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Wiener Festwochen

FREITAG, 17. MÄRZ 2019


SPEZIAL ÖSTERREICHS UNABHÄNGIGE
HERAUSGEGEBEN VONTAGESZEITUNG
OSCAR BRONNER € 1,50 |MAI
Nr. 2020
1399

„Diese Beilage ist selbst ein kleines Festival“

„Diese B e i l a g e i st s e l b st
ein kleines F e st iva l “

Foto: Shota Yamauchi aus Toshiki Okadas „Eraser Mountain“


e?
M ag az in zu ein em Festival, das abgesagt wurd
Ein weggründe.
te nd an t Ch ris to ph e Sl agmuylder erklärt die Be
In
Hilpold
INTERVIEW: Stephan

S
tandard: Die Wiener val auf die Beine stellen. Ein verschiedene Zeichen setzen. lichkeit zu erreichen. Der digi-
Festwochen finden nicht Festival ist immer ein besonde- tale Raum eignet sich wunder-
in der geplanten Form res Ereignis, bei dem ein ganz Standard: Sie setzen sie auch bar zur Archivierung und um
statt. Wie möchten Sie das eigener Erfahrungsraum eröff- digital – dabei sind Sie ein Skep- Experimente anzustellen. Zur
Publikum erreichen? net wird. Auch aus Respekt vor tiker von Online-Theater. Übertragung von Theater oder
Slagmuylder: Wir können keinen den vielen Künstlerinnen und Slagmuylder: Es ist derzeit die Live-Performances eignet er
Ersatz für das eigentliche Festi- Künstlern möchten wir aber einzige Möglichkeit, die Öffent- sich aber nicht.

Hauptsponsoren Sponsoren Fördergeber


F 2 | MAI 2020 wiener festwochen DER STANDARD SPEZIAL

Standard: Statt auf Perfor- nenten Austausch mit Künstle- müssen wir uns komplett neu tischen und wirtschaftlichen
mances setzen Sie auf sogenann- rinnen und Künstlern, die meis- orientieren? Krise ausgeweitet.
te „Gesten“. ten von ihnen über die Welt ver-
Slagmuylder: Genau. Wir haben streut. Decken sich ihre Ängste in Standard: Die Krise funktio- Standard: Wenn Sie heute auf
alle Künstler, die bei den heuri- dieser weltweiten Pandemie? niert wie eine Linse, die bereits ihr Programm schauen: Erken-
gen Festwochen aufgetreten wä- Slagmuylder: Manche Künstler vorhandene Probleme noch ein- nen Sie manche der Entwicklun-
ren, gebeten, uns für den Tag, an fallen in ein großes Loch. Ihr Le- mal vergrößert. Viele hat zum gen, durch die wir derzeit als Ge-
dem sie Premiere gehabt hätten, ben ist von einem Tag zum an- Beispiel der Rückzug ins Natio- sellschaft gehen, wieder?
eine digitale Botschaft zu schi- deren zum Stillstand gekom- nale überrascht ... Slagmuylder: Der Begriff des An-
cken (Details siehe Kasten). Eine men, und niemand weiß, wann Slagmuylder: ...oder wie schnell thropozäns war zentral in unse-
zweite Geste ist diese Beilage. es wieder Fahrt aufnehmen Grenzen hochgezogen wurden: rem Programm und damit der
Man wird schnell feststellen, kann. Viele sind mitten in ihrer Wir leben in einer Welt von Gedanke, dass die menschli-
dass es sich dabei um kein Ma- Arbeit unterbrochen worden Restriktionen, und es wird uns chen Bedürfnisse nicht die Ein-
gazin handelt, in dem Auffüh- und wissen nicht, ob es über- gesagt, dass es zum gesundheit- zigen sind, die zählen. Wir müs-
rungen beworben werden, son- haupt Sinn macht, dort weiter- lichen Wohle aller ist. Wenn wir sen als Gesellschaft das große
dern das hoffentlich ein eigen- zumachen, wo sie aufgehört ha- uns die Details anschauen, ent- Ganze im Blick haben. Ich habe
ständiges Leben entwickelt. Die ben. Werden wir in Zukunft stehen aber mehr und mehr heute Morgen mit Anne Teresa
Beilage ist selbst ein kleines Fes- wieder in einer kosmopoliti- Zweifel daran. Die Gesund- De Keersmaeker über unser Ver-
tival. Gemeinsam mit dieser schen Gesellschaft leben oder heitskrise hat sich zu einer poli- hältnis zur Natur gesprochen
Zeitung und verschiedenen und wie dieses durcheinander
Künstlern möchten wir ein Fo- geraten ist. Das Virus attackiert
rum der Reflexion schaffen. unsere Körper, unseren letzten
Eine gute Begleiterscheinung Rückzugsort. Wir sehen das bei-
dieser Krise ist, dass unser Tun de als Alarmsignal.
infrage gestellt wird und wir uns
austauschen müssen. Standard: Der Festivalbetrieb
hat in den vergangenen Jahren
Standard: Der Austausch ist eine Entwicklung der Globalisie-
nur unter erschwerten Umstän- rung durchgemacht. Werden die
den möglich. Diskussionen ba- Festwochen in Zukunft anders
sieren wie die darstellende Kunst konzipiert werden müssen?
auf physischer Interaktion. Slagmuylder: Wir werden anders
Slagmuylder: Was mir Sorgen be- arbeiten müssen als wir es in der
reitet, ist, dass die Künste in der Vergangenheit getan haben. Die
derzeitigen Krise nachrangig be- Festwochen stehen ja auch da-
handelt werden. Dabei spüren für, internationale Kunstschaf-
wir gerade jetzt, was einer Ge- fende in die Stadt zu holen. Die
sellschaft entgeht, wenn sie die Frage ist, wie können wir inter-
Künste vergisst. Wir können national und gleichzeitig nach-
zwar Filme anschauen und Bü- haltig sein. Ich glaube, wir müs-
cher lesen, aber der physische sen stärker daran arbeiten, dass
Austausch, der durch die und in Künstler länger in der Stadt blei-
der Kunst passiert, ist zentral für ben. Wir werden selbst wohl
Foto: Andreas Jakwerth

unser Leben. In der Kunst liegt auch weniger reisen, und wenn
keine Wahrheit, sie fördert aber wir es tun, versuchen länger zu
mit einer Pluralität an Stimmen bleiben. Als Festivalmacher
die Debatte darüber. Werden wird man aussieben müssen,
wir uns diesem intimen Aus- wen man einlädt, die Fülle von
tausch jemals wieder sorgenfrei heute wird nicht möglich sein.
hingeben können? Diese Frage Festwochen-Intendant Christophe Slagmuylder hofft, dass
beunruhigt mich. er manche Programmpunkte im Herbst nachreichen kann. Standard: Auf ihrer Homepage
schreiben sie „Damit Zukunft
Standard: Werden wir physi- möglich ist, braucht es Verände-
sche Schäden aus dieser Krise rung“. Sehen sie diese optimis-
davontragen? tisch oder pessimistisch?
Slagmuylder: Vielleicht bin ich
pessimistisch, aber werden
Gesten eines abgesagten Festivals Slagmuylder: Ich weiß nicht, ob
ich optimistisch bin, was die Re-
Menschen in Zukunft weiterhin Es ist das erste Mal seit 1951, zudem auf www.festwochen.at sultate anbelangt, aber dem Pro-
neugierig sein, sich körperlich dass die Wiener Festwochen und auf www.derstandard.at zess, der jetzt angestoßen wird,
ganz neuen Situationen auszu- nicht stattfinden. Gemeinsam einen Auftritt haben. Der dem stehe ich optimistisch
liefern? Werden sie Menschen mit dem Standard möchte Chronologie des Festivals fol- gegenüber.
wieder vertrauen können? Wir Intendant Christophe Slag- gend wird jedes Stück aus dem
verbringen jetzt alle sehr viel muylder aber einige Künstler, Programm virtuell angedeu-
spezial Festwochen
Zeit mit uns allein, wir werden die im Laufe der kommenden tet. Ob in Form von Textfrag- ist eine entgeltliche Einschaltung
kontrolliert und beobachtet, das fünf Wochen in Wien aufge- menten oder einer Lesung, ob in Form einer Medienkooperation
produziert Kollateralschäden, treten wären, mit dieser Beila- als Gespräch oder als musika- mit der
die wir nicht so schnell in den ge vor den Vorhang holen. Vie- lisches Fragment, entschei- Wiener Festwochen GesmbH.
Griff kriegen werden. le von ihnen – und noch eine den dabei die Künstlerinnen Die redaktionelle Verantwortung
ganze Reihe mehr – werden und Künstler selbst. (hil) liegt beim Standard.
Standard: Sie sind im perma-
DER STANDARD SPEZIAL wiener festwochen MAI 2020 | F 3
Foto: Carlos Spottorno

