. Deutsche Gedichte der achtzi-
ger Jahre. Stuttgart 1992.
Fünfundsiebzig Erzähler der DDR. Hrsg. vom Lektorat für DDR-
Literatur. Berlin/Weimar 1981.
328 Weiterführende Leseliste

Geist, Peter (Hrsg.): Ein Molotow-Cocktail auf fremder Bettkante.


Lyrik der siebziger / achtziger Jahre von Dichtern aus der

DDR. Leipzig 1991.


Glaser,Hermann (Hrsg.): Bundesrepublikanisches Lesebuch. Drei
Jahrzehnte geistiger Auseinandersetzung. München/Wien 1978.
Hage, Volker (Hrsg.): Lyrik für Leser. Deutsche Gedichte der sieb-
ziger Jahre. Stuttgart 1980.
Hans, Jan / Herms, Uwe / Thenior, Ralf (Hrsg.): Mit gemischten
Gefühlen. Gedichte, Biographien, Statements. München 1978.
Heidtmann, Horst (Hrsg.): Im Jenseits. Unheimlich-phantastische
Geschichten aus der DDR. München 1981.
Heißenbüttel, Helmut (Hrsg.): Offene Literatur. Jahrbuch 77.
München 1977.
Heukenkamp, Ursula / Kahlau, Heinz / Kirsten, Wulf (Hrsg.): Die
eigene Stimme. Lyrik der DDR.
Berlin/Weimar 1988.
Heym, Stefan (Hrsg.): Auskunft. Neue Prosa aus der DDR. Mün-
chen [u.a.] 1974.
- Auskunft 2. Neueste Prosa aus der DDR. München [u.a.]
1978.
-/ Heiduczek, Werner (Hrsg.): Die sanfte Revolution. Prosa,
Lyrik, Protokolle, Erlebnisberichte, Reden. Leipzig/Weimar
1990.
Hochhuth, Rolf (Hrsg.): Die Gegenwart. Deutschsprachige Erzäh-
ler der Jahrgänge 1900-1960. 2 Bde. Köln 1981.
Jentzsch, Bernd (Hrsg.): Ich nenn euch mein Problem. Gedichte der
Nachgeborenen. 46 junge in der DDR lebende Poeten der Jahr-
gänge 1945-1954. Wuppertal 1971.
Jung, Joeben (Hrsg.): Glückliches Österreich. Literarische Besichti-
gung eines Vaterlands. Reinbek bei Hamburg 1980.
- Ich hab im Traum die Schweiz gesehen. Salzburg/Wien 1980.
- Deutschland, Deutschland. 47 Schriftsteller aus der BRD und
der DDRschreiben über ihr Land. Reinbek bei Hamburg 1981.
Kipphardt, Heiner (Hrsg.): Vom deutschen Herbst zum bleichen
deutschen Winter. Ein Lesebuch zum Modell Deutschland.
München 1981.
Kratschmer, Edwin (Hrsg): Literatur + Diktatur. Internationales
Autorencolloquium Kunst + Freiheit, Literatur + Diktatur.
Jena 1997.
Krause, Markus / Speicher, Stephan (Hrsg.): Absichten und Einsich-
ten. Texte zum Selbstverständnis zeitgenössischer Autoren.
Stuttgart 1990.
Weiterführende Leseliste 329

Malschow, Helge / Winkels, Hubert (Hrsg.): Die Zeit danach. Neue


deutsche Literatur. Köln 1991.
Mangel, Rüdiger (Hrsg.): Deutsch in einem anderen Land. Die
DDR (1949-1990) in Gedichten. Berlin 1990.
Marsch, Edgar (Hrsg.): Moderne deutsche Naturlyrik. Stuttgart
1980.
Müller, Harald (Hrsg.): DDR-Theater des Umbruchs. Frank-
furt a. M. 1990.
Niederhauser, Rolf / Zingg, Martin (Hrsg.): Geschichten aus der
Geschichte der Deutschschweiz nach 1945. Darmstadt/Neu-
wied 1983.
Ortmann, Manfred (Hrsg.): Spectaculum. Deutsches Theater 1945—
1975. Frankfurt a. M. 1985.
Reich- Ranicki, Marcel (Hrsg.): Verteidigung der Zukunft. Deutsche
Geschichten 1960-1980. München 2 1980.
Rietzschel, Thomas (Hrsg.): Über Deutschland. Schriftsteller geben
Auskunft. Leipzig 1993.
Roehler, Klaus (Hrsg.): Geschichten aus der Geschichte der Bundes-
republik Deutschland 1949-1979. Darmstadt/Neuwied 1980.
Scharang, Michael (Hrsg.): Geschichten aus der Geschichte Öster-
reichs 1945-1983. Darmstadt/Neuwied 1984.
Schmitt, Hans-Jürgen (Hrsg.): 19 Erzähler aus der DDR. Frank-
furt a. M. 1971.
-/Schmitt, Doris (Hrsg.): Neue Erzähler der DDR. Frank-
furt a. M. 1975.
Siegrist, Christoph (Hrsg.): Schweizer Erzählungen. Deutschschwei-
zer Prosa seit 1950. 2 Bde. Frankfurt a. M. 1990.
Spectaculum. Moderne Theaterstücke. Frankfurt a. M. 1956 ff.

Suhrkamp Lesebuch. Bd. Die fünfziger Jahre. Bd. 2: Die sechziger


1:

Jahre. Bd. 3: Die siebziger Jahre. Bd. 4: Die achtziger Jahre.


Frankfurt a. M. 1990.
Theobaldy, Jürgen (Hrsg.): Und ich bewege mich doch Gedichte . . .

vor und nach 1968. München 1977.


Tome, Dorothea von (Hrsg.): Vogelbühne. Gedichte im Dialog.
Berlin 1983.
Vormweg, Heinrich (Hrsg.): Erzählungen seit 1960 aus der Bundes-
republik Deutschland, aus Österreich und der Schweiz. Stutt-
gart 1983.
Wagenbach, Klaus (Hrsg.): Vaterland, Muttersprache. Deutsche
Schriftsteller und ihr Staat seit 1945. Ein Nachlesebuch für die
330 Weiterführende Leseliste

Oberstufe. Mit einem Vorwort von Peter Rühmkorf. Berlin


1979.
Weiss, Walter / Schmid- Bortenschlager, Sigrid (Hrsg.): Zwischen-
Anthologie österreichischer Gegenwartsliteratur.
bilanz. Eine
Salzburg 1976.
Werner, Klaus (Hrsg.): Fäden ins Nichts gespannt. Deutschspra-
chige Lyrik aus der Bukowina. Frankfurt a. M. / Leipzig 1991.
Ausgewählte Forschungsliteratur

1. Bibliographien, Nachschlagewerke, Autorenporträts,


Quellensammlungen

Albrecht, Günter [u.a.]: Schriftsteller der DDR. Leipzig 2


1975.
Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.): Kritisches Lexikon zur deutsch-
sprachigen Gegenwartsliteratur. München 1978 ff. [Loseblatt-
sammlung].
Böhler, Thomas: Das gespiegelte Ich. Deutschschweizer Schriftstel-
lerinnen und Schriftsteller in Wort und Bild. Zürich 1990.
Böttcher, Kurt [u.a.]: Lexikon deutschsprachiger Schriftsteller. Von
den Anfängen bis zur Gegenwart. Bd. 2: 20. Jahrhundert. Hil-
desheim 1993.
Brauneck, Manfred (Hrsg.): Autorenlexikon deutschsprachiger Li-
4
teratur des 20. Jahrhunderts. Reinbek bei Hamburg 1991.
Brinker-G ahler, Gisela (Hrsg.): Deutsche Literatur von Frauen.
Bd. 2: 19. und 20. Jahrhundert. München 1988.
DeVin, Daniel: Begegnungen. Deutschsprachige Gegenwartslitera-
tur im Porträt. Bd. 1: Schweiz. Brüssel 1991.
Endres, Elisabeth: Autorenlexikon der deutschen Gegenwartslitera-
tur. 1945-1974. Frankfurt a. M. 1975.
Frenzel, Herbert A. / Frenzel, Elisabeth:Daten deutscher Dichtung.
Chronologischer Abriß der deutschen Literaturgeschichte. Bd.
2: Vom Realismus bis zur Gegenwart. München
26
1991.
Geerdts, Hans Jürgen [u. a.]: Literatur der DDR
in Einzeldarstel-
lungen. 3 Bde. Berlin (Ost) 1974-87. [Bd. 1. Stuttgart 1972.]
Gregor-Dellin, Martin / Endres, Elisabeth (Hrsg.): PEN-Schriftstel-
lerlexikon Bundesrepublik Deutschland. München 1982.
Grimm, Gunter E. / Max, Frank Rainer (Hrsg.): Deutsche Dichter.
Leben und Werk deutschsprachiger Autoren. Bd. 8: Gegen-
wart. Stuttgart 1990.
Günther, Werner: Dichter der neueren Schweiz. 3 Bde. Bern 1963—
1986.
Haase, Horst (Hrsg.): Österreichische Literatur des 20. Jahrhun-
2
derts. Einzeldarstellungen. Berlin 1990.
Hage, Volker [u. a.] (Hrsg.): Deutsche Literatur. [Ein] Jahresüber-
blick. 18 Bde. Stuttgart 1981-99.
Jäger, Andrea: Schriftsteller aus der DDR. Ausbürgerungen und
332 Ausgewählte Forschungsliteratur

Übersiedlungen von 1961 bis 1987. Studie. Frankfurt a. M.


