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Fachthemen

Jörg Bödefeld DOI: 10.1002/best.201100065


Rainer Ehmann
Dirk Schlicke
Nguyen Viet Tue

Mindestbewehrung zur Begrenzung


der Rissbreiten in Stahlbetonbauteilen
infolge des Hydratationsprozesses
Teil 2: Neues Konzept auf Grundlage der Verformungskompatibilität

Zwang während des Hydratationsprozesses kann zu Rissbildung Während des Hydratationsprozesses will sich das Bau-
führen. Zur Sicherstellung der Gebrauchstauglichkeit müssen die teil zunächst ausdehnen, da die über die Bauteilränder an
Rissbreiten entsprechend den Expositionsklassen begrenzt wer- die Umgebung abgegebene Wärmemenge kleiner als die
den. Das zurzeit in Massivbaunormen auf den Rissschnittgrößen durch die Hydratation des Zements entstehende Wärme-
basierende Konzept zur Ermittlung der Mindestbewehrung weist menge ist. Anschließend kühlt das Bauteil ab, bis ein Aus-
einige Schwächen auf, insbesondere für dicke Bauteile. Mit dem gleich auf dem Niveau der Umgebungstemperatur erreicht
auf der Verformungskompatibilität basierenden, neu entwickelten ist. Die Abkühlphase induziert eine Bauteilverkürzung. Bei-
Konzept können diese Schwächen aufgehoben werden. Maßge- de Prozesse werden von den Lagerungsbedingungen des
bend im neuen Konzept ist die aufzunehmende Verformungsein- Bauteils zumindest teilweise behindert. Durch die Behinde-
wirkung und nicht der Zeitpunkt der Rissbildung. Weiterhin kön- rung entstehen in der Aufheizphase Druckspannungen, die
nen die wesentlichen Parameter der Betontechnologie wie Wär-
in der Abkühlphase abgebaut werden, bevor Zugspannun-
meentwicklung und Nachbehandlung quantitativ erfasst werden.
gen entstehen. Hinzu kommt die zeitliche Steifigkeitsent-
Die Überlagerung zwischen frühem und spätem Zwang kann
wicklung während der Hydratationsphase. Unter konstan-
ebenfalls auf einer gemeinsamen, mechanischen Grundlage be-
ter Steifigkeit und bei elastischem Verhalten würde das Bau-
antwortet werden. Die neu gewonnenen Erkenntnisse fließen be-
teil in der Abkühlphase die zuvor aufgebauten Druckspan-
reits in das neue Merkblatt „Früher Zwang“ der Bundesanstalt
für Wasserbau ein. nungen wieder abbauen und wäre am Ende der
Hydratationsphase spannungsfrei. Durch die zunehmende
Minimum Reinforcement to Crack Control in Hardening Steifigkeit sind die durch das Aufheizen entstehenden
Concrete Members Druckspannungen geringer als die durch den Abkühlpro-
Part 2: New concept on base of deformation compatibility zess entstehenden Spannungen in umgekehrter Richtung,
Hydration induced restraint forces can lead to crack formation in sodass am Ende des Hydratationsprozesses Zugspannun-
hardening concrete members. Securing serviceability and dura- gen im Bauteil verbleiben. Weiterhin spielt die hohe Kriech-
bility of the construction crack widths has to be limited according zahl des jungen Betons in diesem Zusammenhang eine we-
to exposition class. For this actual standards use the concept of sentliche Rolle. Während die Druckspannungen im Allge-
the cracking force. This approach is not free from failings, espe- meinen keine Probleme bereiten, führen die Zugspannun-
cially for thick concrete members. The new approach introduced gen bei Überschreiten der Zugfestigkeit zu Rissbildung.
in this article is based on the deformation compatibility and abol- Das Prinzip des neuen Konzeptes ist es, die behinderte
ishes those failures. The authoritative of this concept is the ab- Verformung durch Rissbildung zuzulassen, wobei die Sum-
sorption of the impacting deformation, not the time of crack for- me der Rissbreiten aus Primär- und Sekundärrissen der auf-
mation as in the former approach. Thus essential parameters of zunehmenden Verformung entsprechen muss. Die von der
concrete technology as heat development and curing can be Bewehrung aufzunehmende Kraft wird somit von der Ver-
considered quantitative. Furthermore the superposition of early formungskompatibilität und der tolerierbaren Rissbreite be-
restraint and restraint forces in the use period can be analysed stimmt. Die tolerierbare Rissbreite wird in Abhängigkeit
on a common mechanic base. These new findings are the base of von der Nutzung und den Expositionsklassen gewählt, da-
the new technical report “Early Restraint” of the Federal Water- mit die Gebrauchstauglichkeit und die Dauerhaftigkeit des
ways Engineering and Research Institute. Bauteils nicht gefährdet sind. Für die Verformungskompati-
bilität muss die Gesamtgröße der behinderten Verformung
1 Beschreibung des neuen Konzeptes während des Hydratationsprozesses als aufzunehmende
1.1 Grundlagen Verformung betrachtet werden. Der Zeitpunkt der Rissbil-
dung ist in diesem Zusammenhang irrelevant. Um die
Wie bereits im ersten Teil des Beitrags erläutert wurde, ist Spannung in der Bewehrung realistisch abschätzen zu kön-
Zwang ein Verformungsproblem, siehe dazu auch [1]. Das nen, sollte der Zeitpunkt des Temperaturausgleichs erfasst
Bauteil will sich infolge von Temperaturänderungen, Set- werden, da es eine größere Zwangskraft als die Schnittgrö-
zungen o. ä. verformen, wird daran aber durch mechani- ße zu diesem Zeitpunkt nicht geben wird, wenn die Überla-
sche Randbedingungen gehindert. Kann sich die Verfor- gerung zwischen spätem und frühem Zwang zunächst au-
mung frei einstellen, entstehen keine Spannungen. ßer Acht gelassen wird.