Manifester Auftrag für Kunstschaffende: Sie „haben nicht nur das Recht zu widersprechen, sondern die Pflicht dazu.“

Das Recht auf Kunstschaffen


Für die Uno hat die kubanische Künstlerin Tania Bruguera ein „Manifesto on Artists’ Rights“
verfasst. Höchste Zeit, es einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Hier einige Auszüge.
Tania Bruguera

K ein
ist kein Luxus. Kunst ist
unst
gesellschaftliches
Grundbedürfnis, auf das alle ein
dem Gesellschaftliches dekon-
struiert wird, um das Menschli-
che zu errichten.
Metarealität vor: eine potenziel-
le Zukunft, die in der Gegenwart
erlebt werden kann. Sie schla-
gen und dafür, sich über das
Denkbare hinwegzusetzen. Das
ist es, was nach Ablauf einer ge-
Recht haben. ~Künstler*innen haben nicht gen vor, etwas zu erleben, das wissen Zeit als Kultur an-
~Kunst ist eine Art, Gedanken nur das Recht zu widerspre- noch nicht da ist, eine Situation erkannt wird.
zu bauen, sich selbst besser ken- chen, sondern die Pflicht dazu. von „was wäre, wenn“. Daher
nenzulernen und gleichzeitig ~Künstler*innen haben nicht können sie nicht von Orten in
auch die anderen. Sie ist eine
sich ständig wandelnde Metho-
nur unter affektiven, morali-
schen, philosophischen und
der Vergangenheit beurteilt
werden, mit Gesetzen, die das
STECKBRIEF
dik für die Suche nach einem kulturellen Aspekten das Recht Etablierte bewahren wollen. Tania Bruguera
Hier und Jetzt. zu widersprechen, sondern ~Regierungen müssen aufhö- Die kubanische Künstlerin und
~Kunst ist eine Aufforderung auch unter wirtschaftlichen ren, Ideen zu fürchten. […] Aktivistin ist bekannt für ihre
zu hinterfragen; sie ist in einer und politischen. ~In sehr sensiblen Zeiten (Krie- Installationen und Perfor-
Gesellschaft der Ort für Zweifel, ~Künstler*innen haben das ge, Wandel der Legislative, poli- mances, in denen sie Macht-
für das Bedürfnis zu verstehen Recht, mit der Führungsmacht, tische Übergangszeiten) ist es strukturen aufbrechen möchte.
und das Bedürfnis, die Realität mit dem Status quo nicht ein- die Pflicht der Regierung, sys- Für Tania Bruguera ( geboren
zu ändern. verstanden zu sein. temkritische, hinterfragende im Jahre 1968) sind Kunst und
~Kunst ist nicht nur eine Äu- ~Künstler*innen haben das Stimmen zu schützen und si- politischer Alltag untrennbar
ßerung der Gegenwart, sie ist Recht, im Widerspruch respek- cherzustellen, denn es sind Zei- verbunden. 2002 nahm sie an
auch Aufruf zu einer anderen, tiert und geschützt zu werden. ten, in denen man Rationalität der Documenta 11 in Kassel
besseren Zukunft. Daher gibt es ~Regierungen von Ländern, in und kritisches Denken nicht ab- teil. Mehrmals bespielte sie die
nicht nur ein Recht, Kunst zu denen Künstler*innen arbeiten, schaffen darf, manchmal kön- Turbine Hall der Londoner
genießen, sondern auch jenes, haben die Pflicht, deren Recht nen aufkeimende Ideen nur Tate Modern. Braguera hätte
sie ausüben zu können. auf Widerspruch zu schützen, durch die Kunst an die Öffent- bei den Wiener Festwochen
~Kunst ist ein Gemeingut, das weil darin deren gesellschaftli- lichkeit gelangen. Ohne Gegen- ihre Arbeiten Eine Schule für
zum Zeitpunkt, wenn man es che Funktion liegt: kontrover- stimmen gibt es keine Möglich- Integration und Galilieo ge-
findet, nicht vollständig ver- sielle Dinge zu hinterfragen und keit voranzukommen. […] zeigt, beide werden 2021 zu se-
standen werden muss. Kunst ist anzusprechen. […] ~Künstlerischer Ausdruck ist ein hen sein.
ein Raum der Verletzbarkeit, in ~Künstler*innen schlagen eine Raum für Zweifel an Bedeutun-
F 4 | MAI 2020 wiener festwochen DER STANDARD SPEZIAL
Foto: APA / AFP / Mauro Pimentel

„#MascaraSalva“: Projektionen auf die Christus-Erlöser-Statue von Rio de Janeiro als Aufrufe zum Schutz vor Covid-19.

„Es ist ein völliges Chaos“


Die brasilianische Choreografin Alice Ripoll über Brasiliens gewaltige Probleme
bei der Bewältigung von Covid-19 unter einem „verrückten“ Präsidenten.
Helmut Ploebst

A
ngenehmes Wetter in Rio „Das tut er jedes Wochenende, ren oder zum Rücktritt kom-
de Janeiro, sonnig und wenn er Kundgebungen seiner men, aber das könnte dauern,
mild mit einigen Wolken. Unterstützer besucht. Er ermu- doch „in der Zwischenzeit ster-
STECKBRIEF
Ein Blick aus dem Wohnungs- tigt zu Versammlungen und ben, sterben, sterben die Men- Alice Ripoll
fenster der brasilianischen lässt Selfies mit sich machen. Er schen an Covid-19!“. Es gebe Bereits bei den Wiener Festwo-
Choreografin Alice Ripoll zeigt ist ein total verrückter Mann.“ viele ernste Probleme im Land: chen 2019 war sie mit ihrem
modernes Vorstadtambiente, im „Unsere Spitäler waren nie in Stück aCORdo zu Gast, über
Hintergrund bewaldete Hügel Mythos für junge Militärs gutem Zustand.“ Wer sich in Rio eine neue Arbeit, Lavagem,
des Tijuca-Nationalparks. An Nun beginnen auch Teile des ein privates Krankenhaus leis- hätte das Publikum 2020 tiefer
einem seiner Hänge kleben hun- Militärs, sich gegen ihn zu ten kann, ist definitiv im Vorteil. in ihre Kunst eintauchen kön-
derte Häuschen einer Favela. In stellen. Die Unterstützung für Die öffentlichen Krankenhäu- nen. Ripoll zählt zu den meist-
Wien sitzend aus einem Fenster Bolsonaro sinke zwar, berichtet ser sind so überlastet, dass die beachteten Choreografinnen
in Rio schauen zu können, das Ripoll, und „nicht alle in der Leute Schlange stehen müssen. Brasiliens. Erst wollte sie Psy-
ist die neue Normalität. Armee teilen seine Haltung“ be- Das zeige noch einmal, so Ri- choanalytikerin werden, ent-
In krassem Gegensatz zu die- züglich der Versammlungen. poll, „dass die ökonomischen schied sich aber während des
sem Ausblick stehen die Aus- Doch vor allem für junge und sozialen Unterschiede im Studiums für den Tanz. Die
sichten für die Bevölkerung. Militärs sei der Präsident zum Land dessen größte Probleme Ausbildung dafür erhielt sie in
„Ich mache mir Sorgen wegen Mythos geworden, eben wegen darstellen“. ihrer Geburtsstadt Rio de Janei-
der Situation hier in Brasilien“, seiner Verrücktheit und seiner Die soziale Ungleichheit hat ro bei Angel Vianna. Über Ver-
sagt Ripoll. „Die Nachrichten Art, zu sagen, was ihm gerade in die Verbreitung des Virus geför- mittlung einer NGO begann Ri-
sind nicht gut.“ Weil Präsident den Sinn kommt. dert: „Das Tempo der Verseu- poll 2007 mit jungen Männern
Nair Bolsonaro in Covid-19- Möglicherweise wird es zu chung ist bei uns viel höher als aus einer Favela zu arbeiten.
Zeiten so gerne Kinder umarmt? einem Amtsenthebungsverfah- in Europa. Reiche Leute reisen
DER STANDARD SPEZIAL wiener festwochen MAI 2020 | F 5