2
[u.a.] 1996.
Kürschners Deutscher Literatur- Kalender 61 (1998). München/
Leipzig 1999.
Lennartz, Franz: Deutsche Dichter und Schriftsteller unserer Zeit.
Einzeldarstellungen zur Schönen Literatur in deutscher Spra-
che. Stuttgart
n 1978.
Linsmayer, Charles: Literaturszene Schweiz. 157 Kurzporträts von
Rousseau bis Gertrud Leutenegger. Zürich 1989.
Lühbe, Peter (Hrsg.): Dokumente zur Kunst-, Literatur- und Kul-
turpolitik der SED. Bd. 3: 1975-1980. Stuttgart 1984.
Moser, Dietz-Rüdiger (Hrsg.): Neues Handbuch der deutschspra-
chigen Gegenwartsliteratur seit 1945.München 1993.
Ohlbaum, Isolde: Fototermin. Gesichter der deutschen Literatur.
Frankfurt a. M. 1984.
Prokop, Hans Friedrich: Österreichisches Literaturhandbuch. Wien/
München 1974.
Puknus, Heinz (Hrsg.): Neue Literatur der Frauen. Deutschspra-
chige Autorinnen der Gegenwart. München 1980.
Pulver, Elsbeth / Dallach, Sybille (Hrsg.): Zwischenzeilen. Schrift-
stellerinnen der deutschen Schweiz. Bern 2 1989.
Rothmann, Kurt: Deutschsprachige Schriftsteller seit 1945 in Ein-
zeldarstellungen. Stuttgart 1985.
Rüß, Gisela (Hrsg.): Dokumente zur Kunst-, Literatur- und Kul-
turpolitik der SED. Bd. 2: 1971-1974. Stuttgart 1976.
Schubbe, Elimar (Hrsg.): Dokumente zur Kunst-, Literatur- und
Kulturpolitik der SED. Stuttgart 1972.
Schweizer Schriftstellerinnen- und Schriftstellerverband (Hrsg.):
Schriftstellerinnen und Schriftsteller der Gegenwart / ficrivai-
nes et ecrivains d'aujourd'hui / Scrittrici e scrittori d'oggi /
Scripturas e scripturs da nos dis. Zürich 1988.
Steinecke, Hartmut (Hrsg.): Deutsche Dichter des 20. Jahrhunderts.
Berlin 1994.
Stephan, Inge [u.a.]: Frauenliteratur ohne Tradition? Neun Auto-
rinnenporträts. Frankfurt a. M. 1987.
Walzer, Pierre- Oliv ier (Hrsg.): Lexikon der Schweizer Literaturen.
Basel 1991.
Weber, Dietrich (Hrsg.): Deutsche Literatur der Gegenwart in Ein-
3
zeldarstellungen. 2 Bde. Stuttgart 1 976-77.
Wiese, Benno von (Hrsg.): Deutsche Dichter der Gegenwart. Ihr
Leben und Werk. Berlin 1973.
Ausgewählte Forschungsliteratur 333

2. Institutionen, Konzeptionen

Anz, Thomas: Gesund oder krank? Medizin, Moral und Ästhetik in


der deutschen Gegenwartsliteratur. Stuttgart 1989.
Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.): Handbuch zur deutschen Arbeiter-
literatur. 2 Bde. München 1977.
- Literaturbetrieb in der Bundesrepublik Deutschland. Ein kriti-
2
sches Handbuch. München 1981.
- Über Literaturkritik. München 1988.
- Feinderklärung. Literatur und Staatssicherheitsdienst. Mün-
chen 1993.
Bau, Kurt: Revolte intern. Betrachtungen zur Literatur in der Bun-
desrepublik Deutschland. München 1975.
Bloch, Peter Andre (Hrsg.): Gegenwartsliteratur. Mittel und Bedin-
gungen ihrer Produktion. Eine Dokumentation. Bern/Mün-
chen 1975.
- [u. a.]: Der Schriftsteller in unserer Zeit. Schweizer Autoren be-
stimmen ihre Rolle in der Gesellschaft. Bern 1972.
Briegleh, Klaus: 1968. Literatur in der antiautoritären Bewegung.
Frankfurt a. M. 1992.
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nach dem Tod der Literatur. Bilanz der Politisierung. Reinbek
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Burkhard, Marianne (Hrsg.): Gestaltet und gestaltend. Frauen in
der deutschen Literatur. Amsterdam 1980.
Corino, Karl (Hrsg.): Genie und Geld. Vom Auskommen deutscher
Schriftsteller. Hamburg 1991.
Dithmar, Reinhard: Industrieliteratur. München 2 1977.
Drews, Jörg / Emmerich, Wolfgang [u.a.] (Hrsg.): Kultur und
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der Arbeitswelt. Dokumente, Analysen, Hintergründe. Frank-
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Görtz, Franz Josef / Ueding, Gert (Hrsg.): Gründlich verstehen. Li-
teraturkritik heute. Frankfurt a. M. 1985.
Gregor-Dellin, Martin (Hrsg.): PEN
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Seine Mitglieder, seine Geschichte, seine Aufgaben. München
2
1978.
Herzinger, Richard / Stein, Hannes: Endzeit-Propheten oder Die
334 Ausgewählte Forschungsliteratur

Offensive der Anti-Westler. Fundamentalismus, Anti-Ameri-


kanismus, Neue Rechte. Reinbek bei Hamburg 1995.
Hinck, Walter: Haben wir vier deutsche Literaturen oder eine? Plä-
doyer für eine Streitfrage. Opladen 1981.
Innerhofer, Roland: Die Grazer Autorenversammlung (1973-1983).
Zur Organisation einer Avantgarde. Wien [u.a.] 1985.
Irro, Werner: Kritik und Literatur. Zur Praxis gegenwärtiger Litera-
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Kienzle, Michael / Mende, Dirk (Hrsg.): Zensur in der BRD. Fak-
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Kreuzer, Helmut: Veränderungen des Literaturbegriffs. Fünf Bei-
träge zu aktuellen Problemen der Literaturwissenschaft. Göt-
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Krön, Friedhelm: Schriftsteller und Schriftstellerverbände. Schrift-
stellerberuf und Interessenpolitik 1842-1973. Stuttgart 1976.
Kühne, Peter: Arbeiterklasse und Literatur. Dortmunder Gruppe
61 und Werkkreis Literatur der Arbeitswelt. Frankfurt a. M.
1972.
Kuttenkeuler, Wolfgang (Hrsg.): Poesie und Politik. Zur Situation
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Laemmle, Peter Drews, Jörg (Hrsg.): Wie die Grazer auszogen,
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Lehmstedt, Mark / Lokatis, Siegfried (Hrsg.): Das Loch in der
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Lüdke, Martin (Hrsg.): Nach dem Protest. Literatur im Umbruch.
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Lützeler, Paul Michael (Hrsg.): Poetik der Autoren. Beiträge zur
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Mannack, Eberhard: Zwei deutsche Literaturen? Zu Günter Grass,
Uwe Johnson, Hermann Kant, Ulrich Plenzdorf und Christa
Wolf. Kronberg i. Ts. 1977.
Mühletaler, Hans: Die Gruppe Ölten. Das Erbe einer rebellieren-
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Ott, Ulrich / Pfäfflin, Friedrich (Hrsg.): Protest! Literatur um 1968.
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Prinz, Alois: Der poetische Mensch im Schatten der Utopie. Zur po-
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Ausgewählte Forschungsliteratur 335

Rühle, Günther: Die Büchermacher. Von Autoren, Verlegern, Buch-


händlern, Messen und Konzernen. Frankfurt a. M. 1985.
Ruiss, Gerhard / Vyoral, Johannes A.: Zur Situation junger österrei-
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österreichischen Literaturszene. Wien 1978.
- Der Zeit ihre Kunst - der Kunst ihre Freiheit: Der Freiheit ihre
Grenzen? Zensurversuche und -modelle der Gegenwart. Wien
1990.
- LiterarischesLeben in Österreich. Ein Handbuch. Wien 2 1991.
Schlosser, Horst Dieter / Zimmermann, Hans Dieter (Hrsg.): Poe-
tik. Essays über Ingeborg Bachmann, Peter Bichsel, Heinrich

Böll, Hans Magnus Enzensberger, Wolfgang Hildesheimer,


Ernst Jandl, Uwe Johnson, Marie Luise Kaschnitz, Hermann
Lenz, Paul Nizon, Peter Rühmkorf, Martin Walser, Christa
Wolf und andere Beiträger zu den Frankfurter Poetik- Vorle-
sungen. Frankfurt a. M. 1988.
Schmidt, Ricarda: Westdeutsche Frauenliteratur in den 70er Jahren.
Frankfurt a. M. 2 1990.
Schneider, Michael: Den Kopf verkehrt aufgesetzt oder Die melan-
cholische Linke. Aspekte des Kulturzerfalls in den siebziger
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Schwencke, Olaf (Hrsg.): Kritik der Literaturkritik. Stuttgart 1973.
Serke, Jürgen: Frauen schreiben. Ein neues Kapitel deutschsprachi-
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Venske, Regula: Mannsbilder - Männerbilder. Konstruktion und


Kritik des Männlichen in zeitgenössischer deutschsprachiger
Literatur von Frauen. Hildesheim [u.a.] 1988.
- Das Verschwinden des Mannes in der weiblichen Schreibma-
schine. Männerbilder in der Literatur von Frauen. Hamburg
1991.
Vormweg, Heinrich: Die Wörter und die Welt. Über neue Literatur.
Neuwied/Berlin 1968.
Weigel, Sigrid (Hrsg.): Die Stimme der Medusa. Schreibweisen in
der Gegenwartsliteratur von Frauen. Dülmen 1987.
Wiesand, Andreas J. / Fohrbeck, Karla: Literatur und Öffentlichkeit
in der Bundesrepublik Deutschland. München/Wien 1976.
Wilke, Sabine: Poetische Strukturen der Moderne. Zeitgenössi-
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1992.
336 Ausgewählte Forschungsliteratur

3. Zeitschriften, Jahrbücher

Akzente. Zeitschrift für Literatur. Hrsg. von Michael Krüger.


München 1954 ff. [Urspr.: Akzente. Zeitschrift für Dichtung.
Hrsg. von Walter Höllerer und Hans Bender]
Basis. Jahrbuch für deutsche Gegenwartsliteratur. Hrsg. von Rein-
hold Grimm und Jost Hermand. Frankfurt a. M. 1970-80.
Jahrbuch der Lyrik. Hrsg. von Christoph Buchwald [u. a.] München
1995 ff.
Jahrbuch zur Literatur der DDR. Hrsg. von Paul Gerhard Kluss-
mann und Heinrich Mohr. 7 Bde. Bonn 1980-90.
Kursbuch. Hrsg. von Karl Markus Michel und Tilman Spengler.
Frankfurt a. M. [heute Berlin] 1965 ff. [Urspr. hrsg. von Hans
Magnus Enzensberger.]
Literaturmagazin. Reinbek bei Hamburg 1973 ff.

