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Quelle: autotouring.

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Adresse: //www.oeamtc.at/autotouring/reportage/unser-neuer-kraftstoff-32515441
Datum: 03.07.2019, 11:38
Autoren: Alexander Fischer Christoph Löger

Unser neuer Kraftstoff


Er ist umweltfreundlich und aus nicht fossilen Rohstoffen hergestellt. Dank ihm
könnten wir unseren CO2-Ausstoß verringern, ohne unsere Mobilität oder die
bestehende Infrastruktur massiv umgestalten zu müssen.

Heute ist Freitag. Wir erwähnen das nur deshalb, weil gleich nebenan bereits ordentlich
getankt wird. Verflüssigter Hopfen und obergärig gebrauter Weizen rinnen aus den
Zapfhähnen, selten aber doch wird Hochprozentiges eingefüllt. Der hohe Verbrauch
überrascht uns ehrlich gesagt ein wenig, andererseits: Das lange Wochenende steht vor
der Tür, da kann es schon einmal vorkommen, dass bis zum Kragen angefüllt wird. Wie
dem auch sei, die Stimmung ist gut, Plauderei und Prahlerei steuern da drüben am
Stammtisch ganz offensichtlich dem Höhepunkt zu. Und natürlich kommt man immer
wieder aufs Auto zu sprechen.

Man kennt das ja: die neuesten Modelle, die diversen Antriebe, die Kosten – und
mittendrin, die dritte Runde Krügerl steht bereits kurz vor der Ablöse, fällt auf einmal
der gleichsam folgenschwer wie verschwörerisch formulierte Satz: "Und ich wett’ mit
euch, die haben sicher schon was im Schubladl liegen, mit dem wir zukünftig
supersauber unterwegs sein werden…"

Stille.

Supersauber bedeutet aus heutiger Sicht: klima- bzw. CO2-neutral. Sprich: Das, was
unsere Fahrzeuge an Emissionen ausstoßen, soll die Atmosphäre nicht zusätzlich
belasten.

Jeder Bereich kann und muss jetzt etwas dazu beitragen, um unsere Umwelt zu
schützen. Da ist kein Platz mehr für Konkurrenzdenken und irgendwelche
Befindlichkeiten.
Univ.-Prof. Dr. Hermann Hofbauer, Studiendekan Verfahrenstechnik, TU Wien.

Glossar: Was sind Bio-Kraftstoffe und E-Fuels?

"Alternative Kraftstoffe". Mit diesem Begriff werden Kraftstoffe, die nicht ausschließlich
fossilen Ursprungs (z.B. Erdöl) sind, zusammengefasst. Die folgenden Beispiele sind
nach dieser Definition alternative Kraftstoffe:

auto touring vor Ort

Wir wollen nun einen Blick in die nahe Zukunft werfen. In Pischelsdorf bei Tulln, rund 30
Autobahn-Minuten von der Wiener Landesgrenze entfernt, produziert die Agrana Stärke
GmbH aus minderwertigem Überschuss-Weizen und -Mais Bioethanol. Bioethanol ist ein
aus biologischen Rohstoffen gewonnener Alkohol, der als Bio-Kraftstoff verwendet
werden kann. Vorteil: eine deutlich reinere Verbrennung, weniger CO2, weniger
Feinstaub. Nachteil: Als sogenannter Bio-Kraftstoff erster Generation (siehe Technik-
Glossar oben) muss er sich fortwährend der Tank-oder-Teller-Diskussion stellen. Bitte
was?

Als Tank-oder-Teller-Diskussion wird jener Disput bezeichnet, der sich speziell bei Bio-
Kraftstoffen erster Generation entzündet – weil, drastisch formuliert, Essbares zur
Kraftstoff-Produktion verwendet wird (statt eben Lebensmittel daraus zu machen).

Angesprochen auf diesen ethischen Konflikt, begegnet man uns seitens der Agrana mit
dem Argument, dass in Pischelsdorf lediglich minderwertige Rohstoffe aus
Überproduktionen verarbeitet werden – und zwar zu 100 Prozent. Neben der Produktion
von Bio-Ethanol werden also auch Weizen-Gluten und -Stärke sowie ein Eiweiß-
Futtermittel gewonnen. Werfen Sie doch mit uns einen Blick hinter die Kulissen…

Agrana Stärke GmbH, Pischelsdorf/NÖ

Standortwechsel
Auch an unserem zweiten Schauplatz dieser Reportage, der BAG Ölmühle im
burgenländischen Güssing, wo Sojaöl als Basisprodukt für Bio-Diesel hergestellt wird, ist
der Tenor ähnlich: Das Öl für den Tank, der Rest für den Teller bzw. den Stall. Was nach
der Öl-Extraktion übrig bleibt, wird zu Futtermittel verarbeitet…

BAG Ölmühle, Güssing/Burgenland

Doch zurück zu den Bio-Kraftstoffen. Diese gelten nicht per se als Kraftstoff-Ersatz,
sondern vielmehr als Mittel zum Zweck. Ihre Vorteile kommen bereits zur Geltung, wenn
sie herkömmlichen Kraftstoffen nur beigemengt werden. In Österreich ist übrigens bei
Benzin eine fünfprozentige Beimengung vorgeschrieben, bei Diesel sieben Prozent.

ÖAMTC-Expertenbericht

Der ÖAMTC hat im "Expertenbericht Mobilität und Klimaschutz 2030" aufgezeigt, dass
hierzulande am Verkehrssektor mittels alternativer Kraftstoffe bis 2030 umgerechnet bis
zu 482.000 Tonnen CO2 eingespart werden könnten. Wichtig ist dies vor allem deshalb,
weil sich Österreich zur Erreichung der Pariser Klimaziele verpflichtet hat. Diese
besagen, dass wir bis 2030 unseren Treibhausgas-Ausstoß im Vergleich zu 2005 um 36
Prozent reduzieren müssen.