oft dorthin, daher ist das Virus werden als „schmutzig“ abge-
schnell zu uns gekommen.“ wertet – weißer Seifenschaum
Die breiten armen Schichten auf farbiger Haut: Wer ist „dirty“,
leben in schlechten Wohnver- was ist „clean“?
hältnissen. Viele Menschen auf Das Stück wirkt wie zuge-
engem Raum in kleinen Häu- schnitten auf die derzeitigen
sern, ohne sanitäre Anlagen, Desinfektionsrituale.
kein Geld für Desinfektionsmit- „Ein verrückter Zufall“, meint
tel oder auch nur Seife. Ripoll. „Die Idee kam Anfang
Alice Ripoll kennt das Leben des Vorjahres von einem unse-
in den Favelas von Rio, weil sie rer Tänzer, und wir haben Ende
mit Tänzern arbeitet, die aus November mit der Entwicklung
diesen Slums kommen. „Ihnen des Stücks begonnen. Es geht
geht es gut, aber in Quarantäne wirklich um Reinigung, Zusam-
leben zu können, das ist hier ein mensein und Feiern.“
Privileg.“ Die Regierung verteile
zwar Geld, aber das erreicht Unbewusster Bilderfluss
nicht alle. Man braucht eine Lavagem hatte ursprünglich
App dafür, aber viele Leute keinerlei Verbindung mit Co-
haben kein Smartphone – „es ist vid-19, „aber jetzt müssen wir
ein völliges Chaos.“ das Stück mit neuen Augen be-
Am Stichtag 11. Mai gab es trachten“. Was bleibt, ist das
rund 168.000 Infektionen und soziale Thema: Wer in einer
über 11.500 Covid-19-Tote in Favela geboren ist, lebt fern von
Brasilien. Die wirklichen Zah- Mobilität oder höherer Bildung.
len seien aber nicht bekannt, Ripoll selbst hatte Glück. Sie
sagt Ripoll, weil auch nicht viel befand sich in einer Ausbildung
getestet werde. Also seien die zur Psychoanalytikerin, bevor
Dunkelziffern sehr hoch. Einer sie sich für den Tanz entschied
ihrer Tänzer habe gemeint, dass und die Universität verließ.
es immer noch mehr Tote bei Ein Freundeskreis von da-
Schusswechseln in seiner Fave- mals ist ihr geblieben, mit dem
la gebe als durch das Virus. sie sich im Austausch – auch
über ihre künstlerischen Arbei-
Schusswechsel flauen ab ten – befindet. „Diese Reflexio-
Die für die Favelas zuständi- nen sind mir sehr wichtig. Und
gen Polizeikräfte unterstehen ich selbst gehe sicherlich bereits
Foto: Renato Mangolin

dem Bundesstaat Rio de Janeiro, seit zwanzig Jahren zur Psycho-


der von Gouverneur Wilson analyse.“
Witzel vom fundamentalistisch- Daher messe sie ihren Träu-
evangelikalen Partido Social men oder auch dem „unbewuss-
Cristão regiert wird. Unter Wit- ten Fluss von Bildern oder Ge-
zel „nahmen die Auseinander- danken große Bedeutung bei“.
setzungen zwischen der Polizei Die Tänzerinnen und Tänzer bei Alice Ripolls neuem Stück Das macht einen wichtigen As-
und den Drogenhändlern zu“, „Lavagem“ sind allesamt in den überfüllten Favelas der pekt ihres Schaffens aus.
aber jetzt seien diese Kämpfe brasilianischen Metropole Rio de Janeiro geboren. Zum Thema Klimawandel
etwas abgeflaut, berichtet die zeigt die Choreografin eine ge-
Choreografin. wisse Distanz. Ja, mit Bolsonaro
Außerhalb von Rio ist der sei der Schutz der Umwelt ein-
Bundesstaat Amazonas überra- seit Beginn der Epidemie von ge ins Internet zu stellen, und gebrochen, wegen dessen Ver-
schend stark betroffen. In Ama- der Bildfläche verschwunden. bekommt dies auch honoriert. bindungen zur Agrarindustrie.
zonas’ Hauptstadt Manaus kam Grund zur Besorgnis für die Staatliche Subventionen er- Aber hier stößt die Künstlerin
es bereits Ende April zum Zu- Künstler des Landes. Es gebe halten die beiden Tanzcompa- an ihre Kapazitätsgrenze. „Zwei
sammenbruch des Kranken- Unterstützung für einige, aber nys – Cia REC und Cia Suave –, Tanzcompanys, die eine mit
haus- und Bestattungssystems. lediglich je etwa 100 Euro, und die Ripoll leitet, nicht, weder sechs, die andere mit zehn Tän-
Todesopfer werden in Mas- zusätzlich Kleinbeträge von di- vom Staat Brasilien noch von zern, ein vierjähriger Sohn und
sengräbern beigesetzt. Auch die versen Kulturvereinigungen. der Stadt Rio. „Keine Unterstüt- eine kleine Tochter … also, ich
indigene Bevölkerung ist als Mi- Alice Ripoll sollte jetzt eigent- zung. Wir sind völlig unabhän- muss wählen, worauf ich mich
norität zunehmend von Covid- lich gar nicht zu Hause sein, gig“, stellt Ripoll trocken fest. konzentrieren kann.“
19 betroffen. „In den ärmsten sondern auf einer großen Tour- Nur zum ersten Stück der Cia Sie lächelt etwas verlegen.
Gegenden sterben im Verhältnis nee. Diese hätte auch nach Wien Suave kam etwas Geld von Die vielen sozialen Probleme
mehr Menschen“, stellt die geführt, wo sie bei den Festwo- einem brasilianischen Tanzfes- Brasiliens ziehen ihre Aufmerk-
Künstlerin fest. Der Höhepunkt chen ihr Stück Lavagem zeigen tival. „Wir leben davon, unsere samkeit auf sich, und „sie sind
der Erkrankungen soll Medien- wollte. Anfang Mai wäre die Ur- Stücke zu verkaufen“, also von dringlicher für mich“. Jair Bol-
berichten zufolge nun im Mai aufführung in Brüssel gewesen. Aufführungen und Tourneen. sonaro habe, berichtet sie ab-
erreicht werden. Wegen ihrer Verbindungen Der Inhalt der Tanzperfor- schließend, viel Geld von Uni-
Die neue brasilianische zu Europa ist die Lage für Ripoll mance Lavagem („Waschen“) ist versitäten abgezogen. Jetzt, in
Kulturstaatssekretärin Regina besser als für viele ihrer Kolle- politisch: Wer reinigt wessen der Covid-19-Krise, könne man
Duarte (73), eine populäre gen. Von etlichen Organisatio- Wohnungen, Büros und Stra- sehen, wie wichtig wissen-
Telenovela-Schauspielerin, sei nen wird sie eingeladen, Beiträ- ßen, welche Art von Körpern schaftliche Forschung sei.
F 6 | MAI 2020 wiener festwochen DER STANDARD SPEZIAL

Der Verwundbare
Der Regisseur und Autor Boris Nikitin kritisiert, dass im Getriebe um die Pandemie die
Meistgefährdeten selbst keine Stimme erhalten. Warum werden sie entmündigt?
Boris Nikitin