Litfass. Berliner Zeitschrift für Literatur. Hrsg. von Assen Assenov,


ab H. 28 von Reiner Weiß, ab H. 35 von Uwe Heldt. Berlin
1976 ff.

Manuskripte. Hrsg. von Alfred Kolleritsch. Graz 1960 ff. (Manu-


skripte 1960-1980. Eine Auswahl. Hrsg. von Alfred Kolle-
ritsch und Sissi Tax. Basel / Frankfurt a. M. 1980.)
Neue deutsche Literatur. Zeitschrift für deutschsprachige Literatur
und Kritik. Red.: Jürgen Engler. Berlin 1953 ff. [Urspr. geleitet
im Auftrag des Deutschen Schriftstellerverbandes von Willi
Bredel.]
Das Plateau. Stuttgart 1990 ff.
Posiealbum. Hrsg. von Bernd Jentzsch. Berlin 1967-91.
Protokolle. Zeitschrift für Literatur und Kunst. Hrsg. von Otto
Breicha. Wien 1966 ff.

Schreibheft. Zeitschrift für Literatur. Hrsg. von Norbert Wehr. Es-


sen 1977 ff.

Sprache im technischen Zeitalter. Hrsg. von Walter Höllerer [u. a.]

Berlin 1961 ff.

Text und Kritik. Zeitschrift für Literatur. Hrsg. von Heinz Ludwig
Arnold. München 1963 ff.
Theater der Zeit. Berlin (Ost) 1946 ff.
Theater heute. Red.: Henning Rischbieter [u. a.] Velber [heute Ber-
lin] 1960 ff.
Tintenfisch. Jahrbuch für Literatur. Hrsg. von Michael Krüger und
Klaus Wagenbach. Berlin 1968-87.
Ausgewählte Forschungsliteratur 337

Weimarer Beiträge. Zeitschrift für Literaturwissenschaft, Ästhetik


und Kulturwissenschaften Weimar [heute Wien] 1955 ff. [Ur-
spr.: Weimarer Beiträge. Studien und Mitteilungen zur Theo-

rie und Geschichte der deutschen Literatur. Hrsg. von Louis

Fürnberg.]

4. Literatur der BRD (teilweise unter Berücksichtigung der


DDR, Österreichs und der Schweiz)

Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.): Bestandsaufnahme Gegenwartslite-


ratur. Bundesrepublik Deutschland, Deutsche Demokratische
Republik, Österreich, Schweiz. München 1988.
- Vom gegenwärtigen Zustand der deutschen Literatur. Mün-
chen 1992.
- Die westdeutsche Literatur 1945-1990. Ein kritischer Über-
blick. Überarb. Ausg. München 1995.
Balzer, Bernd [u. a.]: Die deutschsprachige Literatur in der Bundes-
republik Deutschland. Vorgeschichte und Entwicklungsten-
denzen. München 1988.
Barner, Wilfried (Hrsg.): Geschichte der deutschen Literatur von
1945 bis zur Gegenwart. München 1994.
Berg, Jan [u.a.]: Sozialgeschichte der deutschen Literatur von 1918
bis zur Gegenwart. Frankfurt a. M. 1981.
Bernhard, Hans], [u.a.]: Geschichte der Literatur der Bundesrepu-
blik Deutschland. Berlin 1985.
Best, Otto F.: Gegenwartsliteratur in der Bundesrepublik Deutsch-
land, Österreich, Schweiz und in der Deutschen Demokrati-
schen Republik (von 1945 bis zu den 80er Jahren). In: Ehrhard
Bahr (Hrsg.): Geschichte der deutschen Literatur. Kontinuität
und Veränderung. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Bd. 3:
Vom Realismus bis zur Gegenwartsliteratur. Tübingen 1988.
S. 433-549.

Bohn, Volker: Deutsche Literatur seit 1945. Texte und Bilder.


Frankfurt a. M. 1993.
Bollenheck, Georg [u.a.]: Deutsche Literaturgeschichte. 20. Jahr-
hundert. Düsseldorf 1991.
Brettschneider, Werner: Zorn und Trauer. Aspekte deutscher Ge-
genwartsliteratur. Berlin 1979.
Briegleh, Klaus / Weigel, Sigrid (Hrsg.): Gegenwartsliteratur seit
1968. München/Wien 1992.
338 Ausgewählte Forscbungsliteratur

Bullivant, Keith (Hrsg.):Beyond 1989. Re-reading German Litera-


Oxford 1997.
ture since 1945.
Delabar, Walter / Schütz, Erhard (Hrsg.): Deutschsprachige Litera-
tur der 70er und 80er Jahre. Autoren, Tendenzen, Gattungen.
Darmstadt 1997.
Demetz, Peter: Fette Jahre, magere Jahre. Deutschsprachige Litera-
tur von 1965 bis 1985. München 1988.
Durzak, Manfred (Hrsg.): Die deutsche Literatur der Gegenwart.
Aspekte und Tendenzen. Stuttgart 3 1976.
- Deutsche Gegenwartsliteratur. Ausgangspositionen und aktu-
elle Entwicklungen. Stuttgart 1981.
Franke, Hans-Peter [u.a.]: Von 1945 bis zur Gegenwart. Stuttgart
1983.
Glaser, Hermann: Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutsch-
land. 3 Bde. München/Wien 1985-89.
Glaser, Horst Albert (Hrsg.): Deutsche Literatur zwischen 1945 und
1995. Eine Sozialgeschichte. Bern [u.a.] 1997.
Hage, Volker: Schriftproben. Zur deutschen Literatur der achtziger
Jahre. Reinbek bei Hamburg 1990.
Hermand, Jost: Die Kultur der Bundesrepublik Deutschland 1965-
1985. München 1988.
Hörisch, Jochen / Winkels, Hubert (Hrsg.): Das schnelle Altern der
neuesten Literatur. Essays zu deutschsprachigen Texten zwi-
schen 1968 und 1984. Düsseldorf 1985.
Knobloch, Hans-Jörg / Koopmann, Helmut (Hrsg.): Deutschspra-
chige Gegenwartsliteratur. Tübingen 1997.
Koebner, Thomas (Hrsg.): Tendenzen der deutschen Gegenwarts-
2
literatur. Stuttgart 1984.
Köhler, Andrea / Moritz, Rainer (Hrsg.): Maulhelden und Königs-
kinder. Zur Debatte über deutschsprachige Gegenwartslitera-
tur. Leipzig 1998.
Kopelew, Lew: Verwandt und entfremdet. Essays zur Literatur der
Bundesrepublik und der DDR. Frankfurt a. M. 1976.
Kreuzer, Helmut (Hrsg.): Die Literatur der siebziger Jahre. Göttin-
gen 1979. (Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik
35.)
- Pluralismus und Postmodernismus. Zur Literatur- und Kultur-
geschichte in Deutschland 1980-1995. Frankfurt a. M. [u.a.]
4
1996.
Kurz, Paul Konrad: Über moderne Literatur. 7 Bde. Frankfurt a. M.
1972-80.
Ausgewählte Forschungsliteratur 339

Kurz, Paul Konrad: Zwischen Widerstand und Wohlstand. Zur Li-


teratur der frühen achtziger Jahre. Frankfurt a. M. 1986.
- Apokalyptische Zeit. Zur Literatur der mittleren achtziger
Jahre. Frankfurt a. M. 1987.
Lattmann, Dieter (Hrsg.): Die Literatur der Bundesrepbulik
Deutschland. Frankfurt a. M. 1980.
Lützeler, Paul Michael (Hrsg.): Spätmoderne und Postmoderne.
Beiträge zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Frank-
furt a. M. 1991.
-/Schwarz, Egon (Hrsg.): Deutsche Literatur in der Bundes-
republik seit 1965. Untersuchungen und Berichte. König-
stein i. Ts. 1980.
Mattenklott, Gert / Pickerodt, Gerhart (Hrsg.): Literatur der siebzi-
ger Jahre. Berlin 1985.
Mayer, Hans: Die unerwünschte Literatur. Deutsche Schriftsteller
und Bücher 1968-1985. Berlin 1989.
Ortheil, Hanns-Josef: Schauprozesse. Beiträge zur Kultur der 80er
Jahre. München/Zürich 1990.
Raddatz, Fritz J.: Zur deutschen Literatur der Zeit. 3 Bde. Reinbek
bei Hamburg 1987.
Reich- Ranicki, Marcel: Entgegnung. Zur deutschen Literatur der
siebziger Jahre. Stuttgart 1979.
Reinhold, Ursula: Tendenzen und Autoren. Zur Literatur der
70er Jahre in der BRD. Berlin 1982.
Rutsch ky, Michael: Erfahrungshunger. Ein Essay über die siebziger
Jahre. Köln 1980.
Scherpe, Klaus R.: Die rekonstruierte Moderne. Studien zur deut-
schen Literatur nach 1945. Köln/Wien 1992.
Schnell, Ralf: Geschichte der deutschsprachigen Literatur seit 1945.
Stuttgart/Weimar 2 1993.
Schütz, Erhard [u.a.]: Einführung in die deutsche Literatur des
20. Jahrhunderts. Bd. 3: Bundesrepublik und DDR. Opladen
1980.
Schwarz, Egon: Deutsche Literatur in der Bundesrepublik seit 1965.
Untersuchungen und Berichte. Bonn 1980.
Vogt, Jochen: Erinnerung ist unsere Aufgabe. Über Literatur, Moral
und Politik 1945-1990. Wiesbaden 1991.
Weiss, Walter [u.a.]: Gegenwartsliteratur. Zugänge zu ihrem Ver-
2
ständnis. Stuttgart 1978.
Winkels, Hubert: Einschnitte. Zur Literatur der achtziger Jahre.
Köln 1988.
340 Ausgewählte Forschungsliteratur

Zeller, Michael (Hrsg.): Aufbrüche, Abschiede. Studien zur deut-


schen Literatur seit 1968. Stuttgart 1979.
Zmegac, Victor (Hrsg.): Geschichte der deutschen Literatur vom
18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Bd. 3: 1918-1980. König-
stein i. Ts. 1984.