© 2012 Ernst & Sohn Verlag für Architektur und technische Wissenschaften GmbH & Co. KG, Berlin · Beton- und Stahlbetonbau 107 (2012), Heft 2 79
J. Bödefeld/R. Ehmann/D. Schlicke/N. V. Tue · Mindestbewehrung zur Begrenzung der Rissbreiten in Stahlbetonbauteilen infolge des Hydratationsprozesses

Die Verformungskompatibilität wird durch Primär-


und Sekundärrisse erreicht. Primärrisse sind dabei die Ris-
se, die den gesamten, unter Zugbeanspruchung stehenden
Bereich des Querschnitts durchtrennen. Sie werden vom
äußeren Zwang beeinflusst. Ihr Abstand wird bei Syste-
men mit kontinuierlicher Krafteinleitung wie einer Boden-
platte oder einer Wand auf Fundament nicht von der Be-
wehrung gesteuert, sondern hauptsächlich von der Geo-
metrie des Bauteils und dessen Randbedingungen be-
stimmt. Wenn die Kraft in der Bewehrung im Riss über
Verbund wieder in den Beton eingeleitet wird, können wei-
tere Risse entstehen. Wenn der Wirkungsbereich der Be-
wehrung, auch effektive Zugzone Ac,eff genannt, die ge-
Bild 1. Charakteristischer Verlauf der Zwangsbeanspru-
samte Zugzone erfasst, trennen die neuen Risse ebenfalls
chung
die gesamte Zugzone. Dies hat zur Folge, dass die Span- Fig. 1. Characteristic gradient of restraint force
nung in der Bewehrung in allen Rissen gleich ist. Dies ent-
spricht dem zurzeit für die Ermittlung der Rissbreite zu-
grunde gelegten Zugstabmodell. Bei dicken Querschnitten Steifigkeitsentwicklung des erhärtenden Betons ausrei-
treten Sekundärrisse auf, die nur den Wirkungsbereich der chend genau und für numerische Berechnungen praktika-
Bewehrung erfassen. Im ungerissenen Betonbereich im bel beschreiben. Nachrechnungen von insitu-Messungen
Schnitt des Sekundärrisses werden weiterhin Zugspan- in massigen Betonbauteilen zeigen, dass die Effekte infol-
nungen im Beton übertragen, so dass die Spannung in der ge der Viskoelastizität bisher nur ansatzweise berücksich-
Bewehrung im Sekundärriss kleiner ist als im Primärriss. tigt werden können [5, 6]. Auf der sicheren Seite liegend
Entsprechend ist die Breite der Primärrisse auch größer wird vorerst auf den positiven Einfluss des viskoelasti-
als die der Sekundärrisse. Dieser Unterschied bleibt im schen Verhaltens des Betons verzichtet, bis abgesicherte
heutigen Rechenmodell unberücksichtigt. Untersuchungsergebnisse vorliegen.
Die durch die Zwangskraft behinderte Verformung
1.2 Ermittlung der aufzunehmenden Verformung εbeh kann dann mit folgender Gleichung ermittelt werden.

Der wichtigste Eingangsparameter des neuen Konzeptes Ncu


ε beh = (1)
ist die Größe der behinderten Verformung. Für deren Er- Ec ⋅ h ⋅ b
mittlung muss der Grad der Behinderung des betrachteten
Systems bekannt sein. Trotz umfangreicher Untersuchun- Der E-Modul muss dabei charakteristisch für den Zeit-
gen in Form von insitu-Messungen und aufwendigen FE- raum der Zugkraftbildung sein. Mit genügender Genauig-
Berechnungen [2 bis 5] ist die Bestimmung der Behinde- keit kann der unter Berücksichtigung des Hydratationsgra-
rungsgrades a priori nach wie vor nur im Einzelfall und des ermittelte, wirksame E-Modul zum Zeitpunkt des
mit viel Aufwand möglich. Auf der sicheren Seite liegend Temperaturausgleichs angesetzt werden. Da die Primär-
kann für Bauteile mit vorwiegend zentrischer Zwangsbe- risse selbst einen Beitrag zum Erreichen der Verformungs-
anspruchung aber voller Zwang unterstellt werden. Mit kompatibilität leisten und der Abstand der Primärrisse bei
dieser Annahme kann eine gekoppelte thermische und Systemen mit kontinuierlicher Krafteinleitung allein
strukturmechanische Analyse unter Berücksichtigung der durch geometrische Randbedingungen bestimmt wird,
thermischen Randbedingungen für ein voll gezwängtes kann die weitere Kompatibilitätsbetrachtung auf den Be-
Bauteil durchgeführt werden. Dazu müssen die Tempera- reich zwischen zwei benachbarten Primärrissen begrenzt
turerhöhung unter adiabatischer Bedingung und die zeitli- werden (Bild 2).
che E-Modul-Entwicklung der verwendeten Betonrezep- Für Wand-Fundament-Systeme üblicher Abmessun-
tur bekannt sein. Bild 1 zeigt einen charakteristischen Ver- gen, die im Wesentlichen eine zentrische Zwangsbean-
lauf der Zwangskraft im erhärtenden Betonbauteil. Dazu spruchung erfahren, wurden umfangreiche FE-Untersu-
wurde der Spannungsverlauf über den Querschnitt aufin- chungen durchgeführt [6]. Dabei kann gezeigt werden,
tegriert. Zu erkennen sind die anfängliche Druckkraft, der dass der Abstand der Primärrisse lcr die 1,2fache Wandhö-
Nulldurchgang und die sich anschließend aufbauende he nicht überschreitet. Die Ergebnisse stimmen etwa mit
Zugkraft. Bei Temperaturausgleich erreicht die Kraft die den Beobachtungen in der Praxis überein. Die aufzuneh-
zentrische Zwangskraft Nc,u, die ein Maß für die behin- mende Verformung wbeh für den Bereich zwischen zwei
derte Verformung ist. Primärrissen kann mit Gl. (2) ermittelt werden.
Durch diese Berechnungen können alle Effekte be-
rücksichtigt werden, die den Hydratationsprozess be- wbeh = εbeh · lcr (2)
einflussen, z. B. Betonrezeptur, Nachbehandlung, Frisch-
betontemperatur, unterschiedliche, saisonale Lufttempera- 1.3 Verformungskompatibilität
turen, etc. Prinzipiell ist es ebenfalls möglich, das viskoe-
lastische Verhalten des Betons zu berücksichtigen, das im Die behinderte Verformung gemäß Gl. (2) muss im Bau-
jungen Beton besonders ausgeprägt ist. Es existieren bis teil durch die Rissbreite der Primärrisse und die Rissbreite
heute jedoch keine Ansätze, die den Einfluss der Viskoe- einer zu ermittelnden Anzahl von Sekundärrissen aufge-
lastizität unter Berücksichtigung der Temperatur- und nommen werden. Für eine sichere Formulierung der Be-