A
ls Begründung für den über zu verbergen gilt. Das Ge-
Lockdown stand in den fühl der eigenen Verwundbar-
letzten Wochen oftmals keit koppelt sich dabei an das,
der Schutz der „verwundbars- was wir fürchten und wovor wir
ten Mitglieder“ unserer Gesell- uns zu schützen versuchen. Die
schaft an vorderster Stelle: Verwundbarkeit wird so selbst
älterer und kranker Menschen, zu einem Gegenstand der Angst:
die dem Virus am meisten und, der Angst vor den anderen, vor
so die Argumentation, schutzlos der Realität, der Angst vor „dem,
ausgeliefert sind. was kommt“. Das Resultat ist
Mir ist aufgefallen, dass gera- eine gefühlte Ohnmacht. Wo die
de die Stimmen dieser Men- Menschen sich ängstigen, zie-
schen in den öffentlichen Aus- hen sie ihre Körper zurück und
einandersetzungen mit der Pan- hinterlassen ein Schweigen.
demie kaum eine Plattform er- Verwundbarkeit als Form des
halten. Sie kommen lediglich im Souveränitätsverlusts.
privaten Rahmen vor. So mein- In der gegenwärtigen Situa-
te meine Mutter beispielsweise tion ist es wichtig, nicht zu ver-
unlängst, dass sie sich von der gessen, dass Verwundbarkeit
Politik plötzlich als „alt ge- nicht nur ein Mangel, sondern
macht“ empfinde, und entdeck- ganz im Gegenteil auch als eine
te den Begriff der „Altersdiskri- wichtige, wenn nicht sogar die
minierung“. zentrale Fähigkeit verstanden
werden kann, die den Men-
Die Entwertung der Alten schen als politisches Wesen
Die 90-jährige Großmutter und damit als Menschen aus-
eines Freundes wiederum sorgt macht. Merkmal dieser „vulner-
sich seit Wochen darum, dass ability“ ist die Fähigkeit, sich
sie im Falle einer Erkrankung öffentlich zu äußern, sich vor
nicht mehr als relevant einge- anderen körperlich oder verbal
stuft würde. Mein chronisch zu exponieren, sich sichtbar
Foto: Donata Ettlin

schwer erkrankter Vermieter und angreifbar zu machen, sich


verschanzt sich seit Wochen zu outen, soziale und letztlich
notgedrungenermaßen in seiner politische Teilhabe auszuüben
Wohnung, der Kontakt mit dem und dabei die eigene alltägliche
Virus wäre für ihn vermutlich Angst, und sei es auch nur ein
tödlich. Doch auch seine Stim- Nach dem Tod seines Vaters liest Boris Nikitin in seinem bisschen, zu überwinden. Die-
me kommt im öffentlichen Dis- Stück „Versuch über das Sterben“ live auf der Bühne. ses Teilen von individueller
kurs zu Covid-19 nicht vor. und gemeinsamer Verwundbar-
Über die „verwundbarsten keit ist die Grundlage der Soli-
Mitglieder“ wird viel gespro- darität, die in den letzten Wo-
chen, selbst zu Wort kommen chen von so vielen gefordert
sie kaum. Verwundbarkeit wird STECKBRIEF wurde. Nur wenn die einen von
so durch die mediale Öffentlich- sich erzählen, können andere
keit zu einem fast schon kindli- Boris Nikitin sagen: So geht es mir auch.
chen Zustand reiner Schutzbe- Dass es zur gesellschaftlichen Gesundheit gehört, sich mit Es wird in den nächsten
dürftigkeit reduziert, zu der das den Krankheiten, mit Leiden und Ableben, Verletzlichkeit Wochen, in welchen der Shut-
Attribut der Mündigkeit, also und Schwäche auseinanderzusetzen, ist ein zentraler Inhalt down nun mehr und mehr gelo-
der Fähigkeit, sich äußern und von Boris Nikitins künstlerischer Arbeit. 1979 in Basel ge- ckert werden soll, ganz wesent-
eigene Entscheidungen treffen boren, studierte der Regisseur und Autor in Gießen Theater- lich sein, dass die Menschen,
zu können, nicht passen will. wissenschaft. Nun leitet er neben seiner künstlerischen die von der Pandemie körper-
Warum ist das so? Arbeit das von ihm gegründete Festival It’s The Real Thing lich nach wie vor am meisten
In unserer wettbewerbsge- – Basler Dokumentartage. Zu seinen vielbeachteten per- betroffen sind und sein werden,
prägten Gesellschaft haben wir formativen „Real Things“ gehörten bisher etwa ein realer zu einer Stimme finden und
gelernt, unsere Verwundbarkeit Gottesdienst (how to win friends & influence people, 2014) ihnen hierfür auch die dafür
eher als Mangel und Nachteil zu oder ein – echtes – Bühnen-Intendantenvorsprechen (2015). gebotene Öffentlichkeit zuteil-
begreifen, die es anderen gegen- wird.
DER STANDARD SPEZIAL wiener festwochen MAI 2020 | F 7

Die Entschleunigerin
Als Künstlerin und Choreografin bricht Maria Hassabi das Tempo beim Aufführen
und Anschauen von Performances auf ein menschliches Maß herunter.
Helmut Ploebst

B
ei den Festwochen 2020 lichkeit“ ihrer Tänzer „in eine
hätte die zypriotisch-ame- Situation, die sich für sie unan-
rikanische Choreografin genehm anfühlt“. Erreicht wird
Maria Hassabi mit und in der das nicht nur durch Langsam-
Wiener Secession eine Perfor- keit, sondern auch über die An-
mance-Installation mit dem Ti- strengung, bestimmte Körper-
tel Times zeigen sollen. positionen zu halten.
„Gemeint war ,Times 2020‘“, So positioniert sich Hassabi
sagt sie. „Wenn die Arbeit im Spektrum der Theoriedebat-
nächstes Jahr gezeigt wird, dann te um die politische Bedeutung
schreiben wir 2021.“ Bis dahin der Entschleunigung eindeutig
werden sich die Zeiten geändert auf der Seite etwa von Hartmut
haben. Für Hassabi ist es Rosa.
schwierig, über ein Werk zu
sprechen, das nicht wie geplant Ohne rasenden Stillstand
stattfinden kann: „Wer weiß, Der deutsche Soziologe pu-
was in dem Jahr bis zur Auffüh- bliziert seit Jahren über die
rung passieren wird?“ Zusammenhänge zwischen Be-
Seit mehr als einem Jahrzehnt schleunigung und Entfremdung
arbeitet die Künstlerin unter der – in Opposition zur Bewegung
Prämisse der Entschleunigung – der „Akzelerationisten“ mit Ver-
eher als schöpferische Refle- tretern wie Nick Land und Nick
xion denn als Lebensprinzip. Srnicek oder in Berlin Armen
Denn sie selbst, sagt Hassabi, sei Avanessian. Sie entwickelten
und arbeite eigentlich schnell. um 2013 die Idee, die Herrschaft
der Beschleuniger durch Vor-
Zeit haben, um zu verstehen griffe auf die Zukunft ad absur-
Ihre Konzentration auf Ent- dum zu führen.
schleunigung „begann 2009 als Die Auseinandersetzung zwi-
meine Reaktion vor allem auf schen Be- und Entschleunigern
die Performance und natürlich im Tanz gelangte vor rund 15
Foto: Thomas Poravas