Wie also kann der CO2-Ausstoß reduziert werden? Zunächst einmal mittels Beimengung
biogener Kraftstoffe. Oberstes Ziel aber bleibt die CO2-Neutralität, die nur durch den
vollständigen Ersatz fossiler Rohstoffe erreichbar sein wird.

CO2-neutral bedeutet, dass die Verbrennung eines Kraftstoffs (z.B. im Motor eines
Autos) keinen Einfluss auf den CO2-Gehalt in der Atmosphäre hat. Es wird nur soviel
CO2 freigesetzt, wie zuvor für die Produktion benötigt wurde.

E-Fuels

Wir sind bei den Kraftstoffen der Zukunft, den E-Fuels, angekommen. Das sind, wie
erwähnt, Kraftstoffe, die nicht aus fossilen Rohstoffen, sondern komplett synthetisch mit
Energie aus regenerativen (d.h. sich nicht erschöpfenden) Quellen hergestellt wurden.
Kurz und knapp erklärt: Wasser wird dabei zunächst via Elektrolyse und danach unter
Zugabe von Kohlenstoff in mehreren Schritten zu einem flüssigen Energieträger
umgewandelt. Wobei das CO2 ebenso aus der Atmosphäre oder Industrieabgasen
stammen kann wie beispielsweise aus Bio-Reststoffen in Form von Müll oder
Klärschlamm. Aus dem flüssigen Energieträger kann dann beinahe jeder beliebige Erdöl-
Ersatz entstehen. Weil diese Derivate ganz gezielt optimiert werden können, werden E-
Fuels übrigens auch als Designer-Kraftstoffe bezeichnet.

Theoretisch und praktisch (in kleineren Versuchsanordnungen) funktioniert das bereits


recht gut, von der Massenproduktion sind wir allerdings noch ein gutes Stück weit
entfernt. Auch weil die politischen Rahmenbedingungen alles andere als darauf
abgestimmt sind und Förderungen fehlen, um die Forschung noch weiter vorantreiben
zu können (siehe Interview mit dem Wiener TU-Professor Dr. Hermann Bauer unten).

Möglicherweise fragen Sie sich nun: Wozu der ganze Aufwand? Und: Fahren wir
demnächst nicht sowieso alle mit Elektroautos von A nach B?

Nein, vermutlich nicht. Eher wird es ein Nebeneinander diverser Antriebs-Technologien


sein. Für die Beibehaltung tankbarer Alternativ-Kraftstoffe spricht außerdem, dass (a)
die bestehende Infrastruktur nur einer kostengünstigen Modifikation bedarf, um weiter
genutzt werden zu können, und (b) die soziale Komponente: Menschen, die sich den
Umstieg auf ein neues E-Fahrzeug nicht leisten können, bleiben dadurch weiterhin
mobil. Zudem könnten E-Fuels (c) künftig auch als Energie-Zwischenspeicher für z.B.
überflüssigen Windstrom dienen.

Zeitsprung und kühner Blick nach Österreich ins Jahr 2030: Klimaziele erreicht – Check.

Fazit-Interview: "Es muss etwas passieren"

– Am Stammtisch heißt es: "Die da oben haben doch sicher schon was im Schubladl
liegen, um das Klima zu retten." Sind das vielleicht die alternativen Kraftstoffe?
Dr. Hermann Hofbauer:Die Technologien für diese Sprit-Arten sind an sich ja bekannt.
Würde man politisch auch die Rahmenbedingungen setzen, würden die entsprechenden
Anlagen entstehen und der alternative Kraftstoff könnte produziert werden. Und in der
Fahrzeugproduktion müsste technisch gar nicht so viel umgestellt werden.
– Was hat der Endkunde an der Tankstelle von alternativen Kraftstoffen?
Dr. Hermann Hofbauer: Er trägt dazu bei, die Klima-Situation nicht vollends aus dem
Ruder laufen zu lassen. Diese Kraftstoffe können gezielt so hergestellt werden, dass ihre
Verbrennung viel sauberer abläuft als bei fossilen. Es gibt Messungen, wo sie zu 100
Prozent in den Tank gefüllt wurden, und der Betrieb des Motors war einwandfrei. Die
Emissionen waren deutlich geringer als bei fossilen Kraftstoffen.

– Denken Sie, dass sich eine der „neuen“ Antriebsarten – Elektro, Wasserstoff oder
alternative Kraftstoffe – dominant durchsetzen wird?

Dr. Hermann Hofbauer: Ich glaube, dass wir alle drei brauchen werden. Und ich sehe
auch keine wesentliche Konkurrenz zwischen diesen Varianten. Alle werden ihre
spezifischen Einsatzbereiche haben. Einiges kristallisiert sich ja schon heraus: Im
städtischen Bereich, wo ich eine große Dichte an Ladestationen installieren kann und
nur kurze Strecken fahre, ist die reine E-Mobilität definitiv sinnvoll. Fährt man wiederum
Langstrecken, wird’s wohl eher in Richtung herkömmlicher Antriebssysteme – sprich
Bio-Kraftstoffe – gehen müssen. Jeder Bereich kann und muss jetzt etwas dazu
beitragen, um unsere Umwelt zu schützen. Da ist kein Platz mehr für Konkurrenzdenken
und irgendwelche Befindlichkeiten.