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Bild 2. Idealisiertes Bauteil zwischen zwei Primärrissen am Bild 3. Dehnungsverteilung im Betonstahl entlang der
Beispiel einer Wand Lasteinleitung
Fig. 2. Idealistic member between two primary cracks exem- Fig. 3. Gradient of steel strain within the transmission length
plified by a wall

messungsgleichung wird im Weiteren die Betonverfor-


mung im ungerissenen Bereich vernachlässigt. In [7] do- sir,re = 0,65 · le (6)
kumentierte FE-Untersuchungen zur Sekundärrissbildung
zeigen, dass ein Teil der von der Bewehrung am Primärriss Der Einflussbereich des Primärrisses beträgt hiernach die
in den Beton eingeleiteten Kraft zwischen den Sekundär- 1,3fache Lasteinleitungslänge, während für die Sekundär-
rissen im Beton verbleibt, da diese Risse den Querschnitt risse der Einflussbereich nur die 1,0fache Lasteinleitungs-
nicht vollständig durchtrennen. Damit steigt die im Pri- länge beträgt. Die Dehnungsdifferenz bis zum Minimum
märriss erforderliche Kraft zur Bildung einer Sekundär- der Stahldehnung zwischen zwei Rissen ergibt sich ent-
rissgruppe mit jedem Sekundärriss weiter an. Bild 3 zeigt sprechend der einzuleitenden Verbundkraft mit den Be-
qualitativ die sich ergebende Dehnungsverteilung entlang zeichnungen in Bild 3 zu:
der Lasteinleitung für ein Beispiel mit zwei Sekundär-
rissen. A c,eff ⋅ fctm fctm
Δε Ps = Δε is,re = 0,65 ⋅ = 0,65 ⋅ (7)
Der Abstand zwischen dem Primärriss und dem ers- A s ⋅ Es effρ ⋅ Es
ten Sekundärriss sowie der Abstand zwischen den Sekun-
därrissen entspricht der Einleitungslänge le. Entlang dieser Analog kann die Dehnungsdifferenz vom Minimum zum
Einleitungslänge le wird die Risskraft der effektiven Zug- nächsten Sekundärriss angegeben werden:
zone Ac,eff über den Verbund, daher auch Verbundkraft ge-
nannt, von der Bewehrung in den Beton eingeleitet. Mit fctm
Δε is,li = 0,35 ⋅ (8)
der effektiven Zugzone Ac,eff, die der Fläche eines äquiva- eff ρ ⋅ Es
lenten Zugstabes mit gleicher Risskraft entspricht, und der
Zugfestigkeit des Betons fctm ergibt sich diese Risskraft zu: Entsprechend kann die Stahldehnung im ersten Sekun-
därriss mit den Bezeichnungen aus Bild 3 angegeben wer-
Ncr = Ac,eff · fctm (3) den:

Wird diese Risskraft der sich entlang der Einleitungslänge A c,eff ⋅ fctm
ε1s = ε Ps − 0,3 ⋅ (9)
aufbauenden Verbundkraft gleichgesetzt und wird für die A s ⋅ Es
mittlere Verbundspannung im Lasteinleitungsbereich ge-
mäß [8] τsm = 1,8 fctm angesetzt, ergibt sich mit dem Durch- Unter Ansatz eines Völligkeitsbeiwertes für den Dehnungs-
messer ds der Bewehrung die Lasteinleitungslänge zu: verlauf innerhalb der Einleitungslänge von 0,6 [9] können
die mittleren Dehnungen für die Einflussbereiche der Risse
A c,eff angegeben werden (Bild 4). Die mittlere Dehnung im Ein-
le = (4)
1, 8 ⋅ π ⋅ ds flussbereich des Primärrisses berechnet sich zu