auf das Alltagsleben. Wenn ich Jahren an einen Wendepunkt,


Performance sage, meine ich der sich in Hassabis Werk
Tanz. Ich wollte, dass die Leute exemplarisch niederschlug.
innehalten. Ich wollte sie ge- Damals legte die Wirtschaft, be-
nauer anschauen und Zeit ha- dingt durch die Hyperakzelera-
ben, um zu verstehen. – Es ist Hetzen war gestern progressiv. Heute ist’s die Philosophie tion der digitalen Technologie,
darauf hinausgelaufen, dass ich von Qualität und Verlangsamung wie bei Maria Hassabi. noch einen Zahn zu: Immer
das für mich selbst gemacht schneller rasen seither Bilder
habe.“ über die Displays und Screens,
Dafür ließ Maria Hassabi Bil- aus dem Schauen wird perma-
der in ihre Arbeiten einfließen. nente Stimulanz.
Bilder, begründet sie, geben den STECKBRIEF Das genaue Gegenteil ist bei
Betrachtern „Zeit und Raum“ Maria Hassabi zu erleben. Ihre
für ihre eigenen Projektionen. Maria Hassabi Figuren reizen – etwa in Werken
Übersetzt man Bilder in Perfor- Sie pendelt normalerweise zwischen New York und Athen, wie SlowMeDown, Plastic oder
mances, kommen immer Table- doch in Zeiten der Pandemie zieht es die Choreografin vor, Chandeliers – zum genauen
aux vivants heraus. Und das er- in der griechischen Hauptstadt zu bleiben. Zur Welt gekom- Schauen. Eine Herausforderung
schien ihr nur wenig relevant. men ist Maria Hassabi 1973 in Nikosia, mit 16 übersiedelte für das Publikum, das etwa Plas-
Sie bevorzugte die „Bewegung sie nach Los Angeles und studierte an der CalArts-Kunst- tic 2015 im New Yorker MoMA
von einem Ort der Stille zum hochschule. 1994 zog es sie nach New York, wo sie sich mit erleben konnte.
nächsten“ und die Möglichkeit, der zeitgenössischen Szene auseinandersetzte. Hier entstan- Darüber hinaus brachte Has-
durch langsame Bewegung Brü- den Frühwerke wie Lights (2001) oder Still Smoking (2006). sabi das Innehalten bisher unter
che im Ablauf zu vermeiden. Zu ihren wichtigsten Stücken und Installationen zählen anderem zur Documenta14 in
Weil sie den Eindruck nar- Solo/SoloShow (2009), Chandeliers (2012), Premiere (2013) Kassel, aber auch ins Pariser
zisstischer Auftritte vermeiden und das Performance-Diptychon Staged?/Staging (2016/17). Centre Pompidou oder ans Ams-
wollte, brachte sie die „Körper- terdamer Stedelijk Museum.
F 8 | MAI 2020 wiener festwochen DER STANDARD SPEZIAL
Foto: Goya, „Señora Sabasa Carcía“, 1804

Poetische Bande zwischen Goyas Ministernichte Sabasa García (Bild) und der 1954 ermordeten Arbeiterin Catarina Eufémia.

Töten als Familientradition


In „Catarina oder von der Schönheit, Faschisten zu töten“ fragt sich Tiago Rodrigues, inwiefern
Gewalt im Kampf gegen Populismus hilft. Und er überlegt, wie Theater nach Covid-19 aussehen kann.
INTERVIEW: Margarete Affenzeller

STANDARD: Ihr Stück „Catari- STANDARD: Wann kann das national touren und damit 2021 Regeln, sodass wir am Theater
na“ basiert auf der Idee, in die Stück Premiere haben? auch nach Wien kommen. Der- Geheimnisse und Schönheit auf
Realität einzugreifen. Jetzt hat Rodrigues: Wir planen die Pre- zeit sitzen wir auf einem Haufen die Bühne holen müssen, sobald
die Realität zugeschlagen, bevor miere für September in Portugal. von Notizbüchern. Am 20. Mai wir sie wieder betreten dürfen.
es Premiere haben konnte. Wie Ab Oktober wollen wir inter- sollen die Proben wieder star- Catarina wird also kein Stück
beschreiben Sie unser Verhältnis ten. Ich wollte das Stück wäh- werden, das in der Gegenwart
zur Wirklichkeit heute? rend der Quarantäne fertig- spielt, sondern in der nahen Zu-
Rodrigues: Ich denke, dass die
Medienwelt heute eine große
STECKBRIEF schreiben, aber wir sind alle von
Unruhe umgeben. Ohne Ruhe
kunft. Es wird ein Versuch, uns
selbst in eine ungewisse, speku-
Tabula-rasa-Fläche bietet, auf Der portugiesische Regisseur entsteht keine Poesie. lative Zukunft zu projizieren, in
der sich jeder seine eigene Tiago Rodrigues (43) ist einer eine Zeit, die sich nicht auf Fak-
Realität kreieren kann. Zugleich der profiliertesten Theater- STANDARD: Wie hat die Krise ten aus der Zeitung oder auf die
sehen wir, dass diese Pandemie macher Europas. Seine Anfän- bisher inhaltlich auf das Stück Straßen da draußen bezieht.
wie durch ein Brennglas all jene ge als Schauspieler in basis- gewirkt?
Probleme schmerzhaft zum Vor- demokratisch organisierten Rodrigues: Was ich jetzt weiß, STANDARD: Der ursprüngliche
schein bringt, mit denen wir seit Gruppen wie beispielsweise ist, dass wir das Stück, das in Plot erzählt von einer Familien-
Jahrzehnten auf eher ignorante der belgischen Formation seiner thematischen Setzung tradition, die es für jedes Mitglied
Art umgegangen sind, vor allem tgSTAN haben sein kollaborati- recht konkret ist, nicht mehr so vorsieht, einen Faschisten zu tö-
die soziale Klassifizierung. ves Verständnis von Theater- explizit werden machen können ten. Hat sich das geändert?
Auch die Klimakrise: Sie wird schaffen geprägt. Seit 2015 ist wie geplant. Es geht darin ja um Rodrigues: Nein. Diese Erzäh-
von Corona verdrängt, aber er Direktor des Nationalthea- die enorme Ohnmacht gegen- lung ist gleich geblieben. Es ver-
auch beleuchtet. Derzeit erle- ters in Lissabon. 2018 erhielt er über populistischer Politik und ändert sich weniger die Story als
ben wir die Generalprobe für die den Europäischen Theaterpreis faschistischen Tendenzen. Jetzt die Art, wie wir sie erzählen. Die
Art von Krisen, die uns bis zum für neue Realitäten. Sein Stück aber ist die Zeit gekommen, den Pandemie hat die Geschichte
Lebensende beschäftigen wer- Caterina... wird 2021 bei den Menschen die Poesie zurück- übertroffen. Wir müssen uns
den. Wir müssen also am Thea- Festwochen gezeigt. zugeben. Alles ist derzeit so in eine postpandemische Zeit
ter die Zukunft befragen. schwarz-weiß, mit so strengen imaginieren, in eine Zeit, in der
DER STANDARD SPEZIAL wiener festwochen MAI 2020 | F 9