5. Literatur der DDR, Deutscher Literaturstreit nach 1989

Adel, Kurt: Die Literatur der DDR. Ein Wintermärchen? Wien


1992.
Anz, Thomas (Hrsg.): Es geht nicht um Christa Wolf. Der Litera-
turstreit im vereinigten Deutschland. München 1991.
Arnold, Heinz Ludwig / Meyer-Gosau, Frauke (Hrsg.): Literatur in
der DDR. Rückblicke. München 1991.
Arnold, Heinz Ludwig / Wolf, Gerhard (Hrsg.): Die andere Spra-
che. Neue DDR-Literatur der 80er Jahre. München 1990.
Barthelemy, Francoise / Winckler, Lutz (Hrsg.): Mein Deutschland
findet sich in keinem Atlas. Schriftsteller aus beiden deutschen
Staaten über ihr nationales Selbstverständnis. Frankfurt a. M.
1990.
Batt, Kurt: »Widerspruch und Übereinkunft«. Aufsätze zur Lite-
ratur. Hrsg. von Franz Fühmann und Konrad Reich. Leipzig
1978.
Blumensath, Christel/ Blumensath, Heinz: Einführung in die DDR-
Literatur. Stuttgart 1983.
Böthig, Peter / Michael, Klaus (Hrsg.): Machtspiele. Literatur und
Staatssicherheitim Fokus Prenzlauer Berg. Leipzig 1993.
Brettschneider, Werner: Zwischen literarischer Autonomie und
Staatsdienst. Die Literatur in der DDR. Berlin 1974.
2

Bullivant, Keith: The Future of German Literature. Oxford 1994.


Deiritz, Karl / Krauss, Hannes (Hrsg.): Der deutsche Literaturstreit.
Hamburg 1991.
Diersch, Manfred / Hartinger, Walfried (Hrsg.): Literatur und Ge-
schichtsbewußtsein. Entwicklungstendenzen der DDR-Litera-
tur in den sechziger und siebziger Jahren. Berlin/Weimar 1976.
Emmerich, Wolfgang: Kleine Literaturgeschichte der DDR. Erw.
Neuausgabe. Leipzig 1996.
Erbe, Günter: Die verfemte Moderne. Die Auseinandersetzung mit
dem »Modernismus« in Kulturpolitik, Literaturwissenschaft
und Literatur der DDR. Opladen 1993.
Ausgewählte Forschungsliteratur 341

Franke, Konrad: Die Literatur der Deutschen Demokratischen Re-


3
publik. München 1980.
Greiner, Bernhard: Von der Allegorie zur Idylle. Die Literatur der
Arbeitswelt in der DDR. Heidelberg 1974.
- Literatur der DDR in neuer Sicht. Studien und Interpretatio-
nen. Frankfurt a. M. 1986.
Grunenherg, Antonia: Der Aufbruch der inneren Mauer. Politik
und Kultur in der DDR
1971-1989. Bremen 1990.
Haase, Horst [u.a.]: Literatur der Deutschen Demokratischen Re-
publik. Berlin (Ost) 1976.
Hartinger, Walfried / Schuhmann, Klaus (Hrsg.): Im Blick: Junge
Autoren. Lesarten zu neuen Büchern. Halle/Leipzig 1987.
Hilzinger, Sonja: »Als ganzer Mensch leben .« Emanzipatorische
. .

Tendenzen in der neueren Frauen-Literatur der DDR. Frank-


furt a. M. [u.a.] 1985.
Hohendahl, Peter Uwe / Herminghouse, Patricia (Hrsg.): Literatur
und Literaturtheorie in der DDR. Frankfurt a. M. 1976.
- Literatur der DDR in den siebziger Jahren. Frankfurt a. M.
1983.
Jäger, Manfred: Sozialliteraten. Funktion und Selbstverständnis der
Schriftsteller in der DDR. Düsseldorf 1973.
- Kultur und Politik in der DDR. Ein historischer Abriß. Köln
1982.
Kaufmann, Hans: Tendenzen und Beispiele. Zur DDR-Literatur in
den siebziger Jahren. Leipzig 1981.
- Über DDR-Literatur. Beiträge aus fünfundzwanzig Jahren.
Berlin/Weimar 1986.
Köhler- Hausmann, Reinhild: Literaturbetrieb in der DDR. Schrift-
und Literaturinstanzen. Stuttgart 1984.
steller
Kolhe, Uwe: Renegatentermine. 30 Versuche, die eigene Erfahrung
zu behaupten. Frankfurt a. M. 1998.
Meyer-Gosau, Frauke (Hrsg.): MachtApparatLiteratur. Literatur
und Stalinismus. München 1990.
Münz-Koenen, Ingeborg: Werke und Wirkungen. DDR- Literatur
in der Diskussion. Leipzig 1987.
Nalewski, Horst / Schuhmann, Klaus (Hrsg.): Selbsterfahrung als
Welterfahrung. DDR-Literatur in den siebziger Jahren. Berlin/
Weimar 1981.
Pape, Walter (Hrsg.): German Unification and the Change of Liter-
ary Discourse. Berlin 1993.
342 Ausgewählte Forschungsliteratur

Raddatz, Fritz J.: Traditionen und Tendenzen. Materialien zur Lite-


ratur der DDR. Frankfurt a. M. 1976.
2

Richter, Hans (Hrsg.): Generationen, Temperamente, Schreibwei-


sen. DDR-Literatur in neuer Sicht. Halle/Leipzig 1986.
Roos, Peter / Wallraff, Günter (Hrsg.): »Exil«. Die Ausbürgerung
Wolf Biermanns aus der DDR. Köln 1977.
Rüther, Günther (Hrsg.): Kulturbetrieb und Literatur in der DDR.
Köln 1987.
- »Greif zur Feder, Kumpel«. Schriftsteller, Literatur und Politik
in der DDR 1949-1990. Düsseldorf 1991.
- Literatur in der Diktatur. Schreiben im Nationalsozialismus
und im DDR-Sozialismus. Paderborn 1997.
Sander, Hans Dietrich: Geschichte der Schönen Literatur in der
DDR. Ein Grundriß. Freiburg i. Br. 1972.
Scharfschwerdt, Jürgen: Literatur und Literaturwissenschaft in
der DDR. Eine historisch-kritische Einführung. Stuttgart
1982.
Scherpe, Klaus R. / Winckler, Lutz (Hrsg.): DDR-Literatur. Ham-
burg 1988.
Schmitt, Hans-Jürgen (Hrsg.): Einführung in Theorie, Geschichte
und Funktion der DDR-Literatur. Stuttgart 1975.
- Die Literatur der DDR. München/Wien 1983.
Trommler, Frank: Sozialistische Literatur in Deutschland. Ein hi-
storischer Überblick. Stuttgart 1976.
Winke, Hermann (Hrsg.): Akteneinsicht Christa Wolf. Zerrspiegel
und Dialog. Eine Dokumentation. Hamburg 1993.
Walther, Joachim: Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und
Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik.
Berlin 1996.
- [u. a.] (Hrsg.): Protokoll eines Tribunals. Die Ausschlüsse aus
demDDR-Schriftstellerverband 1979. Hamburg 1991.
Wehdeking, Volker: Die deutsche Einheit und die Schriftsteller. Li-
terarische Verarbeitung der Wende seit 1989. Stuttgart/Weimar
1995.
Wichner, Ernest / Wiesner, Herbert (Hrsg.) Literaturentwicklungs-
prozesse. Die Zensur der Literatur in der DDR. Frank-
furt a. M. 1993.
Williams, Arthur [u.a.] (Hrsg.): German Literature at a Time of
Change 1989-1990. German Unity and German Identity in
Literary Perspective. Bern [u.a.] 1991.
Ausgewählte Forschungsliteratur 343

Wittstockt Uwe: Von der Stalinallee zum Prenzlauer Berg. Wege der
DDR-Literatur 1949-1989. München 1989.
Wolf, Gerhard: Sprachblätter, Wortwechsel. Im Dialog mit Dich-
tern. Leipzig 1992.

6. Österreichische, schweizerdeutsche und auslandsdeutsche


Literatur, Literatur von Immigranten

Ackermann, Irmgard / Weinrich, Harald (Hrsg.): Eine nicht nur


deutsche Literatur. Zur Standortbestimmung der »Ausländer-
literatur«. München 1986.
Adel, Kurt: Aufbruch und Tradition. Einführung in die österreichi-
sche Literatur seit 1945. Wien 1982.
Arlt, Herbert / Diersch, Manfred (Hrsg.): Sein und Schein - Traum
und Wirklichkeit. Zur Poetik österreichischer Schriftstellerin-
nen des 20. Jahrhunderts. Frankfurt a. M. [u.a.] 1994.
Aspetsberger, Friedbert / Lengauer, Hubert (Hrsg.): Zeit ohne Ma-
nifeste? Zur Literatur der siebziger Jahre in Österreich. Wien
1987.
Bartsch, Kurt / Goltschnigg, Dietmar / M eher, Gerhard (Hrsg.): Für
und wider eine österreichische Literatur. Königstein i. Ts. 1982.
Bausinger, Hermann - Inländer. Arbeitsmigra-
(Hrsg.): Ausländer
tion und kulturelle Identität. Tübingen 1986.
Böhler, Michael: Deutsche Literatur im kulturellen Spannungsfeld
von Eigenem und Fremdem in der Schweiz. In: Alois Wierla-
cher (Hrsg.): Das Fremde und das Eigene. Prolegomena zu ei-
ner interkulturellen Germanistik. München 1985. S. 234-261.
Breicha, Otto / Urbach, Reinhard (Hrsg.): Österreich zum Beispiel.
Literatur, Bildende Kunst, Film und Musik seit 1968. Salzburg/
Wien 1982.
Burkhard, Marianne / Labroisse, Gerd (Hrsg.): Zur Literatur der
deutschsprachigen Schweiz. Amsterdam 1979.
Camartin, Iso [u. a.] (Hrsg.): Die Literaturen der Schweiz. Analysen
gemeinsamer Brennpunkte der vier Sprachregionen. Basel 1992.
Chiellino, Garmine: Die Reise hält an. Ausländische Künstler in der
Bundesrepublik, München 1988.
Gottzmann, Carola L. (Hrsg.): Unerkannt und (un)bekannt. Deut-
sche Literatur in Mittel- und Osteuropa. Tübingen 1991.
Greiner, Ulrich: Der Tod des Nachsommers. Aufsätze, Porträts, Kri-
tiken zur österreichischen Gegenwartsliteratur. München 1979.
344 Ausgewählte Forschungsliteratur