Vergleichsberechnungen mit Variation der Querschnittsdi- σs f


ε Psm = ε Ps − 0,6 ⋅ Δε Ps = − 0,39 ⋅ ctm (10)
cke, des Bewehrungsquerschnitts, der Betondeckung und Es eff ρ ⋅ Es
des Sekundärrissabstandes zeigen, dass der im Beton ver-
bleibende Anteil der Verbundkraft nicht größer als 30 % In gleicher Weise ergibt sich für den Bereich links des ers-
ist. Hiermit beträgt der Einflussbereich links der jeweili- ten Sekundärrisses
gen Sekundärrisse 35 % und rechts davon 65 % der Einlei-
tungslänge. Weitere Einzelheiten zu den Gln. (5) und (6) σs f
ε1sm,li = − 0,5 ⋅ ctm (11)
können [7] entnommen werden. Es eff ρ ⋅ Es

sir,li = 0,35 · le (5) und für den Bereich rechts des ersten Sekundärrisses

Beton- und Stahlbetonbau 107 (2012), Heft 2 81


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w beh (17)
n≥( − 1) ⋅ 1,1
wP

1.4 Erforderliche Bewehrung

Mit Gl. (13) kann die zulässige Spannung der Bewehrung


im Primärriss zur Einhaltung der tolerierbaren Rissbreite
wie folgt angegeben werden:

w P ⋅ eff ρ ⋅ Es 0,39 ⋅ fctm


σ s,zul = + (18)
0,18 ⋅ ds eff ρ

Für die effektive Zugzone Ac,eff konnte der Ansatz von


Fischer [10], der auch in DIN EN 1992 [11] verwendet
wird, durch FE-Untersuchungen in [7] wiederum bestätigt
Bild 4. Mittlere Dehnungen in den Einflussbereichen der werden. Die Fläche des äquivalenten Zugstabes kann hier-
Risse nach mit dem Abstand zwischen Zugrand und der Schwer-
Fig. 4. Average steel strains within the transmission length
lage der Bewehrung beschrieben werden:

Ac,eff = 2,5 · b · (h – d) = 2,5 · b · d1 (19)

σs f Werden Gln. (18) und (15) unter Berücksichtigung von


ε1sm,re = − 0,7 ⋅ ctm (12)
Es eff ρ ⋅ Es Gl. (19) gleichgesetzt, ergibt sich die erforderliche Beweh-
rung zur Sicherstellung der tolerierbaren Rissbreite des
Es ist damit möglich, die Rissbreite wP des Primärrisses Primärrisses wie folgt:
und w1 des ersten Sekundärrisses in Abhängigkeit von der
Stahlspannung im Primärriss zu beschreiben: ds ⋅ b2 ⋅ d12 ⋅ fctm ⋅ (0,69 + 0.34 ⋅ n)
A s,erf = (20)
w p ⋅ Es
⎛σ f ⎞ d
w P = ⎜ s − 0,39 ⋅ ctm ⎟ ⋅ 0,18 s (13)
⎝ Es eff ρ ⋅ Es ⎠ eff ρ
2 Empfehlungen für die praktische Anwendung
⎛σ f ⎞ ds
w1 = ε1sm ⋅ s1r = ⎜ s − 0,63 ⋅ ctm ⎟ ⋅ (14) Die Herleitung in Abschn. 1 gilt prinzipiell sowohl für dün-
⎝ Es eff ρ ⋅ Es ⎠ 7,,2 ⋅ eff ρ
ne als auch für dicke Bauteile. Die Rissmechanik in dicken
und dünnen Bauteilen unterscheidet sich jedoch deutlich.
Wird nun auf der sicheren Seite liegend angenommen, In dicken Bauteilen sind neben dem Primärriss immer Se-
dass im letzten Sekundärriss die Spannung gerade so groß kundärrisse zu erwarten, wenn mit dem Primärriss die auf-
ist, dass der nächste Sekundärriss nicht entsteht, und n als zunehmende Verformung unter Berücksichtigung der tole-
Anzahl der Sekundärrisse eingeführt, kann die Spannung rierbaren Rissbreite nicht erreicht werden kann. Bei dün-
im Primärriss beschrieben werden mit: nen Bauteilen ergeben sich anstelle von Sekundärrissen
weitere Primärrisse, die den gesamten Querschnitt durch-
σs f trennen. Dadurch ist die Spannung im Stahl in allen Ris-
= (1 + n ⋅ 0,3) ⋅ ctm (15)
Es eff ρ ⋅ Es sen gleich. Dieser Unterschied sollte in der Bemessung be-
rücksichtigt werden. Davon ausgehend unterscheidet diese
Dabei wird angenommen, dass die Sekundärrisse jeweils Betrachtung zwischen dünnen und dicken Bauteilen an-
paarweise links und rechts des Primärrisses auftreten. Da- hand der Möglichkeit von Sekundärrissbildung.
mit beschreibt n die Anzahl an Sekundärrisspaaren. Weiterhin ist festzustellen, dass der Zeitpunkt des
Weiterhin können die Rissbreiten der Sekundärrisse Temperaturausgleichs mit den Bauteildicken deutlich zu-
in Abhängigkeit von der Rissbreite des Primärrisses und nimmt. Während der Wärmeaustausch zwischen Bauteilen
der Anzahl n der Sekundärrisse ausgedrückt und das Ver- und Umgebung bei dünnen Bauteilen bereits einige Tage
formungspotenzial von n Sekundärrissen in Abhängigkeit nach der Herstellung abgeschlossen ist, kann der Tempera-
von der Rissbreite des Primärrisses beschrieben werden. Im turausgleich bei dicken Bauteilen bis hin zu einigen Mona-
relevanten Bereich zwischen ein und vier Sekundärrissen ten dauern. Da die Spannung gemäß Gl. (13) von der Zug-
kann diese Gesamtverformungskapazität Σw genügend ge- festigkeit zum Zeitpunkt des Temperaturausgleichs be-
nau mit folgender Gleichung beschrieben werden: stimmt wird, führt eine undifferenzierte Annahme mit fctm
nach 28 Tagen zu einer deutlichen Überschätzung der
Σw = wP · (1 + 0,9 · n) (16) Spannung in der Bewehrung bei dünnen Bauteilen. Um
dies zu vermeiden, wurde in einer eigenen Untersuchung
Werden Gln. (2) und (13) gleichgesetzt, kann die erforder- gemäß dem Ansatz des Model Code 90 [8] die Zugfestigkeit
liche Anzahl der Sekundärrisse zum Erreichen der Verfor- zum Zeitpunkt des Temperaturausgleichs für repräsentati-
mungskompatibilität angegeben werden: ve Betonrezepturen ermittelt. Die Ergebnisse sind in Bild 5
dargestellt. Mit dieser Angabe kann die Stahlspannung