Dinge möglich geworden sein Songs. Ich baue dabei auf italie-
werden, die wir nie als real nischen Arbeiterinnenliedern
eingestuft hätten, sondern eher aus der antifaschistischen Be-
mit Katastrophenszenarien aus wegung auf. Diese Lieder ge-
Hollywood-Filmen verbinden. meinsam zu singen wird das
Erste sein, was wir beim Wieder-
Standard: Was wird in „Cate- sehen machen werden. Wir
rina“ also passieren? haben in der Zeit der Isolation
Rodrigues: Wir fragen danach, auch Verschiedenes auf Distanz Regisseur Tiago
inwiefern Gewalt taugt als Reak- probiert – aber die Wahrheit ist, Rodrigues will den
tion auf populistische Politik, nichts, gar nichts kann die phy- Menschen nach
die die Demokratie aushöhlt sische Präsenz ersetzen. der Pandemie die
und die in ihrem Namen rechts- Poesie zurückgeben.
radikal agiert, oft inspiriert von STANDARD: Sie sind Direktor des „Catarina“, sein
faschistischem Gedankengut. Nationaltheaters in Lissabon. jüngstes Stück, ist auf
Die Frage ist mir sehr wichtig, Wie ist bei Ihnen die Lage? 2021 verschoben.
denn die Wirtschaftskrise, die Rodrigues: Die oberste Priorität Foto: Franzi Kreis
auf Corona folgen wird, wird neben der Gesundheit war für
auch den Nährboden für rechts- mich, dass wir allen, mit denen
radikale Machthaber bereiten. wir arbeiten, seien sie frei oder
Populisten sind eine globale angestellt, von Technikern bis
Bedrohung; sie benutzen Demo- Künstlerinnen, die Honorare zu
kratie, um dieselbe zu zerstören. 100 Prozent auszahlen. Das ist
Wie kann das verhindert wer- budgetär sehr hart, aber ich bin
den? Das ist unsere Frage. überzeugt, dass es das beste STANDARD: Wie wird Theater im er sie berührt? Wie werden wir
öffentliche Service ist, das wir Herbst aussehen? eine Berührung am Theater ein-
STANDARD: Wie haben Sie bis- unserem Land bieten können. In Rodrigues: Wir diskutieren ordnen? Wir werden aus dem
her weitergearbeitet? Portugal gibt es keine gute Ab- derzeit die roten Linien: Wird Häuschen sein! Wie lange wer-
Rodrigues: Da ich derzeit, wie sicherung für Künstler. Da wir Richard III. Lady Anne künftig den wir die Regeln befolgen?
vorhin erwähnt, keine Szenen eine öffentliche Institution sind, aus drei Meter Entfernung ver- Die nächsten Monate werden
schreiben kann, schreibe ich sehe ich es als meine Pflicht an. führen müssen? Und was, wenn gewiss neue Weichen stellen.

Inserat
GLÜCK ISTCasinos
EIN ABEND, DEN MAN
NIE VERGISST
„Glücksspiel mit Verantwortung“ ist Leitgedanke für alle unsere wirtschaftlichen Aktivitäten. Die gesellschaftliche Verantwor-
tung von Casinos Austria geht daher weit über den Spielerschutz hinaus. Kultur-Sponsoring wurde schon mit der Unterneh-
mensgründung 1968 in der Unternehmensphilosophie verankert. Wir ermöglichen einen niederschwelligen Zugang zur Kultur,
stärken die österreichische Identität und tragen dazu bei, dass Österreich ein Kulturland bleibt. Und schaffen damit für viele
Menschen unvergessliche Augenblicke des Glücks. Auch im Rahmen der Wiener Festwochen – seit 1968.
Weitere Infos unter www.sponsoring.casinos.at
F 10 | MAI 2020
wiener festwochen
DER STANDARD SPEZIAL

M. Selg, Comic „Ultraworld“, 2020; Foto: Julian Röder


DER STANDARD SPEZIAL wiener festwochen MAI 2020 | F 11

Hallo, Kind.
Bist du wach? Susanne
Kennedys Blick
auf die Welt:

Es ist Zeit ...


„Was mich
überhaupt nicht
interessiert, ist
Ironie“, behaup-
tet sie. Doch die
Ein Comic der gefeierten deutschen Regisseurin Ironie scheint
sich für sie zu
Susanne Kennedy und ihres künstlerischen Partners interessieren.
Markus Selg erlaubt einen Blick in deren „Ultraworld“, Foto: Franziska Sinn

einen Weltentwurf für dauerhaft Unerwachsene.


Helmut Ploebst

L
oslassen können ist eine etwas hindert uns immer daran,
Option. Vielleicht, um ein erwachsen zu werden und wirk-
Frank zu werden. „Hello, lich zu leben“, meinte Susanne
Frank, are you awake?“, fragt ein Kennedy in einem Gespräch
Mädchen aus dem Off einen über ihr Stück The Virgin Sui-
Mann mit VR-Brille. Der medi-
tiert in einer von Susanne Ken-
cides, das 2018 bei den Wiener
Festwochen zu sehen war. »Die Kammern für Arbeiter
und Angestellte und die
Inserat
nedy zusammen mit dem bil- Den Schritt zum Erwachsen-
denden Künstler Markus Selg sein habe auch sie erst spät voll-
generierten Ultraworld. zogen, gibt die 1977 in Fried-
Selg hat uns eine Botschaft
aus Ultraworld (siehe das Comic
richshafen geborene Regisseu-
rin zu. Irgendwann zwischen 30
Bundeskammer für Arbeiter
links auf S. 10) zur Verfügung und 40 habe sie aufgehört, „auf
und Angestellte sind berufen,

AK
gestellt. Darin gestattet er einen andere zu warten, andere zu be-
Blick auf jenen Ort, den das
Künstlerduo in seinem jüngsten
schuldigen oder sich an anderen
zu orientieren“. die sozialen, wirtschaftlichen,
Werk als vorapokalyptische
Cyberhalluzination vorgaukelt. ... oder schon ein Traum? beruflichen und kulturellen
Interessen der Arbeitnehmer
„Das Theater muss kosmisch Als Künstlerin setzt Kennedy

Wien
sein“, sagt Kennedy. Ihres ist cyberfeministische Visionen
auch komisch. „Come on, Frank, (Women in Trouble, 2018) in
it’s time“, heißt es, als Frank –
im Promovideo für das Stück –
Szene, überträgt ihre Faszina-
tion für Ablebensprozesse auf
und Arbeitnehmerinnen zu
abhebt und ins Pink eines letz-
ten Tunnels gleitet, während die
die Bühne (vor The Virgin Sui-
cides etwa in Orfeo – eine Sterbe- vertreten und zu fördern.«
echte Welt draußen von einer übung, 2015) oder lockt ihr Pu- ARBEITER
höhnischen Sonne gedörrt wird. blikum aus unser aller Sicher- KAMMER
heitsdenken: „Du weißt nicht, GESETZ
Ist es noch kosmisch ... ob du deiner eigenen Wahrneh-
Selg und Kennedy bereiten mung trauen kannst.“
den Auftritt ihrer virtuellen Daher sollte man bei ihren
„Welt“ als Trip in ein psychede- üppig bunten Arbeiten nie
lisches Paradies auf. „Das Ziel sicher sein, ob man tatsächlich
dieser Reise ist Ekstase“, schrieb noch in einem Theater sitzt oder
Timothy Leary. „Falls dir Zwei- vielleicht doch schon in einen
fel kommen, schalte den Geist Traumraum gebeamt wurde.
ab, entspanne dich, lasse dich Besser gesagt, in ein virtuell-
mit dem Strom treiben.“ analoges Zwischenreich, wo ein
Wer nicht erwachsen werden Gespenst – zum Beispiel das der
will, hört so etwas gerne. „So le- Kommerzkultur – Zauberkunst- kultur.arbeiterkammer.at
ben wir eigentlich alle. Irgend- stückchen vorführt.
F 12 | MAI 2020 wiener festwochen DER STANDARD SPEZIAL

Eine Zeit ohne Zuschauer


Zwei Auszüge aus Toshiki Okadas „Eraser Mountain“

1
Die Menschen hatten also eine irre lange Zeit vorzustellen,
diese Sache, die man Zeit aber das war auch das Maxi-
nennt, und für die Men- mum, und trotzdem war die Zeit
schen war diese Zeit ein Pro- für sie noch ein Problem. Aber
blem. Mit anderen Worten, fast das ist für die Menschen eine Der Wiener
alle Probleme für die Menschen unveränderliche Begrenzung, Performer und
basierten eigentlich auf Zeit, so da kann man nichts machen. Künstler
ein riesengroßes Problem war Michikazu

2
die Zeit für die Menschen. Und Die Gräser und Bäume, die Matsune stellt
der Grund dafür, dass die Zeit im sanften Wind rausch- die Verbindung
für die Menschen nun so ein ten, hatten kein Publikum. zwischen einem
Riesenproblem war, ist, dass sie Der Himmel und die Wolken, Parfum und der
der Zeit angehörten. wie sie sich in den wassergefüll- Idee einer
Menschen konnten lediglich ten Reisfeldern zur Zeit der europäischen
auf Zeit existieren. Und das ist Reispflanzung spiegelten, hat- Nation her
der Grund, warum letzten Endes ten kein Publikum. Foto: Elsa Okazaki
alle Probleme der Menschen mit Das Badetuch, das an einer
Zeit zu tun hatten. Wenn Sie das Kiefer hing, hatte kein Publi-
verstehen, dann haben Sie die
Menschen praktisch verstan-
kum. Die Änderungen in der To-
pografie hatten kein Publikum. Japan und das vereinte Europa
den, was meinen Sie? Die Höhle hatte kein Publikum.
Die Menschen hatten als Genau in dem Moment, wenn Künstlerische Recherchen von Michikazu Matsune
Menschen Schwierigkeiten zu man einen Satz ausgeschrieben
verstehen, dass die Zeit außer- hatte, der einem gefiel, blieb der