Grotzer, Peter (Hrsg.): Aspekte der Verweigerung in der neue-


ren Literatur aus der Schweiz. Sigriswiler Kolloquium der
Schweizerischen Akademie der Geisteswissenschaften. Zürich
1988.
Gsteiger, Manfred (Hrsg.): Die zeitgenössischen Literaturen der
2
Schweiz. Zürich/München 1987.
Hamm, Horst: Fremdgegangen, freigeschrieben. Einführung in die
deutschsprachige Gastarbeiterliteratur. Würzburg 1988.
Kreuzer, Helmut (Hrsg.): Gastarbeiterliteratur. Göttingen 1985.
(Zeitschrift für Literatur und Linguistik 56.)
Krusche, Dietrich: Literatur und Fremde. Zur Hermeneutik kultur-
räumlicher Distanz. München 1985.
Matt, Beatrice von: Lesarten. Zur Schweizer Literatur von Walser
bis Muschg. München 1985.
Paul, Markus: Sprachartisten - Weltverbesserer, Bruchlinien in der
österreichischen Literatur nach 1960. Innsbruck 1991.
Paulsen, Wolfgang (Hrsg.): Österreichische Gegenwart. Die mo-
derne Literatur und ihr Verhältnis zur Tradition. Bern 1980.
Pezold, Klaus (Hrsg.): Entwicklungstendenzen der deutschsprachi-
gen Literatur der Schweiz in den sechziger und siebziger Jah-
ren. Leipzig 1984.
- [u.a.]: Geschichte der deutschsprachigen Schweizer Literatur
im 20. Jahrhundert. Berlin 1991.
Polheim, Karl Konrad (Hrsg.): Literatur aus Österreich - Österrei-
chische Literatur. Ein Bonner Symposion. Bonn 1981.
- Wesen und Wandel der Heimatliteratur. Am Beispiel der öster-
reichischen Literatur seit 1945. Bern [u.a.] 1989.
Ritter, Alexander (Hrsg.): Deutschsprachige Literatur im Ausland.
Göttingen 1985.
Rosenthal, Erwin Theodor (Hrsg.): Deutschsprachige Literatur des
Auslandes. Bern [u.a.] 1989.
Schmidt-D engler, Wendelin: Bruchlinien. Vorlesungen zur österrei-
chischen Literatur 1945-1990. Salzburg 1995.
Seuter, Harald (Hrsg.): Die Feder, ein Schwert? Literatur und Poli-
tik in Österreich. Graz 1981.
Solms, Wilhelm (Hrsg.): Geschichten aus einem ereignislosen Land.
Schweizer Literaturtage in Marburg. Marburg 1989.
- Nachruf auf die rumäniendeutsche Literatur. Marburg 1990.
Spiel, Hilde (Hrsg.): Die zeitgenössische Literatur Österreichs. Zü-
rich/München 1976.
Ausgewählte Forschungsliteratur 345

Tudoricä, Cristina: Rumäniendeutsche Literatur 1970-1990. Die


letzte Epoche einer Minderheitenliteratur. Tübingen/Basel 1997.
Weiss, Walter / Harnisch, Ernst (Hrsg.): Vermittlungen. Texte
und Kontexte österreichischer Literatur und Geschichte im
20. Jahrhundert. Salzburg 1990.
Wenger, Bernhard / Altwegg, Jürg (Hrsg.): Die vier Literaturen der
Schweiz. Zürich 1983.
Zeltner, Gerda: Das Ich ohne Gewähr. Gegenwartsautoren aus der
Schweiz. Zürich / Frankfurt a. M. 1980.
Zeman, Herbert (Hrsg.): Die österreichische Literatur. Ihr Profil
von der Jahrhundertwende bis zur Gegenwart (1880-1980).
2 Bde. Graz 1990.
Zeyringer, Klaus: Innerlichkeit und Öffentlichkeit. Österreichische
Literatur der achtziger Jahre. Tübingen 1992.
- Österreichische Literatur 1945-1998. Überblicke, Einschnitte,
Wegmarken. Innsbruck 1999.

7. Zu einzelnen Gattungen

Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.): Konkrete Poesie. 2 Bde. München


3
1978 und 2 1975.
- Politische Lyrik. München 3 1984.
- Visuelle Poesie. München 1997.
-/Bück, Theo (Hrsg.): Positionen des Dramas. München 1977.
-/Reinhardt, Stephan (Hrsg.): Dokumentarliteratur. München
1973.
Aust, Hugo / Haida, Peter / Hein, Jürgen (Hrsg.): Volksstück. Vom
Hanswurstspiel bis zum sozialen Drama der Gegenwart. Mün-
chen 1989.
Barton, Brian: Das Dokumentartheater. Stuttgart 1987.
Baumgart, Reinhard: Aussichten des Romans oder Hat die Litera-
tur Zukunft? Frankfurter Vorlesungen. Neuwied/Berlin 1968.
Bekes, Peter [u.a.]: Deutsche Gegenwartslyrik von Biermann bis
Zahl. Interpretationen. München 1982.
Bender, Hans / Krüger, Michael (Hrsg.): Was hat alles Platz in
einem Gedicht? Aufsätze zur deutschen Lyrik seit 1965.
München 1977.
Berendse, Gerrit-Jan: Die »Sächsische Dichterschule«. Lyrik der
DDRder sechziger und siebziger Jahre. Frankfurt a. M. [u. a.]
1990.
346 Ausgewählte Forschungsliteratur

Blamberger, Günter: Versuch über den deutschen Gegenwartsro-


man. Krisenbewußtsein und Neubegründung im Zeichen der
Melancholie. Stuttgart 1985.
Brauneck, Manfred (Hrsg.): Das deutsche Drama vom Expressio-
nismus bis zur Gegenwart. Bamberg 3 1977.
Buddecke, Wolfram / Fuhrmann, Helmut: Das deutschsprachige
Drama seit 1945. Schweiz, Bundesrepublik, Österreich, DDR.
Kommentar zu einer Epoche. München 1981.
Daiber, Hans: Deutsches Theater seit 1945. Bundesrepublik
Deutschland, Deutsche Demokratische Republik, Österreich,
Schweiz. Stuttgart 1976.
Datta, Asit: Kleinformen in der deutschen Erzählprosa seit 1945.
Eine poetologische Studie. München 1972.
Deussen, Christiane: Erinnerung als Rechtfertigung. Autobiogra-
phien nach 1945. Tübingen 1987.
Doderer, Klaus: Die Kurzgeschichte in Deutschland. Ihre Form und
ihre Entwicklung. Darmstadt 3 1972.
Doehl, Reinhard: Das Neue Hörspiel. Geschichte und Typologie
2
des Hörspiels. Darmstadt 1992.
Domin, Hilde: Wozu Lyrik heute? Dichtung und Leser in der ge-
steuerten Gesellschaft. Neuausg. Frankfurt a. M. 1993.
Dramen des 20. Jahrhunderts. Interpretationen. Bd. 2. Stuttgart
1996.
Durzak, Manfred: Der deutsche Roman der Gegenwart. Entwick-
lungsvoraussetzungen und Tendenzen. Stuttgart 3 1979.
- Die Kunst der Kurzgeschichte. Zur Theorie und Geschichte
der deutschen Kurzgeschichte. München 1989.
Endler, Adolf: Den Tiger reiten. Aufsätze, Polemiken und Notizen
zur Lyrik der DDR. Hrsg. von Manfred Behn. Frankfurt a. M.

1990.
Erzählungen des 20. Jahrhunderts. Interpretationen. Bd. 2. Stuttgart
1996.
Findeis,Michaela / Jandl, Peter (Hrsg.): Landnahme. Der österrei-
chischeRoman nach 1980. Wien/Köln 1989.
Floeck, Wilfried (Hrsg.): Zeitgenössisches Theater in Deutschland
und Frankreich, Theätre contemporain en Allemagne et en
France. Tübingen 1989.
Flood, John L. (Hrsg.): Kurz bevor der Vorhang fiel. Zum Theater
der DDR. Londoner Symposium. Amsterdam [u.a.] 1990.
Fricke, Harald: Der Aphorismus. Stuttgart 1984.
Ausgewählte Forschungsliteratur 347

Greiner,Bernhard: Die Komödie. Eine theatralische Sendung.


Grundlagen und Interpretationen. Tübingen 1992.
Grimm, Reinhold / Hermand, Jost (Hrsg.): Geschichte im Gegen-
wartsdrama. Stuttgart 1976.
Hage, Volker: Die Wiederkehr des Erzählers. Neue deutsche Lite-
ratur der siebziger Jahre. Frankfurt a. M. [u.a.] 1982.
Hahn, Ulla: Literatur in der Aktion.Zur Entwicklung operativer
Literaturformen in der Bundesrepublik. Wiesbaden 1978.
Hanke, Irma: Alltag und Politik. Zur politischen Kultur einer un-
politischen Gesellschaft. Eine Untersuchung zur erzählenden
Gegenwartsliteratur in der DDR in den siebziger Jahren. Opla-
den 1987.
Härtung, Harald: Deutsche Lyrik seit 1965. Tendenzen, Beispiele,
München/Zürich 1985.
Porträts.
- Masken und Stimmen. Figuren der modernen Lyrik. München/
Wien 1996.
Hassel, Ursula / Herzmann, Herbert: Das zeitgenössische deutsch-
sprachige Volksstück. Tübingen 1993.
Heckmann, Herbert (Hrsg.): Literatur aus dem Leben. Autobiogra-
phische Tendenzen in der deutschsprachigen Gegenwartsdich-
tung. München/Wien 1984.
Heimann, Bodo: Experimentelle Prosa der Gegenwart. München
1978.
Hensel, Georg: Das Theater der siebziger Jahre. Kommentar, Kritik,
Polemik. Stuttgart 1980.
- SpiePs noch einmal. Das Theater der achtziger Jahre. Frank-
furt a. M. 1990.
Hilzinger, Klaus Harro: Die Dramaturgie des dokumentarischen
Theaters. Tübingen 1976.
Hinck, Walter: Das moderne Drama in Deutschland. Vom expres-
sionistischen zum dokumentarischen Theater. Göttingen 1973.
- (Hrsg.): Gedichte und Interpretationen. Bd. 6: Gegenwart.
Stuttgart 1982.
- Gedichte und Interpretationen. Bd. 7: Gegenwart II. Stuttgart
1997.
Hoffmann, Dieter: Arbeitsbuch deutschsprachige Lyrik seit 1945.
Tübingen 1998.
Hofmann, Jürgen: Kritisches Handbuch des westdeutschen Thea-
ters. Berlin 1981.
Jordan, Lothar / Marquardt, Axel/ Woesler, Winfried (Hrsg.): Lyrik
- von allen Seiten.Gedichte und Aufsätze des ersten Lyriker-
treffens in Münster. Frankfurt a. M. 1981.
348 Ausgewählte Forsch ungsliteratur

Jordan, Lothar / Marquardt, Axel / Woesler, Winfried (Hrsg.):


Lyrik - Blick über die Grenzen. Gedichte und Aufsätze des
zweiten Lyrikertreffens in Münster. Frankfurt a. M. 1984.