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zum Zeitpunkt des Temperaturausgleichs in Abhängigkeit Probeblock, z. B. gemäß ZTV-W LB 215 [12], durchgeführt
von der Bauteildicke realistisch abgeschätzt werden. werden, wobei die am Probeblock ermittelten Ergebnisse
Unter Berücksichtigung der Ergebnisse aus Abschn. 1 nach vorliegenden Erfahrungen zuverlässiger zu sein schei-
und der hier dargestellten Erläuterungen kann für die An- nen. Mit der bekannten Temperaturentwicklung ergibt sich
wendung in der Praxis folgende Vorgehensweise vorge- die aufzunehmende Verformung gemäß Gl. (2) wie folgt:
schlagen werden.
Zunächst erfolgt die Unterscheidung, ob es sich um wbeh = k0 · ΔTadiab · αT · lcr (22)
ein dickes oder dünnes Bauteil handelt; bei 2,5 · d1 < h/2
liegt ein dickes Bauteil vor, ansonsten sind die Bauteile als In der obigen Gl. (20) beschreibt der Faktor k0 den Anteil
dünne Bauteile zu betrachten. der Wärme, der für die Erzeugung des zentrischen Zwangs
Liegen dicke Bauteile vor, so können die Zusammen- umgesetzt wird. Umfangreiche Vergleichsberechnungen
hänge in Abschn. 1 verwendet werden. zeigen, dass dieser Faktor in Abhängigkeit von der Quer-
Die Ermittlung der aufzunehmenden Verformung in- schnittsdicke h beschrieben werden kann:
nerhalb lcr erfolgt nach Gl. (2). Die erforderliche Anzahl n
der Sekundärrisse zur Einhaltung der geforderten Rissbrei- 0,2
k0 = 0,7 − ≤ 0,55 (23)
te entspricht Gl. (17); n > 0 bedeutet, dass innerhalb lcr zu- h0, 3
sätzliche Risse erforderlich sind, um die Verformungs-
kompatibilität unter Berücksichtigung der tolerierbaren Ab einer Dicke von ca. 2 m steigt der Anteil nicht mehr an,
Rissbreite zu erreichen. womit auch die erforderliche Bewehrung ab dieser Bau-
Mit der Kenntnis von n kann anschließend die erfor- teildicke nicht weiter zunimmt. Überschlägliche Berech-
derliche Bewehrung entsprechend Gl. (21) berechnet nungen können daher mit 55 % der adiabatischen Tempe-
werden. raturentwicklung durchgeführt werden.
Bei dünnen Bauteilen sind zusätzliche Primärrisse
anstelle von Sekundärrissen erforderlich. Es muss dann in 3 Rechenbeispiele und Vergleich
allen Gleichungen n = 0 und anstelle von Ac,eff die halbe
Querschnittsfläche des Bauteils eingesetzt werden. Die Um die Anwendung der vorgeschlagenen Vorgehensweise
erforderliche Bewehrung für dünne Bauteile kann durch zu veranschaulichen und um einen Vergleich mit der bis-
Umformen von Gl. (20) wie folgt angegeben werden: herigen Vorgehensweise zu ermöglichen, werden im Fol-
genden drei unterschiedliche Beispiele demonstriert.
ds ⋅ A c2 ⋅ fct
A s,erf = (21) Beispiel 1
9 ⋅ w p ⋅ Es
Eine 20 cm dicke Wand soll mit C20/25 ausgeführt wer-
den. Es ist eine Bewehrung ∅ 14 mm mit einer Beton-
Hierbei sind Ac die von der zu ermittelnden Bewehrungs- deckung von nom c = 4 cm vorgesehen. Die Rissbreite soll
lage beeinflussende Betonfläche des Bauteils (im Allge- auf w = 0,2 mm begrenzt werden.
meinen unter zentrischem Zug 50 % der Bauteilfläche Mit
senkrecht zu der zu ermittelnden Bewehrungsrichtung),
und fct die Betonzugfestigkeit zum Zeitpunkt des Tempe- 2,5 · d1 = 2,5 · 4,7 = 12 cm > h/2 = 20/2 = 10 cm
raturausgleichs, gemäß Bild 5.
Bezüglich der Verformungskompatibilität spielt die ist das Bauteil als dünnes Bauteil einzuordnen. Die Zug-
Wärmeentwicklung des verwendeten Betons die entschei- festigkeit zum Zeitpunkt des Temperaturausgleichs be-
dende Rolle. Aus diesem Grund wird empfohlen, die Tem- trägt gemäß Bild 5 bei einem 20 cm dicken Bauteil:
peraturentwicklung unter adiabatischen Bedingungen zu
ermitteln. Dies kann mit einem Kalorimeter erfolgen. Al- fct,eff = 0,7 · fctm = 0,7 · 2,2 = 1,54 N/cm2
ternativ kann die Temperaturentwicklung auch an einem
Mit Ac=1.000 cm2 und Es = 200.000 N/mm2 ergibt sich ge-
mäß Gl. (21):