D
halb der Menschen nicht exis- Computer stehen, und der Bild- er Homo sapiens ist die ko ist die politisierte Aggression
tierte. Sie haben es gerade so- schirm wurde plötzlich pech- einzig verbliebene Art hinter dem Begriff „gelbe Ge-
eben zustande gebracht, sich schwarz. seiner Gattung, und der fahr“, der Ende des 19. Jahrhun-
Begriff „Rasse“ gerät auch bei derts entstand, nachdem Euro-
Zoologen ins Abseits. Also ist es pa bereits in den 1870ern große
unsinnig, Menschen nach ihren Begeisterung für japanische
Hautfarben zu typologisieren. Ästhetik gezeigt hatte, die sich
Kommt zum Unsinn noch unter anderem im Japonismus
Feindseligkeit, haben wir’s mit von Impressionismus und Ju-
Rassismus zu tun. Dabei kann gendstil widerspiegelte.
heute mit Stolz auf die weltwei- Europas Schwäche für Reiz
te Diversität gesagt werden: Wir und Gefahr des Exotischen sieht
sind alle Afrikaner! Als deren Matsune in zwei Büchern veran-
Nachkommen wurden wir zu kert: Claude Farrères La Batail-
Die Stücke von „eingeborenen“ Österreichern le (1909), dessen Protagonistin
Toshiki Okada oder Japanern. Guerlain 1919 zu dem heute
und der Gruppe Der Wiener Performance- noch beliebten Parfum Mitsou-
chelfitsch sind künstler Michikazu Matsune ist ko inspirierte, und Pan-Europa
Kult auf Europas seit mehr als 20 Jahren Teil der (1923) von Richard Coudenho-
Bühnen: Die heimischen Szene. Wenn dem ve-Calergi, dessen Mutter Mit-
neue Arbeit gebürtigen Japaner jetzt auf der suko 1875 mit ihrem Ehemann
„Eraser Straße halblaut „Corona“ nach- nach Böhmen übersiedelt war.
Mountain“ hätte gerufen wird, ist das Ausdruck Ein Faszinosum für Matsune
das sicherlich einer latenten Aggression. ist, dass der Entwurf für ein ver-
bestätigt. Zentrales Thema in Matsunes eintes Europa von einem Halb-
Foto: Kikuko Usuyama neuer Arbeit Mitsouko & Mitsu- japaner stammt. (ploe)

STECKBRIEF STECKBRIEF
Toshiki Okada Michikazu Matsune
Wie sehr wir, ob in Europa oder Japan, auch vor Covid-19 nicht „Gemüse macht uns Freude.“ Lakonische Ironie, eingebettet in
in der akzeptabelsten aller Welten gelebt haben, zeigt der 1973 kritische Zusammenhänge, zeichnet die Werke des 1973 in Kobe
in Yokohama geborene Theaterkünstler, seit er 1997 seine Com- geborenen Wieners aus. Erst hat Matsune mit Choreografen wie
pany chelfitsch gründete. Bei den Festwochen gastierten etliche Philipp Gehmacher und Elio Gervasi gearbeitet, später im Duo
seiner Produktionen, etwa Freetime (2008), The Sonic Life of a mit David Subal (u. a. Store, 2005–2012). Das Stück Mitsouko &
Giant Tortoise (2011) und Five Days in March Re-creation (2019). Mitsuko wird er 2021 bei den Festwochen zeigen.
DER STANDARD SPEZIAL wiener festwochen MAI 2020 | F 13
Foto: Kaupo Kikkas / Philippe Quesne

Ein verlassenes Freiluftkino: Spielplatz für Wüstenspitzmäuse nach dem Geschmack des Schöpfers von „Farm Fatale“.

Insel der fliegenden Höhle


Abgedriftete Nerds, aus ihrem Bau geworfene Maulwürfe und arbeitslose Vogelscheuchen:
der französische Regisseur Philippe Quesne findet passende Bilder für unsere Gesellschaft.
Helmut Ploebst

S
o dringend sie seit Jahrtau- der biblischen Johannes-Offen- ren, in die Quesne sie verbannt, Paris seine Performancegruppe
senden herbeigefürchtet barung mit anrührenden Erlö- stellen sich ihnen immer wieder Vivarium Studio gegründet und
wird, die ganz große sungsfantasien einhergehen. Phantome des Abschieds (hier sich seitdem zu einem Spe-
Apokalypse hält sich zurück. Stattdessen kommt das „Ende kursiv: die Titel der sechs Lie- zialisten für die Darstellung
Wahrscheinlich aus Milde, weil der Welt“ mit dem individuellen der bei Mahler) in den Weg. Im „makrokosmischer Mikrokos-
Weltuntergangssehnsüchte seit Tod als Einzeltherapie daher. Bau dieser Terrarien ist der heu- men“ entwickelt. Dazu gehören
Das drückt aufs Gemüt: „Dun- te 50-Jährige ein Meister. große Desaster, geschrumpft auf
kel ist das Leben“, heißt es im Vor seiner Theaterkarriere die Maße von Kleingruppen.
Trinklied vom Jammer der Erde hat er in Paris begeistert Szeno- Diese können aus Tieren be-
aus Gustav Mahlers Lieder- grafie, Architektur, Museografie stehen wie in Die Nacht der
zyklus Das Lied von der Erde. und Bühnenbild studiert. Maulwürfe (2016) oder aus Flug-
Diesem sollte der französische International bekannt wurde gästen, die nach ihrem Absturz
Regisseur Philippe Quesne bei Quesne in den Nullerjahren, auf einem einsamen Eiland zu
den diesjährigen Festwochen durch Stücke wie etwa Der überleben versuchen.
eine neue Inszenierung widmen Serge-Effekt, den die Festwo- Theater ist für Quesne eine
– weil er die irdische Existenz chen 2009 zeigten, La mélan- „Kellerkunst“: Sie führt in die
ohnehin gerne ausleuchtet und cholie des dragons, Big Bang Höhlen des Daseins, wo wir uns
ihr mit ironischen Tönen ge- oder später Caspar Western durch die Umstände wühlen.
konnt jegliches Pathos nimmt. Friedrich und Crash Park. Wenn eine fliegende Höhle
Oft sind seine Figuren Einsa- Farm Fatale hätte uns bei den eine Bruchlandung hinlegt und
me im Herbst, die von der Jugend diesjährigen Festwochen mit die Passagiere aus ihr in den Re-
träumen und von der Schönheit arbeitslos gewordenen Vogel- gen neuer Verhältnisse flüch-
bedeutender Dinge. Nicht selten scheuchen konfrontiert. Pre- ten, bietet sich ihnen eine neue
wirken sie wie Trunkene im miere war voriges Jahr im Thea- Chance. Aus solchen Momen-
Als Künstler leuchtet Quesne Frühling – sogar bei Schneefall. ter von Nanterre-Amandiers, ten heraus spekuliert Philippe
die irdische Existenz aus. Und wenn diese Gestalten das Quesne seit 2014 leitet. Vor Quesne mit Möglichkeiten von
Foto: Obadra Wills durch die Bühnen-Terrarien ir- mittlerweile 17 Jahren hat er in Neuanfängen.
F 14 | MAI 2020 wiener festwochen DER STANDARD SPEZIAL

Anstreben, eine Fähigkeit


Als eine der gefragtesten italienischen Performance-Expertinnen hat Piersandra Di Matteo Romeo
Castellucci zehn Jahre lang beraten. Hier skizziert sie, was als Reaktion auf Covid-19 zu tun wäre.
Piersandra Di Matteo

Foto: Imago (Auswahl: Philippe Quesne)


Zum „Kampf gegen das Schrumpfen des öffentlichen Raums“ ruft Piersandra Di Matteo auf. Das „Love-in“,
eine Szene aus Michelangelo Antonionis Film „Zabriskie Point“ (oben), hat Philippe Quesne ausgewählt.