- Lyrik - Erlebnis und Kritik. Gedichte und Aufsätze des drit-


ten und vierten Lyrikertreffens in München. Frankfurt a. M.
1988.
Jordan, Lothar / Woesler, Winfried (Hrsg.): Lyrikertreffen Münster.
Gedichte und Aufsätze 1987-1991. Bielefeld 1993.
Kaiser, Gerhard: Geschichte der deutschen Lyrik von Goethe bis
zur Gegenwart. Ein Grundriß in Interpretationen. Bd. 2: Von
Heine zur Gegenwart. Frankfurt a. M. 1996.
bis
Keckeis, Hermann: Das deutsche Hörspiel 1923-1973. Ein syste-
matischer Überblick mit kommentierter Bibliographie. Frank-
furt a. M. 1973.
Klunker, Heinz: Zeitstücke und Zeitgenossen. Gegenwartstheater in
der DDR. München 2
1975.
2
Knörrich, Otto: Die deutsche Lyrik seit 1945. Stuttgart 1978.
Kopfermann, Thomas: Theoretische Positionen zur konkreten Poe-
sie. Tübingen 1974.

Körte, Hermann: Geschichte der deutschen Lyrik seit 1945. Stutt-


gart 1989.
Kratschmer, Edwin: Dichter Diener Dissidenten. Sündenfall der
DDR-Lyrik. Ein Abriß. Beispiele und Kommentare. Jena 1995.
Lamping, Dieter: Moderne Lyrik. Eine Einführung. Göttingen
1991.
Landa, Jutta: Bürgerliches Schocktheater. Entwicklungen im öster-
reichischen Drama der sechziger und siebziger Jahre. Frank-
furt a. M. 1988.
Lermen, Birgit / Loewen, Matthias: Lyrik aus der DDR. Exemplari-
sche Analysen. Paderborn [u.a.] 1987.
Marx, Leonie: Die deutsche Kurzgeschichte. Stuttgart 2 1997.
Mecklenburg, Norbert (Hrsg.): Naturlyrik und Gesellschaft. Stutt-
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- Die grünen Inseln. Zur Kritik des literarischen Heimatkomple-
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Motekat, Helmut: Das zeitgenössische deutsche Drama. Einführung


und kritische Analyse. Stuttgart 1977.
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Pabisch, Peter: luslustigtig. Phänomene deutschsprachiger Lyrik
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Pikulik, Lothar [u. a.] (Hrsg.): Deutsche Gegenwartsdramatik.
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Plessen, Elisabeth: Fakten und Erfindungen. Zeitgenössische Epik
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Profitlich, Ulrich (Hrsg.): Dramatik der DDR. Frankfurt a. M.
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Radler, Rudolf (Hrsg.): Die deutschsprachige Sachliteratur. Mün-
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Rühle, Günther: Theater in unserer Zeit. Frankfurt a. M. 2 1980.
Rühmkorf Peter: Strömungslehre I. Poesie. Reinbek bei Hamburg
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Drama nach Brecht. Drei
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Modelle: Peter Hacks - Heiner Müller - Hartmut Lange.
Darmstadt/Neuwied 1974.
Schlenstedt, Dieter: Wirkungsästhetische Analysen. Poetologie und
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Schmitz- Emans, Monika: Die Sprache der modernen Dichtung.
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Schneider, Manfred: Die erkaltete Herzensschrift. Der autobiogra-


phische Text im 20. Jahrhundert. München/Wien 1986.
Schöning, Klaus (Hrsg.): Schriftsteller und Hörspiel. Reden zum
Hörspielpreis der Kriegsblinden. Königstein i. Ts. 1981.
Schregel, Friedrich H.: Die Romanliteratur der DDR. Erzähltechni-
ken, Leserlenkung, Kulturpolitik. Opladen 1991.
Schubert, Susanne: Die Kürzestgeschichte. Struktur und Wirkung.
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Schuhmann, Klaus: Weltbild und Poetik. Zur Wirklichkeitsdarstel-
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Berlin/Weimar 1979.
Schwab, Sylvia: Autobiographik und Lebenserfahrung. Versuch ei-
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zwischen 1965 und 1975. Würzburg 1981.
Siegel, Christian: Die Reportage. Stuttgart 1978.
Sill, Oliver: Zerbrochene Spiegel. Studien zur Theorie und Praxis mo-

dernen autobiographischen Schreibens. Berlin / New York 1991.


Szabö, Jdnos: Erzieher und Verweigerer. Zur deutschsprachigen Ge-
genwartsprosa der Schweiz. Würzburg 1989.
Theobaldy, Jürgen / Zürcher, Gustav: Veränderung der Lyrik. Über
westdeutsche Gedichte seit 1965. München 1976.
Töpelmann, Sigrid: Autoren, Figuren, Entwicklungen. Zur erzäh-
lenden Literatur in der DDR. Berlin/Weimar 1975.
Türkis, Wolfgang: Beschädigtes Leben. Autobiographische Texte
der Gegenwart. Stuttgart 1990.
Weber, Norbert: Das gesellschaftlich Vermittelte der Romane öster-
reichischer Schriftsteller seit 1970. Frankfurt a. M. [u.a.] 1980.
Weiss, Christina: Seh-Texte. Zur Erweiterung des Textbegriffes
in konkreten und nicht-konkreten visuellen Texten. Zirndorf
1984.
Weissenberger, Klaus (Hrsg.): Die deutsche Lyrik 1945-1975. Zwi-
schen Botschaft und Spiel. Düsseldorf 1981.
Willems, Gottfried: Großstadt- und Bewußtseinspoesie. Über Rea-
lismus in der modernen Lyrik, insbesondere im lyrischen Spät-
werk Gottfried Benns und in der deutschen Lyrik seit 1965.
Tübingen 1981.
Würffei, Stefan Bodo:Das deutsche Hörspiel. Stuttgart 1978.
Rosmarie: Der Neue Roman in der Schweiz. Die Unerzähl-
Zeller,
barkeit der modernen Welt. Freiburg (Schweiz) 1992.
Zeman, Herbert (Hrsg.): Studien zur österreichischen Erzähllitera-
tur der Gegenwart. Amsterdam 1982.
Ausgewählte Forschungsliteratur 351

8. Zu einzelnen Autoren

Elazar Benyoetz
Grubitz, Christoph: Der israelische Aphoristiker Elazar Benyoetz.
Mit einem Geleitwort von Harald Weinrich. Tübingen 1994.

Thomas Bernhard
3
Thomas Bernhard. München 1991. (Text + Kritik 43.)
Hoelle, Joachim / Honold, Alexander / Luehrs-Kaiser, Kai (Hrsg.):
Thomas Bernhard. Eine Einschärfung. Berlin 1998.
Höller, Hans: Thomas Bernhard. Reinbek bei Hamburg 1993.
Marquardt, Eva: Gegenrichtung. Entwicklungstendenzen in der Er-
zählprosa Thomas Bernhards. Tübingen 1990.
Mittermayer, Manfred: Thomas Bernhard. Stuttgart 1995.
2
Sorg, Bernhard: Thomas Bernhard. München 1992.

Peter Bichsel
Hoven, Herbert (Hrsg.): Peter Bichsel. Auskunft für Leser. Darm-
stadt 1984.

Volker Braun
Volker Braun. München 1977. (Text + Kritik 55.)
Profitlich, Ulrich: Volker Braun. Studien zu seinem erzählerischen
und dramatischen Werk. München 1985.
Rosellini, Jay: Volker Braun. München 1983.

Rolf Dieter Brinkmann


Rolf Dieter Brinkmann. München 1981. (Text + Kritik 71.)
Groß, Thomas: Alltagserkundungen. Empirisches Schreiben bei
Rolf Dieter Brinkmann. Stuttgart 1993.
Späth, Sibylle: Rolf Dieter Brinkmann. Stuttgart 1989.

Günter de Bruyn
Günter de Bruyn. München 1995. (Text + Kritik 127.)
Wittstock, Uwe (Hrsg.): Günter de Bruyn. Materialien zu Leben
und Werk. Frankfurt a. M. 1991.

Elias Canetti
3
Elias Canetti. München 1982. (Text + Kritik 28.)
Barnouw, Dagmar: Elias Canetti. Stuttgart 1979.
Durzak, Manfred (Hrsg.): Zu Elias Canetti. Stuttgart 1983.
352 Ausgewählte Forschungsliteratur

Göpfert, Herbert G
(Hrsg.): Canetti lesen. Erfahrungen mit seinen
Büchern. München 1975.
Krüger, Michael (Hrsg.): Einladung zur Verwandlung. Essays zu
Elias Canettis »Masse und Macht«. München/Wien 1995.
Fiel, Edgar: Elias Canetti. München 1984.

Hans Magnus Enzensberger


2
Hans Magnus Enzensberger. München 1985. (Text + Kritik 49.)
Dietschreit, Frank / Heinze-Dietschreit, Barbara: Hans Magnus
Enzensberger. Stuttgart 1986.
Grimm, Reinhold: Texturen, Essays und anderes zu Hans Magnus
Enzensberger. Bern [u.a.] 1984.
- (Hrsg.): Hans Magnus Enzensberger. Frankfurt a. M. 1984.
Lau, Jörg: Hans Magnus Enzensberger. Ein öffentliches Leben. Ber-
lin 1999.
Schickel, Joachim (Hrsg.): Über Hans Magnus Enzensberger.
Frankfurt a. M. 1970.