14 ⋅ 10002 ⋅ 1,54 cm 2
a s,erf = = 7,7
9 ⋅ 0,2 ⋅ 200.000 m

Für die Wand ist damit eine Mindestbewehrung von


∅ 14/20 cm (as,vorh = 7,6 cm2/m) ausreichend.
Nach DIN 1045-1 [13] ergibt sich für die Platte eine
erforderliche Mindestbewehrung von 6,4 cm2/m. Zu be-
achten ist dabei, dass der Grenzdurchmesser bei Ansatz
von fct,eff < 3,0 N/mm2 angepasst werden muss. Die festge-
stellte Differenz ist allein auf die Annahme der effektiven
Bild 5. Betonzugfestigkeit zum Zeitpunkt des Temperatur- Zugfestigkeit (1,1 anstelle 1,54 N/mm2) und die Berück-
ausgleichs sichtigung des Einflusses der Eigenspannung mit dem
Fig. 5. Concrete tensile strength at the time of temperature Faktor 0,8 gemäß DIN 1045-1 [13] zurückzuführen. Von
equalization den mechanischen Zusammenhängen her entspricht die

Beton- und Stahlbetonbau 107 (2012), Heft 2 83


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Gl. (21) genau dem heutigen Konzept der Rissschnitt- adiabatische Temperaturerhöhung wurde im Kalorimeter-
größe. versuch mit ΔTadiab,7d = 38 K ermittelt. Die Betonierab-
schnitte haben eine Höhe von 3,5 m. Die Betondeckung
Beispiel 2 beträgt nom c = 6 cm, die Rissbreite soll gemäß [12] auf
Die Wand eines Brückenwiderlagers ist 1,0 m dick und w = 0,25 mm begrenzt werden. Die Bewehrung soll in
soll in C20/25 ausgeführt werden. Die Rissbreite soll mit ∅ 28 mm ausgeführt werden.
einer Bewehrung ∅ 25 mm auf w = 0,2 mm begrenzt wer- Mit
den. Es ist eine Betondeckung von nom c = 5,5 cm einzu-
halten. Im Labor wurde eine adiabatische Temperaturer- 2,5 · d1 = 2,5 · 7,4 = 18,5 cm < h/2 = 250/2 = 125 cm
höhung von ΔTadiab = 28 K gemessen. Die Wandhöhe be-
trägt 4,0 m und soll in einem Schritt betoniert werden. ist das Bauteil als dickes Bauteil einzuordnen. Der Ab-
Mit stand der Primärrisse wird mit lcr = 1,2 · 3,5 = 4,2 m abge-
schätzt. Nach Gl. (23) beträgt der Anteil der Wärme, der
2,5 · d1 = 2,5 · 6,75 = 16,9 cm < h/2 = 100/2 = 50 cm bei h = 2,5 m in zentrischen Zwang umgesetzt wird:

ist das Bauteil als dickes Bauteil einzuordnen. Der Ab- 0,2
k0 = 0,7 − = 0,55
stand der Primärrisse wird mit lcr = 1,2 · 4 = 4,8 m abge- 2,50, 3
schätzt. Nach Gl. (23) beträgt der Anteil der Wärme, der
bei h = 1 m in zentrischen Zwang umgesetzt wird: Gemäß Gl. (2) ergibt sich mit dem Wärmeausdehnungsko-
effizient αT = 10–5 K–1 eine behinderte Verformung von:
0,2
k0 = 0,7 − = 0,5
10,3 wbeh = 10–5 · 0,55 · 38 · 4200 = 0,88 mm

Gemäß Gl. (22) ergibt sich mit dem Wärmeausdehnungs- Mit der sich ergebenden Anzahl an Sekundärrissen von
koeffizient αT = 10–5 K–1 eine behinderte Verformung von:
⎛ 0,88 ⎞
n=⎜ − 1 ⋅ 1,1 = 2,8
wbeh = 10–5 · 0,5 · 28 · 4800 = 0,672 mm ⎝ 0,25 ⎟⎠