D
ie orkanartige Wucht der Während das Virus überall Die Tage der Quarantäne tät war das Problem“, rufen die
Pandemie hat uns inner- ungehindert zirkuliert, sind wir zeichnen sich durch einen emo- Mitglieder des Kollektivs De-
halb weniger Monate ab- zwischen engen Grenzen einge- tionalen Grundtenor aus: das light Lab aus Santiago de Chile.
verlangt, mit radikalen Verän- schlossen, und während Covid- Verlangen nach Körpern. Das ist Es ist unvorstellbar, diese Mo-
derungen umzugehen. 19 wahllos zuschlägt und damit eine Bewegung, die in unter- nate in der Schwebe vergehen
Unsere Körper haben sich die Verwundbarkeit der gesam- schiedlicher Intensität vor- und zu lassen, getrieben von einer
durch den Lockdown ver- ten menschlichen Gemein- zurückläuft, ein Gefühlszu- stillen Angst, das zu verlieren,
klemmt. Sie sind gehemmt schaft verdeutlicht, hebt das stand, der nicht nur die mensch- was wir erobert hatten.
durch eine Ungewissheit, die Krisenmanagement Gräben aus, lichen, sondern alle Körper er- Vielmehr geht es darum, die-
den Bereich des Möglichen ein- in denen das Prekäre unter- fasst – Tier, Pflanze, Mineral, sen Übergang zu „bewohnen“
schränkt, entschärft durch eine schiedlichster Lebensentwürfe jegliche Form von Materie glei- und zu versuchen, den Kurs ra-
erzwungene Gefangenschaft, nur so wuchert. chermaßen. dikal zu ändern, neue Prioritä-
betäubt durch individualisierte Das Im-Hier-und-Jetzt-Han- ten festzusetzen. Und die uns
Schuldzuweisungen, durch bio- „Rückkehr“ als Problem deln der Körper – wie es dem zur Verfügung stehenden opti-
medizinische Analysen, durch Wir alle sind – wie jüngst Theater eigen ist – wird durch schen Dispositive so zu adjus-
die Last des Social Distancing. auch Judith Butler festgestellt eine Erschöpfung, die sich aus tieren, dass sie zu Hebeln der
Im Namen der öffentlichen hat – mit demselben Risiko, dem Warten auf die Rückkehr Veränderung, der Neupositio-
Gesundheit und Sicherheit erle- unsere Lieben zu verlieren, kon- zur Normalität ergibt, beein- nierung von Subjekten und
ben wir eine ganze Reihe an Ein- frontiert und ohne Möglichkeit, trächtigt und bedroht. „Wir wer- Welten werden.
schränkungen der elementars- uns mit einer Zeremonie von den nicht zur Normalität zu- Wie können wir erreichen,
ten Freiheiten. ihnen zu verabschieden. rückkehren, denn die Normali- dass sich diese Energie ausbrei-
DER STANDARD SPEZIAL wiener festwochen MAI 2020 | F 15

tet, und zwar mit all ihrer Fähig-


keit, etwas anzutreben? Für den
Anthropologen Arjun Appadu-
rai entspricht diese „Capacity to
Aspire“ jener Kraft, die – ausge-
hend von der imaginativen Er-
kundung alternativer Zukunfts-
szenarien – imstande ist, reale
Transformationen zu bewirken.
Einen Wandel wagen
Außerdem: Dieses Anstreben
ist niemals individuell, sondern
spricht eine kollektive Sprache
und wächst im Rahmen des ge-
sellschaftlichen Lebens. In den
vergangenen Jahren haben Fes-
tivals für darstellende Kunst
und künstlerische Institutionen
ihre Praxis kritisch hinterfragt,
manche klüger als andere. „Ausweitung des
Sie haben ihre Beziehung zur intimen Dialogs
Macht überprüft, Raum für mit der Natur“:
Debatten geschaffen, neue Zu- Philippe Quesne
Foto: Ph. Quesne, bas. auf „Der Wanderer über dem Nebelmeer“

sammenhänge erfunden und hat ein Gemälde


Produktionsabläufe auf die Pro- von Caspar David
be gestellt, um die Notwendig- Friedrich
keit wissend, ein gesellschaftli- bearbeitet.
ches Ergebnis für die eigene
Kulturpolitik zu erzielen.
Die durch die Pandemie her-
vorgerufene Krise erfordert eine
allgemeine Abstimmung, die
das Ausmaß dieser Wende be-
rücksichtigt. Das ist der Augen-
blick, in dem Festivals, Theater,
Institutionen, Ensembles, große
und kleinere Gruppen – alle mit
ihrer ureigensten Kraft – zusam-
men das Hervortreten anderer
Zeitlichkeiten, anderer Räum-
lichkeiten, einer anderen Hal- sich die durch das Zusammen- Peripherien investiert werden, Wir brauchen hegemonie-
tung zur darstellenden Kunst im treffen von Körpern generierte und zwar über einen neuen Pakt kritische Schriften, in denen all
Rahmen einer Beziehungspoetik Kraft am besten zu entfalten zwischen Umwelt und Bevöl- jenen Diskursen eine Stimme
erproben können. vermag. kerung. gegeben wird, die im Zusam-
Es ist Zeit, die Grundlagen Hier kann man in der Begeg- Wünschenswert wäre, die menhang dieser Krise Gefahr
für künstlerische Vorgänge, nung mit dem Anderen dieses Ausweitung eines intimen Dia- laufen, zum Schweigen ge-
Praktiken und Prozesse zu Streben, diese nährenden Kon- logs mit der Natur zu erreichen. bracht zu werden.
schaffen, die in der Lage sein takt-Strategien am besten prak- Diese neuen Vereinbarungen Diese Zeit erfordert sowohl
sollen, neue Verbindungen, tizieren. Die Bühnenkunst ist sollten nicht unbedingt an Pro- von Kunstschaffenden als auch
exzentrische Genealogien und also der Vorposten, von dem duktion oder an numerische von Institutionen imaginative
lokale, untereinander dicht eine kollektive Umerziehung Parameter gebunden sein, son- und inklusive Praktiken jenseits
verwobene Zusammenhänge der Kollektivität ausgeht. dern als kollektives Training der bestehenden Grenzen, die
hervorzubringen. verstanden werden, mit dem reziproke Handlungsprozesse
Hier besteht der Raum für ein Öffentlichen Raum schaffen das Schaffen von Allianzen, von aus der Vergessenheit holen.
„Acting in Concert“ (Judith But- Die erste Herausforderung be- nicht genormten Verwandt- Sie braucht Prozesse, die als
ler), nicht vordergründig, um steht im Kampf gegen das durch schaften, von durch Unter- Wiederaneignung der jetzt be-
konformes Handeln zu sichern, die Pandemie hervorgerufene schiedlichkeiten intensivierten setzten Räume und Zeiten ver-
sondern vielmehr, um konver- Schrumpfen des öffentlichen Haltungen möglich wird. standen werden und gemein-
gierende und divergierende Zie- Raums. Es muss – mit der erfor- Es sollen Aktionen sein, in samen Einfluss auf soziale Mo-
le auszuloten. derlichen Vorsicht, solange dies denen konkret gegen jede Form delle und kulturelle Konventio-
Die Bühnenkunst hat gezeigt, nötig ist – in Plätze, Parks, Stra- von subalterner Positionierung nen erlauben: „Art not in but as
dass sie das Terrain ist, auf dem ßen, Naturräume und in die aufgetreten wird. public space.“

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F 16 | MAI 2020 wiener festwochen DER STANDARD SPEZIAL

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