Hubert Fichte
Hubert Fichte. München 1981. (Text + Kritik 72.)
Böhme, Hartmut / Tiling, Nikolaus (Hrsg.): Leben, um eine Form
der Darstellung zu erreichen. Studien zum Werk Hubert Fich-
tes. Frankfurt a. M. 1991.
- Medium und Maske. Die Literatur Hubert Fichtes zwischen
den Kulturen. Stuttgart 1995.
Simo, David: Interkulturalität und ästhetische Erfahrung. Unter-
suchungen zum Werk Hubert Fichtes. Stuttgart 1993.
Wangenheim, Wolfgang von: Hubert Fichte. München 1980.

Franz Fühmann
Richter, Hans: Franz Fühmann. Ein deutsches Dichterleben. Berlin
1992.
Wittstock, Uwe: Franz Fühmann. München 1988.

Robert Gernhardt
Robert Gernhardt. München 1997. (Text + Kritik 136.)

Günter Grass
Günter Grass. München 6 1988. (Text + Kritik 1.)
Geissler, Rolf (Hrsg.): Günter Grass. Ein Materialienbuch. Darm-
stadt/Neuwied 1976.
Ausgewählte Forschungsliteratur 353

Görtz, Franz Josef (Hrsg.): »Die Blechtrommel« - Attraktion und


Ärgernis. Ein Kapitel deutscher Literaturkritik. Darmstadt/
Neuwied 1984.
Neuhaus, Volker: Günter Grass. Stuttgart 1979.
4
Vormweg, Heinrich: Günter Grass. Reinbek bei Hamburg 1996.

Ludwig Greve
Kirsten, Wulf: »Sprache der Sterblichkeit«. Laudatio auf Ludwig
Greve. In: Wolfgang Heidenreich (Hrsg.): Peter-Huchel-Preis.
Ein Jahrbuch. 1992: Ludwig Greve. Texte, Dokumente, Mate-
rialien. Baden-Baden/Zürich 1995. S. 36-45.

Peter Handke
5
Peter Handke. München 1989. (Text + Kritik 24.)
Haslinger, Adolf: Peter Handke. Jugend eines Schriftstellers. Salz-
burg/Wien 1992.
Nägele, Rainer / Voris, Renate: Peter Handke. München 1978.
Pütz, Peter: Peter Handke. Frankfurt a. M. 1982.
Renner, Rolf Günther: Peter Handke. Stuttgart 1985.
Scharang, Michael (Hrsg.): Über Peter Handke. Frankfurt a. M.
3
1977.
Strasser, Peter: Der Freudenstoff. Zu Handke eine Philosophie.
Salzburg 1990.

Christoph Hein
Baier, Lothar (Hrsg.): Christoph Hein. Texte, Daten, Bilder. Frank-
furt a. M. 1990.
Hammer, Klaus (Hrsg.): Chronist ohne Botschaft. Christoph Hein.
Ein Arbeitsbuch. Materialien, Auskünfte, Bibliographie. Ber-
lin/Weimar 1992.

Eckhard Henscheid
Eckhard Henscheid. München 1990. (Text + Kritik 107.)

Wolfgang Hilbig
Wolfgang Hilbig. München 1994. (Text + Kritik 123.)
Endler, Adolf: riölle / Maelstrom / Abwesenheit. Fragmente über
Wolfgang Hilbig. In: Wolfgang Hilbig: zwischen den paradie-
sen. Prosa, Lyrik. Hrsg. von Thorsten Ahrend. Leipzig 1992.
S. 313-344.
Wittstock, Uwe (Hrsg.): Wolfgang Hilbig. Materialien zu Leben
und Werk. Frankfurt a. M. 1994.
354 Ausgewählte Forschungsliteratur

Peter Huchel
Mayer, Hans (Hrsg.): Über Peter Huchel. Frankfurt a. M. 1973.
Vieregg, Axel: Die Lyrik Peter Huchels. Zeichensprache und Privat-
mythologie. Berlin 1976.
Vieregg, Axel (Hrsg.): Peter Huchel. Frankfurt a. M. 1986.
Walther, Peter (Hrsg.): Peter Huchel. Leben und Werk in Texten
und Bildern. Frankfurt a. M. / Leipzig 1996.

Ernst Jandl
Ernst Jandl.München 1996. (Text + Kritik 129.)
Schmidt-D engler, Wendelin (Hrsg.): Ernst Jandl. Materialienbuch.
Darmstadt/Neuwied 1982.
Siblewski, Klaus: Ernst Jandl. Texte, Daten, Bilder. Frankfurt a. M.
1990.

Elfriede Jelinek

Elfriede Jelinek. München 1993. (Text + Kritik 117.)


Bartsch, Kurt / Höfler, Günther (Hrsg.): Dossier 2: Elfriede Jelinek.
Graz 1991.
Gürtler, Christa (Hrsg.): Gegen den schönen Schein. Texte zu
Elfriede Jelinek. Frankfurt a. M. 1990.

Janz, Marlies: Elfriede Jelinek. Stuttgart 1995.


Schlich, Jutta: Phänomenologie der Wahrnehmung von Literatur.
Am Beispiel von Elfriede Jelineks »Lust«. Tübingen 1994.

Uwe Johnson
Uwe Johnson. München 1980. (Text + Kritik 65/66.)
Johnson-Jahrbuch. Göttingen 1994 ff.
Auerochs, Bernd: Erzählte Gesellschaft. Theorie und Praxis des
Gesellschaftsromans bei Balzac, Brecht und Uwe Johnson.
München 1994.
Bengel, Michael (Hrsg.): Johnsons »Jahrestage«. Frankfurt a. M.
1985.
Baumgart, Reinhard (Hrsg.): Über Uwe Johnson. Frankfurt a. M.
1970.
Fahlke, Eberhard (Hrsg.): »Die Katze Erinnerung«. Uwe Johnson.
Eine Chronik in Briefen und Bildern. Frankfurt a. M. 1994.
Mecklenburg, Norbert: Die Erzählkunst Uwe Johnsons. Jahrestage
und andere Prosa. Frankfurt a. M. 1997.
Neumann, Bernd: Uwe Johnson. Hamburg 1994.
Schmitz, Walter: Uwe Johnson. München 1984.
Ausgewählte Forschungsliteratur 355

Sarah Kirsch
Sarah Kirsch. München 1989. (Text + Kritik 101.)
Cosentino, Christine: »Ein Spiegel mit mir darin«. Sarah Kirschs
Lyrik. Tübingen 1990.
Wagener, Hans: Sarah Kirsch. Berlin 1989.

Wulf Kirsten
Haufe, Eberhard: Nachwort. In: Wulf Kirsten: die erde bei Meißen,
gedichte. Leipzig 1986. S. 117-132.
Neumann, Peter Horst: Naturlyrik heute. Laudatio auf Wulf Kir-
sten. In: Bernhard Rübenach (Hrsg.): Peter-Huchel-Preis. Ein
Jahrbuch. 1987: Wulf Kirsten. Texte, Dokumente, Materialien.
Moos/Baden-Baden 1987. S. 26-35.
Alexander Kluge
Alexander Kluge. München 1985. (Text + Kritik 85/86.)
Böhm-Christi, Thomas (Hrsg.): Alexander Kluge. Frankfurt a. M.
1983.

Wolfgang Koeppen
Wolf gang Koeppen. München 1972. (Text + Kritik 34.)
Greiner, Ulrich (Hrsg.): Über Wolfgang Koeppen. Frankfurt a. M.
1976.
Hielscher, Martin: Wolfgang Koeppen. München 1988.
Treichel, Hans-Ulrich: Fragment ohne Ende. Eine Studie über
Wolf gang Koeppen. Heidelberg 1984.
Brigitte Kronauer
Brigitte Kronauer. München 1991. (Text + Kritik 112.)

Reiner Kunze
Feldkamp, Heiner (Hrsg.): Reiner Kunze. Materialien zu Leben
und Werk. Frankfurt a. M. 1987.
Friederike Mayröcker
Friederike Mayröcker. München 1984. (Text + Kritik 84.)
Schmidt, Siegfried /.: FUSZSTAPFEN DES KOPFES. Friederike
Mayröckers Prosa aus konstruktivistischer Sicht. Münster 1989.

Heiner Müller
Heiner Müller. München 2 1997. (Text + Kritik 73.)
Ehe, Norbert Otto: Heiner Müller. Apokalypse und Utopie. Pader-
born [u.a.] 1989.
356 Ausgewählte Forschungsliteratur

Ehe, Norbert Otto: Heiner Müller. Stuttgart 1999.


Hauschild, Jan Christoph: Heiner Müller. Reinbek bei Hamburg
2000.
Herzinger, Richard: Masken der Lebensrevolution. Vitalistische Zi-
vilisations- und Humanismuskritik in Texten Heiner Müllers.
München 1992.
Raddatz, Frank-Michael: Dämonen. Zur Geschichtsphilosophie
und Ästhetik Heiner Müllers. Stuttgart 1991.
Schulz, Genia: Heiner Müller. Stuttgart 1980.
Wieghaus, Georg: Heiner Müller. München 1981.

Herta Müller
Ehe, Norbert Otto (Hrsg.): Die erfundene Wahrnehmung. Annähe-
rung an Herta Müller. Paderborn 1991.
Köhnen, Ralph (Hrsg.): Der Druck der Erfahrung treibt die Sprache
in die Dichtung. Bildlichkeit in Texten Herta Müllers. Frank-
furt a. M. [u.a.] 1997.

Adolf Muschg
Dierks, Manfred (Hrsg.): Adolf Muschg. Frankfurt a. M. 1989.
Ricker- Abderhalden, Judith (Hrsg.): Über Adolf Muschg. Frank-
furt a. M. 1979.
Voris, Renate: Adolf Muschg. München 1984.

Bert Papenfuß-Gorek
Grimm, Erik: Der Tod der Ostmoderne oder die BRDigung des
DDR-Untergrunds. Zur Lyrik Bert Papenfuß-Goreks. In:
Zeitschrift für Germanistik N. F. 1 (1991) H. 1. S. 9-20.

Oskar Pastior
Knauer, Bettina / Och, Gunnar (Hrsg.): Oskar Pastior, 70. Mün-
chen 1997. (Akzente 44. H. 5.)
Koepp, Jürgen H.: Die Wörter und das Lesen. Zur Hermeneutik
Oskar Pastiors. Über die Konstruktion von Sinn und Bedeu-
tung in Poetik und Hermeneutik. Bielefeld 1990.