Mit Gl. (17) kann dann die Anzahl der erforderlichen kann die erforderliche Bewehrung ermittelt werden zu:
Sekundärrisse ermittelt werden:
28 ⋅1002 ⋅ 7,4 2 ⋅ 2,6 ⋅ (0,69 + 0.34 ⋅ 2,8) cm 2
a s,erf = = 36,2
⎛ 0,672 ⎞ 0,25 ⋅ 200.000 m
n=⎜ − 1⎟ ⋅ 1,1 = 2,6
⎝ 0,2 ⎠
Für die Schleusenkammerwand reicht folglich eine Min-
Auf der sicheren Seite liegend müsste das Ergebnis auf die destbewehrung von ∅ 28/15 cm (as,vorh = 41,05 cm2/m).
nächstgrößere natürliche Zahl aufgerundet werden. Auf- Die Bemessung nach DIN 1045–1 [13] ergibt eine
grund der vernachlässigten Viskoelastizität, des konserva- Mindestbewehrung von 62 cm2/m. Maßgebend wird auch
tiven Ansatzes von vollem Zwang und der Vernachlässi- hier die Rissbreitenbegrenzung im Wirkungsbereich der
gung der Dehnungen im ungerissenen Beton enthält das Bewehrung. Für die Zugfestigkeit wurde fct,0 = 3,0 N/mm2
Verfahren aber Sicherheiten, die eine kontinuierliche Be- angesetzt, da die Rissbildung nicht mit Sicherheit inner-
rücksichtigung des Ergebnisses erlauben. halb der ersten 28 Tage stattfindet.
Die erforderliche Mindestbewehrung kann mit
Gl. (20) unter Ansatz von Es = 200.000 N/mm2 ermittelt 4 Schlussfolgerungen
werden.
Die infolge der Verformungseinwirkungen entstehende
25 ⋅ 1002 ⋅ 6,252 ⋅ 2,2 ⋅ (0,69 + 0.34 ⋅ 2,6) cm 2 Zwangskraft in Stahlbeton- und Spannbetonbauteilen
a s,erf = = 29
0,2 ⋅ 200.000 m hängt von verschiedenen Faktoren ab. Ihre realistische
Abschätzung gehört zu den interessantesten Bemessungs-
Die Widerlagerwand benötigt folglich eine Mindestbe- aufgaben. Es geht hierbei einzig darum, die Verformungs-
wehrung von ∅ 25/15 cm (as,vorh = 32,7 cm2/m). kompatibilität unter Berücksichtigung der gewünschten
Nach DIN 1045-1 [13] kann das Bauteil als dickeres Gebrauchseigenschaften des betrachteten Bauwerks zu er-
Bauteil mit den Gleichungen 130a und 130b bemessen zielen. In den heutigen Massivbaunormen, national wie
werden. Maßgebend wird der Nachweis der Rissbreiten- auch international, wird davon ausgegangen, dass mit der
begrenzung im Wirkungsbereich der Bewehrung mit einer Aufnahme der Rissschnittgröße durch die Bewehrung ei-
erforderlichen Mindestbewehrung von 35,7 cm2/m. Zu be- ne sukzessive Rissbildung möglich ist und somit die Ver-
achten ist, dass eine Reduktion der Zugfestigkeit zum Riss- formungskompatibilität automatisch erreicht wird. Durch
zeitpunkt nach den Erkenntnissen in [7] nicht gerechtfer- den vom Tragwerksplaner zu wählenden Zeitpunkt der
tigt ist. Rissbildung und die mechanisch nicht immer nachvoll-
ziehbare Reduzierung der Risskraft bei dicken Bauteilen
Beispiel 3 schlichen sich jedoch Unsicherheiten in das Bemessungs-
Die 2,5 m dicke Kammerwand im Wasserwechselbereich konzept ein. Die zahlreichen Schäden, vor allem in Form
einer Schleuse wird in C25/35 ausgeführt. Die maximale, von Undichtigkeiten bei wasserundurchlässigen Konstruk-

84 Beton- und Stahlbetonbau 107 (2012), Heft 2


J. Bödefeld/R. Ehmann/D. Schlicke/N. V. Tue · Mindestbewehrung zur Begrenzung der Rissbreiten in Stahlbetonbauteilen infolge des Hydratationsprozesses

tionen wie weißen Wannen, verdeutlichen die Inkonsis- Schleuse Sülfeld–Süd. FuE-Bericht der König und Heunisch
tenz des heutigen Bemessungskonzeptes (vgl. auch Teil 1 Planungsgesellschaft mbH Leipzig im Auftrag der Bundesan-
dieses Beitrags [14]). stalt für Wasserbau Karlsruhe, Leipzig, 2009, unveröffentlicht.
Mit einem direkt auf der Verformungskompatibilität [6] Tue, N. V. und Schlicke, D.: Untersuchungen zum Rissab-
stand bei massiven Wand-Fundament-Systemen infolge der
basierenden Bemessungskonzept können die Schwächen
Beanspruchung aus der Hydratationswärme. Bericht der
des heutigen Konzeptes aufgehoben werden, da hierbei die König und Heunisch Planungsgesellschaft mbH im Auftrag
gesamte aufzunehmende Verformung berücksichtigt wird. der Bundesanstalt für Wasserbau Karlsruhe, Leipzig, 2009,
Die durch den Zwang behinderte Verformung ist in diesem unveröffentlicht.
Zusammenhang entscheidend, und nicht der Zeitpunkt [7] Bödefeld, J.: Rissmechanik in dicken Stahlbetonbauteilen
der Rissbildung. Die Rechenbeispiele zeigen, dass die mit bei abfließender Hydratationswärme. Mitteilungsblatt der
dem neuen Konzept ermittelte Mindestbewehrung im Er- Bundesanstalt für Wasserbau Nr. 92, Karlsruhe, April 2010.
fahrungsbereich liegt. Bei dünnen Bauteilen, in denen die [8] CEB-Bulletin d’Information: CEB-FIP Model Code 1990,
Verformungskompatibilität über die Primärrisse zu erzie- Design Code. London: Verlag Thomas Telford, 1993.
len ist, kann die von der Bewehrung aufzunehmende Kraft [9] Erläuterungen zu DIN 1045-1, DAfStb, Heft 525, Berlin, 2003.
auf die Rissschnittgröße zurückgeführt werden. Bei dicken [10] Fischer, A.: Modelluntersuchungen zur Ermittlung des
Rissabstandes dicker Bauteile aus Stahlbeton. Fortschritts-
Bauteilen, in denen der Rissprozess nur einen Teil des
berichte VDI, Reihe 4: Bauingenieurwesen, Nr. 118, Düssel-
Querschnitts umfasst, wird die Stahlspannung dagegen al- dorf: VDI Verlag GmbH, 1993.
lein von der zum Erreichen der Verformungskompatibilität [11] DIN EN 1992-1-1: Bemessung und Konstruktion von
erforderlichen Anzahl der Risse bestimmt. Dies unter- Stahlbeton- und Spannbetontragwerken – Teil 1-1: Allgemei-
streicht die mechanische Konsistenz des neuen Nachweis- ne Bemessungsregeln und Regeln für den Hochbau. Berlin,
konzeptes. Das neue Nachweiskonzept eröffnet ebenfalls Januar 2011.
die Möglichkeit, all die Einflüsse zur Reduzierung der [12] Zusätzliche Technische Vertragsbedingungen Wasserbau,
aufzunehmenden Verformungen (z. B. Reduzierung der Leistungsbereich 215, Beton und Stahlbeton, Bundesministe-
Frischbetontemperatur, Verwendung von Zement mit ge- rium für Verkehr, Bau und Wohnungswesen, Bonn, 2004.
ringer Wärmeentwicklung) bzw. Maßnahmen zur Erhö- [13] DIN 1045-1: Tragwerke aus Stahlbeton und Spannbeton,
hung der aufnehmbaren Verformung durch den Beton in- Teil 1: Bemessung und Konstruktion, Berlin, August 2008.
[14] Bödefeld, J.; Ehmann, R.; Schlicke, D. und Tue, N. V.:
folge seiner viskoelastischen Eigenschaften quantitativ zu
Mindestbewehrung zur Begrenzung der Rissbreiten in Stahl-
berücksichtigen. Dies fördert die Zusammenarbeit zwi- betonbauteilen infolge des Hydratationsprozesses. Teil 1:
schen Betontechnologen und Tragwerksplanern, die wir im Risskraftbasierter Nachweis nach DIN EN 1992-1-1. Beton-
Zusammenhang mit der Begrenzung der Rissbreite infolge und Stahlbetonbau 107 (2012), Heft 1, S. 32–37.
des Hydratationsprozesses unbedingt verbessern sollten.
Darüber hinaus kann die Frage nach der Überlagerung
zwischen frühem und spätem Zwang auf einer sicheren,
mechanischen Basis beantwortet werden.
Die neu gewonnenen Erkenntnisse fließen bereits in
das neue Merkblatt „Früher Zwang“ der Bundesanstalt für
Wasserbau ein.

Literatur
[1] Menn, Chr.: Zwang und Mindestbewehrung. Beton- und
Stahlbetonbau 81 (1986), Heft 4, S. 94–99.
Dr.-Ing. Jörg Bödefeld Dipl.-Ing. Rainer Ehmann
[2] Wiesner, R. und Grünberg, J.: Bauwerksmessungen an der
joerg.boedefeld@baw.de rainer.ehmann@baw.de
Schifffahrtsschleuse Bremen – Schleusensohle. Bericht Nr.
9834 des Instituts für Massivbau der Universität Hannover im Bundesanstalt für Wasserbau
Auftrag der Bundesanstalt für Wasserbau, Hannover, 2001, Referat Massivbau/Abteilung Bautechnik
unveröffentlicht. Kußmaulstraße 17
[3] Hennig, J.; Krauß, M.; Nothnagel, R.; Laube, M. und 76187 Karlsruhe
Gutsch, A.-W.: Rechnerische Untersuchung zur Zwangrissbil-
dung und Erstellung eines Bemessungskonzeptes am Beispiel
Schleuse Hohenwarthe Forschungs- und Entwicklungsbe-
richt 1476/2742 der MPA Braunschweig, im Auftrag der Bun-
desanstalt für Wasserbau, Braunschweig, 2004, unveröffent-
licht.
[4] Tue, N. V. und Schlicke, D.: Beanspruchung einer dicken
Bodenplatte infolge des Abfließens der Hydratationswärme –
Nachrechnung der Messungen an der Schleuse Sülfeld – Süd
mit dreidimensionaler FE-Modellierung. Bericht des Instituts
für Massivbau und Baustofftechnologie der Universität Leip-
Dipl.-Wirtsch.-Ing. Dirk Schlicke Prof. Dr.-Ing. habil. Nguyen Viet Tue
zig im Auftrag der Bundesanstalt für Wasserbau Karlsruhe,
dirk.schlicke@tugraz.at tue@tugraz.at
Leipzig, 2007, unveröffentlicht.
[5] Tue, N. V. und Schlicke, D.: Zwangbeanspruchung massiver Technische Universität Graz
Schleusenkammerwände infolge der Hydratationswärme – Institut für Betonbau
Messwerterfassung, Beanspruchungsanalyse und Nachrech- Lessingstraße 25/I
nung mit dreidimensionaler FE-Modellierung am Beispiel der 8010 Graz, Österreich

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