Botho Strauß
Botho Strauß. München 1984. (Text + Kritik 81.)
Herwig, Henriette: Verwünschte Beziehungen, verwebte Bezüge.
Zerfall und Verwandlung des Dialogs bei Botho Strauß. Tübin-
gen 1986.
Ausgewählte Forschungsliteratur 357

Kämper-van den Boogart, Michael: Ästhetik des Scheiterns. Studien


zu Erzähltexten von Botho Strauß, Jürgen Theobaldy, Uwe
Timm u. a. Stuttgart 1992.
Radix, Michael (Hrsg.): Strauß lesen. München/Wien 1987.

George Tabori
George Tabori. München 1997. (Text + Kritik 133.)
Bayerdörfer, Hans
Peter / Schönen, Jörg (Hrsg.): Theater gegen das
Vergessen. Bühnenarbeit und Drama bei George Tabori. Tü-
bingen 1997.
Gronius, Jörg W. / Kaessens, Wend: Tabori. Frankfurt a. M. 1989.

Martin Walser
Martin Walser. München 2 1 983. (Text + Kritik 41/42.)
Beckermann, Thomas (Hrsg.): Über Martin Walser. Frankfurt a. M.
1970.
Fetz, Gerald A.: Martin Walser. Stuttgart 1996.
Schirrmacher Frank (Hrsg.): Die Walser-Bubis-Debatte. Eine Do-
kumentation. Frankfurt a. M. 1999.
Siblewski, Klaus (Hrsg.): Martin Walser. Frankfurt a. M. 1981.
- Martin Walser - Auskunft. 22 Gespräche aus 18 Jahren. Frank-
furt a. M. 1991.
Waine, Anthony: Martin Walser. München 1980.

Peter Weiss
2
Peter Weiss. München
1982. (Text + Kritik 37.)
Peter- Weiss-Jahrbuch. Opladen 1992 ff.
Canaris, Volker (Hrsg.): Über Peter Weiss. Frankfurt a. M. 1970.
Cohen, Robert: Peter Weiss in seiner Zeit. Leben und Werk. Stutt-
gart/Weimar 1992.
Gerlach, Rainer (Hrsg.): Peter Weiss. Frankfurt a. M. 1984.
Stephan, Alexander (Hrsg.): Peter Weiss, »Die Ästhetik des Wider-
stands«. Frankfurt a. M. 1983.
Reinbek bei Hamburg 1987.
Vogt, Jochen: Peter Weiss.
Vormweg, Heinrich: Peter Weiss. München 1981.
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Brigitte Kronauer
Ehepaar Dortwang. In: B. K.: Die Wiese. Erzählungen. Mit einem Nachw. der
Autorin. Stuttgart: Reclam, 1993. S. 102-106.

Reiner Kunze
Sechsjähriger. In: R. K.: Die wunderbaren Jahre. Prosa. Frankfun a. M.: S. Fi-
scher, 1976. S. 9.
Erbe. Ebd. S. 46 f.

Beweggründe. Ebd. S. 64.

Gefangen. Ebd. S. 75.


Mein Freund, ein Dichter der Liebe. Ebd. S. 92 f.
Bericht eines Prager Fassadenreinigers. Ebd. S. 104.
Jirf Kolaf: Aus »Brücken«. Ebd. S. 112.
© 1976 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main.
Richard Leising
Bodden. In: R. L.: Gebrochen deutsch. Gedichte. Ebenhausen bei München:
Langewiesche-Brandt, 1990. S. 18 f.
Der Sieg. Ebd. S. 30.
© 1990 Langewiesche-Brandt KG, Ebenhausen.
Friederike Mayröcker

Flugschrift. In: F. M.: Das besessene Alter. Gedichte 1986-1991. Frank-


fun a. M.: Suhrkamp, 1992. S. 21 f.

Nausea. Ebd. S. 136.


© 1992 Suhrkamp Verlag, Frankfun am Main.
Quellenverzeichnis 381

Heiner Müller
Die Wunde Woyzeck. In: H. M.: Material. Texte und Kommentare. Hrsg. von
2
Frank Hörnigk. Leipzig: Reclam, 1990. S. 114 f.
Mauser. (Texte 6.) Berlin: Rotbuch Verlag, 1994. S. 61-68.
Mit Genehmigung des Suhrkamp Verlags, Frankfurt am Main.

Herta Müller
Herztier. Roman. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1996.
S. 69 f., 83-85, 93-95. - © 1994 Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Ham-
burg.

Adolf Muschg
Vom Gleichgewichtssinn. In. A. M.: Literatur als Therapie? Ein Exkurs über das
Heilsame und das Unheilbare. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1981. S. 201-203.
[Überschrift vom Hrsg.] - © 1981 Suhrkamp Verlag, Frankfun am Main.

Bert Papenfuß-Gorek

gelegenheit heizt triebe. In: B. P.-G.: dreizehntanz. Gedichte. Frankfurt a. M.:


Luchterhand, 1989. S. 112. - © 1989 Luchterhand Literaturverlag GmbH,
München.
neue zeitung von alter künde will ich euch bringen. In: Jörg Drews (Hrsg.):
Das bleibt. Deutsche Gedichte. 1945-1995. Leipzig: Reclam, 1995. S. 173. -
Mit Genehmigung des Steidl Verlags, Göttingen.

Oskar Pastior
Ballade vom defekten Kabel / Ballade du cäble defectueux. In: O. R: Jalousien
aufgemacht. Ein Lesebuch. Hrsg. von Klaus Ramm. München/Wien: Hanser,
1987. S. 39 f. - ©
1987 Carl Hanser Verlag, München und Wien.

Werner Saliner
Siebenbürgischer Heuweg. In: W. S.: Der Schlaf des Trommlers. Gedichte. Zü-
rich: Ammann, 1992. S. 11.

Swanns Reise. Ebd. S. 83.

© 1992 Ammann Verlag & Co., Zürich.

Botho Strauß
Trilogie des Wiedersehens (II, 5; III, 7). In: B. S.: Trilogie des Wiedersehens.
Theaterstück. Nachwort von Benjamin Henrichs. Stuttgart: Reclam, 1992.
S. 84-88, 121-125. - © 1976, 1977 Carl Hanser Verlag, München und Wien.

George Tabori
Mein Kampf (3. Akt). In: G. T: Theaterstücke IL Aus dem Englischen von

Ursula Grützmacher-Tabori. München/Wien: Hanser, 1994. S. 171-185. -


© 1994 Carl Hanser Verlag, München und Wien.
382 Quellenverzeichnis

Bernward Vesper
Die Reise. Romanessay. Ausgabe letzter Hand. Frankfurt a. M.: Zweitausend-
eins, 1981. S.314-321. - Mit Genehmigung von Kalender Kommunikation,
Herbstein.

Martin Walser
Über Deutschland reden (Ein Bericht). In: M. W.: Über Deutschland reden.
Erw. Neuausg. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1989. S. 76-79. - © 1989 Suhr-
kamp Verlag, Frankfurt am Main.
Meßmers Gedanken. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1985. S. 7, 15, 19 f., 26 f., 33,

37 f., 41, 43-45, 47, 56, 60, 66, 68, 75, 79, 90, 94 f., 99-101, 106. 1985 Suhr-
kamp Verlag, Frankfurt am Main.

Peter Weiss
Die Ästhetik des Widerstands. Roman. 2. Aufl. der einbändigen Ausg. Frank-
furta. M.: Suhrkamp, 1986. Bd. 2. S. 7-13. - © 1982 Suhrkamp Verlag, Frank-

fun am Main.
Deutschsprachige Erzähler der Gegenwart
IN RECLAMS UNIVERSAL- BIBLIOTHEK

Eine Auswahl

Ilse Aichinger, Dialoge. Erzählungen. Gedichte. 110 S. ÜB 7939


H. C. Artmann, »wer dichten kann ist dichtersmann«. 101 S. ÜB 8264
Ingeborg Bachmann, Undine geht. Das Gebell. Ein Wildermuth.
76 S. ÜB 8008
Thomas Bernhard, Der Wetterfleck. 77 S. ÜB 9818
Peter Bichsel, Stockwerke. 79 S. ÜB 9719
Johannes Bobrowski, Lipmanns Leib. 80 ÜB 9447 S.

Heinrich Böll, Der Mann mit den Messern. 79 S. ÜB 8287


Alois Brandstetter, Landessäure. 93 S. ÜB 8335

Franz Fühmann, Die Verteidigung der Reichenberger Turnhalle.


Das Judenauto. 80 S. ÜB 9858
Peter Härtling, Der wiederholte ÜB 9991
Unfall. 77 S.

Peter Handke, Noch S. ÜB 8804


einmal für Thukydides. 47
Marie Luise Kaschnitz, Der Tulpenmann. 87 S. ÜB 9824
Walter Kempowski, Fünf Kapitel für sich. 103 S. ÜB 7983

Wolfgang Koeppen, New York. 69 S. ÜB 8602


Dieter Kühn, N. 151 S. ÜB 9407

Adolf Muschg, Besuch in der Schweiz. 88 S. ÜB 9876


Luise Rinser, Jan Lobel aus Warschau. 77 S. ÜB 8897

Arno Schmidt, Windmühlen. 78 S. ÜB 8600


Wolfdietrich Schnurre, Ein Fall für Herrn Schmidt. 78 S. ÜB 8677
Gabriele Wohmann, Treibjagd. 88 S. ÜB 7912
Christa Wolf, Neue Lebensansichten eines Katers. Juninachmittag.
69 S. ÜB 7686

Philipp Reclam jun. Stuttgart


Universal-Bibliothek

Die 17 Bände umfassende Reihe zur


deutschen Literatur vom Mittelalter
bis zur Gegenwart ist auf ein

Wechselspiel von Text, Darstellung


und Kommentar angelegt, wie es
bislang noch nicht geboten wurde:
diese Reclam-Edition erweist sich als
höchst praktikable Einführung in die
einzelnen literaturgeschichtlichen
Epochen, als Kompendium zum
Lernen und als übersichtliches
Arbeitsbuch für Schüler, Studenten
und alle literarisch Interessierten.

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